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Im heiligen Lande

Selma Lagerlöf

Inhaltsverzeichnis

Der heilige Fels und das heilige Grab.

Bo Ingmar Maansson.

Der Kreuzträger

»Mauern aus lautrem Gold und Tore von reinem Kristall.«

Gottes heilige Stadt Jerusalem.

Auf den Flügeln der Morgenröte

Baram Pascha

Blumen aus Palästina

In Gehenna.

Der Paradiesesbrunnen.

Ingmar Ingmarsson

Barbro Svenstochter

Der Derwisch

In Tagen der Armut

Ingmars Kämpfe

Auf dem Ölberge

»Wir werden uns wiedersehen!«

Heimkehr von der Wallfahrt

Impressum

Der heilige Fels und das heilige Grab.

Es war ein brennend heißer Augustmonat in Palästina. Jeden Tag stand die Sonne gerade über dem Kopf der Menschen. Da war nicht eine Wolke am Himmel, und seit dem April hatte es nicht geregnet. Es war gar nicht schlimmer, als es um diese Zeit des Jahres zu sein pflegte, aber es war trotzdem fast unerträglich. Man wußte nicht recht, was man tun sollte, um die Hitze fernzuhalten, oder wohin man fliehen sollte, um ihr zu entgehen.

Unten in Jaffa war es vielleicht noch am besten. Gerade nicht in der Stadt selbst, die mit ihren dicht zusammengedrängten Häusern auf ihrem steilen Felsen aufragte wie eine einzige große Festung, wo ein unleidlicher Geruch aus den engen Straßen und den großen Seifensiedereien aufstieg. Aber die Stadt lag dicht am Meer, und von dort kam doch etwas Kühlung. In der Umgegend konnte es sicher einigermaßen erträglich sein, denn Jaffa lag inmitten von wenigstens fünfhundert Orangenhainen, in denen die unreifen Apfelsinen unter harten, dunkelgrünen Blättern hingen, die sich ganz und gar nicht von dem Sonnenschein beeinflussen ließen.

Aber wie heiß war es nicht auch in Jaffa! Die hohen Rizinusbüsche standen mit ihren riesengroßen, verwelkten und eingeschrumpften Blättern da, nicht einmal die widerstandsfähigen Pelargonien besaßen Kräfte genug, um länger zu blühen, sondern lagen auf Steinhaufen und Sandgruben hinwelkend da, fast begraben unter Haufen von Staub. Wenn man die roten Blüten der Kaktushecken sah, kam es einem vor, als müsse das all die Wärme sein, die die dicken Stämme im Laufe des Sommers eingesogen hatten, und die nun in großen roten Flammen herausschlug. Man verstand erst so recht, wie heiß es war, wenn man sah, daß die Kinder, die über den Strand dahinliefen, um an das Meer hinauszugelangen und zu baden, die Füße hoch aufhoben und jammerten – der schöne, weiße Sand war so warm wie glühende Kohlen.

Und wenn man es nun in Jaffa nicht aushalten konnte, wohin sollte man dann fliehen? Da war es wenigstens noch besser als auf der meilenweiten Ebene von Saron, die jenseits der Stadt zwischen dem Meer und den Bergen lag. Es waren ja noch Menschen in den Dörfern und Städten, die über die Ebene zerstreut lagen, aber es war sehr schwer zu begreifen, wie sie es fertig brachten, nicht vor Hitze und Dürre zu vergehen. Sie wagten sich auch nur selten aus ihren Häusern heraus, die ohne Fenster waren, und verließen nie die Stadt, wo doch die Mauern der Häuser und einige vereinzelte Bäume ein wenig Schutz gegen die Sonne boten.

Draußen auf der offenen Ebene konnte man ebensowenig einen grünen Grashalm wie einen Menschen finden. Alle die prachtvollen roten Anemonen und Mohnblüten, all die kleinen Gänseblümchen und Nelken, die die Erde mit einem dichten rosa Teppich bedeckt hatten, waren verschwunden. Ebenso die Weizen-, Roggen- und Durraernte, die auf den bestellten Feldern in der Nähe der Stadt gewachsen war, sie war schon längst gemäht und eingefahren, und die Erntearbeiter mit ihren Ochsen und Eseln, mit ihrem Singen und Tanzen waren heimgezogen in ihre Dörfer. Die einzige Spur, die noch von der Herrlichkeit des Frühlings zurückgeblieben, waren die hohen, welken Stengel, die über dem versengten Felde aufragten, und die einstmals schöne, duftende Lilien getragen hatten.

Es gab wirklich eine ganze Menge Menschen, die behaupteten, daß sie den Sommer am allerbesten in Jerusalem ertragen könnten. Sie sagten, daß die Stadt ja freilich eng und von Menschen überfüllt sei, da sie aber auf dem Kamm des langen Bergrückens liege, der durch ganz Palästina lief, könne nicht ein Windhauch über das Land hingehen, aus welcher Himmelsrichtung er auch komme, ohne daß seine Kühle nicht die heilige Stadt erreiche.

Aber wie es sich auch mit den gepriesenen Winden und der leichten Bergluft verhalten mochte, so war doch auch in Jerusalem ausreichend Sommerhitze. Die Leute schliefen des Nachts auf den Dächern und schlossen sich des Tages ein. Sie mußten sich damit begnügen, übelriechendes Wasser zu trinken, das sich in der Winterzeit in unterirdischen Zisternen angesammelt hatte, und obendrein befürchten, daß es versiegen könne. Der geringste Windhauch wirbelte dichte Wolken von Kalkstaub auf, und ging man auf den weißen Wegen außerhalb der Stadt dahin, so versank der Fuß in dicken, seidenweichen Staub.

Aber das schlimmste war, daß die Sommerhitze die Menschen am Schlafen verhinderte. Alle schliefen schlecht, aber viele lagen Nacht für Nacht wach da. Und diese Schlaflosigkeit hatte zur Folge, daß die Einwohner von Jerusalem am Tage niedergeschlagen und reizbar waren und des Nachts beängstigende Gesichte sahen und von Angst und Verzweiflung geplagt wurden.

In einer solchen Nacht lag eine Amerikanerin in den mittleren Jahren, die schon längere Zeit in Jerusalem ansässig war, und wand und warf sich auf ihrem Lager umher, ohne einschlafen zu können. Sie trug ihr Bett aus dem Zimmer auf die offene Galerie hinaus, die rings um das Haus herumlief, sie legte kalte Umschläge auf ihren heißen Kopf, aber es half alles nichts.

Sie wohnte ungefähr fünf Minuten vor dem Damaskustor, in einem großen, palastähnlichen Hause, das ganz für sich lag. Man hätte also glauben sollen, daß die Luft dort frisch sei, aber in dieser Nacht war es ihr, als habe sich die Schwüle der großen Stadt auf ihr Haus herabgesenkt.

Es wehte ja freilich ein wenig Wind, aber der kam aus der Wüste und war heiß und scharf, als sei er voll von unsichtbarem Staub. Obendrein hatte eine Schar Straßenhunde sich auf einen Streifzug vor die Stadt begeben und erfüllte die Luft mit einem jämmerlichen, anhaltenden Gebell. Als die Amerikanerin einige Stunden wach gelegen hatte, überkam sie eine unendliche Niedergeschlagenheit. Sie versuchte, bei dem Gedanken zu verweilen, daß, seit sie infolge einer göttlichen Offenbarung nach Jerusalem gekommen war, ihr alles geglückt sei. Sie hatte eine Gemeinde gegründet und vielfache Versuchungen und Schwierigkeiten überwunden. Aber nichts konnte sie beruhigen; ihre Unruhe stieg mit jedem Augenblick.

Sie lag da und bildete sich ein, daß sie und ihre Getreuen ermordet werden, daß ihre Feinde das Haus anzünden würden, nachdem sie erst alle Ausgänge versperrt hatten. Es war ihr, als sende Jerusalem alle seine Fanatiker gegen sie aus, daß sie sie mit all dem Haß und all der Verzweiflungswut überfielen, die es innerhalb der Mauern dieser Stadt gab.

Sie bemühte sich, ihre gewohnte, frohe Zuversicht wiederzufinden. Warum sollte sie gerade jetzt verzweifeln, wo ihre Macht so große Fortschritte gemacht hatte, wo die Gordonkolonie durch fünfzig prächtige schwedische Bauern verstärkt worden war, die von Amerika herübergekommen waren, und wo man von Schweden noch gar viele dieser guten, zuverlässigen Menschen erwartete. In Wirklichkeit waren die Aussichten für ihr Unternehmen nie so licht gewesen wie gerade jetzt.

Um der Angst zu entgehen, stand sie schließlich auf und warf einen langen, weißen Mantel über, um hinauszugehen. Sie öffnete eine kleine Hintertür und wanderte in der Richtung auf Jerusalem zu. Bald bog sie jedoch vom Wege ab und erstieg einen kleinen, steilen Hügel. Von dessen Gipfel konnte sie in der mondhellen Nacht die Stadt mit ihrer zackigen Mauerkrone und ihren unzähligen großen und kleinen Kuppeln sich vom Nachthimmel abheben sehen.

Obwohl sie dastand und mit Angst und Unruhe kämpfte, beachtete sie doch die feierliche Schönheit der Natur. Palästinas grünlich weißer Mondschein goß seinen Schimmer über alles aus und verlieh allem ein Gepräge von etwas Wunderbarem und Geheimnisvollem. Plötzlich kam ihr der Gedanke, daß, ebenso wie es in alten Schlössern Zimmer gibt, in denen sich die Geister aufhalten, vielleicht diese uralte Stadt und die kahlen Hügel ringsumher die Gespensterstuben der alten Welt waren, ein Ort, wo man darauf gefaßt sein mußte, entschwundene Größen von den Bergen herabsteigen und die Toten der Vergangenheit in der Dunkelheit der Nacht umherschleichen zu sehen.

Mrs. Gordon empfand keine Angst, als diese Gedanken in ihr aufstiegen. Im Gegenteil erfüllten sie sie mit froher Erwartung. Seit der Nacht, wo sie auf L'Univers Schiffbruch erlitten und Gottes Stimme zu sich hatte reden hören, war es von Zeit zu Zeit geschehen, daß sie eine Botschaft aus der anderen Welt erhalten hatte. Es war ihr, als harre ihrer in diesem Augenblick etwas Ähnliches. Sie hatte ein Gefühl, als erweitere sich ihr Herz, und die Gedanken arbeiteten mit wunderlicher Leichtigkeit und Klarheit. Ihre Sinne waren geschärft, sie merkte, daß die Nacht nicht still war, sondern voll von Stimmen und wunderbaren Lauten.

Ehe sie sich die Veränderung, die mit ihr vorgegangen war, klargemacht hatte, vernahm sie eine mächtig brausende Stimme, die aus einer sehr alten und rostigen Kehle zu kommen schien, die Worte aussprechen: »Wahrlich, ich kann mit Stolz meine Stirn über den Staub erheben, niemand ist mir gleich an Macht und Anbetung und Herrlichkeit.«

Kaum waren diese Worte ausgesprochen, als sie ein scharfes Läuten von der mächtigen Glocke in der Kirche des heiligen Grabes vernahm. Es war nur ein einziger Schlag, aber er klang stolz und scharf wie ein Widerspruch.

Die erste Stimme fuhr fort: »Bin ich es nicht, der die Stadt in der Wüste erbaut und sie bis auf den heutigen Tag erhalten hat? Bin ich es nicht, der die Welt mit Gottesfurcht erfüllt hat? Bin ich es nicht, der den Weltstrom in seinem Lauf gehemmt und ihn in ein neues Bett geleitet hat?«

Mrs. Gordon sah sich um. Die Stimme kam aus Osten, von der Seite der Stadt, wo der Tempel Salomonis einstmals gestanden hat, und wo die Omarmoschee sich jetzt scharf von dem graugrünen Nachthimmel abhob. Konnte es einer der Gebetsrufer der Moschee sein, der von einem Minarett herab auf diese Weise seinen Lobgesang in die stille Nacht hinaustönen ließ?

»Höre«, fuhr die Stimme von dem alten Tempelplatz fort, »ich erinnere mich dieser Gegend, noch ehe eine Stadt hier auf den Bergen erbaut war. Ich erinnere mich ihrer als eines steilen und unzugänglichen Bergrückens. Zu Anfang war es ein einziger zusammenhängender Felsen, aber all das Wasser, das seit der Erschaffung der Welt über ihn herabgeströmt war, zerbrach ihn und zersplitterte ihn in eine Unendlichkeit von Bergen. Einige von diesen Bergen hatten sanft gerundete Abhänge, andere waren weite Gebirgsebenen mit lotrechten Wänden, wieder andere waren so schmal und steil, daß sie kaum zu etwas anderem dienen konnten, als Brücken zwischen den verschiedenen Bergen zu bilden.«

Als die tiefe Stimme diese Schilderung beendet hatte, vernahm man abermals einige kurze Glockentöne von der Seite her, wo sich die Kuppel des heiligen Grabes erhob. Mrs. Gordon hatte ihr Öhr jetzt an die Laute gewöhnt, die durch die Nacht dahinsausten, und es ward ihr klar, daß auch dies eine Stimme war, die vernehmbare Worte aussprach. Es war ihr, als höre sie ein kurzes: »Auch ich habe dies gesehen.«

Die erste Stimme ertönte von neuem: »Ich entsinne mich, daß auf dem höchsten Punkte dieser Bergkette ein Berg dastand, der den Namen Moria trug. Er hatte ein düsteres und abstoßendes Aussehen, wie er sich mit seinem jähen Abhang und seinem scharf abgeschnittenen Gipfel aus dem tiefen, dunklen Tal erhob, in dessen Grunde wilde Flüsse brausten. Nach Osten, nach Süden und Westen zu ragte der Berg Moria lotrecht und unzugänglich auf, nur nach Norden war er durch einen breiten Landstreifen wie durch eine Brücke mit den Bergen verbunden, die sich jenseits der tiefen Täler auftürmten.«

Mrs. Gordon setzte sich auf einen kleinen Steinhaufen. Sie stützte den Kopf in die Hände und lauschte.

Sobald die erste Stimme schwieg, gleichsam ermattet vom Reden, ertönte es von der andern Seite: »Auch ich entsinne mich, wie der Berg zuerst aussah.«

»Eines Tages geschah es,« ertönte es von neuem vom Tempelplatz her, »daß einige Hirten, die mit ihren Herden die Berge durchstreiften, diesen Berg erblickten, der so gut zwischen Tälern und anderen Bergen verborgen lag, als brüte er über großen Schätzen oder wunderbaren Geheimnissen.«

Hier wurde der Sprechende plötzlich von der Stimme mit dem Glockenklang unterbrochen. »Sie fanden nichts weiter als einen Felsblock, der auf der östlichen Seite des Berges lag. Es war ein großer, runder, ziemlich flacher Stein, der von einem darunterliegenden Felsblock ein wenig über den Erdboden emporgehoben wurde und Ähnlichkeit mit dem Kopf eines Riesenpilzes hatte.«

»Aber die Hirten,« fuhr die erste Stimme fort, »die alle heiligen Sagen seit der Erschaffung der Welt kannten, wurden bei diesem Anblick von großer Freude ergriffen. ›Dies ist der große schwebende Felsblock, von dem die Alten so viel zu erzählen hatten‹, sagten sie. ›Dies ist der Stein, der der erste war, als Gott die Welt erschuf. Von hier aus spannte er die Erdfläche nach Westen, Osten, Norden und Süden aus, von hier aus erbaute er die Berge und rollte die Meere bis an das feste Himmelsgewölbe hin.‹«

Der Sprecher hielt einen Augenblick inne, als erwarte er einen Widerspruch, aber die Glockenstimme schwieg.

»Dies ist wunderbar«, dachte Mrs. Gordon. »Es können keine Menschen sein, die reden.« Aber im Grunde erschien ihr das Ganze wunderbar. Der schwüle Wind und die grünlich bleiche Nacht bewirkten, daß das Wunderbarste ganz natürlich erschien.

»Die Hirten eilten mit schnellen Schritten den Berg hinab,« fuhr die alte Stimme fort, »um in der ganzen Gegend zu verkünden, daß sie den Grundstein der Erde gefunden hätten. Und bald sah ich große Menschenscharen zu dem Berge Moria hinausziehen, um auf mir, dem schwebenden Felsblock, dem Herrn zu opfern und ihm für sein herrliches Schöpferwerk zu danken.«

Als dies gesagt war, erhob sich die Stimme zu etwas, das einem Gesang glich. Und mit dem hohen, gellenden Tonfall, mit dem die Derwische den Koran herzusagen pflegen, rief sie aus: »Da empfing ich zum ersten Male Anbetung und Opfer. Das Gerücht von meinem Dasein verbreitete sich nach allen Richtungen hin. Fast an jedem Tage konnte man lange Karawanen sich von den weißgrauen Bergen auf dem Wege zu dem Berge Moria hinabschlängeln sehen. Wahrlich, ich kann mit Stolz meine Stirn erheben. Durch mich hatte der schroffe Berggipfel aufgehört, einsam und verlassen dazuliegen. Um meinetwillen strömten so viel Menschen nach dem Berg Moria, daß die Kaufleute ihren Vorteil darin sahen, mit Waren hierher zu ziehen, um einen Markt abzuhalten. Um meinetwillen erhielt der Berg feste Bewohner, die davon lebten, die Opfernden mit Brennholz und Wasser, mit Feuer und Räucherwerk, mit Tauben und Lämmern zu versorgen.«

Die andere Stimme schwieg noch immer, aber Mrs. Gordon erhob überrascht den Kopf. Der, der so sprach, mußte der heilige Fels selber sein. Es war die Stimme des großen Felsblockes, der unter dem prachtvollen Mosaikgewölbe in der Omarmoschee ruhte.

Jetzt ertönte sie von neuem. »Ich bin der Erste, der Einzige, ich bin der, den anzubeten die Menschen nie aufhören werden.« Kaum war dies gesagt, als mit starken Tönen von der Kirche des heiligen Grabes her geantwortet wurde: »Du vergißt zu erzählen, daß ungefähr in der Mitte derselben Hochebene, auf der du selbst ruhtest, sich ein elender kleiner Hügel befand, der mit einem Hain von wilden Olivenbäumen bewachsen war. Und du möchtest sicher am liebsten vergessen, daß der alte Patriarch Sem, der ein Sohn Noahs, des zweiten Stammvaters der Menschen, war, eines Tages auf den Berg Moria kam. Er war so altersschwach, daß er dem Rande des Grabes nahe war, er ging langsam und mit schleppenden Schritten. Er war von zwei Dienern begleitet, die solche Werkzeuge trugen, wie man sie gebraucht, um ein Felsgrab auszuhauen.«

Jetzt schwieg die alte, heisere Stimme.

»Du tust so, als wüßtest du nicht, daß Noah, der Vater Sems, den Schädel Adams, des ersten Menschen, als ein kostbares Andenken an den Stammvater der Menschheit besessen und aufbewahrt hatte. Als Noah starb, hinterließ er den Schädel Sem und nicht einem seiner anderen Söhne, weil er voraussah, daß von Sem das höchste aller Völker abstammen sollte. Und als Sem seine letzte Stunde herannahen fühlte, beschloß er, das Heiligtum des Geschlechts auf dem Berge Moria zu begraben. Da er aber die Gabe der Prophezeiung besaß, begrub er den Schädel nicht unter dem heiligen Felsen, sondern unter dem kleinen, unansehnlichen Hügel, der mit Ölbäumen bewachsen war, und der seit jenen Tagen den Namen Golgatha oder Schädelstätte trug.«

»Ich entsinne mich wohl dieses Vorfalles,« erwiderte die heisere Stimme, »und ich entsinne mich auch, daß die, die den Steinblock anbeteten, es wunderlich fanden. Sie glaubten, daß der Patriarch, alt und todkrank, wie er war, nicht mehr recht wisse, was er tat.«

Ein einziger schriller Ton erklang von der Kirche her. Mrs. Gordon fand, daß er fast einem kurzen Hohngelächter gleiche.

»Aber was hat ein so unbedeutendes Geschehnis zu sagen?« ertönte es wieder von der Moschee her. »Der Stein nahm beständig zu an Macht und Heiligkeit. Fürsten und Völker kamen dorthin gewandert, um für ihr Glück und ihren Erfolg zu opfern. Ich entsinne mich auch des Tages, wo ein Patriarch, der größer war als Sem, den Berg besuchte. Ich habe Abraham gesehen, wie er, weißbärtig und ehrwürdig, mit seinem Sohn Israel an der Seite dahergewandert kam, und Abraham suchte nicht dich auf, o Golgatha, sondern auf der schwebenden Felsklippe errichtete er den Scheiterhaufen und band den Knaben fest.«

Es kam eine zornige Unterbrechung von der Kirche des heiligen Grabes her. »Dies soll dir natürlich immer zur Ehre angerechnet werden, vergiß aber nicht ganz, daß du die Ehre mit mir teilen mußtest. Entsinnst du dich nicht, daß, als Gottes Engel das Messer aus der Hand des Patriarchen gerissen hatte und auf dem Berg umherwanderte, um ein Opfertier zu suchen, er auf Golgatha einen Widder fand, der mit den Hörnern an einem Olivenbusch festhing.«

Mrs. Gordon lauschte noch immer mit der gespanntesten Aufmerksamkeit. Aber je mehr sie von dem Streit der beiden Heiligtümer hörte, um so mutloser dachte sie an ihre eigene Berufung. »Ach, mein Gott, warum hast du mir den Auftrag gegeben, das Gebot der Einigkeit zu verkünden? Streit und Zank sind das einzige, was seit Erschaffung der Welt von Bestand gewesen ist.«

Plötzlich begann die alte Stimme von neuem.

»Ich vergesse nichts von dem, was des Erinnerns wert ist. Ich vergesse folglich auch nicht, daß schon zu Abrahams Zeiten die Bergebene keineswegs eine Wüste war. Hier lag eine Stadt mit einem König, der der höchste Priester des heiligen Felsens war und über ein Volk von Priestern und anderen Dienern des heiligen Felsens herrschte. Dieser König war Melchisedek, er war der erste, der regelmäßig wiederkehrende Opfer und schöne heilige Handlungen einsetzte, die auf dem heiligen Felsen gefeiert werden sollten.«

Gleich darauf kam die Antwort von der andern Seite: »Auch ich erkenne Melchisedek als einen heiligen Mann und einen Propheten an. Nichts beweist besser, daß er einer von Gottes Auserwählten war, als daß er wünschte, in einer Felsengrotte unter Golgatha begraben zu werden, an derselben Stelle, wo Adams Haupt ruhte. Hast du niemals daran gedacht, welche prophetische Bedeutung darin liegt, daß der erste Sünder und der erste Höchstepriester an diesem Ort begraben wurden?«

»Ich habe gehört, daß du diesem eine große Bedeutung beilegst,« erwiderte der heilige Fels, »aber ich weiß etwas, was noch mehr zu bedeuten hat. Die Stadt auf dem Berge wuchs und entwickelte sich. Die Täler und Berge hier umher bevölkerten sich und bekamen feste Namen. Bald behielt nur noch die östliche Seite des Berges, da, wo der heilige Fels lag, den Namen Moria. Der Berg an der Südseite wurde Zion genannt, der nach Westen zu Gareb, der nach Norden zu Bezetha.«

»Es war aber noch immer nur eine kleine Stadt, dier auf dem Berge lag«, lautete die Antwort von der Kirche her. »Hier wohnten fast nur Hirten und Priester. Die Leute hatten keine Lust, in diese unfruchtbare Steinwüste hinauszuziehen.«

Hierauf wurde mit so scharfer und siegesstolzer Stimme geantwortet, daß Mrs. Gordon fast zusammenfuhr, wie sie so dasaß und lauschte.

»Ich habe König David gesehen, in einem roten Gewand und schimmernder Rüstung stand er da und sah über diese Stadt hinaus, ehe er den Königssitz hierher verlegte. Warum wählte er nicht das reiche, lächelnde Bethlehem? Warum nicht Jericho in dem fruchtbaren Tal? Warum machte er nicht Gilgal, nicht Hebron zu der Hauptstadt Israels? Ich sage dir, daß er diesen Ort um des schwebenden Felsen willens wählte. Er wählte ihn, weil Israels Könige auf dem Berge wohnen mußten, den meine Heiligkeit seit Jahrhunderten überschattet hatte.«

Und jetzt begann die Stimme zum zweitenmal mit langgezogenen Tönen einen Lobgesang anzustimmen:

»Ich denke an diese große Stadt mit ihren großen Mauern und Türmen. Ich denke an die Königsburg auf dem Berge Zion mit den tausend Wohnungen. Ich denke an die Kramläden und Werkstätten, an die schimmernden Mauern und die hohen Tore und Türme. Ich denke an die wimmelnden Straßen, an alle die Schönheit und Pracht in der Stadt Davids.

Und wenn ich hieran denke, muß ich wohl sagen: Hier ist deine Macht, o Fels! Aus dir ward alles dies hervorgelockt. Stolz kannst du deine Stirn erheben. Niemand ist dir gleich an Anbetung und Heiligkeit! Aber du, Golgatha, warst nur ein Fleck auf Erden, ein kahler Berggipfel außerhalb der Stadtmauer. Wer betete dich an, wer brachte dir Opfer, wer wußte etwas von deiner Ehre?«

Zur selben Zeit, als dieser Lobgesang in die Luft hinaustönte, hörte man die Stimme der Glocke zornerfüllt, aber doch ruhiger als bisher, gleichsam von Ehrfurcht gedämpft, reden: »Man merkt, daß du alt wirst, du übertreibst alles, was du in deiner Jugend gesehen hast, so wie die alten Leute es zu tun pflegen. Davids Stadt erstreckte sich nur dort, auf der südlichen Seite, dort über Zion. Sie reichte nicht einmal so weit bis zu mir, mitten auf den Berg hinauf. Es war ja ganz natürlich, daß ich außerhalb der Stadtmauern liegen bleiben mußte.«

Aber die singende Stimme fuhr fort, ohne sich unterbrechen zu lassen: »Deine größte Ehre, o Fels, erreichtest du doch unter Salomon. Der Bergrücken um dich her ward so glatt wie ein Fußboden und mit flachen Steinen belegt. Und rings um diesen Fußboden herum wurden hohe Säulengänge aufgeführt, wie um die Festhallen der Könige. In der Mitte wurde der Tempel mit dem Heiligen und dem Allerheiligsten errichtet. Und über dir, o Fels, ward der Tempel erbaut, und auf dir, der du der Grundstein der Erde bist, ruhte die Bundeslade zusammen mit den Gesetzestafeln in dem Allerheiligsten.«

Jetzt vernahm man keinen Widerspruch von der Kirche her, nur einen dumpfen Laut, der einer Klage glich.

»Und zu Salomons Zeit wurde Wasser aus der Tiefe der Täler zu den Hochebenen um Jerusalem hinaufgeleitet, denn Salomon war der weiseste unter allen Königen. Da sproßten Bäume aus dem dürren, weißgrauen Berge empor, und zwischen den Steinen wuchsen Rosen. Und im Herbst konnte man in den Lustgärten, die den Berg bedeckten, Feigen und Trauben, Granatäpfel und Oliven zur Freude Salomons pflücken. Du aber, Golgatha, warst auch jetzt noch ein nackter Berg innerhalb der Stadtmauern. Du warst so gering und unfruchtbar, daß niemand von den reichen Leuten zu Salomons Zeit dich in seine Lustgärten hinaufzog und kein armer Mann auch nur einen Weinstock auf dir pflanzte.«

Als dieser neue Angriff kam, schien es indes, als bekomme der Widersacher Mut, sich zu verteidigen.

»Du vergißt aber, daß selbst zu dieser Zeit etwas geschah, das von Golgathas künftiger Herrlichkeit wahrsagte. Denn gerade damals kam die weise Königin von Saba, um Salomon zu besuchen. Der König empfing sie in seinem Palast, der deswegen der Libanonpalast genannt wurde, well er aus den Zedern des fernen Libanon erbaut war.

Als Salomon der arabischen Königin dieses mächtige Gebäude zeigte, desgleichen sie noch nie gesehen hatte, fesselte einer der Balken in der Wand ihre Aufmerksamkeit. Er war ungewöhnlich dick, und wenn man ihn genau betrachtete, konnte man sehen, daß er aus drei zusammengewachsenen Stämmen bestand.

Das Herz der weisen Königin ergriff ein Beben, als sie sah, daß dieser Baum in den Palast des Königs gebracht war, und sie beeilte sich, ihm seine Geschichte zu erzählen. Sie erzählte ihm, daß der Engel, der das Paradies nach der Austreibung der ersten Menschen bewachte, einstmals Adams Sohn Set erlaubt hatte, in den lieblichen Garten hineinzukommen. Er durfte so weit gehen, bis er den Baum des Lebens erblickte. Als Set wieder hinausgehen wollte, schenkte ihm der Engel zum Abschied drei Samenkörner von diesem wunderlichen Baum. Diese Samenkörner legte Set auf Adams Grab auf dem Berge Libanon in die Erde, und daraus wuchsen drei Stämme hervor und bildeten einen einzigen Baum.

Es ist dieser Baum, sagte die Königin, den die Holzhauer König Herams für dich, o König, gefällt haben, und der in dein Schloß hineingebaut ist. Aber es ist prophezeit, daß an diesem Baum einstmals ein Mensch sterben soll, und wenn das geschehen ist, dann wird Jerusalem fallen, und alle Stämme Israels werden zerstreut werden. Damit eine so böse Prophezeiung nicht in Erfüllung gehen möge, riet sie dem Könige, den Baum zu zerstören, und Salomon ließ ihn aus der Wand seines Palastes herausnehmen und befahl, daß er in den Teich Bethesda geworfen werde.«

Nach dieser langen Rede wurde es still. Mrs. Gordon glaubte fast, daß sie nichts mehr hören würde.

Endlich begann die Stimme der Glocke von neuem: »Ich denke zurück an strenge Zeiten. Ich entsinne mich, wie der Tempel zerstört und das ganze Volk in Gefangenschaft geführt wurde. Wo war da deine Ehre und dein Glanz, o Fels?« Erst eine Zeit darauf ertönte die Antwort des Felsens: »Bin ich denn allmächtig? – Aber selbst wenn ich fiel, habe ich mich immer wieder von neuem erhoben. Entsinnst du dich nicht des Glanzes, der mich zu Herodes' Zeit umstrahlte? Entsinnst du dich der drei Vorhöfe, die den Tempel umgaben. Entsinnst du dich des Feuers auf dem Brandopferaltar, das während der Nacht mit einer so hohen Flamme brannte, daß sie die Stadt erleuchtete? Entsinnst du dich der Tempeltür des Herodes, die die Schöne genannt wurde, wo er mehr als hundert Porphyrsäulen errichtete? Entsinnst du dich des Weihrauchduftes vom Tempel, der bei westlichem Winde bis nach Jericho hinab gespürt werden konnte? Entsinnst du dich des Getöses, wenn die kupfernen Tore aufgetan wurden? Entsinnst du dich, wie die Babylonier Vorhänge vor dem Allerheiligsten aufhängten, die mit Rosen aus purem Golde durchwebt waren?«

Kurz und barsch klang es von der Kirche herunter: »Alles dessen entsinne ich mich. Aber ich entsinne mich auch, daß zu jener Zeit Herodes den Teich Bethesda reinigen ließ. Ich entsinne mich, daß seine Arbeiter auf dem Grunde den Baum des Lebens fanden, der in der Wand von Salomons Schloß gesessen hatte, und daß sie den dicken Balken an das Ufer des Teiches warfen.«

»Entsinnst du dich,« fuhr die Stimme des Felsens in stolzem Jubel fort, »entsinnst du dich der glänzenden Stadt, wo die Fürsten und Völker Judas auf Zion wohnten, und wo Römer und Fremde in der Nähe von Bezetha wohnten? Entsinnst du dich der Burg Mariamne und der Burg Antonia? Entsinnst du dich der starken Tür, entsinnst du dich der turmgeschmückten Ringmauer?«

»Ich entsinne mich alles dessen«, ertönte es von der Kirche her, »aber ich entsinne mich auch, daß gerade zu jener Zeit der Ratsherr Joseph von Arimathia ein Felsengrab in seinem Garten aushauen ließ, der ganz nahe bei Golgatha lag.«

Die Stimme von der Moschee her zitterte ein wenig, aber sie fuhr unverzüglich fort:

»Entsinnst du dich der mächtigen Völkerwanderung nach Jerusalem zu den großen Festen? Entsinnst du dich, wie alle Wege Palästinas von Menschen wimmelten und die Abhänge vor der Stadt dicht mit Zelten bedeckt waren? Entsinnst du dich der Männer aus Rom, aus Athen, aus Damaskus, aus Alexandrien, die herbeiströmten, um die Herrlichkeit des Tempels und der Stadt zu sehen? Entsinnst du dich dieses stolzen Jerusalems?«

Der Glockenklang antwortete mit unerschütterlichem Ernst: »Freilich entsinne ich mich alles dessen. Aber ich habe auch nicht vergessen, daß zu dieser Zeit die Henkersknechte des Pilatus den Baum des Lebens am Ufer des Teiches Bethesda fanden und ein Kreuz daraus zimmerten, auf dem ein zum Tode verurteilter Verbrecher hingerichtet werden sollte.«

»Verachtet und übersehen bist du immer gewesen«, tönte es bitter von der Moschee her. »Aber bis dahin warst du doch nichts weiter als ein unbemerkter Fleck auf Erden. Zu dieser Zeit aber widerfuhr dir die Schmach, daß die Henkersknechte dich als Richtstätte benutzten. Ich entsinne mich dieses Tages, wo sie drei Kreuze auf dem Berge Golgatha errichteten.«

»Wahrlich verdiente ich, verworfen zu werden, könnte ich jemals des Tages vergessen«, erwiderte die Kirche in feierlichem Ton, der in die Luft hinausströmte, als sei er von lobsingenden Chören begleitet. »Und ich entsinne mich auch, daß gleichzeitig, als der Baum des Kreuzes auf Golgathas Felsen gepflanzt wurde, das große Osteropfer auf dem Berge Moria stattfand. Die Auserwählten traten, festlich gekleidet, in die säulengeschmückten Vorhöfe. Zwischen sich trugen sie lange Stangen, an denen die Opferlämmer hingen. Als die Vorhöfe so voll von Menschen waren, daß sie nicht mehr umfassen konnten, wurde die Tempelpforte geschlossen, und Trompetenstöße gaben das Zeichen, die Feier zu beginnen.

Da wurden die Tiere an Haken zwischen den Säulen aufgehängt und geschlachtet. Die Priester standen in einer langen Reihe quer über den Hof aufgestellt und reichten das Blut der Opfertiere in Schalen von Silber und Gold nach dem Brandaltar hinauf. Und so viel Blut wurde da vergossen, daß es den ganzen Hof überschwemmte. Die Priester mußten auf Schemeln stehen, damit nicht die Säume ihrer langen weißen Gewänder mit Blut getränkt wurden. Aber im selben Augenblick, als der Gekreuzigte auf Golgatha starb, wurde das große Opferfest im Tempel unterbrochen. Eine mächtige Finsternis senkte sich über das Heiligtum herab, das ganze Haus erzitterte unter dem Erdbeben, und der babylonische Vorhang zerriß von oben bis unten, als Zeichen, daß von dieser Stunde an die Macht und die Ehre und die Herrlichkeit von Moria auf Golgatha übergehen sollte.«

»Dieses Erdbeben erschütterte auch Golgatha«, fiel die alte Stimme ein. »Der ganze Berg zerbarst.«

»Ja, wahrlich«, erwiderte die Kirche in demselben tiefen, lobsingenden Tonfall. »Im Golgathaberge entstand eine tiefe Spalte, und, durch die hindurch floß das Blut des Kreuzes hinab bis an das Felsengrab in seinem Innern und verkündete dem ersten Sünder und dem ersten Höchstenpriester, daß die Versöhnung vollbracht sei.«

In diesem Augenblick ertönte ein starkes und anhaltendes Läuten von der Kirche her, und gleichzeitig stiegen von dem Minarett der Moschee die langgezogenen, klagenden Laute, die die Gläubigen zum Gebet rufen. Mrs. Gordon konnte hören, daß eine der heiligen Stunden der Nacht angebrochen war, aber dies traf so unmittelbar nach der Rede über die Kreuzigung ein, daß es auf sie wirkte, als hätten die beiden Alten die Gelegenheit ergriffen, um ihrem Stolz und ihrer Demütigung Luft zu machen.

Kaum war das starke Getöse verklungen, als die Moschee in einem feierlichen Ton begann: »Ich bin der große Fels, der ewig bestehende, was aber ist Golgatha? Ich bin der, der ich bin; niemand kann daran zweifeln, wo er mich zu suchen hat. Wo aber ist Golgatha? Wo ist der Berg, auf dem das Kreuz in den Felsgrund herabgesenkt wurde? Niemand weiß es. Wo ist das Grab, in das Christus gelegt wurde? Niemand kann mit Sicherheit die Stelle angeben.«

Sogleich ertönte die Antwort von Golgatha her: »Kommst auch du mit diesen Beschuldigungen? Du solltest es doch besser wissen, du, der du so alt bist, daß du dich entsinnen kannst, wo Golgatha gelegen hat. Du hast seit Jahrtausenden den Berg auf seinem Platz vor dem Tor der Gerechtigkeit gesehen.«

»Ach ja, wahrlich bin ich alt«, wiederholte die Moschee. »Aber du sagst ja, daß die Alten ein schlechtes Gedächtnis haben. Es lagen viele kahle Hügel vor Jerusalem, und es sind unendlich viele Gräber in den Felsen ausgehauen. Wie kann ich wissen, welches das rechte ist?«

Mrs. Gordon ward immer ungeduldiger. Sie empfand fast Lust, sich in die Unterhaltung einzumischen. Was war dies? Klangen ihr nur diese wunderlichen Stimmen ins Ohr, um ihr alte Geschichten zu erzählen, die sie schon längst gehört hatte? Sie hatte Lust, ihnen zuzurufen, daß sie ihr die tiefen Geheimnisse des Reiches Gottes offenbaren sollten, während die beiden Alten an nichts weiter dachten, als an eine elende Zänkerei darüber, wer am größten an Ehre und Macht sei.

Auch die Stimme der Glocke klang ungeduldig: »Es ist hart, wieder und wieder auf die Anschuldigung antworten zu müssen, daß ich nicht der bin, für den ich mich ausgebe. Du entsinnst dich doch, daß schon die ersten Christen mich zu besuchen pflegten, um die Erinnerung an die großen Begebenheiten aufzufrischen, die rings um Golgatha her stattgefunden hatten?«

»Ja,« antwortete die Moschee, »das alles mag ja wahr genug sein, aber ich bin fest überzeugt, daß du den Christen zwischen neuaufgeführten Straßen und Häuserreihen entschwunden bist, als sich die Stadt erweiterte und Herodes Antipas die neue Ringmauer erbaute.«

»Ich bin ihnen entschwunden,« erwiderte das heilige Grab, »sie scharten sich beständig um Golgatha, bis die Belagerung von Jerusalem begann, als sie die Stadt verließen.«

Hierauf erwiderte der heilige Fels nicht ein einziges Wort. Er schien überwältigt zu sein von den traurigen Erinnerungen, die hervorgerufen wurden.

»Denn der Tempel ward zerstört,« rief die Kirche, »der heilige Tempelgrund ward von Ruinen bedeckt, und Roms Kaiser befahl, daß diese Ruinen nicht fortgeschafft werden durften. Sechshundert Jahre lagst du, o Fels, unter Schutt und Asche begraben.«

»Was sind sechshundert Jahre für mich«, erwiderte der Fels erzürnt und stolz. »Niemand kann doch daran zweifeln, daß ich auf meinem Platz bin, aber um dich ist immer Streit gewesen.«

»Wie kann Streit um mich sein, der ich durch ein Wunder Gottes wiedergefunden wurde?« erwiderte die Kirche mit demütiger Freude. »Das war, als die Kaiserin Helena, die eine Christin und Heilige war, in einem Traum den Befehl von Gott erhielt, nach dem heiligen Lande zu ziehen und die Heiligtümer auf den erinnerungsreichen Stätten aufzubauen.«

»Ach ja, ich entsinne mich der Tage, als die Kaiserin nach Jerusalem kam. Ich entsinne mich ihres Gefolges von Fremden und gelehrten Männern. Ich entsinne mich, wie sie zu Anfang vergebens nach der Stätte spähten, wo das heilige Grab zu finden war.«

»Aber zu jener Zeit lag ungefähr mitten in der Stadt ein Venustempel, und die Kaiserin hörte, daß Kaiser Hadrian ihn an einem Ort hatte aufführen lassen, den einst die Christen heilig hielten. Sie ließ den Tempel abbrechen, und es zeigte sich, daß er über Golgatha erbaut war. Unter dem Tempelgrunde fand man, vollständig unbeschädigt und auf diese Weise der Nachwelt erhalten, sowohl das heilige Grab als auch den Felsen Golgatha mit dem Grabe Melchisedeks und die Spalte in dem Berge, aus der, wie man behauptete, noch Blut floß. Man fand auch den Salbungsstein– – –«

Jetzt unterbrach die Moschee die Rede mit einem lauten Hohngelächter. »Aber höre nun den letzten und wichtigsten Beweis,« fuhr die Kirche fort, ohne sich stören zu lassen.« Nichts wünschte die Kaiserin so sehr, als das heilige Grab wiederzufinden, aber das war vollständig verschwunden. Erst nach langem, vergeblichem Suchen kam ein alter, weiser Mann zu der Kaiserin und erzählte ihr, das Kreuz liege tief unter der Erde versteckt. Er beschrieb die Stelle, wo es zu suchen sei. Man müsse tief graben; denn die Soldaten hatten das Kreuz in einen der Wallgräben geworfen und ihn bis zum Rande mit Steinen und Erde angefüllt. Und ich kann noch die fromme Kaiserin sehen, wie sie dort am Rande des Wallgrabens saß und ihre Arbeiter ermunterte. Ich entsinne mich auch des Tages, als das heilige Kreuz auf dem Grunde des alten Grabens gefunden wurde.«

Die Kirche redete jetzt ganz allein. Sie ließ sich nicht dadurch stören, daß von der Moschee her höhnische Rufe und spöttisches Gelächter erklangen.

»Ich entsinne mich der Reihe von Wundern, die der Wiederauffindung des Kreuzes folgten. Ich glaube, selbst du wagst nicht, sie zu bestreiten. Auch du hast die Freudenrufe der Kranken gehört, die durch die heilige Reliquie geheilt wurden. Auch du entsinnst dich der Pilgrimzüge, die aus allen Ländern herbeiströmten. Du entsinnst dich der vielen frommen Männer, die sich in den Felsenschluchten Palästinas niederließen. Du entsinnst dich aller der Klöster und Kirchen, die aus der Erde emporschossen.

Oder hast du, o Fels, die herrlichen Gebäude vergessen, die Konstantin und seine Mutter über dem heiligen Grabe aufführen ließen? An der Stelle, wo das Kreuz gefunden wurde, ward eine Basilika erbaut, aber über der Felsengrotte des heiligen Grabes errichtete man eine schöne Rundkirche.

Sicherlich erinnerst du dich, o Fels, der griechischen Baumeister, die diese Gebäude mit ebenso großer Pracht aufführten, als seien es Gemächer in einem Kaiserschloß. Du entsinnst dich sicher der Karawanen, die über die Berge dahergezogen kamen, mit den kostbarsten Steinen und Gold beladen, die zu der Ausschmückung der Kirche erforderlich waren. Du erinnerst dich der Porphyrsäulen und der silbernen Kapitäle. Du entsinnst dich der Mosaikwölbung der Grabeskirche, du entsinnst dich der schmalen Fenster, durch die das Licht hineinfiel, das sich in Scheiben aus Alabaster und farbigem Glas brach, bis jeder Lichtstrahl blitzte, als ginge er von einem Diamanten aus. Du entsinnst dich des geschnitzten Gitterwerks um die Emporen, der doppelten Säulenreihe und der Kuppel, die stark und licht über dem Gebäude schwebte. Du entsinnst dich mitten in der Kirche der Grotte des heiligen Grabes, die ungeschmückt und unberührt in all dieser Pracht ruhte.

Und die Zeit nach der Errichtung dieser Gebäude! Du entsinnst dich wohl, daß alle Christen im Morgenlande Jerusalem als ihre heilige Stadt betrachteten, daß nicht nur schnell davonziehende Pilger allein sie besuchten. Entsinnst du dich nicht mehr, wie Bischöfe mit ihrem Gefolge von Priestern kamen und ihre Kirchen und Schlösser rings um die Grabeskirche bauten? Sahest du nicht den Patriarchen der Armenier ebenso wie den der Griechen und der Assyrer ihre Throne hier errichten? Und sahest du nicht Kopten aus dem alten Ägypten und Abessinier aus dem Herzen Afrikas kommen? Du sahest Jerusalem wieder aufgebaut, eine Stadt von Kirchen und Klöstern, von Gasthäusern und frommen Stiftungen. Du weißt, daß sein Glanz größer war denn je.

Aber dies alles war mein Werk, o Fels. Du lagest damals vergessen und unbeachtet auf dem Berge Moria. Du warst mit Ruinen bedeckt und unter einem Aschenhaufen verborgen, niemand erinnerte sich deines Daseins.«

Auf diese Herausforderung erwiderte die Felsenkirche:

»Was sind einige Jahre der Erniedrigung für mich?! Bin ich nicht beständig der, der ich bin? Es vergingen nur wenige Jahrhunderte, dann kam eines Nachts ein alter, ehrwürdiger Mann mit einem gestreiften Mantel eines Beduinen und dem Turban aus Kamelhaaren auf dem Kopfe zu mir. Dieser Mann war Mohammed, der Prophet Gottes. Er ward lebend in den Himmel aufgenommen, und sein Fuß ruhte auf meiner Stirn, als er von der Erde weggenommen wurde. Im selben Augenblick erhob ich mich durch eigene Kraft mehrere Fuß über der Erde, vor Sehnsucht, ihm folgen zu dürfen. Ich erhob mich aus Schutt und Asche, und ich bin der Ewige, der niemals vergehen kann.«

»Du ließest dein Volk im Stich, Verräter!« klagte die Kirche. »Du verhalfst den Gläubigen zur Macht.«

»Ich habe kein Volk, ich diene keinem, ich bin der ewige Fels. Der, der mich anbetet, den beschütze ich. Bald kam der Tag, da Omar seinen Einzug in Jerusalem hielt und der große Kalif den Tempelplatz reinigen ließ und selbst einen Korb voll Schutt auf seinen Kopf nahm und ihn forttrug. Und einige Jahre später führten Omars Anhänger auf mir das prächtigste Gebäude auf, das das Morgenland jemals gesehen hat.«

Hier unterbrach ihn die Glockenstimme mit ihrer ganzen Heftigkeit: »Ja, das Gebäude ist schön, aber weißt du nicht, woher es stammt? Meinst du, daß ich diese Mosaikgewölbe nicht kenne und diese herrliche Kuppel, diese Marmorwände, unter denen es in ungeschmückter Einfachheit ruht, wie einstmals das heilige Grab in der Rundkirche Helenas? Deine ganze Moschee ist nach dem Muster der ersten Grabeskirche gebaut.«

Mrs. Gordon wurde immer ungeduldiger. Der Streit der beiden Heiligtümer erschien ihr ärmlich und kleinlich. Nicht einen einzigen Gedanken hatten sie für die verschiedenen Religionen übrig, deren Abbild sie waren. Sie dachten nur daran, mit den Gebäuden zu prahlen, die sie bedeckten.

Die Moschee fuhr fort: »Ich erinnere mich an gar manches, nicht aber, daß ich die schöne Grabeskirche gesehen habe, von der du sprichst.«

»Wahrlich ragte sie hier auf Golgatha auf, aber sie wurde bald von Feinden zerstört. Sie wurde wieder aufgebaut und abermals zerstört.«

»Dahingegen entsinne ich mich,« sagte die Felskirche, »daß auf Golgatha eine Menge kleiner und großer Gebäude standen, die für heilig gehalten wurden. Sie waren elend und verfallen, der Regen tropfte durch das Dach.«

»Ja, das ist wahr,« erwiderte die Kirche, »das war deine Zeit und die Zeit deiner Finsternis. Aber ich kann wie du sagen: Was haben einige Jahre der Erniedrigung zu bedeuten? Ich habe gesehen, wie sich das ganze Abendland erhob, um mir zu helfen. Ich habe gesehen, wie Jerusalem von vielen eisenbekleideten Männern aus Europa erobert wurde, die um meinetwillen ausgezogen waren. Ich habe deine Moschee in eine christliche Kirche verwandeln sehen, und die Kreuzfahrer haben auf dir, o Fels, einen Altar errichtet. Ich habe Kreuzritter ihre Pferde in die Gewölbe unter dem Tempelplatz ziehen sehen.«

Der alte Fels erhob seine Stimme und sang, wie ein Derwisch in der Wüste singen würde.

Die Kirche ließ sich aber nicht in ihrem Wortschwall unterbrechen: »Ich entsinne mich, wie die Ritter des Abendlandes ihre eisernen Rüstungen ablegten und zu Axt und Mauerkelle griffen, um die Kirche des heiligen Grabes wieder aufzubauen. Ich entsinne mich, daß sie das Gebäude so groß machten, daß es all die heiligen Stätten umfassen konnte. Ich entsinne mich, wie sie das graue Felsgrab mit weißem Marmor von außen wie von innen bekleideten.«

Die alte Stimme unterbrach: »Was nützt es dir, daß du von Kreuzfahrern erbaut bist, du bist ja doch verfallen!«

»Ich bin voll von Erinnerungen und heiligen Stätten«, rief die Grabeskirche in lautem Tone. »Innerhalb meiner Mauern kann ich auf den Ölberg zeigen, wo Abraham den Widder fand, und auf die Kapelle, wo Adams Schädel begraben wurde. Ich kann auf Golgatha zeigen, und auf das Grab und den Stein, wo der Engel saß, als die Frauen kamen, um über den Toten zu weinen. Innerhalb meiner Mauern liegt der Ort, wo die Kaiserin Helena umherzugehen und die Arbeiter zu ermuntern pflegte, und der Ort, an dem das Kreuz gefunden wurde. Ich besitze die Säule, an der der Gekreuzigte saß, als man ihn mit Dornen krönte, und den Salbungsstein und das Grab Melchisedeks. Ich besitze das Schwert Gottfried von Bouillons. Ich werde noch immer von Kopten und Abessiniern, von Armeniern und Jakobiten, von Griechen und Römern verehrt. In mir wimmelt es von Pilgern – – –«

Die alte Felskirche unterbrach sie: »Woran denkst du nur, du Felsblock, du Grab, dessen Stätten niemand kennt, willst du dich in bezug auf Bedeutung mit dem ewigen Felsen messen? Bin ich es nicht, auf den man Jehovas heiligen, unaussprechlichen Namen eingeschrieben hat, den kein anderer als Jesus hat deuten können? Soll nicht in meinen Tempelhof Mohammed am jüngsten Tage herabsteigen?«

Als der Streit zwischen den Kirchen so an Heftigkeit zunahm, erhob sich Mrs. Gordon. Sie vergaß, daß ihre Stimme nicht die Kraft besaß, sich zugleich mit den beiden mächtigen Stimmen Gehör zu verschaffen. »Wehe euch, wehe euch,« rief sie, »was seid ihr für Heiligtümer? Ihr streitet und zankt miteinander, und durch eure Uneinigkeit wird die Welt mit Unfrieden und Haß und Verfolgung erfüllt. Aber Gottes letztes Gebot heißt Einigkeit, hört das! Gottes letztes Gebot, das ich empfangen habe, heißt Einigkeit!«

Als diese Worte gesagt waren, schwieg sowohl das heilige Grab als auch der heilige Fels. Mrs. Gordon glaubte einen Augenblick fast, daß ihre Worte die Macht besessen hatten, den Streit zu unterbrechen. Da aber sah sie, daß alle Kreuze und Halbmonde, die sich über dem großen Kuppelgebäude der heiligen Stadt erhoben, nach und nach vergoldet wurden und schimmerten. Die Sonne ging über dem Ölberge auf, und alle Stimmen der Nacht mußten verstummen.

Bo Ingmar Maansson.

Unter denen, die zu Hellgums Gemeinde ln Amerika gehört hatten, und mit ihm nach Jerusalem gezogen waren, befanden sich drei, die zu dem alten Ingmarsgeschlecht gehörten. Es waren die beiden Töchter des großen Ingmar, die bald nach dem Tode des Vaters nach Chicago gereist waren, sowie ihr Vetter Bo Ingmar Maansson, ein junger Mann, der sich nur zwei oder drei Jahre in den Vereinigten Staaten aufgehalten hatte.

Bo war gut gewachsen, hatte blondes Haar und blonde Augenbrauen, war rotwangig und von gutmütigem Aussehen. Es war nicht viel in seinen Zügen, das an das alte Geschlecht erinnerte, aber die Ähnlichkeit trat hervor, wenn er eine schwierige Arbeit vorhatte oder in Gemütserregung geriet.

Als Bo heranwuchs und in Storms Schule ging, war er ein träger, schlaffer Junge gewesen. Der Schulmeister hatte sich oft darüber gewundert, daß einem aus einer so klugen Familie das Lernen so schwer werden konnte. Aber die Schlaffheit verschwand indessen ganz, als Bo nach Amerika kam. Er war schnell und aufgeweckt geworden, im Rat wie in der Tat; aber er hatte in seiner Kindheit so oft hören müssen, daß er dumm war, und daher hatte er noch immer ein starkes Mißtrauen zu seinen eigenen Fähigkeiten.

Die Leute im Kirchsprengel waren nicht wenig überrascht, als Bo nach Amerika reiste. Die Eltern besaßen einen großen Hof und waren wohlhabende Leute. Sie hätten den Sohn gern zu Hause behalten.

Es ging zwar das Gerücht, daß Bo Schulmeisters Gertrud liebe, und daß er fortgereist sei, um sie zu vergessen, aber niemand wußte so recht Bescheid, wie sich die Sache verhielt. Bo hatte niemals einen anderen Vertrauten gehabt, als seine Mutter, und die war nicht umsonst die Schwester des großen Ingmar. Sie konnte man nicht dazu verleiten, mehr zu sagen, als sie Lust hatte.

An dem Tage, als Bo seine Heimat verließ, kam seine Mutter mit einem Gürtel zu ihm, den sie ihn bat, auf dem bloßen Leibe zu tragen. Als Bo ihn nahm, fühlte er, daß er schwer war; die Mutter hatte Geld hineingenäht. »Du mußt mir versprechen, daß du dich nur von diesem Gürtel trennst, wenn du in Not kommst«, sagte die Mutter; »es ist keine große Summe, nur so viel, daß du heimkehren kannst, falls es dir schlecht ergehen sollte.«

Bo versprach, das Geld nur in der größten Not aus dem Gürtel zu nehmen, und er hielt treulich dies Versprechen. Er war nun freilich noch nie sehr in Versuchung gekommen, es zu brechen, da es ihm in Amerika fast immer gut ergangen war; aber ein paarmal war er doch so arm gewesen, daß es ihm an Obdach und Essen gefehlt hatte. Trotzdem hatte er immer einen Ausweg gefunden, so daß er das Geschenk der Mutter nicht hatte in Anspruch zu nehmen brauchen.

Als Bo sich den Hellgumianern anschloß, war er erst ein wenig in Verlegenheit, was er mit dem Gürtel tun sollte. Seine neuen Kameraden bestrebten sich ja, den ersten Christen nachzueifern; sie teilten all ihr Hab und Gut untereinander, und gaben alles, was sie erwarben, in die gemeinsame Kasse. Bo gab auch alles, was er besaß, ausgenommen das, was im Gürtel war. Er konnte sich nicht recht klar darüber werden, was in diesem Fall Recht oder Unrecht war, aber er fühlte bei sich selbst, daß er dies Geld behalten müsse. Und er war ganz sicher, daß der liebe Gott wohl verstehen werde, daß er es nicht aus Geiz behielt, sondern, weil er das Versprechen halten wußte, das er seiner Mutter gegeben hatte.

B« behielt auch den Gürtel, nachdem er sich den Gordonisten angeschlossen hatte. Da aber begann er eine gewisse Unruhe zu spüren, wenn er daran dachte. Er merkte bald, daß Mrs. Gordon und mehrere von ihren Anhängern hervorragende Persönlichkeiten waren, und er empfand eine tiefe Ehrfurcht vor ihnen. Es schauderte ihm davor, was diese fehlerlosen Menschen wohl von ihm denken würden, wenn es einmal entdeckt wurde, daß er verborgenes Geld bei sich trug, obwohl er heilig und teuer versichert hatte, daß er alles, was er besaß, der Gemeinde übergeben habe.

Hellgum und seine Gemeinde waren im Mai, gerade um dieselbe Zeit, als die Bauern daheim im Kirchsprengel Auktion über ihre Höfe hielten, nach Jerusalem gekommen. Im Juni kam ein Brief nach Jerusalem, der meldete, daß der Ingmarshof verkauft sei, und daß Ingmar Ingmarsson mit Gertrud gebrochen habe, um den Hof seines Vaters wiederzugewinnen.

Er hatte sich bis dahin wohl in Jerusalem gefühlt und oft davon geredet, wie froh er über die Umsiedlung sei. Aber von dem Tage an, als er hörte, daß Gertrud frei war, wurde er finster und wortkarg.

Niemand in der Kolonie konnte verstehen, was Bo so schwermütig machte. Mehrere versuchten, ihn zu veranlassen, ihnen seinen Kummer anzuvertrauen, aber Bo wollte ihnen nicht sagen, worüber er nachgrübelte. Er konnte nicht erwarten, daß die Kolonisten sonderliches Mitleid mit Herzenskummer haben würden. Sie predigten immer, daß es um der Einigkeit willen notwendig sei, nicht mehr von dem einen Menschen zu halten als von dem andern, und sie behaupteten, daß sie selber alle Menschen gleich innig liebten. Sie alle – auch Bo – hatten versprochen und geschworen, daß sie niemals in den Ehestand treten, sondern in Keuschheit wie die Mönche und Nonnen leben wollten.

Bo dachte nicht mehr eine Sekunde an das Gelübde, nachdem er erfahren hatte, daß Gertrud frei war. Er wollte sich sogleich von der Kolonie trennen, um heimzureisen und sie zu gewinnen. Jetzt war er sehr froh darüber, daß er den Gürtel behalten hatte und seiner Wege gehen konnte, sobald er Lust hatte.

Während der ersten Tage ging er umher wie in einem Rausch, und dachte nur daran, sich Bescheid darüber zu verschaffen, wann ein Schiff von Jaffa abgehe. Aber es ging in den Tagen gerade kein Schiff, und Bo fing bald an einzusehen, daß es besser aussehen würde, wenn er eine Zeitlang mit der Reise wartete. Kam er jetzt sogleich nach Hause, so würde das ganze Kirchspiel verstehen, daß er um Gertruds willen kam, und gelang es ihm dann nicht, sie zu gewinnen, so würde er von allen Menschen ausgelacht werden.

Bo hatte gerade zu dieser Zeit eine Arbeit für die Kolonie übernommen. Die alten Gordonisten hatten nämlich bisher in Jerusalem selbst gewohnt. Das große Haus vor dem Damaskustor hatten sie in Veranlassung der großen Zunahme der Kolonie durch die schwedischen Auswanderer gemietet, und sie waren jetzt eifrig damit beschäftigt, sich dort einzurichten. Man hatte es Bo übertragen, einen Backofen in dem neuen Hause aufzuführen; er beschloß, sich in Geduld zu fassen und nicht abzureisen, ehe er seine Arbeit ausgeführt hatte. Indessen sehnte er sich so heftig, daß ganz Jerusalem ihm nicht besser vorkam als ein Gefängnis. Des Nachts ließ er oft den Gürtel durch die Hände gleiten, und lag da, und befühlte die Münzen, die da hineingenäht waren. Er wurde ganz vergnügt, wenn er die kleinen, runden Gegenstände zwischen seinen Fingern fühlte. Er sah Gertrud vor sich, vergaß, daß sie nie etwas hatte von ihm wissen wollen, und war überzeugt, daß er nur nach Hause zu kommen brauchte, um sie zur Frau zu bekommen.

Wenn sich Ingmar so falsch erwiesen hatte, mußte Gertrud doch Bo endlich schätzen lernen, der sein ganzes Leben hindurch nur sie geliebt hatte.

Es ging indessen schrecklich langsam mit dem Bau des Backofens. Entweder war Bo kein tüchtiger Maurer, oder auch er hatte schlechtes Material bekommen. Schließlich war er nahe daran zu glauben, daß der Ofen niemals fertig werden würde. Einmal stürzte die Wölbung ein, und ein andermal war der Ofen so verkehrt gemauert, daß der Rauch in die Backstube hineinschlug.

Auf diese Weise schob sich Bos Abreise bis in den August hinaus. Währenddes sah er so viel von dem Leben der Gordonisten, daß es ihm besser und besser gefiel. Niemals hatte er Menschen auf diese Weise so ausschließlich dafür leben sehen, Kranken, Armen und Betrübten zu helfen. Und sie sehnten sich nicht wieder zurück in die Welt, obwohl einige von ihnen so reich an Gütern dieser Welt waren, daß sie sich alles hätten anschaffen können, was sie wünschten, und andere so reich an Kenntnissen waren, daß es nichts zwischen Himmel und Erde gab, worüber sie nicht Bescheid wußten. Jeden Tag hielten sie die schönsten Betstunden ab, in denen sie ihre Lehre den Neuangekommenen darlegten, und wenn Bo sie reden hörte, war es ihm, daß es etwas Großes sei, mit Teil daran zu haben, das wahre Christentum wieder aufzuerwecken, das an die zweitausend Jahre vergessen und begraben gelegen hatte, daß er sich fast nicht entschließen konnte, Jerusalem zu verlassen.

Aber in der Nacht nahm Bo den Gürtel zwischen die Hände, und wenn er das tat, traten ihm Tränen der Sehnsucht nach Gertrud in die Augen. Und wenn er daran dachte, daß er nun nicht teilhaben könne an der Wiedererweckung des einzig wahren Christentums, dann sagte er sich selbst, daß da so viele seien, die würdiger waren als er. Es würde wohl keinen großen Schaden tun, wenn so ein dummer und einfältiger armer Mensch, wie er, die Kolonie verließ.

Es graute Bo aber vor dem Augenblick, wo er in der Gemeinde aufstehen und sagen mußte, daß er heimreisen wolle. Es ging ein Schaudern durch seinen Korper, wenn er daran dachte, daß Mrs. Gordon und die alte Miß Hoggs und die schöne Miß Joung und Hellgum und die Kinder seiner Schwester – daß alle diese, die nur danach trachteten, Gottes Sache zu dienen – ihn als verloren betrachten würden.

Und was würde Gott selbst im Himmel zu seiner Flucht sagen? Wie, wenn Bo seine ewige Seligkeit verscherzte, indem er dieser großen Sache untreu wurde?

Mit jedem Tag, der hinging, wurde Bo unsicherer und ratloser. Er sah so deutlich ein, wie verkehrt er gehandelt hatte, als er das Geld der Mutter behielt. Hätte er diesen Gürtel nicht gehabt, so hätte er nicht die Mittel besessen, um fortzukommen, und dann hätte er diese schwere Versuchung ganz vermieden.

Die Kolonisten hatten gerade zu dieser Zeit große Ausgaben gehabt, teils infolge des Umzuges, teils infolge eines Prozesses, den sie drüben in Amerika führen mußten. Da waren auch eine Menge armer Leute in Jerusalem, die beständig Hilfe bei ihnen suchten. Da sie niemals Lohn für irgendeinen Dienst annahmen, den sie für andere ausführten, wegen des Streites und Zanks, dessen Ursache das Geld hier in dieser Welt ist, so war es kein Wunder, daß sie zuzeiten kaum ihr Auskommen hatten. Ein paarmal, als erwartete Geldsendungen aus Amerika nicht rechtzeitig angelangt waren, hatten sie kaum genug für das tägliche Brot. Die ganze Gemeinde lag oft auf den Knien und flehte zu Gott, daß er ihnen Hilfe senden möge.

Bei solchen Gelegenheiten war es Bo, als brenne ihn sein Gürtel, aber jetzt konnte er ihn doch nicht fortgeben, jetzt, wo seine Sehnsucht zu reisen so mächtig war. Er sagte auch zu sich selbst, daß es jetzt zu spät sei, jetzt war es unmöglich für ihn, aufzustehen und zu bekennen, daß er während dieser großen Not so viel Geld mit sich herumgetragen hatte.

Im August wurde Bo endlich mit dem Ofen fertig, Und nun wollte er mit dem ersten Dampfschiff reisen, Eines Tages ging er zur Stadt hinaus. Er suchte einen einsamen Ort auf; dort setzte er sich hin, trennte den Gürtel auf und nahm das Geld heraus. Er saß mit den kleinen Goldstücken in der Hand da, und kam sich vor wie ein Dieb: »Ach, Herr, mein Gott, verzeihe mir!« rief er aus. »Wie ich in die Gemeinde eintrat, wußte ich ja nicht, daß Gertrud frei werden würde. Um nichts anderes in der Welt würde ich die Kolonie verlassen haben.«

Als Bo nach Jerusalem zurückkehrte, schlich er mit unsicheren Schritten dahin, und mit einem Gefühl, als gehe jemand hinter ihm drein und beobachtete ihn. Als er ein paar von den Goldstücken auf einen der Wechslertische in der Davidstraße legte, sah er so aus, daß der Armenier, der sein Geld wog, glaubte, er sei ein Dieb, und ihn um die Hälfte des Betrages betrog. Am nächsten Tage war Bo früh am Morgen aus der Kolonie fort. Er ging gen Osten in der Richtung des Ölberges, damit kein Mensch Verdacht fassen solle, wohin er sich begeben wollte, und machte einen großen Umweg, um an den Bahnhof zu gelangen.

Er kam trotzdem noch eine ganze Stunde zu früh, und er litt große Qualen, während er wartete. Er zuckte jedesmal zusammen, wenn jemand hinüberging, und suchte sich vergebens zu überzeugen, daß er nichts Böses tat, daß er ein freier Mann war, daß er gehen konnte, wohin er wollte. Er sah ein, daß es besser gewesen wäre, wenn er offen mit den Freunden geredet und sich nicht von ihnen fortgestohlen hätte, und er fühlte sich so gequält von seiner Angst, gesehen und erkannt zu werden, daß er kurz davor war, wieder umzukehren.

Trotzdem kam Bo mit dem Zuge fort. Alle Wagen waren überfüllt, aber er sah nicht einen einzigen, den er kannte. Er saß da und dachte an die Briefe, die er an Mrs. Gordon und Hellgum schreiben wollte. Er stellte sich vor, wie sie nach dem Morgengebet vor der ganzen Gemeinde vorgelesen würden, und er konnte die Verachtung sehen, die sich auf allen ihren Gesichtern abspiegeln würde. »Ich begehe heute gewiß eine schändliche Sünde«, dachte er, und es war ihm, als besudele er sich heute mit einem Fleck, der nie wieder abgewaschen werden könne. Es kam ihm immer erbärmlicher vor, daß er sich von dannen geschlichen hatte. Er empfand Ekel vor sich selbst, er kam sich vor wie ein elender Lump.

Er gelangte nach Jaffa und stieg aus dem Zug. Als er auf den sonnenheißen Platz vor dem Bahnhof kam, sah er dort eine Schar armer, rumänischer Pilger. Er blieb stehen und betrachtete sie, da erzählte ihm ein syrischer Dragoman, daß die Pilger krank von dem Dampfer gekommen seien, der sie nach Jaffa gebracht hatte. Es sei ihre Absicht gewesen, zu Fuß nach Jerusalem zu wandern, aber sie seien nicht dazu imstande. Hier hatten sie nun den ganzen Tag am Bahnhof gelegen. Niemand nahm sich ihrer an, sie hatten kein Geld, sie würden wohl sterben, so wie sie da in der Sonnenhitze lagen.

Bo wandte sich ab und verließ schnell den Bahnhof. Er konnte diese Menschen mit den fieberheißen Gesichtern gar nicht wieder vergessen. Einige von ihnen lagen ganz hilflos da und konnten nicht einmal die Fliegen verscheuchen, die ihnen in die Augen krochen. Es war ihm klar, daß Gott diese Armen auf seinen Weg gesandt habe, daß er ihnen helfen sollte. Bo fühlte, daß kein anderer von den Kolonisten an einer solchen Schar von Unglücklichen hätte vorübergehen können, ohne den Versuch zu machen, ihnen zu helfen. Er würde sich ihrer auch angenommen haben, wenn er nicht ein schlechter Mensch geworden wäre. Er wollte seinem Nächsten wohl nicht mehr helfen, weil er Geld hatte und nach Hause reisen konnte.

Bo ging durch das Tor der Stadt, ging ein paar Straßen hinab, und gelangte an einen kleinen Marktplatz, der nach der See hinauslag. Hier konnte er die ganze Reede und das offene Meer übersehen. Die Meeresfläche lag silberblau und ganz blank da, nur um die beiden schwarzen Basaltklippen, die mitten in der Einfahrt des Hafens aufragten, erhob sich eine schwache Dünung. Es war ein schöner Tag, um die Seereise zu beginnen. Draußen auf der Reede lag ein großer europäischer Dampfer, der die deutsche Flagge führte. Bo hatte die Absicht gehabt, mit einem französischen Dampfer zu fahren, der noch an diesem Tage in Jaffa ankommen sollte, aber von dem sah er nichts. Er hatte sich wohl verspätet.

Der deutsche Dampfer mußte eben angekommen sein. Eine Schar Fährleute machte mit großer Eile ihre Boote los, um die Passagiere hereinzuholen. Sie wetteiferten miteinander, schrien und bedrohten sich gegenseitig mit den Rudern. Da fuhr auf einmal ein Dutzend Boote nach dem Dampfer hinaus. Die großen, kräftigen Bootführer erhoben sich und ruderten stehend, um schneller vorwärtszugelangen. Zu Anfang waren sie einigermaßen vorsichtig, aber als sie an den beiden gefährlichen Klippen vorübergekommen waren, begann ein eifriges Wettrudern. Bo konnte vom Ufer aus hören, wie sie lachten und einander durch Zurufe aufstachelten.

Da überkam ihn eine unwiderstehliche Lust, jetzt gleich abzureisen. Er konnte ja ebenso gut mit diesem Dampfer wie mit dem andern fahren. Das war ganz gleichgültig, wenn er nur nach Europa gelangte.

Und nun sah er, daß da noch ein Boot am Ufer lag. Der Mann, der es ruderte, war alt, so daß er vermutlich nicht so schnell hatte von dannen kommen können, wie die andern. Es war Bo, als habe sich dies Boot gerade seinetwegen verspäten müssen. Er sprang hinein, und sie stießen gleich vom Ufer ab.

Im ersten Augenblick meinte Bo, es sei gut so, daß nun alles entschieden war; aber ehe sie noch ein paar Ruderschläge vom Ufer entfernt waren, überkam ihn eine plötzliche Angst. Was sollte er seiner Mutter sagen, wenn er sie wiedersah? Konnte er ihr erzählen, daß er ihr Geschenk gebraucht hatte, um Schande und Entbehrung über sich zu bringen?

Bo sah das Gesicht seiner Mutter mit den vielen Falten und dem scharfen Zug nach dem Kinn hinauf vor sich. Sie war ein wenig kurzsichtig, daher kam sie in der Regel ganz dicht an die heran, mit denen sie sprach, und sah ihnen fest in die Augen. Wenn seine Mutter jetzt hier wäre, so würde sie ganz dicht an ihn herantreten und fragen: »Hast du versprochen, zu diesen Leuten zu halten, Bo, und ihnen bei ihrer guten Sache zu helfen?« »Ja, Mutter, das habe ich getan«, mußte Bo da antworten. – »Dann mußt du auch bei ihnen ausharren«, würde die Mutter sagen. »Wir haben genug an einem Wortbrüchigen in der Familie.«

Bo seufzte schwer auf, aber eins sah er doch klar ein, nämlich, daß er nicht mit Schmach beladen zu seiner Mutter heimkehren konnte. So blieb ihm nichts weiter übrig, als nach der Kolonie zurückzukehren.

Er befahl dem Fährmann umzukehren, aber der Mann verstand nicht, was er wollte, und fuhr fort, nach dem Dampfer hinauszurudern. Bo richtete sich im Boot auf und wollte ihm die Ruder wegnehmen. Der Mann verteidigte sich, und sie hätten fast das Boot umgeworfen, während sie um die Ruder kämpften. Bo sah gleich ein, daß ihm nichts weiter übrig blieb, als sitzen zu bleiben, und sich nach dem Schiff hinausfahren zu lassen. Aber gleichzeitig fürchtete er, daß der Augenblick, in dem er noch die Kraft besaß, umzuwenden, ihm entrinnen würde. »Komme ich erst an Bord des Schiffes,« dachte er, »dann gewinnt die Reiselust vielleicht Gewalt über mich.«

Aber nein – das durfte nicht geschehen: jetzt wollte er dieser Versuchung für immer ein Ende machen. Und er steckte die Hand in die Tasche, holte die blanken Goldstücke heraus und warf sie ins Meer.

Kaum war das getan, als ihm eine brennende Reue durch das Herz zog. Ja, jetzt konnte er sagen, daß er das Glück von sich geworfen hatte, jetzt hatte er Gertrud für immer verloren. Er rang seine Hände in Verzweiflung.

Als sie noch ein paar Minuten gerudert waren, begegneten ihnen einige Boote, die von dem Dampfer zurückkamen, voll von Passagieren, die in Jaffa an Land gehen wollten. Bo rieb sich die Augen; er glaubte, ein Gesicht zu haben. Es war ganz so, als ein paar von den Kirchbooten, die am Sonntag daheim in den Fluß hinabkamen, jetzt auf dem sommerblanken Meer auf ihn zugerudert kamen.

Die Menschen, die in den langen Booten saßen, sahen ebenso feierlich und ernst aus, wie die Leute daheim im Kirchsprengel, wenn sie an der Landungsbrücke unter der Kirche anlegten.

Bo konnte sich im ersten Augenblick gar nicht erklären, was er da sah. Er kannte ja alle die Gesichter. »Ist das nicht Tims Halvor?« fragte er sich. »Ist das nicht Karin Ingmarstochter? Ist das nicht Birger Larsson, den ich oft in der Schmiede an der Landstraße habe stehen und Nägel schmieden sehen?«

Bo war so in seine eigenen Gedanken versunken gewesen, daß es eine Weile währte, bis er begriff, daß dies die Pilgrime von daheim aus Dalarne sein mußten, die ein paar Tage früher, als man sie erwartet hatte, angelangt waren.

Er erhob sich in seinem Boot, winkte mit der Hand und rief: »Guten Tag!« Die stillen Menschen in den Booten sahen auf, einer nach dem andern, und bewegten den Kopf ein wenig, um zu zeigen, daß sie ihn erkannt hatten. Bo begriff, daß er nicht recht getan hatte, indem er sie in diesem Augenblick störte. Es schickte sich nicht für sie, in diesem Moment an irgend etwas anderes zu denken, als an das Feierliche, daß sie jetzt den Fuß auf den Boden von Palästina setzten.

Nie aber hatte Bo etwas Schöneres gesehen, als diese steifen Gesichter. Er wurde so froh, und er wurde so betrübt. »Siehe, solche Menschen haben wir daheim«, dachte er, und er empfand eine solche Sehnsucht, daß er sich gern ins Meer gestürzt hätte, um die Goldstücke wieder herauszufischen.

Ganz hinten in dem Boot saß eine Frau, die das Kopftuch so tief in die Stirn gezogen hatte, daß Bo ihr Gesicht nicht sehen konnte. Aber gerade, als das Boot, vorüberglitt, schob sie das Tuch zurück und sah ihn an. Und Bo erkannte Gertrud.

Da zitterte Bo vom Scheitel bis zur Sohle in tiefer Erregung. Er setzte sich nieder und hielt sich an der Ruderbank fest. Er fürchtete, daß er sich ins Meer stürzen würde, nur um schneller zu Gertrud zu gelangen.

Tränen stürzten ihm aus den Augen, während er die Hände faltete und Gott dankte. Nein, niemals war ein Mensch mehr dafür belohnt worden, daß er von einer Sünde abgelassen hatte. Nie in der Welt war Gott so gut gegen jemand gewesen.

Der Kreuzträger

Während all der Jahre, die die Gordonisten in Jerusalem gewohnt hatten, war jeden Tag in der heiligen Stadt ein Mann erschienen, der ein schweres und plumpes hölzernes Kreuz schleppte. Er sprach mit niemand, und niemand sprach mit ihm. Niemand wußte, ob der Mann ein armer Wahnsinniger war, der sich einbildete, Christus zu sein, oder ob er ein armer Pilger war, der einen Bußgang ausführte.

Der arme Kreuzträger schlief des Nachts in einer Grotte draußen auf dem Ölberge. Jeden Morgen, wenn die Sonne aufging, stieg er auf den Berg hinauf und sah hinab auf Jerusalem, das auf einem etwas niedrigeren Hügel ihm gerade gegenüber lag. Er sah über die ganze Stadt hinaus, wie jemand, der sucht, ließ die Augen von Haus zu Haus, von Kuppel zu Kuppel schweifen, eifrig forschend, als erwarte er, daß in der Nacht irgendeine große Veränderung eingetreten sei. Endlich, wenn es ihm klar wurde, daß noch alles war wie vorher, seufzte er tief auf. Er kehrte in seine Grotte zurück, hob das große Kreuz auf die Schultern und setzte sich einen Kranz, der aus stacheligen Dornenzweigen geflochten war, auf den Kopf.

Dann begann er seine Wanderung den Berg hinab, schleppte seine schwere Last zwischen Weingärten und Olivenhainen dahin, bis er die hohe Mauer erreichte, die den Garten von Gethsemane umgab. Hier pflegte er vor einer niedrigen Pforte Halt zu machen, legte das Kreuz an die Erde und stützte sich gegen den Türpfosten, wie um zu warten.

Wieder und wieder beugte er sich hinab und legte sein Auge an das Schlüsselloch, um in den kleinen Garten hineinzusehen. Wenn er dann einen der Franziskaner, die die Obhut über Gethsemane führten, sich zwischen den alten Olivenhainen und Myrtenhecken bewegen sah, trat ein gespannter Ausdruck in sein Gesicht, und er lächelte wie in froher Erwartung. Aber gleich darauf schüttelte er den Kopf; er schien zu der Überzeugung gelangt zu sein, daß der, den er suchte, nicht kommen würde. Er nahm wieder das Kreuz und wanderte weiter.

Dann pflegte er die tieferliegenden Terrassen des Berges hinabzugehen, hinunter in das Tal Josaphat, mit dem großen jüdischen Kirchhof. Das schwere Kreuz schleppte hinter ihm drein, es rasselte über die großen Grabsteine und fegte die kleinen Kiesel, die darüber ausgestreut waren, zur Seite. Wieder und wieder blieb er stehen, wenn er die kleinen Kieselsteine rasseln hörte, und sah sich um, offenbar in dem Glauben, daß ihm jemand folge. Jedesmal, wenn er merkte, daß er sich geirrt hatte, seufzte er wieder tief auf und wanderte weiter.

Diese Seufzer wurden zu einem schweren Stöhnen, wenn er den Talgrund erreicht hatte, und ihm die Arbeit bevorstand, das mächtige Kreuz den westlichen Abhang, auf dessen obersten Gipfel Jerusalem liegt, hinabzuschleppen. Auf dieser Seite liegen die Gräber der mohammedanischen Bevölkerung, und hier sah er oft eine trauernde Frau in ihr weißes Überkleid gehüllt, auf einem der niedrigen, sargförmigen Grabdenkmäler sitzen. Er schwankte dann auf sie zu, bis sie, aufgeschreckt von dem Geräusch, den das Kreuz verursachte, indem es über die Grabsteine dahinschleifte, sich nach ihm umwandte. Ihr Antlitz war von einem dichten, schwarzen Schleier verhüllt und erweckte die Vorstellung, daß dahinter nichts weiter sei, als ein leeres, dunkles Loch. Da wandte er sich mit einem Schaudern ab und wanderte weiter.

Mit unaussprechlicher Mühe kletterte er ganz bis auf den Gipfel des Berges hinauf, dort, wo die Stadtmauer aufragt. Dann pflegte er auf einem schmalen Pfad innerhalb der Mauer nach dem Berge Zion auf der südlichen Seite des Berges zu wandern, und kam ganz hinauf bis zu der kleinen armenischen Kirche, die das Haus des Kaiphas genannt wird.

Hier legte er wieder das Kreuz an die Erde und lugte wieder durch das Schlüsselloch. Aber er begnügte sich nicht damit; er erfaßte den Glockenstrang und schellte. Wenn er eine Weile darauf ein Paar Pantoffel über die Steinfliesen klappern hörte, lächelte er und führte schon die Hände an die Dornenkrone, um sie vom Kopf' zu nehmen.

Aber sobald der Kirchendiener, der die Pforte öffnete, sah, wer es war, schüttelte er den Kopf.

Der Büßer beugte sich vor und sah in die halbgeöffnete Tür hinein. Er ließ seine Augen über den kleinen Hof hinschweifen, wo der Sage nach Petrus den Heiland verleumdet hatte, und vergewisserte sich, daß er ganz leer war. Da nahm sein Gesicht, den Ausdruck tiefen Grames an, er zog heftig die Pforte zu und wanderte weiter.

Das schwere Kreuz klapperte über die Steine und die alten Mauerbrocken dahin,die den Boden von Zion bedeckten. Es wurde jetzt mit noch größerer Eile dahingeschleppt, als wenn eine ungeduldige Erwartung dem Träger mehr Kräfte verleihe. Er ging durch das Zionstor in die Stadt hinein, und ließ das Kreuz nicht zur Erde sinken, ehe er vor dem schwerfälligen, grauen Gebäude stand, das als Grab König Davids verehrt wird, von dem aber auch gesagt wird, daß es den Saal enthalte, in dem der Herr das heilige Abendmahl eingesetzt hat.

Hier pflegte der Alte das Kreuz draußen liegen zu lassen, während er selbst in das Haus hineinging. Wenn der mohammedanische Türhüter, der sonst allen Christen zornige Blicke nachwarf, ihn kommen sah, verbeugte er sich vor ihm, wie vor dem, dessen Verstand bei Gott ist, und küßte ihm die Hand. Jedesmal, wenn der Alte Gegenstand dieses ehrerbietigen Grußes war, sah er dem Türhüter erwartungsvoll in das Gesicht. Aber gleich darauf zog er seine Hand zurück, trocknete sie in seinem langen, groben Mantel ab, wandte sich um und trat wieder hinaus, wo er von neuem das Kreuz auf seine Schultern hob.

Darauf schleppte er sich mit unendlicher Langsamkeit nach dem nördlichen Teil der Stadt, wo Christi Leidensweg sich dunkel und schwer dahinzieht. Solange er sich in den menschenwimmelnden Straßen befand, sah er jedem ins Gesicht, blieb stehen, forschte, und wandte sich wieder um, in ewiger Enttäuschung. Gutmütige Wasserträger, die sahen, daß er unter seiner schweren Last schwankte, reichten ihm oft eine kleine, zinnerne Schale voll Wasser, und die Gemüsehändler pflegten ihm eine Handvoll Bohnen oder Pistazien zuzuwerfen. Wenn ihm diese Gaben geboten wurden, nahm er sie zuerst mit freudestrahlendem Antlitz an; dann aber wandte er sich ab, als habe er etwas ganz anderes und besseres erwartet,

Wenn er auf den Passionsweg kam, sah er hoffnungsvoller aus, als auf dem ersten Teil seines Weges. Er stöhnte nicht so tief unter der Last des Kreuzes, und er richtete den Rücken auf, und sah sich um, wie ein Gefangener, der jetzt seiner Befreiung sicher ist.

Er begann bei der ersten der vierzehn Stationen auf dem Leidenswege Christi, die die ganze Straße entlang durch kleine steinerne Tafeln bezeichnet sind. Aber er blieb nicht stehen, ehe er vor dem Kloster der Zionsschwestern in der Nähe des Ecce-Homo-Bogens stand, wo Pilatus Christus dem Volke vorführte. Hier warf er das Kreuz von seinen Schultern, wie eine Last, die er nicht mehr zu schleppen brauchte, und klopfte dann an die Klostertür mit drei starken, dröhnenden Schlägen. Noch ehe das Tor geöffnet wurde, hatte er die Dornenkrone vom Kopf genommen, ja, zuweilen war er seiner Sache so sicher, daß er sie einem der Hunde hinwarf, die ihren Schlafplatz in der Nähe des Klosters hatten.

Drinnen in dem Kloster kannte man dies Pochen. Eine von den frommen Schwestern öffnete die Türluke und steckte ihm ein kleines, rundes Brötchen hinaus.

Da geriet er außer sich vor Zorn. Er nahm das Brot nicht an, sondern ließ es zur Erde fallen; er stampfte mit den Füßen und stieß wilde Schreie der Verzweiflung aus. Lange Zeit blieb er vor dem Klostertor stehen. Endlich kehrte der gewohnte Ausdruck geduldigen Leidens in sein Gesicht zurück. Er beugte sich nieder, sammelte das Brot auf und verzehrte es mit Raubtierhunger. Er hob die Dornenkrone wieder auf, und nahm das Kreuz wieder auf seine Schultern.

Wenige Augenblicke darauf stand er in glückseliger Erwartung vor der kleinen Kapelle, die man das Haus der »heiligen Veronika« nennt, und von bitterer Enttäuschung niedergebeugt, wanderte er wieder von dannen. Er ging die ganze Straße hinauf, von Station zu Station, er erwartete mit Gewißheit seine Befreiung an der Kapelle, die die Stätte bezeichnet, wo das Tor der Gerechtigkeit stand, durch das Jesus zur Stadt hinauswanderte, sowie an der Stelle, wo der Erlöser zu den Frauen Jerusalems sprach.

Wenn er so Christi Leidensweg zurückgelegt hatte, begann er unruhig suchend die ganze Stadt zu durchwandern. In der engen, menschengefüllten Davidstraße war er ein ebenso großes Hindernis für den Verkehr, wie ein Kamel, das mit Reisigbündeln beladen ist, aber kein Mensch schalt ihn aus oder verunglimpfte ihn.

Es konnte wohl zuweilen geschehen, daß er auf seiner Wanderung in den engen Vorhof der heiligen Grabeskirche hineinkam. Aber hier legte der arme Kreuzträger seine Last nieder, hier riß er sich die Dornenkrone vom Kopf. Sobald sein Auge auf die graue, dunkle Mauer fiel, wandte er sich um und floh. Niemals sah man ihn dort bei einer der prachtvollen Prozessionen, nicht einmal bei dem großen Osterwunder. Der alte Büßer schien überzeugt zu sein, daß dies der einzige Ort sei, an dem er unmöglich das finden konnte, was er suchte.

Aber er sorgte immer dafür, daß er den Karawanen begegnete, die ihre Waren am Tor Jaffa abluden. Er saß dort und gab vor den Herbergen acht, und betrachtete alle Fremden mit forschenden Blicken. Nachdem die Eisenbahn zwischen Jaffa und Jerusalem eröffnet war, ging er fast jeden Tag auf den Bahnhof hinaus. Er suchte Patriarchen und Bischöfe in ihren Wohnungen auf, und jeden Freitag fand er sich auf den Plätzen vor der Klagemauer ein, wo die Juden sich an die kalten Steine schmiegen, und über den Palast weinen, der in Schutt versunken war, über die Propheten, die gestorben waren, über die Priester, die irre gegangen waren, über die Könige, die Jehova verachtet hatten.

An einem schönen, warmen Sommertag im August ging der Kreuzträger aus dem Damaskustor hinaus und wanderte auf den kahlen, einsamen Feldern, die die Gordonkolonie umgaben. Während er sich so mühselig dahinschleppte, erblickte er eine lange Reihe von Wagen, die vom Bahnhof kamen und nach der Kolonie hinauffuhren. Es waren Menschen mit barschen, ernsten Gesichtern, die in diesen Wagen saßen; viele von ihnen waren häßlich, hatten blondes Haar mit einem Stich ins Rötliche, schwere Augenlider und eine vorstehende Unterlippe.

Als diese Menschen an dem Kreuzträger vorübergekommen waren, tat er, was er immer zu tun pflegte, wenn er neue Pilgerscharen nach Jerusalem ziehen sah: Er lehnte das Kreuz gegen seine Schulter, sein Gesicht klärte sich auf, und er erhob die Arme gen Himmel.

Als die Vorüberfahrenden ihn sahen, wie er so mit seinem Kreuz dastand, zuckten sie zusammen, aber nicht vor Überraschung. Es war weit eher, als hätten sie erwartet, daß gerade das das erste sein müsse, was ihren Augen in Jerusalem begegnete.

Mehrere von ihnen erhoben sich in innigem Mitleid. Sie streckten die Arme aus; man konnte sehen, daß sie gerne vom Wagen gestiegen wären, um dem Alten seine Last tragen zu helfen.

Einige von den Kolonisten, die schon mit den Verhältnissen in Jerusalem bekannt waren, sagten zu den Neuangekommenen: »Das ist ein armer verrückter Mann, so geht er hier jeden Tag. Er glaubt, daß es Christi Kreuz ist, das er trägt, und daß er es tragen muß, bis er jemand findet, der das Kreuz für ihn tragen will.«

Die Vorüberfahrenden wandten sich um, und sahen dem armen Kreuzträger nach. Solange sie ihn sehen konnten, stand er am selben Fleck, die Arme gen Himmel erhoben, und mit einem Ausdruck der unbeschreiblichsten Verzückung.

Aber dies war das letztemal, daß man den armen Kreuzträger in Jerusalem sah. Die Aussätzigen, die vor den Toren gelagert liegen, warteten am nächsten Tag vergebens auf sein Kommen. Er störte nicht die Trauernden auf den Begräbnisplätzen, er bemühte die Wächter in Kaiphas' Hause nicht, die frommen Damen in Zion hatten keine Gelegenheit, das Brötchen darzureichen, das er sonst jeden Tag holte. Der türkische Türwächter wartete unwillkürlich darauf, ihn kommen und wieder entfliehen zu sehen. Die guten Wasserträger sahen vergeblich in den menschenwimmelnden Straßen nach ihm aus.

Der arme Alte ließ sich nie wieder in der heiligen Stadt blicken. Man wußte nicht, ob er tot in seiner Grotte auf dem Ölberge lag, oder ob er nach seinem Heim in dem fernen Lande zurückgekehrt war.

Das einzige, was man sicher von ihm wußte, war, daß er die schwere Last nicht mehr schleppte. Denn am Morgen nach der Ankunft der Bauern aus Dalarne fanden die Gordonisten das mächtige Kreuz: es lag auf der hohen Treppe vor dem Eingang zu ihrem Hause.

»Mauern aus lautrem Gold und Tore von reinem Kristall.«

Unter den Jerusalemfahrern war auch ein Schmied, der Birger Larsson hieß. Er war während der ganzen Zeit sehr froh über diese Reise gewesen. Niemand war es so leicht geworden, sich von der Heimat zu trennen, und niemand hatte sich so von Herzen darauf gefreut, die Herrlichkeit Jerusalems zu sehen.

Aber Birger erkrankte fast in demselben Augenblick, als er in Jaffa an Land ging. Er mußte mehrere Stunden in der Sonnenhitze am Bahnhof sitzen, ehe der Zug abging, und er wurde elender und elender. Als er in einen der heißen Eisenbahnwagen kam, fing ihm der Kopf so an zu schmerzen, als müsse er zerspringen. Und als sie Jerusalem erreichten, war er so matt, daß Tims Halvor und Ljung Björn ihn unter die Arme nehmen und ihn fast auf den Bahnsteig hinaustragen mußten.

Bo hatte nach Jerusalem telegraphiert, um die Kolonisten von der Ankunft der Darlekarlier zu benachrichtigen. Mehrere von den schwedischen Amerikanern waren am Bahnhof, um die Verwandten und Freunde zu begrüßen. Da hatte Birger so starkes Fieber, daß er seine alten Landsleute nicht wiedererkennen konnte, obwohl einige von ihnen seine nächsten Nachbarn gewesen waren. Soviel hatte er aber doch verstanden, daß er nach Jerusalem gekommen war, und er war nur von dem Gedanken erfüllt, daß er sich aufrecht halten müsse, bis er die heilige Stadt gesehen hatte.

Von dem Bahnhof aus, der eine gute Strecke außerhalb Jerusalems liegt, konnte Birger nichts von der Stadt sehen. Solange er da war, lag er ganz still, mit geschlossenen Augen. Aber endlich hatten alle Platz in den Wagen gefunden, die auf sie warteten. Sie fuhren durch das Tal Hinnom, und oben auf dem Bergrücken über ihnen gewahrten sie Jerusalem.

Birger hob die schweren Augenlider, und sah eine Stadt, die von einer hohen Mauer mit Zinnen und Türmen umgeben war. Hinter der Mauer ragten hohe, kuppelförmige Gebäude auf, und einige Palmen wogten im Bergwinde.

Aber es war gegen Abend, und die Sonne stand ganz unten am Rande der westlichen Hügel. Sie war sehr rot und groß, und warf einen starken Schein über den ganzen Himmel. Auch die Erde erstrahlte in roten und goldenen Farben. Für Birger aber war es, als ob der Glanz, der auf die Erde fiel, nicht von der Sonne komme, sondern von der Stadt dort oben über ihm. Er ging von ihren Mauern aus, die wie lauteres Gold schimmerten, und von ihren Türmen, die mit reinem Kristall gedeckt waren.

Birger Larsson lächelte darüber, daß er zwei Sonnen sah, eine im Himmel, und eine auf der Erde: Gottes Stadt, Jerusalem.

Einen Augenblick hatte Birger ein Gefühl, als habe ihm die Freude die Gesundheit zurückgegeben. Gleich darauf aber gewann das Fieber von neuem überhand, und auf dem ganzen Wege bis an das Haus der Kolonisten, das jenseits der Stadt lag, war er bewußtlos.

Auch von dem Empfang in der Kolonie wußte Birger so gut wie gar nichts. Er konnte sich ebensowenig über das große Haus freuen, wie über die weiße Marmortreppe oder die schöne Galerie, die rings um den Hof herumläuft. Er konnte nicht Mrs. Gordon schönes, kluges Gesicht sehen, als sie auf die Treppe hinauskam, um sie willkommen zu heißen. Oder die alte Miß Hogg mit den Eulenaugen, oder irgend jemand von diesen neuen Brüdern und Schwestern. Er wußte nicht einmal, daß er in ein großes, helles Zimmer geführt wurde, das von nun an das Heim für ihn und seine Familie sein sollte, und wo man sich beeilte, ihm ein Bett zu bereiten.

Am nächsten Tage war er noch ebenso krank, hin und wieder kehrte jedoch sein Bewußtsein zurück. Da war es sein großer Kummer, daß er sterben müsse, ohne in Jerusalem selbst hineingekommen zu sein und seine Herrlichkeiten in der Nähe gesehen zu haben.

»Wenn man sich denkt, daß ich so weit gelangt bin,« sagte er, »und daß ich jetzt sterben muß, ohne den Palast Jerusalems und seine Straßen von Gold gesehen zu haben, auf denen die Heiligen in langen, weißen Kleidern mit Palmen in den Händen wandeln.«

So lag er da und jammerte zwei Tage. Das Fieber nahm zu, aber selbst in den Phantasien trauerte er immer nur über das gleiche, daß er die goldenen Mauern und die strahlenden Türme nicht sehen sollte, die Gottes eigene Stadt umgaben.

Seine Verzweiflung hierüber war so groß, daß Ljung Björn und Tims Halvor sich seiner erbarmten und beschlossen, ihn zufrieden zu stellen. Sie glaubten, er würde genesen, wenn seine Sehnsucht gestillt ward. Sie zimmerten ihm eine Bahre, und eines Abends, als die Luft ein wenig kühler geworden war, trugen sie ihn nach Jerusalem hinein.

Sie führten ihn auf den gebahnten Wegen direkt in die Stadt, und Birger war bei vollem Bewußtsein und starrte die steinige Erde und die kahlen Hügel an. Als sie so weit gekommen waren, daß sie die Mauer der Stadt und das Damaskustor sehen konnten, setzten sie die Bahre nieder, damit sich der Kranke an dem Anblick dessen freuen sollte, wonach er sich so lange gesehnt hatte.

Birger sagte kein Wort; er lag da und beschattete die Augen mit der Hand, und strengte sich an, zu sehen.

Er sah nichts weiter, als eine graublaue Mauer, die aus Steinen und Lehm aufgeführt war, wie alle andern Mauern. Das große Tor erschien ihm so unheimlich mit dem niedrigen Eingang und der gezackten Mauerkrone.

Wie er so da lag, matt und schwach, bildete er sich ein, daß ihn die andern nicht nach dem richtigen Jerusalem geführt hätten. Er hatte ja vor ein paar Tagen ein anderes Jerusalem gesehen, das so strahlend war wie die Sonne selbst.

»Daß meine alten Freunde und Landsleute so schlecht an mir zu handeln wagen,« dachte der Kranke, »daß sie mir nicht gönnen, das wahre Jerusalem zu sehen!«

Die Freunde trugen ihn den steilen Abhang hinauf, der zu dem Tor führte. Virger war es, als trügen sie ihn in einen tiefen Abgrund hinab.

Als Birger durch die Torwölbung gekommen war, richtete er sich ein wenig auf. Jetzt wollte er doch sehen, ob sie ihn in die goldene Stadt getragen hätten.

Birger wurde wunderlich zumute, als er zu allen Seiten Häuser mit grauen, häßlichen Mauern sah, und noch unheimlicher ward ihm, als er die verkrüppelten Bettler erblickte, die am Tor saßen, und die mageren, schmutzigen Hunde, die zu vieren oder fünfen auf den großen Kehrichthaufen lagen.

Er sah auf die Pflastersteine hinab; sie waren von einer vertrockneten Schmutzschicht bedeckt. Er wunderte sich, über alle die Kohlblätter und Fruchtschalen und all den Kehricht, der überall auf der Straße umherlag.

»Ich kann wirklich nicht begreifen, wie Halvor auf den Gedanken kommt, mir diese elenden, armseligen Straßen zu zeigen«, murmelte er vor sich hin.

Die Männer trugen Birger jetzt schnell durch die Stadt; sie waren schon mehrmals dort gewesen, so daß sie dem Kranken von den bemerkenswerten Orten erzählen konnten, an denen sie vorüber kamen.

»Da siehst du das Haus des reichen Mannes«, sagte Halvor, und zeigte auf ein Gebäude, das Birger ganz baufällig erschien.

Sie bogen jetzt ab und gelangten in eine Straße, die Birger so dunkel erschien, als sei sie nie von einem Sonnenstrahl erhellt worden. Er lag da und starrte die Halbbögen an, die sich über die Straße hinweg von einem Haus zum andern zogen. »Das mag wohl nötig sein,« dachte er, »wenn diese elenden Hütten nicht ordentlich gestützt werden, würden sie bald einstürzen.«

»Dies ist Christi Leidensweg«, sagte Halvor zu Birger. »Hier ist Jesus gegangen und hat sein Kreuz getragen.«

Birger lag stumm und bleich da. Das Blut brauste nicht mehr durch die Adern, wie früh am Tage; es war, als stünde es ganz still. Er war kalt wie Eis.

Überall, wohin er kam, sah er nichts weiter als baufällige Mauern und hin und wieder ein niedriges Tor. Fenster sah er selten, und wenn da eins war, waren die Fensterscheiben alle zerbrochen, und es waren Lumpen in die Löcher hineingestopft.

Halvor machte Halt mit der Bahre. »Hier stand Pilatus' Palast,« sagte er, »hier haben sie Jesus dem Volke vorgeführt und zu ihm gesagt: .Sehet, welch ein Mensch!«'

Birger Larsson winkte Halvor zu sich heran und ergriff feierlich seine Hand. »Jetzt sollst du mir eine Frage aufrichtig beantworten, weil du mit mir verwandt bist«, sagte er. »Glaubst du, daß das, was du mir gezeigt hast, das rechte Jerusalem ist?«

»Ja, wahrlich, es ist das rechte Jerusalem«, antwortete Halvor.

»Ich bin krank, und ich kann morgen am Tage tot sein«, sagte Birger. »Da kannst du doch einsehen, daß du mich nicht belügen darfst.«

»Niemand denkt daran, dich zu belügen«, sagte Halvor.

Birger hatte so sicher gehofft, daß er Halvor dazu bringen würde, ihm die Wahrheit zu sagen. Und Tränen

traten ihm in die Augen, wenn er daran dachte, daß Halvor und die anderen sich so gegen ihn benehmen konnten.

Plötzlich kam ihm ein guter Gedanke. »Sie tun es nur, um mich desto mehr zu erfreuen, wenn ich durch die hohe Pforte zu der Stadt der Ehre und Herrlichkeit hineingeführt werde«, dachte er. »Jetzt lasse ich sie tun, was sie wollen. Sie meinen es sicher gut mit mir. Wir Hellgumianer haben ja gelobt, gegeneinander zu handeln als seien wir Brüder.«

Die Männer trugen ihn weiter durch die düsteren Straßen. Über einige davon waren große Teppiche ausgespannt, die voller Risse und Löcher waren. Wenn man unter diese Teppiche kam, konnte man es kaum aushalten vor Dunkelheit und Gestank und erstickender Hitze.

Das nächstemal machte die Bahre Halt auf dem Vorhof eines großen, grauen Gebäudes. Der offene Platz war von Bettlern und armen Krämern angefüllt, die Rosenkränze, kleine Bilder und dergleichen verkauften.

»Hier siehst du nun die Kirche, die über Christi Grab und Golgatha erbaut ist«, sagte Halvor.

Birger Larsson sah mit seinem matten Blick zu dem Gebäude empor. Es hatte freilich große Tore und breite Fenster, und ansehnlich hoch war es auch. Nie aber hatte Birger so eine Kirche zwischen andern Häusern eingeklemmt gesehen. Und er sah weder einen Chor noch eine Vorhalle. Niemand sollte ihm einbilden, daß dies ein Haus Gottes war. Und er konnte auch nicht glauben, daß so viele Kaufleute und Krämer in dem Vorhofe sein würden, wenn sich hier wirklich Christi Grab befände. Er wußte ja allerdings, wer die Taubenhändler aus dem Tempel getrieben und die Tische der Wechsler umgeworfen hatte.

»Ich sehe es, ich sehe es«, sagte Birger und nickte Halvor zu. Im stillen aber dachte er: »Was sie mir jetzt wohl weismachen werden?«

»Ich weiß nicht, ob du heute noch mehr vertragen kannst?« fragte Halvor.

»Ja, ich kann es wohl aushalten,« erwiderte der Kranke, »wenn ihr es nur könnt.«

Da hoben die Männer die Bahre wieder auf und wanderten weiter. Sie gelangten nun in den südlichen Teil der Stadt.

Die Straßen waren von derselben Beschaffenheit wie vorhin, aber jetzt waren sie mit Menschen angefüllt. Halvor hielt die Bahre auf einer Querstraße an und zeigte Birger die dunkelfarbigen Beduinen, die mit dem Gewehr auf der Schulter und dem Dolch im Gürtel umhergingen. Er machte ihn aufmerksam auf die halbnackten Wasserträger, die Wasserschläuche aus Schweinsleder auf ihrem Rücken trugen. Er bat ihn, die russischen Priester anzusehen, die das Haar in einem Knoten im Nacken aufgesteckt trugen, wie Frauen, und die mohammedanischen Weiber, die wie wandernde Gespenster aussahen, wenn sie ganz in Weiß gehüllt und mit einem schwarzen Stück Zeug vor dem Gesicht daherkamen.

Birger ward immermehr davon überzeugt, daß seine Freunde irgendeinen wunderlichen Scherz mit ihm vorhatten. Denn diese Leute sahen wirklich nicht aus, wie die Palmenträger des Friedens, die in den Straßen des richtigen Jerusalems wandern sollen.

Aber als Birger in das Menschengewimmel hineinkam, ergriff ihn das Fieber von neuem. Halvor und die andern, die die Bahre trugen, sahen, daß er immer kränker wurde. Seine Hände tasteten unruhig auf der Decke herum, die über ihn ausgebreitet war, und große Schweißtropfen perlten ihm von der Stirn.

Sobald sie aber davon sprachen, heimzukehren, fuhr er auf und sagte, es würde sein Tod sein, wenn sie ihn nicht soweit trügen, daß er die Stadt Gottes sehen könne.

Mit solchen Worten trieb er sie an, bis er auf den Berg Zion hinaufgelangt war. Als er das Zionstor erblickte, rief er aus, er wolle dadurch hinausgetragen werden! Er setzte sich aufrecht auf die Bahre, in der sicheren Hoffnung, daß er jenseits der Mauer die herrliche Gottesstadt finden würde, nach der er sich sehnte.

Aber jenseits des Tores sah er nichts weiter, als ein versengtes, unfruchtbares Feld, das mit Steinen, Mauerbrocken und Kehrichthaufen bedeckt war.

Dicht neben dem Tor kauerten ein paar arme, elende Menschen. Sie schleppten sich an die Bahre heran und streckten ihre Hände, deren Finger abgefault waren, nach dem Kranken aus.

Sie riefen mit Stimmen, die dem Knurren eines Hundes glichen, ihre Gesichter waren halb zerfressen, der eine hatte keine Nase, der andere keine Wangen.

Birger schrie laut vor Entsetzen. Schwach, wie er war, fing er vor Angst an zu weinen und jammerte, daß sie ihn in die Hölle hineingetragen hätten.

»Das sind ja nur Aussätzige«, sagte Halvor. »Du weißt ja doch, Birger, daß es hier zu Lande Aussätzige gibt.«

Sie beeilten sich jedoch, ihn weiter auf den Hügel hinaufzutragen, damit ihn der Anblick der Ärmsten am Tore nicht weiter quälen sollte.

Dann setzte Halvor die Bahre nieder, trat an den Kranken heran und hob seinen Kopf vom Kissen auf. »Jetzt mußt du versuchen, aufzustehen, Birger«, sagte er. »Hier kannst du bis an das Rote Meer und den Berg Moab hinabsehen.«

Noch einmal schlug Birger seine müden Augen auf. Er sah über die einsame, wilde Berggegend östlich von Jerusalem hinaus. Weit, weit draußen in der Ferne schimmerte ein Wasserspiegel, und jenseits davon lagen Berge, die im Himmelblau, das mit goldenen Rändern verbrämt war, erstrahlten. Das war so schön, so leicht, durchsichtig und strahlend, daß man glauben mußte, daß dieser Anblick nicht der Erde angehöre.

Birger richtete sich in Verzückung von der Bahre auf, er wollte dem fernen Bilde entgegeneilen. Er schwankte ein paar Schritte vorwärts – dann brach er ohnmächtig zusammen.

Die Bauern glaubten anfänglich, daß Birger tot sei. Aber das Leben kehrte zurück, und er lebte noch zwei Tage. Aber bis zu seiner Todesstunde lag er da und phantasierte von dem wahren Jerusalem. Er jammerte darüber, daß es sich immer weiter und weiter zurückziehe, je mehr er sich anstrenge, es zu erreichen, so daß weder er, noch irgendeiner von den andern dahingelangen könne.

Gottes heilige Stadt Jerusalem.

Es verhält sich wirklich so, daß nicht alle Menschen stark genug sind, um das Leben in Jerusalem aushalten zu können. Selbst wenn sie das Klima ertragen können und nicht von den Krankheiten angesteckt werden, so kann es doch geschehen, daß sie unterliegen. Die heilige Stadt macht sie schwermütig oder wahnsinnig, ja, sie kann sie geradezu umbringen. Man kann dort nicht zwei Wochen wohnen, ohne die Leute von diesem oder jenem, der plötzlich gestorben ist, sagen zu hören: »Den hat Jerusalem getötet.«

Wer das hört, kann nicht umhin, sich höchlich zu verwundern. »Wie kann das nur möglich sein?« fragt man sich selbst. »Wie kann eine Stadt töten? Die Menschen denken sich wohl nichts bei dem, was sie sagen.«

Und während man dann in Jerusalem hierhin und dorthin wandert, kann man sich nicht des Gedankens erwehren: »Ich möchte doch wohl wissen, was die Leute damit meinen, daß Jerusalem tötet. Ich möchte wirklich wissen, wo das Jerusalem ist, das den Menschen den Tod bringt.«

Es kann ja z. B. geschehen, daß man sich entschließt, eine Wanderung rund um Jerusalem zu unternehmen. Man geht dann durch das Jaffator, biegt dann links ab, vorüber an dem mächtigen, viereckigen Davidsturm, und setzt den Weg auf dem schmalen Pfade fort, der neben der Stadtmauer hinläuft, auf das Zionstor zu.

Hart unter der Mauer liegt eine türkische Kaserne, wo man Waffenlärm und kriegerische Musik vernimmt. Dann kommt man an dem großen armenischen Kloster vorüber, das ebenfalls eine Festung ist, mit starken Mauern und Toren mit Schlössern und Riegeln davor. Eine Strecke weiterhin stößt man auf das schwere, graue Gebäude, das Davidsgrab genannt wird, und wenn man das sieht, fällt einem plötzlich ein, daß man auf dem heiligen Zion steht, auf dem Berge der Könige.

Da kann man nicht umhin, zu denken, daß der Berg unter einem ein großes Gewölbe ist, in dem König David in seinem goldenen Mantel auf einem Thron von Feuer sitzt und noch heutzutage das Zepter über Jerusalem und Palästina führt. Man muß daran denken, daß die Mauerreste, die die Erde bedecken, Ruinen gefallener Königsburgen sind, daß der Berggipfel gerade vor ihnen, der Berg des Ärgernisses ist, auf dem Salomo sündigte, daß das Tal, in das man hinabsieht, das tiefe Tal Hinnom, einstmals bis an den Rand mit den Leichen der Menschen angefüllt war, die in Jerusalem getötet wurden, damals, als es von den Römern zerstört wurde.

Es ist ein ganz wunderliches Gefühl, dort zu gehen. Man meint Kriegslärm zu hören, große Heere ziehen zum Angriff gegen die Mauern, Könige kommen auf ihren Streitwagen dahergefahren. Dies ist das Jerusalem des Krieges und der Macht und der Gewaltherrschaft, denkt man, und man entsetzt sich bei dem Gedanken an all die Untaten und Schrecken, die sich vor dem Blick aufrollen.

Da kann es wohl geschehen, daß einem einen Augenblick der Gedanke kommt, ob dies wohl das Jerusalem sein sollte, das Menschen tötet. Aber im nächsten Augenblick zuckt man die Achseln und sagt: »Das ist unmöglich, es ist zu lange her, seit das klirrende Waffengetöse erklang und das rote Blut strömte.«

Und man wandert weiter.

Aber sobald man um die Ecke der Mauer gebogen ist, und den östlichen Teil der Stadt erreicht hat, begegnet einem ein ganz anderer Anblick. Jetzt gelangt man in den heiligen Stadtteil. Hier denkt man nur an die alten Hohenpriester und Tempeldiener. An der Mauer liegt der Klageplatz der Juden, wo die Rabbiner in langen, roten oder blauen Samtkaftanen stehen und über Gottes Strafgericht weinen. Hier erhebt sich der Berg Moria mit dem herrlichen Tempelplatz. Vor der Mauer fällt das Erdreich langsam ab, bis ins Tal Josaphat mit allen seinen Gräbern. Und auf der andern Seite des Tales sieht man Gethsemane und den Ölberg, von wo aus Christus gen Himmel fuhr. Und hier sieht man auch den Pfeiler in der Mauer, an dem Christus an dem Tage des jüngsten Gerichtes stehen und das eine Ende eines langen Fadens halten soll, der so fein ist wie ein Haar, während Mohammed auf dem Ölberg steht und das andere Ende festhält. Aber die Toten sollen gezwungen werden, auf diesem Faden durch das Tal Josaphat hinzuwandeln, und die Gerechten sollen auf die andere Seite des Tales gelangen, während die Ungerechten in das Feuer Gehennas hinabgestürzt werden.

Wenn man hier geht, denkt man: »Ja, dies ist das Jerusalem des Todes und des Gerichts, hier öffnen der Himmel und die Hölle ihre Pforten.«

Aber gleich darauf sagt man: »Nein, auch dies ist nicht das Jerusalem, das tötet. Die Posaunen des Gerichts sind weit entfernt, und das Feuer Gehennas brennt nicht mehr.«

Wieder setzt man seinen Weg an der Ringmauer entlang fort und erreicht schließlich die Nordseite der Stadt. Wo man jetzt geht, ist es einförmig, öde und einsam. Hier liegt der kahle Hügel, der möglicherweise das wirkliche Golgatha ist, hier liegt die Grotte, in der Jeremias seine Klagelieder dichtete. Hier findet man neben der Mauer den Teich Bethesda, hier schlingt sich die Via Dolorosa unter düsteren Halbbögen hin. Hier ist das Jerusalem der Trostlosigkeit, des Leidens, der Qual und der Versöhnung.

Man steht einen Augenblick still und starrt grübelnd diese strenge, ernste Finsternis an. Aber auch dies ist nicht das Jerusalem, das Menschen tötet, denkt man, und wandert weiter. Geht man dann aber nach Nordwesten und Westen weiter, welch eine Veränderung! Hier in dem neuen Teil der Stadt, die außerhalb der Mauern emporgeschossen ist, erheben sich die stattlichen Missionspaläste und die großen Hotels. Hier liegt der umfangreiche Häuserbezirk der Russen, die Kirche und das Krankenhaus und das ungeheure Gasthaus, das zwanzigtausend Pilgern Obdach gewährt. Hier liegen die eleganten Villen des Konsuls und des Priesters, hier wandern Pilger zwischen Läden umher, in denen lauter heilige Sachen verkauft werden. Hier findet man Anlagen und helle, breite Straßen, hier fahren Wagen, hier liegen Banken und Reisebureaus.

Auf der anderen Seite breiten sich die ansehnlichen jüdischen und deutschen landwirtschaftlichen Kolonien aus, die großen Klöster, die mannigfaltigen Wohltätigkeitsanstalten. Hier wimmelt es von Mönchen und Nonnen, von Krankenpflegerinnen und Diakonissen, von Popen und Missionaren. Hier wohnen Gelehrte, die die Vergangenheit Jerusalems studieren, und alte englische Damen, die nirgends anders leben können.

Hier findet man die prächtigen Missionsschulen, die ihren Schülern unentgeltlichen Unterricht, Wohnung, Kost und Kleidung geben, um Gelegenheit zu haben, ihre Seelen zu gewinnen; hier liegen die Missionshospitäler, wo man die Kranken anfleht, zu kommen und sich pflegen zu lassen, um sie bekehren zu können. Hier werden Gottesdienste und Gebetsversammlungen abgehalten, in denen man um Seelen kämpft.

Hier redet der Katholik schlecht von dem Protestanten, der Methodist von dem Quäker, der Lutheraner von dem Reformierten, der Russe von dem Armenier. Hier schleicht der Neid umher, hier sieht der Schwärmer den Wundertäter scheel an, hier streitet der Orthodore mit dem Ketzer, hier wird keine Barmherzigkeit geübt, hier haßt man zu Gottes Ehren seine Mitmenschen. Und hier findet man das, was man sucht. Hier ist das Jerusalem der Seelenjagd, hier ist das Jerusalem der bösen Zungen, das Jerusalem der Lügen, der Verleumdung und Lästerung. Hier verfolgt man, ohne zu ermüden, hier mordet man ohne Waffen. Dies ist das Jerusalem, das Menschen tötet.

Von dem Tage an, wo die schwedischen Brüder in die heilige Stadt gekommen waren, spürten alle Mitglieder der Gordonkolonie eine große Veränderung in der Art und Weise, wie sich die Leute gegen sie benahmen.

Zu Anfang waren es nur Kleinigkeiten. Es war nur z. B., daß der englische Methodistenprediger es vermied, sie zu grüßen, oder daß die frommen Zionschwestern, die im Kloster am Ecce-Homo-Bogen wohnten, auf die andere Seite der Straße hinüberschlichen, wenn sie ihnen begegneten, als fürchteten sie, von etwas Bösem angesteckt zu werden, wenn sie in ihre Nähe kamen.

Es fiel keinem der Kolonisten ein, sich dies zu Herzen zu nehmen, es focht sie auch nicht weiter an, daß einige reisende Amerikaner, die die Kolonie besucht und einen ganzen Abend bei ihnen gesessen und mit ihren Landsleuten geplaudert hatten, am nächsten Tag nicht wieder kamen, wie sie verabredet hatten, und Mrs. Gordon und Miß Joung, als sie ihnen später auf der Straße begegneten, nicht wieder zu erkennen schienen.

Eine ernstere Sache aber war es, daß, als die jungen Frauen von der Kolonie in einen der großen Läden am Jaffator kamen, die griechischen Kaufleute sich erlaubten, ihnen Worte zuzurufen, die sie freilich nicht verstanden, die aber in einem Ton und mit einer Miene gesagt wurden, daß ihnen die Schamröte in die Wangen trieb.

Die Kolonisten wollten sich gern überreden, daß dies nur auf einem Zufall beruhe. »Man hat dort oben in den christlichen Stadtteilen vielleicht eine Verleumdung über uns verbreitet«, sagten sie. »Aber das wird sich schon geben.« Die alten Gordonisten erinnerten sich, daß schon mehrmals böse Gerüchte über sie im Umlauf gewesen waren. Man hatte von ihnen gesagt, daß sie ihren Kindern keine ordentliche Erziehung zuteil werden ließen, daß sie auf Kosten einer alten, reichen Witwe lebten und sie vollständig ausplünderten, daß sie ihre Kranken ohne Pflege daliegen und sterben ließen, weil sie Gott nicht in die Zügel greifen wollten, daß sie ein Leben in Üppigkeit und Trägheit führten, daß sie sich aber den Anschein geben, als arbeiteten sie daran, das wahre Christentum einzuführen.

»Etwas von all diesem wiederholt sich jetzt«, sagten sie. »Aber die Verleumdung wird hinsterben, wie sie es das letztemal getan hat, weil sie kein Körnchen Wahrheit enthält.«

Da aber geschah es, daß die bethlehemitische Frau, die jeden Tag kam und ihnen Obst und Gemüse verkaufte, plötzlich wegblieb. Sie suchten sie auf, um sie zu bewegen, wiederzukommen, aber sie erklärte ganz bestimmt, daß sie ihnen nie wieder Kräuter oder Bohnen verkaufen werde.

Das war ein deutliches Zeichen. Sie begriffen jetzt, daß etwas Ehrenrühriges über sie erzählt wurde, es war etwas, das ihnen allen galt, und es war in allen Volksschichten ausgebreitet.

Es währte nicht lange, bis sie eine neue Bestätigung erhielten. Einige von den Schweden standen eines Tages in der heiligen Grabeskirche, als eine Schar russischer Pilgrime dahinein kam. Die gutmütigen Russen lächelten und nickten ihnen zu; sie konnten sehen, daß sie Bauern waren, gerade so wie sie selbst. Aber im selben Augenblick kam ein griechischer Priester vorüber, und er sagte ein paar Worte zu den Pilgern. Augenblicklich bekreuzigten sich diese und drohten den Schweden mit geballten Fäusten; es sah so aus, als wollten sie sie aus der Kirche hinausjagen.

Ganz in der Nähe von Jerusalem liegt eine Kolonie deutscher Bauern, die Sektierer sind. Schon vor vielen Jahren sind sie in das heilige Land gezogen. Daheim in ihrem Vaterlande wie auch hier in Palästina sind sie Gegenstand vieler Verfolgungen gewesen. Man hatte versucht, sie gänzlich auszurotten. Trotz alledem war es ihnen so gut ergangen, daß sie jetzt große, prächtige Kolonien in Caifa und ganz Jaffa besaßen, außer denen, die sie in Jerusalem selbst angelegt hatten.

Einer von diesen Deutschen kam eines Tages zu Mrs. Gordon und sagte ihr ganz aufrichtig, er habe böse Gerüchte über sie und ihre Leute gehört. »Die Missionare da drüben«, sagte er und zeigte nach dem westlichen Teil der Stadt hinüber, »verleumden Euch. Hätte ich es nicht selbst erfahren, daß man ganz unschuldig an dem sein kann, weswegen man verfolgt wird, so würde ich Euch weder Fleisch noch Milch verkaufen. Aber ich verstehe ja, daß sie es nicht haben ertragen können, mitanzusehen, daß Ihr in der letzten Zeit so viele Anhänger gewonnen habt.«

Mrs. Gordon fragte, wessen man sie denn beschuldige.

»Sie sagen von Euch, daß Ihr ein lasterhaftes Leben hier in der Kolonie führt. Ihr gestattet Euren Leuten nicht, in den Stand der heiligen Ehe zu treten, wie Gott es befohlen hat, deswegen behauptet man, daß bei Euch nicht alles so zugeht, wie es zugehen sollte.«

Die Kolonisten wollten ihm anfänglich nicht glauben. Aber sie merkten bald, daß er die Wahrheit geredet hatte, und daß alle Menschen in Jerusalem von ihnen glaubten, daß sie einen schändlichen Lebenswandel führten. Keiner von den Christen in Jerusalem wollte etwas mit ihnen zu schaffen haben. In den Gasthäusern wurden die Reisenden gewarnt, sie zu besuchen. Einige von den Fremden wagten sich freilich hin und wieder noch nach der Kolonie hinaus. Wenn sie von dort zurückkehrten, schüttelten sie geheimnisvoll den Kopf und sagten, sie hätten nichts Anstößiges bemerkt; aber sie meinten allerdings, es könne ja allerlei dort betrieben werden, was man nicht zu sehen bekomme.

Die Amerikaner, von dem Konsul bis herab zu der geringsten Krankenpflegerin, waren am allergehässigsten gegen die Gordonisten. »Es ist eine Schande für uns alle, daß es Amerikaner sind,« sagten sie, »daß solche Menschen nicht aus Jerusalem hinausgejagt werden können.«

Die Kolonisten waren natürlich klug genug, um sich selbst zu sagen, daß hierbei nichts zu machen sei, daß sie die Leute reden lassen mußten. Ihre Widersacher würden wohl einsehen, daß sie unrecht hatten. »Wir können doch nicht von Haus zu Haus gehen und erzählen, daß wir unschuldig sind«, sagten sie. Sie trösteten sich damit, daß sie ja einander hatten, und daß sie einig und glücklich seien. »Die Armen und die Kranken in Jerusalem haben noch nicht angefangen uns zu scheuen«, sagten sie. »Wir müssen dies vorüberziehen lassen; es ist eine Prüfung, die Gott uns schickt.«

Gleich im Anfang ertrugen alle Schweden die häßlichen Verleumdungen mit großer Ruhe. »Sind sie hier draußen so verblendet,« sagten sie, »daß sie glauben, wir armen Bauern haben gerade diese Stadt aufgesucht, in der unser Heiland starb, um ein schändliches Leben zu führen, dann ist ihr Urteil nicht viel wert, und dann ist es ganz gleichgültig, was sie meinen.«

Und als die Leute fortfuhren, sie mit Verachtung zu behandeln, war es ihnen eine Freude, zu denken, daß Gott sie würdig erachtete, Verfolgung und Verhöhnung in derselben Stadt zu erleiden, wo man Christus verspottet und gekreuzigt hatte.

Aber als es Oktober geworden war, kam eines Tages ein Brief an des Gemeindevorstehers Gunhild. Er war von ihrem Vater. Er schrieb, um ihr zu erzählen, daß ihre Mutter gestorben sei. Der Vater machte ihr keine Vorwürfe, er schrieb nur von der Krankheit und dem Begräbnis. Man konnte wohl merken, daß der alte Gemeindevorsteher bei sich gedacht hatte: »Ich will ihr schonend schreiben, sie wird ohnedies schon unglücklich sein.«

Er hatte den ganzen Brief in derselben milden Gemütsstimmung geschrieben, bis er seinen Namen darunterschrieb. Aber da hatte der zurückgehaltene Zorn ihn plötzlich übermannt. Er hatte die Feder schnell und tief in das Tintenfaß getaucht, und mit großen, eckigen Buchstaben hatte er ganz unten an den Rand des Briefes geschrieben:

»Deine Mutter hätte den Kummer über Deine Abreise vielleicht überwinden können, aber sie nahm ihren Tod über das, was im Missionsblatt stand, daß Ihr da drüben in Jerusalem ein schändliches Leben führtet. So etwas hatte niemand hier erwartet, weder von Dir noch von denen, in deren Gesellschaft du fortgereist bist.«

Gunhild steckte den Brief in die Tasche; sie ging den ganzen Tag damit herum, ohne mit jemand darüber zu reden.

Sie zweifelte nicht daran, daß der Vater die Wahrheit geschrieben hatte in bezug auf das, was den Tod der Mutter verursacht hatte. Die Eltern waren immer sehr ehrliebend gewesen und sehr genau in bezug auf ihren guten Ruf. Sie hatte auch etwas davon, niemand in der ganzen Kolonie hatte so sehr darunter gelitten, Gegenstand der Verachtung zu sein. Ihr half es nichts, daß sie selbst wußte, sie war unschuldig; sie fühlte sich doch beschimpft, und es war ihr, als könne sie sich nicht unter Menschen sehen lassen. Schon seit langer Zeit hatte sie sich gegrämt und sich von den bösen Zungen gepeinigt gefühlt, wie von brennenden Wunden. Und nun hatten sie ihrer Mutter das Leben genommen.

Gertrud und Gunhild bewohnten dasselbe Zimmer. Sie waren immer die besten Freundinnen gewesen; aber Gunhild sprach nicht einmal mit Gertrud über das, was der Vater ihr geschrieben hatte. Sie fand es unrecht, Gertruds Freude zu stören, die sie darüber empfand, hier in Jerusalem zu sein, wo alles mögliche ihr die Erinnerung an ihren Heiland nahe brachte.

Aber den ganzen Tag hindurch nahm Gunhild den Brief wieder und wieder hervor. Sie wagte nicht, ihn zu lesen; nur wenn sie ihn ansah, zog sich schon ihr Herz zusammen in beißendem Kummer. »Ach, könnte ich doch sterben,« dachte sie, »ich werde ja nie wieder glücklich. Ach, könnte ich doch sterben!«

Sie saß da und betrachtete den Brief. Sie fühlte, daß er ein Gift enthielt, das sie töten würde. Sie hoffte nur, daß es schnell gehen und bald vorüber sein möge.

Am nächsten Tage kam Gunhild durch das Damaskustor gegangen. Sie war in der Stadt gewesen und wollte jetzt nach Hause, nach der Kolonie.

Es war ein außerordentlich warmer Tag, was gegen Ende Oktober, ehe der Herbstregen noch begonnen hat, häufig der Fall ist. Als Gunhild aus der finsteren Stadt herauskam, wo Häuser und Bögen Schutz gegen die Sonne gewährt hatten, war es ihr, als wenn der blendende Sonnenschein sie wie ein Stoß traf, und sie hatte die größte Lust, in den kühlen Schatten des Torgewölbes zurückzulaufen. Sie fand, daß der sonnenbeschienene Weg, der vor ihr lag, so unheimlich aussah. Es war, als solle man eine Schießbahn entlanggehen, in der die Soldaten nach der Scheibe schossen.

Gunhild wollte indessen um des bißchen Sonnenscheins willen nicht umkehren. Sie hatte freilich gehört, daß es gefährlich sein könne, aber sie glaubte nicht recht daran. Statt dessen tat sie, was man zu tun pflegt, wenn man in einen starken Regenschauer hinauskommt, sie zog den Kopf zwischen die Schultern, schob das Tuch, das sie um den Hals hatte, höher in den Nacken hinauf und eilte, so schnell sie konnte, vorwärts.

Während sie ging, hatte sie ein Gefühl, als wenn die Sonne mit einem Feuerbogen in der Hand dasäße und einen glühenden Pfeil nach dem andern auf sie abschösse, und daß sie die ganze Zeit nach ihr ziele. Die Sonne hatte gar nichts weiter zu tun, als sie als Zielscheibe zu betrachten. Das Feuer hagelte auf sie herab, und nicht nur vom Himmel herunter kam es. Alles um sie her glühte und stach sie in die Augen. Kleine, scharfe Pfeile kamen aus den Glimmerkörnern in den Steinen des Weges herausgeschossen. Die grünen Fensterscheiben eines Klosters, an dem sie vorüberkam, blitzten, so daß sie den Blick nicht dahin zu wenden wagte. Der stählerne Schlüssel in einer Tür sandte ihr einen kleinen, boshaften Strahl nach. Und ebenso die blanken Blätter einer Rizinuspflanze, die den Sommer nur deswegen überlebt zu haben schien, um hier zu stehen und sie zu peinigen.

Wohin sie auch den Blick wandte, am Himmel und auf der Erde schimmerte und glitzerte es. Es war eigentlich nicht die Hitze, die sie quälte, obwohl die stark genug war, sondern vielmehr das fürchterliche weiße Sonnenlicht, das hinter die Augen hineindrang, und das sich in das Gehirn hineinbrannte.

Gunhild fühlte sich so voll von Haß und Zorn gegen die Sonne wie ein armes, gejagtes Tier gegen den, der ihm nach dem Leben trachtet. Es überkam sie eine wunderliche Lust, umzukehren und ihrem Verfolger gerade ins Gesicht zu sehen. Lange widerstand sie, aber zuletzt wandte sie sich um und sah zum Himmel empor. Ja, da saß die Sonne oben wie eine große, blauweiße Flamme. Während Gunhild da hinaufsah, wurde der Himmel ganz schwarz, aber die Sonne kroch hinein, und es war ihr, als könne sie sehen, daß sie sich von ihrem Platz am Himmel loslöste und herabgefahren kam, um sie in den Nacken zu treffen und zu töten.

Gunhild stieß einen Schrei aus. Sie hielt die eine Hand empor, um den Nacken zu beschützen, und fing an zu laufen.

Als sie eine ganze Strecke auf dem Wege weitergelaufen war, wurde der weiße Kalkstaub in einer erstickenden Wolke um sie aufgewirbelt, und sie gewahrte einen großen Haufen Steine. Es waren die Ruinen eines eingestürzten Hauses. Sie eilte dorthin und war so glücklich, eine Öffnung zu finden, die in den Keller hinabführte.

Gunhild gelangte in ein kühles, wohltuendes Dunkel. Sie konnte nicht zwei Schritt vor sich sehen.

Sie stellte sich mit dem Rücken gegen den Eingang und ließ die Augen im Dunkeln ausruhen. Hier war nichts, was schimmerte, nichts, was glitzerte. Sie begriff jetzt, wie einem armen Fuchs zumute sein muß, wenn er in seine Höhle hineingeschlüpft ist, während die Jäger hinter ihm her sind. Jetzt standen die Hitze und der Staub und das Licht und der Sonnenschein wie gefoppte Jäger draußen vor ihrer Zufluchtsstätte. Die ganze Schar stand mit ihren glühenden Spießen da und wartete, sie aber war hier drinnen in Sicherheit.

Gunhild gewöhnte allmählich ihre Augen an die Dunkelheit; sie entdeckte einen Stein und setzte sich darauf, um zu warten. Sie glaubte, sie würde sich wohl stundenlang nicht aus ihrer Höhle hinauswagen dürfen. Nicht, ehe die Sonne so weit im Westen gesunken war, daß sie ihre Macht am Himmel verloren hatte.

Aber sie hatte nur eine ganz kurze Zeit da drinnen in der Dunkelheit gesessen, als tausend Sonnen vor ihren Augen zu sprühen begannen und in ihrem armen, erhitzten Gehirn alles herumwirbelte. Ein heftiger Schwindel ergriff sie, es war ihr, als drehten sich die Winde des Kellers in einem unaufhörlichen Rundtanz. Ihr war so schwindlig, daß sie sich an die Wand lehnen mußte, um nicht zu fallen.

»Ach Gott, auch hier drinnen werde ich verfolgt!« rief sie aus.

»Ich muß wohl etwas Böses getan haben, da die Sonne mich nicht mehr sehen mag«, fuhr sie fort.

Im selben Augenblick fiel ihr der Brief ein und der Tod der Mutter, und ihr großer Kummer und ihr Wunsch zu sterben. Das alles war ganz aus ihren Gedanken entschwunden gewesen, während sie sich in wirklicher Lebensgefahr befunden hatte; da hatte sie nur daran gedacht, sich zu retten.

Schnell holte sie den Brief hervor, öffnete ihn und trat an den Eingang, um ihn lesen zu können. Ja – da standen die Worte, genau so, wie sie sie in der Erinnerung hatte, und sie stöhnte.

Aber gleich darauf kam ein Gedanke, der ihr beruhigend und tröstend erschien.

»Verstehst du nicht, daß es Gottes Absicht ist, dich von dem Leben zu erlösen?«

Dies erschien ihr so schön und eine große Gnade von Gott. Sie konnte es sich selbst nicht recht klarmachen, denn sie war nicht ganz bei Besinnung. Der Schwindel war wiedergekehrt, der ganze Keller drehte sich rund herum. Oben über ihrem einen Auge tanzte ein glitzernder Feuerstrahl.

Aber sie hielt doch fest an dem Gedanken, daß Gott ihr anbot, aus dem Leben zu scheiden und zu ihrer Mutter im Himmel hinaufzukommen und all ihrem Kummer zu entrinnen.

Sie erhob sich, faltete erst die Hände im Nacken, zog sie aber wieder zurück und ging dann in den Sonnenschein hinaus, ganz ruhig, als ginge sie in einer Kirche durch den Mittelgang.

Sie war jetzt etwas abgekühlt, und gleich als sie hinauskam, spürte sie nichts von Jägern oder Spießen oder glühenden Pfeilen.

Aber sie hatte nur wenige Schritte gemacht, als es alles wieder über sie herfiel, als wenn es sich aus einem Hinterhalt auf sie losstürze. Alles auf der Erde schimmerte und glitzerte, und die Sonne kam sausend hinter ihr drein wie ein scharfer Feuerfunke und traf sie im Nacken.

Sie machte noch ein paar Schritte. Dann stürzte sie zu Boden, wie vom Blitz getroffen.

Leute aus der Kolonie fanden sie einige Stunden später. Sie lag da, die eine Hand gegen das Herz gepreßt, die andere war ausgestreckt und umklammerte den Brief, wie um zu zeigen, was sie getötet hatte.

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9783754175651
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