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Selma Lagerlöf
Die Löwenskölds
Romantrilogie

Der Ring des Generals

Charlotte Löwensköld

Anna, das Mädchen aus Dalarne

Deutsch von Marie Franzos

und Pauline Klaiber-Gottschau

Saga

Der Ring des Generals

Erstes Kapitel

Wohl weiß ich, daß es schon in früheren Zeiten viele Leute gegeben hat, die nicht wußten, was Gruseln heißt. Auch habe ich von einer ganzen Menge Leute gehört, denen es Spaß machte, über hauchdünnes Eis zu wandern, und die kein größeres Vergnügen kannten, als durchgängerische Pferde zu lenken. Ja, es hat sogar den oder jenen gegeben, der nicht davor zurückschreckte, mit dem Fahnenjunker Ahlegård Karten zu spielen, obgleich man wohl wußte, welche merkwürdigen Kunststücke er mit den Karten machte, so daß er immer gewinnen mußte. Ich kenne überdies einige unerschrockene Gesellen, die sich nicht davor fürchteten, am Freitag eine Reise anzutreten oder sich an einen Mittagstisch zu setzen, der für dreizehn Personen gedeckt war. Aber ich wüßte doch gern, ob einer von diesen allen den Mut gehabt hätte, sich den schrecklichen Ring an den Finger zu stecken, der dem alten General Löwensköld auf Hedeby gehört hatte.

Es war derselbe alte General, der den Löwenskölds Haus und Hof, Namen und Adel verschafft hatte; und solange noch irgendeins von ihnen auf Hedeby wohnte, hing sein Bildnis in dem großen Salon des oberen Stockwerks am Pfeiler zwischen den Fenstern. Es war ein großes Gemälde, das vom Fußboden bis zur Decke reichte, und beim ersten Blick darauf meinte man, es sei Karl XII. in höchsteigener Person, der da im blauen Rock, große Sämischlederhandschuhe an den Händen, die Beine in den ungeheuren Stulpstiefeln fest auf den schachbrettartigen Boden gestellt, vor einem stand. Wenn man aber näher trat, da sah man allerdings, daß es ein Mann von ganz anderem Schlag war.

Ein großes, grobes Bauerngesicht stand über dem Rockkragen. Der Mann auf dem Gemälde schien dazu geboren zu sein, sein Leben lang hinter dem Pflug herzugehn. Bei all seiner Häßlichkeit sah er aber doch wie ein kluger, zuverlässiger, prächtiger Mensch aus. Wenn er in unserer Zeit das Licht der Welt erblickt hätte, wäre er mindestens Schöffe oder Bürgermeister geworden, ja wer weiß, ob er nicht gar in den Reichstag gewählt worden wäre. Da er aber in den Tagen des großen Heldenkönigs gelebt hatte, so war er als armer Soldat in den Krieg gezogen, als der berühmte General Löwensköld zurückgekehrt und hatte von der Krone zum Lohn für seine Heldentaten das Rittergut Hedeby in dem Kirchspiel Bro bekommen. Immerhin, je länger man das Bild betrachtete, desto mehr versöhnte man sich mit seinem Aussehn. Man meinte dann zu verstehen, daß die Krieger, die unter König Karls Befehl gestanden und ihm eine Furche durch Polen und Rußland gepflügt hatten, so gewesen sein mußten. Nicht nur Abenteurer und Hofkavaliere hatten sich ihm angeschlossen, sondern gerade auch solche einfachen ernsten Männer, wie dieser hier auf dem Gemälde, hatten ihn geliebt und in ihm einen König gesehen, für den es wohl wert war, zu leben und zu sterben.

Wenn man das Konterfei des alten Generals betrachtete, war stets einer von den Löwenskölds bei der Hand, einen darauf aufmerksam zu machen, daß es durchaus kein Zeichen der Eitelkeit von dem General gewesen sei, wenn er den Handschuh von der linken Hand so weit abgestreift hatte, daß der große Siegelring, den er am Zeigefinger trug, auf dem Bilde zu sehen war. Diesen Ring hatte er vom König erhalten – für ihn gab es nur einen König –, und der Ring war mit auf das Gemälde gekommen, um zu zeigen, daß Bengt Löwensköld seinem Herrn treu war. Er hatte ja viele bittre Schmähreden über den Herrscher hören müssen; man hatte sich sogar erfrecht, zu behaupten, der König habe durch Unverstand und Übermut das Reich bis an den Rand des Untergangs gebracht; der General aber hielt jedenfalls unbedingt an ihm fest. Denn König Karl war ein Mann, wie die Welt noch nie einen gesehen hatte. Und wer je in seiner Nähe hatte leben dürfen, dem war vollkommen klargeworden, daß es schönere und höhere Dinge gibt, für die man kämpfen kann, als Ehre und Erfolg in dieser Welt.

Genauso, wie Bengt Löwensköld den Königsring auf dem Bild hatte haben wollen, hatte er auch im Grabe noch bei ihm sein sollen. Aber auch dabei war keine Eitelkeit im Spiel gewesen. Es war nicht seine Absicht, damit zu prahlen, daß er den Ring eines großen Königs am Finger trug, wenn er vor Gott den Vater und die Erzengel hinträte; aber er hoffte vielleicht auf etwas andres: Wenn er da in den Saal einginge, wo Karl XII. mit allen seinen »Haudegen« um sich her versammelt war, würde der Ring ein Erkennungszeichen sein, und er dürfte auch nach seinem Tode in der Nähe des Mannes weilen, dem er sein Leben lang gedient und den er so hoch verehrt hatte.

Als der Sarg des Generals in die gemauerte Grabkammer gestellt wurde, die er sich auf dem Broer Kirchhof hatte herrichten lassen, steckte der Königsring noch an dem Zeigefinger seiner linken Hand. Unter den Anwesenden waren freilich viele, die es bedauerten, daß ein solches Kleinod einem toten Mann ins Grab folgen sollte; denn der Ring des Generals war fast so bekannt und berühmt wie der General selbst. Man erzählte, der Ring umfasse so viel Gold, daß es zum Ankauf eines Hofgutes reichen würde, und der rote Karneol, in den der Namenszug des Königs eingraviert war, sei auch nicht weniger wert. Man rechnete es den Söhnen hoch an, daß sie sich dem Wunsche des Vaters nicht widersetzt, sondern ihn das kostbare Stück hatten behalten lassen.

Wenn nun der Ring des Generals in Wirklichkeit so aussah, wie er auf dem Gemälde dargestellt war, dann war er ein häßliches, plumpes Ding, das heutzutage kaum irgend jemand am Finger tragen möchte; aber es ist sicher nicht daran zu zweifeln, daß er vor zweihundert Jahren ungeheuer hochgeschätzt wurde. Seht, man muß daran denken, wie es damals war: Mit nur ganz wenig Ausnahmen hatten alle Schmucksachen und alle Gefäße aus edlem Metall der Krone abgeliefert werden müssen; man hatte gegen Goertzens Taler und den Staatsbankrott zu kämpfen gehabt, und für sehr viele Menschen war Gold etwas gewesen, von dem sie reden hörten, das sie selbst aber niemals gesehen hatten. Und so kam es, daß die Leute den goldnen Ring nicht vergessen konnten, der zu niemandes Nutz und Frommen unter einen Sargdeckel gelegt worden war. Man hielt es fast für ein Unrecht, daß er dort lag. Der Ring hätte ja in fremden Ländern für teures Geld verkauft werden können und hätte dann vielen, die nichts zu brechen und zu beißen hatten als Häcksel und Baumrinde, ihr tägliches Brot geschafft.

Obgleich nun freilich viele gewünscht haben mochten, das kostbare Kleinod zu besitzen, war doch niemand darunter gewesen, der im Ernst daran gedacht hätte, es sich anzueignen. Der Ring lag in dem zugeschraubten Sarg in einem wieder vermauerten Grabkeller unter schweren Steinplatten, unerreichbar selbst für den kecksten Dieb, und man meinte, so müsse es bleiben bis an das Ende aller Tage.

Zweites Kapitel

Im Monat März des Jahres 1741 war der Generalmajor Bengt Löwensköld im Herrn entschlafen, und einige Monate später starb an der roten Ruhr ein kleines Töchterchen des Rittmeisters Gören Löwensköld, der als ältester Sohn des Generals nun auf Hedeby seinen Sitz hatte. An einem Sonntag gleich nach dem Gottesdienst wurde das Kind begraben, und alle Kirchenbesucher begleiteten den Leichenzug zu dem Löwensköldschen Grabe, wo die zwei gewaltigen Grabplatten schräg hochgestellt waren, und die Wölbung darunter war von einem Maurer aufgerissen worden, damit man den Sarg des kleinen Kindes neben den des Großvaters stellen könnte.

Während die Leute um das Grab versammelt waren und die Grabrede anhörten, konnte es wohl sein, daß der eine oder andere von ihnen mit Bedauern an den Königsring dachte, der hier, in einem Grabe verborgen, zu niemandes Nutz und Frommen lag. Es gab vielleicht auch einen oder den anderen, der seinem Nachbar zuflüsterte, jetzt wäre es vielleicht nicht ganz unmöglich, zu dem Ring zu kommen, da ja das Grab wahrscheinlich nicht vor dem nächsten Tag wieder zugemauert würde.

Unter den vielen, die an dem Grabe standen, war auch ein Bauer vom Mellomhof in Olsby, namens Bård Bårdsson. Er war durchaus keiner von denen, die sich des Ringes wegen hätten graue Haare wachsen lassen. Im Gegenteil! Wann immer jemand mit ihm von dem Ring gesprochen hatte, war seine Antwort stets gewesen: er habe einen recht schönen Hof und brauche den General nicht zu beneiden, selbst wenn dieser einen Scheffel Gold mit in seinen Sarg genommen hätte.

Als nun Bård Bårdsson da auf dem Kirchhof stand, stieg wie bei so vielen andern der Gedanke in ihm auf, wie merkwürdig es doch sei, daß das Grab geöffnet worden war. Er freute sich aber nicht darüber, sondern wurde ängstlich: »Der Rittmeister muß es wohl schon heute nachmittag wieder instand setzen lassen«, dachte er. »Es gibt viele, die es auf diesen Ring abgesehen haben.«

Dies war zwar etwas, was ihn gar nichts anging; aber woher es nun auch kommen mochte – der Gedanke, es könnte gefährlich sein, wenn das Grab über Nacht offen bliebe, beherrschte ihn immer mehr. Man stand im August, die Nächte waren dunkel, und wenn das Grab nicht schon heute abend geschlossen würde, dann könnte sich ein Dieb hineinschleichen und sich den Schatz aneignen.

Bård Bårdsson wurde schließlich von so großer Angst erfaßt, daß er sich schon überlegte, ob er nicht zu dem Rittmeister hingehen und ihn warnen sollte; aber er wußte ja, daß ihn die Leute für einfältig hielten, und so wollte er sich nicht zum Gespött machen. »Du hast freilich in dieser Sache ganz recht«, dachte er, »wenn du dich aber allzu geschäftig darin zeigst, wirst du nur ausgelacht. Der Rittmeister ist ein sehr kluger Mann und hat sicherlich schon dafür gesorgt, daß das Loch wieder zugemauert wird.«

Er war ganz in diese Gedanken versunken und merkte deshalb gar nicht, daß das Begräbnis zu Ende war, sondern blieb an dem Grab stehen und wäre wohl noch länger stehengeblieben, wenn nicht seine Frau herbeigekommen wäre und ihn am Ärmel gezupft hätte.

»Was hast du denn?« fragte sie. »Du starrst ja immerzu auf einen einzigen Fleck wie die Katze vor dem Mauseloch.«

Der Bauer zuckte zusammen, schlug die Augen auf, und siehe, er und seine Frau ganz allein waren noch auf dem Kirchhof. »Ach, es ist nichts«, antwortete er. »Es ging mir nur ein Gedanke im Kopf herum, und ich fragte mich ...«

Er hätte seiner Frau gern gesagt, was ihm durch den Kopf ging, aber er wußte ja, wie viel klüger sie war als er. Sie hätte seine Grübeleien für höchst überflüssig erklärt und gesagt: ob das Grab zugemacht oder offen bleiben würde, sei einzig und allein Sache des Rittmeisters Löwensköld und gehe sonst niemand etwas an.

Sie machten sich nun auf den Heimweg, und als Bård Bårdsson dem Kirchhof den Rücken gekehrt hatte, hätte er ja auch den Gedanken an das Grab los sein müssen; aber es war nicht so. Seine Frau redete von dem Begräbnis: von dem Sarg und den Trägern, von dem Trauergeleit und von der Grabrede, und er fügte ab und zu ein anderes Wort ein, um sie nicht merken zu lassen, wie wenig er davon wußte und gehört hatte; doch klang ihm gar bald die Stimme seiner Frau nur noch wie aus weiter Ferne. Sein Gehirn arbeitete an seinen Gedanken von vorher unablässig weiter. »Siehst du, heut ist es Sonntag«, dachte er, »und vielleicht will der Maurer an einem Ruhetag nicht zumachen. Aber dann könnte der Rittmeister dem Totengräber ja einen Taler geben und ihn die Nacht über an dem Grabe wachen lassen. Ach, wenn er doch nur auf diesen Gedanken käme!«

Auf einmal fing er an, laut vor sich hinzureden: »Ich hätte jedenfalls zum Rittmeister gehen sollen. Es hätte mir einerlei sein sollen, ob die Leute über mich lachten.«

Er hatte ganz vergessen, daß seine Frau neben ihm ging; aber er kam wieder zu sich, als sie plötzlich stehenblieb und ihn anstarrte.

»Es ist nichts«, sagte er, »mir geht nur der Gedanke von vorhin immer noch im Kopf herum.«

Darauf gingen sie zusammen weiter, und bald erreichten sie ihre eigene Wohnung.

Hier hoffte er, die unruhigen Gedanken loszuwerden, und das wäre wohl auch so gewesen, wenn er sich an irgendeine Arbeit hätte machen können; aber nun war es ja Sonntag. Als die Leute auf dem Mellomhof zu Mittag gegessen hatten, ging jeder seine eignen Wege. Bård Bårdsson blieb allein in der Stube sitzen, und sofort überfielen ihn die Grübeleien aufs neue. Nach einer Weile stand er von der Bank auf, ging hinaus und machte das Pferd bereit, in der Absicht, nach Hedeby zu reiten und mit dem Rittmeister zu reden. »Sonst wird der Ring doch noch heute nacht gestohlen«, dachte er.

Er kam aber doch nicht dazu, seinen Vorsatz auszuführen; dazu war er zu schüchtern. Dafür machte er sich nach dem Nachbarhof auf den Weg, um mit dem Bauer dort von seiner Unruhe zu reden. Er traf ihn nicht allein an, und wieder war er zu schüchtern zu einer Aussprache, und so kehrte er unverrichteter Dinge wieder nach Hause zurück.

Sobald die Sonne untergegangen war, legte er sich zu Bett und nahm sich vor, bis zum nächsten Morgen zu schlafen. Aber der Schlaf wollte sich nicht einstellen. Die Unruhe plagte ihn von neuem. Er drehte und wälzte sich im Bett hin und her.

Dadurch konnte seine Frau natürlich auch nicht schlafen, und nach einer guten Weile wollte sie wissen, warum er denn so unruhig sei.

»Es ist nichts«, antwortete er in seiner gewohnten Weise. »Es geht mir eben immer etwas im Kopf herum ...«

»Ja, das hast du heute schon mehrere Male gesagt«, entgegnete seine Frau; »aber ich meine, du solltest mir nun doch sagen, was es ist, das dich so beunruhigt. Du hast doch wohl nicht so gefährliche Dinge im Kopf, daß du sie mir nicht sagen könntest.«

Als Bård seine Frau so sprechen hörte, bildete er sich ein, er würde vielleicht schlafen können, wenn er ihrer Aufforderung nachkäme.

»Ach, ich überlege mir nur, ob das Grab des Generals wieder zugemauert worden ist«, sagte er, »oder ob es die ganze Nacht offensteht.«

Seine Frau begann zu lachen und erwiderte: »Gerade daran habe ich auch gedacht, und ich glaube, jedem der Leute, die mit in der Kirche waren, wird es wohl ebenso ergangen sein. Aber von so etwas wirst du dich doch nicht um den Schlaf bringen lassen?«

Bård war froh, daß seine Frau die Sache so leicht nahm. Er fühlte sich nun ruhiger und glaubte, er werde jetzt schlafen können.

Aber kaum hatte er sich wieder zurechtgelegt, als die Unruhe ihn von neuem überfiel. Von allen Seiten, von allen Häusern her sah er Schatten herangeschlichen kommen, die alle von derselben Absicht erfüllt waren: alle lenkten sie ihre Schritte nach dem Kirchhof mit dem offenen Grab.

Bård versuchte stillzuliegen, damit seine Frau schlafen könne; aber der Kopf schmerzte ihn, und der Schweiß brach ihm aus allen Poren. Er konnte es nicht lassen, sich unaufhörlich hin und her zu drehen.

Schließlich verlor die Frau die Geduld und sagte halb im Scherz: »Lieber Mann, ich glaube wirklich, es wäre klüger, du gingest auf den Kirchhof und sähest nach, wie es sich mit dem Grabe verhält, statt daß du dich hier im Bett von einer Seite auf die andere wirfst und keinen Schlaf finden kannst.«

Sie hatte kaum ausgesprochen, als der Mann auch schon aus dem Bett sprang und sich anzuziehen begann. Jawohl, seine Frau hatte ganz recht. Von Olsby bis zur Kirche von Bro brauchte man nur eine halbe Stunde. In einer Stunde konnte er wieder zurück sein, und dann würde er gewiß die ganze Nacht schlafen können. Doch kaum war er zur Tür hinaus, als die Frau sich sagte, es müßte für ihren Mann doch recht unheimlich sein, wenn er mutterseelenallein auf den Kirchhof ginge, und so sprang auch sie rasch heraus und zog ihre Kleider an.

Sie holte den Mann auf dem Hügel vor Olsby ein. Bård fing zu lachen an, als er sie kommen hörte.

»Kommst du mir nach, um zu sehen, ob ich nicht am Ende den Ring des Generals stehle?« sagte er.

»Ach, du meine Güte!« rief seine Frau. »An so etwas denkst du nicht, das weiß ich wohl. Ich habe mich nur aufgemacht, dir beizustehen, falls dir Kirchhofsgespenster zu schaffen machen sollten.«

Mit rüstigen Schritten wanderten sie dahin. Die Nacht war indessen hereingebrochen, und alles war bis auf einen schmalen Lichtstreifen am westlichen Himmel in tiefes Dunkel gehüllt; doch kannten die beiden den Weg ja genau. Sie unterhielten sich miteinander und waren guter Dinge; denn sie gingen ja nur auf den Kirchhof, um zu sehen, ob das Grab offen stände, damit Bård nicht mehr die ganze Nacht darüber nachgrübeln müßte.

»Mir kommt es ganz unglaublich vor, daß die drüben auf Hedeby den Ring nicht wieder eingemauert haben sollten – so tollkühn werden sie sicher nicht sein«, sagte Bård.

»Darüber werden wir ja nun bald Klarheit haben«, versetzte seine Frau. »Und wenn mich nicht alles täuscht, so ist das, was wir jetzt neben uns haben, die Kirchhofmauer.«

Der Mann blieb stehen. Er wunderte sich, wie fröhlich die Stimme seiner Frau klang. Es konnte doch wohl nicht möglich sein, daß sie bei dieser Wanderung eine andere Absicht haben sollte als er.

»Ehe wir in den Kirchhof hineingehen«, sagte Bård, »sollten wir uns darüber einigen, was wir tun wollen, falls wir das Grab offen finden.«

»Ob es nun zugemacht oder offen ist – ich wüßte nicht, was wir anders zu tun hätten, als wieder heimzugehen und uns ins Bett zu legen.«

»Ja, natürlich! Da hast du ganz recht«, erwiderte Bård und setzte sich wieder in Gang.

»Das Kirchhoftor wird wohl um diese Zeit nicht offenstehen, das kann man nicht erwarten«, sagte Bård gleich darauf.

»Das ist es sicher nicht«, erwiderte die Frau. »Wir müssen über die Mauer klettern, wenn wir den General besuchen und sehen wollen, wie es ihm geht.«

Der Mann wunderte sich wieder. Er hörte ein leichtes Gerassel von niederfallenden Steinchen, und gleich darauf sah er, wie die Gestalt seiner Frau vor dem hellen Streifen im Westen sichtbar wurde. Sie stand schon oben auf der Mauer, was übrigens kein Kunststück war, denn die Mauer war nur ein paar Fuß hoch; aber es war eben doch merkwürdig, wie eifrig sie sich zeigte, und daß sie nun sogar vor ihm die Mauer erstiegen hatte.

»Sieh hier! Nimm meine Hand, dann werde ich dir heraufhelfen«, sagte sie.

Gleich darauf hatten sie die Mauer hinter sich und gingen nun still und vorsichtig zwischen den kleinen Grabhügeln weiter.

Einmal strauchelte Bård über so ein Hügelchen und wäre fast gestürzt. Es war ihm beinah, als hätte ihm jemand ein Bein gestellt. Er erschrak heftig und zitterte an allen Gliedern, und dann sagte er ganz laut, damit alle Toten hörten, wie rechtschaffen er war: »Hier möchte ich nicht gehen, wenn ich in unrechter Absicht gekommen wäre.«

»Nein, wahrhaftig nicht«, erwiderte seine Frau. »Da hast du sehr recht. Aber weißt du, dort drüben ist schon das Grab.«

Ganz richtig, er konnte die schräg gestellten Grabplatten vom dunklen Nachthimmel undeutlich unterscheiden.

Gleich darauf waren sie am Grab selbst, und siehe da, es war offen. Das Loch in der Wölbung war noch nicht wieder zugemauert.

»Dies kommt mir sehr nachlässig vor«, sagte Bård. »Es ist ja fast wie eigens dazu eingerichtet, alle, die wissen, welch ein Schatz da drunten verborgen liegt, in die größte Versuchung zu führen.«

»Sie verlassen sich wohl darauf, daß sich niemand getraut, einem Toten etwas zuleide zu tun«, sagte die Frau.

»Es ist ja auch kein Spaß, sich in so eine Grabkammer hinunterzuwagen«, versetzte der Mann. »Hinunterzuspringen wäre zwar nicht schwer, aber dann säße man wohl da unten wie der Fuchs in der Falle.«

»Ich habe heute vormittag gesehen, daß sie eine kleine Leiter in das Grab gestellt hatten«, sagte die Frau. »Aber die müssen sie doch wenigstens weggenommen haben.«

»Da will ich doch gleich nachsehen«, sagte Bård und tastete sich zu dem offenen Grab hin. »Nein, denk dir nur!« rief er. »Das übersteigt doch alle Grenzen. Die Leiter steht noch da!«

»Das ist wirklich sehr fahrlässig«, sagte die Frau. »Aber weißt du, ich glaube, es ist nicht von großer Bedeutung, ob auch die Leiter stehengeblieben ist, denn der da drunten in der Tiefe kann das, was ihm gehört, schon verteidigen.«

»Wenn ich das nur gewiß wüßte«, sagte der Mann. »Vielleicht sollte ich doch wenigstens die Leiter wegstellen.«

»Ich glaube, wir sollten hier am Grab lieber gar nichts verändern«, meinte die Frau. »Es ist am besten, wenn der Totengräber morgen das Grab genauso vorfindet, wie er es verlassen hat.«

Sie standen eine Weile still vor dem Grab und starrten unentschlossen und ratlos in das schwarze Loch hinunter. Eigentlich hätten sie jetzt heimgehen sollen; aber irgend etwas Geheimes, etwas, was keiner von ihnen auszusprechen wagte, hielt sie zurück.

»Ja, natürlich könnte ich die Leiter stehen lassen«, sagte Bård schließlich, »wenn ich nur ganz sicher wüßte, daß der General die Macht hat, die Diebe festzuhalten.«

»Du kannst ja ins Grab hinuntersteigen, dann wirst du schon sehen, wieviel Macht er hat«, erwiderte seine Frau.

Es war, als hätte Bård nur auf diese Worte seiner Frau gewartet. Im nächsten Augenblick war er bei der Leiter und drunten in dem Grabgewölbe.

Kaum aber stand er auf dem steinernen Boden der Grabkammer, als er auch schon ein Knacken der Leiter hörte und merkte, daß seine Frau ihm nachkam.

»So, du kommst mir auch hierher nach«, sagte er.

»Ich habe es nicht gewagt, dich mit dem Toten hier unten allein zu lassen.«

»Ach, ich glaub’ gar nicht, daß er so gefährlich ist«, erwiderte er. »Ich spüre keine kalte Hand, die mir das Leben auspressen will.«

»Siehst du, er will uns wohl nichts zuleide tun«, sagte seine Frau. »Er weiß, wir denken nicht daran, den Ring zu stehlen; etwas andres wäre es freilich, wenn wir nur zum Scherz versuchen würden, den Sargdeckel abzuschrauben.«

Sofort tappte der Mann zum Sarg des Generals hin und tastete den Rand des Deckels ab. Er fand eine Schraube, die oben im Kopf ein kleines Kreuz hatte.

»Alles ist hier förmlich für einen Dieb wie zurechtgelegt«, sagte er, indem er begann, die Sargschrauben vorsichtig aufzudrehen.

»Spürst du nichts?« fragte seine Frau. »Merkst du nicht, ob sich unter dem Sargdeckel etwas bewegt?«

»Hier ist es still wie in einem Grab«, antwortete der Mann.

»Er glaubt wohl nicht, daß wir im Sinn haben, ihm das zu nehmen, was ihm sein teuerstes Gut ist«, sagte die Frau. »Etwas anderes wäre es, wenn wir den Sargdeckel abheben würden.«

»Ja, aber dabei mußt du mir helfen«, sagte der Mann. Sie hoben den Deckel in die Höhe, und jetzt war es ihnen nicht mehr möglich, ihrer Sehnsucht nach dem Schatz Einhalt zu gebieten. Sie lösten den Ring von der welken Hand, legten den Deckel wieder zurück, und ohne ein weiteres Wort schlichen sie aus dem Grab hinaus. Als sie dann über den Kirchhof zurückgingen, nahmen sie sich bei der Hand, und erst als sie über die niedere Steinmauer geklettert waren und auf dem Weg standen, wagten sie wieder zu sprechen.

»Jetzt fange ich an zu glauben«, sagte die Frau, »daß er es so haben wollte. Er hat wohl begriffen, daß es unrecht von einem Toten ist, ein solches Kleinod für sich zu behalten, und deshalb hat er es uns gutwillig gegeben.«

Der Mann brach in lautes Gelächter aus. »Ja, du bist gut«, sagte er. »Nein, das kannst du mir nicht weismachen, daß er es uns gutwillig gelassen habe. Er hatte eben nicht die Macht, uns daran zu hindern.«

»Weißt du«, sagte seine Frau, »heute nacht bist du wirklich sehr tapfer gewesen. Es gibt gewiß nicht viele, die sich in das Grab zum General hinuntergewagt hätten.«

»Ich habe nicht das Gefühl, daß ich etwas Unrechtes getan hätte«, sagte der Mann. »Von einem Lebenden habe ich nie auch nur einen Taler genommen; aber was könnte es schaden, einem Toten das zu nehmen, was er nicht mehr braucht?«

Während sie so dahingingen, fühlten sie sich stolz und wohlgemut. Sie wunderten sich darüber, weil offenbar außer ihnen niemand auf diesen Gedanken gekommen war, und Bård sagte, er wolle, sobald sich nur eine Gelegenheit dazu biete, nach Norwegen fahren und den Ring dort verkaufen. Er meinte, er werde so viel Geld dafür bekommen, daß sie sich niemals mehr des Geldes wegen Sorgen zu machen brauchten.

»Aber«, sagte die Frau und blieb plötzlich stehen. »Was sehe ich denn? Bricht denn der Tag schon an? Es sieht dort im Osten so hell aus.«

»Nein, das kann noch nicht die Sonne sein«, entgegnete Bård. »Es muß irgendwo brennen, und es sieht aus, als sei es in der Olsbyer Gegend. Wenn es nicht ...«

Ein lauter Schreckensruf seiner Frau unterbrach ihn. »Bei uns brennt es!« schrie sie. »Der Mellomhof brennt! Der General hat ihn angezündet!«

Am Montagmorgen kam der Totengräber in größter Eile nach Hedeby, das ja ganz in der Nähe der Kirche liegt, um zu melden, daß sowohl er als auch der Maurer, der das Grab wieder zumauern wollte, der Ansicht seien, daß der Deckel auf dem Sarg des Generals schief liege und die Schilder und Sterne, die ihn schmückten, verschoben seien.

Augenblicklich wurde eine Untersuchung vorgenommen. Jawohl, man sah gleich, in der Grabkammer herrschte allerlei Unordnung. Die Schrauben des Sarges waren gelockert, und als man den Deckel aufhob, sah man auf den ersten Blick, was geschehen war. Der Königsring war nicht mehr an seinem Platz auf dem linken Zeigefinger des Generals.

Drittes Kapitel

Ich denke an Karl XII. und suche mir klarzumachen, wie man ihn liebte und fürchtete.

Denn ich weiß, einmal in den letzten Jahren seines Lebens kam er mitten unterm Gottesdienst in die Kirche zu Karlstadt.

Er war allein und unerwartet in die Stadt geritten, und da er wußte, daß eben Gottesdienst war, ließ er das Pferd vor der Kirchentür stehen und ging wie jeder andere den breiten Weg durch die Vorhalle in die Kirche hinein.

Sobald er eingetreten war, sah er jedoch den Prediger schon auf der Kanzel, und um ihn nicht zu stören, blieb er ruhig stehen. Er suchte sich nicht einmal einen Platz in einer Bank, sondern lehnte sich mit dem Rücken an den Türpfosten und hörte zu.

Obgleich er aber so unbemerkt hereingekommen war und sich unter dem Dunkel der Empore ganz ruhig verhielt, erkannte ihn doch jemand, der in der hintersten Bank saß. Es war vielleicht ein alter Soldat, der in den Feldzügen Arm und Bein verloren hatte und von Poltawa heimgeschickt worden war; der sagte sich nun, dieser Mann mit dem hinaufgekämmten Haar und der Hakennase müsse der König sein. Und in dem Augenblick, als er ihn erkannte, stand er von seinem Sitz auf. Die Nachbarn in der Bank werden sich wohl gewundert haben, warum er aufgestanden war, und da flüsterte er ihnen zu, der König sei in der Kirche. Und siehe, unwillkürlich standen nun alle in der Bank auch auf, wie es so Sitte war, wenn Gottes eigne Worte vom Altar oder von der Kanzel verlesen wurden.

Danach verbreitete sich die Neuigkeit von Bank zu Bank, und alle Menschen, ob jung oder alt, reich oder arm, der Schwache wie der Gesunde, alle miteinander erhoben sich.

Dies geschah, wie gesagt, in einem der letzten Lebensjahre des Königs Karl, als die Sorgen und Mißerfolge schon angefangen hatten und es vielleicht in der ganzen Kirche nicht einen Menschen gab, der nicht durch des Königs Schuld lieber Anverwandter beraubt worden war und sein Vermögen eingebüßt hatte. Und wenn einer zufällig für sich selbst nichts zu beklagen hatte, so brauchte er ja nur daran zu denken, wie verarmt das ganze Land war, wie viele eroberte Landesteile verlorengegangen waren und wie das ganze Reich von Feinden umzingelt war.

Aber doch, aber doch! Man brauchte nur jemand flüstern zu hören, daß der Mann, den man wieder und wieder verflucht hatte, hier drinnen im Gotteshaus stand, und schon erhob man sich von seinem Sitz.

Und man blieb auch stehen. Niemand dachte daran, sich wieder zu setzen. Das konnte man nicht. Der König stand dort an der Kirchentür, und solange er stand, mußten die anderen auch stehen. Wenn sich jemand gesetzt hätte, wäre das ja Mißachtung gegen den König gewesen.

Die Predigt würde vielleicht lange dauern; aber das müßte man eben ertragen. Man wollte den, der dort unten an der Kirchentür stand, nicht im Stich lassen. Er war ja eigentlich ein Soldatenkönig, und er war es gewöhnt, daß seine Soldaten gern für ihn in den Tod gingen. In der Kirche hier war er aber von einfachen Bürgern und Handwerkern umgeben, von gewöhnlichen schwedischen Männern und Frauen, die nie auf ein »Stillgestanden!« gehört hatten. Und doch brauchte sich der König nur unter ihnen zu zeigen, und sie waren sofort in seiner Gewalt. Sie wären mit ihm gegangen, wohin er nur immer wollte, sie hätten ihm gegeben, was er sich nur wünschte, sie glaubten an ihn, sie beteten ihn an. In der ganzen Kirche dankten alle Gott für den Wundermann, der Schwedens König war. Wie gesagt, ich versuchte mich da hineinzudenken, um zu verstehen, wie die Liebe zu König Karl die Seele eines Menschen ganz ausfüllen konnte, wie sie sich in einem strengen alten Herzen so festsetzen konnte, daß alle Menschen erwarteten, die Liebe werde auch noch nach dem Tode fortbestehen. –

Wahrlich, nachdem es entdeckt worden war, daß jemand den Ring des Generals gestohlen hatte, verwunderte man sich im Kirchspiel Bro am meisten darüber, daß jemand den Mut zu dieser Tat hatte aufbringen können. Man glaubte, liebende Frauen, die mit dem Verlobungsring am Finger begraben worden waren, hätten die Diebe ohne Gefahr plündern können. Oder wenn eine Mutter mit einer Locke von dem Haar ihres Kindes zwischen ihren Händen im Todesschlummer gelegen hätte, dann hätte man sie ihr ohne Furcht entreißen können, oder wenn ein Pfarrer mit der Bibel als Kopfkissen in den Sarg gebettet worden wäre, dann hätte man sie wohl ohne Folgen für den Frevler rauben können. Aber den Ring König Karls XII. von dem Finger des toten Generals auf Hedeby zu rauben, das war ein Unterfangen – wie das ein von einem Weibe Geborener hatte wagen können, das konnte man durchaus nicht begreifen.

Natürlich wurden Nachforschungen angestellt; aber sie führten nicht zur Entdeckung der Schuldigen. Der Dieb war im Dunkel der Nacht gekommen und gegangen, ohne eine Spur zu hinterlassen, die einen Fingerzeig hätte geben können.

Und hierüber wunderte man sich wiederum. Man hatte ja von Verstorbenen gehört, die Nacht für Nacht umgegangen waren, den Täter eines viel geringeren Verbrechens anzugeben.

Als man aber schließlich hörte, der General überlasse den Ring keineswegs seinem Schicksal, sondern er kämpfe um seine Wiedergewinnung mit derselben grimmigen Unbarmherzigkeit, die er an den Tag gelegt hätte, wenn ihm der Ring zu seinen Lebzeiten gestohlen worden wäre, da zeigte sich deswegen kein Mensch überrascht oder bestürzt. Niemand hegte irgendeinen Zweifel daran, denn das war es ja gerade, was man erwartet hatte.

Viertes Kapitel

Als der Ring des Generals schon mehrere Jahre verschwunden war, wurde der Propst von Bro eines Tages zu einem armen Bauern, namens Bård Bårdsson, auf die Olsbyalm gerufen, der im Sterben lag und vor seinem Tode noch mit dem Herrn Propst selber sprechen wollte. Der Propst war ein älterer Mann, und als er hörte, es handle sich um den Besuch bei einem Kranken, der meilenweit weg in einem pfadlosen Wald wohnte, schlug er vor, an seiner Stelle den Hilfsgeistlichen zu schicken; aber die Tochter des Sterbenden, die mit dem Ansuchen gekommen war, sagte sehr bestimmt, es müsse der Herr Propst selbst sein oder gar keiner. Der Vater ließe sagen, er habe etwas mitzuteilen, das nur der Herr Propst erfahren dürfe.

Als der Propst dies hörte, begann er in seinen Erinnerungen nachzuforschen. Bård Bårdsson war stets ein rechtschaffener Mann gewesen, zwar etwas einfältig, aber deshalb brauchte er sich doch auf seinem Sterbebett nicht zu ängstigen. Ja, nach Menschenweise gesehen, könnte der Propst sagen, er sei einer von denen, die eine Forderung an Gott zu stellen hätten. Während der letzten sieben Jahre war er von allen erdenklichen Leiden und Unglücksfällen heimgesucht worden. Sein Hof war ihm abgebrannt, das Vieh an Krankheiten eingegangen oder von wilden Tieren zerrissen worden, der Frost hatte seine Felder verheert, und er war zuletzt so arm wie Hiob geworden.

Schließlich war seine Frau über all das Unglück so verzweifelt gewesen, daß sie ins Wasser ging, und Bård selbst war auf eine Alm gezogen, die jetzt noch sein einziger Besitz war. Seit damals hatte weder er selbst sich in der Kirche blicken lassen noch seine Kinder. Im Pfarrhaus hatte man oft über das alles geredet und sich gefragt, ob die Leute wohl noch im Kirchspiel wohnten.

»Wenn ich deinen Vater recht kenne«, sagte der Propst, »hat er kein so schweres Verbrechen begangen, daß er es nicht dem Hilfsgeistlichen anvertrauen könnte.« Und dabei sah er Bård Bårdssons Tochter mit wohlwollendem Lächeln an.

Sie war ein vierzehnjähriges Mädel, aber groß und stark für ihr Alter. Ihr Gesicht war breit und hatte grobe Züge. Sie sah ein wenig einfältig aus wie der Vater auch, aber kindliche Unschuld und Aufrichtigkeit erhellten das Gesicht.

»Der hochwürdige Herr Propst hat doch wohl nicht Angst vor dem Starken Bengt und getraut sich deshalb nicht, zu uns zu kommen?« fragte sie.

»Was sagst du da, Kind?« entgegnete der Propst. »Wer ist denn dieser Starke Bengt, von dem du sprichst?«

»Ach, er ist es ja, der allein schuld daran ist, daß uns alles schiefgeht«, antwortete das Mädchen.

»Ach so«, versetzte der Propst, »ach so, es gibt also einen, der der Starke Bengt heißt?«

»Weiß denn der Herr Propst nicht, daß er den Mellomhof angezündet hat?«

»Nein, das hab ich noch nie gehört«, antwortete der Propst.

Zugleich aber stand er von seinem Stuhl auf und legte das Kirchenbuch und einen kleinen hölzernen Abendmahlskelch bereit, den er bei seinen Krankenbesuchen im Kirchspiel mitzunehmen pflegte.

»Er ist es auch gewesen, der meine Mutter ins Wasser gejagt hat.«

»Das war allerdings das Schlimmste von allem«, sagte der Propst. »Und lebt dieser Starke Bengt noch? Hast du ihn gesehen?«

»Nein, ich habe ihn nicht gesehen«, antwortete das Kind, »aber gewiß lebt er. Seinetwegen haben wir in den Wald und in die Einöde hinaufziehen müssen. Dort haben wir seither Ruhe vor ihm gehabt, bis zur vergangenen Woche; da hat Vater sich in den Fuß gehackt.«

»Und du meinst also, auch daran wäre der Starke Bengt schuld?« fragte der Propst mit der ruhigsten Stimme, während er zugleich die Tür öffnete und seinem Knecht zurief, er solle das Pferd satteln.

»Vater sagte, der Starke Bengt müsse die Axt verhext haben, sonst hätte er sich sicher nicht in den Fuß gehackt. Es war auch gar keine gefährliche Wunde; aber heute sagte der Vater, jetzt sei der kalte Brand in den Fuß gekommen. Er sagte, nun müsse er sterben, denn der Starke Bengt habe ihm jetzt den Garaus gemacht, und deshalb schickte er mich hierher in die Propstei, um den Herrn Propst zu bitten, er möchte selbst kommen, sobald es ihm nur möglich wäre.«

»Und ich werde auch kommen«, sagte der Propst. Er hatte, während er mit dem Mädchen sprach, den Reitermantel angezogen und den Hut aufgesetzt. »Ich kann aber durchaus nicht verstehen, warum dieser Starke Bengt deinem Vater so viel Böses antun sollte. Bård muß ihm wohl einmal etwas zuleid getan haben.«

»Ja, das leugnet Vater auch gar nicht«, erwiderte das Kind. »Aber er hat weder mir noch meinem Bruder je gesagt, worum es sich eigentlich handelt. Und ich glaube, das ist es, worüber er jetzt mit dem ehrwürdigen Herrn Propst reden will.«

»Ja, wenn es so ist«, sagte der Propst, »dann können wir nicht rasch genug zu ihm kommen.« Er hatte jetzt die Reithandschuhe angezogen und verließ mit dem Mädchen das Zimmer, um sich aufs Pferd zu setzen.

Während des ganzen Rittes zu der Alm hinauf sprach der Propst kaum ein Wort. Er dachte nur immerfort über das Merkwürdige nach, das ihm dieses Kind erzählt hatte. Er selbst war in seinem Leben nur mit einem Manne zusammengetroffen, den die Leute den Starken Bengt nannten. Aber es konnte ja sein, daß das Mädchen gar nicht von ihm, sondern von einem ganz andern Menschen gesprochen hatte.

Als er die Alm erreicht hatte, kam ihm ein junger Bursche entgegen. Es war Ingilbert, Bård Bårdssons Sohn. Er war ein paar Jahre älter als seine Schwester, hoch gewachsen wie sie und ihr auch in den Gesichtszügen ähnlich; aber er hatte tieferliegende Augen und sah nicht so freimütig und gutmütig aus wie sie.

»Das war eine weite Reise für den Herrn Propst«, sagte er, während er diesem vom Pferd half.

»O ja«, entgegnete der alte Mann, »aber es ist rascher gegangen, als ich gedacht hatte.«

»Eigentlich hätte ich den Herrn Propst holen sollen«, sagte Ingilbert; »ich bin aber noch spät am Abend beim Fischen draußen gewesen. Erst als ich vor kurzem heimkam, erfuhr ich, daß in Vaters Fuß der Brand ausgebrochen ist, und daß er nach dem Herrn Propst geschickt hat.«

»Märta hat ihre Sache so gut wie ein Mann gemacht«, sagte der Propst. »Alles ist gutgegangen. Aber wie steht es nun mit eurem Vater?«

»Er ist recht elend, aber bei klarem Bewußtsein, und er freute sich, als ich ihm sagte, daß der Herr Propst schon am Waldrand zu sehen sei.«

Der Propst ging nun zu Bård hinein, und die Geschwister setzten sich auf zwei breite Steinblöcke vor der Hütte und warteten. Sie fühlten sich feierlich gestimmt und redeten von ihrem Vater, der nun sterben würde. Sie sagten, er habe sich immer nur als gütiger Vater gezeigt. Aber glücklich sei er seit dem Tage, an dem der Mellomhof abbrannte, nie mehr gewesen, und so sei es wohl am besten, wenn er nun aus diesem Leben scheiden dürfe.

Da sagte die Schwester auf einmal, der Vater müsse doch etwas gehabt haben, was sein Gewissen schwer belaste.

»Er!« rief der Bruder. »Was sollte ihn denn bedrückt haben? Hat er denn gesagt, es sei da etwas, worüber er mit dem Propst vor seinem Tode noch reden wollte? Ich dachte, er hätte ihn nur rufen lassen, um das heilige Abendmahl zu empfangen.«

»Als er mich heute morgen fortschickte, sagte er, ich solle den Propst bitten, zu ihm zu kommen. Der Herr Propst sei der einzige Mensch auf dieser Welt, dem er seine große und schwere Sünde anvertrauen könnte.«

Ingilbert überlegte einen Augenblick, dann sagte er: »Das klingt ja sehr sonderbar. Ich möchte wissen, ob es nicht etwas sein kann, was er sich hier in der Einsamkeit eingebildet hat. Es ist gewiß damit, wie mit all dem andern, das er von dem Starken Bengt zu erzählen pflegt. Ich halte das alles nur für Einbildungen.«

»Gerade über den Starken Bengt wollte er mit dem Propst sprechen«, warf das Mädchen ein.

»Dann kannst du Gift darauf nehmen, daß alles miteinander Grillen sind«, erwiderte Ingilbert.

Damit stand er auf und trat an eine kleine Luke in der Wand der Almhütte, die offenstand, damit etwas Licht in die fensterlose Wohnstätte eindringe. Das Bett des Kranken stand ganz nah dabei, und so konnte Ingilbert alles, was der Vater sagte, verstehen; und der Sohn lauschte den Worten des Vaters ohne die geringsten Gewissensbisse. Vielleicht hatte er nicht einmal gehört, daß es unrecht sei, eine Beichte mit anzuhören. Jedenfalls hätte der Vater keine gefährlichen Geheimnisse zu enthüllen, davon war er fest überzeugt.

Nachdem Ingilbert eine Weile an der Luke gestanden hatte, ging er wieder zu seiner Schwester hin.

»Was habe ich gesagt?« begann er. »Der Vater erzählt gerade dem Propst, er und Mutter hätten dem alten General Löwensköld den Königsring gestohlen.«

»Ach, Gott erbarme sich!« rief die Schwester. »Sollen wir dem Propst nicht sagen, daß das eine Lüge ist und nur etwas, was er sich andichtet?«

»Jetzt können wir nichts tun«, versetzte Ingilbert. »Jetzt muß man ihn reden lassen, was er will. Wir können ja nachher mit dem Propst sprechen.«

Danach schlich er wieder an die Luke hin, um zu horchen. Und es dauerte lange, bis er aufs neue zu der Schwester trat.

»Jetzt sagt er, in derselben Nacht, da er und Mutter drunten in dem Grabe gewesen seien und den Ring gestohlen hätten, sei der Mellomhof abgebrannt. Und er glaubt, der General sei es gewesen, der das Haus angezündet hat.«

»Ach, das ist nur so eine Grille, das merkt man gleich«, sagte die Schwester. »Uns hat er ja gewiß Hunderte von Malen gesagt, der Starke Bengt habe den Mellomhof angezündet.«

Ingilbert stand schon wieder an seinem Horchposten, ehe sie ausgesprochen hatte. Er blieb lange dort stehen und horchte, und als er dann wieder zu der Schwester trat, war er beinahe aschgrau im Gesicht.

»Er sagt, der General sei es, der ihm all das Unglück geschickt habe, um ihn zu zwingen, den Ring zurückzugeben. Er sagt, Mutter habe Angst bekommen und gewollt, daß sie nach Hedeby gehen und dem Rittmeister den Ring zurückgeben sollten. Vater hätte ihr auch nur zu gern gehorcht, aber er habe es nicht gewagt, weil er meinte, sie würden dann alle beide gehängt werden, wenn sie mit dem Bekenntnis herausgerückt wären, daß sie einen Diebstahl an einem Toten verübt hatten. Und dann habe es Mutter nicht mehr aushalten können, und so sei sie hingegangen und habe sich ertränkt.«

Jetzt wurde auch die Schwester vor Entsetzen aschgrau im Gesicht.

»Aber«, sagte sie, »Vater hat doch immer gesagt, es sei ...«

»Ja, gewiß, gerade jetzt hat er dem Propst erklärt, er habe es nie gewagt, mit irgendeinem Menschen darüber zu sprechen, wer es gewesen wäre, der all das Unglück über ihn verhängt hätte. Nur zu uns Kindern, die nichts davon verstünden, habe er gesagt, es verfolge ihn einer, der der Starke Bengt genannt werde. Er sagte, die Bauersleute hätten den General immer den Starken Bengt genannt.«

Märta Bårdstochter sank auf dem Steinblock ganz in sich zusammen.

»Aber dann ist es ja wahr«, flüsterte sie so leise, wie wenn dies ihr letzter Atemzug wäre.

Sie sah sich nach allen Seiten um. Die Sennhütte stand am Ufer eines Waldweihers, und ringsum erhoben sich düstere bewaldete Bergrücken. Weit und breit war keine menschliche Behausung zu sehen, und es gab niemand, zu dem sie sich hätte flüchten können. Hier herrschte die große, undurchdringliche Einsamkeit.

Und es war ihr, als stünde dort im Dunkel unter den Bäumen der Tote auf der Lauer, neues Unglück über sie zu bringen.

Sie war noch ein solches Kind, daß sie die Schande und die Schmach, die die Eltern auf sich geladen hatten, gar nicht recht begreifen konnte; es war ihr, als würden sie alle von einem Gespenst verfolgt, einem unversöhnlichen allmächtigen Wesen aus dem Reich der Toten. Sie erwartete, dieses Gespenst vielleicht schon im nächsten Augenblick vor sich auftauchen zu sehen, und sie bekam solche Angst, daß ihre Zähne aufeinanderschlugen.

Sie dachte an den Vater, der nun seit sieben Jahren mit derselben Angst in der Seele herumgegangen war. Jetzt war sie vierzehn Jahre alt, und als der Mellomhof abbrannte, war sie sieben gewesen. Der Vater hatte also die ganze Zeit gewußt, daß der Tote auf der Jagd nach ihm gewesen war.

Nun durfte er sterben, und das war gut für ihn.

Ingilbert war wieder an der Luke gewesen, jetzt kam er aufs neue zu ihr zurück.

»Du glaubst es aber doch wohl nicht, Ingilbert?« fragte sie mit einem letzten Versuch, die Angst zu verscheuchen.

Aber siehe, Ingilberts Hände zitterten, und seine Augen waren starr vor Schrecken.

»Was soll ich glauben?« flüsterte Ingilbert. »Vater sagte, er habe mehrere Male nach Norwegen reisen wollen, um den Ring zu verkaufen; aber er habe nie fortkommen können. Das eine Mal wurde er krank, und das andere Mal brach das Pferd ein Bein, gerade als er vom Hof wegreiten wollte.«

»Was sagt der Propst?« fragte das Mädchen.

»Er fragte den Vater, warum er denn den Ring all die Jahre behalten habe, wenn es doch mit so großer Gefahr verknüpft gewesen sei, ihn zu besitzen. Vater aber antwortete, er habe geglaubt, der Rittmeister würde ihn hängen lassen, wenn er ihm seine Tat eingestände. Er habe keine Wahl gehabt, sondern sei gezwungen gewesen, den Ring zu behalten. Jetzt sei er aber am Sterben, und nun wolle er den Ring dem Propst übergeben, damit man ihn dem General in das Grab lege, wir Kinder aber von dem Fluch befreit würden und wieder ins Dorf hinunter ziehen könnten.«

»Ich bin froh, daß der Propst da ist«, sagte das Mädchen. »Was soll ich nur tun, wenn er wieder fort ist? Ich habe so große Angst. Mir ist, als stehe der General dort drüben unter den Fichten. Bedenke, er ist jeden Tag hier umhergegangen und hat uns bewacht! Und Vater hat ihn vielleicht gesehen.«

»Ich glaube auch, daß Vater ihn gesehen hat«, sagte Ingilbert.

Und wieder trat er an die Luke, um zu horchen. Als er zurückkam, hatte er einen andern Ausdruck in den Augen.

»Ich habe den Ring gesehen«, sagte er. »Vater hat ihn dem Propst übergeben. Er schimmert wie eine Feuerflamme. Er war rot und golden, und er leuchtete geradezu. Der Propst betrachtete ihn und sagte, er erkenne ihn wieder; es sei der Ring des Generals. Geh an die Luke hin, da kannst du ihn sehen.«

»Eher möchte ich eine Kreuzotter in meine Hand nehmen als diesen Ring sehen!« rief das Mädchen. »Du meinst doch nicht im Ernst, es sei schön, ihn anzusehen?«

Ingilbert schaute weg.

»Ich weiß, er hat uns zugrunde gerichtet«, sagte er; »aber er gefiel mir doch recht gut.«

Gerade als er dies sagte, ertönte die Stimme des Propstes stark und laut zu den beiden Geschwistern heraus. Bis jetzt hatte er immer den Kranken sprechen lassen. Jetzt war er an der Reihe.

Es war klar, der Propst konnte natürlich nicht auf all die wilden Reden von der Verfolgung durch einen Toten eingehen. Er versuchte, dem Bauern zu zeigen, daß es die Strafe Gottes war, die ihn treffen mußte, weil er das gräßliche Verbrechen begangen hatte, einen Toten zu bestehlen. Der Propst wollte durchaus nicht einräumen, der General habe die Macht gehabt, Feuersbrünste oder Krankheit über Menschen und Vieh zu verhängen. Nein, die Unglücksfälle, die Bård getroffen hätten, seien von Gott verhängt worden, um Bård noch bei Lebzeiten zur Reue und zur Rückgabe des gestohlenen Guts zu zwingen, damit seine Sünde ihm vergeben werde und er eines seligen Todes sterben könnte.

Der alte Bård Bårdsson lag ruhig da und hörte die Worte des Propstes an, ohne eine Einwendung zu machen. Zu überzeugen vermochten sie ihn aber wohl nicht. Er hatte zu viel Schreckliches erlebt, als daß er hätte glauben können, dies alles habe ihm Gott geschickt.

Und die jungen Menschenkinder draußen, die vor Gespensterfurcht und Geisterspuk zitterten, lebten nun wieder auf.

»Hörst du?« sagte Ingilbert und packte die Schwester heftig am Arm. »Der Propst sagt, es ist nicht der General gewesen.«

»Ja«, antwortete die Schwester. Sie saß mit gefalteten Händen da und sog jedes Wort, das der Propst sagte, tief in ihre Seele ein.

Ingilbert stand auf. Er atmete heftig und richtete sich gerade auf. Nun war er von seiner Angst befreit. Er sah wie ein andrer Mensch aus.

Eilig ging er auf die Haustür zu und trat ein.

»Was willst du?« fragte der Propst.

»Ich will ein paar Worte mit Vater reden.«

»Geh hinaus! Jetzt rede ich mit deinem Vater«, sagte der Propst streng.

Er wendete sich wieder Bård Bårdsson zu und redete bald recht streng, bald mild und erbarmungsvoll mit ihm.

Ingilbert setzte sich, die Hände vors Gesicht geschlagen, wieder auf den Steinblock. Aber eine große Unruhe hatte sich seiner bemächtigt. Er ging aufs neue in die Hütte hinein und wurde abermals fortgewiesen.

Als alles vorbei war, war es Ingilbert, der dem Propst den Weg durch den Wald zeigen sollte. Am Anfang ging alles gut, nach einer Weile aber kamen sie an ein mit Balken überbrücktes Moor. Der Propst konnte sich nicht erinnern, beim Herkommen über ein solches gekommen zu sein, und er fragte Ingilbert, ob er ihn nicht irreführe; dieser gab zur Antwort, es sei eine große Abkürzung, wenn sie den Weg über das Moor nähmen.

Der Propst sah Ingilbert scharf an. Er hatte zu bemerken gemeint, daß der Sohn wie sein Vater vom Golddurst besessen sei. Ingilbert war ja einmal ums andere in die Hütte hereingekommen, als wolle er es verhindern, daß der Vater den Ring weggebe.

»Du, Ingilbert, das ist ein schmaler, gefährlicher Weg«, sagte er. »Ich fürchte, das Pferd wird auf den glatten Stämmen ausgleiten.«

»Ich werde das Pferd führen, dann braucht der ehrwürdige Herr Propst keine Angst zu haben«, sagte Ingilbert, und damit griff er auch schon nach den Zügeln des Pferdes.

Als sie mitten auf dem Moor waren mit nichts als lockerem Schlamm und Moos nach allen Seiten, fing aber Ingilbert an, das Pferd zurückzutreiben. Es sah aus, als wollte er es von dem schmalen Steg abdrängen.

Das Pferd bäumte sich, und der Propst, der sich nur schwer im Sattel halten konnte, rief seinem Begleiter zu, er solle doch um Gottes willen die Zügel loslassen.

Ingilbert aber schien nichts zu hören, und der Propst sah, wie er mit düsterem Gesicht und zusammengebissenen Zähnen mit dem Pferd kämpfte, um es in den bebenden Sumpf hineinzutreiben. Es war der sichere Tod für den Reiter und das Pferd.

Da steckte der Propst die Hand in die Tasche und zog einen kleinen Beutel aus Ziegenleder heraus. Den schleuderte er Ingilbert mitten ins Gesicht.

Dieser ließ die Zügel los, um den Beutel aufzufangen; dadurch wurde das Pferd frei und raste erschrocken über die Brücke weiter. Ingilbert aber blieb stehen und machte keinen Versuch, ihm zu folgen.

Fünftes Kapitel

Nach einem solchen Erlebnis ist es nicht verwunderlich, daß der Propst ein wenig wirr im Kopf war, und daß es Abend wurde, bis er den Weg ins Dorf hinunter fand. Ebensowenig ist es merkwürdig, daß er nicht auf der Olsbystraße, die der beste und kürzeste Weg war, aus dem Walde herauskam, sondern viel zu weit nach Süden abgebogen war und sich nun gerade am Ausgang des Waldes, dem Gutshof Hedeby gegenüber, befand.

Während er drinnen im Waldesdunkel umhergeritten war, hatte er gedacht, das erste, was er tun müsse, falls er glücklich nach Hause komme, sei, den Vogt herbeizurufen und ihn zu bitten, mit ihm in den Wald zu gehen, um Ingilbert den Ring wieder abzunehmen. Als er nun aber an Hedeby vorbeiritt, überlegte er einen Augenblick, ob er nicht da hineinreiten und dem Rittmeister Löwensköld mitteilen sollte, wer es gewesen war, der sich erdreistet hatte, in das Grab hinunterzusteigen und den Königsring zu stehlen.

Man könnte ja meinen, eine so natürliche Sache verlange keine lange Überlegung; aber der Propst zweifelte doch etwas, weil zwischen seinem Vater und dem Rittmeister einst nicht das beste Einvernehmen geherrscht hatte. Der Rittmeister war in ebenso hohem Grad ein Mann des Friedens, wie sein Vater ein Mann des Krieges gewesen war. Der Rittmeister hatte sich gleich nach dem mit den Russen geschlossenen Frieden aus dem Kriegsdienst abgemeldet und von da an seine Kraft dafür eingesetzt, dem Wohlstand des Landes wieder aufzuhelfen, der während der Kriegsjahre heruntergekommen war. Er war ein Gegner von Alleinherrschaft und Kriegsruhm, ja, er pflegte über Karl XII. selbst sowie auch über manches andere, was der alte Vater hochstellte, tadelnde Reden zu führen. Außerdem war der Sohn ein eifriger Teilnehmer im Reichstagskrieg gewesen, aber eben immer als Anhänger der Friedenspartei. Jawohl, er und der Vater hatten genug Grund zum Streiten gehabt.

Als der Ring des Generals vor sieben Jahren gestohlen worden war, hatten der Propst und viele andere mit ihm gemeint, der Rittmeister lasse es sich nicht besonders angelegen sein, ihn wieder zu erlangen. Und das war der Grund, warum der Propst nun bei sich selbst dachte: »Es hat keinen Wert, wenn ich mir die Mühe mache, hier auf Hedeby vom Pferd zu steigen. Der Rittmeister fragt nicht danach, ob es der Vater Bård Bårdsson oder Ingilbert ist, der den Ring am Finger trägt. Es ist am besten, ich rede gleich mit dem Lehnsmann Carelius über den Diebstahl.«

Gerade aber, als der Propst noch weiter überlegte, sah er, wie das Gittertor, das die Einfahrt nach Hedeby abschloß, ganz sacht aufging und weit offenstehen blieb.

Das sah recht merkwürdig aus; aber es gibt ja viele Gittertüren, die in dieser Weise von selbst aufgehen, wenn sie nicht ordentlich zugemacht worden sind, und der Propst dachte nicht weiter über diese Sache nach. Immerhin aber hielt er es für ein Zeichen, daß er in Hedeby einkehren sollte.

Der Rittmeister nahm ihn freundlich auf, ja fast besser, als es bei ihm der Brauch war.

»Es ist schön, daß du bei mir eingekehrt bist, verehrter Freund«, sagte er. »Ich habe mich danach gesehnt, dich zu sprechen, und habe heute schon mehrere Male in die Propstei hinübergehen wollen, um dir etwas ganz Merkwürdiges mitzuteilen.«

»Da wärest du, Freund Löwensköld, vergeblich gekommen«, entgegnete der Propst. »Schon in aller Frühe wurde ich zu einem Sterbenden auf die Olsbyalm gerufen und komme von da eben erst zurück. Das ist ein abenteuerlicher Tag für mich alten Mann gewesen.«

»Dasselbe kann ich auch sagen, obgleich ich kaum von meinem Sessel aufgestanden bin. Ich kann dir versichern, geschätzter Freund, obgleich ich bald ein Fünfziger bin und in den harten Kriegsfahrten sowie auch später noch allerhand mitgemacht habe, so ist mir doch nie etwas Merkwürdigeres widerfahren als das, was ich heute erlebt habe.«

»Wenn es so ist, dann will ich das Wort jetzt dir überlassen, Freund Löwensköld«, sagte Propst. »Auch ich habe dir eine ganz sonderbare Geschichte zu erzählen. Doch will ich nicht behaupten, es sei das Merkwürdigste, was mir je widerfahren ist.«

»Na ja«, sagte der Rittmeister. »Es ist ja möglich, daß du gar nichts Wunderbares an meiner Geschichte findest. Gerade deshalb wollte ich mich mit dir darüber aussprechen. – Du hast doch wohl schon von Gathenhielm reden hören?«

»Von dem schrecklichen Seeräuber und gewissenlosen Kaperkapitän, der von König Karl zum Admiral ernannt wurde? Wer hätte von dem nicht reden hören?«

»Heute mittag«, fuhr der Rittmeister fort, »kamen wir auf die alte Zeit zu sprechen. Meine Söhne und der Hauslehrer fragten mich darüber aus, wie es damals war, denn von so etwas will die Jugend immer gern reden hören. Aber nach all den schweren, harten Jahren, die wir nach König Karls Tod hier in Schweden haben durchmachen müssen, wo wir durch den Krieg und den Geldmangel großen Mangel an allem litten, danach, mein lieber Freund, nein, danach fragen sie nie. Bei Gott im Himmel droben, sollte man nicht meinen, sie rechneten für gar nichts, was es heißt, niedergebrannte Städte wieder aufzubauen, Eisenwerke und Fabriken anzulegen, Wälder zu roden und neue fruchtbare Äcker zu schaffen! Ich glaube, meine Söhne schämen sich meiner und meiner Zeitgenossen, weil wir aufhörten, mit Kriegsheeren auszuziehen und fremde Länder zu verwüsten. Sie scheinen zu glauben, wir seien schlechtere Männer als unsere Väter, und die alte schwedische Kraft sei von uns gewichen.«

»Da hast du ganz recht, Freund Löwensköld«, sagte der Propst. »Diese Vorliebe der Jugend für das Kriegshandwerk ist tief bedauerlich.«

»Nun, ich gab also dem Wunsche nach«, fuhr der Rittmeister fort, »und da sie etwas von einem großen Kriegshelden hören wollten, erzählte ich ihnen von Gathenhielm und seinem grausamen Verfahren gegen Kaufleute und friedliche Reisende, weil ich dachte, ich würde dadurch Entsetzen und Abscheu bei ihnen hervorrufen. Und als mir dies auch gelang, bat ich sie, nun auch zu bedenken, daß dieser Gathenhielm ein echter Sohn der Kriegszeit gewesen ist, und fragte sie, ob sie wohl wünschten, die Erde von solchen Teufelsbraten bevölkert zu sehen?

Ehe jedoch meine Söhne mir auf diese Frage Antwort gegeben hatten, ergriff der Hauslehrer das Wort und bat mich, ihm zu erlauben, nun auch eine Geschichte von Gathenhielm zu erzählen. Und da er sagte, diese Geschichte bestätige nur, was ich schon vorher von Gathenhielms Wildheit und Raserei gesagt habe, gab ich die Erlaubnis.

Und dann begann er zu erzählen: Nachdem Gathenhielm in jungen Jahren gestorben und seine Leiche in der Kirche zu Onsala in einem Marmorsarkophag, den er dem König von Dänemark geraubt hatte, beigesetzt worden war, stellte sich in der Kirche ein so fürchterlicher Geisterspuk ein, daß es die Onsalaer Kirchspielbewohner nicht mehr aushalten konnten. Sie wußten sich schließlich keinen andern Rat, als die Leiche aus dem Sarkophag herauszunehmen und sie auf einer öden Schäre draußen im Meer zu beerdigen. In der Kirche hatte man nun allerdings Frieden, die Fischer aber, die auf ihren Fahrten in der Nähe von Gathenhielms neuer Ruhestätte vorbeikamen, erzählten, man höre von dort her immer Lärm und Getöse, und der Schaum der Wogen spritze über die öde Schäre jederzeit hoch empor. Die Fischer meinten, alle die Seeleute und Krämer, die Gathenhielm von den gekaperten Schiffen einst über Bord hatte werfen lassen, würden jetzt aus ihren nassen Gräbern emporsteigen, ihn zu quälen und zu peinigen, und sie hüteten sich sehr davor, in dieser Richtung zu fahren. In einer finsteren Nacht war aber doch einer von ihnen in die Nähe dieser gefährlichen Stelle geraten. Da fühlte er sich von einem Wirbelwind erfaßt, der Schaum peitschte ihm ins Gesicht, und eine stöhnende Stimme rief ihm zu: ›Geh nach Gata in Onsala und sag meiner Frau, sie soll mir sieben Bündel Haselruten und zwei Wacholderknüppel schicken!‹«

Der Propst hatte bisher ruhig und geduldig diese Geschichte angehört; als er aber merkte, daß sein Nachbar nur eine gewöhnliche Spukgeschichte zu berichten hatte, konnte er eine Bewegung der Ungeduld kaum unterdrücken.

Der Rittmeister beachtete es indes gar nicht, sondern fuhr ruhig fort: »Du wirst verstehen, daß gar nichts andres in Frage kommen konnte, als dem Befehl Folge zu leisten. Und Gathenhielms Frau, nun, sie gehorchte ebenfalls. Die zähesten Haselruten und die derbsten Wacholderknüppel wurden herbeigeschafft, und ein Knecht von Onsala ruderte mit ihnen hinaus nach der Schäre.«

Jetzt aber machte der Propst einen so deutlichen Versuch, den Rittmeister zu unterbrechen, daß dieser es nicht mehr unbeachtet lassen konnte.

»Ja, ich weiß, was du denkst, verehrter Freund. Ich machte mir auch dieselben Gedanken, als ich heute mittag diese Geschichte hörte, aber, bitte, höre mir bis zum Schluß zu. Ich habe also sagen wollen, das müsse ein beherzter und seinem Hausherrn sehr gehorsamer Mann gewesen sein, sonst hätte er es wohl kaum gewagt, diesen Auftrag auszuführen. Nun, als er in die Nähe des Begräbnisplatzes kam, da schlugen die Wogen hoch darüber weg, wie wenn ein regelrechter Sturm herrschte, und Lärm und Waffengeklirr ertönte weit umher. Der Knecht ruderte aber doch so nah wie möglich heran, und es gelang ihm, die beiden Wacholderknüppel und die Haselrutenbündel auf die Schäre zu werfen. Darauf aber entfernte er sich mit hurtigen Ruderschlägen von dem Ort des Grauens.«

»Mein verehrter Freund ...«, begann der Propst.

Der Rittmeister aber ließ sich nicht unterbrechen: »Schon in kurzem Abstand aber ließ er die Ruder ruhen, um zu sehen, ob sich nicht etwas Merkwürdiges begeben würde. Und er brauchte nicht vergebens zu warten. Denn auf einmal stieg der Gischt himmelhoch über der Schäre empor, das Getöse wurde wie das Donnern einer Feldschlacht, und grausige Jammerrufe ertönten über das Meer hin. Eine ganze Weile ging es, jedoch mit abnehmender Heftigkeit, so weiter, und schließlich hörten die Wogen ganz auf, gegen Gathenhielms Grab anzustürmen. Und bald lag die Schäre ruhig und still da, wie alle die andern Schären auch. Der Knecht tauchte die Ruder nun wieder ein, um den Heimweg anzutreten; doch in demselben Augenblick hörte er eine höhnische, triumphierende Stimme, die ihm zurief: ›Geh nach Gata in Onsala und bestelle meiner Frau, daß Lasse Gathenhielm im Tode wie einst im Leben über seine Feinde siegt.‹«

Der Propst hatte jetzt mit gesenktem Kopf zugehört.

»Als der Hauslehrer dies letzte erzählte«, fuhr der Rittmeister fort, »merkte ich wohl, daß meine Söhne mit dem Schurken Gathenhielm Mitleid empfanden und gern von seinem Übermut erzählen hörten. Deshalb erklärte ich, diese Geschichte schiene mir sehr gut aneinandergehängt zu sein, sei aber kaum etwas andres als Lüge und Dichtung. ›Denn‹, sagte ich, ›wenn ein so wilder Seeräuber wie Gathenhielm die Kraft gehabt hätte, sich auch noch nach seinem Tode zu verteidigen – wie ließe es sich dann erklären, warum mein Vater, der ein ebensolcher Haudegen wie Gathenhielm, aber dabei ein guter und redlicher Mensch war, einen Dieb in sein Grab hineindringen und sich das Liebste, das er besaß, rauben ließ, ohne die Macht zu haben, die Untat zu verhindern und später den Schuldigen in irgendeiner Weise zu verfolgen oder zu beunruhigen.‹«

Bei diesen Worten stand der Propst mit ungewöhnlicher Lebhaftigkeit auf und sagte: »Das ist auch ganz meine Meinung.«

»Ja, aber hör nun, was weiter geschah!« fuhr der Rittmeister fort. »Kaum hatte ich ausgesprochen, als ich hinter meinem Stuhl ein lautes Stöhnen hörte. Und dieses Stöhnen klang genauso wie der müde Seufzer, den mein seliger Vater auszustoßen pflegte, wenn er von den Gedanken des Alters geplagt wurde; mir war wirklich, als befinde er sich hinter mir, und ich sprang von meinem Stuhl auf. Da sah ich allerdings nichts, aber ich war mir so sicher, dies Stöhnen gehört zu haben, daß ich mich nicht zu Tisch setzen wollte, sondern bis jetzt hier ganz allein über diese Sache nachgegrübelt habe. Und ich habe inständig gewünscht, auch die Ansicht meines hochgeschätzten Freundes über diese Frage zu hören. War es mein Vater, den ich einen klagenden Seufzer über den verschwundenen Schatz habe ausstoßen hören? Wenn ich glauben könnte, er fühle noch immer Sehnsucht nach dem verlorenen Kleinod, dann wollte ich wahrlich lieber von Hof zu Hof ziehen und überall nachforschen, als meinen Vater noch einen einzigen Augenblick den grausamen Schmerz fühlen lassen, von dem dieses Stöhnen mir Kunde gab.«

»Dies ist am heutigen Tag das zweitemal, daß ich auf die Frage zu antworten habe, ob der tote General wohl noch immer um seinen verlorenen Ring trauert und ihn wiedergewinnen möchte«, sagte der Propst. »Nun will ich mit deiner Erlaubnis, verehrter Freund, zuerst meine Geschichte berichten, und dann wollen wir uns miteinander darüber beraten.«

Danach rückte nun der Propst mit seiner Erzählung heraus, und er merkte jetzt sehr wohl, wie wenig er zu befürchten gehabt hätte, der Rittmeister werde sich der Sache seines Vaters nicht ernsthaft annehmen. Der Propst hatte nicht gedacht, daß sich selbst in dem friedlichst gesinnten Menschen noch etwas von der Natur der Lodbroksöhne finden würde. Nein, es ist wohl doch wahr, wie die Sage berichtet: die meisten Schweine grunzen, wenn sie erfahren, was der alte Eber hat leiden müssen. Jetzt sah er, wie die Adern auf der Stirn des Rittmeisters anschwollen, und wie seine Fäuste sich ballten, bis die Knöchel weiß schimmerten. Ein furchtbarer Zorn hatte sich des Rittmeisters bemächtigt.

Natürlich berichtete der Propst die Sache entsprechend seiner Ansicht. Er erzählte, wie der Zorn Gottes die Missetäter getroffen habe, und er wollte durchaus nicht ein Eingreifen des Toten anerkennen.

Der Rittmeister aber erklärte alles, was er hörte, auf ganz andere Weise. Nein, sein Vater hatte in seinem Grab keine Ruhe gehabt, weil der Ring ihm von seinem Zeigefinger gezogen worden war. Jetzt fühlte der Sohn Angst und Gewissensqual, weil er bisher diese Sache allzu leicht genommen hatte. Er fühlte jetzt alles wie eine stechende, schmerzende Wunde in seinem Herzen.

Der Propst, der wohl merkte, wie aufgeregt der Rittmeister war, fürchtete sich fast, den Verlust des Ringes zu bekennen; doch als er es tat, wurde es mit einer Art grimmiger Befriedigung aufgenommen.

»Also einer von dem Diebsgesindel ist noch vorhanden, und er ist ebenso erbärmlich wie die andern«, sagte der Rittmeister Löwensköld. »Das ist gut. Der General hat die Eltern gestraft und fest dreingeschlagen, jetzt bin ich an der Reihe.«

Der Propst fühlte eine unbarmherzige Härte in der Stimme des Rittmeisters, und ihm wurde vor Angst immer beklommener. Er fürchtete, der Rittmeister könnte Ingilbert mit seinen eigenen Händen erwürgen oder ihn zu Tode peitschen.

»Ich habe es für meine Pflicht gehalten, dir, meinem hochgeschätzten Freund, die Botschaft des Toten zu überbringen«, sagte der Propst, »ich hoffe aber, daß du kein rasches, unüberlegtes Verfahren einschlägst. Ich habe im Sinn, jetzt gleich dem Lehnsmann von dem an mir begangenen Diebstahl Mitteilung zu machen.«

»Damit kannst du es halten, wie du willst«, erwiderte der Rittmeister. »Es ist aber eine ganz unnötige Mühe, die du dir machst, denn jetzt werde ich diese Sache selbst in die Hand nehmen.«

Da wurde dem Propst vollkommen klar, daß er hier auf Hedeby nichts mehr ausrichten konnte. Er ritt also so rasch wie möglich von dannen, um dem Lehnsmann noch vor dem Abend Nachricht zukommen lassen zu können.

Der Rittmeister Löwensköld aber rief alle seine Leute zusammen und erzählte ihnen, was sich begeben hatte. Dann fragte er sie, ob sie am nächsten Morgen mit ihm ausziehen wollten, den Dieb zu fangen. Da war keiner, der sich weigerte, ihm und dem toten General diesen Dienst zu leisten. Und der Rest des Abends wurde dazu verwendet, alle möglichen Waffen hervorzusuchen: alte Donnerbüchsen, kurze Bärenspieße, lange Degen, Knüppel und Sensen.

Sechstes Kapitel

Nicht weniger als fünfzehn Mann leisteten dem Rittmeister Gefolgschaft, als er am nächsten Morgen früh um vier Uhr auf die Jagd nach dem Dieb auszog. Und alle waren von höchster Kampflust beseelt. Es handelte sich ja um eine gerechte Sache, und überdies stand der General hinter ihnen. Da der Tote die Sache nun so weit geführt hatte, würde er sie auch zu einem glücklichen Ausgang bringen.

Die richtige Wildnis fing jedoch erst eine Meile jenseits von Hedeby an. Im Anfang ging die Wanderung durch ein weites Tal, das teilweise unbebaut und nur von kleinen Schuppen wie übersät war. Da und dort auf den Hügeln aber zogen sich ziemlich große Dörfer hin, und eines davon war Olsby, wo Bård Bårdsson seinen Hof gehabt hatte, ehe dieser von dem General eingeäschert worden war.

Dahinter lag der große, tiefe Wald wie ein dichtes Fell über die Erde gebreitet, Baum an Baum ohne Unterbrechung. Und doch war es hier noch nicht mit aller menschlichen Macht zu Ende. Es gab schmale Pfade durch den Wald, die zu Sennhütten und Kohlenmeilern hinaufführten.

Der Rittmeister und seine Leute nahmen gleichsam eine andere Haltung und ein anderes Aussehen an, als sie in den großen dunklen Wald kamen. Sie hatten ja früher schon hier Jagd auf Großwild gemacht, und jetzt bekam die Jagdlust in ihnen wieder die Oberhand. Sie begannen scharfe Blicke in das Gestrüpp zu werfen, und sie schritten jetzt auch in ganz anderer Weise dahin, leichter und gleichsam schleichend.

»Hört jetzt, ihr Leute«, sagte der Rittmeister, »über eine Sache sind wir alle einig. Keiner von euch darf sich dieses Diebes wegen ins Unglück stürzen, sondern ihr müßt ihn mir überlassen. Gebt nur acht, daß ihr ihn nicht entwischen laßt!«

Diesem Befehl wäre indes kaum Folge geleistet worden. Alle diese Leute, die noch tags vorher ganz friedlich ihrer Arbeit nachgegangen waren und Heu auf den Schober geworfen hatten, brannten jetzt vor Begierde, diesem Dieb Ingilbert einen tüchtigen Denkzettel zu geben.

Sie waren aber gerade bis dahin gekommen, wo die großen Fichten, die seit Urzeiten hier aufragten, so dicht beieinander standen, daß sie ein ununterbrochenes grünes Dach über die Erde breiteten, unter dem das ganze Unterholz eingegangen und der Boden nur noch mit Moos bedeckt war, als sie drei Männer auf sich zukommen sahen, die eine aus Zweigen verfertigte Bahre trugen, auf der ein vierter Mann lag.

Der Rittmeister und seine Schar liefen rasch auf sie zu, und die Träger machten halt, als sie eine solche Menge Menschen daherkommen sahen. Sie hatten einige große Farnkrautzweige über das Gesicht des auf der Bahre Liegenden gebreitet; es konnte niemand sehen, wer es war, die Leute von Hedeby aber glaubten es doch zu wissen, und ihnen allen lief ein kalter Schauder über den Rücken.

Sie sahen zwar nicht den alten General neben der Bahre. O nein! Nicht einmal seinen Schatten! Trotzdem aber wußten sie: er war gegenwärtig. Er war mit dem Toten aus dem Wald heruntergekommen. Er stand da und deutete mit dem Finger auf ihn.

Die drei Männer, die die Bahre trugen, waren wohlbekannte, angesehene Leute. Es war Erik Ivarsson, der einen großen Hof in Olsby hatte, mit seinem Bruder Ivar Ivarsson, der unverheiratet geblieben war und noch immer bei seinem Bruder auf dem väterlichen Hof wohnte. Diese beiden waren schon bejahrte Leute; der dritte aber von ihnen war ein noch junger Mann. Auch er war dem Rittmeister und seiner Schar wohlbekannt. Er hieß Paul Eliasson und war ein Pflegesohn der Ivarssöhne.

Der Rittmeister trat zu den Ivarssöhnen, und sie setzten ihre Bahre nieder, um ihn zu begrüßen und ihm die Hand zu geben. Aber es war, als sähe der Rittmeister die ausgestreckten Hände nicht. Er konnte kein Auge von den Farnkräutern abwenden, die das Gesicht des auf der Bahre Liegenden bedeckten.

»Ist es Ingilbert Bårdsson, der hier liegt?« fragte der Rittmeister mit sonderbar harter Stimme. Es klang fast, als spräche er gegen seinen Willen.

»Ja, er ist es«, antwortete Erik Ivarsson. »Aber wie kann der Herr Rittmeister das wissen? Hat der Herr Rittmeister ihn an den Kleidern erkannt?«

»Nein«, antwortete der Rittmeister, »ich habe ihn seit fünf Jahren nicht mehr gesehen.«

Sowohl seine eigene Gefolgschaft, als auch die drei anderen Männer warfen nun verwunderte Blicke auf den Rittmeister. Alle meinten, er habe an diesem Morgen etwas Sonderbares und Unheimliches an sich; er war gar nicht so leutselig und freundlich, wie er sonst zu sein pflegte.

Und nun fing er an, die Ivarssöhne einer Art von Verhör zu unterwerfen. Was sie denn zu dieser frühen Morgenstunde im Wald zu schaffen gehabt hätten und wo sie mit Ingilbert zusammengetroffen seien? Die Ivarssöhne aber waren Großbauern, und es paßte ihnen nicht, sich in dieser Weise ausfragen zu lassen; das Hauptsächlichste aber bekam der Rittmeister doch aus ihnen heraus.

Sie waren am vorhergehenden Tag mit Mehl und anderen Nahrungsmitteln zu ihren Leuten auf die mehrere Meilen tiefer im Wald liegende Alm hinaufgestiegen und hatten dort übernachtet. In aller Frühe hatten sie sich wieder auf den Heimweg gemacht, und da war Ivar Ivarsson den beiden anderen etwas vorausgegangen. Ivar war nämlich Soldat gewesen, und so verstand er die Kunst, tüchtig auszuschreiten; es fiel niemand leicht, mit ihm Schritt zu halten.

Als Ivar Ivarsson den anderen nun ein gutes Stück voraus war, hatte er auf dem Pfad einen Mann auf sich zukommen sehen. Der Wald war da ziemlich gelichtet gewesen, ohne Unterholz, mit nur großen Stämmen, und so hatte Ivar Ivarsson den Mann schon von weitem erblickt, ihn aber nicht sofort erkannt. Es zogen Nebelschwaden zwischen den Baumstämmen hin, und wenn die Sonne darauf schien, wurden sie zu einem gelblichen Rauch. Man konnte wohl durch sie hindurchsehen, aber nichts ganz deutlich erkennen.

Ivar Ivarsson hatte aber gemerkt, daß der Daherkommende, als er ihn durch den Nebel hindurch sah, stehen blieb und wie im größten Schreck abwehrend die Hände ausstreckte. Ja, als Ivar noch ein paar Schritte gemacht hatte, war er auf die Knie gesunken und hatte ihm zugerufen, er solle ihm ja nicht näherkommen. Es hatte ja den Anschein gehabt, als sei er nicht ganz richtig im Kopf, und Ivar Ivarsson hatte eben auf ihn zueilen wollen, um ihn zu beruhigen; doch der andere war schon aufgesprungen und eiligst in den Wald hineingeflohen. Er hatte aber erst ein paar Schritte gemacht, als er fast jählings umsank und regungslos liegenblieb. Als Ivarsson ihn erreichte, war er schon tot.

Ivar Ivarsson hatte nun in dem Mann Ingilbert Bårdsson erkannt, den Sohn jenes Bård Bårdsson, der früher in Olsby gewohnt hatte, dann aber auf eine Sommeralm gezogen war, nachdem sein Gehöft von einer Feuersbrunst eingeäschert worden war und seine Frau sich ertränkt hatte. Es war ihm ganz unbegreiflich, wie sich alles so rasch zugetragen hatte. Ingilbert war einfach tot niedergefallen, ohne daß ihn eine Hand berührt hätte; Ivar selbst hatte versucht, ihn durch Schütteln wieder ins Leben zurückzurufen, aber es war ganz ohne Erfolg geblieben. Als die anderen herangekommen waren, hatten sie sofort gesehen, daß der Mann tot war. Da aber die Bårdssöhne früher in Olsby ihre Nachbarn gewesen waren, hatten sie Ingilbert nicht im Wald liegenlassen wollen, sondern eine Bahre zurechtgemacht und ihn mitgenommen.

Der Rittmeister hatte das alles mit finsterer Miene angehört. Er fand alles durchaus glaubwürdig. Ingilbert lag da vor ihm wie für eine längere Wanderschaft ausgerüstet mit einem Ränzel auf dem Rücken und Schuhen an den Füßen. Der Bärenspieß, der auf der Bahre lag, gehörte wohl auch ihm. Sicherlich hatte er in ein fremdes Land reisen wollen, um dort den Ring zu verkaufen; als er aber in der Dämmerung des Waldes Ivar Ivarsson herankommen sah, hatte er gemeint, den Geist des Generals zu erblicken. Ja, gewiß, so war es zugegangen. Ivar Ivarsson trug einen alten Soldatenrock, und seine Hutkrempe war nach der Art der Karlskrieger aufgebogen. Die Entfernung, der Nebel und das schlechte Gewissen erklärten den Irrtum.

Der Mißmut des Rittmeisters aber beherrschte diesen noch immer; er hatte sich in Zorn und Blutdurst hineingesteigert. Am liebsten hätte er jetzt Ingilbert Bårdsson zwischen seinen starken Armen zerdrücken wollen. Er brauchte einen Ableiter für seine Rachsucht, fand aber keinen.

Er sah jedoch selbst ein, wie unbillig das war, und er bezwang sich soweit, daß er den Ivarssöhnen erzählte, warum er an diesem Morgen mit seinen Leuten in den Wald gezogen war. Und er fügte hinzu, er wolle jetzt gleich untersuchen, ob der Tote den Ring noch bei sich habe.

Es war ihm wahrhaftig so zumut, daß er wünschte, die Olsbymänner würden sich dem widersetzen, so daß er dann um sein Recht kämpfen müßte. Sie aber fanden sein Verlangen recht und billig und traten auch etwas zur Seite, während zwei von des Rittmeisters eigenen Leuten die Taschen des Toten sowie seine Schuhe, sein Ränzel und jede Falte seiner Kleider genau untersuchten.

Am Anfang folgte der Rittmeister der Untersuchung mit der größten Aufmerksamkeit; einmal aber wanderte sein Blick zufällig zu den Bauern hinüber, er meinte zu sehen, wie sie höhnische Blicke miteinander wechselten, als ob sie sicher wären, daß nichts gefunden würde.

Und so war es auch. Man mußte schließlich das Suchen aufgeben, ohne den Ring gefunden zu haben. Da aber wendete sich der Verdacht des Rittmeisters ganz natürlich gegen die Bauern. Und ebenso war es bei seinen Leuten. Wo war der Ring hingekommen? Ingilbert hatte ihn doch sicher bei sich gehabt, als er sich auf und davon machte. Wo mochte das Kleinod nun sein?

Auch jetzt sah niemand den General; aber man spürte ihn. Er stand mitten in dem Kreis und deutete auf die drei Olsbymänner; sie hatten ihn. Jawohl, das war ja mehr als denkbar; sie hatten vorher die Taschen des Toten untersucht und da den Ring gefunden.

Und noch etwas war auch denkbar: die Geschichte, die sie eben vorgebracht hatten, war gar nicht wahr, sondern es war alles ganz anders verlaufen. Diese Männer, die aus demselben Dorf wie die Bårdssons waren, hatten vielleicht etwas davon gewußt, daß diese den Ring besaßen. Sie hatten möglicherweise erfahren, daß der alte Bård gestorben war, und als sie nun im Wald mit seinem Sohn zusammentrafen, hatten sie sich gleich gedacht, er werde mit dem Ring fliehen wollen. Da hatten sie ihn überfallen und umgebracht, um sich des Schatzes zu bemächtigen.

Es war keine andere Verletzung an dem Toten zu sehen, als eine kleine Quetschwunde an der Stirn. Die Ivarssöhne hatten gesagt, Ingilbert sei beim Fallen auf einen Stein geschlagen. Konnte diese Quetschwunde aber nicht auch von dem groben Knüppel herrühren, den Paul Eliasson in der Hand trug?

Der Rittmeister stand düster da und schaute zu Boden. Ein Kampf hatte sich in seinem Innern erhoben. Er hatte von den drei Männern immer nur Gutes gehört, und es widerstrebte ihm, ihnen Totschlag und Diebstahl zuzutrauen.

Alle seine Leute hatten sich um ihn versammelt. Ein paar von ihnen schwangen sogar schon ihre Waffen. Niemand von allen dachte, es werde jetzt ohne Kampf und Streit abgehen.

Da trat Erik Ivarsson zu dem Rittmeister und sagte: »Wir Brüder und auch Paul Eliasson, der unser Pflegesohn ist und bald mein Schwiegersohn werden wird, verstehen wohl, was der Herr Rittmeister und seine Leute von uns denken. Deshalb meinen wir, wir sollten jetzt nicht auseinandergehen, ohne daß der Herr Rittmeister auch unsere Taschen und Kleider hat untersuchen lassen.«

Bei diesem Anerbieten hellte sich das Dunkel in der Seele des Rittmeisters etwas auf. Er machte Einwendungen und sagte, die Ivarssöhne und ihr Pflegesohn seien Männer, auf die kein Verdacht fallen könnte. Aber die Bauern wollten die Sache zu Ende bringen. Sie fingen selbst an, ihre Taschen umzudrehen und ihre Schuhe auszuziehen, und da gab der Rittmeister seinen Leuten einen Wink, ihnen den Willen zu tun.

Doch kein Ring wurde entdeckt, nur in einer Rindenbütte, die Ivar Ivarsson auf dem Rücken trug, wurde ein kleiner Beutel aus Ziegenleder entdeckt.

»Gehört dieser Beutel euch?« fragte der Rittmeister, als er den Beutel untersucht und leer gefunden hatte.

Wenn nun Ivar Ivarsson mit ja geantwortet hätte, wäre die Sache damit abgeschlossen gewesen; er aber erklärte mit der größten Ruhe von der Welt: »Nein, er lag auf dem Pfad nicht weit von der Stelle, wo Ingilbert zu Boden fiel. Ich hob ihn auf und warf ihn in die Bütte, weil er noch neu und unbeschädigt aussah.«

»Aber gerade in so einem Beutel lag der Ring, als der Propst ihn Ingilbert zuwarf«, sagte der Rittmeister, und jetzt lag der düstere Ausdruck wieder in seiner Stimme und auf seinem Gesicht. »Es scheint also wohl nichts anderes übrig zu bleiben, als daß ihr Ivarssöhne mit mir zum Lehnsmann kommt, falls ihr den Ring nicht gutwillig herausgeben wollt.«

Doch jetzt war es aus mit der Geduld der Olsbymänner.

»Der Herr Rittmeister hat nicht das Recht, uns zu verhaften«, erwiderte Erik Ivarsson. Zugleich ergriff er seinen Spieß, der neben Ingilbert lag, um sich einen Weg zu bahnen, und sein Bruder und sein Schwiegersohn schlossen sich ihm an.

In der ersten Verblüffung wichen die Leute von Hedeby mit Ausnahme des Rittmeisters rasch zurück. Der Rittmeister aber, der vor Behagen lächelte, weil er seinem Zorn nun die Tat folgen lassen konnte, zog seinen Säbel und hieb den Spieß mitten durch.

Das war aber auch die einzige Waffentat, die in diesem Kriege vollbracht wurde. Die eigenen Leute des Rittmeisters zogen diesen zurück und entrissen ihm seine Waffe.

Es war nämlich so, daß auch der Lehnsmann Carelius es für angezeigt gefunden hatte, sich an diesem Morgen in den Wald zu begeben. Und er war eben jetzt, von einem Gerichtsdiener begleitet, auf dem Pfad zum Vorschein gekommen.

Nun gab es neue Untersuchungen und neue Verhöre, die schließlich damit endigten, daß Erik Ivarsson sowie sein Bruder Ivar und ihr Pflegesohn Paul als des Raubes und Mordes stark verdächtig ins Gefängnis geführt wurden.

Siebentes Kapitel

Eines läßt sich nicht leugnen: bei uns in Värmland waren die Wälder weit und die Äcker klein, die Hofplätze waren groß, die Häuser aber eng, die Wege schmal, die Hügel aber steil, die Haustüren niedrig, die Schwellen aber hoch, die Kirchen unansehnlich, die Gottesdienste aber lang, die Lebenstage kurz, die Sorgen aber zahllos. Darum waren die Värmländer aber doch keine Kopfhänger oder Jammerlappen.

Wohl raffte der Frost die Ernte dahin, wohl wüteten die wilden Tiere in den Herden und die rote Ruhr in der Kinderschar, aber trotzdem hielten die Leute den Mut und die gute Laune so lange wie möglich aufrecht. Wohin wäre es sonst auch mit ihnen gekommen?

Dies beruhte aber vielleicht darauf, daß es in jedem Haus einen Tröster gab. Es gab einen, der sowohl zu den Reichen als auch zu den Armen kam, einen, der nie versagte und nie müde wurde.

Aber glaubt doch ja nicht, dieser Tröster sei etwas Feierliches oder Großartiges gewesen, so wie Gottes Wort oder Gewissensfrieden oder Liebesglück! Und glaubt auch nicht, es sei etwas Gemeines und Gefährliches gewesen, wie Trunksucht oder Würfelspiel! O nein, es war nur etwas ganz Unschuldiges und Alltägliches, nämlich nichts anderes als das Feuer, das an den Winterabenden auf dem Herd flammte.

Lieber Gott, wie machte es doch in der kleinsten Hütte alles so schön und behaglich! Und wie trieb es mit den Leuten seinen Spaß, den ganzen Abend hindurch! Es knisterte und prasselte, es war, als lachte es sie aus. Es zischte und sprühte, und dann war es, als wollte es jemand nachmachen, der mißlaunig und zornig war. Bisweilen wußte es durchaus nicht, wie es mit einem knorrigen alten Klotz fertig werden sollte. Dann füllte es die ganze Stube mit Rauch und Dunst an, wie wenn es den Leuten zu verstehen geben wollte, daß es von der Kost, die ihm dargereicht werde, nicht leben könne. Bisweilen, und gerade, wenn die Leute im besten Arbeitseifer waren, nahm es die Gelegenheit wahr und sank plötzlich zu einem Gluthaufen zusammen, so daß die Leute die Hände in den Schoß legen und hell auflachen mußten, bis es sich wieder zum Aufflammen bequemte.

Am allermutwilligsten aber war es, wenn die Hausfrau mit dem dreibeinigen Kochkessel daherkam und das Essen kochen wollte. Ein einziges Mal zeigte es sich da willig und dienstfertig und machte seine Sache rasch und gut, sehr oft aber tanzte es stundenlang leicht und ausgelassen um den Kochtopf, ohne ihn zum Sieden zu bringen.

Oh, wie leuchtete es in den Augen des Hausvaters auf, wenn er naß und verfroren aus dem schmutzigen Schnee heimkam und ihn das Feuer mit Wärme und Behaglichkeit empfing! Wie gut war es für ihn, an das wachende Licht zu denken, das gleich einem Leitstern für arme Wanderer in die dunkle Winternacht hinausströmte, zugleich aber auch ein Zeichen zum Erschrecken für Luchs und Wolf war!

Das Herdfeuer aber konnte noch mehr, als wärmen und leuchten und Essen kochen. Es verstand sich auf noch merkwürdigere Dinge als Funkeln, Sprühen, Prasseln und Treiben von Unsinn. Es war auch imstande, die Lust zum Spiel in der Menschenseele zum Leben zu erwecken.

Denn was ist die Menschenseele, ja auch sie, anderes als eine spielende Flamme! Sie flattert in und über und um den Menschen her, wie die Feuerflamme über und um das rauhe Holz, ja, in ihm drinnen flackert. Wenn nun die an einem Winterabend um das Herdfeuer Versammelten eine Weile schweigend dagesessen und in die Flammen geschaut hatten, dann begann das Feuer mit jedem einzelnen in seiner eigenen Sprache zu reden: »Bruder Seele«, sagte die Feuerflamme, »bist du nicht auch so eine Flamme wie ich? Warum bist du so traurig und bedrückt?« – »Schwester Flamme«, antwortete wohl die Menschenseele, »ich habe Holz gespalten und den ganzen Tag den Haushalt versorgt. Jetzt kann ich nichts anderes mehr tun, als still dasitzen und dich ansehen!« – »Ja, das weiß ich wohl«, antwortete dann das Herdfeuer. »Jetzt ist Feierabend. Mach es wie ich, flackere und leuchte! Spiele und wärme!«

Und die Seelen gehorchten dem Herdfeuer und begannen zu spielen. Sie erzählten Geschichten, sie gaben einander Rätsel auf, sie strichen die Geigensaiten. Sie ritzten Ranken und Rosen in Werkzeuge und Ackergeräte. Sie spielten allerlei Spiele und sangen Lieder. Sie lösten Pfänder aus und erinnerten sich an alte Sprichwörter. Und unterdessen taute die Eiseskälte in ihren Gliedern, die Mißgestimmtheit in ihren Herzen auf. Sie lebten wieder auf und wurden vergnügt. Das Herdfeuer und das Spiel vor dem hellen Feuer weckten in ihnen wieder die Lust, das karge, mühselige Leben fortzusetzen.

Was aber vor allem zu dem Herdfeuer gehörte, das war doch wohl das Erzählen von merkwürdigen Heldentaten und Abenteuern. Das war es, was alt und jung erfreute, ja, es war etwas, wovon sie nie genug bekommen konnten. Denn Heldentaten und Abenteuer hat es ja, Gott sei Dank, von jeher genug auf dieser Welt gegeben.

Niemals aber gab es deren so viele wie zur Zeit des Königs Karl. Er war der Held unter den Helden, und von ihm und seinen Mannen gab es eine Überfülle von Geschichten zu berichten. Sie vergingen nicht mit ihm selbst und mit seiner Herrschermacht, nein, sie lebten nach seinem Tod weiter, und sie waren seine beste Hinterlassenschaft.

Von niemand erzählte man so gern wie vom König selbst; aber gleich nach ihm redete man am liebsten vom General auf Hedeby, den man ja selbst noch gesehen und gesprochen hatte und von Kopf bis Fuß beschreiben konnte.

Der General war so stark gewesen, daß er Eisen biegen konnte, wie andere Hobelspäne auseinanderrollen. Als er einmal hörte, drunten in Svartsjö wohne ein Schmied, der die besten Hufeisen in der ganzen Gegend mache, ritt der General gleich hinunter in die Schmiede und bat den Michel, ihm sein Pferd zu beschlagen. Als nun der Schmied mit einem fertigen Hufeisen aus der Schmiede trat, fragte der General, ob er es ansehen dürfe. Das Hufeisen war stark und gut gemacht; der General aber lachte nur, als er es sah. »Das nennt ihr hier ein Hufeisen?« sagte er, und zugleich bog er das Hufeisen auseinander und zerbrach es. Der Schmied erschrak, er glaubte, er habe eine schlechte Arbeit geliefert.

»Es muß ein Sprung im Eisen gewesen sein«, sagte er und brachte rasch ein anderes Hufeisen herbei. Es ging aber mit diesem genau wie mit dem vorigen, nur mit dem Unterschied, daß der General dieses wie eine Schere zusammendrückte, bis es auch zerbrach.

Doch nun begann Michel Lunte zu riechen, und er sagte: »Entweder bist du der König Karl selber, oder du bist der Starke Bengt auf Hedeby.«

»Ei, Michel, da hast du nicht schlecht geraten«, versetzte der General, und dann gab er ihm die volle Bezahlung für vier neue Hufeisen und überdies noch für die zwei, die er vor den Augen des Schmiedes zerbrochen hatte.

Es waren auch noch viele andere Geschichten über den General im Umlauf, und sie wurden ins Unendliche erzählt und wieder erzählt; im ganzen Bezirk gab es niemand, der nichts von dem General gewußt und nicht Ehrfurcht und Bewunderung für ihn gehegt hätte. Und von seinem Ring wußte man natürlich auch. Man wußte, er war mit ihm begraben worden; die Habgier der Menschen aber war so groß gewesen, daß er ihm von seinem Finger weggestohlen worden war.

Wenn also irgend etwas imstande war, die Leute im höchsten Grade neugierig und erregt und empört zu machen, so war es die Nachricht, daß der Ring zwar wiedergefunden worden, jedoch abermals verlorengegangen war, sowie daß man Ingilbert im Wald tot aufgefunden und die Ivarssöhne nun im Verdacht habe, sich den Ring angeeignet zu haben, und daß sie deshalb jetzt im Gefängnis saßen. Als die Kirchenbesucher am Sonntagnachmittag heimwärts wanderten, wurde ihnen daheim kaum erlaubt, ihren Sonntagsstaat auszuziehen und einen Bissen zu essen, nein, sie mußten von allem berichten und was darüber gesagt und was eingestanden worden war, was für ein Urteil das Gericht gefällt hatte, und zu welcher Strafe die Angeklagten wohl verurteilt würden.

Es wurde von gar nichts anderem mehr gesprochen. Jeden Abend hielt man in großen Häusern wie in kleinen Hütten, beim Taglöhner ebenso wie beim Großbauern, am Herdfeuer sozusagen Gerichtssitzung ab. Es war eine abenteuerliche und seltsame Sache, der man nur schwer auf den Grund kommen konnte. Nein, es war nicht leicht, ein entscheidendes Urteil zu fällen, denn es war zu schwierig, ja fast unmöglich, zu glauben, die Ivarssöhne und ihr Pflegesohn hätten einen Mann totgeschlagen, um sich in den Besitz eines Ringes zu bringen, einerlei wie kostbar er auch sein mochte.

Da war zuerst Erik Ivarsson, ein reicher Mann mit vielen Äckern und vielen Häusern. Wenn er überhaupt einen Fehler hatte, war es der, daß er etwas zu selbstbewußt war und allzuviel auf seine Ehre hielt. Und gerade deshalb wollte es einem durchaus nicht einleuchten, daß irgendein Kleinod auf der Welt ihn dazu gebracht haben könnte, eine unehrenhafte Handlung zu begehen.

Und noch weniger konnte man seinen Bruder Ivar verdächtigen. Er war allerdings arm, wohnte bei seinem Bruder und bekam von ihm alles, was er sich nur wünschen konnte. Er war ja so gutherzig, daß er alles, was sein Eigentum gewesen war, hergegeben hatte. Wie hätte es einem solchen Mann einfallen können, einen andern zu ermorden und zu berauben?

Und was Paul Eilasson betraf, so wußte man, in welch hoher Gunst er bei den Ivarssöhnen stand. Er war ja mit Marit Erikstochter, der einzigen Erbin ihres Vaters, verlobt. Sonst hätte man allerdings ihn am ehesten in Verdacht haben können, weil er ein geborener Russe war, und das wußte man ja: die Russen hielten es für keine Sünde, zu stehlen. Ivar Ivarsson hatte ihn einst mitgebracht, als er aus der russischen Gefangenschaft heimkehrte. Er war damals drei Jahre alt gewesen und ganz elternlos und verlassen; daheim in seinem Lande hätte er wohl Hungers sterben müssen. Nun war er ja in Rechtschaffenheit und Ehrlichkeit aufgezogen worden und hatte sich immer gut gehalten. Marit Erikstochter und er waren zusammen aufgewachsen; sie hatten einander von jeher liebgehabt, und es wäre wahrhaftig unverständlich gewesen, wenn ein Mann, den Glück und Reichtum erwarteten, all das aufs Spiel gesetzt hätte, nur um einen Ring zu stehlen.

Andererseits mußte man aber auch an den General denken, an den General, von dem man von ganz klein auf so viele Geschichten gehört hatte, und den man ebensogut kannte wie seinen eigenen Vater; den General, der so groß und stark und zuverlässig gewesen war, den General, der tot war, und dem man das Liebste, was er besaß, gestohlen hatte.

Der General hatte es gewußt, daß Ingilbert Bårdsson auf seiner Flucht den Ring bei sich gehabt hatte, denn sonst hätte Ingilbert in aller Ruhe seines Weges ziehen können und wäre nicht getötet worden. Der General hatte natürlich auch gewußt, wer den Ring an sich genommen hatte, nämlich die Olsbyleute, sonst wären diese nicht mit dem Rittmeister zusammengetroffen; sie wären auch nicht gefangengenommen und jetzt in Gewahrsam gehalten worden.

Ja, es war wirklich schwer, in einer solchen Sache das Richtige herauszufinden. Auf den General aber verließ man sich noch mehr als selbst auf den König Karl, und bei den meisten Gerichtssitzungen, die in den kleinen Hütten vor sich gingen, wurde ein verurteilender Schiedsspruch gefällt.

Und sicherlich erregte es große Verwunderung, als das wirkliche Amtsgericht, das im Thinghaus zu Broby gehalten wurde, nachdem es die Angeklagten aufs peinlichste verhört hatte, ihnen aber weder eine Schuld nachweisen noch sie zum Geständnis bringen konnte, sich genötigt sah, die des Mordes und Raubes Angeklagten freizusprechen.

Trotzdem aber wurden sie nicht aus der Haft entlassen, denn das Urteil des Amtsgerichts mußte vom Appellationsgericht erst noch geprüft werden, und das Appellationsgericht erklärte die Olsbyer für schuldig und verurteilte sie zum Tode durch den Strang.

Doch auch dieses Urteil wurde nicht vollstreckt, denn das Urteil des Appellationsgerichtes mußte vorher vom König bestätigt werden.

Als aber der Spruch des Königs gefallen und bekanntgegeben war, da verzichteten die Kirchenbesucher zum ersten Male freiwillig darauf, ihr Mittagsmahl zu essen, bevor sie den Daheimgebliebenen den Inhalt mitgeteilt hatten.

Denn der Inhalt des Urteilsspruches lautete in kurzen Worten also: Da es ganz klar scheint, daß einer der Angeklagten gemordet und gestohlen habe, keiner von ihnen aber seine Schuld eingestehen wolle, solle Gott selbst zwischen ihnen das Urteil fällen. Sie sollten beim nächsten Thing in Gegenwart des Richters, der Schöffen und der Gemeinde miteinander würfeln. Wer den niedrigsten Wurf tue, solle für schuldig gelten und wegen seiner Missetat seines Lebens am Galgen verlustig gehen. Die beiden anderen dagegen sollten ohne weitere Strafe freigelassen werden und zu ihrem Tagewerk zurückkehren.

Das war ein weises Urteil, ein gerechtes Urteil. Alle Leute hier in Värmland waren damit zufrieden. War es nicht schön von dem alten König, daß er sich nicht einbildete, in dieser dunklen Sache klarer zu sehen als alle anderen, sondern es dem Allwissenden anheimstellte? Jetzt endlich konnte man sicher sein, die Wahrheit klar zutage treten zu sehen. Außerdem war es auch etwas ganz eigenes um dieses Gerichtsverfahren. Es wurde nicht von Mann gegen Mann geführt, sondern ein Toter stand auf der einen Seite, ein Toter, der darauf bestand, sein Eigentum wieder zu bekommen. In anderen Fällen hätte man ja zögern können, seine Zuflucht zu den Würfeln zu nehmen, diesmal jedoch nicht. Der tote General wußte wohl, wer es war, der ihm sein Eigentum vorenthielt. Das war ja das beste an dem Urteilsspruch des Königs, daß er dem toten General Gelegenheit gab, freizusprechen und zu verurteilen.

Man hätte fast glauben können, König Friedrich habe dem General die Entscheidung überlassen wollen. Er hatte ihn vielleicht in der alten Kriegszeit gekannt und ihn als einen Mann gefunden, auf den man sich verlassen konnte. Und gerade das hatte er nun zeigen wollen. Allerdings konnte man hierüber nicht leicht klug werden.

Nun, wie es auch sein mochte, an dem Tag, wo das Gottesurteil fallen sollte, wollte jedermann beim Thing mit dabei sein. Jedermann, der nicht zu alt zum Gehen oder zu klein zum Kriechen war, machte sich auf den Weg. Solch ein merkwürdiges Ereignis hatte sich seit vielen Jahren nicht mehr zugetragen. Man konnte sich nicht damit zufriedengeben, früher oder später von anderen zu hören, wie alles abgelaufen war. Nein, hier mußte man selbst dabei sein.

Wohl lagen die Höfe oft weit voneinander entfernt, und man konnte meilenweit unterwegs sein, ohne einem Menschen zu begegnen; wenn aber wie jetzt alle Leute des Kirchspiels auf einem Platz zusammenkamen, dann war man fast überrascht, wie viele es ihrer doch waren. Dicht gedrängt standen sie in vielen Reihen vor dem Thinghaus. Es sah aus, wie wenn ein Bienenschwarm an einem Sommertag schwarz und schwer vor einem Bienenkorb hängt. Und die Menge glich auch noch weiter schwärmenden Bienen, weil sie sich nicht in der gewohnten Gemütsverfassung befanden. Sie verhielten sich nicht still und feierlich, wie sie sonst in der Kirche zu sein pflegten, auch nicht fröhlich und gutmütig wie auf den Jahrmärkten, sondern aufgeregt und reizbar, wie von Haß und Rachsucht beherrscht.

Kann man sich darüber wundern? Sie hatten den Schrecken vor Missetätern ja mit der Muttermilch eingesogen. Sie waren mit Wiegenliedern von umherschweifenden Geächteten in den Schlaf gelullt worden. Sie hielten alle Diebe und Mörder für Teufelsbraten, für Wechselbälge und sahen sie nicht mehr für Menschen an. Sie dachten durchaus nicht, daß man solchem Gesindel Barmherzigkeit erweisen sollte.

Ja, sie wußten, einem solchen furchtbaren Geschöpf sollte an diesem Tag das Urteil gesprochen werden, und darüber freuten sie sich. »Jetzt wird Gott sein Dank einem solchen blutdürstigen Verbrecher der Garaus gemacht«, dachten sie. »Jetzt wird er jedenfalls keine Gelegenheit mehr bekommen, uns zu schaden.«

Das Gottesgericht sollte nicht drinnen im Thinghause stattfinden, sondern, was auch ganz gut war, draußen im Freien. Unangenehm war es allerdings, daß eine Kompanie Soldaten eine Sperre rings um den Platz vor dem Thinghaus bildete, so daß man nicht nah genug herankommen konnte, und die Soldaten mußten wahrlich manches Schimpfwort über sich ergehen lassen, weil sie den Leuten im Wege standen. Das hätte man sich sonst wohl nicht erlaubt, heute aber war man keck und aufdringlich.

Die Leute hatten sich alle von daheim in aller Frühe auf den Weg machen müssen, um einen Platz in der Nähe der Sperrkette zu ergattern, und dann mußten sie da viele lange Stunden ausharren. Auch gab es da nicht viel zu sehen, woran man seine Augenlust hätte befriedigen können. Der Gerichtsdiener trat allerdings aus dem Thinghaus und stellte eine große Trommel mitten auf den Platz. Das war wenigstens eine Freude, denn es war doch ein Zeichen dafür, daß die, die drinnen saßen, daran dachten, die Sache noch vor dem Abend vorzunehmen. Der Ratsdiener kam alsdann auch noch mit einem Stuhl und einem Tisch, sowie mit einem Tintenfaß und einer Schreibfeder daher. Und schließlich brachte er einen kleinen Becher, worin zwei Würfel klapperten, die er einmal ums andere aufs Trommelfell warf.

Er wollte wahrscheinlich probieren, ob sie gewiß richtig waren und bald so, bald so fielen, wie man es von richtigen Würfeln erwarten konnte.

Danach eilte er wieder hinein, und das war nicht zum Verwundern, denn sobald er sich überhaupt zeigte, riefen ihm die Leute Schimpfworte und anzügliche Witze zu. Das hätten sie sonst nicht getan; aber an diesem Tag waren sie ganz außer Rand und Band.

Der Richter und die Schöffen wurden durch den Sperring geleitet, und sie wanderten oder ritten bis vor das Thinghaus. Und sobald einer von ihnen sich zeigte, kam Leben in die Menge. Man flüsterte und zischelte aber nicht wie sonst. O nein, man rief ihnen mit lauter Stimme Begrüßungen und Bemerkungen zu. Und man konnte ja nichts tun, um es zu verhindern, der hier Wartenden waren gar viele, und man konnte ihnen das Reden nicht verbieten. Die Herrenleute, die eintrafen, wurden auch in das Thinghaus hineingelassen. Da war der Rittmeister Löwensköld auf Hedeby und der Propst von Bro und der Gutsherr von Ekeby und der Kapitän auf Helgesäter sowie natürlich noch viele andere. Und sie alle bekamen zu hören, wie gut sie es hätten, daß sie nicht hier draußen stehen und sich um einen Platz balgen müßten, und noch vieles andere obendrein.

Wenn gar niemand mehr da war, an dem man sich reiben konnte, hielt man sich an ein junges Mädchen, das sich so nah wie möglich an dem Soldatenring hielt. Sie war klein und zart gebaut, und einmal ums andere versuchten die Burschen, sich vorzudrängen und ihren Platz einzunehmen; aber sooft dies geschah, wurde ihnen von den in der Nähe Stehenden zugerufen, sie sei ja die Tochter von Erik Ivarsson aus Olsby; nach dieser Aufklärung ließ man sie in Ruhe.

Dafür aber hagelten allerlei Sticheleien über sie her. Es wurde ihr zugerufen, was ihr lieber wäre, wenn ihr Vater oder ihr Verlobter gehängt würde? Und man wunderte sich und fragte, warum gerade sie, die Tochter eines Diebes, den besten Platz haben solle?

Und die so weit aus den Wäldern dahergewandert waren, taten höchst erstaunt, weil sie den Mut hätte, da stehenzubleiben; aber denen wurde dann ordentlich Bescheid gesagt. Ha, ha, dieses kleine Mädchen kenne keine Furcht, sie sei bei jeder Gerichtsverhandlung dabeigewesen und habe auch nicht ein einziges Mal geweint, sondern sei immer ganz ruhig geblieben. Sie habe den Angeklagten zugenickt und zugelächelt, wie wenn sie vollkommen sicher wäre, daß sie am nächsten Tag freigesprochen würden. Und sobald die Angeklagten sie sahen, hätten sie gleich neuen Mut gefaßt. Sie hätten gedacht, da sei doch wenigstens ein Mensch, der von ihrer Unschuld überzeugt war. Ja, einen Menschen gab es also, der nicht glauben konnte, sie hätten sich durch einen armseligen goldenen Ring zu einem Verbrechen verleiten lassen können.

Schön, freundlich und geduldig hatte das Mädchen im Gerichtssaal gesessen. Nie hatte sie jemand geärgert; nein, sie hatte sich auch den Richter und die Schöffen und den Lehnsmann zu Freunden gemacht. Diese hätten das zwar wohl nicht selbst zugegeben; aber es wurde behauptet, das Amtsgericht hätte die Angeklagten nicht freigesprochen, wenn sie nicht bei der Gerichtsverhandlung anwesend gewesen wäre. Man könnte sich ja ganz unmöglich denken, daß jemand, der Marit Erikstochter lieb hatte, sich eines Verbrechens schuldig gemacht hatte.

Und jetzt war sie auch hier, damit die Gefangenen sie sähen. Ihre Gegenwart sollte ihnen Kraft und Trost bringen. Sie wollte während der Probe für sie beten und sie der Gnade Gottes anempfehlen.

Man konnte ja vorher gar nichts wissen. Es heißt freilich, der Apfel fällt nicht weit vom Stamm, aber sie sah wirklich gut und unschuldig aus. Und ein liebevolles Herz hatte sie sicher auch, wenn sie da stehenbleiben konnte, wo sie stand.

Sie mußte ja alles gehört haben, was ihr zugerufen worden war, doch hatte sie weder etwas darauf erwidert noch geweint, noch zu entfliehen versucht. Sie wußte, die unglücklichen Gefangenen würden sich freuen, wenn sie sie sähen. Sie war ja die einzige in der ganzen Menschenmenge ringsumher, die ein menschlich fühlendes Herz für sie hatte.

Aber wie es auch sein mochte, ganz vergeblich stand sie doch nicht dort. Der eine oder andere, der selbst Töchter hatte, die ebenso sanft und unschuldig waren wie Marit, die Tochter von Erik Ivarsson, dachte in seinem Herzen, wie wenig gern er seine Tochter dort stehen sähe, wo Marit jetzt stand.

Da und dort erhob sich allmählich doch eine Stimme, die verteidigte oder doch wenigstens versuchte, die Witzbolde und Schreihälse zum Schweigen zu bringen. Nicht allein, weil endlich die lange Wartezeit ein Ende nahm, sondern auch Marit Erikstochter zuliebe war man froh, als endlich die Tore des Thinghauses aufgetan wurden und das Verfahren seinen Anfang nahm. In feierlichem Zug kam zuerst der Gerichtsdiener, der Lehnsmann und die Gefangenen, die zwar frei von Fesseln und Banden waren, obgleich jeder von ihnen von zwei Soldaten bewacht wurde. Danach erschienen der Küster, der Propst, die Schöffen, der Schreiber und der Richter. Hinter allen diesen kamen die Herrschaften und einige Bauern, die in großem Ansehen standen und mit diesen allen innerhalb des Ringes der Soldaten sein durften.

Der Lehnsmann und die Gefangenen stellten sich an der linken Seite des Thinghauses auf, der Richter und die Schöffen dagegen rechts davon, die Herrschaften blieben in der Mitte stehen. Der Schreiber nahm mit seinen Papierrollen an dem Tisch Platz. Die große Trommel stand noch immer von nichts verdeckt mitten in dem Kreis.

In dem Augenblick, als der Zug sich zeigte, entstand in der Volksmenge ein großes Gedränge und Vorwärtsstürmen. Mehrere große und starke Männer suchten sich in die vorderste Reihe durchzudrängen. Und vor allem legten sie es darauf an, Marit Erikstochter wegzudrücken. Aber in ihrer Angst, nun weit nach hinten zurückgedrängt zu werden, drückte sie sich zusammen, und klein und mager, wie sie war, kroch sie zwischen den Beinen von zwei Soldaten durch und befand sich nun innerhalb des Sperringes.

Das verstieß zwar gegen alle Ordnung, und der Lehnsmann gab dem Gerichtsdiener einen Wink, Marit Erikstochter fortzuschaffen. Der Gerichtsdiener begab sich auch eilig zu ihr hin, legte ihr die Hand auf die Schulter, wie wenn er sie festnehmen wollte, und führte sie mit sich nach dem Thinghaus. Als sie aber dann glücklich in dem Menschenhaufen, der davor stand, angekommen waren, ließ er sie los. Er hatte sie ja schon oft gesehen, und so wußte er, wenn sie nur in der Nähe der Gefangenen bleiben dürfte, würde sie sicher nicht auf und davongehen, und wenn der Lehnsmann sie je festnehmen wollte, würde sie jetzt leicht zu greifen sein.

Wer hätte jetzt übrigens Zeit gehabt, an Marit Erikstochter zu denken? Der Propst und der Küster waren vorgetreten und hatten sich in der Mitte des Platzes aufgestellt. Beide nahmen die Hüte ab, und der Küster stimmte ein Kirchenlied an. Und als die, die außerhalb des Sperringes standen, das Lied hörten, ging ihnen gleichsam ein Licht darüber auf, daß es sich um etwas Großes und Feierliches handelte, das vor sich gehen sollte, ja um das Feierlichste, dem sie je beigewohnt hatten: eine Anrufung der allmächtigen, allwissenden Gottheit, um deren Willen zu ergründen.

Und noch andächtiger wurden die Leute gestimmt, als nun der Propst selbst sprach. Er bat Jesus Christus, den Sohn Gottes, der selbst einst vor dem Richterstuhl des Pilatus gestanden hatte, sich über diese Angeklagten zu erbarmen, damit kein falsches Urteil über sie gefällt werde. Er betete auch, Gott der Herr möge sich der Richter erbarmen, damit sie nicht einen Unschuldigen zum Tode verurteilen müßten.

Zum Schluß bat er noch den Herrn, sich der Gemeinde zu erbarmen, damit sie nicht Zeuge eines so großen Unrechts werde wie einst die Juden auf Golgatha.

Alle hörten dem Propst mit entblößtem Haupt zu. Jetzt dachten sie nicht mehr an ihre armen irdischen Gedanken, eine andere Stimme hatte sich ihrer bemächtigt. Es war ihnen, als rufe der Propst selbst Gott zum Zeugen an, und sie fühlten dessen Nähe.

Es war ein schöner Herbsttag. An dem hohen blauen Himmel zogen weiße Wölkchen dahin, die Bäume waren voll goldenen Laubes. Scharen von Zugvögeln flogen unaufhörlich über die Köpfe der Menge gen Süden. Es war ganz ungewöhnlich, wie viele Vogelscharen an diesem einen Tag vorüberzogen. Man dachte, das habe sicher etwas zu bedeuten. Sollte es ein Zeichen von Gott sein, daß er ihr Vorhaben billigte?

Als der Propst geendet hatte, trat der Landeshauptmann vor und verlas das Königsurteil mit lauter Stimme. Es war lang, mit vielen Wendungen, die man nur schwer verstehen konnte. Aber eins wurde den Leuten doch klar: die weltliche Macht legte gleichsam ihr Zepter und ihr Schwert, ihre Weisheit und ihr Wissen nieder und begehrte Führung von dem Allmächtigen; sie beteten, ja alle beteten, Gott möge helfen und leiten!

Danach ergriff der Lehnsmann die Würfel und bat den Richter sowie mehrere von den anderen Anwesenden, mit ihnen zu würfeln, um ihre Richtigkeit zu erproben. Und die Leute hörten den Fall der Würfel auf das Trommelfell mit einem seltsamen Beben. Die kleinen Dinger, die schon so manchen Mannes Unglück gewesen waren, sollten jetzt für würdig erachtet werden, Gottes Willen kundzutun.

Als die Würfel ausprobiert waren, wurden die drei Gefangenen herangeführt. Erik Ivarsson war der älteste von ihnen, und ihm wurde der Becher zuerst gereicht. Zugleich aber tat ihm der Lehnsmann zu wissen, daß dies noch nicht die endgültige Entscheidung sei. Jetzt sollten sie zuerst darum würfeln, wie die Reihenfolge für sie bestimmt werde.

Bei diesem ersten Umgang warf Paul Eliasson die niedrigste und Ivar Ivarsson die höchste Zahl. Er mußte also den Anfang machen.

Die drei Angeklagten trugen noch dieselben Kleider, die sie angehabt hatten, als sie auf dem Rückweg von der Sommeralm dem Rittmeister begegnet waren; doch waren sie jetzt zerrissen und beschmutzt. Und ebenso mitgenommen wie ihre Kleider sahen auch die aus, die sie trugen. Aber allen den vielen ringsum war es, als habe sich Ivar Ivarsson von den dreien am besten gehalten. Dies kam wohl daher, daß er Soldat gewesen und in Krieg und Gefangenschaft durch viel Leiden abgehärtet worden war. Er hielt sich noch stramm und zeigte ein mutiges, unerschrockenes Auftreten.

Als Ivar Ivarsson an die Trommel trat und den Becher mit den Würfeln von dem Lehnsmann in Empfang nahm, wollte ihm dieser zeigen, wie er den Becher halten und wie er würfeln müsse. Doch da spielte ein Lächeln um die Lippen des Mannes.

»Es ist nicht das erste Mal, daß ich mit Würfeln spiele, Herr Lehnsmann«, sagte er so laut, daß alle es hörten. »Der Starke Bengt von Hedeby und ich haben uns an manchem Abend dort draußen in den Steppenländern damit die Zeit vertrieben. Niemals aber hätte ich geglaubt, ich würde je gezwungen sein, noch einmal mit ihm zu spielen.«

Der Lehnsmann wollte ihn zur Eile mahnen; aber die ganze Volksmenge hörte ihm gern zu. Das war wahrlich ein tapferer Mann, der noch scherzen konnte, wenn er vor solchen Entscheidungen stand.

Nun legte er beide Hände um den Becher, und man sah, daß er betete. Als er sein Vaterunser gesprochen hatte, rief er mit lauter Stimme: »Und nun bitte ich dich, Herr Jesus Christus, du, der meine Unschuld kennt, du mögest mir aus Gnade einen niedrigen Wurf gewähren, denn ich habe weder Kind noch Liebste, die um mich weinen werden.«

Als dies gesagt war, warf er die Würfel auf das Trommelfell, daß es nur so dröhnte.

Und alle, die außerhalb des Sperringes standen, wünschten in diesem Augenblick, Ivar Ivarsson möge frei ausgehen. Er gefiel ihnen, weil er tapfer und gut war, und sie konnten jetzt nicht mehr begreifen, wie sie ihn jemals für einen Missetäter hatten halten können. Es war ihnen beinahe unerträglich, so weit weg zu stehen und nicht zu wissen, wie die Würfel gefallen waren. Der Richter und der Lehnsmann beugten sich vor, die Schöffen und die anwesenden Herrschaften traten näher, um den Ausfall zu betrachten. Alle schienen erstaunt zu sein; einige von ihnen nickten Ivar Ivarsson zu, zwei schüttelten ihm die Hand; aber die Menge erfuhr nichts; manche murrten und knurrten.

Da winkte der Richter dem Lehnsmann, und dieser stieg auf eine der Treppenstufen vor dem Thinghaus, damit er besser gesehen und gehört werde.

»Ivar Ivarsson hat sechs-sechs geworfen, was der höchste Wurf ist!«

Da begriff man: Ivar Ivarsson war freigesprochen, und man freute sich darüber. Mehrere fingen zu rufen an: »Glück auf, Ivar Ivarsson!«

Doch jetzt geschah etwas, was alle in Erstaunen setzte.

Paul Eliasson brach in laute Freudenrufe aus. Er riß die Mütze vom Kopf und warf sie hoch in die Luft. Dies kam so unerwartet, daß die Wächter ihn nicht zurückhalten konnten. Aber man verwunderte sich über Paul Eliasson. Es war ja wahr, Ivar Ivarsson war wie ein Vater für ihn gewesen, und nun handelte es sich um dessen Leben. Aber konnte er sich wirklich darüber freuen, daß ein anderer freigesprochen wurde?

Doch gleich darauf wurde die frühere Ordnung wieder hergestellt. Die Obrigkeit trat wieder nach rechts, die Gefangenen und die Wachmannschaft nach links, die anderen Zuschauer zogen sich zum Thinghaus zurück, und die Trommel stand nun von allen Seiten sichtbar in der Mitte des Platzes.

Jetzt war Erik Ivarsson an der Reihe, die Todesprobe zu bestehen.

Und heran trat ein gebrochener alter Mann mit wankendem unsicherem Gang. Konnte das Erik Ivarsson sein, der immer so fest und gebieterisch aufgetreten war? Seine Augen waren trüb, und viele meinten, er sei sich dessen, was vorging, nicht vollständig bewußt. Als er aber den Becher mit den Würfeln in die Hand bekam, machte er einen Versuch, sich aufzurichten und einige Worte zu sprechen.

»Ich danke Gott, daß mein Bruder Ivar Ivarsson jetzt freigesprochen ist«, sagte er, »denn obgleich ich in dieser Sache ebenso unschuldig bin wie er, ist er doch immer der bessere von uns beiden gewesen. Und ich bitte unseren Herrn Jesus Christus, mich einen niedrigen Wurf tun zu lassen, damit meine Tochter den heiraten kann, der sie liebt, und bis ans Ende ihrer Tage glücklich mit ihm leben kann.«

Es war bei Erik Ivarsson wie bei vielen alten Leuten, seine frühere Kraft schien sich jetzt in seiner Stimme gesammelt zu haben. Was er sagte, wurde von allen gehört und rief tiefe Rührung hervor. Es sah Erik Ivarsson so gar nicht ähnlich, anzuerkennen, daß ein anderer mehr gewesen sei als er, und sich jetzt den Tod zu wünschen, damit ein anderer glücklich würde. In der ganzen Volksmenge war nicht einer, der ihn noch für einen Räuber oder Dieb halten konnte. Man stand mit Tränen in den Augen da und betete zu Gott, er möge ihm einen hohen Wurf verleihen.

Er schüttelte die Würfel im Becher kaum, drehte diesen nur um und ließ die Würfel herausfallen. Seine Augen waren zu alt, um die Punkte darauf unterscheiden zu können, er wendete seinen Blick auch gar nicht dahin, sondern starrte nur ruhig geradeaus.

Der Richter aber und die anderen eilten herbei, und jetzt sah man wie beim ersten Male dieselbe Verwunderung auf ihren Gesichtern.

Es war, als hätte die Volksmenge, die außerhalb der Absperrung stand, schon bevor der Ausfall kundgetan wurde, verstanden, was geschehen war. Eine Frau war die erste, die ausrief: »Gott sei Lob und Dank, daß er dir geholfen hat, Erik Ivarsson!«

Auch Paul Eliassons Mütze flog hoch in die Luft wie beim ersten Male. Und auch darüber verwunderte man sich. Dachte er gar nicht daran, was das für ihn selbst bedeutete?

Erik Ivarsson aber stand stumpf und gleichgültig da, nicht ein Strahl der Freude leuchtete in seinem Gesicht auf. Man dachte, vielleicht wolle er warten, bis der Lehnsmann den Ausfall verkündigte; aber selbst nachdem dies geschehen war und er erfahren hatte, daß auch er wie sein Bruder sechs-sechs geworfen hatte, blieb er gleichgültig. Er wollte an seinen früheren Platz zurückwandern, war aber nun vollkommen erschöpft, der Gerichtsdiener mußte ihn stützen.

Jetzt war Paul Eliasson an der Reihe, zur Trommel hinzutreten, um den Glückswurf zu tun, und aller Blicke richteten sich nun auf ihn. Schon lange vor der Probe war man ja der Meinung gewesen, er müsse der eigentliche Verbrecher sein, und jetzt war er ja auch sozusagen schon verurteilt, denn eine höhere Zahl, als die Ivarssöhne geworfen hatten, gab es ja nicht auf den Würfeln.

Man war auch bis jetzt nicht unzufrieden mit diesem Ausgang gewesen. Nun aber sah man, daß Marit Erikstochter sich bis zu Paul Eliasson hingeschlichen hatte. Er hielt sie nicht umschlungen, und kein Kuß, keine Liebkosung wurde zwischen ihnen gewechselt. Sie lehnte sich nur ganz dicht an ihn, und er hatte den Arm um ihre Mitte gelegt. Niemand hätte genau sagen können, ob sie schon lange so beieinander standen, denn die Aufmerksamkeit aller war ja auf das Würfelspiel gerichtet gewesen. Jedenfalls aber standen sie nun, auf unerforschliche Weise zusammengeführt, Seite an Seite, trotz Wachtmannschaft und drohender Obrigkeitspersonen, trotz der Tausende von Zuschauern, trotz des furchtbaren Spieles um Leben und Tod, worin sie verstrickt waren.

Das war Liebe, und etwas über aller irdischen Liebe Stehendes war es, was sie vereinte. Ebenso hätten sie an einem Sommermorgen am Gittertor stehen können, nachdem sie die ganze Nacht hindurch getanzt und sich da zum ersten Male gesagt hätten, daß sie Mann und Frau werden wollten. Ebenso hätten sie nach der ersten Abendmahlsfeier, als sie alle Sünde aus ihrer Seele weggenommen fühlten, beieinanderstehen können. Ja, sie hätten ebenso dastehen können, wie sie, nachdem sie alles Grauen des Todes durchgemacht hatten und nun im Jenseits angekommen waren, sich da wieder getroffen und erkannt hätten, daß sie für alle Ewigkeit zusammengehörten.

Sie sah ihn mit tiefster Zärtlichkeit an, und da ging den Menschen in ihrer Seele ein Licht auf, das ihnen offenbarte, daß gerade Paul Eliasson der sei, mit dem sie Mitleid haben müßten. Er war ein junger Baum, der nicht zur Blüte- und Fruchtzeit stehenbleiben durfte, er war ein Roggenfeld, das niedergetreten werden sollte, ehe es jemand etwas von seinem Reichtum hatte schenken dürfen.

Ruhig löste er jetzt seinen Arm von Marit und folgte dem Lehnsmann zur Trommel. Man merkte ihm keine Unruhe an, als man ihm den Becher in die Hand gegeben hatte. Er richtete auch nicht wie die beiden vorher eine Ansprache an die Versammelten, sondern wendete sich nur an Marit.

»Hab keine Angst!« sagte er. »Gott weiß, daß ich ebenso unschuldig bin wie die anderen.«

Hierauf schüttelte er die Würfel gleichsam spielend und ließ sie in dem Becher kreisen, bis sie den oberen Rand erreichten und auf das Trommelfell hinunterfielen.

Unbeweglich stand er da und folgte ihnen mit dem Blick. Als sie dann aber stillagen, brauchten die Leute auf die Verkündigung des Ausfalls durch den Lehnsmann durchaus nicht zu warten.

Paul Eliasson selbst rief mit lauter Stimme: »Ich habe sechs-sechs geworfen. Marit! Ich habe zwei Sechser geworfen wie die anderen auch!«

Nicht der geringste Zweifel stieg in ihm auf: Er war dadurch freigesprochen, und so konnte er sich vor lauter Freude darüber nicht still verhalten. Er machte einen hohen Satz, warf seine Mütze in die Luft, schloß den Wachsoldaten, der neben ihm stand, in seine Arme und küßte ihn.

Da dachte jedermann: »Man sieht, er ist ein Russe. Wenn er ein Schwede wäre, würde er nicht vorzeitig jubeln.«

Der Richter, der Lehnsmann, die Schöffen und die Herrschaften gingen gemächlich und ruhig zur Trommel hin und betrachteten die Würfel. Sie sahen jedoch diesmal nicht froh aus. Sie schüttelten den Kopf, und keiner von ihnen beglückwünschte Paul Eliasson zu seinem hohen Wurf.

Der Lehnsmann trat zum dritten Male auf die Staffel des Thinghauses und verkündete: »Paul Eliasson hat sechs-sechs geworfen, was der höchste Wurf ist!«

Es entstand eine heftige Bewegung in der Volksmenge; aber keine Jubelrufe ertönten. Niemand dachte, es könnte irgendein Betrug mit unterlaufen sein, so etwas war unmöglich. Aber allen wurde höchst ängstlich zumute, weil das Gottesurteil keine Klarheit gebracht hatte.

Waren wohl alle drei Angeklagten gleich unschuldig, oder waren alle drei gleich schuldig?

Man sah, wie Rittmeister Löwensköld zu dem Richter hintrat. Er wollte ihm wohl sagen, es sei gar nichts entschieden; der Richter aber wendete sich ziemlich jäh von ihm weg.

Der Richter und die Schöffen zogen sich nun in das Thinghaus zurück, um sich miteinander zu beraten, und während dieser Zeit wagte niemand, sich zu bewegen oder zu sprechen, noch hörbar zu flüstern. Auch Paul Eliasson verhielt sich still. Er schien jetzt zu verstehen, daß auch ein Gottesurteil auf mehr als eine Art gedeutet werden konnte.

Das Gericht erschien nach kurzer Beratung aufs neue, und der Richter verkündigte, das Amtsgericht sei geneigt, den Ausfall so zu deuten, daß alle drei Angeklagten freigesprochen werden sollten.

Da riß sich Paul Eliasson von seinen Wächtern los und warf seine Mütze wieder jubelnd in die Luft; aber das geschah ein wenig zu früh, denn der Richter fuhr fort:

Diese Auffassung des Amtsgerichts solle jedoch durch einen Kurier, der noch am gleichen Tag abgehen werde, dem König unterbreitet werden, und die Angeklagten müßten so lange in Haft bleiben, bis von Seiner Königlichen Majestät die Bestätigung dieses Urteils des hiesigen Amtsgerichtes vorliege.

Achtes Kapitel

Es mochten wohl dreißig Jahre seit jenem merkwürdigen Würfelspiel vor dem Brobyer Thinghaus vergangen sein, da saß an einem Herbsttag Marit Erikstochter auf der kleinen Vortreppe zum Vorratshaus des Olsbyer Hofes, wo sie ihre Wohnung hatte, und strickte Kinderfäustlinge. Sie wollte ein schönes Muster mit Streifen und Vierecken stricken, damit das Kind, dem die Handschuhe zugedacht waren, eine rechte Freude daran habe; aber sie konnte sich an kein bestimmtes Muster mehr erinnern.

Nachdem sie lange nachgedacht und mit einer Stricknadel Figuren auf die eine Stufe der Treppe gezeichnet hatte, ging sie ins Haus hinein und öffnete ihre Kleidertruhe, um irgendein Stück hervorzusuchen, nach dem sie stricken könnte. Schließlich fand sie ganz unten in der Truhe eine Zipfelmütze, die mit vielen verschiedenen Feldern und Streifen kunstfertig gestrickt war, und nach einigen Augenblicken des Zögerns nahm sie die Mütze mit hinaus auf die Vortreppe.

Während dann Marit die Mütze hin und her betrachtete, um sich über das Strickmuster klarzuwerden, sah sie, wie viele Löcher die Motten hineingefressen hatten. »Ach, du lieber Gott, das ist wohl nicht verwunderlich!« dachte sie. »Es ist ja mindestens dreißig Jahre her, seit diese Mütze im täglichen Gebrauch war. Es ist gut, daß ich sie jetzt einmal aus der Kleidertruhe herausgenommen habe und nun sehe, wie es darin aussieht.« Die Mütze war mit einer großen schönen bunten Troddel versehen, und in dieser schienen die Motten hauptsächlich gehaust zu haben, denn als Marit die Mütze schüttelte, flogen die Fäden wirbelnd nach allen Seiten hin. Ja, auch die Troddel selbst machte sich los und fiel ihr in den Schoß. Marit nahm sie auf, um zu sehen, ob sie so zerstört war, daß man sie nicht mehr befestigen konnte, und dabei sah sie etwas zwischen den Fäden glänzen. Sie zupfte sie eifrig auseinander, und was fand sie da: einen großen goldenen Siegelring mit einem roten Stein darauf, der mit grobem Leinenfaden in die Troddel hineingenäht war.

Die Troddel und die Mütze fielen ihr aus der Hand. Sie hatte den Ring noch nie gesehen; aber sie brauchte gar nicht den königlichen Namenszug anzusehen, noch die Inschrift auf der Innenseite des Ringes zu lesen, um zu wissen, was für ein Ring das war und wem er gehörte. Sie lehnte sich gegen das Geländer zurück, schloß die Augen und saß regungslos da, still und bleich wie eine Sterbende. Ihr war, als müßte ihr das Herz brechen.

Dieses Ringes wegen hatten ihr Vater, Erik Ivarsson, ihr Onkel, Ivar Ivarsson, und ihr Bräutigam Paul Eliasson den Tod erleiden müssen. Und jetzt hatte sie diesen Ring, in die Troddel von Paul Eliassons Zipfelmütze eingenäht, gefunden.

Wie war er da hineingekommen? Wann war er da hineingekommen? Hatte Paul gewußt, daß er sich da befand?

Nein, sie sagte sich sofort, es sei ganz unmöglich, daß er es gewußt haben könnte.

Sie erinnerte sich, wie er die Mütze geschwenkt und sie hoch in die Luft hinaufgeworfen hatte, als er glaubte, sowohl er, als auch die beiden alten Ivarssöhne seien freigesprochen.

Sie sah das Ganze vor sich, als sei es gestern gewesen. Die große Volksmenge, die im Anfang haßerfüllt und feindlich gegen sie und ihre Nächsten gewesen war, schließlich aber doch an deren Unschuld geglaubt hatte. Sie erinnerte sich auch an den prachtvollen tiefblauen Herbsthimmel sowie an die Zugvögel, die wild und irrend über dem Thingplatz hin und her geschwirrt waren. Paul hatte nach ihnen geschaut, und in dem Augenblick, da sie sich an ihn lehnte, hatte er ihr zugeflüstert, seine Seele würde nun auch bald da oben umherirren wie ein kleiner verirrter Vogel. Und er hatte sie gefragt, ob er herkommen und unter der Dachrinne des Olsbyhofes sein Nest bauen dürfe?

Nein, Paul Eliasson hatte nicht wissen können, daß in der Mütze, die er zum herrlichen Herbsthimmel emporwarf, Diebesgut verborgen gewesen war.

Ein anderer Tag kam heran. Ihr Herz krampfte sich jedesmal zusammen, sooft sie an ihn dachte; aber jetzt mußte sie es doch tun. Von Stockholm war die Entscheidung gekommen, das Gottesurteil müsse so gedeutet werden, daß alle drei Angeklagten gleich schuldig seien und alle drei durch den Strick hingerichtet werden sollten.

Sie, Marit, war anwesend gewesen, als das Urteil vollstreckt wurde, damit die Männer, die sie liebte, wußten, daß es noch einen Menschen gab, der an sie glaubte und um sie trauerte. Aber deswegen hätte sie kaum zum Galgenhügel zu gehen brauchen, denn alle Leute waren seit dem letzten Male anderen Sinnes geworden. Alle, die vor der Sperrkette der Soldaten um sie herstanden, waren sehr gut gegen sie gewesen. Die Leute hatten die Sache unter sich beraten und waren zu der Überzeugung gekommen, das Gottesurteil hätte so gedeutet werden müssen, daß alle drei Angeklagten unschuldig wären. Der alte General hatte sie alle den höchsten Wurf tun lassen. Das konnte nichts anderes bedeuten, keiner von den dreien habe den Ring genommen.

Als die drei Männer herausgeführt wurden, war ringsum lautes Wehklagen entstanden. Die Frauen hatten geweint, die Männer hatten mit geballten Fäusten und zusammengebissenen Zähnen dagestanden. Man sagte, das Kirchspiel Bro werde zerstört werden wie einst Jerusalem, weil unschuldigen Männern hier das Leben genommen werde. Die Leute hatten den Verurteilten Trostworte zugerufen und die Büttel verhöhnt. Und viele Flüche hatten den Rittmeister getroffen. Es hieß ja, er sei in Stockholm gewesen, und er sei schuld daran, daß dieses Gottesurteil zum Nachteil der Angeklagten gedeutet worden sei.

Und diese allgemeine Teilnahme, die bewies, daß alle Leute ihr Vertrauen und ihren Glauben teilten, war es jedenfalls gewesen, die ihr über jenen Tag hinweggeholfen hatte. Und nicht nur über jenen Tag allein, sondern auch die ganze Zeit her bis jetzt. Wenn die Menschen, mit denen sie zusammentraf, sie für die Tochter eines Mörders gehalten hätten, ach, dann hätte sie das Leben nicht ertragen können.

Paul Eliasson war der erste gewesen, der den kleinen Bretterboden unter dem Galgen betreten hatte. Er hatte sich erst auf die Knie geworfen und zu Gott gebetet, dann hatte er sich an den neben ihm stehenden Geistlichen gewendet und eine Bitte an ihn gerichtet.

Dann hatte Marit gesehen, wie der Geistliche ihm die Mütze vom Kopf nahm, und als alles vorüber war, hatte er Marit die Mütze als letzten Gruß von Paul übergeben und dabei gesagt, Paul sende sie ihr als Zeichen, daß er in seinem letzten Stündchen an sie gedacht habe.

Sollte sie nun jemals glauben können, Paul hätte ihr die Mütze zum Andenken geschickt, wenn er gewußt hätte, daß gestohlenes Gut sich darin befände? Woher konnte nur Paul diese Mütze gehabt haben? Nein, wenn irgend etwas auf Erden gewiß war, dann auch das, daß er nicht gewußt, was in der Mütze verborgen war, nämlich der Ring, der am Finger eines toten Mannes gesteckt hatte.

Marit Erikstochter beugte sich hastig vor, sah die Mütze genau an und betrachtete eifrig das Muster. »Woher kann Paul die Mütze gehabt haben?« dachte sie. »Paul liebte solchen Putz sehr. Er freute sich nie, wenn wir graue Kleider für ihn webten. Er wollte immer Farben hineingewoben haben. Und seine Mützen sollten womöglich rot sein, mit einer großen Troddel daran. Diese hier hat ihm sicherlich gut gefallen.«

Sie legte die Mütze nieder, lehnte sich an das Treppengeländer zurück und schaute hinein in das Vergangene. An jenem Morgen, als Ingilbert zu Tode erschreckt worden war, hatte sie sich auch im Wald befunden. Sie sah, wie Paul zusammen mit ihrem Vater und ihrem Oheim über die Leiche gebückt stand. Dann hatten die beiden Alten bestimmt, Ingilbert solle ins Dorf hinuntergetragen werden, und sie waren zwischen die Bäume gegangen, um Zweige für die Bahre abzuhauen. Paul hatte einen Augenblick gezögert, um Ingilberts Mütze näher zu betrachten. Sie stach ihm so in die Augen, weil sie mit blauem, rotem und weißem Garn in den verschiedensten Mustern gestrickt war, und da hatte er dem Verlangen nicht widerstehen können. Er hatte nichts Böses damit gemeint, hatte sie vielleicht nur für ein Weilchen behalten wollen. Seine eigene Mütze, die er Ingilbert hinlegte, war sicher ebensogut gewesen, nur nicht so vielfarbig und nicht so kunstfertig gestrickt.

Ingilbert aber hatte den Ring in die Mütze hineingenäht, ehe er von daheim fortging. Er hatte vielleicht gedacht, er könne verfolgt werden und deshalb den Ring recht gut zu verstecken gesucht. Und als er dann zu Boden gestürzt war, wie sollte da jemand auf den Gedanken kommen, den Ring in der Mütze zu suchen! Paul Eliasson weniger als irgendein anderer.

So mußte also alles zugegangen sein. Marit hätte darauf schwören können; man kann aber doch seiner Sache nie sicher genug sein.

Sie legte nun den Ring in die Truhe, und mit der Mütze in der Hand ging sie in den Stall, um mit der Stallmagd zu reden.

»Komm heraus ans Tageslicht, Märta!« rief sie in den dunklen Viehstall hinein, »und hilf mir bei einem Muster, das ich nicht herausbringen kann.«

Als die Stallmagd sich zeigte, reichte sie ihr die Mütze. »Ich weiß, du bist recht geschickt im Stricken, Märta«, begann sie, »und ich möchte gern diese Felder abstricken, komme aber nicht ganz zurecht damit. Du bist in dieser Kunst besser bewandert als ich.«

Die Stallmagd nahm die Mütze und warf einen Blick darauf; dann sah sie ganz betroffen aus. Sie trat aus dem Schatten der Stallmauer heraus und betrachtete die Mütze noch genauer.

»Woher hast du sie?« fragte sie Marit.

»Sie hat seit vielen Jahren in meiner Truhe gelegen«, antwortete Marit. »Warum fragst du danach?«

»Weil ich diese Mütze meinem Bruder Ingilbert im letzten Sommer, wo er lebte, gestrickt habe«, sagte die Stallmagd. »Ich habe sie seit jenem Morgen, wo er von zu Hause wegging, nicht mehr gesehen«, fuhr sie fort. »Wie kann sie denn jetzt hier sein?«

»Sie ist ihm vielleicht vom Kopf gefallen, als er von den Knechten im Wald gefunden und hierher gebracht wurde. Wenn aber so traurige Erinnerungen für dich damit verknüpft sind, wirst du vielleicht das Muster nicht gern für mich abstricken.«

»Wenn du sie mir eine Weile überläßt, kannst du das Muster haben«, versetzte die Stallmagd.

Sie nahm die Mütze und ging in den Stall zurück; aber Marit hörte, daß ihre Stimme von Tränen verschleiert war.

»Nein, du darfst es nicht tun, wenn es dir schmerzlich ist«, sagte sie.

»Nichts ist mir schmerzlich, was ich für dich tun kann, Marit.«

Marit war es nämlich gewesen, die an Märta Bårdstochter gedacht hatte, als diese nach dem Tod ihres Vaters und Bruders ganz allein droben im Wald zurückgeblieben war, und so hatte sie ihr angeboten, Stallmagd auf dem Olsbyhof zu werden. Märta vergaß ihr das nie und wurde nicht müde, ihr ihre Dankbarkeit zu bezeugen, weil Marit sie dadurch wieder mit anderen Menschen zusammengebracht hatte.

Marit kehrte auf die Treppe des Vorratshauses zurück. Sie nahm ihr Strickzeug wieder in die Hand, hatte aber keine rechte Ruhe zum Arbeiten. Sie lehnte den Kopf wie vorher an das Geländer und überlegte, was sie nun tun müsse.

Wenn jemand im Olsbyhof gewußt hätte, wie Frauen auszusehen pflegten, die das Leben hinter sich gelassen hatten, um ins Kloster zu gehen, hätte man wohl gesagt, Marit sehe jetzt einer solchen gleich. Ihr Gesicht war gelblich weiß und ganz ohne Runzeln. Einem Fremden wäre es fast unmöglich gewesen, zu sagen, ob sie jung oder alt sei. Es lag etwas Friedfertiges und Ruhiges über ihr, wie über jemand, der aufgehört hat, für sich selbst etwas zu wünschen. Man sah sie nicht oft froh, doch auch nie tief betrübt.

Nach dem schweren Schlag hatte Marit deutlich das Gefühl, daß das Leben nun für sie zu Ende sei. Sie hatte von ihrem Vater den großen Hof geerbt, wußte aber nur zu gut: wenn sie ihn behalten wollte, dann müßte sie heiraten, damit der Hof einen Herrn bekäme. Um dies zu vermeiden, hatte sie das ganze Anwesen einem ihrer Geschwisterkinder ohne Bezahlung unter der Bedingung überlassen, daß sie, solange sie lebte, dort freie Wohnung und Kost hätte.

Sie war zufrieden mit dieser Lösung und hatte sie nie bereut. Es herrschte keine Gefahr, daß ihr aus Mangel an Arbeit die Zeit lang würde. Die Leute setzten großes Vertrauen in ihre Klugheit und Güte, und sooft jemand krank war, schickte man sofort nach ihr. Die Kinder schlossen sich auch sehr an sie an. Meist war Marits Wohnung ganz voll von dem kleinen Volk. Sie wußten ja, daß Marit immer Zeit hatte, ihnen bei ihren kleinen Sorgen beizustehen und zu vermitteln. Während nun Marit so überlegte, was sie jetzt mit dem Ring tun solle, stieg heißer Zorn in ihr auf. Sie überlegte sich, wie leicht der Ring hätte gefunden werden können. Warum hatte der General nicht dafür gesorgt, daß er gefunden wurde? Er hatte ja die ganze Zeit gewußt, wo er sich befand; das verstand sie jetzt wohl. Aber warum hatte er es nicht so eingerichtet, daß Ingilberts Mütze untersucht wurde? Statt dessen ließ er drei Unschuldige um des Ringes willen den Tod erleiden. Dazu hatte er die Macht gehabt, nicht aber dazu, den Ring ans Tageslicht kommen zu lassen.

Im ersten Augenblick hatte Marit daran gedacht, mit ihrem Erlebnis zum Propst zu gehen und ihm den Ring zu übergeben; doch nein, das wollte sie nicht. Es war nämlich so; wo immer Marit sich zeigte, in der Kirche oder bei einem Gastmahl, wurde sie stets mit großer Achtung behandelt. Unter der Verachtung, die auf der Tochter eines Missetäters zu ruhen pflegte, hatte sie nie zu leiden gehabt. Die Leute waren der festen Überzeugung, es sei damals ein Unrecht begangen worden, und sie wollten es wieder gutmachen. Selbst die Herrschaften pflegten zu ihr hinzugehen, wenn sie Marit auf dem Kirchenplatz sahen, und ein paar Worte mit ihr zu wechseln. Sogar die Familie auf Hedeby – nicht der Rittmeister selbst, aber seine Frau und Schwiegertochter – hatte wiederholt den Versuch gemacht, sich Marit zu nähern. Ihnen gegenüber aber hatte sie sich immer abweisend verhalten. Seit jenem Rechtsverfahren hatte sie mit keinem von ihnen jemals ein Wort gesprochen.

Sollte sie nun hingehen und zugeben, daß die Hedebyer gewissermaßen recht gehabt hatten? Der Ring war ja tatsächlich im Besitz der Olsbymänner gewesen. Vielleicht würde man sogar kommen und sagen, sie hätten gewußt, wo der Ring sich befand, und hätten das Gefängnis und die Verhöre nur in der Hoffnung, freigesprochen zu werden, ertragen, um den Ring später verkaufen zu können.

Jedenfalls sagte sich Marit, wenn sie den Ring jetzt hinbrächte und erzählte, wo sie ihn gefunden hatte, so würde das als eine Rechtfertigung für den Rittmeister und auch für dessen Vater angesehen werden. Marit aber wollte nichts tun, was gut und vorteilhaft für die Löwenskölds war.

Der Rittmeister Löwensköld war jetzt ein Mann von achtzig Jahren, er war reich und mächtig, geachtet und geehrt. Der König hatte ihn zum Baron gemacht, und kein Unglück hatte ihn je getroffen. Er hatte vortreffliche Söhne, und auch diese waren in guten Verhältnissen.

Dieser Mann hatte Marit alles genommen, alles, alles. Durch seine Schuld war sie ohne Hab und Gut, ohne Mann, ohne Kinder. Viele Jahre lang hatte sie gewartet und gehofft, irgendeine Strafe werde ihn treffen; aber nichts, nichts davon war eingetroffen.

Plötzlich fuhr Marit aus ihrem tiefen Sinnen empor. Sie hörte kleine Kinderfüße rasch durch den Hof daherlaufen, und da wußte sie gleich, daß sie auf dem Weg zu ihr waren.

Und richtig, es waren zwei Jungen von zehn bis elf Jahren. Der eine war Nils, der Sohn des Hauses, den andern aber kannte sie nicht. Sie waren wirklich gekommen, sie um etwas zu bitten.

»Marit«, sagte Nils, »dies ist Adrian von Hedeby. Wir haben drüben auf der Straße miteinander Reifen gespielt, dann aber haben wir uns gestritten, und ich habe Adrian seine Mütze zerrissen.«

Marit sah Adrian nachdenklich an. Es war ein hübscher Junge mit etwas Freundlichem und Sanftem in seinem Wesen. Sie griff nach ihrem Herzen. Immer empfand sie Schmerzen und eine Art Angstgefühl, wenn sie einen Löwensköld sah.

»Wir sind jetzt wieder gut miteinander«, fuhr Nils fort, »und da möchte ich dich fragen, ob du mir nicht Adrians Mütze flicken willst, bevor er heimgeht?«

»Ja«, sagte Marit, »ja, ich will es tun.«

Sie ließ sich die zerrissene Mütze geben, stand auf und ging ins Haus.

»Das muß ein Wink des Himmels sein«, murmelte sie. »Spielt jetzt ein Weilchen hier draußen, ich werde bald damit fertig sein«, sagte sie zu den Jungen.

Sie machte die Haustür hinter sich zu und saß allein drinnen, während sie die Löcher in Adrian Löwenskölds Zipfelmütze ausbesserte.

Neuntes Kapitel

Wieder vergingen ein paar Jahre, ohne daß man irgend etwas von dem Ring hörte. Dann aber geschah es, daß Jungfer Malwina Spaak im Jahre 1788 als Haushälterin nach Hedeby kam. Sie war eine arme Pfarrerstochter aus Sörmland, hatte noch niemals einen Fuß über die Grenze Värmlands gesetzt und hatte auch keine Ahnung von den Verhältnissen des Hauses, in dem sie dienen sollte.

Schon an dem Tag, als sie auf Hedeby eintraf, wurde sie zu der Baronin Löwensköld gerufen, um eine ganz eigentümliche vertrauliche Mitteilung entgegenzunehmen.

»Ich halte es für das Richtigste«, teilte die Frau Baronin der Jungfer Spaak mit. »Es spukt nämlich hier auf Hedeby, das läßt sich nicht leugnen. Es kommt nicht selten vor, daß man hier auf den Treppen und Gängen, ja sogar in den Zimmern, einem großen grobschlächtigen Mann in hohen Stulpstiefeln und blauem Uniformrock begegnet, der ungefähr wie ein alter Karoliner aussieht. Er steht ganz plötzlich vor einem, wenn man eine Tür öffnet oder um einen Treppenaufsatz biegt; aber ehe man sich auch nur verwundert fragen kann, wer das sein mag, ist er auch schon wieder verschwunden. Er tut einem nichts, ja, wir glauben eher, er meint es gut mit uns, und ich bitte nun die Jungfer, keine Angst zu haben, wenn er Ihr begegnet.«

Jungfer Spaak war damals einundzwanzig Jahre alt, leichtfüßig und flink und außerordentlich tüchtig in allen erdenklichen häuslichen Arbeiten, auch tatkräftig und entschlossen. Wo immer sie hinkam, ging jeder Haushalt, den sie führte, wie ein Uhrwerk. Aber sie hatte ungeheure Angst vor Gespenstern und hätte die Stelle auf Hedeby gewiß nicht angenommen, wenn sie von dieser Sache schon vorher gewußt hätte. Jetzt aber war sie eben einmal da, und ein armes Mädchen mußte sich wohl hüten, sich einen guten Posten zu verscherzen. Deshalb machte sie einen Knicks vor der Baronin, dankte für die Warnung und versicherte, sie würde sich gewiß nicht ins Bockshorn jagen lassen.

»Ja, wir begreifen selbst ganz und gar nicht, warum er hier umgeht«, fuhr die Hausfrau fort. »Meine Töchter meinen, er sehe dem Vater meines Mannes ähnlich, dem General Löwensköld, den die Jungfer dort auf dem Gemälde sieht, und sie nennen die Erscheinung darum den General. Aber die Jungfer wird begreifen, daß niemand damit sagen will, es sei der General selbst, der hier spukt – denn der soll ein ganz vorzüglicher Mann gewesen sein. Wir alle begreifen nichts von der ganzen Sache. Und falls die Dienstboten nun mit irgendwelchen Anspielungen daherkommen sollten, dann hoffe ich, daß Sie, Jungfer Spaak, Verstand genug hat, sich nicht darauf einzulassen.«

Jungfer Spaak verneigte sich noch einmal und versicherte, sie lasse sich mit den Dienstboten niemals auf irgendeinen Klatsch über die Herrschaften ein, und damit war die Audienz zu Ende.

Die Jungfer war allerdings bloß eine arme Haushälterin; da sie aber besserer Leute Kind war, durfte sie wie der Inspektor und die Erzieherin mit am Herrschaftstisch essen. Sie war übrigens ordentlich und hübsch, hatte eine kleine zarte Gestalt, helles Haar und rosenrote Wangen, und so war sie durchaus keine Unzier für den Herrschaftstisch. Alle fanden in ihr ein herzensgutes Geschöpf, das sich auf jede Weise nützlich zu machen verstand; und so war sie auch allgemein beliebt.

Sie merkte auch bald, daß dieser ihr von der Baronin mitgeteilte Spuk der beständige Gesprächsstoff bei den Mahlzeiten war. Bald war es eines der jungen Fräulein, bald die Erzieherin, die erklärte: »Heut hab’ ich den General gesehen«, wie wenn das etwas wäre, worauf man Wert legte und dessen man sich rühmte.

Kaum ein Tag verging, ohne daß jemand sie fragte, ob sie das Gespenst noch nicht gesehen habe, und da sie immerfort mit einem Nein antworten mußte, merkte sie allmählich, daß dies eine gewisse Geringschätzung verursachte. Es war, als sei sie weniger als die Erzieherin und der Inspektor, die beide den General schon unzählige Male gesehen hatten.

Jungfer Spaak hatte es allerdings noch nie erlebt, daß man sich einem Gespenst gegenüber so ungezwungen benahm, und vom ersten Augenblick an hatte sie das Gefühl, dies werde eines Tages ein Ende mit Schrecken nehmen. Sie sagte sich, wenn die Erscheinung, die sich zeigte, wirklich ein Wesen aus einer andern Welt wäre, müßte es sicher ein unseliger Geist sein, der von den Lebenden Hilfe brauche, um Ruhe in seinem Grabe zu finden. Sie gehörte zu den tatkräftigen Naturen, und wenn es nach ihr gegangen wäre, hätte man ernstliche Nachforschungen angestellt, um der Sache auf den Grund zu kommen, anstatt sie als einen Gesprächsstoff beim Mittagsmahl zu verwenden.

Die Jungfer aber wußte, was ihre Stellung verlangte, und ein tadelndes Wort über das Betragen der Herrschaft konnte nie über ihre Lippen kommen. Für ihre eigene Person hütete sie sich wohl, an den Scherzen über das Gespenst teilzunehmen, und ihre schlimmen Ahnungen behielt sie für sich.

Jungfer Spaak war schon einen ganzen Monat auf Hedeby, ehe sie das Gespenst zu Gesicht bekam. Eines Vormittags jedoch, als sie auf dem Bodenraum gewesen war, um Weißzeug für die Wäsche zu zählen, begegnete ihr plötzlich auf der Treppe ein Mann, der rasch zur Seite trat, um sie vorbei zu lassen. Es war mitten am hellen Tag, und sie dachte ganz und gar nicht an Geisterspuk. Sie fragte sich nur, was so ein fremder Mann wohl auf dem Bodenraum zu tun haben könne, und drehte sich um, ihn nach seinem Auftrag zu fragen. Auf der ganzen Treppe aber war kein Mann zu sehen; die Jungfer eilte hastig wieder die Treppe hinauf, schaute in den Bodenraum hinein, untersuchte alle dunklen Winkel, ganz bereit, einen Dieb festzunehmen. Da sie aber nirgends ein menschliches Wesen entdeckte, wurde ihr plötzlich klar, wie alles zusammenhing.

»Wie dumm ich doch bin«, rief sie, »diese Erscheinung war natürlich niemand anders als der General!«

Ja, gewiß! Ja, gewiß! Der Mann hatte ja einen blauen Rock angehabt und ebenso ungeheure Stulpstiefel wie der General auf dem Bild. Das Gesicht hatte sie nicht deutlich erkennen können, es hatte etwas Graues gehabt, etwas wie eine Art Nebel über den Zügen.

Jungfer Spaak blieb eine gute Weile auf dem Bodenraum, um sich wieder zu fassen. Ihre Zähne schlugen aufeinander, und ihre Beine wollten sie nicht recht tragen. Wenn sie nicht an das Mittagessen zu denken gehabt hätte, wäre sie die Bodentreppe nicht mehr hinuntergekommen. Sie beschloß auch gleich, was sie gesehen hatte, für sich zu behalten und sich nicht von den andern damit necken zu lassen.

Sie konnte den General aber nicht aus ihren Gedanken verbannen, und man mußte ihr doch etwas Sonderbares angesehen haben; denn man hatte sich kaum am Mittagstisch niedergelassen, als auch schon der neunzehnjährige Sohn des Hauses, der eben von Uppsala zu den Weihnachtsferien nach Hause gekommen war, sich an sie wendete und sagte: »Heute hat die Jungfer Spaak den General gesehen.«

Bei dieser plötzlichen Anrede war sie nicht imstande, es zu leugnen. Und mit einem Male war die Jungfer die Hauptperson am Tisch. Alle richteten Fragen an sie, die von ihr jedoch so einsilbig wie möglich beantwortet wurden. Unglücklicherweise konnte sie nicht leugnen, daß sie ein wenig erschrocken war, und das rief allgemeine Heiterkeit hervor: Vor dem General erschrecken! Das konnte doch niemand einfallen!

Jungfer Spaak hatte indes schon vorher wahrgenommen, daß sich der Herr und die Frau Baronin nie an den Scherzen über den General beteiligten. Sie ließen die andern nur gewähren, ohne sie darin zu stören.

Und jetzt bemerkte Jungfer Spaak auch noch etwas! Der junge Student nahm die Sache viel ernster als die übrigen jungen Leute.

»Was mich betrifft«, sagte er, »so beneide ich alle, die den General zu sehen bekommen. Ich möchte ihm gern helfen; aber mir ist er noch nie erschienen.«

Er sagte dies mit wirklichem Bedauern und mit einem sehr schönen Ausdruck; Jungfer Spaak bat unwillkürlich Gott in ihrem Herzen, er möge ihm diesen seinen Wunsch doch bald erfüllen. Der junge Baron würde sich gewiß des armen Geistes erbarmen und ihm die Ruhe des Grabes wiederschenken.

In der nächsten Zeit schien Jungfer Spaak mehr als eines von den andern der Gegenstand der Aufmerksamkeit des Geistes zu sein. Sie sah ihn jetzt so oft, daß sie sich beinah an ihn gewöhnte. Es war ein plötzliches augenblickliches Auftauchen, bald auf der Treppe, bald im Flur, bald in einer dunklen Ecke der Küche. Wie aber konnte man den geringsten Anlaß für den Spuk ausfindig machen? Jungfer Spaak wurde oft von dem Gedanken verfolgt, daß es vielleicht im Hause etwas gäbe, dem der Geist nachspürte. Da er aber in derselben Sekunde verschwand, wo ein menschliches Auge ihn wahrnahm, konnte sie zu keiner Klarheit kommen.

Den Aussagen der Baronin zum Trotz merkte Jungfer Spaak wohl, wie sehr die ganze Jugend auf Hedeby fest davon überzeugt war, daß es der alte General Löwensköld war, der im Hause umging.

»Er ist unglücklich in seinem Grabe«, sagten die jungen Fräulein. »Und es ist ihm wichtig, zu wissen, was wir hier auf Hedeby treiben. Und dies kleine Vergnügen darf man ihm nicht verübeln.«

Jungfer Spaak, die sich, sooft sie den General gesehen hatte, in die Speisekammer begeben mußte, um sich unbehelligt von den Scherzen der Mägde mit zitternden Knien und klappernden Zähnen wieder zu fassen, wäre es viel lieber gewesen, der General hätte sich nicht so sehr für Hedeby interessiert. Die übrige Familie aber hätte ihn recht vermißt, das begriff sie wohl.

Man saß zum Beispiel einen ganzen Abend lang bei einer Handarbeit. Man spann oder nähte, das Lesen und Vorlesen wurde einem manchmal zuviel, und der Gesprächsstoff ging ebenfalls aus. Da ließ plötzlich eines der Fräulein einen Schrei hören. Sie hatte draußen dicht an der Fensterscheibe ein Gesicht gesehen, nein, eigentlich nur zwei Reihen blinkender Zähne. Dann zündete man rasch eine Laterne an, öffnete die Flurtür, alle weiblichen Wesen, die Baronin an der Spitze, eilten hinaus, um den Friedensstörer zu finden; aber natürlich konnte man nichts entdecken. Man ging wieder hinein, verschloß die Fensterläden, zuckte die Schultern und sagte, es sei wohl niemand anders als der General gewesen. Indessen aber war man wieder hellwach geworden. Jetzt hatte man etwas, worüber man eifrig reden konnte. Die Spinnräder drehten sich mit neuem Schwung, ein lebhaftes Gespräch kam in Gang. Von einem war die ganze Familie fest überzeugt: sobald man am Abend den Speisesaal verlassen hatte, nahm der General den Raum in Besitz, und er wäre gewiß dort entdeckt worden, falls man wieder hineinzugehen gewagt hätte. Man hatte auch gar nichts dagegen, wenn er sich da drinnen aufhielt. Jungfer Spaak dachte, die Familie finde sogar Gefallen an dem Gedanken, der friedlose Stammvater könne in ein gutes warmes Zimmer einkehren.

Es gehörte zu den Eigenheiten des Generals, daß er den Speisesaal vollständig aufgeräumt vorfinden wollte, wenn er da einzog. Jeden Abend sah die Jungfer, wie die Baronin und die Fräulein ihre Arbeiten zusammenlegten und sie mitnahmen. Die Spinnräder und die Stickrahmen wurden in ein anderes Zimmer getragen. Kein noch so kleines Fadenendchen ließ man auf dem Boden liegen.

Jungfer Spaak, die in dem Zimmer hinter dem Speisesaal schlief, erwachte eines Nachts davon, daß irgendein Gegenstand mit einem harten Aufplumpsen gegen die Wand schlug und dann auf dem Boden weiterrollte. Sie war kaum zu sich gekommen, als ein neuer Stoß auf dem Boden folgte, und das wiederholte sich noch zweimal.

»Herr, du mein Gott! Was treibt er denn jetzt da drinnen?« seufzte sie, denn sie begriff ja, von wem der Lärm herrührte. Das war wirklich keine angenehme Nachbarschaft. Die ganze Nacht hindurch lag sie wach, in kalten Schweiß gebadet vor lauter Angst, der General könnte zu ihr hereinkommen und ihr eine Gespensterumarmung zuteil werden lassen.

Als sie am nächsten Morgen in den Speisesaal gehen mußte, um zu sehen, was sich da begeben hätte, nahm sie die Köchin und auch das Zimmermädchen mit hinein. Doch nichts war zerstört! Nirgends war eine Unordnung zu sehen; nur mitten auf dem Boden lagen vier Äpfel. Ach, ach, man hatte ja am vorhergehenden Abend am Kaminfeuer gesessen und Äpfel gegessen! Und da waren vier Äpfel auf dem Kaminsims liegengeblieben, und das hatte dem General nicht behagt. Jungfer Spaak hatte ihre Vergeßlichkeit mit einer schlaflosen Nacht bezahlen müssen.

Andererseits konnte Jungfer Spaak niemals vergessen, daß ihr eines Tages ein Freundschaftsbeweis vom General zuteil geworden war.

Auf Schloß Hedeby war Gesellschaft gewesen. Ein großes Festessen mit vielen Gästen. Jungfer Spaak hatte alle Hände voll zu tun gehabt: mit Braten an allen Spießen, mit Windbeuteln und Pasteten im Backofen, mit Suppenkesseln und Saucenpfannen auf dem Herdfeuer. Und nicht genug damit, Jungfer Spaak mußte auch im Speisesaal sein; das Tischdecken war zu überwachen, das Silber zu übernehmen, das die Baronin ihr selbst vorzählte. Dann mußte an den Wein und das Bier gedacht werden, die zu rechter Zeit aus dem Keller heraufgebracht werden mußten, und schließlich sollten auch alle Kerzen gerade in den Kronleuchtern stehen. Wenn man nun noch bedenkt, daß die Hedebyer Küche in ein Flügelgebäude verlegt worden war und man also über den Hofplatz laufen mußte, um dahin zu gelangen, und daß es dort bei diesem festlichen Anlaß von fremden und dazu ungelernten Dienstboten wimmelte, dann kann man wohl verstehen, welch eine tüchtige Person an der Spitze des Ganzen stehen mußte. Aber alles ging genau, wie es sollte und mußte. Es gab keine Daumenabdrücke an den Gläsern, keinen unschmackhaften Inhalt in den Pasteten, das Bier hatte geschäumt, die Fleischbrühe war gerade recht gewürzt gewesen, der Kaffee hatte die richtige Stärke. Jungfer Spaak hatte zeigen können, wozu sie taugte, und die Baronin selbst hatte ihr ihre Anerkennung ausgesprochen und gesagt, es hätte nicht besser sein können.

Doch dann kam der schreckliche Rückschlag. Als Jungfer Spaak der Baronin das Silber übergeben sollte, da fehlten zwei Löffel, ein Eßlöffel und ein Kaffeelöffel. Das gab einen Aufruhr. Zu jener Zeit konnte in einem Hause nichts Schlimmeres passieren, als daß etwas vom Silber fehlte. Im Schloß Hedeby war man voller Unruhe, wie im Fieber. Man suchte, suchte ohne Unterlaß. Man erinnerte sich auch, daß eine alte Landstreicherin an dem Festtage selbst in der Küche gewesen war, und man war schon entschlossen, weit hinauf nach Finnmarken zu reisen, um ihrer habhaft zu werden. Man wurde mißtrauisch und unvernünftig. Die Herrin verdächtigte die Haushälterin, diese die Mägde, die Mägde einander, und überhaupt jedermann jeden. Bald zeigte sich die eine, bald die andere mit verweinten Augen, weil sie glaubten, die anderen meinten, sie hätte sich die zwei Löffel angeeignet.

So war es nun schon zwei Tage weitergegangen, die Löffel aber hatte man nicht gefunden, und Jungfer Spaak war am Verzweifeln. Sie war bis in den Schweinekoben gegangen in dem Gedanken, die Löffel hätten sich vielleicht dorthin verirren können. Sie war sogar in die Bodenkammern der Mägde geschlichen und hatte da ganz heimlich deren kleine Truhen durchsucht. Alles war vergeblich gewesen, und jetzt wußte sie nicht mehr, wo sie noch suchen sollte. Sie merkte, die Baronin und der ganze Hausstand hatten sie, die Fremde, im Verdacht, und sie hatte das Gefühl, wenn sie nicht selbst kündigte, dann würde man ihr kündigen.

Jungfer Spaak stand bitterlich weinend über den Küchenherd gebeugt, und ihre Tränen fielen zischend auf die heißen Platten, als sie plötzlich das Gefühl hatte, sie solle sich umwenden. Sie tat es, und siehe, dort drüben an der Küchenwand stand der General und deutete auf ein Wandbrett, das hoch oben in so unbequemer Lage angebracht war, daß es eigentlich nie jemand einfiel, etwas da hinaufzulegen.

Wie gewöhnlich verschwand der General in demselben Augenblick, wo er sichtbar geworden war. Jungfer Spaak aber folgte seinem Wink. Sie holte die Leiter aus der Speisekammer, lehnte sie an das Wandbrett, streckte die Hand hinauf und bekam einen alten schmutzigen Wischlappen in die Hand. Und wahrhaftig, in das Tuch eingewickelt lagen die beiden silbernen Löffel. Wie waren sie da hinaufgekommen? Sicherlich war es ohne irgendeines Menschen Wissen und Willen geschehen. Während des grenzenlosen Durcheinanders bei einem solchen Festgelage konnte alles passieren. Der Lappen war weggeschleudert worden, weil er im Wege lag, und die silbernen Löffel waren mitgekommen, ohne daß es jemand bemerkt hatte.

Jetzt aber waren sie wieder da, und Jungfer Spaak trug sie glückstrahlend zu der Baronin hinein, und sie war nun aufs neue die rechte Hand und Helferin aller Menschen.

Es gibt nichts Böses, das nicht etwas Gutes im Gefolge hätte. Als der junge Baron Adrian im Frühjahr nach Hause kam, erzählte man ihm, welche ungewöhnliche Gunst der General der Jungfer hatte zuteil werden lassen. Sooft er konnte, suchte er sie im Anrichteraum oder draußen in der Küche auf. Bald kam er unter dem Vorwand, er brauche eine neue Schnur für seine Angel, bald sagte er, der gute Geruch frischgebackener Semmeln habe ihn hergelockt. Bei diesen Gelegenheiten brachte er dann immer das Gespräch auf das Gebiet des Übersinnlichen. Er ließ sich von Jungfer Spaak Gespenstergeschichten von den großen Sörmländer Höfen, wie Julita und Eriksberg, erzählen und wollte wissen, was sie davon hielte.

Am häufigsten aber brachte er das Gespräch auf den General. Er sagte, mit den anderen könne er nicht über diese Sache reden, weil sie sie von der scherzhaften Seite auffaßten. Er selbst aber fühle großes Mitleid mit dem armen Gespenst und wolle ihm gern zur Ruhe verhelfen. Wenn er nur wüßte, wie er das anstellen sollte! Da sagte Jungfer Spaak, ihrer bescheidenen Ansicht nach müßte es irgend etwas im Hause geben, wonach er suche.

Der junge Baron erblaßte ein wenig, und er sah die Jungfer forschend an.

»Ma foi, Jungfer Spaak«, sagte er, »das ist ein Gedanke! Aber ich versichere Ihnen, wenn wir hier auf Hedeby etwas hätten, was der General sich wünscht, würden wir keinen Augenblick zögern, es ihm zu überlassen.«

Jungfer Spaak wußte sehr wohl, daß der junge Baron sie einzig und allein der Spukgeschichten wegen aufsuchte; aber es war eben ein liebenswürdiger und überdies sehr schöner, ja, wenn die Jungfer ihre Meinung sagen sollte, ein mehr als schöner junger Mann. Er trug den Kopf etwas vorgeneigt, er hatte etwas Sinnendes, viele dachten sogar, er sei allzu ernst. Aber das kam nur daher, weil sie ihn nicht kannten. Manchmal warf er den Kopf zurück und scherzte und verfiel auf lustigere Schelmenstreiche als sonst jemand. Aber was immer er auch tat, stets war dabei ein unbeschreiblicher Reiz in seinen Gebärden, seiner Stimme, seinem Lächeln.

An einem Sonntag im Sommer war Jungfer Spaak in der Kirche gewesen und wanderte nun auf einem schmalen Richtweg, der schräg über die Felder der Propstei führte, heimwärts. Der eine und der andere von den Kirchgängern hatte denselben Weg eingeschlagen, und Jungfer Spaak, die es eilig hatte, mußte eine Frau überholen, die zu langsam für sie dahinwanderte. Gleich darauf kam die Jungfer an ein Gatter, das ziemlich schwierig zu übersteigen war, und diensteifrig, wie sie sich immer zeigte, dachte sie jetzt gleich an die langsame Wanderin, und so blieb sie stehen, um ihr über das Gatter hinüber zu helfen. Sie reichte ihr die Hand und sah, daß die Frau gar nicht so alt war, wie sie zuerst geglaubt hatte. Sie hatte ein ungewöhnlich weißes und glattes Gesicht, und Jungfer Spaak dachte jetzt, sie könne möglicherweise nicht mehr als fünfzig Jahre alt sein. Obgleich sie offenbar nichts anderes als eine gewöhnliche Bäuerin war, lag doch eine eigene Würde über ihr, wie wenn sie irgend etwas erlebt hätte, was sie über ihren Stand hinaus gehoben hätte.

Als Jungfer Spaak der andern über das Gatter hinüber geholfen hatte, gingen sie nebeneinander auf dem schmalen Pfad weiter.

»Sie ist gewiß die Jungfer, die dem Haushalt auf Hedeby vorsteht?« fragte die Bäuerin.

»Ja, die bin ich«, antwortete Jungfer Spaak.

»Ich möchte wohl wissen, ob Sie gern dort ist?«

»Warum sollte man in einem so guten Hause nicht gerne sein?« erwiderte Jungfer Spaak zurückhaltend.

»Die Leute sagen ja, es spuke dort.«

»Man soll nicht alles glauben, was die Leute sagen«, erwiderte Jungfer Spaak in zurückweisendem Ton.

»Nein, das soll man allerdings nicht, nein, das weiß ich wohl«, sagte die andere.

Beide schwiegen eine Weile. Es war deutlich, diese Bäuerin wußte etwas, und in Wirklichkeit brannte Jungfer Spaak vor Begierde, sie auszufragen. Aber das schickte sich nicht und war nicht richtig.

Dann begann die Bäuerin aufs neue: »Ich finde, die Jungfer sieht sehr gut und lieb aus, und ich will Ihr deshalb einen guten Rat geben! Bleibe Sie nicht zu lange auf Hedeby, denn er, der dort umgeht, mit dem ist nicht zu spaßen. Er gibt nicht nach, bis er hat, was er haben will.«

Jungfer Spaak wollte zuerst ein wenig von oben herab für die Warnung danken, diese letzten Worte aber erregten ihre Neugier.

»Was ist es denn, was er haben will? Weiß Sie, was das ist?«

»Weiß die Jungfer das nicht?« antwortete die Bäuerin. »Nun, dann will ich nichts mehr sagen; es ist vielleicht am besten für die Jungfer, wenn Sie nichts weiß.«

Damit reichte sie Jungfer Spaak die Hand, bog in einen andern Fußpfad ein und war bald außer Sicht.

Jungfer Spaak hütete sich wohl, dies Gespräch der ganzen Familie beim Mittagessen zu erzählen; am Nachmittag aber, als Adrian sie in der Milchkammer aufsuchte, tat sie ihm kund, was die fremde Frau zu ihr gesagt hatte, und er war wirklich recht überrascht.

»Das muß Marit Erikstochter von Olsby gewesen sein«, sagte er. »Dies ist seit dreißig Jahren das erste Mal, daß sie mit irgend jemand von Hedeby ein freundliches Wort gesprochen hat. Mir hat sie einmal eine Mütze geflickt, die mir einer der Jungen von Olsby zerrissen hatte; aber sie sah dabei aus, als wollte sie mir die Augen auskratzen.«

»Aber weiß sie denn, was der General sucht?«

»Ach, Jungfer Spaak, sie weiß es besser als irgend sonst jemand, und ich weiß es auch. Mein Vater hat mir die Geschichte erzählt. Die Eltern aber wollen nicht, daß man es den Schwestern mitteilt. Sie würden von Gespensterfurcht befallen werden und dann nicht mehr hier wohnen. Ich darf es auch der Jungfer Spaak nicht erzählen.«

»Gott bewahre uns!« erwiderte die Jungfer. »Wenn der Herr Baron es verboten hat ...«

»Es tut mir leid«, sagte Baron Adrian. »Ich glaube, Jungfer Spaak könnte mir behilflich sein.«

»Ach, wenn ich das dürfte!«

»Denn ich wiederhole es«, sagte Baron Adrian, »ich möchte dem armen Geist zur Ruhe verhelfen. Ich habe keine Angst vor ihm. Sobald er mich ruft, werde ich ihm folgen. Warum zeigt er sich allen anderen, nur mir nicht?«

Zehntes Kapitel

Adrian Löwensköld lag in seinem Giebelzimmer auf dem Bodenraum in festem Schlaf, als er durch ein leichtes Geräusch geweckt wurde. Er schlug die Augen auf, und da die Fensterladen nicht verschlossen waren und draußen helle Sommernacht herrschte, sah er deutlich, wie die Tür aufging. Er glaubte, ein Windstoß habe sie geöffnet, sah aber jetzt eine dunkle Gestalt in die Türöffnung treten, die, sich etwas vorbeugend, in das Zimmer hineinspähte.

Adrian unterschied ganz deutlich einen alten Mann in einer altmodischen Reiteruniform. Ein Elchlederkoller zeigte sich unter dem etwas aufgeknöpften Rock. Die Stiefel reichten bis an die Knie, und den langen Haudegen hielt er erhoben, wie um nicht damit zu rasseln.

»Wahrhaftig, das ist der General!« dachte der junge Baron. »Das ist recht. Hier kann er jemand sehen, der keine Angst vor ihm hat.«

Alle die anderen, die den General gesehen hatten, pflegten zu sagen, er verschwinde, sobald man den Blick auf ihn richte. Aber das geschah jetzt nicht. Noch eine gute Weile, nachdem Adrian ihn entdeckt hatte, blieb der General in der Tür stehen. Nach einigen Minuten jedoch, als er sich vergewissert zu haben schien, daß Adrian seinen Anblick ertragen konnte, hob er eine Hand auf und winkte ihn zu sich her.

Adrian setzte sich sofort im Bett auf. »Jetzt oder nie«, dachte er. »Jetzt endlich verlangt er meine Hilfe, und ich werde ihm folgen.«

Tatsächlich hatte er seit vielen Jahren auf diesen Augenblick gewartet. Er hatte sich darauf vorbereitet, ja, seinen Mut im Hinblick darauf gestärkt. Immer hatte er gewußt, daß das etwas war, was er durchmachen mußte. Er wollte den General nicht warten lassen, und ganz so, wie er aus dem Bett kam, folgte er ihm; nur ein Bettuch riß er noch an sich und hüllte sich darein.

Erst als er mitten im Zimmer stand, fiel ihm ein, es könnte am Ende doch eine gefährliche Sache sein, wenn er sich so ohne weiteres einem Wesen aus der andern Welt überließe, und er wich etwas zurück. Da aber sah er, daß der General wie in verzweifeltem Flehen beide Hände nach ihm ausstreckte.

»Was sind das für Dummheiten?« dachte Adrian. »Soll ich mich fürchten, bevor ich nur das Zimmer verlassen habe?«

Er näherte sich der Tür, der General schritt vor ihm auf den Bodenraum hinaus, ging aber dabei immer rücklings, wie um sich zu vergewissern, daß der junge Mann ihm folgte.

Als Adrian über die Schwelle treten und das Zimmer verlassen wollte, um sich auf den Bodenraum hinaus zu begeben, überfiel ihn wieder ein kalter Schauder. Etwas sagte ihm, er solle die Tür zuschlagen und in sein Bett zurückeilen. Er begann zu ahnen, daß er seine Kräfte überschätzt hatte. Er gehörte nicht zu denen, die, ohne Schaden zu nehmen, in die Geheimnisse der andern Welt hineinzuschauen vermögen.

Immerhin war ihm wohl ein kleiner Rest Mut verblieben. Er redete sich selbst gut zu und sagte sich, der General werde ihn doch sicherlich nicht in Gefahren locken wollen. Er werde ihm nur zeigen wollen, wo der Ring sich befand. Wenn er nur noch ein paar Minuten aushalte, würde er das erreichen, was er so viele Jahre erstrebt hatte, und den armen Wanderer der ewigen Ruhe zuführen.

Der General war mitten auf dem Dachboden stehengeblieben, um auf Adrian zu warten. Es war hier etwas dunkler, Adrian aber sah deutlich die dunkle Gestalt mit den flehend ausgestreckten Händen. Er ermannte sich aber, trat über die Schwelle, und die Wanderung begann aufs neue.

Der Geist strebte der Treppe zu, und als er Adrian hinter sich herkommen sah, begann er hinunterzusteigen. Noch immer ging er rücklings, machte auch auf jeder Stufe halt und schleppte so den zaudernden Jüngling durch die Macht seines Willens mit sich weiter.

Es war eine langsame Wanderung mit vielen Unterbrechungen, aber sie wurde doch fortgesetzt. Adrian versuchte sich Mut einzuflößen, indem er sich daran erinnerte, wie oft er vor seinen Schwestern damit geprahlt hatte, er werde dem General folgen, wann immer er ihn riefe. Und er rief sich auch ins Gedächtnis zurück, wie er seit seiner Kindheit vor Verlangen gebrannt hatte, das Unbekannte zu erforschen und in das Verschlossene einzudringen. Und nun war der große Augenblick gekommen; jetzt folgte er einem Gespenst in das Ungewisse hinaus. Sollte seine elende Feigheit ihn nun daran hindern, endlich etwas zu erfahren?

Auf diese Weise zwang er sich, auszuhalten, doch hütete er sich, dem Gespenst ganz nahe zu kommen. So blieben sie immer durch ein paar Ellen Zwischenraum voneinander getrennt. Als Adrian auf der Mitte der Treppe stand, befand sich der General schon unten, und als Adrian auf der untersten Stufe ankam, war der General unten im Flur.

Hier aber blieb Adrian wieder stehen. Zur rechten Hand dicht neben der Treppe hatte er die Tür zum Schlafzimmer der Eltern. Er legte die Hand auf die Klinke, jedoch nicht, um zu öffnen, sondern nur, um sie liebevoll zu streicheln. Wenn die Eltern wüßten, daß er in dieser Gesellschaft hier draußen vor ihrer Tür stand! – Er sehnte sich danach, sich in die Arme seiner Mutter zu werfen. Es war ihm, als liefere er sich dem General vollständig aus, sobald er die Türklinke losließe.

Während er noch so mit der Hand auf der Türklinke dastand, sah er, wie die eine Flurtür aufgemacht wurde und der General über die Schwelle trat, um ins Freie hinauszugehen.

Auf dem Dachboden und auch auf der Treppe war es ganz dämmerig gewesen, durch die Türöffnung aber strömte mehr Licht herein, und in dieser Helle sah Adrian nun zum ersten Male die Gesichtszüge des Generals.

Es war, wie Adrian erwartet hatte, das Gesicht eines alten Mannes, das er von dem Gemälde im Salon recht gut kannte. Über diesen Zügen aber lag nicht die Ruhe des Todes, sie drückten eine wilde Begierde aus, und um den Mund schwebte ein unheimliches Lächeln von Triumph und Siegesgewißheit.

Aber dies zu sehen, nämlich wie irdische Leidenschaften sich bei einem Toten widerspiegelten, war etwas Erschreckendes. Weit, weit entfernt von den Leidenschaften und den sinnlichen Lüsten der Menschen wollen wir uns unsere Toten denken. Weit entfernt von allem Irdischen wollen wir sie sehen, nur allein von himmlischen Dingen erfüllt. In diesem Wesen aber, das sich an das Irdische anklammerte, glaubte Adrian einen Verführer zu erblicken, einen bösen Geist, der ihn ins Verderben ziehen wollte.

Er wurde von Entsetzen überwältigt. In besinnungsloser Angst riß er die Tür zum Schlafzimmer der Eltern auf, stürzte hinein und rief: »Vater! Mutter! Der General!«

Und in demselben Augenblick fiel er ohnmächtig zu Boden.

Die Feder entfällt meiner Hand. Ist es nicht zwecklos, all dies niederzuschreiben? Mir ist diese Geschichte in der Dämmerung am Kaminfeuer erzählt worden. Die überzeugende Stimme klingt mir noch in den Ohren. Ich fühle, wie mir der richtige Gespensterschauder noch über den Rücken läuft, dieser Schauder, der sich nicht nur vor Schrecken, sondern auch vor Erwartung einstellt.

Wie gespannt lauschten wir doch dieser Geschichte, gerade, weil sie einen Zipfel von dem Schleier des Unerforschlichen zu lüften schien! Welche merkwürdige Stimmung hinterließ sie doch, wie wenn nun endlich etwas aus dem großen Dunkel hervortreten müßte!

Wie viel ist daran wahr? Die eine Erzählerin hat sie von der andern geerbt, die eine hat etwas dazugetan, die andere einiges weggelassen. Aber enthält sie nicht wenigstens einen kleinen Kern Wahrheit? Macht sie nicht den Eindruck, die Schilderung von etwas zu sein, was sich wirklich zugetragen hat?

Der Geist, der im Schloß Hedeby umging, der sich auch am hellichten Tag zeigte, der in den Gang des Haushalts eingriff, der verlorene Sachen wieder herbeischaffte – wer war es, was war er?

Zeigt sich nicht etwas ungewöhnlich Deutliches und Festes in seinem Auftreten? Unterscheidet er sich nicht durch eine gewisse Eigenart von den vielfältigen Herrenhofgespenstern? Sieht es nicht so aus, als habe Jungfer Spaak ihn wirklich die Äpfel an die Wand des Speisesaales werfen hören, und als sei ihm der junge Baron Adrian tatsächlich über den Dachboden und die Bodentreppe hinunter gefolgt?

Aber hier in diesem Fall, hier in diesem Fall ... vielleicht, daß einer von denen, die schon jetzt die Wirklichkeit sehen, die hinter der Wirklichkeit liegt, in der wir jetzt leben, das Rätsel deuten kann.

Elftes Kapitel

Der junge Baron Adrian lag bleich und bewegungslos in dem großen Bett der Eltern. Wenn man ihm den Finger auf das Handgelenk legte, fühlte man, wie das Blut noch durchströmte, aber fast unmerklich. Er war nach der tiefen Ohnmacht noch nicht wieder zur Besinnung gekommen, das Leben war jedoch noch nicht erloschen.

Im Kirchspiel Bro gab es keinen Arzt; ein Knecht war schon um vier Uhr morgens nach Karlstadt geritten, um zu versuchen, einen herbeizuschaffen. Immerhin mußte man darauf gefaßt sein, daß es einen oder auch zwei Tage dauern könnte, bis er sich einfand.

Die Baronin Löwensköld saß an der einen Seite des Bettes und wendete kein Auge von dem Gesicht des Sohnes. Sie schien zu glauben, der schwache Lebensfunke würde nicht erlöschen, solange sie, ihn unaufhörlich bewachend, am Bette saß.

Der Baron saß auch zeitweilig auf der andern Seite, ihm aber war es nicht möglich, sich ruhig zu verhalten. Er nahm die eine schlaffe Hand des Sohnes zwischen seine beiden und fühlte den Puls, er trat an das Fenster und schaute auf den Weg hinaus, er machte eine Runde durchs Zimmer, um auf die Uhr im Speisesaal zu sehen. Dabei beantwortete er die eifrigen Fragen, die in den Augen seiner Töchter und der Erzieherin zu lesen waren, mit einem Kopfschütteln und ging ins Krankenzimmer zurück.

Da hinein durfte außer Jungfer Spaak niemand kommen. Nicht die Töchter, auch keines der Dienstmädchen, nur die Jungfer. Sie hatte den rechten Gang, die rechte Stimme, sie paßte in ein Krankenzimmer.

Jungfer Spaak war bei Adrians Aufschrei mitten in der Nacht aufgewacht. Als sie gleich darauf den schweren Fall hörte, war sie eiligst aufgesprungen und hatte sich, sie wußte nicht wie, in ihre Kleider geworfen; denn das gehörte zu ihren Weisheitsregeln, daß man niemals unbekleidet hinauslaufen soll, weil man sich dann nicht nützlich machen kann. Im Saal war sie der Baronin begegnet, die, um Hilfe herbeizurufen, rasch daherkam, und dann hatte sie mit den Eltern Adrian auf das große Doppelbett gehoben. Zuerst hatten alle drei geglaubt, er sei schon tot, dann aber hatte Jungfer Spaak eine kleine Bewegung am Puls des Handgelenks bemerkt.

Sie hatten einige der gewöhnlichen Wiederbelebungsversuche vorgenommen; der kleine Lebensfunke war aber äußerst schwach, und bei allem, was sie versuchten, schien er nur schwächer zu werden. Bald verloren sie den Mut und wagten nichts mehr zu tun.

Die Baronin hatte Jungfer Spaak gern um sich, weil sie ganz ruhig und felsenfest davon überzeugt war, daß Adrian bald wieder aufwachen würde. Sie ließ sich von der Jungfer alles tun, was diese wollte: das Haar kämmen und die Schuhe anziehen. Als das Kleid übergeworfen werden sollte, mußte sie aufstehen, sie überließ es aber der Jungfer, das Kleid zuzuknöpfen und zurechtzuziehen, während sie kein Auge von dem Gesicht des Sohnes wendete.

Die Jungfer kam mit einer Tasse Kaffee herein und brachte sie durch hartnäckiges Zureden dazu, zu trinken.

Die Baronin hatte das Gefühl, die Jungfer sei die ganze Zeit bei ihr drinnen. Jungfer Spaak aber war auch draußen in der Küche und sorgte dafür, daß die Leute ihr Essen wie gewöhnlich bekamen. Sie vergaß nichts. Sie war blaß wie der Tod, aber sie versäumte keine ihrer Pflichten. Das Frühstück der Herrschaften stand zur rechten Zeit auf dem Tisch, und für den Hirtenbuben war der Rucksack bereit, als er mit den Kühen auf die Weide zog.

In der Küche fragten die Dienstboten, was denn dem jungen Herrn Baron zugestoßen sei, und die Jungfer sagte, das einzige, was man wisse, sei, daß er zu den Eltern hineingestürzt sei und etwas vom General gerufen habe. Daraufhin sei er in Ohnmacht gefallen, und jetzt sei es unmöglich, ihn wieder zum Bewußtsein zu bringen.

»Eins ist sicher und gewiß, der General ist ihm erschienen«, sagte die Köchin.

»Ist es nicht merkwürdig, daß er einen von seiner eigenen Familie so unfreundlich behandelt?« wunderte sich das Stubenmädchen.

»Ach, es ist ihm wohl die Geduld ausgegangen. Sie haben ja immer nur über ihn gelacht. Er will eben seinen Ring haben.«

»Du wirst doch nicht glauben, daß der Ring sich hier auf Hedeby befindet?« sagte das Hausmädchen. »Er wäre ja imstande, uns das Haus über dem Kopf anzuzünden, um ihn wiederzubekommen.«

»Gewiß steckt der Ring hier in irgendeinem Winkel, sonst würde er doch nicht immerfort hier im Hause herumstreichen.«

Jungfer Spaak machte an diesem Tag eine Ausnahme von ihrer guten Regel, nie auf das zu hören, was die Dienstboten über ihre Herrschaft sagten.

»Was ist denn das für ein Ring, von dem ihr redet?« fragte sie.

»Ja, weiß denn die Jungfer nichts davon? Der General geht hier um und sucht seinen Siegelring«, antwortete die Köchin, die sich über die Frage freute.

Sie und das Hausmädchen beeilten sich nun, Jungfer Spaak mit der Geschichte von der Plünderung des Grabes und dem Gottesurteil bekanntzumachen; und als die Jungfer das alles erfahren hatte, zweifelte sie keinen Augenblick daran, daß der Ring auf irgendeine Weise nach Hedeby gekommen war und da verborgen lag.

Ein Zittern überlief Jungfer Spaak, wie damals, als sie den General auf der Bodentreppe gesehen hatte. Das war es ja, was sie die ganze Zeit gefürchtet hatte. Nun wußte sie genau, wie grausam und unbarmherzig dieser Geist sein konnte. Und eins stand ihr klar und deutlich vor Augen: wenn er seinen Ring nicht wiederbekam, dann mußte Baron Adrian sterben.

Die Jungfer Spaak war indes kaum zu dieser Schlußfolgerung gelangt, als sie, die eine tatkräftige Person war, auch schon erkannte, was nun getan werden mußte. Wenn sich der schreckliche Ring wirklich auf Hedeby befand, mußte man ihn auch ausfindig machen können.

Sie ging zuerst in das Wohnhaus hinüber, warf einen Blick in das Krankenzimmer, wo alles noch war wie vorher, lief die Bodentreppe hinauf und machte das Bett in Adrians Zimmer zurecht, damit alles bereit wäre, falls es Adrian besser ginge und er hinaufgetragen werden könnte. Dann ging sie zu den Fräulein und der Erzieherin hinein, die ganz verschüchtert beisammen saßen und nicht fähig waren, irgend etwas vorzunehmen. Sie sagte ihnen von dem, was sie erfahren hatte, so viel, daß sie wußten, worum es sich handelte, und fragte sie dann, ob sie ihr helfen wollten, den Ring zu suchen.

Ja, damit waren sie sofort einverstanden. Die Fräulein und die Erzieherin übernahmen es, im Hause selbst, in den Zimmern und in den Bodenkammern zu suchen. Darauf begab sich Jungfer Spaak in den Küchenflügel und setzte alle Dienstmädchen in Bewegung.

»Der General zeigt sich ebensooft in der Küche wie im großen Wohnhaus«, dachte sie. »Etwas in meinem Innern sagt mir, daß der Ring sich hier draußen befindet.«

Nun drehte man alles, was sich in der Küche und der Speisekammer, in der Backstube und im Brauhaus befand, von unterst zu oberst. Man suchte in den Mauerritzen und Feuerstellen, leerte die Gewürzschrankschubladen, ja, man stocherte sogar in den Mäuselöchern.

Über dem allen vergaß die Jungfer Spaak aber nicht, einmal ums andere über den Hof zu laufen und einen Blick ins Krankenzimmer zu werfen. Und bei einem dieser Besuche fand sie die Baronin bitterlich weinend, unverwandt den Sohn betrachtend.

»Es geht ihm schlechter«, sagte sie. »Ich glaube, er ist am Sterben.«

Jungfer Spaak beugte sich vor, nahm Adrians kraftlose Hand in ihre eigene und fühlte den Pulsschlag.

»Ach nein, Frau Baronin«, sagte sie dann, »nicht schlechter, eher ein wenig besser.«

Es gelang ihr, ihre Herrin etwas zu beruhigen, sie selbst aber war in heller Verzweiflung. Ach, ach, wenn der junge Baron nicht am Leben blieb, bis sie den Ring fand!

In ihrer Angst vergaß sie einen Augenblick, auf sich selbst achtzugeben. Als sie Adrians Hand niederlegte, liebkoste sie sie ganz sanft. Sie war sich dessen kaum bewußt, die Baronin aber bemerkte es.

»Mon dieu!« dachte sie. »Armes Kind, steht es so? Vielleicht sollte ich ihr sagen ... Aber es ist ja einerlei, da wir ihn doch nicht behalten dürfen. Der General ist böse auf Adrian, und wem er zürnt, der muß sterben.« Als Jungfer Spaak in die Küche zurückkam, fragte sie die Mägde, ob es nicht in der Gegend jemand gebe, nach dem man bei solchen Unglücksfällen schicken ließe? Ob man denn durchaus warten müsse, bis der Doktor eintreffe?

Jawohl, anderswo schicke man ja, wenn jemand etwas zugestoßen sei, nach Marit Erikstochter von Olsby. Sie könne Blut stillen und Gelenke wieder einrenken, und sie würde auch Baron Adrian aus dem Todesschlaf wecken können; aber hierher nach Hedeby würde sie wahrscheinlich nicht kommen wollen.

Während das Hausmädchen und Jungfer Spaak über Marit Erikstochter miteinander redeten, stand die Köchin oben auf einer Leiter und guckte auf das hohe Wandbrett, wo sich einstmals die vermißten Löffel wiedergefunden hatten.

»Ach«, rief sie, »hier finde ich etwas, was ich schon lange gesucht habe. Hier liegt ja Baron Adrians alte Zipfelmütze!«

Jungfer Spaak war entsetzt. Welche Unordnung mußte hier in der Küche geherrscht haben, ehe sie nach Hedeby kam! Wie konnte Baron Adrians Zipfelmütze da hinaufgekommen sein!

»Daran ist übrigens nichts Merkwürdiges«, fuhr die Köchin fort. »Sie war ihm zu klein geworden, und da gab er sie mir, damit ich mir ein Paar Topflappen daraus mache. Es ist wirklich gut, daß ich sie jetzt gefunden habe.«

Jungfer Spaak nahm ihr hastig die Mütze aus der Hand. »Es ist schade, sie zu zerschneiden, man kann sie einem Armen geben.«

Gleich darauf nahm sie die Mütze mit auf den Hof hinaus und begann den Staub davon auszuklopfen. Während sie noch dabei war, trat der Baron aus dem Hauptgebäude.

»Wir meinen, es geht Adrian schlechter«, sagte er.

»Gibt es denn niemand in der Nähe, der sich auf die Heilkunst versteht?« fragte Jungfer Spaak ganz harmlos. »Die Mägde reden von einer Frau, die Marit Erikstochter heißt.«

Der Baron wurde steif und starr.

»Natürlich würde ich nicht zögern, nach meinem ärgsten Feind zu schicken, da es sich um Adrians Leben handelt«, sagte er. »Aber dies würde nichts nützen. Marit Erikstochter kommt nicht nach Hedeby.«

Jungfer Spaak wagte keine Widerrede, als sie diesen Bescheid bekommen hatte. Sie stöberte weiter den ganzen Küchenflügel durch, sorgte für das Mittagessen, und es gelang ihr sogar, die Baronin zu überreden, einige Bissen zu sich zu nehmen. Der Ring war nicht gefunden worden, und Jungfer Spaak wiederholte einmal ums andere bei sich selbst: »Wir müssen den Ring finden. Der General läßt Adrian sterben, wenn wir den Ring nicht für ihn finden.«

Am Nachmittag wanderte Jungfer Spaak nach Olsby. Sie ging aus eigenem Antrieb. Sooft sie nach dem Kranken gesehen hatte, waren die Pulsschläge wieder schwächer geworden. Sie hatte nicht die Ruhe, auf den Doktor aus Karlstadt zu warten. Marit würde allerdings nein sagen, das war mehr als wahrscheinlich, aber Jungfer Spaak wollte kein Mittel unversucht lassen.

Marit Erikstochter saß, als Jungfer Spaak eintraf, an ihrem gewohnten Platz auf der Treppe vor dem Vorratshaus. Sie hatte keine Arbeit in den Händen, sondern saß mit geschlossenen Augen an die Wand zurückgelehnt. Sie schlief aber nicht und schaute auf, als die Jungfer daherkam, die sie auch gleich wiedererkannte.

»Ach so«, sagte sie, »schickt man jetzt von Hedeby nach mir?«

»Hat Sie wohl gehört, wie schlimm es bei uns steht, Marit?« sagte Jungfer Spaak.

»Ja, ich hab’ es gehört, und ich will nicht kommen«, erwiderte Marit.

Jungfer Spaak antwortete ihr mit keiner Silbe. Eine schwere Hoffnungslosigkeit senkte sich auf sie herab. Alles mißlang ihr, und dies war das Schlimmste von allem. Sie konnte sehen und hören, daß Marit froh war. Sie hatte da auf der Treppe gesessen und sich über das Unglück gefreut, sich gefreut, daß Adrian Löwensköld sterben mußte.

Bis jetzt hatte Jungfer Spaak ihre Fassung aufrechterhalten. Sie hatte nicht geschrien, nicht geklagt, als sie Adrian ausgestreckt auf dem Boden liegen sah. Sie hatte nur daran gedacht, ihm und allen anderen zu helfen. Marits Widerstand aber raubte ihr die Kraft. Sie fing zu weinen an, heftig und unaufhaltsam. Sie wankte zu einer grauen Stallwand hin, lehnte die Stirn daran und weinte.

Marit beugte sich ein wenig vor. Lange wendete sie kein Auge von dem armen Mädchen. »Ach so, steht es so?« dachte sie.

Doch während Marit die Jungfer betrachtete, die die Tränen der Liebe über den Geliebten weinte, ging in ihrer eigenen Seele etwas vor.

Vor wenigen Stunden hatte sie erfahren, daß der General Adrian erschienen war und ihn beinah zu Tode erschreckt hatte, und sie hatte sich gesagt, nun endlich sei die Stunde der Rache gekommen.

Darauf hatte sie seit vielen Jahren gewartet, jedoch immer vergebens. Der Rittmeister Löwensköld war ins Grab gebettet worden, ohne je von seiner Strafe getroffen worden zu sein. Allerdings war der General, seit sie den Ring nach Hedeby geschafft hatte, dort umgegangen; aber es hatte den Anschein gehabt, als brächte er es doch nicht übers Herz, seine eigenen Nachkommen mit der gewohnten Grausamkeit zu verfolgen.

Jetzt aber war das Unglück bei ihnen eingekehrt, und gleich kamen sie zu ihr, Hilfe zu erbitten! Warum gingen sie nicht lieber gleich zu den Toten auf dem Galgenhügel?

Es tat ihr wohl zu sagen: »Ich komme nicht.« Das war ihre Art, Rache zu nehmen.

Als Marit jetzt aber das junge Mädchen dort drüben mit dem Kopf an der Wand weinen sah, da erwachte eine Erinnerung in ihr. »So hab’ ich auch, so an die harte Wand gelehnt, einst bitterlich geweint. Ich hatte keinen Menschen, auf den ich mich stützen konnte.«

Und zugleich wallte die Quelle der Jugendliebe wieder in Marit auf und erfüllte sie mit ihrer heißen Flut. Verwundert saß sie da und sagte sich selbst: »So fühlte man sich damals. So war es, wenn man jemand lieb hatte. Ein so holdes, starkes Gefühl war es.«

Sie sah den jungen, frohen, starken, schönen Paul Eliasson deutlich vor sich. Sie erinnerte sich an seinen Blick, an seine Stimme, an jede seiner Bewegungen. Ihr ganzes Herz wurde von ihm erfüllt.

Marit glaubte, sie habe ihn die ganze Zeit über geliebt, und das hatte sie wohl auch. Aber wie sehr waren während der langen Jahre die Gefühle abgekühlt worden! Jetzt, in diesem Augenblick, brannte ihre Seele wieder in voller Glut.

Doch während die Liebe so in ihr erwachte, erinnerte sie sich auch an den furchtbaren Schmerz, den ein Menschenkind empfindet, wenn es den Geliebten verliert.

Marit sah wieder zu Jungfer Spaak hinüber, die immer noch weinend dort stand. Jetzt wußte Marit, was sie fühlte. Eben erst hatte die Kühle der Jahre auf ihr gelegen. Da hatte sie vergessen gehabt, wie dies Feuer brennt; jetzt wußte sie es wieder. Und sie wollte nicht die Ursache sein, daß jemand das leiden mußte, was sie selbst gelitten hatte. Sie stand auf und ging zu Jungfer Spaak hin: »Kommt! Ich will mit Ihr gehen«, sagte sie ganz kurz.

Jungfer Spaak kam also in Gesellschaft von Marit Erikstochter nach Hedeby zurück. Auf dem ganzen Weg hatte Marit nicht ein Wort gesprochen. Jungfer Spaak verstand das erst nachher. Sie hatte wohl die ganze Zeit überlegt, wie sie es anfangen sollte, um den Ring zu finden.

Jungfer Spaak ging mit Marit geradewegs auf den Haupteingang des Wohnhauses zu und führte sie ins Schlafzimmer. Da war alles noch unverändert. Adrian lag schön und bleich, aber ruhig wie ein Toter da, und die Baronin saß daneben und bewachte ihn, ohne sich zu bewegen. Erst als Marit Erikstochter an das Bett trat, schaute sie auf. Kaum aber hatte sie die Frau erkannt, die neben ihr stand und den Sohn betrachtete, als sie auch schon vor ihr auf den Boden sank und das Gesicht in ihren Rock drückte.

»Marit, Marit«, sagte sie. »Denk nicht an all das Böse, was die Löwenskölds dir angetan haben! Hilf ihm, Marit! Hilf ihm!«

Die Bäuerin wich ein wenig zurück; aber die arme Mutter schleppte sich ihr auf den Knien nach.

»Du weißt nicht, welche Angst ich immer ausgestanden habe, seit der General hier umgeht. Die ganze Zeit über hab’ ich gebebt und gewartet. Ich wußte, sein Groll würde sich jetzt gegen uns kehren.«

Marit erwiderte kein Wort. Sie schloß die Augen und schien ganz in sich selbst zu versinken.

Jungfer Spaak war überzeugt, daß es ihr wohl tat, die Baronin von ihren Leiden sprechen zu hören.

»Marit, ich habe zu dir gehen und mich vor dir auf die Knie werfen wollen, so wie ich es jetzt tue, um dich zu bitten, den Löwenskölds zu verzeihen. Aber ich wagte es nicht. Ich dachte, es sei dir unmöglich, zu verzeihen.«

»Die Frau Baronin soll mich auch nicht darum bitten«, sagte Marit, »denn es ist so, ich kann nicht verzeihen.«

»Jetzt bist du aber doch da?«

»Ich bin nur der Jungfer zuliebe gekommen, weil sie mich darum gebeten hat.«

Damit trat Marit auf die andere Seite des breiten Bettes. Sie legte ihre Hand auf die Brust des Kranken und murmelte ein paar Worte. Zugleich runzelte sie die Stirn, drückte die Augen vor und kniff den Mund zusammen. Jungfer Spaak dachte, sie stelle sich genauso an wie andere Quacksalberinnen.

»Er wird am Leben bleiben«, sagte Marit. »Die Frau Baronin darf aber nicht vergessen, daß ich ihm einzig und allein der Jungfer zuliebe helfe.«

»Ja, Marit, ich werde es nie vergessen«, erwiderte die Baronin.

Es kam Jungfer Spaak vor, als habe ihre Herrin noch etwas hinzufügen wollen, dann aber brach sie doch jäh ab.

»Und nun lasse die Frau Baronin mir freie Hand!«

»Du kannst tun, was du willst, der Baron ist fort. Ich habe ihn gebeten, dem Doktor entgegenzureiten, damit er rascher eintrifft.«

Jungfer Spaak hatte erwartet, Marit Erikstochter werde nun einige Versuche machen, den jungen Baron aus seiner Betäubung zu wecken. Zu ihrer großen Enttäuschung tat sie nichts dergleichen. Dagegen befahl Marit, man solle alle Kleider des jungen Barons herbeischaffen, sowohl diejenigen, die er jetzt trug, als auch solche, die er in früheren Jahren getragen hatte, soweit sie etwa noch vorhanden wären. Sie wollte alles sehen, was er je auf dem Leibe gehabt hatte, Strümpfe und Hemden, Handschuhe und Mützen.

An diesem Tag tat man auf Hedeby nichts anderes als nach diesen Sachen suchen. Obgleich Jungfer Spaak seufzte, weil sich Marit nur wie eine gewöhnliche Wahrsagerin mit den üblichen Zauberkünsten benahm, beeilte sie sich doch, aus alten Truhen auf den Dachböden, aus Laden und Schränken alles zusammenzusuchen, was dem Kranken gehört hatte. Die jungen Fräulein, die recht gut darüber Bescheid wußten, was Adrian je getragen hatte, halfen ihr beim Suchen, und so kamen sie bald mit einem ganzen Kleiderbündel zu Marit herunter.

Marit breitete die Sachen auf dem Küchentisch aus und untersuchte jedes einzelne Stück genau. Ein Paar alte Schuhe legte sie auf die Seite, ebenfalls ein Paar kleine Handschuhe und ein Hemd. Unterdessen murmelte sie eintönig und unablässig: »Ein Paar für die Füße, ein Paar für die Hände, eins für den Körper und eins für den Kopf.«

»Ich muß noch etwas für den Kopf haben«, sagte sie plötzlich mit ihrer gewohnten Stimme. »Ich brauche etwas, was warm und weich ist.«

Jungfer Spaak zeigte ihr die Hüte und Kappen, die sie herbeigeholt hatte.

»Nein, es muß etwas sein, was warm und weich ist«, sagte Marit. »Hatte Baron Adrian nicht auch eine Zipfelmütze, wie andere Jungen?«

Jungfer Spaak wollte eben sagen, sie habe keine gesehen, die Köchin nahm ihr das Wort vom Munde weg.

»Ich habe ja seine alte Zipfelmütze heute morgen auf dem Wandbrett dort gefunden, aber die Jungfer hat sie mir weggenommen.«

Also mußte Jungfer Spaak mit der Zipfelmütze herausrükken, die sie bis ans Ende ihrer Tage als ein teueres Andenken hatte behalten wollen.

Als Marit die Zipfelmütze bekommen hatte, fing sie wieder mit dem Gemurmel an; jetzt aber hatte ihre Stimme einen andern Ton. Es klang, wie wenn eine Katze vor Vergnügen schnurrt.

»Jetzt«, sagte Marit, nachdem sie die Mütze in ihrer Hand lange gedreht und gewendet und in sie hineingemurmelt hatte, »braucht es weiter nichts mehr, dies alles aber muß in das Grab des Generals gelegt werden.«

Als Jungfer Spaak dies hörte, war sie ganz verzweifelt. »Marit, wie kann Sie glauben, der Baron werde das Grab öffnen lassen, um solchen alten Plunder hineinzulegen?« sagte sie.

Marit sah sie an und lächelte ein wenig. Sie faßte Jungfer Spaak an der Hand und stellte sich mit ihr so an ein Fenster hin, daß sie allen anderen in der Küche den Rücken zuwendeten. Darauf hielt sie der Jungfer Adrians Mütze vor die Augen und zerteilte mit den Fingern die Fäden der großen Troddel.

Nicht ein Wort sagte sie, und nicht ein Wort sagte Jungfer Spaak; diese aber war todesblaß, als sie sich den anderen wieder zuwendete, und ihre Hände zitterten.

Marit machte nun aus den ausgewählten Sachen ein kleines Bündel und übergab es Jungfer Spaak.

»Jetzt hab’ ich das meinige getan«, sagte sie. »Nun müßt ihr anderen es einrichten, daß dies hier in das Grab kommt.« Damit ging sie ihrer Wege.

Am Abend kurz nach zehn Uhr wanderte Jungfer Spaak nach dem Kirchhof. Sie hatte Marits kleines Bündel bei sich, sonst aber war ihr Gang nicht anders als eine Wanderung aufs Geratewohl. Wie es ihr gelingen sollte, die Sachen in das Grab des Generals hineinzuschaffen, davon hatte sie keine Ahnung.

Gleich nachdem Marit sich entfernt hatte, war der Baron mit dem Doktor dahergeritten gekommen, und Jungfer Spaak hatte gehofft, der Doktor werde Adrian wieder ins Leben zurückrufen können, ohne daß sie etwas Weiteres in der Sache tun müßte. Der Doktor aber hatte sofort erklärt, hier könne er nicht helfen, der junge Mann werde nur noch wenige Stunden am Leben bleiben.

Da hatte Jungfer Spaak das Bündel unter den Arm genommen und sich auf den Weg gemacht. Sie wußte, es gab keine Möglichkeit, den Baron Löwensköld zu bewegen, die Grabplatte abheben und das zugemauerte Grab öffnen zu lassen, nur um ein paar von Baron Adrians alten Kleidungsstücken hineinlegen zu lassen. Wenn sie ihm gesagt hätte, was sich wirklich in dem Bündel befand, dann, das wußte sie gewiß, würde er den Ring sofort seinem rechtmäßigen Besitzer zurückgeben; damit aber hätte sie ja einen Verrat an Marit Erikstochter begangen.

An einem zweifelte sie gar nicht. Marit war es gewesen, die einstmals den Ring nach Hedeby geschafft hatte. Baron Adrian selbst hatte ja erwähnt, Marit habe ihm einmal seine Zipfelmütze geflickt. Nein, Jungfer Spaak wagte es nicht, den Baron über den wahren Zusammenhang dieser Sache aufzuklären.

Später wunderte sich Jungfer Spaak selbst darüber, daß sie an jenem Abend keine Angst gehabt hatte. Sie stieg über die niedrige Kirchhofmauer und wanderte zu dem Löwensköldschen Grab hin, ohne an etwas anderes zu denken, als wie sie den Ring da hineinbringen könnte.

Sie setzte sich auf die Grabplatte und faltete die Hände zum Gebet. »Wenn Gott mir nicht hilft«, dachte sie, »dann wird das Grab allerdings bald geöffnet werden; aber nicht des Ringes wegen, sondern für einen, um den ich ewig trauern werde.«

Mitten unter ihrem Gebet nahm die Jungfer eine kleine Bewegung in dem Gras wahr, das den niederen Grabhügel bedeckte, auf dem die Grabplatte lag. Ein kleines Köpfchen lugte hervor, verschwand aber sofort wieder, als die Jungfer zusammenzuckte. Denn Jungfer Spaak hatte ebenso große Angst vor Mäusen, wie die Mäuse vor ihr. Dies aber rief in der Jungfer eine plötzliche Eingebung hervor. Rasch trat sie an einen großen Fliederbusch, brach einen langen dürren Zweig ab und steckte ihn in das Mauseloch hinein.

Zuerst steckte sie ihn senkrecht hinunter; da stieß sie aber gleich auf Widerstand. Dann versuchte sie, ihn schräg hinabzuführen, und da glitt er in der Richtung des Grabes weit hinunter. Sie verwunderte sich, wie tief er eindrang. Die ganze Gerte verschwand. Hastig zog sie sie wieder heraus und maß die Länge an ihrem Arm. Sie war drei Ellen lang. Die Gerte mußte drunten in der Grabkammer gewesen sein.

Jungfer Spaak war in ihrem ganzen Leben noch nie so ruhig und geistesgegenwärtig gewesen. Es war klar, die Mäuse hatten sich einen Weg ins Grab hinunter gebahnt. Vielleicht hatte sich auch ein Spalt in der Mauer befunden, oder irgendein Ziegelstein war verwittert.

Sie legte sich flach auf den Boden, riß ein Stück vom Rasen los, schaffte die lose Erde beiseite und streckte den Arm hinein. Ohne ein Hindernis drang er tief hinunter, gelangte aber doch nicht bis zu der Mauer, ihr Arm war zu kurz.

Da knüpfte sie eilig das Bündel auf und nahm die Mütze heraus. Sie wand sie um die lange Gerte und versuchte, diese langsam in das Loch hineinzuschieben. Bald war sie verschwunden; nun schob sie die Gerte ebenso langsam und vorsichtig weiter und weiter hinunter. Da plötzlich, als die Gerte fast ganz drunten in der Erde war, fühlte sie, wie sie ihr mit einem Ruck aus der Hand gerissen wurde.

Möglicherweise konnte sie durch ihre eigene Schwere hinuntergefallen sein; aber nein, Jungfer Spaak war ganz sicher, sie war ihr entrissen worden.

Und jetzt endlich bekam sie Angst. Sie raffte all das andere, das sich in dem Bündel befand, zusammen, steckte es in das Loch hinein, legte die Erde und den Rasen, so gut sie konnte, wieder zurecht und lief den ganzen Weg wie gejagt nach Hedeby zurück.

Als sie dort ankam, standen der Baron und die Baronin auf der Treppe und kamen ihr eifrig entgegen.

»Wo ist die Jungfer gewesen?« fragten sie gleich. »Wir stehen hier und warten auf Sie.«

»Ist Baron Adrian tot?« fragte die Jungfer.

»Nein, er ist nicht tot«, antwortete der Baron, »aber sage Sie uns zuerst, wo Sie gewesen ist.«

Jungfer Spaak konnte kaum sprechen, so atemlos war sie; sie berichtete aber doch von dem Auftrag, den Marit ihr gegeben hatte, und daß es ihr geglückt war, wenigstens ein Stück von den Sachen durch ein Mauseloch in das Grabgewölbe hinunterzuschaffen.

»Das ist außerordentlich merkwürdig, Jungfer Spaak«, sagte der Baron, »denn Adrian geht es wirklich besser. Vor einer Weile ist er aufgewacht, und sein erstes Wort war: ›Jetzt hat der General den Ring bekommen!‹«

»Sein Herz schlägt wieder wie gewöhnlich«, fuhr die Baronin fort, »und er will durchaus mit Jungfer Spaak reden. Er sagt, sie habe ihn gerettet.«

Sie ließen die Jungfer Spaak allein zu Adrian hinaufgehen. Er saß aufrecht im Bett und breitete die Arme aus, als er sie erblickte.

»Ich weiß es, ich weiß es schon!« rief er. »Der General hat seinen Ring bekommen, und das haben wir der Jungfer zu verdanken.«

Jungfer Spaak lachte und weinte, als sie in seinen Armen lag, und er küßte sie auf die Stirn.

»Jungfer Spaak, ich verdanke Ihr mein Leben«, sagte er. »Ich wäre in diesem Augenblick eine Leiche, wenn Sie nicht gewesen wäre. Man kann Ihr nie dankbar genug dafür sein.«

Das Entzücken, womit der junge Mann sie begrüßte, hatte die arme Jungfer Spaak vielleicht dazu gebracht, allzulange in seinen Armen zu liegen.

Und er beeilte sich, hinzuzufügen: »Und nicht ich allein danke der Jungfer, auch noch jemand anders tut es.« Er zeigte ihr ein Medaillon, das er an einer Kette um den Hals trug. Jungfer Spaak unterschied undeutlich das Miniaturporträt eines jungen Mädchens. »Jungfer Spaak ist nächst meinen Eltern die erste, die es erfährt. Wenn sie in einigen Wochen nach Hedeby kommt, dann wird sie der Jungfer noch besser danken, als ich es jetzt kann.«

Und Jungfer Spaak verneigte sich vor dem jungen Baron zum Dank für sein Vertrauen. Sie hätte ihm eigentlich sagen wollen, sie habe nicht die Absicht, auf Hedeby zu bleiben, um seine Braut zu begrüßen, besann sich aber noch zu rechter Zeit. Ein junges Mädchen muß sich hüten, eine gute Stelle zu verscherzen.

Charlotte Löwensköld

Die Frau Oberst
1

In Karlstadt lebte vorzeiten eine Frau Oberst namens Beate Ekenstedt.

Sie war aus dem Geschlechte Löwensköld von Hedeby und folglich eine geborene Freiin; sie war sehr liebenswürdig und sehr hübsch und sehr gebildet, und sie konnte Gedichte machen, die genauso ausgezeichnet waren wie die von Frau Lenngren.

Sie war klein von Gestalt, hatte aber eine sehr gute Haltung wie alle Löwenskölds. Dabei hatte sie ein höchst interessantes Gesicht und wußte jedermann schöne und angenehme Dinge zu sagen. Über ihrer ganzen Erscheinung lag ein romantischer Schimmer, und wer sie einmal gesehen hatte, konnte sie nie wieder vergessen.

Frau Beate Ekenstedt war immer ausgesucht gut gekleidet und auch stets auffallend schön frisiert; wo sie auch hinkam, immer hatte sie die schönste Brosche und das geschmackvollste Armband und den strahlendsten Brillantring. Sie hatte auch die kleinsten Füße, die ein Mensch haben kann, und ob es nun Mode war oder nicht, so trug sie doch jederzeit kleine Goldbrokatschuhe mit hohen Hacken.

Frau Beate Ekenstedt wohnte im vornehmsten Haus in Karlstadt, und das lag nicht zwischen den anderen Häusern in engen Gassen, sondern am Ufer des Klarelfs, so daß die Frau Oberst von ihrem eigenen kleinen Zimmer aus auf den Fluß hinaussehen konnte. Sie pflegte auch zu berichten, daß sie in einer Nacht, als heller Mondschein auf dem Flusse lag, dicht unter ihren Fenstern den Neck auf einem Stein sitzen und auf seiner goldenen Harfe habe spielen sehen. Und niemand kam es auch nur in den Sinn, daran zu zweifeln, daß sie richtig gesehen hatte. Warum sollte auch der Neck nicht ebensogut, wie so viele andere, der Frau Oberst Ekenstedt ein Ständchen darbringen wollen?

Alle vornehmen Reisenden, die nach Karlstadt kamen, pflegten Frau Beate Ekenstedt ihre Aufwartung zu machen. Sie waren auch sofort ganz begeistert von ihr und meinten, es sei doch hart für sie, in einer solchen Kleinstadt begraben zu sein. Es ging das Gerücht, Bischof Tegnér habe Frau Beate besungen, und der Kronprinz habe gesagt, sie besitze den Charme einer Französin. Ja, und sogar General von Essen sowie noch andere aus der Zeit Gustavs III. mußten zugeben, daß die Festessen bei Frau Oberst Ekenstedt unvergleichlich gewesen seien, sowohl hinsichtlich der Speisen wie der Bedienung und der Unterhaltung.

Frau Beate Ekenstedt hatte zwei Töchter, Eva und Jacquette. Es waren nette und liebe Mädchen, und sie würden in der ganzen Welt bewundert und umschwärmt gewesen sein; in Karlstadt jedoch hatte niemand Augen für sie. Hier wurden sie von ihrer Mutter gänzlich in den Schatten gestellt. Wenn sie auf einem Ball erschienen, so liefen sich die jungen Herren die Beine ab um einen Tanz mit der Mutter; Eva und Jacquette aber saßen als Mauerblümchen an den Wänden, und wie schon gesagt, brachte nicht nur der Neck vor dem Ekenstedtschen Hause Ständchen, doch niemals sang jemand unter dem Fenster der Töchter, sondern nur immer unter dem der Frau Oberst. Junge Poeten machten Gedichte an B. E.; aber keinem fiel es ein, auch nur ein paar Strophen an E. E. oder J. E. zusammenzuschmieden. Böse Zungen behaupteten, ein Leutnant habe einmal um die kleine Eva Ekenstedt angehalten, aber einen Korb bekommen, weil die Frau Oberst meinte, er habe einen schlechten Geschmack.

Die Frau Oberst hatte auch einen Oberst, einen prächtigen, tüchtigen Mann, der überall, wohin er gekommen wäre, die größte Wertschätzung gefunden hätte, ausgenommen in Karlstadt. In Karlstadt verglich man den Herrn Oberst mit der Frau Oberst, und wenn man ihn an der Seite seiner Frau sah, die so strahlend, so ungewöhnlich, so reich an Einfällen, so prickelnd lebhaft war, dann meinte man, er sehe aus wie ein Dorfschulze. Die Gäste in seinem Hause hörten kaum hin, wenn er etwas sagte; es war, als sähe ihn überhaupt niemand. Davon war indes keine Rede, daß die Frau Oberst auch nur einem von all den Herren, die sie umschwärmten, die kleinste unziemliche Annäherung gestattet hätte. Ihr Wandel war ohne Tadel; aber ihren Mann aus seinem vergessenen Winkel hervorzuziehen, daran dachte sie allerdings nie. Sie glaubte wohl, es sei ihm lieber, unbemerkt zu bleiben.

Aber diese charmante Frau Oberst, diese gefeierte Frau Oberst hatte nicht nur einen Mann und zwei Töchter, sie hatte auch noch einen Sohn. Und diesen Sohn liebte sie; ihn bewunderte sie, ihn stellte sie bei jeder Gelegenheit ins hellste Licht. Die Gäste im Hause Ekenstedt durften sich’s nicht einfallen lassen, ihn zu vernachlässigen oder links liegenzulassen, falls sie sich Hoffnung machten, ein andermal wieder eingeladen zu werden. Andererseits darf aber auch nicht geleugnet werden, daß die Frau Oberst Ursache hatte, stolz auf ihren Sohn zu sein. Er war nicht nur begabt, sondern hatte auch ein liebenswürdiges Wesen und ein ansprechendes Außeres. Er war weder dreist noch aufdringlich wie andere verzogene Kinder. Er schwänzte die Schule nicht und spielte seinen Lehrern keine bösen Streiche. Er war romantischer veranlagt als seine Schwestern. Ehe er das achte Jahr vollendet hatte, konnte er schon richtige nette Gedichtchen machen. Öfter erzählte er auch seiner Mutter, er habe den Neck spielen hören und die Elfen auf den Voxnäswiesen tanzen sehen. Er hatte feine Züge und große dunkle Augen, ja, er war seiner Mutter echtes Kind in jeder Beziehung.

Obwohl er das ganze Herz der Frau Oberst ausfüllte, konnte man doch nicht eigentlich sagen, daß sie eine schwache Mutter sei. Zum mindesten mußte Karl Artur Ekenstedt arbeiten lernen. Sie stellte ihn höher als alle anderen Lebewesen; aber gerade darum durfte er auch nur mit den besten Zeugnissen, die zu erreichen waren, vom Gynmasium heimkommen. Und eins wurde von jedermann bemerkt: solange Karl Artur in einer Klasse war, lud die Frau Oberst nie einen seiner Lehrer zu sich ein. Nein, niemand sollte sagen können, Karl Artur bekäme seine guten Zeugnisse, weil er der Sohn der Frau Oberst Ekenstedt sei, die so ausgesuchte Festmahlzeiten gab. Seht, das war der Stil der Frau Oberst!

In seinem Abgangszeugnis vom Gymnasium in Karlstadt hatte Karl Artur die allerbeste Note, gerade wie Erik Gustav Geijer seinerzeit. Und das Studentenexamen in Uppsala war für Karl Artur das gleiche Kinderspiel wie für Geijer. Die Frau Oberst hatte ja den kleinen rundlichen Professor Geijer oft gesehen und ihn wohl auch als Tischherrn gehabt. Gewiß war Professor Geijer begabt und berühmt; aber sie mußte doch immer denken, Karl Artur habe einen geradeso hellen Kopf, er könne wohl auch noch einmal ein berühmter Professor werden und es so weit bringen, daß der Kronprinz Oskar und der Landeshauptmann Järta sowe die Frau Oberst Silfverstolpe nebst all den übrigen Berühmtheiten in Uppsala seinen Vorlesungen lauschen würden.

Im Herbst 1826 kam Karl Artur auf die Universität nach Uppsala. Und in diesem ganzen Semester, sowie auch in all den folgenden Jahren, schrieb er jede Woche einmal nach Hause. Und keiner seiner Briefe wurde vernichtet, Frau Beate hob sie alle auf. Sie las sie für sich immer wieder durch, und an den gewohnten Sonntagnachmittagen, wenn die Familie zusammenkam, pflegte sie den letztangekommenen vorzulesen. Und das konnte sie auch. Es waren Briefe, auf die sie mit Recht stolz war.

Frau Beate hatte die Verwandtschaft halb und halb im Verdacht, diese habe erwartet, Karl Artur werde sich weniger vorzüglich zeigen, wenn er einmal von zu Hause weg sei. So war es Frau Beate ein Triumph, den Verwandten vorzulesen, wie Karl Artur billige möblierte Zimmer mietete und wie er, um zu Hause essen zu können, Butter und Käse selbst auf dem Markt einkaufte, wie er Schlag fünf Uhr morgens aufstand und zwölf Stunden täglich arbeitete. Und alle die ehrerbietigen Wendungen, die er in den Briefen gebrauchte, und alle die Ausdrücke von Bewunderung, die er an seine Mutter richtete! Für kein Geld hätte es sich Frau Beate nehmen lassen, dem Dompropst Sjöborg, der mit einer Ekenstedt verheiratet war, und dem Ratsherrn Ekenstedt, dem Onkel ihres Mannes, sowie den Basen Stake, die auf dem Markt in dem großen Eckhaus wohnten, vorzulesen, daß Karl Artur, der nun draußen in der Welt lebte, noch immer der Überzeugung war, seine Mutter wäre eine Dichterin ersten Ranges geworden, wenn sie es nicht für ihre Pflicht gehalten hätte, für Mann und Kinder zu leben. Nein, nicht um alles in der Welt hätte sie dieses Vorlesen unterlassen mögen, sie tat es ja viel zu gern. Sosehr sie auch an alle möglichen Arten von Huldigung gewöhnt war – diese Worte konnte sie nicht lesen, ohne daß sich ihre Augen mit Tränen füllten.

Aber den größten Triumph feierte die Frau Oberst doch gegen Weihnachten, als Karl Artur schrieb, er habe das Geld, das ihm sein Vater nach Uppsala mitgegeben, nicht aufgebraucht, sondern er bringe noch etwa die Hälfte davon wieder mit. Da waren der Dompropst und die Ratsherren geradezu verblüfft, und die längste der Basen Stake schwur, so etwas sei noch nie dagewesen und werde auch niemals wieder vorkommen. Ja, Karl Artur war ein Wunder, darin stimmte die ganze Familie überein.

Gewiß fühlte sich die Frau Oberst vereinsamt, als Karl Artur den größten Teil des Jahres auf der Universität zubrachte; aber ihre Freude an den Briefen war doch zu groß, als daß sie wünschen konnte, es möchte anders sein. Wenn er eine Vorlesung des großen neuromantischen Dichters Atterbom gehört hatte, konnte er sich unglaublich interessant über Philosophie verbreiten; und wenn ein solcher Brief kam, dann konnte Frau Beate noch stundenlang von all der Größe träumen, die Karl Artur erreichen würde. Sie zweifelte gar nicht daran, daß er so berühmt werden würde wie Professor Geijer. Ja, vielleicht wurde er sogar ein ebenso großer Mann wie Karl von Linné. Warum sollte er nicht ebenso weltberühmt werden können? Oder warum sollte er nicht ein großer Dichter werden – ein zweiter Tegnér? Ach, ach, niemand kann so ausgiebig bei Tische schwelgen wie der, so sich in Gedanken ein Festmahl gibt!

In allen Weihnachts- und Sommerferien kam Karl Artur heim nach Karlstadt, und sooft Frau Beate ihren Sohn wiedersah, erschien er ihr männlicher und schöner. Aber sonst war er in keiner Weise verändert. Er zeigte sich immer gleich liebevoll gegen seine Mutter, gleich ehrerbietig gegen seinen Vater und gleich munter und scherzhaft gegen seine Schwestern.

Zuweilen konnte die Frau Oberst auch ungeduldig werden, als Karl Artur Jahr für Jahr in Uppsala weiterstudierte, ohne daß irgendein Fortschritt bemerkbar gewesen wäre. Von allen Seiten wurde ihr jedoch versichert, daß Karl Artur, wenn er das große Staatsexamen machen wolle, dazu recht ausgiebig Zeit brauche, bis er fertig sein könne. Sie solle nur überlegen, was das heißen wolle, ein Examen abzulegen und Zeugnisse zu erhalten, und zwar in allen Fächern, die an der Universität gelehrt würden, in Astronomie, Hebräisch und Geometrie. Das wolle alles seine Zeit haben. Die Frau Oberst sagte, das sei doch ein fürchterliches Examen, und darin gab man ihr recht, meinte nur, man könnte es doch nicht ändern, nur um Karl Arturs willen.

Im Spätherbst 1829, als Karl Artur im siebenten Semester in Uppsala war, schrieb er zur größten Freude der Frau Oberst, er habe sich nun zu einer lateinischen Prüfung angemeldet. Es sei ja kein so besonders schweres Examen, schrieb er, aber doch ein wichtiges, denn man müsse im Lateinischen durchaus bewandert sein, wenn man zum großen Examen zugelassen werden wolle.

Karl Artur machte nicht viel Aufhebens von dieser schriftlichen Arbeit. Er sagte nur, es wäre gut, sie hinter sich zu haben. Er habe sich ja freilich nicht eingehender mit dem Lateinischen befaßt wie viele andere auch, aber er dürfe doch wohl hoffen, gut durchzukommen.

In diesem Brief äußerte er auch, dies werde in diesem Semester das letzte Mal sein, daß er seinen lieben Eltern schreibe. Sobald ihm der Ausfall des Examens bekannt sei, wolle er sich auf den Heimweg machen. Und am letzten Tage des Novembers hoffe er bestimmt, seine Eltern und Schwestern wieder in seine Arme zu schließen.

Nein, Karl Artur hatte gewiß nicht viel Wesens aus der lateinischen Prüfung gemacht, und darüber war er recht froh, denn, kurz gesagt – er fiel durch. Die Professoren erlaubten sich tatsächlich, ihn durchfallen zu lassen, obwohl er in seinem Abgangszeugnis von Karlstadt in allen Fächern die beste Examensnote gehabt hatte.

Karl Artur war eigentlich viel mehr entsetzt und überrascht als gedemütigt. Er konnte auch seine Ansicht darüber, daß seine Art, die lateinische Sprache zu behandeln, viel für sich habe, nicht ändern. Gewiß war es sehr ärgerlich, als Unterlegener heimzukommen; aber er glaubte doch, seine Eltern, oder wenigstens seine Mutter, würden einsehen, daß seine Niederlage in gewissen Spitzfindigkeiten ihren Grund habe. Die Professoren in Uppsala wollten wohl zeigen, daß sie größere Anforderungen stellten als das Gymnasium in Karlstadt, oder sie hatten es vielleicht als Beweis von allzu großem Selbstbewußtsein aufgefaßt, daß Karl Artur keine lateinischen Vorlesungen besucht hatte.

Die Reise von Uppsala nach Karlstadt nahm mehrere Tage in Anspruch, und Karl Artur hatte sicherlich sein Mißgeschick schon vergessen, als er am dreißigsten November in der Abenddämmerung durch das Osttor in seine Heimatstadt einfuhr. Er war sogar ganz zufrieden mit sich selbst, weil er genau an dem Tage heimkam, den er angegeben hatte. Er malte sich aus, wie seine Mutter nun am Salonfenster stehen und nach ihm ausspähen werde, während die Schwestern den Kaffeetisch richteten.

In derselben guten Stimmung fuhr Karl Artur durch die ganze Stadt, bis er aus den engen, winkeligen Gassen hinauskam und den Fluß sowie an dessen rechtem Ufer das Ekenstedtsche Haus erblickte. Aber um alles in der Welt, was war denn darin los? Das ganze Haus war hell erleuchtet und lag so strahlend da wie eine Kirche am Weihnachtsmorgen. Und Schlitten, dicht besetzt mit in Pelze gehüllten Menschen, glitten an ihm vorbei, und zwar alle seinem Vaterhause zu.

»Sie müssen daheim ein großes Fest feiern«, dachte er, und dieser Gedanke war ihm gar nicht angenehm. Er war ja von der Reise müde und würde nun keine Zeit zum Ausruhen haben, sondern mußte sich umziehen und den Gästen bis Mitternacht Gesellschaft leisten.

Doch plötzlich wurde er unruhig.

»Wenn nur Mama nicht ein Fest veranstaltet hat, um meine lateinische Prüfung zu feiern!«

Er befahl dem Kutscher, am Nebeneingang zu halten, und stieg dort aus, um nicht mit den Gästen zusammenzutreffen.

Ein paar Minuten später wurde die Frau Oberst gebeten, sich ins Zimmer der Haushälterin zu begeben, um Karl Artur zu begrüßen, der soeben angekommen sei.

Frau Beate war in großer Sorge gewesen, ob Karl Artur auch rechtzeitig zum Fest erscheinen werde, und sie war überglücklich, als seine Ankunft gemeldet wurde.

Rasch eilte sie zu ihm.

Aber Karl Artur begrüßte sie mit strengem Blick. Er schien nicht zu sehen, daß sie ihm die Arme entgegenstreckte. Ja, er machte nicht einmal Miene, sie zu begrüßen.

»Was geht hier vor?« fragte er. »Wozu ist gerade heute die ganze Stadt hierher eingeladen?«

Da war keine Rede mehr von »geliebten Eltern«. Karl Artur bezeigte nicht die geringste Freude über das Wiedersehen mit seiner Mutter.

»Ich dachte mir, wir wollten eine kleine Feier haben, nun du das schreckliche Examen hinter dir hast«, sagte Frau Beate.

»Du hast wohl gar nicht mit in Rechnung gezogen, daß ich auch durchfallen könnte«, versetzte Karl Artur. »Aber ich bin tatsächlich durchgefallen.«

Die Frau Oberst stand ganz bestürzt da.

Nein, der Gedanke, Karl Artur könnte durchfallen, wäre ihr allerdings niemals in den Sinn gekommen.

»An und für sich hat es auch gar nichts zu sagen«, fuhr Karl Artur fort. »Aber braucht es denn gleich die ganze Stadt zu wissen? Du hast wohl alle die Leute eingeladen, Mama, um meine Triumphe zu feiern?«

Die Frau Oberst stand noch immer wie aus den Wolken gefallen da.

Seht, sie kannte ja die Karlstädter! Diese hielten Fleiß und Sparsamkeit wohl für große Vorzüge bei einem Studenten, aber es war ihnen nicht genug. Sie erwarteten auch Preise von der schwedischen Akademie und Disputationen, die so glänzend waren, daß alle die alten Professoren unter ihren Bärten erbleichten. Die Karlstädter erwarteten geistreiche Improvisationen bei den Nationalfesten und Einladungen in die literarischen Kreise, zu Professor Geijer oder zu dem Landeshauptmann von Krämer oder zu der Frau Oberst Silfverstolpe.

So faßten die Karlstädter es auf; aber in Karl Arturs bisheriger Laufbahn hatten sie noch nichts von Glanz und Auszeichnung entdecken können, was seine hervorragende Begabung bewiesen hätte. Ja, das vermißten die Leute. Frau Beate wußte es nur allzu gut, und wenn nun Karl Artur endlich eine Probe seiner Kenntnisse abgelegt hatte, so meinte sie, es könne nichts schaden, wenn man etwas Klimbim darüber machte.

Aber daß Karl Artur durchfallen könne, damit hatte sie freilich nicht gerechnet.

»Niemand weiß etwas Bestimmtes«, sagte sie endlich nachdenklich. »Niemand außer den Leuten im Hause. Die andern haben nur gehört, es handle sich um eine freudige Überraschung.«

»Dann mußt du dir nun eine solche ausdenken, Mama«, versetzte Karl Artur. »Ich will jetzt auf mein Zimmer gehen und komme nicht zu Tisch herunter. Nicht, daß ich mir einbildete, die Karlstädter nähmen es besonders tragisch, daß ich durchgefallen bin; aber ich will ihr Mitleid nicht sehen.«

»Aber was sage ich nur den Leuten?« klagte die Frau Oberst.

»Das überlasse ich ganz dir, Mama«, erwiderte Karl Artur. »Ich gehe jetzt hinauf. Die Gäste brauchen ja nicht zu wissen, daß ich da bin.«

Aber dies war doch zu schmerzlich und ganz unmöglich. Da sollte die Frau Oberst an der Tafel sitzen und geistreich sein, und dabei sollte sie denken müssen, daß ihr Sohn nun traurig und verstimmt in seiner Stube hockte. Sie sollte ihre Augen nicht an ihm weiden dürfen – nein, das war zu bitter für die Frau Oberst.

»Liebster Karl Artur, du mußt zum Essen herunterkommen. Es fällt mir schon noch etwas ein.«

»Was wird dir denn einfallen?«

»Das weiß ich jetzt noch nicht. – Doch, nun hab’ ich’s! Du wirst ganz zufrieden sein. Es soll kein Mensch auf den Gedanken kommen, das Fest sei deinetwegen angeordnet worden. Versprich mir nun, daß du dich gleich umziehst und herunterkommst.« –

Es war ein durchaus gelungenes Fest. Unter all den vielen glänzenden und wohlgelungenen Festen im Hause Ekenstedt war dies eines der erinnerungswürdigsten.

Beim Braten, als der Champagner herumgereicht wurde, kam auch wirklich die Überraschung. Der Herr Oberst erhob sich und bat die Versammelten, mit ihm auf das Wohl des Leutnants Sten Arcker und seiner Tochter Eva zu trinken, deren Verlobung er hiermit bekanntmachen wolle.

Das gab einen Jubel!

Der Leutnant Arcker war ein armer Kerl, ohne viel Aussichten auf Beförderung. Man wußte allerdings, daß er schon lange für Eva Ekenstedt geschwärmt hatte, und weil die Töchter Ekenstedt wenig Bewunderer aufzählen konnten, hatte sich die ganze Stadt lebhaft für die Sache interessiert. Aber man hatte immer geglaubt, die Frau Oberst werde dem Leutnant einen Korb geben.

Später sickerte es allerdings doch durch, wie das mit der Veröffentlichung zusammenhing. Aha, die Frau Oberst hatte die Verlobung zwischen Eva und Arcker nur zugegeben, damit niemand merken sollte, daß die den Gästen ursprünglich zugedachte Überraschung ins Wasser gefallen war!

Aber da war niemand, der die Frau Oberst darum weniger bewundert hätte. Im Gegenteil! Man sagte nur, niemand verstünde es besser, sich schweren und überraschenden Lebenslagen anzupassen als die Frau Oberst Ekenstedt.

2

Wenn sich jemand etwas gegen die Frau Oberst Ekenstedt hatte zuschulden kommen lassen, so erwartete diese stets, daß der Missetäter kommen und sie um Verzeihung bitten werde. Wenn diese Zeremonie überstanden war, dann vergab sie alles von ganzem Herzen und war nachher ebenso freundlich und zutraulich wie zuvor.

Während der ganzen Weihnachtsfeiertage hoffte sie, Karl Artur werde sie um Verzeihung bitten, weil er an jenem Festabend, an dem er von Uppsala gekommen war, so hart mit ihr geredet hatte. Sie fand es ja verständlich, daß er sich in der ersten Hitze hatte hinreißen lassen; aber sie konnte nicht begreifen, daß er sein Unrecht gar nicht einzusehen schien, obwohl er inzwischen Zeit genug zum Nachdenken gehabt hatte.

Aber Karl Artur ließ die Weihnachtsfeiertage vorübergehen, ohne ein Wort des Bedauerns oder der Reue zu äußern. Er unterhielt sich wie gewöhnlich mit Einladungen und Schlittenpartien und war daheim liebenswürdig und aufmerksam. Aber er sagte die paar Worte nicht, auf die Frau Beate wartete. Unbemerkt von den anderen richtete sich eine unsichtbare Mauer zwischen Mutter und Sohn auf, und so kamen sie einander nicht mehr richtig nahe. Mangel an Liebe oder zärtlichen Reden war auf keiner Seite zu bemerken, aber das trennende Etwas war dennoch vorhanden.

Als Karl Artur wieder nach Uppsala zurückgekehrt war, hatte er nur noch den einen Gedanken, seine Niederlage wieder gutzumachen. Wenn die Frau Oberst eine schriftliche Abbitte erwartet hatte, so sah sie sich getäuscht. Karl Artur schrieb nur noch über seine lateinischen Studien. Jetzt hatte er bei zwei Dozenten lateinische Vorlesungen belegt, ging auch Tag für Tag in die Hörsäle und war außerdem noch Mitglied eines Vereins, in dem man sich in lateinischen Disputationen und im Reden übte.

Er schrieb die hoffnungsvollsten Briefe heim, und die Frau Oberst antwortete in dem gleichen Geist. Aber dennoch war sie seinetwegen ängstlich. Er war unartig gegen seine Mutter gewesen und hatte sie nicht um Verzeihung gebeten. Dafür blieb doch am Ende die Strafe nicht aus.

Nicht, daß sie ihrem Sohne diese Strafe gewünscht hätte. O nein, sie flehte zu Gott, er möchte ihm dieses kleine Vergehen nicht zurechnen, sondern alles vergessen sein lassen. Auch versuchte sie ihrem Herrgott zu erklären, daß alles ihre Schuld gewesen sei. »Ich allein bin dumm und eitel gewesen und wollte mit seinen Fortschritten prahlen«, sagte sie. »Nicht er verdient Strafe, sondern ich allein.«

Trotzdem fuhr sie fort, in jedem Briefe nach den Worten zu suchen, nach denen sie sich so sehr sehnte. Da aber diese Worte nie kamen, wurde sie immer unruhiger. Sie hatte das Gefühl, daß Karl Artur niemals Glück in seinen Arbeiten haben könne, solange er ihre Verzeihung nicht erhalten hatte.

Eines schönen Tages gegen Semesterschluß erklärte die Frau Oberst, sie wolle nach Uppsala reisen und ihre gute Freundin Malla Silfverstolpe besuchen. Die beiden hatten einander im letzten Sommer bei den Gyllenhaals auf Kavlås getroffen und sich da so eng befreundet, daß die gute Malla Frau Beate gebeten hatte, im Winter nach Uppsala zu kommen, damit sie die Bekanntschaft ihrer literarischen Freunde mache.

Ganz Karlstadt stand auf dem Kopf, weil die Frau Oberst eine solche Reise gerade während des Tauwetters unternehmen wollte. Hier hätte der Oberst die Erlaubnis verweigern müssen, das war die allgemeine Ansicht. Aber der Herr Oberst war ans Jasagen gewöhnt, und so reiste die Frau Oberst ab.

Die Reise war schrecklich, ganz wie die Karlstädter vorausgesagt hatten. Mehrere Male blieb der Wagen im Schmutze stecken, so daß er mit Stangen wieder herausgehoben werden mußte. Einmal brach eine Feder und ein andermal die Wagendeichsel. Doch die Frau Oberst kämpfte sich durch. Klein und schwach war sie, aber tapfer und lustig, und Gastwirte und Roßknechte, Schmiede und Bauern, mit denen sie zu tun hatte, wären durchs Feuer für sie gegangen. Es war, als wüßten sie alle, wie notwendig es war, daß sie nach Uppsala kam.

Natürlich hatte die Frau Oberst zwar Frau Malla Silfverstolpe ihre Ankunft angekündigt, nicht aber Karl Artur, ja, sie hatte Frau Silfverstolpe gebeten, ihn nichts davon wissen zu lassen.

Als Frau Beate bis nach Enköping gelangt war, gab es einen neuen Aufenthalt. Es waren nur noch ein paar Meilen bis Uppsala, aber ein Rad war losgegangen, und ehe dieses wieder befestigt war, konnte man nicht weiterfahren. Frau Beate war in schrecklicher Unruhe. Sie war ungewöhnlich lange unterwegs gewesen, und die lateinische Prüfung konnte jeden Tag stattfinden. Und sie fuhr doch nur nach Uppsala, um Karl Artur Gelegenheit zu geben, sie zuvor noch um Verzeihung bitten zu können. Sie war überzeugt, daß ihm keinerlei Studien und keine Vorlesungen helfen könnten, ehe dies geschehen war. Er würde unfehlbar wieder durchfallen – ganz unfehlbar.

Sie hatte keine Ruhe in dem Zimmer, das der Gastwirt ihr angewiesen. Unaufhörlich lief sie die Treppe hinunter und über den Hof, um nachzusehen, ob der Schmied das Rad noch nicht gebracht habe.

Auf einem der Gänge sah sie ein Gefährt mit einem Studenten auf der Bank neben dem Kutscher in den Hof einfahren, und der Student, der nun heruntersprang, das war ja – nein, sie konnte ihren Augen nicht trauen –, das war ja Karl Artur!

Er trat auf seine Mutter zu, schloß sie aber nicht in die Arme, sondern ergriff ihre Hand, drückte sie an seine Brust und schaute mit seinen schönen, träumerischen Kinderaugen tief in die ihrigen.

»Mama«, sagte er, »vergib mir, daß ich an jenem Winterabend so häßlich zu dir war, als du das große Fest gegeben hast, um meine lateinische Prüfung zu feiern.«

Ach, das war fast ein zu großes Glück, um Wirklichkeit zu sein!

Frau Beate machte ihre Hand frei, schlang die Arme um Karl Artur und küßte ihn, wieder und immer wieder. Sie verstand nichts, sie wußte nur, daß sie ihren Sohn wiederhatte, und fühlte, daß dies der glücklichste Augenblick ihres Lebens war.

Dann zog sie ihn mit sich ins Haus, und nun kam die Erklärung.

Nein, er hatte seine Arbeit noch nicht gemacht, die Prüfung sollte am nächsten Tage stattfinden. Aber trotzdem war er auf dem Wege nach Karlstadt zu ihr.

»Du Närrchen«, sagte sie, »wolltest du in vierundzwanzig Stunden nach Karlstadt und wieder zurück reisen?«

»Nein«, versetzte er, »ich hatte alles aufgegeben; aber ich wußte, dies müßte durchaus geschehen. Ohne deine Verzeihung wäre mir doch nichts geglückt.«

»Aber mein Junge, dazu hätte es doch nur des allerkleinsten Wörtchens in einem Briefe bedurft.«

»Das habe ich dunkel und unklar während des ganzen Semesters gefühlt«, fuhr Karl Artur fort. »Ich war ängstlich; alle Zuversicht hatte mich verlassen, ohne daß ich merkte, weshalb. Erst heute nacht ist mir ein Licht darüber aufgegangen. Ich hatte das Herz verwundet, das mit so viel Liebe für mich schlägt. Es war mir klar, daß ich nicht mit Erfolg arbeiten könnte, bevor ich nicht meine Mutter um Verzeihung gebeten hätte.«

Die Frau Oberst saß am Tische. Die eine Hand legte sich über ihre Augen, die voll Tränen standen, die andere streckte sie ihrem Sohn entgegen.

»Das ist wunderbar, Karl Artur«, sagte sie. »Sprich weiter!«

»Nun ja«, begann er. »Neben mir wohnt ein anderer Värmländer namens Pontus Friman. Er ist ein Pietist und verkehrt nicht mit anderen Studenten, deshalb war ich noch nie mit ihm in Berührung gekommen. Aber heute in aller Frühe ging ich zu ihm auf sein Zimmer und sagte ihm, wie es um mich stehe.

›Ich habe die liebevollste Mutter, die man haben kann‹, sagte ich. ›Aber ich habe sie verletzt und nicht um Verzeihung dafür gebeten. Was soll ich nun tun?‹«

»Und was antwortete er?«

»Er sagte nur: ›Fahr schleunigst zu ihr!‹ Ich erklärte ihm, dies wäre mein heißester Wunsch, aber morgen müsse ich pro exercitio schreiben, und meine Eltern würden ein solches Versäumnis gewiß nicht billigen. Friman wollte aber nichts davon hören.

›Reise schleunigst!‹ sagte er. ›Denk an nichts als an eine Versöhnung mit deiner Mutter! Gott wird dir helfen.‹«

»Und dann bist du abgereist?«

»Ja, Mama; ich reiste, um mich dir zu Füßen zu werfen. Aber kaum saß ich im Wagen, da kam ich mir auch schon unglaublich albern vor. Ich hatte die größte Lust, wieder umzukehren; und das wußte ich ja wohl, deine Liebe würde mir verzeihen, auch wenn ich noch ein paar Tage in Uppsala bliebe. Aber ich fuhr dennoch weiter. Und Gott half mir. Ich fand dich hier; zwar weiß ich nicht, wie du hierhergekommen bist, aber seine Hand muß dich geführt haben.«

Tränen benetzten das Antlitz von Mutter und Sohn. War es denn nicht ein Wunder, das ihretwillen geschehen war?

Sie fühlten, daß eine liebende Vorsehung über ihnen waltete; und auch die Größe der Liebe, die sie verband, empfanden sie stärker als je zuvor.

So saßen sie eine Zeitlang beisammen in dem Wirtszimmer. Dann schickte die Frau Oberst Karl Artur nach Uppsala zurück und trug ihm auf, die gute Malla Silfverstolpe zu grüßen und ihr zu sagen, daß aus dem Besuch der Mutter für dieses Mal nichts würde.

Denn der Frau Oberst lag rein gar nichts daran, nach Uppsala zu kommen. Das Ziel ihrer Reise war erreicht. Sie wußte jetzt, daß Karl Artur die Prüfung bestehen werde. So konnte sie ruhig heimkehren.

3

Ganz Karlstadt wußte, daß die Frau Oberst religiös war. Sie ging in den Gottesdienst genauso regelmäßig wie der Pfarrer, und an den Werktagen hielt sie morgens und abends eine kleine Andacht mit ihrer ganzen Hausgenossenschaft.

Sie hatte auch ihre Armen, die sie nicht nur zu Weihnachten mit Gaben bedachte, sondern auch während des ganzen Jahres. Verschiedenen bedürftigen Schuljungen gab sie Mittagessen, und die alten Weiber im Armenhause pflegte sie am Beatentage mit einer großen Kaffeevisite zu erfreuen.

Aber keiner Seele in Karlstadt und am allerwenigsten der Frau Oberst selbst kam der Gedanke, daß es Gott unangenehm sein könnte, wenn sie mit dem Dompropst und dem Ratsherrn und der ältesten ihrer Basen Stake an den Familiensonntagnachmittagen ein freundliches Spielchen Boston machte. Und niemandem fiel es auch nur im Traum ein, es könnte eine Sünde sein, wenn die jungen Damen und Herren, die sich bei Obersts einzustellen pflegten, in dem geräumigen Salon ein kleines Tänzchen machten.

Weder die Frau Oberst noch irgendein anderer Karlstadter hatte jemals ein Wörtchen davon gehört, es sei verdammenswert, an einem festlichen Mittagessen ein Glas guten Wein zu reichen oder, ehe es geleert wurde, einen Tischgesang anzustimmen, den meistens die Wirtin selber gedichtet hatte. Auch war keinem bekannt, daß der liebe Gott Romanlesen und Theaterbesuch übelnehme. Die Frau Oberst liebte es auch, Liebhabertheater ins Werk zu setzen und selbst dabei mitzuwirken. Es wäre ihr eine große Entbehrung gewesen, auf dieses Vergnügen verzichten zu müssen. Sie war ja wie für die Bühne geschaffen, und die Karlstadter pflegten zu sagen, wenn Frau Torslöw nur halb so gut spiele wie Frau Beate Ekenstedt, so könne man sich nicht wundern, daß alle Stockholmer in sie vernarrt seien.

Aber Karl Artur Ekenstedt war noch einen ganzen Monat in Uppsala zurückgeblieben, nachdem er die schwierige lateinische Arbeit glücklich vollendet hatte, und während dieser Zeit war Pontus Friman sein hauptsächlichster Umgang gewesen. Friman aber war ein aufrichtiger, strenger und beredter Anhänger der pietistischen Richtung, und Karl Artur konnte sich seinem starken Eindruck nicht entziehen.

Von einer tatsächlichen Erweckung oder Bekehrung war zwar keineswegs die Rede; aber jedenfalls genügte es, ihn über die weltlichen Freuden und Vergnügungen, die er daheim fand, zu beunruhigen.

Es ist leicht zu verstehen, daß gerade damals ein unbeschreiblich warmes, vertrauliches Verhältnis zwischen Mutter und Sohn bestand, und so sprach Karl Artur auch freimütig mit Frau Beate über alles, was ihm Anstoß erregte. Und seine Mutter kam ihm auf alle mögliche Weise entgegen. Da es ihn betrübte, sie Karten spielen zu sehen, schützte sie am nächsten Familientag Kopfschmerzen vor und ließ den Herrn Oberst ihren Platz am Bostontisch einnehmen. Denn daß der Dompropst und der Ratsherr um ihre Partie gebracht werden sollten, das war ganz undenkbar.

Und da Karl Artur das Tanzen nicht mehr leiden konnte, so unterließ sie auch dies. Als wie gewöhnlich am Sonntagabend die Jugend sich einfand, erklärte sie, sie sei nun fünfzig Jahre alt und fühle sich wirklich zu betagt, um noch zu tanzen. Als sie dann aber die enttäuschten Gesichter sah, wurde sie gerührt und setzte sich an den Flügel, um ihnen selbst bis nach Mitternacht zum Tanze aufzuspielen.

Karl Artur brachte ihr Bücher, die sie lesen sollte, und sie nahm sie dankbar entgegen und fand sie schön und erbaulich.

Aber immer nur so feierliche pietistische Bücher zu lesen, das brachte die Frau Oberst doch nicht fertig. Sie war eine gebildete Frau und in Fühlung mit der Weltliteratur, und so begab es sich eines Tages, daß Karl Artur Byrons Don Juan zwischen den Andachtsbüchern fand, in denen Frau Beate las. Ohne ein Wort zu sagen, wandte er sich ab, und seine Mutter fühlte sich besonders gerührt, weil er keinen Vorwurf äußerte. Am folgenden Tage packte sie alle ihre Bücher in eine Kiste und stellte sie auf den Speicher.

Nein, es war ganz deutlich, die Frau Oberst versuchte so entgegenkommend zu sein, wie es in ihrer Macht stand. Sie war ja klug und einsichtsvoll und wußte, daß es nur eine vorübergehende Schwärmerei bei Karl Artur sei, die mit der Zeit schon wieder verschwinden würde, und zwar um so sicherer, je weniger Widerstand er fände. Auch war es glücklicherweise Sommer; alle vermögenden Karlstadter waren verreist, große Gesellschaften waren daher ganz von selbst ausgeschlossen. Man belustigte sich mit unschuldigen Wanderungen durch Gottes freie Natur oder mit weiten Ruderpartien auf dem schönen Klarelf, mit Beerenpflücken und Gesellschaftsspielen im Freien.

Gegen Ende des Sommers sollte nun auch Eva Ekenstedt mit ihrem Leutnant Hochzeit machen, und der Frau Oberst war wirklich etwas bange, wie das ablaufen würde. Sie fühlte sich gezwungen, eine großartige, prächtige Hochzeit auszurichten. Denn das war ganz klar, wenn Evas Hochzeit nicht mit allem Pomp gefeiert wurde, dann hieß es wieder, die Frau Oberst habe eben kein Herz für ihre Töchter.

Glücklicherweise schien jedoch ihr bisheriges Entgegenkommen einen beruhigenden Einfluß auf Karl Artur gehabt zu haben. Er setzte nicht nur den zwölf Gängen bei Tisch nebst Sandtorten und Konfekt keinen Widerstand entgegen – nein, er protestierte nicht einmal gegen den Wein und die andern Getränke, die von Göteborg bezogen wurden. Auch hatte er nichts gegen die Trauung im Dom einzuwenden, noch gegen die Girlanden, mit denen die Straßen, durch die der Brautzug kam, geschmückt wurden, und ebensowenig gegen die Pechfackeln am Flusse hin. Er nahm sogar selber an den Vorbereitungen teil und arbeitete gerade wie jeder andere Sterbliche im Schweiße seines Angesichts, Kränze zu binden und Fahnen aufzustecken. Nur an einer Sache hielt er unwandelbar fest, nämlich daß bei der Hochzeit nicht getanzt werden sollte. Und das hatte ihm Frau Beate auch versprochen. Sie glaubte, ihm dieses weitgehende Entgegenkommen schuldig zu sein, da er sich so geduldig in alle anderen Anordnungen gefügt hatte.

Der Oberst und die Töchter hatten es mit schwachen Einwendungen versucht. Sie meinten, man wisse ja gar nicht, was man dann mit all den jungen Offizieren und den jungen Karlstadter Mädchen anfangen solle, die man eingeladen hatte und die natürlich erwarteten, die ganze Nacht hindurch tanzen zu dürfen. Aber die Frau Oberst entgegnete, mit Gottes Hilfe werde es doch ein schöner Abend werden, und die Leutnants und die jungen Mädchen sollten in dem Garten spazierengehen, die Regimentsmusik anhören, die Raketen gen Himmel steigen sehen und den Widerschein der Pechfackeln auf dem Wasser bewundern. Sie glaubte, all dieses werde so wunderschön sein, daß niemand andere Vergnügungen vermisse. Und sicherlich sei dies eine würdigere Einweihung des jungen Ehestandes, als in einem Ballsaal herumzuhüpfen.

Der Oberst und die Töchter fügten sich wie gewöhnlich, und so blieb der Familienfriede ungestört.

Am Hochzeitstage war alles bereit und in Ordnung. Nichts ging schief. Man hatte mit dem Wetter Glück, und die Trauung in der Kirche nebst den vielen Reden und den Trinksprüchen bei Tische wickelten sich glatt ab. Frau Beate hatte ein schönes Hochzeitskarmen gedichtet, das bei Tisch gesungen wurde; die Musikkapelle des Värmlandregiments war im Anrichtzimmer aufgestellt und blies bei jedem neuen Gang einen flotten Marsch. Die Gäste fanden, daß alles reichlich und festlich zuging, und waren in der muntersten und behaglichsten Stimmung, solange die Mahlzeit währte.

Nachdem man aber vom Tisch aufgestanden und der Kaffee getrunken war, überfiel die ganze Gesellschaft eine eigentümliche, unwiderstehliche Lust zum Tanzen.

Die Mahlzeit hatte nämlich um vier Uhr begonnen, und da alles so ausgezeichnet eingerichtet war und auch die Aufwärter und das Gesinde den Anordnungen genau nachgekommen waren, hatte sich das Festessen nicht länger als bis sieben Uhr hingezogen. Es war wirklich sonderbar, daß zwölf Gänge mit allen Tischreden, Fanfaren und Festkarmen nur drei Stunden in Anspruch genommen hatten. Die Frau Oberst hatte gemeint, man würde bis acht bei Tische sitzen, aber diese Hoffnung hatte sich nicht erfüllt.

Also, es war erst sieben Uhr, und vor Mitternacht ging man nicht auseinander, davon konnte keine Rede sein. Die Gäste wurden bedenklich, wenn sie an die vielen öden Stunden dachten, die noch vor ihnen lagen.

»Wenn wir doch tanzen dürften!« seufzte alles im stillen; denn die Frau Oberst war so vorsichtig gewesen, ihre Gäste im voraus davon in Kenntnis zu setzen, daß nicht getanzt werden sollte. »Womit können wir uns denn unterhalten? Es ist ja entsetzlich, stundenlang sitzen und ohne sich zu rühren schwatzen zu müssen!«

Die jungen Mädchen betrachteten ihre leichten hellen Kleider und ihre weißseidenen Schuhe. Alles war aufs Tanzen eingerichtet. Und wenn man einmal so gekleidet war, dann kam die Tanzlust von selbst.

Die jungen Offiziere vom Värmlandregiment waren ja auch als Ballkavaliere sehr gesucht. Im Winter wurden sie zu so vielen Bällen eingeladen, daß sie deren beinahe überdrüssig wurden und man sie nur mit Mühe und Not zum Tanzen bringen konnte. Während des Sommers aber hatten keine großen Tanzfestlichkeiten stattgefunden, und so waren die Herren Leutnants ausgeruht und bereit, einen ganzen Tag durchzutanzen, wenn es sein mußte, und sie sagten auch, sie hätten noch selten so viele hübsche Mädchen beisammen gesehen. Und was war das auch für eine Einrichtung, junge Offiziere und junge Schönheiten einzuladen und sie nicht miteinander tanzen zu lassen?

Aber nicht nur die Jugend vermißte den Tanz. Auch die alten Damen und Herren fanden es schade, daß die Jugend sich nicht bewegen durfte und man nicht zusehen konnte. Die beste Musik von ganz Värmland stand zur Verfügung. Hier war der herrlichste Tanzsaal. Warum in aller Welt sollte man nicht ein Tänzchen machen?

Die gute Beate Ekenstedt war doch bei aller Liebenswürdigkeit immer ein wenig selbständig. Sie dachte wohl, mit ihren fünfzig Jahren könne sie nicht mehr mittanzen, und darum sollten nun auch ihre jungen Gäste nur herumsitzen und die Wände zieren.

Die Frau Oberst sah und hörte und merkte, daß alle Welt mißvergnügt war, und für eine so vorzügliche Wirtin wie sie, die allezeit gewöhnt war, jedermann vergnügt und zufrieden bei ihren Festen zu sehen, war dieser Zustand unsäglich bitter, ja unerträglich.

Sie wußte, daß am nächsten Tag und noch an vielen, vielen folgenden Tagen die Ekenstedtsche Hochzeit besprochen und als Beispiel der größten Langweiligkeit, die man jemals hatte mitmachen müssen, herangezogen werden würde.

Nun setzte sich Frau Beate zu den Alten. Sie entfaltete ihre ganze Liebenswürdigkeit, erzählte ihre besten Geschichten und hatte die glänzendsten Einfälle. Aber ach, sie zündeten nicht! Man hörte ihr kaum zu. Da war keine noch so alte und langweilige Frau unter den Gästen, die nicht dachte, wenn sie einmal das Glück haben sollte, eine Tochter zu verheiraten, so sollte ganz gewiß alt und jung tanzen dürfen.

Die Frau Oberst machte sich an die Jugend. Sie schlug Gesellschaftsspiele im Garten vor. Aber man starrte sie nur an. Spiele im Freien bei einer Hochzeit! Wäre sie nicht die Frau Oberst Ekenstedt gewesen, man hätte ihr ins Gesicht gelacht.

Als das Feuerwerk abgebrannt wurde, boten die Herren den Damen den Arm, und man spazierte hinunter ans Flußufer. Aber die jungen Paare schlichen nur so dahin und hoben kaum die Augen hoch genug, um die Raketen steigen zu sehen. Sie wollten nun eben für das Vergnügen, wonach sie sich sehnten, keinen Ersatz anerkennen.

Der Vollmond stieg empor, wie um das glanzvolle Schauspiel noch zu verschönen. An diesem Abend erschien er nicht wie eine Scheibe – nein, nein, er rollte am Himmel herauf rund wie ein Ball, und ein witziger Kopf behauptete, er sei aufgeschwollen vor lauter Verwunderung darüber, so viele stattliche Offiziere und so viele schöne junge Mädchen da unten mit düsteren Blicken in das Wasser hineinstarren zu sehen, gleich als gingen sie mit Selbstmordgedanken um. Halb Karlstadt stand draußen am Gartenzaun, um die Pracht mit anzusehen. Sie sahen die jungen Leute langweilig und mißvergnügt herumschleichen und meinten, dies sei doch die kümmerlichste Hochzeit, die sie jemals geschaut hätten.

Die Kapelle des Värmlandregiments tat ihr Bestes. Aber da die Frau Oberst verboten hatte, Tänze zu spielen, weil sie fürchtete, die Jugend sonst nicht mehr im Zaume halten zu können, waren nicht genügend Programmnummern da, und die einzelnen Stücke mußten immer wiederholt werden.

Es wäre nicht recht, wenn man behaupten wollte, die Stunden schlichen dahin. Nein, die Zeit stand einfach still. Die Minutenzeiger auf allen Uhren bewegten sich in demselben langsamen Tempo wie die Stundenzeiger.

Vor dem Ekenstedtschen Hause lagen auf dem Fluß ein paar große Kähne, und auf einem dieser Kähne saß ein musikliebender Schiffer und spielte eine Bauernpolka auf einer quietschenden selbstgemachten Fiedel.

Aber alle die armen Menschen, die sich in dem Ekenstedtschen Garten herumquälten, konnten diesen Tönen nicht widerstehen, denn es war doch jedenfalls Tanzmusik, und eiligst schlichen sie sich durch die Gartenpforte hinaus, und im nächsten Augenblick sah man, wie sie sich auf dem teerigen Deck einer Klarelfschute zu der Bauernpolka schwenkten.

Die Frau Oberst bemerkte die Flucht und das Tanzen sehr bald, und es war ihr klar, daß man die feinsten Mädchen von Karlstadt nicht auf einem schmierigen Frachtboot tanzen lassen durfte. Sie ließ die jungen Leute sofort auffordern, wieder hereinzukommen. Aber sie hatte gut Frau Oberst sein, selbst der jüngste Leutnant dachte nicht daran, Order zu parieren.

Da gab Frau Beate Ekenstedt das Spiel verloren. Jetzt war sie Karl Artur so weit entgegengekommen, wie man es verlangen konnte. Jetzt hieß es, das Ansehen des Hauses Ekenstedt zu retten. Sie befahl die Regimentsmusik herauf in den großen Saal und ließ eine Anglaise spielen.

Gleich darauf stürmten auch schon die Tanzlustigen die Treppe herauf, und nun wurde getanzt. Das wurde ein Ball, wie man noch keinen gesehen hatte. Alle die vielen, die vorher gewartet hatten und vor Sehnsucht fast vergangen waren, suchten jetzt die verlorene Zeit wieder einzuholen. Das war ein Drehen und Wenden und Stapfen und Pirouettieren! Da gab es keine Müden und Unwilligen. Selbst das häßlichste und langweiligste Mädchen blieb nicht sitzen.

Auch die Alten konnten nicht stille sitzen, und das schlimmste war, die Frau Oberst selber – ja, man stelle sich das vor! –, die Frau Oberst, die nicht mehr tanzen und auch nicht mehr Karten spielen wollte, die ihre weltlichen Bücher auf den Speicher geschafft hatte – diese Frau Oberst konnte auch nicht mehr stille sitzen. Leicht und luftig schwebte sie im Tanze umher, und sie sah ebenso jung – nein, noch jünger aus als ihre Tochter, die Braut. Die Karlstadter waren ganz glücklich, daß sie ihre fröhliche, charmante, geliebte Frau Oberst wiederhatten.

Und die Freude schlug immer höhere Wogen; die Nacht war schön und lebensvoll geworden, und der Fluß schimmerte im Mondenschein, und alles war, wie es sein sollte.

Aber der beste Beweis dafür, wie stark der Zauber der Fröhlichkeit das ganze Haus beherrschte, war wohl, daß sogar Karl Artur mitgerissen wurde. Plötzlich konnte er gar nicht mehr verstehen, was Böses und Sündhaftes daran sein sollte, wenn man sich mit anderen jungen und sorglosen Menschen nach der Musik im Takte wiegte. Es war doch nur natürlich, daß Jugend, Gesundheit und Frohsinn einen solchen Ausdruck fanden. Wenn er es jetzt noch für eine Sünde gehalten hätte, würde er auch nicht getanzt haben.

Aber an diesem Abend kam ihm alles kindlich, lustig und unschuldig vor.

Doch gerade, als Karl Artur mitten in der Anglaise mittanzte, blickte er zufällig nach der offenen Saaltür, und in der Türöffnung sah er ein bleiches, von schwarzem Haar und Bart umrahmtes Antlitz, sowie ein Paar große, sanfte Augen, die in schmerzlicher Verwunderung an ihm hingen.

Er hielt mitten im Tanzen inne. Erst glaubte er, ein Gespenst zu sehen; dann erkannte er jedoch seinen Freund Pontus Friman, der ihm versprochen hatte, ihn in Karlstadt zu besuchen, und nun gerade an diesem Abend angekommen war.

Karl Artur trat aus der Reihe der Tanzenden und eilte dem Angekommenen entgegen, und dieser zog ihn wortlos mit sich hinab ins Freie.

Die Werbung

Schagerström hat einen Heiratsantrag gemacht. Der reiche Schagerström auf Groß-Sjötorp.

Nein, ist’s möglich, Schagerström war auf Freiersfüßen gegangen?

Ja, es war wahrhaftig wahr, Schagerström hat um ein Mädchen geworben.

Aber wie in aller Welt ist das denn gekommen, daß Schagerström einem Mädchen einen Antrag gemacht hat?

Nun, die Sache ist die: In der Propstei von Korskyrka war ein junges Mädchen namens Charlotte Löwensköld. Sie war etwas verwandt mit dem Propst und diente der Frau Propst als Gesellschafterin, und außerdem war sie mit dem Hilfsgeistlichen in der Propstei verlobt.

Aber was hat sie denn mit Schagerström zu tun?

Nun, Charlotte Löwensköld war ein frisches, frohes, offenherziges junges Mädchen, und in dem Augenblick, wo sie ihren Fuß auf die Schwelle der Propstei setzte, ging es wie ein frischer Hauch durchs ganze Haus. Der Propst und seine Frau waren alt und gleichsam zu ihren eigenen Schatten geworden; aber Charlotte flößte ihnen neues Leben ein. Der Vikar aber war dünn wie ein Zwirnsfaden und so fromm, daß er fast nicht zu essen und zu trinken wagte. Den Tag über versah er seinen Dienst und beweinte seine Sünden. Er zählte sich schon zu den Verlorenen; aber Charlotte Löwensköld hinderte ihn daran, sich vollends ganz aufzureiben.

Aber was hat dieses alles mit – –?

Man muß wissen, daß der Vikar, als er zum ersten Male in die Propstei von Korskyrka kam, ganz frisch ordiniert und mit allem, was zu seinem Dienst gehörte, noch ganz unbekannt war. Da half ihm Charlotte Löwensköld, sich zurechtzufinden. Sie hatte ihr Lebtag in einem Pfarrhause gewohnt und war mit allem in Betracht Kommenden auf dem laufenden; nun lehrte sie den Vikar sowohl Kinder taufen als auch im Kirchengemeinderat das Wort führen. Und dabei verliebten sie sich ineinander und waren nun schon fünf Jahre verlobt.

Aber auf diese Weise kommen wir ja ganz von Schagerström ab ...

Eine ganz hervorragende Eigenschaft von Charlotte Löwensköld war, daß sie für andere alles so gut einzurichten und anzuordnen verstand. Kaum war sie also mit dem Vikar verlobt, als sie auch schon heraushatte, daß seine Eltern mit der Wahl dieses Berufes gar nicht einverstanden waren. Sie hätten es viel lieber gesehen, wenn ihr Sohn sich den Magistertitel erworben hätte, um dann auf den Lizentiaten und Doktor der Philosophie zu studieren. Er war auch wirklich fünf Jahre in Uppsala gewesen, hatte dann das Kandidatenexamen dort gemacht, und im siebenten Jahr wäre er Magister geworden – aber gerade da hatte er umgesattelt und das theologische Examen gemacht. Seine Eltern waren wohlhabend und ein wenig ehrgeizig. Es war ihnen nicht lieb, ihren Sohn eine so anspruchslose Laufbahn einschlagen zu sehen. Seit er Geistlicher geworden war, hatten sie ihn beständig mit Bitten bestürmt, doch noch weiter in Uppsala zu studieren; aber dazu war er nicht zu bewegen gewesen. Charlotte Löwensköld sah wohl ein, daß er mit einem höheren Examen weit bessere Aussichten auf Beförderung haben würde, und so schickte sie ihn nach Uppsala zurück. Und da er der ärgste Büffler war, den man sich vorstellen kann, so war er in vier Jahren fertig gewesen. In dieser Zeit hatte er nicht nur das Lizentiatenexamen gemacht, sondern auch seinen philosophischen Doktor.

Aber was in aller Welt hat Schagerström damit ...

Charlotte hatte sich die Sache so ausgerechnet: Wenn ihr Verlobter nur erst promoviert hätte, dann würde er sich um eine Stelle als Lektor an einem Gymnasium bewerben, mit der ein ansehnliches Gehalt verbunden wäre, auf das sie hätten heiraten können. Und sollte er unbedingt Pfarrer werden wollen, so konnte er nach einigen Jahren, wie es der Brauch war, auf ein großes Pastorat befördert werden. Dies war die Laufbahn des Propstes von Korskyrka und noch vieler anderer gewesen. In diesem Falle ging es jedoch nicht so, wie Charlotte sich’s gedacht hatte, denn ihr Verlobter wollte sofort Geistlicher werden und die gewöhnliche Pfarrerlaufbahn einschlagen. Deshalb kehrte er noch einmal als Vikar nach Korskyrka zurück. Und obwohl er Doktor der Philosophie war, verdiente er noch nicht einmal soviel wie ein Stallknecht.

Ja, aber Schagerström ...

Es ist ja begreiflich, daß Charlotte Löwensköld, die nun schon fünf Jahre auf ihren Verlobten gewartet hatte, damit nicht zufrieden war. Doch freute sie sich, als er nach Korskyrka zurückgeschickt wurde. Er wohnte in der Propstei, so sah sie ihn täglich, auch war sie der Ansicht, sie werde ihn schon noch dazu bringen können, Lektor zu werden, wie sie ihn auch dazu gebracht hatte, seinen Doktor zu machen.

Aber bei dem allen hören wir ja gar nichts von Schagerström!

Nun ja, weder Charlotte Löwensköld noch ihr Bräutigam hatten das allermindeste mit Schagerström zu tun. Er gehörte einer ganz andern Art von Menschen an. Sein Vater war ein hoher Beamter in Stockholm, er selbst war reich und hatte dazu noch die Tochter eines värmländischen Hüttenbesitzers geheiratet, die Erbin von so viel Bergwerken und Grubenfeldern, daß ihre Mitgift auf mehrere Millionen geschätzt werden konnte. Zuerst hatte Schagerström in Stockholm gewohnt und nur in den Sommermonaten die Bergwerke im Värmland besucht; aber nachdem seine Frau in den ersten Jahren im Wochenbett gestorben war, hatte er sich ganz nach Groß-Sjötorp bei Korskyrka zurückgezogen. Er betrauerte seine Frau aufs tiefste und vermißte sie überall und konnte es nicht ertragen, irgendwo zu wohnen, wo er mit ihr zusammen gelebt hatte. Er zeigte sich auch kaum je bei einer Gesellschaft, aber, um die Zeit doch herumzubringen, übernahm er die Verwaltung der vielen Gruben; das Herrenhaus auf Groß-Sjötorp baute er um und verschönte es, so daß es der prächtigste Sitz im ganzen Kirchspiel wurde. Ganz einsam war er aber nicht; er hielt sich eine große Dienerschaft und lebte wie ein Grandseigneur; Charlotte Löwensköld wußte wohl, daß sie ebenso leicht das Siebengestirn vom Himmel herabholen und in ihren Brautkranz flechten könnte, als Schagerströms Frau werden.

Nun gehörte Charlotte Löwensköld zu den Menschen, die immer gleich sagen, was ihnen durch den Kopf geht. Und eines Tages bei einer Gesellschaft in der Propstei, wozu viele Gäste gebeten waren, wollte es der Zufall, daß Schagerström mit seinem prächtigen schwarzen Viererzug und dem betreßten Lakai auf dem Bock neben dem Kutscher am Hause vorüberfuhr. Natürlich sprang alles an die Fenster, um Schagerström nachzusehen, solange noch ein Schimmer von ihm zu erhaschen war. Als er ganz verschwunden war, wandte sich Charlotte Löwensköld an ihren Verlobten, der weiter zurück im Zimmer stand, und rief so laut, daß alle Anwesenden es hören konnten: »Das sag’ ich dir, Karl Artur, so lieb’ ich dich auch habe – wenn Schagerström um mich anhält, nehm’ ich ihn!«

Jedermann wußte recht gut, daß Charlotte niemals Schagerström bekommen konnte, und so lachten alle herzlich. Und der Bräutigam lachte mit, denn das wußte er, Charlotte hatte diesen Ausspruch nur getan, um die Gäste zu belustigen. Sie selber sah aus, als ob sie über das, was ihr so herausgefahren war, bestürzt wäre; aber es war doch nicht ganz sicher, ob sie nicht einen kleinen Hintergedanken dabei gehabt hatte. Sie wollte vielleicht den guten Karl Artur ein wenig aufrütteln und ihm den Gedanken an das Lektorat nahelegen.

Schagerström war noch tief in seine Trauer versenkt und dachte an keine zweite Ehe. Aber durch seine Arbeit, die ihn mit vielen Menschen in Verbindung brachte, bekam er bald allerlei Bekannte und Freunde, die ihm zuredeten, sich wieder zu verheiraten. Er lehnte es ab, da er viel zu unliebenswürdig und langweilig sei, als daß ihn irgendein Mädchen haben wollte, und legte den Versicherungen des Gegenteils auch keinen Wert bei. Eines Tages kam indes die Rede doch wieder auf diese Sache, und zwar bei einem großen geschäftlichen Mittagessen, woran Schagerström gezwungenermaßen teilnahm, und als er in gewohnter Weise abwehrte, erzählte einer seiner Nachbarn aus Korskyrka von dem jungen Mädchen, die ihrem Verlobten den Laufpaß geben wolle, wenn Schagerström um sie werben würde. Es war eine sehr muntere Mittagsgesellschaft, man lachte herzlich über die Geschichte und behandelte sie als einen lustigen Scherz, genau wie in der Propstei.

Um die Wahrheit zu sagen, so hatte Schagerström schon oft die Schwierigkeiten, ohne Hausfrau auszukommen, empfunden; aber er liebte die Verstorbene noch immer, und schon der Gedanke, ihren Platz von einer anderen ausgefüllt zu sehen, flößte ihm Widerwillen ein.

Bisher hatte er sich immer eine Ehe nur mit einer Frau denken können, die genauso wäre wie seine Verstorbene. Aber nachdem er die Geschichte von Charlotte Löwensköld erfahren hatte, schlugen seine Gedanken eine andere Richtung ein. Wenn er zum Beispiel eine Verstandesheirat einginge, wenn er sich mit einer einfachen Person verbände, die weder den Platz der Verstorbenen in seinem Herzen noch die hohe soziale Stellung, die er kraft seines Reichtums und seiner Familienverbindungen einnahm, beanspruchen würde – auf diese Weise wäre ihm eine neue Ehe als etwas Annehmbares erschienen. Damit würde der Heimgegangenen kein Abbruch geschehen.

Am folgenden Sonntag fuhr Schagerström zur Kirche und besah sich das junge Mädchen, das neben der Frau Propst in dem Kirchenstuhl saß. Sie war einfach und anspruchslos gekleidet und sah nicht viel gleich. Aber das machte nichts. Ganz im Gegenteil. Wäre sie eine blendende Schönheit gewesen, wäre es ihm nicht in den Sinn gekommen, sie zu heiraten Die Tote sollte nicht glauben dürfen, die Neue solle sie auf irgendeine Weise ersetzen können.

Während Schagerström nun in der Kirche saß und Charlotte Löwensköld betrachtete, malte er sich aus, wie sie sich wohl benehmen würde, falls er wirklich an der Propstei vorfahren und sie fragen würde, ob sie Herrin auf Groß-Sjötorp werden wolle. Sie hätte es sich ja niemals träumen lassen können, daß er um sie anhalten würde; aber gerade deshalb hätte er gern ihr Gesicht gesehen, wenn die Sache Ernst würde.

Auf der Heimfahrt malte er sich die Erscheinung Charlotte Löwenskölds in kostbare, schöne Gewänder gekleidet aus. Da wurde ihm plötzlich eines klar: In den Gedanken an eine zweite Ehe hatte sich etwas Verlockendes eingeschlichen. Es hatte etwas ungemein Romantisches, das ihn in keiner Weise unangenehm berührte; nämlich ein armes Mädchen, das ja an so etwas gar nicht denken konnte, mit Glück zu überschütten. Sobald sich aber Schagerström darüber klar war, machte er seine Gedanken von dieser Sache los und wies sie von sich wie eine Versuchung. Er hatte immer in der Vorstellung weitergelebt, seine Gattin sei nur für kurze Zeit von ihm gegangen, und er wollte ihr bis zu ihrer Wiederkehr treu bleiben.

In der Nacht sah Schagerström seine verstorbene Frau im Traum, und beim Erwachen war sein Herz ganz von der alten Liebe erfüllt. Die Erwägungen auf dem Heimweg von der Kirche erschienen ihm nun ganz und gar hinfällig. Seine Liebe lebte, und es war keine Gefahr, daß das einfache junge Mädchen, das er zu seinem Weibe zu machen geplant hatte, das Bild der Verstorbenen aus seinem Herzen verdrängen könnte. Er brauchte einen tüchtigen und klugen Kameraden zu seiner Gesellschaft und seinem Wohlbefinden. Bisher hatte er noch keine passende Haushälterin mieten können und auch in der Familie niemand gefunden, der sein Hauswesen geleitet hätte. So sah er keinen anderen Ausweg als eine Heirat.

Er fuhr also noch am gleichen Tag in großer Gala an der Propstei vor. Da er in all den Jahren ganz zurückgezogen gelebt hatte, war auch sein Besuch in der Propstei unterblieben, und es brachte keine geringe Aufregung hervor, als der große Landauer mit dem schwarzen Gespann vorfuhr. Man führte Schagerström in die gute Stube, und da saß er nun und plauderte mit dem Propst und dessen Frau.

Charlotte Löwensköld hatte sich auf ihr Zimmer geschlichen; aber nach einer Weile erschien die Pröpstin bei ihr und bat sie, herunterzukommen, um ihnen Gesellschaft zu leisten. Herr Schagerström sei ja gekommen, und es sei langweilig für ihn, nur mit zwei so alten Leuten zu plaudern.

Die Frau Propst erschien etwas erhitzt und doch auch feierlich zugleich. Charlotte sah sie groß an, fragte aber nichts. Sie band ihre Schürze ab, wusch sich die Hände, strich ihr Haar glatt und legte einen reinen Kragen um. Dann folgte sie der Frau Propst; aber wie sie gerade im Begriff war, das Zimmer zu verlassen, wandte sie sich um und band sich die große Schürze wieder vor.

Kaum war sie in den Salon getreten und hatte Schagerström begrüßt, als sie auch schon gebeten wurde, sich zu setzen, worauf der Propst eine kleine Ansprache an sie richtete. Er machte viele Worte und sprach lange über die Freude und das Wohlbehagen, das sie in der Propstei um sich verbreitet habe. Sie sei ihm und seiner Frau eine liebe Tochter gewesen, und sie würden sich nur ungern von ihr trennen. Aber da nun ein solcher Mann wie der Herr Grubenbesitzer Gustav Schagerström sie zu seiner Frau begehre, dürften sie nicht an sich selber denken, sondern müßten ihr raten, ein solches Anerbieten, das besser sei als alles, was sie erwarten könne, nicht von sich zu weisen.

Der Propst erwähnte mit keinem Wort, daß sie schon mit dem Vikar verlobt war. Sowohl er als seine Frau waren schon lange gegen diese Verbindung und wünschten nichts sehnlicher, als sie aufgehoben zu sehen. Ein armes Mädchen wie Charlotte Löwensköld konnte sich doch nicht an einen Mann hängen, der es einfach ablehnte, sich einen anständigen Lebensunterhalt zu verschaffen.

Charlotte hatte zugehört, ohne sich zu rühren, und da der Propst ihr die Zeit zu einer passenden Antwort lassen wollte, begann er eine stattliche Rede an den Herrn Hüttenbesitzer Schagerström über seine prächtigen Güter, seine Tüchtigkeit, seinen ehrbaren Lebenswandel und sein Wohlwollen gegen seine Untergebenen.

Der Propst hatte schon so viel Gutes über Schagerström gehört, daß er ihn, obwohl er jetzt seinen ersten Besuch in der Propstei machte, bereits als Freund betrachtete und glücklich war, das Geschick seiner jungen Verwandten in dessen Hände zu legen.

Schagerström beobachtete die ganze Zeit über Charlotte Löwensköld, um zu sehen, welchen Eindruck seine Werbung auf sie machte. Er sah, wie ihr Rücken sich steifte und sie den Kopf zurückwarf. Dabei stieg Farbe in ihre Wangen, ihre Augen verdunkelten sich zu einem tiefen Blau. Dann zog sich ihre Oberlippe zu einem spöttischen Lächeln empor.

Schagerström war bestürzt; so, wie er Charlotte Löwensköld jetzt sah, war sie eine Schönheit, und zwar eine Schönheit, die weder bescheiden noch anspruchslos genannt werden konnte.

Seine Werbung hatte augenblicklich einen tiefen Eindruck auf sie gemacht; ob sie aber glücklich oder mißverstanden war, das wagte er nicht festzustellen.

Er brauchte indes nicht lange im Zweifel zu sein. Sobald der Propst mit seiner Rede fertig war, ergriff Charlotte das Wort.

»Ich möchte wissen, ob der Herr Hüttenbesitzer Schagerström gewußt haben, daß ich verlobt bin«, sagte sie.

»Gewiß, selbstverständlich«, entgegnete Schagerström; doch ehe er noch etwas hinzusetzen konnte, fuhr Charlotte fort:

»Wie können sich dann der Herr Hüttenbesitzer unterstehen, um mich anzuhalten?«

Geradeso sagte sie. Sie gebrauchte Worte wie »unterstehen«, obwohl sie zum reichsten Mann in Korskyrka sprach. Sie hatte ganz vergessen, daß sie nur eine arme Gesellschafterin war, und fühlte sich als das altadlige stolze Fräulein Löwensköld.

Der Propst und seine Frau fielen vor Entsetzen fast von ihren Stühlen, und auch Schagerström sah ganz verdutzt aus.

Aber er war ein Mann von Welt und wußte sich in heiklen Lagen zu finden.

Er trat auf Charlotte Löwensköld zu, nahm eine ihrer Hände zwischen die seinigen und drückte sie warm.

»Mein liebes Fräulein Löwensköld«, sagte er, »Ihre Antwort vermehrt nur die Verehrung, die ich für Sie empfinde.«

Dann verbeugte er sich vor dem Propst und seiner Frau und verhinderte durch seine Gebärde, etwas zu äußern und ihn an seinen Wagen zu begleiten. Sowohl sie wie Charlotte wunderten sich über die Würde, die über dem abgewiesenen Freier lag, während er das Gemach verließ.

Wünsche

Es ist wirklich ganz zwecklos, wenn ein Menschenskind sich hinsetzt und sich etwas wünscht.

Wenn es nicht das mindeste dazutut, um dem Menschen, nach dem es sich sehnt, näherzukommen – dann hat es doch wirklich gar keinen Zweck, nur stillzusitzen und zu wünschen.

Wenn ein Menschenkind weiß, daß es unbedeutend und häßlich und arm ist, und begreift, daß der, den es gewinnen möchte, mit keinem Gedanken an sie denkt, dann mag sie sich mit ihren Wünschen verlustieren, soviel ihr der Sinn danach steht.

Wenn dieses Menschenkind überdies verheiratet war und eine ehrbare Frau ist, dazu einen kleinen Hang zum Pietismus hat und nichts in der Welt sie zum Unrecht zu verlocken vermag, so hat es gar nichts zu sagen, wenn sie allerlei Wünsche hegt.

Wenn sie zum Überfluß auch noch alt ist, ganze zweiunddreißig Jahre, und er, an den sie denkt, nicht mehr als neunundzwanzig, wenn sie ferner ungewandt und schüchtern ist und in Gesellschaft nichts aus sich zu machen weiß, wenn sie dazu die Frau des Organisten ist, dann mag sie von morgens bis abends dasitzen und sich wünschen. Das kann ja keine Sünde sein, und es kann auch zu nichts führen.

Wenn sie auch denkt, die Wünsche anderer seien wie leichte Frühlingswinde, die ihrigen aber wie gewaltige Stürme, die Berge versetzen und die Erde aus ihrer Bahn werfen könnten, so weiß sie genau, daß dies nur Einbildungen sind. In Wirklichkeit vermögen die Wünsche nichts, weder jetzt noch in der Zukunft.

Sie muß zufrieden sein, daß sie in dem Kirchdorf wohnt, dicht am Wege, so daß sie ihn beinahe alle Tage an ihren Fenstern vorbeigehen sehen und ihn jeden Sonntag predigen hören kann, daß sie ferner ab und zu in die Propstei eingeladen wird und im gleichen Zimmer mit ihm sein darf, obwohl sie vor lauter Schüchternheit kein Wort an ihn zu richten wagt.

Sonderbarerweise besteht aber doch ein kleiner Zusammenhang zwischen ihm und ihr. Davon hat er indes wohl gar keine Ahnung, und sie hat auch nicht davon zu sprechen gewagt. Aber vorhanden ist dieser Zusammenhang jedenfalls.

Ihre Mutter war ja doch jene Malwina Spaak, die früher Haushälterin auf Hedeby bei Baron Löwenskölds, seinen Großeltern mütterlicherseits, gewesen war. Als Malwina fünfunddreißig Jahre alt war, hatte sie sich mit einem armen Landwirt verheiratet und sich von da an in ihrem eigenen Hause mit Arbeiten und Weben geplagt wie früher in fremden Häusern. Aber sie war immer in Verbindung mit den Löwenskölds geblieben. Diese waren zu ihr auf Besuch gekommen, und sie war oft zu langem Aufenthalt in Hedeby gewesen, um bei der Herbstbäckerei und dem Frühjahrsputz zu helfen, und das hatte einen Glanz auf ihr Leben geworfen. Ihrer Tochter hatte sie von klein auf die Zeit auf Hedeby aufs eingehendste geschildert, hatte ihr von dem verstorbenen General erzählt, der nun dort spukte, und von dem jungen Baron Adrian, der dem Ahnherrn zur Ruhe im Grabe hatte verhelfen wollen.

Die Tochter hatte wohl gemerkt, daß ihre Mutter in den jungen Baron verliebt gewesen war. Das war an der Art, wie sie von ihm sprach, leicht zu erkennen. Wie gut war er gewesen, und wie schön! Und seine Augen hatten einen gar träumerischen Ausdruck gehabt, und jede seiner Bewegungen war von unbeschreiblicher Anmut gewesen!

Wenn die Mutter Baron Adrian in dieser Weise schilderte, hatte die Tochter stets gedacht, sie übertreibe. Einen jungen Mann, wie die Mutter ihn hier schilderte, gab es in der ganzen Welt nicht.

Aber jedenfalls hatte sie ihn nun gesehen. Kurz nach ihrer Verheiratung mit dem Organisten und ihrem Einzug in Korskyrka hatte sie ihn eines Sonntags die Kanzel besteigen sehen. Er war ja freilich kein Baron, nur der Vikar Ekenstedt, aber er war der Neffe des Barons Adrian, den Malwina Spaak geliebt hatte, und er war ebenso schön und knabenhaft weich und ebenso zart und fein wie jener. Sie erkannte die großen träumerischen Augen wieder, von denen die Mutter berichtet hatte, sowie auch das freundliche Lächeln.

Als sie ihn sah, war es ihr, als habe sie ihn durch ihre Wünsche herbeigezogen. Immer, immer hatte sie sich danach gesehnt, einmal einen Mann zu sehen, auf den die Beschreibung ihrer Mutter paßte, und nun hatte sie ihn vor Augen. Sie wußte wohl, daß Wünsche machtlos sind, aber sie fand es doch wunderbar, daß er gekommen war. Er beachtete sie gar nicht, und am Ende des Sommers verlobte er sich mit der hochnäsigen Charlotte Löwensköld. Im Herbst kehrte er nach Uppsala zurück, um seine Studien fortzusetzen. Ach, nun war er für immer aus ihrem Leben verschwunden! Sie konnte nicht anders denken. Wenn sie sich’s auch noch so sehr wünschte, er würde doch nicht zurückkehren.

Aber nach fünf Jahren sah sie ihn an einem Sonntag abermals die Kanzel besteigen. Und abermals war es ihr, als habe sie ihn herbeigewünscht. Er aber gab ihr keinerlei Veranlassung zu solchen Gedanken. Wieder beachtete er sie in keiner Weise, und immer noch war er mit Charlotte Löwensköld verlobt.

Sie hatte Charlotte nie etwas Böses gewünscht, dafür konnte sie die Hand zum Schwur auf die Bibel legen, ab und zu aber hatte sie doch gehofft, Charlotte würde sich in einen andern verlieben, oder einer ihrer reichen Verwandten würde sie zu einer langen Reise ins Ausland einladen, wodurch sie auf eine angenehme Weise von dem jungen Ekenstedt getrennt würde.

Da sie als Frau des Organisten ab und zu in die Propstei eingeladen wurde, war sie zufällig auch an jenem Tage dort, als Schagerström vorbeifuhr und Charlotte sagte, sie würde ihn nehmen, wenn er um sie anhalte. Seitdem war ihr sehnlichster Wunsch gewesen, Schagerström möchte um Charlotte werben; und dieser Wunsch konnte doch nichts Unrechtes sein! Jedenfalls hatte er nicht das geringste zu bedeuten.

Denn wenn Wünsche eine Macht hätten, dann sähe es wohl etwas anders aus in dieser Welt. Man bedenke nur, was schon alles gewünscht worden ist! Was sich die Menschen schon Gutes gewünscht haben! Wie viele sich schon gewünscht haben, frei von Sünde und Krankheit zu sein! Wie viele gewünscht haben, dem Tode zu entgehen! Nein, das wußte sie wohl, wünschen konnte man unbeschränkt; Wünsche haben keine Macht.

Aber eines schönen Sommersonntags sah sie tatsächlich Schagerström in die Kirche kommen, und siehe, er wählte auch seinen Platz so, daß er Charlotte, die im Pfarrstuhle saß, sehen konnte. Nun wünschte sie auch, Schagerström möge Charlotte schön und anziehend finden. Von ganzer Seele wünschte sie das. Es war doch kein Unrecht gegen Charlotte, wenn sie ihr einen reichen Mann wünschte!

Nachdem sie Schagerström in der Kirche gesehen hatte, wurde sie den ganzen Tag über das Gefühl von einem bevorstehenden Ereignis nicht los. In der Nacht lag sie wie im Fieber und wartete darauf, daß etwas geschehe. Und so war es auch am folgenden Vormittag. Sie saß am Fenster und konnte nicht arbeiten, sondern wartete nur mit gefalteten Händen auf das, was kommen würde.

Sie meinte, sie müsse Schagerström vorbeifahren sehen. Aber es begab sich etwas noch viel Wunderbareres. Mitten am Vormittag, so zwischen elf und zwölf Uhr, machte ihr Karl Artur einen Besuch.

Man versteht, daß sie selig und erschrocken, zugleich aber auch von Schüchternheit überwältigt war.

Sie wußte nicht, was sie gesagt hatte, um ihn zu begrüßen und ins Zimmer hereinzubitten. Jedenfalls saß er bald in dem besten Lehnstuhl ihres kleinen Salons, und sie saß ihm gegenüber und starrte ihn an.

Sie hatte gar nicht gewußt, daß er so jung aussah, wie sie ihn nun in der Nähe fand. Sie wußte ja alles, was seine Familie betraf, ja sie wußte auch, daß er im Jahre 1806 geboren war und nun also neunundzwanzig Jahre alt sein mußte. Aber das sah ihm niemand an.

Nun berichtete er ihr in seiner entzückend einfachen, ernsthaften Weise, er habe erst kürzlich durch einen Brief seiner Mutter erfahren, daß sie Malwina Spaaks Tochter sei, die eine so gute Freundin und Gehilfin der ganzen Familie Löwensköld gewesen war. Es bedauerte, dies nicht früher gewußt zu haben, und sagte, sie hätte es ihm sagen sollen.

Sie war überglücklich, weil sie nun wußte, weshalb er sie früher gar nicht beachtet hatte. Aber sie konnte nichts sagen, nichts erklären. Sie murmelte nur ein paar dumme verworrene Worte, die er wahrscheinlich gar nicht verstand.

Er sah sie etwas verwundert an. Konnte ein erwachsener Mensch so schüchtern sein, daß er die Sprache verlor? Das war ihm unbegreiflich.

Wie um ihr Zeit zu lassen, sich zu fassen, begann er von Malwina Spaak und von Hedeby zu erzählen. Auch auf die Spukgeschichten und den unheimlichen Ring kam zu er sprechen.

Er sagte, er könne zwar alle die Einzelheiten nicht glauben, aber trotzdem liege für ihn ein tiefer Sinn darin. In dem Ring sehe er ein Symbol der Liebe zum Irdischen, die die Seele gefangenhält und sie ungeschickt zum Reiche Gottes macht.

Da saß er nun wirklich vor ihr und sah sie mit seinem einnehmenden Lächeln an, plauderte auch ganz vertraulich und unbefangen mit ihr wie mit einem alten Freunde! Das Glück war zu groß, es drohte sie zu ersticken.

Er war vielleicht daran gewöhnt, keine Antwort zu erhalten, wenn er zu den Armen und Mühseligen kam, um sie zu trösten und aufzurichten. So redete er denn unverdrossen weiter.

Er berichtete ihr, er müsse immerfort an Jesu Wort zu dem reichen Jüngling denken, und er sei überzeugt, der Grund zu den vielen Leiden der Menschen liege vor allem darin, daß sie das Geschaffene mehr liebten als den Schöpfer.

Obwohl sie nichts sagte, lauschte sie doch offenbar seinen Worten auf eine Weise, die sein Zutrauen immer mehr hervorlockte. Er vertraute ihr an, daß er weder Propst noch Bischof werden wolle. Er wolle keine große Gemeinde, keinen großen Wohnsitz mit weiten Äckern und dicken Kirchenbüchern und vieler Arbeit. Nein, er wünsche sich ein kleines Dorf, in dem er sich ganz der Seelsorge widmen könne. Sein Pfarrhaus solle nur eine kleine graue Hütte sein, aber diese solle an einem Birkenwäldchen am Ufer des Sees liegen. Und sein Gehalt solle nur gerade zum Leben ausreichen.

Und sie verstand ihn. Er wollte damit den Menschen den rechten Weg zum wahren Glück zeigen. Eine tiefe Andacht erfüllte ihre Seele. Noch niemals war ihr etwas so Junges und Reines vorgekommen. Ach, wie würden alle Menschen ihn lieben!

Aber dann fiel ihr ein, wie sehr seine Worte im Widerspruch standen zu dem, was sie kürzlich hatte sagen hören, und darüber wollte sie sich Klarheit verschaffen.

Sie fragte, ob sie falsch gehört habe, aber als sie neulich in der Propstei war, habe seine Braut gesagt, er sei im Begriff, sich um ein Lektorat an einem Gymnasium zu bewerben.

Da sprang Karl Artur vom Stuhle auf und begann in der kleinen Stube hin und her zu gehen.

Sollte Charlotte das gesagt haben? Sei sie ganz sicher, daß Charlotte das gesagt hatte? Bei dieser Frage, die er in ganz ungestümer Weise hervorsprudelte, wurde ihr angst; aber in aller Demut entgegnete sie, soweit sie sich erinnern könne, habe Charlotte tatsächlich so gesagt.

Das Blut stieg ihm in den Kopf. Er sah immer ärgerlicher aus. Sie war ganz entsetzt. Fast wäre sie vor ihm niedergefallen und hätte ihn um Verzeihung gebeten. Nie hätte sie gedacht, daß das, was sie von Charlotte berichtet hatte, ihn so verletzen würde. Was sollte sie sagen, das ihn wieder gut stimmen könnte? Was konnte sie tun, um ihn zu beruhigen?

Während dieser Aufregung hörte sie Wagengerassel, und aus alter Gewohnheit sah sie aus dem Fenster. Schagerström fuhr vorbei; da sie aber so sehr mit Karl Artur beschäftigt war, fragte sie sich nicht einmal, wohin er wohl fahre. Karl Artur hatte den Vorbeifahrenden nicht bemerkt. Er schritt noch immer mit grimmiger Miene in dem Stübchen auf und ab.

Dann trat er auf sie zu und streckte ihr die Hand zum Abschied entgegen. Welch eine schreckliche Enttäuschung, daß er so bald wieder ging! Sie hätte sich die Zunge abbeißen mögen, weil sie die paar Worte gesagt hatte, die schuld an seiner Verstimmung waren.

Aber da war nichts mehr zu machen. Sie mußte auch ihre Hand ausstrecken und die seinige ergreifen. Sie mußte schweigen und ihn gehen lassen.

Doch in ihrem tiefen Elend und ihrer Verzweiflung neigte sie sich über seine Hand und küßte sie.

Hastig zog er seine Hand zurück. Dann blieb er stehen und schaute sie an.

»Ich wollte nur um Verzeihung bitten«, stammelte sie.

Er sah Tränen in ihren Augen, was ihn bewog, ihr eine Art Erklärung zu geben.

»Nehmen Sie an, Frau Sundler, Sie hätten sich aus irgendeinem Anlaß eine Binde um die Augen gelegt, so daß Sie nichts mehr sehen könnten, und Sie hätten sich ganz in die Hände eines anderen Menschen gegeben, der Ihr Führer sein sollte – was würden Sie sagen, wenn die Binde plötzlich abfiele und Sie erkennen müßten, daß dieser andere, Ihr Freund, Ihr Führer, auf den Sie sich mehr als auf sich selbst verlassen hatten, Sie an den Rand eines Abgrunds geführt hatte, wo Sie beim nächsten Schritt in die Tiefe gestürzt wären? Würde Ihnen solches keine Höllenqualen bereiten?«

Er sprach hastig und leidenschaftlich und eilte, ohne auf Antwort zu warten, durch die Tür in den Flur hinaus.

Thea Sundler glaubte zu hören, daß Karl Artur in dem kleinen Vorgarten stehenblieb. Sie konnte nicht wissen, warum. Vielleicht überdachte er, wie fröhlich und sorglos er vor einer kleinen Weile in ihr Haus eingetreten war, das er jetzt wütend und verzweifelt verließ. Jedenfalls eilte sie hinaus, und da stand er wirklich noch.

Sobald er sie zu Gesicht bekam, fing er an zu reden. Die Gemütsbewegung hatte seinen Gedanken eine neue Richtung gegeben. Es war ihm lieb, einen Zuhörer zu haben.

»Ich bin noch hier und sehe mir die Rosen an, mit denen Sie den Weg zu Ihrem Hause eingefaßt haben, liebe Frau Sundler, und ich überlege eben, ob dieser Sommer nicht der schönste ist, den ich je erlebt habe. Wir haben nun Ende Juli, die ganze nun vergangene Sommerszeit ist geradezu vollkommen gewesen, finden Sie das nicht auch? Sind nicht alle Tage lang und hell gewesen, länger und heller als je zuvor? Gewiß war es sehr heiß, aber niemals wirklich drückend, weil doch meistens ein frischer Luftzug wehte. Auch die Erde hat nicht unter Trokkenheit zu leiden gehabt wie in andern schönen Sommern, weil fast jede Nacht etwas Regen gefallen ist. So war das Wachstum auch ganz unerhört. Haben Sie schon jemals die Bäume so üppig belaubt oder die Blumenrabatten im Garten in solcher Pracht leuchten sehen? Ach, ich möchte behaupten, die Erdbeeren seien nie so süß, der Vogelgesang nie so wohllautend und die Menschen nie so fröhlich und genußfähig gewesen wie in diesem Jahre!«

Er schwieg einen Augenblick, um Atem zu schöpfen, doch Frau Sundler hütete sich wohl, ihn durch ein Wort zu stören. Sie dachte an ihre Mutter.

Jetzt begriff sie, was diese gefühlt haben mochte, wenn der junge Baron sie in der Küche oder in der Milchkammer aufgesucht und ihr allerlei anvertraut hatte.

Der junge Geistliche fuhr fort: »Wenn ich morgens gegen fünf Uhr meinen Vorhang zurückziehe, sehe ich kaum etwas anderes als Düsternis und Gewölk. Das klatscht gegen die Fensterscheiben, das gießt aus der Dachtraufe, Gras und Blumen beugen sich nieder unter dem Platzregen. Die ganze Luft ist voller regenschwerer Wolken, die sich über den Wiesengrund hinzuschleppen scheinen. Heut ist’s aus mit dem schönen Wetter, sage ich zu mir selbst, und vielleicht ist es auch so am besten.

Und obgleich ich weiß, daß es den ganzen Tag fortregnen wird, bleibe ich doch noch eine ganze Weile am Fenster stehen und sehe zu, was noch werden wird. Und siehe, fünf Minuten nach fünf Uhr klatschen die Tropfen nicht mehr an meine Scheiben. Die Dachtraufe rieselt noch eine Weile, dann hört auch das auf. Gerade an der Stelle am Himmel, wo die Sonne stehen sollte, öffnet sich ein Wolkenspalt, und ein breiter Lichtstreifen fällt herab in die irdischen Nebel. Gleich darauf verwandeln sich diese, am Horizont aufwallend, in lichtblauen Dunst. Die Tropfen rinnen die Grashalme entlang auf die Erde, und die Blumen richten ihre ängstlich gesenkten Kelche wieder empor. Unser kleiner See, von dem ich einen schwachen Schimmer von meinem Fenster aus sehen kann und der bis jetzt ganz mürrisch dreingeschaut hat, beginnt zu glitzern, wie wenn große Scharen von Goldfischen sich unter dem Wasserspiegel angesammelt hätten. Und hingerissen von so viel Schönheit, öffne ich mein Fenster weit, atme die Luft voll schwellender Wohlgerüche von einer nie geahnten Fülle ein, und ich breche in den Ruf aus: Ach, mein Gott, du hast deine Welt viel zu schön geschaffen!«

Der junge Geistliche hielt inne, lächelte und zuckte die Schultern. Er schien anzunehmen, Thea Sundler verwundere sich über seine letzte Äußerung, und so beeilte er sich, diese zu erläutern.

»Ja«, fuhr er fort, »es ist mir ernst mit dem, was ich sagte. Ich war bange, dieser schöne Sommer könne mich verleiten, etwas Irdisches zu lieben. Wie oft habe ich das Ende dieses herrlichen Wetters herbeigewünscht, gewünscht, der Sommer möge uns Blitz und Donner, Dürre und Schwüle, Landregen und kalte Nächte bringen, wie das schon so oft in andern Jahren geschehen ist.«

Thea Sundler sog alle seine Worte in sich hinein. – Wo wollte er hin? Was wollte er damit sagen? Sie wußte es nicht, wünschte es aber fast krampfhaft, er möchte fortfahren, damit sie noch lange den Wohllaut seiner Stimme, die schönen Worte und das ausdrucksvolle Mienenspiel genießen könnte.

»Verstehen Sie mich?« rief er aus. »Aber über Sie hat die Natur vielleicht keine Macht. Sie spricht nicht zu Ihnen mit starken, geheimnisvollen Worten. Sie fragt Sie nie, warum Sie nicht dankbar alle ihre guten Gaben genießen, warum Sie das Glück nicht ergreifen, das so erreichbar nahe liegt; warum Sie sich nicht ein eigenes Heim gründen und sich mit der Geliebten Ihres Herzens vermählen, wie alle Geschöpfe in diesem gesegneten Sommer es tun?«

Er nahm den Hut ab und strich sich mit der Hand über die Stirne.

»Der schöne Sommer«, fuhr er fort, »ist ein Bundesgenosse für Charlotte geworden. Sehen Sie, dieser Reichtum, diese Freundlichkeit, diese allgemeine Lebenslust hat mich berauscht. Ich bin umhergegangen wie ein Blinder. Charlotte hat meine Liebe und auch meine Sehnsucht, meinen Wunsch, sie zu besitzen, wachsen sehen.

Ach, Sie wissen ja nicht ... Jeden Morgen gegen sechs Uhr gehe ich von dem kleinen Anbau, in dem meine Zimmer liegen, hinüber in das Haupthaus, um meinen Morgenkaffee zu trinken. Da kommt mir Charlotte in dem großen hellen Eßzimmer, wo die Luft durch die offenen Fenster hereinströmt, entgegen. Sie ist fröhlich und zwitschert wie ein Vöglein, und wir trinken unseren Kaffee zusammen, wir zwei allein. Weder der Propst noch seine Frau sind dabei.

Sie glauben vielleicht, Charlotte nehme die Gelegenheit wahr, mit mir von unserer Zukunft zu sprechen. Oh, ganz gewiß nicht! Sie spricht mit mir über meine Armen, meine Kranken, sie spricht über die Gedanken in meiner Predigt, die ihr am meisten zu Herzen gegangen sind. Sie zeigt sich in allen Dingen so, wie es sich für eine gute Pfarrfrau gehört. Nur einzelne Male, ganz im Vorbeigehen, nur scherzhaft, spricht sie auch von dem Lektorat. So ist sie mir Tag für Tag lieber geworden. Wenn ich dann wieder an meinem Schreibtisch sitze, wird mir das Arbeiten schwer. Ich träume von Charlotte. Ich habe Ihnen ja vorhin gesagt, wie ich mein Leben einzurichten gedenke. Nun träumte ich davon, wie meine liebe Charlotte sich von all den weltlichen Ketten loslöst und sie mir freudig in meine kleine graue Hütte folgt.«

Bei diesem Bekenntnis konnte Thea Sundler einen Ausruf nicht unterdrücken.

»Gewiß haben Sie recht«, sagte er. »Ich bin blind gewesen. Charlotte hat mich an einen Abgrund geführt. Sie hat nur einen Augenblick der Schwachheit abgewartet, um mir das Versprechen abzulocken, mich um ein Lektorat zu bewerben. Sie sah, wie dieser Sommer dazu beitrug, mich sorglos zu machen. Sie glaubte sich sicher am Ziel, und so hat sie Sie und alle die andern auf meinen Berufswechsel vorbereitet. Aber Gott hat mich beschützt.«

Noch einmal trat Karl Artur auf Thea Sundler zu. Er las vielleicht auf ihrem Gesicht, daß seine Worte ihr Freude machten, daß sie sich glücklich darüber fühlte. Aber nun schien es ihn zu reizen, daß sie sich an der durch sein Leiden hervorgerufenen Beredsamkeit erfreute. Ein schmerzlicher Zug flog über sein Antlitz.

»Glauben Sie nur ja nicht, ich freue mich über das, was Sie mir gesagt haben!« brach er los.

Thea Sundler erschrak. Er ballte die Fäuste und schüttelte sie.

»Ich danke es Ihnen nicht, daß Sie mir die Binde von den Augen gerissen haben. Sie sollen sich nicht über das freuen, was Sie soeben gehört haben! Ich hasse Sie, weil Sie mich nicht in den Abgrund stürzen ließen. Ich will Sie nie wieder sehen.«

Er wandte sich ab und eilte den schmalen Pfad zwischen Frau Sundlers schönen Rosen hinab der Landstraße zu. Aber Thea Sundler ging in ihr Stübchen, warf sich in ihrer Zerknirschung auf den Fußboden und weinte, wie sie noch nie geweint hatte.

Im Garten der Propstei

Die kurze Strecke vom Kirchdorf bis in die Propstei nahm für jemand, der so rasch und stürmisch dahinging wie Karl Artur, nicht mehr als fünf Minuten in Anspruch. Aber während dieser fünf Minuten überlegte er sich viele strenge und stolze Gedanken, mit denen er seine Braut zu beglücken gedachte, sobald er mit ihr zusammentreffen würde.

»Ja«, murmelte er, »der rechte Augenblick ist gekommen. Nichts soll mich abhalten. Heute noch muß es zu einer Entscheidung kommen. Sie muß endlich einsehen, daß trotz aller meiner Liebe zu ihr mich nichts bewegen kann, nach den weltlichen Vorteilen zu trachten, die sie anstrebt. Ich habe keine Wahl, ich muß Gott dienen. Eher will ich sie aus meinem Herzen reißen.«

Stolze Zuversicht erfüllte ihn. Er fühlte es deutlich, heute standen ihm Worte zur Verfügung, um zu zerknirschen, zu rühren, zu überzeugen. Die heftige Gemütsbewegung hatte sein Innerstes in Wallung versetzt, und eine Tür war aufgerissen worden, die in einen Raum seiner Seele führte, in den er bisher noch nie geblickt hatte. In diesem Raum waren die Wände mit reichen Trauben und schönen Blumenranken behängt. Aber diese Trauben und Ranken waren Worte, herrliche, klare, formvollendete Worte. Er brauchte nur hinzutreten und sich ihrer zu bemächtigen. Alles dies stand zu seiner Verfügung. Es war ein Reichtum, ein unerhörter Reichtum.

Er lachte über sich selbst. Bis jetzt hatte er seine Predigt stets mit großer Mühe zusammengebracht, er hatte die Gedanken gleichsam aus seiner Seele herausquälen müssen. Und doch hatte dieser Reichtum die ganze Zeit über in ihm gelegen!

Was Charlotte betraf, so durfte es so nicht länger bleiben. Wahrhaftig, bisher war sie es gewesen, die versucht hatte, ihn zu beherrschen. Das mußte anders werden. Er würde reden, sie zuhören. Er würde führen, sie folgen. Von nun an sollten ihre Blicke an seinem Munde hängen wie vorhin die der armen Organistenfrau.

Das gab natürlich Streit, aber nichts sollte ihn dazu bringen, nachzugeben.

»Lieber reiße ich sie aus meinem Herzen!« rief er aus.

Gerade als er vor der Propstei angelangt war, flog die Gittertür auf, und ein eleganter, von vier Rappen gezogener Wagen fuhr heraus.

Es war ihm klar, nun hatte der Hüttenbesitzer Schagerström einen Besuch in der Propstei gemacht. Zugleich erinnerte er sich an Charlottes Äußerung bei jener Kaffeegesellschaft am Anfang des Sommers. Wie ein Blitz fuhr es ihm durch den Kopf, Schagerström sei in die Propstei gekommen, um seine Braut zur Frau zu begehren.

Das war ein unsinniger Gedanke; aber trotzdem krampfte sich ihm das Herz zusammen.

War das nicht ein ganz besonderer Blick, den der reiche Mann ihm zuwarf, als der Wagen auf die Landstraße einbog? Lag nicht eine spöttische Neugier darin und zugleich etwas wie Mitleid?

Nein, er konnte nicht zweifeln. Er hatte recht geraten. Aber das war doch ein gar zu schwerer Schlag. Sein Herz stockte, und es wurde ihm schwarz vor den Augen. Er hatte gerade noch so viel Kraft, sich bis ans Gartentor zu schleppen.

Charlotte hatte ja gesagt. Er würde sie verlieren. Er würde vor Verzweiflung sterben.

Mitten in diesem Kummer sah er Charlotte aus dem Wohnhause treten und eilig auf ihn zukommen. Er sah die erhöhte Farbe ihrer Wangen, den Glanz ihrer Augen, die Siegermiene um den Mund. Nun kam sie, um ihm zu erklären, daß sie den reichen Mann in Korskyrka heiraten werde.

Oh, diese Schamlosigkeit! Er stampfte mit dem Fuß auf und ballte die Fäuste. »Komm mir nicht nahe!« rief er.

Sie blieb jäh stehen. Heuchelte sie, oder war ihr Erstaunen echt?

»Was hast du denn?« fragte sie gänzlich unbefangen.

Er nahm seine ganze Kraft zusammen, um ihr antworten zu können.

»Das weißt du besser als ich!« rief er. »Was hatte Schagerström hier zu tun?«

Nun begriff Charlotte. Karl Artur hatte also Schagerströms Vorgehen erraten. Sie trat dicht auf Karl Artur zu und hob die Hand auf. Beinahe hätte sie ihn geschlagen.

»So, so, also auch du glaubst, ich würde mein Wort eines Haufen Geldes wegen brechen?«

Damit warf sie ihm einen verachtungsvollen Blick zu, wandte ihm den Rücken und ging ihrer Wege.

Jedenfalls hatten ihre Worte nun seine schlimmsten Befürchtungen besänftigt. Sein Herz fing wieder an zu pochen, die Kräfte kehrten ihm zurück. Er war imstande, ihr zu folgen.

»Aber er hat doch jedenfalls um dich angehalten?« sagte er.

Sie würdigte ihn keiner Antwort. Ihr Rücken und ihr Nakken steiften sich, und sie setzte ihren Weg fort. Aber sie ging nicht ins Haus zurück, sondern bog in einen schmalen Pfad ein, der durch allerlei Buschwerk in den Garten führte.

Karl Artur fühlte, daß sie ein Recht hatte, verletzt zu sein. Hatte sie Schagerström abgewiesen, so hatte sie etwas wirklich Großartiges getan. Er versuchte sich zu entschuldigen.

»Du hättest sein Gesicht sehen sollen, als er an mir vorbeifuhr. Er sah nicht aus, als hätte er einen Korb bekommen.«

Da richtete sie sich nur noch trotziger auf und beschleunigte ihre Schritte. Sie brauchte keine Worte zu verlieren. Ihre Haltung sagte deutlich genug: »Komm mir nicht nahe! Ich will allein sein!«

Aber er, der jetzt immer mehr die Treue und Aufopferung ihrer Handlungsweise begriff, folgte ihr immerzu.

»Charlotte«, sagte er, »meine geliebte Charlotte!«

Sie ließ sich nicht rühren. Unentwegt schritt sie die Gartenwege entlang.

Ach, dieser Pfarrgarten, dieser Pfarrgarten! Charlotte hätte ihre Schritte nach keinem Ort richten können, der reicher an süßen Erinnerungen gewesen wäre.

Der Garten war in altfranzösischem Stil angelegt, mit vielen sich kreuzenden Wegen, die alle mit mannshohen Syringenhecken eingefaßt waren. Da und dort befanden sich schmale Öffnungen in diesen Hecken, durch die man in kleine enge Lauben mit einer einzigen Moosbank oder auf grüne Rasenflächen, in denen ein einsamer Rosenbusch stand, gelangte. Es war kein sehr großer Garten. Er war auch vielleicht nicht einmal schön; aber welch ein wunderbarer Zufluchtsort war er für solche, die sich allein zusammenfinden wollten!

Während Karl Artur Charlotte nacheilte, die ihm nicht den mindesten Blick gönnte, wachte die Erinnerung an alle die Stunden in ihm auf, da sie als eine zärtliche Geliebte hier mit ihm gewandelt war. Stunden, die nun nie wiederkehren würden.

»Charlotte!« stieß er noch einmal hervor mit einer Stimme, die vor Kummer bebte.

Es mußte etwas in seiner Stimme gelegen haben, das sie zum Nachgeben zwang. Sie wandte sich zwar nicht um; aber die trotzige Haltung verschwand. Sie blieb stehen und beugte den Kopf so weit zurück, daß er beinahe ihr Gesicht sehen konnte.

Da war er auch schon neben ihr, schloß sie in seine Arme und küßte sie.

Dann zog er sie mit sich in eine der Lauben mit einer Moosbank darin. Dort fiel er vor ihr auf die Knie und erging sich in Bewunderung ihrer Treue, ihrer Liebe, ihres Heldenmutes.

Sie schien erstaunt über sein Feuer, sein Entzücken. Fast mißtrauisch hörte sie ihm zu. Und er wußte wohl, warum. Er war ihr gegenüber immer etwas abweisend gewesen; hatte sie ihm doch die Welt und ihre Verlockungen verkörpert, gegen die er auf seiner Hut sein mußte!

Aber in diesem holden Augenblick, wo er wußte, daß sie seinetwegen der Versuchung eines großen Reichtums widerstanden hatte, brauchte er sich keinen Zwang aufzuerlegen. Sie wollte ihm von der Werbung Bericht erstatten, aber er hörte kaum zu und unterbrach sie immer wieder durch seine Küsse.

Als sie ausgeredet hatte, mußte er sie abermals unzählige Male küssen, und schließlich saßen sie ganz still nebeneinander.

Wo waren nun die strengen, stolzen Worte, die er ihr hatte sagen wollen? Vergessen – ausgewischt aus der Erinnerung. Er bedurfte ihrer nicht mehr. Nun wußte er, daß das geliebte Mädchen niemals eine Gefahr für ihn bedeuten könnte. Sie war keine Sklavin des Mammons, wie er gefürchtet hatte. Welchen Reichtum hatte sie heute verschmäht, um ihm treu zu bleiben!

Wie sie so in seinen Armen lag, spielte ein leichtes Lächeln um ihre Lippen. Sie sah sehr glücklich aus, glücklicher als je zuvor. Woran dachte sie? Vielleicht sagte sie in diesem Augenblick zu sich selbst, sie begehre nichts als seine Liebe allein, vielleicht gab sie den Gedanken an das Lektorat auf, das beinahe die Ursache der Trennung für sie geworden wäre.

Sie sagte nichts, aber er lauschte ihren Gedanken.

»Laß uns nur bald zusammenkommen! Ich stelle keine Bedingungen, ich will nichts als deine Liebe!«

Aber sollte er sich an Edelmut von ihr übertreffen lassen? Nein, er wollte ihr die größte Freude bereiten. Er wollte ihr zuflüstern, jetzt, da er ihre Gesinnung kenne, werde er es auch wagen. Jetzt wolle er versuchen, sich und ihr einen anständigen Lebensunterhalt zu verschaffen.

Wie süß war doch dieses Schweigen! Ob sie wohl hörte, was er zu sich selber sagte? Hörte sie das Versprechen, das er ihr gab?

Er machte eine Anstrengung, seine Gedanken in Worte zu kleiden.

»Ach, Charlotte!« begann er. »Wie soll ich dir je vergelten können, was du um meinetwillen verschmäht hast?«

Ihr Haupt lehnte an seiner Schulter, und so konnte er ihr Gesicht nicht sehen.

»Mein Liebster«, hörte er sie erwidern, »ich bin gar nicht bange. Ich weiß, du wirst mir vollen Ersatz dafür bieten.«

Ersatz – was meinte sie damit? Wollte sie sagen, sie begehre als Ersatz nichts als seine Liebe? Oder meinte sie etwas anderes. Weshalb hielt sie den Kopf gesenkt? Warum sah sie ihm nicht ins Auge? Hielt sie ihn für eine so ärmliche Partie, daß sie Ersatz heischte, weil sie ihm treu geblieben war? Er war ja doch Geistlicher und Doktor der Philosophie und der Sohn angesehener Eltern, hatte immer versucht, seine Pflichten zu erfüllen, war im Begriff, sich einen Namen als Prediger zu machen, und hatte einen tadellosen Lebenswandel geführt. Glaubte sie wirklich, es sei eine gar so große Entsagung gewesen, Schagerström abzuweisen?

Nein, natürlich dachte sie gar nicht an so etwas. Er mußte ruhig sein, mit Sanftmut und Milde ihre Gedanken zu erforschen suchen.

»Was verstehst du unter Ersatz? Ich habe dir ja doch gar nichts zu bieten.«

Da schmiegte sie sich dichter an ihn, so daß sie ihm ins Ohr flüstern konnte: »Du hast eine viel zu geringe Meinung von dir selbst, mein Geliebter. Du kannst sowohl Dompropst als auch Bischof werden.«

Da riß er sich so heftig von ihr los, daß sie fast gefallen wäre.

»Also, weil du Schagerström abgewiesen hast, soll ich Dompropst oder Bischof werden, das erwartest du nun von mir?«

Sie sah verwirrt zu ihm empor, als erwache sie aus einem Traum. Ja, gewiß, sie hatte geträumt, hatte im Schlaf gesprochen und im Schlaf ihre geheimsten Gedanken verraten. Sie erwiderte nichts. Glaubte sie, diese Fragen bedürften keiner Antwort?

»Ich frage dich, ob du meinst, ich solle Dompropst oder Bischof werden, weil du Schagerström abgewiesen hast?«

Nun stieg ihr die Röte in die Wangen. Aha, das Löwensköldsche Blut kam in Wallung! Doch noch immer würdigte sie ihn keiner Antwort.

Aber Antwort wollte er haben, Antwort mußte er haben.

»Hörst du nicht? Ich frage dich, ob du erwartest, daß ich Dompropst oder Bischof werden soll, weil du Schagerström abgewiesen hast?«

Sie warf den Kopf in den Nacken, ihre Augen blitzten. Im Ton tiefster Verachtung warf sie ihm hin: »Selbstverständlich!«

Nun stand er auf. Er wollte nicht länger neben ihr sitzen. Sein Schmerz über ihre Antwort war grenzenlos, aber er wollte das einem solchen Geschöpf, wie diese Charlotte es war, nicht zeigen. Doch wollte er sich auch nichts vorzuwerfen haben. Er machte noch einen Versuch, freundlich mit diesem verlorenen Weltkind zu sprechen.

»Liebe Charlotte, ich kann dir für deine Aufrichtigkeit nicht dankbar genug sein. Jetzt weiß ich, daß dir die äußere Stellung alles bedeutet. Ein tadelloser Wandel, ein treues Bestreben, in Christi, meines Meisters, Fußstapfen zu wandeln, hat für dich keinen Wert.«

Schöne und friedliche Worte. Er erwartete ihre Antwort mit Spannung.

»Lieber Karl Artur, ich glaube schon, daß ich deinen Wert richtig schätzen kann; auch wenn ich nicht vor dir katzbuckle wie die Weiber in der Gemeinde.«

Diese Antwort erschien ihm als richtige Grobheit, ihr Ärger machte sich Luft.

Charlotte stand auf, um ihrer Wege zu gehen. Aber er faßte sie am Arm und hielt sie fest. Diese Unterredung mußte zu Ende geführt werden.

Charlottes Äußerung über die Weiber in der Gemeinde hatte ihm Frau Sundler in Erinnerung gebracht. Er dachte an das, was sie ihm berichtet hatte, und dadurch wurde sein Zorn aufs neue angefacht. Es kochte in ihm.

Die Gemütsbewegung riß die Tür in seiner Seele auf, die in den Raum führte, worin die großen, starken Worte als Trauben an Ranken hingen. Nun begann er streng und vermahnend zu ihr zu reden. Er warf ihr ihre Weltliebe vor, ihren Hochmut, ihre Eitelkeit.

Aber Charlotte hörte ihm nicht lange zu.

»So minderwertig ich auch bin, so habe ich doch Schagerström abgewiesen«, erinnerte sie ihn in sanftem Ton.

Er entsetzte sich über ihre Schamlosigkeit.

»Großer Gott, was ist das für ein Weib!« brach er los. »Hat sie doch soeben erst bekannt, daß sie Schagerström nur abgewiesen hat, weil sie sich mehr davon versprach, mit einem Bischof verheiratet zu sein als mit einem Hüttenbesitzer!«

Während dieses ganzen Auftritts sprach in seiner Seele eine leise, besänftigende Stimme. Diese flüsterte ihm zu, er möge sich in acht nehmen. Ob er denn noch nie bemerkt habe, daß Charlotte Löwensköld eine von denen sei, die es verschmähen, sich zu rechtfertigen? Wenn jemand schlecht von ihr denke, so versuche sie es nie, ihm diese üble Meinung zu nehmen.

Aber Karl Artur hörte nicht auf diese leise besänftigende Stimme. Er glaubte ihr nicht. Charlotte enthüllte mit jedem Wort neue Tiefen der Niedertracht. Man mußte nur ihre Antwort hören!

»Lieber Karl Artur, reite doch nicht immer auf dem herum, daß ich sagte, du solltest höher hinauf. Es war doch nur Scherz. Ich glaube ja gar nicht, daß du es jemals zum Dompropst oder Bischof bringen kannst.«

War er schon vorher verletzt, empört, so mußte vor diesem neuen Ausfall die besänftigende Stimme schweigen. Das Blut brauste ihm in den Ohren. Seine Hände bebten. Diese Unglückselige raubte ihm alle Selbstbeherrschung. Sie machte ihn verrückt.

Er wußte, daß er vor ihr auf und nieder hüpfte. Er wußte, daß seine Stimme zum Geschrei wurde. Er wußte, daß er die Arme in die Luft reckte und daß sein Kinn zitterte. Aber er machte keinen Versuch, sich zu beherrschen. Er fühlte einen unbeschreiblichen Abscheu vor Charlotte, der sich nicht in Worte fassen ließ. Nein, er mußte sich in Bewegungen Luft machen.

»All deine Schlechtigkeit ist mir nun offenbar!« rief er. »Ich sehe dich so, wie du bist. Nie – nie – nie werde ich mich mit jemand verheiraten, wie du bist. Es würde mein Verderben sein.«

»In einigem bin ich dir aber doch von Nutzen gewesen«, erwiderte sie. »Du hast es doch nur mir zu danken, daß du Lizentiat und Doktor der Philosophie bist.«

Von nun an war es nicht mehr er selber, der ihr antwortete. Nicht, als ob er nicht gewußt hätte, was er sagte oder dachte, aber die Worte kamen doch überraschend und unerwartet. Ein anderer als er legte sie ihm auf die Lippen.

»Ei sieh!« rief er. »Nun will sie mich daran mahnen, daß sie fünf Jahre auf mich gewartet hat und ich infolgedessen gezwungen sei, sie zu heiraten. Aber es nützt nichts. Ich werde keine andere heiraten als die, so Gott selber für mich erwählt.«

»Sprich nicht von Gott!« mahnte sie.

Er erhob das Haupt und warf es zurück. Er schien in den Wolken zu lesen. »Ja, ja, ich will Gott für mich wählen lassen! Das erste ledige weibliche Wesen, das mir begegnet, soll meine Frau werden.«

Charlotte schrie auf. Sie eilte auf ihn zu.

»Aber Karl Artur, Karl Artur!« rief sie und versuchte, einen seiner Arme herabzuziehen.

»Komm mir nicht nahe!« schrie er.

Aber sie erfaßte nicht das Maß seiner Wut. Sie umschlang ihn mit ihren Armen.

Da hörte sie einen Laut des Abscheus seiner Kehle entsteigen. Seine Hände packten die ihrigen mit eisernem Griff und warfen das Mädchen auf die Moosbank zurück.

Dann stürmte er fort von ihr.

Das Mädchen aus Dalarne

Gleich beim ersten Male, als Karl Artur die Propstei von Korskyrka zu Gesicht bekam, wie sie da an der Landstraße lag, gleich einem Herrensitz unter hohen Linden, mit dem grünen Zaun, den ehrwürdigen Torpfeilern und der Gittertür, durch die man in den Garten mit seinem Rondell und den Kieswegen blicken konnte, mit dem langgestreckten, rotangestrichenen, zweistöckigen Wohnhaus in der Mitte, mit seinen beiden gleichgroßen Seitenflügeln, rechts dem des Vikars, links dem des Pächters, hatte er sich gesagt, gerade so müsse ein schwedischer Pfarrhof aussehen, traulich und einladend, feierlich und doch achtunggebietend zugleich.

Und später, als er den immer kurzgeschnittenen Rasen bemerkte, die wohlgeordneten Rabatten, auf denen alle Pflanzen gleich hoch waren und im gleichen Abstand voneinander standen, die hübsch geharkten Wege, den reinlich beschnittenen wilden Wein um die kleine Veranda, die langen Gardinen, die in hübschen geraden Falten an jedem Fenster hingen, hatte dies alles ihn mit dem gleichen Gefühl von Behagen und Würde erfüllt. Es war ihm, als müsse sich jeder, der in diesem Hof wohnte, verpflichtet fühlen, ein besonnenes, friedliches Leben zu führen.

Niemals hätte er sich träumen lassen, daß gerade er, Karl Artur Ekenstedt, eines Tages auf das weiße Gittertor zugelaufen kommen würde, mit hocherhobenen, wildfuchtelnden Armen, den Hut auf dem einen Ohr und kurzen, pfeifenden Lauten auf den Lippen.

Als die Gartentür hinter ihm ins Schloß fiel, lachte er wild auf. Er glaubte zu sehen, wie das Wohnhaus und die Blumenbeete ihn verwundert anstarrten.

»Hat man je so etwas gesehen? Was ist das für ein Mensch?« flüsterte es von Blume zu Blume.

Jawohl, die Bäume wunderten sich, der Rasen wunderte sich, der ganze Garten wunderte sich. Karl Artur hörte, wie sie sich verwunderten.

Konnte das der Sohn der charmanten Frau Oberst Ekenstedt sein, die die gebildetste Dame in ganz Värmland war und Gedichte machte, schöner als die von Frau Lenngren – konnte er es sein, der jetzt aus dem Pfarrgarten herausgerannt kam, als wolle er dem Reich des Bösen und der Sünde entfliehen?

Konnte das der stille, rücksichtsvolle, gemessene Vikar sein, der so schöne blumenreiche Predigten hielt, der nun mit roten Flammen auf der Stirn und wutverzerrten Zügen daherjagte?

Konnte es ein Geistlicher aus der Propstei von Korskyrka sein, in der so viele ehrbare und würdige Diener des Herrn gelebt hatten, der jetzt da vor der Gartentür stand, um auf die Landstraße hinauszugehen, fest entschlossen, das erste beste ledige weibliche Wesen zu heiraten, das ihm begegnete?

Konnte es der junge Ekenstedt sein, der eine so vornehme Erziehung erhalten und immer unter vornehmen Leuten gelebt hatte, der nun Gefahr lief, das erste beste Mädchen, das ihm in den Weg lief, zur Frau nehmen zu müssen? Wußte er nicht, daß es eine Schwatzbase, ein Faulpelz, eine dumme Gans, eine Giftnudel, eine Schlampe oder eine Dirne sein konnte, mit der er zusammentraf?

Wußte er nicht, daß er sich auf die gefährlichste Wanderung seines ganzen Lebens begab?

Karl Artur stand einen Augenblick an der Gartentür still und lauschte auf die Verwunderung, die von Baum zu Baum, von Blume zu Blume ging.

Jawohl, er wußte es, diese Wanderung war verhängnisvoll und gefährlich. Aber er wußte noch mehr: während dieses ganzen Sommers hatte er die Welt mehr geliebt als Gott. Er wußte, Charlotte Löwensköld war eine Gefahr für seine Seele gewesen, und er wollte zwischen ihr und sich eine Scheidewand aufrichten, die sie nie würde durchbrechen können.

Und er wußte noch weiter – in dem Augenblick, wo er Charlotte aus seinem Herzen riß, öffnete sich dieses wieder für Christum. Er wollte seinem Erlöser zeigen, daß er ihn ohne Maß und ohne Grenzen liebte und sich unbedingt auf ihn verließ. Darum wollte er jetzt auch Christus eine Frau für sich auswählen lassen. Es war ein großes, ein furchtbares Vertrauen, das er in ihn setzte und das er nun beweisen wollte.

Er hatte keine Angst, während er da an der Gartentür der Propstei stand und die Straße entlang schaute. Nein, er hatte keine Angst, aber eins fühlte er doch, nun bewies er den größten Mut, den ein Mensch zeigen konnte. Er bewies ihn, indem er sein Geschick ohne Vorbehalt in Gottes Hand legte.

Das letzte, was er tat, ehe er von der Gartentür wegging, war, ein Vaterunser zu beten. Und während des Gebetes wurde es still in ihm.

Auch seine äußere Ruhe kehrte zurück. Die heiße Röte schwand aus seinem Gesicht, und sein Kinn zitterte nicht mehr.

Als er nun anfing, dem Kirchdorf zuzugehen, wie er mußte, wenn er Menschen begegnen wollte, war er doch nicht ganz frei von Anfechtung.

Er war noch nicht weiter als bis zum Ende des Zaunes um die Propstei gekommen, als er auch schon stehenblieb. Der arme furchtsame Mensch in ihm war es, der ihn anhielt. Er dachte daran, daß er vor einer Stunde, als er vom Kirchdorf herkam, gerade an dieser Stelle dem tauben Bettelweib Karin Johannstochter in ihrem verschlissenen Schal, ihrem zerlumpten Rock und mit dem Bettelsack auf dem Rücken begegnet war. Sie war gewiß früher einmal verheiratet gewesen, aber schon seit vielen Jahren Witwe und konnte also unter die Ledigen gezählt werden.

Der plötzliche Gedanke, er könnte dieser Person begegnen, hatte ihn aufgehalten.

Aber er verhöhnte den armseligen, furchtsamen, sündigen Menschen, der in seiner Brust wohnte, weil dieser geglaubt hatte, er habe die Macht, ihn an der Ausführung seines Vorsatzes zu hindern, und so setzte er seine Wanderung fort.

Nach wenigen Sekunden hörte er Wagengerassel hinter sich. Gleich darauf fuhr ein Gefährt vorbei, das von einem prächtigen Renner gezogen wurde.

In dem Gefährt saß einer der mächtigen stolzen Grubenbesitzer dieser Gegend, ein Mann, der so viele Bergwerke und Eisenhämmer besaß, daß er an Rang Schagerström gleichgestellt wurde. An seiner Seite saß seine Tochter, und wenn er von der andern Richtung hergefahren gekommen wäre, so hätte der junge Geistliche sich gezwungen gesehen, seinem Gelübde entsprechend dem stolzen Mann ein Zeichen zum Anhalten zu geben, damit er um die Tochter hätte werben können.

Es war nicht leicht zu sagen, welchen Ausgang dieses Unternehmen genommen hätte. Ein Peitschenhieb übers Gesicht wäre nicht undenkbar gewesen. Der Grubenbesitzer Aron Månsson war gewöhnt, seine Töchter mit Grafen und Baronen, aber nicht mit Hilfsgeistlichen zu vermählen.

Aufs neue wurde dem armen sündigen Menschen, der in Karl Arturs Brust wohnte, angst und bange. Er riet ihm, umzukehren, die Sache sei doch allzu gefährlich.

Aber das neue tapfere Gotteskind, das ebenfalls in ihm wohnte, erhob seine jubelnde Stimme. Es freute sich, sein Vertrauen und seinen Gehorsam beweisen zu können.

Zur rechten Seite der Straße erhob sich ein steiler Bergrükken, dessen Hänge mit jungen Tannen, kleinen Birken und wilden Kirschbäumen bestanden waren. Durch das dichte Gestrüpp kam jemand daher und sang. Karl Artur konnte die Sängerin nicht sehen, aber die Stimme war ihm wohlbekannt. Sie gehörte der schlampigen Tochter des Gastwirts, die jedem Burschen nachlief. Sie war Karl Artur schon ganz nahe. Jeden Augenblick konnte es ihr einfallen, in die Landstraße einzubiegen.

Unwillkürlich trat Karl Artur leise auf, damit seine Schritte von der Sängerin nicht gehört würden. Er sah sich auch ab und zu nach einer Möglichkeit um, von dem Weg auf die Landstraße abzubiegen.

Auf der anderen Straßenseite lag eine Wiese, auf der eine Kuhherde graste. Aber die Kühe waren nicht allein, ein Mädchen war eben dabei, sie zu melken. Auch diese Person war Karl Artur nicht unbekannt. Es war die Stallmagd des Pächters der Propstei, groß wie ein Mann und mit drei unehelichen Kindern. Karl Arturs ganzes Sein und Wesen ward von Entsetzen ergriffen, aber ein Gebet zu Gott hinaufsendend ging er doch weiter.

Die Wirtstochter sang drin im Gehölz, die große Stallmagd war mit dem Melken fertig und schickte sich zum Heimgehen an, aber keine von beiden kam auf den Weg heraus. Karl Artur begegnete ihnen nicht, obgleich er sie sah und hörte.

Der arme sündige alte Mensch in ihm kam nun mit einem neuen Einwand. Er sagte zu ihm, vielleicht wolle Gott ihm diese beiden leichtsinnigen Frauen zeigen, nicht so sehr, um seinen Glauben und seinen Mut zu prüfen, sondern um ihn zu warnen. Vielleicht wolle er ihm zu verstehen geben, daß er töricht und leichtsinnig handele.

Aber Karl Artur brachte den schwachen, schwankenden Sünder in sich zum Schweigen und ging auf dem eingeschlagenen Weg weiter. Sollte er wegen so wenig nachgeben? Sollte er mehr an seine Angst als an Gottes Macht glauben?

Nun endlich kam ihm eine weibliche Person entgegen; dieser konnte er nicht ausweichen.

Obgleich sie noch in ziemlicher Entfernung war, erkannte er doch, wer es war, nämlich die Tochter des Häuslers Matt Elis, deren ganzes Gesicht durch ein Muttermal entstellt war. Und nicht genug, daß das arme Mädchen ein unbehagliches Aussehen hatte, nein, sie war auch vielleicht das ärmste Mädchen im ganzen Kirchspiel, dazu mit Vater und Mutter und zehn unversorgten Geschwistern behaftet.

Karl Artur hatte sie schon wiederholt in ihrer ärmlichen Hütte aufgesucht, wo es von zerlumpten, schmutzigen Kindern wimmelte, die die Älteste vergeblich zu kleiden und zu ernähren versuchte.

Karl Artur fühlte, wie ihm der Angstschweiß auf der Stirn ausbrach; aber dann faltete er die Hände und ging ruhig weiter.

»Es geschieht ihretwegen, damit sie Hilfe bekommt«, murmelte er, während er ihr näher kam.

Ach, ein wahres Märtyrertum tauchte vor Karl Arturs Seele auf! Aber er wollte in dieser Beziehung vor nichts zurückweichen. Vor diesem bettelarmen Mädchen fühlte er keinen so großen Widerwillen wie vorhin vor der Wirtstochter und der Stallmagd. Von dieser hatte er nichts als Gutes gehört.

Doch siehe, als sie nur noch zwei Schritte voneinander entfernt waren, bog sie vom Weg ab. Irgend jemand hatte sie vom Wald her angerufen, und sie verschwand rasch in dem Gebüsch.

Als die Häusler-Elis nun aus dem Spiel war, hatte Karl Artur doch die Empfindung, als sei ihm ein sehr schwerer Stein vom Herzen gefallen.

Jetzt fühlte er neue Zuversicht, und er ging hoch erhobenen Hauptes weiter, ebenso stolz, wie wenn es ihm geglückt wäre, die Stärke seines Glaubens zu beweisen, indem er wie Petrus auf dem Wasser ging.

»Gott ist mit mir«, sagte er. »Christus begleitet mich auf meinem Weg und hält seinen Schild über mir.«

Diese Gewißheit trug ihn empor, und sie erfüllte ihn mit Seligkeit.

»Jetzt kommt bald die Rechte«, dachte er. »Christus hat mich geprüft, und er hat gesehen, daß es mir ernst ist. Nein, ich weiche nicht zurück. Meine Erwählte ist im Anzug.«

Eine Minute später hatte er die kurze Wegstrecke zurückgelegt, die die Propstei von dem Kirchdorf trennt, und er wollte eben in die Dorfstraße einbiegen, als sich die Tür eines kleinen Hauses öffnete und ein junges Mädchen heraustrat. Sie ging durch das Vorgärtchen, das sich auch hier, wie vor allen anderen Häusern der kleinen Ortschaft, ausbreitete, und von da gerade zu Karl Artur auf den Weg hinaus.

Und so plötzlich war sie da aufgetaucht, daß nur noch zwei Schritte zwischen ihnen lagen, als Karl Artur ihrer ansichtig wurde.

Er hielt jäh an, und sein erster Gedanke war: »Das ist sie, das ist sie! Hab’ ich es nicht gesagt? Gerade jetzt mußte sie mir in den Weg kommen, ich wußte es wohl.«

Darauf faltete er die Hände, um Gott für seine große, wunderbare Gnade zu danken.

Das Mädchen, das ihm entgegenkam, war nicht in diesem Kirchspiel zu Hause, sondern stammte aus einem der nördlichen Dörfer in Dalarne; sie zog umher und trieb einen Hausierhandel. Sie trug die Tracht ihres Heimatbezirkes, ihr Anzug war rot, grün, weiß und schwarz, und in Korskyrka, wo die alte Dorftracht längst abgeschafft worden war, leuchtete sie wie eine wilde Rose im Hag. Und im übrigen war sie selbst noch viel schöner als ihre Kleidung. Ihr Haar lockte sich um eine prachtvolle Stirn, die auch sehr hoch erschien, und die Gesichtszüge waren edel geformt. Aber vor allem waren es die tiefen traurigen Augen und die dichten schwarzen Brauen, die für das Antlitz entscheidend waren. Sobald man diese Augen sah, war man vollständig überzeugt, daß sie jeglichem Gesicht Schönheit verleihen würden. Dazu war ihre Gestalt groß, stattlich, nicht gerade schlank, aber gut gebaut. Ja, sie war gesund und frisch, darüber hätte niemand auch nur einen Augenblick im Zweifel sein können. Auf dem Rücken trug sie einen großen schwarzen ledernen Ranzen mit Handelswaren gefüllt, aber trotzdem schritt sie ganz aufrecht einher und bewegte sich mit einer Leichtigkeit, als wisse sie gar nichts von irgendeiner Last.

Was Karl Artur betrifft, so fühlte er sich beinahe geblendet.

»Das ist der Sommer, der mir entgegenkommt«, sagte er zu sich selbst. Ja, der reiche, warme, blühende Sommer war’s, der in diesem ganzen Jahr schon geherrscht hatte. Wenn er ihn hätte malen können, so hätte das Bild genauso ausgesehen wie dieses Mädchen.

Aber wenn es der Sommer war, der ihm da entgegenkam, so war es wahrlich kein Sommer, vor dem er sich zu fürchten brauchte. Im Gegenteil! Gottes Absicht war, daß er ihn an sein Herz nehmen und sich über dessen Schönheit freuen solle. Er brauchte keine Besorgnis zu hegen. Diese, seine Braut, so farbenprächtig und schön sie auch war, sie kam aus fernen Gebirgsgegenden, aus Armut und Niedrigkeit. Sie wußte nichts von den Verlockungen des Reichtums oder von der seltsamen Liebe für die irdischen Dinge, durch die die Leute im flachen Land den Schöpfer über der Schöpfung vergessen. Sie, diese Tochter der Armut, würde nicht zaudern, sich mit einem Mann zu verbinden, der sein ganzes Leben lang arm zu bleiben gedachte.

In Wahrheit, nichts ging über die Weisheit Gottes. Er wußte, was ihm, Karl Artur, vonnöten war. Nur mit einem Wink seiner Hand stellte ihm Gott dieses junge Mädchen in den Weg, das besser für ihn paßte als jedes andere.

Der junge Geistliche war so in seine eigenen Gedanken versunken, daß er nicht die leiseste Bewegung machte, um sich dem schönen Mädchen aus Dalarne zu nähern. Aber sie, die wohl merkte, wie er sie mit den Augen verschlang, konnte ein leises Lachen nicht unterdrücken.

»Du starrst mich ja an, als sei dir ein Bär in den Weg gelaufen«, sagte sie.

Jetzt lachte Karl Artur auch. Merkwürdig, wie leicht es ihm plötzlich geworden war!

»Nein«, sagte er, »nein, ein Bär war es nicht, den ich zu sehen meinte.«

»Dann war es am Ende die böse Waldhexe; die Leute sagen, die Männer würden von ihrem Anblick so gebannt, daß sie sich nicht mehr vom Fleck rühren könnten.«

Sie lachte und zeigte dabei die schönsten, blendend weißen Zähne. Dann wollte sie an Karl Artur vorbeigehen, aber rasch hielt er sie zurück.

»Du darfst noch nicht gehen, denn ich muß mit dir reden. Setz dich hier mit mir auf den Grabenrand!«

Bei dieser Aufforderung sah sie ihn höchst verwundert an, glaubte aber, er werde ihr wohl einiges von ihren Waren abkaufen wollen.

»Aber hier auf der Landstraße kann ich meinen Ranzen nicht aufmachen«, wandte sie ein.

Doch gleich darauf ging ihr ein Licht auf.

»Aber bist du denn nicht der Pfarrer hier im Kirchspiel? Ich meine doch, ich hätte dich gestern auf der Kanzel gesehen.«

Karl Artur fühlte sich sehr beglückt, weil sie ihn predigen gehört hatte und wußte, wer er war.

»Gewiß war ich der Prediger, der gestern in der Kirche predigte, ich bin jedoch nur der Hilfsgeistliche, verstehst du?«

»Aber du wohnst doch wohl in der Propstei? Ich bin gerade auf dem Weg dahin. Komm dann nur in die Küche heraus, da kannst du mir meinen ganzen Sack voll abkaufen.«

Sie meinte, nun werde er sich zufriedengeben; aber noch immer blieb der junge Mann ihr hindernd im Weg stehen.

»Ich will keine von deinen Waren kaufen«, sagte er, »sondern ich will dich fragen, ob du meine Frau werden willst.«

Er brachte die Worte nur mühsam heraus, denn er war in starker Erregung. Es war ihm, als sei sich die ganze Natur ringsum, die Vögel, das rauschende Laub der Bäume, das weidende Vieh, vollständig bewußt, welch ein feierliches Ereignis hier vor sich ging und als verhielte sich alles in Erwartung der Antwort des jungen Mädchens ganz, ganz ruhig.

Das Mädchen aus Dalarne wendete sich ihm hastig zu, wie um zu sehen, ob es ihm ernst sei, schien aber sonst ganz gleichgültig zu bleiben.

»Wir können uns heute abend um zehn Uhr hier auf dem Weg wieder treffen«, sagte sie dann. »Jetzt hab’ ich erst meine Sachen zu besorgen.«

Dann setzte sie ihren Weg nach der Propstei fort, und Karl Artur ließ sie gehen. Er wußte, sie würde am Abend wieder hierherkommen, und ihre Antwort würde ein Ja sein. Sollte sie nun nicht die Braut sein, die Gott für ihn bestimmt hatte?

Er selbst fühlte keine Lust, nach Hause zu gehen und sich an die Arbeit zu setzen. Er schlug den Weg nach dem Hügel ein, um den sich die Straße herumschlängelte. Als er so weit in das Gebüsch hineingekommen war, daß ihn niemand mehr sehen konnte, warf er sich auf den Boden.

Welches Glück, welches wunderbare Glück! Welchen Gefahren war er doch entgangen! Wie merkwürdig waren doch die Ereignisse dieses Tages!

Mit einem Male war er von allen seinen Bekümmernissen befreit worden. Charlotte Löwensköld würde ihn nun nie mehr verlocken können, ein Sklave des Mammons zu werden. Von nun an würde er in Übereinstimmung mit seiner Neigung leben. Die einfache arme Gattin würde ihn in Jesu Fußstapfen wandeln lassen. Er sah die kleine graue Behausung vor sich; er sah die einfache, beglückende Lebensweise. Er sah auch die vollkommene Harmonie zwischen seiner Lehre und seinem Lebenswandel.

Lange lag er auf dem Waldboden und schaute hinauf in das vielästige Gezweig, durch das die Sonnenstrahlen hindurchzuschlüpfen versuchten. Und da war es Karl Artur, als wolle auf dieselbe Weise eine neue glückbringende Liebe in sein gekränktes und verletztes Herz eindringen.

Der Morgenkaffee
1

Eine Person gab es, die, wenn sie nur willig gewesen wäre, alles wieder hätte in Ordnung bringen können. Aber das wäre vielleicht zuviel begehrt gewesen von jemand, der Jahr um Jahr sein Herz immer nur mit Wünschen gefüllt hatte.

Allerdings ist es schwer zu beweisen, ob es im großen und ganzen einen Einfluß auf den Lauf der Welt haben kann, wenn man sich nur immerfort etwas wünscht, aber daß es einen selbst ganz überwältigen, den Willen schwächen und das Gewissen zum Schweigen bringen kann, daran soll man nun und nimmer zweifeln.

Frau Sundler hatte sich den ganzen Montagnachmittag gegrämt, weil sie über Charlotte jenen Ausspruch getan hatte, der Karl Artur verjagte. Lieber Himmel, er war hier unter ihrem Dach gewesen, hatte höchst vertraulich mit ihr geredet, war liebenswürdiger gewesen, als sie sich jemals hätte träumen lassen, und sie, in ihrem Unverstand, hatte ihn so gekränkt, daß er erklärt hatte, er wolle sie niemals wiedersehen!

Frau Sundler war dann über sich selbst und über die ganze Welt höchst aufgebracht gewesen, und als ihr Mann, Organist Sundler, vorschlug, sie solle mit ihm in die Kirche hinübergehen und eine Weile singen, was sie an den Sommerabenden sehr oft taten, hatte sie ihn sehr barsch abgewiesen. Darauf war er aus dem Haus entflohen und hatte im Wirtshaus Zuflucht gesucht.

Das vermehrte natürlich ihren Ärger noch mehr, denn sie wollte sowohl anderen als auch sich selber gegenüber tadellos sein; auch wußte sie eins recht wohl: Organist Sundler hatte sie nur geheiratet, weil er ihren Gesang so außerordentlich bewunderte, daß er jeden Tag Gelegenheit haben wollte, ihn zu hören.

Sie hatte auch bisher redlich abbezahlt, was sie ihm dafür schuldig war, daß sie nun ein hübsches kleines Haus hatte und nicht ihr tägliches Brot als arme Erzieherin verdienen mußte. Aber an diesem Tage war sie nicht dazu imstande. Wenn sie an diesem Abend ihre Stimme in Gottes Haus hätte ertönen lassen, wären nicht wohllautende fromme Worte über ihre Lippen geströmt, sondern Klagerufe und Lästerung.

Aber zu ihrer großen unbeschreiblichen Freude war Karl Artur so gegen halb neun Uhr wieder zu ihr gekommen. Froh und ohne jegliche Verlegenheit war er eingetreten und hatte gefragt, ob sie ihm etwas zu essen geben wolle. Bei diesem Verlangen hatte sie allerdings ein wenig verwundert ausgesehen, und da hatte er erklärt, er habe den ganzen Nachmittag im Wald draußen gelegen und geschlafen. Er sei wohl übermäßig müde gewesen, denn er habe nicht allein das Mittagessen verschlafen, sonden auch noch das Abendbrot versäumt, das in der Propstei immer Punkt acht Uhr auf dem Tisch stehe. Ob wohl Frau Sundler etwas Brot und Butter im Hause habe, damit er seinen schrecklichen Hunger stillen könne.

Frau Sundler war nicht umsonst die Tochter einer so ausgezeichneten Haushälterin wie Malwina Spaak. Niemand hätte ihr nachsagen können, ihr Haus sei nicht in Ordnung, und so trug sie eiligst nicht allein Brot und Butter, sondern auch Eier und Schinken und Milch aus ihrer Speisekammer herbei.

Und in ihrer Freude darüber, daß Karl Artur wiedergekommen war und Hilfe von ihr begehrte wie von einer alten, guten Freundin, die von dem mütterlichen Gut stammte, fand sie ihre Sicherheit einigermaßen wieder, so daß sie ihm sagen konnte, wie sehr betrübt sie sei, weil sie am Vormittag etwas Verletzendes über Charlotte gesagt hatte. Er habe doch wohl nicht gedacht, sie wolle zwischen ihm und seiner Braut Unkraut säen? Nein, nein, sie verstehe zwar recht wohl, welch ein schöner Beruf das Unterrichtgeben sei, jawohl, das sei es, aber sie könne darum doch nicht anders als innigst hoffen, ja, jeden Tag Gott darum bitten, der Herr Pastor Ekenstedt möchte auch künftig hier im Dorf als Pfarrer bleiben. Man wäre ja sonst ganz verlassen, weil man so selten eine lebendige Verkündigung zu hören Gelegenheit habe.

Und natürlich antwortete Karl Artur, wenn jemand um Entschuldigung zu bitten habe, so sei er der schuldige Teil. Im übrigen solle sie ihre Worte nicht bereuen. Die Vorsehung selbst habe sie ihr in den Mund gelegt, das wisse er jetzt; sie seien ihm eine Hilfe und eine Erweckung gewesen.

Danach hatte das eine Wort das andere gegeben, und schon nach kurzem hatte ihr Karl Artur alles anvertraut, was ihm widerfahren war, seit er sich von ihr getrennt hatte. Er war ganz überströmend glücklich und von Verwunderung über Gottes große Gnade erfüllt, deshalb konnte er jetzt nicht schweigen, sondern mußte einem seiner Mitmenschen alles miteinander erzählen.

Es war ja ein reines Glück, daß ihm diese Thea Sundler, die durch ihre Mutter schon vorher alle Familienverhältnisse kannte, in den Weg gekommen war.

Aber als Frau Sundler demgemäß Karl Artur von seiner aufgelösten sowie von der neu eingegangenen Verlobung reden hörte, da hätte sie begreifen müssen, was nachfolgen würde. Unglück mußte daraus entstehen, jawohl. Sie hätte wissen müssen, daß Charlotte nur aus Störrigkeit und Ärger auf die Fragen ihres Bräutigams über ihre Vorliebe für das Bischofsamt mit ja geantwortet hatte. Und noch eins hätte sie verstehen müssen: diese Verbindung mit dem Mädchen aus Dalarne war keineswegs schon so fest geknüpft, daß sie nicht möglicherweise noch zu lösen sein würde.

Aber wenn man sich Jahr um Jahr immerfort gewünscht hat, auf irgendeine Weise mit einem entzückenden jungen Mann in Verbindung zu kommen, seine Freundin und Vertraute, aber durchaus nichts anderes zu werden, kann man dann stark genug sein, ihm verständig zuzureden, und zwar gleich beim ersten Male, da er einem seine Seele nackt und bloß offenbart?

Vielleicht war es unmöglich, etwas anderes von Thea Sundler zu verlangen, als in Bewunderung und Teilnahme für den jungen Mann ganz und gar aufzugehen und zu finden, daß diese Wanderung nach dem Kirchdorf eine richtige Heldentat war.

Oder hätte sie versuchen sollen, Charlotte reinzuwaschen? Hätte man das von Thea Sundler verlangen können? Hätte sie zum Beispiel Karl Artur daran erinnern sollen, daß Charlotte, trotzdem sie ein großes Talent hatte, für andere zu sorgen und alles in Ordnung zu bringen, für sich selbst höchst selten die richtige Klugheit bei der Hand hatte?

Es war ja möglich, daß Karl Artur seiner Sache doch nicht so sicher war, wie er sich den Anschein gab. Ein kleiner Einwurf hätte ihn vielleicht an sich selbst zweifeln lassen. Ein aufrichtiges Entsetzen hätte ihn vielleicht dazu gebracht, von dieser neuen Verlobung abzusehen.

Aber Frau Sundler tat nichts, um ihn aufzuscheuchen und zu warnen. Sie fand alles ganz ausgezeichnet und herrlich. Wie schön, sein Schicksal so in Gottes Hand zu legen! Wie groß, so die Geliebte aus seinem Herzen zu reißen, um in Jesu Fußstapfen zu wandeln! Nein, Karl Artur wurde nicht aufgeschreckt, er wurde im Gegenteil ermuntert, noch weiter zu gehen.

Und wer weiß? Frau Sundler war vielleicht ganz aufrichtig? Sie hatte ihren Almquist und Stangnelius auf dem Tisch in ihrer guten Stube liegen, und sie war überdies romantisch vom Scheitel bis zur Sohle. Und hier hatte sie nun endlich ein Erlebnis. Hier hatte sie etwas, worüber sie entzückt sein konnte.

In Karl Arturs ganzer Darstellung war nur ein einziger Punkt, der Frau Sundler beunruhigte. Wie konnte denn das zusammenhängen, daß Charlotte Schagerström abgewiesen hatte? Wenn sie so eifrig auf irdische Vorteile aus war, wie Karl Artur behauptete, und das wollte auch Frau Sundler gar nicht bestreiten, warum hatte sie dann Schagerströms Werbung abgewiesen? Was konnte Gutes für sie dabei herauskommen, wenn sie Schagerström abwies? Was erwartete sie denn?

Aber während Frau Sundler über all dies nachgrübelte, ging ihr plötzlich ein Licht auf. Nun begriff sie alles miteinander, ja, sie begriff Charlotte. Diese hatte ein hohes Spiel gespielt, aber Thea Sundler begriff es.

Charlotte hatte sofort bereut, Schagerström abgewiesen zu haben, und so hatte sie gewünscht, frei zu werden, um dem reichen Hüttenbesitzer eine andere Antwort geben zu können.

Deshalb, ja deshalb hatte sie einen Auftritt mit Karl Artur herbeigeführt, ihn so gereizt, daß er mit ihr gebrochen hatte. Das war die Erklärung. So verhielt es sich zweifellos.

Diese ihre Entdeckung teilte Frau Sundler nun Karl Artur mit; aber er wollte ihr nicht glauben. Sie erklärte und suchte ihm zu beweisen, aber er wollte ihr durchaus nicht glauben. Doch auch Frau Sundler gab nicht nach, o nein! In dieser Sache wagte sie es sogar, ihm zu widersprechen.

Als die Uhr zehn Schläge hören ließ und er sich auf den Weg zu dem Mädchen aus Dalarne machen mußte, waren sie über diesen Punkt noch immer nicht einig geworden. Frau Sundler hatte nicht mehr erreicht, als daß Karl Artur vielleicht ein wenig zweifelhaft geworden war. Sie aber hielt ihrerseits bestimmt an ihrer Meinung fest. Sie versicherte ihm aufs allergewisseste, er werde sehen, am nächsten Tag oder jedenfalls an einem der allernächsten Tage werde sich Charlotte mit Schagerström verloben.

Ja, so war es zugegangen: Thea Sundler hatte die Sache nicht wieder gutgemacht, sie hatte im Gegenteil einen neuen Zornesbrand in Karl Arturs Seele geworfen. Und etwas anderes hätte man vielleicht auch niemals von ihr erwarten können.

Aber es gab ja auch noch jemand, der gern helfen und wieder gutmachen wollte, und dieser Jemand war Charlotte. Ja, gewiß, gewiß, aber was hätte gerade sie dabei tun können? Karl Artur hatte sie aus seinem Herzen gerissen wie ein Unkraut. Sie stand zwischen ihm und seinem Gott. Sie war nicht mehr für ihn vorhanden.

Und selbst, wenn er auf sie hätte hören wollen – könnte man sich denken, daß Charlotte die rechten Worte finden würde, könnte man sich denken, daß sie, das junge heftige Wesen, Verstand genug hätte, um den Stolz beiseite zu schieben und die guten, sanften, versöhnenden Worte zu sagen, die den Geliebten retten könnten?

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