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SEBASTIAN BARRY

EIN VERBORGENES

LEBEN

Aus dem Englischen

von Hans-Christian Oeser

Roman

Steidl Pocket

Für Magaret Synge

Die größte Unvollkommenheit ist in unserem inneren Sehvermögen, will sagen: dass wir für die eigenen Augen Geister sind.

Thomas Browne, Christian Morals

Wie wenige aus der Zahl derer, die Geschichte studieren oder sich zumindest damit beschäftigen, ziehen irgendwelchen Nutzen aus ihren Mühen! … Überdies gibt es selbst in den besten verbürgten alten oder modernen Darstellungen viel Ungewissheit; und diese Wahrheitsliebe, die einigen Gemütern angeboren und unwandelbar ist, führt notwendigerweise zu einer Vorliebe für geheime Lebenserinnerungen und persönliche kleine Erzählungen.

Maria Edgeworth, Vorwort zu Castle Rackrent

INHALT

Cover

Titel

Erster Teil

ERSTES KAPITEL

ZWEITES KAPITEL

DRITTES KAPITEL

VIERTES KAPITEL

FÜNFTES KAPITEL

SECHSTES KAPITEL

SIEBENTES KAPITEL

ACHTES KAPITEL

NEUNTES KAPITEL

ZEHNTES KAPITEL

ELFTES KAPITEL

Zweiter Teil

ZWÖLFTES KAPITEL

DREIZEHNTES KAPITEL

VIERZEHNTES KAPITEL

FÜNFZEHNTES KAPITEL

SECHZEHNTES KAPITEL

SIEBZEHNTES KAPITEL

Dritter Teil

ACHTZEHNTES KAPITEL

NEUNZEHNTES KAPITEL

ZWANZIGSTES KAPITEL

EINUNDZWANZIGSTES KAPITEL

ZWEIUNDZWANZIGSTES KAPITEL

Chronologie der Ereignisse

Über den Autor

Impressum

Erster Teil

ERSTES KAPITEL

Roseannes Selbstzeugnis

(Patientin, Roscommon Regional Mental Hospital, 1957–)

Die Welt beginnt mit jeder Geburt von Neuem, sagte mein Vater immer. Er vergaß hinzuzufügen, dass sie mit jedem Tod endet. Oder hielt es nicht für nötig. Denn ein Gutteil seines Lebens hatte er auf einem Friedhof gearbeitet.

Der Ort, an dem ich geboren wurde, war eine kalte Stadt. Selbst die Berge hielten sich abseits. Sie wussten nicht, was sie von jenem düsteren Flecken halten sollten, diese Berge, so wenig wie ich.

Es gab da einen schwarzen Fluss, der sich durch die Stadt wälzte, und besaß er auch keinen Liebreiz für Menschen wie Sie und mich, so doch für die Schwäne; viele Schwäne suchten dort Zuflucht, und bei Hochwasser ritten sie den Fluss wie dahinjagende Bestien.

Der Fluss beförderte auch den Unrat zum Meer und Dinge, die früher einmal Leuten gehört hatten und von den Ufern weggerissen worden waren, und, selten zwar, Leichen und, ach, mitunter arme Babys, für die man sich schämte. Schnelligkeit und Tiefe des Flusses leisteten gewiss so mancher Heimlichkeit Vorschub.

Ich meine die Stadt Sligo.

Sligo hat mich erschaffen, und Sligo hat mich zugrunde gerichtet, ich hätte eben auch viel früher darauf verzichten sollen, mich von Menschenstädten erschaffen oder zugrunde richten zu lassen, und mich lieber an mir selbst orientieren sollen. Meine Geschichte ist nur deshalb voller Schrecken und Schmerz, weil ich, als ich jung war, andere für die Urheber meines Glücks oder Unglücks hielt; ich wusste nicht, dass ein Mensch gegen die Gräuel, gegen die bösen, grausamen Tücken der Zeit, die auf uns einstürmen, eine Mauer aus imaginärem Mörtel und imaginären Ziegeln errichten und so Schöpfer seiner selbst sein kann.

Jetzt bin ich aber nicht dort, jetzt bin ich in Roscommon. Es ist ein altes Gebäude, früher einmal eine Villa, heute dagegen nichts als cremefarbene Tünche, metallene Betten und Schlösser an den Türen. Das alles ist Dr. Grenes Reich. Dr. Grene ist ein Mann, den ich zwar nicht verstehe, vor dem ich aber auch keine Angst habe. Ich weiß nicht, welcher Konfession er angehört, doch mit seinem Bart und seinem kahl werdenden Schädel ähnelt er sehr dem heiligen Thomas.

Ich bin vollkommen allein, in der weiten Welt außerhalb dieser Mauern gibt es niemanden, der mich noch kennt; meine ganze Familie, diese wenigen verlorenen Gestalten, vor allem mein kleiner Zaunkönig von einer Mutter, sie alle sind nicht mehr. Und auch meine Peiniger, denke ich, sind größtenteils dahin, und der Grund dafür ist, dass ich längst eine alte, alte Frau bin, vielleicht schon an die Hundert, genau weiß das weder ich noch sonst jemand. Ich bin nur ein Überbleibsel, das Relikt einer Frau, und sehe auch gar nicht mehr aus wie ein menschliches Wesen, sondern wie ein dürres Gestell aus Haut und Knochen in unscheinbarem Rock und unscheinbarer Bluse und einer Segeltuchjacke. Ich sitze hier in meiner Ecke wie ein sangloses Rotkehlchen – nein, wie eine Maus, die unter der Kaminplatte verendet ist, wo’s warm war, und die jetzt daliegt wie eine Mumie in einer Pyramide.

Niemand ahnt auch nur, dass ich eine Geschichte habe. Nächstes Jahr, nächste Woche, morgen schon werde ich zweifellos verschwunden sein, und man wird nur einen schmalen Sarg und eine kleine Grube für mich benötigen. Einen Grabstein zu meinen Häupten wird es nicht geben, wozu auch?

Aber vielleicht sind ja alle Menschendinge schmal und klein.

Ringsum herrscht Stille. Meine Hand ist kräftig, und ich habe einen wunderschönen Kugelschreiber voll blauer Tinte, den mir mein Freund, der Doktor – der in Wahrheit kein schlechter Kerl ist, vielleicht sogar ein Philosoph –, den mir also der Doktor geschenkt hat, weil ich gesagt hatte, mir gefiele die Farbe; ich habe einen Stoß Papier, den ich in einer Vorratskammer zwischen anderen unerwünschten Dingen entdeckt habe, und ich habe ein loses Dielenbrett, unter dem ich diese Schätze verstecke. Ich schreibe mein Leben nieder auf unerwünschtem, auf überschüssigem Papier. Ich beginne mit einem leeren Blatt – mit vielen leeren Blättern. Denn ich würde liebend gern einen Rechenschaftsbericht hinterlassen, eine Art brüchiger, aber aufrichtiger Geschichte meiner selbst, und wenn Gott mir die Kraft dazu schenkt, werde ich diese Geschichte erzählen und sie unter dem Dielenbrett verbergen, und dann werde ich mich unter dem Rasen von Roscommon freudig zur letzten Ruhe betten.

Mein Vater war der reinlichste Mann der ganzen Christenheit, zumindest der von Sligo. Mir kam er in seiner Uniform wie festgezurrt vor – sie passte nicht einfach nur irgendwie, sondern saß akkurat wie ein Rechnungsbuch. Er war Aufseher des Friedhofs, und für diese Arbeit hatte man ihn mit einer ziemlich prächtigen Uniform ausgestattet, jedenfalls kam sie mir als Kind so vor.

Im Hof hatte er ein Fass stehen, in dem sich das Regenwasser sammelte, und damit wusch er sich an jedem Tag des Jahres. Mein Gesicht und das meiner Mutter drehte er zur Mauer der Küche hin, und dann stand er ohne Angst, gesehen zu werden, splitternackt zwischen den Moosen und Flechten des Hofes und schrubbte sich bei Wind und Wetter schonungslos ab, und wenn es mitten im Winter geschah, schnaubte er dabei wie ein Stier.

Karbolseife, mit der man einen schmierigen Fußboden hätte säubern können, schlug er zu einem gut sitzenden Anzug aus Schaum, und dann schabte er mit einem grauen Bimsstein an sich herum, den er, wenn er fertig war, in eine bestimmte Mauernische steckte – aus der ragte er wie eine Nase hervor. All das sah ich mit raschen Kopfbewegungen und Blicken aus den Augenwinkeln, denn in dieser Hinsicht war ich eine durchtriebene Tochter und konnte nicht gehorchen.

Keine Zirkusnummer hätte mir größeres Vergnügen bereiten können.

Mein Vater war ein Sänger, der sich nicht zum Schweigen bringen ließ, er sang sämtliche Arien aus den Operetten jener Zeit. Und er liebte es, in den Predigten längst verstorbener Prediger zu lesen, denn dann konnte er sich, wie er sagte, ausmalen, dass die Predigten eines längst entschwundenen Sonntags eben erst gehalten würden und die Worte im Mund der Prediger sich eben erst formten. Sein eigener Vater war Prediger gewesen. Mein Vater war ein leidenschaftlicher, fast möchte ich sagen: ein himmlisch gestimmter Presbyterianer, was in Sligo nicht gerade Mode war. Die Predigten John Donnes schätzte er vor allen anderen, doch sein wahres Evangelium war Religio Medici von Sir Thomas Browne, ein Buch, das sich noch immer in meinem Besitz befindet, ein kleiner zerlesener Band inmitten all dem Klimbim und Krimskrams meines Lebens. Ich habe ihn hier auf meinem Bett vor mir liegen, auf dem Vorsatzblatt steht in schwarzer Tinte sein Name, Joe Clear, das Jahr 1888 und die Stadt Southampton, denn in frühester Jugend war er Matrose gewesen und, noch bevor er siebzehn wurde, in jeden Hafen der Christenheit gesegelt.

In Southampton trug sich eines der wahrhaft majestätischen oder doch eines der wichtigsten Ereignisse seines Lebens zu, insofern er nämlich meine Mutter Cissy kennenlernte, die Zimmermädchen in dem Seemannsheim war, in dem er bevorzugt übernachtete.

Er pflegte eine seltsame Geschichte über Southampton zu erzählen, und als Kind nahm ich sie jedes Mal für bare Münze. Und sie mochte auch durchaus wahr sein.

Als er einmal in den Hafen einlief, fand er in seinem Lieblingsheim kein freies Bett vor und musste die windige Ödnis der Häuserzeilen und Schilder durchstreifen, bis er auf ein einsames Haus stieß, das mit dem Schild »Zimmer frei« Gäste anlockte.

Er ging hinein und wurde von einer graugesichtigen Frau mittleren Alters empfangen, die ihm ein Bett im Keller ihres Hauses anwies.

Mitten in der Nacht wachte er auf, denn er meinte, im Zimmer jemanden atmen gehört zu haben. Erschrocken und in jenem hellwachen Zustand, der eine solche Panik begleitet, vernahm er ein Stöhnen, und neben ihm im Dunkeln lag jemand auf dem Bett.

Mit Hilfe der Zunderbüchse entzündete er seine Kerze. Es war niemand zu sehen. Dann aber sah er, dass die Bettwäsche und die Matratze eingedellt waren, als hätte eine schwere Person darauf gelegen. Er sprang aus dem Bett und rief, bekam aber keine Antwort. Da erst verspürte er in den Tiefen seiner Eingeweide ein grässliches Hungergefühl, wie es seit der Großen Hungersnot noch keinen Iren befallen hatte. Er stürzte zur Tür, die zu seiner Verblüffung jedoch abgeschlossen war. Jetzt war er vollends empört. »Lassen Sie mich raus, lassen Sie mich raus!«, rief er ebenso entsetzt wie entrüstet. Wie konnte die alte Vettel es wagen, ihn einzusperren! Immer wieder hämmerte er gegen die Tür, und schließlich kam die Wirtin und schloss sie in aller Ruhe auf. Sie entschuldigte sich und gab an, sie müsse sie wohl versehentlich gegen Diebe verriegelt haben. Er berichtete ihr von der Störung seiner Nachtruhe, doch sie lächelte ihn nur an, erwiderte nichts und ging wieder zurück in ihre Wohnung. Er hatte den Eindruck, einen eigenartigen Geruch nach Laub, Gestrüpp und Unterholz von ihr aufgefangen zu haben, als wäre sie durch einen Wald gekrochen. Dann trat wieder Stille ein, und er löschte seine Kerze und versuchte zu schlafen.

Kurze Zeit später wiederholte sich der Vorfall. Wieder sprang er auf, entzündete seine Kerze und ging zur Tür. Wieder war sie abgeschlossen! Und wieder dieser tiefe, nagende Hunger in seinem Bauch. Aus irgendeinem Grund, vielleicht wegen ihrer auffallenden Absonderlichkeit, konnte er sich nicht dazu durchringen, die Wirtin herbeizurufen, und schwitzend verbrachte er eine beschwerliche Nacht im Sessel.

Als der Morgen graute, wachte er auf, kleidete sich an und ging zur Tür. Sie war unverschlossen. Er nahm seinen Seesack und ging nach oben. Da erst fiel ihm der heruntergekommene Zustand des Hauses auf, der ihm im freundlicheren Dunkel der Nacht nicht so deutlich gewesen war. Er konnte die Wirtin nicht aus dem Bett holen, und da sein Schiff segelfertig war, musste er das Haus verlassen, ohne sie noch einmal gesehen zu haben. Beim Hinausgehen warf er ein paar Shilling-Münzen auf den Garderobentisch.

Als er draußen auf der Straße noch einmal zum Haus zurückblickte, war er sehr beunruhigt, weil so viele Fensterscheiben zerbrochen waren und auf dem eingesackten Dach Schieferplatten fehlten.

Um im Gespräch mit einem anderen Menschen die Fassung wiederzugewinnen, ging er in den Laden an der Ecke und erkundigte sich bei dem Besitzer nach dem Haus. In dem Haus, sagte dieser, würden bereits seit etlichen Jahren keine Zimmer mehr vermietet, es stünde leer. Eigentlich gehöre es abgerissen, aber es sei eben Bestandteil der Häuserzeile. Er könne die Nacht gar nicht dort zugebracht haben, sagte der Ladenbesitzer. Niemand wohne darin, und niemand würde auch nur im Traum daran denken, es zu kaufen, aus dem einfachen Grund, dass eine Frau dort ihren Ehemann umgebracht hatte, indem sie ihn in einen Kellerraum sperrte und verhungern ließ. Die Frau selbst sei vor Gericht gestellt und wegen Mordes gehenkt worden.

Mein Vater erzählte mir und meiner Mutter diese Geschichte mit der heftigen Gemütsbewegung eines Menschen, der sie beim Erzählen erneut durchlebt. Vor seinem inneren Auge zogen das düstere Haus, die graue Frau, der stöhnende Geist vorüber.

»Nur gut, Joe, dass wir Platz hatten, als du das nächste Mal im Hafen warst«, sagte meine Mutter in ihrem nüchternsten Tonfall.

»Bei Gott, bei Gott, ja«, erwiderte mein Vater.

Eine kleine Geschichte aus dem Leben, eine Matrosengeschichte, die die damit kontrastierende Schönheit meiner Mutter einbezog und die ungeheure Verlockung, die sie damals und auf Dauer für ihn darstellte.

Denn ihre Schönheit war die Schönheit der dunkelhaarigen, dunkelhäutigen Spanierin, mit grünen Augen wie amerikanische Smaragde, gegen die kein Mann gefeit ist.

Und er heiratete sie und nahm sie mit nach Sligo, und fortan verbrachte sie ihr Leben dort. Sie war in diesem Dunkel nicht aufgewachsen, sondern wirkte wie ein verlorener Shilling auf einem Lehmboden, ein Shilling, der verzweifelt glänzt. Ein schöneres Mädchen hatte Sligo nie gesehen, sie hatte federweiche Haut und warme, üppige Brüste wie köstliches, frisch gebackenes Brot.

Die größte Freude meines jungen Lebens bestand darin, bei Einbruch der Dunkelheit mit meiner Mutter auf die Straßen Sligos hinauszulaufen, denn sie ging meinem Vater auf seinem Heimweg von der Arbeit im Friedhof gern entgegen. Erst viele Jahre später, als ich schon größer war, wurde mir im Rückblick klar, dass diesen Gängen eine gewisse Ängstlichkeit innewohnte, als vertraue sie nicht darauf, dass die Zeit und der gewöhnliche Verlauf der Dinge ihn wieder nach Hause führten. Denn ich glaube, eigenartigerweise litt meine Mutter unter dem Nimbus ihrer Schönheit.

Wie ich bereits sagte, war er dort Aufseher, er trug eine blaue Uniform und eine Dienstmütze mit einem Schirm, schwarz wie das Gefieder einer Amsel.

Das war zu der Zeit, als der Erste Weltkrieg tobte und die Stadt so voller Soldaten war, als wäre Sligo selbst ein Schlachtfeld, was natürlich nicht der Fall war. Es waren lediglich Männer auf Heimaturlaub, die wir dort sahen. Aber in ihren Uniformen ähnelten sie durchaus meinem Vater – sodass er, wenn meine Mutter und ich des Wegs kamen und ich ebenso begierig nach ihm Ausschau hielt wie sie, überall in den Straßen aufzutauchen schien. Meine Freude war erst vollkommen, wenn am Ende tatsächlich er es war, der da, etwa an dunklen Winterabenden, vom Friedhof nach Hause geschlittert kam. Und wenn er mich erblickte, spielte er immer mit mir und kasperte herum wie ein Kind. Da erntete er so manchen schiefen Blick, und vielleicht ließ sich sein Verhalten ja auch wirklich nicht mit seiner Würde als Aufseher der Toten von Sligo vereinbaren. Aber er besaß jene seltene Fähigkeit, in Gesellschaft eines Kindes alle Sorgen abzustreifen und in dem fahlen Licht fröhlich und albern zu sein.

Er war Grabwächter, aber er war auch dort er selbst. Mit seiner Schirmmütze und seiner blauen Uniform konnte er jemanden mit hinreichend feierlicher Würde zu der Grabstelle geleiten, in der ein Verwandter oder Freund lag. War er jedoch allein in seinem Friedhofswärterhaus, einem kleinen Tempel aus Beton, so konnte man ihn mit schöner Stimme die Romanze »Im Traume sah ich mich im Marmorsaal« aus Michael Balfes Die Zigeunerin, einer seiner Lieblingsoperetten, singen hören.

Und an freien Tagen schwang er sich auf sein Matchless-Motorrad, um die tückischen Straßen Irlands entlangzurasen. Wenn die Eroberung meiner Mutter als majestätisches Ereignis gelten kann, so war die Tatsache, dass er in einem wirklichen Glücksjahr, etwa um die Zeit meiner Geburt, auf seinem schönen Motorrad die kurze Rennstrecke auf der Isle of Man zurückgelegt hatte, dabei am Leben geblieben, ja sogar auf einem beachtlichen Platz im Mittelfeld gelandet war, eine Quelle unaufhörlicher Erinnerung und Freude und tröstete ihn, da bin ich mir sicher, in seinem von all den schlummernden Seelen umgebenen Betontempel über die trüben Zeiten des irischen Winters hinweg.

Die andere »berühmte« Geschichte meines Vaters – berühmt meint: in unserem winzigen Haushalt – ereignete sich während seiner Junggesellentage, als er noch häufiger an den wenigen Motorradrennen jener Zeit teilnehmen konnte. Sie trug sich in Tullamore zu und ist eine höchst sonderbare Geschichte.

Er fuhr mit Karacho, und vor ihm lag ein lang gestreckter, breiter Hügel, der zu einer scharfen Kurve führte, wo die Straße auf eine Gutsmauer stieß, eine jener hohen, dicken Steinmauern, die während der Großen Hungersnot erbaut worden waren, eine überflüssige Arbeit, um Tagelöhner am Leben zu erhalten. Wie auch immer, der Rennfahrer vor ihm brauste den Hügel hinab und gewann ungeheuer an Fahrt, doch statt vor der gegenüberliegenden Mauer abzubremsen, schien er sogar noch Gas zu geben und zerschellte schließlich gnadenlos in einem schrecklichen Wirrwarr aus Rauch, Metall und einem Donner wie von Kanonen. Mein Vater, der durch seine schmutzige Schutzbrille spähte, hätte beinahe die Kontrolle über seine eigene Maschine verloren, so sehr war ihm der Schreck in die Glieder gefahren; doch dann sah er etwas, das er sich damals nicht und auch später nie zu erklären vermochte, nämlich den Motorradfahrer, der sich wie auf Schwingen emporhob und mit einer raschen, sachten Bewegung, schwerelos gleitend wie eine Möwe im Aufwind, über die riesige Mauer hinwegsegelte. Einen Augenblick lang, nur einen Augenblick lang glaubte er die Schwingen aufblitzen zu sehen, und nie wieder konnte er in seinem Gebetbuch von Engeln lesen, ohne an jenen außergewöhnlichen Vorfall zu denken.

Bitte glauben Sie nicht, dass mein Vater sich etwas zurechtlog, denn dazu war er gar nicht imstande. Zwar trifft es zu, dass die Leute in ländlichen Bezirken – ja selbst in den Städten – einem gern weismachen, sie hätten Wunder geschaut, wie etwa mein Mann Tom, der auf der Straße nach Enniscrone einen Hund mit zwei Köpfen gesehen haben wollte. Ebenso trifft es zu, dass derartige Geschichten nur dann wirkungsvoll sind, wenn der Erzähler unbedingten Glauben vortäuscht – oder wenn er tatsächlich Zeuge solcher Wunder wurde. Doch mein Vater war kein Lügenzauberer und Fabulierer.

Es gelang meinem Vater, sein Motorrad abzubremsen und zum Stehen zu bringen, und als er die Gutsmauer entlangrannte, stieß er auf eine jener sonderbaren kleinen Pforten im Gemäuer. Er stemmte sich gegen das rostige Eisen und eilte durch Brennnesseln und Sauerampfer, um seinen wundersamen Freund zu suchen. Dort lag er denn auch, auf der anderen Seite der Mauer, bewusstlos, aber sonst, und mein Vater schwor Stein und Bein darauf, unverletzt. Schließlich kam der Mann, zufälligerweise ein Herr aus Indien, der an der gesamten Westküste mit seinem Koffer von Tür zu Tür zog und Halstücher und andere Artikel feilbot, wieder zu sich und lächelte meinen Vater an. Beide staunten über seine unerklärliche Rettung, die, wen wundert’s, in Tullamore noch Jahre später Stadtgespräch war. Sollte Ihnen die Geschichte je zu Ohren kommen, so könnte der Erzähler ihr sehr wohl den Titel »Der indische Engel« geben.

Wieder einmal war das seltsame Glücksgefühl meines Vaters vor allem in der Wiedergabe dieser Geschichte greifbar. Es war, als sei ein solcher Vorfall eine Belohnung für ihn, für seine bloße Existenz, ein kleines Erzählgeschenk, welches ihn so freute, dass es ihm im Träumen und im Wachen ein Gefühl des Privilegiertseins verlieh, so als setzten sich kleine Fetzen von Geschichten und Ereignissen für ihn zu einem unfertigen Evangelium zusammen. Sollte jemals ein Evangelium über das Leben meines Vaters verfasst werden – und warum nicht? schließlich heißt es, in den Augen Gottes sei das Leben eines jeden Menschen kostbar –, möchte ich annehmen, dass die Schwingen auf dem Rücken seines indischen Freundes, die er nur flüchtig zu sehen bekommen hatte, sich zu etwas Stofflicherem auswachsen und Dinge, die er nur angedeutet hatte, in der Nacherzählung durch einen Dritten feste Gestalt annehmen würden, unbeweisbar zwar, doch dafür um so mehr ins Reich der Wunder verwiesen. Auf dass alle Welt darin Trost finden möge.

Das Glücksgefühl meines Vaters. Es war an sich schon ein kostbares Geschenk, so wie vielleicht die Ängstlichkeit meiner Mutter der Knüppel war, der ihr andauernd zwischen die Beine geworfen wurde. Denn meine Mutter erfand niemals kleine Legenden über ihr Leben und kam ganz und gar ohne Geschichten aus, obwohl ich mir sicher bin, dass sie ebenso viele interessante Dinge zu erzählen gehabt hätte wie mein Vater.

Es ist schon seltsam, aber mir fällt auf, dass Menschen ohne Anekdoten, die sie zu ihren Lebzeiten nähren und die sie nach ihrem Tod überdauern, nicht nur der Geschichte, sondern auch den nachfolgenden Generationen eher abhanden kommen. Natürlich ist dies das Los der meisten Menschenseelen: Ganze Leben, ganz gleich, wie intensiv und wunderbar, schrumpfen auf jene traurigen schwarzen Namen in welken Familienstammbäumen zusam men, hinter denen nur ein halbes Datum und ein Fragezeichen baumeln.

Das Glücksgefühl meines Vaters rettete ihn nicht nur, sondern trieb ihn zu Geschichten an und erhält ihn selbst jetzt noch in mir am Leben, wie eine zweite, geduldigere und anziehendere Seele in meiner armen Seele.

Vielleicht war sein Glücksgefühl ja durchaus unbegründet. Aber darf sich ein Mensch in den langen, sonderbaren Läuften seines Lebens nicht, so gut es geht, selbst glücklich machen? Ich halte das für legitim. Schließlich ist die Welt ja wirklich wunderschön, und wenn wir keine Menschen wären, sondern andere Geschöpfe, so könnten wir sehr wohl dauerhaft glücklich in ihr sein.

Das wichtigste, ohnehin schon enge Zimmer in unserem kleinen Haus teilten wir mit zwei großen Gegenständen. Einer davon war das bereits erwähnte Motorrad, das bei Regen untergestellt werden musste. Es führte in unserem Wohnzimmer ein ruhiges Leben, könnte man sagen. Von seinem Sessel aus konnte mein Vater, wann immer er wollte, müßig ein weiches Ledertuch über das Chrom gleiten lassen. Der andere Gegenstand, den ich erwähnen möchte, ist das Pianino, das ihm ein dankbarer Witwer vermacht hatte, da mein Vater für die Frau dieses Mannes eine Grube ausgehoben hatte, ohne Gebühren zu verlangen, denn die Hinterbliebenen waren in Not geraten. So war das Pianino in einer Sommernacht bald nach der Beerdigung auf einem Eselskarren eingetroffen, von dem Witwer und seinen beiden Söhnen unter verlegen frohem Lächeln hereingetragen und in unserem winzigen Zimmer aufgestellt worden. Vermutlich war es nie viel wert gewesen, trotzdem hatte es einen wunderschönen Klang und war, bevor es zu uns kam, noch nie gespielt worden, sofern sich seine Vorgeschichte am Zustand der Tasten ablesen ließ, die völlig unberührt aussahen. An den Seitenwänden waren Landschaftsszenen aufgemalt, nicht aus Sligo, vermutlich eher Szenen aus einem imaginären Italien oder dergleichen, aber im Grunde lief es auf das Gleiche hinaus: Berge und Flüsse mit Schäfern und Schäferinnen, die mit ihren geduldigen Schafen umherstanden. Mein Vater nun, der im Pfarramt seines Vaters aufgewachsen war, konnte dieses prächtige Instrument spielen und fand, wie bereits gesagt, Vergnügen an den alten Operetten des vorigen Jahrhunderts. Balfe hielt er für ein Genie. Da es neben ihm auf dem Hocker Platz für mich gab, begann ich aus Liebe zu ihm und aus großer Freude an seiner Spielfertigkeit alsbald die Anfangsgründe des Klavierspiels zu erlernen und erlangte allmählich eine gewisse Fertigkeit, ohne je das Gefühl von Mühe oder Last empfunden zu haben.

Dann konnte ich ihn begleiten, und er pflanzte sich mitten im Raum auf, sofern man noch davon sprechen konnte, die eine Hand müßig und wie zufällig auf dem Sitz seines Motorrads, die andere in seinem Jackett wie ein irischer Napoleon, und sang, für mich hörte es sich jedenfalls so an, mit größter Vollkommenheit »Im Traume sah ich mich im Marmorsaal« oder andere Glanzstücke seines Repertoires, und übrigens auch jene kleinen neapolitanischen Lieder, die natürlich nicht, wie ich mir einbildete, zum Gedenken an Napoleon, sondern in den Straßen von Neapel entstanden waren – Lieder, die sich jetzt in Sligo im Exil befanden! Seine Stimme drang wie eine Art Honig in meinen Kopf, der mächtig summend nachwirkte und alle Ängste der Kindheit bannte. Hob sich seine Stimme, so hob sich zugleich sein ganzer Körper: Arme, Schnurrbartenden, ein Fuß, der ein kleines bisschen über dem alten Teppich mit seinem vielfachen Hundemuster pendelte, und seine Augen waren erfüllt von einer seltsamen Fröhlichkeit. Selbst Napoleon mit seinen hohen Ansprüchen hätte ihn nicht verachtet. In solchen Augenblicken entfaltete er in den ruhigeren Passagen der Lieder ein herrliches Timbre, das ich bis heute nicht überboten gehört habe. Als ich eine junge Frau war, machten sich viele herausragende Sänger auf den Weg nach Sligo und sangen in den Sälen unter dem Regen, und bei einigen der volkstümlicheren Lieder begleitete ich sie sogar auf dem Klavier und klimperte Töne und Akkorde für sie, vielleicht eher Hindernis als Hilfe. Doch in meinen Ohren reichte keiner von ihnen an die Stimme meines Vaters und deren eigentümliche Intimität heran.

Und ein Mann, der angesichts drohender Katastrophen, wie sie so oft ohne jede Gnade oder Gunst über uns hereinbrechen, fröhlich gestimmt sein kann, ist ein wahrer Held.

ZWEITES KAPITEL

Dr. Grenes Aufzeichnungen

(Leitender Psychiater, Roscommon Regional Mental Hospital)

Dieses Gebäude ist in einem schrecklichen Zustand, wie schrecklich, konnten wir so richtig erst dem Bericht der Bauaufsicht entnehmen. Die drei mutigen Männer, die unter das uralte Dach kletterten, berichten, dass viele Dachbalken kurz vor dem Einsturz stehen, als spiegelten Haupt und Glieder der Institution die Verfassung vieler der armen Insassen darunter wider. Statt Insassen sollte ich schreiben: Patienten. Da das Gebäude jedoch Ende des achtzehnten Jahrhunderts als mildtätige Einrichtung, als »Heilstätte für die überlegene Behandlung kranker Sitze der Gedanken« errichtet wurde, kommt einem stets das Wort »Insassen« in den Sinn. Wie heilsam und wie überlegen, darüber lässt sich heute nur spekulieren. Mitte des neunzehnten Jahrhunderts herrschte dank der revolutionären Ideen verschiedener Ärzte in den Irrenanstalten tatsächlich eine Periode wirklicher Aufklärung: Zwangsjacken kamen nur selten zum Einsatz, gute Ernährung wurde für ratsam erachtet, ebenso viel Bewegung und geistige Anregung. Was ein großer Fortschritt gegenüber den Praktiken von Bedlam war, wo brüllende Bestien am Boden festgekettet waren. Danach wendeten sich die Dinge wieder zum Schlechteren, und kein feinfühliger Mensch würde freiwillig Historiker der irischen Irrenanstalten zu Anfang des vergangenen Jahrhunderts sein wollen, mit ihren Klitoridektomien, Tauchbädern und Einläufen. Das vergangene Jahrhundert ist »mein« Jahrhundert, da ich zur Jahrhundertwende siebenundfünfzig war und es schwerfällt, in diesem Alter einem neuen Jahrhundert noch sein Herz und seine Aufmerksamkeit zu schenken. Fand ich jedenfalls. Und finde es noch immer. Leider bin ich nun schon fast fünfundsechzig.

Da das Gebäude sein Alter so zwingend unter Beweis stellt, werden wir es räumen müssen. Im Ministerium heißt es, mit dem Neubau werde so gut wie unverzüglich begonnen. Das mag zutreffen oder eine leere Phrase sein. Aber wie sollen wir in unserer Arbeit fortfahren, bis uns der Neubau wirklich zur Verfügung steht, philosophisch gefragt: Wie können wir eine Vielzahl von Patienten, deren DNA sich höchstwahrscheinlich längst mit dem Mörtel des Gebäudes vermischt hat, hier herauslösen? Im Haupttrakt sind fünfzig steinalte Frauen untergebracht, so alt, dass ihr Alter etwas Ewiges, etwas Fortdauerndes hat, und so bettlägerig und wund gelegen, dass es etwas Gewalttätiges hätte, sie an einen anderen Ort zu schaffen.

Vermutlich sträube ich mich innerlich gegen die Vorstellung auszuziehen, so wie jeder vernünftige Mensch es tut, wenn ein Umzug erwogen wird. Zweifellos werden wir ihn mit dem üblichen Chaos und Trauma bewerkstelligen.

Auch die Wärter und Pfleger sind längst Bestandteil des Gebäudes, wie die Fledermäuse unter dem Dach und die Ratten in den Kellern. Und von beiden gibt es, wie ich höre, eine Unzahl, auch wenn ich die Ratten Gott sei Dank nur ein einziges Mal gesehen habe, nämlich als der Ostflügel in Brand geriet und ich die schwarzen Schatten zu den unteren Türen hinaus und durch die Hecken in die Getreidefelder des Bauern flitzen sah. Als sie flohen, warf der Feuerschein eine seltsame Orangenmarmeladenfarbe auf ihren Rücken. Ich bin überzeugt, dass sie gleich, als die Feuerwehrleute Entwarnung gaben, wieder in das neue Dunkel huschten.

Also, irgendwann müssen wir hier raus. Daher muss ich der neuen Gesetzgebung entsprechend beurteilen, wer von den Patienten wieder in die Gemeinschaft (was immer das ist, o Herr!) entlassen werden kann und welcher Kategorie jeder der anderen Patienten zuzurechnen ist. Viele von ihnen werden über die neue Einrichtung, den modernen Verputz, die gute Isolierung und Heizung entsetzt sein. Noch das Stöhnen des Windes in den Gängen, selbst an stillen Tagen – wie geht das eigentlich? vielleicht ein Vakuum, hervorgerufen von Kälte und Wärme in verschie denen Teilen des Krankenhauses? –, werden sie vermissen, die leise Hintergrundmusik ihrer Träume und ihrer »Verrücktheiten«. Da bin ich mir sicher. Die armen alten Kerle in den vor langer Zeit von den Krankenhausschneidern angefertigten schwarzen Anzügen, die nicht so sehr verrückt als vielmehr obdachlos und steinalt sind und wie Soldaten irgendeines vergessenen Unabhängigkeits- oder Indianerkrieges in den Räumen des älteren Westflügels hausen, werden sich außerhalb dieses verlorenen Grund und Bodens von Roscommon nicht wiedererkennen.

Diese Notwendigkeit wird mich vor eine Aufgabe stellen, der ich lange aus dem Weg gegangen bin, nämlich herauszufinden, welche Umstände einige der Patienten hierhergeführt haben und ob sie tatsächlich, wie es in einigen tragischen Fällen zutraf, eher aus sozialen als aus medizinischen Gründen eingewiesen wurden. Denn ein so großer Narr bin ich nicht, zu glauben, dass alle »Irren« hier drin wirklich verrückt sind oder es waren, bevor sie hierherkamen und von einer Art viraler Verrücktheit erfasst wurden. In der allwissenden breiten Öffentlichkeit, oder sagen wir: in der öffentlichen Meinung, wie sie sich in den Zeitungen niederschlägt, gelten diese Menschen als »freiheitswürdig« oder »entlassungswürdig«. Was durchaus zutreffen mag, doch Kreaturen, die so lange im Zwinger gehalten und eingesperrt wurden, empfinden Freiheit und Entlassung als äußerst fragwürdige Errungenschaften, so wie die osteuropäischen Länder nach dem Kommunismus. Und auf gleiche Weise spüre ich in mir einen sonderbaren Widerwillen dagegen, irgendjemanden gehen zu sehen. Woher kommt das? Ist es die Besorgnis des Zoowärters? Werden sich meine Polarbären auch am Pol zurechtfinden? Vermutlich greift dieser Gedanke zu kurz. Nun ja, wir werden sehen.

Insbesondere meine alte Freundin Mrs McNulty werde ich ansprechen müssen, die nicht nur die älteste Person an diesem Ort, sondern in Roscommon, vielleicht sogar in Irland ist. Betagt war sie schon vor dreißig Jahren, als sie hierherkam, obwohl sie damals die elementare Kraft einer – ich weiß nicht, einer Naturgewalt besaß. Sie ist ein bemerkenswerter Mensch, und obwohl lange Zeiträume verstrichen sind, in denen ich sie nicht oder nur flüchtig zu Gesicht bekommen habe, bin ich mir ihrer stets bewusst und vergesse nicht, mich nach ihr zu erkundigen. Ich fürchte, sie ist eine Art Prüfstein für mich. Sie gehört zum lebenden Inventar und repräsentiert nicht nur die Anstalt, sondern auf eigentümliche Art auch meine eigene Geschichte, mein eigenes Leben, »ist Leitstern, der verirrte Schiffe lenkt«, wie Shakespeare es nennt. Meine Eheprobleme mit der armen Bet, meine gedrückte Stimmung, mein mitunter sinkender Mut, mein Gefühl, nicht voranzukommen, mein dies, mein das – meine Dummheit im Umgang mit Menschen vermutlich. Während die Verhältnisse sich unausweichlich verändert haben, ist sie sich gleich geblieben, auch wenn sie natürlich im Lauf der Jahre schwächer und schmächtiger geworden ist. Ist sie inzwischen hundert? Unten im Aufenthaltsraum hat sie immer Klavier gespielt, ziemlich gekonnt, Lieder und Jazzmelodien der Zwanziger- und Dreißigerjahre. Ich weiß nicht, wo sie die aufgeschnappt hat. Sie hat immer in einem dieser schrecklichen Krankenhauskittel dagesessen, aber ausgesehen hat sie wie eine Königin, mit ihrem langen silbernen Haar, das ihr offen auf den Rücken fiel, und ihrem eindrucksvollen Gesicht, obwohl sie damals bereits siebzig war. Eigentlich war sie noch immer sehr schön, und weiß Gott, wie sie ausgesehen haben muss, als sie noch jung war. Aus dem Rahmen fallend, die Verkörperung von etwas Außergewöhnlichem, vielleicht sogar Fremdartigem in dieser provinziellen Welt. Als in späteren Jahren ein milder Rheumatismus einsetzte – sie duldete das Wort nicht, nannte es ein »Zaudern« ihrer Finger –, hörte sie mit dem Klavierspielen auf. Vielleicht hätte sie fast ebenso gut weiterspielen können, aber »fast ebenso gut« stellte sie nicht zufrieden. So ging uns der Klang von Mrs McNultys Jazzspiel verloren.

Nachzutragen ist, dass das Klavier, von Holzwürmern befallen, später mit lautem, unmusikalischem Geklirr in einem Container landete.

Jetzt muss ich also zu ihr und sie nach diesem und jenem befragen. Ich bin unerklärlich nervös deswegen. Warum sollte ich nervös sein? Ich glaube, weil sie so viel älter ist als ich und, obwohl sie zu tiefem Schweigen neigt, eine äußerst angenehme Gesellschaft, so wie eine ältere Kollegin, die man verehrt. Ich glaube, das ist es. Vielleicht auch, weil ich den Verdacht habe, dass sie mich ebenso gern mag wie ich sie. Dabei wüsste ich nicht einmal, weshalb sie mich mag. Ich habe mir eine Neugier auf sie bewahrt, bin aber nie in ihr Leben eingetaucht, was man mir als professionellem Psychiater wohl anlasten könnte. Dennoch, so ist es nun einmal, sie mag mich. Doch um nichts in der Welt würde ich diese Zuneigung, deren Grundlage, meine ich, erschüttern wollen. Ich muss also vorsichtig zu Werke gehen.

Roseannes Selbstzeugnis

Wie gern würde ich sagen, ich hätte meinen Vater so sehr geliebt, dass ich ohne ihn nicht hätte leben können, aber ein solches Eingeständnis würde sich mit der Zeit als falsch erweisen. Diejenigen, die wir lieben, diese unentbehrlichen Wesen, werden uns entrissen nach dem Willen des Allmächtigen oder der Teufel, die sich seines Thrones bemächtigt haben. Es ist, als würde uns bei ihrem Tod ein riesiger Bleiklumpen auf die Seele gelegt, und wenn diese Seele vorher schwerelos war, so ist sie jetzt eine verborgene und verderbliche Last in unserem Innersten.

Als ich etwa zehn war, nahm mich mein Vater in einem Anfall von Erziehungswut mit in die Spitze des hohen, schlanken Turmes auf dem Friedhof. Es war einer jener schönen, stolzen, grazilen Bauten, die die Mönche in Zeiten der Gefahr und der Verheerung errichtet hatten. Er stand in einer mit Brennnesseln bewachsenen Ecke des Friedhofs und wurde nicht weiter beachtet. Wer in Sligo aufgewachsen war, für den war er einfach da. Aber zweifellos war er eine unvergleichliche Kostbarkeit, erbaut mit nur einem Hauch von Mörtel zwischen den Steinen, deren jeder der Krümmung des Turmes folgte und von den Maurern des Mittelalters mit größter Präzision eingefügt worden war. Natürlich war es ein katholischer Friedhof. Mein Vater hatte seine Anstellung nicht aufgrund seiner Konfession erhalten, sondern weil er bei jedermann in der Stadt beliebt war und die Katholiken nichts dagegen einzuwenden hatten, dass ihre Gräber von einem Presbyterianer ausgehoben wurden, solange dieser nur sympathisch war. Denn zu der Zeit herrschte zwischen den Kirchen oft besseres Einvernehmen, als wir meinen, und oft wird vergessen, dass, wie mein Vater oft betonte, die anderen von der anglikanischen Staatskirche abweichenden Bekenntnisse unter den Strafgesetzen längst verflossener Tage eben so zu leiden hatten wie das katholische. Dort, wo Freundschaft besteht, gibt es jedenfalls nur selten Schwierigkeiten mit der Konfession. Erst später wurde der Unterschied zum Abgrenzungsmerkmal. Zumindest weiß ich, dass der katholische Gemeindepfarrer, ein kleiner, forscher, flinker Mann namens Father Gaunt, der später, in meiner eigenen Geschichte, eine so große Rolle spielen sollte, falls ein kleiner Mann eine große Rolle spielen kann, ihn sehr gut leiden mochte.

Es war die Zeit kurz nach dem Ersten Weltkrieg, und in den Schützengräben der Geschichte befasst sich der Verstand vielleicht mit Merkwürdigkeiten, mit erzieherischen Verschrobenheiten wie jener, auf die er es an jenem Tag mit mir abgesehen hatte. Andernfalls könnte ich mir nicht erklären, weshalb ein erwachsener Mann sein Kind zusammen mit einem Sack voll Hämmer und Federn in die Spitze eines alten Turmes mitnehmen sollte.

Ganz Sligo – Fluss, Kirchen, Häuser – breitete sich strahlenförmig vom Fuß des Turmes aus, zumindest hatte es von der kleinen Fensteröffnung in der Spitze den Anschein. Ein vorüberfliegender Vogel hätte zwei aufgeregte Gesichter sehen können, die gleichzeitig hinaus zuspähen versuchten. Ich verlagerte mein Gewicht auf meine Zehen und stieß dabei gegen die Unterseite seines Kinns.

»Roseanne, liebstes Kind, ich hab mich heute Morgen schon rasiert, und dir mit deinem Goldschopf wird das ohnehin nicht gelingen.«

Denn es stimmte, dass ich weiches Haar hatte, das schimmerte wie Gold – wie das Gold jener Mönche. Golden wie der Glanz alter Buchkunst.

»Papa«, sagte ich, »lass endlich die Hämmer und die Federn fallen und lass uns sehen, was dabei herauskommt.«

»Ach«, sagte er, »ich bin müde vom Aufstieg, wir wollen erst unsere Blicke über Sligo wandern lassen, bevor wir unser Experiment in Angriff nehmen.«

Er hatte abgewartet und einen windstillen Tag für sein Vorhaben ausgewählt. Er wollte mir die uralte Prämisse beweisen, dass im Reich der Theorie alle Körper dieselbe Fallgeschwindigkeit haben.

»Alle Körper fallen gleich schnell«, hatte er gesagt, »im Reich der Theorie. Und ich werde es dir beweisen. Ich werde es mir selbst beweisen.«

Wir hatten vor dem knisternden Kohlenfeuer gesessen.

»Alle Körper mögen gleich schnell fallen, wie du sagst«, meldete sich meine Mutter aus ihrer Ecke des Zimmers zu Wort. »Aber nur selten steigt einer auf.«

Ich glaube nicht, dass dies eine Stichelei war, eher eine Feststellung. Jedenfalls blickte er mit jener vollkommenen Gemütsruhe zu ihr hinüber, die sie selbst so meisterlich beherrschte und die sie ihn gelehrt hatte.

Es kommt mir seltsam vor, dies alles hier in diesem dunkel gewordenen Zimmer aufzuschreiben, es mit blauer Kugelschreibertinte hinzukritzeln, die beiden vor meinem geistigen Auge oder irgendwo hinter den Augen, in der verdüsterten Schale meines Schädels, zu sehen, noch immer präsent, wahrhaft lebendig und gesprächig, als sei ihre Zeit die wahre Zeit und meine nur eine Illusion. Und zum tausendsten Mal rührt es mein Herz, zu sehen, wie schön sie ist, wie geschmackvoll, wie liebenswürdig und leuchtend, mit ihrem Southamptoner Akzent, der den Kieseln am Strand gleicht, wenn die Wellen sie hin und her rollen, ein weiches Rascheln und Rauschen, das in meinen Träumen nachklingt. Allerdings stimmt es auch, dass sie mich, wenn ich ungezogen war, wenn sie Sorge hatte, mein Pfad könnte von dem Pfad abweichen, den sie für mich ausersehen hatte, zu verprügeln pflegte, selbst bei nichtigen Anlässen. Aber damals war es eine Selbstverständlichkeit, Kinder zu schlagen.

Jetzt also rangelten unsere beiden Gesichter um den besten Platz, eingerahmt von dem alten Rahmen des kleinen Guckfensters der Mönche. Welche längst verschwundenen Gesichter hatten dort hinausgespäht, welche unter ihren Kapuzen schwitzenden Mönche hatten zu erkennen versucht, wo die Wikingerhorden waren, die kommen würden, sie zu morden und ihnen ihre Bücher, ihre Gefäße und ihre Münzen zu rauben? Kein Maurer überlässt den Wikingern gern ein großes Fenster, und jenes Fenster zeugte noch immer von alter Angst und Gefahr.

Nach einiger Zeit war klar, dass sich sein Experiment unmöglich durchführen ließ, solange wir alle beide dort standen. Einer von uns würde das Ergebnis verpassen. So schickte er mich allein über die feuchte steinerne Treppe nach unten, und noch heute kann ich das nasse Gemäuer unter meiner Hand spüren und das seltsame Entsetzen, von ihm getrennt zu sein, das mich erfasste. In meiner kleinen Brust schlug es so heftig, als sei eine furchtsame Taube darin gefangen.

Ich trat aus dem Turm und stellte mich, wie er mir aus Angst, die herabfallenden Hämmer könnten mich erschlagen, befohlen hatte, ein Stück vom Sockel entfernt auf. Von unten wirkte der Turm riesig, an jenem Tag schien er bis zu den schmutzig grauen Wolken aufzuragen. Bis in den Himmel. Kein Lüftchen regte sich. Die verwilderten Gräber dieses Friedhofsabschnitts, die Gräber von Männern und Frauen eines Jahrhunderts, als die Menschen sich nur unbehauene Steine leisten konnten, auf denen kein Name geschrieben stand, wirkten nun anders, da ich allein war, ganz anders, so als könnten sich die armen Gerippe gegen mich erheben und mich in ihrem ewigen Hunger verschlingen. Als ich so auf dem Rasen stand, fühlte ich mich wie ein Kind auf einer Felsenklippe, wie in jener Szene aus dem alten Stück König Lear, in der der Freund des Königs sich einbildet, von einem Felsvorsprung hinabzustürzen, obwohl dort gar kein Felsvorsprung ist. Wenn man es liest, glaubt man selbst daran, dass es einen solchen Felsvorsprung gibt, und stürzt zusammen mit dem Freund des Königs hinab. Aber pflichtgetreu, pflichtgetreu, liebevoll, liebevoll schaute ich hinauf. Es ist kein Verbrechen, den eigenen Vater zu lieben, es ist kein Verbrechen, keine Kritik an ihm üben zu wollen – und immerhin kannte ich ihn bis in die Anfangsjahre meines Frauseins, oder doch fast, in jenen Jahren also, wenn ein Mädchen dazu neigt, von seinen Eltern enttäuscht zu sein. Es ist kein Verbrechen, zu spüren, wie das eigene Herz ihm entgegenschlägt, oder doch dem biss chen, das ich von ihm sehen konnte, denn jetzt ragte sein Arm aus der kleinen Fensteröffnung, und der Sack hing in der irischen Luft. Jetzt rief er mir etwas zu, und ich konnte seine Worte kaum verstehen. Doch nach ein paar Anläufen glaubte ich ihn sagen zu hören:

»Hältst du auch genügend Abstand, liebstes Kind?«

»Ich halte genügend Abstand, Papa«, rief ich, ich schrie es fast, so weit mussten meine Worte nach oben steigen, und so klein war das Fenster, durch das sie hindurch mussten, um an seine Ohren zu dringen.

»Dann lass ich den Sack jetzt los. Pass auf, pass auf!«, rief er.

»Ja, Papa, ich passe auf!«

So gut er konnte, lockerte er mit den Fingern einer Hand die Öffnung des Sacks und schüttete den Inhalt aus. Ich hatte gesehen, was er hineingetan hatte. Eine Handvoll Federn aus dem Federkissen ihres Bettes, die er gegen den kreischenden Einspruch seiner Frau herausgerupft hatte, und zwei Maurerhämmer, die er verwahrte, um die Mäuerchen und Grabsteine der Gräber instand zu setzen.

Unverwandt starrte ich hinauf. Vielleicht hörte ich ja eine wundersame Musik. Das Kja-kja der Dohlen und das Rrrah-rrrah der Saatkrähen in den großen Buchen dort vereinte sich in meinem Kopf zu einer Melodie. Ich verrenkte mir den Hals, so gespannt war ich, das Ergebnis dieses eleganten Experiments zu beobachten, ein Ergebnis, das mir meinem Vater zufolge im Leben noch gute Dienste erweisen würde: als Grundlage einer eigenständigen Philosophie.

Obwohl nicht der leiseste Windhauch ging, schwebten die Federn sogleich davon, verstreuten sich wie bei einer kleinen Explosion, stoben sogar grau zu den grauen Wolken auf und waren fast nicht mehr zu sehen. Die Federn schwebten, schwebten davon.

Vom Turm rief mein Vater, rief in hellster Aufregung: »Was siehst du, was siehst du?«

Was sah ich, was wusste ich? Manchmal glaube ich, es ist der Hang zur Lächerlichkeit bei einem Menschen, zu einer womöglich aus Verzweiflung geborenen Lächerlichkeit, wie sie auch Eneas McNulty – noch wissen Sie nicht, wer das ist – so viele Jahre später an den Tag legen sollte, der einen mit Liebe zu diesem Menschen geradezu durchbohrt. Das alles: nicht wissen, nicht sehen, ist Liebe. Für immer stehe ich dort, verrenke mir den Hals, um zu sehen, spähe und recke meinen steifen Nacken, und sei es aus keinem anderen Grund als aus Liebe zu ihm. Die Federn schweben davon, schweben und wirbeln davon. Mein Vater ruft und ruft. Mein Herz schlägt ihm entgegen. Die Hämmer fallen noch immer.

DRITTES KAPITEL

Liebe Leserin, lieber Leser! Wenn Sie sanft- und gutmütig sind, wünschte ich, ich könnte Ihnen die Hand drücken. Ich wünsche mir – allerlei Unmögliches. Doch auch wenn ich Sie nicht um mich habe, so habe ich doch andere Dinge. Es gibt Augenblicke, da ich von einer unerklärlichen Freude durchdrungen bin, als besäße ich, indem ich gar nichts besitze, die ganze Welt. Als hätte ich, indem ich bis in diesen Raum vorgedrungen bin, das Vorzimmer zum Paradies gefunden, und bald wird es sich mir öffnen, und ich werde ins Paradies eingehen wie eine Frau, die für ihre Schmerzen entschädigt wird, eingehen in diese grünen Wiesen und hingeschmiegten Gehöfte. So grün, dass das Gras geradezu leuchtet!

Heute Morgen kam Dr. Grene herein, und hastig musste ich meine Blätter zusammenraffen und verstecken. Denn ich wollte nicht, dass er sie sieht oder mich ausfragt, denn dies hier enthält bereits Geheimnisse, und meine Geheimnisse sind mein Glück und mein Heil. Gottlob hörte ich ihn schon von weitem den Gang entlangkommen, denn er hat Eisenbeschläge unter den Absätzen. Gottlob leide ich auch kein bisschen an Rheumatismus oder sonst irgendeinem Gebrechen, das mit meinem Alter zu tun hat, zumindest nicht in den Beinen. Meine Hände, meine Hände sind leider nicht mehr, was sie mal waren, aber die Beine halten sich wacker. Die Mäuse, die hinter der Scheuerleiste entlanghuschen, sind zwar schneller, aber das waren sie schließlich schon immer. Eine Maus ist eine fantastische Athletin, wenn’s drauf ankommt, da gibt’s kein Vertun. Aber bei Dr. Grene war ich schnell genug.

Er klopfte an, was schon mal ein Fortschritt ist gegenüber dem armen Teufel, der mein Zimmer putzt, John Kane, falls sein Name so geschrieben wird – ich schreibe ihn zum ersten Mal auf –, und als er die Tür endlich öffnete, saß ich an einem leeren Tisch.

Da ich Dr. Grene nicht für einen schlechten Menschen halte, lächelte ich.

Es war ein Morgen von beträchtlicher Kälte, und auf alles im Zimmer hatte sich ein Frostschleier gelegt. Alles schimmerte. Ich selbst hatte mich in meine vier Kleider gemummt, und mir war mollig warm.

»Hmm, hmm«, sagte er. »Roseanne. Hmm. Wie geht es Ihnen denn so, Mrs McNulty?«

»Mir geht es sehr gut, Dr. Grene«, sagte ich. »Das ist aber freundlich von Ihnen, mich zu besuchen.«

»Es ist meine Pflicht, Sie zu besuchen«, entgegnete er. »Ist das Zimmer heute schon geputzt worden?«

»Nein«, antwortete ich. »Aber John wird bestimmt bald hier sein.«

»Das nehme ich auch an«, sagte Dr. Grene.

Dann durchquerte er das Zimmer und sah aus dem Fens ter.

»Heute ist der bislang kälteste Tag des Jahres«, sagte er.

»Bislang«, sagte ich.

»Und haben Sie alles, was Sie brauchen?«

»Im Großen und Ganzen ja«, antwortete ich.

Dann setzte er sich auf mein Bett, als sei es das reinlichste Bett der Christenheit, was ich zu bezweifeln wage, streckte die Beine aus und betrachtete seine Schuhe. Sein langer, ergrauender Bart war scharf wie eine Eisenaxt. Gestutzt wie eine Hecke. Der Bart eines Heiligen. Neben ihm auf dem Bett stand ein Teller, auf dem sich noch die verschmierten Überreste der Bohnen vom Vorabend befanden.

»Pythagoras«, sagte er, »glaubte an die Seelenwanderung und hat uns den Genuss von Bohnen untersagt, damit wir nicht die Seele unserer Großmutter verspeisen.«

»Oh«, machte ich.

»Das kann man bei Horaz nachlesen«, sagte er.

»Gebackene Bohnen von Batchelor?«

»Vermutlich nicht.«

Dr. Grene beantwortete meine Frage mit gewohnt ernster Miene. Das Schöne an Dr. Grene ist, dass er überhaupt keinen Sinn für Humor hat, was ihn fast schon wieder humorvoll wirken lässt. Glauben Sie mir, an einem Ort wie diesem ist das eine schätzenswerte Eigenschaft.

»Also«, sagte er, »Ihnen geht es so weit ganz gut?«

»Ja.«

»Wie alt sind Sie inzwischen, Roseanne?«

»Hundert, glaube ich.«

»Finden Sie es nicht bemerkenswert, dass es Ihnen mit hundert noch so gut geht?«, fragte er, als hätte er zu diesem Umstand irgendwie beigetragen, was er ja vielleicht auch hat. Immerhin bin ich schon seit rund dreißig Jahren, vielleicht noch länger, in seiner Obhut. Dabei ist er selbst alt geworden, wenn auch nicht so alt wie ich.

»Ich finde es äußerst bemerkenswert. Aber, Herr Doktor, ich finde so viele Dinge bemerkenswert. Ich finde Mäuse bemerkenswert, ich finde die seltsamen grünen Sonnenstrahlen bemerkenswert, die durchs Fenster herein klettern. Auch Ihren heutigen Besuch finde ich bemerkenswert.«

»Es tut mir leid zu hören, dass Sie noch immer Mäuse haben.«

»Hier wird es immer Mäuse geben.«

»Aber stellt John denn keine Fallen auf?«

»Das schon, aber er spannt die Sprungfedern nicht richtig, und die Mäuse können den Käse problemlos fressen und entwischen wie Jesse James und sein Bruder Frank.«

Jetzt nahm Dr. Grene seine Augenbrauen zwischen zwei Finger seiner rechten Hand und massierte sie eine Weile. Danach rieb er sich die Nase und stöhnte. Das Stöhnen enthielt all die Jahre, die er in dieser Anstalt verbracht hatte, all die Vormittage seines Lebens hier, all das sinnlose Geschwätz über Mäuse, Behandlungsmethoden und Alter.

»Wissen Sie, Roseanne«, sagte er, »da ich mich unlängst mit der rechtlichen Position aller unserer Insassen befassen musste, von der in der Öffentlichkeit so viel die Rede ist, habe ich mir noch einmal Ihre Aufnahmepapiere angeschaut, und ich muss gestehen –«

All dies sagte er in denkbar gelassenem Tonfall.

»Gestehen?«, fragte ich, um ihn zu ermuntern. Ich wusste, dass er dazu neigte, zu verstummen und privaten Gedanken nachzuhängen.

»O ja – entschuldigen Sie. Hmm, ja, ich wollte Sie fragen, Roseanne, ob Sie sich vielleicht noch an die näheren Umstände Ihrer Aufnahme hier erinnern können. Das wäre sehr hilfreich – wenn Sie es könnten. Den Grund nenne ich Ihnen gleich – wenn es denn sein muss.«

Dr. Grene lächelte, und ich hatte den Verdacht, dass die letzte Bemerkung scherzhaft gemeint war, auch wenn ich nicht verstand, was daran komisch sein sollte, zumal er sich normalerweise, wie gesagt, nie an Humor versuchte. Insofern vermutete ich, dass etwas Ungewöhnliches in ihm vorging.

Aber dann, fast so schlimm wie er, vergaß ich, ihm zu antworten.

»Können Sie sich an irgendetwas davon erinnern?«

»Sie meinen meine Ankunft, Dr. Grene?«

»Ja, ich glaube, die meine ich.«

»Nein«, sagte ich, denn eine entschiedene, eine unverfrorene Lüge war die beste Antwort.

»Nun«, sagte er, »leider ist ein Großteil unseres Archivs im Keller von Generationen von Mäusen als Bettstatt benutzt worden, ist ja auch kein Wunder, und nun ist alles ziemlich ruiniert und unlesbar. Über Ihre ohnehin schon schmale Akte sind sie auf höchst bemerkenswerte Weise hergefallen. Sie würde einem ägyptischen Grabmal alle Ehre machen. Bei der leisesten Berührung droht sie zu zerfallen.«

Danach herrschte langes Schweigen. Ich lächelte und lächelte. Ich versuchte mir vorzustellen, wie ich in seinen Augen wohl aussah. Ein Gesicht, so zerknittert und alt, so altersversunken.

»Natürlich kenne ich Sie sehr gut. Im Lauf der Jahre haben wir uns ja oft genug unterhalten. Ich wünschte, ich hätte mir mehr Notizen gemacht. Es sind nur wenige Seiten, was Sie nicht überraschen dürfte. Etwas in mir sträubt sich dagegen, mir viele Notizen zu machen, was in meinem Metier vielleicht nicht eben nachahmenswert ist. Manchmal heißt es, wir bewirken nichts, für niemanden. Aber ich hoffe doch, dass wir unser Bestes für Sie getan haben, trotz meines sträflichen Mangels an Notizen. Ich hoffe es wirklich. Ich freue mich, dass Sie sagen, es gehe Ihnen gut. Mir würde der Gedanke gefallen, dass Sie hier glücklich sind.«

Ich beschenkte ihn mit meinem ältesten Altfrauenlächeln, als verstünde ich nicht recht.

»Weiß Gott«, sagte er dann mit einer gewissen geistigen Eleganz, »niemand könnte hier glücklich sein.«

»Ich bin glücklich«, erwiderte ich.

»Wissen Sie«, sagte er, »ich glaube Ihnen. Ich glaube, Sie sind der glücklichste Mensch, den ich kenne. Aber ich fürchte, ich werde Ihren Fall neu bewerten müssen, Roseanne, da es in den Zeitungen einen Aufschrei der Entrüstung gegeben hat über – darüber, dass Leute, die eher aus sozialen als aus medizinischen Gründen eingesperrt wurden, weiterhin, weiterhin –«

»Festgehalten werden?«

»Ja, ja, festgehalten werden. Und zwar bis auf den heutigen Tag festgehalten werden. Natürlich sind Sie seit vielen, vielen Jahren hier, ich vermute fast, es sind vielleicht schon fünfzig?«

»Ich weiß es nicht mehr, Dr. Grene. Mag wohl sein.«

»Möglicherweise betrachten Sie diese Anstalt ja auch als Ihr Zuhause.«

»Nein.«

»Nun, wie jeder andere haben Sie das Recht, frei zu sein, wenn Sie für … für die Freiheit taugen. Ich vermute, selbst mit einhundert Jahren möchten Sie vielleicht … möchten Sie vielleicht umherspazieren und im Sommer im Meer baden und die Rosen riechen –«

»Nein!«

Eigentlich wollte ich gar nicht schreien, aber wie Sie merken werden, ist der bloße Gedanke an derlei kleine Aktivitäten, die die meisten Menschen mit Behagen und Lebensglück verbinden, noch immer ein Messer in meinem Herzen.

»Verzeihung?«

»Nein, nein, bitte fahren Sie fort.«

»Wie auch immer, falls ich feststellen sollte, dass Sie ohne wirklichen Grund, sozusagen ohne medizinische Grundlage hier sind, müsste ich mich um eine andere Regelung bemühen. Ich möchte Sie nicht beunruhigen. Und ich habe nicht die Absicht, meine liebe Roseanne, Sie in die Kälte hinauszuschicken. Nein, nein, dies wäre eine sorgfältig abgestimmte Maßnahme und bedarf, wie gesagt, meiner vorherigen Neubewertung. Fragen, ich würde Sie befragen müssen – bis zu einem gewissen Grad.«

Ich war mir ihres Ursprungs nicht ganz sicher, aber in mir breitete sich ein Gefühl der Angst aus, so wie ich mir vorstelle, dass sich das Gift gespaltener Atome in den Menschen der Außenbezirke von Hiroshima ausgebreitet und sie ebenso sicher getötet hat wie die Explosion selbst. Angst wie eine Krankheit, die Erinnerung an eine Krankheit, zum ersten Mal seit vielen Jahren verspürte ich sie.

»Fehlt Ihnen etwas, Roseanne? Bitte regen Sie sich nicht auf.«

»Natürlich will ich meine Freiheit, Dr. Grene. Aber sie ängstigt mich auch.«

»Der Gewinn der Freiheit«, sagte Dr. Grene freundlich, »vollzieht sich stets in einer Atmosphäre der Ungewissheit. Wenigstens in diesem Land. Vielleicht in allen Ländern.«

»Mord«, sagte ich.

»Ja, manchmal«, sagte er sanft.

Dann schwiegen wir, und ich betrachtete das solide Rechteck aus Sonnenlicht im Zimmer. Dort hatte sich uralter Staub abgesetzt.

»Freiheit, Freiheit«, sagte er.

Irgendwo in seiner staubigen Stimme tönte undeutlich die Glocke der Sehnsucht. Ich weiß nichts von seinem Leben draußen, von seiner Familie. Hat er Frau und Kinder? Irgendeine Mrs Grene? Ich weiß es nicht. Oder doch? Er ist ein kluger Mann. Sieht aus wie ein Frettchen, aber das macht nichts. Jemand, der von den alten Griechen und Römern zu erzählen weiß, ist ein Mann ganz nach dem Herzen meines Vaters. Ich mag Dr. Grene, trotz seiner staubigen Verzweiflung, denn jedes Mal liefert er mir ein Echo der Redeweise meines Vaters, die sich aus Sir Thomas Browne und John Donne zusammensetzte.

»Nun, heute fangen wir nicht damit an. Nein, nein«, sagte er und erhob sich. »Ganz bestimmt nicht. Aber es ist meine Pflicht, Ihnen die Fakten vorzutragen.«

Und wieder durchquerte er mit einer Art unendlicher ärztlicher Geduld den Raum und ging zur Tür.

»Sie verdienen nichts anderes, Mrs McNulty.«

Ich nickte.

Mrs McNulty.

Immer wenn ich diesen Namen höre, muss ich an Toms Mutter denken. Auch ich war einmal eine Mrs McNulty, allerdings nie auf so überlegene Weise wie sie. Nie. Wie sie mir hundertfach deutlich machte. Außerdem, wieso habe ich meinen Namen seither immer als McNulty angegeben, wenn sich doch jedermann größte Mühe gab, mir den Namen wegzunehmen? Ich weiß es nicht.

»Vorige Woche war ich im Zoo«, sagte er plötzlich, »zusammen mit einem Freund und dessen Sohn. Ich war in Dublin, um ein paar Bücher für meine Frau abzuholen. Über Rosen. Der Sohn meines Freundes heißt William, was ja, wie Sie wissen, auch mein Name ist.«

Das wusste ich nicht!

»Wir kamen zum Giraffenhaus. William hatte große Freude an ihnen, zwei riesige, langhalsige Giraffendamen waren es, mit weichen, langen Beinen, sehr, sehr schöne Tiere. Ich glaube, ich habe noch nie so schöne Tiere gesehen.«

Dann bildete ich mir ein, in dem schimmernden Zimmer etwas Merkwürdiges zu sehen, eine Träne, die ihm in den Augenwinkel trat, über die Wange lief und rasch herabfiel, eine Art verborgenen, ganz intimen Weinens.

»So schöne Tiere, so schöne Tiere« sagte er.

Sein Gerede hatte mich in Schweigen gehüllt, ich weiß nicht, warum. Es war eben doch nicht das offene, unbeschwerte, frohe Gerede meines Vaters. Ich wollte ihm zuhören, ihm aber jetzt nicht antworten. Diese eigenartige Verantwortung, die wir anderen gegenüber verspüren, wenn sie reden: ihnen den Trost einer Antwort zu bieten. Wir armen Menschen! Außerdem hatte er mir gar keine Frage gestellt. Er schwebte lediglich dort im Zimmer, substanzlos, ein Mann mitten im Leben, der, noch auf den Beinen, unmerklich dahinstarb, wie wir alle.

VIERTES KAPITEL

Später kam John Kane in mein Zimmer geschlurft. Murrend schob er seinen Besen vor sich her, ein Mensch, den ich zu akzeptieren gelernt habe wie alle Dinge hier, die man, wenn man sie nicht ändern kann, ertragen muss.

Mit leisem Grauen bemerkte ich, dass sein Hosenstall offen stand. Seine Hose ist mit einer Reihe klobig aussehender Knöpfe verziert. Er ist ein kleiner Mann, zugleich aber ganz Muskeln und Manneskraft. Irgendetwas stimmt mit seiner Zunge nicht, weil er alle Augenblicke mit son der barer Mühsal schlucken muss. Sein Gesicht ist von einem Schleier dunkelblauer Äderchen überzogen, wie das Gesicht eines Soldaten, der beim Abfeuern einer Kanone zu dicht an die Mündung gekommen ist. In der Gerüchteküche der Anstalt genießt er einen schlechten Ruf.

»Ich verstehe nicht, wozu Sie all die Bücher brauchen, Missus, Sie haben doch gar keine Brille, um sie zu lesen.«

Dann schluckte er wieder, schluckte.

Ich kann auch ohne Brille sehr gut sehen, aber das verriet ich ihm nicht. Er bezog sich auf die drei Bände in meinem Besitz, die Ausgabe der Religio Medici meines Vaters, Der Jagdhund des Himmels und Mr Whitmans Grashalme.

Alle drei vergilbt und abgegriffen.

Doch ein Gespräch mit John Kane kann überallhin führen, wie die Gespräche mit Jungs, als ich noch ein Mädchen von zwölf oder dreizehn Jahren war, eine Schar von Jungs an unserer Straßenecke, die gleichmütig im Regen standen und mir mit leiser Stimme Dinge zuflüsterten – jedenfalls zu Anfang noch mit leiser Stimme. Hier, inmitten der Schatten und fernen Rufe, ist Schweigen die größte Tugend.

Die, die sie nähren, lieben sie nicht; die, die sie kleiden, fürchten nicht um sie.

Das ist irgendein Zitat, aber was oder woher, weiß ich nicht.

Selbst Geschwafel ist gefährlich, Schweigen ist besser.

Ich bin schon lange Zeit hier, und in dieser Zeit habe ich die Tugend des Schweigens ganz zweifellos erlernt.

Der alte Tom hat mich hier eingewiesen. Ich glaube, dass er’s war. Sich selbst zuliebe, denn er arbeitete als Schneider in der Irrenanstalt von Sligo. Ich glaube, er hat auch Geld dazugegeben, wegen dieses Zimmers. Oder zahlt Tom, mein Mann, für mich? Aber der kann doch gar nicht mehr am Leben sein. Es ist nicht die erste Anstalt, in die ich eingewiesen wurde, die erste war –

Aber mir geht’s nicht um Schuldzuweisungen. Dies ist ein anständiger Ort, wenn auch kein Zuhause. Wenn es mein Zuhause wäre, würde ich verrückt!

Oh, ich muss mich ermahnen, mich klar auszudrücken und sicher zu sein, dass ich weiß, was ich Ihnen da erzähle. Jetzt kommt es auf Richtigkeit und Genauigkeit an.

Dies ist ein guter Ort. Dies ist ein guter Ort.

Wie ich höre, gibt es hier in der Nähe eine Stadt. Die Stadt Roscommon. Ich weiß nicht, wie weit es bis dorthin ist, nur, dass ein Feuerwehrauto für die Strecke eine halbe Stunde braucht.

Das weiß ich deswegen, weil John Kane mich eines Nachts vor vielen Jahren aus dem Schlaf gerissen hat. Er führte mich hinaus auf den Flur und trieb mich zwei, drei Treppen hinunter. In einem der Gebäudeflügel war ein Feuer ausgebrochen, und er wollte mich in Sicherheit bringen.

Statt mich direkt ins Erdgeschoss zu geleiten, durchquerte er einen langen, dunklen Saal, in dem sich auch Ärzte und andere Mitarbeiter versammelt hatten. Von unten stieg Rauch auf, aber der Saal galt als sicher. Allmählich lichtete sich das Dunkel, oder meine Augen gewöhnten sich daran.

Es standen an die fünfzig Betten darin, ein langer, schmaler Saal, dessen Vorhänge alle zugezogen waren. Dünne, zerschlissene Vorhänge. Alte, alte Gesichter, so alt wie meines jetzt. Ich war erstaunt. Sie hatten nicht allzu weit von mir entfernt gelegen, und ich hatte nichts davon gewusst. Alte, stumme Gesichter, die erstarrt dalagen, wie fünfzig russische Ikonen. Wer waren sie? Nun, es waren Ihre Angehörigen. Sprachlos, stumm schliefen sie dem Tod entgegen, krochen auf blutenden Knien unserem Herrn entgegen.

Ein Völkerstamm von Frauen, die einmal Mädchen gewesen waren. Ich flüsterte ein Gebet, um ihre Seelen rascher in den Himmel zu befördern. Denn ich glaube, sie krochen nur sehr langsam dorthin.

Vermutlich sind sie alle längst tot, zumindest ein Großteil von ihnen. Ich bin nie wieder dort gewesen. Nach einer halben Stunde traf das Löschfahrzeug ein. Daran kann ich mich noch erinnern, weil einer der Ärzte eine diesbezügliche Bemerkung machte.

Diese Orte, so ganz anders als die Welt da draußen, Orte ohne all die Dinge, derentwegen wir die Welt preisen. Wo Schwestern, Mütter, Großmütter, Jungfern liegen, allesamt vergessen.

Die Menschenstadt in der Nähe schläft und wacht, wacht und schläft und vergisst ihre verlorenen Frauen dort, in langen Reihen.

Eine halbe Stunde. Ein Brand brachte mich dazu, sie zu sehen. Nie wieder.

Die, die sie nähren, lieben sie nicht.

»Brauchen Sie das noch?«, fragt John Kane dicht an meinem Ohr.

»Was ist es?«

Es lag auf seinem Handteller. Die halbe Schale eines Vogeleis, blau wie die Äderchen in seinem Gesicht.

»O ja, danke«, sagte ich. Es war etwas, das ich vor vielen Jahren im Park aufgelesen hatte. Das Ei hatte in einer Fensternische gelegen, und bis dahin hatte er es nie erwähnt. Aber es hatte dort gelegen, blau, ohne jeden Makel und alterslos. Und doch ein altes Ding. Vor vielen, vielen Vogelgenerationen.

»Vielleicht ist es ein Rotkehlchenei«, meinte er.

»Vielleicht«, antwortete ich.

»Oder ein Lerchenei.«

»Ja.«

»Jedenfalls lege ich es zurück«, sagte er und schluckte erneut, als wäre seine Zunge an der Wurzel verhärtet. Einen Augenblick lang trat sein Adamsapfel hervor.

»Ich weiß nicht, wo all der Staub herkommt«, sagte er. »Jeden Tag fege ich das Zimmer aus, aber dauernd liegt da Staub, weiß Gott, uralter Staub. Nicht etwa neuer Staub, niemals neuer Staub.«

»Nein«, sagte ich. »Nein. Verzeihen Sie.«

Er richtete sich einen Moment auf und sah mich an.

»Wie heißen Sie?«, fragte er.

»Ich weiß nicht«, sagte ich in einem Anfall von Panik. Ich kenne ihn schon seit Jahrzehnten. Warum stellte er mir diese Frage?

»Sie wissen Ihren eigenen Namen nicht?«

»Ich weiß ihn. Ich vergesse ihn.«

»Warum klingen Sie so erschrocken?«

»Ich weiß nicht.«

»Dazu besteht keine Veranlassung«, sagte er, fegte den Staub sorgsam auf sein Kehrblech und schickte sich an, das Zimmer zu verlassen. »Wie auch immer, ich weiß Ihren Namen.«

Ich fing an zu weinen, nicht wie ein Kind, sondern wie die alte, alte Frau, die ich bin, langsame, leichte Tränen, die niemand sieht, die niemand trocknet.

Ehe mein Vater wusste, wie ihm geschah, brach der Bürgerkrieg über uns herein.

Ich schreibe dies nieder, um meine Tränen zu stillen. Ich stoße die Worte mit meinem Kugelschreiber in das Papier, als wollte ich mich selbst festheften.

Vor dem Bürgerkrieg gab es einen anderen Krieg, einen Krieg dagegen, dass das Land von England aus regiert wurde, aber in Sligo fanden keine größeren Kämpfe statt.

Ich zitiere Jack, den Bruder meines Mannes, wenn ich dies schreibe, oder zumindest höre ich aus meinen Sätzen Jacks Stimme heraus. Jacks verschwundene Stimme. Neutral. Wie meine Mutter war Jack ein Meister des neutralen Tonfalls, wenn auch nicht der Neutralität. Denn am Ende zog Jack sich eine englische Uniform an und kämpfte in jenem späteren Krieg – fast hätte ich gesagt, in jenem echten Krieg – gegen Hitler. Auch er war ein Bruder von Eneas McNulty.

Die drei Brüder Jack, Tom und Eneas. O ja.

Im Westen Irlands besteht der Name Eneas übrigens aus drei Silben: En-i-as. In Cork, fürchte ich, sind’s nur zwei, und es hört sich eher nach Anus an.

Aber der Bürgerkrieg wurde durchaus in Sligo und an der gesamten Westküste ausgefochten, mit grimmigem Eifer.

Die Freistaatler hatten den Vertrag mit England akzeptiert. Die sogenannten Irregulären hatten davor zurückgescheut wie Pferde vor einer zerstörten Brücke im Dunkeln. Denn der Norden des Landes war aus der ganzen Angelegenheit ausgespart worden, und ihnen kam es so vor, als sei ein Irland ohne Haupt akzeptiert worden, ein Torso, dem der Kopf abgeschlagen worden ist. Es war Carsons Bande im Norden, die sie weiterhin an England fesselte.

Es war mir stets ein Rätsel, weshalb Jack sich so stolz damit brüstete, ein Cousin von Carson zu sein. Aber das nur am Rande.

Damals herrschte in Irland viel Hass. Ich war vierzehn, ein Mädchen, das versuchte, in die Welt hinauszublühen. Überall Wut und Hass.

Lieber Father Gaunt. So darf ich Sie doch anreden? Nie zuvor hat ein so rechtschaffener und ehrlicher Mann einem jungen Mädchen so viel Schmerz zugefügt. Denn ich glaube nicht einen Moment lang, dass er aus böser Absicht gehandelt hat. Und doch hat er mich kujoniert, wie die Landbevölkerung es nennt. Und in der Zeit davor hatte er meinen Vater kujoniert.

Ich habe schon gesagt, dass er ein kleiner Mann war. Damit meine ich, dass sein Scheitel den meinen nicht überragte. Geschäftig, hager und gepflegt mit seinen schwarzen Kleidern und seinem kurz geschorenen Haar wie ein zum Tode Verurteilter.

In meine Gedanken drängt sich die Frage: Was meint Dr. Grene damit, dass er meinen Fall neu bewerten muss? Damit ich hinausgehen kann in die Welt? Wo ist diese Welt?

Er muss mich befragen, hat er gesagt. Hat er. Da bin ich mir sicher, und doch höre ich ihn so richtig erst jetzt, da er schon lange aus dem Zimmer ist.

Die Panik in mir ist schwärzer als abgestandener Tee.

Ich bin wie mein Vater auf seinem alten Motorrad, der, na klar, in rasendem Tempo dahinjagt, sich aber so am Lenker festklammert, dass er eine Art Sicherheit genießt.

Lösen Sie bloß nicht meine Finger vom Lenker, Dr. Grene, ich flehe Sie an.

Fort aus meinen Gedanken, guter Doktor.

Father Gaunt, eilen Sie herbei aus den Schlupfwinkeln des Todes, eilen Sie herbei und nehmen Sie seinen Platz ein.

Stellen Sie sich vor mich hin, während ich krickele und krakele.

Der folgende Bericht mag sich anhören wie eine der Geschichten meines Vaters aus seinem kleinen Evangelium, aber diese hat er nie so richtig zum Vortrag gebracht oder so ausgeschmückt, dass sie sich wie zu einem Lied rundet. Ich liefere Ihnen sozusagen die bloßen Knochen, mehr habe ich nicht zu bieten.

Im Lauf dieses Krieges gab es zweifellos viele Todesfälle, und viele Todesfälle, die eigentlich nichts anderes waren als Mord. Natürlich oblag es meinem Vater, einige von diesen Toten auf seinem schmucken Friedhof beizusetzen.

Mit vierzehn war ich noch halb Kind und schon halb Frau. Ich besuchte eine kleine Klosterschule und war durchaus nicht gleichgültig gegenüber den Jungs, die nach dem Unterricht am Schultor vorüberschlurften, ja, ich scheine mich sogar daran zu erinnern, dass ich glaubte, von ihnen steige eine Art Musik auf, eine Art menschlichen Gesumms, das ich nicht begriff. Wie ich darauf kam, von so rohen Gestalten Musik aufsteigen zu hören, weiß ich aus dem Abstand dieser Jahre nicht mehr. Aber das ist nun mal die Zauberkunst der Mädchen: Sie verwandeln bloßen Lehm in große, klassische Ideen.

So schenkte ich also meinem Vater und seiner Welt nur halbe Aufmerksamkeit. Ich war mehr mit meinen eigenen Mysterien befasst, etwa mit der Frage, wie ich meinen grässlichen Haaren Locken einbrennen konnte. Viele, viele Stunden mühte ich mich mit dem Krageneisen meiner Mutter ab, mit dem sie immer das Sonntagshemd meines Vaters bügelte. Es war ein schlankes, schmales Gerät, das sich auf der Kaminplatte rasch erhitzte, und wenn ich meine glatten gelben Strähnen auf dem Tisch ausbreitete, hoffte ich, durch Alchimie Locken in sie hineinzaubern zu können. So war ich von den Ängsten und Ambitionen meines Alters völlig in Anspruch genommen.

Dennoch hielt ich mich oft im Tempel meines Vaters auf, erledigte meine Hausaufgaben und genoss das kleine Kohlenfeuer, das er dank seiner Brennstoffbeihilfe dort unterhalten konnte. Ich lernte meinen Unterrichtsstoff und hörte ihm zu, wie er »Im Traume sah ich mich im Marmorsaal« oder dergleichen sang. Und sorgte mich um mein Haar.

Was würde ich heute für ein paar Strähnen dieses glatten gelben Haares geben!

Mein Vater beerdigte jeden, der ihm zur Beerdigung übergeben wurde. In Friedenszeiten beerdigte er meist die Alten und die Siechen, doch in Zeiten des Krieges wurde ihm häufig der Leichnam eines jungen Burschen oder eines nur unwesentlich Älteren gebracht.

Dies bereitete ihm einen Kummer, den er sich bei den Alten und Schwachen nie anmerken ließ. Deren Tod, so dachte er, war unkompliziert und hatte seine Richtigkeit, und ob die Familienangehörigen und die Trauergäste am Grab nun weinten oder stumm blieben, er wusste, dass alle das Gefühl angemessener Lebensdauer und Gerechtigkeit hatten. Oft hatte er die alte Seele, die beigesetzt werden sollte, persönlich gekannt und teilte Erinnerungen und Anekdoten, wenn es ihm tröstlich und angemessen erschien. In diesen Fällen war er eine Art Diplomat des Leides.

Doch die Leichen der im Krieg Gefallenen betrübten ihn sehr, und zwar auf andere Weise. Man könnte meinen, als Presbyterianer sei ihm in der irischen Geschichte kein Platz vergönnt gewesen. Doch Rebellion, das verstand er. In einer Schublade in seinem Schlafzimmer verwahrte er ein Gedenkbuch an den Osteraufstand 1916 mit Fotos der wichtigsten Teilnehmer und einem Kalender der Kämpfe und Kümmernisse. Das einzig Schlimme, das der Aufstand für ihn beinhaltete, war dessen eigentümlich katholisches Ethos, von dem er sich natürlich ausgeschlossen fühlte.

Es war der Tod der jungen Männer, der ihn betrübte. Immerhin waren seit dem Gemetzel des Ersten Weltkriegs nur wenige Jahre vergangen. Von Sligo aus waren in den Jahren vor und nach dem Aufstand Hunderte von Männern losgezogen, um in Flandern zu kämpfen, und da die in diesem Krieg Gefallenen nicht zu Hause begraben werden konnten, waren diese Dutzende Männer gewissermaßen in meinem Vater begraben, im geheimen Friedhof seiner Gedanken. Jetzt, im Bürgerkrieg, noch mehr Tote, und immer die Jungen. Jedenfalls gab es in Sligo keinen Fünfzigjährigen, der im Bürgerkrieg gekämpft hatte.

Nicht, dass er dagegen gewettert hätte, er wusste ja, dass es in jeder Generation Kriege gab; er widmete sich diesen Dingen vielmehr auf eine eigentümlich professionelle Art, denn schließlich war er zum Hüter der Toten berufen, ein König des Nicht-mehr.

Father Gaunt selbst war noch jung, und man hätte erwartet, dass er sich den Gefallenen auf besondere Weise verbunden fühlte. Doch Father Gaunt war so glatt und gepflegt, dass menschliches Leid zu ihm gar nicht durchdrang. Er war wie ein Sänger, der zwar die Worte kennt und die Töne halten kann, aber unfähig ist, das Lied so zu singen, wie es im Herzen des Komponisten erdacht wurde. Meistens blieb er unberührt. Über Junge und Alte sprach er mit derselben trockenen Musik hinweg.

Aber ich will nichts gegen ihn sagen. In Ausübung seines Amtes ging er in Sligo überallhin, in der Stadt trat er in düstere Zimmer, in denen verarmte Junggesellen sich an Bohnen aus Dosen mästeten, und am Fluss in verlauste Hütten, die selbst wie alte, verhungernde Männer aussahen, mit verrottendem Stroh als Haar und kleinen, stieren, trüben, schwarzen Fenstern als Augen. Dort ging er hinein, bekanntlich ohne je einen Floh oder eine Laus wieder mit hinauszunehmen. Denn er war reiner als der Tagmond.

Und wenn man ihm in die Quere kam, war ein so kleiner, reiner Mann wie ein Sensenblatt; Gras, Dornengestrüpp und die Halme menschlicher Natur mähte er einfach nieder, wie mein Vater herausfinden sollte.

Es geschah folgendermaßen.

Eines Abends, als mein Vater und ich uns im Tempel die Zeit vertrieben, bis wir zum Abendessen nach Hause zurück kehren sollten, hörten wir draußen vor der alten Eisentür ein Schlurfen und Murmeln. Mein Vater sah mich an, wachsam wie ein Hund, bevor er anschlägt.

»Was ist denn das?«, fragte er, mehr sich selbst als mich.

Drei Männer kamen herein, die einen vierten trugen, und als würden sie von einer unsichtbaren Kraft vorangetrieben, fegten sie mich vom Tisch weg, und bevor ich wusste, wie mir geschah, streifte der Rücken meiner Schuluniform den feuchten Kalk der Wand. Die Männer waren wie ein kleiner Wirbelsturm an Betriebsamkeit. Sie waren alle jung, und der Mann, den sie trugen, war bestimmt nicht älter als siebzehn. Ein recht hübscher Kerl, hochgewachsen und in grober Kleidung, mit viel Schlamm und Grasflecken vom Torfmoor, und viel Blut. Sehr viel dünn aussehendes Blut auf seinem Hemd. Und offensichtlich war er mausetot.

Die anderen drei Burschen kläfften und winselten fast hysterisch, was wiederum Hysterie in mir aufkeimen ließ. Mein Vater jedoch stand düster vor seinem Kamin, wie ein Mann, der sich anstrengt, geheimnisvoll zu wirken, das Gesicht so ausdruckslos wie möglich, aber wie ich fand, doch bereit, einem Gedanken nachzugehen und, falls erforderlich, dementsprechend zu handeln. Denn die drei Jungen waren mit alten Gewehren behängt, und ihre Taschen beulten sich von anderen Waffen, die sie vielleicht nach einem Scharmützel wahllos aufgelesen hatten. Ich wusste, Waffen waren die knappste Kriegswährung.

»Was habt ihr vor, Jungs?«, fragte mein Vater. »Es gibt bestimmte Regeln dafür, wie Leichen hier hereingebracht werden, wisst ihr, und ihr könnt nicht einfach aus heiterem Himmel einen Jungen hier abladen. Habt Erbarmen.«

»Mr Clear, Mr Clear«, sagte einer der Männer, ein Bursche mit ernstem Gesicht und mit der Läuse wegen kurz geschorenen Haaren, »wir konnten ihn nirgendwo anders hinbringen.«

»Sie kennen mich?«, fragte mein Vater.

»Ich kenne Sie gut genug. Jedenfalls weiß ich, wes Gottes Kind Sie sind, und die, die es wissen müssen, haben mir gesagt, dass Sie nicht gegen uns sind, anders als so mancher Narr hier in Sligo.«

»Das mag schon sein«, sagte mein Vater, »aber wer seid ihr? Seid ihr Freistaatler, oder gehört ihr zu den andern?«

»Sehen wir etwa aus wie Freistaatler, mit dem halben Bergmoor in den Haaren?«

»Nein, das nicht. Also, Jungs, was wollt ihr von mir? Wer ist der Kerl da?«

»Der arme Mann da«, antwortete derselbe Redner, »ist Willie Lavelle, und er war siebzehn Jahre alt und ist oben auf dem Berg umgebracht worden, von einem Haufen gemeiner, gedankenloser, schändlicher Schweinehunde, die sich Soldaten schimpfen, aber keine sind, und uns schlimmer behandeln als wie irgendein Black and Tan aus dem letzten Krieg. Jedenfalls genauso bös und übel. Denn wir waren so hoch oben auf dem Berg, dass uns bitterkalt war und wir Hunger hatten, und der Junge da hat sich ihnen ergeben, und wir haben uns im Heidekraut versteckt, aber die mussten ihn natürlich schlagen und treten und ihm Fragen stellen. Und gelacht haben sie, und einer hat dem Jungen die Pistole ins Gesicht gehalten, und er war der Tapferste von uns allen, aber bei allem gebotenen Respekt, Mädchen«, sagte er zu mir, »er hatte solchen Schiss, dass er sich in die Hosen gepinkelt hat, denn er wusste es genau, man weiß das immer, sagen die Leute, wenn jemand einen erschießen wird, Sir, und weil die meinten, niemand ist in der Nähe, niemand schaut zu, und niemand sieht ihre Schandtat, haben sie ihm drei Kugeln in den Bauch gejagt. Und sind fröhlich davongezogen, den Berg hinab. Bei Gott, wenn Willie beerdigt ist, nehmen wir ihre Spur auf, stimmt’s, Jungs? – und wenn wir sie finden, machen wir sie fertig.«

Dann tat der Mann etwas Unerwartetes, er brach in heftige Tränen aus, warf sich über den Leichnam seines gefallenen Kameraden und stieß einen leisen Schmerzensschrei aus, wie man ihn weder davor noch danach je gehört hat, obwohl es doch ein kleiner Tempel des Schmerzes war.

»Sachte, John«, sagte einer der anderen. »Wir sind in der Stadt, auch wenn der Leichenacker hier dunkel und still ist.«

Aber der Erste fuhr fort zu jammern und lag auf der Brust des Toten wie – ich wollte schon sagen, wie ein Mädchen, aber so nun auch wieder nicht.

Auf jeden Fall war ich bis zum Kragen meiner Schulbluse von Entsetzen erfüllt, natürlich war ich das. Mein Vater hatte seine Gelassenheit verloren und ging zwischen dem Kamin und seinem Sessel mit den wenigen flachgedrückten alten Kissen aus ehemals rotem Stoff rasch auf und ab.

»Mister, Mister«, sagte der Dritte, ein aufgeschossener, magerer Bursche, der mir noch nie begegnet war und der mit seiner Hose, die ihm nicht einmal bis zu den Knöcheln reichte, aussah, als sei er geradewegs einem Berghof entsprungen. »Sie müssen ihn sofort beerdigen.«

»Ich kann einen Mann nicht ohne Priester beerdigen, ganz zu schweigen davon, dass ihr bestimmt keine Grabstelle gekauft habt.«

»Wie sollen wir Grabstellen kaufen, wenn wir für die Irische Republik kämpfen?«, fragte der erste Mann, der seine Tränen hinunterschluckte. »Ganz Irland ist unsere Grabstelle. Uns kann man überall verbuddeln. Denn wir sind Iren. Vielleicht verstehen Sie davon nichts.«

»Ich hoffe doch, dass auch ich Ire bin«, sagte mein Vater, und ich wusste, dass die Bemerkung ihn gekränkt hatte. In Wahrheit waren Presbyterianer in Sligo nicht sonderlich gelitten, ich weiß nicht recht den Grund dafür. Es sei denn, es war darauf zurückzuführen, dass in der Vergangenheit eine Menge Bekehrungsarbeit geleistet wurde, im Westen gab es eine presbyterianische Mission und dergleichen, die, selbst wenn ihr kein durchschlagender Erfolg beschieden war, der Gemeinde in Zeiten schrecklicher Hungersnot doch eine Anzahl Katholiken beschert und so unter den Leuten Angst gesät und Misstrauen geschürt hatte.

»Sie müssen ihn beerdigen«, sagte der dritte Mann. »Das da drüben auf dem Tisch ist Johns kleiner Bruder.«

»Das ist Ihr Bruder?«, fragte mein Vater.

Plötzlich war der Mann vollkommen reglos und still.

»Ja«, antwortete er.

»Das ist sehr traurig«, sagte mein Vater. »Das ist wirklich sehr traurig.«

»Und er hat keinen Priester gehabt, der ihn losspricht. Wäre es möglich, einen Priester für ihn zu rufen?«

»Der Priester hier ist Father Gaunt«, sagte mein Vater. »Ein guter Mann. Wenn ihr möchtet, kann ich Roseanne zu ihm schicken.«

»Aber sie darf ihm nichts verraten, nur dass er herkommen soll, und auf dem Weg darf sie mit niemandem reden, schon gar nicht mit irgendeinem Soldaten des Freistaats, denn wenn sie es tut, werden wir hier alle umgebracht. Sie werden uns ohne viel Federlesens umbringen, genauso wie Willie auf dem Berg, das steht fest. Ich würde Ihnen ja sagen, dass wir Sie umbringen, wenn sie redet, aber ich bin mir nicht sicher, ob wir das wirklich fertigbrächten.«

Mein Vater sah ihn erstaunt an. Und es schien eine so ehrliche und höfliche Bemerkung, dass ich mir vornahm, mich an die Anweisung zu halten und mit niemandem zu reden.

»Außerdem haben wir gar keine Kugeln, weswegen wir uns wie die Hasen im Heidekraut versteckt und uns nicht gerührt haben. Ich wünschte, wir hätten uns gerührt, Jungs,« sagte der Bruder des Toten, »und hätten uns aufgerappelt und uns auf sie gestürzt, denn das ist keine Art, in der Welt zu sein: Willie tot und wir am Leben.«

Und er brach wieder zusammen und weinte erbarmungswürdig.

»Lasst man gut sein«, sagte mein Vater. »Ich werde Roseanne zu Father Gaunt schicken. Geh nur, Roseanne, tu, was ich dir sage, lauf zum Pfarrhaus und hol Father Gaunt, sei ein braves Mädchen.«

Also rannte ich hinaus auf den windigen, winterlichen Friedhof und durch die Alleen der Toten und hinaus auf die Kuppe der hügeligen Straße, die nach Sligo hin abfällt, eilte hinab und erreichte schließlich das Haus des Priesters, lief durch sein kleines Eisentor und den Kiesweg entlang und warf mich gegen seine massive Tür, die dunkelgrün gestrichen war wie das Blatt einer Schusterpalme. Nun, da ich mich von meinem Vater entfernt hatte, dachte ich nicht mehr an Brennscheren und Haare, sondern an sein Leben, denn ich wusste, dass die drei Überlebenden Gräuel erfahren hatten, und wer Gräuel erfahren hat, der mag sie mit ebensolchen vergelten, das ist das Gesetz des Lebens und des Krieges.

Gott sei Dank zeigte Father Gaunt schon bald sein hageres Gesicht an der Tür, und ich schnatterte drauflos und flehte ihn an, mitzukommen zu meinem Vater, er werde dort dringend gebraucht, und würde er kommen, würde er kommen?

»Ich werde kommen«, sagte Father Gaunt, denn er war keiner von denen, die vor einem zurückscheuen, wenn man sie braucht, wie so viele seiner Amtsbrüder, die zu stolz sind, um den Regen in ihrem Mund zu schmecken. Und tatsächlich, als wir den Hügel hinaufgingen, schlug uns der Regen ins Gesicht, und bald glänzte die Vorderseite seines langen schwarzen Mantels vor Nässe, und ich auch, denn was mich betrifft, so hatte ich keinen Mantel an gezogen, sondern zeigte der Welt nur meine nassen Beine.

»Welcher Mensch braucht mich denn?«, fragte der Priester misstrauisch, als ich ihn durch das Friedhofstor führte.

»Der Mensch, der Sie braucht, ist tot«, antwortete ich.

»Wenn er tot ist, wozu dann die große Eile, Roseanne?«

»Der andere Mensch, der Sie braucht, lebt noch. Es ist sein Bruder, Hochwürden.«

»Verstehe.«

Auch die Grabsteine auf dem Friedhof glänzten vor Nässe, und auf den Wegen tanzte der Wind, sodass man nicht wusste, wo der Regen einen erwischen würde.

Als wir zu dem kleinen Tempel gelangten und eintraten, hatte sich die Szene kaum verändert: als wären die vier Lebenden und ganz gewiss der Tote, als ich hinausging, eingefroren und hätten sich nicht von der Stelle gerührt. Als Father Gaunt eintrat, wandten ihm die irregulären Soldaten ihre jungen Gesichter zu.

»Father Gaunt«, sagte mein Vater. »Es tut mir leid, dass Sie herkommen mussten. Die Burschen hier haben mich gebeten, Sie rufen zu lassen.«

»Halten sie Sie etwa gefangen?«, erkundigte sich der Priester, erzürnt über den Anblick von Gewehren.

»Nein, nein.«

»Ich hoffe, Sie werden mich nicht erschießen«, sagte Father Gaunt.

»In diesem Krieg ist noch kein Priester nich’ erschossen worden«, antwortete der Mann, den ich bei mir den dritten Mann nannte. »So schlimm es auch ist. Nur der arme Kerl hier ist erschossen worden, Johns Bruder Willie. Er ist mausetot.«

»Ist er schon lange tot?«, fragte Father Gaunt. »Hat jemand ihm den letzten Atemzug genommen?«

»Ich«, antwortete der Bruder.

»Dann schenken Sie ihm seinen Atemzug jetzt wieder«, sagte Father Gaunt, »und ich werde ihn segnen. Und seine arme Seele zum Himmel auffahren lassen.«

Also küsste der Bruder seinen Bruder auf den leblosen Mund und schenkte ihm den letzten Atemzug wieder, den er im Augenblick seines Todes eingeatmet hatte. Und Father Gaunt segnete ihn, beugte sich zu ihm und schlug das Zeichen des Kreuzes über ihm.

»Können Sie ihn lossprechen, Hochwürden, damit er geläutert in den Himmel kommt?«

»Hat er einen Mord begangen, hat er in diesem Krieg einen anderen Mann getötet?«

»Im Krieg einen Mann zu töten ist kein Mord. Es ist nur der Krieg selbst.«

»Mein Freund, Sie wissen sehr wohl, dass die Bischöfe uns verboten haben, euch loszusprechen, denn sie haben entschieden, dass euer Krieg unrecht ist. Aber ich will ihn lossprechen, wenn ihr mir versichert, dass er, soweit ihr wisst, keinen Mord begangen hat. Das will ich tun.«

Da blickten die drei einander an. Auf ihren Gesichtern stand eine seltsam dunkle Furcht. Es waren junge Katholiken, und sie fürchteten sich vor diesem Priester, sie fürchteten sich davor, ihm eine Lüge aufzutischen, und sie fürchteten sich davor, in ihrer Pflicht zu versagen, ihrem Kameraden zum Himmel zu verhelfen, und ich bin sicher, dass sich jeder von ihnen auf der Suche nach einer wahrheitsgetreuen Antwort das Hirn zermartete, denn nur die Wahrheit würde den Toten ins Paradies befördern.

»Nur die Wahrheit wird euch dienlich sein«, sagte der Priester, und ich zuckte zusammen, da seine Worte ein Echo meiner eigenen Gedanken waren. Es waren die schlichten Gedanken eines schlichten Mädchens, aber vielleicht ist der katholische Glaube in seinen Grundannahmen ja selbst schlicht.

»Keiner von uns hat ihn irgendetwas Derartiges tun sehen«, sagte der Bruder schließlich. »Sonst würden wir’s sagen.«

»Dann ist es ja gut«, sagte der Priester. »Und Sie haben mein aufrichtiges Beileid. Und es tut mir leid, dass ich fragen musste. Sehr leid.«

Er trat dicht an den Toten heran und berührte ihn mit äußerster Behutsamkeit.

»Ich spreche dich los von deinen Sünden im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.«

Und alle Anwesenden, mein Vater und ich eingeschlossen, sagten Amen dazu.

FÜNFTES KAPITEL

Dr. Grenes Aufzeichnungen

Es wäre eine sehr gute Sache, wenn ich wenigstens manchmal davon überzeugt wäre, dass ich weiß, was ich tue.

Ich habe das Gesundheitsministerium vollkommen unterschätzt, was ich, um aufrichtig zu sein, nie für möglich gehalten hätte. Man hat mir mitgeteilt, die Bauarbeiten vor Ort würden in Kürze beginnen, am anderen Ende von Roscommon, ein sehr guter Standort, wird mir versichert. Damit aber nicht alles nach guten Nachrichten klingt: Es wird dort nur eine sehr geringe Anzahl von Betten geben, dabei haben wir hier so viele. Tatsächlich gibt es hier Räume mit leeren Betten, nicht weil wir sie nicht füllen könnten, sondern weil die Räume jenseits von Gut und Böse sind, mit einsturzgefährdeten Zimmerdecken und grässlich feuchten Wänden. Alles, was Eisen ist, etwa die Bettgestelle, rostet dahin. All die neuen Betten in dem neuen Gebäude werden hochmodern sein, rostfrei, brandneu und schön, aber es werden weniger sein, sehr viel weniger. Also werden wir wie verrückt aussieben müssen.

Ich kann mich des Gefühls nicht erwehren, dass ich versuche, mir anvertraute Geschöpfe zu verstoßen, die fern von mir nicht gedeihen werden. Das mag verständlich sein, zugleich aber bin ich mir selbst suspekt. Ich habe die wirklich idiotische Angewohnheit, meinen Patienten gegen über väterliche, ja sogar mütterliche Gefühle zu hegen. Nach all den Jahren, die, wie ich genau weiß, die Impulse und Instinkte anderer in diesem Bereich tätigen Menschen abtöten, bin ich noch immer geradezu eifersüchtig auf die Sicherheit, auf das Wohl meiner Patienten bedacht, selbst wenn ich an ihren Fortschritten allmählich zweifle. Aber ich bin misstrauisch. Ich frage mich, ob ich, nachdem ich bei meiner eigenen Frau versagt habe, dazu neige, diesen Ort als eine Art Eheschauplatz zu betrachten, an dem ich sündenfrei und unbescholten sein kann, ja, an dem ich (erbärmliches Verlangen) tagtäglich erlöst werde.

Früher bezeichnete man gebrauchte Kleiderstoffe, die nichts mehr taugten, als »unrettbar«. Damals wurden die Anzüge für die Männer und die Kleider für die Frauen an Orten wie diesem aus Stoffspenden angefertigt, Erstere von einem Schneider, Letztere von einer Näherin. Bestimmt dachte man, für die armen Schlucker, die hier wohnten, sei selbst das, was eigentlich »unrettbar« war, immer noch gut genug. Jetzt, da ich wie jeder andere langsam mürbe werde, da ich in dem Stoff, aus dem ich gemacht bin, hier ein Loch finde und dort einen Riss, bin ich auf diesen Ort immer stärker angewiesen. Die Verantwortung für Menschen in tiefer Bedrängnis ist eine versöhnliche Arbeit. Vielleicht sollte ich frustrierter sein über die offensichtlichen Sackgassen der Psychiatrie, die grauenhafte Verschlechterung der Lage jener, die hier vor sich hindämmern, die Unmöglichkeit des Ganzen. Aber Gott steh mir bei, ich bin es nicht. In ein paar Jahren werde ich das Rentenalter erreicht haben, und was dann? Ich werde sein wie ein Spatz ohne Garten.

Wie auch immer, ich weiß, diese Gedanken entspringen aktueller Notwendigkeit. Zum ersten Mal nehme ich die Unverfrorenheit, ich glaube, das ist das richtige Wort, die Unverfrorenheit meines Berufsstandes wahr. Dieses Durch-die-Hintertür, o ja, diese Verschlagenheit. Und nun bin ich, in einem weiteren Anfall von Idiotie, entschlossen, nicht länger verschlagen zu sein. Die ganze Woche über habe ich mich mit bestimmten Patienten unterhalten, darunter einigen ganz außergewöhnlichen Menschen. Mir ist, als würde ich sie für einen bestimmten Zweck befragen, für ihre Ausweisung, ihren Ruin. Als müssten sie, falls sie Wohlbefinden bekunden, ins Exil der segensreichen »Allgemeinheit« verbannt werden. Mir ist durchaus bewusst, dass diese Art zu denken grundverkehrt ist, deswegen versuche ich ja auch, mir hier Luft zu machen. Ich müsste mich genau anders herum verhalten: mich unbeteiligt geben, distanziert, mir bei jeder Gelegenheit Mitgefühl versagen, denn Mitgefühl ist mein schwacher Punkt. Gestern war da ein Mann, ein Bauer aus Leitrim, der früher über vierhundert Morgen besessen hat. Er ist auf eine maßlose, vollendete Weise verrückt. Er erzählte mir, seine Familie sei so alt, dass sie sich über zweitausend Jahre zurückverfolgen lasse. Er selbst, sagte er mir, sei der Letzte seines Namens. Er habe keine Kinder, ganz gewiss keine Söhne, und sein Name werde mit ihm untergehen. Der Name, fürs Protokoll, war Meel, in der Tat ein sehr merkwürdiger Name, vielleicht leitet er sich von dem gälischen Wort für Honig ab, meinte er jedenfalls. Und er ist etwa siebzig, sehr würdevoll, kränklich und verrückt. Ja, er ist verrückt. Psychotisch, um genau zu sein. Und ich entnehme seiner Akte, dass er das Pech hatte, vor Jahren auf einem Schulhof aufgegriffen zu werden, wo er unter einer Bank Schutz gesucht hatte – mit drei toten Hunden, die er sich ans Bein gebunden hatte und die er überallhin mitschleppte. Aber als ich mit ihm sprach, empfand ich nichts als Liebe. Das war lächerlich. Und es ist mir zutiefst verdächtig.

Oft kommen mir meine Patienten wie eine Herde Schafe vor, die einen Hügel hinabstürmen, direkt auf die Klippe zu. Ich müsste ein Schäfer sein, der alle Pfiffe kennt. Ich kenne keinen einzigen. Aber wir werden sehen.

»Wir werden sehen, sagte die Ratte, als sie ihr Holzbein schüttelte.«

Eins von Bets Sprichworten. Was bedeutet es? Ich habe keine Ahnung. Vielleicht ist es eine Redewendung aus einer berühmten Kindheitsgeschichte, noch so eine berühmte irische Kindheitsgeschichte, die mir, der seine Kindheit in England verbracht hat, nichts sagt. Es ist verblüffend, Ire zu sein und über keine einzige dieser Eigenarten oder Erinnerungen zu verfügen, nicht einmal über einen verdammten Akzent. Niemand auf dieser Welt hat mich je mit einem Iren verwechselt, und doch bin ich, soviel ich weiß, genau das.

Bet in ihrem Zimmer über mir war die ganze Woche mucksmäuschenstill, nicht einmal den BBC World Service hat sie gehört, wie sie es sonst immer tut. Meine Frau. Es war gespenstisch.

Gestern Abend habe ich den Versuch eines Rapprochement unternommen – falls man das Wort so schreibt. Ich zweifle nicht daran, dass ich sie liebe. Warum nützt ihr dann meine sogenannte Liebe nichts, warum gefährdet sie sie sogar? Oh, als ich meinen letzten Eintrag hier überflog, in dem ich mir mehr oder weniger subtil Mitgefühl und Liebe bescheinige – als ich es las, drehte sich mir fast der Magen um –, da habe ich mich so über mich geärgert, dass ich in die Küche ging, wo ich sie gerade dieses schreckliche Zeug zubereiten hörte, das sie abends vor dem Schlafengehen trinkt. Das Stärkungsmittel Complan. Ein in jeder Hinsicht gespenstisches Getränk, das nach Tod schmeckt. Ich meine, Leben-im-Tod und Tod-im-Leben, Coleridge, wenn ich mich recht erinnere. Ballade vom alten Seemann. Wen kann ich am Ärmel packen, um ihm meine Geschichte zu erzählen? Früher war es Bet. Jetzt bin ich ärmellos. Und bin sicher, dass ich sie allzu oft am Ärmel gepackt, oder in meinen Worten: von ihrer Kraft gezehrt und ihr nichts zurückgegeben habe. Nun ja, vielleicht. Wir hatten großartige Tage miteinander. King und Queen des Kaffees am Morgen, im Dunkel des Winters, in der Frühsonne des Sommers, die zum Fenster hereinschien, um uns zu wecken. Ach ja, Kleinigkeiten. Kleinigkeiten, die wir geistige Gesundheit nennen oder den Stoff, aus dem Gesundheit ist. Damals machte mich das Gespräch mit ihr – nein, Gott bewahre mich vor Sentimentalität. Die Zeiten sind vorüber. Jetzt sind wir zwei fremde Länder, deren Botschaften sich lediglich im selben Haus befinden. Die Beziehungen verlaufen freundschaftlich, aber streng diplomatisch. Unterschwellig ahnt man Gerüchte, Vorurteile, Erinnerungen, wie zwei Völker, die in einer früheren Generation schwere Verbrechen gegeneinander verübt haben. Wir sind ein baltischer Splitterstaat. Nur dass sie mir, der Teufel soll sie holen, nie etwas angetan hat. Die Scheußlichkeiten kommen samt und sonders aus einer Richtung.

Es war nicht meine Absicht, hier von alledem zu schreiben. Dies sollte eine zumindest halbwegs professionelle Schilderung der Dinge sein, der vielleicht letzten Tage eines unbedeutenden, vergessenen und doch unentbehrlichen Ortes. Des Ortes, an dem ich mein gesamtes Berufs leben verbracht habe. Des wunderlichen Tempels meiner Ambitionen. Ich fürchte mich davor, für die Insassen hier nichts bewirkt zu haben, sie mit zu viel Gefühl betrachtet und dadurch im Stich gelassen zu haben, ich fürchte dies ebenso sehr, wie ich sicher bin, dass ich Bets Leben ruiniert habe. Jenes »Leben«, jene ungeschriebene Geschichte ihrer selbst, die – ich weiß nicht. Ich hatte es nicht darauf angelegt. Ganz ehrlich, ich war stolz, stolz auf meine Treue zu ihr, auf meine Hochachtung vor ihr, meine regelrechte Verehrung für sie. Vielleicht war ich auch ihr gegenüber zu rührselig. Schädliche, chronische Gefühlsduselei. Verdammt, mein Stolz auf sie war mein Stolz auf mich selbst, und das war etwas Gutes. Solange sie eine gute Meinung von mir hatte, hatte ich die allerbeste Meinung von mir selbst. Davon zehrte ich, davon befeuert ging ich jeden Tag zur Arbeit. Wie wunderbar, wie kraftvoll – wie lächerlich. Aber ich würde alles in der Welt darum geben, diesen Zustand wiederzuerlangen. Ich weiß, es ist nicht möglich. Und dennoch. Wenn dieser Kosmos hier erst einmal niedergerissen ist, werden so viele kleine Geschichten mit ihm verschwinden. Im Grunde ist es beängstigend, vielleicht sogar grauenerregend.

Ich ging also in die Küche. Inwiefern ich willkommen war, kann ich nicht sagen. Vermutlich nicht sehr, meine plötzliche Gegenwart musste wohl eher ertragen werden.

Dabei rührte sie gar kein Complan an, vielmehr löste sie in einem Glas einige Tabletten auf, Aspirin oder dergleichen.

»Fehlt dir was?«, fragte ich. »Hast du Kopfschmerzen?«

»Mir geht’s ganz gut«, sagte sie.

Ich weiß, dass sie im Januar vor einem Jahr einen kleinen Schreck bekommen hatte. Sie war beim Einkaufen auf der Straße ohnmächtig geworden, und man hatte sie nach Roscommon ins Krankenhaus gebracht. Sie musste den ganzen Tag dableiben und wurde untersucht, und am Abend rief mich ganz arglos einer der Ärzte an, ich solle sie abholen. Vermutlich glaubte er, ich wüsste, dass sie dort war. Ich war äußerst beunruhigt. Als ich den Wagen aus der Einfahrt setzte, hätte ich fast einen Unfall gebaut, fast den Pfeiler gerammt, ich fuhr wie ein Mann, der seine schwangere Frau nachts ins Krankenhaus bringt, wenn die legendären Wehen einsetzen, nicht, dass sie die je durchgemacht hätte, und vielleicht liegt da ja der Hund begraben.

Jetzt starrte sie in ihr Glas.

»Wie geht’s den Beinen?«, fragte ich.

»Geschwollen«, antwortete sie. »Es ist nur Wasser. Heißt es. Ich wünschte, es würde weggehen.«

»Ja, natürlich«, meinte ich, ein wenig ermutigt durch das Wort »weg«, weit weg im Sinne von Urlaub. »Hör mal, ich hab gedacht, vielleicht wär’s ganz schön, für ein paar Tage wegzufahren, wenn auf der Arbeit alles geregelt ist. Urlaub zu machen.«

Sie sah mich an, schwenkte die schäumenden Tabletten im Glas, machte sich auf den bitteren Geschmack gefasst. Zu meinem Leidwesen muss ich berichten, dass sie lachte, es war nur ein kleiner Lacher, von dem ich vermute, dass sie ihn lieber nicht herausgelassen hätte, aber nun stand er zwischen uns, dieser eine Lacher.

»Ich glaube nicht«, sagte sie.

»Warum nicht?«, fragte ich. »Um der alten Zeiten willen. Würde uns beiden guttun.«

»Tatsächlich, Herr Doktor?«

»Ja, es würde uns guttun. Ganz bestimmt.«

Plötzlich fiel mir das Sprechen schwer, als wäre jedes Wort in meinem Mund ein kleiner Schlammklumpen.

»Es tut mir leid, William«, sagte sie, und das war ein schlechtes Zeichen, der volle Vorname, nicht mehr Will, sondern William, wie um sich zu distanzieren, »ich möchte nicht. Ich hasse es, all die Kinder zu sehen.«

»Die was?«

»Die Leute mit ihren Kindern.«

»Warum?«

Ach ja, unermesslich dumme Frage. Kinder. Die wir nicht haben. Unendlich viel Mühe haben wir darauf verwendet. Unendlich viel. Ohne belohnt worden zu sein.

»William, du bist kein Dummkopf.«

»Wir fahren irgendwohin, wo keine Kinder sind.«

»Wohin? Auf den Mars?«, fragte sie.

»Irgendwohin, wo keine sind«, sagte ich und hob das Gesicht zur Zimmerdecke, als wäre die ein möglicher Ort. »Ich weiß nicht, wo das ist.«

Roseannes Selbstzeugnis

Und dann geschah das Grauen aller Grauen.

Bis heute, ich schwör’s bei meinem Gott, weiß ich nicht, wie es geschah. Andere wissen es bestimmt oder wussten es, als sie noch lebten. Und vielleicht ist das genaue Wie ja gar nicht so wichtig, war es nie, sondern nur, was bestimmte Leute glaubten.

Nicht, dass es jetzt noch darauf ankommt, denn über all die Leute ist die Zeit hinweggegangen. Aber vielleicht gibt es ja einen anderen Ort, wo alles auf ewig Bedeutung hat, vielleicht so etwas wie das himmlische Gericht. Es wäre ein nützliches Gericht für die Lebenden, aber die werden es nie zu sehen bekommen.

Es waren Unbekannte, die damals gegen die Tür hämmerten und mit barschen Militärstimmen etwas brüllten. Wir drinnen stoben in alle Richtungen wie aufgeschreckte Kellerasseln, ich selbst wich zurück wie die Tragödin in einem der zweitklassigen Theaterstücke, die man in miefigen Gemeindesälen zu sehen bekommt, die drei Irregulären duckten sich hinter den Tisch, mein Vater zog Father Gaunt in meine Nähe, als könne er mich hinter dem Priester und seiner eigenen Liebe verstecken. Denn jedem war klar, dass gleich Schüsse fallen würden, und gerade, als ich diesen Gedanken dachte, wurde die eiserne Tür in ihren großen, knarrenden Scharnieren aufgestoßen.

Ja, es waren Jungs von der neuen Armee in ihren schlecht sitzenden Uniformen. Als sie hereinkamen, sah es ganz so aus, als hätten sie reichlich Patronen, jedenfalls richteten sie in einem Moment wilder Konzentration ihre Gewehre auf uns, und für meine jungen Augen, die zwischen den Beinen meines Vaters hindurchlugten, wirkten die Gesichter der sechs oder sieben Burschen, die den Tempel betreten hatten, im Licht des Kaminfeuers nur völlig verängstigt.

Der aufgeschossene, magere Bursche vom Berg, dem die Hosenbeine nicht einmal bis zu den Knöcheln reichten, sprang hinter dem Tisch hervor und stürzte sich, aus welchem verrückten Grund auch immer, den Neuankömmlingen entgegen, als kämpfe er auf einem regulären Schlachtfeld. Der Bruder des Toten folgte dicht hinter ihm, vielleicht nahm sein Leid ihm jede Vorsicht. Es ist schwierig, den Lärm zu beschreiben, den Gewehre in einem kleinen, abgeschlossenen Raum erzeugen, aber Ihnen würden davon die Knochen aus dem Fleisch fallen. Mein Vater, Father Gaunt und ich drückten uns gleichzeitig mit dem Rücken an die Wand, und die Kugeln, die in die beiden Burschen eindrangen, müssen eigenartige Spuren durch sie hindurchgezogen haben, denn im Putz der alten Mauer neben mir sah ich jäh explodierende Pocken. Erst die Kugeln, dann eine dünn rieselnde Kaskade von leichtestem Blut auf meiner Schuluniform, meinen Händen, meinem Vater, meinem Leben.

Die beiden Irregulären waren nicht tot, sondern krümmten sich ineinander verschlungen auf dem Boden.

»Um Gottes willen«, rief Father Gaunt, »lasst ab – es ist ein junges Mädchen hier, und gewöhnliche Leute.« Was immer er mit Letzterem meinte.

»Legt die Waffen nieder, legt die Waffen nieder«, rief einer der neuen Soldaten, fast war es ein Aufschrei. Gewiss warf nun auch der letzte Mann auf unserer Seite des Tisches sein Gewehr hin, zog seine Pistole aus dem Hosenbund, stand unverzüglich auf und hob die Hände. Eine Sekunde lang blickte er sich zu mir um, und ich glaubte schon, dass ihm die Augen tränten, irgendetwas taten seine Augen, jedenfalls durchbohrten sie mich, scharf, sehr scharf, als könnten Blicke töten, als wären sie wirksamer als die Patronen, die sie nicht besaßen.

»Hört zu«, sagte Father Gaunt. »Ich glaube – ich glaube, die Männer hier haben keine Kugeln. Bitte jeder mal einen Moment lang nichts tun!«

»Keine Kugeln?«, fragte der Kommandeur der Männer. »Weil sie die alle unseren Männern oben auf dem Berg in den Leib gejagt haben. Seid ihr die Schweine, die oben auf dem Berg waren?«

Oje, oje, wir wussten, dass sie es waren, doch aus irgend einem Grund sagte keiner von uns ein Wort.

»Ihr habt meinen Bruder umgebracht«, sagte der Mann namens John am Boden. Er hielt sich den Oberschenkel, und direkt unter ihm schwamm eine große, seltsam dunkle Lache aus Blut, Blut so schwarz wie Amseln. »Ihr habt ihn kaltblütig erschossen. Ihr hattet ihn gefangen, er war wehrlos, und ihr habt ihm in den Bauch geschossen, verfluchte drei Mal!«

»Damit ihr uns nicht nachgeschlichen kommt und uns an Ort und Stelle umlegt!«, sagte der Kommandeur. »Haltet die Männer am Boden, und du«, brüllte er demjenigen zu, der sich ergeben hatte, »betrachte dich als festgenommen. Bringt sie alle raus zum Lastwagen, Jungs, und wir klären das hier. Wir erwischen euch im Dunkel der Nacht in diesem dreckigen Bau, zusammengedrängt wie Ratten. Sie, Mann, wie heißen Sie?«

»Joe Clear«, sagte mein Vater. »ich bin der Friedhofswärter hier. Das ist Father Gaunt, einer der Kuratgeistlichen in der Gemeinde. Ich hab ihn gerufen, damit er sich um den toten Jungen kümmert.«

»In Sligo beerdigt ihr also solche wie den«, sagte der Kommandeur mit außerordentlichem Nachdruck in der Stimme. Und er stürzte um den Tisch herum und drückte Father Gaunt die Pistole an die Schläfe. »Was für ’ne Art Priester sind Sie überhaupt, dass Sie Ihren eigenen Bischöfen nicht gehorchen? Sind Sie einer von diesen dreckigen Renegaten?«

»Wollen Sie etwa einen Priester erschießen?«, fragte mein Vater erstaunt.

Father Gaunt hatte die Augen fest geschlossen und kniete jetzt genauso, wie er es in der Kirche tun würde. Er kniete, und ich weiß nicht, ob er lautlos betete, aber er sagte nichts.

»Jem«, sagte einer der anderen Soldaten des Freistaats, »bisher ist in Irland von uns noch kein Priester erschossen worden. Erschieß ihn nicht.«

Der Kommandeur trat zurück und löste seine Waffe von Father Gaunts Schläfe.

»Kommt, Jungs, ladet sie auf, wir verziehen uns.«

Und die Soldaten hoben die beiden Verwundeten einigermaßen sachte auf und geleiteten sie zur Tür hinaus. Als der dritte Mann abgeführt wurde, wandte er mir sein Gesicht zu.

»Möge Gott dir vergeben, was du getan hast, ich werde es nie.«

»Aber ich hab doch gar nichts getan!«, rief ich.

»Du hast ihnen verraten, dass wir hier sind.«

»Hab ich nicht, ich schwör’s bei Gott.«

»Gott ist nicht hier«, sagte er. »Schau dich nur an, schuldig wie die Sünde.«

»Nein!«, rief ich.

Da stieß der Mann ein schreckliches Lachen aus, wie Regen, der einem ins Gesicht peitscht, und die anderen Soldaten führten ihn ab. Wir konnten hören, wie sie den Gefangenen unterwegs gut zuredeten. Ich zitterte am ganzen Leib. Als sich der Raum geleert hatte, streckte der Kommandeur Father Gaunt seine große Pranke entgegen und half ihm auf die Füße.

»Tut mir leid, Hochwürden«, sagte er. »Das war eine schreckliche Nacht, Mord und Totschlag. Verzeihen Sie.«

Er sprach so aufrichtig, dass mein Vater, da bin ich mir sicher, von den Worten ebenso berührt war wie ich.

»Es war niederträchtig, wie Sie sich verhalten haben«, sagte Father Gaunt mit leiser Stimme, in der jedoch ein seltsam gewalttätiger Unterton mitschwang. »Niederträchtig. Ich unterstütze den neuen Staat voll und ganz. Das tun wir alle, bis auf diese verrückten fehlgeleiteten Burschen.«

»Dann sollten Sie auf Ihre Bischöfe hören. Und den Verdammten keinen Beistand leisten.«

»Überlassen Sie es ruhig mir, wie ich darüber denke«, sagte Father Gaunt mit einer Art schulmeisterlicher Arroganz. »Was haben Sie mit der Leiche vor? Wollen Sie die nicht auch mitnehmen?«

»Was wollen Sie mit ihr anstellen?«, fragte der Soldat mit jenem plötzlichem Überdruss, jenem Energieverlust, der sich nach einer großen Anstrengung einstellt. Sie hatten einen unbekannten Ort voller Gott weiß was für Gefahren gestürmt, und nun schien die Vorstellung, Johns Bruder Willie mitschleppen zu müssen, eine Federbreit zu weit zu führen. Oder einen Hammerbreit.

»Ich lasse den Arzt holen, ihn für tot erklären und herausfinden, zu wem er gehört, dann könnten wir ihn, falls Sie keine Einwände haben, vielleicht irgendwo auf dem Friedhof beerdigen.«

»Sie beerdigen einen Teufel, wenn Sie das tun. Schmeißen Sie ihn lieber in eine Grube vor den Mauern, wie einen Verbrecher oder einen Bastard.«

Father Gaunt sagte nichts dazu. Der Soldat ging hinaus. Mich hatte er kein einziges Mal angesehen. Als seine Stiefelschritte draußen auf dem Kiesweg verhallten, kroch das sonderbarste, kälteste Schweigen in den Tempel. Mein Vater stand stumm da, der Priester und ich saßen stumm auf dem kalten, feuchten Fußboden, und der Stummste von allen war Johns Bruder Willie.

»Ich bin in höchstem Maße verärgert«, sagte Father Gaunt schließlich in seiner besten Sonntagsmessenstimme, »dass ich in diese Geschichte mit hineingezogen worden bin. In höchstem Maße verärgert, Mr Clear.«

Mein Vater schaute verdutzt drein. Was hätte er anderes tun können? Das entgeisterte Gesicht meines Vater ängstigte mich ebenso wie Willies steif werdende Leiche.

»Es tut mir leid«, sagte mein Vater. »Es tut mir leid, falls ich mich falsch verhalten haben sollte, indem ich Roseanne gebeten habe, Sie zu holen.«

»Ja, Sie haben sich falsch verhalten, ja, falsch verhalten. Ich bin zutiefst gekränkt. Vielleicht erinnern Sie sich, dass ich es war, der Ihnen zu diesem Posten verholfen hat. Ich war es, und es bedurfte großer Überredungskünste, das kann ich Ihnen sagen. Sie haben es mir sehr schlecht gedankt, sehr schlecht.«

Damit ging der Priester ins Dunkel und in den Regen hinaus und ließ meinen Vater und mich bis zum Eintreffen des Doktors allein mit dem toten Jungen zurück.

»Vermutlich habe ich sein Leben in Gefahr gebracht. Vermutlich hatte er Angst. Aber das war nicht meine Absicht. Himmel, ich dachte, Priester wollen bei allem dabei sein. Das dachte ich wirklich.«

Auch mein armer Vater klang verängstigt, diesmal aber aus einem anderen, einem neuen Grund.

Wie sachte, wie langsam das Schicksal ihn zugrunde gerichtet haben musste.

Es gibt Dinge, die sich vor unseren Augen, in menschlicher Geschwindigkeit, zutragen, andere Dinge jedoch tragen sich in so hohen Bögen zu, dass sie nahezu unsichtbar sind. Der Säugling sieht im dunklen Nachtfenster einen Stern blinken und streckt die Hand aus, um nach ihm zu greifen. So mühte sich auch mein Vater ab, Dinge zu erfassen, die in Wahrheit ganz außerhalb seiner Reichweite lagen und die, wenn sie ihr Licht ausstrahlten, längst alt und erloschen waren.

Ich glaube, mein Vater brachte den Gang der Geschichte in Verlegenheit.

Er war weder geneigt noch abgeneigt, den jungen Willie zu beerdigen, und zog einen Priester zurate, der ihm bei seiner Entscheidung helfen sollte. Es war, als hätte er als Presbyterianer sich in Fememorde eingemischt oder jedenfalls in Mordtaten so jenseits aller Sanftmut und Liebe, dass nur in ihrer Nähe zu sein schon verheerend, ja mörderisch war.

Möglich, dass ich in späteren Jahren Darstellungen von jener Nacht hörte, die mit meiner eigenen Erinnerung nicht zusammenpassten, doch stets gab es eine feste Konstante: Auf dem Weg zu Father Gaunt hätte ich haltgemacht und meine Geschichte den Soldaten des Freistaats erzählt, sei es auf Geheiß meines Vaters oder aus eigenem Antrieb. Die Tatsache, dass ich die Soldaten nie gesehen, nie mit ihnen geredet, an dergleichen nicht einmal gedacht hatte – denn hätte das meinen Vater nicht womöglich in noch größere Gefahr gebracht? –, ist in der inoffiziellen Geschichte Sligos ohne Belang. Denn Ge schichte, soweit ich das beurteilen kann, ist nicht etwa eine Darstellung dessen, was geschehen ist, der Reihe nach und wahrheitsgetreu, sondern ein fabelhaftes Ge webe von Annahmen und Mutmaßungen, das dem Ansturm der vernichtenden Wahrheit als Banner entgegengehalten wird.

Bei menschlichem Leben muss die Geschichte höchst erfinderisch sein, denn das bloße Leben ist eine Anklage gegen die Herrschaft der Menschen über die Erde.

Meine Geschichte, die Geschichte eines jeden, fällt stets zum eigenen Nachteil aus, sogar was ich hier niederschreibe, denn eine Heldengeschichte habe ich nicht zu bieten. Keine Schwierigkeit, die ich mir nicht selbst eingebrockt hätte. Herz und Seele, beide Gott so teuer, sind durch den Aufenthalt hier verunreinigt, wie ließe sich das auch vermeiden? Dies hier scheinen gar nicht meine Gedanken zu sein, möglicherweise sind sie dem Büchlein von Sir Thomas Browne entnommen. Doch hören sie sich an, als wären es meine eigenen. In meinem Kopf klingen sie wie meine eigenen tönenden Gedanken. Es ist schon merkwürdig. Daher vermute ich, dass Gott ein Kenner unreiner Herzen und Seelen ist, dass er in ihnen das alte, ursprüngliche Muster erblickt und sie dafür lieben kann.

Das sollte er in meinem Fall auch besser tun, sonst ende ich bald beim Teufel.

Unser Haus war sauber, doch an dem Tag, als Father Gaunt zu Besuch kam, sah es nicht ganz so sauber aus. Es war Sonntagmorgen gegen zehn, sodass ich annehme, dass Father Gaunt zwischen zwei Messen von seiner Kirche aus den Fluss entlanggeeilt war, um an unsere Tür zu klopfen. Da meine Mutter auf einem gelben Ziegel in der Nische des Wohnzimmerfensters einen alten Spiegel aufgestellt hatte, konnten wir immer sehen, wer an der Tür war, ohne uns selbst zeigen zu müssen, und der Anblick des Priesters versetzte uns in hektischen Aufruhr. Ein vierzehnjähriges Mädchen ist sich seines Äußeren stets lebhaft bewusst oder glaubt es sein zu müssen, oder was auch immer, aber da wir gerade von Spiegeln reden, zu der Zeit war ich eine Sklavin des Spiegels im Schlafzimmer meiner Mutter, nicht etwa weil ich mir einbildete, gut auszusehen, sondern weil ich nicht wusste, wie ich aussah, und mich so manche Minute damit abmühte, mich einem Bild anzugleichen, dem ich trauen konnte oder mit dem ich zufrieden war, was mir aber niemals gelang. Das Gold meiner Haare kam mir vor wie nasses, verwildertes Gras, und nicht um alles in der Welt erkannte ich die Seele des Menschen, der mir da aus dem moosigen kleinen Spiegel meiner Mutter entgegenstarrte. Da die Ränder des Spiegels seltsam vermodert waren, hatte sie doch tatsächlich irgend eine ungewöhnliche Emaillefarbe gekauft, vielleicht in der Apotheke, und die Ränder des Spiegels mit winzigen schwarzen Stielen und Blättern verziert, was allem, das sich in diesem durchaus nicht poetischen Spiegel zeigte, einen Trauerflor verlieh. Mag sein, dass dies zum Berufsstand meines Vaters passte, jedenfalls bis da hin. Als erstes sauste ich also unsere paar kleinen Stufen hinauf zum Spiegel und bestürmte die Schrecken meiner vierzehn Jahre.

Als ich wieder ins Wohnzimmer hinunterkam, stand mein Vater in der Mitte des Raumes und blickte um sich wie ein scheuendes Pony, die Augen zuerst auf das Motorrad gerichtet, danach auf das Klavier, schließlich auf den Abstand dazwischen. Dann zuckten seine Hände zu einem Kissen auf dem »besten« Sessel. Als ich in die winzige Diele hinauslugte, stand meine Mutter einfach dort, sie war stecken geblieben, ohne einen Muskel bewegen zu können. Dann nahm sie wie eine Schauspielerin, die darauf wartet, die Bühne zu betreten, all ihren Mut zusammen und hob den Riegel an.

Das Erste, was mir auffiel, als Father Gaunt sich in den Raum schob, war, wie sehr er zu glänzen schien, sein Gesicht war so glatt rasiert, dass man mit einem Füllfederhalter hätte darauf schreiben können. Er wirkte so sicher, die sicherste Sache in Irland in einer unsicheren Zeit. Jeder Monat jenes Jahres sei der schlimmste Monat, hatte mein Vater gesagt, da jeder Getötete in ihm widerhalle. Der Priester dagegen sah unantastbar aus, makellos, abgetrennt, als hätte er mit der Geschichte Irlands nichts zu schaffen. Nicht, dass ich das damals dachte, weiß Gott, was ich dachte, ich weiß es nicht, nur, dass diese Reinlichkeit mir Furcht einflößte.

Ich hatte meinen Vater noch nie so aufgeregt erlebt. Er konnte nur stoßweise und lückenhaft sprechen.

»Ah, aber ja, setzen Sie sich dorthin, Hochwürden, ich bitte darum«, sagte er und näherte sich dem ernst dreinblickenden Priester so ungestüm, als wolle er ihn in den Sessel schubsen. Doch Father Gaunt ließ sich mit der Beherrschtheit eines Tänzers nieder.

Ich wusste, meine Mutter war in der Diele, in jenem kleinen Spalt von Privatsphäre und Stille. Ich stand zur Rechten meines Vaters wie ein Türhüter, wie ein Wachtposten gegen den Sturm eines Angriffs. Mein Kopf war angefüllt mit einem unbekannten Dunkel, ich konnte nicht denken, ich konnte das lange Gespräch, das wir in unseren Köpfen führen, als würde ohne unser Wissen ein Engel dort schreiben, nicht fortsetzen.

»Hmm«, sagte mein Vater. »Wir machen einen Tee, wie wäre das?«, sagte er. »Ja, das machen wir. Cissy, Cissy, würdest du bitte Wasser aufsetzen, Liebes?«

»Ich trinke so viel Tee«, sagte der Priester, »es ist ein Wunder, dass meine Haut sich nicht braun färbt.«

Mein Vater lachte.

»Das glaub ich gern, aus Pflichtgefühl, nicht wahr? Aber in meinem Haus ist das nicht nötig. Überhaupt nicht nötig. Ich, der ich Ihnen alles in der Welt verdanke, alles in der Welt. Nicht dass, nicht dass –«

Und hier verhaspelte sich mein Vater und errötete, und ich muss sagen, auch ich errötete, aus Gründen, die ich nicht verstand.

Der Priester räusperte sich und lächelte.

»Ich nehme eine Tasse Tee, aber natürlich.«

»Ah, das ist gut, das ist sehr gut«, und schon konnten wir meine Mutter in der Spülküche am Ende des Flurs hantieren hören.

»Es ist so kalt heute«, sagte der Priester und rieb sich plötzlich die Hände, »dass ich sehr erleichtert bin, vor einem Kamin zu sitzen, wirklich. Am Fluss ist es eisig. Glauben Sie«, sagte er und zog ein silbernes Etui heraus, »ich könnte eine rauchen?«

»Nur zu«, sagte mein Vater.

Der Priester entnahm seiner Soutane jetzt eine Schachtel Streichhölzer und seinem Etui eine merkwürdig längliche Zigarette, riss mit wunderbarer Präzision und Gewandtheit das Streichholz an und sog zusammen mit der Luft die Flamme durch das glatte Röhrchen. Dann atmete er aus und hüstelte leicht.

»Die … die«, sagte der Priester, »die Stellung auf dem Friedhof ist, wie Sie sich wohl denken können, nicht … haltbar. Ähem?«

Er tat einen weiteren eleganten Zug an seiner Zigarette und fügte hinzu: »Ich fürchte wirklich, Joe. Mir ist die Tatsache ebenso unangenehm, wie sie Ihnen unangenehm sein dürfte. Aber Sie werden gewiss einsehen, was für eine … was für eine große Staubwolke auf meinem Kopf niedergegangen ist – angefangen vom Bischof, der der Meinung ist, alle Renegaten müssten, wie auf der letzten Synode beschlossen, exkommuniziert werden, bis hin zum Bürgermeister, der, wie Sie vielleicht wissen, sehr gegen den jetzigen Vertrag eingestellt ist und der, als einflussreichster Mann in Sligo, großen … großen Einfluss besitzt. Wie Sie sich vorstellen können, Joe.«

»Oh«, machte mein Vater.

»Ja.«

Nun zog der Priester zum dritten Mal an seiner Zigarette und stellte fest, dass er es bereits mit einer beträchtlichen Menge Asche zu tun hatte. Mit jener Pantomimik, die Raucher so an sich haben, sah er sich nach einem Aschenbecher um, einem Gegenstand, den es in unserem Haus nicht gab, nicht einmal für Gäste. Mein Vater verblüffte mich damit, dass er dem Priester seine Hand hinhielt, zugegebenermaßen eine schwielige, vom Graben gehärtete Hand, und Father Gaunt verblüffte mich damit, dass er die Asche unverzüglich in die dargebotene Hand schnippte, die, als die Hitze sie traf, vielleicht ein klein wenig zurückzuckte. Mein Vater, die Asche in der Hand, blickte beinahe dümmlich um sich, als wäre vielleicht doch irgendwo im Zimmer ohne sein Wissen ein Aschenbecher deponiert worden, und steckte sie dann mit fürchterlichem Ernst in die Hosentasche.

»Hmm«, sagte mein Vater. »Ja, ich kann mir vorstellen, dass es schwierig ist, diese beiden Pole miteinander zu versöhnen.«

Er sprach die Worte so bedächtig.

»Natürlich habe ich mich, besonders im Rathaus, nach einer alternativen Beschäftigung umgeschaut, und nachdem diese Möglichkeit zunächst … ähem … nicht möglich schien und ich drauf und dran war aufzugeben, teilte mir Mr Dolan, der Sekretär des Bürgermeisters, mit, es gebe da einen Posten, den man bereits seit Längerem zu besetzen versucht habe – angesichts der wahren Rattenplage, von der die Lagerhäuser am Flussufer heimgesucht werden, mit einiger Dringlichkeit. Finisglen ist, wie Sie wissen, ein durch und durch gesunder Bezirk, der Doktor selbst wohnt dort, bedauerlicherweise grenzen die Hafenanlagen gleich daran, wie Sie natürlich wissen, wie jedermann weiß.«

Nun, ich könnte ein kleines Buch über die Beschaffenheit menschlichen Schweigens schreiben, über Zweck und Anlass, doch das Schweigen, das mein Vater dieser Ansprache entgegenbrachte, war überaus bestürzend. Es war ein Schweigen wie ein Loch mit einem Sog darin. Er errötete noch tiefer, bis sich sein Gesicht purpurrot verfärbt hatte, als sei er das Opfer eines Überfalls.

In diesem Moment trat meine Mutter mit dem Tee herein. Sie sah aus wie eine, die Könige bedient. Vielleicht hatte sie Angst, meinen Vater anzublicken, und hielt die Augen deswegen auf das kleine Tablett mit der gemalten französischen Mohnwiese gerichtet. Ich hatte dieses Tablett schon oft an seinem Stammplatz auf der Anrichte in der Spülküche betrachtet, mir dabei vorgestellt, einen Wind über die Blumen streichen zu sehen, und mich gefragt, wie es wohl sei in jener von Hitze und einer unverständlichen Sprache erfüllten Welt.

»Also«, sagte der Priester, »ich freue mich, Ihnen im Namen des Bürgermeisters Mr Salmon den … ähem … Posten, die … ähem … Stelle anbieten zu können.«

»Die Stelle eines –?«, fragte mein Vater.

»Die Stelle eines –«, sagte der Priester.

»Eines was?«, fragte meine Mutter vermutlich gegen ihren Willen, das Wort sprang einfach in den Raum hinein.

»Eines Rattenfängers«, sagte der Priester.

Es blieb mir überlassen, ich weiß nicht, warum, den Priester zur Tür zu bringen. Auf dem schmalen Fußweg, wo die Kälte ihn umfing und zweifellos an seinen nackten Beinen die Soutane hinaufkroch, sagte der kleine Priester:

»Roseanne, richte deinem Vater bitte aus, dass sich sämtliches Zubehör für sein Gewerbe im Rathaus befindet. Fallen und so weiter, nehme ich an. Dort wird er sie finden.«

»Danke«, sagte ich.

Dann machte er sich auf den Weg die Straße hinunter. Einen Moment später hielt er an. Ich weiß nicht, warum ich stehen blieb und ihn beobachtete. Er zog einen seiner schwarzen Schuhe aus, lehnte eine Hand gegen die Backsteinwand unseres Nachbarhauses, balancierte sodann auf einem Fuß und tastete an der Unterseite seiner Socke nach etwas, das ihn beim Gehen behinderte, ein Kieselsteinchen oder ein Stückchen Splitt. Dann löste er die Socke von ihrem Halter und zog sie mit raschem Schwung aus. Dabei enthüllte er einen länglichen weißen Fuß, dessen Zehennägel ziemlich gelb waren, so wie alte Zähne, und in die Haut einwuchsen, als wären sie noch nie ge schnitten worden. Als er mich erblickte, die ich die Augen noch immer auf ihn geheftet hatte, lachte er, zog, nachdem er den störenden Stein aufgespürt hatte, Socke und Schuh wieder an und stand breitbeinig auf dem Bürgersteig.

»Was für eine Erleichterung«, sagte er freundlich. »Mach’s gut. Und«, setzte er hinzu, »gerade fällt mir ein, es gibt da auch einen Hund. Einen Hund, der zur Arbeit gehört. Zum Rattenfang.«

Als ich wieder ins Wohnzimmer kam, hatte mein Vater sich nicht gerührt. Das Motorrad hatte sich nicht gerührt. Das Klavier hatte sich nicht gerührt. Mein Vater sah aus, als würde er sich nie wieder rühren. Meine Mutter hörte ich in der Spülküche herumkratzen, genau wie eine Ratte. Oder wie ein kleiner Hund auf der Suche nach einer Ratte.

»Verstehst du etwas von dieser Arbeit, Papa?«, fragte ich.

»Ob ich – ach, ich denke schon.«

»Du wirst sie schon nicht so schwierig finden.«

»Nein, nein, auf dem Friedhof hatte ich mit so was oft zu tun. Die Ratten lieben die weiche Erde auf den Gräbern, und die Grabsteine bieten sich als Dächer geradezu an. Ja, ich hatte mit ihnen schon zu tun. Ich werde mich in die Sache einarbeiten müssen. Vielleicht gibt es in der Bücherei ein Handbuch.«

»Ein Handbuch für Rattenfänger?«, fragte ich.

»Ja, meinst du nicht, Roseanne?«

»Bestimmt, Papa.«

»O ja.«

SECHSTES KAPITEL

Ja, wie genau ich mich an den Tag erinnern kann, an dem mein Vater aus dem Friedhofsdienst entlassen wurde, ein lebendiger Mann, aus dem Reich der Toten verbannt.

Auch das war ein kleiner Mord.

Mein Vater liebte die Welt und seine Mitmenschen ohne größere Vorbehalte, ging als guter Presbyterianer davon aus, dass alle Seelen gleichermaßen angefochten sind, und hörte aus dem rauen Gelächter eines Straßenjungen eine Art Wesenserklärung des Lebens und der ihm innewohnenden Erlösung heraus. In der Tat glaubte er, dass, da Gott alles erschaffen hat, seine gesamte Schöpfung gutgeheißen werden muss, und ebenso, dass die Tragödie des Teufels darin besteht, dass er der Urheber von gar nichts und der Architekt leerer Räume ist. Aus alledem ergab sich, dass mein Vater seine gute Meinung von sich auf seine Arbeit gründete, darauf, dass er als An gehöriger eines ungewöhnlichen Religionsbekenntnisses dennoch mit der Aufgabe betraut worden war, die Katholiken Sligos zu beerdigen, wenn die Zeit einen nach dem anderen von ihnen abberief.

»Welcher Stolz, welcher Stolz!«, pflegte er zu sagen, wenn wir abends in Vorbereitung auf den Heimweg gemeinsam die Eisentore abschlossen und sein Blick durch die Gitterstäbe hindurch auf die sich verdunkelnden Grab reihen fiel, auf die undeutlicher werdenden Grabsteine in seiner Obhut. Ich nehme an, er sprach mit sich selbst oder mit den Gräbern, vermutlich nicht mit mir, und nicht einen Augenblick lang wird er geglaubt haben, dass ich ihn verstand. Mag sein, dass ich ihn damals tatsächlich nicht verstanden habe, jetzt aber wohl schon.

Die Wahrheit war, mein Vater liebte sein Land, er liebte seine Vorstellung von Irland. Wäre er als Jamaikaner auf die Welt gekommen, hätte er Jamaika vielleicht ebenso sehr geliebt. Aber er war es nicht. Seine Vorfahren hatten die kleinen Pfründen innegehabt, die ihresgleichen in irischen Ortschaften offenstanden, sie waren Bauinspektoren und dergleichen gewesen, und sein Vater hatte es sogar zu Predigerwürden gebracht. Er war in einem kleinen Pfarrhaus in Collooney zur Welt gekommen, sein kindliches Herz liebte Collooney, und sein erwachsen gewordenes Herz weitete jene Liebe auf die gesamte Insel aus. Da sein Vater einer jener radikalen Denker war, die Pamphlete über die Geschichte des Protestantismus in Irland geschrieben oder zumindest Predigten darüber gehalten hatten – denn Pamphlete haben sich keine erhalten, allerdings glaube ich mich zu erinnern, dass mein Vater ein oder zwei davon erwähnt hatte –, vertrat mein Vater Ansichten, die ihm nicht immer zum Vorteil gereichten. Will sagen, er sah im protestantischen Bekenntnis ein federweiches Instrument, das durch das alte Glaubenssystem in einen Hammer verwandelt und dazu benutzt worden war, die Köpfe jener zu zerschmettern, die sich abgeschunden hatten, um in Irland zu überleben, die meisten von ihnen von Haus aus Katholiken. Der Vater meines Vaters liebte den Presbyterianismus, er selbst auch, aber er war zu Tode betrübt, nein, er war zu Tode erzürnt über den Gebrauch, der in Irland vom Presbyterianismus ebenso wie von den Konfessionen der Anglikaner, der Baptisten und so weiter gemacht worden war.

Woher ich das weiß? Weil er an jedem Abend, an wirklich jedem Abend meiner Kindheit als Letztes immer in mein schmales Bett gekrochen kam, mich mit seinen breiten Hüften beiseite schubste, sodass ich, den Kopf dicht an seinem schnurrbärtigen Gesicht, halb auf ihm lag, und redete, redete, redete, während meine Mutter sich im anderen Zimmer schlafen legte. Wenn er ihre leisen Schnarchgeräusche hörte, verließ er mich und gesellte sich zu ihr, doch in jener halben Stunde im Dunkeln, wenn er ihr erlaubte, allein in den Schlaf zu finden, wenn der Mond zunächst auf der hinteren Mauer hockte, um dann, wie es sich für einen Mond gehört, dunkel und hell zugleich in den Himmel der (wie ich wohl weiß) unerreichbaren Sterne aufzuschweben, da trug er mir all die Ahnungen, Befürchtungen und Geschichten seines Herzens vor, sorgte sich vielleicht nicht einmal darum, dass ich womöglich nichts davon verstand, sondern bot sie mir dar wie eine Musik, die ihn und darum auch mich ebenso betörte wie die Werke von Balfe und Sullivan, seiner Meinung nach zwei der bedeutendsten Iren, die je gelebt hatten.

Und auf dem Friedhof zu arbeiten, sozusagen unter der Schirmherrschaft von Father Gaunt, war für ihn ein gewissermaßen erfülltes, ein gelungenes Leben. Eine Art Gebet, das er an den eigenen Vater richtete. Es war die Art, wie er gelernt hatte, in Irland zu leben, jenem zufälligen Geburtsland, das er so liebte.

Und mit dem Arbeitsplatz verlor er auf außergewöhnliche Weise sich selbst.

Nun wurde es heikler, mit ihm zusammenzusein. Es war schwierig für ihn, mich auf Rattenfang mitzunehmen, weil es eine so schmutzige, knifflige und gefahrvolle Tätigkeit war.

Da er ein gründlicher Mann war, machte er bald das kleine Buch ausfindig, das ihm helfen würde: Eine vollständige Darstellung der Rattenfängerei, verfasst von einem Autor mit dem Pseudonym Rattus Rattus. Dieses Bändchen berichtete von den Abenteuern eines Rattenfängers in den Fabriken von Manchester, einer Stadt, in der sich die Fabriken, die den Ratten unendlich viele Verstecke zum Leben boten, nur so häuften. Mein Vater lernte daraus, wie er bei seiner Arbeit vorzugehen hatte, alles wurde thematisiert, sogar die Aufmerksamkeit, die man den Pfoten von Frettchen widmen musste; in ihren feuchten Käfigen waren sie offenbar sehr anfällig für Fußfäule. Doch die Würde, Frettchen zu halten, blieb meinem Vater verwehrt. Die Stadtverwaltung von Sligo war weniger ehrgeizig. Man gab ihm einen Jack Russell namens Bob.

So begann die seltsamste Periode meiner Kindheit. Ich nehme an, dass ich allmählich weniger Kind als Mädchen war, weniger Mädchen als Frau. Während der Rattenfängerjahre meines Vaters senkte sich eine ernste Stimmung ganz eigener Art auf mich herab. Dinge, die mich als Kind entzückt und erfreut hatten, entzückten und erfreuten mich nicht länger. Es war, als sei mir von den Bildern und Klängen der Welt etwas genommen worden, als sei der größte Besitz eines Kindes unbefangene Freude. Sodass ich mich wie in einem Wartezustand fühlte, dem Warten auf etwas Unbekanntes, das die Anmut des Jungseins ersetzen würde. Natürlich war ich jung, sehr jung sogar, aber meiner Erinnerung nach ist niemand so alt wie ein fünfzehnjähriges Mädchen.

Die Menschen fahren mit dem, was wir normales Leben nennen, unbeirrt fort, da es keine andere Art von Leben gibt. Bei der Morgenrasur sang mein Vater weiterhin Roses of Picardy, wobei Worte und Zeilen unvollständig blieben, weil er, während er die Klinge über sein markantes Gesicht führte, hier und da gern mal eine Stelle übersprang. Wenn ich unten die Augen schloss und lauschte, sah ich ihn im Kopf in einer Art mysteriösem Kino vor mir. Heldenhaft hielt er durch, ging mit seinem Hund und seinen Fallen aus dem Haus und lernte, dies zu seiner »ganz alltäglichen Aufgabe« zu machen. Wenn er von der Arbeit zurückkam, dann nicht immer zu den alten, geregelten Zeiten, jedoch bemühte er sich nach wie vor, mit dem Sligo Champion unter dem Arm hereinzukommen und sein neues Leben ins Reich der Normalität zu zwingen.

Aber zu jener Zeit konnte es durchaus vorkommen, dass er Artikel in der Zeitung las, die auf merkwürdige Weise mit ihm zu tun hatten, zumindest weiß ich von einem Fall, denn einmal hörte ich einen leisen Schreckenslaut und sah zu ihm, der ganz in die Zeitung vertieft war, auf. Mr Roddy war der Besitzer des Champion und ein Mann der sogenannten neuen Regierung. Daher wurde über alles, was den Bürgerkrieg betraf, mit nackten, schlichten Worten berichtet, mit Worten, die darum bemüht waren, Normalität und Stabilität zu suggerieren.

»Lieber Himmel«, sagte mein Vater, »sie haben die Burschen erschossen, die damals auf dem Friedhof waren.«

»Welche Burschen?«, fragte ich.

»Diese wilden jungen Kerle, die ihren ermordeten Freund angeschleppt hatten.«

»Einer von ihnen war sein Bruder«, sagte ich.

»Ja, Roseanne, sein Bruder. Hier stehen die Namen. Er hieß Lavelle, ist das nicht seltsam? William. Und der Bruder hieß John. Aber der ist entkommen, steht hier. Geflohen.«

»Ja«, sagte ich leicht beklommen, zugleich aber unerwartet froh. Es war, als höre man von Jesse James oder dergleichen. Man würde einem Vogelfreien nicht begegnen wollen, aber wenn er entkommt, gefällt es einem doch. John Lavelle waren wir natürlich begegnet.

»Er kommt von Inishkea. Einer der Inseln. The Mullet. Eine ganz abgelegene Gegend. Tiefstes Mayo. Kann sein, dass er da sicher ist, bei seinen Leuten.«

»Ich hoffe es.«

»Es ist ihnen bestimmt schwergefallen, solche Männer zu erschießen.«

Mein Vater sprach ohne Ironie. Voller Aufrichtigkeit. Es muss ihnen in der Tat sehr schwergefallen sein. Diese Burschen alle auf einmal abzuknallen oder sich vielleicht auch einen nach dem anderen vorzunehmen, wer wusste schon, wie diese Dinge vor sich gingen, und sie, wie man so sagt, ins Jenseits zu befördern. Wer weiß, was auf dem Berg geschehen war? In der Dunkelheit? Und nun waren sie selbst tot, zusammen mit Willie Lavelle von den Inishkeas.

Mein Vater sprach kein weiteres Wort. Wir blickten einan der auch nicht an, sondern starrten auf dieselbe Stelle im Kamin, wo sich ein kleiner Kohlenhügel ab mühte.

Aber das Schweigen, das auf meiner Mutter lag, war das abgründigste von allen. Sie hätte ebenso gut ein Unterwasserwesen sein können, oder genauer gesagt, wir beide hätten, wenn ich bei ihr war, Unterwasserwesen sein können, denn sie sprach nie, sondern bewegte sich nur langsam und grüblerisch wie eine schwimmende Kreatur.

Mein Vater versuchte unablässig, sie aufzumuntern, und erwies ihr so viel Aufmerksamkeit, wie er konnte. Sein Lohn für die neue Arbeit war gering, aber so gering er auch war, mein Vater hoffte, dass er ausreichte, besonders in diesen schweren, düsteren Jahren, als der Bürgerkrieg zu Ende war und das Land sich abstrampelte, um wieder auf die Beine zu kommen. Aber ich glaube, dass damals die ganze Welt von Katastrophen gepeinigt wurde, das große Rad der Geschichte drehte sich, doch nicht von Menschenhand, sondern von der Hand irgendeiner unerklärlichen Macht. Mein Vater gab seiner Frau, was er verdiente, in der Hoffnung, sie könne mit den paar Pfund wirtschaften und sie so einteilen, dass wir damit auskamen. Doch irgendetwas ebenso Unerklärliches wie die gewaltigen Mächte der Geschichte, aber von winzigen Ausmaßen, da es nur uns betraf, schien überhand zu nehmen, und oft hatten wir fast nichts Essbares im Haus. Zur Abendbrotzeit polterte meine Mutter in der Spülküche herum, als sei sie dabei, eine Mahlzeit vorzubereiten, kam dann aber wieder in unser kleines Wohnzimmer und setzte sich einfach hin. Mein Vater, nach der Arbeit geschrubbt und wieder einsatzbereit, eine ganze Nacht vor sich – denn Ratten werden am besten nachts aufgestöbert –, mein Vater und ich, wir schauten sie an, und langsam dämmerte uns die Erkenntnis, dass nichts auf den Tisch kommen würde. Dann schüttelte mein Vater langsam den Kopf und schnallte im Geist vielleicht seinen Gürtel enger, wagte aber kaum zu fragen, woran es denn fehle. Im Angesicht ihrer Nöte begannen wir zu verhungern!

Doch nichts konnte ihr Schweigen brechen. Weihnachten nahte, und mein Vater und ich schmiedeten ein Komplott, um etwas aufzutreiben, das ihr Freude machen würde. Ihm war ein Tuch aufgefallen, das in einem kleinen Laden nahe dem Café Cairo im Schaufenster lag, und jede Woche hielt er einen Halfpenny oder so zurück, um die erforderliche Summe zusammenzusparen, wie eine Maus, die Getreidekörner hortet. Sie dürfen nicht vergessen, dass meine Mutter sehr schön war, wenn vielleicht auch nicht mehr ganz so schön, nun da ihr Schweigen in dem düsteren dünnen Stoff, den sie sich über die Gesichtshaut gezogen zu haben schien, ein Echo gefunden hatte. Sie war wie ein Gemälde, dessen Firnis sich verdunkelt und die Schönheit des Werkes verbirgt. Als das Licht ihrer herrlichen grünen Augen erlosch, verschwand auch ein wesentlicher Teil ihrer selbst. Und doch glaube ich, dass ein Künstler mit ihrer Silhouette zufrieden gewesen wäre, falls sich in Sligo ein Künstler gefunden hätte, was ich bezweifle, wenn man mal von denen absieht, die die Porträts der Jacksons, der Middletons und der Pollexfens malten, der besseren Leute in der Stadt.

Am Heiligabend brauchte mein Vater nicht zu arbeiten, und voller Freude gingen wir zum Gottesdienst, den der Pfarrer, Mr Ellis, in seiner gepflegten alten Kirche abhielt. Meine Mutter begleitete uns stumm, in ihrem schäbigen Mantel schmal wie ein Mönch. Ich habe die Szene noch gut in Erinnerung, die kleine, von Kerzen beleuchtete Kirche und die dort versammelten protestantischen Gemeindemitglieder, arm, nicht ganz so arm und einigermaßen reich, die Männer in ihren dunklen Gabardinemänteln, die Frauen, wenn das Geld reichte, mit einem Hauch von Pelz um den Hals, größtenteils aber die düsteren grünen Farbtöne der damaligen Zeit. Das Licht der Kerzen drang überallhin, in die Gesichtsfalten meines Vaters, der neben mir saß, in die Steine der Kirche, in die Stimme des Pfarrers, der seine Worte im geheimnisvollen und aufwühlenden Englisch der Bibel sprach, durch mein Brustbein hindurch in mein junges Herz, wo es mich so heftig durchbohrte, dass ich aufschreien, etwas herausschreien wollte, das ich nicht sagen konnte. Ein Aufschrei gegen das Schicksal meines Vaters, gegen das Schweigen meiner Mutter, aber auch ein Aufschrei zum Lobpreis von etwas, nämlich der Schönheit meiner Mutter, die sich verflüchtigte, jedoch immer noch vorhanden war. Mir war, als wären meine Mutter und mein Vater meiner Obhut anvertraut und könnten einzig durch mein Handeln gerettet werden. Aus irgendeinem Grund erfüllte mich dieser Gedanke mit jäher Freude, was damals sehr selten vorkam, sodass mich, als die Gemeindemitglieder irgendeinen vergessenen Choral anstimmten, ein geradezu unheimliches Glücksgefühl durchflutete und ich in dem schimmernden Dunkel heftig zu weinen begann, dicke, heiße Tränen trügerischer Erleichterung.

Also weinte ich, und genutzt hat es vermutlich keinem. Um mich her der Geruch feuchter Kleidung, das Gehuste der Kirchgänger. Was gäbe ich darum, wenn ich sie wieder in jene Kirche, in jene Weihnachtszeit zurückversetzen könnte, alles wieder zurückholen könnte, was die Zeit, wie’s nun mal ihre Art ist, bald darauf mit sich riss: die Shilling-Münzen wieder zurück in die Taschen der Leute, die Körper wieder zurück in lange Unterhosen und Fäustlinge, alles, alles wieder zurück an seinen Platz, sodass wir in schönster Eintracht dort auf dem Mahagoniholz knien oder sitzen könnten, wenn schon nicht auf ewig, so doch wenigstens für diese kurzen Augenblicke, diesen einen Stoffzipfel der Zeit, in dem die Falten meines Vaters das schimmernde Licht aufnahmen, sein Gesicht sich langsam, ganz langsam meiner Mutter und mir zuwandte und voll gelassener, ganz gewöhnlicher Güte lächelte, lächelte.

Am folgenden Morgen überreichte mir mein Vater ein wunderschönes Schmuckstück, das, wie ich später erfuhr, Modeschmuck genannt wurde. Alle Mädchen, die in Sligo ausgingen, trugen gern ein bisschen »Elsternglanz« zur Schau. Wie andere Mädchen träumte auch ich von dem sagenhaften Elsternnest, in dem Broschen, Armspangen und Ohrringe zu finden waren, ein Nest voll herrlicher Beute. Ich nahm das Geschenk meines Vater an mich, öffnete die silberfarbene Nadel und befestigte es an meiner Strickjacke, führte es stolz dem Klavier und dem Motorrad vor.

Danach überreichte mein Vater meiner Mutter das große Etwas, eingehüllt in gutes Ladenpapier, das sie früher aufgehoben, gefaltet und in eine Schublade gelegt hätte. Ruhig öffnete sie das Päckchen, betrachtete das darin eingewickelte getüpfelte Tuch, hob das Gesicht und fragte:

»Warum, Joe?«

Mein Vater hatte nicht die geringste Ahnung, worauf sie hinauswollte. War es das verkehrte Muster? Hatte er bei der Aufgabe, ein Tuch zu erstehen, auf ihm unbewusste Weise versagt – denn wer würde ihm, dem Rattenfänger, Frauenmoden erklären?

»Warum? Ich weiß nicht, Cissy. Ich weiß es nicht«, sagte er tapfer. Dann fügte er plötzlich, einer Eingebung folgend, hinzu: »Es ist ein Tuch.«

»Was hast du gesagt, Joe?«, fragte sie, als sei sie einer rätselhaften Taubheit verfallen.

»Für deinen Kopf, für deinen Hals, ganz wie du möchtest«, sagte er. Schon wühlte in ihm, das wurde mir deutlich, jenes verzweifelte Gefühl, das im Bauch desjenigen rumort, der nicht das richtige Geschenk gemacht hat. Er musste das Naheliegende erklären, stets eine unangenehme Aufgabe.

»Oh«, machte sie und starrte auf das Geschenk in ihrem Schoß. »Oh.«

»Ich hoffe, es gefällt dir«, sagte er, womit er seinen Nacken vermutlich dem Henkerbeil darbot.

»Oh«, machte sie. »Oh.« Aber was für ein Oh es war oder was es bedeutete, wusste keiner von uns.

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Дата выхода на Литрес:
25 мая 2021
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390 стр. 1 иллюстрация
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9783958299474
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