Читать книгу: «Annie Dunne»
Sebastian Barry

Aus dem Englischen von Claudia Glenewinkel und Hans-Christian Oeser
Roman Steidl
Für Derek Johns
Inhalt
Cover
Titel
Erstes Kapitel
Zweites Kapitel
Drittes Kapitel
Viertes Kapitel
Fünftes Kapitel
Sechstes Kapitel
Siebentes Kapitel
Achtes Kapitel
Neuntes Kapitel
Zehntes Kapitel
Elftes Kapitel
Zwölftes Kapitel
Dreizehntes Kapitel
Vierzehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel
Über die AutorInnen
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Impressum
Erstes Kapitel
Ach, Kelsha ist ein abgelegener Ort, hinter den Bergen, ganz gleich, von wo man kommt. Man muss über die Berge, um dorthin zu gelangen, und schließlich durch Träume.
Ich kann die beiden Kinder noch vor mir sehen, bei ihrer Ankunft, in ihre Mäntel gehüllt. Der Sommer hat gerade begonnen, und all die Rituale des Winters und des Frühlings liegen hinter uns. Nicht, dass sich um diese Rituale heute noch jemand schert.
Mein Großneffe und meine Großnichte, Bezeichnungen, die nach den Kindern eines russischen Zaren klingen.
Mein Holzapfelbaum scheint über ihre Ankunft zu wachen, wie ein armer Mann, der seit Ewigkeiten mit der Mütze in der Hand auf Almosen wartet. In den Buchen und in der Esche rauscht es, und die Hühner gackern ihre kleine Musik. Shep springt umher wie ein Kind bei einem Tanz, mit seinem zweiten Fell aus Torfschlamm und den gelben Abwässern, die auf Höfe sickern, wo die Hunde so gern dösen.
Die Mäntel der Kinder sind sehr schöne Mäntel, Stadtmäntel. Was Mäntel betrifft, ist ihre Mutter nicht nachlässig, was immer ich sonst noch über sie sagen könnte. Doch für das Leben auf einer Farm sind sie zu schön. Wir werden sie in altes Packpapier einschlagen, sie in dem kleinen blauen Schrank in ihrem Zimmer verwahren und, so gut es geht, die Motten von ihnen fernhalten.
Durch den unteren Teil der Halbtür treibe ich die Kinder wie Kälbchen ins schöne Dämmerlicht der Küche. Auf dem blank gescheuerten Tisch stehen die riesigen Sandwiches bereit, balancieren wie verformte Brettchen auf blau-weißen Tellern. Worte werden gesprochen, und ich spüre den großen Respekt, den Sarah dem Vater der Kinder entgegenbringt, Trevor, meinem feinen Neffen mit dem sonderbaren, englisch klingenden Namen, prachtvoll in seinem grünen Künstleranzug. Sein mächtiger roter Bart, sein glatt nach hinten gekämmtes Haar, ganz wie ein Pariser Intellektueller, ein gutaussehender Mann mit dunkelbraunen zornigen Augen. Er reicht ihr ein paar Geldscheine, die sollen uns helfen, die Kinder durch den Sommer zu bringen. Ich bin stolz darauf, dass sie ihn so achtet, und stolz auf ihn, weil ich ihn großgezogen habe, damals, als meine Schwester verrückt geworden war. Meine arme Schwester Maud, die am Ende nur noch Unsinn vor sich hin brabbeln konnte.
Trevor und die Mutter der Kinder haben Großes vor, sie wollen übers Meer nach London, um zu sehen, welche Möglichkeiten sich dort bieten. Hier, in seinem eigenen Land, warten nur faulige Tümpel auf ihn, nichts, was ihn locken könnte. Mit Hilfe eines Stipendiums hat er sich weitergebildet, und ich kann den Geruch der Hoffnung an ihm riechen, den Mantel des jungen Mannes. Aber seine Hoffnung ist stark und echt. Ich bin sicher, dass er für sich und die Seinen ein Plätzchen finden wird, wo sie wohnen können und von wo aus er sich umtun und eine Anstellung finden kann. Er hat die unbedingte Entschlossenheit seines Großvaters, der vom einfachen Polizeirekruten zum Chief Superintendent der B Division in Dublin, der Hauptstadt des ganzen Landes, aufgestiegen war.
Sein Vater Matt, Mauds Ehemann, der mich so gut wie aus dem Haus geworfen hat, als sie schließlich starb, mag sich in seinen glänzend gewienerten Schuhen jeden Morgen von dem gemieteten Haus in Donnybrook zu den wilden Außenbezirken von Ringsend schleppen, wo er Kindern, die dem Unterricht so begeistert folgen, als müssten sie Ohrenkneifer verspeisen, Malen und Zeichnen beibringt. Hin und zurück auf dem schwarzen Fahrrad mit der Winterlampe und der kaum zu hörenden Klingel, in Gedanken nur beim Sommer, wenn er, sein Schicksal verfluchend, wieder die mückenverseuchte Schönheit von Wicklow malen kann.
Aber Trevor mit seinem roten Bart hat die Stärke und die Zielstrebigkeit einer anderen Generation.
Jetzt küsst er die Kinder auf den Scheitel und sagt auf Wiedersehen, benehmt euch, wir sehen uns in ein paar Monaten.
»Ich schreib dir jeden Tag«, sagt der kleine Junge, was lustig ist, denn er ist noch viel zu jung, um schreiben zu können. Doch der Vater hört seinem Sohn gar nicht zu, er starrt ins Leere, zweifellos abgelenkt von all den Dingen, die noch zu erledigen sind, den Vorkehrungen, den Fahrkarten, den Gebeten, die sich, so will ich meinen, ungefragt einstellen werden, obwohl er, wie ich weiß, beteuert, ein gottloser Mann zu sein, einer von dieser modernen Sorte, um den ich bangen würde, wenn nicht er es wäre.
»Jeden Tag, jeden Tag«, wiederholt der Junge entschieden.
»In meinem Poesiealbum werd ich den ganzen Sommer über Blumen für dich pressen«, sagt das kleine Mädchen. »Hier gibt’s sowieso niemand, der mir was reinschreiben könnte.«
»Passt auf euch auf in London«, sage ich zu ihm. »Und um die Kinder müsst ihr euch keine Sorgen machen. Ihr werdet genug damit zu tun haben, euch einzurichten.«
»Sobald alles an seinem Platz ist, lassen wir die Kinder nachkommen«, sagt Trevor. »Danke, Tante Annie. Das ist eine große Hilfe.«
»Es ist weiß Gott keine Mühe. Wir sind froh, sie hier zu haben.«
»Verwöhn sie nicht«, sagt er.
»Nein. Aber wir werden uns gut um sie kümmern.«
»Schön«, sagt Trevor, gibt mir einen Kuss auf die Wange und ist schon fort, hinaus ins schwache Sonnenlicht. Er schaut nicht zurück, obwohl die Kinder zur Tür eilen.
»Kommt jetzt rein«, sage ich für den Fall, dass sie ihren Vater plötzlich lautstark vermissen – so, als würde jemand unerwartet das Radio aufdrehen, »wir zeigen euch eure Betten, und ihr könnt eure Siebensachen in die Schubladen räumen, dann ist alles tipptopp.«
Wir alle, Sarah und ich und die Kleinen, hören, wie das Auto im Rückwärtsgang von unserem unebenen Hof wieder auf den Feldweg nach Kiltegan biegt. Das Glen of Imaal wird er meiden, weil er sich zu Recht vor den ausgefahrenen Straßen fürchtet. Ach, in diesen einsamen Gegenden leben sie noch in einer anderen, längst vergangenen Zeit, dort zeigt kein Kalender das Jahr 1959 an.
»Sarah und ich haben euer altes Zimmer geputzt«, sage ich mit sanfter Stimme.
Einen Augenblick lang wissen sie nicht vor noch zurück, wie Vieh, das in der Lücke zwischen zwei Weiden steht.
»Wenn ihr nicht bei uns seid, ist das alte Zimmer voller Spinnweben. Obwohl wir erst im April im ganzen Haus ordentlich Frühjahrsputz gemacht haben. Ich habe die Wände frisch gekalkt, also kommt mit euern schönen Sachen nicht dagegen, sonst gibt’s Streifen. Seit zwei Tagen ist das Feuer an, und die Matratzen sind gelüftet, so wie’s euch gefällt.«
Das Zimmer ist karg, das Zimmer ist kahl. Auf dem Kaminrost schwelt ein Häufchen brauner Torfsoden, an dessen Rändern ein granatrotes Feuer glimmt. Das Fenster ist klein wie eine Eule und rahmt den Wildwuchs der Esche, den dichten Schopf aus neuen Trieben, die unten der Wurzel entsprießen.
Der Kamin ist nur ein Loch mit einem schmalen Streifen lackierten Eisens als Sims. Nichts tickt in diesem Raum, die große Uhr hängt in der Küche.
»Wohnen die Mäuse noch über uns, Tante Anne?«, fragt der Junge, und ich kann spüren, wie er den Sprung macht, den kleinen Sprung auf uns zu. Er nennt mich Tante Anne wie sein Vater, fällt mir auf, obwohl ich in Wahrheit seine Großtante bin. Es ist wie ein Kompliment.
»Die Mäuse?«, frage ich zerstreut, während ich ihre wenigen Kleidungsstücke in die Schubladen räume, die nach Mottenkugeln riechen und nach den Säckchen mit Knöchelchen getrockneter Kräuter. Ich verspüre die Erleichterung wie einen Luxus, wie einen Riegel Schokolade. »In diesem Haus hat es immer schon Mäuse gegeben.«
»So«, sage ich, als die Sachen ordentlich verstaut sind, »jetzt seid ihr Leute aus Wicklow. Und das ist euer Nest. Es ist schön, wieder Küken im Nest zu haben. Ich hoffe, ihr werdet diese alten Knochen nicht allzu sehr strapazieren. Und jetzt ab in die Küche, da gibt’s was zu essen.«
Sie wissen nichts von alten Knochen. Sie folgen mir brav in die Küche. Die ganze Welt ist neu für sie, und nur wenig, wenn überhaupt etwas, kommt ihnen hässlich vor. Nichts ist alt. Sie wissen nicht, wie anstrengend es ist, Kinder zu hüten.
In letzter Zeit werde ich gegen Ende des Tages immer langsamer, wie eine Uhr, die aufgezogen werden muss. Meine Bewegungen lassen nach, und ich greife mit möglichst geringem Kraftaufwand nach den Dingen. Selbst meine Worte dehnen sich. Plötzlich erfasst mich die Angst, wir könnten zu alt sein, um auf die beiden Kleinen aufzupassen. Hundert Pflichten, und nun zwei Wesen, so energiegeladen wie eine Dampflokomotive.
Doch die Angst vergeht, und ein Gefühl tiefster Zufriedenheit, freudigster Erwartung stellt sich ein. Zwei kleine Kinder in einer kleinen Küche auf dem Land, wie sie sich über die riesigen Sandwiches hermachen. Die Steinplatten unter unseren Füßen sind zu einem beeindruckend dunklen Grün poliert. Die Anrichte an der Wand neben der Tür zu meinem und Sarahs Schlafzimmer ragt, wenn man am Feuer sitzt, hoch hinter einem auf. Darin steht das Geschirr, unser ganzer Stolz, ein ziemlich schlichtes Service, die angeschlagenen Teile ausrangiert auf dem obersten Bord. Lange, gekerbte Holzleisten hindern die Teller am Herabfallen. Nur zwei Bücher finden sich dort, beide dick und in dunkelbraunes Papier eingeschlagen – die Familienbibel meines Vaters und die Gesammelten Werke von William Shakespeare, Seite an Seite wie ein Zwillingspaar.
In diesem Raum herrscht immer Abendlicht.
Das sind wichtige Dinge.
»Vor den Sandwiches hab ich mich gefürchtet«, sagt der Junge heftig kauend.
»Wieso?«
»Wegen eurer Butter.«
»Aber es ist keine Butter drauf«, sage ich in zärtlichem Ton. Einem kleinen Jungen kann ich so etwas nicht übelnehmen. Sarah und ich hatten wohlweislich keine Butter auf die Brote geschmiert. Unsere Landbutter ist ungesalzen, und die Kinder werden ein paar Tage brauchen, bis sie sich daran gewöhnt haben. Wir hatten Sorge, sie könnten die Sandwiches zurückweisen und damit all die Mühe, die wir darauf verwendet hatten.
Sarah scheint bis zu den Schatten hoch oben in der Küche aufzuragen, und dort gibt es viele Schatten. Es ist seltsam, aber sie ist wie ein Mensch, der Häuser nicht gewohnt ist, wie ein Geschöpf, das im Freien lebt, ein Hase, eine Rohrdommel. Aber auf ihrem Gesicht liegt ein Lächeln, ein Strahlen – dauernd dreht sie den Kopf, so wie sich die Lampe eines Leuchtturms dreht, und lässt ihr warmes Lächeln auf die Kinder scheinen.
Ihr volles Haar ist puderweiß, meins dagegen ein stumpfes Grau, und sie hat einen besonderen Geruch, nicht unangenehm, aber schwer zu bestimmen, nicht etwa süß oder parfümiert. Vielleicht sind es ihre gestärkten Blusen unter der nachsichtigen blau-weißen Kittelschürze, vielleicht ist es aber auch die wie gestärkt wirkende Haut, die sie bei der täglichen Reinigung im Schlafzimmer unter Zuhilfenahme von Krug und Waschschüssel seift und schrubbt.
In diesem Haus gibt es nichts, was wir nicht geschrubbt hätten.
Nach landläufigen Maßstäben ist Sarah nicht unbedingt schön, aber anziehend, begehrenswert. Außerdem ist sie schlank und wirkt daher hochgewachsen, wie viele in ihrer Familie. Für die Kinder muss es aussehen, als nehme sie gar kein Ende, so weit reicht sie nach oben, bis in die Wolken ihres Haars. Ihre und meine Mutter waren Schwestern, aber ich glaube nicht, dass ein Fremder irgendeine Ähnlichkeit zwischen uns erkennen würde.
Über mehr als sieben Generationen stellten die Männer meiner Familie die Gutsverwalter von Humewood, die ihren waren Schneitler, als Schneiteln noch ein Handwerk war. Wären nicht Holzpflöcke aus dem Ausland in Mode gekommen, würden die von Sarahs Vorfahren so gehegten und gepflegten Haselnusswälder heute noch von besonderer Fertigkeit und Fachkenntnis zeugen. Und wäre mein Vater dem Landleben nicht so abgeneigt gewesen, hätte er vielleicht eine ähnliche Laufbahn eingeschlagen und diese Gegend nie verlassen – womit er sich eine Menge Ärger erspart hätte. Solche Dinge verbinden uns, Sarah und mich, auch wenn es in Wahrheit eher wirtschaftliche Zwänge waren, die mich wieder zu ihr führten. Ich war glücklich mit meinem Los in Dublin, mit Maud und Matt, mit dem Aufziehen der drei Jungen, doch das alles ist nun Geschichte. Die Zeit schreitet voran, sie kennt kein Verweilen. Die kleinen Jungen sind längst Männer, und Maud lebt nicht mehr.
Ach, die Gesellschaft dieser Kinder ist ein Segen. Sie ist unsere Chance. Nicht, dass wir das nicht wüssten. Wir glänzen vor Freude, wie mit Zucker aufgeschlagener Eischnee.
Als die Kinder gegessen haben, nehme ich sie mit hinüber zur Mauer, der blinden Mauer des Alkovens neben dem Kamin, wo eigentlich das Bett der Hexe stehen sollte, nur dass es keine Hexe mehr gibt, die dort schlafen könnte.
Keine Hexe im eigentlichen Sinn, sondern die alte Mutter, die ihr Zimmer und ihr Ehebett aufgeben musste, wenn der Sohn heiratete und seine frisch angetraute Braut ins Haus brachte. Vermutlich sind Sarah und ich jetzt die Hexen. Allerdings war es keiner von uns beiden vergönnt, Mutter zu werden. Als wir junge Frauen waren, hatten wir es uns so gewünscht.
Dort im Alkoven, wo es so beengt ist wie in der Zelle eines Einsiedlers und wo sich einst ein Bett aus Zweigen und Stroh befand, haben wir die Kinder, wenn wir das Glück hatten, sie bei uns zu haben, im Laufe ihres kurzen Lebens immer gemessen.
Der Kleine ist vier, und als ich ihn gegen den feuchten Putz drücke, fällt mir auf, dass er im letzten Jahr nicht allzu sehr gewachsen ist.
Das Mädchen, inzwischen etwas über sechs, hat einen Sprung von fast acht Zentimetern gemacht.
Das Haar des Jungen ist schwarz wie eine Amsel und klebt am Putz wie ein Rußfleck. Er lächelt und steht ruhig und bereitwillig da: ein kleiner Wachposten. Ich fürchte, in meinem tiefsten Innern glaube ich, dass ein Junge so viel wert ist wie zwei Mädchen. Ein Vorurteil, das ich einfach nicht loswerden kann.
Ihre Körpergröße zu messen ist wie Kälber zu untersuchen. Als hätten wir, solange sie nicht in unserer Obhut waren, um ihr Wachstum gebangt, uns gefragt, ob sie auch ordentlich gefüttert und getränkt würden. Meine Hände zittern, als ich sie auf die schmalen Schultern des Jungen lege. Ein Zittern in der Magengrube, für einen Moment wird mir fast übel. Vielleicht liegt es daran, dass ich mich zu ihm hinabbeugen muss. Klein ist er und makellos, sein Gesicht so glatt wie der Wasserspiegel eines Brunnens. Sein Lächeln so bezaubernd, dass man es zeichnen möchte, und tatsächlich bin ich mir sicher, dass sein Großvater Matt ihn, um sich vom Unterrichten jener undankbaren Kinder in Ringsend zu erholen, oft gezeichnet hat. Er ist so begabt darin, still zu sitzen. Still wie eine Landschaft.
Es ist wahr, ich verstehe nicht wirklich, was ein Mädchen ist, auch wenn ich vor sehr langer Zeit selber eins war. Wer mich ansieht, wird bestimmt keine Spur davon finden, keinen fortbestehenden Teil von mir, der ihm davon erzählen würde, wie ich einst über die Feldwege von Kelsha, Kiltegan und Feddin gerannt bin, leicht wie ein Büschel Stroh.
»Bin ich sehr gewachsen?«, fragt der Junge fast ein bisschen traurig, so als hätte er meine Gedanken erraten.
»Nein«, erwidere ich lachend. »Wahrlich nicht. Aber einen kleinen Sprung hast du schon gemacht.«
»Wie ich meinem Vater jemals bis zum Scheitel reichen soll, weiß ich nicht«, sagt er.
»Hast du denn die Absicht?«
»Daddy sagt, eines Tages werde ich so groß sein wie er. Aber größer soll ich nicht werden. Er sagt, wenn ich größer bin als er, muss ich von zu Hause ausziehen.«
»Vielleicht wirst du ja gar nicht größer.«
»O doch, werde ich bestimmt«, sagt er, jeder seiner neunzig Zentimeter ganz traurig.
»Ich schätze, deine Schwester wird es vor dir schaffen«, sage ich, und das Mädchen lächelt triumphierend.
»Das würde ihm nicht gefallen«, sagt sie.
»Wem?«
»Ihm«, sagt sie und meint ihren Bruder, denke ich.
Der Junge starrt seine mächtige Schwester an. Nackte Angst in seinen Augen. Diese Angst verstehe ich nicht.
»Dann iss schön deinen Teller leer«, rate ich ihm.
»Jetzt?«, fragt er zweifelnd.
»Nein, jetzt gehst du schlafen. Im Wald ist die Eule erwacht, Zeit für uns Sterbliche, zu Bett zu gehen.«
Die ganze Welt ist still. Die Buchen entlang der Mauer geben Ruhe heut Nacht. Den Wäldern auf dem Kamm muss wohl Schweigen geboten worden sein. Keine knarzenden Äste, die die Kinder stören könnten, die schließlich Stadtkinder sind und Zeit brauchen, um sich an alles zu gewöhnen, nicht nur an die Butter. Gesalzen, ungesalzen, das ist der Unterschied, gesalzenes und ungesalzenes Leben. Sie können sich nicht sofort zu Hause fühlen, das ist unmöglich, ganz gleich, wie sehr ich sie vergöttere.
Ich danke Gott für die windstille Nacht.
Die Kinder sind in ihrem Schlafzimmer und schlafen so fest wie Kiesel in einem Fluss. Ich denke an den kleinen Jungen in seinem Nest aus Laken und Decken. Die Laken steif wie weißer Karton, so gestärkt sind sie.
Ich war so darauf bedacht, ihnen angenehmes, anständiges Bettzeug zu bieten, dass ich’s wohl übertrieben habe mit der Stärke. Macht nichts. Die alte braune Wärmflasche sorgt dafür, dass die Laken ein bisschen weicher werden. Ich weiß, er wird seine kleinen Füße auf sie legen, auf freundschaftliche Art.
Gegenständen gegenüber verhält er sich seltsam, er schreibt ihnen Charaktereigenschaften zu. Darum ist die Wärmflasche seine Freundin. Der alte blaue Bettüberwurf mit den aufgestickten ländlichen Szenen ist sein Freund. Alles im Haus hat er mit einer Art gestillter Sehnsucht begrüßt. Ich frage mich, wovon er wohl träumt.
Vielleicht sieht er im Schlaf die lange, gewundene Straße nach Kelsha vor sich, die glitzernden Hecken, die unbekannten Farmhäuser. Was im Kopf eines kleinen Jungen vor sich gehen mag?
Der Kessel hängt zwar noch an seinem schmutzigen Haken – gegen den fettigen Kochdunst kommen selbst wir nicht an –, aber ich habe ihn vom Feuer weggeschwenkt. Ich darf mich nicht dazu hinreißen lassen, so spät am Abend noch Tee zu trinken, denn dann liege ich steif vor Schlaflosigkeit im Bett, und das kann ich im Augenblick wahrhaftig nicht gebrauchen. Ich werde auf meinen Schlaf angewiesen sein – zu meiner Erholung, dieser freundlichen Schwester des Schlafes.
Ist der Tag voller Mühsal, wird er uns lang; ist er voll schöner Momente, erscheint er uns kurz, und doch ist das Leben an sich nicht mehr als ein Wimpernschlag. Solche Gedanken gehen mir durch den Kopf, ländliche Gedanken vermutlich, alte Redensarten meines Vaters.
Wie ich liebte mein Vater das stille Spektakel des Kaminfeuers, zumindest bis ihn die große Unrast ergriff. Danach war ihm nichts mehr recht.
Wie ich hier so in der Düsternis des verglimmenden Torffeuers sitze, scheint alles weit entfernt, scheint alles auf Abstand bedacht, wie die Rehe, die sich im Morgendämmer vorsichtig aus dem Wald wagen, um das zarte Gras zu äsen. Ich denke an nichts Besonderes, lasse, wie man es an einem Feuer tut, meinen müßigen Gedanken freien Lauf. Und so fällt mir zum Beispiel ohne jeden Grund ein, dass Rehe an jedem Tag des Jahres Sonntagsstaat tragen.
Jack Furlong, der Kaninchenmann, stellt den Kaninchen nach, aber ich weiß, die Rehe würde er nicht jagen. Oben in den Hügeln, wo keine Bäume mehr stehen, gibt es Tausende Kaninchen. Er ist ein zartfühlender Mann, aber es ist nun mal seine Aufgabe, sie zu töten.
Billy Kerr würde die Rehe nicht in Frieden lassen, wenn er sich einen Gewinn verspräche, denn er ist ein Mann ohne Qualitäten. Wahrscheinlich gibt es überall, wo Menschen sind, einen Billy Kerr oder jemanden wie ihn. Sonst wäre ja für immer alles gut.
Aber kein Leben ist gefeit gegen die Risse in den Dingen. Wie ich so ganz allein dasitze, zwischen den schlafenden Kindern und der schlafenden Sarah, die sich in unserem Zimmer hinter mir die Bettdecke über das Gesicht gezogen hat, denke ich nicht bewusst über Billy Kerr nach. Mein Geist geht auf Wanderschaft, es gibt ein gewisses Maß an Behaglichkeit. Die Kinder schlafen lautlos, die Torfasche im Kamin fällt mit dem vertrauten mäusekleinen Geräusch in sich zusammen. Über mir kann ich die winzigen Tanzschritte der wirklichen Mäuse hören, die mit seltsamer Regelmäßigkeit auf dem Dachboden hin und her trippeln, immer von einem Ende zum andern und dann so zielstrebig zurück, als wollten sie einen großen Stern auf die staubigen Dielen zeichnen.
Nach einer Weile werde ich von einem kleinen wimmernden Laut gestört, der aus dem Hühnerstall zu kommen scheint. Der Hühnerstall ist an die südliche Giebelwand des Hauses gebaut oder doch fast, und so sind wir und die Hühner Nachbarn.
Aber dann glaube ich doch nicht, dass es die Hennen sind. Hennen geben empörte Geräusche von sich, wenn die Füchse aus den Wäldern kommen. Das hier ist nicht das Geräusch empörter Hennen, sondern etwas Weicheres, Dunkleres. Als ich begreife, dass es aus dem Zimmer der Kinder kommt, springe ich aus meinem Sessel.
Ich stürze zu ihrer Tür, hebe, so sanft jahrelange Übung es mir ermöglicht, den metallenen Riegel und spähe in das schimmernde Dunkel. Das bisschen Licht, das mir von draußen ins Zimmer folgt, betastet die Ecken und Kanten der Gegenstände, das matte Messing der Bettgestelle und dergleichen. Ich frage mich, ob der Junge wach geworden ist und die fremde Umgebung ihn ängstigt. Aber nein, es ist nicht er, sondern der zarte Schwan von einem Mädchen in ihrem weißen Nachthemd. Ihre Decken liegen zurückgeworfen im eisigen Bad des verirrten Lichts, die kleinen Beine sind angewinkelt, den Kopf mit dem dunklen Haar wirft sie hin und her, und aus ihrem roten Mund dringt ein merkwürdiges Geräusch, das sich nach echter Qual anhört.
Natürlich schleiche ich mich zu ihr. Ich weiß, dass man Schlafwandler nicht aufwecken sollte, aber sie wandelt ja nicht. Dennoch sieht sie aus, als sei sie in einer anderen Welt erwacht, als träume sie mit geöffneten Augen davon, irgendwo anders zu sein. Sie blickt weder mich noch sonst etwas im Raum an, ihre Augen sind auf Unsichtbares gerichtet.
Vielleicht sollte ich Sarah wecken, denn bei all ihrer Schweigsamkeit weiß Sarah oft die Lösung für Dinge, die mir dunkel und verworren erscheinen. Die Glieder des kleinen Mädchens wirken recht anmutig in diesem trüben Licht, sie erinnern mich an etwas, vielleicht an meine eigene Mädchenzeit, vielleicht an meinen eigenen weichen, schmächtigen Körper, bevor ich mit der Kinderlähmung zu kämpfen hatte. Ich weiß es nicht.
Das kleine Mädchen schreit auf. Ich riskiere es, eine Hand auf ihre Stirn zu legen, und als ich mich über sie beuge, verändern sich ihre Augen sofort. Sie stößt einen klaren dünnen Kreischlaut aus, wie ich ihn noch nie gehört habe.
»Was ist los, was ist los?«, frage ich.
»Der Tiger ist im Zimmer«, sagt sie.
»In Wicklow gibt es keine Tiger«, sage ich, aber, der Himmel steh mir bei, ich sehe mich trotzdem um, voller Angst, einen zu erblicken. »Gott bewahre, Kind, da ist nichts. Ssch, ssch«, sage ich, setze mich auf den Rand des schmalen Betts und streiche ihr über den Kopf. Ihr Haar ist so weich wie frisches Gras. »Brauchst keine Angst zu haben. Du bist hier in Kelsha. Liegst wohlbehalten in deinem Bett. Ich bin doch bei dir und Sarah auch.«
Das kleine Mädchen fängt an zu weinen. Es ist ein schwaches, fernes, in sich gekehrtes Weinen, schwermütig und ergreifend. Plötzlich schäme ich mich, weil ich vorhin geringer von ihr gedacht habe als von ihrem Bruder. Mein Herz fliegt ihr zu, wessen Herz würde das nicht?
»Ach, Tante Anne«, sagt sie.
»Ach, mein Liebes«, sage ich.
Ich nehme sie in die Arme. Sie ist nur Haut und zarte Knöchelchen. Sich vorzustellen, dass ein Mensch eine Seele ist, umschlossen nur von diesem Käfig aus Knochen! Was für eine Einrichtung, wie soll uns das schützen?
»Ich habe große Angst vor dem Tiger«, sagt sie. »Bin ich froh, dass er nicht hier ist.«
»Das will ich meinen«, sage ich.
Sie schaut mich an. Schiebt mich ein wenig von sich weg, wie um mich besser sehen zu können. Ihre Augen haben sich an die Dunkelheit des Zimmers gewöhnt. In ihrem Blick liegt eine ganze Welt aus Worten; fast kann ich sehen, wie ihr Gehirn damit ringt. Aber es ist zu viel für sie. Vielleicht fehlen ihr die Worte für das, was sie sagen will. Stattdessen sagt sie etwas anderes, etwas Einfaches, das alle Kinder dieser Welt irgendwann einmal gesagt haben, zu ihren Müttern oder zu wem auch immer. Aber zu mir hat es noch niemand gesagt.
»Ich hab dich lieb, Tante Anne«, sagt sie.
In meiner Brust lächelt der Wolf des Stolzes.
»Oh, da bin ich sicher«, sage ich, zufrieden wie noch nie, und decke sie wieder ordentlich zu. Und fange an zu lachen.
Und auch sie lacht.
»Schlaf jetzt«, sage ich. »Ich bleibe so lange hier sitzen, bis du eingeschlafen bist. Versprochen.«
Und genau wie ich es zu dem Jungen gesagt hatte, stößt die Schleiereule, die ja gar keinen Schleier trägt und die in der höchsten Kiefer am Rande des Waldes lebt, einen eindringlichen, erinnerungsschweren Schrei aus.
Zweites Kapitel
Bei Tageslicht öffnet und weitet sich die Farm, die furchterregenden Schatten fliehen aus den feuchten Bäumen, das Pony in seiner Box erwacht, die Kälbchen im Kälberstall rappeln sich hoch. Ich stehe, den Emaillekrug in der Hand, an der Regentonne im Hof, besänftigt von dem unerwarteten Schleier aus Sonnenlicht, der über allem liegt. Sie strahlt schon Wärme aus, die Maisonne. Selbst die Ritzen zwischen den Pflastersteinen sind mit Sonne ausgefüllt, und das Wasser in der Tonne bildet einen veränderlichen Spiegel.
Ich spüre, wie die Wärme in die Fasern meiner Bluse dringt, eine leichte Hitze für eine Frau von leichter Hitze. Meine Knochen und ihre müden Sehnen und Bänder sind dankbar. Ich hebe das Gesicht zum Licht, einmal mehr erstaunt, welche Freuden einem auf dieser Erde vergönnt sind.
Die ganze Nacht lag ich neben der schlafenden Sarah, bin selbst immer mal wieder eingeschlafen, habe, um sie nicht zu wecken, versucht, mich nicht umzudrehen und keinen Laut von mir zu geben, und war trotz der Ankunft der Kinder recht bedrückt. Wieder fürchtete ich um ihre Sicherheit, fürchtete, wir seien nicht in der Lage, auf sie aufzupassen, und fast verfluchte ich ihren Vater, dass er sie zurückgelassen hatte. Nachtgedanken, verscheucht von einer jugendlichen Sonne.
Ich tauche den Krug durch die Schicht brauner Blätter – sie sind aus der Dachrinne gefallen, die Billy Kerr hätte säubern sollen –, und das Regenwasser strömt hinein. Mit der richtigen Handbewegung kann man den Krug jetzt so aus dem Wasser heben, dass er keinen Unrat enthält, ein kleiner morgendlicher Triumph. Sarah kommt mit der großen Schüssel voller Körner aus der Küche und schließt die Halbtür hinter sich. Sie nimmt eine Faustvoll und ruft nach den Hennen im Stall, die sich noch nicht geregt haben. Vielleicht tut sie das, um sie in Aufregung zu versetzen.
»Putt-putt-putt, putt-putt-putt.«
»Sarah, Liebes, du hast dich ja noch gar nicht gewaschen.«
»Mach ich gleich, Annie.«
»Du hast die Ärmel deiner Bluse zugeknöpft und dir nicht mal die Handgelenke gewaschen.«
»Genauso wenig wie du.«
»Aber ich hab die Ärmel vorsichtshalber hochgekrempelt.«
»Die Hühner haben Hunger.«
Sie öffnet den hölzernen Riegel und zieht mühsam die alte Tür zum Hühnerstall auf. Noch so etwas, das repariert werden muss, denn die Tür schleift über den Boden, und von unten frisst sich die Nässe hinein. Billy Kerr mal wieder. Aber eigentlich ist Billy Kerr nicht bei uns angestellt, sondern bei den Dunnes in Feddin, meinen drei Cousinen, deren Hof weiter unten im Tal liegt. Wir hätten gern jemanden, der die ganze Zeit für uns arbeitet, aber den können wir uns nicht leisten. So unzuverlässig, wie er ist, würde ich Billy Kerr ohnehin nicht den üblichen Lohn zahlen.
Verwirrt und aufgebracht stürzt der Hahn aus dem Stall und marschiert im Hof auf und ab, fast rennt er. Trotzdem sieht der arme Kerl wie ein Mädchen in einem rostbraunen Tutu aus, wie eine Ballerina. Und nun folgt ihm langsam die Damenwelt, noch ein bisschen angeschlagen von der Dunkelheit des Stalls, nicht ganz so sicher, nicht ganz so eifrig. Man könnte meinen, sie lieben Sarah, so wie sie sich, kaum haben sie sie erblickt, um sie scharen. Aus dem Handgelenk, dem Handgelenk, das sie nicht gewaschen hat, wirft sie ihnen die Körner hin, und als diese auf die Steine prallen und hochspringen wie Hagelkörner, picken die Hennen sie mit den Schnäbeln auf. Ihren glasigen Augen nach zu schließen haben sie die ganze Zeit Sorge, nicht genug zu bekommen, um ihre Mägen zu füllen.
»Zurück, zurück, zurück!«, ruft Sarah, was sie in letzter Zeit immer tut, weil ihre Augen nachlassen und sie Angst hat, auf die Hühner zu treten.
»Warum tust du das?«, hatte ich sie wenige Wochen zuvor gefragt.
»Weil ich sie nicht sehen kann«, gab sie zur Antwort.
»Du musst nach Dublin zum Augenarzt«, sagte ich.
»Den könnte ich auch nicht sehen«, erwiderte sie lachend.
»Wir müssen einen Termin machen«, sagte ich. »Das wäre das Klügste.«
»Im Augenblick muss ich so zurechtkommen«, sagte sie. »Ein Arzt ist eine kostspielige Angelegenheit.«
Und seither scheint sie tatsächlich einigermaßen zurechtzukommen. Sie entwickelt Strategien, andere Sehweisen vielleicht. Ich verstehe sie nicht immer. Nachts zieht sie sich die Decke übers Gesicht, und so schläft sie dann. Wenn ich nachts nicht schlafen kann und wach im Bett liege, weil ich gegen jede Vernunft spät noch Tee getrunken habe, höre ich sie unter der Decke murren und schimpfen. Manchmal wirft sie sich so abrupt von einer Seite auf die andere, als wäre sie ein Soldat im Gefecht.
Welche Schwierigkeiten sie tagsüber auch haben mag: wenn sie schläft, scheint sie ziemlich gut zu sehen.
Langsam bahnt sie sich einen Weg durch die hungrige Hühnerschar und streut die feuchten Körner aus. Wenn sie sie ins Sonnenlicht wirft, leuchten sie hell. Ihre große Faust schleudert Blitze aus Körnern. Ihre Beine, wohlgeformt wie die schlanken Säulen des Gerichtsgebäudes in Baltinglass, schreiten voran.
»Wenn du fertig bist«, sage ich, »komm rein und wasch dir die Handgelenke wie eine anständige Frau.«
Ich trete ins Haus, schließe die Halbtür hinter mir, falls die Hennen mir folgen wollen, und gehe durch die Küche in unser Schlafzimmer. Dort gieße ich das Regenwasser in die Waschschüssel.
Dieses Wasser kann man nicht trinken. Aber wenn ich die hohlen Hände eintauche, eine Handvoll Wasser schöpfe und mir ins Gesicht klatsche, scheint es sogar unter meiner Haut zu prickeln. Dann sehe ich für einen winzigen Augenblick Dinge vor mir – sommerliche Dinge, Krähen, die krakeelend aus den Bäumen auffliegen, Blätter, die in der gleißenden Sonne aufflammen. Dann wieder das Zimmer, das schlichte Zimmer mit den Holzdielen, unser einziger Teppich die Kühle, die auf dem Boden liegt und durch die Sohlen in meine derben Schuhe zu dringen scheint.
Die beiden Murmeltiere müssen geweckt werden. Ich stehle mich in ihr Zimmer, damit ich heimlich einen Blick auf sie werfen kann, solange sie noch schlafen.
Das kleine Mädchen liegt jetzt ganz friedlich da. Liegt auf dem Bett, als gleite sie über irgendeine unsichtbare Oberfläche, als würde sie eislaufen, ein Bein vor das andere gesetzt, die Zehen gestreckt.
Der Junge hat sich nicht gerippelt und gerührt, könnte man meinen, stocksteif liegt er zwischen den gestärkten Laken, alle noch ganz glatt. Sein kleiner Kopf ruht in der Kissenmulde wie ein Ei auf weichem Erdboden. Eigentlich brauche ich sein Bett heute Abend gar nicht zu machen, brauche nur die Laken nach hinten zu schlagen, um die tönerne Wärmflasche hervorzuholen. Bei dem Anblick muss ich fast lachen.
»Hoch mit euch«, flüstere ich und trommele mit den Fingern gegen die kleinen Körper, nicht um sie zu kitzeln, sondern um sie zu wecken. »Zeit, aufzustehen. Die Hennen sind bereits gefüttert. Hoch mit euch«, sage ich, »es ist schon fast halb sieben.«
Plötzlich schlägt das kleine Mädchen die Augen auf und schaut mich an. Vielleicht ist sie schon wach gewesen und hat die Augen geschlossen gehalten, um mich zu necken.
»Halb sieben«, sagt sie. »Tante Anne, kein Mensch steht um halb sieben auf.«
»Du hast wohl schon vergessen, wie’s auf dem Land zugeht«, sage ich. »Wenn unsere Arbeit nicht bis zehn getan ist, ist der Tag vergeudet.«
»Haben wir denn so viel Arbeit?«
»Nur, mir und Sarah zuzusehen und darauf zu achten, dass Shep nicht euern Toast frisst.«
»Für Toast steh ich um halb sieben auf.«
»Ich auch«, sagt der Junge und sieht mich an aus braunen Augen, rund wie Münzen.
»Hast du schön geträumt?«, frage ich ihn.
»Ja«, sagt er. »Ich habe wunderbar geträumt.«
»Und wovon hast du in der Nacht geträumt?«
»Ich hab geträumt, dass unser Daddy uns Huckepack nimmt, uns beide, und wir lachen wie die Affen.«
»Wo hast du denn Affen jemals lachen sehen?«
»Im Zoo«, sagt er ganz ernsthaft. Er balanciert schon auf der Bettkante und zittert ein wenig.
Sie setzen sich an den provisorischen Tisch am Kamin; mit einer langen eisernen Gabel halte ich ihre Brotscheiben über das Torffeuer, und schon bald haben die Flammen sie zartbraun geröstet.
»Na also«, sagt das Mädchen. »Hörst du das?«
»Was?«, fragt der Junge.
»Ich hab dir doch gesagt, dass die Grille immer noch in der Wand hockt.«
Sie spitzen angestrengt die Ohren, um ihr zu lauschen, und natürlich singt ihnen die Grille ein Lied.
»Ich hätte gedacht, dass sie lieber draußen in den Feldern singt und nicht hier drinnen bei uns«, sagt der Junge.
»Sollte man meinen«, sage ich. »Aber bei Grillen weiß man nie.«
»Mag ich das Geräusch überhaupt? Ich weiß nicht«, sagt der Junge. »Ist eine Grille so was wie ’ne Schlange, oder wie sieht sie aus?«
»Ein kleines Ding mit gefalteten Flügeln.«
»Wie ein Engel«, sagt der Junge.
»Nun ja, dann wohl wie ein Engel in der Wand.«
Gleich darauf klappert der Riegel, und Billy Kerr steckt den Kopf zur Tür herein. Es ist sehr früh für ihn, außerdem haben wir ihm keine Nachricht zukommen lassen, dass er heraufkommen soll.
»Ah, da bist du ja, Annie«, sagt er. »Wo steckt denn Sarah um diese Zeit?«
Da bist du ja, Annie, wo steckt denn Sarah? Ich weiß nicht, warum, aber bei ihm bin ich immer misstrauisch. Er ist fünfundvierzig, und sein Äußeres geht mich eigentlich nichts an. Aber ich mag es nicht, wie er obenherum aussieht, das zottelige rote Haar und die schwarzen Stoppeln am Kinn. Ich mag seine kleine Statur nicht, und ein Kesselflicker würde sich zweimal überlegen, ob er die Sachen anziehen soll, die Billy trägt. Natürlich handelt es sich um Arbeitskleidung, und ich sollte nicht so streng sein. Aber es ist das ganze Auftreten dieses Mannes, dieses Selbstvertrauen, wo er doch kaum unter Beweis gestellt hat, dass ihm zu trauen ist. Auch wenn er seine Mütze abgenommen hat, ist es so, als hätte er sich die Mühe nicht gemacht. Jedenfalls winkt er mir mit seiner Mütze zu, als wolle er sie nach dem langen Marsch den Feldweg von Feddin herauf nur auslüften, als wolle er in unserer warmen Küche nur den Schweiß darin trocknen lassen.
»Wenn du sie nicht im Hof getroffen hast, weiß ich auch nicht, wo sie steckt. Fang bloß nicht an, hier herumzuschleichen. Es ist noch früh am Morgen, sie hat sich nicht mal gewaschen.«
»Ich seh sie nicht«, sagt er und schaut noch einmal hinter sich auf den Hof. »Nein, ich seh sie nicht.« Eine halbe Minute lang lungert er da herum und zeigt uns das struppige Haar auf seinem Hinterkopf.
Die Kinder sind still geworden, wie immer, wenn sie einen Menschen nicht kennen, und blicken ihn unverwandt an, starr wie zwei Spatenblätter. Schließlich dreht er sich wieder um und scheint die Kinder zum ersten Mal wahrzunehmen.
»Wer sind die Mädchen?«, fragt er.
»Das sind nicht beides Mädchen. Es sind die Kinder meines Neffen.«
»Ach ja. Der Junge ist aber noch nicht besonders kräftig! Wie alt ist er, vier?«
Der kleine Junge hebt neugierig den Blick.
»Er ist fast fünf«, sage ich, wie ein Verteidiger im Gerichtssaal.
»Paar Tage auf Besuch?«, fragt er leichthin.
Ich bin nicht geneigt, ihm irgendwelche Informationen zu geben, so harmlos sie sein mögen. In dieser Gegend weiß ohnehin bald jeder Bescheid. Aber Informationen sind eine Art großzügiger Geste, und ihm gegenüber bin ich knauserig. Also sage ich gar nichts, aber das ganz ungezwungen, um ihn nicht zu beleidigen, ihm allerdings auch keine Genugtuung zu verschaffen.
»Na, wie auch immer«, sagt er. »Schön, euch kennenzulernen.«
Er lungert weiter herum. Seine Fähigkeit, irgendwo herumzulungern, ist grenzenlos. Ich habe ihn mit einer Schaufel in der Hand herumlungern sehen, als er eigentlich einen Graben hätte ausheben sollen und das Feld hinter ihm schon meterweit unter Wasser stand.
Plötzlich fällt mir auf, dass sein Blick zu dem schwarzen Kessel gewandert ist, der über der Hitze des Torffeuers klappert. Ich konzentriere mich darauf, nicht in dieselbe Richtung zu schauen, sonst könnte man mir später, unten im Dorf, wo er sich über mein Temperament zweifellos lustig machen wird, Unhöflichkeit nachsagen.
Jeder weiß, dass mein Großvater dort einst der Gutsverwalter war, ein hochgewachsener und hochmütiger Mann, den Leute wie Billy Kerr nie direkt anzusprechen gewagt hätten, und wenn doch, hätte er sie keiner Antwort gewürdigt. Aber diese Tage sind vergangen und für immer verloren, wie die alten Eichenwälder Irlands, die vor langer Zeit von gierigen Händlern gerodet wurden.
Es gibt ein paar Leute, die sich auf ihre Weise an diese Dinge erinnern. Ihnen gefällt, dass ich auf Sarahs Barmherzigkeit angewiesen bin, wenn es denn so ist. Ihnen gefällt es, eine Frau zu sehen, die nur die Freundlichkeit einer Cousine vor der Anstalt der Grafschaft bewahrt, eine Frau, deren Vorfahren einstmals die Könige von Kelsha waren. Arme Annie Dunne, sagen sie vermutlich, wenn sie freundlich gesinnt sind. Sind sie es nicht, wird ihnen etwas anderes einfallen. Nun ja, damals waren wir wer, heute bin ich ein Nichts, als würde solche Herrlichkeit von einer Handvoll Asche aufgewogen. Unsere glorreiche Zeit, bevor diese verrückten Banditen, de Valera und seine Truppe, beschlossen, in einem einzigen finsteren Rausch von Blut und Mord alles umzustürzen. Vor all den Kriegen, Umbrüchen, Aufständen und Unruhen, vor dreißig langen Jahren, vor all diesen Dingen, die meinem Vater den Verstand raubten. Denn mein Vater war ein einfacher Polizist in aufrührerischer Zeit, und das hat ihm eindeutig den Rest gegeben.
Ach, Billy Kerr weiß das alles, wenn er auch sonst nichts weiß, wie er so inmitten des hellen Lichts, das die Tür einlässt, gekonnt herumlungert.
»Was gibt’s, Billy Kerr?«, fragt Sarah, als sie hinter ihm in die Tür tritt, so dass er sich von der Schwelle wegbewegen muss. Zu meiner Überraschung ändert sich sein Verhalten. Zu ihr ist er überaus freundlich, fast schon unterwürfig.
»Wie geht’s dir, Sarah?«, fragt er.
»Wie den meisten Leuten beim ersten Tageslicht, ich raffe mich auf und mache mich an die Arbeit.«
»Natürlich.«
»Dein Waschwasser ist im Schlafzimmer, Sarah«, sage ich.
»Danke, Annie«, sagt sie in betont freundlichem Ton. »Mach die untere Tür zu, Billy Kerr, sonst lässt du die Hühner rein.«
Wie er vor ihr kriecht. Ich bin beunruhigt. Ich glaube, ich war schon immer beunruhigt, wenn ein Mann zu uns ins Haus kam. Vielleicht liegt’s an meinem Charakter, oder an meiner Geschichte. Im Dublin Castle klopfte ständig das halbe Regiment an die Tür meines Vaters, um meine kleine Schwester Dolly zu sehen, und bei Gott, ich konnte nie genug davon bekommen, sie wegzuschicken. Mit einem Soldaten hätte ich sie niemals ausgehen lassen. Und was die jungen Polizisten betraf, die dem gleichen Glück nachjagten, mit denen machte ich noch kürzeren Prozess, denn ich hatte meinem Vater gut zwanzig Jahre zugehört und wusste, was sie im Monat nach Hause brachten. Ihnen öffnete ich nicht mal richtig die Tür. Und Dolly warf mir Eifersucht vor, doch selbst wenn es Eifersucht war, machte das keinen wirklichen Unterschied. Sie musste beschützt werden. Maud war fast verrückt vor Sorge – als würde bloße Sorge ausreichen, um ein solches Problem aus der Welt zu schaffen.
»Wozu bist du raufgekommen?«, frage ich ihn, während sein Blick sich an Sarah heftet, die in unserem Schlafzimmer verschwindet und dabei die vom Hühnerfutter verschmutzten Blusenärmel aufrollt. An diesen Ärmeln werden wir am Waschtag ordentlich herumrubbeln müssen, dann wird sie ihre Gleichgültigkeit bereuen.
»Häh?«, sagt er, als wäre das genug Englisch für mich.
»Bist du mit irgendeiner Arbeit nicht fertig geworden, oder was? Ich kann mich nicht daran erinnern, dich herbestellt zu haben, wenn ich das so sagen darf, ohne dich zu kränken.«
»Mich herbestellt zu haben?«, wiederholt er lächelnd, ohne sich die Mühe zu machen, seinen Hohn auszuformulieren.
»Nun, wir haben Unmengen Arbeit«, sage ich.
»Unten hab ich selbst genug Arbeit«, sagt er. »Aber ich hatte Lust, raufzukommen und euch zu besuchen.«
»Uns zu besuchen? Das soll ein Besuch sein? Morgens um sieben an einem ganz gewöhnlichen Wochentag? Wenn wir die Ställe ausmisten, die Kühe melken und Wasser holen müssen?«
»Winnie Dunne unten hat gemeint, das wär schon in Ordnung. Dass ihr mich vielleicht gebrauchen könnt. Einen Zaun reparieren oder was Schweres schleppen. So was in der Art.«
»Bist du auf Schillinge aus? Ich hab nicht mal ’n halben Penny im Haus, solange ich nicht in Kiltegan meine Eier verkauft habe.«
»Ich brauche deine Schillinge nicht, Annie Dunne«, sagt er und lacht.
Jetzt bin ich leicht verwirrt, verstört. Es ist ungehörig, einem Tagelöhner gegenüber von Geld zu sprechen. Ich weiß auch nicht, warum ich mich zu einer so törichten Bemerkung habe hinreißen lassen. Ich bin wütend auf mich selbst. Aber ich weiß nicht, was der Mann will. Seine Unverfrorenheit ist irritierend.
Jetzt kommt Sarah wieder aus dem Zimmer, blitzsauber und wie aus dem Ei gepellt. Ihre schönen weißen Haare hat sie zu einem Knoten aufgesteckt. Normalerweise hängen sie an ihren Wangen herab wie rankender Efeu. Sie hat die alte braune Haarnadel benutzt, die meine Mutter zurückgelassen hat. Während ihrer letzten Krankheit hatte meine Mutter damit ihr kraftloses Haar zusammengehalten. Als sie starb, fand ich die Nadel auf ihrem Nachttisch, und zur Erinnerung habe ich sie behalten.
Sarah geht zu dem brodelnden Kessel und erlöst ihn aus seiner Aufregung, indem sie den Schwenkarm wegdreht. Sie spült die Teekanne mit einem Schwapp heißen Wassers aus, gibt dann vier Löffelvoll Tee hinein und gießt ihn, so schnell sie kann, mit überreichlich Wasser auf. Vier Löffelvoll verheißen nichts Gutes. Ein Löffel für jede von uns und einer für die Kanne. Die Kinder sind an Tee nicht interessiert. Normalerweise würde sie also nur drei Löffelvoll hineintun.
All das ermutigt Billy Kerr, näher heranzutreten und Sarah ein breites Lächeln zu schenken, was diese wahrscheinlich nicht weiter beachtet. Er kann so gut zählen wie ich, in unserer Kindheit sind wir alle auf dieselbe Schule gegangen, er allerdings bestimmt zehn Jahre nach uns, vermutlich noch länger. Er nickt, als habe jemand etwas gesagt, dem er zustimmt. Aber es hat niemand gesprochen. Sarah stellt drei blau-weiße Tassen auf den Tisch und daneben die Teekanne, die Schale mit den Zuckerstücken und den Krug Milch. Das diffuse Licht weidet sich an den Brüchen in der Glasur dieser armseligen Gegenstände. Sarah hebt das Gesicht und fragt ohne jeden Anflug von Freude oder Traurigkeit oder irgendetwas dazwischen:
»Einen Tee gegen den Durst?«
»Gern«, sagt Billy Kerr und tritt näher.
Ich gehe hinüber, nehme den kleinen Jungen beim Arm und führe ihn vom Tisch weg. Solange ich zu verwirrt bin, um klar zu denken, kann ich keinen Tee trinken.
»Ich geh den Eimer auffüllen«, sage ich so neutral wie ein Diplomat.
»Oh, willst du deinen Tee nicht trinken?«, fragt Sarah aufrichtig erstaunt.
»Stülp den Teewärmer drüber, Sarah, Liebes.«
»Gut, Annie«, sagt sie.
Ich ertappe mich dabei, wie ich Billy Kerr zunicke. Es ist schwer, einen Raum ohne wenigstens ein Kopfnicken zu verlassen, aber lieber hätte ich es vermieden.
»Gut«, sagt er, was immer er damit meint. Vielleicht ist es ja nur ein Echo auf das, was Sarah gesagt hat. »Auf Wiedersehen, kleiner Fratz«, sagt er zu dem Jungen, als der an ihm vorübergeht oder vielmehr von mir mitgezerrt wird. Meine Niederlage ist mir dank der Röte, die in meine Wangen steigt, nur zu deutlich anzusehen.
Ich gehe hinaus auf den Hof und ziehe den Zweifel hinter mir her wie ein Komet seinen feurigen Schweif.
Drittes Kapitel
Ich stehe so reglos im Hof wie eine Kuh mit ihrem Kalb bei drückender Sommerhitze. Der Eimer in meiner Hand gibt leise quietschende Geräusche von sich.
Was ist das für ein Altwerden, wenn selbst der Motor, der unsere Verzweiflung und unsere Hoffnung im Gleichgewicht hält, anfängt, uns im Stich zu lassen?
Sie ist alt, Sarah Cullen, o ja, genau wie ich. Geboren in den letzten Zuckungen des vergangenen Jahrhunderts, im Winter 1898. Ich kam zwei Jahre später zur Welt, zufälligerweise der gleiche Altersunterschied wie bei den Kindern.
Sie war ein wunderschönes kleines Mädchen, mit zerzaustem weizenblondem Haar. Nichts bekümmerte sie, stets war sie guter Dinge.
Zwischen damals und heute ist nur ein Hauch von Zeit vergangen, scheint mir. Die Uhr des Herzens schlägt anders als die auf dem Kaminsims.
Ach, ich danke Gott für Sarah Cullen. So viele Jahre habe ich nun schon mit ihr verbracht, seit Matthew mich in Dublin aus dem Haus gejagt hat. Ein Verbrechen, das ich ihm ewig vorwerfen werde. Sich auf eine andere Frau einzulassen, wo meine Schwester Maud gerade mal zwei Jahre unter der Erde lag. Für kurze Zeit hatte ich die Hoffnung, er wäre damit zufrieden, dass ihm eine Frau den Haushalt führt, nun, da die arme Maud von uns gegangen war. Aber das war nicht der Fall. Er wollte wieder heiraten und war an seiner Schwägerin mit ihrem verkrümmten Rücken offenbar nicht interessiert. Als Maud noch lebte, sagte er immer scherzhaft: »Annie, du trägst ja den Mond auf dem Rücken«, ein netter Spruch. Aber ich glaube nicht, dass er ihm noch wie der Mond vorkam, als er sich mit dem Gedanken trug, ein zweites Mal zu heiraten. Sei’s drum. Es ist eine schlimme, vielleicht sogar eine schmutzige Geschichte. Es war eine schreckliche Zeit, und Sarah Cullen nahm mich auf.
Was mich in den letzten Jahren gequält hat, war die Angst, meine letzte Zuflucht in dieser Welt zu verlieren, die linke Seite von Sarahs Bett und dieses kleine Gehöft. Nur ein paar von den Hennen habe ich mitgebracht, diese Rhode Island Reds, die im Hof umherstolzieren, was fast zum Lachen ist, und die Kraft meines Körpers. Mein jetziges Vermögen besteht nur aus der Kraft, die mir geblieben ist, und aus der Erfahrung, die ich mit den täglichen Verrichtungen habe, mit dem Stall, der Milchkammer, dem Misthaufen, dem Brunnen, dem Kaminfeuer. Wäre das alles nicht, ich hätte keinen Wert mehr.
Die Anstalt ist ein grausiger Ort. Dorthin kommen die Obdachlosen und die Notleidenden, die verwelkten Mädchen und die alten Junggesellen, die der Regen am Ende um den Verstand gebracht hat. Das weiß ich, weil ich es mit eigenen Augen gesehen habe. Es ist schrecklich für mich, dass mein armer Vater dort gestorben ist, ganz allein und wirr im Kopf.
Der Regen von Wicklow trägt den Irrsinn in sich wie eine Krankheit, wie ein Fieber.
Diese Gedanken gehen mir durch den Kopf, während ich wie festgenagelt mit dem Jungen im Hof stehe. Den Eimer habe ich in der Hand, aber ich kann mich nicht fortbewegen.
Auf der anderen Seite unserer Grundstücksgrenze, die von einem Feldweg markiert wird, sehe ich die gebeugte Gestalt Mary Callans, die vom Brunnen zurückkehrt.
Sie ist eine wahre Meisterin, wenn es darum geht, Schlamm und Zweige vom Boden eines Brunnens aufzuwirbeln. Es ist eine Strafe, sich einen Brunnen mit ihr teilen zu müssen, so wie wir das tun. Früher hieß es, mit dem ersten Wasser am Morgen schöpfe man das Glück des Brunnens in seinen Eimer. Mary Callan ist sicher alt genug, um daran zu glauben, denn sie muss schon in ihren Neunzigern sein. Sie hat ein Feld und eine Milchkuh und ein Haus, das nur aus einem Raum besteht, und jetzt hat sie das Glück dieses Tages in ihrem randvollen Eimer. Es wird mindestens eine Stunde dauern, bis sich der Unrat wieder gesetzt hat.
Manchmal geht sie auch direkt mit ihrem alten geschwärzten Kessel zum Brunnen und füllt ihn. Was eine richtige Schmiere auf dem Wasser hinterlässt. Ein Gefäß, das über dem Feuer hängt, bekommt man nicht wirklich sauber, und ich bin sicher, dass sie es gar nicht erst versucht. Sie ist eine böse, altmodische Frau.
Aber das ist nicht das Einzige, was mich aufhält. Ich fühle mich wie eine Frau, die ihre Handschuhe im Bus vergessen hat, schöne weiche Lederhandschuhe im Bus aus Dublin, und es nicht gleich merkt, ihren Verlust aber schon deutlich spürt. Was mich aufhält, ist, dass ich Sarah mit Billy Kerr allein gelassen habe.
Der Junge sieht mich verwundert an.
»Kind, wir müssen wieder reingehen.«
Und so gehe ich wieder hinein, den Jungen noch an der Hand, trete aus dem angenehmen Sonnenlicht in die Küche mit ihren vielen Schatten. Das kleine Mädchen hat sich schon davongemacht.
Sarah steht mit dem Rücken zum Torffeuer und wärmt sich die langen Knochen, Billy Kerr sitzt lässig und wie selbstverständlich auf einer der Steinbänke neben dem Kamin. Keiner von beiden spricht. Es herrscht jene Art Schweigen, wie die Leute auf dem Land es in Jahrhunderten beim Teetrinken kultiviert haben. In diesem Schweigen kann vieles zur Sprache kommen, es ist gefährlich.
»Was gibt’s, Annie?«, fragt Sarah.
»Ich kann gerade kein Wasser holen. Mary Callan ist mir zuvorgekommen. Das ist der Preis, den man fürs Trödeln zahlt«, sage ich mit einem Kopfnicken in Sarahs Richtung. »Und dann noch ihre Kuh«, sage ich, aber Billy Kerr unterbricht mich mit einem erstaunten Blick.
»Was ist mit ihrer Kuh?«, fragt Sarah.
»Was, Annie Dunne?«, fragt Billy Kerr skeptisch.
»Blut in der Milch«, antworte ich bestimmt. »Die gehört von Rechts wegen geschlachtet.«
»Meinst du wirklich, Annie Dunne?«, fragt er. »Das ist ein bisschen unchristlich. Die Kuh ist alles, was sie besitzt. Sie braucht sie zum Leben.«
»Sie ist eine schmutzige alte Frau, die im Dreck haust, das ist die Wahrheit«, sage ich und ärgere mich sofort über den Zorn, der in mir aufgestiegen ist. Mein Vater sagte immer, manche Leute verwechseln Freundlichkeit mit Dummheit. Nicht, dass das bei mir zu befürchten wäre. Aber es gibt eine andere Art von Dummheit, die Dummheit einer zornigen Frau.
»Du wunderst dich vielleicht, dass ich mich für sie einsetze«, sagt Billy Kerr. »Ich kenne sie kaum, das stimmt, auch wenn sie schon mein ganzes Leben lang auf der anderen Seite von eurem Feldweg lebt. Ihre Kuh kenne ich auch nicht besonders gut, hab sie nur aus der Ferne gesehen. Aber sie ist nun mal die Cousine meiner Mutter und eine anständige, vernünftige Frau. Bei uns nennen wir sie Nanny Callan.«
»Blut in der Milch«, sage ich noch einmal, aber nicht weil ich Spaß daran hätte, sondern nur, weil ich so dumm gewesen war, selbst das Gespräch anzufangen. »Ich fürchte mich davor, was sie im Brunnen zurücklässt. Sie hat nur den einen Eimer, das weiß ich, zum Melken und zum Wasserholen.«
»Ich bin mir sicher, dass Mary Callan mehr als nur den einen Eimer hat«, sagt Billy Kerr. »Verkaufen die Kesselflicker sie nicht für zwei Pence an den Haustüren? Jedenfalls ist sie meine Cousine. Das sollte Grund genug für dich sein, nicht mehr über sie herzuziehen.«
»Hier ist doch jeder mit jedem verwandt«, sage ich aufgebracht, mehr über mich selbst als über ihn. Was geht mich seine verdammte Verwandtschaft an? Nichts.
»Er könnte sogar mit dir verwandt sein, Annie«, sagt Sarah in einem vernünftigen, arglosen Ton, an dem nichts Gespieltes ist.
»Hoffentlich nicht allzu eng, bei dem, was er vorhat!«
»Was meinst du damit, Annie?«, fragt sie, und ein Schleier der Furcht legt sich über ihr offenes, unschuldsvolles Gesicht.
»Er weiß genau, was ich meine.«
»Tu ich nicht«, sagt er auf eine Art, die jeden Richter überzeugen würde.
»Tut er wohl«, sage ich.
Aber sicher bin ich mir nicht. Und Sarah sieht mich nicht an. Sie kann nichts dafür. Sie ist in eine Träumerei versunken. Das ist ein Trick von ihr, ihre Art – ich weiß auch nicht, vielleicht, mich zu ertragen. Gott steh mir bei! Typisch Billy Kerr, einen so durcheinanderzubringen. Ich muss ihn irgendwie aus dem Haus bekommen. Oh, wie er es genießt, mich auf die Palme zu bringen.
»Mary Callan hat mit zwei Pence oder mit irgendwelchen Eimern von Kesselflickern nichts am Hut«, sprudele ich hervor wie ein undichter Wasserhahn. Die höfliche Verachtung in meiner Stimme würde selbst einer Löwin die Kraft rauben. »In ihrem Haus gab’s nie Geld, so viel steht fest. Ihre Vorfahren waren Pachthäusler. Das kleine Haus mit dem einen Raum besteht nur aus Lehmwänden. Die Hungersnöte des letzten Jahrhunderts haben ihr die Familie genommen. 1872, man erinnert sich noch gut daran, als viele hier den Hungertod starben, hat es fast ihre ganze Verwandtschaft erwischt, sieben oder acht, die hier in der Gegend wohnten. Nur sie und ihr Vater blieben übrig. Damals war sie ein kleines Ding von fünfzehn Jahren. Angeblich ist sie jetzt hundertzwei.«
Was rede ich da? Das reinste Gänsegeschnatter.
»Annie Dunne«, sagt Billy Kerr. »Eigentlich hast du richtig Humor.«
»Nachher fahren wir runter nach Kiltegan«, sage ich zu Sarah. »Halt dich ein bisschen ran.«
»›Die Hungersnöte des letzten Jahrhunderts‹«, sagt Billy Kerr, »sehr witzig! Den Ausdruck bekommt man heutzutage nicht mehr oft zu hören.«
»Ich muss hinaus, das Pony anschirren«, sage ich und muss fast weinen – meiner eigenen Dummheit wegen.
»Das übernehme ich und spann es vor den Wagen«, sagt Billy Kerr, plötzlich ganz artig, was mir ungelegen kommt.
»Bitte nicht«, sage ich.
»Ganz wie du willst. Wäre schön, wenn ihr mich mitnehmen könntet«, sagt er mit derselben gespielten Höflichkeit. »Im Pub liegt ein Paket für eine meiner Frauen, das mit dem Bus aus Dublin gekommen ist.«
Eine meiner Frauen. Er ist doch nichts als der Sklave der Dunnes in Feddin. Wenn Lizzie Dunne das gehört hätte. Eine meiner Frauen. Natürlich könnte man seine Worte ganz unterschiedlich auslegen, darauf kann er sich hinausreden. Oh, seiner Cleverness bin ich nicht gewachsen. Ganz wie du willst. Er bringt mich zur Weißglut. Ich werde es auf keinen Fall dulden, dass er in unserem alten Wagen den vornehmen Herrn spielt.
»Du wirst schon so runtergehen müssen, wie du raufgekommen bist«, sage ich so gleichgültig wie möglich, »es wird ’ne ganze Weile dauern, bis wir so weit sind.«
»Aber du hast doch gerade erst gesagt –«, setzt er an, zum ersten Mal aus dem Gleichgewicht gebracht, aber ich bin schneller als er.
»Wo ist denn das kleine Mädchen?«, frage ich. Der abrupte Themenwechsel wird seinen Zweck erfüllen.
»In ihrem Zimmer«, sagt Billy Kerr, obwohl ich die Frage gar nicht ihm gestellt hatte.
»Gut«, sage ich und marschiere mitsamt dem Jungen hinein. Hinter meinem Rücken macht Billy Kerr eine Bemerkung zu Sarah, die ich aber nicht verstehe.
Das kleine Mädchen steht mit dem Rücken zu mir auf dem Bett. Sie trägt ihr geblümtes Sommerkleid und eine grüne Strickjacke, die ihr bereits zu klein wird.
Das Sonnenlicht, das durch das schmale Fenster fällt, strahlt auf sie herab wie eine Hoflaterne. Ein kleines Geschöpf, dem man beim Wachsen zusehen kann. Sie weiß nichts von der Welt. Sie weiß nicht, was vor ihr liegt.
Schon in dem Augenblick, als ich den Kopf zur Tür hineinstecke, kommt es mir vor, als laste eine Bürde auf ihrem Rücken. Kein Buckel wie bei mir, eine Folge der Kinderlähmung, eher ein schwerer Schatten. Dann bewegt sie sich, und das Bild ist verschwunden, eine Täuschung des Sonnenlichts und meines eigenen Verstandes.
Sie wendet den Kopf, um mich anzusehen, und in ihren Augen funkeln winzige Sterne. Ich kann mich nicht vom Fleck rühren. Und selbst der Junge, der, typisch für einen Vierjährigen – auch wenn er fast fünf ist –, nicht anders kann als herumzuzappeln, ahmt meine Reglosigkeit nach. Dann auf einmal lächelt sie, und es ist, als würde die Sonne scheinen. Ein kristallklares, ungetrübtes, unschuldiges Lächeln.
»Was machst du denn da? Auf Betten stehen und bis über beide Ohren grinsen?«
»Ich bin froh, dich zu sehen, Tante Anne«, sagt sie. »Ich hab mich einsam gefühlt.«
»Na, so weit weg war ich doch gar nicht«, sage ich. »Wir sind nur zum Brunnen gegangen. Und selbst daran wurden wir gehindert. Nächstes Mal läufst du mir einfach hinterher.«
»Ich bin froh, dass wir in Kelsha sind«, sagt sie. »Richtig froh.«
»Da bin ich aber froh, dass du froh bist«, sage ich. »Komm, hilf mir, Billy anzuschirren, diesen wilden Kerl.«
»Den interessanten Kerl, der bei Sarah ist?«, fragt der Junge.
»Nein, dem Kerl ein Geschirr anzulegen ist unmöglich. Nein, Billy dem Pony. Wir werden eine halbe Stunde brauchen, um ihn fertig zu machen. Bis dahin wird Billy Kerr ja wohl hoffentlich gegangen sein.«
Doch als ich in die Küche zurückkomme, schickt er sich bereits zum Gehen an. Sein mysteriöser Besuch scheint beendet, und er stolziert über den Hof in Richtung Feldweg. Ich stehe in der Halbtür und sehe ihm nach, wie er gleichmütig dahinstapft. Seine Hüften bewegen sich wie die eines Mannes, der zwei Eimer trägt.
Ich blicke mich zur Küche um, aber Sarahs langes, ausdrucksloses Gesicht verrät mir nichts. Sie räumt das benutzte Geschirr weg, um es später abzuwaschen, und fängt an, den Küchentisch zu scheuern. Billy Kerr hat kaum den Ellbogen darauf gestützt, umso mehr erstaunt mich ihre übertriebene Sorgfalt. Ihre langen Arme fahren über die bleiche, glatte Oberfläche, die Bürste macht ein Geräusch, als würde Stroh zusammengerecht, auf und ab und hin und her. Dann und wann taucht sie die Bürste in Salzwasser und beginnt wieder von vorn, ihre nackten Arme leuchten im Dämmerlicht.
All das ist ziemlich vielsagend, doch ich weiß nicht, was es mir sagen will. Ich beschließe, sie später zu fragen, im Bett, wenn sie entspannt ist und bevor sie sich die Decke über das Gesicht zieht. Ich habe großen Respekt vor ihrem Schweigen. Möchte sie nicht bedrängen. Wenn ich es zufällig doch tue, schlägt sozusagen die Tür ihres Gesichts im Wind, und sie fängt an, Unsinn zu reden, angsterfüllten Unsinn.
»Ich glaube, ich werde die Kinder nach Kiltegan mitnehmen und unsere Packung Tee abholen.«
»Du hättest dir Billy Kerrs Hilfe ruhig gefallen lassen sollen«, sagt sie im Plauderton.
»Na ja«, sage ich. »Für die Kinder wird es spannend sein, mir zu helfen. Der soll so runtergehen, wie er raufgekommen ist.«
»Mir egal, ob er geht oder fährt«, sagt sie. »Ich habe an deinen Rücken gedacht.«
»Mein Rücken ist völlig in Ordnung«, sage ich und erröte bis zu den Haarwurzeln.
»Natürlich ist er das«, sagt sie.
»Soll ich auch Zucker besorgen?«
»Nein«, sagt sie. »Wir haben noch reichlich.«
»Zucker und Tee. Wir leben doch wahrlich wie die Lords, Sarah, oder?«
Sarah lacht. Ihr Lachen ist kräftig und dunkel, wie die Brombeeren, die in dem großen Topf brodeln, wenn wir im Herbst Marmelade kochen. Mein Lachen hingegen, meinte der alte Thomas Byrne, der vor langer Zeit im Dublin Castle den Hof gefegt hatte, klingt wie das Bellen eines Hütehunds.
Sie steht in der Küche, aufrecht wie eine Rohrdommel in Pfahlstellung, und schwingt die Scheuerbürste. Wieder fängt sie an zu lachen.
»Du weißt doch, Annie, die einzigen Leute, die wie die Lords leben, sind die Lords«, sagt sie.
Sie legt die Scheuerbürste auf den Tisch, stützt die Hände auf die Knie und lacht. Ihr Körper biegt sich geradezu vor Lachen: So sehen Unbeschwertheit und Freude aus. Die Kinder sind vor lauter Überraschung selbst ganz aufgekratzt, sie schauen zu mir auf und fangen ebenfalls an zu lachen. Ich lasse mir die Gelegenheit nicht entgehen und lache ebenfalls, laut und herzhaft, ich lache und lache, ja, genau wie Thomas Byrne gesagt hat, wie ein verdammter Hütehund: »Wau, wau, wau.«
In Wahrheit nehmen sie sich nichts, Billy Kerr und Billy das Pony, nur dass ich Ersteren nicht vor unseren zweirädrigen Pferdewagen spannen muss. Anspannen ist ein ziemlich schwieriges Geschäft.
Im Hof kommen die Kleinen und ich an einem zotteligen Fellknäuel vorbei. Es ist Shep, der in der Sonne ein Nickerchen macht. Er ist so schläfrig, dass er kaum die Schnauze hebt. Fauler als ein Faultier, aber wir haben ja ohnehin keine Schafe, die er hüten könnte.
Als wir das dunkle Rechteck der Stalltür erreichen, werfen die Kinder bewundernde Blicke auf Billy. Seine wahre Natur begreifen sie nicht, darin liegt die Barmherzigkeit von Kindern. Aus dem Dämmerlicht des Stalls erwidert Billy ihren Blick, die flache Stirn von einer Art gedämpfter Wut gezeichnet.
Billy ist ein kräftiger, eher kleinwüchsiger Welsh Cob, den Sarah auf einem Pferdemarkt in Baltinglass erstanden hat. Sie verehrt ihn, weil sie ihn mit barem Geld bezahlt hat, mit den Pfundnoten, die ihre Mutter ihr hinterlassen hatte. Er ist ein Grauer, von einem vollkommenen Grau, das muss man ihm lassen, ohne auch nur den Tupfer, den Hauch einer anderen Farbe. Aber in letzter Zeit fürchte ich mich vor seiner Kraft. Er strahlt eine Art Hass aus, die mir Unbehagen bereitet.
Der Hass steht in seinen Augen, zwei schwarzen Steinen. Was immer er sich erträumt hat, das Leben mit uns scheint ihm nicht genehm zu sein. Vielleicht lassen wir ihn nicht oft genug hinaus. Vielleicht ist das Landleben unter seiner Würde.
Behutsam hieve ich das schwere Geschirr auf seinen Rücken und muss, ich gebe es zu, an Billy Kerrs Hilfsangebot denken, das ich in meinem Hochmut ausgeschlagen habe.
»Da ist ja überall Schleim auf dem Leder«, sagt das Mädchen.
»Nein«, sage ich keuchend. Mein Rücken schmerzt. »Das ist Fett zum Schutz gegen den Regen.«
»Es ist dreckig«, sagt sie, »und ich hab’s auf meiner Strickjacke.«
»Willst du denn nicht mit dem Wagen fahren?«, frage ich. Ich weise sie nur deshalb zurecht, weil ich Schmerzen habe.
»O doch«, sagt sie. »Ich möchte schon.«
Trotz allem sieht es schön aus, wie das Geschirr auf Billy sitzt. Über die Jahre hat es sich seiner Körperform angepasst. Ich mag seinen runden Leib, wie der eines wohlgenährten Mannes. Er riecht nach trockenem Stroh und feuchtem Dung. Haar und Haut haben einen ganz eigenen fremdartigen Geruch. Er hat etwas von einem Löwen. Jedenfalls hat er mehr Klasse als Shep. Abgesehen davon, dass er aussieht, als wollte er einen umbringen, muss man ihn bewundern.
Dann sind wir auf dem Feldweg. Die beiden Kinder sitzen einander gegenüber auf den Bänken hinter mir, und wir rollen durch das sanfte Auf und Ab der Felder und Wälder. Billys Hufe schleudern kleine Dreckbatzen hoch. Was ihn so richtig antreibt, ist das Schnalzgeräusch, das ich mit den Zähnen und der Zunge mache. Wir stürzen den grünen Fluss aus Gras hinab, und die Kinder klammern sich an ihren Sitzen fest.
Ich winke Mrs Kitty Doyle zu, die gerade über ihren Hof geht und den Schweinen eine Schürze voller Futter bringt. Ich kann sie in ihrem steinernen Koben quieken hören. In einer der Scheunen hält sich ein aufgegebener Pferdewagen versteckt. Ich kann ihn gerade noch ausmachen, als wir vorüberrumpeln, ein hohes Ding zwischen den Strohballen. Dort verrottet er, und die Lampen verlieren allmählich ihren Glanz. Wieder so eine von den Familien, die sich in den letzten Jahren ein Auto gekauft haben.
Aber der Weizen der Hannigans steht gut, wie ich sehe, die kräftigen Keimlinge überziehen die dunkle Erde wie eine schöne Häkelarbeit.
Wir kommen zu der Kreuzung, wo unser Feldweg der neuen Teertrasse weicht. Ich muss Billy zügeln. An dieser Stelle tänzelt er immer nervös, denn von der Aufregung, den Berg hinunterzurasen, ist er noch ganz aufgewühlt.
In der Ferne sehe ich Billy Kerr, der die letzten paar Meter zu den Kuhställen neben dem Haus meiner Cousinen entlangschlendert. Ihre Farm liegt hinter wuchernden Hecken verborgen. Das Haus sieht seltsam aus, so mitten auf der Weide, die die Kühe zu Schlamm zertrampelt haben. Die Wände ganz aufgeraut von Feuchtigkeit und Regen.
Trotzdem, in den moosbewachsenen Gräben drängen sich Schlüsselblumen und die grünen Fontänen des Fingerhuts. Das gelbe Feuer des Stechginsters auf dem Hügel dahinter ist gerade erst erloschen. Doch Billy das Pony hat keine Geduld für solche Wunder, mit einem Ruck ist er auf der Straße, die Räder folgen der neuen Melodie des härteren Straßenbelags, und unsere Wangen schwabbeln, so heftig werden wir durchgeschüttelt.
»Mach langsam, du wildes, verrücktes Pony, du«, sage ich und versuche, ihn zu bremsen. Zuinnerst weiß ich, dass er jetzt am liebsten in leichten, dann in wilden Galopp fallen würde, um uns alle davonzutragen, sich selbst und die unzulänglichen Menschen in dem Gefährt, in einem so irren Tempo, dass die Steinchen wegspritzen, und um die Welt in Gefahr und Ängste zu stürzen. Das kann ich nicht zulassen, und so stehe ich auf, lehne mich zurück und zwinge ihn zu einem unruhigen Schritt.
»Sche-ritt, du alter Halunke, du«, rufe ich und bearbeite die Trense mit den Zügeln herzlos mal von links, mal von rechts. Aber der niederträchtige Kerl veranstaltet noch mehr Theater als sonst und bockt. Das Gefüge aus Wagen und Pony biegt sich in der Mitte, und plötzlich habe ich Angst, dass wir im Graben landen. Die Kinder hinter mir schnappen nach Luft bei dem widrigen Schlingern und Ächzen der Scherbäume, die wie eine riesige Stimmgabel in Schwingung geraten sind.
»Weiter, geh weiter«, sage ich und würde ihn gern verfluchen, was ich mir jedoch verkneife, der Kinder wegen, für deren Erziehung ich verantwortlich bin. Und jetzt geht Billy weiter, nur um wieder einen Schritt rückwärts zu machen. Er ist fest entschlossen, mir übel mitzuspielen. Ich könnte ihm eins mit der Peitsche überziehen, müsste ich nicht die Wirkung fürchten, die ein Peitschenhieb bei seiner momentanen Gemütsverfassung hätte. Ich hüpfe auf dem hölzernen Sitz auf und ab und bin selbst schon ganz verrückt im Kopf vor lauter Sorge und Wut.
»Steh, steh, du Teufelsbraten«, rufe ich. »Steh! Kinder, macht den Wagenschlag auf und springt von den Metallstufen ab. Ich glaub, ich kann ihn nicht halten.«
Und das kleine Mädchen, das schon mehr von der Welt versteht, kümmert sich um den Jungen, öffnet die kleine Klappe aus Sperrholz und lässt sich und den Kleinen hinabgleiten, eine beachtliche Höhe für ein Kind. Doch dem Herrgott sei Dank, im Nu finden sich die beiden zu ihrer eigenen Verblüffung auf dem grasbewachsenen Straßenrand. Und die große Maschine, so muss es ihnen scheinen, des Pferdewagens, mit mir obenauf, buckelt und bäumt sich von neuem.
»Kinder, bleibt ganz ruhig stehen«, sage ich. »Gott im Himmel!«
Billy hat die Trense fest zwischen die Zähne genommen. Jetzt hat er mich.
Das ist die Katastrophe. Zum Fürchten. Sarah wird mir nie verzeihen, wenn ich ihn nicht wieder zur Vernunft bringe. Denn sie schätzt dieses törichte, gefährliche Tier. Der Schrecken hat von mir Besitz ergriffen, weil ich fast vorhersehen kann, was Billy als Nächstes tun wird. Ich kann’s vorhersehen, vielleicht noch bevor er es denkt, denn er ist ein Tier, das ganz in der Gegenwart lebt, im flüchtigen Augenblick. Oder er hat es schon vor Jahren ausgeheckt, immer wenn er mich mit diesen bösen Augen ansah. Und nun geschieht’s, der Sprung, die Raserei, die wie eine Feder gespannte Energie, das lodernde Feuer in seinem runden Bauch – und er ist auf und davon, in Richtung Kiltegan, und nur ich, diese Närrin, kann ihn daran hindern.
Wir preschen ein paar hundert Meter dahin, wobei er fröhlich ein Hufeisen verliert. Der harte Straßenbelag reißt es ihm vom Huf. Es fliegt über die Hecke von Humewood, dem alten Gutshof, der im Leben meiner Vorfahren eine so wichtige Rolle gespielt hat. Billy beachtet es nicht. Dann bricht, wie ein Feuerwerkskörper, aus dem Dickicht der niedrigen Bäume zu meiner Linken etwas hervor, das ich zunächst für einen Keiler halte, für einen Keiler mit stoßbereiten Hauern. Es ist wie eine Erscheinung – erst ist da nur die ungepflegte friedliche Hecke, und auf einmal ist ein Loch hineingesprengt, und das wilde Geschöpf landet vor mir auf der Straße.
Aber in Irland gibt es keine Keiler, außerdem ruft und lärmt dieses Geschöpf und wedelt mit den Armen. Es erhebt sich, offenbart rätselhafte Gliedmaßen und verwandelt sich zu meinem dankbaren Erstaunen in Billy Kerr.
Da steht er nun mitten auf der Straße nach Kiltegan, wirft die Arme in die Höhe, springt auf und ab und ruft dem wütenden Pferd »Ho! Ho!« zu. Das Pony reagiert auf seine typische Art, bleibt abrupt stehen, bäumt sich auf und zeigt die Vorderhufe, lässt sich dann wegen des Gewichts des Wagens schwer nach unten fallen, schlägt ein-, zweimal nach hinten aus, steigt wieder hoch und wiehert, die angespannten Kiefer so weit aufgerissen, wie es einem Pferd möglich ist. Der Wagen kippt nach links weg, neigt sich so weit, dass ich aus meinem gefährdeten Nest falle und im Ampfer lande oder was sonst noch im Straßengraben wächst.
»Steh auf, Annie Dunne, wenn du kannst«, brüllt Billy Kerr, »und versperr ihm den Weg nach hinten. Dann haben wir ihn.«
Zwar weiß ich nicht, ob ich noch lebe oder schon tot bin, aber ich rappele meine alten Knochen auf, pflanze meine Füße auf den Asphalt und hebe die Arme. Vor lauter Angst und Schrecken zittere ich am ganzen Leib. Meine blau-weiße Kittelschürze ist schlammverschmiert. Mir klopft das Blut im Kopf. Billy Kerr greift nach der wehenden Mähne des Ponys und packt mit düster grollenden Lauten das Halfter, dann wird seine Stimme plötzlich ganz besänftigend und weich.
»Schon gut, schon gut, ganz ruhig, ganz ruhig, bist ein guter Junge«, sagt er.
Er streichelt das Pony, als wäre es ein kleines Kind, das gerade etwas Schreckliches erlebt hat. Das zitternde Pferd, dessen Fell bebt und zuckt, lässt sich von den honigsüßen Worten beruhigen, tritt hierhin und dorthin wie ein Betrunkener. Billy Kerr reibt seinen kräftigen Hals.
»Die Kinder«, sage ich, drehe mich um und humpele die Straße entlang zurück zu der Stelle, wo sie noch immer gehorsam warten.
Alte Kelsha-Knochen können nicht einfach liegen bleiben und blaue Flecken zählen, so viel steht fest.
Viertes Kapitel
Sarah und ich liegen da wie Königinnen auf einem steinernen Grabmal. Es ist Nacht geworden, und wir haben uns zur Ruhe begeben. Der Wind zählt noch immer die Blätter in den Bergahornen, hunderteins, hundertzwei.
Ich spüre das Behagen in ihren langen Knochen, aber teilen kann ich es nicht. Zu Bett zu gehen, den sicheren Hafen unseres Bettes zu erreichen, ist für sie so erlösend wie der Tod. Man könnte sogar sagen, dass sie jeden Tag beim Schlafengehen stirbt. Selbst ich bin dankbar, wenn sich das Seil aus ständigen Pflichten endlich lockert. Nicht mehr lange hin, dann wird es wieder an uns zerren.
Dann streckt sie sich. Die Uhr ihres Herzens tickt regelmäßig, unter ihrer fleckigen Haut fließt das Blut in tausend kleinen Bächlein, ihre Brüste heben und senken sich, verleihen der ländlichen Szene auf der Bettdecke einen Anschein von Leben. Ihre Mutter, die Schwester meiner Mutter, hat sie vor vielen Jahren gestickt. Sie zeigt einen Hirsch, der, verfolgt von einem schwarzberockten Jäger auf einem dunklen, dürren Pferd, über grasbewachsene Hügel flieht. Die Landschaft wogt auf und ab wie ein riesiges Meer. Zwischen langen Zähnen und dünnen Lippen strömt pfeifend Sarahs Atem aus.
Die Lider, die sich über ihre großen Augen wölben, sind mit blauen Linien gemustert wie winzige Tassen. Die Bettdecke hat sie so weit hochgezogen, wie es ihr, ohne mich zu stören, möglich ist.
Wir sind Christenmenschen, erfüllt vom wundersamen Licht unseres Heilands, und jeder von uns wurde durch göttliches Geschick eine unsterbliche Seele zugewiesen. Eine unsterbliche Seele in einem allzu sterblichen Körper. Gut, dass ich mich darauf besinne, in diesen ersten Stunden meiner Nachtwache. Ich rechne nicht damit, schlafen zu können.
Mein Kopf fühlt sich an wie ein Flussbett nach einer plötzlich hereingebrochenen Flutwelle. Als hätten die Ereignisse des Tages alles darin weggespült.
Billy Kerr. Er hat mich überrascht. Nachdem er das Pony beruhigt hatte, kümmerte er sich rührend um uns und trug den kleinen Jungen den ganzen Feldweg hinauf, während ich das Mädchen an seiner schmalen Hand führte. Nach meinem Sturz kam ich nur humpelnd voran, behielt Billy Kerr aber im Auge und sah, wie er mit dem Jungen scherzte, ihn zum Lachen brachte und Fingerhüte für ihn pflückte, damit er sie zerdrücken konnte. Offenbar Ablenkung genug, dass sich jede Erinnerung an das schreckliche Erlebnis verflüchtigt zu haben schien.
Und als er uns alle in der Küche abgeliefert hatte und die Kinder auf der steinernen Bank neben dem tröstlichen Torffeuer saßen, marschierte Billy Kerr wieder hinunter zur Kreuzung, zu der Stelle, wo er den Wagen und sein unbußfertiges Zugtier an einen Baum gebunden hatte, setzte sich ohne alle Furcht auf den Kutschbock und brachte das Gefährt zu uns zurück. Eines der Räder quietschte, denn der Metallreif hatte sich von der Felge gelöst, so dass das ruhige Gleichgewicht der Speichen gestört ist, und die hölzerne Umhüllung der Nabe ist verrutscht. Das alles wieder instandzusetzen wird Geld kosten – Geld, das Sarah und ich nicht haben.
Billy Kerr brachte den Wagen in die Heuscheune und Billy das Pony in den Stall. Beide sahen irgendwie gedemütigt aus, der hölzerne Wagen, dessen eine Lampe sich von der Wucht des Unfalls verbogen hatte, wirkte ganz trübsinnig.
Jetzt, im Dunkel der Nacht, muss ich an die beiden denken, daran, dass sie allein sind, voneinander getrennt, als sei der Wagen eine Frau, die man ihrem Ehemann, dem Pferd, entrissen hat.
Schließlich widersetze ich mich dem Drängen der Nacht und trete hinaus auf den sternhellen Hof, um meine knotigen Muskeln und meine stocksteifen Knochen zu strecken. Auf meiner Haut spüre ich noch die Wärme des Bettes. Eine sanfte nächtliche Brise ist sehr an mir interessiert und richtet die Härchen an meinen Armen auf. Vor mir die schlichte Wohnstatt unseres schlafenden Ponys, zu meiner Rechten die schlafenden Kälber und die Hennen in ihrer nie ganz nachlassenden Wachsamkeit. Weil Füchse durch ihren Schlaf streifen, geben die Hennen unaufhörlich winzige Geräusche von sich. Zu meiner Linken der abschüssige Hang des alten Hofes und die Pfeiler des Tores. Hinter der Schwärze des Melkstalls verbergen sich die schönen mächtigen Leiber der beiden Milchkühe, Daisy und Myrtle, die Sarah nicht wieder auf die Wiese oben zurücktreiben konnte. Fressen sie kein Gras, werden ihre Euter auch nicht prall vor Milch. Wird Sarah vergesslich, oder war es der Unfall, der ihr die dafür vorgesehene Zeit geraubt hat?
Es ist schon nach Mitternacht. Unser Hof liegt südlich von Dublin, hinter den Bergen. Das hat vieles ferngehalten und vieles eingeschlossen. In dieser Gegend waren große Gehöfte entstanden, meist im Besitz von Engländern und Protestanten, und erst eine große Kraftanstrengung, die Faust des irischen Unabhängigkeitskrieges, konnte sie zerschlagen.
Dennoch, die Spuren ihrer Macht wirken noch immer nach in unserem Leben. Über sieben Generationen, bis zurück ins letzte Jahrhundert, versah meine Familie das gleiche Amt. Ohne Unterbrechung ging es vom Vater auf den Sohn über, wie in einem richtigen Königtum. Alles, was geschah, und alles, was wir waren, entspross dieser Stellung, wie ein Reis, das Blüten treibt. Sieben Generationen, sieben Männer mit sieben Leben, übernahmen die Pflichten des Gutsverwalters von Humewood. Sie waren die Könige der Landarbeiter. Über White Meg, meinen Großvater, spricht man noch heute. Er war ein hochgewachsener, strenger und harter Mann, der über alle hinwegsah. Wenn er die Straße von Kiltegan heraufkam und auf das Tor von Humewood zuschritt, entbot er niemandem, dem er begegnete, einen Gruß oder richtete das Wort an ihn. Ich erinnere mich nicht daran, ob ich ihn als Kind je selbst gesehen hatte, aber irgendwie weiß ich, spüre ich, dass er sich der ungeheuren Würde seines Amtes bewusst war, der Tatsache, dass er den Platz seiner Vorfahren eingenommen und ihn tadellos ausgefüllt hatte, dass er, in seinem Grab auf dem katholischen Friedhof, ein echtes Vermächtnis von Werk und Wert hinterlassen hat. White Meg wurde er seines üppigen weißen Bartes wegen genannt, eine altmodische Barttracht, die die meisten Männer damals zur Schau trugen und die sich inzwischen überlebt hat.
Niemanden zu grüßen, das Gefühl, etwas Besonderes zu sein, das habe ich von ihm geerbt. Rechtfertigen ließ sich das nicht unbedingt, außer dass wir uns wacker durch die im Land herrschenden Unruhen schlugen, mein Vater als hoher Beamter der Dublin Metropolitan Police beachtliches Ansehen genoss und wir wie Lieblingshühnchen im großen Hühnerstall des Dublin Castle lebten, wo die Königinnen und Könige von England ihre Polizisten und deren Familien einzuquartieren beliebten, damals, in jenen frohen Tagen, als der Vizekönig seine Flaggen wehen ließ und sein Kommen und Gehen mit gebotener Feierlichkeit und knallenden Stiefeln begangen wurde.
Ich stehe draußen unter dem Sternenlicht. Bestimmt sind die Konstellationen mit ihren Namen nicht zufrieden. Wissen sie, dass man Großer und Kleiner Bär zu ihnen sagt? Weiß der Oriongürtel, dass er der Oriongürtel ist? Im Wind gibt mein Nachthemd ein leises Rascheln von sich, fast knattere ich wie ein Segel. Ich liebe mein Land. Sie weht mich an wie eine zweite, eine innere Brise, diese seltsame und nutzlose Liebe. Es ist dieser Ort, Kelsha, der mich überwältigt, die Anordnung der Wälder, die Anlage des Hofes, die Tiere in unserer Obhut, die Ebenmäßigkeit und Sauberkeit der Steine, all das unsere Sache.
Aus seinem Bett aus Ampferblättern erhebt sich der Misthaufen wie eine ägyptische Pyramide. Hinter den Mauern des langen Schuppens ist das stille Örtchen, wo Sarah und ich unsere Notdurft verrichten. Den Hintern wischen wir mit den Gräsern ab, die dort wachsen und die immer feucht sind. Die städtische Gepflogenheit, Zeitungspapier zu benutzen, ist nicht halb so zufriedenstellend wie diese langen, dünnen grünen Halme. Wir werfen sie in die Grube, wo wir auch unsere Nachttöpfe entleeren.
Da stehe ich also unter dem Sternenlicht und wiederkäue Gedanken, als wäre ich selbst ein Tier, ein weiteres Ding in der Überfülle der Welt. Ich weiß, dass ich nichts bin. Mein Stolz hat kein eigenes Fundament, er ist nur ein Anbau, errichtet auf Vorurteilen, ein Wetterschutz gegen meinen Zorn. Aber darauf kommt es nicht an. Der Architekt ist Gott, und ich schlaflose, älter werdende Frau bin es zufrieden, eine Freundin der Dinge zu sein, die Er geschaffen hat, ein Schatten unter Schatten. Mein Holzapfelbaum ist fester verwurzelt als ich und wird länger überdauern – zweifellos wird ihm und seinen bitteren Früchten eines Tages ein anderes Herz Gefolgschaft leisten, zur Erntezeit die winzigen Äpfel einsammeln und sie mit derselben Hingabe und Heiterkeit auspressen, wie ich es tue, voller Freude über die Großzügigkeit des Baumes, seine innere Ruhe und sein augenscheinliches Glück, seine Fruchtbarkeit. Er ist wie eine Mutter mit alljährlich tausend Kindern, dem Nachwuchs einer Bienenkönigin. Im Herbst summt der ganze Baum unhörbar vor sich hin, so aufgeregt sind seine Früchte.
Da steht er nun, im dunklen Schiefer der Nacht, und breitet seine großzügigen, seine bitteren Arme aus.
Das ist das Glück, das mir gewährt ist.
Wenn ich mich überhaupt noch etwas ausruhen soll, wird’s Zeit, es noch einmal mit dem Bett zu versuchen, denn wenn erst die flinken Finger der Morgendämmerung an der Dunkelheit zupfen, müssen wir auf den Beinen sein. Ist deine Arbeit bis um zehn nicht getan, ist der Tag vergeudet. Ich gehe zurück ins Haus und schließe die Halbtür hinter mir, damit die Hühner nicht hereinspazieren. Natürlich sind sie jetzt alle in ihrem Stall eingesperrt; die Halbtür zu schließen zählt zu den Gewohnheiten des Tages. Meine Lieblingshenne, die uns mit jeder Menge glänzenden braunen Eiern versorgt, ist bei ihren Gefährtinnen. Tagsüber beobachte ich sie, wie sie, hübsch und reinlich, im Hof umhertrippelt und heimlich ihr Gelege plant. Sie legt ihre Eier gern an möglichst unzugänglichen Orten ab, bisher habe ich sie noch nie dabei ertappen können. Man braucht ein scharfes Auge und einen guten Instinkt, um reiche und noch warme Beute zu machen. Der Junge glaubt ihre Geheimnisse zu kennen, was ebenso wahr wie unwahr ist – er ist klein genug, dass sein Blick bis unter die Bretter reicht, auf denen das Heu gelagert wird, unter alte hölzerne Streben. Red Dandy, wie ich sie nenne, ist ein Rhode Island Red und, wie ich mit einigem Stolz sagen kann, eines meiner Hühner. Eine so gute Legehenne hat Sarah nicht. Ich schließe also die Halbtür, lasse aber durch die obere Hälfte die aufmunternde nächtliche Brise zur dunklen Küche herein. Er hat etwas Reinigendes, dieser angenehme Luftzug. Und dann schlüpfe ich wieder neben die schlafende Sarah, zwischen die steifen, gestärkten Laken, unter die farbenfrohe Bettdecke mit der immerwährenden Jagdszene. Und bin vollkommen zufrieden, im Einklang mit Gott und den Menschen. Auf meiner vom Wind noch leicht kühlen Haut spüre ich, wie die trockene Wärme, die von Sarah ausgeht, allmählich zu mir herübersickert. Der Schlaf überkommt mich, als würde ich beim Schwimmen in einem Fluss versinken.
Fühlt sich die Dunkelheit von unseren Träumen gestört? Die ganze Gegend, die ganze sonnenabgewandte Seite der Erde träumt. Männer und Frauen, Schwestern, Brüder, in den ihnen zugewiesenen Betten. Wie zufällig das alles ist! Meine Träume sind so konkret wie das wirkliche Leben, schlüssig und klar. Darin sehe ich meinen Vater, den Polizisten, und meine Mutter in jungen Jahren, als sie es liebte, mit uns zusammen zu sein, und sich als seligste der Frauen empfand, weil sie drei Mädchen und einen kleinen Jungen hatte. Wir waren ihr trockenes Reich und ihr fahles Feld, auf dem sie nichts wachsen ließ; nur die tändelnde Sonne war zugelassen, damit sie für uns tanzte, ihr trockenes Lied für uns sang. So sehe ich meine Mutter oft in meinen Träumen: von hohem Wuchs, nicht wirklich schön, aber ruhig lächelnd. Eine Krankheit zehrte sie aus und entriss sie dieser tränenreichen Welt, da stand mein Vater in seinem fünfzigsten Jahr. Für uns zu sorgen war eine schwere, zeitraubende Aufgabe für ihn. Aber in meinen Träumen ist meine Mutter nicht tot, sondern ganz unverkennbar lebendig, unparteiisch und auf heitere Weise gerecht.
Der Sommer bietet allgemeinen Frieden, vielleicht jenen Frieden, welcher höher ist denn alle Vernunft. Gott mag den irischen Winter im Sinn gehabt haben, als er diesen Satz in das Buch der Bücher schrieb. Meine Stimmung ändert sich mit den länger werdenden Tagen, dieser freundlichen List des Sommers, Ewigkeit vorzugaukeln, wenn die Sonne auf den Hof scheint und Shep angesichts dieses Lichts, der schweren Last der Hitze an diesen besonderen Tagen aus dem Staunen nicht herauskommt. Dieser anschwellende Jubel des Lichts, wenn ich am Morgen auf den Hof hinaustrete – so wird es hoffentlich im Himmel sein. Die Steine sind schon warm, haben sich in der Morgendämmerung aber noch nicht allzu sehr aufgeheizt. Das Regenwasser tief in der Erde sickert noch weiter hinab, und ein liebliches Leintuch aus Trockenheit breitet sich über das Land. Das Gras leuchtet, und die einzelnen Halme stehen getrennt voneinander wie die nicht zu bändigenden Fransen eines Stoffes. Auf dem Misthaufen bildet sich eine Kruste. Die Pisse der Kälber verdampft in den Rinnen wie Spucke auf einem heißer werdenden Backblech. Etwas Glattes, Glänzendes stiehlt sich auf die Dinge, auf Klinken und auf Insekten. In den langen, geduldigen Trieben, den Knospen des Holzapfelbaums, den kleinen, wie ein Scharnier geformten Flügelnüssen des Bergahorns kann man das Werk der Sonne fast hören. Wie frisch und belebt selbst das Laubwerk ist, voller Saft und Lebensfreude. Stein und Erde und Holz, unser kleiner Palast am Berghang, wo solche wie wir zu Hause sind.
Wie anders unsere Geschichte verlaufen wäre, dürften wir Griechen oder Spanier sein und könnten uns auf dieses Sonnenlicht verlassen! Aber es ist nur eine List, denn so mancher Sommertag ist ein naher Verwandter des Winters. Und doch sind wir froh über diese List, wir zehren davon.
Die Lämmchen habe ich noch nicht aus ihrem Schlupfwinkel zwischen den Laken gescheucht. Sollen sie ruhig ein bisschen länger liegen bleiben, sind ja noch Stadtkinder. Bald schon werden sie sich unserem Rhythmus angepasst haben und wie selbstverständlich mit dem ersten Hahnenschrei aufstehen, voller Energie. Der Zinkeimer in meiner Hand quietscht leise, als ich den taufeuchten Weg zum Brunnen entlanggehe, den Duft des Klees einsauge und den eigentümlich frischen Geruch des Weißdorns, ein so leichter Geruch, das man ihn kaum wahrnimmt, der bloße Hauch eines Geruchs. Die Zweige biegen sich unter der Last der Blüten. Die Hänge von Kelshabeg bringt er zum Leuchten, es ist eine einzige Pracht. Die höheren Grashalme streifen mein gepunktetes Kleid und hinterlassen eine feuchte dünne Spur, aber das schert mich nicht. Trotz meines Alters spüre ich ein Schwirren in meinen Knochen, eine Dankbarkeit, eine Lust auf dieses Abenteuer, und ich mache mir Gedanken über den Zustand des Brunnens. Ob sie schon vor mir da gewesen ist, die wilde Hexe von der anderen Seite des Feldwegs? Hat sie irgendeinen alten Schmutzeimer ausgewaschen und dabei Schlamm aufgewirbelt?
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