Читать книгу: «Suche Liebe. Biete mich.»
Sascha Weber
Suche Liebe. Biete mich.
Saga
Suche Liebe. Biete mich.Copyright © 2007, 2019 Sascha Weber und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788726325294
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk
– a part of Egmont www.egmont.com
Wer alles vorkommt:
Jonas Hellwege, genannt elian, Oberregierungsrat
Melanie, Jonas’ Exfreundin, Textilspezialistin
Karla, Jonas’ Schwester
Mutter, seine Mutter
Ilona, Managerin
J.,genannt adelie, Pferdenärrin
Wolfgang Hormann, Europaabgeordneter
Hilde Hormann, seine Frau
Katy, genannt ephigenie, Studentin
Hartmut, Jonas’ Jugendfreund
Vera Höffner, Karlas ehemalige Lehrerin
Katrin, eine Liebende
fienum, Studentin in Emden
lara.b, Investmentbankerin
Paul, Jonas’ Freund, erscheint nur im Traum
Margo oder Margot, Jonas’ Sekretärin
Suse, genannt zauberlehrling, Theaterautorin
Bäcker, Huren, Dermatologinnen und Personen des öffentlichen Lebens.
Erster Tag.
Zum hundertsten Mal habe ich mir einen neuen Namen zugelegt, gestern. Ich habe mich wieder einmal getauft in einem kurzen Akt, dem niemand beigewohnt hat. Noch ein Name, noch eine Maske. Ich habe ein ganzes Notizbuch, das voll geschrieben ist mit Log-ins, Passwörtern, PIN-Nummern. Mit verwaisten Kontodaten, Chiffren, Kennungen, die nicht mehr gültig sind. Diesmal aber war es wichtig. Diesmal kam es drauf an. Also habe ich eine Flasche Cava aufgemacht. Ich habe mir eingeschenkt, habe das Glas an meine glühende Stirn geführt und auf den Bildschirm gestarrt. Ich bin jetzt Nutzer einer Partnervermittlung, online. www.neu.de. Mein Name ist elian. Prost elian, habe ich gesagt, auf ein gutes Gelingen. Im selben Augenblick ist die Heizung auf Nachtschaltung umgesprungen.
ruben wäre eine Möglichkeit gewesen. Aber ich habe mich für den Namen des kubanischen Flüchtlingsjungen Elian Gonzalez entschieden. Dessen Schicksal einige Wochen lang die Welt in Atem hielt. Seine Mutter wollte mit ihm fliehen, versuchte, Florida zu erreichen in einer kleinen, notdürftig geflickten Schaluppe. Aber sie kenterten, und die Mutter ertrank. Elian wurde von der amerikanischen Küstenwache aufgefischt und Verwandten, Exilkubanern, in Miami anvertraut. Die wollten ihn nicht mehr zurückreisen lassen – dabei war der Vater am Leben: in Kuba, wo der Feind regiert. Castro hielt stundenlange Reden, wetterte bis zur totalen Erschöpfung, sprach von Entführung und schürte den Volkszorn (E-li-aan! E-li-aan!), und die Zeitungen und Nachrichtensender auf der ganzen Welt berichteten tagelang über nichts anderes als über diesen Jungen, die Umstände seiner Rettung und die internationale Krise, die er ausgelöst hatte. Selbst noch seine Cousine wurde vor die Kameras gezerrt und erlitt einen Schwächeanfall.
Der Name elian steht nicht nur für kindliche Unschuld, er steht für Fernweh, Exotik, vage Sehnsüchte: warmer Wind am Strand, kühle Getränke, das strahlende Lächeln eines jungen Mannes. Deutsche Frauen haben ein Faible für kubanische Männer, heißt es ja. Und da ich eine Mutter habe, die venezolanischer Abstammung ist, eine noch heute sehr schöne, überaus elegante Frau, und da ich tatsächlich dunkelhäutiger bin als die meisten Menschen hier, Städter, mit denen ich fast ausschließlich zu tun habe, lässt sich der Name, meine ich, rechtfertigen. Ich habe sogar kurz mit dem Gedanken gespielt, mich latinlover zu nennen oder zumindest e.iglesias, aber das führt ja zu nichts. Es steckt die falsche Botschaft drin. Die Frauen, die ich damit ansprechen würde – ich zweifle nicht, dass sich auch solche bei neu.de tummeln ‒, suchen jemand ganz anderen als mich. Die wollen die Chippendale-Nummer oder den gutsituierten Wochenendliebhaber. Als wenn es das gäbe: den Geschäftsmann mit dem Wochenendhaus auf Sylt, der auch noch aussieht wie Enrique Iglesias. Oder zumindest wie sein Vater. Manch einer behauptet übrigens, ich hätte Ähnlichkeit mit Felix Magath, dem Bayerntrainer. Dessen Vater soll ja aus Puerto Rico stammen. Aber ich bin jünger, größer. Ich bin, auch das sei gleich gesagt, kein Fußballtrainer und kein Schriftsteller und kein Rennfahrer. Also niemand, der schon von Berufs wegen Sexappeal hätte. Ich arbeite als Referatsleiter in einem Landesministerium. Habe ein abgeschlossenes Jurastudium, Staatsexamen mit eins, politische Ambitionen . . .
Obwohl ich schon seit Jahren verbeamtet bin, oder gerade deswegen, halte ich mich für einen guten, um nicht zu sagen idealen Partner. Ich bin voll beziehungsfähig, keineswegs vereinsamt oder, wie das bei Langzeitsingles häufig der Fall ist, verlottert. Ich bin kein Langzeitsingle. Ich bin ein so genannter transitorisch Alleinstehender – between relationships. Ich kann mich in Gesellschaft bewegen, tanze sogar, wenn es sein muss. Rauche nicht. In meiner Wohnung und in meinem Leben herrschen Ordnung und Sauberkeit. Ich habe, das ist mir immer wieder versichert worden, Geschmack, trage elegante, manchmal, eher an den Wochenenden, auch sportliche Kleidung. So großen Wert lege ich auf mein Äußeres, dass gelegentlich sogar meine strikt heterosexuelle Neigung angezweifelt wird. Was man ja immer irgendwie mitbekommt. Ich freue mich darüber, nehme es als Kompliment.
Auch mental bin ich auf der Höhe. Dass ich unter ein paar obskuren Phobien leide, weiß kaum jemand. Und wen sollte es auch stören? Dafür bin ich ein hervorragender Liebhaber. Als ich zum ersten Mal übers Wochenende weggefahren bin, mit sechzehn, hat mein Vater gesagt: Wenn du essen gehst mit deiner Freundin, dann stopfst du ja wohl auch nicht alles in dich hinein und verschwindest, sobald du satt bist. Du isst langsam, schaust, wartest. Bis auch sie aufgegessen hat. Dann kommt der Nachtisch. Den Nachtisch immer zusammen essen, hat mein Vater gesagt, das ist das Wichtigste! Bis zum letzten Sahnetüpfelchen auf dem letzten Minzeblättchen auf der Deko. Das Essen ist erst vorbei, wenn ihr beide beim Sahnetüpfelchen angelangt seid.
Das war die Regel, die mir mein Vater mit auf den Weg gegeben hat. Die Sahnetüpfelchenregel. Ich habe mich immer an sie gehalten. Darum bin ich ein ausgezeichneter Liebhaber.
Zweiter Tag.
Ich war eigentlich auf dem Weg zum Badezimmer, gestern Nachmittag, weil ich eine Pinzette suchte, mit der ich ein Haar entfernen wollte, das sich in die Tastatur meines Laptops gelegt hatte. Und zwar zwischen die Buchstaben j, k, l, ö in der mittleren Reihe und die darunterliegenden n, m sowie die Satzzeichen Komma und Punkt. Dort lag das Haar, dort hatte es sich festgesetzt, war mit den Fingerspitzen nicht herauszubekommen, auch nicht mit Pusten. Es war ein gerades schwarzes Haar mittlerer Länge und also mein eigenes, und ich dachte, vorbei die Zeiten, in denen ich längere Haare gefunden habe in meiner Wohnung, blonde. Oder auch leicht gewellte. Die fallen nicht auf eine Weise in die Tastatur, dass man sie mit einer Pinzette herausholen muss.
An der Wohnungstür klingelte es, und ich öffnete, ohne durch den Spion zu schauen. Das war unvorsichtig von mir. Auf dem Treppenabsatz stand eine etwa sechzigjährige Frau mit hennaroten, asymmetrisch geschnittenen Haaren, die ich erst einmal für die GEZ gehalten habe. Weil ich immer befürchte, bald kommt die GEZ vorbei und hält die Hand auf, womöglich noch rückwirkend, auf Jahre. Also halte ich immer gewisse Erklärungen bereit, bestimmte Sätze, die ich in dieser Situation zu sagen gedenke. Ich bin gewappnet, habe mir zum Beispiel zurechtgelegt, dass ich, seit ich einmal eine Aufführung des MDR-Balletts gesehen habe bei einer landespolitischen Veranstaltung im Osten, beschlossen habe, nie wieder in irgendeiner Weise mit den Öffentlich-Rechtlichen in Berührung zu kommen.
So furchtbar war das, würde ich der GEZ-Frau sagen, dass ich richtiggehend traumatisiert war. Können Sie das verstehen? Können Sie sich vorstellen, was mit der Psyche eines gesunden Erwachsenen geschieht, wenn er gezwungen ist, vierzig Ostdeutschen mit Tirolerhüten dabei zuzuschauen, wie sie versuchen, den Wilhelm-Tell-Stoff »tänzerisch zu interpretieren«? Als politische Kunst? Auf Kosten der Gebührenzahler?
Wie ich auch, seit ich bei einem Empfang in München einmal dem Friedrich Kardinal Wetter den nicht mehr ganz sauberen Ring küssen musste, beschlossen habe, mich radikal von der katholischen Kirche abzuwenden. Wobei ich das meiner politischen Ambitionen wegen nicht an die große Glocke hänge. Ist eine Privatangelegenheit. Außerdem finde ich Krippenspiele, Martinsumzüge, Kindermetten und so weiter eigentlich ganz nett, auf jeden Fall unterhaltsam.
Es war aber weder die GEZ an meiner Tür – die Eintreiber sind sonntags sicher nicht unterwegs – noch der Kardinal Wetter, der mir auch in Alpträumen schon seinen fetten Ring hingehalten hat, sondern eine Frau, an die ich mich jetzt vage zu erinnern begann. Es war die alte Grundschullehrerin meiner Schwester.
Hey, sagte sie.
Hey, sagte ich.
Kann ich reinkommen?
Aber klar.
Sie gab mir ihre Jacke. Sie duzte mich. Aha, dachte ich, wir duzen uns also. Karla war in der Stadt gewesen letztes Jahr, sie hatte sich mit der Lehrerin in einem Café verabredet. Sie haben Kontakt gehalten in all den Jahren, Karla ist in solchen Dingen sehr gut, sehr gewissenhaft. Ich bin dazugestoßen, wie man so sagt, und habe nach dem dritten Glas Riesling vorgeschlagen, sie solle sich doch mal melden. Einfach so. Und habe ihr meine Karte in die Hand gedrückt. Ich fand sie interessant. Sie hat die ganze Zeit von Mengenlehre geredet, und ich habe auch immer gemeint, dass Mengenlehre ein absoluter Glücksfall gewesen ist in meiner Kindheit. Ich habe das meiste, was ich später gelernt habe, bis tief ins Jurastudium hinein, mit Hilfe der Mengenlehre verstanden. Ich habe jede Aufgabe gelöst, jede Prüfung bestanden mit Hilfe ein paar einfacher Regeln, die ich in der Grundschule gelernt habe. Alles andere war ableitbar, alles andere musste man nicht wirklich lernen, man konnte es sich denken.
Jetzt stand diese Frau in meiner Wohnung, und ich hatte wirklich anderes zu tun. Mein Bildschirm war hellrosa und orange überflutet, das neu.de-Logo prangte in achtundvierziger Schriftgröße darauf, bewegte sich, kleine, anthropomorphe Herzchen schaukelten und blinkten, es war wirklich nicht zu übersehen, was ich da trieb. Ich hatte mich ja gerade hingesetzt, um mein Profil festzulegen und war nur unterbrochen worden wegen des Haars in der Tastatur, und nun stand diese Frau da mit ihrer Mengenlehre, und ich wusste einfach nicht mehr, wie sie hieß.
Ich habe also meinen Laptop zugeklappt, im Vorbeigehen, bin in die Küche, um Teewasser aufzusetzen und habe eine SMS geschrieben, Karla, dringend!, schnell!, wie heißt deine Grundschullehrerin???
Und, was machst du in der Stadt?, habe ich gefragt.
Ich wohne doch hier.
Ach ja, habe ich gesagt. Stimmt, hast du ja erzählt.
Das Handy piepste. Tschuldigung, sagte ich, eine Freundin in Not . . .
Karla schrieb Höffner, nichts als Höffner, ich musste also zurück in die Küche, sagte,
Der Tee,
ging in die Küche und tippte wie wild,
Der Vorname! Schnell!,
und dann war ich wieder bei der Grundschullehrerin.
Bist du eigentlich mit dem Kardinal verwandt?, wollte ich wissen.
Mit welchem Kardinal?
Gab es nicht mal einen Kardinal Höffner? In Köln?
Ja, kann sein.
Mit dem bist du nicht verwandt?
Nicht dass ich wüsste, Jonas.
Jonas! Sie kannte meinen Namen. Natürlich kannte sie meinen Namen, sie hatte mich ja aufgesucht, hatte mein Kärtchen in die Hand genommen und bestimmt mit Karla über mich geredet, sie wusste wahrscheinlich alles über mich, wusste, wo ich arbeite und wie alt ich bin und was ich mache, wusste jetzt sogar, dass ich im Internet mit Frauen verkehre, sozusagen, im Internet!, der Einserjurist, der Politiker, der semiprominente Bruder.
VERA –
Sie hieß Vera, was für eine Erlösung, ich goss den Tee auf und rief,
Hoffentlich magst du Earl Grey, Vera!
Klar!, rief Vera.
Was für ein Glück, dass Karla immer ihr Handy eingeschaltet hat. Weil sie in ihrem leeren, schlecht beheizten Laden sitzt und auf Kunden wartet, vergeblich. Aber nein, es war ja Sonntag. Jetzt, endlich, hatte ich diese Situation im Griff, jetzt war es gut, und ich freute mich richtig, denn Vera war interessant, aufgeschlossen, lustig, genau der richtige Gast für einen langen, zäh dahinfließenden Sonntagnachmittag. Und das Adrenalin, das mir wegen der GEZ ins Blut geschossen war, war längst abgebaut. Die Dame, die da an meinem Esstisch saß, schien einfach sehr nett. Ich war mir sicher, dass ich mich stundenlang mit ihr würde unterhalten können. Ich goss den Tee ein und sagte, bitte, erklär das noch einmal mit den Merkmalen. Wenn sich zwei Mengen überschneiden, dann gibt es ‒
Eine Schnittmenge.
Genau . . .
Und in dieser Schnittmenge tummeln sich die A-Elemente und die B-Elemente,
Nein, nein, es sind die A-B-Elemente,
Die beide Eigenschaften in sich vereinen . . .
Genau.
Also vollkommen homogen, diese Schnittmenge,
Ja, zumindest was diese beiden Merkmale angeht.
Wenn also, sagen wir mal, die eine Menge aus Männern besteht und die andere aus Frauen?
Dann findest du in der Schnittmenge die Zwitter.
Nicht Männer und Frauen, die sich am selben Ort tummeln? Wie bei einem großen Abschlussball?
Nein, leider nicht, nur die Zwitter und die Transen.
Puuuh.
Wir haben so viel Earl Grey getrunken, dass ich ganz zittrig war. Aber es machte Spaß. Wirklich. Ich wusste irgendwann nach der vierten Tasse wieder, warum ich sie so großherzig eingeladen hatte, obwohl ich mir unter melden (Meld dich mal . . . ) eigentlich eher eine Mail oder eine SMS vorgestellt hatte. Aber so sind sie, die alten Leute. Auf jeden Fall haben wir uns ausgezeichnet unterhalten. Über Gott und die Welt und über Politik. Eine richtige Lehrerin halt.
Ich brachte Vera noch zur Haltestelle. Ich könnte deine Mutter sein, sagte sie. Ich antwortete nicht darauf. Aber auf dem Rückweg ging mir der Satz eine Weile durch den Kopf. Natürlich könnte sie meine Mutter sein. Ist sie aber nicht. Warum also sagt sie so etwas?
Im Nachtkauf besorgte ich mir ein Schlemmerfilet à la Bordelaise und den Bahlsen-Marmorkuchen fürs Frühstück.
Wenn sie wüsste, dass ich mich für Frauen interessiere, deren Großmutter sie sein könnte, dachte ich.
Ich legte das Fischfilet ins Tiefkühlfach, ging ins Bad und zog die Pinzette aus dem kleinen Lederetui.
Dritter Tag.
Die Mitgliedschaft in der Vermittlung ist erst einmal auf einen Monat begrenzt, natürlich verlängerbar, und kostet neunzehn Euro neunzig. Ich werde mich bemühen, die Partnersuche beziehungsweise das, was ich mir vorgenommen habe, innerhalb eines Monats umzusetzen. Heute ist der 27. November. Vor Weihnachten muss ich es geschafft haben. Allein schon, weil ich bereits nach achtundvierzig Stunden merke, dass mich das wirklich sehr ablenkt, sehr in Beschlag nimmt.
Ich, elian . . . ich möchte jemanden küssen in der Silvesternacht. Das ist meine Zielsetzung. Das ist doch kein unrealistisches Ziel. Eine Frau, eine junge Frau mit Witz, Intelligenz. Sie sollte schlank sein, habe ich angekreuzt, schlank und sportlich, nicht größer als eins achtzig, sie sollte aufgeräumt wirken, selbstbewusst. Ist das zu schaffen? Ja. Auch wenn ich Silvester zu einer sehr schwulen Party eingeladen bin. Bei Hartmut in Essen.
Mein Vater hat seine jetzige Frau auch per Annonce, damals noch in der Zeitung, kennen gelernt. Nachdem meine Mutter ihn verlassen hatte. Das erzählt er natürlich nicht jedem. Die offizielle Version lautet, dass sie sich in einem Auktionshaus begegnet sind, was sich, wie ich finde, nach Kleinbürgerfantasie anhört, ein bisschen nach Kleinbürgerporno. Aber verstehen kann ich es, dass sie diese Geschichte, eine Geschichte, erfunden haben.
Ich habe begonnen, meine VK, meine so genannte Visitenkarte, zu gestalten. Ich stelle mich vor, und ich stelle mich aus, beschreibe meinen Wunschpartner und umreiße meine Träume. Die Frage nach den Hobbys. Die habe ich noch nie verstanden, die fand ich immer sehr rätselhaft. Die setzt ja voraus, dass man trennt zwischen Frei- und Arbeitszeit, dass man bestimmte Dinge tut, gerade weil sie nichts mit der Arbeit zu tun haben. Ich bin sehr aktiv, wenn ich nicht im Büro bin, ich treibe auch Sport. Gehe ins Kino und ins Theater. Aber Hobbys? Das ist, glaube ich, nochmal etwas ganz anderes. Unter den Begriff Hobby fällt Puzzlespielen, Modellbauen, Bierdeckelsammeln. So etwas mache ich nicht. Ich schreibe: Laufen, Kino, essen gehen.
Weil ich von mehr Menschen erkannt werde, als ich umgekehrt Menschen kenne und erkenne, weil ich also vermeiden möchte, dass auf irgendwelchen Partys wildfremde Leute über meine Vorlieben sprechen oder im Ministerium Gerüchte verbreitet werden, Gerüchte zum Beispiel, dass ich auf wesentlich jüngere Frauen fixiert bin, habe ich meiner VK kein Foto angehängt. Ich bin einfach elian, achtunddreißig. Unter meinem Namen steht der Satz: Ich suche eine Frau. Ich finde das etwas krude, etwas hart. Es hört sich an wie: Ich suche irgendeine Frau. Aber der Satz wird von der Site generiert, die
machen das automatisch. Weil ich kein Foto eingestellt habe, habe ich mir besondere Mühe gegeben mit dem Text. Der überschrieben ist mit: Was mir wichtig ist.
›Ich möchte erst einmal einfach jemanden kennen lernen, ein bisschen reden, das Fremdsein überwinden. Dann sieht man ja, was weiter passiert. Am liebsten bewege ich mich in einem Umkreis von, sagen wir, zwei Kilometer von der Studiobühne (u. geh auch gern da rein). Es sollte ein interessantes Gespräch zustande kommen. Foto schicke ich auf Anfrage (ich weiß, alle behaupten es, aber bei mir stimmt es: Ich wirke jünger, bin ein sportlicher Typ), freue mich natürlich auch über das eine oder andere Bild.‹ Die Tatsache, dass ich kein Foto habe auf meiner VK, ist erst einmal ein riesiges Handicap. Weil die Frauen natürlich meinen, ich hätte etwas zu verbergen. Das zumindest wäre mein erster Gedanke.
Gestern Abend hat Melanie angerufen, ich habe sie vor sechs Wochen verlassen, sechs Wochen ist das nun schon her . . . Ich habe sie verlassen, weil sie alles wollte und alles zu schnell und Kinder kriegen, und ich sollte sagen, wenn ich irgendwelche Reisepläne hätte, quasi um Erlaubnis bitten bei ihr. Dabei gehört das einfach zu meiner Arbeit, das Reisen, seit der Staatssekretär in mein Büro gekommen ist, mir die Hand aufgelegt und gesagt hat: Du bist unser Mann für Brüssel. Und für den Rest der Welt?, habe ich gefragt. Gut, und für den Rest der Welt, hat er gesagt. Ich habe immer so gelebt, spontan und direkt und ohne jemandem etwas zu schulden. Ich bin ja auch in eigenen Angelegenheiten ständig unterwegs. Es war also erdrückend, und ein Grund für die Misere war ihr Alter. Melanie ist fünfunddreißig, und sie leidet unter der klassischen Anuptophobie: Torschlusspanik. Es ist natürlich vollkommen unkorrekt, politisch unkorrekt, das so zu sagen, aber eine andere Analyse lässt die Situation nicht zu. Ich hatte mich wohl auch schon ein wenig entliebt.
Gestern Abend hat sie angerufen, nach einigen Wochen, in denen wir überhaupt nicht miteinander geredet haben, und ich habe natürlich gemerkt, wie verletzt sie ist, dass sie andererseits bemüht ist, eine neue Basis zu finden, vielleicht kann man das in Freundschaft umwandeln, wird sie gedacht haben, wir waren eigentlich schon vorher eher befreundet als verliebt, denke ich manchmal, obwohl sie das natürlich anders sieht. Während sie also angerufen hat gestern Abend und wirklich sehr geweint und mir Vorwürfe gemacht hat, immer wieder, wegen meiner Gefühlskälte, habe ich gleichzeitig bei der Partnervermittlung rumgeklickt, habe tatsächlich, während sie mir am Telefon all diese Dinge an den Kopf geworfen hat, während sie mir sozusagen verbal mit den kleinen Fäusten auf die Brust getrommelt hat (Jonas, was bist du für ein Mensch? Was bist du nur für ein Mensch?), die Angebote angeschaut und an meiner VK gebastelt und schließlich auch den ersten Kontakt aufgenommen. Mit zoe28.
›Ich schicke dir mal ein Bild, einfach so. Wenn es dir gefällt, kannst du dich ja melden. Es grüßt elian.‹
Die Zahl Achtundzwanzig im Log-in, das ist ihr Alter. Die einen machen es so, andere nehmen das Geburtsjahr, wieder andere bauen den Städtenamen mit ein: effi.kln zum Beispiel. zoe28 hätte sich also auch zoe76nennen können, das wäre aufs Gleiche rausgekommen. Es gibt viele Frauen, die die Zahl Neunundsechzig in ihren Namen haben, und weil tatsächlich auch einige Prostituierte in diesen Vermittlungen lauern, habe ich erst gedacht, die Zahl soll auf eine Sexstellung anspielen, auf ein großes gegenseitiges Geschlecke. Das ist nicht so weit hergeholt, man findet auch ichleckdichoo und so, blasebalg oder anna-1, aber in diesem Fall ist meine piktogrammatische Fantasie total mit mir durchgegangen. Das sind alles Frauen, die 69 geboren sind und sich natürlich für Männer wie mich, Jahrgang 65, interessieren. Die haben ihre Filter so eingestellt, dass sie mich sofort finden.
Viele Log-ins sind Zusammensetzungen aus sweet und mausi und einsam, sweetladyo4 zum Beispiel, kuschelmaus, einsame.39, binsoisam, etwas in der Art. Die kommen für mich nicht in Frage. Genauso wenig wie Log-ins, die mich direkt ansprechen oder zu etwas auffordern wollen. klickmichan, du-und-ich, finds.raus69, das ist mir alles irgendwie zu billig, zu schlampig.
Heute hat sich zoe28 eingeloggt, das habe ich gesehen, man sieht immer, wer gerade online ist, und man sieht auch, wer eine Visitenkarte angeklickt hat, und sie hat tatsächlich meine Visitenkarte angeklickt. Aber sie hat mir nicht zurückgeschrieben. Sicher wegen des Alters. Und weil sie selbst kein Bild eingestellt hat, verfolge ich das nicht weiter. zoe28 ist abgehakt, sie war nur ein Test.
Aber ich habe ein paar andere Eisen im Feuer. Sie sind alle unter dreißig, und das heißt, meine Chancen stehen eher schlecht, ich gehöre mit meinen achtunddreißig in die Kategorie geiler Alter, dieser Tatsache muss ich leider ins Auge sehen. Dabei kann ich gar nichts dafür, dass ich mich eher für jüngere Frauen interessiere, gerade nach der Erfahrung mit Melanie. Ich will eine Frau kennen lernen, die noch ein paar Jahre warten kann, bis sie sich ernsthaft Gedanken darüber macht, ob der Mann, mit dem sie zusammen ist, der Erzeuger ihrer Kinder sein soll. Das sind also die Voraussetzungen. Ich kann unter diesen Umständen froh sein, wenn bei jeder Zehnten überhaupt etwas zurückkommt, und deshalb schicke ich gleich das Foto mit, das ist meine Stärke. Ich sehe nämlich wirklich gut aus, das hat mir meine Umwelt immer wieder bestätigt. Und ich wirke tatsächlich jünger. Ich treibe Sport, habe weiße Zähne, volles Haar.
Ich habe lange da gesessen und Melanie zugehört und meine so genannte Galerie angeschaut: eine meinen Kriterien entsprechend gefilterte Liste. Hunderte von Bildern, die meisten von irgendwelchen einsamen Herzen, die alle über ihre linke Schulter in die Kamera zurückblicken. Wenn überhaupt, interessiere ich mich im Moment nur für ephigenie, fünfundzwanzig Jahre alt. Sie hat studiert, hat keine Kinder, ordnet sich als ›gemäßigt links‹ ein und wohnt in meiner Stadt. Ich habe ihr ein Bild geschickt, ein besonders freundliches. Ich lache direkt in die Kamera.
Außerdem habe ich angeschrieben: goldfieldi, fienum, falafela, felize79 und lulu.zero. An adelie, ebenfalls blond und fünfundzwanzig, aber nicht so elegant und verträumt wie ephigenie, habe ich gestern noch schnell eine Nachricht losgeschickt, natürlich mit Foto, und ich habe gesehen, dass sie online war, sie hat aber meine Seite nicht besucht, das heißt, sie hat mich total ignoriert. Einfach wegen des Bildes. Schade, ich fand sie interessant, sie hat sich in einem Eistunnel ablichten lassen, mit Rucksack und Flanellhemd, sehr Tomboy, sehr schön. Meine Hoffnungen, überhaupt mal etwas zu hören, irgendeine Art von Rückmeldung zu bekommen, liegen jetzt also nicht bei adelie, sondern bei lulu.zero, denn die ist vierunddreißig. Leider war sie gestern Single des Tages, man ist beim Eintritt in die Site förmlich in sie hineingestolpert. Tausende von Männern können es nicht übersehen haben, Tausende von unappetitlichen, angestauten Typen, die sie sicherlich mit Hunderten von Nachrichten zugeschüttet haben.
Ich will mir vornehmen, jetzt jeden Tag mindestens zwei Frauen anzuschreiben, denn ich merke schon, die Pipeline wird sehr schnell austrocknen, wenn ich nicht hinten immer wieder nachschieße. Ich habe noch siebenundzwanzig Tage. Wahrscheinlich ist die Anzahl der Frauen, die für mich interessant sein könnten, gar nicht so groß. Die allermeisten sind um die vierzig, haben kurze, rot gefärbte Haare und arbeiten ›im Einzelhandel oder ›im Verwaltungsbereich‹. Ich weiß nicht, wie weit ich meine Kriterien lockern muss, auf jeden Fall mache ich mir langsam Sorgen.
Eingeschlafen bin ich als elian, aufgewacht als Jonas Hellwege, Oberregierungsrat. Ich war spät dran, musste mir ein Taxi nehmen.
Vierter Tag.
Ich musste noch einmal an Vera Höffner denken, die Grundschullehrerin. Ich fragte mich, was sie wollte, wie sie auf die Idee gekommen war, mich zu besuchen, ohne Vorwarnung, ohne jede Ankündigung, nach einem Jahr. Nur weil ich ihr irgendwann einmal, leichtfertigerweise, meine Karte gegeben und gesagt hatte, sie solle sich melden. Melden! Ich kam nicht weiter damit. Nahm mir vor, meine Schwester zu befragen. Die wird sich eh über die SMS gewundert haben, dachte ich.
adelie hat zum zweiten Mal meine VK angeklickt, und ich habe sie quasi erwischt dabei und dann nicht lange gezögert. Ich habe eine Live-Message rübergeschickt, die konnte sie gar nicht ignorieren, ich habe geschrieben:
›Ich weiß. Ich bin steinalt. Aber ich beiße nicht. Du hast nichts zu verlieren.‹
Ich habe beim Partnerwunschprofil angegeben, dass ich mich für Frauen zwischen fünfundzwanzig und fünfunddreißig interessiere, weil diese Information auch öffentlich einsehbar ist natürlich, es sieht dann nicht so schmierig und pervers aus, wenn sich ein Achtunddreißigjähriger für Frauen bis fünfunddreißig interessiert. Ich werde Anfragen von Frauen über, sagen wir, einunddreißig allerdings erst einmal ignorieren, also die ganzen Neunundsechziger, die wollen alle gleich Kinder kriegen, außer lulu.zero vielleicht, die hat mir ganz gut gefallen. Ihr Foto sieht nach Levis-Werbung aus, sie räkelt sich auf einem Sofa. Es steht nicht viel auf der VK, nur dass ihr neuer Freund ein guter Schwimmer sein sollte. Weiß nicht, was das bedeutet. Ich werde eh nichts von ihr hören, sie war ja Single des Tages.
adelie hat geantwortet, hat tatsächlich geantwortet! Es war nach drei langen, schon etwas frustrierenden Tagen meine allererste Rückmeldung. Ich war vollkommen aus dem Häuschen, dachte, das müsste man irgendwie feiern, aber mir blieb gar keine Zeit, zum Kühlschrank zu laufen und den Sekt aufzumachen. Sie schrieb, dass sie noch dabei gewesen sei, ihre Post zu lesen, deshalb die verspätete Antwort, und dass sie tatsächlich mehr jemanden in ihrem Alter suche. Dann noch etwas Nettes über mein Foto. Ich konnte es noch gar nicht recht fassen, dachte, jetzt keinen Fehler machen, bloß keinen Fehler, das ist wie beim Angeln, man legt einen Köder aus und wartet, und irgendwann beißt ein Fisch an, und dann beginnt erst der eigentliche Sport. Und ich überlegte, wie ich das angehen, was ich antworten könnte, wie schnell, nicht zu schnell, es sollte nicht verzweifelt wirken, andererseits sollte sie sich auch nicht ausloggen. Da öffnete sich, noch bevor ich mir eine Strategie hatte zurechtlegen können, ein Fenster auf meinem Bildschirm, eine kleine Tür nach draußen, ein Tor in eine andere Welt. adelie, stand da in großen, pfirsichfarbenen Buchstaben, will mit dir chatten. Ich klickte auf akzeptieren.
Liebe adelie, das hast du wirklich sehr gut gemacht. Du hast mich mit Respekt behandelt und warst nett zu mir, ein bisschen wie meine allererste Freundin damals, sehr verständnisvoll.
Wir haben zwei Stunden ununterbrochen miteinander gechattet, ich hatte Probleme mit der Tastatur, ich hatte kein Fragezeichen, was bei einem Chat ein echtes Problem ist, ich habe ein scharfes ß eingesetzt statt des Fragezeichens, das ging dann. adelie wollte gar nicht so viel von mir wissen, zumindest am Anfang nicht, sie hat eher abgewartet, was ich fragen würde, welche Themen mich interessierten. Sie meinte, dass sie aus der Stadt raus müsse. Sie sei hier geboren und aufgewachsen, und jetzt studiere sie auch noch hier. Sie wolle auf dem Land wohnen und ein Pferd haben.
Eine Diplomarbeit schreibt sie in Soziologie, es geht um Angriffe auf die Zivilbevölkerung an den Kriegsschauplätzen unserer Zeit, was ich höchst interessant fand und worüber ich gern mehr erfahren hätte. Aber sie wollte nicht so recht. War genervt von ihrem Thema, wie das so ist, wenn man lange an einer Arbeit schreibt. Kollateralschäden und Massaker, das sind vielleicht auch nicht die besten Themen für einen ersten Online-Flirt. Immerhin habe ich es noch geschafft, ihr ein paar Bücher zu empfehlen. Sie hat sich bedankt und geschrieben, dass sie sich die Namen notiert habe, und ich habe geantwortet: sehr gut, sehr brav.
Ich habe sie regelrecht ausgefragt, wie die Online-Partnersuche von der anderen Seite aussieht, habe gefragt, wie viele Nachrichten sie bekommt an einem Tag (zwischen einer und fünf) und worauf sie schaut. Sie fand meinen Text nett. Sie hat erzählt, dass sie schon seit vier Monaten Mitglied ist, die Sache aber erst seit fünf Wochen mit Ernsthaftigkeit betreibt. Frauen müssen ja nicht bezahlen, das ist ein wichtiger Gesichtspunkt, es bedeutet, dass sich viele anmelden, dann aber nur selten reinschauen. Immerhin, nach drei Monaten Untätigkeit wird die VK mit ihren Daten gelöscht. So richtige VK-Leichen gibt es also nicht. Allerdings, denke ich, müsste man eine Regel einführen, wie es sie bei den diversen Kampfsportarten gibt, die ich mir auf Eurosport anschaue. Karate zum Beispiel. Da gibt es Punktabzug bei fehlender Angriffslust.
Und bist du nicht in einer ganz anderen Lebensphase als ich?, will sie wissen. Familiengründung, Hausbau und so weiter? Ich ignoriere die Frage nach der Familiengründung, sage, dass mich Hausbau nicht interessiert, dass ich eine sehr schöne Wohnung habe im Zentrum der Stadt, und dann schiebe ich noch nach, dass wohl jeder Mensch ein bisschen anders getaktet ist, es läuft halt nicht bei allen gleich. Mit der Antwort war sie zufrieden, das hat man gemerkt, dass ihr das noch eine Weile im Kopf herumgegangen ist.
Ich habe mich bemüht, ihr jegliches Misstrauen zu nehmen. Nicht gefragt, wo sie wohnt. Sie hat von sich aus gesagt, dass sie in einer Vorortsiedlung wohnt, weil sie ja die Stadt nicht mag, und ich habe zu bedenken gegeben, dass sie die Stadt vielleicht nicht mag, weil sie nicht richtig drin ist. Aber da sind wir nicht weiter gekommen.
Nach zwei Stunden ging uns ein bisschen die Luft aus, das heißt, wir hätten vielleicht noch eine Weile weiterschreiben können, aber ich spürte, dass sie Schluss machen wollte, und dann haben wir das mit großer gegenseitiger Rücksichtnahme und viel Feingefühl eingefädelt.
Ich gehe noch in die Badewanne, habe ich geschrieben.
Ich war schon in der Badewanne, hat sie geantwortet.
Ich wollte eigentlich früh ins Bett heute, habe gar nicht mit so was gerechnet, hat sie gemeint.
Ich schon, habe ich geantwortet, oder gehofft, hatte gehofft auf diesen Chat, war neugierig.
Auf jeden Fall war es sehr schön, und wir sollten uns auf dem Laufenden halten.
Ja, unbedingt, wir speichern uns gegenseitig unter Favoriten, was hältst du davon?
Das wollte ich auch gerade vorschlagen.
Schlaf gut.
Und du erst . . . Und dann hat sie noch nachgeschoben, fast beiläufig, dass sie noch nie so intensiv mit jemandem gechattet hat in diesen fünf Wochen, seit sie dabei ist. Das fand ich natürlich sehr schön. War ein echtes Kompliment, genau, was ich hören wollte. Ich habe mich mit ›Gute Nacht, Pinguin‹ verabschiedet, weil sie mir erzählt hat, dass adelie eine Pinguinart ist.
Aber das ist schon eine harte Nummer, dass man erst einmal beweisen muss, dass man nicht total pervers ist. So etwas gibt es im richtigen Leben überhaupt nicht, da hat man nur mit Leuten zu tun, die zumindest schon mal davon ausgehen können, dass man nicht vorbestraft ist wegen irgendeines Sexdelikts, und dass man nicht stinkt oder ein richtig fieses körperliches Gebrechen hat. Online musst du dieses Grundvertrauen erst herstellen. Erst mal bist du als Mann ein potenzieller Lügner, ein fieser, stinkender kleiner Perverser.
Fünfter Tag.
Der österreichische Schriftsteller Heimito von Doderer hat – ich glaube, das war in den Zwanzigerjahren – eine Annonce aufgegeben: Suche dicke jüdische Damen. Das war wohl ein Fetisch, und er hat sich mit diesen Damen getroffen, viele, Hunderte haben sich gemeldet, und er hat seine Aufzeichnungen gemacht dazu, unter dem Manuskriptkürzel ›dd‹. Aus den Aufzeichnungen ist dann irgendwann ein Buch geworden, so ein Monumentalroman, wie sie in Österreich einige Zeit in Mode waren. Aber Dicke Damen oder gar Dicke jüdische Damen, das war natürlich kein Titel, mit dem sich ein Verleger hätte anfreunden können. Das Buch hieß dann Die Dämonen. Hauptsache, das Kürzel passte noch.
heimito wäre ein ausgezeichneter Name gewesen. Schade, dass ich nicht früher darauf gekommen bin.
Gestern Abend ist eine Menge passiert, ich bin gerade recht zuversichtlich. Das heißt, ich bin eigentlich sogar beinahe schon euphorisch, wenn ich daran denke, wie das gelaufen ist. Das Glück hat immer einen Namen, in diesem Fall sogar mehrere, mein kleines Glück heißt lara.b, heißt fienum, heißt immer noch adelie, und kurz vor Schluss, bevor ich endlich meinen Computer ausgeschaltet habe, hat sich noch ein weiteres Glück an mich herangeschlichen: zauberlehrling.
zauberlehrling hat mich gleich zum Marathonlaufen eingeladen, beziehungsweise zum Trainieren, was mir eigentlich sehr gut passt. Ich wollte das immer schon einmal machen, und unbedingt vor meinem Vierzigsten. Ich fand es gut, wie sie das geschrieben hat. lara.b dagegen war nicht so locker. Sie wollte, nachdem ich sie gebeten hatte, mir ein Foto zu schicken, erst einmal wissen, wie mein Tag so abläuft, wie ich mir mein Leben vorstelle, ob ich eine bestimmte Lebensplanung habe und so weiter. Das sind eine Menge Fragen gegen ein ziemlich nichtssagendes Bild. Sie hat nämlich nur ihr Auge eingestellt, man sieht nur ein nach oben, zum Himmel gerichtetes Auge, erinnert ein bisschen an ein Foto von Man Ray. Und ein paar blonde Strähnen, die von der Stirn herabfallen, sind noch zu erkennen. Das Auge ist geschminkt, aber nicht stark, auf jeden Fall hat sie etwas mit den Wimpern gemacht, die kleben ein wenig zusammen. Alles ganz harmlos, eigentlich hat mir das Auge gefallen. Also habe ich mit meinem Bild zurückgeschrieben und gefragt, ob sie sich nicht revanchieren will. Dann kamen all diese Fragen wie bei einem Vorstellungsgespräch. Ich habe mich bemüht, wirklich, habe aber den Fehler begangen zu sagen, dass ich beruflich viel unterwegs bin, oft auch im Ausland, worauf sie antwortete: Das kann eine Beziehung aber sehr belasten. Dann ist sie trotz ihrer spürbaren Skepsis ein wenig aus sich herausgegangen.
lara.b ist eine Bankerin und sie glaubt, da gegen Vorurteile ankämpfen zu müssen. Ich habe aber gleich erzählt, dass ich viel mit Bankern und natürlich auch Bankerinnen zu tun habe, und dann habe ich meinen zweiten Fehler begangen und spekuliert, dass sie mir ja vielleicht schon einmal Geld ausgezahlt habe. Aber nein, hat sie geschrieben, sie zahlt kein Geld aus, höchstens mal ein – das Geld, das ihr die Kunden zum Anlegen geben. lara.b ist Anlageberaterin, arbeitet nicht an der Kasse. Ich hätte gleich fragen können, ob sie abends auch den Schalterraum putzen muss.
Danach kühlte sich der Austausch etwas ab. Wir haben nicht live gechattet, sondern einfach über die neu.de-Site Nachrichten hin und her geschickt, was nicht anders ist als normaler E-Mail-Verkehr. Es ist weniger anstrengend als ein Chat, kann sich aber auch etwas dahinschleppen. Ich bin da noch zu ungeduldig. Immerhin hat sie mir dann doch noch das Foto geschickt, einen größeren Ausschnitt, man sieht beide Augen und die Haare, die sehr gepflegt wirken, blondiert und gepflegt und schick modisch geschnitten, und man sieht noch den Nasenrücken. Da hört es dann auf. Die untere Hälfte, Mund und Kinn, hat sie noch zurückgehalten. Ich muss wohl noch die eine oder andere Frage beantworten.
Ich habe noch an Melanie gedacht gestern Abend, habe überlegt, ob ich ihr eine Nachricht schicken sollte. Telefonieren war nicht möglich in dieser Situation, ich war ja mittendrin im Gewühl und also sehr abgelenkt, und im Fernsehen lief Viel Lärm um nichts. Trotzdem kam dann der Gedanke an Melanie, warum es nötig gewesen war, sie so zu verletzen. Und ich habe mich gefragt, ob ich wirklich so gefühlskalt bin, wie sie behauptet. Ich habe Melanie geliebt, aber dann wurde diese Liebe erdrückt und verschüttet unter einem Haufen von Erwartungen.
Es war ein bisschen zäh mit lara.b, aber immerhin hatte ich jetzt mal Kontakt, ihre war die erste Nachricht, die ich erhalten hatte seit adelie. adelie war auch wieder online, und ich hatte ihr geschrieben, mich ganz kurz noch einmal für den Chat bedankt, aber sie hat nicht zurückgeschrieben. Sicherlich auch so ein Versuch, nicht zu verzweifelt zu wirken, cool zu bleiben. Man muss sich Zeit lassen in diesem Forum, es können leicht mal ein paar Tage vergehen, bis man wieder etwas hört. Die Frauen verspüren nicht die gleiche Dringlichkeit, weil sie ja nicht bezahlen müssen. Sicher sind auch viele bei mehreren Diensten angemeldet, und einige, wie zum Beispiel fienum aus Emden, machen das nebenbei, lassen die Site einfach im Hintergrund mitlaufen, während sie an ihrer Seminararbeit schreiben. Das ist aber weit, habe ich geschrieben, Emden. Was bedeutet denn weit für dich?, wollte sie wissen, und ich habe gesagt, na ja, von meinem Balkon aus kann man das Meer nicht sehen, so viel ist schon mal klar. Dann hat sie geschrieben, dass sie an der Seminararbeit sitzt. Die Nachfrage, worum es in der Arbeit geht, ist dann schon ins Leere gelaufen. Immerhin, fienum find ich süß, die sind eh alle ganz nach meinem Geschmack, soweit ich das beurteilen kann, ich habe sie ja auch ausgesucht. Ich schaue, wer im Netz ist und wer meine VK besucht hat, und dann schreibe ich, wenn ich mag, was ich da sehe und lese, ich lauere und warte und feuere dann meine Mail ab mit dem Foto. Und manchmal kommt eine Rückmeldung. fienum hat wirklich unglaublich schöne Haare, die zeigt sie natürlich auf dem Foto . . . am Strand, im Sturm, im Hintergrund die Brandung, und die Haare, ein halb aufgelöster, dicker Zopf, dunkelblond und lang, wirbeln durch die Herbstluft. Ein schönes Bild. Sie ist eins achtundsechzig und wiegt dreiundfünfzig Kilo.
Ich bin nicht weitergekommen mit fienum, wohl wegen der Seminararbeit. Ich bin nicht weiter gekommen mit lara.b, der Bankerin, weil ich mir tatsächlich diese kleinen Anfängerfehler geleistet habe, ich hätte nicht von meinen Reisen erzählen sollen, es gab gar keinen Grund, das gleich zur Sprache zu bringen. adelie hat sich nicht gemeldet, wer weiß, warum. Und trotzdem bin ich nicht unzufrieden, ich habe immerhin auf mich aufmerksam gemacht, habe jeweils mein Foto mitgeschickt und das hat genügt, um ein wenig Interesse zu wecken. Ich gehe davon aus, dass diese Frauen, die attraktivsten auf dieser Site – meine Standards sind, das merke ich, vergleichsweise hoch -, eine Menge Post bekommen, und wenn ich es schaffe, irgendeine Reaktion hervorzurufen, dann ist das schon einiges. Dann kann ich schon zufrieden sein. Letztendlich muss es ja nur bei einer klappen, nur eine, die sich festbeißen muss, die neugierig und immer neugieriger wird und nicht so hoch ansetzt wie lara.b. Es geht nicht um Lebensplanung erst einmal, es geht darum, miteinander warm zu werden, das Interesse füreinander zu wecken, vielleicht auch das Verlangen, sich mal zu treffen. Langsam, Schritt für Schritt, so habe ich es ja auch auf meiner VK geschrieben.
Ich habe den Text noch ein wenig geändert, die Sache mit der Studiobühne war zu restriktiv. Wenn ich schreibe, dass ich mich am liebsten im Umkreis von zwei Kilometern von diesem Theater aufhalte, dann schließe ich eine ganze Menge Frauen aus, neunundneunzigkommaneun Prozent ungefähr, dabei bin ich eigentlich sehr mobil. Ich habe nur keine Lust, ins Umland zu fahren oder in eine andere Stadt oder nach Emden ans Meer, aber die Stadt selbst ist durchaus überschaubar, ich komme überall hin in dreißig Minuten, mit Fahrrad, Bahn oder Taxi. Und es ist eine große Stadt, mit vielen Frauen. Mit vielen Frauen, die im Hintergrund, während sie an ihren Seminararbeiten schreiben, eine Partnersuche laufen haben.
Ich arbeite im politischen Bereich, bin Referatsleiter und schreibe Reden, für mich und gelegentlich auch für andere, und ich häufe Ämter an, kleine Ämter und Parteiaufgaben auf Landesebene. Ich arbeite mich hoch, gehe den Gang durch die Institutionen. Karriereziel ist natürlich der Bund, und das heißt Berlin. Am liebsten habe ich es mit Kulturschaffenden zu tun, das ist ein dankbares Feld, Kulturpolitik, weil man zu den schönsten und ausgelassensten Partys eingeladen wird. Nur leider gibt es so wenig Geld in diesem Bereich. Durch meine Arbeit habe ich auch Melanie kennen gelernt, die Kostüme schneidert und neben der Lehre sogar mal Dramaturgie studiert hat. Leider ist ihr über die Kinderfrage ein bisschen der berufliche Ehrgeiz abhanden gekommen, für den ich sie einmal bewundert habe. Sie arbeitet aber immer noch.
Ich war also begeistert, als mir gestern Abend zauberlehrling schrieb, dass sie erstens mit mir Marathon laufen wolle, und dann, dass sie beim Theater arbeite. Sie hat nicht gesagt, bei welchem oder was sie da macht, nur, dass heute lange geprobt wird, bis in den späten Abend, und dass sie deshalb wohl nicht einloggen wird. Ich habe zurückgeschrieben: Marathon und Theater, du machst mich neugierig. Worauf postwendend zurückkam: Na das will ich hoffen. Schön. Dann habe ich für diesen Abend selbst den Browser geschlossen, ich wollte Viel Lärm um nichts zu Ende sehen, und ich war sehr froh, dass ich das gemacht habe, es bedeutet wohl, dass ich etwas entspannter werde, ich muss nicht den ganzen Tag und die halbe Nacht wie gebannt auf den Bildschirm starren, die Frauen machen das ja auch nicht. Multitasking nennt man das wohl, die Partnersuche ist ein Task von vielen.
zauberlehrling tut ein bisschen geheimnisvoll, aber irgendwas macht sie auch richtig. Irgendwie hat sie es geschafft, in den zwei, drei Sätzen, die ich bisher von ihr bekommen habe, den richtigen Ton anzuschlagen. adelie wird sich, davon bin ich überzeugt, noch einmal melden. Sie ist am Zug. Ich sollte, werde mir keine Sorgen machen. Ich mache mir eh keine Sorgen, weil sie eigentlich, wenn ich ehrlich bin, nicht in Frage kommt. Vorstadt und Pferde. Sie liest gerade Roald Dahl. Aber ich mag sie, ich mag das bisschen, was ich von ihr in Erfahrung bringen konnte, und das Lächeln auf ihrem Bild im Eistunnel.
Übermorgen habe ich Geburtstag, es kommen schon die ersten Karten und Briefe, und übermorgen veranstalte ich in meiner Wohnung eine mittelgroße Party, einen Cocktailempfang für etwa dreißig Leute, und da werden auch zwei Frauen auftauchen, die mich interessant finden und mit denen ich ein bisschen gespielt habe in den letzten Wochen. Seit das mit Melanie vorbei ist. Sie haben beide kleine, aber letztlich unüberwindbare Schönheitsfehler, trotzdem mag ich sie sehr und will sie auf keinen Fall enttäuschen. Sie sollen nicht erfahren, dass sie jetzt mit vielen tausend Frauen konkurrieren, mit zauberlehrling und mit der Studentin fienum aus Emden, mit einer blonden Schönen namens ephigenie. Niemand soll es erfahren.
lara.b, die Bankerin, werde ich löschen. Noch heute Abend.
Sechster Tag.
Was ich lara.b noch geschrieben habe, bevor ich sie gelöscht habe: Dass das mit der Lebensplanung so eine Sache sei. Ich sei eigentlich immer davon ausgegangen, dass man nicht etwas planen solle, um dann den passenden Partner für diese Pläne zu suchen, sondern dass es umgekehrt passieren müsse: Man sucht einen Partner und entwickelt dann die gemeinsamen Pläne. Nicht: Will ich ein Kind? Ja, und wer kommt als Erzeuger in Frage?, sondern: Mit wem will ich zusammen sein? Und wollen wir beide, so wie wir als Paar sind, ein Kind? Ich glaube, dass ich diese Erklärung in den nächsten Tagen und Wochen noch das eine oder andere Mal werde vortragen müssen. Auch Melanie hat es nicht verstanden oder verstehen wollen. Sie hat einfach nicht geglaubt, dass das einen Unterschied macht.
adelie hat sich gemeldet, das habe ich mir doch gedacht, dass sie mich nicht einfach fallen lässt, sie hat sich schon am Morgen, um zehn Uhr achtundzwanzig eingeloggt, die Nachricht ist in meinem E-Mail-Ordner gelandet. Das wird anscheinend weitergeleitet, ich bin nicht sicher, wie es funktioniert. Auf jeden Fall hat sie, die ja am ersten Abend erklärt hat, dass sie sich nur etwa alle zwei Tage einloggt, jetzt schon ein bisschen Ungeduld gezeigt. Zweimal in vierundzwanzig Stunden war sie drin. Es ist ein Spiel, ein Gesellschaftsspiel, ich beginne, es zu verstehen. Ein bisschen Pokerface muss sein. Ruhig bleiben. Cool bleiben.
Ich habe den ganzen Morgen im Büro gesessen und telefoniert und E-Mails geschrieben und, weil es nicht aufhörte zu klingeln, nur ein-, zweimal überhaupt aus dem Fenster geschaut. Dabei ist das diesjährige Herbstwetter spektakulär, richtiges Prachtwetter. Dann bin ich in eine Sitzung, eine Arbeitsgruppe zur Vorbereitung eines in weiter Ferne liegenden Events. Kann auch sein, dass aus dem Event überhaupt nichts wird. Die Finanzierung ist nämlich noch offen. Wie das so ist. Und ohne gültige Finanzierungszusagen wollen sich die Macher nicht festlegen, verhandeln vielleicht noch irgendwo anders. Aber planen muss man natürlich, ein paar Ideen entwickeln. Das Wort ›einbinden‹ muss Vorkommen, einbinden ist immer gut. Man muss denen ein schlechtes Gewissen machen. Dass sie, wenn, sie absagen, Menschen, Institutionen, am besten Schulen fallen lassen, die eingebunden sind in die Pläne. Und man muss gerade so viel vorleisten, dass sie von einem schlechten Gewissen geplagt werden, wenn sie aussteigen. All das muss man hinbekommen, ohne zu viel Zeit zu investieren. Das ist die ganze Kunst. Also bildet man eine Arbeitsgruppe. Und die Sekretärin eröffnet ein Zeitunterkonto mit einer sechsstelligen Nummer. Als wir fertig waren, habe ich gesagt, ich will das Protokoll gleich sehen, noch heute Nachmittag, damit ich mich noch erinnere, was gesagt worden ist. Wenn es später kommt, in zwei oder drei Tagen, muss ich der Sekretärin einfach glauben. Letztendlich wäre auch das nicht tragisch. Nur der Staatssekretär liest so ein Protokoll, beziehungsweise liest es an.
Ich bin nach Hause, schon um halb zwei, mit dem Fahrrad. Kalt war es, aber, wie gesagt, prächtig. Zum Glück hatte ich Handschuhe dabei. Und ich habe auf dem Weg in einem Café Halt gemacht und mir die Zeitungen vorgenommen. Das gehört ja auch zu meiner Arbeit. Und es war auffällig, wie freundlich die Leute waren, besonders die Frauen, sie haben mich alle sehr freundlich angeschaut, immer direkt meinen Blick erwidert. Hin und wieder kommt es vor, dass ich erkannt werde oder dass die Leute zumindest mein Gesicht schon mal gesehen haben, es aber nicht einordnen können. Ich gehöre in dieser Stadt zur Semiprominenz, das ist eine sehr undankbare Kategorie. Man muss sich in der Öffentlichkeit so verhalten, als würde man ständig beobachtet. Hat aber nichts davon. Man wird ja meistens gar nicht beobachtet. Aber heute hatte ich den Eindruck, als sei da eine enorme Verschwörung im Gange, als hätten diese Frauen und ich ein Geheimnis, als lebten wir alle in einer Parallelwelt oder, wie es jetzt immer heißt, Parallelgesellschaft, in der von neu.de, und wüssten voneinander. Ich habe diese Frauen angeschaut, die Kellnerin in dem Café, und habe darauf gewartet, dass sie mir zuzwinkert. Das hätte mich in dem Moment überhaupt nicht gewundert. Bei jeder Frau, die ich gesehen habe, auf der Straße, in der Bäckerei, oder wo ich sonst noch eingekauft habe, überall sind mir diese Bilder durch den Kopf geschossen, die Fotos, ich habe versucht abzugleichen, habe gedacht, vielleicht ist das jetzt ephigenie oder eine andere. Vielleicht auch zoe28, die kein Bild eingestellt hat und also jede sein könnte, wirklich jede Achtundzwanzigjährige. Es gibt so viele Achtundzwanzigjährige in dieser Stadt, das ist mir früher nie aufgefallen.
Als ich nach Hause kam, lag das Protokoll im Faxgerät. Und da habe ich mich ganz kurz gefragt, warum ich diese Sekretärin noch nicht wahrgenommen habe, als Frau. Sie heißt Margo, also wohl Margot, und sie ist wahrscheinlich achtundzwanzig. Aber ich glaube, sie hat seit Ewigkeiten einen Freund. Eine Frau irgendwo loszueisen, das war für mich noch nie eine Option. Mir fehlt, zumindest in diesem Bereich, der nötige Kampfgeist.
Ich muss mich bei adelie melden. Mein Pinguin, heute Abend schreibe ich dir. Oder besser doch morgen.
Бесплатный фрагмент закончился.
