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Wir danken der Kulturabteilung der Stadt Wien

für die freundliche Unterstützung.

2017

© Verlagsanstalt Tyrolia, Innsbruck

Umschlaggestaltung: Ulrike Möltgen und Nele Steinborn

Satz- und Layoutgestaltung: Nele Steinborn, Wien

Illustrationen: © Ulrike Möltgen - vermittelt durch

Agentur Susanne Koppe, www.auserlesen-ausgezeichnet.de

Handschrift: Eleni Steinborn, Wien

Schriften: DTL Documenta

Druck und Bindung: FINIDR, Tschechien

ISBN 978-3-7022-3640-3 (gedrucktes Buch)

ISBN 978-3-7022-3652-6 (E-Book)

E-Mail: buchverlag@tyrolia.at

Internet: www.tyrolia-verlag.at


ich

#wasimmerdasauchheißenmag

Sarah Michaela Orlovský mit Bildern von Ulrike Möltgen


Inhalt

Freundschafts???!buch

Nono

Alternatives Freundschaftsbuch

Pilottest

Erbärmlich

Streifentest

Schwester sein

Urlaub

Mitbringsel

Staycation

I’m a tourist, baby, so why don’t you kill me

#habefertig

Postkarte von Verli

Nachricht von Jarik

NONOs Sommerblues

Badeunfall

Krise

NONOTIZ, von Nono an Nono

Möglichkeiten

Wirklichkeiten

Urlaubsfotos

Ausnahme

Kontraste

Kunstprojekt

PROJEKTNAMEN

Postkarte von Verli

Sonnenklar

Schwangerschaftshormone

Online-Kunst

2 Stunden später

Family Guy

VERFÜGUNG

Nachricht von Jarik

Nachricht von Jarik

Wie wir unser Leben meistern

Wankelmut

Wildwald

Waldfee und Jordan

Waldwild

Post

Jo-Jo-Effekt, der

Dreadlock, the

dread (drěd)

Dreadful dreads

Gleich und gleich

Nachricht von Jarik

Daheim geht

Namenlos

Zauberaus

ANNONCE

Hormonrauschkauf

Freiwillig

Suchtmond

Schulanfang, 1. Akt

Der Code

Verkleidungstag

The show must go on

Mamas Style

Designer Outfit

Prinzessinnen-Blues

Wäscherei

Postkarte

Sechs Wörter

Englisch-Vokabel

Skating is a way of life

See you later, alliskater

Freestyle

Re-Tour

Queen of Buchweizen

Tag #14

Siebhirn

Gotischer Schick

Aus dem Insider-Wortschatz der 5B

„Wall of Fetzen“ Trauerspiel in einem Aktenkoffer

Babykleidung

Frame it, digga

Wanted: Spürhund

Fight the Fetzenwind

Augen zu und querfeldein

Out-Fit

Sport ist Mord – also modisch gesehen

Schwangerschaftsstreifen

Durchfallproblem

Kletterpflanze

Aus zweiter Hand

Angebot und Nachfrage

Ladybird

SOKO Deko

Baustelle 2

Mädels schauen

Baustelle 4

Nachspiel

Derweilen, hinter den Kulissen, in der Künstlergarderobe

Wellness

Aufräumen

Das perfekte Outfit

Kismet

Ich packe in meinen Koffer

Kliniktasche

Kaiser, König, Bettelmann

Bond-Girl

MAMA

Geburts-Tag

Klebt


Eigentlich wollte ich dieses Heft für den Schulanfang aufheben. Gestern habe ich es von Verli bekommen. Quasi als Abschiedsgeschenk, weil Verli auf Sprachferien nach Florida muss. Die gesamten Ferien. Das muss man sich mal vorstellen: Wie genial ist unser Schulsystem, wenn Eltern ihr Kind aus Angst vor einem Hauptfach für zwei Monate ins Ausland schicken? Florida. Ausgerechnet. Ich würde mein Geld an ihrer Stelle ja gewinnbringender anlegen. Na ja. Verli sei es vergönnt. Hoffentlich spricht ihr Ferien-Flirt grammatikalisch korrekt. Auf jeden Fall, danke fürs Geschenk. 200 Seiten, geniales Format, grau kariert. Hier wollten Verli und ich alles dokumentieren, was wir in der Oberstufe so anstellen. Jetzt brauche ich das Heft aber schon am Anfang der Sommerferien. (200 Seiten wären höchstwahrscheinlich sowieso zu wenig für die gesammelten Abenteuer der weltgenialsten Klasse. Ich besorge uns für die Schule gleich ein richtig fettes Teil, irgendein Registrierbuch für Hotels oder so, da können wir uns dann so richtig austoben. Und ich schreibe alles, alles mit. Die gesammelten Werke der 5B.)

Freundschafts???!buch

Heute war dieses Mädchen da. Das kleine rothaarige, das aussieht wie eine extrem schüchterne Version von Pippi Langstrumpf. Der Rotschopf macht wohl grad bei den seltsamen Schrebergarten-Pensionisten am Ende der Straße Urlaub. Ich glaube, das sind ihre Großeltern. Oder sie haben die Kleine entführt, wie in dem einen Film da – wo sie dann mit dem Campingbus unterwegs sind und am Ende fackelt das Mädchen den Bus samt ihren Entführern ab … Dafür sah Miss Feuerhaar aber irgendwie doch nicht verängstigt genug aus. Sie heißt Lilli, hat sie gesagt, und sie kommt schon in die zweite Klasse Volksschule. Sie hat mir ihr Freundschaftsbuch gegeben. Ich darf es aus-nahms-wei-se über Nacht haben und bis morgen Früh ausfüllen. Dreingeschaut hat sie ja, als würde sie mir die Kronjuwelen von Tadschikistan anvertrauen oder so.

Das Buch ist noch komplett leer. Ich bin die Erste, die reinschreibt. Die ERSTE. Tragisch irgendwie. Ich kann für das arme Kind nur hoffen, dass sie das Buch grade erst von Oma und Opa Schrebergärtner bekommen hat. (Das wäre dann ein Argument gegen die Entführer-Theorie. Kein Kidnapper der Welt ist so blöd und schenkt seiner Geisel ein Buch, in das sie am Anfang ihren richtigen Namen und ihre Adresse schreiben muss, um es dann anderen Leuten aufzuzwingen, die ebenfalls was reinschreiben sollen.)

Also: Ich habe mich echt bemüht. Für Lilli. Für diese riesigen rotbraunen Hundeaugen über der Zahnlücke. Für ihren Glauben an die Spontan-Freundschaftisierung über Gartenzäune hinweg. Mindestens zehn Minuten bin ich dagesessen, den Stift im Mund, und habe nachgedacht. Das müsste doch auch ohne Grübeln gehen, denkt sich mein Zeitspar-Ich. Du hast ja in deinem Leben schon genug solcher Freundschaftsbücher ausgefüllt. Da geht es doch nicht einmal darum, WAS du hinschreibst. Das ist mehr so ein Sehen-und-gesehen-Werden, ein Schau-mal-ich-bin-auch-da, ein Das-alles-sind-meine-Freunde-also-bin-ich-kein-Loser-dessen-Leben-den-Bach-runtergehen-wird.

#ichgehördazu-unddu?

Aber ich bin eben nicht mehr in der Volksschule. Ich weiß, dass ich kein Loser bin, und ich brauche kein Buch mehr, um mir meiner Freunde sicher zu sein. Warum ich die blöden Fragen dann nicht einfach trotzdem ausfüllen kann, so nullachtfünfzehn? Warum mich das so dermaßen aufregt?

Weil! Das! Grober! Unfug! Ist!

Mal ganz ehrlich: Was ist mit einem Kind im tiefsten afrikanischen Busch, das nicht lesen und schreiben kann? Oder mit einem blinden indischen Straßenkind ohne Beine, das sich von Essensresten ernährt, die es auf der Straße findet? Und was ist mit einem Menschen, der gelähmt ist, und nicht reden kann und nur die Augen bewegt, wenn er kommuniziert? Rechts blinzeln für „ja“, links blinzeln für „nein“, die Augen schließen für „Rutsch mir doch den Buckel runter, du Versager“?

SIND DIE ETWA NIEMAND, WEIL SIE KEINEN LIEB-LINGSFILM haben?

Okay, okay. Vielleicht ist das et-was übertrieben.

Meinetwegen. Aber trotzdem: Lieblingsfilm. Lieblingsspeise. Lieblingsschulfach. Lieblingspipapo … Was soll das denn über einen Menschen aussagen?

Wenn ich das alles ausfülle, und wenn ich alles genau gleich habe wie ein anderes Mädchen auf dieser Welt, sind wir dann gleich? Wenn ich einen Unfall habe und plötzlich gelähmt bin und keinen Geschmackssinn mehr habe, bin ich dann noch ICH? Wenn ich nichts TUN kann, um ich zu sein, wenn ANDERE Kleidung für mich aussuchen und mir die Haare schneiden, sodass ich nicht einmal mehr AUSSEHE wie ich – wer bin ich dann?

Wenn man das Aussehen

und das Gelernte

und das Gesehene

und all die unwichtigen Dinge dieser Welt

weggibt,

sollte es nicht etwas geben,

so einen Funken in jedem von uns,

so unverkennbar wie ein Fingerabdruck,

etwas, das bleibt,

das, was mich zu der macht, die ich BIN?

Nono

Ich habe das Internet befragt.

Nonô war ein brasilianischer Fußballspieler,

der nur ein einziges Länderspiel absolvierte.

Nono heißt eine Taverne in Kroatien,

Decke und Wände vollgeklebt mit Hüten und Musikinstrumenten.

Nono ist ein Haarentfernungssystem mit 60 Tagen

Rückgabegarantie.

Und Nono bin ich

(aber das weiß das Internet nicht):

Veronika,

1,74 m,

a(r)schblond,

15.

Ich spiele nicht Fußball,

ich trage keine Hüte,

ich kann kein Musikinstrument.

Ich habe kaum Haare auf den Beinen

und die paar, die ich habe, sind hellblond.

Ach so – wer ich BIN?

Das Internet sagt:

„BIN“ ist eine Beratungsstelle für Abhängigkeitserkrankungen;

„BIN“ heißt „Bank Identification Number“;

„bin“ bedeutet Abfalleimer auf Englisch.

Der Müll ist:

Ich – habe – keine – Ahnung – wer – ich – bin.

Alternatives Freundschaftsbuch

Danach suche ich auf dem Flohmarkt:

Die besten Songs meines Lebens:

Wenn ich krank bin, habe ich am häufigsten …

Mein tollster Fund:

Meine beste Idee:

Diesen Geruch mag ich am liebsten:

Das hätte ich schon längst tun sollen:

Wörter, die ich am meisten gebrauche:

Wenn das Leben ein Gugelhupf wäre – das wären meine Zutaten:

Hast du schon einmal …

… jemandem ein Kompliment gemacht, den du gar nicht kennst?

ja nein vielleicht

… etwas mitgehen lassen?

ja nein vielleicht

… ohne Zelt im Freien übernachtet?

ja nein vielleicht

… den Notruf gewählt?

ja nein vielleicht

… jemandem gesagt, dass du in ihn verliebt bist?

ja nein vielleicht

… an Weihnachten geweint?

ja nein vielleicht

… Herzklopfen gehabt, dass dir die Ohren platzen?

ja nein vielleicht

Pilottest

Es gibt so magische Sätze.

Sätze, die über Leben und Tod entscheiden.

Beispiel #1 „Ich heiße Jacqueline (mit stimmhaftem sch und langem i, ganz wie es der Franzose am liebsten hat), meine Mama ist Französin.“

Dieser Satz katapultiert dich im Nullkommanichts in die oberste soziale Riege jeder Schulklasse. Zumindest, bis du gezeigt hast, wie cool du wirklich bist.

Beispiel #2 „Ich bin die Tschacklin (mit peitschendem tsch und krach-tirolerischem Lagerfeuer-Knack-ckch).“

Mit diesem Satz tritt dein absoluter sozialer Tod ein. Und zwar mit sofortiger Wirkung. Egal, woher deine Mutter kommt.

Meine zwei ersten Sätze sind eigentlich recht brauchbar.

Satz #1 „Ich heiße Nono.“

Ist ein Hin-Hörer, funktioniert aber nur bei Mitschülern. Die Lehrer bestehen auf „Veronika“, weil es so auf der Klassenliste steht und weil sie diese Klassenliste mit nach Hause nehmen und sie dort auswendig lernen. (Aber die Zeit heilt alle Namenslisten. Spätestens nach den Weihnachtsferien hat noch jeder Lehrer Nono zu mir gesagt.)

Satz #2 „Mein Papa ist Pilot.“

Funktioniert immer und bei jedem. Ruft starke Reaktionen hervor. Reaktionen von Lehrern: „Ach wirklich? Interessant. Für welche Linie fliegt er denn?“ Reaktionen von Schülern: „Boah, cool! War er schon auf der ganzen Welt? Darfst du gratis fliegen? Kannst du Flugmeilen verschenken?“

Das ist sozusagen der Pilottest. (PILOT-Test. Check? Wortwitz, komm heraus, du bist umzingelt!) Meine Antworten entscheiden darüber, ob ich hop oder drop bin. Das war schon im Kindergarten so und in der Schule auch und auf jeder Party und in jedem Ferienlager. Eigentlich ist es egal. Bald nach Schulanfang wird sowieso neu durchgemischt. Dann ist der erste Eindruck verflogen, dann kommt die Wahrheit ans Licht. Aber da kann es sein, dass der soziale Tod dich schon umgebracht hat. Also innerlich, meine ich.

Meistens denke ich mir eine Fluglinie aus, für die Papa angeblich fliegt. Dann muss ich nicht erzählen, dass er in Wirklichkeit für eine private Firma arbeitet. Dass er wichtige Politiker und berühmte Stars durch die Gegend kutschiert, gemeinsam mit ihren Leibwächtern und ein paar Flaschen Schampus.

Ich will nicht „die Tochter vom Piloten“ sein. Ich bin Nono. Sonst nichts.

#wasimmerdasauchheißenmag

Erbärmlich

Ein Freundschaftsbuch, dazu erschaffen, dass sich Achtjährige als humorvoll profilieren können, indem sie als Lieblingsfach „Pause“ angeben und als Lieblingsbuch „das Telefonbuch“ – und ich krieg eine Existenzkrise.

Streifentest

Eigentlich würde ich das alles ja lieber mit Papa bereden. So wie immer. Ja, ich gestehe, ich bin ein Papa-Mädchen. Nein, das ist völlig in Ordnung. Ja, auch wenn man schon 15 ist. Wir passen einfach gut zusammen. Das hat absolut NICHTS mit dem Ödipus-Komplex zu tun. Außerdem hatte Ödipus was mit seiner MUTTER. Also: Komplett andere Baustelle.

Tut aber ohnehin nichts zur Sache. Dieses Mal steht Papa nicht zur Verfügung. Er hat die Seiten gewechselt. Er ist vom gegnerischen Team gekauft worden. Er ist ins feindliche Lager übergelaufen.

#i’m.on.my.own

Bis heute Abend war alles noch normal.

Na ja, „normal“ ist natürlich sehr relativ bei uns. Heute war wieder ein Tag #14. Wir leben im Zwei-Wochen-Rhythmus. Zwei Wochen ist Papa da und wir sind eine Familie, tutti paletti, Friede, Freude, Gugelhupf. Dann ist Papa zwei Wochen im Dienst, fliegt von Flughafen zu Flughafen, von Stadt zu Stadt, von Hotel zu Hotel. Zurück bleiben: Mama und Nono. Das Chaos-Duo. The Terrible Two. Wir fühlen uns beide einsam. Gleichzeitig stehen wir einander im Weg, treten uns gegenseitig auf die Zehen, gehen einander auf die Nerven, während die Zeit dahinschleicht. Wir zählen die Tage. Eeeeeeins. Zweeeeei. Dreeeei. Viiiiiiier. … Alle Tage sind gleich lang. Nur so unglaublich unterschiedlich breit. Am breitesten aber ist Tag #14. Das sind die schlimmsten im Zwei-Wochen-Rhythmus. Zuerst ist Mama der Putzfimmel in Person. Sie saugt und schrubbt und wischt und wäscht und ich würde ja in Selbstmitleid versinken, weil es keinen Fleck mehr gibt im Haus, wo man nicht im Weg ist – aber der Staubsauger ist eindeutig ärmer dran als ich. Also kein Selbstmitleid. Staubsaugermitleid.

So ist das immer, bevor Papa heimkommt. Heute hat sich Mama aber echt selbst übertroffen. Man stelle sich vor: Sie hat die blitzeblank geschrubbte Küche NOCH EINMAL geputzt. (Rätsel der Kategorie „Suchen Sie die 10 Unterschiede“. Auflösung: April, April, Sie werden keine finden.)

Da hätte ich schon misstrauisch sein sollen. Aber dazu hatte ich keine Zeit. Ich war vollauf damit beschäftigt, mich vor Tag #14, Teil 2 zu fürchten. Auf jeden Putzwahnsinn folgt das Kuschelkommando, wie das Amen im Gebet, wie der Durchfall auf das All-you-can-eat-Buffet beim Chinesen. Da hängt Mama dann ganz kaputt im Sofa, in Gedanken schon bei Papa, der wahrscheinlich schon gelandet ist, der vielleicht schon im Auto sitzt, dem es doch hoffentlich gut geht („Warum schreibt er denn nicht?“), den sie am liebsten schon knutschen würde. Nur dass er noch nicht da ist. Also muss ich herhalten.

„Nono? Komm her. Setz dich zu mir.“

Und da haben wir es schon.

Als Kind habe ich mir oft nichts mehr gewünscht, als bei Mama am Sofa sitzen zu dürfen und ihre Hand warm auf meinem Rücken zu spüren. Darum kann man natürlich nicht bitten. Das muss über einen kommen wie das braune Weich aus dem Schokobrunnen. So etwas ist ein Gefühlsgeschenk, Miteinandermagie, Zweierzauber, ein Winzigwunder, jedes einzelne Mal.

Aber bei Tag #14, Teil 2 geht es nicht um Wunder.

Da bin ich nur Platzhalter.

Ganz ehrlich: Lieber sitze ich allein im Keller und starre die Decke an.

Keine von uns würde es zugeben. Aber in dem Moment, in dem Papa zur Tür hereinkommt, nachdem wir ihm zugesehen haben, wie er aus dem Auto steigt, wie er seinen Rollkoffer aus dem Kofferraum hebt, nachdem wir zur Haustür gegangen sind, betont langsam, das Willkommen-daheim-Lächeln auf dem Gesicht ausgebreitet, in dem Moment, wo Papa also endlich da ist, aber noch bevor er die Schuhe aufgemacht hat – in diesem Moment geht es nur um eines: Wen von uns beiden er zuerst umarmt.

Heute bin ich erst aus dem Keller gekommen, als ich schon das Brummen der Kaffeemaschine gehört habe. Wer so verzweifelt ist, dass er zwei Mal putzen muss, der hat’s wohl bitter nötig. Und ich bin kein Unmensch.

Beim Abendessen hat Papa von seinem Flug erzählt. Von diesem spanischen Minister, der so große Flugangst hat, dass er drei doppelte Schnäpse kippen muss, bevor Papa überhaupt den Motor anlassen darf. Mama und ich haben zugehört, gelacht, Fragen gestellt. Kommunikation Mama-Papa, Nono-Papa. Schweigen Mama-Nono. Alles wie immer. Alles in bester Ordnung. Doch dann kommt die Rede auf diese Flugbegleiterin in Papas Team, die Nette, mit dem Wuschelkopf.

„Im September kommt sie zurück“, erzählt Papa. „Da geht ihr Mann in Karenz.“

„Ein Jahr vergeht so schnell“, meint Mama.

Und plötzlich schauen sie sich ganz komisch an. Und Papa nimmt Mamas Hand. Und Mama nickt. Und dann lassen sie die Bombe platzen:

„Nono“, sagt Papa. „Du bekommst ein Geschwisterchen.“

Ich hab zuerst nicht kapiert, was er meint. Ja, ich weiß, die Wörter an sich sind jetzt nicht so kompliziert, aber – HÄ?!

Mama, ganz säuselig: „Ich bin schwanger.“

Und dann steht sie tatsächlich auf, geht ins Badezimmer und kommt mit diesem Ding zurück, das aussieht wie eine Füllfeder oder ein Skalpell. Nur dass es natürlich kein Skalpell ist. Es ist ein SCHWANGERSCHAFTSTEST. So einer, auf den man PINKELN muss. Und sie legt ihn auf den ESSTISCH, damit ich die zwei STREIFEN sehen kann!!! WIE GRAUSIG KANN MAN SEIN? HALLO?????!!!!! So etwas gehört in den MÜLL!!!!!

Sie ist im VIERTEN Monat.

Trommelwirbel,

Rosenregen,

Schnurrbartzwirbel,

Kindersegen.

Noch einmal für den Taschenrechner: vierter Monat.

Das heißt, sie wissen es schon drei Monate lang. Na ja, mindestens zwei. Und NIEMAND hat mir etwas gesagt. KEIN WORT. Sie wollten „auf Nummer sicher gehen“.

Damit ich „nicht enttäuscht bin“, falls es „doch nichts wird“.

Noch mal: HÄ?!

Es wundert mich ja nicht, dass Mama nichts gesagt hat. Aber Papa war in dieser Zeit schon mindestens zwei Mal zu Hause. Jedes Mal für zwei ganze Woche. Und er hat nicht ein Mal den Mund aufgekriegt. Nicht ein einziges Mal!

Dafür redet er jetzt plötzlich wie ein Wasserfall. Dass sie sich so freuen. Dass das so schön ist, „wieder was Kleines daheim zu haben“. Dass ich mich sicher auch freue. Dass er so froh ist, dass ich schon so „groß und vernünftig“ bin, dass ich Mama unterstützen kann, wenn er nicht da ist … Ich war kurz davor, Verli anzurufen, in Amerika, koste es, was es wolle. Aber dann würde sich Verli Zeit nehmen und das Thema mit mir durchdiskutieren und sich ständig melden, wie es mir geht … das lasse ich schön bleiben. So viel Platz kriegt Mamas Bauch nicht in meinem Leben. Verli gehört mir. Ich brauche eine Insel. #for.me.only. Und Verli wird es noch früh genug erfahren.

Immerhin kriegen meine Eltern ein Ersatz-Kind. Ein liebes, süßes, kleines Gugugaga-Baby. Und ich bin draußen.


Schwester sein

Ich hab noch einmal nachgedacht.

Fakt #1 Was da in Mamas Bauch schwimmt, ist mein Bruder oder meine Schwester.

Fakt #2 Wir werden so ziemlich das gleiche Leben haben. Wir werden gemeinsam warten, zwei Wochen lang, dass Papa endlich wieder nach Hause kommt. Dann werden wir zwei Wochen lang genießen, dass wir eine richtige Familie sind. Und dann geht das Spiel von vorne los. Nur, dass ich irgendwann ausziehe (= so bald wie möglich). Und dann ist das Baby allein mit Mama (= wie ich jetzt = wenig wünschenswert).

Es kann ja gut sein, dass Mama das Baby lieber hat als mich. Dass die beiden einen besonderen Draht zueinander haben werden. So wie ich und Papa, oder zumindest so, dass man sich nicht beim Frühstück schon auf den Zeiger geht, nur weil man unterschiedliche Auffassungen darüber hat, ob Butter unter die Nutella ein Verbrechen am Gesundheitssystem ist oder ob Nutella ohne Butter drunter Kalorien ohne Geschmack sind. Kann sein, dass Mama endlich das Kind kriegt, das sie sich immer gewünscht hat. Ein Spross, der mit ihr die Buchhaltung durchgeht und den perfekten Soundtrack für den Urlaub zusammenstellt und einen Plan macht, was aus dem Hochbeet in welcher Form in welches Einmachglas kommt. Trotzdem: Wir müssen zusammenhalten, das Baby und ich. Von wem soll der/die/das Kleine sonst etwas über die Welt lernen?

Denn, Fakt #3 Eltern haben doch in Wirklichkeit keinen blassen Schimmer vom richtigen Leben.


Okay. Heute Morgen dachte ich noch, das mit dem Baby war die Bombe. Alter Schwede, da hat sich jemand gründlich getäuscht.

Unser Urlaub, drei Wochen Norwegen, mit dem Wohnwagen? – Gestrichen.

Der Grund? – Mama.

Und das sagen sie mir noch so locker, beim Frühstück, als wäre nichts dabei, als hätte ich mich nicht schon wochenlang, monatelang, ein Leben lang darauf gefreut.

Offizielle Begründung: Risikoschwangerschaft. Weil sie schon 35 ist. Als würden wir nicht in einer Zeit leben, in der sechzigjährige Amerikanerinnen in aller Ruhe Achtlinge zur Welt bringen. Ich bin aufgestanden und gegangen. Sonst hätte es Verletzte gegeben. Oder kaputtes Geschirr. Oder beides in Kombination. In der Garderobe bin ich über Papas gepackten Koffer gestolpert. Das hat mich noch wütender gemacht. Papa ist mir hinterher (war einkalkuliert), hat mir die Hand auf die Schulter gelegt, mich massiert, so mit zwei Fingern – da bin ich explodiert. Nein, implodiert. Es hat mich innerlich zerrissen. Zwei Wochen war ich sauer auf Papa, war hart, habe nur das Notwendigste mit ihm geredet, seinen treuherzigen Dackel-, nein, Cockerspaniel-, nein, haha, Cockpitspanielblick ausgehalten, Mamas Bauchgetätschle, den Getreidekaffeegeruch. War im Recht. Wurde belächelt wie ein bockiges Kleinkind. Und ganz plötzlich erzählt Papas Hand, dass es ihm leidtut, und binnen einer Sekunde läuft das Fass über und schwemmt mich weg und ein Tsunami verschluckt mich, ausgerechnet eine Stunde, bevor Papa sich wieder auf den Weg macht. Und ich treibe ganz alleine zwischen den Trümmern meines Sommers.

Mitbringsel

Auf dem Regalbrett über meinem Bett steht mein Weltenbummlerschatz. Da ist zum Beispiel Boris, der kleine hölzerne Bär mit dem grün-weiß gestreiften Pulli und der Anstecknadel am Rücken (Moskau). Daneben hockt der Stoffelefant im wilden Batik-Look (Kuala Lumpur). Da ist der hölzerne Füller, für den man ein richtiges Tintenfass braucht (Barcelona), die Mini-Kaffeetasse mit dem Lorbeerkranz drauf (Rom) und natürlich der funkelnde Eiffelturm, der im Dunkeln leuchtet (guess where from).

Wo immer Papa hinfliegt, das erste, was er macht, ist, mir ein Mitbringsel zu besorgen. Okay – das zweite, falls er dringend aufs Klo muss. Aber mein Mitbringsel ist auf jeden Fall wichtiger als Papas heiliger Cappuccino, selbst wenn er nur eine Stunde Zeit hat.

Alle vier Wochen ein Mitbringsel. Wenn Papa mitten in der Nacht heimkommt, schleicht er sich immer noch in mein Zimmer, egal zu welcher Uhrzeit. Ich bin noch kein einziges Mal davon aufgewacht. Ich weiß nur, dass er da war, weil ein kleines Päckchen auf meinem Nachtkästchen steht. Und da bleibt es dann, bis er wieder fährt. Ich packe es erst aus, wenn die Haustür hinter ihm ins Schloss gefallen ist. Denn dann brauche ich ein Stück von ihm, das bei mir bleibt. Damit ich die nächsten zwei Wochen aushalte. Auch wenn ich im Moment so wütend auf ihn bin, dass ich schreien könnte, 24/7.

In Wirklichkeit sind Papas Geschenke gar keine Mitbringsel.

Es sind Dableibsel.

Dieses Mal ist es ein Paket in DIN A4. Mein Herz hat richtig geflattert beim Aufmachen. Es ist ein Schatz aus wunderschönem, griffigem Papier. Zu dünn für ein Buch, zu Natur für eine Illustrierte. Zu unförmig für irgendetwas, das ich kenne.

Es ist ein Ferienbuch.

Seite für Seite gefüllt mit schönen Dingen zum Durchlesen, Auffalten, Anschauen, Raustrennen, Nachmachen. Do It Yourself vom Allerfeinsten. Schöne Dinge von kreativen Leuten und Artikel über kreative Leute, die schöne Dinge machen. Die davon LEBEN, sich ihre Gedanken und Gefühle von der Seele zu zeichnen. Sie verbringen ihre Tage damit. Sie haben eigene ATELIERS dafür. Sie verdienen ihr GELD damit. Wie sich das wohl ausgeht? Haben die so viele Gefühle, dass sie am laufenden Band Bücher und Stoffe und Postkarten damit gestalten können? Oder gibt es Menschen, bei denen der Stift auch ohne Emotion tanzt?

Ich versinke in die magische Welt zwischen den naturfarben bedruckten Seiten. See you later, alligator. (In a while crocodile. – Das werde ich dem Baby als Allererstes beibringen. Es wird das coolste Kind im Kindergarten sein, mit Rie-sen-ab-stand. Ein bisschen retro, aber cool.)


Sieht so aus, als wäre ich wieder aufgetaucht. Aus der Versenkung. Aus dem Versunkensein. Was rede ich – aus dem Paradies! Gerade beginnt das Nachmittagsprogramm im Radio. Rock Classics. Mit Peter Kurz. DIE Idee des Radio-Kreativ-Teams. (Peter – Petrus – der Fels? ROCK Classics? Na ja. Es gibt Leute, die behaupten, ich neige zur Überinterpretation. Trotzdem: Ein Mitarbeitsplus in Religion würde mir zustehen, falls jemanden meine ganz persönliche Meinung interessiert.)

Bis Peter Kurz’ rockige Stimme den Nachmittag eingeläutet hat, habe ich nicht einmal bemerkt, dass das Radio überhaupt eingeschaltet ist. (Gut so. Highway to Hell ist wohl kaum der richtige Soundtrack fürs Paradies …)

Mama hat mich nicht zum Mittagessen gerufen. Entweder sie schläft oder sie zelebriert ihren Abschiedsschmerz. Als wäre sie die Einzige, der Papa fehlt. Als hätte sie das „Ich-vermisse-ihn-Monopol“.

Oder sie hat einfach auf mich vergessen.

Ganz egal. Alles egal, Leute.

Ich bin plötzlich glasklar im Kopf. Ich weiß, wie ich diesen Sommer überlebe. Steht alles auf Seite 23:

Staycation heißt das Zauberwort.

STAYCATION.

Danke, Papa. Ich hab dich lieb.

Staycation

Staycation, die.

Ein großartiges Wort. Simply the best. Es steht nicht im Wörterbuch und es ist trotzdem richtiges Englisch. (Perfekt, um es im ersten Englisch-Aufsatz nach den Ferien zu verwenden. Damit sich unser rotschopfiger Lieblingsprof gleich wieder daran erinnert, was er an mir hat.)

Definition Bleibe-Urlaub | Ferien zu Hause | Daheim-Sein mit Ferienprogramm

Procedere Alle Regeln ignorieren, so wenig Vertrautes wie möglich machen, so wenig Zeit wie möglich im eigenen Zimmer verbringen. Spaß haben. Wege gehen, die man im Alltag nicht geht. Dinge tun, die man als Tourist sofort machen würde, die man aber trotzdem noch nie ausprobiert hat, einfach weil man hier WOHNT.

Das ist der Plan. Erstens wegen des nicht verleugenbaren … nicht leugbaren … wegen des nicht zu verleugnenden … Also wegen des Witz-Faktors, des zweifelsfrei vorhandenen. Zweitens mangels Alternativen. Alle anderen sind auf Wegcation. (Vacation – WEGcation – check? My English is really the yellow from the egg!)

Ich stopfe Wasserflasche, Schirmkappe, Sonnenbrille, den winzigen Rest Taschengeld und das Ferienbuch in meinen Rucksack. Schreibe Mama eine kurze Nachricht, schwinge mich aufs Rad und sause los.

Bis zur Kreuzung.

Dort drehe ich um und bringe das Rad zurück in die Garage.

Ich bin auf Staycation. Kein Mensch macht Sightseeing mit Fahrrad, hier, in einer hügeligen Mini-Stadt mit Kopfsteinpflaster.

I’m a tourist, baby, so why don’t you kill me

Wohin führt der erste Weg jeder anständigen Touristin? – Richtig: Zum Gratis-Klo im nächsten Fastfood-Schuppen. Fastfood haben wir keines und die 50 Cent für die öffentliche Toilette spar ich mir lieber (Rechenbeispiel: 2 Mal nicht aufs Klo gegangen = 1 Kugel Pistazie beim Esistsommerundplötzlichstehichhierherum-Eiswagerl). Also fange ich bei Station Numero zwei jeder anständigen Touristin an: Der Touristeninformation. Die haben wir zwar auch nicht, aber wozu gibt’s denn das Bürger-Service-Center im Gemeindeamt? – Eben.

Ich hole meine Sonnenbrille aus dem Rucksack und schiebe sie mir in die Frisur. Touristinnen haben immer Sonnenbrillen auf. Quasi ungeschriebenes Gesetz des Sommerurlaubs.

Im Gemeindeamt ist es angenehm kühl. Gleich über der trockengelben Stechpalme beim Eingang hängt ein riesiger Schaukasten. Fahrpläne für Bus, Zug und Müllabfuhr, Grünschnitt-Ablieferungszeiten, Öffnungszeiten des Altstoffsammelzentrums … Nichts von Interesse für eine Touristin, die gerade all ihre Sorgen für eine Woche in ihr verlassenes Schlafzimmer gesperrt hat.

Schräg gegenüber ist das Glasfenster für den Parteienverkehr. Zwei Schreibtische sind zu sehen. Einer hinten an der Wand, wo die mittelalterliche Sekretärin des Bürgermeisters mit lackierten Fingernägeln in die Tastatur hämmert. Als ich sehe, wer am zweiten Schreibtisch sitzt, eingedeckt mit Ordnern, Trennblättern und Klarsichtfolien, würde ich am liebsten den Rückwärtsgang einlegen, bevor mich irgendjemand außer der Überwachungskamera an der Decke entdeckt hat. Aber da hebt Theresa schon den Kopf. WIE VIEL Glück kann EIN Mensch haben? Da will man Urlaub spielen – und wer spielt Touristen-Info? Aus-gerech-net die stilbewussteste Dame der Schule (um das Wort „Obertussi“ elegant zu umschiffen).

„Hi!“, zwitschert Theresa. „Wie kann ich dir helfen?“

Das frage ich mich auch.

„Ist das dein Ferialjob?“ – Ein lahmer Versuch, Zeit zu gewinnen. „Korrekt“, strahlt Theresa. „Und was führt dich hierher?“

Okay. Ich brauche eine neue Strategie. ‚Ich bin auf Urlaub hier und möchte mich gerne über Ihre Angebote informieren‘ scheint mir ir-gend-wie nicht mehr der richtige Einstieg zu sein, angesichts der Personallage hier.

„Ich wollte mich gerne informieren“, zäume ich das Pferd vorsichtig von hinten auf. „Haben wir Angebote für Touristen?“

„Aber selbstverständlich“, nickt Theresa.

Aha. Der muss man aber auch wirklich alles aus der Nase ziehen. Wahrscheinlich kriegt sie pro Satz im Ich-helfe-einer-Kundin-Dialog bezahlt.

„Gibt es dazu vielleicht auch Unterlagen, die man jemandem geben könnte, der hierher auf Urlaub fahren möchte?“

„Natürlich“, lächelt Theresa.

Meine Fresse.

„Dann würde ich diese Unterlagen liebend gerne mitnehmen, wenn es dir keine zu großen Umstände macht.“ Hinter meinem liebenswürdigsten Zahnpastalächeln knirschen die Zähne, dass es meinem Zahnarzt im Herzen wehtun würde.

„Das dürfte dir schwerfallen“, grinst Theresa schadenfroh. „Dann müsstest du nämlich die gesamte Vitrine dort in deinen Rucksack packen.“

Ich drehe mich um und schaue in die Richtung, in die ihr perfekt manikürter falscher Fingernagel zeigt. Tatsächlich. Gleich neben dem Schalter hängt eine weitere Vitrine. Gemeindewappen, Übersicht der Wanderwege, Fotos lachender Kinder und kauender Kühe. „Touristeninformation“ steht in großen grünen Buchstaben darüber.

„Vielen Dank“, murmle ich und drehe mich schnell um, während ich schon spüre, wie mir die Farbe ins Gesicht schießt.

„Jederzeit gerne“, sagt Theresa liebenswürdig. „Dafür sind wir schließlich da.“

HERZLICH WILLKOMMEN!

Lassen Sie die Seele baumeln in einer der schönsten

Gemeinden der Region.

UNSERE ATTRAKTIONEN

Heimatmuseum (Mi 10.00 – 12.30 Uhr)

Kirchturm-Besteigung (Mi u. Fr 9.00 – 12.00 Uhr)

FÜR NATURLIEBHABER

Nutzen Sie unser großzügiges Netz an Waldwegen und

entspannen Sie am nahe gelegenen Baggersee.

Aha. Ich meine: A-HAAA. Und ich hab mich immer gefragt, warum bei uns nie Touristen sind. Aber: Zeit zum Trübsalblasen ist immer noch genug, wenn das Baby da ist und ich abgeschrieben bin. Jetzt wird erst mal Urlaub gemacht. Offensichtlich gibt es keinen besseren Tag dafür als Mittwoch Vormittag … Lucky me! Auf geht’s.


#habefertig

Fünfzehn Uhr zwölf – und ich bin fertig. Mit dem GESAMTEN Programm. Ich gehe ein zweites Mal NICHT aufs Klo und kaufe mir stattdessen eine Kugel Pistazieneis. Diese kleine grüne Insel der Glückseligkeit finde ich in Wirklichkeit die wahre Attraktion hier im Ort. Aber mich fragt ja niemand.

Noch einmal ein Blick auf meine Karte: Tatsächlich. Das war alles, was diese Stadt an Staycation zu bieten hat. Bleibt nur noch der See. Den hebe ich mir aber für morgen auf. Dort muss ich dann irgendein Plätzchen finden, wo ich sonst nie bin. Sonst ist es ja wieder wie immer. Ganz hinten bei den großen Kastanien zum Beispiel, bei den dunkelbraunen Raucher-Pensionisten, die sich von April bis September rund um ihre Kühltaschen scharen. (Memo von Nono an Nono: Vor dem Handtuchausbreiten unbedingt die Windrichtung prüfen, um eine Mitraucherlunge zu vermeiden.)

Ganz schön kompliziert, so eine Staycation, wenn man in der Provinz wohnt und es kein Kino gibt und man kein Auto hat (und man per Gesetz noch nicht einmal ein Auto ausborgen darf).

Postkarte von Verli

Oh du fröhliche, oh du selige, gnadenbringende Ur-laubs-zeit … Ich bin im Paradies!

Wen ich mit auf eine einsame Insel nehmen würde? – DICH, meine herzallerliebste Nono. Das steht ganz außer Frage.

Mit wem ich am liebsten meine aufblasbare Schwimminsel hier in Floridas Fluten teilen würde? – Mit dem namenlosen Rettungsschwimmer am Turm direkt neben mir! Ein knuspriges Cornetto, direkt zum Anbeißen. Werde mich morgen in Seenot begeben.

Hdgdl! Verli

Nachricht von Jarik

Auf in den urlaub!

Plusseite: 5 Wochen schweden. 5 wochen campingbus.

Minusseite: 5 wochen eltern. 5 wochen nudeln.

5 wochen no wlan – bis denne!

NONOs Sommerblues

Alle fahren weg – ich hab Langeweile.

Keiner hat mehr Bock auf Chillen, Baden, Grillen.

So ist das hier am Land tagein, tagaus.

Statt U-Bahn: Mopeds und Vergaser, es geht

Peng! Peng! Peng! Peng!

(Gönn dir: Beat von „Kids“, Materia. Lyrics: Staycation-Wonder-Woman)

Badeunfall

Ich muss den letzten Teil meines Staycation-Programms so richtig auskosten, Moment für Moment, so wie man den letzten Urlaubstag genießt, in dem Wissen, dass das nächste Mal Salz-auf-der-Haut mindestens elf Monate in der Zukunft liegt. (Außer man ist in der OBERstufe und fährt zur Meeresbiologischen Woche und nach Irland und … YEAH!)

Aber erst mal: Staycation auf meiner rauchfreien Handtuch-Insel inmitten der verrauchten Senioren-Massen am menschenüberschwemmten Baggersee. Endlich ein richtiger Sommertag mit flirrender Luft und flirtenden Bikinibräuten und flimmerndem Asphalt am Parkplatz. Musik im Ohr, Sonnenbrille auf den Augen, Buch auf dem Bauch. Ich kenne niemanden hier auf dem Alte-Leute-Badeplatz. Ein ganz neues Gefühl also, inmitten all der Leute, die einander zuwinken und sich Grüße zurufen, sobald jemand Neues dazukommt, der zielbewusst die zwei Quadratmeter unter dem einen Baum ansteuert, unter dem er wahrscheinlich schon liegt, seit der Zweite Weltkrieg aus ist.

Es ist fast ein bisschen gruselig hier. Ehepaare mit der exakt gleichen Oberweite. Männer, die einen Umhang aus geblümtem Stoff überziehen, um die nasse Badehose gegen eine trockene auszutauschen. Frauen, die offensichtlich Tag für Tag auf der Sonnenliege dahinbrutzeln. Obwohl dieses Jahr beileibe nicht der Jahrhundert-Badesommer ist, den sich alle erhofft haben, sind sie schon herbstbraun bis hellschwarz. Die weißbleiche Winterhaut aber flüchtet sich in jede einzelne Falte am Bauch und unter dem Busen und in den Kniekehlen und in den vielen Schichten der ausladenden Hinterteile (#zebrastreifenzuchtverband). Die Sonnenbrille ist kein Sonnenschutz, sondern ein Sichtschutz, damit das arme Gehirn nicht alles mitkriegt. Da kann man dann sicher drei Wochen lang nicht mehr schlafen, wenn das Gehirn das alles verarbeiten muss …

Ich habe mir umsonst Sorgen gemacht. Offensichtlich hat mein Körper einen Schutzmechanismus eingebaut: Ich dämmere einfach weg, bevor mein System überlastet wird. Da kreischt ein Folgetonhorn und plötzlich ist hier die Hölle los. Ein Rettungswagen kommt, ein Notarztwagen, die Feuerwehr, gleich dahinter noch ein Feuerwehrauto. Unter dem Baum am anderen Ufer bleiben alle stehen. Mir ist heiß und ein Sprung ins kühle Wasser wäre gut, aber da parkt noch ein Feuerwehrauto direkt hinter mir. Ins Wasser trau ich mich jetzt definitiv nicht mehr. Ich meine – was macht die Feuerwehr hier? Ist das Wasser verseucht?

Hinter mir geht die Fahrertür auf und ein Feuerwehrmann steigt aus, Funkgerät in der Hand, den behelmten Kopf in alle Richtungen drehend. Ich weiß, egal was es ist, ich sollte mich sicherer fühlen, jetzt, wo alle Einsatzkräfte da sind, die unsere Ministadt zu bieten hat. Aber der Typ hinter mir macht mich ganz nervös. Was sucht er denn? Was in aller Welt ist passiert?

Wie bei einer Choreo im Musical oder in einem Hip-Hop-Video oder wie bei so einem Flashmob-Heiratsantrag zu Bruno Mars’ „Marry Me“ teilen sich die Leute plötzlich in drei Gruppen: Manche haben es auf einmal furchtbar eilig. Sie rollen sich von ihren Sonnenliegen, wuchten ihre geschwollenen Füße in ihre Badeschlapfen und watscheln zum Ort des Geschehens. Ein ganzer Strom von Schwimmbegeisterten schwärmt aus, springt an unterschiedlichen Stellen ins Wasser – um dann doch gesammelt ans andere Ufer zu schwimmen, ins Zentrum des Geschehens. Die dritte Gruppe bleibt. Niemand lümmelt mehr auf seiner Sonnenliege herum. Alle haben brav die Füße ins Gras gestellt und sitzen da wie die Erstklässler vor der Stundenwiederholung.

Schließlich kommt auch in diese Gruppe rund um mich unvermutet Leben. Ein Mann steht auf, geht zu dem Funkgerät-Feuerwehrmann hinter uns, unterhält sich mit ihm. Kommt zurück. Erzählt seiner Frau, was er in Erfahrung gebracht hat. Zwei andere kommen, fragen nach. Langsam macht die Kunde die Runde: Da ist jemand im Wasser. Untergegangen. Noch nicht gefunden. Ein Krampf vielleicht, ein Junger wahrscheinlich, ein Unfall, ein tragischer. Jaja, der Kreislauf. Bei der Hitze, noch dazu wenn sie so plötzlich daherkommt wie in diesem Sommer – da braucht es kein altes Herz für einen Infarkt. Das kann jedem passieren. Selbst einem Spitzensportler.

Ich bekomme eine Gänsehaut. Da, in dem Wasser, das zwei Meter vor mir leise gegen die Holzbalken am Ufer schwappt, schwimmt, taucht, treibt ein Mensch. Kämpft ums Überleben. Oder, noch wahrscheinlicher: Er ist schon bewusstlos. Alle ANDEREN kämpfen um sein Überleben.

Und ich? Ich sitze da und werde eins mit dem Badetuch. Die Sonnenbrille beult aus und wächst und bedeckt mich schließlich ganz.

Es dauert über vierzig Minuten. Dann fahren die Rettungswägen und die Polizei und der Funk-Feuerwehrmann weg. Die Feuerwehr am anderen Ufer bleibt noch. Mir rinnen die Schweißperlen in dünnen Bahnen die Wirbelsäule entlang. Aber ich gehe nicht mehr ins Wasser. Ich dusche mich am Ufer ab, ziehe mir mein Kleid über und radle nach Hause.

In den Nachrichten sagen sie, sie konnten den jungen Mann im Krankenhaus noch einige Stunden am Leben erhalten. Aber nur, weil wir so tolle Ärzte haben. Er hatte nicht den Funken einer Chance. 16 Minuten unter Wasser, in acht Metern Tiefe – das war einfach zu viel.

Wir halten fest: Es gibt zwei Kategorien von Leuten – die Hinschauer und die Nachfrager. ICH gehöre NIRGENDS dazu. (Wieder einmal.) Natürlich gehe ich nicht nachschauen, ob unauffällig oder offensichtlich, weil ich ganz sicher keine Gafferin sein will. Ich traue mich aber auch nicht, einfach zu fragen, was passiert ist. Damit ja niemand auf die Idee kommt, dass ich möglicherweise eine Gafferin sein KÖNNTE.

Welche kranke Logik ist DAS denn?! Wenn’s nicht so tragisch wäre, würde ich glatt lachen.

Darf ich vorstellen: Nono. Weder Fisch noch Fleisch.

Krise

Jetzt mal ehrlich.

Wenn ich nicht weiß, wer ich bin,

wie soll ich denn dann dem Baby IRGENDETWAS über die Welt beibringen?

ICH MUSS DAS AUF DIE REIHE KRIEGEN!

Bitte, kann jemand eine Schublade für mich erfinden? Eine Kategorie? Ein Kapitel in einem pseudowissenschaftlichen Bestseller, das die Menschheit in vier verschiedene Persönlichkeitstypen einteilt? Ehrlich, das würde mir helfen. So als ersten Schritt …

NONOTIZ, von Nono an Nono:

Du hast (fast noch) 200 Seiten.

Also, Mädchen: Brauch, so lang du willst.

Aber wenn die 200 Seiten aus sind, weißt du, wer du bist.

Und jetzt hör auf zu heulen und fang an zu schreiben.

Hart aber herzlich,

Nono.


Möglichkeiten

Vor den Ferien hatten wir Projekttage. Das sind drei Tage, in denen die Schüler und die Lehrer innerlich schon Ferien haben, aber äußerlich noch so tun müssen, als hätte es irgendeinen Sinn, nach Notenschluss in der Schule zu sitzen. Unser Projekt hieß „Blick in die Zukunft“. Jarik hat sich erst noch recht gefreut, weil er dachte, da kommt eine Frau mit Hakennase und Kristallkugel und er schaut sich alles ab von der und liest dann als Ferialjob den Leuten am See den Wetterbericht aus der Hand. Das war natürlich Blödsinn.

Das richtige Projekt war aber auch Blödsinn: Wir mussten so einen Fragebogen ausfüllen und eine Zeichnung machen von uns in zehn Jahren und währenddessen hat der Projekt-Heini die Fragebögen ausgewertet und am Ende hat dann jeder von uns eine Liste mit drei Berufen gekriegt, die zu ihm passen.

Nonos Zukunft

1) Zuckerbäckerin

2) Grafikerin

3) Lehrerin

HÄ?

Nummer eins ist grober Unfug, weil ich sicher nicht mitten in der Nacht aufstehe, um Hochzeitstorten-Bausätze aus Tortenböden, Zuckerguss und Marzipanmännchen zusammenzubasteln. Nur weil ein 08/15-nervtöt-Fragebogen ergibt, dass ich nachtaktiv und kreativ bin.

Nummer drei ist unverantwortlich. Einerseits fällt mir kein Unterrichtsfach ein, das mich genug interessiert, um es mein ganzes Leben lang gelangweilten Gesichtern zu predigen, und andererseits würde ich mir die Kugel geben, wenn ich meine Pausen mit all den Langweilern im Konferenzzimmer verbringen müsste. SICHER NICHT!

Und Grafikerin? Mama war ganz begeistert, dass das auf meiner Liste steht. Wo ich doch zum Geburtstag so teure Graphitstifte und Pastellkreiden, wasserverschmierbar, und einen knetbaren Radiergummi und einen riesigen Skizzenblock bekommen habe, die dann ja nicht umsonst gewesen wären, sondern quasi eine Investition in meine Zukunft. HALLO? UMSONST? Ich TRÄUME doch ständig damit!

Nur

sicher

nicht

beruflich.


Wirklichkeiten

Mama kapiert das nicht mit meinen Zeichnungen. Ich will kein Geld verdienen und keinen Wettbewerb gewinnen und ich will sicher keine Ausstellung mit meinen Bildern. Für mich ist Zeichnen keine Arbeit und es ist nicht Kunst.

Zeichnen ist, etwas WIRKLICHKEIT werden zu lassen. Mit jedem Scribble gebe ich einem Gedanken die Chance, real zu werden.

Das ist nicht so einfach mit den Wirklichkeiten. Sprache formt die Realität, sagt Papa. Wer immer nur negativ redet, wird im Alltag auch mehr Negatives erleben. Und mit Gedanken funktioniert das genauso. Schließlich war jedes Wort irgendwann einmal ein Gedanke – zumindest die Wörter, die nicht so schnell aus dem Mund geschossen kommen, dass sie einen selbst überraschen. Wenn ich meine Wirklichkeit aber schon selbst gestalten kann und wenn ich dann in dieser Wirklichkeit auch leben muss, dann muss ich vorsichtig damit sein.

In meinem Kopf schaut das nämlich so aus:

Da sind so unglaublich viele Gedanken, die

ALLE

STÄNDIG

WILD

durcheinanderwirbeln.

Es gäbe mindestens fünf Parallelwirklichkeiten, wenn alle diese Gedanken meine Welt gestalten würden. Das heißt, ich muss auswählen. Und das ist echt schwer.

Welche Version soll real werden? Really really real? Was, wenn ich mich falsch entscheide?

Aber ich bin ja nicht blöd. (Niemand, der laut Fragebogen das Zeug zum Lehrer hat, ist blöd. Was würde denn das bitte für unser Schulsystem bedeuten.) Ich sortiere die Gedanken im Kopf, wenn sie kurz stillhalten. Und dann hilft es, wenn ich die Gedanken auf den vorderen Plätzen zuerst einmal auf dem Papier Wirklichkeit werden lasse. Ich materialisiere meine Gedanken quasi. Ich erschaffe eine Art Vor-Welt. Um zu sehen, wie sie mir so tut. Ob sie das Zeug hat, Wirklichkeit zu werden. Ob sie es wert ist.

Genau das ist es wohl, dieses Heft hier, meine Gedanken und Notizen, Nonos gesammelte Werke, auf meiner externen Festplatte: Eine Vorwirklichkeit. Eine mögliche Spielart meiner Zukunft. Eine Chance, es doch noch anders machen zu können, bevor es zu spät ist.

Urlaubsfotos

Im Ferienbuch sind ganze Seiten voller Fotos. Von Leuten, die ihren Urlaub im Internet dokumentieren. Manche tun das direkt am Urlaubsort, sofort, an Ort und Stelle (damit alle wissen, WIE gut sie es haben). Andere machen das im Nachhinein, von zu Hause aus (damit die Einbrecher nicht wissen, dass sie auf Urlaub sind und ihnen zu Hause die Bude ausräumen). Die Fotos sind nicht einmal besonders spektakulär. Sie sind einfach da, im Internet, und warten darauf, dass sich jemand für sie interessiert.

Für meine Staycation würden sich vielleicht auch einige Leute interessieren. Die halbe Schule wahrscheinlich. Weil sie all die Orte kennen, an denen ich gerade urlaube. Aber ich habe keine Lust, mir beim Alleinsein zusehen zu lassen, weder live noch im Nachhinein. Das ist doch der Witz am Alleinsein: Dass NIEMAND zusieht.

Ausnahme

Okay. Manchmal hätte ich vielleicht doch lieber, dass jemand da wäre. Jemand, der mich lieb hat.

Kontraste

Mama frönt der Schwangerschaftsdemenz. Sie bewegt sich zielsicher in Richtung Gehirntod. Seit ihrer zweiten Tasse Bio-Getreidekaffee in der Früh schaut sie schon die dritte romantische Liebesschnulze im Internet. Die, bei denen man schon beim Vorspann weiß, wie das Ding ausgeht. Junge Frau mit gebrochenem Herzen dreht ihrem Leben den Rücken zu und besucht ihre Tante in den Bergen. Zwei junge Männer machen ihr schöne Augen. Jeder, der selber Augen im Kopf hat, sieht von Anfang an, dass sie den Einsamen nehmen wird (den mit dem Hirtenhund und der Schafherde). Nach einem kurzen Techtelmechtel mit selbigem hüpft sie aber doch mit dem Sonnenbrillen-Haargel-Model ins Cabrio und kurvt drei Viertel vom Film mit ihm herum (während man hauptsächlich Landschaftsaufnahmen sieht und Earl Grey trinkende Hauptdarsteller, die ihre eigenen englischen Vornamen nicht richtig aussprechen können). Alles wäre perfekt – würde ihr nicht die ganze Zeit der Hund so fehlen, der von dem Schafhirten. Und da fällt es ihr wie Schuppen von den Augen: In den Cabrio-Typen ist sie zwar verliebt, aber das mit dem einsamen Schafhirten ist die WAHRE und EINZIGE Liebe (und sein Hund ist echt süß). Kuss, Sonnenuntergang, Trallala. Während der Hochzeitsfeier kommt dann auf, dass die Schöne und der CabrioTyp in Wirklichkeit Halbgeschwister sind, weil die Tante mit dem Schwager …

Ich muss raus hier. Schnell.

Ich brauche ein Kontrastprogramm.

Kunstprojekt

Das Ferienbuch schlägt vor:

„Bastle schöne Dinge aus Urlaubsfundstücken. So nimmst du dir ein Stück Urlaub mit nach Hause.“

Das kann man durchaus auch als Staycation-Projekt in Angriff nehmen, würde ich sagen. Muss ja nicht unbedingt ein Vorher-Nachher-Ding sein. Also: Rein in die Schuhe, ab zum Fluss. Der Baggersee scheint mir irgendwie nicht die richtige Location. Leichen fallen definitiv nicht in die Kategorie „dekoratives Schwemmgut“.

O.M.G.!!! Hab ICH das grad geschrieben?? SORRY! Das muss der Schock sein. Im Ernst: Ich hab das noch nicht richtig verdaut. Mir graut vor dem Baggersee. Ich will da nicht mehr hin, zumindest nicht in nächster Zeit. Nicht, wenn es sich vermeiden lässt.

Eine halbe Stunde Waten, Schauen, Bücken, Suchen. Und was ist das Ergebnis?

• 1 Stück Schwemmholz

• 1 Feder

• 2 Blumen

Eine extremst dünne Staycation-stay-with-me-Urlaubsfreude als Zimmerdeko. Bei DEM Stillleben wäre sogar den Malern aus dem Biedermeier das Gähnen gekommen. (#inkunstgeschichteaufgepasst)

Fürs Protokoll: Es ist nicht meine Schuld. Das hier ist einfach nicht das Meer. Das ist unser Fluss. Hier wird nicht angeschwemmt, hier wird durchgespült. So ist das nämlich.

Was allerdings wesentlich besser ginge, wären „Nimm-dir-ein-Stück-ätzenden-Alltag-in-den-Urlaub-mit“-Kunstwerke.


Dafür gibt es Material ohne Ende. Quasi Hüllen in Fülle. (HAHA! HÜLLEN! Gecheckt? Ich lach mich rostig …)

Und dann, auf einmal, einfach so, auf der kleinen Insel bei der Wehr: der Fund des Jahres. EIN STUHL! Kein Hundestuhl dieses Mal, nein, ein richtiger, wunderschöner, runder, ehrwürdiger alter Stuhl zum Sitzen. Und mit ihm kommt DIE Idee: Ich mache mein eigenes Urlaub-ist-für-Loser-Staycation-Kunst-projekt. Damit werde ich Trendsetterin.

Aufgepasst: Ich trage den Stuhl nach Hause (keine Sorge, das schaff ich schon) und streiche ihn. Am besten in Knallrot. Erstens, weil das Signalwirkung hat. Zweitens, weil wir in der Garage eine ganze Dose roten Holzlack haben, noch von Mamas Schwedisches-Gartenhaus-Projekt. Wir haben zwar mittlerweile ein Gartenhaus, aber das sieht genauso aus wie alle anderen, die es im Baumarkt im Abverkauf gegeben hat. Das einzig schwedische daran sind die Blumentöpfe von IKEA. Gut für mich. Ich verleihe dem alten Stuhl also neuen Glanz. Und warum Geld ausgeben, wenn es gratis geht? Man muss mit seinen Mitteln haushalten können. Die meisten Künstler waren bettelarm. Das gehört quasi zu einer richtigen Künstlerseele. Ich meine – Egon Schiele? Der hat seine eigenen Bilder übermalt, sagt der Vogelhuber. Weil er so arm war und sich nicht immer eine neue Leinwand leisten konnte, wenn er eine neue Idee hatte. Dass die guten Leute immer erst nach ihrem Tod Erfolg haben … Na ja. Außer Michael Jackson natürlich, und Robin Williams und Astrid Lindgren. Da sind die Leute früher draufgekommen, wie …

Egal. Ich male den Stuhl also knallrot an. Dann bringe ich ihn in die Stadt und platziere ihn möglichst dekorativ an schönen Orten, wo normalerweise viele Leute vorbeikommen (= am Stadtplatz, im Stadtpark und evtl. am Friedhof).

Nächster Schritt: Ein Foto, möglichst cool, und das stelle ich dann ins Internet – in alle sozialen Medien und auf ein eigenes Blog. Das sehen dann logischerweise massenhaft Leute, die sich natürlich fragen, ob der Stuhl jetzt noch dort steht oder nicht, und die dann diesen Ort besuchen und den Stuhl dort finden und ihn woanders hintragen und selbst Fotos machen und ins Internet stellen.

Und diese Fotos sehen dann wiederum kreative/neugierige/vom Leben gelangweilte Menschen, die versuchen herauszufinden, wo genau der Stuhl zuletzt fotografiert wurde, und hingehen und den Stuhl woanders hintragen, um wiederum ein Foto zu machen, das sie dann ins Internet stellen …

Undsoweiterundsofort. Das Projekt verselbstständigt sich und wird immer größer – und DAS macht es erst zu Kunst.

Ich weiß, ich weiß: Das ist genial. Nur mit dem Namen bin ich noch unsicher. „Der rote Stuhl“ geht ja wohl nicht. Das ist besetzt und abgelutscht. Den Werbeslogan gibt es ungefähr schon mein ganzes Leben, oder? Auch wenn ich nicht wirklich verstehe, wie man auf so eine Idee kommt. Ich meine – „Der mit dem roten Stuhl“??! Man muss echt kein Mediziner sein, damit einem auf Anhieb drei Tropenkrankheiten einfallen, auf die diese Beschreibung passt … Aber bitte. Ist ja nicht mein Möbelhaus.

PROJEKTNAMEN

• Projekt mit Stuhl

• Sit and chill

• Setz dich ein für Kunst

• Kunst braucht keinen Namen

• Du kunst mich mal

• Kunst to go | Art to go | Stuhl to go

Postkarte von Verli

Oh du meine LIIIIEBE! Das Cornetto heißt JOSH. Also Joshua. Aber seine Freunde nennen ihn Josh. Und seine Familie. Und Leute, die mit ihm GEKNUTSCHT haben, im MONDSCHEIN, am STRAND!!! Und nicht, dass du jetzt glaubst, ich hätte mich danach kopfüber vom Balkon hängen lassen müssen, um den Sand wieder aus den Sachen zu kriegen. Neeeeein. Gentleman Josh hat mir seinen Rettungsturm gezeigt. Aber da war nichts mehr zu retten. Rettungslos verliebt, deine Verli

Sonnenklar

Was sag ich denn? Das war soooo klar! Hauptsache, er ist Amerikaner. Wenn sie durch sind mit stundenlang Knutschen und sich ihre Zungen wieder hinter den eigenen Zahnreihen einpendeln, unterhalten sie sich ja vielleicht. Dann besteht noch Hoffnung für Verena Mahringer, 5. Klasse, Englisch. Es leben die Sprachferien!

Schwangerschaftshormone

Die möglichen Namen für mein mögliches Projekt schwirren mir im Kopf herum. #concentration. Mama schwirrt durchs Haus. Vielleicht ist sie gar nicht schwanger, sondern manisch-depressiv. Nach der Ich-liege-den-ganzen-Tag-auf-der-Couch-herum-und-dröhne-mich-mit-Liebesschnulzen-zu-Phase ist sie jetzt plötzlich in der Ich-bin-schwanger-und-alles-ist-so-wunderbar-dassich-ständig-sagen-muss-wie-wunderbar-alles-ist-Phase.

Ach, Nono, es ist so wunderbar, schwanger zu sein. Ach, Nono, es gibt nichts Schöneres, als schwanger zu sein. Ach, Nono, wenn du wüsstest …

Ach, Mama, was willst du von mir? Soll ich mir jemanden suchen, der mich schwängert? Am besten jetzt gleich, auf der Stelle? Vielleicht schaffen wir ein paar Monate gemeinsamer Schwangerschaft, dann können wir uns gegenseitig erzählen, wie wun-der-bar nicht alles ist. Aber weißt du was? Lieber nicht. Ich glaube nämlich, schwanger zu werden, bevor man von zu Hause ausgezogen ist, bevor man studiert hat, bevor man weiß, was man will im Leben, bevor man geheiratet hat, ich glaube, das ist gar nicht so wunderprächtig.

Sonst hättest du vielleicht EIN MAL in meinem Leben erwähnt, wie wunderbar es war, mit der kleinen NONO schwanger zu sein. Wie schön es war, mich neun Monate lang gut verpackt durch die Welt zu tragen. Zu spüren, wie ich in deinem Bauch strample und Purzelbäume schlage. DAVON hast du nie etwas erzählt.


Online-Kunst

Tagsüber sitzen Rettungsschwimmer in ihrem Turm. Allein. In gewissem Sinne hat der Job halt doch auch mit Verantwortung zu tun. Zumindest wenn man’s genau nimmt. Josh also im Turm. Verli in der Farbenpracht des fliederfarbenen Blümchentapetengästezimmers bei ihrer All-American-Surfing-USA-Gastfamilie, Nono in der heimeligen Abgeschiedenheit ihres It-get’s-me-high-to-be-down-there-Kellerzimmers, dazwischen die Vorzüge der Internettelefonie. Ein Hoch auf die Technik, sagt die Kunst, und ein Hoch auf die Rettungsschwimmer. Ich hab Verli jetzt doch vom Gugugagageschwisterkind erzählt. Sie ist hellauf begeistert. Und hat geschworen, das gefälligst für sich zu behalten. Wir haben Wichtigeres zu besprechen, denn jetzt wird geplant und zwar im großen Stil: „Foto mit rotem Stuhl“.

Ein Kunstprojekt, von Nono real initiiert, von Verli im Netz inszeniert.

Ein Projekt, das sich selbstständig macht. Das DADURCH erst zur Kunst wird, findet Verli auch.

Man muss es den Leuten nur noch begreiflich machen. Ihnen helfen, mit diesem ersten Schritt in Richtung Avantgarde. A-vantgarde. Schönes Wort. Der Schlachtruf der Musketiere, wenn mich nicht alles täuscht? (Keine Angst, das ist nur ein Witz. Ein sehr schlechter, zugegebenermaßen. Aber ich bin ja auch keine Kabarettistin. Ich bin Internetkünstlerin.)

Verli liebt Kunst. Sie würde die verrücktesten Dinge mitmachen, Häuser in Watte packen, tote Tiere fotografieren, das ganze Programm. Der rote Stuhl ist ein Klacks für sie. Ich schicke meine besten Stuhlfotos über den Ozean und wenig später poppen sie an allen möglichen Stellen im Netz auf. Verli postet sie auf ihrem Blog und auf Snapchat und auf Instagram. Sie kreiert einen eigenen Facebook-Account. Zackzack, alles keine Hexerei für sie. Ich sitze in der ersten Reihe fußfrei, in der VIP-Lounge, im Dozentenzimmer und spende Szenenapplaus.

Zwei Freundinnen auf edler Mission: Gemeinsam versuchen wir, die Kleinstädter kunstaffin zu machen. Da können die Musketiere einpacken.

2 Stunden später

Nur ZWEIIII Stunden später! Two! Due! Dve!

Der erste kunstaffinierte Kleinstädter: ein Kleinkind. Grad, dass es auf den Stuhl raufkommt. Auf den Schuhsohlen Initialen, in Permanent Marker-Blau. Quasi als Signatur. Oder als Message für die Welt. F. E. Für euch. ForEver. Ich sag’s ja immer. Beim Nachwuchs muss man ansetzen.

Family Guy

Papa ist da. Das ist gut. Das tut uns gut. Allen dreien. Endlich fühlt es sich hier zu Hause nach FAMILIE an (nicht nach „Big Sister is watching you: Die Östrogen-WG“ oder nach „Zwei Frauen gegen den Rest der Welt. Ein berührendes Drama“ oder nach „Reality TV: Teenagermütter – 15 Jahre danach“).

Die Tage fließen so dahin, wir frühstücken gemeinsam, machen hier einmal einen Ausflug zum See (gewisser Gruselfaktor, aber okay), spielen dort einmal Minigolf, zaubern zu dritt deftige Daheim-Döner, feiern Familienalltag. Staycation hat Pause. Wir machen sogar ein Stuhl-Foto, barfuß, AUF dem Springbrunnen am Stadtplatz. Also quasi im Brunnen. Nur halt oben drauf. #wirsprudeln

Es ist echt gut, Mama so entspannt zu sehen. Sie legt die Buchhaltung beiseite und die Beine hoch und den Kopf in den Nacken und lacht während zwei Marmeladesemmeln mehr als sonst in vierzehn Tagen. Das ist eine Verwandlung wie von der Raupe zum Schmetterling. Vom Beutel zum Känguru. Vom Fleischabfall zum Dönertier.

Na ja. So irgendwie halt.

Folgendes Szenario: Mama und Papa turteln. Schon seit dem Frühstück. Nasenstupser, Fingerverschränken, Blinzelzwinker. Das ist dann doch etwas gruselig. Ständig hat Papa seine Hand auf Mamas Bauch und streichelt sie. Das Baby wird sich freuen. (Oder ihr Blinddarm. Oder die Leber.) Während Mama den Teig für die Kasnocken anrührt und Papa Zwiebeln schneidet, verdrücke ich mich in den Garten. Offiziell: Um im Hochbeet Salat zu pflücken. In Wirklichkeit: Um den Gutelaunebären zu entfliehen. Ich sitze auf den Stufen zur Terrasse, das Kinn auf die Knie gestützt und lasse mich vom fernen Rasenmäherbrummen der Schrebergärtner einlullen. Die Sonne brennt mich von der Seite an. Im Kellerfenster sehe ich, dass das linke Ohr drei Rotschattierungen vom rechten abweicht. Umdrehen geht nicht. Ich kann die Beine schlecht drei Stufen ÜBER meinem Allerwertesten verschränken und noch genauso adrett aussehen wie jetzt gerade. Zwei verschiedenfarbige Ohren sehen auch blöd aus, wenn man nicht gerade eine Glückskatze ist oder ein sympathischer Straßenköter. Also: Raus mit dem Grünzeug. Rein in die Küche.

„Da haben wir ja den Salat“, lacht Papa. „Machst du auch das Dressing? Ich bin extrem knapp an den perfektesten Zwiebeln der kulinarischen Weltgeschichte.“

Ich nicke nur und hole ein leeres Marmeladenglas von der Kellerstiege. Öl, Essig, Honig, Senf. Gut schütteln.

„Kann ich schon?“, frage ich Mama mit einem Blick auf das Rohr. („Den Salat erst kurz vor dem Essen anrichten“, das ist eisernes Familiengesetz bei uns. So wie „Nudeln nur al dente“ und „Knödel nur reißen, nicht schneiden“.)

„Ring frei“, lächelt Mama. „In drei Minuten können wir essen.“

In Zeitlupe gieße ich das Dressing über den Salat. Sieht ein bisschen aus wie eine Mure, die Grünland einsaut. Aber wir wissen alle, dass ich die Queen of Dressing bin.

Die Zwiebeln duften, das Rohr verströmt perfektes herb-stinkiges Käsearoma und mein Magen schickt Glückshormone in den Rest meines Körpers.

Papa pfeift irgendwas von den Stones. Ich pfeife Bruno Mars dagegen, den Lazy Song, bis wir beide so einen Riesen-Grinser im Gesicht haben, dass wir keinen einzigen geraden Ton mehr über die Lippen bringen. Mama versucht auch einen Pfeifton, was natürlich schiefgeht, weil sie einfach nicht pfeifen kann, genetisch bedingt wahrscheinlich, denn einen anderen vernünftigen Grund gibt es nicht dafür. Sie holt Luft, spitzt die Lippen und – keine Ahnung, was sie dann macht, aber es pfeift nicht, es FURZT. Jetzt müssen wir alle drei lachen. Jeder in seiner Tonlage. Zum ersten Mal seit … also seit … Also mir geht es richtig gut gerade. Richtig, richtig gut. EINE Familie. ZWEI Eltern, eine Mama und einen Papa, die sich lieben und das auch noch zeigen. DREI Menschen, die sich einig sind, dass Kasnocken mit Röstzwiebeln und Salat das Nonplusultra der Gaumenfreuden sind. Und bald sind wir VIER. Das ist so – wow …

Der Tisch ist schon gedeckt. Papa läuft mit den Zwiebeln und dem Korkuntersetzer vor, Mama trägt die heiße Kasnocken-Form hinterher und ich platziere die Salatschüssel so, dass jeder ungefähr gleich weit hat. Mama sticht den Küchenfreund in die Nocken und säbelt drei Riesenstücke heraus, vierlagig, mit einer knusprigen Käseschicht darauf. Die Zwiebeln sind so perfekt braunknusprig, dass ich mir am liebsten einen ganzen Löffel voll solo in den Mund schieben würde. Aber, wie jeder weiß: Die Mischung macht’s. Also: Ein großes Stück Kasnocken, direkt vom Rand, wo es am meisten knuspert, mit fünf perfekten Zwiebelkringeln obendrauf, an der Nase vorbei (mmmmmh!), in den Mund hinein.

Und dann spucke ich. „Was zum …“, hustet Papa gleichzeitig.

Mama wird rot und führt langsam die Serviette zum Mund, extrem slow-mo, und legt sie dann zerknüllt neben ihren Teller, die Serviette dunkel dort, wo sich die Nocken feucht durchdrücken.

„Ist dir der Salzstreuer ausgekommen?“, fragt Papa vorsichtig.

„Nein“, stammelt Mama. „Nein, ich … DU hast doch gesagt, drei Löffel …“

„Drei EIER!“, ruft Papa entsetzt. „Drei Eier und EINE Messerspitze Salz!“

Mit großen Augen sehen sich Mama und Papa an.

Und dann lachen sie los, prusten, gackern, schnauben, wiehern und japsen, dass sie keine Luft mehr kriegen. Wie zwei zwölfjährige BFF auf Hormontrip. Ich kann dieses Mal nicht mitlachen. DREI Löffel Salz? Selbst wenn die eigenen Gedanken in einer fremden Zeitzone sind – so etwas passiert einem doch nicht!!!

„Entschuldigt bitte“, kichert Mama. „Die Schwangerschaftsdemenz …“

Klar. Die Entschuldigung für alles. Happy Schwangerschaftsdemenz! Gratuliere! So schnell können Glückshormone verpuffen. Mein Magen knurrt. Ich brauche kein Koch-Kabarett. Ich brauche Kohlenhydrate.

Wortlos stehe ich auf. Ich hole mir Knuspermüsli.

Mama und Papa sitzen da und schauen verliebt in der Gegend herum, die Lachtränen noch in den Augenwinkeln. Neben ihnen steht der Salat und ersäuft im eigenen Dressing.

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9783702236526
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