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Sarah Glicker

Second Chance For Love

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Inhaltsverzeichnis

Titel

Prolog

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Elf Monate später

Impressum neobooks

Prolog

Sarah Glicker

Second Chance for Love

Sarah Weber

Alter Postweg 31a

48477 Hörstel

Copyright by Sarah Weber

Covergestaltung: Thorsten Jurai

Alle Rechte vorbehalten!

Vervielfältigungen, auch auszugsweise, bedürfen der offiziellen schriftlichen Genehmigung der Autorin!

Zwei Jahre zuvor

Seit einer gefühlten Ewigkeit sitze ich schon an unserem Lieblingsort und warte auf Sean. Normalerweise bin ich immer pünktlich, aber an diesem Tag bin ich eine halbe Stunde zu früh gekommen.

Jeden Nachmittag treffen wir uns an dem verlassenen alten Haus, das in der Nähe unserer Highschool steht. Meistens sitzen wir hinten in dem verwilderten Garten und erzählen von unserem Tag. Dabei lachen wir viel und vergessen die Zeit.

Es gibt nicht viele Menschen, die von unserer Beziehung wissen. Daher können wir uns leider nicht öffentlich zeigen, obwohl ich genau das gerne tun würde. Aber seine Schwester macht mir schon seit Monaten das Leben schwer. Doch ich kann nicht sagen, wieso.

Immer wieder kommt mir zu Ohren, dass sie Lügen über mich verbreitet, weshalb viele Mitschüler schon nichts mehr mit mir zu tun haben wollen. Einige davon sind zum Beispiel, ich würde mit jedem Mann ins Bett gehen, wäre eine Lügnerin und kriminell. Aber nicht nur diese Geschichten, die nicht wahr sind, haben schon die Runde gemacht. Sie hat auch erfahren, dass meine Mutter mich und meinen Bruder verlassen hat, als wir noch klein waren, und überall herumerzählt, dass nicht einmal sie es mit uns aushalten würde. Meinem Bruder hat sie sogar die Reifen seines Wagens durchgestochen.

Aus diesen Gründen halten Sean und ich uns lieber bedeckt. Doch nun rückt der Tag immer näher, an dem er die Stadt verlassen wird, um in einer anderen Stadt zu studieren.

Das, was ich heute tun werde, fällt mir nicht leicht. Seitdem er mir aber von seiner Entscheidung berichtet hat, habe ich immer wieder darüber nachgedacht.

Ich kann verstehen, wieso er sich dazu entschlossen hat. An seiner Stelle hätte ich mich nicht anders entschieden. Aber damit hat er mir auch das Herz gebrochen.

Immer wieder habe ich darüber nachgedacht. Aber es ist die richtige Entscheidung für ihn und für mich. Wir werden eh keine Chance mehr haben, sobald wir für die nächsten Jahre voneinander getrennt sind.

Mehrmals atme ich tief durch, wobei ich meinen Blick auf die Straße vor mir richte. Als er endlich um die Ecke biegt, macht sich Erleichterung in mir breit. Diese wird aber weggewischt, als ich sehe, mit was für einem Strahlen im Gesicht er auf mich zukommt.

In meinem Hals bildet sich ein Kloß, den ich schnell hinunterschlucke. Nervös schiebe ich mir eine blonde Strähne aus dem Gesicht und ziehe das Haarband wieder fester.

Ohne ein Wort von sich zu geben, schließt Sean mich in seine Arme und küsst mich sanft. Diesen letzten Kuss erlaube ich mir, uns. Ein letztes Mal verliere ich mich in seinen Berührungen.

„Hi, meine Hübsche“, raunt er, während er sich ein Stück von mir löst.

In der einen Sekunden scheint er noch glücklich zu sein, in der nächsten schaut er mich besorgt an. In meinen Augen sammeln sich Tränen, als ich seinen prüfenden Blick auf mir spüre.

„Was ist los?“, fragt er mich und zieht mich dabei zu einer Bank.

„Sean …“, beginne ich, breche jedoch ab, da ich nicht weiß, wie ich es ihm sagen soll. Ich habe keine Ahnung, wie ich ihm klarmachen kann, was mir in den letzten Wochen ohne Unterbrechung durch den Kopf gegangen ist.

Sein flehender Blick ist auf mich gerichtet.

„Ich kann das nicht. Ich kann nicht von dir getrennt sein und dich kaum sehen. Meine Angst, dass du mich betrügst, ist viel zu groß.“

„Niemals würde ich dich hintergehen. Ich liebe dich.“

Seine Worte sind sanft, aber bestimmt. Mit seiner festen Stimme duldet er keinen Widerspruch, aber genau den gebe ich ihm.

„Früher oder später würden wir uns sowieso trennen.“

„Lindsay, du weißt, wieso ich mich dafür entschieden habe. Das hat nichts mit dir zu tun. Die Monate werden schnell vorbeigehen.“

Verzweifelt fährt er sich mit der freien Hand durch die Haare. Die andere umklammert meine Hände.

„Mir fällt es nicht leicht“, wispere ich, da ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll.

„Ich liebe dich“, betont er noch einmal.

Seine Stimme ist leise, trotzdem vernehme ich jedes einzelne Wort, als würde er es mir ins Gesicht schreien.

„Ich dich auch, aber ich kann das nicht. Sean, bitte, versteh mich doch!“, flehe ich ihn an.

Dabei kann ich nicht verhindern, dass mir die Tränen über das Gesicht laufen. Es zerreißt mir das Herz, aber ich weiß, dass ich das Richtige tue.

Sean lässt mich keine Sekunde aus den Augen. Er wartet darauf, dass ich ihm mitteile, dass alles nur ein Scherz war, aber genau das mache ich nicht. Stattdessen stehe ich auf.

Ich will ihm meine Hand entziehen, aber Sean lässt mich nicht los.

„Bitte, mach es mir nicht schwerer, als es ohnehin schon ist.“

Sean steht so dicht vor mir, dass ich seinen heißen Atem auf meiner Haut spüren kann.

Anstatt etwas zu sagen, beugt er sich zu mir hinunter und küsst mich. Augenblicklich schmelze ich in seinen Armen dahin. All meine Liebe und Verzweiflung lasse ich in die Berührung unserer Lippen fließen.

„Ich weiß, ich hätte manche Dinge tun sollen, die ich nicht getan habe“, flüstert er an meinem Mund. „Ich lasse dich nur gehen, weil du es willst. Aber du gehörst an meine Seite. Und es wird der Tag kommen, an dem ich es dir beweisen werde.“

Seine Ansage setzt sich in meinem Herzen fest. Ich bin mir sicher, dass sie genau an dieser Stelle bleiben werden. Und tief in meinem Inneren hoffe ich, dass er recht hat.

„Ich liebe dich, Sean. Pass bitte auf dich auf!“ Mit diesen Worten drehe ich mich um und gehe.

Ich verlasse den Mann, dem mein Herz gehört. Mit schnellen Schritten entferne ich mich von ihm. Dabei habe ich aber ständig sein Gesicht vor Augen, wie es von Angst erfüllt ist. Und ich weiß genau, dass ich es niemals vergessen werde.

Erst, als ich mir sicher bin, dass er mich nicht mehr sehen kann, sinke ich hinter einem Baum zu Boden, vergrabe das Gesicht in meinen Händen und lasse meinen Tränen freien Lauf.

1

Verschlafen blicke ich auf die Uhr, nachdem ich meine Augen aufgeschlagen habe.

Sieben Uhr.

Während ich die Decke über meinen Kopf ziehe, stöhne ich laut auf. Aber sosehr ich es mir auch wünsche, ich kann nicht mehr schlafen.

Heute ist der erste Tag der Semesterferien. Eigentlich wollte ich ausschlafen, aber aus irgendeinem Grund bin ich jetzt schon wach. Kurz spitze ich meine Ohren, aber im Haus ist noch alles ruhig. Meine Eltern sind schon unterwegs und mein älterer Bruder Mike liegt wahrscheinlich noch von seiner gestrigen Party im Koma.

Falls er überhaupt nach Hause gekommen ist.

Ich habe gerade das erste Jahr meines Informatik-Studiums beendet, während für Mike nach den Ferien das letzte Jahr beginnen wird. Eigentlich wollte ich nicht studieren, aber meine Eltern haben mir so lange in den Ohren gelegen und als Begründung angeführt, dass ja sogar Mike aufs College gehen würde, bis ich schließlich nachgegeben habe.

Dabei weiß ich ganz genau, wieso Mike studiert. Für ihn ist es nur eine Möglichkeit, noch ein paar Freiheiten zu genießen, bevor er ins Berufsleben startet. Und zu diesen Freiheiten gehören auf jeden Fall Partys und Frauen. Obwohl ich nicht so oft feiern gehe wie er, haben wir trotzdem ein super Verhältnis. In den letzten Jahren hat er mir mehr als einmal bewiesen, dass ich mich auf ihn verlassen kann.

Seufzend schlage ich nun die Decke zur Seite und verlasse das Bett. Mit wenigen Schritten habe ich mein kleines Zimmer durchquert und die Tür geöffnet. Als ich den Flur betrete, werde ich von der Ruhe des Hauses empfangen. Zügig gehe ich weiter ins Badezimmer, um mich fertig zu machen.

Eine Stunde später stehe ich in der Küche und schlürfe meinen Kaffee. Das Klingeln meines Handys lässt mich erschrocken zusammenfahren.

„Ja?“, frage ich, nachdem ich abgenommen habe, ohne einen Blick auf das Display zu werfen.

„Guten Morgen, Süße! Ich hoffe, ich habe dich nicht geweckt“, ertönt die gut gelaunte Stimme meiner besten Freundin Joleen.

„Hast du nicht.“

„Wie wäre es mit Frühstück?“, erkundigt sie sich nun.

„In einer halben Stunde bei Johnson?“

Das Johnson ist ein kleines und gemütliches Café, in dem man super frühstücken kann. Da es nicht direkt am Strip liegt, verirren sich nicht so viele Touristen dorthin, weshalb der Laden nicht so überfüllt ist. In den letzten Jahren ist sie unser Stammlokal geworden.

„Wir sehen uns!“

Mit diesen Worten legt sie wieder auf. Schnell trinke ich meinen Kaffee aus und schnappe mir beim Verlassen des Hauses meine Tasche und die Autoschlüssel.

Draußen begrüßt mich die Sonne. Es verspricht ein schöner Tag zu werden, aber da wir hier mitten in der Wüste sind, ist fast jeder Tag so. Die Luft ist warm, typisch für Las Vegas.

In dieser Stadt wurde ich geboren. Obwohl mich nicht nur schöne Momente mit ihr verbinden, liebe ich sie. Trotzdem möchte ich nicht den Rest meines Lebens hier verbringen. Früher habe ich mir immer ausgemalt, wie ich die Welt entdecke. Mittlerweile denke ich jedoch etwas anders darüber. Ich will zwar immer noch so viel wie möglich reisen, aber dabei den Ort finden, an den ich gehöre.

Während der Autofahrt entdecke ich immer wieder Touristen. Da sie so viel wie möglich von der Stadt der Sünde sehen möchten, sind sie schon sehr früh unterwegs.

Wenige Minuten später finde ich einen freien Parkplatz, der nicht weit entfernt ist. Während ich aussteige und den Wagen abschließe, laufen ein paar Kumpel meines Exfreundes Cole an mir vorbei. Erleichtert atme ich auf, als sie einfach vorübergehen, ohne mich eines Blickes zu würdigen. Kurz frage ich mich, ob sie mich überhaupt erkannt haben, aber selbst wenn nicht, würde mich das nicht stören.

Bei der Erinnerung an ihn und somit auch an das Ende unserer Beziehung bekomme ich Magenschmerzen. Bevor dieser Mann mir aber den Tag versauen kann, schiebe ich diese Gedanken beiseite und betrete das Café.

Es ist gemütlich eingerichtet. An den Wänden hängen Bilder und Regale, auf denen Bücher stehen, welche die Gäste lesen können. Die Tische erinnern an normale Küchentische, mit ihren Bänken davor. Es ist in verschiedenen Brauntönen gehalten, sodass alles farblich perfekt zueinanderpasst.

Joleen sitzt schon in der hintersten Ecke und winkt mir zu.

„Hi“, begrüßt sie mich, als ich an den Tisch trete und mich auf die Bank sitzen lasse. „Wie kommt´s, dass du schon so früh wach bist?“

„Ehrlich gesagt habe ich keine Ahnung. Ich konnte nicht mehr einschlafen, obwohl ich gerne noch etwas gedöst hätte.“

Meine Schultern bewegen sich ein Stück nach oben, um dann wieder nach unten zu sinken.

„Dein Pech, mein Glück“, erwidert sie.

Im Gegensatz zu mir ist Joleen eine Frühaufsteherin. An manchen Tagen steht sie schon auf, bevor die Sonne aufgegangen ist. Ich habe keine Ahnung, was sie zu diesen Uhrzeiten schon macht, habe sie aber auch noch nie danach gefragt.

Nachdem die Bedienung mir eine Tasse Kaffee gebracht hat, lasse ich meinen Blick durch den Raum gleiten. Familien und Paare haben sich an den Tischen verteilt. Kinder lachen und Männer legen die Arme um ihre Frauen oder Freundinnen.

Bei diesem Anblick zieht sich mein Bauch zusammen, aber ich lasse es mir nicht anmerken. Ich will nicht, dass Joleen den Eindruck bekommt, dass ich Cole vermisse. Denn das ist das Letzte, was ich tue.

„Hast du es schon gehört?“

Joleen sieht meine Aufmerksamkeit wieder auf sich. Als ich sie betrachte, erkenne ich ihren vorsichtigen Blick.

„Was denn?“, frage ich sie und hebe dabei meine Augenbrauen ein Stück nach oben.

„Cole hat Heather nach nur vier Monaten Beziehung schon einen Heiratsantrag gemacht.“

Bei dieser Information bekomme ich große Augen, da ich damit nicht gerechnet habe.

„Freut mich für sie“, gebe ich nur zurück, da ich nicht weiß, was ich sonst sagen soll.

Ich kann Joleen ja schlecht verraten, dass die beiden nicht erst seit vier Monaten zusammen sind. Denn dann müsste ich ihr auch alles andere erzählen, und das will ich auf keinen Fall. Niemand kennt den wahren Grund für unsere Trennung. Und so soll es auch bleiben.

Überrascht schaut Joleen mich an.

„Ich freue mich wirklich für die beiden. Zwei Spinner haben sich gefunden.“

Bei diesen Worten wackle ich mit den Augenbrauen und stehe auf, um mir Pfannkuchen vom Büfett zu holen.

„Du hättest deinen Bruder gestern Abend sehen sollen“, fängt sie mit etwas anderem an, als ich zu meinem Platz zurückkehre. „Er war so betrunken, dass er nicht einmal mehr geradeaus laufen konnte.“

„Du warst also auch auf der Party“, stelle ich ausdruckslos fest.

„Sonst hätte ich nicht erfahren, dass die beiden heiraten wollen.“

Joleen zuckt mit den Schultern und schneidet sich ein Stück ihres Omeletts ab.

„Das habe ich nicht böse gemeint“, entschuldige ich mich, da ich ihren etwas schärferen Ton durchaus herausgehört habe.

„Ich weiß“, murmelt sie. „Ich glaube, dass einer seiner Jungs ihn nach Hause gebracht hat.“

Den Rest des Frühstücks verbringen wir lachend. Ich bin mir sicher, hätte sie mir die Nachricht von der Verlobung am Telefon übermittelt, wäre ich ausgerastet. Aber nicht, weil ich ihn noch liebe. Mittlerweile glaube ich sogar, dass ich ihn nie richtig geliebt habe. Sondern weil ich insgeheim gehofft hatte, dass er das Gleiche wie mit mir auch mit ihr abziehen würde. Aber was nicht ist, kann ja noch werden.

Zwei Stunden später bezahlen wir und verlassen das Café. In dem Moment, in dem ich in Gedanken versunken den Gehweg betrete, pralle ich gegen etwas Großes und werde beinahe umgeworfen.

Starke Hände greifen nach mir und bewahren mich so vor einem unschönen Fall auf die Pflastersteine. Ich brauche ein paar Sekunden, bis ich mich wieder gesammelt habe. Als ich meinen Kopf ein Stück hebe, schaue ich in strahlend blaue Augen, die ich kenne. Überall würde ich sie erkennen.

Sean, schießt es mir durch den Kopf, als ich meinen Blick klarstelle und sein Gesicht betrachte.

Da er fast zwei Köpfe größer ist als ich, schaut er auf mich hinab. Langsam lasse ich meine Augen an ihm hinunterwandern. Auf seinen muskulösen Armen erkenne ich verschiedene Tattoos, die er damals noch nicht hatte. Er trägt ein Muskelshirt, durch das man seine trainierte Brust erkennen kann. Außerdem mache ich auch dort die Ansätze von Tattoos aus. Seine Haare sind durcheinandergewirbelt, was ihm den Anschein gibt, er wäre gerade erst aufgestanden.

Mein Mund wird bei seinem Anblick trocken und mein Herz beginnt zu rasen. Er sieht noch genauso gut aus, wie damals. Vor allem hat er aber noch immer die gleiche Wirkung auf mich, sodass sich in meinem Kopf ein riesiges Chaos befindet.

Vor mir steht der einzige Mann, den ich jemals geliebt habe. Der Mann, den ich verlassen habe, da ich es für das Beste hielt.

Kaum habe ich ihn erkennt, kommt mir der Nachmittag wieder ins Gedächtnis, an dem ich ihn verlassen habe. Reflexartig versuche ich meine Hände aus seinem Griff zu befreien, aber er lässt mich nicht los.

„Alles gut?“, fragt er mich.

Erschrocken zucke ich zusammen, fange mich aber schnell wieder.

„Ja … danke“, stottere ich verlegen. So unauffällig wie möglich atme ich tief durch.

Eine Weile sagt keiner von uns etwas. Wir stehen uns einfach nur gegenüber und betrachten einander.

„Ich hätte nicht gedacht, dass du mir gleich an meinem ersten Tag über den Weg läufst.“

Perplex schaue ich ihn an.

„Und was soll das bedeuten?“, kontere ich, nachdem ich endlich meine Sprache wiedergefunden habe.

„Ich meine das positiv. Um genau zu sein, bist du einer der Gründe, weshalb ich hier bin“, erklärt er mir und grinst mich dabei frech an.

„Sean …“, beginne ich, führe den Satz jedoch nicht zu Ende, da ich nicht weiß, was ich sagen soll.

In mir kommen all die Gefühle wieder hoch, die ich empfunden habe, als ich mich von ihm getrennt habe. Die Verzweiflung, die ich damals gespürt habe.

„Ich muss los“, bringe ich gerade noch hervor, mache dann aber keine Anstalten, aufzubrechen.

„Nein.“

Seine Stimme zeigt mir, dass er mich dieses Mal nicht einfach so gehen lassen wird.

Ich hebe meinen Kopf und schaue ihn an. Seine Lippen sind fest aufeinander gepresst. Als ich in seine Augen blicke, verliere ich mich in ihnen.

„Meine Freundin wartet“, flüstere ich.

„Ich lasse dich erst gehen, wenn du einwilligst, dich mit mir zu treffen. Eine Verabredung, mehr verlange ich nicht von dir.“

In mir macht sich das Gefühl breit, dass es nicht bei diesem einem Treffen bleiben wird, wenn ich jetzt Ja sage.

„Und was sagt deine Freundin dazu, wenn du dich mit deiner Ex triffst?“, frage ich ihn lauernd.

„Seit dir hatte ich keine mehr.“

Bei seinen Worten macht sich Verblüffung in mir breit.

„Okay“, antworte ich ihm, bevor ich genauer darüber nachdenken kann.

Innerlich gebe ich mir einen Tritt in den Hintern, aber eigentlich würde ich wirklich gerne einen Abend mit ihm verbringen.

Auf seinem Gesicht breitet sich ein zufriedenes Lächeln aus. Aber ich erkenne auch die Erleichterung in seinen Augen.

„Gib mir bitte dein Handy!“

Während er spricht, streckt er seine Hand aus. Kurz zögere ich, unsicher, ob ich das wirklich tun soll. Aber dann springe ich über meinen Schatten, ziehe das Handy aus meiner Tasche und reiche es ihm.

„Schreib mir, wo ich dich abholen soll, und wir sehen uns um acht Uhr.“

Sean gibt mir das Telefon zurück. Kurz betrachte ich die Nummer, ehe ich sie unter seinem Namen einspeichere.

„Nur ein Treffen“, erinnere ich ihn noch einmal.

„Wir sehen uns heute Abend“, raunt er, nachdem er sich ein Stück zu mir gebeugt hat.

Beim Klang seiner Stimme bildet sich eine Gänsehaut auf meiner Haut und meine Brustwarzen richten sich auf. Er hat immer noch die gleiche Wirkung auf mich wie früher.

Da ich kein Wort herausbekomme, nicke ich nur und drehe ihm den Rücken zu. Doch kaum habe ich mich umgedreht, entdecke ich Joleen, die nur ein paar Meter von uns entfernt steht und mich genau beobachtet.

„Seit wann stehst du da schon?“, frage ich sie, während ich hinter mir herziehe.

„Lange genug, um zu wissen, dass du heute Abend ein Date mit einem heißen Typen hast.“ Auf ihrem Gesicht breitet sich Zufriedenheit aus. „Ich finde das super. Du hast viel zu lange auf Spaß verzichtet, wegen Cole. Und nun, wo er wohl bald die Oberzicke heiraten wird, musst du ihm zeigen, dass du auch ohne ihn Spaß haben kannst.“

„Er ist ihr Bruder“, platzt es aus mir heraus.

„Das weiß ich. Ich kann mich noch sehr gut an Sean erinnern.“

Joleen bleibt stehen und blickt mich an.

„Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist. In den letzten Jahren ist einfach zu viel passiert.“

„Und? Ihr habt gut zusammengepasst und ehrlich gesagt habe ich nie ganz verstanden, warum du dich von ihm getrennt hast.“

Bei ihrem Vorwurf überkommt mich das schlechte Gewissen.

„Wir hatten keine Chance, die haben wir noch immer nicht“, werfe ich ein. „Heather hatte es damals schon auf mich abgesehen und deswegen mussten wir unsere Beziehung geheim halten.“

Joleen lässt sich meine Worte durch den Kopf gehen. Nachdenklich schaut sich mich an.

„Du liebst ihn noch immer! Deswegen warst du so schnell über die Trennung von Cole hinweg. Ich wusste es! In Wirklichkeit hast du die letzten Jahre einen anderen Mann geliebt.“

„Es ist wahrscheinlich keine gute Idee, wenn ich mich mit ihm treffen.“

„Das ist sogar eine wunderbare Idee. Du musst das machen. Ich hatte schon immer das Gefühl, dass du mit Cole nicht so glücklich bist, wie du es mit Sean warst. Und vergiss seine Schwester. Du solltest dein Glück nicht von ihr abhängig machen.“

Für kurze Zeit lasse ich mir ihre Worte durch den Kopf gehen. Ich bin hin- und hergerissen. Aber im Endeffekt muss ich ihr recht geben. Cole hat mich nicht einmal ansatzweise so glücklich gemacht, wie Sean.

„Ich werde mich heute Abend mit Sean treffen, aber ihn danach nie wiedersehen. Und nun muss ich zur Arbeit. Meine Schicht beginnt gleich“, gebe ich schließlich nach.

„Ich wünsche dir auf jeden Fall viel Spaß. Und sag mir Bescheid, wie es gelaufen ist.“

„Werde ich machen“, verspreche ich ihr, obwohl ich es eigentlich gar nicht will.

„Denk nicht daran, dass Heather seine Schwester ist, sondern hab einfach Spaß. Würde er keine Gefühle mehr für dich haben, hätte er dich nicht gefragt.“

Joleen zwinkert mir aufmunternd zu, ehe sie sich umdreht und zu ihrem Wagen geht. Ich schaue ihr hinterher, bis sie aus meinem Sichtfeld verschwunden ist.

Sie meint es nur gut und dafür liebe ich sie noch mehr.

2

Ich arbeite in einer großen Eisdiele, die schon seit Generationen im Besitz unserer Nachbarn ist. Ihre Familie hat mit einem kleinen Betrieb angefangen und sich im Laufe der Jahrzehnte immer weiter vergrößert. Mittlerweile stellen sie das Eis sogar in ihrer eigenen Fabrik her.

Der Laden ist immer voll. Doch als ich nun um die Ecke biege, erkenne ich, dass sich die Schlange heute bereits draußen auf der Straße befindet. Seufzend straffe ich meine Schultern und betrete das Geschäft.

Ich werde von den lauten Unterhaltungen der Kundschaft empfangen. Rechts von mir stehen verschieden große Tische und links befindet sich die Eistheke. Hinter ihr verläuft ein Spiegel von oben nach unten und von rechts nach links. Überall an den Wänden hängen Bilder der verschiedenen Eisbecher, von denen einer leckerer aussieht als der andere.

„Lindsay! Zum Glück bist du da. Ich hatte schon die Befürchtung, dass du gar nicht mehr kommst.“

Lionel, einer meiner Kollegen winkt mir aufgeregt zu, als ich mir einen Weg durch die Menge bahne.

Lionel ist so alt wie ich. Er ist gut gebaut, was seine Kleidung noch unterstreicht. Man sieht ihn immer in engen Hosen, die seinen knackigen Hintern perfekt zur Geltung bringen. Außerdem trägt er meistens enge Shirts, durch die man seine Muskeln vor Augen hat. Am Anfang hatte ich mich noch darüber gewundert, wieso er den Annäherungsversuchen der Frauen ausweicht. Bis mir irgendwann klar wurde, dass Lionel schwul ist.

Als ich nun vor ihm zum Stehen komme, werfe ich einen prüfenden Blick auf die große Uhr, die hinter ihm an der Wand hängt.

„Du weißt aber schon, dass meine Schicht erst in ein paar Minuten beginnt, oder?“

„Trotzdem hoffe ich, dass du mir gleich helfen wirst.“

Mit diesen Worten nickt er in die Richtung der wartenden Menge hinter mir. Während ich an ihm vorbeigehe, um meine Tasche in den Aufenthaltsraum zu bringen, lache ich leise. Er ist jedes Mal überfordert, sodass ich mich schon oft gefragt habe, wieso er überhaupt noch alleine im Laden bedienen darf.

Im Nebenzimmer werfe ich meine Tasche auf den Tisch und schnappe mir meine Schürze.

Während der nächsten drei Stunden kümmere ich mich um die Kunden und habe deswegen keine Zeit, an das bevorstehende Treffen mit Sean zu denken. Meine Arbeit lenkt mich ab, sodass mich der große Andrang nicht stört. Erst, als ich mich in der Pause auf einen Stuhl sinken lasse, denke ich wieder an den Zusammenstoß.

Als ich mich damals von Sean getrennt habe, dachte ich, dass ich ihn nie wiedersehen werde. Ich wollte den Mann, den ich geliebt habe, aus meinem Leben verbannen, und das nur, weil ich Angst davor hatte, dass er mich betrügt. Jetzt weiß ich, wie lächerlich sich das eigentlich anhört. Ich habe immer gewusst, dass er das niemals machen würde. Denn obwohl nicht viele von unserer Beziehung wussten, hat er nie den geringsten Zweifel daran gelassen, dass er mich liebt.

Gedankenverloren ziehe ich meine Tasche zu mir und greife nach dem Handy, um Sean eine kurze Nachricht zu schreiben. Dabei habe ich ein wenig die Hoffnung, dass er das Treffen vielleicht absagt. Es dauert nicht lange, bis das Display blinkt und mir eine neue Nachricht anzeigt.

Ich freue mich schon auf dich.

Sean

Noch während ich die Worte lese, beginnt mein Herz schneller zu schlagen.

Nur ein Treffen, mehr nicht, ermahne ich mich selbst. Dabei weiß ich, dass dies gar nicht in meiner Hand liegt.

Kurz überlege ich, ob ich etwas zurückschreiben soll, aber sosehr ich es auch versuche, mir fällt einfach nichts Gescheites ein. Dabei habe ich so viele Dinge im Kopf, die ich ihm sagen möchte.

Ich bin froh, dass die restlichen Stunden meiner Schicht genauso schnell vorbeigehen. Um sechs Uhr trete ich auf die Straße und atme tief durch. Die Arbeit hat mir dabei geholfen, mir die Zeit zu vertreiben, ohne viel grübeln zu müssen. Allerdings habe ich nun immer noch zwei Stunden, um vor Aufregung wahnsinnig zu werden.

Als ich endlich zu Hause ankomme, bin ich fix und fertig mit den Nerven. Glücklich darüber, dass ich daheim niemandem über den Weg laufe, betrete ich mein Reich und lasse mich auf das Bett fallen. Mein Zimmer ist so klein, dass gerade mal das große Bett, ein Schreibtisch, ein Kleiderschrank und ein Regal hineinpassen. Aber das hat mich noch nie gestört. Ich habe mir immer gesagt, dass ich so weniger aufzuräumen habe.

An den Wänden hängen ein paar Filmplakate und Autogramme von Schauspielern, denen ich während meiner Aufenthalte in Los Angeles über den Weg gelaufen bin.

Wenige Minuten später klopft es aber an meiner Tür, sodass ich seufzend meinen Kopf hebe.

„Ja?“

Mein Bruder steckt seinen Kopf zur Tür herein. Es dauert ein wenig, aber schließlich schiebt er auch den Rest seines Körpers in mein Zimmer.

Mike ist drei Köpfe größer als ich. Er liebt es zu trainieren, und das sieht man ihm auch an. Er hat ein breites Kreuz, und jeder Zentimeter seines Körpers besteht aus Muskeln. Auf seinem kompletten Brustkorb, am Rücken und auf dem größten Teil seiner Arme befinden Tattoos. Seine braunen Haare sind etwas länger, sodass er sie fast zu einem Zopf zusammenbinden kann. Ich muss zugeben, dass er mit seiner dunklen Sonnenbrille fast schon ein wenig brutal aussieht.

„Na, Schwesterherz. Tauchst du auch endlich mal auf?“

„Ich musste arbeiten“, gebe ich knapp zurück, da ich mit meinen Gedanken schon bei der Verabredung bin.

„Du hast nicht zufälligerweise Sean getroffen?“

Bei seinen Worten werde ich hellhörig. Automatisch schießt mir die Frage durch den Kopf, ob Sean und Mike miteinander gesprochen haben. Die beiden waren früher nämliche beste Freunde. Daher müsste mein Bruder es eigentlich wissen, wenn Sean wieder in der Stadt ist.

Ich beobachte Mike genau, aber dieser verzieht keine Miene. Schon früher habe ich das gehasst, aber jetzt verfluche ich ihn für ein Pokerface.

„Gut, du hast also bereits mit ihm gesprochen“, kommt es vorsichtig über meine Lippen, da ich keine Ahnung habe, wie viel Mike weiß.

Er setzt sich in Bewegung und lässt sich auf die Bettkante fallen.

„Wirst du dich mit ihm treffen?“

„Ich glaube, die Antwort auf deine Frage kennst du schon. Du kannst mir nicht erzählen, dass er dir kein Sterbenswörtchen verraten hat.“

Meine Stimme klingt herausfordernd. Ich bin eh schon kurz vor einem Nervenzusammenbruch deswegen. Mich jetzt auch noch mit meinem Bruder darüber unterhalten zu müssen, macht die Sache nicht gerade einfacher für mich.

„“Na gut“, erwidert Mike, weicht dabei aber meinem Blick aus. „Dieser Mann liebt dich.“

Während er spricht, versuche ich meine Atmung unter Kontrolle zu halten. Aber so ganz gelingen will es mir nicht. Mein Körper füllt sich buchstäblich mit Freude bei dem Gedanken daran, dass Sean vielleicht wirklich immer noch Gefühle für mich hat. Obwohl Joleen das auch gesagt hat, konnte und wollte ich es einfach nicht glauben.

„Ich weiß, was dir gerade durch den Kopf geht, und ich kann dir nur sagen, dass du es darauf ankommen lassen solltest. Er ist nicht seine Schwester.“

Bei diesen Worten hebe ich ruckartig meinen Kopf und blicke ihn an.

„Das weiß ich“, entfährt es mir schnell.

Mike soll gar nicht erst denken, dass ich Sean mit Heather vergleiche. Die beiden sind so unterschiedlich wie Tag und Nacht.

„Wovor hast du dann Angst?“

„Ich weiß es nicht“, gebe ich zu und streiche mir dabei ein paar Strähnen aus dem Gesicht.

„Hör auf, dir darüber den Kopf zu zerbrechen, was passieren könnte.“

Er gibt mir einen freundschaftlichen Klaps auf die Schulter und steht wieder auf.

„Hast du eigentlich gewusst, dass Cole Heather einen Antrag gemacht hat?“, frage ich ihn beiläufig.

„Das ist doch super. Sie passt zu ihm wie Arsch auf Eimer. Die Kinder von denen tun mir jetzt schon leid. Mit den beiden als Eltern wird es sicherlich nicht einfach.“

Auf seinem Gesicht breitet sich ein gemeines Grinsen aus. Aber in diesem Punkt kann ich ihm nur recht geben. Beide sind Kontrollfreaks und wollen immer alles an sich reißen. Wenn sich jemand ihren Wünschen entgegenstellt, lassen sie ihm das nicht durchgehen.

Mike beugt sich zu mir hinüber, um mich in seine Arme zu schließen. Nachdem er mir noch einen prüfenden Blick zugeworfen hat, verlässt er mein Zimmer wieder.

Ich schaue kurz auf mein Handy und beschließe dann, dass es an der Zeit ist, mich fertig zu machen. Von Sekunde zu Sekunde werde ich nervöser. Wenn man mich beobachten würde, könnte man vermutlich den Eindruck gewissen, dass ich noch nie in meinem Leben ein Date gehabt hätte. Aber sosehr ich es auch versuche, ich werde nicht ruhiger.

Um Punkt acht Uhr höre ich, wie das Geräusch der Türklingel durch das Haus schallt. Nervös schlüpfe ich in meine schwarzen High Heels und greife nach meiner ebenfalls schwarzen Tasche.

Bevor ich durch die Tür meines Zimmers trete, werfe ich noch einen letzten Blick in den großen Spiegel, der an meinem Schrank hängt.

Ich habe mich für ein graues Kleid mit schwarzen Mustern entschieden. Es passt zu den meisten Anlässen, also ist es egal, wohin Sean mich mitnimmt. Meine Haare habe ich offen gelassen, aber ein paar Wellen hinein gezaubert. An meinem Hals trage ich die Kette, die er mir damals geschenkt hat. Sie ist mit einem Herzen und mehreren Strasssteinen verziert. Oft habe ich versucht, sie in den Müll zu schmeißen, aber ich konnte es einfach nicht.

Als ich den Treppenabsatz erreiche, höre ich die Stimmen von Mike und Sean. Um die beiden auf mich aufmerksam zu machen, gehe ich so laut es geht hinunter, bleibe jedoch schon nach wenigen Schritten wie vom Blitz getroffen stehen. Denn der Anblick von Sean verschlägt mir die Sprache.

Er trägt eine tief sitzende Jeans und ein Hemd, von dem die oberen Knöpfe offenstehen. Es spannt sich um seine Arme und seine Brust und sorgt so dafür, dass mein Blick an seinen Muskeln hängen bleibt. Damals hatte er schon viele, aber in den letzten Monaten ist er eindeutig noch kräftiger geworden. Als mir wieder einfällt, dass Mike neben uns steht, reiße ich mich schnell zusammen und höre auf ihn anzuglotzen.

„Hi, du siehst fantastisch aus“, begrüßt er mich, nachdem ich die unterste Treppenstufe erreicht habe.

In der nächsten Sekunde lehnt er sich zu mir und drückt einen sanften Kuss auf meine Wange. Meine Haut beginnt zu prickeln und mein Verstand setzt einen Augenblick aus. Innerlich verpasse ich mir selber einen Arschtritt, weil mein Körper immer noch so intensiv auf ihn reagiert.

„Danke“, erwidere ich, wobei meine Stimme etwas zu schrill klingt.

So nervös bin ich nicht einmal gewesen, als ich Sean kennengelernt habe.

Beruhige dich, Lindsay!, ermahne ich mich selber, obwohl mir klar ist, dass dies nichts bringen wird.

„Wir müssen unbedingt wieder zusammen trainieren“, wendet sich Mike an Sean, der von der Idee begeistert zu sein scheint.

Erleichtert darüber, dass mein Bruder für etwas Ablenkung sorgt, atme ich tief durch.

„Auf jeden Fall“, meint Sean.

Kurz blicke ich zwischen den beiden hin und her, entscheide mich aber dazu, nichts zu sagen.

„Wollen wir?“, wendet sich Sean nun an mich und zieht so meine Aufmerksamkeit wieder auf sich.

„Von mir aus können wir los.“

Kaum habe ich ausgesprochen, greift er nach meiner Hand. Eine Art elektrischer Schlag durchfährt mich an der Stelle, an der seine Haut meine berührt. Als ich einen Blick in sein Gesicht wage, erkenne ich, dass er meine Reaktion bemerkt hat, denn ein leichtes Lächeln legt sich auf seine Lippen.

Damit sieht er so süß aus, dass ich mich zusammenreißen muss, um ihm nicht um den Hals zu fallen. Zum ersten Mal an diesem Tag habe ich das Gefühl, dass die kommenden Stunden doch nicht so schlimm werden könnten, wie ich befürchtet habe. Erst das Räuspern von Mike reißt mich aus meinen Träumereien.

„Viel Spaß“, flüstert er mir ins Ohr und nickt Sean zu.

Da ich nicht weiß, was ich sagen soll, verlassen Sean und ich das Haus, ohne ein weiteres Wort zu verlieren. Kaum sind wir durch die Tür getreten, kann ich endlich befreiter atmen. Ich habe das Gefühl, als wäre eine große Last von meinen Schultern gewichen, obwohl dies noch der leichtere Teil war.

Dieser Abend verspricht interessant zu werden.

3

„Wo fahren wir hin?“, frage ich Sean, nachdem er sich in den Verkehr eingegliedert hat und den BMW durch die Straßen lenkt.

Es ist der gleiche Wagen, den er schon auf der Highschool gefahren ist. Allerdings habe ich bereits auf den ersten Blick gesehen, dass er ein paar Dinge hat machen lassen. Die Stoßstange ist nicht mehr eingedrückt und die Beifahrerseite nicht mehr zerbeult. Das war passiert, als ihm einer in die Seite gefahren war. Er hatte es damals so belassen, da die Versicherung Stress gemacht hat und er sich die Kosten sparen wollte.

„Es ist schon ein paar Jahre her, seitdem ich das letzte Mal in Las Vegas war, deswegen musste ich erst meine Eltern fragen. Ich hoffe, ich finde das Restaurant auf Anhieb.“

„Deine Eltern wohnen noch hier?“, hake ich interessiert nach.

„Ich glaube, sie werden in den nächsten Jahren ebenfalls die Stadt verlassen. Sobald meine Schwester diesen Schleimer geheiratet hat, hält sie hier auch nichts mehr.“

Bei der Erwähnung von Cole zucke ich kurz zusammen.

Weiß Sean, dass ich mit diesem Schleimer zusammen war?

Ich habe keine Ahnung, aber falls dies nicht der Fall sein sollte, muss ich es ihm früher oder später sagen. Allein der Gedanke daran, dass ich ihm unsere frühere Beziehung enthüllen muss, sorgt dafür, dass sich mir der Magen umdreht. Es fühlt sich an, als hätte ich ihn betrogen, dabei waren wir doch gar nicht zusammen.

„Aber über Cole brauche ich dir ja nichts zu erzählen. Du kennst ihn ja zur Genüge.“

Kurz schaut Sean zu mir rüber. Bei seinen Worten geht mein Mund wie von alleine auf, um etwas zu erwidern. Allerdings habe ich keine Ahnung, was ich sagen soll. Deswegen schließe ich ihn schnell wieder und hoffe, dass er es nicht bemerkt hat.

„Du weißt, dass wir zusammen waren?“, frage ich ihn, obwohl die Frage überflüssig ist.

„Sicher“, sagt er mit einer Selbstverständlichkeit in der Stimme, dass ich mir vorkomme, als wäre ich ein kleines Kind.

„Wie lange ging eure Beziehung?“, fragt er mich nun.

„Ach? Das weißt du nicht?“

„Mike hat es nicht so mit Zahlen“, erklärt er mir.

„Etwas über ein Jahr“, flüstere ich, da die Beziehung zu Cole in diesem Moment das Letzte ist, an das ich denken will.

In vielerlei Hinsicht war es falsch, mich mit ihm einzulassen. Leider wollte ich nicht auf Mike hören, der mich mehr als einmal gewarnt hat, und habe deswegen viel zu spät begriffen, wie Cole wirklich ist.

Sean scheint zu spüren, dass meine Laune sich rapide verschlechtert. Er greift über die Mittelkonsole hinweg und nimmt meine Hand zärtlich in seine.

Sofort kommt wieder das gleiche vertraute Gefühl zum Vorschein, das er schon vor Jahren in mir wachgerufen hat. Um mich abzulenken, konzentriere ich mich wieder auf die Straße.

Es dauert eine Weile, aber schließlich halten wir auf einem Parkplatz, der zwischen zwei großen Häusern liegt.

Sean sagt kein Wort, als er den Motor abstellt und aussteigt. Ich beobachte ihn dabei, wie er mit geschmeidigen Bewegungen den Wagen umrundet und schließlich vor meiner Tür stehen bleibt, um sie zu öffnen. Er schaut mich etwas unsicher an, als er mir seine Hand reicht. Auch wenn ich dieses Verhalten schon immer lächerlich gefunden habe, muss ich zugeben, dass ich die bei ihm unerwartete Höflichkeitsgeste genieße. Langsam greife ich nach seiner Hand und verschränke meine Finger mit seinen.

Ein hoffnungsvoller Ausdruck erscheint auf seinem Gesicht, der auch in mir Hoffnung weckt. Aber ich lasse es mir nicht anmerken. Immer wieder rufe ich mir in Erinnerung, wieso ich mich von ihm getrennt habe. Er wohnt in einer anderen Stadt, und alleine deswegen wird es zwischen uns nicht funktionieren.

Kaum bin ich mit beiden Füßen auf dem Boden, stellt er sich so dicht vor mich, dass ich spüren kann, wie seine Brust sich bei jedem Atemzug hebt und senkt.

„Vergiss den Idioten“, flüstert er dicht an meinem Ohr.

Sein heißer Atem streift es und sorgt dafür, dass ich eine Gänsehaut bekomme. Dem zufriedenen Lächeln, das sich auf seinem Gesicht ausbreitet, entnehme ich, dass er meine Reaktion auf ihn durchaus bemerkt hat.

„Ich habe überhaupt nicht an ihn gedacht.“

Sean sagt nichts, sondern legt seinen Arm um meine Hüfte und führt mich in das Restaurant.

„Meine Mutter meint, dass es hier das beste Steak in der ganzen Stadt gibt. Sollte es also nicht schmecken, bin ich nicht schuld daran.“

Er zwinkert mir kurz zu und rückt mir etwas unbeholfen den Stuhl zurecht, damit ich mich setzen kann.

Ich lasse meinen Blick durch das Lokal wandern und bewundere die Einrichtung, die an den Wilden Westen erinnert. An den Wänden hängen alte Sättel und Schwarz-Weiß-Bilder von Cowboys, die Lassos werfen, um Rinder einzufangen. Auch die Stühle und Tischen sehen so aus, wie ich sie mir in einem richtigen Saloon vorstelle.

Vor meinem inneren Auge erscheint ein Bild von Sean, wie er damals war. Er war ein echter Bad Boy, der mit allen Ärger hatte und sich von niemandem etwas sagen ließ. Nicht einmal von mir.

Wie ich nun aber feststellen muss, hat er sich in den letzten Jahren verändert. Wobei ich mir aber sicher bin, dass dieser Charakterzug nicht ganz verschwunden ist.

„Hast du jedes Mädchen, mit dem du zusammen warst, zum Essen ausgeführt?“, frage ich ihn kokett, um die Stimmung etwas zu heben.

„Nach dir war ich mit keiner Frau mehr zusammen. Das war mein Ernst.“

Die Mischung aus seiner Antwort und seinem Blick sorgt dafür, dass die Schmetterlinge in meinem Bauch noch wilder durcheinander flattern.

Ich lasse meinen Blick über seinen Körper schweifen, da ich das, was er sagt, kaum glauben kann. Sein Aussehen muss die Frauen doch magisch anziehen.

„Was kann ich Ihnen bringen?“

Dankbar für die Unterbrechung lächle ich die Kellnerin an. Das verschafft mir die Möglichkeit, meine Hormone wieder in den Griff zu bekommen.

„Ich nehme ein Wasser“, antworte ich ihr.

„Das Gleiche, außerdem zweimal das Steakmenü.“

Höflich nickt sie und verschwindet wieder von unserem Tisch.

„Es ist wunderbar, dass du dich wieder besser mit deinen Eltern verstehst“, beginne ich, da ich die Stille zwischen uns nicht mehr ertrage.

Auch wenn ich es mir seit unserer Trennung nie eingestanden habe, merke ich jetzt, wie sehr ich seine tiefe Stimme vermisst habe.

„Das finde ich auch. Wäre ich hiergeblieben, wäre es wohl nicht so gekommen.“

„Wie läuft es denn in Fresno?“

„Das Studium ist einfach und macht Spaß.“ Sean zuckt mit den Schultern. „Und wie läuft es bei dir?“

„Ich studiere Informatik. Eigentlich wollte ich gar nicht aufs College gehen, aber mein Vater und meine Stiefmutter haben mich so lange bearbeitet, bis ich zugestimmt habe. Deswegen wohne ich auch noch bei ihnen.“

„Wieso wolltest du denn nicht?“

„Ich hätte lieber eine Ausbildung gemacht, damit ich Geld verdienen kann. Ich will die Welt sehen, da ist es nicht sehr hilfreich, wenn man studiert.“

So oft habe ich den Leuten schon zu erklären versucht, wieso ich dazu keine Lust habe. Aber bis jetzt hat es noch keiner verstanden.

„Das wolltest du damals schon“, entgegnet Sean. „Hast du mittlerweile mal etwas von deiner leiblichen Mutter gehört?“

Als er meine Erzeugerin erwähnt, zucke ich unbewusst zusammen. Auf sie war ich noch nie gut zu sprechen.

„Wir wissen nicht, wo sie ist oder ob sie eine neue Familie hat. Aber das ist mir auch egal. Dad ist glücklich in seiner zweiten Ehe. Marianne ist wie eine echte Mutter für mich. Sie hat so viel von meinem Leben mitbekommen, dass ich sie schon seit Jahren als Mutter ansehe. Und genauso hat sie Mike und mich auch von Anfang an behandelt.“

„Ich erinnere mich noch sehr gut an ihre Pfannkuchen.“

Sean wackelt mit den Augenbrauen, was mich zum Lachen bringt. Immer wenn Marianne Pfannkuchen gemacht hat, haben wir uns alle versammelt und sind darüber hergefallen.

Während wir auf das Essen warten, unterhalten wir uns über belanglosere Dinge. Meine Sucht nach dem dunkleren Klang seiner Stimme ist wieder erwacht. Ich liebe das Gefühl, das er damit in mir auslöst. Er lässt mich ruhiger und zugleich wilder werden. Niemals hätte ich gedacht, dass er immer noch dieselbe Wirkung auf mich haben würde, sobald wir uns wiedersehen, aber es ist so.

Als die Kellnerin das Essen serviert, läuft mir von dem köstlichen Duft das Wasser im Mund zusammen. Erst jetzt merke ich, dass ich seit meinem Frühstück mit Joleen nichts mehr gegessen habe, da ich die ganze Zeit viel zu aufgeregt war.

„Ich hoffe, dass es dir schmeckt“, bemerkt Sean nach einem erwartungsvollen Blick auf seinen Teller.

Nachdem ich einen Bissen probiert habe, nicke ich begeistert.

„Deine Mutter hat einen guten Geschmack“, erkläre ich ihm.

Zufrieden grinst er mich an und probiert ebenfalls ein Stück. Während wir essen, sagen wir kaum etwas. Mein Kopf ist immer noch dabei zu verarbeiten, wie hier überhaupt passiert, sodass ich froh darüber bin, keine Unterhaltung führen zu müssen.

Allerdings spüre ich immer wieder seinen Blick auf mir. Doch sobald ich ihn ansehe, wendet er sich ab und schaut auf seinen Teller und das leckere Essen, das vor ihm steht.

„Wollen wir ein wenig spazieren gehen?“, fragt er mich, als wir um zehn Uhr das Restaurant verlassen.

„Sicher“, antworte ich, ohne darüber nachzudenken, da diesen Abend nur ungern schon so früh enden lassen will.

Ich genieße es, wieder Zeit mit ihm zu verbringen, obwohl mir klar ist, dass dies gefährlich ist. Viel zu lange habe ich dafür gebraucht, um die Trennung verarbeiten zu können, falls ich es überhaupt jemals geschafft habe. Denn wie ich jetzt merke, fühle ich mich nur bei ihm frei und sicher.

Sean nimmt meine Hand in seine und verschränkt seine Finger mit meinen. Nur mit Mühe gelingt es mir, das Zittern zu unterdrücken, welches meinen Körper zu erschüttern droht.

Wir schlagen die Richtung zum Strip ein, wo gerade viele Shows für die Touristen aufgeführt werden. Alles leuchtet in den buntesten Farben und Schilder blinken immer wieder auf, um auf die verschiedenen Glücksspiele aufmerksam zu machen. Vor dem Paris in Las Vegas bleiben wir stehen. Da sich von allen Seiten Menschen an uns vorbeidrängen, schiebt Sean mich vor sich und legt seine Arme so um mich, dass er sie vor meinem Bauch kreuzen kann. Mein Körper wird von Wärme durchflutet. Ich vergesse alles um uns herum und lasse mich in seine Arme sinken.

Obwohl ich mich immer wieder ermahne, dass ich vorsichtig sein muss, kann ich nicht leugnen, dass dies der erste Moment seit Monaten ist, in dem ich wirklich entspannt bin.

Eine Weile stehen wir so da und betrachten den kleinen Eiffelturm. Als Sean sich ein wenig von mir löst, durchfährt mich ein Gefühl von Kälte, obwohl es warm ist.

„Komm, lass uns reingehen.“

Er legt seinen Arm um mich und führt mich in das riesige Hotel.

Obwohl ich schon ein paar Mal im Inneren des riesigen Gebäudes war, habe ich es noch nie so wahrgenommen, wie in diesem Moment. Es ist geradezu magisch. Eine kleine Stadt wurde hier nachgebaut, in der romantische Musik spielt. Es gibt sogar Gondeln, die auf einem künstlich angelegten Kanal fahren.

„Setz dich dorthin“, flüstert er in mein Ohr und zeigt dabei auf einen kleinen Tisch, der in unserer Nähe steht. „Ich bin gleich wieder da.“

Sean wartet meine Antwort nicht ab, sondern dreht sich einfach um und verschwindet in einem der Häuser, die um uns herum aufgereiht sind.

Während ich auf ihn warte, betrachte ich die Menschen, die um mich herumwuseln. Sie sprechen verschiedene Sprachen, aber an ihren Gesten und der Tonlage ihrer Stimmen erkenne ich, dass sie von alldem begeistert sind. Und genauso geht es mir auch.

Wie kann man das in dieser Stadt auch nicht sein? Vor allem, wenn der Mann bei einem ist, den man in den letzten Jahren nicht vergessen konnte?

Es dauert ein wenig, bis er wieder auf der Bildfläche erscheint und zwei große Becher Eis in der Hand hält.

„Was würde wohl deine Schwester dazu sagen, wenn sie wüsste, dass du den Abend mit mir verbringst?“, frage ich ihn leise, als er sich auf den Stuhl setzt, der mir gegenüber steht.

Ich habe keine Ahnung, wieso ich diese Worte ausgerechnet jetzt ausspreche. Aber die geistern mir schon eine Weile im Kopf herum.

Heather ist wahrlich kein Fan von mir. Und das zeigt mir auch offen. Ich kann mir vorstellen, dass sie ihm das Leben schwer machen würde, wenn sie es wüsste.

„Das ist mir egal. Sie wusste auch damals nichts von uns, und wenn es nach mir geht, werde ich es auch dieses Mal vor ihr verheimlichen.“

Sean lässt mich keine Sekunde aus den Augen. Seine Worte erwärmen mein Herz, trotzdem komme ich nicht drum herum, ihn mit großen Augen anzusehen.

„Dieses Mal?“

Meine Stimme ist schrill, aber das ist mir egal. Ich konzentriere mich auf ihn und beachte meine Umgebung nicht mehr. Sollen alle anderen doch denken, was sie wollen, diese Unterhaltung ist zu wichtig.

„Weißt du noch, was ich dir damals gesagt habe?“

Ich bin sprachlos. Zu diesem Zeitpunkt hatte ich keine Ahnung, dass er dies wirklich ernst meint, obwohl ich es gehofft habe. Daher nicke ich nur.

„Das war mein Ernst. Auf diese Chance habe ich gewartet. Noch einmal werde ich dich nicht gehen lassen.“

Mit leicht geöffnetem Mund sitze ich da und starre ihn an. Ich weiß nicht, was ich sagen soll oder ob ich überhaupt etwas von mir geben soll. Nur langsam kommt die Bedeutung seiner Worte bei mir an und sorgt dafür, dass mein Herz für einen kurzen Moment aufhört zu schlagen.

„Ich habe es jeden einzelnen Tag bereut, dass ich dich habe gehen lassen. Das wird mir kein zweites Mal passieren.“

Ganz automatisch nicke ich, da ich immer noch keinen Ton herausbekomme. Aber mir ist klar, dass ich ihm gerade das Einverständnis gegeben habe, dass er um mich, uns, kämpfen darf.

In der Nähe wird leise Musik gespielt, auf die ich mich allerdings nicht konzentrieren kann, da meine Gedanken sich nur um Sean drehen. Jetzt, wo er mir dies mitgeteilt hat, sieht er plötzlich viel glücklicher und geradezu erleichtert aus. Wir lachen beide und haben Spaß miteinander. All das trägt dazu bei, dass dies der schönste Abend ist, den ich je mit einem Mann verbracht habe.

Aber leider geht er viel zu schnell vorbei.

„Ich sollte dich nun nach Hause bringen“, raunt er mir zu, nachdem er meine Hand wieder in seine genommen hat.

Ich hingegen werfe einen prüfenden Blick auf die Uhr und stelle fest, dass es nur noch eine halbe Stunde dauert, bis es Mitternacht ist.

Ehe ich mich versehe passiert das, was ich mir in den letzten Stunden so sehr gewünscht habe.

Sean drückt seine Lippen sanft auf meine. Tausend kleine Explosionen werden dadurch in meinem Inneren ausgelöst. Ohne dass ich darüber nachdenke, legen sich meine Hände an seine Brust. Unter meinen Fingern spüre ich, wie sein Herz schnell und kräftig schlägt.

Noch bevor dieser Kuss beendet ist, weiß ich schon, dass ich ihn niemals vergessen werde. Egal, wie das hier ausgehen wird, dieser magische Moment wird für immer in meinem Gedächtnis bleiben. Es wird in mich eingebrannt sein, wie wundervoll es sich angefühlt hat, wieder mit diesem Mann vereint zu sein.

Sean rückt ein wenig von mir ab und schaut mir in die Augen.

„Das wollte ich schon machen, als du heute Morgen in mich hineingelaufen bist.“

Ich sehe ihm an, dass er versucht, das kleine Grinsen zu stoppen, welches sich auf seinem Gesicht ausbreitet.

Ich lege meine Hand zärtlich an seine Wange und streiche über den rauen Bartansatz. Dabei betrachte ich ihn liebevoll.

„Danke“, flüstere ich schließlich.

„Wofür?“

„Für alles.“

4

„Wie war es gestern mit deinem Ex?“, ertönt die Stimme meiner besten Freundin durch das Telefon, als sie mich am nächsten Morgen anruft.

Am liebsten hätte ich das Handy gegen die Wand gedonnert, da es viel zu früh ist und ich noch geschlafen habe, aber ich bin mir sicher, dass sie in diesem Fall nur noch mal auf dem Haustelefon angerufen hätte. Joleen platzt nämlich schier vor Neugierde.

„Ich habe keine Ahnung, ob ich ihn noch immer so nennen kann“, flüstere ich und hoffe dabei absurderweise, dass sie es nicht verstanden hat. Aber an der Art, wie sie die Luft einzieht, merke ich sofort, dass jedes einzelne Wort genau bei ihr angekommen ist.

„Hör auf, es so spannend zu machen. Erzähl endlich, was geschehen ist.“

Nachdem ich einmal tief durchgeatmet habe, berichte ich ihr von dem Abend mit Sean, wobei ich den Kopf allerdings auslasse.

„Warum ist er ausgerechnet der Bruder von Heather?“, stöhne ich und lasse meinen Kopf nach hinten in die Kissen fallen.

„Und? Das hat ihn doch auch damals nicht davon abgehalten, sich in dich zu verlieben“, kontert Joleen.

„Aber da war die Situation noch eine andere. Mittlerweile hat er sich wieder mit seinen Eltern versöhnt. Die beiden haben auch ein sehr gutes Verhältnis zu Heather. Ich will einfach nicht riskieren, dass er wieder damit anfängt, mit beiden zu streiten.“

„Du suchst nur nach einem Grund, um ihm aus dem Weg zu gehen“, stellt meine Freundin klar.

Innerlich gebe ich ihr recht. Sosehr ich die Zeit mit ihm auch genossen habe, sie hat mir auch Angst gemacht. Angst vor dem, was passiert, wenn Heather davon Wind bekommt und es doch nicht zwischen uns klappt.

Er würde nach Fresno zurückgehen und Heather hätte einen weiteren grund, mir das Leben schwer zu machen.

„Hat er dich geküsst?“

Bei der Erinnerung an den Kuss bekomme ich sofort Sehnsucht nach ihm. Als er mich zu Hause abgesetzt hat, hat er mich noch einmal geküsst und mir versprochen, dass er sich heute melden wird. Das trägt auch nicht gerade zu meiner inneren Ruhe bei.

„Ich deute dein Schweigen mal als Ja“, dringt nun wieder ihre Stimme durch die Leitung.

„Er studiert in Fresno.“

„Nimm meinen Rat an und habe etwas Spaß. Er scheint dich vermisst zu haben, sonst würde er sich nicht mit dir treffen wollen. Wer weiß, vielleicht klappt es ja dieses Mal. Du kannst es auf jeden Fall nicht wissen, wenn du das Risiko nicht eingehst.“

Kurz lasse ich mir ihre Worte durch den Kopf gehen und komme zu dem Schluss, dass sie recht hat.

Ich werde uns diese Chance geben und es genießen, solange es geht.

„Wann siehst du ihn wieder?“, fragt sie weiter.

„Er will sich heute melden.“

Joleen quietscht begeistert, sodass ich mir das Telefon ein Stück vom Ohr weghalte. Nur zu gut kann ich mir vorstellen, was für ein begeistertes Gesicht sie macht.

Eine Weile sagt keiner von uns etwas. Gestern ging alles so schnell zwischen Sean und mir, dass ich es erst mal verarbeiten muss. Wenn dieser Mann in meiner Nähe ist, bekomme ich keinen anständigen Gedanken mehr auf die Reihe. So ging es mir früher auch schon und wie sich herausgestellt hat, hat sich dies nicht geändert.

„Na gut, Süße. Sei mir nicht böse, aber ich muss mich jetzt an die Arbeit machen“, erklärt Joleen irgendwann und reißt mich so aus meinen Gedanken.

„Dabei hast du mich doch geweckt.“

„Ich war halt neugierig.“

Vor meinem inneren Auge sehe ich, wie sie gleichgültig mit den Schultern zuckt.

„Ist gut, danke fürs Zuhören“, sagte ich noch und lege auf.

Seufzend lasse ich das Handy aufs Bett fallen und stehe auf. Barfuß gehe ich auf die Zimmertür zu und öffne sie leise. Kaum habe ich einen Schritt auf den Flur gemacht, höre ich meinen Vater und Marianne unten sprechen.

Irgendwann hatte ich meine Stiefmutter mal gefragt, wieso sie mehr oder weniger mitten in der Nacht schon aufsteht. Denn sie hat eigentlich viel spätere Arbeitszeiten als mein Vater. Marianne hatte geantwortet, dass mein Vater so viel unterwegs ist. Würde sie nicht so früh aufstehen, würde sie ihn manchmal tagelang nicht sehen.

So eine Beziehung wünsche ich mir auch. Sie unterstützen sich gegenseitig und sind immer füreinander da, wenn es mal schwierig wird.

Leise betrete ich die Küche. Die beiden sitzen am Tisch und schauen von ihren Computern beziehungsweise Handys hoch.

„Guten Morgen, Liebling!“, begrüßt mich mein Vater und gibt mir einen Kuss auf die Stirn.

Das macht er schon, seitdem ich ein kleines Baby war. Aber ich beschwere mich nicht darüber. Auf verquere Art und Weise finde ich dies süß.

„Morgen!“, erwidere ich und verkneife mir ein Gähnen.

Dankbar nehme ich die Tasse Kaffee entgegen, die Marianne mir reicht.

„Wieso bist du schon wach?“, fragt sie mich, nachdem sie einen prüfenden Blick auf mich geworfen hat.

„Joleen hat mich aus dem Bett geklingelt, und nun kann ich nicht mehr schlafen“, flüstere ich in meine Tasse hinein und hoffe, dass das Thema damit abgehakt ist.

Meinem Vater scheint die Antwort auch zu genügen, aber als ich kurz zu meiner Stiefmutter sehe, erkenne ich, dass sie mich genau beobachtet. Schnell wende ich die Augen wieder ab und konzentriere mich auf meinen Kaffee.

„Sehen wir uns heute Abend zum Essen?“, erkundigt sich nun mein Vater.

„Ich weiß es noch nicht.“

In Gedanken füge ich hinzu, dass es davon abhängt, ob Sean sich bei mir meldet oder nicht. Aber ich bin schlau genug, es ihm nicht zu sagen. Für mich reicht es, dass Mike darüber Bescheid weiß.

„Es würde mich freuen, wenn ich mal wieder Zeit mit meiner ganzen Familie verbringen könnte.“

Mein Dad zieht eine Schmolllippe, die Marianne und mich zum Lachen bringt.

„Wir werden sehen, was die Kinder heute Abend vorhaben“, erklärt sie und grinst mich dabei an.

„Solange sie noch nicht aus dem Haus sind, würde ich es gerne ausnutzen.“

Er schmollt noch immer ein bisschen, aber nun sagt keiner von uns mehr etwas dazu. Ein paar Minuten später verabschiedet er sich und verschwindet durch die Hintertür.

„Erzähl“, fordert Marianne mich auf und setzt sich mir gegenüber an den Tisch.

„Was meinst du?“

„Ich habe mitbekommen, dass du gestern von einem Mann abgeholt wurdest. Und ich habe gesehen, dass es sich hierbei um Sean handelt.“ Mehr sagt sie nicht, sondern schaut mich herausfordernd an.

„Da gibt es nichts zu erzählen“, weiche ich ihr aus.

„Du weißt, dass du immer mit mir reden kannst.“

„Ich weiß, aber da gibt es nichts, worüber wir reden können.“

Das ist eine glatte Lüge, aber ich will gerade nicht darüber sprechen, sondern mich auf etwas anderes konzentrieren, als auf diesen Mann und das, was er mit mir macht.

Kurz betrachtet sie mich noch, als würde sie so die Wahrheit herausfinden wollen. Ohne ein weiteres Wort zu verlieren, steht sie schließlich auf und verlässt die Küche.

Erleichtert atme ich tief durch.

Ich liebe Marianne als meine Mutter und akzeptiere sie, aber das ist etwas, was ich alleine mit mir ausmachen muss.

Es ist früh am Morgen. Da Sean sicherlich noch schläft, beschließe ich, dass ich eine Runde joggen gehe. Immer zwei Stufen auf einmal nehmend, renne ich in mein Zimmer, werfe einen prüfenden Blick auf mein Telefon und ziehe mich um.

Von Sean ist noch keine Nachricht eingegangen, was mich aber auch nicht wundert. Er hat schon früher gerne morgens länger geschlafen. Also mache ich mich auf den Weg. Ich laufe durch unser Wohngebiet und schlage den Weg zu dem künstlich angelegten See ein, der sich ein paar Straßen weiter befindet.

Da ich mein Handy nicht dabei habe, frage ich mich mehr als einmal, ob er mir schon geschrieben hat und auf eine Antwort wartet.

Als ich wieder nach Hause komme, stelle ich erschöpft fest, dass es bereits neun Uhr ist und ich somit über eine Stunde unterwegs war. Ich habe gar nicht gemerkt, wie schnell die Zeit vergangen ist. Ich stelle mich unter die Dusche und lasse das heiße Wasser auf meine Haut prasseln. Es löst die Verspannungen meiner Muskeln und sorgt dafür, dass ich wieder befreiter atmen kann.

Nachdem ich mir meine Haare gewaschen habe, trockne ich mich ab und wickle mir das große Handtuch um den Körper. Schnell husche ich in mein Zimmer und ziehe mir Unterwäsche, eine Shorts und ein Top an.

Erst, als ich mit allem fertig bin, lasse ich mich auf mein Bett sinken und greife nach meinem Handy. Es zeigt mir eine einzige eingegangene Nachricht an. Mit klopfendem Herzen öffne ich sie und sehe, dass sie tatsächlich von Sean ist.

Ich habe den Abend mit dir sehr genossen und würde mich freuen, wenn du auch heute Zeit für mich hättest.

Beim Anblick dieser Worte ist meine innere Ruhe sofort wieder verschwunden. Dieser Mann raubt mir den Atem, egal ob er gerade meine Hand hält oder nicht.

Du hast Glück, heute habe ich frei. Hast du etwas Bestimmtes geplant?

Ungeduldig warte ich die nächsten Minuten. Gerade, als ich denke, dass er sich nicht mehr melden wird, vibriert das Telefon in meiner Hand.

Ich dachte schon, du willst mich nicht mehr sehen.

Bei seinen Worten kann ich mir ein kleines Grinsen nicht verkneifen.

Ich war joggen und habe mein Handy zu Hause gelassen.

Das nächste Mal laufen wir zusammen. Aber um deine Frage zu beantworten, das habe ich. Zieh dir etwas Bequemes an, ich hole dich in einer Stunde ab.

Das Bild seines verschwitzten nackten Oberkörpers erscheint vor meinem inneren Auge und lässt mich keuchend zurücksinken. Das ist das Letzte, woran ich gerade denken will.

Die Zeit, bis er auftaucht, will einfach nicht vergehen. Unruhig drehe ich meine Runden im Wohnzimmer und warte darauf, dass ich seinen Wagen in der Einfahrt entdecke. Aber stattdessen höre ich nur das Schlurfen meines Bruders, als er die Treppe herunterkommt.

„Worauf wartest du denn so gespannt?“, fragt er mich und lässt sich auf das Sofa fallen.

„Sean holt mich gleich ab“, verkünde ich leise und schaue dabei zum tausendsten Mal auf die Uhr.

Aber immer noch habe ich endlose qualvolle Minuten an Wartezeit vor mir.

„Das Date scheint ja ein voller Erfolg gewesen zu sein.“ Mike zwinkert mir zu.

„Und ich war sogar vor Mitternacht zu Hause“, gebe ich in einem gereizten Ton von mir, während ich die Augen verdrehe.

Lachend lässt er sich noch tiefer in das mit Leder überzogene Sofa sinken und fährt sich dabei mit den Fingern durch die Haare.

„Und was habt ihr Turteltäubchen heute vor?“

„Wir sind keine Turteltäubchen“, gebe ich erbost zurück und schaue meinen Bruder finster an.

„Nein? Hört sich für mich aber danach an. Dann verrate mir doch, was ihr sonst seid.“

„Wir verbringen einfach etwas Zeit miteinander, bevor er wieder nach Fresno geht.“

Ich versuche so viel Bestimmtheit wie möglich in meine Stimme zu legen, bin mir aber nicht sicher, ob mir dies wirklich gelingt.

„Und wieso bist du so aufgeregt?“

Mit dieser Frage hat er mich eiskalt erwischt, und das weiß er auch, wir mir ein zufriedener Gesichtsausdruck zeigt.

„Da ist nichts Schlimmes dabei. Ich will nur, dass du vorsichtig bist, egal ob Es-Freund oder nicht. Typen wie er oder ich haben einen gewissen Ruf. Und in den meisten Fällen tun wir alles, um ihm gerecht zu werden.“

„Und in welchen tut ihr dies nicht?“, erkundige ich mich, da mich die Antwort interessiert.

Doch Mike kommt nicht mehr dazu zu reagieren, da es in diesem Augenblick klingelt.

„Unsere Unterhaltung ist noch nicht beendet“, verkünde ich und haste zur Tür, um sie zu öffnen.

Kaum erblicke ich Sean, breitet sich ein strahlendes Lächeln auf seinem Gesicht aus. Wie auf Kommando fangen meine Nerven an verrückt zu spielen.

„Hi, meine Hübsche“, raunt er in mein Ohr.

Seine Stimme sorgt dafür, dass meine Lippen zu kribbeln beginne. Aber er gibt mir nur einen keuschen Kuss auf die Wange. In letzter Sekunde kann ich es verhindern, dass er die Enttäuschung sieht, die gerade in mir aufsteigt.

„Hi“, erwidere ich nur und mache Platz, damit er hereinkommen kann. Aber Sean macht keine Anstalten, das Haus zu betreten.

„Wir müssen gleich weiter, sonst kommen wir zu spät.“

„Wohin geht es denn?“, fragt Mike, der hinter mir erscheint.

„Das ist eine Überraschung.“

Da ich mich noch gut daran erinnern kann, dass er nicht verraten wird, wenn er das nicht will, greife ich ohne einen weiteren Kommentar nach meiner Tasche, die ich vorher auf den Tisch neben der Haustür gestellt habe.

„Ich wünsche euch viel Spaß. Pass gut auf meine Schwester auf!“

Mehr sagt Mike nicht, sondern dreht sich um und verschwindet wieder so schnell, wie er gekommen ist.

Sean reicht mir seine Hand, die ich nur zu gerne ergreife. Nachdem ich in den Wagen gestiegen bin, sehe ich Mike, der am Küchenfenster steht und uns beobachtet. Ich achte allerdings nicht weiter darauf, sondern konzentriere mich wieder auf Sean, der sich in diesem Moment hinter das Steuer setzt.

5

„Gibst du mir wenigstens einen Tipp?“, frage ich Sean, nachdem wir ein paar Minuten schweigend durch die Siedlung gefahren sind.

„Wir fahren zum Flughafen nach Boulder City.“

Überrascht drehe ich meinen Kopf zu ihm.

„Was?“, entfährt es mir.

Sean macht jedoch keine Anstalten, näher darauf einzugehen, was mich beinahe wahnsinnig werden lässt.

Als wir eine halbe Stunde später in Boulder City ankommen, schaue ich mich interessiert um. Ich bin noch nie hier gewesen. Es ist eine typische Kleinstadt, in der es ein paar süße Hotels und Diner gibt. Auf den Bürgersteigen spielen Kinder, und in den Parks sitzen Familien, die picknicken. Ein wenig erinnert es mich an ein paar Wohngebiete in Las Vegas. Nur, dass das hier kleiner ist.

Der Flughafen ist nicht so klein, wie ich ihn mir vorgestellt habe. Er besteht aus einem etwas größeren Gebäude und mehreren Hallen, in denen die kleinen Flugzeuge untergebracht sind. Das große rote Dach sticht mir sofort ins Auge, als Sean auf dem Parkplatz hält. Auf den ersten Blick erkenne ich ein paar Helikopter, die ebenfalls mit roter Farbe versehen wurden.

Er bedenkt mich mit einem vielsagenden Blick, ehe er die Tür aufstößt und aussteigt. Da wir uns hier mitten in der Wüste befinden, werde ich von warmer Luft empfangen, als ich ebenfalls den Wagen verlasse.

„Komm“, ruft Sean aufgeregt, während er mir seine Hand hinhält.

Mit großen Schritten überbrücke ich die Distanz zwischen uns und greife nach ihr. Seine Finger fahren zwischen meine. Diese Geste ist vertraut und innig. Es fühlt sich an, als hätten wir uns nie getrennt. Mein Kopf sagt mir, dass ich so etwas nicht fühlen darf, aber mein Herz tut es trotzdem.

Schnell rufe ich mir die Worte meines Bruders wieder ins Gedächtnis, dass Männer wie er einen Ruf haben. Wenigstens das verpasst mir einen Dämpfer, auch wenn ich es nur ein kleiner ist.

Sean hält auf eine der Hallen zu, in der sich die kleinen Flugzeuge befinden.

„Mr. Jordan? Ich bin Sean Cooper. Wir hatten heute Morgen telefoniert“, stellt er sich einem älteren Mann vor.

„Sicher, es ging um den Rundflug.“

Er lächelt uns freundlich an, während ich das Gefühl habe, mich verhört zu haben.

Mit großen Augen starre ich Sean an, der mich überhaupt nicht beachtet. Stattdessen hält er weiterhin meine Hand in seiner und unterhält sich mit dem Mann.

„Wir werden einen Rundflug über den Grand Canyon und den Hoover Damm machen“, flüstert er mir ins Ohr, als wir dem Mann zu einer der kleinen Maschinen folgen. „Nur wir zwei.“

Sein heißer Atem streift meinen Hals. In letzter Sekunde kann ich verhindern, dass ich leise stöhne.

„Das hättest du nicht machen müssen“, raune ich, als er mir beim Einsteigen hilft.

Sean erwidert nichts, sondern hilft mir in das Flugzeug zu steigen, wo ich mich auf den Platz am Fenster setze. Er lässt sich neben mich fallen, schnell sich an und legt seine rechte Hand auf mein Bein. Trotz des angenehmen Gefühls, das mich durchfährt, spüre ich, dass er zittert. Beruhigend lege ich meine Hand auf seine, aber es bringt nichts. Es fühlt sich eher so an, als würde meine Geste dies noch verstärken.

„Warum bist du so aufgeregt?“, erkundige ich mich.

Wieder sagt er nichts, sondern betrachtet mich nur. In der nächsten Sekunde beugt er sich zu mir und küsst mich. Die Zeit um uns herum scheint stillzustehen. Es gibt nur noch ihn und mich. Ich nehme nichts mehr wahr. Dieser Kuss ist voller Sehnsucht und Verlangen.

Leider ist er viel zu schnell vorbei. Sein Daumen streicht über mein Gesicht und bleibt schließlich auf meinen Lippen liegen. In meinem Kopf herrscht ein Chaos, welches von dem Gedanken beherrscht wird, dass ich ihn noch sehr viel öfter küssen möchte.

Während ich mich in seine Arme kuschle, seufze ich leise. In seiner Gegenwart fühle ich mich anders, als ich es von Cole kenne. Bei ihm war ich oft angespannt und wusste nicht, wie ich mich verhalten sollte. Wird er wütend, wenn wir bei seinen Eltern sitzen und ich mich an ihn lehne, oder nicht? Über solche Sachen habe ich mir andauernd Gedanken gemacht, obwohl das eigentlich normale Verhaltensweisen in einer Beziehung sind. Schon am Anfang habe ich immer wieder Vergleiche zu Sean gezogen. Doch je länger ich mit Cole zusammen war, umso mehr hatte ich das Gefühl, dass ich mir die enge Bindung zu Sean nur eingebildet habe. Für mich wurde das ständige Hinterfragen normal.

Aber der Mann an meiner Seite beweist mir gerade, dass die einstiege Vertrautheit nicht nur ein Traum gewesen ist. In seiner Gegenwart habe ich noch nie groß darüber nachgedacht, was ich machen soll, sondern einfach gefühlt, was richtig ist.

Genauso, wie es jetzt auch ist.

Als das Flugzeug startet, drückt er meine Hand. Ich schenke ihm noch ein kurzes Lächeln, bevor ich meinen Blick nach draußen richte. Wir steigen immer höher und höher. Es ist ein wundervolles Erlebnis, mit ihm alleine in dieser Maschine zu sitzen.

Der Ausblick ist wunderschön. Da ich in den letzten Jahren nicht sehr oft Urlaub gemacht habe, habe ich diesen Ort nur auf Bildern gesehen.

Allerdings ist es hier ganz anders, als ich es mir vorgestellt habe. Der Staudamm ist gigantisch. So groß habe ich ihn mir nicht vorgestellt. Ich bin mir sicher, dass man seine Größe vom Boden aus nicht annähernd richtig erfassen kann. Der Pilot fliegt ein wenig tiefer, sodass nun auch der See besser zur Geltung kommt.

Wie gebannt hänge ich am Fenster. Aber auch Sean scheint begeistert zu sein. Sein Kinn liegt auf meiner Schulter. Als ich kurz zu ihm schaue, erkenne ich, dass er bei dem Anblick, der sich uns bietet, ebenfalls leuchtende Augen bekommt.

Während der gesamten Stunde unterbricht er nicht einmal den Körperkontakt zwischen uns. Dafür nimmt er sogar in Kauf, dass er Umgebung nicht so gut betrachten kann. Seine Handfläche liegt auf meinem Bauch und streichelt zwischendurch über den dünnen Stoff meines Tops.

„Danke, es war wundervoll“, flüstere ich ihm ins Ohr und drücke ihm einen Kuss auf die Wange, bevor das Flugzeug in den Sinkflug geht.

„Es freut mich, dass es dir gefallen hat.“

Als wir wieder festen Boden unter den Füßen haben, bedankt sich Sean bei dem Piloten und wechselt noch ein paar Worte mit ihm.

Mit einem glücklichen Lächeln im Gesicht kommt er schließlich auf mich zu und führt mich zurück zu seinem Wagen.

„Wir sollten etwas essen“, verkündet Sean, nachdem mein Magen auf sich aufmerksam gemacht hat.

„Aber ich zahle.“

„Ich habe dich zu diesem Ausflug eingeladen, deswegen kommt das überhaupt nicht infrage“, widerspricht er mir sofort.

„Du hast mir diesen Flug ermöglicht“, gebe ich vorsichtig zu bedenken.

„Glaub mir, ich kann es mir leisten. Ich habe ein komplettes Stipendium für das College und arbeite in meiner Freizeit, von der ich jede Menge habe, als Personaltrainer im Fitnessstudio.“

Bei seinen Worten bekomme ich große Augen. Das wusste ich nicht. Aber wie hätte ich es auch wissen sollen, wenn er es mir nicht sagt?

„Ich habe dich hergebracht und deswegen werde ich mich auch um dich kümmern.“

Mehr sagt er nicht, sondern hält mir die Tür seines Wagens auf.

Die Vorstellung, dass er sich um mich kümmert, hat mir damals schon gefallen. Und auch jetzt trifft er damit den richtigen Nerv, um mich zum Schweigen zu bringen.

Während er sich einen Weg durch die Stadt sucht, hält er meine Hand fest in seiner.

Als Sean vor einem Diner hält, erwarte ich schon fast, dass er wieder aus dem Wagen springt. Doch das ist diesmal nicht der Fall. Seine Hand legt sich zärtlich um meinen Hals, als würde er etwas sagen wollen. Tut es aber nicht. Stattdessen drückt er seine Lippen langsam auf meine.

Als ich spüre, wie seine Zungenspitze über sie fährt, öffne ich meinen Mund. Dieses Mal kann ich es nicht verhindern, dass mir ein leises Stöhnen entfährt.

Nun bin ich diejenige, die ein Stück zurückweicht. Fragend schaut er mich an, doch ich schüttle nur den Kopf. Ich weiß ja selber nicht, wieso ich das getan habe, aber er hat es in dieser kurzen Zeit geschafft, wieder ans Licht zu holen, was fast vergessen war. Ohne Probleme macht er genau da weiter, wo wir aufgehört haben.

Sean scheint mich aber auch ohne Worte zu verstehen. Er geht nicht weiter auf mein Verhalten ein, als er aussteigt. Schnell folge ich seinem Beispiel. Hand in Hand betreten wir den Diner, wo wir uns einen Platz an der großen Glasfront suchen.

Im Inneren des kleinen Restaurants ist alles hell eingerichtet. Der Tresen, der sich gegenüber der Tür befindet, und die Tische, die überall im Raum verteilt sind, bestehen aus hellem Holz. Auch die Bänke, Stühle und Barhocker sind mit einem hellen Stoff bezogen. An den Wänden hängen bunte Bilder, die der Einrichtung ein wenig Farbe verleihen.

Kurz überlege ich, ob ich in so einem Laden arbeiten könnte. Dabei schleicht sich auch Sean in meine Gedanken. Würde er in einer Kleinstadt leben wollen?

„Lindsay?“, höre ich ihn meinen Namen nun rufen. „Ist alles in Ordnung? Du bist so ruhig.“

„Mir geht es bestens. Ich war nur in Gedanken“, erkläre ich schnell.

„Waren es schöne Gedanken?“

Bei seiner Frage hebe ich meinen Kopf und schaue ihm in die Augen.

„Jip“, antworte ich mit einem Grinsen im Gesicht.

„Kam ich auch darin vor?“

„Was wäre, wenn ich Ja sagen würde?“

Ich will es ihm ungern auf die Nase binden, ohne dass ich weiß, ob er es gut findet oder nicht.

„In dem Fall würdest du mich zum glücklichsten Mann auf dieser Welt machen.“

Seine ehrlichen Worte rauben mir den Verstand, sodass ich einen Moment brauche, bis ich wieder in der Lage bin weiterzusprechen.

„Sagen das nicht normalerweise Männer, die gerade erfahren haben, dass sie Vater werden, oder deren Freundin ihren Heiratsantrag angenommen hat?“

„Es kommt immer auf den Mann und die Vorgeschichte an. Also, ja oder nein?“

Während er spricht, beobachtet er mich aufmerksam. Ich winde mich unter seinem Blick. Am liebsten würde ich schreiend davon rennen, weil mir in diesem Moment alles zu viel ist. Aber ich bin mir sicher, dass er mich eingeholt hätte, noch bevor ich die Tür erreicht habe.

Mein nächster Gedanke ist, ihn anzulügen. Da ich allerdings keine Ahnung habe, ob ich wirklich so eine schlechte Schauspielerin bin, wie mein Bruder meint, lasse ich es sein. Also nicke ich einfach nur und beiße mir dabei auf die Lippe. Auf Seans Gesicht erscheint ein zufriedenes und glückliches Lächeln, welches mir zeigt, dass ich richtig gehandelt habe.

„Wie hast du Cole kennengelernt?“, fragt Sean, während er genüsslich von seinem Sandwich abbeißt, das die Kellnerin gerade vor ihm abgestellt hat.

„Am Anfang meines Studiums war ich auf einer Party und bin ihm dort über den Weg gelaufen. Danach haben wir uns ein paarmal getroffen und so hat das eine zum anderen geführt.“

Ich versuche so gleichgültig wie möglich zu klingen, damit er nicht die wahre Bedeutung hinter meinen Worten erkennt. Die Wahrheit ist nämlich, dass ich mich von ihm ablenken wollte, nachdem ich mehrmals kurz davor gewesen war, ihn Hals über Kopf in Fresno zu besuchen.

Als wir den Laden wieder verlassen, ist es bereits drei Uhr am Nachmittag.

„Lass uns noch einen Abstecher zum Sloan Canyon machen“, schlägt Sean vor, als wir an seinem Wagen ankommen.

Erfreut über den Vorschlag willige ich ein.

Erst, als er mich zu sich zieht und mir einen leichten Kuss auf die Nasenspitze drückt, merke ich, wie angespannt er in den letzten Sekunden war.

Hat er gedacht, dass ich so schnell wie möglich nach Hause und somit von ihm weg will?

Er betrachtet mich zufrieden, bevor er mich herumgreift und die Beifahrerseite öffnet.

Je mehr Zeit ich mit ihm verbringe, umso ruhiger werde ich wieder. Meine Nervosität von heute Morgen ist verschwunden und wir sind wieder das Paar, das wir einmal waren. Er bringt mich zum Lachen, während er die anderen Autofahrer imitiert, die sich aufregen, sobald er sie überholt.

Knapp eine Stunde später bleibt Sean neben dem Schild, welches uns zeigt, dass wir uns an unserem Ziel befinden, stehen.

„Wollen wir ein Bild von uns beiden machen?“

Obwohl es eine Frage war, wartet er meine Antwort nicht ab. Mit einem großen Satz springt er aus dem Auto und bedeutet mir, es ihm gleichzutun.

Sean stellt sich ein Stück neben das Schild und zieht mich vor sich, nachdem ich ihn erreicht habe. Als Nächstes hält er sein Handy ein Stück von uns entfernt. Er macht verschiedene Bilder, auf denen er mich auf die Wange küsst, wir Grimassen schneiden oder einfach lächeln. Auf dem letzten Foto drehe ich meinen Kopf in der Sekunde zu ihm, in der er mir noch einen Kuss auf die Wange geben will, sodass sich unsere Lippen treffen.

„Mein Lieblingsbild“, verkündet er stolz.

Ich spüre, wie mein Handy in der Hosentasche vibriert. Nachdem ich einen Blick darauf geworfen habe, stelle ich fest, dass er es mir geschickt hat.

Nachdem wir uns wieder in den Wagen gesetzt haben, steuer Sean auf einen kleinen Parkplatz zu. Dort angekommen zieht er eine Decke von der Rückbank und zwei Flaschen Wasser.

Gemeinsam spazieren wir durch die Wüstenlandschaft. Zwischendurch kommen uns ein paar Menschen entgegen, aber die meiste Zeit sind wir alleine. Es ist wunderschön hier. An ein paar Felsen erkennt man sogar alte indianische Malereien. Vor einer Felswand, in der sich ein Loch befindet, bleibe ich schließlich stehen, sodass Sean noch ein Bild von mir machen kann.

Gemeinsam klettern wir einen Berg hoch, von dem wir kilometerweit sehen können. Seufzend drehe ich mich einmal im Kreis. Als ich mich wieder Sean zuwende, erkenne ich, dass er die Decke auf dem Boden ausgebreitet hat. Er setzt sich darauf und zieht mich kurz danach zwischen seine Beine.

Nur zu gerne folge ich seinem stummen Befehl und lehne meinen Kopf gegen seine Schulter. Sein Geruch steigt mir in die Nase, und seine Wärme umhüllt meinen Körper.

„Ich hoffe, du hast den Tag genossen“, flüstert er dicht an meinem Ohr.

„Du kannst dir nicht vorstellen, wie sehr. Er war wundervoll.“

In diesem Moment passiert etwas zwischen uns. Die Atmosphäre zwischen uns ändert sich. Eine merkwürdige Ruhe überkommt uns beide, die ich noch nie zuvor gespürt habe. Ob dies etwas Gutes oder Schlechtes ist, kann ich nicht sagen. Ich weiß nur, dass es da ist.

Eine Ewigkeit sitzen wir eng umschlungen auf der Decke. Als der Sonnenuntergang einsetzt, verfolge ich ihn wie gebannt.

Dies war der schönste Tag seit Langem, und einen herrlicheren Abschluss hätte Sean gar nicht finden können.

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210 стр. 1 иллюстрация
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9783754184127
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