Читать книгу: «Angst ist keine Ausrede»

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Palmen und Hochhäuser wachsen gleichermaßen aus dem Boden in Downtown San Francisco. Die Stadt ist wuselig und voller Menschen, Bussen und Cable Cars.

Inhalt

Prolog

Triple A

Angst, Aufbruch, Abenteuer

Lost im Big Apple

New York City

Ganz schön sicher

Washington DC

Rauschen im Kopf

Niagarafälle

Regen und Blues

Chicago

Route 66

Illinois bis Oklahoma

Route 66

Oklahoma bis Arizona

Steine und Sterne

Nationalparks Arizona & Utah

Glitzer und Schatten

Los Angeles

Hippiepower

Highway 1 & San Francisco

Just do it!

Vallejo bis Salt Lake City

Weit weg und ganz nah

Yellowstone

Das Endgame

Zurück nach Chicago

Kurz und herzlich

Impressum


Die Golden Gate Bridge in San Francisco versteckt sich oft in Nebel, doch heute nicht. Irgendwie stand sie schon immer auf meiner Bucket List. Einmal über die Golden Gate Bridge laufen – wow!

Prolog

Als ich wach werde, stimmt irgendetwas nicht. Das Licht im fast leeren Flugzeug ist gedimmt. Die Maschine zittert und schwankt, als wäre Seegang. Allerdings befinde ich mich 11 000 Meter über der See. Zumindest hoffe ich das.

Dann sackt der Flieger ab, wir verlieren ruckartig an Höhe. Ich klammere mich sinnfrei an meine Armlehnen. Der Flieger driftet nach rechts, um gleich darauf wieder nach links gerissen zu werden. Das Plastik in der Kabine knarzt und zwischen einigen Bauteilen direkt über mir ziehen sich kleine Spalten auseinander und drücken sich kurz darauf wieder zusammen. Auf einmal klappen zwei Gepäckfächer auf. Drei Reihen vor mir schläft friedlich eine Frau. Ihre unbekümmerte Nachtruhe lässt mich kurz glauben, dass ich mich in einer alternativen Realität befinde, in der nur ich in einer Todesdrohne sitze, die gleich zehn Kilometer in die Tiefe donnert, während alle anderen davon nichts mitbekommen.

Ich blinzle in die Nacht und erkenne das rot blinkende Licht an der massiven Tragfläche, die im Wind zu flattern scheint wie Klopapier. Was, wenn ich jetzt sterbe? Nach allem, was passiert ist. Nichts würde bleiben von diesem Trip. Niemand würde dort unten im Atlantik meine Fotos und Reisetagebücher finden. Dann sitze ich einfach nur da und denke: Immerhin habe ich diese eine Sache gemacht, die ich in meinem Leben immer machen wollte, und die Person gefunden, die ich immer sein wollte. Und zwar genau so, wie ich es immer haben wollte: Bevor es zu spät ist.

Triple A
Angst, Aufbruch, Abenteuer



Eine lange Reise ist ein Lebenstraum, der Freude, aber auch Ängste auslöst. Vor dem Unbekannten. Ein ganz seltsamer Cocktail aus aufgeregter Erwartung und unwägbaren Überraschungen.

Wie ich mit dem Auto über den Atlantik fahren wollte und mir der Tod zu meinem Lebenstraum verhalf …

Es ist still am Kaffeetisch meines Opas und die goldene Uhr neben dem Rahmen mit den gestickten, knallroten Hagebutten tickt. Der perfekte Moment, um zu meinem Volk zu sprechen. »Ich fahre nach Amerika!«, erkläre ich meiner Familie laut, während ich einen Keks drohend wie ein Zepter in der Hand halte. Es besteht die Möglichkeit, dass ich dabei die große Fläche zwischen Europa und den USA für einen mysteriösen Kontinent aus Blaualgen halte, den man mit dem Auto überqueren kann. Egal. Ich finde, es reicht erst mal, wenn man mit sieben Jahren schon weiß, was der eigene Lebenstraum ist. Gedanken um die Details kann ich mir noch machen, wenn ich erwachsen bin – denn Erwachsene machen sich ja so unheimlich gern Gedanken. Die Uhr tickt weiter. Dann lacht die Runde. Ich senke mein Zepter und esse es kommentarlos auf. Natürlich nimmt mich keiner ernst. Es hat aber auch keiner dieses Kribbeln in meinem Herzen gespürt, als ich meinem Vater neulich ein Buch über die USA aus dem Regal geklaut habe. Dunkelrote Felsen in Form von Drachen, die Golden Gate Bridge, Sternenhimmel über der Wüste und die Freiheitsstatue, die seltsamerweise eine brennende Eiswaffel in der Hand zu halten scheint. Da muss ich hin. Irgendwann. Ich weiß es. Und ich weiß, dass mich nichts aufhalten kann.

Während meine Freunde erst heftig in Tamagotchis und Pokémon-Karten und später in Klamotten und Autos investieren, schaffe ich sämtliche Geldgeschenke und Einkünfte aus verschiedensten Jobs auf mein spießiges Sparkassen-Sparbuch, das genauso knallrot ist wie die gestickten Hagebutten bei meinem Opa. »Hast du dir eigentlich mal was Schönes von unserem Geburtstagsgeld gekauft? Was machst du mit dem ganzen Geld – du gönnst dir ja nie was!«, fahndet die Verwandtschaftsstasi. Erfolglos. Wenn ich denen sage, was ich wirklich damit machen will, lachen alle wieder nur.

Einige Jahre später bin ich 22, studiere Journalismus im vierten Semester und weiß immer noch: Irgendwann fahre ich nach Amerika. Irgendwann. Wenn ich das Geld und die Zeit habe. Irgendwann. Das ist ein Wort so neblig wie die Luft über einem See in den Bergen kurz vor Sonnenaufgang. Bequem wie ein Chefsessel mit Rollen, mit dem man sich die Fotokopien angeln kann, ohne aufstehen zu müssen.

Dann kommt der Tag, an dem das Telefon klingelt. Am anderen Ende ist mein Vater. »Oma ist im Krankenhaus«, sagt er. Meine Oma ist 85 Jahre alt und eine verrückte Nudel. Sie ist andauernd im Krankenhaus, weil sie mit dem Fahrrad über Straßenbahnschienen gefahren ist (mehrmals hintereinander an verschiedenen Orten), auf einem Basketball balancieren wollte oder auf irgendeiner spanischen Insel bei 35 Grad einen auf Usain Bolt gemacht hat. Ich lache beinahe: »Was ist es dieses Mal?« »Sie hatte einen Schlaganfall«, erwidert mein Vater. Seine Stimme ist ganz komisch und auf einmal ist das Telefon so schwer wie ein Ziegel. »Das wird schon wieder«, sage ich mit Nachdruck. »Wann wird sie denn entlassen?« Am anderen Ende ist Schweigen.

Plötzlich würde ich das Telefon am liebsten wegwerfen. Aus dem Fenster. Ganz weit. Meine Oma ist nicht einfach nur eine Person, mit der ich zufällig verwandt bin und zu der man hingeht, wenn man mal wieder abgebrannt ist oder Bock auf Kuchen hat. Sie ist eine Inspiration und Institution, eine beste Freundin, risikobereit, frech, immer herzensgut und immer für mich da. Es ist drei Monate her, seit ich sie zuletzt gesehen habe. Es ist Frühsommer und ich habe bald unheimlich viele Prüfungen in der Uni. In den vergangenen Wochen habe ich wie verrückt gelernt und ab und zu Freunde getroffen, um abzuschalten. Wir haben ja noch den ganzen Sommer, habe ich gedacht. Es ist, als hätte jemand zu heißes Wasser in eine Glasschlüssel gekippt. Mit einem leisen Klick zerspringt etwas in mir. Meine Oma, einer der wichtigsten Menschen in meinem Leben, war gegangen. Einfach so. Ich hatte ihr nicht noch einmal gesagt, wie wichtig sie mir mein ganzes Leben lang gewesen war, was ich noch alles mit ihr hatte unternehmen wollen und wie lieb ich sie hatte.

Auf der Beerdigung will ich schreien. Du hast nicht mal Tschüss gesagt! In Gedanken antwortet sie mir: Du bist ja nicht dagewesen. Ich begreife, dass irgendwann nichts ist als eine Ausrede. Dass es einfach mal ganz brutal zu spät sein kann. Es gibt keinen Anspruch auf ein Frühwarnsystem für die großen Erschütterungen des Lebens. Es ist der Moment, in dem ich weiß, dass ich konkret werden muss mit meinem Lebenstraum. Ich kann nicht wieder gut machen, was ich vergeigt habe, aber ich kann dafür sorgen, dass ich nicht noch einmal zu lange warte.

Während meine Kommilitonen in der Studentenkneipe abhängen, leihe ich mir wie ein Nerd Bücher über Statistikerhebung aus. Mein Ziel: Schnell meine Bachelorarbeit schreiben, ein oder zwei Jahre in Vollzeit arbeiten, um das restliche Geld heranzuschaffen, und dann nichts wie weg. Manchmal, wenn mir das Licht der Schreibtischlampe abends in den Augen brennt, weiß ich, dass es ein seltsamer Mix ist, der mich treibt. Ein Kindheitstraum, katalysiert durch ein Erwachsenentrauma. Die Vorfreude, endlich das große Ding zu drehen, verbunden mit der Angst, dass vorher etwas passieren könnte, das dies unmöglich machen würde. Die Vorfreude auf den Lebenstraum – gerührt und geschüttelt mit der Angst vor dem Tod.

Überhaupt ist das mit der Angst bei mir so eine Sache. Manchmal schaue ich in meinen Kopf, betrachte die blühenden Neurosenhecken darin und beschließe, dass der Selbstzweifel mal wieder umgetopft werden muss. In ein größeres Gefäß. Das ist also die Zeit des Erwachsenseins, in der man sich so unheimlich gern Gedanken macht. Obwohl ich schon einige Male innerhalb Europas geflogen bin, kriege ich vor Flugangst schon Herzrhythmusstörungen, wenn ich am Himmel bloß einen Kondensstreifen sehe. In der Luft spüre ich jede Erschütterung und interpretiere jedes Geräusch und in meinem Geiste sehe ich Nächte vor dem Abflug einen Adler im Getriebe in Flammen aufgehen. Ohne Beruhigungsmittel geht nichts. Wenn die Kabinentür schließt, fühlt es sich an, als würde ich mit der Yellow Submarine in einen Atomkrieg ziehen. Und diese Schwimmwesten an Bord sind ja wohl ein Witz. Wer einmal eine verunglückte Arschbombe vom Fünf-Meter-Brett gemacht hat und danach drei Tage Steißbeinschmerzen hatte, weiß, dass im Falle eines Absturzes über Wasser aus 10 000 Metern Höhe nicht mehr viel Zeit bleibt, um in die bekloppte Trillerpfeife zu pusten, die die Stewardess bei der Sicherheitseinweisung so enthusiastisch in die Höhe hält. Wenn die Rollbahn endet und die Maschine durchstartet, habe ich rote Flecken im Gesicht, atme arrhythmisch und schwitze wie ein Bär. In solchen Momenten liebe ich die fürsorgliche Frage der Crew: »Müssen Sie sich übergeben?« »Nein«, möchte ich sagen, »ich habe bloß so lange Todesangst, bis dieses Monster wieder physischen Kontakt mit dem Rollfeld hat. Aber wenn Sie so fragen, wäre es mir lieber, wenn ich mich stattdessen einfach ein paar Mal übergeben könnte.«

Keine Ahnung also, warum ich unbedingt eine zehnstündige Flugreise über den Atlantik mit zusätzlichen Inlandsflügen im Verlauf der Reise machen will. Und das ist nicht das Einzige, das mein Vorhaben verkompliziert. Ich habe nämlich ein ernsthaftes Problem mit Essen. Schon als Kind war ich eine echte Landplage. Fleisch fand ich eklig, Käse hat gestunken, Oliven sahen aus wie Augäpfel, Gemüse war komplett raus, falls es nicht jemand vorher zu Tode gekocht hatte, und Obst bedeutete mehr oder weniger Apfel. Zum Glück hat sich meine Totalverweigerung mit der Zeit etwas gelegt – doch nur, wenn ich zu Hause essen kann und alles so aussieht und schmeckt, wie es schon seit zwanzig Jahren aussieht und schmeckt. Unterwegs sind fast alle Lebensmittel anders. Sie sind anders angebaut, sehen anders aus, sind anders verpackt. Von lokalen Spezialitäten und Rezepten brauchen wir gar nicht erst anfangen. Wenn ich etwas sehe, das meinem Gehirn signalisiert, dass es zu glitschig, zu grün, zu knackig, zu weich, zu hell, zu unförmig oder einfach zu anders ist, kann ich es nicht mehr essen. Mein Hunger versandet lautlos in einem stummen Gefühl von Brechreiz. Dann esse ich lieber gar nichts. Oder Salzstangen. Außerdem ist da irgendetwas, das mir das Gefühl gibt, dass fremde Teller, Messer und Gabeln kontaminiert sind. Jetzt muss ich nur noch erwähnen, dass ich sowieso immer ein bisschen aussehe wie der Suppenkasper, dann lässt sich erahnen, welche Auswirkungen allein ein Kurztrip auf mich hat. Manchmal liege ich im Urlaub nachts im Dunkeln wach und habe Bauchschmerzen vor Hunger. Ich bin das personifizierte Ur-Trauma von Evas vergiftetem Apfel.

Zum Glück müssen sich andere Menschen nicht groß mit meinem störanfälligen Geisteszustand beschäftigen. Denn zu meinen weiteren Phobien gehört, spontan mit fremden Menschen zu sprechen. Noch schlimmer ist nur, spontan mit fremden Menschen auf Englisch zu sprechen. Deshalb will ich auch unbedingt in die USA. Ich habe echt eine Meise. Sobald jemand Englisch spricht, verstehe ich nur noch Bahnhof und krächze sinnlose Antworten wie ein Blechmännchen, während mein Kopf die Farbe einer roten Paprika annimmt. Danach laufe ich in der Regel weg und verstecke mich entweder hinter einer Bushaltestelle oder einem großen Baum, wo ich für gewöhnlich erstmal in Hundekacke trete. Weil man das immer so schlecht wieder vom Schuh wegbekommt, hoffe ich einfach, dass mich unterwegs niemand anspricht oder mir am Ende noch die Gegend zeigen will. Ich möchte nämlich einfach nur friedlich und allein die Sehenswürdigkeiten und Naturwunder des Landes betrachten und nicht gleich die einheimische Bevölkerung heiraten.


Ein Tagebuch in Papierform und eine Kamera – ohne diese beiden Gegenstände gehe ich nie auf Reisen. Ich liebe es, Erinnerungen festzuhalten. Gute und schlechte, aufregende und bewegende.

»Übernachte am besten in Hostels, da lernst du sofort ganz viele Leute kennen«, schwärmen andere Reisende. Hostels. Diese Mehrbettbunker, in denen man kein Auge zubekommt, weil immer irgendwer zum Klo schleicht, quatscht, das Licht anlässt oder um drei Uhr nachts betrunken durch die Tür stolpert – Horror! Ich habe aus Preisgründen einige günstige Privatzimmer über Airbnb vorgebucht und verlasse mich ansonsten auf Motels. Hoffentlich muss ich niemals jemanden um Hilfe bitten. Ach was. Wenn ich alles manisch bis ins winzigste Detail durchplane, wird schon nichts schiefgehen. Ich verbringe Stunde um Stunde vor dem Rechner, um mich gegen alles Mögliche abzusichern, lade mir Straßenverläufe und U-Bahn-Pläne herunter, markiere jede einzelne Abzweigung der Route 66 in einer Offlinekarte und setze Lesezeichen an Supermärkte, die ich aus Deutschland kenne. Doch wenn ich den Laptop herunterfahre, dreht mein Gedankenkarussell erst richtig auf. Oft werde ich nachts wach und habe Herzrasen. Was, wenn ich mitten in der Wüste eine Panne habe? In meinem Kopf bleibt ein kleines, schwarzes Auto mit plattem Reifen schnaufend in einem Graben stehen. Kein Funksignal, kein Schatten. Ich habe noch drei Schluck Wasser und hinter dem nächsten Monolith lauert ein Berglöwe. Dann wiederum sehe ich mich in einer Geisterstadt, in der ein riesiger, schwarzer Hund auf mich zugerast kommt und mir ins Bein beißt. Und was ist mit der Kriminalität in den ganzen Großstädten? Kurz vor dem Abflug höre ich im Radio, dass Chicago eine der gefährlichsten Städte der Welt ist und jede Nacht Dutzende Menschen erschossen werden. An einem Abend besuche ich Bekannte, die öfter in den USA sind. »In Washington ist es so sicher, da kannst du im Dunkeln nackt auf der Straße tanzen«, witzeln sie. Ich habe nicht das Gefühl, dass sie mich ernst nehmen.

Eigentlich ist es unmöglich, in so einem verstrahlten Zustand auf so eine Reise zu gehen. Auf meinen bisherigen Kurztrips war immer jemand dabei. Jemand, hinter dem ich den ganzen Sperrmüll aus Angst, Unsicherheit und Chaos verstecken konnte. Dieses Mal werde ich allein sein. Mehrere Monate lang. Es ist die absolute Konfrontation mit allem. Doch ich weiß, dass ich all die Orte, von denen ich seit fast zwanzig Jahren träume, nur dann sehen und erreichen kann, wenn ich es endlich mache. Jetzt. Und trotz allem. Bevor es zu spät ist. Schon wieder. Ich weiß: Angst ist keine Ausrede.

Es ist Sommer 2016, als ich mein Visum beantrage. Im April 2017 will ich starten, denn kurz vorher läuft der Arbeitsvertrag meines zweijährigen Vollzeitjobs aus. Da die Bearbeitung des Visums bis zu acht Wochen dauern kann und ich geplant habe, früh günstige Flüge zu buchen, will ich die Einreiseerlaubnis am besten zeitnah eintüten. Nachdem ich zwecks Planung der Route heimlich am Dienstcomputer auf Google Maps herumgezoomt habe, fällt mir auf, dass die USA verdammt groß sind. Für meinen Trip von New York über Washington, D. C., die Niagarafälle, Chicago, die gesamte Route 66, Los Angeles, den Highway 1 bis San Francisco und den Rückweg durch die nördlichen Staaten mit dem Yellowstone Nationalpark errechne ich nach dem Verschleiß mehrerer Taschenrechner knapp vier Monate. Ein normales Visum, das jeder Urlauber online beantragen kann, ist aber nur für 90 Tage gültig. Also studiere ich gefühlt ein paar Millionen Jahre die katastrophale Website der amerikanischen Botschaft, um herauszufinden, dass ich ein B2-Besuchervisum brauche, das für Einreisen von bis zu 180 Tagen gültig ist. B wie bekloppt. Vermute ich jetzt einfach mal. Weil das so krass lange ist, laden sie mich direkt zum persönlichen Gespräch in die Botschaft nach Frankfurt am Main ein. Ich muss auch nur 200 Goldstücke für die benötigten Formulare abtreten, den halben Regenwald für das Ausdrucken von Anträgen und Nachweisen abholzen, ein Passfoto in einem kryptischen Format machen lassen und schon bin ich dabei.

Mein Kopf dröhnt und es ist spät, als ich in meinem Hostel in Frankfurt noch einmal schnell alle Papiere für den Termin am nächsten Morgen durchgehe. Ja, in einem Hostel. Wo nachts immer jemand zum Klo spaziert. Die einzigen Termine in der amerikanischen Botschaft in der nächsten Ewigkeit waren für sieben Uhr morgens verfügbar gewesen. Nein, ist klar. Schlafen die da nicht, oder was? Da Frankfurt rund 250 Kilometer von meinem Wohnort entfernt liegt und ich kein besonderes Bedürfnis verspürt habe, um drei Uhr morgens auf der A45 in einen Sekundenschlaf zu fallen, habe ich beschlossen, schon am Vorabend anzureisen. Und weil dieser Tagesausflug in meinem Reisebudget nicht vorgesehen war, habe ich mir erst eine billige Fernbusfahrt mit Deo sprühenden Geruchsblinden und dann ein luxuriöses Stockbett in einem Betonbunker-Hostel gegönnt. Nachdem mir meine südkoreanische Zimmergenossin auf ihrem Handy stumm 700 Fotos vom Königssee gezeigt hat, falle ich in einen äußerst unruhigen Schlaf. Ich hasse Hostels.

Nervös zerknicke ich am nächsten Morgen meine knallorangefarbene Mappe mit den wichtigen Unterlagen zwischen den feuchten Fingern. Sie ist so auffällig, dass ich das Gefühl habe, sogar die Taube über dem Eingang der Botschaft starrt mich an. Grandios. Die Schlange vor der Tür ist lang. Meine Augen brennen. Durch meinen Kopf wandern noch einmal sämtliche Horrorgeschichten, die ich im Internet über Interviews in US-Botschaften gelesen habe. Das ist ungefähr so, als würde man Kopfschmerzen googeln. Da hat man am Ende auch immer einen Tumor. Angeblich wurde mal jemandem die Einreise verweigert, weil er Sandalen getragen hat. Ich habe klobige Turnschuhe an und schwitze wie blöd. Doch ein viel größeres Problem, als meine langsam in den flüssigen Zustand übergehende Haut, ist die Tatsache, dass die USA bei Beantragung eines B2-Visums einen stichhaltigen Nachweis über die Rückkehrintentionen erwarten. Was denken die? Nur weil ich deutsch bin, will ich da nicht gleich einmarschieren! Eine Immobilie oder ein Arbeitsvertrag im Heimatland reichen aus, stand irgendwo. Sehr hilfreich. Ich bin 26 Jahre alt, habe wie verrückt für diese Reise gearbeitet und mir nicht zufällig nebenbei noch als Rücklage Schloss Neuschwanstein zugelegt. Meinen aktuellen Arbeitsvertrag habe ich nicht verlängert, weil ich diese Reise sonst gar nicht hätte machen können. Vier Monate Jahresurlaub waren nämlich leider gerade aus. Ich habe also keinen echten Nachweis über meine Rückkehrintentionen und deshalb einen Haufen von nichtssagendem Kram gesammelt, der mit viel Erklärungsaufwand eventuell ausreichend sein könnte. Das bedeutet jedoch, dass ich mit jemandem sprechen und mich eventuell aufwendig erklären muss. Für etwas, das gar nicht existiert. Ich werde so nervös, dass ich meine Unterlagen fast in kleine Schnipsel reiße. Zum Glück kann ich mir aussuchen, ob ich das Gespräch auf Englisch oder Deutsch führen möchte. Englisch – geht’s noch?

Um überhaupt in die Botschaft zu gelangen, muss jeder Antragsteller eine Art Flughafenkontrolle passieren. Alle Gegenstände aus den Taschen müssen in einer Plastiktüte deponiert werden. Alle. In meiner aufgekratzten Korrektheit packe ich auch mein benutztes Taschentuch hinein. »Das brauchen wir nicht«, sagt der Beamte und scheint sich ein Grinsen zu verbeißen. Ich packe es umständlich zurück in meine Jacke und setze auf meiner To-do-Liste einen Haken an den Punkt Sich in einer ausländischen Botschaft blamieren. Ich möchte sterben, obwohl ich noch keinen Fuß ins Gebäude gesetzt habe. Danach muss ich ungefähr fünfhundert Mal meine Fingerabdrücke abgeben. Immer wieder werde ich von Schalter A zu B zu C geschickt. Ich komme mir vor wie Asterix und Obelix auf ihrer Jagd nach Passierschein A38. Für das anschließende Interview erwarte ich ein großes Büro mit Eichenstühlen, langer Tafel, US-Flagge und der Aufgabe, die Nationalhymne rückwärts zu schmettern. Dann stelle ich fest, dass das Gespräch stehend an einem Schalter vor einer kleinen Glasscheibe stattfindet, der so modern wirkt, wie die Kassenhäuschen der Deutschen Bahn in den Neunzigern. Nur, dass hier kein Kaugummi auf dem Lautsprecher klebt.

Drei Schalter sind geöffnet. Am ersten sitzt eine herzlich wirkende Afroamerikanerin, am zweiten ein junger Typ, der aussieht wie mein Steuerberater, und am dritten ein verbitterter alter Kerl, der jeden Klienten erstmal anzuschreien scheint. Vermutlich drückt er sich nach Feierabend einen Stempel auf die Stirn auf dem Abgelehnt! steht. Als mich die Afroamerikanerin zu sich winkt, spüre ich, wie mir der Mount Everest vom Herzen bricht. Aber nur ganz kurz, denn dann baue ich Mist.

Sie schaut mich an und fragt, ob ich das Gespräch auf Englisch führen möchte. Während mein Gehirn die Konsistenz von Pudding annimmt, nicke ich dämlich und bekomme sofort Herzflimmern aufgrund meiner grenzenlosen Blödheit. Um das an dieser Stelle klarzustellen: Natürlich spreche ich Englisch. Irgendwie. In der Schule stand ich allerdings mündlich immer ganz mies, weil ich mich nie getraut habe, auch nur einen Piep zu sagen. Wenn eines sicher ist, dann dass man so nicht wirklich eine Fremdsprache lernt. Und jetzt soll ich das wichtigste Gespräch meines Lebens plötzlich auf Englisch führen. Ich komme nicht dazu, meine Aussage zu korrigieren und »Deutsch« zu stammeln, weil ich mit Atmen beschäftigt bin. Am Schalter neben mir keift der alte Kerl einen Vater mit seiner Tochter an. Meine Sachbearbeiterin prüft meinen Pass mehrfach und ich habe kurz Angst, er könnte sich vor ihren Augen einfach in Luft auflösen. Dann fragt sie, wo genau ich hinmöchte. Ich grabe mit zitternden Fingern in meiner neonfarbenen Mappe und suche die Landkarte heraus, die ich extra ausgedruckt und beschriftet habe. »No, just tell me«, erwidert sie und winkt gemütlich ab. Ich umreiße also kurz mündlich meine überdimensionale Reiseroute. »New York, Washington, D. C., Niagara Falls, Chicago, Route 66, Los Angeles, San Francisco, Yellowstone. Coast to Coast. And coast. Ähm, back.«


Da ist das Visum! Jetzt gibt es erst mal einen Freudentanz nach dem ganzen Stress. Das ist die Eintrittskarte für den großen Lebenstraum.

Sie nickt, während mir noch mehr Hitze ins Gesicht steigt. Was mache ich hier? Am liebsten würde ich weglaufen, mir in der Stadt ein Eis holen, mich hinter einem Baum verstecken, in Hundekacke treten und heimlich wieder nach Hause fahren. Doch dafür weiß ich zu genau, was ich hier mache. Das hier ist der erste Schritt zur Erfüllung meines verdammten Lebenstraums. Eisessen und in Kacke treten kann ich, wenn ich tot bin.

Dann fragt sie, mit wem ich reise – »alone« – und wer für mich zahlt – »myself«. Aufgrund meiner »enorm langen« Antworten tippt sie erst einmal einen halben Roman in ihren Computer. Sehe ich verdächtig aus wegen der Schwitzeflecken unter meinen Armen? Vermerkt sie, dass mein Kopf aussieht wie ein Kürbis, der gleich platzt? Wie viel Geld ich für die Reise eingeplant habe, will sie dann wissen. Ungefähr 13 000 Euro. Wieder grabe ich in der Mappe, um ihr meinen Finanzstatus zu zeigen, den ich mir gestern noch von der Sparkasse bescheinigen lassen habe. »No, no.« Sie lehnt sich zurück. »Just tell me!«

Ich werde noch bekloppt. »Thirteenthousand«, stammle ich. »Thirty?«, fragt sie streng zurück und ich nicke bräsig. Dreißig? Als sie wieder tippt, habe ich das Gefühl, dass gerade irgendetwas außer Kontrolle geraten ist. Auf einmal hat sie keine weiteren Fragen mehr. Sie hackt weiter auf ihre Tastatur ein, verstaut meinen Reisepass hinter sich in einer Ablage und sagt dann: »Your visa has been applied.« Ich frage, ob ich noch etwas tun muss, und sie schüttelt den Kopf.

Ich bin wieder draußen. Ohne Pass und ohne irgendeine Ahnung, was applied heißt. Mein Gehirn tanzt Polka, während ich zum Bus laufe. Mein Shirt klebt an mir wie ein Taucheranzug und ich muss aufs Klo. Ich kann das alles entscheidende Wort über eine halbe Stunde lang nicht nachschlagen, weil mein Handy in meinem Betonbunker-Hostel liegt. Das darf man nämlich nicht mit in die Botschaft bringen. Ich bin kurz davor, wildfremde Menschen auf der Straße anzuschreien und ihnen das Smartphone zu klauen. Aber dann fällt mir wieder ein, dass ich keine wildfremden Menschen ansprechen kann. In meinem Zimmer stürze ich mich sofort auf ein Online-Wörterbuch. Beauftragt. Mein Visum wurde beauftragt. Ich donnere auf der Stelle mit dem Bus zurück in die Innenstadt und kaufe mir ein monströses Sandwich und ein Kilo Eis. Nur wenige Tage später liegt mein Reisepass im Briefkasten. Darin das B2-Visum für einen sechsmonatigen Aufenthalt in den Vereinigten Staaten von Amerika. Ich schmeiße den Pass in die Luft und möchte schreien, weil ich so glücklich bin – und weil ich es irgendwie geschafft habe, mir dieses Papier zu beschaffen, obwohl mein Gehirn in der Botschaft eine astreine Telekom-Störung hatte.

Ein paar Wochen bevor mein Arbeitsvertrag ausläuft, kommt meine Chefin zu mir. Sie schließt die Tür und setzt sich. Das macht sie sonst nie. Ich hoffe, dass ich nicht aus Versehen den Kopierer in Brand gesetzt habe oder jemand herausgefunden hat, dass ich auf dem Dienstcomputer USA-Karten gebastelt habe. »Frau Bauer, ich habe da ein Angebot für Sie«, sagt sie. Es ist eines dieser Angebote, bei denen man nicht Nein sagen kann. Eine unbefristete Stelle im öffentlichen Dienst mit glänzendem Gehalt und eigenem Büro. »Dann können sie natürlich nicht nach Amerika. Der Job würde gleich jetzt beginnen«, sagt sie.

Ich schaue sie an. Nur ganz kurz. Dann sage ich: »Nein.« Sie ist irritiert. Wie jetzt – nein? Nein. Weil ich seit der Erfindung der Keilschrift darauf hinarbeite, diesen Traum zu leben. Weil ich ein Visum habe, gebuchte Flüge und Unterkünfte. Und weil es eine Mission ist. Meine Oma und mein siebenjähriges Ich grinsen. Meine Chefin nicht. Sie denkt, ich hätte irgendetwas zwischen akuter Arroganz und Größenwahn. Doch ich weiß, dass es jetzt wichtiger ist, meinen Lebenstraum zu leben, als unbefristet irgendwo zu vergammeln wie diese Brote in Büro-Kühlschränken, die immer keiner mitgebracht haben will, sobald sie blau anlaufen. Ich darf es nicht vermasseln, bevor ich selbst irgendwo blau angelaufen rumliege.

Lost im Big Apple
New York City



New York hat viele Gesichter – sogar an Wänden. Hier fällt keiner auf und ich kann unbehelligt durch die Stadt wandern, staunen und neben berühmten Sehenswürdigkeiten auch irre Street Art entdecken.

Wie ich ohne Signal verloren in der Metro war und beinahe im Gewitter auf dem Times Square getanzt hätte …

Der Düsseldorfer Flughafen liegt komplett im Fog – Nebel des Grauens. Ich ziehe mein Flugticket über den Scanner und passiere das Drehkreuz zu den Gates. Ein letztes Mal heroisch winkend schleppe ich mich mit meinem tonnenschweren Rucksack um die Ecke. Als ich sicher bin, dass mich keiner mehr sehen kann, gehe ich in die Knie und berühre mit den Fingerspitzen den kalten Marmorboden mitten im Gang. Blut schießt mir in den Kopf und Tränen in die Augen, während ich grinse, bis es wehtut. Ab jetzt bin ich allein. Vier Monate lang. Wahrscheinlich verende ich einfach irgendwo. Ein Gedanke, der mich im Vorfeld so paranoid gemacht hat, dass ich beinahe heimlich ein Testament geschrieben und zu Hause im Klokasten versteckt hätte. Habe ich aber nicht.

Ich bereue es sofort, als ich in der Höllenmaschine von British Airways sitze und mich an meinen viel zu voll gepackten Rucksack klammere, während der Pilot den Motor anschmeißt. Das Flugzeug nach New York rollt los. Kann der Kapitän bei dem Nebel überhaupt was sehen? Ich jedenfalls nicht. War da vorne nicht gerade ein schemenhafter Schwarm Enten, der nur darauf wartet, in die Turbinen zu donnern und ein Inferno auszulösen? Vielleicht ist auch mein Handgepäck einfach so schwer, dass die Maschine gleich nach dem Start abstürzt. Noch vor den Enten. Gleichzeitig bin ich todesnervös wegen der Einreise. Das beste USA-Visum im Pass ist nämlich nichts wert, wenn der Beamte vor Ort entscheidet, einen nicht reinzulassen, weil ihm die Nase nicht passt. Was in meinem Fall ein echtes Problem werden könnte, weil ich meiner Nase wegen bereits mehrmals beim Bundesarchiv versucht habe herauszufinden, ob meine Vorfahren nicht doch Pelikane waren.

Dann sind wir in der Luft. Acht Stunden lang. Weil mir während des Starts ähnlich einer Ätna-Eruption der Angstschweiß ausgebrochen ist, fühle ich mich allerdings so, als wäre ich schon achtzig Stunden unterwegs. Der Flug ist angenehm ruhig. Liegt vielleicht auch nur an der Neurexan-Überdosis, die ich mir noch schnell eingeworfen habe. Ich versuche, einen Film zu gucken, damit ich die ganzen, beunruhigenden Geräusche im Flieger nicht so laut höre.

Kurz vor der Landung kommt eine Stewardess mit einem Zettel vorbei. Irgendetwas mit Zoll. Vor Aufregung schreibe ich direkt mal meine Flugnummer in das Feld für die Reisepassnummer. Ich streiche die Zahlen hektisch durch und zerreiße dabei fast das Formular. Dann blicke ich kurz aus dem Fenster und sehe in einiger Entfernung ganz weit unten riesige Häuser, die wie stählerne Säulen aufragen. New York City. Du machst das wirklich, denke ich. Also echt jetzt. Ich bin kurz davor, auf die Rückseite der Zollerklärung einen emotionalen Brief an mein siebenjähriges Ich zu schreiben. Dann kommt die Stewardess und sammelt das Papier mit strengem Blick ein. Wir setzen zur Landung an.

»Wieso brauchen Sie so lange für Ihre Reise?«, fragt mich der Grenzbeamte am Flughafen in New York, während er das Foto in meinem Pass hypnotisiert. Weil das Flugzeug nicht schneller geflogen ist, möchte ich rufen. Dann bete ich ihm lieber meine Reiseroute runter. Er stempelt meinen Pass. »Viel Spaß. Die Route 66 ist gefährlich.« Er winkt mich weg und ich stehe wie eine Kuh im Gewitter hinter der Grenze. Das war alles?! Ich bin in den USA. Einfach so. Das muss ich sofort der Weltöffentlichkeit melden. Ich hole mein neues Handy heraus, das ich mir extra für die Reise gekauft habe, weil es in den USA andere Frequenzen gibt als in Europa. Leider nicht in diesem Moment, denn mein Signal ist tot. Nachdem es auch durch minutenlanges Anstarren und dezente Panik nicht besser wird, wuchte ich schließlich meinen roten Koffer mit den unauffälligen, weißen Punkten vom Gepäckband, wobei ich versuche, nicht gleichzeitig wegen des Riesenrucksacks umzukippen. Darin befinden sich in Tetris-Formation Laptop, Kamera, ein Buch, Kopfhörer, Stifte und zwanzigtausend andere Dinge, die kein Mensch braucht, aber die ich sicherheitshalber mal eingepackt habe. Denn bestimmt gibt es in den USA keine richtigen Geschäfte und die Menschen leben in Höhlen.

Jetzt erst mal die Bahn finden. Weil ich ein Airbnb gebucht habe, holt mich kein Page im Frack mit Hotelschild im Privattaxi ab. Ich ächze einige Treppen hinunter zur U-Bahn-Station und erwarte dort einen marmorierten Bahnsteig mit eleganten Waggons – schließlich bin ich in New York City. Eine Sekunde später bricht krachend eine silbrig-dreckige Blechbüchse in den düsteren Schacht mit den dekorativen Tropfsteinen an den Decken. Zögernd betrete ich den schrottreifen Hogwarts-Express. Auf meinem Handy habe ich einen Offline-U-Bahn-Plan als PDF gespeichert. Ich muss zweimal umsteigen und meine Endhaltestelle kenne ich auch. Gute Vorbereitung ist alles. Das Handysignal ist immer noch tot. Keine Ahnung, was da los ist, aber ich kann nicht gleichzeitig hektisch auf dem U-Bahn-Plan herumwischen, versuchen, nicht hinzufallen und nachgucken, ob mein Telefon richtig verdrahtet ist. Die Bahn fährt an und aus dem Tunnel hinaus in die überirdische Zone. Draußen ziehen typisch amerikanische Häuser mit bunten Holzfassaden, Veranden und Garagen so groß wie die Dechenhöhle vorbei. Und einige Minuten später auch die Haltestelle, an der ich eigentlich hätte umsteigen müssen. Verdammt. Ich wische hektischer auf dem Fahrplan herum und zerdenke ihn dabei so sehr, dass ich irgendwie überhaupt nicht mehr aussteige, sondern wie angeschraubt auf meinem Sitz hocke und beobachte, wie die bunten Vorstadthäuser immer schäbiger werden. Die Türen öffnen und schließen sich und langsam werden auch die Fahrgäste immer seltsamer. Verdammt, ich bin in New York. Alleine. Irgendwo. Vielleicht bekomme ich das alles überhaupt nicht hin. Was tue ich hier eigentlich? Als ich gerade komplett ausflippen will, setzt sich ein etwa 50-jähriger Rastafari neben mich und grinst mich mit seinem Golddepot im Mund an. »Hi, ich bin Wendell. Wie geht’s dir? Kann ich dir helfen?« Was ist das? Habe ich gerade aus Versehen per Telepathie den Bob-Marley-Support angerufen? Bevor ich es mir anders überlegen kann, stammle ich in grässlichem Schul-Englisch, dass ich lost bin. Und zwar completely. Er blickt auf meine Karte und versucht, mir den Weg zu erklären, doch ich bin inzwischen so durch, dass ich bloß mit halb offenem Mund den Typen mit dem röhrenden Ghettoblaster auf der Schulter ansehe, der gerade durch die Tür stampft.


Die Gedenkstätte »Strawberry Fields« im New Yorker Central Park – ein blumiges Denkmal für John Lennon. Als Beatles-Fan muss ich da natürlich unbedingt mal vorbei.

»Ich kann dir den Weg auch einfach zeigen und dich ein Stück begleiten«, sagt Wendell daraufhin. Heiliges Ofenrohr, bestimmt nicht. Wahrscheinlich will er dafür Geld. Oder etwas ganz anderes. Doch ich kriege mal wieder kein Wort raus. Also spaziere ich in der nächsten halben Stunde mit einem völlig Fremden durch das U-Bahn-System von New York und nicke einfach nur zu allem, was er sagt, denn ich verstehe nur Rauschen. Zwischendurch nimmt er mir sogar den schweren Koffer ab. Bis ich endlich wieder weiß, wo ich bin. Dann verabschiedet er sich mit einem breiten Goldlächeln, sagt »Have a great trip!« und ist weg. Ich glotze ihm nach. Ich weiß nicht, was das für ein überirdisches Zeichen war, aber in Deutschland wäre mir das nicht passiert.

Um drei Uhr nachts liege ich in meinem Airbnb wach. Mein Kopf denkt durch die Zeitverschiebung, es wäre neun Uhr morgens. Plötzlich dröhnt eine Polizeisirene wie aus einem Katastrophenfilm an mein Ohr. Ich stecke meinen Kopf unter mein Kissen und ziehe meine Hand unter die Bettdecke, weil sie sonst bekanntermaßen von einem Monster abgebissen wird. Dann warte ich auf Schussgeräusche. Nichts. Als ich hinaussehe, erkenne ich, dass es bloß ein Feuerwehrauto ist. Ich beschließe, am nächsten Tag einfach nicht aus dem Haus zu gehen. Nie wieder.

Das ist natürlich Blödsinn. In den kommenden zwei Wochen stelle ich fest, dass die U-Bahn in New York ziemlich gut ist, wenn man sein Gehirn bei der Benutzung nicht auf Stand-by stellt. Ich zische vom Ground Zero zum Empire State Building, besuche die Public Library, das Museum of Modern Art und laufe die 5th Avenue runter. Es ist unheimlich befreiend, allein durch eine so große Stadt zu spazieren. So winzig und unbedeutend zu sein. Von niemandem gesehen zu werden, aber gleichzeitig alles zu sehen. Zu entdecken und zu staunen.

Nachdem ich herausgefunden habe, dass die Freiheitsstatue vom Festland aus die gigantische Dimension eines Legomännchens hat, kaufe ich mir ein Ticket für die Fähre hinüber nach Liberty Island. Ich muss mir dieses Monument mit der brennenden Eiswaffel in der Hand endlich persönlich und in voller Größe angucken. Auf dem Kahn pustet eisiger Wind. Wir umfahren die Insel mit der Statue, die unter dem wolkenbedeckten Himmel etwas farblos wirkt. Über Lautsprecher werden Informationen in den Äther gefunkt, doch ich höre nichts, weil ich die Statue anstarre wie die Reinkarnation von Elvis. Manche Personen oder Gebäude hat man so oft in irgendwelchen Büchern oder im Film gesehen, dass sie in einer Scheinrealität verschwinden und man ganz vergisst, dass sie wirklich existieren.

Auf der Insel hantiere ich mit dem Audioguide herum und drücke anscheinend aus Versehen die Seniorentaste, denn plötzlich schreit mich eine freundliche Stimme an, dass mein Rundgang jetzt beginnt. Nach ein paar Schritten stehe ich endlich frontal vor Miss Liberty. Fest trägt sie die Unabhängigkeitserklärung im Arm und reckt die andere Hand hoch in den Himmel. Mal stand sie für den Gegensatz zum politischen System in Europa, mal war sie Willkommenssymbol für Immigranten, dann einfach eine Werbefigur. Und wahrscheinlich erinnert sich jeder daran, wie sie sich aus den Rauchwolken des 11. Septembers gereckt hat.

»Überlegen Sie einen Moment, was Sie hier hergebracht hat«, tönt es aus dem Audioguide. Während die Stimme weiterredet, lasse ich die Kopfhörer langsam von den Ohren gleiten und umfasse das eiskalte Geländer vor mir. Noch nie habe ich eine Skulptur gesehen, die so viel Kraft und Lebendigkeit ausgestrahlt hat. Ihr Ausdruck und ihre Haltung sind voll unbeirrbarer Energie. Ein Moment, der mich gefangen nimmt. Was hat mich hierher gebracht? Der unbedingte Wille, herzukommen. Mir diesen Lebenstraum zu erfüllen. An ihm über viele Jahre festzuhalten, ständig darauf hinzuarbeiten und mich nie davon abbringen zu lassen. Nicht von Menschen, die an mir gezweifelt haben, nicht von finanziellen Hürden, von Angeboten, Ausreden und Angst. Eine halbe Ewigkeit stehe ich so da und nehme nichts um mich herum wahr. Es ist, als ob mich etwas mit der Statue verbindet, das sich nicht in Worte fassen lässt.

Leider ist mein Handy auch nach knapp zwei Wochen in New York noch nicht wieder auferstanden – und seltsamerweise hat die Verdrängung des Problems nicht geholfen. Nachdem ich Google über das WLAN im Airbnb nach einer Lösung befragt habe, kam bloß heraus, dass ich in ein Geschäft gehen oder eine englische Hotline anrufen soll. Vor lauter Verzweiflung über diese völlig unmöglichen Optionen, hätte ich beinahe meinen Vermieter und Mitbewohner auf mein Problem angesprochen. Doch ich stehe immer extra so auf, dass ich ihm nie begegne, damit er nicht mit mir reden kann. Also tanze ich jetzt aufgeregt vor der Tür eines dubiosen Handyladens irgendwo in Manhattan herum, weil im Schaufenster steht, dass dort die SIM-Karte verkauft wird, die ich besitze. Da es im April in New York immer noch so kalt ist wie der Hintern eines Pinguins, gehe ich schließlich in den Shop. Aber nur, weil ich sonst erfroren wäre. Zwischen Handyhüllen mit Strass und dreckigen Kabeltrommeln steht ein Gangster-Typ an der Theke. Ich versuche, mit dem Vokabelschatz einer Seenadel zu erklären, was los ist. Auch er spricht nur schlecht Englisch. Eine Konversation so gediegen wie beim Literaturquartett. Sollte man unbedingt aufzeichnen. Nach zehn Minuten bin ich wieder draußen. Das Einzige, was ich verstanden habe, ist, dass es angeblich nicht an der SIM-Karte liegt. Ich soll aber mal zum Telefonanbieter AT&T gehen. Leider ist gleich in der Nähe auf bedrängende Weise ein AT&T-Store. Ich überlege, ob ich das nicht einfach morgen machen könnte. Doch mir gehen die Tage aus. Ganz bald fahre ich schon mit dem Greyhound Bus weiter nach Washington. Die Airbnb-Vermieterin dort hat mich gebeten, ihr von unterwegs eine SMS zu schreiben, wann genau ich ankomme. Ob nicht auch Brieftaube gehen würde? Ich starre durch das Fenster von AT&T. Drei Verkäufer und kein Kunde. Ich versuche, mir Sätze zurechtzulegen und kriege fast einen Herzinfarkt. Dann gehe ich rein. Eine nette Dame überschüttet mich nach meiner kargen, auswendig gelernten Frage mit einem Schwall aus Worten, während ich nicke und grinse. Irgendwann merkt sie, dass ich nichts verstehe und erklärt mir langsam in English for Dummies, dass ich aus irgendwelchen Gründen ein falsches Handy mit den falschen Frequenzbändern habe. »Die haben sich leider diesen Februar noch mal geändert«, sagt sie. Ich habe mein tolles USA-Handy bereits im Januar gekauft. Um besonders gut vorbereitet zu sein. Langsam dämmert mir, dass meine gute Vorbereitung bisher so nützlich war wie ein Sandsack in der Wüste. Kurz darauf bin ich bei Best Buy. Dem Media Markt für Amis. Ich kaufe mir ein neues Handy. Ein ganz billiges für 50 Dollar. Es sieht aus wie ein Zementklotz, aber es hat Signal. Zum Glück befindet sich auf meiner Budgetliste ein Punkt namens Unnötige Ausgaben für blöden Kram. Genau darunter verbuche ich die gesamte Geschichte am Abend heimlich. Dann fällt mir auf, dass ich nebenbei in drei Geschäften war, mit drei Menschen gesprochen habe und eine Situation, die nicht in meinem allumfassenden Notfallplan gestanden hat, gelöst habe. Weil ich musste. Aber auch, weil ich es irgendwie konnte. Seltsam.


New York tost. Bei Nacht und Tag. Millionen kleine Fenster in den erleuchteten Hochhäusern Manhattans und tausende Menschen am Times Square.

An meinem vorletzten Tag in New York Tag schüttet es wie aus Eimern. Auf meiner Packliste stehen nach mehreren Trips mittlerweile sogar Dinge wie Tupperdose für Muscheln und Sensitive Pflaster, weil ich eine Allergie gegen alles zu haben scheine, was normal ist. Aber Schirm fehlt. Manchmal bringt einem so eine Liste so viel wie tagelange Angst vor Flügen oder ein vorab gekauftes Handy: absolut rein gar nix. Doch ich muss raus. Ich muss heute essen gehen. Denn wenn ich weiter im Supermarkt einkaufe und mir selbst etwas koche, bin ich verhungert, bevor ich meine erste SMS vom neuen Zementhandy schreiben kann. Seit Tagen pansche ich mir Omelettes und Gemüsepfannen zusammen, doch das Essen hat eine ganz andere Farbe als zu Hause. Und wenn ich das Besteck im Airbnb benutze, denke ich immer daran, dass mein Vermieter auch schon damit gegessen hat und dass es deshalb vermutlich mit Cholera legiert ist. Obwohl ich durch Selbstkochen Geld sparen wollte, gebe ich aufgrund der astronomischen Lebensmittelpreise in den USA trotzdem jedes Mal hundert Dollar aus, sobald ich einen Apfel, eine Packung Milch und drei Scheiben Käse kaufe. Für einen großen Becher Jogurt zahle ich in Deutschland etwa 70 Cent. In New York umgerechnet fast fünf Euro. Ich hoffe, die Kuh hat vorher wenigstens vitaminreiches Gras gegessen. Um trotzdem nicht mein geplantes Essensbudget zu sprengen, kaufe ich extra wenig ein, wovon ich dann noch die Hälfte aufgrund von Ekelanfällen wegwerfe. So kann es nicht weitergehen. Ich muss mir endlich mal eine richtige Mahlzeit gönnen. Deshalb habe ich mir das Hard Rock Café rausgesucht, denn da servieren sie international immer das Gleiche und ich habe dort schon ein paar Mal in Deutschland, Italien und England gegessen. Ohne Probleme.

Schirmlos stürze ich in den U-Bahn-Schacht direkt um die Ecke und fahre zum Times Square, wo sich das Hard Rock Café befindet. Dort esse ich einen völlig übertrieben teuren und extrem leckeren Burger. Abgesehen davon, dass hier eine Erdnuss 50 Dollar kostet, ist es extrem schwierig, gesundes Essen aufzutreiben. Fast alles trieft vor Fett und ist mit doppeltem Bacon und Sirup garniert. Manchmal sogar gleichzeitig. Nach meinem Festessen im Restaurant malt mir die Kellnerin ein Herz auf die Rechnung, während ich mich fast an dem Satz darunter verschlucke: Damit Sie sich gut fühlen, sollten Sie ein Trinkgeld von 20 Prozent zahlen. Ich zahle mit Absicht nur 19 Prozent, komme mir aber trotzdem vor, als wäre ich der Kaiser von China in Spendierhosen. Erst später erfahre ich, dass Kellner in den USA oft ein absolut lächerliches Gehalt bekommen und hauptsächlich von Trinkgeldern leben. Ich habe mein Budget von drei Tagen an einem Nachmittag aufgegessen, aber bin endlich mal satt.

Als ich aus dem Hard Rock Café komme, ist auf einmal Endzeit auf dem Times Square. Es ist finster und die hundert Neonreklamen, Videos und Bildschirme entlang der tiefen Straßenfluchten leuchten und blinken surreal. Dann blitzt es mehrfach. Nur Sekunden später stürzt ein Wolkenbruch herab, bei dem riesige Tropfen mit neonbunten Spiegelungen vom Boden wieder hochschlagen. Zehntausend Menschen rasen hin und her und dann donnert auch noch eine Kolonne Polizeiwagen auf drei Rädern mit heulenden Sirenen um die Ecke. Am Himmel brodeln Wolken und aus einem Gully steigt weißer Rauch. Am besten flüchte ich direkt in die U-Bahn. Dann trete ich aber unter dem Vordach des Gebäudes hervor und gehe langsam in die Mitte des Time Squares. Es ist, als wäre ich Teil eines gigantischen Films und zugleich bewegungsunfähiger Zuschauer. Unter meinen Füßen grummelt die Metro durch das weit verzweigte Tunnelsystem.

Ich halte meine Handflächen hoch und spüre die kalten Tropfen auf der Haut. In meinen Augen, auf meinen Haaren. Regenbogenfarbenes Licht von den Werbetafeln streift mein Gesicht. Ich gehe durch den Dampf aus dem Gully und betrachte die Welt kurz wie durch einen Vorhang im Wind. Fasziniert stehe ich mitten in Unwetter und Chaos und werde von Kopf bis Fuß nass. Ganz kurz denke ich, dass ich tanzen will. Der Regen ist die Musik und die Lichter sind die Scheinwerfer auf meiner Bühne. Nicht, dass ich jemals auf einer Bühne stehen wollte. Doch hier, mitten in dieser Riesenstadt mit all den Menschen, die zugleich so anonym und freundlich sind, habe ich auf einmal das Gefühl, dass ich noch nie war, wer ich eigentlich sein könnte. Und dass ich viel planen kann, aber die Realität es sowieso immer besser weiß. Zu Hause bemerke ich, dass ich vergessen habe, einen Schirm zu kaufen.

Ganz schön sicher
Washington D.C.



Washington D.C. ist sehr präsidial und ruhig. Keine dröhnenden Straßenschluchten, sondern viel Grün, viele Seen, viele Denkmäler. Allerdings macht das dünne U-Bahn-Netz ziemlich müde Beine.

Wie ich das Pentagon ausspioniert habe und in Donald Trumps Garten war …

Manche Leute gucken sich in New York die Fashion Week an. Ich besichtige das Port Authority Bus Terminal. Und zwar nicht, weil das Gebäude so pittoresk ist. Ich werde am nächsten Tag von dort mit dem Greyhound Bus, so etwas wie dem amerikanischen Flixbus, nach Washington, D. C. fahren und bin paranoid, dass ich die richtige Haltestelle in der Hektik nicht finde. Als ich von meinem gigantischen Ausflug wieder zurück in meinem Airbnb bin, ist auf einmal mein Host Jacques in der Küche.

»Yo, was hast du heute unternommen? Museum of Modern Arts?«, fragt er flockig. Wir sind uns gestern schon kurz begegnet und ich habe es irgendwie gemanagt, nicht wegzulaufen. »Ich war am Busbahnhof«, sage ich und merke, wie bescheuert das klingt. »Was haste denn da gemacht? Ich dachte, du fährst erst morgen?«, Jacques nimmt einen großen Schluck Cola aus der Flasche und streut sich Schokoplättchen in das Fertigmüsli mit den bunten Zuckerflocken. »Ich, ähm. Ich war schon mal gucken. Wie es da aussieht. Welche Farbe die Busse haben. Wo sie abfahren. Wie ich da überhaupt hinkomme. Dann kann ich die Zeit von hier bis dort berechnen. Damit ich zwei Stunden vorher da bin.« Ich weiß, dass das nicht nur absolut dämlich klingt, weil mein Englisch schlecht ist, sondern weil ich mich wie eine Grundschulreferendarin vor der Prüfung in katholischer Religion anhöre. Manchmal sollte man seine Gedanken wirklich mal laut aussprechen, um zu merken, wie blöd sie sind. Aber dann würde ich jetzt auch sagen: »Möchtest du präventiv etwas Insulin zu deinem Müsli?« Ich gehe in mein Zimmer, um zu packen, und lasse meinen Vermieter amüsiert zurück.

Am nächsten Tag bin ich zweieinhalb Stunden zu früh am Busbahnhof. Alles hier ist so selbsterklärend, dass ich auch ohne Inspektion am Vortag fünf Minuten vor Abfahrt auf einem Holzbein rennend noch den richtigen Bus gefunden hätte. Ich friere dämlich in einer hässlichen Wartehalle und nehme mir vor, in Zukunft weniger paranoid zu sein oder mir mehr Mützen aufzusetzen.


Mein Airbnb bei Kathie. Stilvoll und so schön, als käme es direkt aus dem neusten Shabby-Chic-Katalog. Ich fühle mich sehr wohl und schaue mehr oder weniger freiwillig Brooklyn Nine-Nine mit ihr.

Als endlich Abfahrtszeit ist und der Bus losröhrt, verklingt der funkenschlagende Lärm aus den Straßenschluchten von New York leise im Sprühregen. Die Fahrt über die graue Interstate Richtung Washington ist etwa so spannend wie ein Sonntagsausflug nach Euskirchen. Über der Mautstation ballen sich graue Wolken und ich betrachte die bunten Nummernschilder aus den verschiedenen Staaten an den Autos, die am Fenster vorbeiziehen. Auf einigen sind Gebäude, Landschaften und Kombinationen wie »LOV3« oder »WTF OMG« zu sehen. Was würde ich dafür geben, in Deutschland einen goldenen Flamingo auf meinem Kennzeichen zu haben. Oder »FAH3 DOCH M4L!«

Nach fünf Stunden parkt der Greyhound brummelnd in Washington, D. C. und ich entlade mein Gepäck. Dieses Mal habe ich ein paar Sachen aus dem Riesenrucksack in meinen Koffer gepackt. Jetzt kippe ich zwar nicht mehr nach hinten über, aber mir reißt fast der Arm ab. Was habe ich da eigentlich alles mitgenommen? Jedenfalls habe ich die Hälfte davon noch kein einziges Mal benutzt, seit ich hier bin.

Gleich um die Ecke liegt die U-Bahn-Station. Nachdem ich den Ticketautomaten so lange mit Unwissenheit blockiert habe, bis ein Bahn-Mensch kommt und stumm ein paar Tasten für mich drückt, betrete ich den Bahnsteig. Das Einzige, was hier fehlt, ist der rote Teppich. In indirekt beleuchteten Röhren schießen moderne Waggons leise hin und her. Irgendwo erklingt Lounge-Musik. Ich tippe die erste SMS in mein brandneues Klotzhandy und sende sie an meine Gastgeberin, die mich unbedingt mit ihrem Auto vom Bahnhof abholen möchte. Ob sie Trinkgeld dafür will? Ich fahre mit der Bahn aus der Stadt hinaus bis Alexandria, das bereits im Bundesstaat Virginia liegt. Am Bahnsteig steht meine Gastgeberin Kathie und winkt mir zu. Die SMS ist angekommen. Es hat funktioniert. Ich schicke ein Dankes-Rauchzeichen an den Erfinder des Klotzhandys. Natürlich will sie kein Trinkgeld. Sie ist einfach nur nett, wie eigentlich alle Amerikaner, die ich bisher getroffen habe. Wir fahren durch enge Straßen mit bunten Häusern und geometrischen Vorgärten. Bei ihr angekommen, erwartet mich eine Wohnung in pastelligen Grün-Weiß-Tönen mit jeder Menge Shabby-Chic-Holz. Ich mache Kathie tausend Komplimente für ihr Zuhause und sage zweihundert Mal Awesome!. Unter anderem, weil ich kein anderes englisches Wort für Begeisterung kenne. Am Abend schwebt meine von den Eindrücken New Yorks immer noch kochende Seele langsam vom Times Square herab, streicht sich etwas Glitzer vom Mantel und sinkt dann entspannt in die kleine Oase in Alexandria, in der Nähe der Hauptstadt der USA.

Das war’s dann aber auch erstmal mit Entspannung. Denn am nächsten Tag wird mir klar, dass in der U-Bahn von Washington zwar beinahe roter Teppich liegt, aber dass es hier im Vergleich zu New York gefühlt bloß zwei Linien gibt. Also laufe ich viel. Bei 27 Grad im Schatten und einer Luftfeuchtigkeit von 300 Prozent. »Washington liegt quasi in einem Sumpf«, hat Kathie mir erklärt. Zumindest ist es das, was ich verstanden habe und es fühlt sich auch so an.

Ich steige aus, als ich mich in der Nähe des Kapitols wähne, das in einem Areal namens The National Mall liegt. Bevor Verwirrung aufkommt: Das ist kein Gucci-Shoppingtempel, sondern eine riesige Grünfläche, fast so lang wie der Central Park. Falls man vor lauter Denkmälern noch Wiese sieht. In der Nähe ist in Washington außerdem ein sehr dehnbarer Begriff, was ich vor allem daran merke, dass mir nach dem Besuch der Gedenkstätten von George Washington, Thomas Jefferson und Abraham Lincoln sowie von diversen Weltkriegen nach fünf Stunden fast die Schuhsohlen abfallen. Am Nachmittag breche ich schweißüberströmt auf der Wiese vor dem Kapitol zusammen. Alles ist grün, präsidial und ruhig. Nur ich nicht. Ich habe es komplett übertrieben und frage mich, wieso ich unbedingt ganz D. C. an einem Tag ablaufen musste, wo ich doch eine ganze Woche hier bin. Ich drehe mich auf den Rücken und betrachte das Kapitol auf dem Kopf. Es ist groß, weiß und genau, wie es immer in den Nachrichten ausgesehen hat. Langsam realisiere ich, dass es all diese Orte wirklich gibt. Dass ich hier bin und noch eine ganze Weile hier sein werde. Dass ein Lebenstraum kein Traum mehr ist, wenn man ihn wahrmacht. Nachdem mein Gesicht nicht mehr aussieht wie ein Pulsar und meine Haare nicht mehr antennenförmig abstehen, schieße ich ein Foto, das ich später an meinen Vater schicke mit den Worten Alles total entspannt hier in Washington!


Die White House Garden Spring Tour gibt einen ungewöhnlich nahen Einblick in die Brokkoli-Plantage des Präsidenten. Natürlich ist alles extrem gestellt und sogar eine kleine Marschkapelle spielt.

Mir wird dabei bewusst, dass ich dieses Tempo nicht noch dreieinhalb Monate durchhalten kann. Das ist kein Kurzurlaub. Und ich habe niemanden, der mir sagt, wann ich mal einen Tag mit dem Hintern im Haus bleiben sollte. Etwas, dass mir neben dem ganzen psychischen Stress gar nicht in den Sinn gekommen ist: Auch der Körper hat auf so einer langen Soloreise seine Grenzen.

Am nächsten Tag schieße ich mit der schicken Metro zum Pentagon. In meinem Rucksack befinden sich wenig luxuriöse Sandwichs. Wenn die Amerikaner eines nicht können, dann Brot. Falls der labberige, weiße Lederbrocken in meiner Tupperdose Brot darstellen soll. Vielleicht habe ich auch aus Versehen vertrocknete Quarkblöcke gekauft und mit Wurst belegt. Immerhin habe ich entdeckt, dass ich mir Brote für unterwegs machen kann, ohne mich übergeben zu müssen. Und kontaminiertes Besteck brauche ich dafür auch nicht. Außerdem kann ich so teure Restaurants umgehen, den ganzen Tag ohne Sorgen ums Essen draußen sein und mit Quarkwurstbroten an Brunnen und auf Mauern sitzen, während ich heimlich Menschen beobachte und nachdenke.


Die Architektur in Washington ist kleiner und gemütlicher als in New York. Nur selten gibt es Wolkenkratzer, dafür aber viele Ziegelbauten.

Als die Bahn das Pentagon erreicht, steige ich aus. Das bekannte, fünfeckige Gebäude ist Sitz des US-Verteidigungsministeriums und architektonisch spannend. Jede Stelle im Haus ist von jedem anderen Punkt im Bauwerk zu Fuß in weniger als sieben Minuten erreichbar. Vielleicht hatte ich erwartet, dass mich James Bond mit einem gerührten Martini begrüßt. Doch stattdessen patrouillieren überall Männer in Uniform mit einer Ansammlung an Waffen, die bei voller Eskalation eine mittelschwere Vernichtung der Menschheit auslösen würde. Auch von der markanten Form des Gebäudes sieht man aus der Nähe nichts mehr. Ich starre die Fassade an, die auch ein Parkhaus in Köln-Chorweiler sein könnte und bin enttäuscht. Zwar laufe ich noch ein bisschen hin und her, um mir zu beweisen, dass ich nicht völlig umsonst hergekommen bin, aber das macht es nicht weniger unspektakulär. Wenigstens noch ein paar langweilige Fotos schießen, denke ich und halte drauf. Während ich anschließend über den Bürgersteig zu einer Ampel schlendere, betrachte ich die Bilder auf dem Display der Kamera und zoome sie heran. Ein großes, rundes Schild mit einer durchgestrichenen Kamera sticht mir ins Auge. Obwohl die Ampel schon auf rot umspringt, renne ich schnell noch rüber. Muss ich das jetzt löschen? Ich tue so, als würde ich mir eine Informationstafel durchlesen, während ich hinüber zum Pentagon schaue, ob schon jemand meinen Haftbefehl ausfüllt. Ach Quatsch, ich wollte ja nicht mehr so paranoid sein!

Am Abend lädt Kathie mich ein, mit ihr fernzusehen. Ich wäre lieber allein, doch mein Wortschatz reicht nicht für eine fadenscheinige Ausrede, weshalb ich fünf Minuten später mit ihr auf der Couch sitze und Brooklyn Nine-Nine gucke. Obwohl ich nach zweieinhalb Wochen in den USA und englischem Dauerfeuer inzwischen ein bisschen mehr von den alltäglichen Konversationen um mich herum verstehe, klingen besonders Radio und Fernsehen immer noch nach einem rauschenden Wasserfall, aus dem mich einzelne Worte anspringen wie Lachse. Ich verrate ihr nicht, dass ich bloß Bahnhof verstehe und lache immer dann, wenn sie oder das Fake-Publikum im Hintergrund auch lachen. Dann steht sie auf und holt ein Stück Papier aus einer Schublade.

»Willst du da vielleicht morgen hingehen?«, fragt sie und reicht es mir. Es ist ein Ticket für die White House Garden Spring Tour. Die Gärten des Weißen Hauses sind normalerweise nicht zugänglich. Nur zweimal im Jahr werden sie zur Besichtigung für das Fußvolk geöffnet. Zum Beispiel morgen. »Ja, aber willst du denn da nicht hin?«, frage ich etwas panisch, weil ich nicht will, dass sie bloß wegen mir etwas verpasst. Sie lacht. »Ich war da schon ein paar Mal. Wenn du es nicht willst, gebe ich es meiner Schwester.« »Doch, will ich«, sage ich schnell. »Cool. Ich kann dich auch hinbringen. Ich arbeite in einem der Ministerien in der Nähe«, flötet sie, bevor sie sich wieder Brooklyn Nine-Nine widmet. Ich bin aufgeregt.

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Дата выхода на Литрес:
05 ноября 2024
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215 стр. 92 иллюстрации
ISBN:
9783866908086
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