Читать книгу: «Come on, Tiger!»
Sara-Maria Lukas
Hard & Love 6: Come on, Tiger
© 2021 Plaisir d’Amour Verlag, D-64678 Lindenfels
www.plaisirdamour.de
info@plaisirdamourbooks.com
Covergestaltung: © Sabrina Dahlenburg
(www.art-for-your-book.de)
Coverfoto: © Shutterstock.com
ISBN Taschenbuch: 978-3-86495-532-7
ISBN eBook: 978-3-86495-533-4
Sämtliche Personen in diesem Roman sind frei erfunden. Dieses eBook darf weder auszugsweise noch vollständig per E-Mail, Fotokopie, Fax oder jegliches anderes Kommunikationsmittel ohne die ausdrückliche Genehmigung des Verlages oder der Autorin weitergegeben werden.
Inhalt
Prolog
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Epilog
Autorin
Prolog
Vor ihren Augen flimmerte es und kalter Schweiß brach ihr aus. Sie glaubte, zu schwanken, und klammerte sich an die Kante des Empfangstresens der Carter GmbH, um darauf zu warten, dass ihr Kreislauf sich normalisierte.
„Hey, Antonia!“, hörte sie durch das Rauschen in ihren Ohren ihre Kollegin sagen und drehte den Kopf. Ihr Blick klärte sich. „Ja?“
„Du bist bleich wie eine Leiche. Hast du Fieber?“
Antonia konzentrierte sich. Der Eingangsbereich des Gebäudes schien heller als gewöhnlich, was ihr Kopfschmerzen verursachte, und das Grün des fast ein Meter fünfzig hohen Benjamini, der zwischen der breiten Treppe und dem Eingang stand, stach unnatürlich deutlich aus seiner Umgebung hervor. Beim Schlucken brannte es in ihrem Hals und sie fror. „Ich glaube, ich habe mir eine Grippe eingefangen.“
Silvia nickte. „Das glaube ich auch. Du musst nach Hause fahren und dich auskurieren!“
Antonia schüttelte energisch den Kopf. „Die paar Stunden bis zum Feierabend halte ich schon noch durch.“ Sie würde auf keinen Fall mitten am Tag ihren Arbeitsplatz verlassen. Da der Empfang immer besetzt sein musste, würde ihre Kollegin nicht mal zum Klo gehen können, wenn sie sie allein ließe.
Die Geräusche von Schritten auf der Marmortreppe und Männerstimmen wurden lauter. Antonia straffte sich und setzte ihr professionelles Lächeln auf, wie es sich für eine Mitarbeiterin am Empfangstresen gehörte.
Steven Carter, der Chef persönlich, begleitete einen Kunden zum Ausgang und nickte ihr im Vorbeigehen zu. „Ist das Taxi für Mr. Valentine schon da?“
Sie lächelte. „Es wartet vor der Tür.“
„Danke.“
Sie beobachtete, wie Mr. Carter seinen Gast und vermutlich neuen Geschäftspartner aus London bis zum Auto begleitete. Ihr Chef war gebürtiger Amerikaner und erst vor zwei Jahren, gemeinsam mit seinen Brüdern, nach Deutschland ausgewandert. Er hatte das damals marode Exportgeschäft gekauft und war auf dem besten Wege, es zu einem international erfolgreich agierenden Handelsunternehmen auszubauen.
Vermutlich war es die beeindruckende Souveränität, die Steven Carter stets ausstrahlte, die Kunden und Banken dazu brachten, mit ihm Geschäfte tätigen zu wollen. Wäre Antonia nicht mit Jonathan zusammen, der nach seinem Studium auf jeden Fall Karriere machen würde, würde sie sich in Steven Carter verlieben, denn sie fand bei Männern nichts anziehender als sichtbaren Erfolg und selbstsichere Gelassenheit.
Mr. Carter und Mr. Valentine verabschiedeten sich neben dem Taxi voneinander, dann stieg der Besucher ein und das Auto fuhr los.
Steven steckte die Hände in die Taschen seiner Anzughose, während er dem Taxi noch einen Moment nachsah, drehte sich schließlich um und schlenderte wieder herein.
In Antonias Nase kitzelte es, sie musste niesen. Schnell drehte sie sich zur Seite, zog ein Taschentuch aus dem kleinen Fach am Tresen und gab dem Reiz nach. In ihrem Schädel dröhnte es beim anschließenden Schnauben, als ob ihr jemand mit einem Hammer draufschlagen würde.
Ihr Boss trat an den Tresen heran. „Sind Sie krank, Frau Ludwig?“
Antonia schüttelte den Kopf und stopfte das Taschentuch in die Hosentasche, doch Silvia nickte eifrig. „Sie hat Schüttelfrost und wäre eben schon fast umgekippt.“
Er neigte leicht den Kopf, während sein Blick Antonia fixierte. „Fahren Sie nach Hause und legen Sie sich ins Bett.“
Antonia winkte hektisch ab. „Es geht schon. Es ist nicht so schlimm.“
„Es nützt uns gar nichts, wenn Sie Ihre Grippe verschleppen und dann später umso länger ausfallen. Ab nach Hause mit Ihnen.“
Er ging zwei Schritte Richtung Treppe, stutzte und drehte sich noch mal zu ihr um. „Sind Sie mit dem Auto hier?“
„Nein, ich fahre immer mit der U-Bahn.“
„Dann nehmen Sie ein Taxi.“
„Das ist nicht …“
„Auf Kosten der Firma natürlich.“ Er verschwand, ohne auf eine Antwort zu warten, und ehe Antonia sie stoppen konnte, hatte Silvia bereits den Telefonhörer in der Hand und wählte die Nummer des Taxirufs.
Fünfzehn Minuten später saß sie im Auto und ließ sich nach Hause fahren.
Sie sah auf ihre Armbanduhr. Es war erst kurz vor vierzehn Uhr. Jonathan würde frühestens in vier Stunden heimkommen. Mittwochs hatte er im Anschluss an die Vorlesungen immer ein Meeting mit seiner Arbeitsgruppe.
Seufzend lehnte sie sich zurück. Ein Jahr noch, dann wäre er mit seinem Studium fertig und sie könnte sich auf ihres konzentrieren, anstatt jeden Tag als ungelernte Kraft am Empfangstresen der Carter GmbH zu sitzen.
Ein Schaudern zog durch ihren Körper. Schüttelfrost.
Sie zog die Schultern hoch. Vermutlich hatte sie sich die Grippeviren in der U-Bahn eingefangen. Sie würde sich zu Hause gleich ins Bett legen, damit sie schnell wieder fit werden würde. Vielleicht sollte sie Jonathan anrufen, bevor sie sich schlafen legte. Er könnte ihr aus der Apotheke ein Schnupfenmittel mitbringen.
Sie erreichten ihre Straße in Ottensen und das Taxi hielt in der zweiten Reihe vor dem Haus. Als sie aussteigen wollte, wandte der Fahrer sich ihr zu. „Die Fahrt kommt auf die Monatsrechnung Ihrer Firma, wenn ich das richtig verstanden habe?“
Sie kannte den älteren Herren. Er war schon öfter für die Carter GmbH gefahren. „Ja. Genau.“
Er nickte. „Gute Besserung.“
„Danke.“
Antonia schlängelte sich zwischen den parkenden Autos hindurch und musterte irritiert einen Transporter mit offen Türen, in den zwei Typen Umzugskartons einluden. Sie hatte gar nicht mitbekommen, dass einer der Nachbarn seinen Auszug plante.
Stöhnend stieg sie die zwei Treppen zu ihrer Altbauwohnung hinauf. Es war anstrengend, und sie wollte schon erleichtert aufatmen, als sie um die Ecke bog und ihre Wohnungstür in Sicht kam. Doch dann stockte sie. Die Tür war offen und mehrere Umzugskartons und zwei gepackte Koffer standen mitten im Türrahmen, sodass der Weg hinein versperrt war. Was hatte das denn zu bedeuten?
Antonia kletterte über die Hindernisse und betrat den Flur. „Jonathan?“
Ihr Freund erschien im Türrahmen des Wohnzimmers und starrte sie an. „Was machst du denn schon hier?“
„Ich bin krank und früher gegangen. Was ist hier los?“
„Fuck.“ Er stöhnte und fuhr sich mit den gespreizten Fingern durch die Haare. „Ich wollte es dir in Ruhe erklären, aber …“
„Was wolltest du mir erklären?“ Ihre Stimme klang schrill und jede Silbe schien in ihrem Kopf zu dröhnen.
„Ich … ähm … ich … habe ganz plötzlich ein irre gutes Jobangebot bekommen und muss dafür nach München ziehen.“
Sie starrte ihn an wie ein Alien. Sie musste Halluzinationen haben. Aber die Szene verschwand nicht; Jonathan, die Kartons und die Koffer waren keine Einbildung, er stand immer noch leibhaftig und deutlich nervös vor ihr.
„Ich verstehe nicht …“, stammelte Antonia. „Was für ein Jobangebot?“
Er fuchtelte mit den Armen herum. „Es ging alles ganz plötzlich. Ich bekam das Angebot und musste mich sofort entscheiden. Ich wollte es dir heute Abend am Telefon sagen.“
„WAS für ein Job? Du bist doch mit deinem Studium noch gar nicht fertig!“
„Es gibt eben manchmal Chancen, die muss man ergreifen, auch wenn man eigentlich was anderes geplant hat.“
„Du schmeißt das Studium und ziehst holterdiepolter mal eben nach München?“
„Ja.“
„Für wie lange?“
„Ähm. Ich weiß nicht.“
„Eine Wohnung in München ist teuer … Du verdienst so viel, dass du dir das leisten kannst?“
„Sicher.“
In ihrem Kopf rotierten die Gedanken.
„Du hast schon eine Wohnung?“
„Äh … nein. Noch nicht.“
„Du denkst auch an mein Studium? Du musst dann nächstes Jahr zwei Wohnungen finanzieren.“
Eine Fernbeziehung zwischen München und Hamburg, sie würden sich nicht oft sehen. Wie stellte er sich das vor?
Er winkte ab. „Das wird schon. Mach dir keine Sorgen. Jetzt, am Anfang, verdiene ich noch nicht so viel. Ich muss mich ja erst einarbeiten, aber das wird schnell gehen.“
„Und was tust du da?“ Sie schüttelte den Kopf. „Ich meine, als was arbeitest du da? Was für eine Firma ist das?“
„Anlagenvermittlung. Ich werde Finanzmakler.“
Sie runzelte die Stirn. „Wie hoch ist dein Gehalt?“
„Ähm. Provision. Ich kriege Provision.“
„Du hast kein festes Einkommen?“
„Noch nicht.“
„Und du schläfst im Hotel?“
„Nein, ich ziehe vorläufig zu einem Freund, der mir den Job auch verschafft hat.“
Fassungslos schüttelte sie den Kopf. „So was musst du doch vorher mit mir besprechen!“
Er wich ihrem Blick aus. „Ja, sorry, es ging alles so schnell, ich hatte keine Zeit, lange zu überlegen. Es gab mehrere Bewerber, die heiß auf die Stelle waren.“
Die eisige Kälte einer bösen Vorahnung breitete sich in Antonias Brust aus. Sie schluckte. Jetzt nicht ausflippen. „Unsere Abmachung war, dass ich unseren Lebensunterhalt finanziere, solange du studierst, und du anschließend alles bezahlst, damit ich studieren kann“, sagte sie so ruhig wie möglich. „Darauf kann ich mich doch noch verlassen?“
Er sah an ihr vorbei an die Wand. „Es hat sich vieles geändert. Wir leben doch nur noch nebeneinanderher.“
Die Worte hallten in ihrem Kopf wider. Sie klangen, als ob er … Nein … das konnte nicht sein … das konnte er nicht meinen …
„Was hat sich denn geändert?“, fragte sie atemlos und ließ ihn dabei nicht aus den Augen.
Er stöhnte genervt. „Fuck! Du musst es doch auch merken. Wir haben uns auseinandergelebt. Du arbeitest nur noch und willst abends früh ins Bett, wir haben nicht mehr die gleichen Freunde, wir machen nichts mehr zusammen.“
Erst jetzt kapierte Antonia in vollem Umfang, was hier gerade geschah. Jonathan trennte sich von ihr. Der Feigling hatte sie heimlich verlassen wollen, um einer Auseinandersetzung aus dem Weg zu gehen. Allmählich stieg brodelnde Wut in ihr auf, und das schien er ihr anzusehen.
Er verzog das Gesicht, als hätte er Zahnschmerzen. „Ich wollte ja mit dir reden, aber du bist so bestimmend und dominant. Ich wusste einfach nicht, wie ich es dir sagen sollte.“
Hinter ihnen räusperte sich jemand und Antonias Kopf zuckte herum.
„War das alles?“, fragte einer der Umzugstypen im inzwischen leer geräumten Flur.
Jonathan nickte. „Ja. Sie können losfahren.“
Er nahm seine Jacke von der Garderobe und zog sie an. „Ich muss los. Ich rufe dich an und wir reden in Ruhe über alles.“
Ohne auf eine Antwort zu warten, lief er an ihr vorbei, aus der Wohnung hinaus, und zog die Tür hinter sich ins Schloss.
Stille, Fassungslosigkeit. Leere im Kopf.
Wie in Trance ging Antonia ins Wohnzimmer, nahm halb unbewusst wahr, dass der Raum fast leer geräumt war, und trat an das Fenster. Sie sah auf die Straße hinunter. Der Umzugswagen fuhr gerade los, und ihr Blick fiel auf einen silbernen Sportwagen, der auf der anderen Straßenseite stand. Am Steuer saß eine blonde Frau.
Jonathan lief hinüber, stieg auf der Beifahrerseite ein und das Auto fuhr los.
In Antonias Ohren rauschte es. Sie drehte sich um, torkelte in den Flur und ihr Blick fiel durch die offene Tür in die Küche. Hier fehlten keine Möbel, aber auf dem Tisch lag sein Hausschlüssel.
In ihrem Magen rumorte es. Bittere Galle füllte plötzlich ihre Mundhöhle. Sie würgte, presste eine Hand vor die geschlossenen Lippen, rannte ins Bad, fiel vor dem Klo auf die Knie, beugte sich über die Schüssel und übergab sich.
Zwei Tage und Nächte lang lag Antonia im Bett und ihre Welt verschwamm in einem dichten Fiebernebel. Während sie schlief, hatte sie Albträume; wurde sie wach, quälte sie sich auf die Toilette, kochte sich anschließend Tee und zwang sich dazu, ihn auch zu trinken, bevor sie wieder unter die Bettdecke krabbelte.
Wäre sie nicht ein so disziplinierter Mensch gewesen, der es von klein auf gewohnt war, sich selbst an den Haaren aus dem Dreck zu ziehen, hätte sie sich vielleicht nicht allein ins Leben zurückkämpfen können. So aber stand sie am Samstagmittag geduscht und fieberfrei in ihrer Küche und kochte sich eine Suppe, um wieder zu Kräften zu kommen. Sie rief in der Firma an, um auf der Mailbox zu hinterlassen, dass sie am Montag wieder zur Arbeit kommen würde, und räumte die Wohnung auf.
Jonathan hatte die Schränke, die er nicht mitgenommen hatte, durchwühlt und alles eingepackt, was er gebrauchen konnte, egal ob er oder sie es in ihre Lebensgemeinschaft mitgebracht hatte. Immerhin war er nicht so frech gewesen, ihr das Bett wegzunehmen. Doch der Laptop, den Antonia ihm erst zwei Monate zuvor für die Erstellung seiner Diplomarbeit neu gekauft hatte, war natürlich nicht mehr in der Wohnung.
Er würde zur Vernunft kommen, sagte sie sich. Er konnte nicht so leichtsinnig sein und sein Studium ein Jahr vor dem Abschluss hinschmeißen. Und er konnte nicht so gemein sein, ihre Abmachung zu ignorieren. Er lebte seit vier Jahren von ihrem Einkommen und wusste, dass sie nur studieren konnte, wenn er im Gegenzug währenddessen für sie sorgen würde.
Am Abend setzte sie sich ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher an, um ihr Gedankenkarussell zum Schweigen zu bringen. Sie zappte zwischen den Programmen hin und her und blieb bei einem Sender hängen, auf dem gerade eine dieser Promi-Klatsch- Sendungen lief. Nach einem Bericht über eine Sängerin, die eine neue Platte produzierte, während sie ihr zweites Kind erwartete, erschien eine strahlende Blondine auf dem Bildschirm. Der Anlass war eine Theaterpremiere und sie lief auf einem roten Teppich entlang. Ein junger attraktiver Typ folgte ihr.
Der sieht aus wie Jonathan, dachte Antonia, und eine Zehntelsekunde später zuckte sie zusammen, setzte sich aufrecht hin und ihr Körper versteifte sich. Es war Jonathan.
„Elisabeth Kalamanie, die Millionenerbin des gleichnamigen Konzerninhabers aus München, zeigte sich erstmals bei einem offiziellen Anlass mit ihrem Verlobten“, erzählte die Sprecherin im Fernsehen. „Das neue Traumpaar hat sich im Februar während eines Empfangs in Hamburg kennengelernt und sich auf der Stelle ineinander verliebt, wie uns Elisabeth verriet.“
Antonia starrte auf den Bildschirm. Im Januar? Sie hatten sich im Januar kennengelernt? Jonathan betrog sie seit Monaten mit einer Millionenerbin? Er hatte keinen Job in München, sondern war zu dieser Frau gezogen? Das konnte doch nicht wahr sein!
Doch. Es war wahr. Es war bittere Realität. Bilder des jungen Paares in der Villa ihrer Eltern und während der Verlobungsfeier in einem Hotel flimmerten über den Bildschirm. Der Vater der Braut, der seinem zukünftigen Schwiegersohn auf die Schulter klopfte; das junge Paar, das sich anstrahlte und anschließend küsste; eine Jacht, auf der die beiden Urlaub machten …
Das musste im März gewesen sein, als Jonathan angeblich Studienfreunde in Bayern besucht hatte und mit einem Sonnenbrand nach Hause gekommen war, den er sich angeblich beim Bergsteigen geholt hatte.
„Gott, bin ich dumm und blind gewesen.“ Antonia schüttelte den Kopf und ihr Oberkörper fiel zurück gegen die Couchlehne. Es hatte genug Hinweise gegeben. Sein immer größeres Desinteresse an Sex, das sie auf Lernstress zurückgeführt hatte, seine häufige Abwesenheit auch an den Wochenenden, seine immer spärlicher werdenden Berichte über seinen Alltag in der Uni …
Mit einer heftigen Bewegung griff sie zur Fernbedienung, schaltete den Fernseher aus und starrte ins Leere.
Manchmal wünschte sie sich, wie andere Frauen zu sein, die nach einer solchen Verarschung stundenlang weinen würden, sich mit ihren Freundinnen betrinken und über die Männerwelt lästern oder sich in einer Bar einen Trostfick organisieren würden. Antonia weinte nicht. Ihre Tränen waren schon vor langer Zeit versiegt. Sie hatte bereits als Kind gelernt, dass man Gefühlen nicht nachgeben und im Selbstmitleid baden durfte. Das machte alles nur noch schlimmer.
Probleme löste man nicht durch Jammern, und, wie sie gerade mal wieder erfuhr, auch nicht, indem man sich auf einen anderen Menschen verließ. Probleme löste man mit einem eisernen Willen, Disziplin, klarem Verstand und Unabhängigkeit. Nur wenn man mit beiden Beinen fest und aufrecht im Leben stand und sich auf seine eigene Stärke konzentrierte, konnte man allen Anforderungen unbeschadet begegnen.
Verflucht, sie hatte diese Lektion doch schon als Kind gelernt, wieso war sie trotzdem so blöd gewesen und auf den blonden Schönling mit dem sympathischen Lächeln hereingefallen?
Das würde ihr kein weiteres Mal passieren. Nie wieder würde sie sich verarschen lassen, nie wieder würde sie der Versuchung nachgeben, sich auf einen Mann zu verlassen, anstatt ihr Leben selbst im Griff zu haben.
Kapitel 1
Acht Jahre später
„Toni, kannst du schon sagen, ob du mit diesem chinesischen Dialekt etwas anfangen kannst?“
Antonia steckte den Teebeutel in den Becher, in den sie gerade kochendes Wasser gegossen hatte, drehte sich halb und hob den Kopf. Steven Carter stand im Türrahmen der kleinen Kaffeeküche des Büros.
Sie nickte. „Ich habe dir die Übersetzung eben schon als PDF geschickt.“
„Tatsächlich! So schnell!“ Er riss die Augen auf. „Du bist ein Genie!“
Sie winkte lachend ab. „Fremdsprachen sind nun mal meine Leidenschaft. Achte auf die letzte Seite der Gerätebeschreibung. Wenn du die Dinger so importierst, wirst du Probleme mit den deutschen Sicherheitsbestimmungen bekommen.“
„Alles klar. Ich lese es mir morgen durch. Du bist ein Schatz. Hätte ich nicht schon eine Frau, würde ich dich heiraten!“
„Ich dich aber nicht. Emma passt viel besser zu dir.“
Er grinste. „Dem kann ich nicht widersprechen. Dafür bist du meine wichtigste Mitarbeiterin geworden. Ich bin wirklich froh, damals den richtigen Riecher gehabt zu haben.“
Er verschwand und Antonia lächelte. Ja. Sie war auch froh, dass er ihr damals das Jobangebot gemacht hatte.
Sie konnte sich noch gut an das Gespräch mit ihrem Boss erinnern. Acht Jahre war es inzwischen her.
Nachdem das Arschloch Jonathan sie hängen gelassen hatte, hatte sie beschlossen, ihren Traum, internationales Management zu studieren, aufzugeben. Sie wollte stattdessen ihre Leidenschaft für Fremdsprachen nutzen, indem sie sich zur Übersetzerin ausbilden ließ, denn das konnte sie neben dem Job in der Abendschule machen. Um sich nicht zu überfordern, plante sie, ein Zimmer ihrer Wohnung an eine Studentin zu vermieten und dafür weniger Wochenstunden zu arbeiten. Als sie Steven Carter von ihren Plänen erzählte und ihn um eine Änderung des Arbeitsvertrages bat, machte er ihr das traumhafte Angebot, auf Kosten seiner Firma die Ausbildung zu absolvieren und anschließend als Übersetzerin für ihn zu arbeiten.
Während die Carter GmbH in den folgenden Jahren konstant wuchs und sich weltweit vernetzte, bekam Antonia ein eigenes Büro, regelmäßige Gehaltserhöhungen und lernte zusätzlich zu ihren Englischkenntnissen neben Französisch, Polnisch und Russisch auch noch Japanisch und Mandarin. Außerdem beriet sie ihren Chef in internationalen Angelegenheiten, und er nahm sie bei Reisen nach Asien mit, wenn es dort zu Verhandlungen mit Geschäftspartnern kam.
Vor zwei Jahren war die Firma aus dem alten, eher schäbigen Hafengebiet in Innenstadtnähe in ein Gebäude mit einer riesigen Lagerhalle gezogen. Nun arbeiteten sie in einem piekfeinen Bürogebäude, das den Erfolg des Unternehmens sichtbar repräsentierte und damit die Zusammenarbeit mit anderen großen Firmen förderte.
Antonia liebte ihren Job. Er hatte sich so entwickelt, wie sie sich einen Arbeitsplatz nach dem Studium immer gewünscht hatte. Und nicht nur das, Steven Carter war auch noch ein toller Chef und seine Frau Emma, die die Marketingabteilung des Unternehmens leitete, eine ihrer liebsten Kolleginnen.
Sie zog den Teebeutel aus dem Becher, gab einen Löffel Zucker hinein, rührte um und schlenderte mit dem Getränk in der Hand zurück in Richtung ihres Büros.
Steven verließ seines schon wieder, zog im Gehen seine Anzugjacke an und öffnete die Tür zu Emmas Zimmer. „Wir müssen los, Sweetheart. Die Maschine landet in fünfundvierzig Minuten.“
„Bin schon fertig“, hörte Antonia Emmas helle Stimme und dann erschien sie auch bereits im Flur. Emma sah, wie immer, megaattraktiv aus. Sie trug einen dunkelroten wadenlangen leichten Rock, schwarze Stiefeletten und eine gemusterte Bluse mit gestickten Rändern im klassischen Schnitt. Einen schlichten Blazer hatte sie sich über den Arm gehängt. Sie mixte gern einen weiblichen Folklorestil mit geschäftlicher Eleganz und hielt nichts von den typischen Frauen-Büro-Outfits, wie unbequemen High Heels, langen Fingernägeln oder hautengen Röcken. Die Haare hatte sie zu einem lockeren Knoten am Hinterkopf zusammengefasst. Sie und Steven in seinem Businessanzug bildeten optisch ein absolutes Traumpaar.
Arm in Arm liefen sie Richtung Treppe.
„Viel Spaß!“, rief Antonia ihnen nach.
„Danke!“
Die Familie erwartete einen Verwandten aus den USA. Das hatte Emma bereits vor ein paar Tagen erzählt. Ein Cousin des Chefs kam zu Besuch. Den holten sie jetzt vom Flughafen ab und fuhren mit ihm raus auf den Resthof an der Elbe, auf dem Stevens Brüder mit ihren Frauen lebten.
Antonia setzte sich an ihren Schreibtisch, um den nächsten Auftrag zu bearbeiten. Während sie ein paar Notizen ordnete, die neben der Tastatur verstreut lagen, sah sie vor ihrem inneren Auge Emma und Steven noch einmal durch den Flur laufen. Sie seufzte. Vielleicht war sie ein klitzekleines bisschen eifersüchtig, denn die beiden bildeten nicht nur optisch ein perfektes Paar, sie waren auch für alle Welt sichtbar glücklich miteinander. Da Antonia so eng mit Steven und Emma zusammenarbeitete, erlebte sie die beiden häufig zusammen. Allein die Art, wie sie sich ansahen, und diese kleinen Momente, wenn er ihr einen Stuhl zurechtrückte, ihr mit einer beiläufigen Geste eine Haarsträhne aus der Stirn strich, seine Hand auf ihren Rücken legte oder wenn sie seinen Arm berührte und lächelnd zu ihm aufsah, während sie ihm etwas erzählte. In jeder dieser kleinen Gesten waren deutlich der gegenseitige Respekt und die Liebe zwischen ihnen zu sehen. Steven war ein dominanter, selbstbewusster Typ mit einem starken Willen, doch er schaffte es, Emma auch bei heftigen Diskussionen und Meinungsverschiedenheiten stets mit Achtung und auf Augenhöhe zu begegnen. Er gab ihr mit seiner Männlichkeit Rückhalt, ohne sie wie eine schwache Frau zu behandeln. So sollte eine Partnerschaft sein.
Antonia seufzte noch einmal und musste über sich selbst lachen. Warum gab es nur so wenige Männer wie ihren Chef, die wussten, was sie wollten, die ihr Leben im Griff hatten und für eine Frau ein zuverlässiger Partner waren?
Sie lernte immer nur Typen kennen, die zwar auf den ersten Blick charmant und attraktiv wirkten, aber auf den zweiten zu den Kategorien der Loser, verwöhnten Mama-Söhnchen oder trägen Langweiler gehörten. Bei diesen Männern hatte sie immer das Gefühl, sie suchten eine Beziehung, um jemanden zu haben, der sie versorgte und ihnen abends den Rücken kraulte.
Sie schnaubte verächtlich. Seit ihren Erfahrungen mit Jonathan reagierte sie extrem empfindlich und allergisch auf Typen, die in einer Beziehung mehr nahmen, als sie geben wollten. Bevor sie sich noch mal auf so einen einließ, würde sie eher alleinstehend alt werden.
*
Mit über die Schulter gehängter Reisetasche schlenderte Mason gemächlich durch die Ankunftshalle des Hamburger Airports. Neben den Rolltreppen blieb er stehen und sah sich um. Er hatte mit Steven verabredet, dass sie sich am Info-Schalter für Touristen treffen wollten. Als er den entdeckte, winkte auch schon jemand von dort, und er erkannte seinen Cousin neben einer schlanken Frau mit braunen Haaren. Das musste Emma sein. Er hatte mehrere Bilder gesehen, auf denen sie abgebildet gewesen war, und ab und zu hatten sie in den letzten Jahren ja auch mit der ganzen Familie geskypt.
Sie gingen aufeinander zu und Steven öffnete die Arme.
„Welcome to Germany, old boy.“
Er zog Mason an seine Brust und sie klopften sich gegenseitig auf die Schultern. „Rede Deutsch, Stevie. Wenn ich schon mal hier bin, kann ich auch die Zeit nutzen, um meine alten Sprachkenntnisse aufzufrischen.“
„Alles klar, wird gemacht.“
Sie lösten sich voneinander und Mason streckte Emma die Hand entgegen. „Du bist zweifellos Emma. Schön, dass ich endlich die Frau persönlich kennenlerne, die unseren Steven zu einem seriösen Mann gemacht hat.“
Sie kicherte. „Ich glaube, er hat eher mich zu einer unseriösen Frau gemacht.“
Mason lachte, nahm sie in den Arm und drückte ihr einen Kuss auf die Wange. „Du gefällst mir, Sweetheart.“
Steven deutete auf seine Reisetasche. „Ist das dein ganzes Gepäck?“
Mason nickte. „Ich mache Urlaub, da braucht man doch nur zwei Jeans, ein paar T-Shirts, Unterwäsche und Socken.“
„Wie war dein Flug?“, fragte Emma, während sie sich Richtung Ausgang in Bewegung setzten.
Steven winkte ab. „Das brauchst du ihn nicht zu fragen. Mason fliegt grundsätzlich First Class, trinkt literweise Champagner und lässt sich vom Personal ein Drei-Gänge-Menü servieren, bevor man ihm liebevoll sein Bettchen richtet, damit er den Rest des Fluges verschlafen kann.“
Mason seufzte. „Und das Schlaflied hat der Typ neben mir gesungen, als er wie ein Holzfäller geschnarcht hat.“
„Oh je, du Armer.“ Emma legte ihre Hand auf seinen Arm. „Dafür wartet auf dem Hof ein gemütliches Gästezimmer mit einem riesengroßen Bett auf dich. Cat hat sogar eine neue Matratze gekauft, damit du dich auch ganz sicher in der Familie wohlfühlst, obwohl du höchsten Luxus gewohnt bist.“
Mason lachte. „Das hört sich gut an.“
Sie verließen das Flughafengebäude. Ein frischer Wind blies um die Ecke und Mason schauderte. „Ganz schön kalt in Hamburg.“
Emma winkte ab. „Wir hatten gestern Abend ein Gewitter, dann ist es am nächsten Tag manchmal frisch. Für morgen haben sie wieder sommerlichere Temperaturen angesagt.“
Sie liefen zum Parkhaus hinüber und zehn Minuten später fädelte Steven den Wagen in den laufenden Verkehr des Autobahnzubringers ein.
Mason sah aus dem Fenster und ließ die ersten Eindrücke des fremden Landes auf sich wirken. Seit Ian und Annabell regelmäßig zwischen Los Angeles und Hamburg pendelten, hatten seine Cousins ihn immer wieder eingeladen, sie zu besuchen.
Doch dann war Mary krank geworden, und weil sie keine Familie hatte, hatte er sie in den Club geholt und sich um sie gekümmert, anstatt Urlaubsreisen zu unternehmen. Im letzten Jahr hatte der Krebs den Kampf gewonnen. Mary war gestorben, und für ihn wurde es Zeit, mal was anderes als den Club oder sein Büro zu sehen.
Seufzend rieb er sich über das Gesicht. Er hatte Mary nicht geliebt. Sie waren nie ein Paar gewesen. Sie hatte viele Jahre in seinem Club gearbeitet und dabei waren sie Freunde geworden, die, wenn sich die Gelegenheit dazu ergab, angenehme Sessions miteinander zelebrierten. Dennoch war es hart für ihn gewesen, zuzusehen, wie die Krankheit sie allmählich zerstört hatte.
Steven knuffte gegen seinen Arm und holte ihn damit aus den Erinnerungen in die Gegenwart zurück. „Ich hoffe, du hast für deine Zeit hier noch keine Pläne gemacht.“
„Nein, warum sollte ich?“
„Cat hat eine lange Liste von Unternehmungen aufgeschrieben, die wir alle zusammen mit dir abarbeiten sollen.“ Emmas helle Stimme klang von der Rückbank nach vorn und er stöhnte.
„Dies ist seit Langem mein erster richtiger Urlaub. Ich wollte es eigentlich ruhig angehen lassen.“
Steven zwinkerte. „Wir passen auf, dass die Frauen dich nicht zu sehr vereinnahmen. Aber richte dich schon mal darauf ein, ein paar Kilo zuzunehmen. Cat backt den besten deutschen Butterkuchen, den du dir vorstellen kannst.“
„Das hört sich gut an. Seit eure Mutter damals gestorben ist, habe ich diesen herrlichen Kuchen nie wieder gegessen.“
*
Leise eine Melodie summend, räumte Antonia ihren Schreibtisch auf und verließ ihr Büro. Stevens Assistentin war auch schon gegangen und auf der ganzen Etage herrschte bereits abendliche Ruhe. Ihr gefiel die Atmosphäre in der Firma.
Antonia lief die Treppe hinunter, ging am Empfangstresen vorbei und wandte sich Richtung Hinterausgang. Durch einen schmalen Durchgang gelangte sie in die große Lagerhalle. Wenn man diese durchquerte, kam man an der dem Haupteingang gegenüberliegenden Hauptstraße heraus.
Sie steckte ihre Karte in das Lesegerät und die schwere Stahltür sprang auf. Auch im Lager arbeitete um diese Zeit niemand mehr, und ihre Schritte hallten auf dem grauen Betonboden, während sie durch die breiten Gänge mit den hohen Regalen rechts und links zum großen Tor auf der anderen Seite lief. Die Abkürzung durch die Lagerhalle nutzte sie immer, wenn sie, wie an diesem Abend, nicht nach Hause fuhr, sondern sich noch verabredet hatte. Sie gelangte so auf kürzestem Weg zu den Landungsbrücken und musste nicht um den gesamten Gebäudekomplex herumlaufen.
Vor der Halle an der Laderampe standen drei Lkws mit Containern, die vermutlich noch nicht entladen worden waren. Zwei der Lagerarbeiter waren noch da, obwohl sie längst Feierabend hatten. Sie lehnten an der Wand, rauchten und redeten mit drei anderen Männern, die dunkle Anzüge trugen. Antonia wunderte sich kurz, wurde jedoch abgelenkt, weil ihr Smartphone in der Tasche brummte. Sie blieb stehen und zog es heraus.
Eine Nachricht von Lilly. Ich habe uns schon zwei Cocktails bestellt.
Antonia schüttelte schmunzelnd den Kopf. Typisch Lilly, immer die Erste und immer ungeduldig.
Sie blieb stehen. Bin auch gleich da, tippte sie, ließ das Handy wieder in die Tasche fallen und setzte ihren Weg fort. Um das Grundstück der Carter GmbH durch den Fußgängereingang, der in das riesige geschlossene Schiebetor integriert war, zu verlassen, brauchte sie erneut ihre Magnetkarte.
Sie verließ das Gelände und schloss hinter sich die Tür. Ein Auto parkte an der Seite der Zufahrt. Da hatte wohl mal wieder jemand das Parkverbotsschild missachtet. Das kam häufig vor, denn viele Autofahrer glaubten, dass sie nach Geschäftsschluss in der privaten Einfahrt parken könnten, ohne Ärger zu bekommen. Manchmal standen die Autos jedoch morgens noch da und behinderten die Lkws, die sich an ihnen vorbeischlängeln mussten, um an die Lagerhalle heranzufahren.
Antonia ging an der Limousine mit den getönten Scheiben vorbei und holte ihr Handy heraus, um das Nummernschild zu fotografieren. Sie würde Steven das Bild mailen, dann konnte er entscheiden, ob er Anzeige erstatten wollte.
Sie erreichte die Hauptstraße. Hier wandte sie sich nach rechts. Die Leuchtreklame des Lokals, in dem sie sich mit ihrer Freundin verabredet hatte, war schon zu sehen. Wie auf Kommando knurrte ihr Magen und sie freute sich auf einen angenehmen Abend.
Es war wirklich ein Glücksfall gewesen, dass Lilly vor drei Jahren die Wohnung gegenüber von ihrer eigenen gemietet hatte. Sie hatten sich auf Anhieb supergut verstanden und verbrachten seitdem mindestens einen Abend in der Woche miteinander.
Gut gelaunt betrat Antonia das Restaurant, entdeckte Lillys weizenblonden Lockenkopf an einem Fensterplatz und setzte sich zu ihr.
„Heute also Mojitos.“ Antonia grinste, als sie sich Lilly gegenübersetzte und die beiden Cocktailgläser auf dem Tisch stehen sah.
Lilly zwinkerte. „Wir müssen doch unserem Rhythmus treu bleiben.“
„Aber vor dem zweiten muss ich erst etwas essen, sonst fange ich an, zu lallen.“
„Einverstanden.“
Sie ließen sich die Speisekarten bringen und bestellten.
Während sie aßen und sich anschließend einen weiteren Cocktail bringen ließen, hatten sie sich wie immer viel zu erzählen. Sie beachteten die anderen Gäste um sie herum nicht, bis plötzlich zwei Typen in Businessanzügen vor ihrem Tisch standen. Der Blonde mit sexy Wuschelfrisur zeigte ein charmantes, jungenhaftes Lächeln. „Hey, ihr Hübschen. Habt ihr noch Platz für zwei nette Jungs an eurem Tisch?“
Bevor Lilly reagieren konnte, scannte Antonia die beiden bereits mit einem schnellen Blick und traf ihre Entscheidung. „Nein. Alles besetzt“, antwortete sie, ohne eine Miene zu verziehen.
„Ups.“ Der Blonde grinste schief. „Stören wollen wir natürlich nicht.“ Er schlug seinem Freund auf die Schulter. „Lass uns lieber gehen, bevor die Dame noch aggressiv wird.“
Sie verzogen sich und Lilly gluckste. „Meine Güte,
du kannst aber auch arrogant rüberkommen. Hast du das vor dem Spiegel eingeübt oder ist das ein angeborenes Talent?“
Antonia verdrehte die Augen. „Sag nicht, ich hätte diesen Spinner an unseren Tisch lassen sollen.“
Lilly wiegte leicht den Kopf hin und her. „Ihn vielleicht nicht, aber sein Freund hatte dieses gewisse Etwas.“ Sie seufzte. „Ich mag ja diese harten Typen, die nicht lange fragen, sondern sich im Bett nehmen, was sie wollen. Und der sah so aus, als wäre er einer von dieser Sorte.“ Sie trank einen Schluck. „Außerdem hatte er eine teure Uhr am Handgelenk, er scheint also kein Loser zu sein.“
Unauffällig sah Antonia zu den beiden hinüber, die sich an den Tresen gestellt hatten und dort gerade Getränke bestellten. Lilly hatte recht. Der Begleiter des blonden Schönlings verkörperte das Gegenteil von Freundlichkeit. Er hatte ein ernstes, kantiges Gesicht, eine drahtige Figur und sehr kurze schwarze Haare. Ausgerechnet in diesem Moment sah er zu ihr hinüber. Ihre Blicke begegneten sich und seiner war nicht gerade freundlich.
Lilly hatte recht. Die Aura dieses Mannes verleitete eine Frau dazu, sich ihm unterzuordnen … wäre sie devot veranlagt. In Antonias geheimen erotischen Fantasien kamen solche Typen vor, aber in der Realität entsprach es nicht ihrer Natur, sich auf einen von ihnen einzulassen. Dafür war sie viel zu emanzipiert.
„Den findest du auch heiß, gib’s zu.“ Lilly kicherte und Antonias Blick zuckte herum. „Was?“
„Du hast ihn angestarrt. Du fährst auf ihn ab.“
„Quatsch.“
„Feigling.“
Antonia schnaubte und trank einen Schluck von ihrem Cocktail. Lilly tätschelte ihren Arm. „Wenn du weiterhin alle Männer verscheuchst, bevor sie überhaupt die geringste Chance haben, dich kennenzulernen, wirst du einsam alt werden, Schätzchen. Denk mal darüber nach.“
Kapitel 2
Mason trank einen Schluck von diesem herrlichen deutschen Bier und lehnte sich zurück. Acht Leute saßen um ihn herum am Tisch. Logan und Cat, Jason und seine Rosie, Tyler und Annabell, Steven und Emma. Mit den Brüdern hatte er seine halbe Kindheit verbracht, die Frauen hatte er erst an diesem Abend so richtig kennengelernt.
Cat wirkte weniger weiblich als Emma und auf sympathische Art frech jugendlich. Sie trug eine Brille mit runden Gläsern und bewegte sich energisch bei allem, was sie tat, während Emma das Gegenteil zu sein schien. Sie machte einen eher ernsten, lebenserfahrenen Eindruck. Sollte er Annabell beschreiben, fiele ihm als Erstes das Wort süß ein. Dass ausgerechnet diese zierliche, kleine Frau sich den harten und wenig sensiblen Tyler geschnappt hatte, war irgendwie rührend. Sobald die beiden sich ansahen, wurde seine Mimik weicher und ihr sanftes Lächeln erhellte den Raum.
So unterschiedlich die Frauen auch waren, so gut schienen sie sich miteinander zu verstehen.
Er lehnte sich zurück. Ja, die Atmosphäre zwischen den Mitgliedern seiner deutschen Verwandtschaft gefiel ihm definitiv sehr gut. Er fühlte sich wohl.
Aus L.A. kannte er vorwiegend eine Welt, nämlich die der Schönen und Reichen. In seinem BDSM-Resort ging es zwar familiär zu, doch um die Exklusivität zu finanzieren, mussten die Preise entsprechend sein, und so trafen sich auch hier nur Leute der gehobenen gesellschaftlichen Schichten.
In diesem norddeutschen ehemals landwirtschaftlichen Betrieb herrschte eine ganz andere Atmosphäre, und die gefiel ihm gut. Die Menschen lebten unkompliziert, genau so, wie sie sich wohlfühlten. Die Küche war riesengroß und nicht aufgeräumt. Auf dem Schrank lagen, neben zwei Pfeffer- und Salzstreuern, eine Handvoll Isolatoren für einen Elektrozaun, Papiertaschentücher, drei Kugelschreiber, ein Hammer und eine angebrochene Packung Kondome.
Mason hatte noch nie so unterschiedliche Dinge in einer Küche zusammenliegen gesehen.
Als sie am späten Nachmittag auf dem einsam gelegenen Hof angekommen waren, hatten Emma und Steven sich als Erstes aus ihren Businessklamotten befreit. Emma war mit einer appetitlich engen Jeans und fröhlich wippenden Zöpfen im Stall verschwunden, um sich um ihr Pferd zu kümmern und Cat zu helfen, die Esel, Schafe, Hühner, Kühe und Ponys zu versorgen, die hier ebenfalls logierten. Logan hatte ihn am Nachmittag auf dem Gelände herumgeführt und ihm alles gezeigt. Cat betrieb einen Tiererlebnishof. Nun konnte er sich gut vorstellen, wie Schulklassen herkamen, um die Tiere, deren Fleisch sie mittags auf dem Teller hatten, lebendig kennenzulernen. Die anderen Familienmitglieder waren erst später zum Essen zu ihnen gestoßen.
„Sollen wir morgen Abend einen Ausflug in die Hamburger SM-Szene unternehmen?“, fragte Logan, der links neben ihm saß.
Mason nickte gähnend. „Wenn ich bis dahin meinen alten Körper dazu gebracht habe, die geänderten Tageszeiten zu akzeptieren, gerne.“
Emma, auf seiner anderen Seite, kicherte. „Die Stadt-SMler sind doch langweilig.“ Sie beugte sich vor, um an Mason vorbei in Logans Gesicht zu sehen. „Hast du ihm schon die neue Liebesschaukel gezeigt, die Jason letzten Monat konstruiert hat? So was Geiles hat kein BDSM-Club in Hamburg.“
Logan zwinkerte ihr grinsend zu. „Ich glaube, einer meiner Brüder hatte für heute Abend angekündigt, das gute Stück benutzen zu wollen.“
Augenblicklich nahmen Emmas Wangen eine erfrischend rötliche Färbung an und ihre Augen begannen zu glänzen, während ihr Blick zu Steven huschte.
Mason schmunzelte. Da hatte ganz offensichtlich jemand Lust auf eine Session. Er drehte den Kopf und sah über den Tisch zu Steven hinüber. Der hatte anscheinend zugehört, denn seine Wangen zuckten, als er den Blickkontakt zu seiner Frau suchte. Schmunzelnd beobachtete Mason den stillen Flirt zwischen den beiden.
„Wir werden Mason die vielfältigen Funktionen des neuen Möbels vorführen“, sagte Steven mit undurchdringlicher Miene. „Geh schon mal rüber und schalte das Licht im Ausstellungsbereich ein, Em.“Emmas Finger spielten nervös mit ihrer Serviette, bevor sie aufstand, ein „Okay“ wisperte und Richtung Tür laufen wollte.
„Halt.“ Steven winkte sie zu sich, drehte sich halb vom Tisch weg, spreizte die Beine und deutete dazwischen. „Komm her.“
Sie eilte zu ihm und kniete sich zwischen seine Oberschenkel. Er griff in ihre Haare, zog ihren Kopf in den Nacken und flüsterte ihr etwas ins Ohr. Sie schlug die Lider nieder und antwortete ihm genauso leise.
Er lächelte, küsste sie und ließ sie wieder los.
Sie lief hinaus.
Durch das Fenster beobachtete Mason, wie Emma über den Hof eilte und in der ehemaligen Scheune verschwand, in der Jason und Logan ihre Möbeltischlerei eingerichtet hatten. Es gab mehrere lange Fenster, die jedoch so hoch in der Wand eingebaut waren, dass man nicht hineinsehen konnte. Einen Moment später schimmerte Licht durch sie nach draußen, das nicht von hellen Neonröhren, sondern eher von zielgerichteten Spots zu kommen schien.
Während sich Steven weiterhin mit seinen Brüdern und deren Frauen unterhielt, stellte sich Mason vor, wie Emma jetzt neben den SM-Möbeln auf ihren Mann wartete, ohne zu wissen, welche fiesen sadistischen Spielereien er für sie geplant hatte. Bei diesen Gedanken begann sein Schwanz in der Hose zu zucken.
Gemächlich schlenderten Steven und Mason eine Viertelstunde später über den Hof.
„Als ich Emma kennengelernt habe, hatte ich keine Ahnung von ihren Neigungen“, erzählte Steven und lachte. „Sie hat für mich gearbeitet, und ich wäre im Traum nicht darauf gekommen, dass sie die Frau meines Lebens sein könnte.“
Mason zwinkerte und drückte kurz Stevens Schulter. „Sie hat dich verändert, du wirkst nicht mehr so rastlos wie früher.“
„Das stimmt. Em hat mich verändert.“
„Ich freue mich darauf, euch während der Session zuzusehen.“
Sie erreichten die Tür der Scheune und traten ein.
Links befand sich eindeutig der Arbeitsbereich, denn im Halbdunkel erkannte Mason jede Menge Werkzeug in Regalen lagernd oder an der Wand hängend und eine Hobelbank. Rechts ging es durch einen offenen Durchgang in den Ausstellungsbereich der gefertigten Möbel.
Als sie hineinschlenderten, sah Mason sich in Ruhe um. Das rustikale Ambiente der Scheune passte hervorragend zu den stabilen SM-Möbeln, die den Eindruck vermittelten, aus einer mittelalterlichen Burg entnommen worden zu sein. Ein gewaltiges Andreaskreuz aus dicken, dunklen Balken, mit klobigen Ketten und ledernen Manschetten bestückt, befand sich an der Wand. Ein breiter, gepolsterter Strafbock stand an der Seite, daneben ein langer, stabiler Tisch, der an eine Streckbank erinnerte.
Ein Käfig an der anderen Wand lenkte den Blick auf sich, und ihm gegenüber stand ein Thronsessel, der so geformt war, dass er sich bestens dazu eignete, eine Sub übers Knie zu legen.
Wie Mason es aufgrund des Lichtschimmers im Fenster vermutet hatte, wurden alle Möbel von kleinen Scheinwerfern angestrahlt, die raffiniert versteckt am Balkenwerk des alten Gebäudes installiert waren.
Der Stil der Möbel war Mason nicht fremd, denn nach teils gleichen, teils ähnlichen Plänen seines Cousins hatte er auch mehrere Spielzimmer in seinem Club eingerichtet.
Sie bogen um eine mobile Trennwand, und der Anblick, der sich ihm nun bot, veranlasste ihn dazu, zu schmunzeln. Das neue Spielgerät machte garantiert großen Spaß. Es bestand aus einem massiven mannshohen Gerüst in Form eines Würfels.
Von den oberen Balken hingen vier dicke eiserne Ketten herab, die mittig eine breite Holzplanke unter sich trugen, die etwas mehr als einen Meter lang war und wie eine Schaukel hin und her schwingen konnte.
„Das erinnert mich an die Schiffsschaukel, die es in unserer Kindheit auf den Jahrmärkten gab“, stellte Mason fest und Steven lachte.
„Stimmt, an die habe ich auch sofort gedacht, als Jason mir die Zeichnung für das Ding zeigte.“
Sie schlenderten näher. Mason strich mit der flachen Hand über die lackierten glatten Holzflächen, als sie davorstanden. „Wunderschön.“
Steven räusperte sich. „Komm raus, Em. Wenn ich dich holen muss, wirst du die nächsten drei Tage nicht gut sitzen können.“
In der Ecke raschelte etwas. „Fang mich doch!“
Ein leises Kichern folgte der Aufforderung.
Schmunzelnd lehnte sich Mason mit dem Hintern an einen Tisch und verschränkte die Arme vor der Brust, um zu genießen, wie sein Cousin von seiner Sub an der Nase herumgeführt wurde. Aus der anderen Richtung drangen ebenfalls Geräusche an sein Ohr. War noch jemand im Raum?
Plötzlich klickte es und das Licht ging aus.
„Au!“ Das war Stevens Stimme. „Du hast mich gekniffen, du Biest! Wehe dir, du kleines Monster, das wirst du bereuen!“
Rascheln. Geräusche von Füßen auf dem Betonboden. Kichern.
Mason spürte einen Luftzug, dann zog ihn etwas an den Haaren und er griff reflexartig zu.
Eine Frau kreischte auf und strampelte. Er hatte sie am Arm erwischt und zog sie näher. Sie fiel halb gegen ihn, und er drehte sie mit einem geübten Griff um, sodass sie mit dem Hintern an seiner Vorderseite klebte. Er drehte ihren Arm auf den Rücken und legte den anderen um ihre Kehle. Sein Schwanz drückte sich fest gegen ihren Arsch.
„Aaah! Gnade!“ Das war nicht Emmas Stimme, doch Mason hatte keine Zeit, sich nach dem Namen seiner Gefangenen zu erkundigen, denn in diesem Moment schepperte etwas, ein Schrei ertönte und schrilles Kichern folgte. Das Licht ging wieder an. Steven stand am Schalter neben dem Eingang und hatte sich die splitterfasernackte Emma über die Schulter geworfen.
Mason senkte den Blick auf das Monster, das sich unter seinem Zwangsgriff herrlich aufreizend an seinem Körper wand. Leider war es nicht nackt wie Emma, sondern trug Jeans und ein T-Shirt. „Cat, was für eine nette Überraschung.“
Sie drehte halb den Kopf und zog die Nase kraus. „Mist. So hatten wir das nicht geplant.“
Mason legte den Kopf in den Nacken und lachte schallend. Selten hatte er Frauen getroffen, die so herrlich entspannt mit ihren Neigungen umgingen.
Steven grinste ebenfalls. Er öffnete die Außentür und beugte sich kurz hinaus. „Lo! Deine Frau flirtet mit Mason.“ Er schloss die Tür wieder und seufzte. „Oh, oh, Cat, ich fürchte, an diesen Abend wirst du dich noch lange erinnern, denn wir werden uns sicher bald an hübschen knallroten Striemen auf deinem Hinterteil erfreuen dürfen.“
„Emma ist schuld! Die hatte die Idee, euch einen Streich zu spielen.“
„Das ist nicht wahr! Du Verräterin“, kreischte Emma und trommelte mit ihren kleinen Fäusten auf Stevens Hintern. „Lass mich runter!“
Die Tür ging auf und Logan schlenderte herein. „Ich habe mich schon gewundert, warum Cat nicht längst vom Klo zurückgekehrt ist.“ Er verschränkte die Arme vor der Brust. „Was hast du an Masons Körper zu suchen, Babe? Der Knabe ist doch viel zu alt für dich.“
„Zu alt? Du spinnst wohl“, murmelte Mason.
„Oh Scheiße“, fluchte Cat auf wenig weibliche Art.
Steven bugsierte Emma unter eine dicke, schwere Kette, die von einem Balken herabhing. „Gib mir ein paar Manschetten rüber, Bruder.“
Logan trat an einen Schrank und holte gepolsterte Lederfesseln aus einer Schublade heraus. Dann drehte er sich zu Steven um, reichte sie ihm und hielt Emmas Arme, während Steven ihr die Fesseln anlegte und mit Karabinern an das letzte Kettenglied hakte. Anschließend trat er an einen dahinter aufragenden Balken, an dem, wie bei einem Flaschenzug, das andere Ende der Kette befestigt war. Er zog sie so hoch, dass Emmas Körper gestreckt wurde, sie aber noch genügend Halt auf dem Boden hatte.
Logan stellte sich neben Mason, griff in Cats Haare und zog ihren Kopf zu sich herum. „Gib mir deine Brille, Sweetheart. Nicht, dass die noch kaputtgeht. Mein amerikanischer Cousin ist bekannt für eine äußerst effektive Schlagkraft.“
Mason spürte ein leichtes Beben in Cats Körper und strich mit der flachen Hand unter ihrem nach oben gerutschten T-Shirt über ihren Bauch. Die Berührung entlockte ihr ein Zucken.
Logan legte die Brille auf den Schrank, der sich an der Seite befand. Er grinste genüsslich, als er sich vor Cat stellte, den Knopf ihrer Hose öffnete und ihr die Jeans, inklusive ihrem süßen Stringtanga, bis zu den Kniekehlen hinabzog. „Voilà, Cousin. Es ist angerichtet.“
Mason drehte sie um, beugte sie über die Lehne des großen Thronsessels und packte sie mit der linken Hand fest im Genick. Dann wanderte er mit der rechten zu Cats nun entblößten strammen Arschbacken. Er kniff hinein und erneut ging ein Beben durch ihren Körper.
„Wie lautet dein Safeword, Cat?“
„Ich glaube, das habe ich gerade vergessen“, quietschte sie.
Mason lachte. „Ihr deutschen Frauen habt anscheinend eine seltsame Interpretation von Devotion. Du schreist ROT, sollte es dir zu viel werden.“
„Okay, Mr. USA.“
Sich um den Arsch einer Frau zu kümmern, war für Mason schon immer einer der wichtigsten und elementarsten Bestandteile seiner SM-Welt und er würde es auch dieses Mal uneingeschränkt genießen. Sanft streichelte er die weiche Haut seines Opfers. Cat zuckte und spannte ihre Gesäßmuskeln immer wieder ruckartig an. „Bist du nervös, Kleine? Angst vor Striemen?“, fragte Mason.
„Nee, kein bisschen.“
Lachend tätschelte er ihr festes Fleisch, was sie erneut quietschen ließ. Er begann, locker schlagend ihre Haut aufzuwärmen, und sie entspannte sich langsam, genoss ganz offensichtlich diese besondere Variante eines Vorspiels.
„Nun wird’s ernst, Süße“, kündigte er schließlich an, beugte sich vor und drückte einen Kuss auf ihre rechte Arschbacke. Er streichelte ihre Oberschenkel so, dass seine Fingerspitzen die Nervenbahnen der Innenseiten ihrer Schenkel erreichten. Sie reagierte prompt mit einem leisen Stöhnen und dem kaum sichtbaren Öffnen der Beine. Mason schmunzelte. Er sah auf und nickte Logan zu. „Gib mir das, was sie am meisten mag.“
Sein Cousin nickte und reichte ihm einen Rohrstock. Mason ließ ihn, ohne zu zögern, auf ihren Arsch klatschen. So plötzlich hatte Cat den heftigen Schmerz nicht erwartet. Sie bäumte sich unter seinem Griff auf und schrie, was Masons Schwanz dazu veranlasste, freudig in der Jeans zu zucken. Ja, so gefiel ihm dieses Spiel.
Mason ließ seinen Sadismus von der Leine und verabreichte der frechen Sub über der Sessellehne zehn mittelharte Hiebe, gleichmäßig auf beide Pobacken verteilt. Cat verlor komplett die Selbstbeherrschung, zappelte. Sie wand sich, stöhnte und schluchzte und schenkte ihm damit puren Genuss.
Er hielt inne. „Bist du jetzt feucht, Cat?“
„Mmh.“
„Ich habe dich nicht verstanden.“
„Jaaaa, verdammt!“
„Du bist unhöflich. Ich schätze, meine Zuwendungen waren noch nicht intensiv genug.“
Diese Frau wollte an ihre Grenzen gebracht werden. Bitte schön. Er würde ihr den Gefallen mit Vergnügen tun.
„Noch zehn, Cat“, kündigte er an und zielte nicht mehr nur auf ihren Arsch, sondern auch immer wieder auf den empfindlichen Ansatz ihrer Oberschenkel. Schon beim ersten kräftigen Hieb bäumte sie sich auf, zwei, drei Schläge lang wehrte sich ihr Körper. Aber dann kam der Moment, den Mason am meisten liebte, ihre sichtbare Hingabe. Sie ergab sich ihm, fügte sich in ihr Schicksal, ihr Körper wurde weich, ihr Schreien zu gelöstem Stöhnen.
Nach dem letzten Schlag ließ Mason ihren Nacken los und streichelte genüsslich über ihre geschundene Haut. „Wunderschön, Cat. Vielen Dank für dein Vertrauen.“
Sie blieb regungslos liegen und schniefte, anstatt ihm zu antworten.
Er nickte Jason zu. Der beugte sich vor, griff sie an beiden Oberarmen und zog sie hoch. Er schob sie zum Strafbock und legte sie bäuchlings darüber. Mit einem Griff zog er ihr die immer noch in den Kniekehlen hängende Jeans und den Slip ganz aus.
„Beine breit“, befahl er rüde, öffnete seine Hose und zog seinen Schwanz heraus. Er packte sie um die Taille und stieß mit einem kräftigen Stoß in sie.
Sie schrie auf, was ihn erst recht anzustacheln schien, sie hart zu ficken, was er auch tat. Ihr Körper bebte wunderschön, als sie bereits nach kurzer Zeit ihren Orgasmus hatte und dabei seinen Namen rief. Mit einem tiefen Knurren kam auch er.
Minuten später hatte Logan seine Hose wieder geschlossen und warf sich die deutlich erschöpfte Cat bäuchlings über die Schulter. „Viel Spaß noch, Freunde“, brummte er und verließ mit seiner Liebsten die Scheune.
Mason sah zu Emma hinüber. Ihre Arme mussten durch die gestreckte Haltung längst wehtun.
Steven schlenderte zu ihr, streichelte ihre Wange und sie schmiegte ihr Gesicht in seine Hand.
„Nun zu dir, meine Hübsche“, raunte er und löste die Karabiner. Als sie ihre Arme senkte, stöhnte sie.
Steven deutete zu der neuen Liebesschaukel. „Bitte sehr.“
Gehorsam ging sie hinüber und setzte sich auf das untere Ende der Planke. „Würdest du sie kurz stützen, Mason?“, fragte Steven, während er zu dem Schrank ging und weitere Utensilien herausholte.
„Aber natürlich. Mit Vergnügen.“
„Leg den Oberkörper zurück, Em“, befahl Steven und sie gehorchte. Mason stellte sich hinter sie und legte die Hände beidseitig auf ihre Schultern.
Steven trat neben sie und fesselte ihre Arme an die Ketten, an denen die Planke befestigt war.
Er stellte sich in Höhe ihres Beckens. „Rechtes Bein hoch.“
Sie streckte ihren Fuß an der Kette entlang nach oben.
„Sehr brav, meine Liebste“, kommentierte er und wickelte das weiche Bondage-Spezialseil um ihr Bein und die Kettenglieder. Dann wiederholte er die Prozedur auf der linken Seite und warf anschließend Mason einen Gurt zu. „Fixiere zur Sicherheit auch ihren Oberkörper. Nicht dass sie von der Bank rutscht und sich den Kopf stößt. Sie wird nämlich bald sehr zappeln.“
„Ich freue mich schon auf den Anblick.“ Schmunzelnd beugte sich Mason über Emmas Körper und zwinkerte ihr zu, während er den breiten Riemen unter ihren Brüsten um ihren Brustkorb und die Planke schlang und ihn festschnallte.
Er trat einen Schritt zurück. Als Steven seine Stelle einnahm, klimperten dünne, silbern glänzende Ketten, die aus seiner Hand herabhingen. An einem Ende waren jeweils Nippelklemmen befestigt, am anderen kleine Karabiner.
Nachdem er sie mit Daumen und Zeigefinger gezwirbelt hatte, ließ Steven eine Klemme an Emmas rechter Brustwarze zuschnappen. Emma stöhnte und zuckte. Lächelnd legte er das Ende der Kette über den oberen Balken der Würfelkonstruktion und befestigte sie dort mittels des Karabiners.
Die dünne, leichte Kette war nun gerade so stramm, dass sie nicht durchhing, aber an Emmas gepeinigter Brustwarze auch nicht zog. Sobald die Schaukel allerdings nur einen Zentimeter bewegt werden würde, würde sie das tun. Mason grinste. Was für eine raffinierte Folter.
Steven wiederholte das Spiel an der anderen Brust. Dann trat er vor ihre in die Luft ragenden gespreizten Beine. Emmas Bauch zuckte. Sie wusste anscheinend genau, was sie erwartete. Steven befestigte die Klemmen an ihren Schamlippen und zog auch hier mit vorsichtigen, ruhigen Bewegungen die Ketten hoch zum Balken.
Er trat zurück und die beiden Cousins genossen gemeinsam eine Weile den Anblick. Emma lag im Licht der Scheinwerfer regungslos auf der Planke. Ihr Brustkorb hob und senkte sich deutlich bei jedem Atemzug, und zwischen ihren Beinen glitzerte Feuchtigkeit.
„Mein Mädchen ist erregt und wünscht sich Stimulation, nicht wahr, Em?“, murmelte Steven, beugte sich über ihren Kopf und strich ihr sanft ein paar Haarsträhnen zurück. Seine Lippen berührten ihre und sie wimmerte leise. Er küsste sie und die Schaukel geriet minimal in Bewegung, wodurch Zug auf die Klemmen kam. Emma keuchte in seinen Mund.
Fuck, war das geil. Mason stellte sich so hin, dass er einen freien Blick auf ihre durch die leicht auseinandergezogenen Schamlippen geöffnete Vagina und auf ihren Körper hatte.
Steven richtete sich auf. Er ging zum Schrank und holte einen Vibrator und eine Rolle Klebeband heraus. Das Klebeband steckte er in die Hosentasche, dann testete er kurz die Funktion des Gerätes. Als Emma das leise Brummen hörte, zuckte sie zusammen und die Ketten zupften an ihren Nippeln und Schamlippen.
„Du kannst es ja kaum abwarten“, stellte Steven fest und grinste sie an.
Emma antwortete nicht, stattdessen befeuchtete sie mit der Zunge ihre Lippen.
Steven hielt den Vibrator an ihre Klit und befestigte ihn in dieser Position mittels des Klebebandes an den Ansätzen ihrer Oberschenkel. Dann schaltete er ihn ein.
Emma zuckte, die Schaukel bewegte sich, die Ketten zogen an ihren Nippeln und Schamlippen. Sie wimmerte und keuchte. Ihr Bauch bebte, auf ihrer Stirn bildeten sich Schweißtropfen.
„Wie lange hält sie das aus?“, fragte Mason interessiert.
„Ziemlich lange. Ich war beim ersten Mal selbst erstaunt.“ Nebeneinanderstehend beobachteten sie voller Genuss das Schauspiel, das Emma ihnen bot.
Steven stieß ihn mit dem Ellenbogen an und grinste. „Wie in alten Zeiten?“
Augenblicklich blitzten Bilder aus ihrer Jugend in Masons Kopf auf, in denen sie gemeinsam ihre Neigungen erkundet hatten.
Er nickte lachend. „Wie in alten Zeiten.“
Sie öffneten ihre Hosen, holten ihre Schwänze heraus und begannen damit, sie zu wichsen, während sie Emma in ihrer Qual weiterhin beobachteten.
Früher hatten sie das vor dem Fernseher getan, während ein SM-Porno lief, und später bei gemeinsamen Clubbesuchen, doch nie war es so geil gewesen wie in dieser Session mit Emma.
Nach einer Weile knurrte Steven etwas Unverständliches, was sich für Mason wie „Scheiß auf alte Zeiten“ anhörte. Er platzierte sich zwischen den Beinen seiner Sub, riss den Vibrator ab und drang hart in sie ein. Die Planke kam mit einem Ruck in Bewegung und die Klemmen flogen ab.
Emma bäumte sich in den Fesseln auf und schrie, während er die Schaukel rhythmisch von sich wegschob und wieder zurückzog, um sie hart zu ficken, ohne sich selbst bewegen zu müssen.
Der Anblick brachte Mason an den Rand seiner Selbstbeherrschung. Er ließ seinen Orgasmus zu und sein Samen schoss auf ihren Bauch.
„Fuck!“, brüllte Steven, und sein Körper versteifte sich, als er mit dem Schwanz in ihr kam.
Als Mason am nächsten Morgen die Küche betrat, war es noch früh. Im Haus herrschte Ruhe, nur Emma stand mit dem Rücken zu ihm an der Spüle und füllte Wasser in die Kaffeemaschine.
Durch das Fenster schien die Sonne hell herein und die Wohnküche mit dem großen Tisch und den vielen
Stühlen drumherum wirkte einladend gemütlich.
„Guten Morgen, schöne Frau.“
Sie zuckte herum, und ihre Wangen wurden von einem hübschen Rot überzogen, als sie ihn erkannte. Sie lächelte deutlich verlegen. „Guten Morgen.“
Er neigte leicht den Kopf. „Alles in Ordnung zwischen uns?“
Sie gluckste. „Ja. Natürlich.“
„Dann ist ja gut.“ Er zog sie in eine freundschaftliche Umarmung und küsste sie auf die Wange.
„Möchtest du auch schon einen Kaffee?“, fragte sie, als er sie wieder losließ.
„Gern. Schlafen die anderen noch?“
„Rosie und Jason sind Spätaufsteher, die anderen nicht. Cat und Michelle laufen schon im Stall rum und füttern die Tiere, Logan holt Brötchen und Steven …“
„… möchte auch einen Kaffee“, ertönte seine tiefe Stimme aus dem Flur, bevor er die große Wohnküche betrat, Emma an seine Brust zog und ihr einen Kuss gab.
Motorengeräusch wurde lauter. Ein Auto fuhr vor, und wenig später marschierte Logan mit einer riesigen Tüte voller Brötchen in die Küche und leerte sie in einen großen Korb, der auf dem Tisch stand.
Gemeinsam deckten sie den Frühstückstisch.
Cat war weniger verlegen, als sie von der Stallarbeit hereinkam. Sie umarmte Mason mit einem fröhlichen „Guten Morgen“ und drückte ihm einen feuchten, schmatzenden Kuss auf die Wange, woraufhin er ihren Po freundlich tätschelte. Das veranlasste sie dazu, zischend durch die Zähne einzuatmen und hastig aus seiner Nähe zu flüchten. Sie lachten alle.
Cat ließ sich sehr langsam und vorsichtig auf einem gepolsterten Stuhl nieder. Mason schmunzelte, und sie grinste, als sie es bemerkte.
Rosie und Jason erschienen ebenfalls, und sie setzten sich alle an den Tisch, um zu frühstücken.
„Hast du gut geschlafen?“, fragte Cat und Mason nickte. „Wunderbar, ich habe noch nie bequemer gelegen als in dieser Nacht.“
„Das freut mich.“ Cat strahlte.
Steven prustete. „Glaub ihm kein Wort, er will sich nur einschleimen. Er ist mehrfacher Millionär und die teuersten Hotels gewohnt.“
Mason winkte ab. „Nur weil ich damals den richtigen Riecher hatte, als stiller Teilhaber in diese Gruppe von eifrigen Programmierern zu investieren, bin ich trotzdem der Sohn eines Ranchers geblieben und genieße es, meine Familie auf einem alten Bauernhof zu besuchen. Allein der Geruch und die Geräusche der Natur, die durch das Fenster hereindrangen, ließen mich herrlich entspannen.“
Tyler gluckste. „Vielleicht hat er das Blöken der Schafe mit dem Jammern der Subs in seinem Club verwechselt und sich deshalb gleich zu Hause gefühlt.“
Sie lachten, und Mason tippte sich, mit Blick auf Tyler, mit dem Zeigefinger gegen die Schläfe. „Deine Fantasie geht mit dir durch.“
Emma wandte sich an Mason. „Du bist Teilhaber des Unternehmens, auf dessen Server auch das Netzwerk läuft, mit dem wir im Büro arbeiten, nicht wahr?“
Mason nickte. „Als ich die Jungs kennenlernte, waren sie arme Studenten, jetzt sind sie, mithilfe meines Startkapitals, Global Player und Multimillionäre geworden.“
„Hältst du immer noch fünfzig Prozent der Anteile?“, fragte Tyler.
„Ja.“
„Wow. Was machst du denn mit dem ganzen Geld, das du dadurch jedes Jahr einnimmst?“
„Einen Teil lege ich als Reserve für Notfälle an, den anderen stecke ich in ökologische Forschungen, die vor allem Menschen in Entwicklungsländern nützen sollen.“ Er zuckte mit den Schultern. „Mir selbst reicht ja, was der Club abwirft, also kann ich mit dem Geld auch was Gutes tun, anstatt es auf irgendwelchen Konten herumliegen zu lassen.“
Sie plauderten über dies und das, und als sie fertig gefrühstückt hatten, sich nach und nach alle verabschiedeten und auch Tyler sich erhob, sprach Steven ihn an. „Hast du noch eine Minute? Ich habe ein Problem in der Firma und brauche vielleicht deine detektivischen Talente.“
Tyler nickte. „Sicher. Worum geht’s?“
„Ich habe den Verdacht, dass in meinen Containern geschmuggelt wird.“
„Ach du Scheiße.“ Tyler pfiff durch die Zähne und setzte sich wieder hin. „Das ist nicht gut.“
Tyler war vor seiner Auswanderung, wie sein Bruder Jason, Cop gewesen und hatte sich in Deutschland als privater Ermittler selbstständig gemacht. Mason wusste aus einigen Erzählungen, dass er sehr erfolgreich war und viel mit der Hamburger Polizei zusammenarbeitete. Und während einer ziemlich gefährlichen Recherche hatte er auch seine Frau kennengelernt.
„Ich habe keine Beweise, nur Verdachtsmomente“, erzählte Steven. „Doch wenn in meiner Firma tatsächlich so eine Sauerei passiert, hänge ich natürlich allzu leicht mit drin. Ich trage ja die Verantwortung für alles, was unter meinem Dach geschieht.“
„Was beobachtest du denn?“
„Einmal sollte die Lieferung einer kleinen Manufaktur im Hafen von Shenzhen in einen Container zugeladen werden. Ich bekam aber eine Mail, dass die Ware stehen bleiben musste, da der Container schon voll gewesen war, obwohl er eigentlich noch genug Kapazität hätte haben müssen. Ein anderes Mal fand ich Verpackungsmaterial im Müll, das nicht von meinen importierten Waren stammte, und schon zweimal passten die Gewichtsangaben einer Palette nicht zu deren geladener Ware. Als ich es beim zweiten Mal mit eigenen Augen nachprüfen wollte, war die Palette über Nacht verschwunden.“
Tyler nickte. „Hast du die bei dir installierte Videoüberwachung gecheckt?“
Steven winkte ab. „Wir haben doch nur zwei Kameras, die uns vor Einbrechern schützen sollen. Was im Lager oder im Innenhof passiert, wird nicht aufgenommen.“
„Wir könnten weitere Kameras installieren.“
Steven schnaubte. „Das wäre sinnvoll, doch wie du weißt, darf man in Deutschland seine Mitarbeiter aus Datenschutzgründen nicht nach Belieben per Video überwachen. Ich müsste zur Polizei gehen, dort die Überwachung beantragen und alle Mitarbeiter davon in Kenntnis setzen. Und falls einer von denen mit dem Schmuggel zu tun hat, ist der dann gewarnt.“
Tyler stöhnte genervt. „Du hast recht. Das würde uns nicht weiterbringen.“
Mason runzelte die Stirn. „Würde geschmuggelte Ware nicht schon im Hafen oder auf dem Weg zu deiner Lagerhalle aus den Containern entnommen werden? Was ist mit dem Zoll? Findet der so was nicht?“
„Der Zoll macht nur Stichproben und hat bisher keine Unregelmäßigkeiten gefunden. Zugang zum Containerterminal im Hafen zu bekommen, ist schwer, und dort unauffällig zu agieren, noch schwerer. Das Entladen der Schiffe findet ja mittels automatisch fahrender Kräne statt, da fallen Leute, die dazwischen herumlaufen, auf. Und die Fahrer der Lkws, die meine Container aus dem Hafen heraustransportieren, habe ich bereits überprüft. Die sind zu hundert Prozent in Ordnung. Außerdem sind die Container, die der Zoll nicht aufgemacht hat, versiegelt. Würden sie vor dem Eintreffen in der Firma geöffnet, würde man das sehen.“
„Ich könnte undercover, als Lagerarbeiter, bei euch aushelfen“, bot Tyler an.
Steven winkte ab. „Dich kennen schon viel zu viele Mitarbeiter, die wissen, dass du mein Bruder bist.“ Er nickte Mason grinsend zu. „Vor allem die Frauen sehen ihm jedes Mal nach, wenn er mich oder Emma im Büro besuchen kommt.“
Mason beugte sich vor. „Mich kennen sie aber nicht.“
Steven schüttelte den Kopf. „Du bist hier, um Urlaub zu machen.“
Doch Tyler nickte. „Die Idee ist gut. Sein Gesicht kennt in deiner Firma definitiv niemand. Wenn du die nächste Lieferung aus Asien bekommst, könnte er sich getarnt als Obdachloser in der Umgebung deiner Gebäude aufhalten und jeden fotografieren, der bei dir ein und aus geht.“ Er griff nach einem Kugelschreiber und klopfte damit auf die Tischplatte. „Wenn tatsächlich geschmuggelt wird, muss die Ware ja nach ihrer Ankunft irgendwie von deinem Gelände geschafft werden. Und Ware, die auf Paletten transportiert wird, steckt man nicht einfach unauffällig in die Jackentasche. Wann erwartest du denn die nächste größere Lieferung?“
Steven runzelte die Stirn. „Dienstag kommen per Schiff sechs Container, deren Inhalte interessant sein könnten.“ Er wandte sich an Mason. „Willst du das wirklich tun?“
„Klar. Ein bisschen Abenteuer gehört doch zu einem gelungenen Urlaub dazu.“
Tyler nickte. „Ich rufe Hanna Köhler an und erzähle ihr, was wir vorhaben.“
„Wer ist Hanna Köhler?“
„Eine Kommissarin in Hamburg. Wir kennen uns gut. Sie wird unseren Verdacht nicht an die große Glocke hängen, aber sollten wir Unterstützung benötigen, kann sie mit ihren Leuten schnell vor Ort sein.“
Kapitel 3
Amüsiert betrachtete Mason sein Spiegelbild. Er trug Arbeitsjeans und ein Sweatshirt von Logan. Beides hatte Cat aus dem Wäschekorb neben der Waschmaschine gefischt. Da der ehemalige Boxer breiter und größer war als Mason, saßen die Klamotten mehr als locker an seinem Körper. Dazu hatte er ausgeleierte Joggingschuhe von Ian an, die ihm zu eng waren, deswegen hatten die Frauen sie vorn aufgeschnitten. Aber das Beste war sein Gesicht. Den Frauen hatte es riesiges Vergnügen bereitet, ihn seiner Rolle entsprechend herzurichten. Die Haare waren mit Gel verklebt, sodass sie wirkten, als hätte er sie seit Wochen nicht gewaschen. Das passte auch zu dem Dreitagebart am Kinn, den er sich, dem Urlaub angemessen, hatte wachsen lassen. Zusätzlich hatte Annabell ihn um die Augen herum gräulich dunkel geschminkt, damit er krank und ausgemergelt wirkte.
„Können wir los?“, fragte Steven und klimperte mit dem Autoschlüssel. „Wenn ihr noch lange an ihm herumbastelt, sind wir umsonst so früh aufgestanden.“
„Yes, we can!“, tönte Emma im Stil von Obama und grinste Mason an. „Wenn ich dich auf der Straße treffen würde, würde ich dir einen Fünfer zustecken. Du siehst echt mitleiderregend aus.“
Cat deutete auf die Hose. „Stevie, vielleicht solltest du eine Decke auf deinen gepflegten Autositz legen, bevor Mason sich reinsetzt. Die Hose ist voller Staub und Leimreste. Es könnte auch etwas Pferdemist drinstecken. Logan hatte sie an, als er letzte Woche eine Stalltür für mich repariert hat.“
Steven verdrehte die Augen. „Ich hasse Pferdegestank.“
Mason griff sich die fleckige große Einkaufstasche, in der sie seinen Proviant für den Tag unter einer alten Decke verstaut hatten, und sie verließen gemeinsam das Haus.
Eine Stunde später bremste Steven das Auto in der Nähe seiner Firma, lenkte es an den Straßenrand und ließ Mason aussteigen. Es war erst fünf Uhr dreißig am Morgen. Sie waren so früh dran, um auf keinen Fall etwas zu verpassen, was sich vor dem allgemeinen Arbeitsbeginn auf oder vor dem Firmengelände abspielte.
Als Stevens Auto verschwunden war, sah Mason nach rechts und links, um sich zu orientieren. Zum Glück hatte er am Vorabend die Idee gehabt, sich Straßen und Plätze bei Google Maps anzuschauen und einzuprägen, so konnte er sich jetzt halbwegs zurechtfinden. Er entschied sich für rechts und schlenderte los.
In der Nähe der durch das hohe Schiebetor verriegelten Einfahrt setzte er sich auf die Treppenstufen eines Hauseingangs und zog sein von Cat liebevoll verpacktes Frühstück aus der Tasche. Nach und nach trudelten die Mitarbeiter der Carter GmbH ein und betraten das Firmengelände durch die kleine Tür, die in das große Tor integriert war. Niemand beachtete Mason.
In einer Metropole wie Hamburg war zu jeder Tageszeit was los. Autos, Fahrradfahrer und Fußgänger kamen vorbei, da fiel ein Penner nicht weiter auf.
Gegen sieben Uhr kam der Lkw mit dem erwarteten Container aus China die Hauptstraße entlang. Er blinkte und bog ab, das große Tor wurde aufgeschoben und er fuhr hinein. Ab jetzt wurde es interessant.
Eine Viertelstunde später rollte der Lieferwagen einer Wäscherei auf das Gelände der Carter GmbH. Wenige Minuten später fuhr er wieder heraus. Mason fotografierte ihn mehrmals unauffällig mit dem Handy.
Ein Getränkelieferant bog auf das Gelände ab. Erneut machte Mason Bilder.
Kurz nachdem das Getränkeauto wieder abgefahren war, hielt ein alter Passat Kombi an der Straßenecke und zwei Männer stiegen aus. Mason fotografierte sie. Das Auto fuhr weiter, und die Typen überquerten die Straße, bogen in eine Seitenstraße ab und entfernten sich. Die waren wohl eher nicht interessant. Er löschte die Aufnahmen wieder.
An einer Bushaltestelle versammelten sich nach und nach mehrere Leute, der Bus kam, einige stiegen aus, die anderen ein, der Bus fuhr ab, die Menschen liefen in verschiedene Richtungen davon.
Dann rollte eine dunkle Limousine mit getönten Scheiben heran und hielt neben der Einfahrt zur Carter GmbH. Mason richtete sich etwas auf. „Das könnte interessant sein“, murmelte er und machte unauffällig mehrere Fotos. Einer der Lagerarbeiter schlenderte näher und im Auto wurde eine der hinteren Scheiben heruntergefahren. Mason stand auf, bewegte sich zu einem Mülleimer am Mast eines Hinweisschildes und sah hinein, als würde er nach Pfandflaschen suchen. So schaffte er es, die Gesichter der Männer zu fotografieren, während der Arbeiter mit dem Mann in der Limousine redete.
Das Gespräch dauerte nur wenige Minuten, dann fuhr das Auto los und entfernte sich schnell.
Der Lagerarbeiter lief zurück in die Halle.
Mason lehnte sich an eine Hauswand und öffnete die Fotogalerie seines Telefons. Mit Daumen und Zeigefinger zog er die letzten Bilder größer. Bingo. Nicht nur das Nummernschild war gut zu erkennen, sondern auch die Gesichter der Männer. Der Typ im Auto trug einen Businessanzug. Auf einem Bild hob er den Arm und eine protzige Uhr glitzerte an seinem Handgelenk.
„Ich fresse einen Besen, wenn der Typ ein seriöser Geschäftsmann ist“, murmelte Mason und musste gleichzeitig grinsen. Zum Glück hörte das niemand aus der Familie, denn die Frauen der Carterbrüder würden ihn sonst vermutlich mit Freude ans Andreaskreuz fesseln und ihm einen von Cats Stallbesen vors Maul halten, um ihn zu zwingen, seiner Aussage auch Taten folgen zu lassen, sollte der Mann doch harmlos sein.
Mason beschloss, sich dem Tor zu nähern, dort das mitgebrachte Bier zu trinken und auf eine Gelegenheit zu warten, um den Lagerarbeiter in ein Gespräch zu verwickeln.
*
Gut gelaunt lief Antonia den Bürgersteig entlang. Es war kurz vor zehn, und da auf sie keine dringenden Aufgaben warteten, brauchte sie sich nicht zu beeilen. In ihrer Position musste sie sich schon lange nicht mehr an feste Arbeitszeiten halten. Gab es aktuelle wichtige Projekte, war sie im Büro, ohne auf die Uhr zu sehen und auf pünktlichen Feierabend zu bestehen. Überstunden glich sie aus, wenn es passte. Sie engagierte sich gern im Büro, denn sie liebte ihren Job und die damit verbundene Flexibilität. Die Carter GmbH war für sie schon lange nicht mehr nur ein Arbeitgeber, sondern es war ihre Firma, die ihr am Herzen lag und mit der sie sich identifizierte.
An diesem Morgen war sie vor der Arbeit noch in einem Reisebüro gewesen, um sich über die Preise für Flüge in die USA zu informieren. Sie wollte im nächsten Urlaub endlich Hollywood kennenlernen.
Der kürzeste Weg ins Büro führte durch den Hof und die Lagerhalle. Das riesige, massive Schiebetor stand weit offen und sie lief hindurch. Aus den Augenwinkeln entdeckte sie einen Mann, der dicht neben der Einfahrt auf dem Boden saß, eine Bierflasche in der Hand hielt und in einer Zeitung blätterte. Vor ihm auf dem Pflaster stand eine geöffnete, verbeulte Blechdose.
Sie blieb stehen und ging dann die paar Schritte zurück. Auf den ersten Blick wirkte der Mann wie ein bettelnder Obdachloser, doch an dieser Stelle kamen keine Passanten vorbei, die ihm ihr Kleingeld geben würden. Sein Aufenthalt hier musste einen anderen Grund haben. Vielleicht wartete er auf eine Gelegenheit, auf das Gelände zu gelangen, um etwas zu stehlen.
Sie stellte sich vor ihn, verschränkte die Arme vor der Brust und räusperte sich. „Entschuldigung.“
Er ließ die Zeitung sinken und hob den Kopf. „Ja?“ Sein Gesicht wirkte ungesund grau, die Haare waren verklebt, aber der Blick aus seinen Augen war erstaunlich klar und direkt.
„Sie können hier nicht sitzen“, sagte Antonia.
Er zog seine Augenbrauen hoch. „Ach nein?“
„Dies ist Privatbesitz und das Betreten ist nur berechtigten Personen erlaubt.“
Er sah in aller Ruhe nach rechts und links. „Soweit ich das beurteilen kann, befinde ich mich außerhalb des Grundstücks auf der Straße.“
Irgendetwas stimmte mit dem Kerl nicht. Seine Stimme war angenehm tief und kräftig und sein Benehmen viel zu gelassen und selbstbewusst für einen heruntergekommenen Alkoholiker. So krank, wie er aussah, benahm er sich nicht. Seine Art, zu sprechen, irritierte sie ebenfalls. Er betonte die Worte wie ein Ausländer, der eine Fremdsprache spricht, doch die Grammatik und die Vokabeln stimmten.
„Auch die Zufahrt gehört zur Firma. Es ist ein Privatweg. Vorne an der Straße steht ein entsprechendes Hinweisschild.“ Sie schüttelte den Kopf. „Was wollen Sie überhaupt hier?“
„Ich bin mit einem Freund verabredet.“
Sie hob die Hand. „Sie müssen gehen. Schon allein aus versicherungstechnischen Gründen. Sollte Ihnen hier ein Unfall passieren, wäre unsere Firma haftbar, aber da Sie kein Mitarbeiter sind …“
Er stand auf und ragte plötzlich so bedrohlich groß und breitschultrig vor ihr auf, dass sie vergaß, was sie sagen wollte.
„Schon gut, Lady. Ich bin schon verschwunden“, knurrte er deutlich genervt und griff nach der ausgebeulten Einkaufstasche mit seinen Habseligkeiten und der Blechdose. Als er die Tasche öffnete, um die Dose einzustecken, sah Antonia einen kurzen Moment lang ein modernes, neuwertiges Smartphone in einer schicken Lederhülle darin liegen. So ein Telefon und so eine Hülle waren teuer. Dieser Mann hatte das garantiert nicht gekauft. Sie fühlte sich in ihrem Verdacht bestätigt, dass er hier herumlungerte, um zu stehlen. Vielleicht hatte er auf eine Gelegenheit gewartet, um in die Halle zu schlüpfen, die Umkleidebereiche der Mitarbeiter zu suchen und die Spinde zu knacken.
Er drehte sich um und schlenderte in Richtung Straße davon.
*
Fuck, was war das denn für eine arrogante Zicke? Fluchend entfernte sich Mason vom Eingangstor der Carter GmbH. Die blöde Kuh würde noch alles versauen! Ihr dämlicher Auftritt hatte viel zu viel Aufmerksamkeit auf ihn gelenkt. Sollte er Steven anrufen, damit er die Tussi zurückpfiff?
Eigentlich hatten sie absolutes Stillschweigen vereinbart. Schließlich sollte ein eventueller Komplize der Schmuggler innerhalb der Belegschaft nicht gewarnt werden. Nein, er würde abwarten.
Diese Frau benahm sich ungewöhnlich. Eigentlich sollte es einer Büromitarbeiterin scheißegal sein, ob ein Obdachloser am Tor auf der Straße sitzt. Doch ihr war es nicht egal gewesen. Vielleicht war ausgerechnet diese Frau die Komplizin, die ihn vom Tor verjagte, damit er nichts beobachtete, was ihre Verbrechen stören könnte. Er würde sich ihr Gesicht auf jeden Fall merken. Ein nicht unattraktives Gesicht. Es war eher rundlich. Sie hatte volle Lippen und große Augen. Die braune Kurzhaarfrisur passte perfekt zu ihrem sportlich drahtigen Körperbau und der kleinen Stupsnase. Würde sie als Gast in seinen Club kommen, wäre es ihm eine Freude, ihr die aufgesetzte Arroganz höchstpersönlich auszutreiben. Mason hatte es schon immer besonderen Spaß bereitet, hart und stark wirkende Frauen in die Freuden der Unterwerfung einzuweihen.
*
„Ich gehe rüber zum Bäcker, soll ich euch etwas mitbringen?“
Steven, Emma und Felix, Emmas persönlicher Assistent, saßen im Konferenzraum zusammen, um eine neue Kampagne zu planen. Sie sahen auf, als Antonia von der Tür aus ihre Frage stellte.
„Nein danke“, sagte Emma und die beiden Männer schüttelten ebenfalls mit dem Kopf und murmelten Absagen.
„Okay, dann bin ich jetzt für eine Stunde weg und genieße das schöne Wetter.“
Die drei nickten nur. Sie hatten sich längst wieder über ihre Unterlagen gebeugt.
Antonia verließ das Firmengebäude durch den Vordereingang und wählte einen Umweg, um ein Stück an der Elbe entlangzuspazieren. Die Sonne schien jetzt um die Mittagszeit herrlich warm auf sie herab, und ihre Strahlen ließen das Wasser des Flusses rechts von ihr so hell glitzern, dass sie ihre Sonnenbrille aus der Tasche holte und aufsetzte.
Am Schiffsanleger stiegen Touristen über die Gangway in eine der Barkassen, um eine Hafenrundfahrt zu machen. Ab und zu gönnte sich auch Antonia dieses Vergnügen, denn sie liebte es, die großen und kleinen Schiffe aus der ganzen Welt zu betrachten, die in Hamburg anlegten.
An einer Ampel überquerte sie die Hauptstraße, wanderte eine Querstraße entlang und erreichte eine der großen Filialen der Stadtbäckerei. Sie beschloss, sich ein mit Käse überbackenes Baguette zu bestellen.
Nachdem sie am Tresen ihre Mahlzeit und einen Kaffee in Empfang genommen hatte, schlenderte sie wieder hinaus, stellte sich an einen der Stehtische auf dem Bürgersteig und beobachtete das Treiben um sich herum, während sie ihr Essen genoss.
„Sich zweimal über den Weg zu laufen, ist kein Zufall, das muss Schicksal sein“, sagte plötzlich eine tiefe Stimme neben ihr und sie sah auf. Ein Mann in einem Anzug mit kurzen dunkelbraunen Haaren, einem eher rechteckigen Gesicht, ausgeprägtem Kiefer und schmalem Kinn sah schmunzelnd auf sie herab.
„Bitte?“ Sie musterte ihn. Er kam ihr bekannt vor, irgendwo hatte sie den Mann schon mal gesehen. Vielleicht war er ein Kunde der Carter GmbH? Er wirkte auf den ersten Blick gepflegt und selbstsicher, nicht wie ein Befehlsempfänger, sondern wie ein Mann, der es gewohnt war, die Fäden selbst in der Hand zu halten.
„Wir sind uns vor einigen Tagen schon mal begegnet. Sie waren mit einer blonden Frau zusammen, haben Cocktails getrunken und meinen Freund und mich rüde abblitzen lassen“, erzählte er gelassen und steckte eine Hand in die schräge Tasche seiner Anzughose.
Vor Antonias innerem Auge blitzten Bilder auf. Sie erinnerte sich an den charmanten, fröhlichen, blonden Typen und seinen mürrisch wirkenden Freund. „Oh … ähm … ja, ich erinnere mich.“
Er zwinkerte. „Zum Glück. Wenn nicht, würde ich ernsthafte Komplexe bekommen.“
Ihre Augen wanderten an seinem Körper hinunter und wieder hinauf. „Ich denke, die Gefahr besteht nicht.“
Er lachte. „Danke. Ich mag selbstbewusste Frauen.“
„Bitte sehr.“
„Würden Sie mir die Freude machen und heute Abend mit mir essen gehen?“ Er sah ihr so direkt in die Augen, dass sie es fast schon als unhöflich empfand, doch in Antonias Bauch entstand ein Kribbeln. Er benahm sich so, als wäre er es gewohnt, Angelegenheiten kompetent zu regeln und die Führung zu übernehmen, und darauf reagierte ihr Körper, denn sie stand auf dominante, selbstbewusste Männer. Sie öffnete den Mund, um ihm eine Absage zu erteilen, aber dann hörte sie Lillys Stimme in ihrem Kopf: Wenn du weiterhin alle Männer verscheuchst, bevor sie überhaupt die geringste Chance haben, dich kennenzulernen, wirst du einsam alt werden, Chérie. Denk darüber nach.
Sollte sie es wagen? Er wirkte entspannter und deutlich weniger mürrisch als an dem Abend im Restaurant. Seine Augen gefielen ihr. Sie wirkten warm, obwohl er ihr so direkt ins Gesicht sah. Er war keiner der typischen Aufreißer, an denen sie definitiv null Interesse hatte, sondern … besonders. Antonia fand kein treffenderes Wort, um ihn zu beschreiben. Seine Erscheinung war gepflegt, er wirkte so, als wäre er Erfolge im Leben gewohnt. Kein Zweifel, dieser Mann war ein Typ, auf den ihre Libido ansprach. So einer würde sicher nie zu einem nervenden Anhängsel mutieren.
Er hob eine Augenbraue, als wäre er irritiert, und ihr wurde klar, dass er wartete und sie ihm endlich antworten sollte.
Lilly hatte recht. Wer nicht wagt, der nicht gewinnt. „Okay.“
Seine zweite Augenbraue wanderte hoch. „Einfach so … okay?“
Sie nickte. „Einfach so. Ich gehe heute Abend mit Ihnen essen.“
„Wow. Das nenne ich eine unverschnörkelte klare Antwort. Sehr angenehm.“
Sie lachte. „Ich muss allerdings bis neunzehn Uhr arbeiten.“
„Das trifft sich gut, früher könnte ich auch nicht. Wie wäre es, wenn wir uns einfach genau hier wieder treffen?“
Antonia nickte. „So machen wir es.“
„Neunzehn Uhr fünfzehn?“
„Okay.“
„Sehr schön.“ Er hob kurz die Hand zu einem Gruß und schlenderte davon.
Antonia sah ihm nach und schüttelte den Kopf. Sie war mit einem Mann zum Essen verabredet und wusste nicht mal seinen Namen. Er hatte sich nicht vorgestellt und ihr war das bis jetzt nicht aufgefallen. Wie dämlich. Sollte sie ihn versetzen? Vielleicht täuschte seine charmante Art und er war ein Gewaltverbrecher.
Nein. Es war nur ein Essen in der Öffentlichkeit, kein privates Treffen, das gefährlich werden könnte, und der coole Charme des Typen machte sie an. Wenn er ihr bei näherem Kennenlernen nicht mehr sympathisch war, würde sie nach dem Restaurantbesuch mit einem Taxi nach Hause fahren und ihn nie wiedersehen. Sie ging wirklich kein Risiko ein.
*
Mason lehnte an der Wand einer Bushaltestelle gegenüber der Bäckerei und beobachtete, wie der Typ, den die Zicke aus dem Büro gerade getroffen hatte, verschwand. Er hatte die beiden fotografiert und war ganz sicher, dass es der gleiche Mann war, der am Morgen mit dem Lagerarbeiter gesprochen hatte.
Er hatte den richtigen Riecher gehabt. Die arrogante Tussi steckte mit drin. Er wählte Stevens Handynummer und sein Cousin meldete sich schnell.
„Hi, Mason. Was gibt’s? Hast du etwa schon was rausgefunden?“
„Eine Mitarbeiterin aus deinem Büro steckt anscheinend mit drin.“
Etwas klirrte, als ob Steven eine Kaffeetasse ruckartig wieder auf die Untertasse stellen würde. „Was? Wer?“
„Sportliche Figur, kurze braune Haare, selbstbewusst, eher rundes Gesicht und große braune Augen. Sie trägt eine gelbe Bluse, einen blauen Blazer, einen engen, knielangen Rock und Schuhe mit kleinem Absatz.“
„Das muss Antonia Ludwig sein. Was ist mit ihr?“
„Ich habe sie gerade beim Bäcker beobachtet. Sie hat sich hier mit einem Typen getroffen, den ich heute Morgen schon mal gesehen habe. Da ist er mit einer Limousine an das Firmentor gefahren und hat mit einem deiner Lagerarbeiter gesprochen.“
„Und den gleichen Mann hast du jetzt mit Antonia gesehen?“
„Yes.“
„Dafür gibt es garantiert eine harmlose Erklärung. Nach deiner Beschreibung kann es nur Antonia sein, aber die spielt kein falsches Spiel. Die ist seit vielen Jahren eine meiner wichtigsten Mitarbeiterinnen und hundertprozentig loyal.“
„Vielleicht täuschst du dich in ihr oder sie wird mit irgendetwas zur Mitwirkung erpresst. Der Knabe trat wie der Prototyp eines eitlen Affen des organisierten Verbrechens auf.“
Steven schnaubte. „Du musst dich irren. Antonia war immer zuverlässig und ehrlich. Wir haben ein sehr gutes Verhältnis miteinander, sie hat sich mit Emma auch schon privat getroffen. Würde sie erpresst, würde sie mit mir reden.“
„Da bist du dir ganz sicher?“
„Hundertprozentig. Was genau hast du beobachtet?“
„Sie ist vorhin nicht auf direktem Weg zum Bäcker gegangen, sondern über einen Umweg. Sie setzte eine große Sonnenbrille auf, und beim Bäcker hat sie sich etwas zu essen gekauft und ist damit nach draußen gegangen. Sie hat sich an einen Stehtisch auf dem Fußweg gestellt. Es sollte garantiert so aussehen, als käme der Typ zufällig vorbei. Sie wechselten nur ein paar Worte, dann lief er weiter. Stevy, glaub mir, da wurden heimlich Informationen ausgetauscht. Vielleicht hat sie dem Knaben sogar eine Keycard zugesteckt.“ „Verflucht!“ Steven stöhnte genervt. „Sobald sie wieder im Büro ist, werde ich sie fragen.“
„Nein. Warte noch. Lass sie mich noch eine Weile im Auge behalten. Ich folge ihr, wenn sie Feierabend hat. Ruf Tyler an. Er soll heute Nacht euer Firmengelände im Auge behalten. Wenn die beiden was abgesprochen haben und sie ihm den Zugang zum Lager ermöglicht, wird es heute Nacht passieren. Ich schicke euch gleich alle Fotos, die ich gemacht habe. Vielleicht kann Tyler auch seinen Kontakt bei der Polizei bitten, die Gesichter zu checken. Vielleicht ist der Typ bereits in ihrer Datenbank.“
Steven seufzte. „Okay. So machen wir es. Wird dir der Tag nicht zu lang?“
„Ich gehe in das Hotel an der Kreuzung zu der Straße, an der ihr mich heute Morgen abgesetzt habt, und lege mich ein paar Stunden aufs Ohr.“
Steven lachte. „Glaubst du, sie geben dir da ein Zimmer, so, wie du heute aussiehst?“
„Mit meiner Kreditkarte kriege ich die Hochzeitssuite, falls die so was haben.“
„Auch wieder wahr.“
„Wann wird die Dame Feierabend machen?“
„Heute nicht vor achtzehn Uhr dreißig. Wir haben vorher noch einen gemeinsamen Termin für eine Online-Konferenz, in der sie für mich dolmetscht.“
Kapitel 4
Als Antonia das Büro verließ, flirrte leichtes Lampenfieber durch ihren Körper. Sie fühlte sich jung und abenteuerlustig und war gespannt, wie der Abend sich entwickeln würde. Ob er überhaupt käme? Vielleicht hatte er sie ja auch nur veräppelt.
Nein, hatte er nicht. Als sie die Bäckerei erreichte, war er tatsächlich schon da. Er lehnte lässig an einer Hauswand, hatte die Hände in die Taschen seiner Anzughose gesteckt und ein Bein angewinkelt, sodass er den Fuß gegen die Wand stützen konnte. Der Mann war wirklich sehr attraktiv. Antonias Herz klopfte etwas schneller. Ob die Zeit der einsamen Nächte nun vorbei war?
Nein, heute definitiv noch nicht. Sie war keine der Frauen, die beim ersten Date gleich mit einem Kerl ins Bett hüpften.
Als er sie entdeckte, richtete er sich auf und schlenderte ihr entgegen.
„Sie sind gekommen.“
Antonia sah lächelnd zu ihm auf. „Haben Sie daran gezweifelt?“
„Nein, nicht wirklich.“ Er neigte leicht den Kopf, als wollte er sie mit einem tiefen Blick analysieren. „Sie sind intelligent und selbstbewusst. Sie hätten mir gleich einen Korb gegeben, wenn Sie mich nicht hätten treffen wollen.“ Er streckte die Hand aus. „Ich habe mich noch nicht vorgestellt. Enrico Bruno.“
Sie griff zu. „Antonia Ludwig.“
„Es ist mir ein Vergnügen, Sie kennenzulernen.“
„Ganz meinerseits.“
Sein Griff war warm und hatte exakt die Festigkeit, die Antonia bei einem Händedruck angenehm war. Fast tat es ihr leid, als er ihre Hand wieder losließ.
„Nicht weit von hier gibt es ein Steakhouse, mit dem ich gute Erfahrungen gemacht habe.“ Er deutete die Straße entlang nach links. „Wäre das okay?“
Antonia nickte. „Das Restaurant kenne ich. Dort gibt es ganz hervorragende vegane Burger. Also ja. Sehr gerne.“
„Sie essen kein Fleisch?“
„Nein. Ist das schlimm?“
Er lachte. „Natürlich nicht!“ Seine Hand legte sich für einen Moment mit leichtem Druck auf ihren Rücken. „Lassen Sie uns gehen.“
Sie schlenderten los und Antonia sah aus den Augenwinkeln auf der anderen Straßenseite den Obdachlosen an der Bushaltestelle stehen, der sich am Morgen an der Einfahrt zur Carter GmbH herumgetrieben hatte. Was hatte der hier zu suchen? Zufall? Ja. Natürlich Zufall. Was sonst?
Im Laufe des Abends erwies sich Enrico Bruno als angenehmer Routinier des Small Talks. Antonia fühlte sich wohl in seiner Gesellschaft. Er stellte ihr Fragen über ihre Arbeit und staunte, als sie ihm erzählte, wie viele Fremdsprachen sie sprach. Aber natürlich achtete sie dabei akribisch darauf, nicht versehentlich Firmengeheimnisse preiszugeben.
Während des Essens unterhielt er sie mit Anekdoten aus seiner italienischen Familie und brachte sie immer wieder zum Lachen. Schnell gingen sie zum freundschaftlichen Du über und die Zeit verging wie im Fluge. Viel zu schnell war es spät genug, um den Abend zu beenden. Schließlich mussten sie beide am Morgen arbeiten.
Enrico zahlte, sie erhoben sich und verließen das Restaurant.
„Mein Wagen steht in der Nähe. Ich darf dich doch nach Hause fahren?“, fragte er, als sie draußen vor der Tür standen.
Antonia nickte. „Das wäre sehr nett.“
Wieder legte er seine Hand auf ihren Rücken und dirigierte sie in die Richtung, in die sie gehen mussten. Sie mochte diese Geste. Sie vermittelte einen Hauch von Fürsorge, ohne sie zu bedrängen.
Ob er es darauf anlegen würde, die Nacht mit ihr zu verbringen? Antonia war nicht abgeneigt, und obwohl es ganz gegen ihre Grundsätze war, hüpfte ihr Herz vor Abenteuerlust und sie hoffte, in dieser Nacht wenigstens noch geküsst zu werden.
Nach wenigen Metern bogen sie in eine schmale Seitenstraße ab, in der um diese Zeit keine Menschen unterwegs waren. Hier war der Verkehrslärm kaum noch zu hören und ihre Schritte hallten auf dem Asphalt.
Irgendwann zeigte Enrico nach rechts. „Da rein.“
Es war eine Zufahrt zu einem Hinterhof. Sie gingen hinein. Das Licht der Straßenlaternen reichte nicht bis hierher, sodass es ganz dunkel war. Antonia erkannte, im Mondlicht schimmernd, die Karosserie eines Autos. Plötzlich wurden die Fahrertür und die Beifahrertür geöffnet, sodass der Innenraum automatisch erleuchtet wurde. Zwei Männer stiegen langsam aus.
Antonia stockte. Die Typen trugen wie Enrico Anzüge, waren groß und breit gebaut und verzogen ihre Mienen keinen Millimeter. GEFAHR, schrie Antonias innere Stimme und sie erstarrte.
„Das sind nur mein Fahrer und mein Bodyguard“, murmelte Enrico, legte erneut seine Hand auf ihren Rücken, und plötzlich fühlte sich das nicht mehr gut an. Antonia konnte es nicht erklären, es war ein Gespür für Gefahr, vielleicht Instinkt, vielleicht eine Vorahnung, aber sie wusste innerhalb von einer Sekunde, dass sie nicht mit diesen Männern in ein Auto steigen durfte.
„Mir fällt gerade ein …“, stieß sie hektisch aus und blieb stehen. „Ähm … ich muss noch mal zurück ins Büro, ich habe etwas vergessen.“
„Wir fahren einen Umweg“, antwortete Enrico gelassen. „Kein Problem.“ Der Druck seiner Hand an ihrem Rücken wurde fester und seine Stimme klang plötzlich ungeduldig.
Entschieden trat sie einen Schritt zur Seite, drehte sich ihm zu und hob die Hände. „Nein. Ich laufe. Fahr du nach Hause.“
„Fuck“, fluchte er, plötzlich ganz und gar nicht mehr freundlich. Er sah blitzschnell nach rechts und links und nickte dann den beiden anderen Männer zu. Als hätten sie es abgesprochen, kam einer von ihnen auf Antonia zu und packte sie am Arm.
Antonias Nerven explodierten vor Angst. Sie schrie, so laut sie konnte: „Lass mich los!“
„Schnauze“, zischte er und eine Sekunde später schlug seine Faust brutal gegen ihre Rippen.
Während der Schmerz ihr den Atem nahm, hörte sie das Reißen von Stoff. Ihre Bluse wurde zerfetzt.
„Du steigst jetzt ein, verdammt noch mal“, zischte einer der Männer, und eine Hand presste sich auf ihren Mund.
Sie biss mit aller Kraft zu. Die Hand verschwand und sie schrie um Hilfe. Noch ein Faustschlag, diesmal ins Gesicht. Er traf ihre Wange, und vor ihren Augen blitzten tausend Sterne auf, sodass sie nichts mehr sehen konnte. In wilder Wut und Panik wedelte sie mit dem freien Arm, trat um sich, traf mit einem Fuß irgendwas und hörte das Fluchen von einem der Männer. Jemand boxte ihr in den Bauch. Sie keuchte und glaubte, das Bewusstsein zu verlieren.
Starke Arme wanden sich wie Schraubzwingen von hinten um ihren Oberkörper und fingen ihre Arme ein. Jemand zerrte an ihren Haaren und Enricos Hand legte sich in eindeutig drohender Geste fest um ihre Kehle. „Still jetzt!“
Sie gehorchte reflexartig, denn er hatte die Worte gezischt wie eine Schlange.
„Was wollt ihr von mir?“, wagte sie, flüsternd zu fragen.
„Warum hast du uns Freitagabend gefilmt und mein Auto fotografiert?“
„Was?“
„Freitag! Mit dem Handy!“
„Ich weiß nicht, wovon du redest.“
Enrico starrte in ihr Gesicht. „Du bist eine kleine schlaue Giftschlange. Den ganzen Abend weichst du meinen Fragen aus. Aber jetzt ist Schluss. Du wirst reden, und du wirst es bereuen, es nicht schon während des Essens getan zu haben. Ins Auto mit ihr.“
*
Mason hatte beobachtet, wie die Tussi mit ihrem Komplizen aus dem Restaurant gekommen war. Mittlerweile war klar, dass die Carter GmbH es mit dem organisierten Verbrechen zu tun hatte. Hanna Köhler hatte Enrico Bruno in der Datenbank gefunden und ihn identifiziert. Er war in Hamburg bekannt und fühlte sich sehr sicher, denn bisher war es nie gelungen, an seine Hintermänner ranzukommen oder ihm etwas nachzuweisen. Die Kommissarin befürchtete, dass er sich auch dieses Mal aus der Angelegenheit herauswinden würde, schließlich hatte Mason ihn bis jetzt nur bei Gesprächen mit Mitarbeitern der Firma beobachtet. Und das war nichts Verbotenes. Deswegen hatte sie mit Tyler vereinbart, die uniformierten Kollegen noch nicht loszuschicken, sondern die Gelegenheit zu nutzen und Mason weiterhin heimlich spionieren zu lassen. Eventuell konnten sie wertvolle Erkenntnisse sammeln, die der Polizei dabei helfen würden, die ganze Organisation empfindlich zu treffen.
In sicherem Abstand war Mason dem Paar hinterhergeschlichen.
Der Typ führte Stevens Mitarbeiterin in eine ruhige Seitenstraße und dort in einen Hinterhof. Mason glaubte, er würde Zeuge eines Quickies werden, doch dann änderte sich schlagartig die Situation. Zwei Schlägertypen hatten in einem Auto gewartet und griffen die Frau an. Sie wehrte sich beachtlich aggressiv und machte dabei genügend Lärm, sodass Mason unbemerkt näher huschen konnte, um hinter einer Reihe von Mülltonnen Deckung zu suchen. Die Männer waren bewaffnet, er sah ihre Holster unter den Jacken. Verfluchter Mist. Das gefiel ihm gar nicht.
Sie schlugen mit ihren Fäusten brutal auf die Frau ein. Er musste schnell eingreifen, sonst würden sie sie ernsthaft, wenn nicht gar lebensgefährlich verletzen.
Ein Ziegelstein auf dem Boden brachte ihn auf eine Idee. Er griff danach und schleuderte ihn in das nächstbeste Fenster.
Als das Glas schepperte, zuckten die Typen mit ihrem Opfer herum, gleichzeitig nutzte Mason den Überraschungseffekt. Er sprang aus seiner Deckung heraus und stieß einem der Männer seinen Ellenbogen in die Kehle. Der Typ stolperte zur Seite. In der gleichen Sekunde trat er dem, der die Frau hielt, gegen das Schienbein, sodass er das Gleichgewicht verlor und drohte, mit seinem Opfer nach hinten zu stürzen. Reflexartig löste das Arschloch seine Arme von ihrem Körper und ruderte in der Luft herum, um nicht zu fallen.
Antonia reagierte perfekt. Sie machte einen Satz von ihm weg, und Mason packte sie um die Taille, presste seine Hand auf ihren Mund und sprang so leise wie möglich zurück hinter die Mülltonnen. Sie wehrte sich zum Glück nicht. Das musste der Überraschungseffekt sein.
„Still, wenn du überleben willst!“, knurrte er an ihrem Ohr und sie wurde steif wie ein Brett.
Mason wartete gespannt. Es vergingen endlose Sekunden, in denen die Stille nur unterbrochen wurde durch das Fluchen der Feinde, die sich irritiert um sich selbst drehten, weil sie ganz offensichtlich noch nicht kapiert hatten, was gerade geschehen war. Dann ging endlich, wie er gehofft hatte, das Licht in der Wohnung an, deren Scheibe er zerschlagen hatte. Die drei Typen sprangen in den Wagen und flüchteten mit quietschenden Reifen.
Mason atmete tief aus. Er konnte jetzt mit der Frau herauskommen und in aller Ruhe warten, bis die Polizei kam, die der Wohnungsinhaber garantiert bereits gerufen hatte.
Aber die Idee gefiel ihm nicht. Sein Ehrgeiz war geweckt, er wollte selbst herausfinden, wie tief Antonia in die Mafiaorganisation verstrickt war und warum sie plötzlich Ärger mit ihren Komplizen hatte.
„Deine Freunde sind garantiert noch in der Nähe, um nach uns zu suchen, und es ist für unser Wohlergehen mehr als wichtig, dass sie uns nicht entdecken. Denn wenn sie es tun, werden sie uns abknallen. Das ist dir hoffentlich klar, oder? Die Mafia duldet keine Zeugen.“ Er lockerte seinen Griff, sodass sie ihren Kopf bewegen konnte. Sie schenkte ihm ein kaum spürbares Nicken und blieb passiv und still, anstatt gegen ihn zu kämpfen. Das bewies ein gehöriges Maß an Nervenstärke und Disziplin. Schließlich hatte sie gerade einige brutale Schläge einstecken müssen und keine Ahnung, was sie nun von ihm zu erwarten hatte.
Nach dem, was Mason gerade beobachtet hatte, und aufgrund ihres Verhaltens jetzt, vermutete er, dass Steven mit seiner Einschätzung recht hatte und seine Mitarbeiterin nicht freiwillig gegen ihn agierte. Vermutlich wurde sie tatsächlich erpresst. Doch jetzt war nicht die Zeit, um diese Fakten zu klären. Sie mussten hier verschwinden.
„Sehr gut“, raunte er. „Wir werden uns jetzt ganz leise und vorsichtig von hier entfernen. Ich schwöre dir, Lady, eine falsche Bewegung und du wünschst dir die anderen drei netten Herren zurück.“
*
Antonia war wie gelähmt. Der Fremde umklammerte sie und hielt ihr den Mund zu, doch die rasende Panik, die sie beim Angriff der anderen drei gepackt hatte, war verschwunden. Sie gehorchte ihm, ohne zu denken. Vielleicht war es die tiefe, ruhige Stimme, die trotz der gefährlichen Situation Souveränität vermittelte. Vielleicht war es der ungewöhnliche, aber nicht unangenehme Geruch des Mannes, vielleicht war es auch die Erleichterung, dass er sie aus der Gewalt der andern drei Verbrecher gerettet hatte. Sie wehrte sich nicht und ließ sich rückwärts langsam aus dem Hinterhof heraus- und in einen Kellereingang hinunterziehen. Seine Hand lag jetzt nur noch locker über ihrem Mund. Sie presste die Lippen fest zusammen, und es gelang ihr, jeden Schmerzlaut zu unterdrücken. Er drückte sie vor einer Wand auf die Knie und blieb hinter ihr stehen. Seine Beine berührten ihren Rücken und Hinterkopf.
Das Sirenengeheul eines Polizeiwagens näherte sich, Motorengeräusch, dann hörte es auf und Antonia stellte sich vor, wie die Polizisten jetzt auf dem Hinterhof standen und dort nichts mehr fanden.
„Still sitzen bleiben. Keine Bewegung. Klar?“, zischte ihr Retter und ließ eine Hand auf ihrer Schulter am Schlüsselbein liegen. Eindeutig würde er sie sofort schmerzhaft fest packen, sollte sie sich rühren oder Lärm machen. Warum versteckte er sich mit ihr vor der Polizei? Das konnte nur einen Grund haben. Er war selbst ein Verbrecher. Warum erschreckte sie das nicht? Warum versetzte sie das nicht erneut in Panik? Sie hatte keine Ahnung. Sie nickte und hörte etwas rascheln. Anscheinend griff er in seine Jackentasche, während seine andere Hand weiterhin auf ihrer Schulter lag. Sie starrte gegen die Wand, vor der sie kniete, stützte sich mit den Unterarmen daran ab und hörte ihr eigenen Herz laut klopfen. Der Boden war hart und das Knien schmerzhaft.
„Ich brauche ein Taxi“, murmelte ihr Retter.
Er hatte also ein Handy aus der Tasche gezogen … und rief … ein Taxi? Wirklich, ein Taxi? Fast musste sie kichern. Sie fühlte sich, als hätte man sie in einen Thriller im Fernsehen gesteckt und er rief ein ganz normales Taxi? Das war total skurril!
Einen Moment war es still, dann sprach er Worte ins Telefon, deren Sinn sich Antonia nicht erschlossen. Doch sie kapierte, dass er kein normales Taxi rief, sondern anscheinend einen Komplizen hatte. Ihre Nerven waren immer noch zum Zerreißen gespannt, sodass sie sich nicht genügend konzentrieren konnte, um ihm richtig zuzuhören, und so fanden nur Worte und Satzfetzen den Weg in ihren Verstand.
„Kein Einzelner. Organisiert.“
„Notfall.“
„Musste sie da rausholen.“
„Nein.“
„Zu früh. Müssen rauskriegen, was da los ist.“
„Okay.“
„Koordinaten. Hauptstraße.“
Ein nicht greifbarer Gedanke oder eher das Gefühl, die Stimme ihres Retters und die ungewöhnliche Betonung der Silben, mit der er sprach, schon mal wahrgenommen zu haben, wollte in ihren Verstand eindringen. Sie war jedoch zu aufgeregt, um diesen Eindruck gedanklich festzuhalten und ihn weiter zu verfolgen.
Mit zitternden Fingern stützte sie sich stärker an der Wand ab. Wenn doch bloß ihre Rippen nicht so verdammt wehtun würden.
Es klickte. Das Gespräch war offenbar beendet.
„Kannst du laufen?“, fragte er leise an ihrem Ohr, und Antonia nickte, ohne zu denken.
„Gut. Wir werden uns jetzt langsam und unauffällig von diesem gemütlichen Ort entfernen und uns möglichst unsichtbar Richtung Hauptstraße bewegen. Du bleibst dicht hinter mir, und sollte uns jemand begegnen, werden wir ein eng umschlungenes Liebespaar spielen“, murmelte er. „Versuch keinen Scheiß, Mädchen. Die Kerle sind garantiert noch in der Nähe und sie sind bewaffnet. Das sind Männer, die weder Polizisten noch Zeugen mögen. Wenn sie uns erwischen, bringen sie uns beide um. Ich hoffe, das ist dir klar.“
Antonia keuchte auf und nickte hektisch. Er packte sie an den Oberarmen, zog sie hoch und sie zischte vor Schmerz. Er runzelte die Stirn, kommentierte ihren Schmerzenslaut aber nicht. Mit hartem Griff umschloss er ihr rechtes Handgelenk und ging los. Antonia blieb nichts anderes übrig, als ihm zu folgen. Sie stiegen die Treppenstufen zur Straße hinauf, und sie biss die Zähne zusammen, um nicht zu jammern, denn in ihren Rippen und ihrem Bauch zog es so schmerzhaft, dass sie sich am liebsten zusammenkrümmen wollte. Tränen sammelten sich in ihren Augen.
Oben angekommen, blieb er stehen und sah sich nach rechts und links um. Alles war still. Kein Auto. Kein Mensch. Sie starrte auf seinen Rücken. Jetzt erkannte sie ihn. Das war ja … Fassungslos riss sie die Augen auf, als sie begriff, wen sie da vor sich hatte. Ihr Retter war der Obdachlose, dem sie bereits zweimal an diesem Tag begegnet war. Ihr Verdacht vom Vormittag war richtig gewesen. Er war ein Dieb. Deshalb wollte er sich auch jetzt vor der Polizei verstecken.
Sie liefen die schmale Seitenstraße entlang zur Hauptstraße. Es war der gleiche Weg, den sie vorher mit Enrico gegangen war.
Der Schmerz in ihren Rippen ließ kein echtes Laufen zu. Sie hing mehr an der Hand ihres Retters, als dass sie mitlief. Auch fühlte sich ihr Gesicht ganz seltsam an, aber sie hatte keine Zeit, es zu betasten. Er kannte kein Erbarmen. Sein Griff um ihr Handgelenk war eisenhart.
Kurz bevor sie die Hauptstraße erreichten, leuchteten plötzlich Scheinwerfer in ihre Richtung. Ihr Retter schubste sie in einen Hauseingang und drückte sie mit seinem Körper gegen die Wand. Sein Brustkorb presste sich gegen ihre Brüste, seine Bartstoppeln drückten in ihre seltsam empfindliche und gleichzeitig unter der Haut gefühllose Wange. Seine Lippen berührten ihr Ohrläppchen. Sie spürte das Klopfen seines Herzens und seine trotz allem nicht hektischen Atemzüge. Sie roch seinen ungewöhnlichen Duft und spontan dachte sie an … Natur? Wald? Tiere? Holz? Klebstoff?
Das Auto fuhr an ihnen vorbei und ihr Retter löste sich von ihr. Erneut packte er sie am Handgelenk und sie liefen weiter. An der Straßenecke blieb er stehen und zwang sie, hinter ihm zu bleiben. Wieder roch sie seinen total seltsamen, aber nicht unangenehmen Geruch, der definitiv nicht zu einem Obdachlosen in der Stadt passte.
„Da ist er“, murmelte er, zog sie mit einem Ruck weiter zu einem Van und öffnete die Schiebetür, bevor Antonia die Werbeaufschrift unter den Fenstern des Wagens lesen konnte.
Er schubste sie hinein. „Auf den Boden“, knurrte er, stieg hinter ihr ein und zog die Tür zu.
Antonia stöhnte unwillkürlich auf, als ihre Rippen gegen den Rand der Sitzbank gepresst wurden, und biss die Zähne fest zusammen, um nicht noch einen Laut hinauszulassen.
In der Dunkelheit konnte sie vom Fahrer nur breite Schultern und den Hinterkopf mit kurzen Haaren sehen. Ihr Retter kauerte hinter ihr ebenfalls auf dem Boden und hielt sie im Arm, an seinen Körper gepresst.
Sie fuhren los.
„Achte darauf, ob uns jemand folgt“, befahl er und der Mann am Steuer lachte trocken und unaufgeregt.
„Gut, dass du mir das sagst, ich wäre von allein nicht darauf gekommen.“
„Klugscheißer.“
Kannte sie die Stimme des Fahrers? Der Gedanke schoss durch ihren Kopf, aber sie war geschockt und die Schmerzen erlaubten kein klares Denken, so vergaß sie die Frage.
Plötzlich bremste der Wagen scharf und bog um eine Kurve. Antonia zischte vor Schmerz und packte reflexartig mit beiden Händen den Unterarm ihres Retters, mit dem er sie über ihren Brüsten an seinen Körper presste. Sie wollte das nicht, aber sie konnte auch nicht wieder loslassen. Es war wie der Reflexgriff eines Säuglings, als würde sie in ein tiefes Loch stürzen, wenn sie losließe.
Der Wagen fuhr abwechselnd langsam und schnell. Mal war der Motor leise, mal heulte er auf, als ob der Fahrer Vollgas geben würde, und mehrmals bogen sie so scharf ab wie beim ersten Mal.
„Keine Verfolger“, brummte er schließlich und normalisierte seinen Fahrstil. „Ich bringe euch jetzt zu ihr.“
„Okay.“
Schon wieder der Gedanke, sie könnte den Mann kennen. Aber das war unmöglich. Vielleicht ähnelte die Stimme nur der von irgendjemandem, den sie kannte.
Antonia wagte es, den Kopf zu heben. Straßenlaternen und das Scheinwerferlicht anderer Autos erhellten das Innere des Wagens etwas. Er hatte gesagt: Zu ihr. Fuhren sie zu einer Frau?
Plötzlich identifizierte sie den intensiven Geruch nach Holz. Das Auto roch danach, als ob frisch gesägtes Holz darin transportiert worden wäre, und sie kapierte, dass sie einen Hauch des gleichen Duftes bereits an der Kleidung ihres Retters gerochen und dabei an Natur gedacht hatte.
Holz? Hatte sie Halluzinationen?
„Ste…“, begann der Fahrer, und ihr Retter unterbrach ihn mit einem rüden „Shut up!“.
„Was …“
„Noch nicht!“
Der Fahrer schnaubte. „Das ist bescheuert. Du musst …“
„NOCH NICHT!“
„Na gut. Wie der große Schlaumeier befehlen.“
Stille.
Antonia schluckte. Irgendwie hörte sich das Streitgespräch nicht wirklich gefährlich an, und sie traute sich, den Mund zu öffnen. „Wer seid ihr?“
„Deine Glücksbringer“, antwortete ihr Retter, und seine Stimme klang so bedrohlich knurrend, dass sie augenblicklich wieder die Lippen fest zusammenpresste, anstatt seine Antwort zu kommentieren.
Der Fahrer lachte und schüttelte den Kopf.
Stille.
Antonias Körper begann, zu zittern. Erst jetzt wurde ihr bewusst, wie fest ihr Retter sie hielt und wie angespannt sie die ganze Zeit war. Sie konnte sich keinen Millimeter von ihm wegbewegen und ihr Körper war so starr wie ein Holzbrett. Immer noch klammerten sich ihre Hände an seinen Arm. Sie zitterte, weil die Muskelfasern keine Kraft mehr hatten, aber sie konnte sich auch nicht entspannen und sich an ihn lehnen, wonach sich, so widersinnig es auch war, ganz tief in ihrem Kopf irgendein Teil ihres Ichs sich sehnte.
Der Wagen bremste. „Wir sind da“, murmelte der Fahrer.
Ihr Retter löste seinen Schraubgriff und ihre Hände lösten sich von seinem Arm.
„Dein Schlüssel“, forderte er und zerrte am Riemen ihrer Handtasche, der immer noch über ihrer Schulter hing.
Erstaunt sah Antonia ihm zu. Ihr war nicht bewusst gewesen, dass sie ihre Tasche die ganze Zeit bei sich getragen hatte. Er öffnete sie, wühlte darin herum und holte ihren Schlüsselbund heraus. Dann stand er auf, schob die Tür auf und sprang raus.
„Komm.“ Er griff nach ihrem Arm und zog sie mit.
Sie wehrte sich nicht, doch als sie ausstieg, krümmte sie sich vor Schmerz unwillkürlich zusammen und stöhnte. Sie verlor das Gleichgewicht.
„Fuck“, fluchte ihr Retter, fing sie auf und stützte sie.
Sie sah auf und ihre Augen wurden groß. Sie standen vor ihrem Haus. Die Männer hatten sie nach Hause gebracht, und nicht irgendwohin entführt.
„Ich helfe dir“, murmelte ihr Retter und sie gingen nebeneinander langsam zur Tür.
Sie hörte, dass das Auto wieder losfuhr und sich entfernte. Sie war wieder allein mit dem dubiosen Obdachlosen, der nichts mit der Polizei zu tun haben wollte, sie aber gerettet hatte. Fast musste sie lachen, so konfus war die Situation, in die sie an diesem Abend geschleudert worden war. Doch der Humor verging ihr schnell wieder, denn jeder Schritt tat weh, und Antonia konnte nicht anders, als sich schwer auf seinen Arm zu stützen.
Er schloss auf. „Welcher Stock?“
„Der erste.“
Langsam stiegen sie die Treppe hinauf und blieben vor ihrer Wohnungstür stehen.
Er steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn um, die Tür sprang auf, er schob sie vor sich her hinein und ließ sie los.
Die Tür klappte zu, und eine Sekunde lang glaubte Antonia, er wäre gegangen und hätte sie allein gelassen.
Doch dann marschierte er an ihr vorbei, ließ den Schlüsselbund auf das Sideboard neben der Garderobe fallen, drückte auf den Lichtschalter, öffnete sämtliche Zimmertüren und sah sich in der Wohnung um. Sie lehnte an der Wand, beobachtete ihn und wusste nicht, ob sie froh oder entsetzt darüber war, dass er sie nicht allein ließ, sondern die Räume inspizierte, als würde er bei ihr einziehen.
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