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Wie aus dem Ei gepellt ...
Erzählungen, Märchen und Gedichte zur Osterzeit
Band 3
Sandy Penner (Hrsg.)

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Impressum:
Personen und Handlungen sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind zufällig und nicht beabsichtigt.
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© 2021 – Papierfresserchens MTM-Verlag GbR
Mühlstr. 10, 88085 Langenargen
Alle Rechte vorbehalten. Taschenbuchauflage erschienen 2013.
Cover Schaf: waterlilly / Fotolia.com lizenziert
Herstellung: CAT creativ - cat-creativ.at
ISBN: 978-3-86196-199-4 - Taschenbuch
ISBN: 978-3-96074-422-1 - E-Book
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Inhalt
Eins, zwei, drei, Änni legt ein Ei!
Reingelegt
Das halbe Osterei
Die Rosenkönigin
Der Osterengel Gregor
Ostereier, Keks und Merle
Opa Theo und der Osterhase
Die Osterklage
Der kleine Hase Trick und die gestohlene Zeit
Das Osterlämmchen
Purzel und der Eier-Malwettbewerb
Henne Trudi rettet Ostern
Der Osterhase unterm Holderbusch
Hasenohren
Ein großer Sieg
Marathon-Moppel
Frohe Ostern, Agathe!
Meine Cousine, ihr Meerschwein und ich
Osterhasencasting
Chaotischer Herr Osterhase
Ein Osterspaziergang mit Großvater
Osterfrühstück
Kunterbunter Eiermix
Mein Osterhase
Wie Jonny die Osterhasen rettete
Aus der Traum vom Osterhasen?
Der Stadtstrand
Die Kür des Osterhasen
Skandal-Interview: Osterhase schmeißt Handtuch!
Hasenherz
Oh, du schöne Osterzeit
Schoko-Osterhasen im neuen Design
Reinecke und die Kücken
Das Osterhasenlied
Wüstenei
Als Weihnachten und Ostern auf einen Tag fielen
Ostern im Garten
Aufruhr im Hasendorf
Henne Henni und das Osterküken
Wie die Eier bunt wurden
Wo wohnt denn bloß der Osterhase?
Oh, Johnny!
Abenteuer schwer gemacht
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Eins, zwei, drei, Änni legt ein Ei!
An einem sonnigen Frühlingsmorgen, nachdem Änni ihren ersten Hunger am frischen Gras der Weide gestillt hatte, wälzte sie sich gerade genüsslich, als sie eine Stimme vernahm: „Pferd müsste man sein! Dann könnte man sich in aller Ruhe dick und rund fressen und bräuchte keine Eier holen, bemalen und ausliefern.“
Änni richtete sich auf und schaute, wer dort sprach. „WER ist hier dick und rund?!“, fragte sie und legte drohend die Ohren an den Kopf.
Aber der braune Hase mit dem Korb auf dem Rücken lachte nur. „Nichts für ungut, ich wollte dich nicht beleidigen. Aber wenn man euch Pferden hier so zusieht, während man selbst mit Eiern beladen durch die Gegend hoppelt, kann man schon mal neidisch werden.“
Änni erhob sich mit einem Stöhnen, schüttelte sich und schnaubte beruhigt. Ihr seidiges schwarzes Fell glänzte im Sonnenschein. „Na ja, du musst nicht denken, dass wir nichts zu tun haben hier, Hase. Wir müssen fast jeden Tag Menschen auf unserem Rücken tragen, manche davon sind nicht nur schwer, sondern auch ziemlich anstrengend.“
Eine dunkle Fuchsstute drängte sie zur Seite und sagte: „DU musst dich ja nun wirklich nicht beschweren, Änni. Während du hier schon wieder frisst, muss ich immer noch Reitschüler durch die Gegend tragen!“
Änni schnappte pikiert: „Dafür bekommst du auch eine extragroße Portion Hafer und Heu, Braunie, also hab dich nicht so!“
„Verdient ist verdient“, murrte Braunie und schlug unwirsch mit dem Schweif.
Der Hase hatte keine Lust, sich in die Stutenbissigkeit einzumischen und verabschiedete sich hastig. „Macht das unter euch aus, Mädels, ich muss weiter!“
Die Pferde schauten ihm nach und Braunie meinte: „Irgendwie hat er aber recht, Osterhase möchte ich auch nicht sein. So viel Stress für einen einzigen Tag!“
Änni antwortete nicht. Nachdenklich zupfte sie an ein paar Grashalmen. Ostern. Das war einmal im Jahr. Aber geritten wurde immer. Vielleicht konnte sie ja umschulen? Auf Osterpferd?
Während der nächsten Tage sah sie den Osterhasen immer wieder hin- und herhoppeln zwischen dem Hühnerstall, wo er die Eier abholte, und dem Bau, in dem seine Familie die Eier bunt anmalte.
Als er wieder einmal direkt an ihrer Wiese vorbeihoppelte, sah sich Änni vorsichtig um. Ihre Kolleginnen fraßen an einem Streifen frischen Grases und beachteten sie nicht, daher schlich sie sich davon und rief dem Osterhasen leise zu: „Hey du! Huhu!“ Erstaunt hielt der Hase inne und sah Änni fragend an. „Komm doch mal ein Stück näher, damit ich nicht so schreien muss“, bat die Stute. Das Langohr tat ihr den Gefallen und setzte sich gleich vor ihre Hufe. „Kann ich nicht bei euch mitmachen?“, fragte sie.
„Hä? Wie meinst du das, Pferd?“
„Ich heiße Änni, Hase!“
„Und ich heiße Fred, Pferd!“
Änni schüttelte genervt die kurze Mähne. „Gut, Fred. Ich will auch bei Ostern mitmachen. Eier holen, einfärben und was ihr sonst noch so macht.“
„Hahahahaha!“, lachte Fred und schlug sich auf die Schenkel.
„Pssst! Bist du verrückt?“, zischte Änni und ließ vor lauter Aufregung einen dicken Haufen Pferdeäpfel fallen.
„Eier legen kannst du also schon“, bemerkte der Hase trocken, bevor er wieder in Gelächter ausbrach.
Die Stute blickte erstaunt hinter sich, sah aber nur die grünen Pferdeäpfel. Als sie wieder nach vorn schaute, war der Osterhase verschwunden. Änni schnaubte ärgerlich, weil er sie hereingelegt hatte, und gesellte sich dann wieder zu den anderen Pferden.
Am Ostersamstag hatte Änni ihr abendliches Heu schon längst aufgefressen und blickte sehnsüchtig zu ihrem Boxennachbarn, der noch genüsslich an den grünen Halmen knabberte, bis er ihren Blick bemerkte und hämisch sagte: „Na, schon wieder aufgefressen, Änni? Tja, Pech. Von mir gibt’s nix mehr. Musst du dir eben etwas mehr Zeit lassen demnächst.“
Peinlich berührt wandte sich Änni ab und ließ sich ins Stroh plumpsen. Morgen war Ostern. Toll. Und was hatte sie davon? Vielleicht kam ja ihre kleine Freundin Marie und brachte ihr ein Stück Zucker oder ein paar Möhren. Dafür durfte sie dann auch auf ihrem Rücken reiten. Änni dachte an die klebrigen Kinderfinger, die immer irgendwie verlockend dufteten, und fiel darüber in sanften Schlummer.
Mitten in der Nacht erwachte sie von einem Knabbergeräusch. Sie stellte die Ohren auf und lauschte.
„Änni, Änni du musst mir helfen!“, rief eine vertraute Stimme.
Die Stute schüttelte sich verwirrt und versuchte zu erkennen, wer da zu ihr sprach. Dummerweise war es stockdunkel und so sah sie Fred erst, als er direkt vor ihrer Nase saß.
„Huaa!“ Mit einem Satz war Änni auf den Beinen, stand in der hintersten Ecke ihrer Box und starrte zitternd und mit weit aufgerissenen Augen auf das Fellknäuel in der Boxenmitte.
Fred hielt sich das Bäuchlein und lachte sich kaputt. „So ein großes Pferd und so ein Angsthase!“, rief er.
Änni, der das ziemlich unangenehm war, prustete ruckartig die angehaltene Luft aus und erwiderte ungehalten: „Pferde sind Fluchttiere! Hast du das etwa nicht gewusst? Wenn nachts plötzlich ein Wolf dasteht, hat man keine Zeit, mutig zu sein!“
„Wem sagst du das ...“, murmelte Fred, schließlich waren Wölfe auch seine Feinde.
„Aber jetzt komm mal wieder runter, ich brauche deine Hilfe. Die Waschbären haben uns alle bunt gefärbten Hühnereier gestohlen und auf die Schnelle können wir für die Kinder keine neuen bemalen. Du wolltest doch sowieso helfen bei den Ostervorbereitungen, könntest du uns nicht einen großen Haufen Eier legen? Am besten bunt gefärbt?“
Änni wollte den Osterhasen gerade fragen, ob er noch alle Tassen im Schrank hätte, als sie einen verdächtigen Druck auf den Darm spürte. Der Drang zu äpfeln war plötzlich so stark, dass sie sich auf nichts anderes konzentrieren konnte.
Im nächsten Moment hob sich ihr Schweif wie von selbst und „plopp, plopp, ploppediplopp, plopp“ fielen doch tatsächlich statt Pferdeäpfeln bunt gefärbte Eier ins Stroh. Während Änni erstaunt hinter sich glotzte, freute sich Fred und machte sich daran, die Eier in seinem Rückentragekorb zu verstauen.
„Danke, du hast uns sehr geholfen!“, rief er und hoppelte dann eiligst davon.
Änni ließ sich wieder ins Stroh plumpsen. Sie war ein Osterpferd! Erschöpft schlief sie wieder ein.
Als sie am Ostersonntag aufwachte, fiel ihr das nächtliche Erlebnis ein und sie sah sich suchend in der Box um. Nichts ließ darauf schließen, dass sie tatsächlich bunte Eier gelegt hatte. Aber Fred hatte sie ja auch alle mitgenommen. Oder etwa nicht?
Auf der Wiese, nach dem ersten Frühstück, überkam Änni wieder der Drang zu äpfeln. Gespannt schaute sie hinter sich, aber es fielen nur „plopp, plopp, plopp“ eine Menge Pferdeäpfel zu Boden. Sie seufzte: „Und ich bin doch nur ein stinknormales Pferd!“
Am Nachmittag kam tatsächlich ihre kleine Freundin Marie zur Weide gelaufen. Sie hielt ein Körbchen mit Zucker- und Schokoladeneiern in der linken Hand und schwenkte ein lindgrünes Hühnerei in ihrer rechten. „Änni, schau mal, was ich in deiner Box gefunden hab! Eins, zwei, drei, die Änni legt ein Ei! Hast du ein Ei gelegt, meine Änni?“, fragte die Kleine und schmiegte das Gesichtchen an die warme Pferdenase.
Änni nickte begeistert. Marie lachte ihr helles Kinderlachen und reichte ihr zur Belohnung ein Zuckerei aus weichen, klebrigen Händen. Änni lutschte darauf herum und seufzte zufrieden: Konnte es ein schöneres Osterfest geben?
Sue Hiegemann lebt naturverbunden mit Familie und Tieren als Wahl-Ossi im schönen Leipziger Neuseenland, das sie stets reich mit Inspirationen versorgt. So entstehen Geschichten und manchmal auch Gedichte für Groß und Klein, die sich in diversen Anthologien wiederfinden, sowie Artikel und Porträts für den Lokalteil der Leipziger Volkszeitung. Mehr Infos finden sich auf der Webseite slcalvi.de.
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Reingelegt
Die Ruhe der Nacht lag über dem Bauernhof, alles schlief und nur hier und da war ein leises Rascheln, Grunzen oder Gackern zu vernehmen, wenn eines der Tiere gerade lebhaft träumte. Auf Zehenspitzen trippelte der Bauersohn zum Hühnerstall und öffnete vorsichtig die Tür. Sie durfte nicht zu laut knarren, denn er wollte die Hennen nicht wecken. Ein Grinsen huschte dem Jungen übers Gesicht, als er daran dachte, was er sich Lustiges ausgedacht hatte. Er schlich an den Hühnern vorbei, die aufgeplustert und dicht gedrängt auf den Stangen hockten und näherte sich langsam der Henne Henriette. Diese saß schlafend im Nest und brütete ihre Eier. Vorsichtig schob er ihr etwas unter den Bauch. Na, das würde ein Spaß werden, wenn sie morgen erwachte!
„Kiiickerikiiie!“, krähte der Hahn aus vollen Kräften, sobald die ersten Sonnenstrahlen den Bauernhof in Morgenlicht tauchten. Die Hennen öffneten verschlafen ihre Augen, schüttelten ihre Federn und begannen nach und nach von den Stangen zu hopsen. Auch Henriette erwachte und kuschelte sich noch einmal an ihre Eier. „So, meine Kleinen, ich muss euch jetzt kurz alleine lassen, ich bin hungrig“, sprach sie und sprang vom Nest. Doch was war das? Entsetzt blickte Henriette auf ihre Eier. Sie waren alle da – glaubte Henriette, denn sie konnte nicht besonders gut zählen – doch eines war knallbunt! „Ich habe ein buntes Ei gelegt!“
Aufgebracht flatterte Henriette durch den Stall, sodass die Federn flogen und dann hinaus auf den Hof, damit es alle hören konnten. „Ich habe ein buntes Ei gelegt!“ In Windeseile verbreitete sich die Nachricht. Die Kühe, die eigentlich noch ein wenig Nachtruhe in ihrem Stall halten wollten, rissen ungläubig die Augen auf. Ein buntes Ei? Wo gab es denn so etwas! Die Schweine grunzten aufgeregt und beschlossen, sich die Sensation einmal genauer zu betrachten. Der Wachhund ärgerte sich darüber, dass Henriettes Geschrei ihn aus dem Schlaf riss. Doch dackelte er pflichtbewusst hinüber zum Hühnerstall, um nach dem Rechten zu sehen. Nur die Katze, die gerade von ihrer Mäusejagd kam, tat gelangweilt. Sie wusste, dass sie nicht in den Hühnerstall durfte, und zog sich auf ihre Lieblingsfensterbank des Bauernhauses zurück.
Mittlerweile waren immer mehr Tiere des Hofes im Hühnerstall versammelt und drängten sich um Henriettes Nest. Jene, die keinen Platz mehr fanden, warteten ungeduldig in einer Reihe vor dem Stall.
„Das Ei ist wunderschön, Henriette! Wie hast du das nur gemacht?“, riefen die Schweine und Kühe.
„Wahrlich unglaublich“, musste der Hund zugeben.
„Dass ich das mal erleben darf“, meinte auch der Hahn anerkennend. Nur die anderen Hennen blieben weitgehend stumm. Während sie auf das leuchtend bunte Ei in Henriettes Nest blickten, murmelte die eine schließlich: „Das kann nicht mit rechten Dingen zugehen.“ Und eine andere sprach leise: „Wer weiß, was sie da ausbrütet“. Die übrigen Hennen nickten ihr zustimmend zu.
Henriette hingegen ignorierte die eifersüchtigen Blicke der anderen Hennen. Die meiste Zeit über hütete sie liebevoll ihre Eier, ließ es sich aber nicht nehmen, erhobenen Hauptes und mit stolz geschwellter Brust über den Hof zu schreiten. Sollten die anderen Hühner doch denken, was sie wollten! Sie war etwas Besonderes! Noch nie hatte ein Huhn ein farbiges Ei gelegt. Und Henriette genoss die bewundernden Blicke der Kühe, der Schweine, des Hahns und des Hundes.
„Aufgeplusterte Glucke“, gackerte die Oberhenne, die mit ihren zwei Freundinnen auf dem Hof zusammenstand.
„Ach, lass Henriette doch ihren Spaß“, erwiderte die andere. „Sie wird schon sehen, was da aus ihrem Ei schlüpft.“
Und während die Hühner weiter ihrer Lieblingsbeschäftigung nachgingen und auf dem Hof nach Körnern pickten, kam die Katze ihres Weges. Sie hatte schon seit einiger Zeit amüsiert die Lage beobachtet. „Meine Lieben, wollt ihr wissen, was es mit Henriettes Ei auf sich hat?“, fragte sie. Die Hennen blickten sie etwas argwöhnisch, aber neugierig an. „Kommt, ich zeige euch etwas“, forderte die Katze sie auf und sprang davon. Die Hennen hüpften aufgeregt hinterher und folgten ihr in Richtung Bauernhaus bis zu ihrer Lieblingsfensterbank. „Dann werft einmal einen Blick durch das Fenster“, sprach die Katze.
Gespannt flatterten die drei Hühner zur Scheibe und schauten in das Wohnzimmer. Dort saß der Bauernjunge am Tisch und war eifrig damit beschäftigt, etwas mit bunten Farben zu bepinseln. „Kannst du was sehen?“, gackerte das eine Huhn. „Was macht er da?“
„Lass mich mal schauen“, drängelt die Oberhenne und kniff die Augen etwas zusammen, um besser erkennen zu können, was der Junge tat. „Das gibt’s doch nicht“, flüsterte sie schließlich, „er bemalt Eier!“
„Eier? Welche Eier denn?“, meinte die dritte Henne aufgebracht.
„Nun, ich mag es euch erklären“, sprach die Katze. „Jedes Jahr in der Osterzeit ist es Brauch bei den Menschen, Hühnereier zu bemalen. Manchmal verstecken sie sie auch, damit die Kinder ihren Spaß daran haben, sie wieder zu suchen.“
„Seltsame Ideen haben die Menschen“, murmelte die eine Henne. „Und du meinst, der Bauernsohn hat einfach eines der bemalten Eier in Henriettes Nest gelegt?“
„So wird es wohl sein“, antwortete die Katze.
Die Hühner grinsten sich an. Dann war Henriette ja gar nichts Besonderes! Ein stinknormales Ei hatte sie in ihrem Nest! „Na, da wird sie aber enttäuscht sein, wenn sie feststellt, dass da auch ein stinknormales Küken herausschlüpft!“, gackerte die Oberhenne schadenfroh.
So vergingen die Tage und alle Tiere des Hofes warteten gespannt darauf, dass das Küken aus Henriettes buntem Ei endlich schlüpfte. Alle anderen Eier hatte sie bereits ausgebrütet. Henriette sonnte sich weiter unter der Aufmerksamkeit der anderen und auch ihre Erwartungshaltung stieg von Tag zu Tag. Besonders ungeduldig waren aber die anderen Hennen. Sie grinsten sich immer wieder an und freuten sich schon darauf, Henriettes enttäuschtes Gesicht zu sehen.
Schließlich, in einer Nacht, geschah es. Alles schlief im Hühnerstall, da spürte Henriette plötzlich, dass das Ei unter ihr zu wackeln begann. Henriettes Herz begann heftig zu pochen, als sie beobachtete, wie die Schale knackend einen leichten Riss bekam, der sich langsam über das ganze Ei ausbreitete. Kurz darauf schaute ein kleines, gelbes Köpfchen heraus. Henriette war entsetzt! Ein kleines gelbes Küken. Gelb! Alle Küken waren gelb! Was sollte sie jetzt nur tun? Alle würden sie auslachen! Henriette beschloss, das piepsende Küken erst einmal mit nach draußen zu nehmen, damit die anderen Hennen nicht wach wurden. Sie überlegte fieberhaft. Vielleicht könnte sie einfach behaupten, jemand hätte ihr Ei gestohlen? Da schlich wieder einmal die Katze heran, die bereits auf diesen Moment gewartet hatte. „Henriette, ich habe eine Idee, wie ich dir helfen kann“, lockte sie. Sie freute sich darauf, sich mit den Tieren des Hofes einen Spaß zu erlauben, insbesondere mit den eifersüchtigen Hennen. Henriette blickte die Katze überrascht an, folgte ihr aber dann.
Es dämmerte und der Hahn begrüßte krähend den neuen Tag. Es war Ostersonntag. Die Hennen erwachten in ihrem Stall und stellten sofort aufgeregt fest, dass Henriettes Nest leer war.
„Henriette, lass uns schauen!“ „Wo ist dein Küken? Wir wollen es sehen!“, gackerten sie durcheinander und rannten nach draußen. Auch die Kühe, Schweine und der Hund kamen, wach geworden von dem Geschrei, zusammen. Mitten auf dem Hof stand die stolze Henriette und vor ihr das Küken, das alle so sehnsüchtig erwartet hatten. Ein Raunen ging durch die Tiermenge und den Hennen fielen fast die Augen aus dem Kopf: Henriettes Küken war ... knallbunt!
Henriette strahlte und noch jemand grinste aus der Entfernung, auf ihrer Lieblingsfensterbank sitzend, in sich hinein. Und wenn der Bauernjunge erst wach werden würde, so würde er heute eine ganz besondere Osterüberraschung erleben.
Martina Vogel, 1977 geboren, lebt in Flörsheim am Main und ist Grundschullehrerin. Neben dem Wandern, Reiten, Joggen und Yoga liebt sie vor allem Bücher und das Lesen. Bereits als Kind hat sie früh viele eigene Geschichten geschrieben und nach einer langen schreibfreien Zeit ist „Reingelegt“ ihre erste Kurzgeschichte für Kinder.
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Das halbe Osterei
Jamie seufzte. In einer Stunde sollte er zu seiner Familie fahren. Es war mal wieder Zeit für das alljährliche Ostertreffen. Verzweifelt fuhr er sich durch die Haare. Er war wirklich vollkommen verplant. All die Aufsätze, die er noch schreiben musste, die Bücher, die es noch zu lesen galt.
Gähnend lief er in die Küche. Dafür war er extra früher aufgestanden. Jamie drückte ein paar Knöpfe, um sich einen Kaffee einzulassen. Schwarz. Die Maschine brummte. Als er sich seinen Kaffe nahm, schaute Jamie sich kopfschüttelnd um. Während die Küche an sich relativ sauber war, glich die Spüle einem Schlachtfeld. Schmutzige Töpfe und Teller türmten sich neben dem Waschbecken. Doch das würde auch noch eine Weile so bleiben, denn heute hatte Jamie genug um die Ohren.
Mit dem dampfenden Kaffee in der Hand ging er zurück zu seinem Schreibtisch und stutzte. Mitten auf seinem Arbeitsheft, umrandet von seiner eng geschwungenen Schrift, lag ein Osterei. Zumindest das, was von ihm übrig war. Es war ein halbes Schokoladenei. Die Aluverpackung war unliebsam heruntergerissen worden und schloss sich jetzt nur noch um die Hälfte des Eis. Der Rest war offensichtlich abgebissen worden.
Irritiert stellte Jamie seinen Kaffee auf den Tisch. Wo kam dieses Ei her? Wer hatte es dort auf seinem Schreibtisch platziert? Denn bevor er in die Küche gegangen war, hatte sich dort noch nichts befunden, dessen war Jamie sich sicher. Er schluckte. Das alles war irgendwie unheimlich. Schnell nahm er das halbe Ei, schmiss es in den Müll und kehrte die übrigen Brösel von seinem Heft. Doch bevor Jamie sich wieder setzte, suchte er seine Wohnung ab. Er blickte unter die Tische und in all seine Schränke, aber es war niemand zu sehen.
Unsicher widmete er sich wieder seinem Aufsatz. Er konnte sich die Sache mit dem Ei einfach nicht erklären. Plötzlich hörte Jamie ein dumpfes Klopfen. Mit einem Mal war er hellwach. Er sprang auf und schaute sich um. Wie vorhin war niemand zu sehen, doch diesmal würde Jamie nicht so leicht aufgeben. Er schlich leise umher und wartete auf ein nächstes verräterisches Geräusch. Kaum war er in seinem Schlafzimmer angekommen, hörte er ein leises Kichern. Dann gingen plötzlich die Lichter aus, nur um einige Sekunden später wieder flackernd anzugehen.
Das Spiel wiederholte sich ein paar Mal, während Jamie wie versteinert im Schlafzimmer stand. Als das Licht zum letzten Mal wieder anging, hörte er Schritte und das Zuschlagen einer Tür. Hastig folgte Jamie dem Geräusch. Schließlich stand er vor seiner Waschküche und blickte sich panisch um. Womit sollte er sich verteidigen? In der Not schnappte er sich das Nächstbeste, was in seiner Reichweite lag. Bewaffnet mit einem bunten Regenschirm drückte er nun langsam die Türklinke herunter. Sein Atem ging immer schneller, und als er schließlich mit einem Ruck die Tür aufriss, hatte er keine Ahnung, was ihn erwartete. Doch womit er nicht gerechnet hatte, war ein völlig leerer Raum. Verblüfft schaute Jamie sich um. Er ließ den Schirm sinken und schnaufte.
Das Einzige, was zu sehen war, waren seine Waschmaschine und ein kleiner Haufen Dreckwäsche, unter dem sich aber kein erwachsener Mensch verstecken konnte. Jamie runzelte die Stirn. Was ging hier vor?
Als er gerade kehrt machen wollte, ertönte mit einem Mal die Türklingel. Erschrocken straffte er sich. Den Regenschirm bereit, ging er auf die Tür zu. Er zählte auf drei und riss die Tür auf. Seine Hände waren jedoch sofort wieder am Regenschirm.
„Jamie?“ Die Stimme seiner Schwester holte Jamie aus seiner Erstarrung. Lachend stand sie auf der Türschwelle.
„Maja! Was machst du denn hier?“, fragte Jamie erleichtert und ließ den Regenschirm sinken.
„Ich wollte nach David sehen. Ich habe ihn vor einer halben Stunde mit unserem Ersatzschlüssel zu dir geschickt. Du weißt schon, wegen des Familientreffens heute.“
„David?“, fragte Jamie verwirrt.
Maja nickte und runzelte dann besorgt die Stirn. „Ist er nicht aufgetaucht?“
Jamie überlegte, schaute sich um und hielt plötzlich inne. „Hatte er zufällig ein Schokoladenei dabei?“
„Ja, aber was hat das damit zu tun? Ist er nun da oder nicht?“
Ein Lächeln breitete sich auf Jamies Gesicht aus. „David! Deine Mutter ist da!“
Ein Rascheln ertönte und ein Junge kam aus der Waschküche gerannt. Er grinste und hatte eine Mütze mit zwei aufgenähten Hasenohren auf. „Hallo, Onkel Jamie!“
Lachend verdrehte Jamie die Augen. Jetzt wusste er, was es mit dem halben Osterei auf sich hatte.
„David, da bist du ja! Wo hast du dich denn rumgetrieben?“, lachte Maja, seine Mutter und Jamies große Schwester. David sagte nichts, sondern grinste nur frech von einem Ohr zum anderen. Fragend sah Maja Jamie an. Dieser erklärte fröhlich: „Sagen wir mal, David macht dem Osterhasen ganz schön Konkurrenz, wenn es ums Verstecken geht.“ Kopfschüttelnd schob Maja sowohl David als auch Jamie aus der Tür. „Auf geht’s! Sonst kommen wir noch zu spät zum Familientreffen!“
Hinter der Tür blieb Jamie jedoch stehen. „Ich sollte noch jede Menge Sachen erledigen ...“
Maja schob ihn zum Auto. „Das kann auch noch bis morgen warten. Heute ist Ostern, und da wird nicht gearbeitet.“ Jamie gab sich geschlagen und schnallte sich an. Auf dem Weg zu dem Haus ihrer Eltern fragte Maja plötzlich: „Was hatte es eigentlich mit dem Schirm auf sich, mit dem du mich begrüßt hast?“
David kicherte und Jamie antwortete gelassen: „Das ist eine lange Geschichte.“
Marisa Liehner wurde im Juli 1996 geboren und lebt in einem kleinen Dorf im Donautal. Derzeit besucht sie das Hohenzollern-Gymnasium in Sigmaringen. Zu ihren Hobbys gehören außer dem Schreiben noch das Zeichnen und Gitarre spielen.
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Die Rosenkönigin
„Ich denke, jetzt sind alle Körbe voll“, sagte der Hasenvater. Er hatte die Osterkörbe auf die Bank gestellt und die Eier gleichmäßig verteilt.
Die Hasenmutter blickte ihren Sohn Sammy an. „Ich fürchte, das bedeutet viel Arbeit für dich“, meinte sie. „Nur gut, dass dein Freund Nick morgen kommt. Ich weiß, dass ihm das Bemalen der Ostereier genauso viel Spaß macht wie dir. Außerdem habt ihr letztes Jahr bewiesen, dass ihr ein eingespieltes Team seid.“ Sammy gähnte. Das Bemalen der Ostereier konnte bis morgen warten. Heute war er müde und wollte bloß noch ins Bett.
„Ich hoffe, dass du kein Schlafwandler bist“, scherzte der Hasenvater. „Wenn du heute Nacht gegen die Bank stößt, sind die Eier kaputt.“
„Wer malt dann die zerbrochenen Eier an?“, fragte Sammy im Halbschlaf. Als der Hasenvater ihm antworten wollte, merkte er, dass sein Sohn bereits eingeschlafen war.
Mitten in der Nacht wachte Sammy auf. „Ich werde mir ein Glas Wasser holen“, dachte er und tastete sich durch den Hasenbau. Da passierte das Missgeschick. Sammy stieß so ungeschickt gegen die Bank, dass sie umfiel. Die Körbe lagen auf dem Boden und die meisten Eier waren zerbrochen. Sammy stockte der Atem. „So ein Mist! Ich brauche dringend neue Eier, sonst fällt Ostern dieses Jahr aus.“ Er schaute zu seinen Eltern. Die hatten nichts gehört und schliefen.
Sammy schlich sich leise aus dem Hasenbau. „Ich werde zum Bauernhof gehen und die Hühner bitten, mir frische Eier zu legen“, dachte er. Es war dunkel, aber der Mond schien und Sammy machte sich auf den Weg. Es dauerte nicht lange, bis er den Hühnerhof erreichte. „Ich muss mich leise nähern“, flüsterte er, „sonst erschrecken die Hühner, fallen von der Stange und legen kaputte Eier. Das wäre schlecht, denn zerbrochene Eier habe ich selbst.“ Sammy stellte überrascht fest, dass die Hühner überhaupt nicht schliefen. Sie liefen fröhlich gackernd umher und schienen sich nicht daran zu stören, dass es eigentlich Nacht war. Die Oberhenne stand bereits am Tor und erwartete ihn. „Eine schlimme Sache ist das mit den Eiern“, sagte sie, „aber ich fürchte, ich kann dir nicht weiterhelfen. Die Hühner feiern das bevorstehende Osterfest und haben keine Zeit mehr zum Eierlegen. Es tut mir leid.“
„Ich brauche die Eier unbedingt“, bettelte Sammy. „Können Sie überhaupt nichts für mich tun?“
Die Oberhenne hielt den Kopf schief und dachte nach. „Wenn du in Not bist, dann kann dir nur ein guter Freund helfen“, antwortete sie schließlich. „Aber jetzt muss ich das Tor wieder schließen, bevor der Fuchs kommt.“ Die Oberhenne verschwand und augenblicklich wurde es still auf dem Hühnerhof.
„Kein Huhn gackert mehr, alle scheinen plötzlich zu schlafen“, wunderte sich Sammy. „Woher wusste die Oberhenne eigentlich, dass ich die Eier zerbrochen habe? Ich hatte es ihr doch gar nicht erzählt.“ Sammy hatte keine Zeit, länger darüber nachzudenken. Er machte kehrt und beschloss, seinen Freund Nick aufzusuchen, wie es die Oberhenne empfohlen hatte. So schnell er konnte, rannte er zum Hasenbau, in dem Nick wohnte. Die Tür stand offen und Sammy ging vorsichtig hinein. Niemand war zu sehen. „Das ist aber seltsam“, sagte er. „Es ist mitten in der Nacht und Nick ist nicht zu Hause.“
Aber das war nicht die einzige Überraschung, denn als Sammy sich im Hasenbau umschaute, entdeckte er einen Gang, der ihm noch nie aufgefallen war. Er folgte ihm, bis er in der Ferne ein Licht erblickte und den Ausgang erreichte. Vor ihm lag eine große Wiese, die mit bunten Blumen bedeckt war. Die Sonne schien am Himmel, die Vögel zwitscherten und die Bienen flogen summend von Blüte zu Blüte. In der Mitte der Wiese entdeckte er eine Bank und darauf standen die Körbe mit den Ostereiern. Es waren genau die gleichen, die Sammy gerade im Hasenbau heruntergeworfen hatte. Auf der Bank saß Nick und war mit dem Bemalen der Eier beschäftigt.
„Hallo Sammy“, rief er erfreut. „Wo bleibst du denn? Hast du vergessen, was wir heute vorhaben?“
Sammy war jetzt völlig verwirrt. „Da stehen ja die Osterkörbe“, sagte er.
Nick blickte ihn verwundert an. „Wo sollen sie denn sonst stehen?“, fragte er. „Dein Vater hat sie uns doch gestern gebracht. Komm und hilf mir.“ Sammy setzte sich neben Nick und beobachtete ihn. Sein Freund pinselte kleine Rosen auf die Eier. „Seit wann kannst du so wunderbare Blumen malen?“, fragte Sammy erstaunt. „Das ist mir noch gar nicht aufgefallen.“ Nick beachtete ihn nicht, sondern malte unentwegt weiter. Mit atemberaubender Geschwindigkeit zeichnete er Rose um Rose. Sammy kam mit dem Pinsel überhaupt nicht zurecht. Der war viel zu dick, um ein Osterei damit zu verzieren. Aber sein Freund arbeitete mit dem gleichen Werkzeug.
Auf einmal stand Nick auf und sagte: „Ich besorge uns neue Farben. Warte hier auf mich.“ Dann verschwand er und Sammy mühte sich weiter mit dem Pinsel ab. Er wollte ihn in den Farbtopf tauchen, den Nick stehen gelassen hatte. Dabei brach der Pinsel ab und Sammy war jetzt völlig durcheinander. In diesem Augenblick kam Nick zurück. „Sammy“, rief er entsetzt. „Was ist mit den Eiern geschehen?“ Sammy wusste nicht, was Nick meinte und drehte sich um. Die Osterkörbe lagen am Boden und die kunstvoll verzierten Eier ebenfalls. Alles war kaputt. Sammy bekam nun auch einen Riesenschreck.
„Ich weiß nicht, wie das passiert ist“, stotterte er. „Ich bin die ganze Zeit hier gesessen.“
Nick winkte ab. „So schlimm ist das nicht“, sagte er beruhigend. „Aber wir müssen es der Rosenkönigin melden. Sie wird wissen, was zu tun ist. Komm schnell, wir gehen gleich zu ihr.“
„Welche Rosenkönigin?“, fragte Sammy verdutzt. „Nick, was geschieht hier? Ich verstehe überhaupt nichts.“ Sein Freund hörte ihn nicht, denn er war schon losgerannt. „Warte auf mich!“, schrie Sammy hinterher. „Ich kenne den Weg nicht.“
Während Nick leichtfüßig über die Wiese rannte, kam Sammy kaum vorwärts. Seine Beine waren schwer und er fühlte sich matt und kraftlos. Mühsam folgte er den Spuren seines Freundes. Plötzlich sah er sie: die Rosenkönigin.
„Das muss sie sein“, dachte Sammy. „Sie sitzt inmitten der Rosen und trägt eine prunkvoll verzierte kleine Krone. Außerdem hat sie goldene Haare und lächelt. Ob sie auch noch so freundlich ist, wenn sie die Geschichte mit den zerbrochenen Eiern erfährt?“
Sein Freund Nick kam angelaufen. „Sammy, wo bleibst du denn?“, rief er. „Die Rosenkönigin ist ganz begeistert von den bemalten Eiern. Komm schnell.“
„Die schönsten Ostereier weit und breit“, stellte die Rosenkönigin lobend fest, als sie Sammy sah. „Sie werden den Kindern auf der ganzen Welt gefallen. Ihr habt sie wunderbar verziert.“ Sammy bemerkte, dass die Osterkörbe mit den bemalten Eiern neben ihr standen.
„Sammy!“, hörte er seinen Namen. Er blickte zu Nick, aber der schaute zur Rosenkönigin. „Sammy!“, hörte er seinen Namen ein zweites Mal und das klang schon viel lauter. Auf einmal waren die Rosenkönigin und Nick verschwunden. Überhaupt alles war verschwunden und Sammy sah in das Gesicht seiner Mutter. „Sammy, willst du denn überhaupt nicht aufstehen?“, fragte die Hasenmutter. „In einer Stunde kommt Nick und bis dahin solltest du fertig sein.“
Sammy schaute zur Bank. Sie war leer. „Wo sind die Osterkörbe mit den Eiern?“, schrie er aufgeregt. „Die hat dein Vater gestern noch auf den Boden gestellt“, antwortete die Mutter und lachte. „Er hatte Sorge, dass die Bank unter dem Gewicht der Eier zusammenbricht. So ein Unsinn. Jetzt komm und iss deinen Salat. Ihr werdet heute den ganzen Tag Eier bemalen und da brauchst du deine Kraft.“
Volker Liebelt wohnt in Öhringen und ist 46 Jahre alt. Seine Hobbys sind seine Familie, Lesen, Wandern und Kurzgeschichten schreiben. Er hat schon mehrere Geschichten in diversen Anthologien veröffentlicht. Nach seiner ersten Kurzgeschichte „Keiner spielt mit mir“ in der letzten Osteranthologie schlug sein Sohn vor, dass es in diesem Jahr ein weiteres Abenteuer mit den beiden Häschen Sammy und Nick geben sollte.
*
Der Osterengel Gregor
„Mir sind da Dinge zu Ohren gekommen,
Ostern wird von den Menschen falsch wahrgenommen“,
sprach der Herr. „Du wirst zur Erde gehen
und dir das Verhalten der Menschen ansehen.“
Der Engel Gregor ging augenblicklich los,
fragte sich: „Wie mache ich das bloß?“
Als Mensch verkleidet, hat er eine Umfrage gestartet,
was er da hörte, hatte er nicht erwartet.
Auf die Frage: „Wie stellen Sie sich auf Ostern ein?“,
sagte die Hausfrau: „Das Haus muss sauber sein,
dann wasche und bügele, backe und koche ich,
Ostern, das ist der reinste Stress für mich.“
„Wir fahren in den Urlaub, wie jedes Jahr,
auf die Kanaren“, antwortete das junge Paar.
„Ach ja“, sagte Kevin vom Kirmesburschenverein,
„wir laden zum Umtrunk am Osterfeuer ein.“
„Ostereier suchen, du stellst aber Fragen“,
ließ sich Gregor von der kleinen Mia sagen.
„Ich“, sagte die Dame, „habe ein neues Kleid gekauft,
man weiß ja nie, was man Ostern so braucht.“
„Ich hoffe, dass die Leute in den Biergarten gehen“,
sprach der Wirt. „Da ist es Ostern wunderschön.“
Der Historiker meinte: „Ich werde nicht eher ruhen,
bis ich weiß, was die Menschen seit Jahrhunderten tun.“
Gregor hat eine Email in den Himmel geschickt:
„Herr, die Menschen sind total verrückt,
es mag sein, dass ich die falschen Leute gefragt,
aber nicht einer hat etwas von Jesu Auferstehung gesagt.“
Margret Küllmar, Jahrgang 1950, aufgewachsen auf einem Bauernhof in Nordhessen, ist Berufsschullehrerin im Vorruhestand und verheiratet. Neben der Herausgabe zweier eigener Lyrikbände ist sie in zahlreichen Anthologien vertreten.
*
Ostereier, Keks und Merle
„Los Keks, jetzt beweg dich doch mal und sammle die Eier ein!“, fordert Merle ihren Hasen auf. Dieser mümmelt nur weiter ruhig vor sich her. „Ach, das macht keinen Spaß mehr.“ Merle hebt ihn hoch und knuddelt ihn, während sie ihn vorwurfsvoll belehrt: „Wie sollst du denn ohne ein paar Eier ein Osterhase werden? So geht das nicht. Du musst ja irgendetwas zum Verteilen haben! Ich hab dir sogar schon einen Korb gebastelt!“
In dem Moment schaut Merles Mutter in den Stall und sieht ihre verzweifelte Tochter auf dem Boden sitzen. „Was ist denn los, Kleines?“, fragt sie besorgt.
„Keks möchte einfach nicht seine Ostereier vorbereiten, er ist nicht einmal ein winziges Stück weit gehoppelt“, antwortet ihre Tochter traurig.
„Hm, ja, das ist wirklich nicht gut für einen zukünftigen Osterhasen. Wie gut war er denn in der Osterschule?“, hakt die Mutter nach.
„Keine Ahnung, er war nie auf einer. Wieso denn, was ist damit?“
„Na, kein Wunder, dass er nichts macht, wenn er nicht weiß, was er tun soll. In einer Osterschule würde er lernen, wie er zu einem perfekten Osterhasen wird.“
„Das ist es bestimmt! Danke, Mama! Komm, Keks, du gehst jetzt zur Schule!“ Merle rennt mit ihrem Hasen auf dem Arm in ihr Zimmer, wo sie Malfarben, Papier, Pinsel und eine kleine Tafel hervorholt. Dann beginnt der Unterricht. Zuerst lernt Keks etwas über die Geschichte der Osterhasen, bekommt Informationen über die berühmtesten Osterküken und -lämmer, dann zeigt Merle ihm, wie man Ostereier bemalt und seinen Osterkorb am besten füllt. Dann erzählt sie ihm, was Kinder am liebsten mögen, später versucht sie ihm beizubringen, wo er sich wie am besten versteckt. Die nächsten Tage ist Merle nur noch mit der Ausbildung von Keks beschäftigt. Sobald sie ihre Hausaufgaben erledigt hat, widmet sie sich voll und ganz ihrem Hasen.
Einen Tag vor Ostern erklärt Merle Keks als dazu bereit, sich als Osterhase auf den Weg zu machen und Schokolade sowie Ostereier in den Nestern zu verstecken. Stolz präsentiert Merle ihren Eltern, was sie aus Keks gemacht hat. Vor ihnen sitzt ein Hase mit glänzendem Fell – Merle hatte ihn mit der Bürste gekämmt, die eigentlich für die Frisierpuppen bestimmt war – und auf dem Rücken trägt er einen großen, gelben Korb, bis oben gefüllt mit Schokoeiern und anderen Süßigkeiten. Merle hatte festgestellt, dass die Hühnereier viel zu schwer für ihren Hasen werden würden, und hatte nur kleine Dinge in den Korb gepackt. Die Eltern zeigen sich sehr begeistert von Merles Haustier und machen ganz viele Fotos von den beiden. Aber dann wird es auch schon Zeit zum Schlafengehen.
Das kleine Mädchen kann vor Aufregung gar nicht einschlafen, voller Vorfreude dreht sie sich ständig im Bett umher. Doch auch sie schläft irgendwann ein und wird von der Sonne, die an ihrer Nase kitzelt, geweckt. Ganz schnell macht sie sich fertig und zieht ein sehr hübsches Kleid an.
„Warum hast du dich denn so schick gemacht? Was steht denn heute an?“, fragt ihr Vater amüsiert am Frühstückstisch.
„Papa, wie kannst du es vergessen haben? Heute ist Ostern! Und Keks hat heute seinen ersten Tag als Osterhase! Jetzt werde ich sehen, ob er wirklich mit der Osterschule abschließen darf“, erinnert ihn Merle empört.
„Ach so, ja, muss ich wohl für einen Moment vergessen haben“, gibt ihr Vater lächelnd zurück.
Dann kommt der große Augenblick. Merle und ihre Eltern versammeln sich auf der Wiese hinter dem Haus. Die ganze Aufmerksamkeit liegt auf Keks, der auf der Erde sitzt. Es scheint Ewigkeiten zu dauern, bis er sich ein Stück bewegt und Merle wird schon ganz ungeduldig, doch plötzlich hoppelt er los und verschwindet zwischen den Büschen. Merle schaut ihm glücklich nach und feiert mit ihren Eltern das Osterfest. Sie findet unzählige bunte Eier, kleine Geschenke und ganz viele Süßigkeiten. Nachdem sie alles bewundert hat, macht sie es sich auf dem Sofa gemütlich und liest das Buch, welches sie in einem besonders großen Nest gefunden hat.
Doch als Keks am späten Abend immer noch nicht zurückgekehrt ist, macht sie sich große Sorgen. „Nicht, dass ihm etwas passiert ist“, schluchzt sie auf dem Schoß ihres Papas.
„Keks passt schon auf sich auf, aber wenn du willst, können wir uns unsere Jacken und eine Taschenlampe schnappen und mal nachschauen, ob alles in Ordnung ist, okay?“, schlägt er vor.
Merle nickt zustimmend und schon machen sie sich auf den Weg. Sie gehen zu dem Ort, wo sie Keks zuletzt gesehen hatten und dann laufen sie quer durch den Wald, der rund um die Wiese steht. Als Merle schon langsam müde wird und aufhören möchte, sieht sie unter einem Strauch etwas Weißes. Sie geht näher heran und erkennt, dass dort ein Zettel in einem Nest liegt. Sie greift nach dem Papier und rennt zu ihrem Vater, damit er ihr es vorliest. Als er die kleine Notiz überfliegt, muss er lächeln und auch nachdem Merle es gehört hat, macht sie sich beruhigt auf den Weg nach Hause, denn das stand dort geschrieben:
Liebe Merle,
damit du dich nicht um mich sorgst, möchte ich dir nur schnell schreiben, was passiert ist. Ich habe noch andere Osterhasen getroffen und ich habe ihnen alles von dir erzählt, was du mir alles beigebracht hast (außer einer Sache, und zwar das Karten lesen!) und da meinten sie, dass ich so gut ausgebildet wurde, dass sie mich direkt in ihre Osterhasengemeinde aufnehmen können.
Ich habe zugestimmt, auch wenn ich dich sehr vermissen werde. Aber wir werden uns ja wenigstens einmal im Jahr zum Osterfest sehen, ansonsten werde ich dich an jedem meiner freien Tage besuchen. Ich muss los, auch wenn Ostern jetzt vorbei ist, gibt es viel zu tun.
Bis bald und ganz mümmelige Grüße von
deinem (Osterhasen) Keks!
Maike Basmer ist 16 Jahre alt und wohnt in Stechow in Brandenburg. Zu ihren Interessen gehören Lesen und Schreiben, Filme schauen, boxen, reisen, grüne Dinge sammeln sowie neue Sprachen erlernen. Bisher hat sie eine Geschichte in einer Anthologie veröffentlicht.
*
Opa Theo und der Osterhase
Pia hatte Halsschmerzen! Das Schlucken tat ihr fürchterlich weh und sie konnte kaum sprechen. Doktor Bensel, der Kinderarzt, machte ein besorgtes Gesicht. „Das sind deine Mandeln, Pia. Die müssen raus, und das am besten so schnell wie möglich“, meinte er.
Auch das noch! Pia war verzweifelt. Nächste Woche war Ostern, und sie hatte sich fest vorgenommen, in der Nacht zu Ostern bei Opa Theo zu übernachten. Opa Theo hatte nämlich Hasen. Um genau zu sein fünfundzwanzig Stück. Pia kannte jeden einzelnen von ihnen. Und einen, den liebte sie ganz besonders: Flitzer. Flitzer war kein normaler Hase – da war sie sich sicher. Flitzer verstand jedes Wort, das Opa Theo sagte.
Manchmal hatte Pia sogar den Eindruck, die beiden würden sich unterhalten. Sie hatte deshalb schon seit Längerem einen Verdacht. Und deshalb wollte sie auch in der Nacht zu Ostern bei Oma und Opa schlafen. Genau genommen wollte sie eigentlich gar nicht schlafen, sondern sich spät abends auf die Lauer legen und den Hasenstall beobachten, denn Pia war sich sicher: Flitzer war der Osterhase. Er musste es sein!
Doch nach dem Besuch bei Doktor Bensel wusste Pia genau, dass sie sich dieses Jahr wohl nicht aufmachen und Flitzer beschatten können würde. Als die Halsschmerzen nach einigen Tagen besser wurden, fuhr sie mit ihrer Mutter zum Krankenhaus. Die Krankenschwestern waren alle sehr nett und versprachen Pia jede Menge Eis – sobald ihre Mandeln draußen waren. Und sie hielten Wort. Nach der OP bekam Pia so viel Eis, wie sie wollte. Die Halsschmerzen wurden schnell besser, und bald fühlte Pia sich schon fast wieder richtig gesund.
Am Samstagmittag ging es ihr dann sogar schon wieder so gut, dass sie wild entschlossen zu Oberschwester Marta marschierte und ihr erklärte, dass sie wieder fit war und nach Hause konnte. Vielleicht konnte sie Flitzer ja doch noch entlarven! Doch daraus sollte nichts werden. Oberschwester Marta war nicht zu erweichen. Enttäuscht legte Pia sich in ihr Bett und zog sich die Decke bis zur Nasenspitze hoch.
Es war bereits später Nachmittag, als plötzlich ein schriller, panischer Schrei quer über den Flur hallte. Noch bevor eines der beiden Mädchen die Zimmertür überhaupt erreicht hatte, flog diese schon auf und ein kleiner Junge, vielleicht fünf Jahre alt, stand im Pyjama vor ihnen und rief: „Der Osterhase wurde gesichtet! Oberschwester Marta hat ihn gesehen!“ Ohne ein weiteres Wort verschwand er gleich wieder.
Pia und Christina rannten ihm nach. Im Nu verwandelte sich die ganze Station in ein heilloses Durcheinander. Oberschwester Marta rannte mit hochrotem Kopf über den Flur. „In die Pfanne kommst du, wenn ich dich kriege“, schrie sie.
„Ja, wenn sie ihn kriegt“, lachte der kleine Junge, der mittlerweile jedes einzelne Zimmer gestürmt und alle Kinder aus ihren Betten und auf den Flur gescheucht hatte.
„Los! Wir müssen den Osterhasen finden und ihm helfen, hier rauszukommen. Und zwar bevor Oberschwester Marta ihn bekommt“, rief Pia plötzlich.
Und mit einem lauten zustimmenden „Jaaa, wir müssen ihn retten!“ stürmten alle Kinder los. Oberschwester Marta hatte im Schwesternzimmer Alarm geschlagen, was dazu führte, dass nun ungefähr zwanzig Kinder in Pyjamas auf der Suche nach dem Osterhasen die Station 2b stürmten und sechs Krankenschwestern plus Oberschwester Marta hinter ihnen herjagten. Wer nun jedoch genau wen jagte, wusste wohl niemand mehr so recht. Jedenfalls dauerte es eine geschlagene halbe Stunde, bis Oberschwester Marta mithilfe der anderen Krankenschwestern alle Kinder wieder beisammenhatte. Der Osterhase jedoch musste immer noch auf freiem Fuße oder besser gesagt freiem Pfötchen unterwegs sein.
Gab das einen Ärger! Mit hochrotem Kopf schimpfte Oberschwester Marta etwas von „Hier geht es ja zu wie im Zirkus – erst ein Tier auf meiner Station und dann auch noch dieses Fiasko hier!“ Sie atmete tief durch, wandte sich an ihre Krankenschwestern und ordnete an, dafür zu sorgen, dass jedes Kind wieder in seinem Bett landete. „Um dieses Tier kümmere ich mich persönlich“, sagte sie und machte sich, bewaffnet mit einem Besen, wieder auf den Weg.
Pia war eine der Ersten, die wieder in ihr Zimmer kam. Als sie sich erschöpft auf ihr Bett fallen ließ, spürte sie plötzlich etwas Hartes im Rücken. Sie sprang auf, und warf die Decke zurück. „Das gibt’s doch nicht“, rief sie aus. „Christina, schau nur!“
Ihre Zimmernachbarin machte große Augen. Da lag doch tatsächlich ein Osternest, prall gefüllt mit jeder Menge Leckereien, in Pias Bett.
Sofort sah Christina auch unter ihrer Decke nach. „Oh! Da ist nichts“, sagte sie enttäuscht.
„Los, komm, wir müssen suchen! Der Osterhase ist doch nicht so blöd und wählt gleich zweimal das gleiche Versteck“, rief Pia. Und tatsächlich! Unter Christinas Bett lag ein Nest. „Ob er bei den anderen wohl auch war“, überlegte Pia laut und rannte zur Tür.
„Warte! Wenn Oberschwester Marta dich auf dem Flur erwischt, gibt es bestimmt wieder tierisch Ärger“, rief Christina, doch Pia war schon verschwunden.
Auf Zehenspitzen trippelte sie zum Nachbarzimmer. Auch dort hatte man schon ein Nest gefunden. Im übernächsten Zimmer erst ein Ei, doch die Suche war noch in vollem Gange. Als Pia sich gerade aus einem der Nachbarzimmer herausschleichen wollte, war ihr, als hätte sie für einen Moment etwas wie einen kleinen Schatten wahrgenommen. Verdutzt hielt sie inne. Es war mucksmäuschenstill.
„Das kann doch nicht sein“, dachte Pia und schlich hinterher. Ihr Weg führte zum Aufzug. Sie sah noch, wie einer der Fahrstühle eben seine Türen schloss. Pia hätte schwören können, dass sie noch für den Bruchteil einer Sekunde ein kleines graues Stummelschwänzchen im Aufzug verschwinden sah.
Es dauerte eine Weile, bis sie ihren Augen wieder traute und vorsichtig zu ihrem Zimmer zurückschlich.
Als sie dort ankam und leise die Tür öffnete, stand sie plötzlich vor Opa Theo.
„Pia! Da bist du ja“, strahlte er gut gelaunt. Pia stutzte. Wie um alles in der Welt sollte Opa Theo hergekommen sein, ohne dass sie ihn bemerkt hatte? Sie war die letzten zehn Minuten von Zimmer zu Zimmer geschlichen. Sie hätte ihn doch sehen müssen – schließlich hätte er nur über den Flur vom Aufzug her kommen können. Der Aufzug! Na klar! Pia war sich plötzlich sicher: Opa Theo war Flitzers Komplize. Er wusste Bescheid! Ihr Opa machte gemeinsame Sache mit dem Osterhasen! Pia stockte der Atem. „Pia? Alles in Ordnung?“, wollte Opa Theo sichtlich amüsiert wissen.
Pia schluckte. „Ehm ... ja ... also, ich meine, natürlich. Mir geht’s gut.“ Sie legte eine kurze Pause ein, bevor sie schließlich nachsetzte: „Sag mal, Opa, wie geht’s eigentlich Flitzer?“
Opa Theo verzog keine Miene. „Gut geht es ihm. Er war heute den ganzen Tag mit den anderen Hasen draußen im Garten und hat faul in der Sonne gelegen.“
„Hm“, machte Pia. „Und wann hast du ihn das letzte Mal gesehen“, wollte sie mit bestimmtem Ton wissen.
„Eben kurz bevor ich mich auf den Weg hierhergemacht habe“, antwortete Opa Theo mit angestrengt ernstem Gesicht.
Pia sah ihn noch einmal prüfend an. Sie glaubte ihrem Opa kein Wort! „Warte ab“, dachte sie. „Nächstes Jahr! Nächstes Jahr erwische euch alle beide!“
Silke Tappen ist 1982 in Köln geboren und dort aufgewachsen. Nach einer Ausbildung zur Erzieherin arbeitete sie mit sehr viel Freude in diesem Beruf, bis sie im Jahr 2011 selbst Mutter wurde. Ihre Freizeit verbringt sie am liebsten draußen. Spaziergänge mit Pferd, Hund, Mann und Kind sind für sie das Schönste. Die Freude am Schreiben kam bei ihr schon sehr früh – zu Grundschulzeiten – auf und ist bis heute geblieben. Der Umgang mit Tieren von Kind an, die spätere Arbeit mit Kindern und die Erlebnisse mit ihrem Sohn geben ihr immer wieder die besten Anregungen zum Schreiben von Geschichten – am liebsten für Kinder.
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Die Osterklage
Dass es den Osterhasen nicht gibt, er nur eine Legende ist, das weiß mittlerweile jedes Kind. Trotzdem gibt es Sonderbares aus dem Land der Langohren zu berichten: Merkwürdiges passierte mitten in Deutschland. Wer sonst als der legendäre Osterhase wäre, wie in all den Märchen um seine Person, tatsächlich dazu in der Lage, zur selben Zeit vor den Gerichten diverser Städte ein Osternest mit bunten Ostereiern und einer Klage zu verstecken?
Wittenberg, 21. April 2011
Richterin Hildegard Flinkenstein war recht früh auf den Beinen. Sie machte sich gerade auf den Weg zu ihrem Arbeitsplatz, dem Gericht von Wittenberg, als ihr auf den Stufen hoch zum Eingang des Gerichtsgebäudes hinter einer Säule etwas Buntes entgegenschimmerte. Sie zog die Stirn in Falten. Mit ihren 56 Jahren und den grauen Haaren, die ihr in die Stirn fielen, wie auch der geradezu riesigen Hornbrille auf ihrer Nase, wäre das aber niemandem wirklich aufgefallen.
Neugierig blickte sie um die Ecke und erspähte ein Osternest, das dort säuberlich platziert worden war. In dem wuscheligen, aus grün eingefärbter Holzwolle gewobenen Nest war allerlei Süßes versteckt. Sie konnte mehrere bunt bemalte Ostereier und andere Naschereien entdecken, aber auch einen kleinen, gefalteten Brief.
Hildegard blickte sich neugierig um, ob sich jemand einen Scherz mit der Obrigkeit erlaubte, aber es war niemand zu entdecken. Ohne weitere Vorsichtsmaßnahmen griff sie nach dem gesamten Osternest, hob es hoch und stolzierte damit an verdutzten Kollegen vorbei in ihr Büro.
„Wird sicherlich eine hübsche Dekoration auf dem Schreibtisch abgeben“, dachte sie gerade, als ihr erneut der Brief auffiel, der zwischen den Eiern klemmte. Das Papier sah merkwürdig alt aus, fand Hildegard, als sie auf dessen Rückseite auch noch ein angebrachtes dunkelrotes Siegel entdeckte. Auch das wirkte brüchig, als wenn der Brief bereits seit Langem auf seine Auslieferung wartete. Verblüfft erkannte sie auf dem kleinen Siegel das Gesicht des Osterhasen, wenngleich auch mit etwas anderem Aussehen als gewohnt. Dieser hier besaß fast menschliche Züge und nur die langen Ohren waren eindeutig ein Beweis für seine Hasenzugehörigkeit. Im Mundwinkel steckte zufrieden eine Pfeife, deren Rauch ein bemaltes Osterei bildete. Ungeschickt brach sie das Siegel auf und faltete den kleinen Brief vorsichtig auseinander. Verwundert begann sie nun zu lesen, was dort in altdeutscher Schrift geschrieben stand:
An alle Richter dieses Landes:
Lange habe ich gezögert, diesen Brief zu schicken an all diejenigen, die über uns richten. Denn ich habe Klage einzureichen gegen alle, die den Glauben an mich verloren haben. Selbst Kinder verspotten mich, obwohl ich stets mein Bestes gebe. Da ich schon recht alt bin, fällt mir meine Arbeit immer schwerer, weshalb ich leider nicht mehr überall rechtzeitig meine Nester ablegen kann. Diese Klage geht an alle Gerichte, die ich im näheren Umkreis für zuständig erachte. Nachrichten an mich bitte in das Nest legen. Für den Inhalt wünsche ich einen gesegneten Appetit.
Herzlichst,
Meister Eduard Lampe, Ostereiermacher
Osterburg, anno 1812
Flinkenstein kräuselte erneut ihre Stirn. Osterburg war ihr durchaus als Nachbargemeinde bekannt. Ihre kleine Schwester wohnte dort mit ihrem Mann und den drei Kindern. Aber ob die jemals etwas von einem Meister Eduard Lampe gehört hatten? Hildegard wagte, das zu bezweifeln.
Sie wollte gerade den gesamten Kram mit einem Kopfschütteln beiseitelegen, als das Telefon klingelte. Am Apparat war ein richterlicher Kollege aus Salzwedel.
„Du Hildegard, hier ist Klaus“, sagte er glucksend vor Lachen. „Gerade hat mir so ein Spaßvogel ein Osternest vor die Tür gelegt. Mit einem Brief von 1812, hahaha. Verrückte gibt’s vielleicht.“
Noch etliche weitere Anrufe folgten und trugen mittlerweile zur allgemeinen Belustigung der gesamten Belegschaften bei. Nur Hildegard lachte nicht mit. Die Sache kam ihr irgendwie seltsam und eigenartig vor.
Am Abend des 24. Aprils legte sie, so blöd sie sich dabei auch vorkam, das Osternest mitsamt eines kleinen Briefes unbemerkt wieder an seinen Ursprungsort zurück. Dann setzte sie sich in ihren Wagen und wartete geduldig. Sie dachte an den kleinen Brief, den sie verfasst hatte:
Sehr geehrter Herr Lampe,
ich habe Ihre Klage mit großem Interesse gelesen, muss Ihnen aber leider mitteilen, dass wir für Rechtsangelegenheiten aus dem Jahre 1812 nicht mehr zuständig sind. Die Kollegen in meiner Zeit, das sind Richter und Anwälte aus dem Jahre 2011, dürften mit Glaubensfragen an den, ... nun den Ostereiermacher, etwas überfordert sein. Bitte wenden Sie sich mit Ihrer Klageschrift an die werten Richter ihrer Gegenwart. Außerdem möchte ich Ihnen sagen, dass die Kinder in der heutigen Zeit durchaus noch an sie glauben. Also sehen Sie es den Kleinen nicht so lange nach.
Liebe Grüße,
Hildegard Flinkenstein, Richterin
Wittenberg, anno 2011
Dann hatte sie umständlich etwas Kerzenwachs auf den sauber gefalteten Zettel geträufelt und mit dem Stempel „Sonderpost“ abgestempelt und samt dem Nest wieder vor die Tür des Amtsgebäudes gelegt.
Nun starrte sie die ganze Nacht aus dem Fenster ihres Autos. Hildegard wollte unbedingt wissen, wer sie alle zum Narren hielt. Die Kanne mit heißem Tee half ihr wach zu bleiben, doch so sehr sie auch das Nest bewachte und keine Sekunde lang aus den Augen ließ, sie konnte niemanden bemerken. Aber als sie sicherheitshalber gegen halb sechs in der Früh danach schaute, war ihre Nachricht verschwunden und ein weiterer kleiner, versiegelter Brief lag stattdessen darin.
Die Richterin bekam eine Gänsehaut. Sie entnahm die Nachricht und mit zitternden Fingern brach das Siegel auf.
Sehr geehrte Frau Flinkenstein,
ich danke Ihnen für Ihre aufmunternden und ehrlichen Worte. Aber wie um Himmels willen bin ich bloß in das Jahr 2011 gekommen? Ich glaube, ich muss mir meinen Korb einmal ganz genau ansehen. Irgendetwas scheint da mit der Reisemechanik nicht zu stimmen. Vielleicht klemmt auch irgendwo ein Ei? Außerdem bin ich mit den Jahren auch nicht gerade dünner geworden, schließlich muss ich die Qualität der Schokolade ja jedes Jahr aufs Neue prüfen. Und das mit der Klage gegen die Kinder, da haben Sie wohl recht, werte Frau Richterin. Und den Erwachsenen, denen kann man es eh nie ganz recht machen!
In diesem Sinne wünsche ich ein frohes Osterfest, und schauen Sie doch einmal auf den Rücksitz Ihres eigenartigen Gefährts. Ist nur ein kleines Dankeschön für ihre Beratung.
Fröhliche Grüße,
Eduard Lampe, Ostereiermacher
Osterburg, anno 1812
Geradezu hektisch blickte Hildegard auf und ging völlig verunsichert zu ihrem Auto zurück. Immer wieder blickte sie sich ängstlich um, doch niemand war weit und breit zu sehen. Der Platz vor dem Gericht war menschenleer, denn schließlich war Ostern. Und auch keine langen Ohren waren in den hübsch bepflanzten Beeten vor dem Gerichtsgebäude zu erkennen. Vorsichtig öffnete sie die hintere Tür ihres Autos und lugte über den Rahmen in das innere hinein. Über und über war der Rücksitz mit den buntesten und schönsten Ostereiern bedeckt. Wenn sie nicht irgendwann tief und fest eingeschlafen war, dann war das hier einfach überhaupt nicht möglich.
Mit zittrigen Fingern startete sie schließlich das Auto und fuhr nach Hause. Erzählen würde sie wohl niemandem von dieser seltsamen Geschichte, denn wer sollte ihr das schon glauben ...
Lorenz-Peter Andresen lebt in Wanderup.
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Der kleine Hase Trick und die gestohlene Zeit
Es war einmal tief im Herzen eines grünen Waldes. Eulen flogen umher, Eichhörnchen hüpften von Ast zu Ast, Bienen summten über einer bunten Blumenwiese und Schmetterlinge flatterten in der Sonne. Der Name des Waldes war Blätterrauschen, weil der Wind dort besonders schöne Lieder sang.
Inmitten des großen Waldes, in einem gut versteckten Dorf namens Pilzhausen, wohnten die Hasen. Aber es waren keine gewöhnlichen Hasen, denn diese hier hießen Bemalhasen und sie waren zuständig für das Färben der Ostereier. Grasgrün, himmelblau, rosenrot, sonnengelb, mit Punkten und mit Blumenmustern. Alles konnten die kleinen, braunen Pfoten auf die Eier malen.
Doch eines Tages geschah in Blätterrauschen etwas ganz Entsetzliches. Zuerst fiel es keinem auf, da alle vertieft in ihre Arbeit waren. Aber ein kleiner, aufmerksamer Hase mit weiß-braun geflecktem Fell wunderte sich schließlich doch.
„Warum holt denn niemand die bunten Eier ab?“, fragte er einen großen schwarzen Hasen. Die Osterhasen kamen sonst jeden Tag. Erst da bemerkten die Anderen die vielen Körbe mit bunten Eiern, die nach wie vor an ihrem Abholplatz standen.
Der kleine schlaue Hase, sein Name war Trick, wunderte sich außerdem, warum es immer noch hell war.
„Kommt euch der Tag nicht auch besonders lang vor?“ Aber auch darauf wusste keiner der Großhasen eine Antwort.
Trick wusste nicht weiter und beschloss, die älteste Häsin in Pilzhausen zu fragen, obwohl es für die ganz Kleinen unter ihnen verboten war, sie zu besuchen. Denn Lia, die graue Hasenoma, zauberte besonders hübsche und leuchtende Farben auf die Eier und brauchte dafür ihre Ruhe. Daher sollte sie niemand stören und schon gar kein tollpatschiger Junghase. Nun konnte Trick aber ganz besonders leise schleichen, denn nur so kam er heimlich an die frischen Karottenplätzchen, die seine Mama sonntags backte. Auf ganz stillen Pfoten hoppelte er in den großen Pilz, in dem die alte Lia wohnte. Nun stand er vor ihr und konnte nichts anderes machen, als ihr beim Bemalen der Eier zuzuschauen. Solche schönen Blumenmuster hatte Trick noch nie gesehen und seufzte voller Bewunderung auf.
„Wunderst du dich, warum es nicht dunkel wird, kleiner Hase?“ Lia hatte ihre Arbeit unterbrochen und blickte Trick durch ihre runde Brille an.
„Ja, das tue ich“, fiepte Trick mit aufgeregter Stimme und fragte sich nicht, woher sie das wusste, schließlich war Lia die schlauste Häsin in Pilzhausen.
„Immer nach einem besonders langen und dunklen Winter verschwindet die Zeit. Meistens kommt sie zwar wieder, aber es dauert jedes Mal eine ganze Weile. Doch dieses Jahr wird es wohl kein Ostern geben, denn Meister Dachs erzählte mir von einem Gerücht, dass in den Graubergen ein Troll wohnen soll, der die Zeit endgültig eingefangen hat.“ Während sie das sagte, malte sie einen wunderschönen Schmetterling auf ein glänzend gelbes Ei. Nun hob sie ihre ergraute Nase und sah Trick in seine kullerbraunen Augen.
„Nur der Tapferste unter uns kann die Zeit zurückholen, da der Troll besonders gemein und grummelig ist.“
Trick streckte seine kleine Nase in die Höhe, um zu zeigen, wie groß und stark er schon war.
„Ich mache es! Ich hole die Zeit zurück!“ Und bevor die alte Häsin noch ein Wort sagen konnte, war Trick losgehoppelt und verschwand ratzfatz hinter dem letzten Pilz neben dem Karottenbeet.
Trick war ein sehr neugieriger Junghase und verbrachte viel Zeit im Wald, daher kannte er den Weg zu den Graubergen und fand die Trollhöhle im Nu.
Der Eingang war dunkel und stank und Trick bekam nun doch etwas Angst. Fast wäre er wieder umgedreht und nach Hause gehoppelt, denn schließlich war er nur ein kleiner, winziger Hase. Was konnte er schon gegen einen grummeligen Troll ausrichten? Dann dachte er aber an die vielen Kinder, die zu Ostern keine bunten Eier in ihren Gärten finden würden und das konnte er nicht zulassen.
Trick stellte sich auf seine Hinterpfoten, machte sich so groß wie möglich und rief mit lauter Stimme:
„Komm raus, du großer, gemeiner Troll und gib uns unsere Zeit zurück!“ Aus der Höhle hörte der kleine Hase erst ein Gerumpel, dann ein Gepumpel und plötzlich stand im Eingang der größte, grünste Troll, den Trick je gesehen hatte. Aus seinen Ohren wuchsen braune Borsten und als Hose trug er die Rinde eines alten Baumes. Trick beugte seinen Kopf ganz nach hinten, sodass seine langen Ohren schon fast den Boden berührten und er beinahe auf seinem Stummelschwanz landete - so groß war der Troll.
„Wer stört mich hier?“, fragte der Troll nun mit einer solch dröhnenden Stimme, dass den Eichhörnchen in den Bäumen die Nüsse aus den Pfoten fielen und Trick um ein Haar auf den Kopf plumpsten.
Dem kleinen Hasen Trick war bei dem Anblick angst und bange geworden, doch nun nahm er noch einmal seinen ganzen Mut zusammen und sagte: „Ich! Hier unten, du Ungetüm! Gib die Zeit wieder heraus!“
Der Troll beugte sich hinunter und seine Rindenhose knackste und knarzte dabei, als würde ein Baum umstürzen. Er hockte sich hin, um den kleinen Hasen genauer zu betrachten. Trick streckte seine Brust heraus und die Ohren hoch in die Luft, um etwas größer auszusehen.
„Nein, das tue ich nicht!“
„Warum denn nicht? Wir Hasen müssen die Ostereier ausliefern und ohne Zeit geht das nicht!“ Trick war entschlossen, das Osterfest zu retten.
Der große Troll murmelte etwas vor sich hin, kratzte sich mit seinen schmutzigen Fingernägeln hinter den schiefen Ohren und ganz plötzlich fielen dicke Tropfen auf die Erde.
Trick wunderte sich über den Regen, denn es schien ja noch immer die Sonne. Als er dem Troll in sein faltiges Gesicht sah, bemerkte der kleine Hase, dass dieser weinte. Ganz viele Trolltränen platschen um den Hasen herum zu Boden und nun überlegte er, wie man einen mächtigen Troll trösten sollte. „Aber, aber, wer wird denn gleich weinen!“, sagte er, wie es seine Hasenmama immer tat, wenn er traurig war. Der Troll holte schluchzend Luft und Trick hopste ein Stück zur Seite, um nicht von einer Träne getroffen zu werden.
„Sag mir bitte, warum weinst du?“
„Es muss hell bleiben, kleiner Hase!“, sagte der Troll und wischte die Tränen mit seiner Hand weg. „Ich habe solche Angst im Dunkeln und die Glühwürmchen wollen nicht in meiner Höhle bleiben. Ich weiß einfach nicht, was ich sonst noch machen soll!“
Beinahe hätte Trick gelacht, ein Troll der Angst im Dunkeln hatte. Aber dann fiel ihm ein, dass es ihm genauso gegangen war, bis seine Hasenmama ihm eine Sonnenblumenleuchte in sein Pilzzimmer gestellt hatte.
„Großer, lieber Troll, wenn ich dafür sorge, dass du Licht in deiner Höhle hast, bekommen wir die Zeit dann wieder?“
Der Troll fragte sich zwar, wie dies winzige Geschöpf diese große Aufgabe bewältigen wollte, nickte aber zustimmend.
Trick hopste so schnell wie er konnte zurück nach Pilzhausen und sammelte dort alle Sonnenblumenleuchten ein, die er finden konnte und zusammen mit der alten Häsin brachte er sie zu der Trollhöhle. Dort angekommen, erklärte er dem Angsthasen, dass er die Sonnenblumenleuchten einfach tagsüber in die helle Sonne stellen müsse, damit er die ganze Nacht über Licht hätte.
Der Troll war so glücklich und froh, nicht mehr im Dunkeln schlafen zu müssen, dass er die Zeit sofort wieder freiließ. Nun konnten die Osterhasen die wunderschön bemalten Eier abholen und in den Gärten der Mädchen und Jungen verstecken. Dank Trick war Ostern gerettet und der kleine Hase hatte einen neuen Freund gefunden.
Juliane Schiesel wurde 1985 geboren und lebt mit ihrer Tochter in Halle/Saale. Seit frühester Kindheit stehen Bücher im Mittelpunkt ihres Lebens und das Lesen zählt zu ihrer größten Leidenschaft. Vor einem Jahr fing sie selbst an, Geschichten auf das Papier zu bringen. Sie hat bereits drei Kurzgeschichten veröffentlicht und arbeitet zurzeit an einem Fantasy-Roman.
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Das Osterlämmchen
In einem wunderschönen Tal, umgeben von hohen Bergen, lag der Bauernhof von Ilsa und Matthias. Es war ein großer Bauernhof mit vielen Tieren. Ein schöner Garten mit bunten Blumen war hinter dem Haus. Dahinter kam ein Gemüsegarten, den Ilsa mit viel Ausdauer und Liebe angelegt hatte, damit sie jeden Tag gesundes Essen mit frischem Gemüse für ihren Mann und ihre Kinder kochen konnte.
Zwischen den beiden Gärten hatte sie im letzten Sommer auch ein Kräuterbeet angelegt. Ilsa hatte viel Erfolg mit ihrer Gartenarbeit, denn der Boden war fruchtbar. Das sah man auch an den saftigen grünen Wiesen, die rund um den Bauernhof lagen. Die Wiesen und das Vieh versorgte ihr Mann Matthias. Das war viel Arbeit und deshalb hatte er noch einige Angestellte.
Ilsa und Matthias hatten zwei Kinder. Anna war gerade sechs geworden und sollte in diesem Sommer eingeschult werden. Marcel war schon in der Schule und hatte bald, im April, seinen achten Geburtstag. Es waren sehr lebhafte Kinder. Sie liebten Tiere über alles. Das war auch gut so, denn es gab viele Tiere auf dem Hof. Pferde, Milchkühe, Schweine, Ziegen und Schafe, Hühner und Gänse mussten täglich versorgt werden. Die Hühner und die Gänse durften die Kinder zwei Mal am Tag alleine füttern. Wenn das Federvieh in Scharen angelaufen kam und gackerte, kreischten die Kinder vor Freude, denn im Handumdrehen standen sie inmitten einer großen Schar von Hühnern und Gänsen, die mit lautem Getöse ihr Futter forderte.
Der Bauernhof war ein Paradies für Kinder. Da sah man eine Schaukel, eine große Rutsche, eine Turnstange, sogar ein großer Fußballplatz war da, und vieles mehr. Die Kinder Eva-Marie und Peter vom Nachbarhof kamen jeden Tag, um hier zu spielen. Sie waren gute Freunde von Anna und Marcel. Marcel durfte manchmal auf Vaters Pferd reiten und Anna hatte ein Pony. Sie waren vier glückliche Kinder.
Eines Morgens sagte die Mutter: „Kinder, in ein paar Tagen ist Ostern. Im Garten blühen schon die Osterglocken. Wie wäre es, wenn ihr Oma und Opa schreiben würdet? Ich glaube, sie freuen sich, von euch zu hören. Sie sind wie immer herzlich eingeladen zum Osterfest.“
„Ja, das machen wir, nicht wahr, Marcel?“, rief Anna fröhlich.
„Du kannst doch gar nicht schreiben! Wenn du ein Bild malst, das genügt. Darüber freuen sie sich sehr“, erwiderte Marcel.
„Na gut, ich fange gleich an. Mama, wann muss unser Brief zur Post? Wann genau ist Ostern?“ Anna hatte eine Menge Fragen.
„In einer Woche ist der erste Ostertag.“
Anna lief los ins Kinderzimmer. Sie holte ihre Malsachen aus dem Schrank und setzte sich damit an den Tisch. Was sollte sie nur malen? Einen Moment lang überlegte sie, dann entschied sie sich für ein Bauernhaus, ähnlich wie das ihre, mit vielen Tieren. Abends brachte sie das Bild ihren Eltern. Sie zeigten sich erfreut und steckten es in den Umschlag, zusammen mit Marcels Brief.
„Ich nehme ihn nach dem Abendbrot mit zur Post, ich habe noch etwas in der Stadt zu tun“, sagte der Vater.
Nun saßen alle um den großen Tisch in der Küche und aßen zu Abend. Auch die Angestellten. Es war eine lustige Runde und es wurde viel erzählt. Heute aber hatte Mutter Ilsa einiges mit ihren Kindern zu besprechen und sie bat um Aufmerksamkeit. Sie hätte etwas Wichtiges mit ihren Kindern zu bereden.
„Kinder“, sagte sie, „unser Osterfest soll einmal anders aussehen in diesem Jahr. Es gibt hier im Ort ein Waisenhaus. Darin leben Kinder, die keine Eltern mehr haben. Was haltet ihr davon, wenn ihr auf eure Geschenke in diesem Jahr verzichtet und wir für das Geld den Kindern aus dem Waisenhaus eine Freude bereiten. Ich habe schon mit der Leiterin des Waisenhauses gesprochen. Sie meint, dass sich die Kinder sehr freuen würden über einen Besuch von euch.“
„Oh, dürfen wir keine Ostereier suchen?“ Anna schaute etwas enttäuscht drein.
„Ich dachte eher, dass ihr zusammen mit den Kindern aus dem Waisenhaus die Ostereier sucht. Papa und ich kaufen kleine Geschenke und ganz viele Ostereier“, antwortete die Mutter.
„Darauf freue ich mich schon, das wird lustig, und dann schenken wir allen Kindern einen Tag auf unserem Hof. Sie lernen etwas über unsere Arbeit und über unsere Tiere. Vielleicht schon an Ostern? Was meint ihr dazu?“ Der Vater sah nur begeisterte Gesichter, als er in die Runde schaute.
„Na dann ist ja alles klar“, sagten die Eltern und gingen ihrer Arbeit nach.
Die Zeit bis zum Fest ging schnell vorbei. Nun war Ostern. Einen strahlenden Tag würde es geben. Die Sonne schien warm vom blauen Himmel und überall blühten die Frühlingsblumen. Die Kinder waren etwas aufgeregt. Sie kannten ja die Kinder aus dem Waisenhaus nicht. Nur die Leiterin hatten sie gestern bei der Übergabe der Ostereier und der Geschenke kennengelernt. Diese war eigentlich ganz nett, das meinte jedenfalls Anna.
Alle Süßigkeiten hatten sie abgegeben, nicht ein Osterei für sich behalten. Das war für beide Kinder gar nicht so einfach. Aber sie hatten es versprochen, und was man verspricht, muss man halten.
Heute sollten nun die Kinder vom Waisenhaus kommen, so war es mit der Leiterin besprochen. Es war eine fröhliche Schar, die bald auf dem Hof ankam. Als Erstes sangen sie das Frühlingslied „Alle Vögel sind schon da.“ Dann bedankten sie sich herzlich für die Geschenke und Ostereier, die sie von der Familie bekommen hatten.
Anschließend wurde ausgiebig gespielt oder die Tiere beobachtet. Die älteren Kinder durften die Tiere füttern. Das war ein besonderes Erlebnis für sie. Und die ganz Mutigen durften auf dem Pony reiten. Dafür trugen Anna und Marcel die Verantwortung.
„Ich freue mich über so viele glückliche Kinder“, sagte die Oma und der Opa nickte zustimmend.
Plötzlich rief der Vater: „Kommt mal alle her! Ich habe eine Überraschung für euch. Gerade ist ein Schäfchen geboren. Nun haben wir ein richtiges Osterlämmchen bekommen.“
Eilig liefen alle zum Stall. Der Vater kam mit einem kleinen Schäfchen auf dem Arm heraus. Das Lämmchen sah so niedlich aus. Es hatte ganz weiches weißes Fell und alle wollten es streicheln.
Aber der Vater meinte, es müsse wieder zu seiner Mama, um zu trinken, damit es groß und stark werde.
Bevor das Fest zu Ende war, durften alle Kinder nacheinander noch einmal in den Stall und dem Osterlämmchen Auf Wiedersehen sagen.
„War das ein schönes Osterfest!“, sagten alle Kinder.
Auch Anna und Marcel waren glücklich und zufrieden. Sie hatten heute neue Freunde kennengelernt. Ihr Verzicht auf Geschenke und Süßigkeiten hatte sich gelohnt. Sie hatten anderen Kindern, denen es nicht so gut ging, wie ihnen, eine riesige Freude bereitet.
Anderen eine Freude bereiten war also etwas Gutes und Schönes, das hatten sie an diesem Tag gelernt.
Lore Buschjohann, Jahrgang 1929, hat zwei Kinder, acht Enkelkinder und ein Urenkelkind. Sie schreibt am liebsten Kindergeschichten und hat bereits ein Buch zusammengestellt und arbeitet zurzeit an ihrem zweiten Werk. Außerdem hat sie mehrfach Geschichten in verschiedenen Anthologien veröffentlicht. Sie tanzt von Herzen gern und leitet seit 28 Jahren eine Seniorentanzgruppe. Gärtnern und Fotografieren sind weitere Hobbys.
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