Читать книгу: «Live dabei»

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Aus dem Englischen von Alan Tepper


www.hannibal-verlag.de

Widmung

Für Ella Louise Howard und alle Musiker …

Impressum

Der Autor: Sam Cutler

Deutsche Erstausgabe 2012

Titel der Originalausgabe:

„You can’t always get WHAT YOU WANT – My life with the Rolling Stones, the Grateful Dead and other wonderful reprobates”

© 2010 by The Cutler Family Trust

ISBN: 978-1-55022-932-5 by ECW Press, Toronto, Ontario, Kanada

Coverdesign: Rachel Ironstone

Coverabbildung: Vorderseite oben: Bob Davidoff – www.palmbeachpopfestival.com,

unten: © Robert Altman, Rückseite: Ray Slade

Autorenfoto: © Hudson Photo, 2009

Layout und Satz: Thomas Auer, www.buchsatz.com

Übersetzung: Alan Tepper

Korrektorat: Otmar Fischer

© by Hannibal

Hannibal Verlag, ein Imprint der KOCH International GmbH, A-6604 Höfen

www.hannibal-verlag.de

ISBN 978-3-85445-400-7

Auch als Paperback erhältlich mit der ISBN 978-3-85445-399-4

Hinweis für den Leser:

Kein Teil dieses Buchs darf in irgendeiner Form (Druck, Fotokopie, digitale Kopie oder einem anderen Verfahren) ohne schriftliche Genehmigung des Verlags reproduziert oder unter Verwendung elektronischer Systeme verarbeitet werden. Der Autor hat sich mit größter Sorgfalt darum bemüht, nur zutreffende Informationen in dieses Buch aufzunehmen. Es kann jedoch keinerlei Gewähr dafür übernommen werden, dass die Informationen in diesem Buch vollständig, wirksam und zutreffend sind. Der Verlag und der Autor übernehmen weder die Garantie noch die juristische Verantwortung oder irgendeine Haftung für Schäden jeglicher Art, die durch den Gebrauch von in diesem Buch enthaltenen Informationen verursacht werden können. Alle durch dieses Buch berührten Urheberrechte, sonstigen Schutzrechte und in diesem Buch erwähnten oder in Bezug genommenen Rechte hinsichtlich Eigennamen oder der Bezeichnung von Produkten und handelnden Personen stehen deren jeweiligen Inhabern zu.

Inhalt

Prolog: Let ’Em Bleed

Kapitel 1 Kindheitstage

Kapitel 2 Hinter dem Beat

Kapitel 3 No Direction Home

Kapitel 4 Schatten und Licht

Kapitel 5 Free Music – aber bitte britisch!

Kapitel 6 Organisationskünstler

Kapitel 7 Die Stones im Park

Kapitel 8 Allen Klein? Nein, danke!

Kapitel 9 Beeil dich, aber warte!

Kapitel 10 Spiel die Geige, Country-Mann

Kapitel 11 Die größte Rock’n’Roll-Band der Welt?

Kapitel 12 Los Angeles

Kapitel 13 Bill Graham

Kapitel 14 Paranoia in Phoenix

Kapitel 15 Mick Taylor

Kapitel 16 Brave Mädchen müssen früh ins Bett

Kapitel 17 Free Concert

Kapitel 18 Die Family

Kapitel 19 Der König der Rechtsverdreher

Kapitel 20 Wie man ein Desaster plant

Kapitel 21 Big Apple

Kapitel 22 Heiße Fotos

Kapitel 23 Wie man ein noch größeres Desaster plant

Kapitel 24 Willkommen in Kalifornien

Bildstrecke

Kapitel 25 Die Konstruktion eines Albtraums

Kapitel 26 Eine Katastrophe bahnt sich an

Kapitel 27 Hölle auf Erden

Kapitel 28 Der Tod von Meredith Hunter

Kapitel 29 Aftermath

Kapitel 30 Ein sicherer Hafen

Kapitel 31 Jerry & Janis

Kapitel 32 Garcia

Kapitel 33 Vertraut mir – ich bin Christ!

Kapitel 34 Zeuge der Verteidigung

Kapitel 35 Yin und Yang

Kapitel 36 Tanz auf Hawaii

Kapitel 37 Bitte nur flüstern

Kapitel 38 The Bear

Kapitel 39 Auf Tour mit den Dead

Kapitel 40 Wo schwebt Jimi?

Kapitel 41 Vorsicht! Nichts anfassen!

Kapitel 42 Bitte alle einsteigen

Kapitel 43 Schnappschüsse für das mentale Fotoalbum

Kapitel 44 Wie ein Uhrwerk

Kapitel 45 Endstation

Kapitel 46 Wilde Spekulationen

Kapitel 47 Mineralwasser mit Schuss

Kapitel 48 Das Fillmore East

Kapitel 49 Europa

Kapitel 50 Out of Town Tours

Epilog Schau niemals zurück?

Danksagungen

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Zitat

Every day

We murder our dreams;

Then pick them up,

Dust them down,

Adjust their silly hats upon their heads,

Kiss them on the cheeks,

And tell them how glad we are

That they’re still alive

Sam Cutler, 1974

Prolog: Let ’Em Bleed

Anfang Dezember 1969 hatten die Rolling Stones die bis dato profitabelste Welttournee beendet und in den USA vor Tausenden von Fans gespielt. Die Tour war ein phänomenaler Erfolg gewesen, doch die Band musste sich mit einer Medienschelte auseinandersetzen, weil die Preise für Konzertkarten viel zu hoch gewesen seien. Als Antwort darauf erklärten sich die Stones bereit, ein abschließendes und kostenloses Konzert in San Francisco zu geben. „Free Concert“ lauteten die magischen Worte, denn es konnte kaum einen geschickteren Schachzug geben, um die Anschuldigungen ungezügelter und maßloser Gier zu widerlegen. Als Abschiedsgeschenk und Dank an ihr Publikum sollten die Fans die Musik genießen, ohne dafür einen Cent zu zahlen.

Und so führte uns das Schicksal zum Altamont Speedway, gelegen in dem hügeligen Gelände südöstlich von San Francisco, wo wir mit der Creme der West-Coast-Bands auftraten – und plötzlich ganz tief in der Scheiße steckten.

Wie auch die anderen Bands stürzte über die Rolling Stones eine wahre Welle der sinnlosen und brutalen Gewalt herein, denn Tausende von Fans, die wegen der Musik und der Riesenparty gekommen waren, wurden von einer kleinen Gruppe Möchtegern-Hells-Angels ohne erkennbaren Grund angegriffen.

Die ursprüngliche Intention und der gleichzeitige Traum jedes Beatniks – ein gemeinsamer Auftritt der Stones und der Grateful Dead – verwandelte sich in einem Albtraum, der einige Menschen das Leben kostete und vielen anderen einen nicht wiedergutzumachenden Schaden zufügte. Darüber hinaus entlarvte sich die der West Coast zugeschriebene liebenswerte und hippieske Atmosphäre als Illusion und offensichtliche Absurdität einer bereits vergangenen Ära.

Das Altamont-Konzert wurde weder von den Rolling Stones noch von mir, ihrem Tourmanager, organisiert, sondern von einem losen Zusammenschluss engagierter, jedoch letztendlich verantwortungsloser Menschen aus der Community San Franciscos.

Als der Auftritt im tobenden Chaos endete, wurde den Stones zu Unrecht die Schuld daran gegeben. Ich muss seit über 40 Jahren mit dieser Schmach leben.

Es ist höchste Zeit, alle Missverständnisse aus dem Weg zu räumen und mich zu Wort zu melden. Die 300.000 Zuschauer in Altamont können sich auf einige Überraschungen gefasst machen, denn die tatsächlichen Ereignisse unterschieden sich stark von dem, was sie später aus der US-Presse erfuhren. Doch meine Geschichte endet nicht mit Altamont. Ich beschreibe in diesem Buch mein Leben als Tourmanager von zwei der größten Bands der Welt – der Rolling Stones und der Grateful Dead.

1. Kindheitstage

Ganz im Gegensatz zu Michael Philip Jagger, der in einem ganz normalen Krankenhaus geboren wurde, erblickte ich das Licht der Welt in einem prunkvollen Anwesen. Mick mag jetzt zwar einige Nobelvillen besitzen, aber nein, er wurde in keiner geboren!

Zur Welt kam ich 1943 in Hatfield House, in einem nördlichen Randbezirk Londons in der Grafschaft Hertfordshire. Das Gebäude wurde 1608 von Robert Cecil, dem ersten Earl of Salisbury, gebaut und befand sich seit diesen Tagen ununterbrochen im Besitz seiner aristokratischen Nachfahren. Allerdings fließt in meinen Adern kein blaues Blut!

Meine Ankunft in solch hochherrschaftlichen Gemäuern hatte einen einfachen Grund. Die Regierung hatte Hatfield House während des Zweiten Weltkriegs beschlagnahmt und in eine provisorische Entbindungsklinik umgewandelt, denn dieser Teil Großbritanniens interessierte die deutsche Luftwaffe kaum.

Ich wurde in das heillose Durcheinander einer Welt der zerstörten Häuser, zerrütteten Leben, Millionen von Toten und des allgemeinen Tumults geboren. Mick beschrieb die Situation in dem Song „Jumpin’ Jack Flash“ als „crossfire hurricane“. Als Reaktion auf das überall tosende Chaos herrschte eine sexuelle Freizügigkeit, die zu einem steilen Anstieg der Geburtenrate führte, während gleichzeitig viele Menschen ihr Leben lassen mussten. Es lässt sich mit einer Lotterie des Wahnsinns vergleichen, bei der ein Soldat und ein Baby ungefähr dieselben Überlebenschancen hatten.

Erst mit 15 Jahren erfuhr ich, dass meine Mutter Irländerin war und aus einer Roma-Familie aus Cork stammte. Sie hatte als Schreibkraft für die Regierung gearbeitet, während mein jüdischer Vater seinen Militärdienst bei der Royal Air Force als Mathematiker ableistete. Meine Eltern verschwanden im industrialisierten Gemetzel des Krieges. Ein Mal Pech gehabt – und schon war man raus! Durch meine Adern floss also irisches und jüdisches ebenso wie Roma-Blut.

Die Blutlinien dieser drei verfolgten ethnischen und religiösen Gruppen vermischten sich in mir und bildeten die perfekte Kombination für eine Karriere in der Unterhaltungsindustrie. Allerdings konnte ich in der Kindheit noch nichts davon ahnen. Mein kulturelles Erbe und die ungewöhnliche Abstammung waren schon immer eine Quelle der Zufriedenheit und des Stolzes für mich gewesen, denn seit frühster Kindheit wusste ich – egal, wo denn nun meine Wurzeln lagen: Ich war auf gar keinen Fall Brite!

In den Irrungen und Wirrungen der Pubertät klärte mich ein Freund der Familie über meine frühste Jugend auf. Mutter hatte alles unternommen, um das Beste aus ihrer schwierigen Lage zu machen. Sie war ein junges, strenggläubiges katholisches Mädchen, hatte ein uneheliches Kind zur Welt gebracht und lebte weit von der Familie entfernt, die mich vermutlich mit Abscheu betrachtet und ihre Tochter verstoßen hätte. Mit großer Wahrscheinlichkeit hatte sie den Eltern in Irland nichts von der Schwangerschaft oder der Geburt verraten.

Meine Mutter versuchte mich in London allein und im Geheimen groß zu ziehen. Doch sie konnte den gleichzeitigen Druck eines wütenden Krieges und des Überlebenskampfes mit nur wenig Geld und einem kleinen Kind nicht durchhalten. Unser Freund deutete an, dass sie mich selbstlos und mit schwerem Herzen zur Adoption freigab, um mir eine bessere Zukunft zu ermöglichen. Ihr Liebhaber, also mein Vater, hatte sie sitzenlassen und war während eines Einsatzes gefallen.

Ich habe die Entscheidung meiner Mutter stets respektiert. Obwohl es mich heute noch schmerzt, unternahm ich nie den Versuch, sie aufzuspüren und zu ihr in Kontakt zu treten. Ich hoffe innigst, dass sie eine bessere Zukunft erlebt hat als viele der Iren, die in London leben. Ich kenne ihren vollständigen Namen, weiß aber nicht, ob sich noch lebt oder schon verstorben ist. Falls sie noch lebt, müsste sie mittlerweile schon über 80 sein. Im Grunde genommen gab sie viel für mich auf – Gott segne sie.

Man verfrachtete mich nach Swansea in Wales, wo ich in einem katholischen Waisenhaus landete, doch schon mit drei Jahren adoptiert wurde. Als ich herausfand, dass mein Geburtsname Brendan Lyons lautete und ich von Iren abstammte, war ich mehr als dankbar – zum Glück war ich kein Brite und hieß auch nicht Cyril!

Meine erste Erinnerung: Eine Nonne trug mich die Treppen des von Bomben schwer beschädigten Bahnhofs Marylebone hinunter und übergab mich meinen Adoptiveltern Ernie und Dora Cutler. Ich saß auf der Rückbank eines geliehenen Autos, und sie erzählten, dass sie für mich den Namen Sam ausgewählt hatten.

Während der ganzen Fahrt heulte ich Rotz und Wasser, wie mir meine Adoptivmutter später erzählte. Zu Hause angekommen, setzte mich mein Vater auf den Küchentisch, damit mich eine Gruppe seiner Freunde bestaunen konnte. Mit seiner lauten Stimme übertönte er die Gesprächsfetzen und frohlockte: „Hier ist einer, den wir vor den Katholiken gerettet haben!“

Meine neue Familie zog mich in Woodford auf, dem Wahlkreis von Winston Churchill, nahe dem Epizentrum der brutalen Bombardierung, mit der die Deutschen das Londoner East End zerstörten. Dora und Ernie hatten erlebt, wie der Albtraum des Kriegs eine einstmals aufblühende Gemeinde auseinanderriss, und wandten sich seitdem gegen jegliche Form kriegerischer Auseinandersetzungen. Meine Adoptivmutter nannte Churchill bei der ersten Begegnung einen „versoffenen alten Kriegstreiber“ und durfte von da an nicht mehr sein Wahlkampfbüro betreten.

Meine Familie verachtete Churchill und verwandelte unser Haus in die Wahlkampfzentrale der Kommunistischen Partei, die beim nächsten Urnengang gegen ihn antrat. Na ja, die Kommunisten verloren haushoch. Durch ihre politische Einstellung machten sich meine Eltern nicht sehr beliebt, besonders nicht beim Hauseigentümer, der sich benahm wie Attila, der Hunnenkönig.

Von frühster Kindheit an erlebte ich Erwachsene als Dauerleser, die ihr Buch auch nicht zum Essen weglegten. Im Haus meiner Eltern standen neben vielen anderen Büchern die gesammelten Werke von Marx und Engels, Lenin, Stalin und Mao, praktisch jeder Schinken aus dem linken Spektrum, der in einer Club-Edition erschienen war. Allerdings besaßen wir weder Trotzki noch die Bibel.

Ständig kamen und gingen Besucher, und wahrscheinlich hätten die „Roten“ sich auch noch unter die Betten verkochen, wenn sie gewusst hätten, dass dort noch mehr Bücher lagerten. Wir fungierten als Gastgeber für die unzähligen Menschen, die zeitweise der Partei angehörten. Sie schliefen, wo immer sie einen Platz fanden, und debattierten die großen Fragen der Zeit mit Intelligenz und Eifer.

Doch neben den Menschen und den Büchern gab es auch noch die Musik! Musik für die Leute und von ihnen aufgeführt. Ich erinnere mich liebend gerne an die wunderbaren Partys, auf denen die versammelten Erwachsenen selbstgebrautes Bier tranken und voller Inbrunst Volkslieder, Shanties und politische Stücke sangen. Während der Nachwuchs anderer Eltern Kinderliedchen lernte, wurde ich mit Gewerkschaftssongs, Lobeshymnen auf Stalin und die Rote Armee und einigen Stücken aus dem Gesangbuch unseres Wahlbezirks aufgezogen. Die Erwachsenen versammelten sich um das von meiner Mutter gespielte Klavier und sangen beherzt bis in die tiefe Nacht. Man müsste eigentlich annehmen, dass ich die Texte dieser obskuren Politsongs nach zahlreichen LSD-Trips und den Erfahrungen in den Drogen-geschwängerten Sixties vergessen hätte, doch bis zum heutigen Tag klingen sie wie Echos aus dem entfernten Land meiner Vergangenheit.

Meine Familie veranstaltete häufig Gedenkfeiern für die Menschen, die ihr junges Leben für das Ziel einer spanischen Republik gelassen hatten. Sie kämpften für die legitime Regierung von Spanien und wurden von der vereinten Streitmacht der deutschen und italienischen Armee niedergemetzelt, die die Faschisten unterstützte. Die Erinnerungen an den spanischen Bürgerkrieg ermahnten die Erwachsenen an ihre eigene Verantwortlichkeit und bedeuteten ihnen sehr viel. Sie brachten einen Toast auf die Republik aus und schrien: „Viva!“

Unser Vermieter bezeichnete meine Eltern einmal als „verfluchte Heiden“, woran ich mich nur allzu deutlich erinnern kann, doch uns war das egal. Das Christentum betrachteten sie als ein verachtenswertes Instrument zur Unterdrückung der Leichtgläubigen, Schwachen und Schutzlosen. Weihnachten wurde in meiner Kindheit wie ein altes und größtenteils sinnloses Fest der Ungläubigen zelebriert, wohingegen die Erwachsenen Silvester lautstark und gut gelaunt feierten. Wir durften sogar bis Mitternacht aufbleiben, aber dann brachten sie uns schnell ins Bett. Bei den Feiern spielte die Musik eine zentrale Rolle, und das Highlight war immer, wenn Mum „The Socialist Sunday School“ sang, dessen Text ich nicht vergessen habe.

Die Sonntagsschulen der Sozialisten wurden als Gegenpol zu den kirchlichen Institutionen gegründet. Man eröffnete die Unterrichtstunden mit folgendem Leitspruch: „Wir wollen gegenüber allen Männern und Frauen gerecht sein und ihnen Liebe geben, wie Brüder und Schwestern gemeinsam arbeiten, jedes Lebewesen mit dem gebührenden Respekt behandeln und somit eine neue Gesellschaftsform erschaffen – die auf Gerechtigkeit gegründet ist und deren oberstes Gebot Liebe lautet.“

Auch am Ende einer Zusammenkunft hörten wir ein abschließendes Credo: „Wir haben uns in Liebe getroffen. Lasst uns in Liebe scheiden. Mag nichts Unwürdiges die Sanftheit und das Schöne dieses guten Tages stören oder beflecken. Lasst uns die Zeit bis zum nächsten Treffen ehrenwert verbringen. Lasst uns die Tore und die Mauern der Stadt des reinen Herzens errichten.“ Bedauerlicherweise eröffnete und beschloss ich die Meetings mit den Grateful Dead nicht mit diesen Zeilen. Vielleicht hätte das einen Unterschied gemacht!

Dora erzog mich ganz im Sinne der sozialistischen Sonntagsschule. Allerdings muss ich zugeben, dass ich nicht nach ihren Lehren lebte, obwohl ich es versucht habe. Trotzdem spielten diese Ansätze eine tragende Rolle in meiner Lebensführung. Die sozialistischen Prinzipien sind eine wichtige Orientierungshilfe in einer Welt der ungezügelten Gier, des Profitstrebens, das über allem anderen steht, und der Zerstörung unseres wunderbaren Planeten.

 Schätze deinen Schulkameraden, der dein Arbeitskollege im Leben sein wird.

 Liebe das Lernen, die Nahrung des Bewusstseins, und danke deinen Eltern und Lehrern.

 Mache durch nützliche Beschäftigungen und sanftmütige Taten aus jedem Tag einen heiligen Tag.

 Ehre das Gute, sei zu allen höflich und beuge dich niemandem.

 Hasse keinen anderen und sprich nicht schlecht über sie. Sinne nicht auf Rache, aber stehe für deine Rechte auf und stelle dich gegen die Unterdrückung.

 Sei nicht feige. Sei den Schwachen ein Freund und liebe die Gerechtigkeit.

 Denke immer daran, dass das Gute auf der Welt durch die Arbeit ermöglicht wird. Wer ohne Arbeit die Freuden des Lebens genießt, stiehlt den Arbeitern das Brot.

 Beobachte und denke mit Bedacht, um die Wahrheit zu erkennen. Glaube nicht an das, was gegen alle Vernunft steht, und täusche niemals dich selbst oder die anderen.

 Glaube nicht daran, dass die Menschen, die ihr Land lieben, andere Länder hassen und verachten müssen oder den Krieg wollen, der ein Überbleibsel der Barbarei ist.

 Arbeite auf den Tag hin, an dem alle Männer und Frauen freie Bürger eines Vaterlands sind, und lebe in Frieden zusammen mit deinen Schwestern und Brüdern.

Ernest George Cutler, mein Adoptivvater, litt an Osteomyelitis, einer schreckliche Krankheit, bei der sich die Knochen zersetzen. Vor der Entdeckung der Antibiotika verursachte das Leiden große Schmerzen und führte zu einem qualvollen und schmerzhaften Tod. Seine Beine und der Brustkorb waren von hässlichen Narben übersät, da die Chirurgen verzweifelt versucht hatten, das Fortschreiten der furchtbaren Krankheit einzudämmen. Vater zeigte mir seinen malträtierten Körper, um zu erklären, dass ich aufgrund dieser Verletzungen nicht mehr in sein Bett kommen durfte, um mit ihm zu kuscheln. Er starb 1951, als ich gerade acht Jahre alt war.

Kurz nach dem Zweiten Weltkrieg konnten sich nur die Reichen Antibiotika leisten. Menschen aus der Arbeiterklasse war es versagt, am „Luxus“ der fortgeschrittenen Medizin teilzuhaben. Mein Vater starb, da die Behandlung nur den wenigen Privilegierten vorbehalten war. Diese grausame Ungerechtigkeit zerriss Mutter das Herz, denn sie hatte ihren Mann innig geliebt und während aller Qualen und Prüfungen des Lebens begleitet und unterstützt. Durch solche Erlebnisse entwickelte sich meine Mutter zu einer Revolutionärin, doch damals war ich noch viel zu jung, um das zu verstehen.

Noch viele Jahre nach seinem Tod bewahrte ich eine alte Tabaksdose zum Gedenken an meinen Vater auf. Er rauchte Balkan Sobranie in einer langen Holzpfeife, hatte jedoch infolge der Krankheit zunehmend Schwierigkeiten, den Deckel abzuschrauben. Die Dose wurde eins meiner wichtigsten, fast schon geheiligten Erinnerungsstücke aus der Kindheit, die ich sorgsam behütete.

Meine Großmutter mütterlicherseits war die einzige Person in unserem Haushalt, die auf Erfahrungen mit der Kindererziehung zurückblicken konnte, denn sie hatte drei Töchter und einen Sohn. Jeder nannte sie Tillie, eine Kurzform für Matilda. Sie rauchte Capstan Full Strength, die damals stärkste Zigarettenmarke. Ständig steckte eine Kippe zwischen ihren Lippen, und die Asche fiel auf den Boden. Ihre Oberlippe hatte sich leicht bräunlich verfärbt, und auch in dem silbrig grauen Haar zeigte sich genau an der Stelle ein dunkler Streifen, wo der Zigarettenqualm herzog. Ich habe niemals wieder einen Menschen getroffen, der so viel rauchte!

Als ich noch sehr jung war, badete sie mich, und auch während dieser Prozedur hing eine Kippe zwischen ihren Lippen. Sie wurde 96 Jahre alt!

Meine Mutter Dora arbeitete für die Gewerkschaft, die die Angestellten der britischen Regierung vertrat, bekannt als Civil Service Clerical Association (CSCA). Die CSCA setzte als erste Gewerkschaft die gleiche Entlohnung für Männer und Frauen durch, was Mum verdammt stolz machte. Sie verdiente sich den Lebensunterhalt als Sekretärin des Herausgebers der Gewerkschaftszeitung Red Tape. Darüber hinaus organisierte sie die jährliche Versammlung, die in Prestatyn im Norden von Wales abgehalten wurde. Einmal im Jahr verschwand sie für zwei Wochen zu dem Treffen. Dora verschrieb sich mit ganzer Seele der Gewerkschaft und war wohl die radikalste Frau, die ich kannte. Allerdings hatte sie Schwierigkeiten, mir ihre Zuneigung zu zeigen. Ich kann mich nicht erinnern, dass sie mich jemals in die Arme nahm und feste drückte, obwohl ich mir sicher bin, dass sie mich auf eine bestimmte Art liebte. Nach dem Tod meines Adoptivvaters Ernie war sie gezwungen, mich in die Obhut anderer zu geben, weil sie trauerte, aber trotzdem ihrer Arbeit nachgehen musste. Ken und Joan Hoy, Kameraden von Ernie in der Kommunistischen Partei, wurden meine Ersatzeltern. Sie lebten in derselben Straße, der King’s Avenue in Buckhurst Hill, Essex, östlich von London, nur vier Häuser von uns entfernt.

Im Krieg diente Ken als Bomberheckschütze. Er saß im „Arsch“ des Bombers, im hintersten Ausguck, stellte also die ideale Zielscheibe für die deutschen Abfangjäger dar, und bediente das schwere Maschinengewehr. Seine Crew hatte die höchste Todesrate der gesamten Royal Air Force, doch er sprach niemals über seine Erlebnisse. Später las ich mal, dass die Bodenmannschaft die sterblichen Überreste der Heckschützen nach der Rückkehr von den Einsätzen praktisch mit dem Wasserschlauch wegspritzen musste, da die Körper infolge des feindlichen Feuers nur noch – bitterböse und fatalistisch ausgedrückt – als Hackfleisch zu bezeichnen waren! Ken wusste, dass er verdammt viel Glück gehabt hatte, den permanenten Kugelhagel zu überleben. Nach dem Krieg absolvierte er eine Lehrerausbildung. Während er und Joan auf mich aufpassten, musste ich als Testperson für seine Essays herhalten, die er während des Studiums schrieb.

Die Freizeit vertrieb er sich als Hobby-Ornithologe, er konnte mit einem beachtlichen Wissen aufwarten. Wir unternahmen tagelange Spaziergänge durch die Wälder, „bewaffnet“ mit alten Ferngläsern aus dem Zweiten Weltkrieg. Er half mir, Vögel zu erkennen, Dachsspuren zu lesen und die Pflanzen in Hecken zu bestimmen, die dem Kundigen verrieten, wann sie angelegt worden waren. Für einen kleinen Jungen stellte er eine unerschöpfliche Quelle des Wissens dar. Ken lässt sich als ein sanfter und sensibler Mann beschreiben, die Güte in Person, dessen Naturliebe sich auf mich übertrug und meinem ungeregelten Leben Stabilität gab.

Seine Frau Joan war Mode-Designerin, die junge Leute, die in der Bekleidungsindustrie arbeiten wollten, in Musterkunde unterrichtete. Für mich war sie eine glamouröse Frau, doch auch andere schätzen ihre außergewöhnliche Klugheit und Attraktivität. Ken war schon ihr dritter Ehemann, was mich schlussfolgern ließ, dass sie schon einige Herzen gebrochen hatte. Man kann sie in der Radikalität mit meiner Mutter vergleichen, und vielleicht reagierte sie manchmal noch aufbrausender. Bei hitzigen Debatten mit Kameraden zerwühlte sie sich manchmal die Haare, wenn ein männlicher Kontrahent den Versuch unternahm, sie nur wegen ihres Geschlechts zu belehren.

Joan kämpfte für ihre Ansichten und Ideale. Sie nahm mich mit zu Demonstrationen, bei denen sie immer in der ersten Reihe stand, Kampfparolen schrie, aber mir gleichzeitig auch die Angst nahm. Ich erinnere mich an eine Kundgebung in Whitehall, nahe dem Kenotaph. Es war der Höhepunkt der Suez-Krise, wir beide standen mitten in der Menschenmenge. Die Londoner Dockarbeiter kämpften unter der Leitung des Kommunistenführers Jack Dash mit aller Gewalt gegen die berittene Polizei, und wir liefen Gefahr, von den durchgehendenden Pferden niedergetrampelt zu werden. Joan schloss mich ganz fest in ihre Arme und zerrte mich aus der Menge, weil jeder panisch aus dem Menschenauflauf zu entkommen versuchte. Ich hatte unglaubliche Angst, aber sie lachte und brachte mich dazu, die Dockarbeiter anzusehen – sie hielten zusammen und waren gemeinsam stark. Im ruhigen Ton erklärte sie mir, dass alle Angst verspürten – natürlich! Doch mit einem Kameraden an seiner Seite könne jeder dieses negative Gefühl zugunsten eines größeren Ziels unterdrücken und nicht an sich selbst denken, sondern für die anderen handeln. Sie sagte: „Denke daran, Sam – Geschlossenheit und Einigkeit bedeutet Stärke!“

Ich war zu dem Zeitpunkt zwölf.

Joan war die erste Frau, die ich liebte, und in meinen frühpubertären Phantasien träumte ich davon, dass dieses Gefühl auf Gegenseitigkeit beruhe. Ich lebte für die Momente, in denen sie mich mit einem frohen und heiteren Lachen ganz fest an ihre Brüste presste und mich herzlich drückte. Ich verehrte Joan und auch Ken, denn die beiden waren das wunderbarste Paar, das ich kannte. Durch ihre liebenswerte Güte gelang mir der schwierige Übergang von einem Jungen zu einem Mann, noch bevor ich die körperliche Reife erlangt hatte.

Man kann mich als einsames Kind beschreiben, und im Rückblick wird mir klar, dass die Erfahrungen vor der Adoption mich zutiefst verstört und traumatisiert hatten. Ich erinnere mich an nichts mehr, trage aber die Narben des früheren Lebens tief in meinem Herzen. Als einziges Kind, fast immer nur von Erwachsenen umgeben, sehnte ich mich nach einem Bruder, einfach jemanden, mit dem ich spielen konnte. Ich erlebte niemals die ganz normale Kindheit, in der die Freizeit und das Spielen im Vordergrund stehen. In vielerlei Hinsicht war ich schon vor der Teenager-Zeit erwachsen geworden, wollte jedoch mit der Welt der Erwachsenen nichts zu tun haben.

Gegenüber von Ken und Joans Haus auf der King’s Avenue stand eine elisabethanische Jagdhütte, die so aussah, als wäre sie seit ihrer Errichtung vor Hunderten von Jahren – als die ganze Gegend noch ein riesiges Waldstück war – noch nie repariert worden. Elisabeth I. hielt sich in Hatfield House auf, dem Ort, an dem ich geboren wurde, als sie die Nachricht erhielt, dass sie den Thron besteigen werde. Sie hatten in den Wäldern gejagt, in denen ich spielte, und sogar in dieser Jagdhütte übernachtet, auf die ich direkt blickte. Dass das Adoptivkind einer ultralinken Familie eine solche Gleichzeitigkeit erlebt, verunsicherte mich in meinen jungen Jahren und gab mir zu denken.

Ich zog mich genau in diese Jagdhütte zurück, wenn ich der Welt entfliehen wollte. Ich kannte jeden Raum bis ins Kleinste, sogar das Gemach, in dem Königin Elisabeth I. geschlafen haben musste. Mich beschlich das Gefühl, dass ich noch vor meiner Geburt in der Hütte gewesen war, was ich nicht verstehen konnte und was mich beängstigte. Ich hielt immer ein Auge auf, um meinen eigenen Geist zu erspähen. Viele Jahre später enträtselte sich das Mysterium, als Königin Elisabeth I. unter eher merkwürdigen Umständen wieder in mein Leben trat! Bei einem erinnerungswürdigen LSD-Trip während eines Grateful-Dead-Konzerts träumte ich von einer früheren Inkarnation. Ich stand hinter Jerry Garcias Verstärker, die Gage der Band sicher in meiner Brieftasche verstaut, entspannte mich und wurde high. Das LSD waberte durch die Gehirnwindungen in mein Bewusstsein, und ich sah mich als im Geiste als einen ins britische Königreich zurückkehrenden Piraten, der einen kostbaren Schatz mit sich führte; er stammte von den spanischen Galeonen, die ich geentert und versenkt hatte. Ich übergab Königin Elisabeth die Hälfte der Beute; sie schlug mich zum Ritter und verlieh mir ein 40 km² großes Anwesen in Buckinghamshire. Oh ja, so war das damals, in jenen glorreichen Tagen. Ein anständiger Kerl konnte es im Elisabethanischen Zeitalter zu etwas bringen. Aber auch genauso schnell seinen Kopf verlieren!

Ken und Joan wussten nicht, dass ich als Kind durch die Jagdhütte streunte, da ich jeden Abend wieder zu ihnen zurückkehrte. Ich wieder­um hatte nichts davon erfahren, dass meine verwitwete Mutter einen Mann namens Mel, ein Waliser aus Merthyr im Rhonda Valley, immer häufiger traf.

Mel hatte die Universität in Southampton besucht und war bei Ausbruch des Krieges zur Armee gegangen. Er verbrachte die Kriegsjahre damit, während der Gefechtsausbildung Maschinengewehrsalven über die Köpfe verängstigter Soldaten zu feuern, die verzweifelt versuchten, die Cliffs in Ilfracombe zu erklimmen. In dieser Zeit brachte er es bis zum Sergeant.

Nach 1945 engagierte sich Mel in der Kommunistischen Partei und der Gewerkschaft, wo er meiner Mutter begegnete. Kurz darauf gaben sie ihre Heiratsabsichten bekannt, was Mum als Gelegenheit sah, die Familie wieder zu vereinen. Ich sollte Ken und Joan verlassen und nach Hause zurückkehren. Sie und Mel planten, in einen der Vororte Londons zu ziehen. Ich sträubte mich gegen Mums Umzugspläne, die eine Trennung von Buckhurst Hill und den Menschen, die ich so innig liebte, bedeuteten. Ich entwickelte mich zu einem verdrießlichen Typen, einem jungen Mann, der nur wenig sprach – halt ein typischer Teenager.

Teenager zählten damals zu einer gerade neu entdeckten „Spezies“. Vor dem Zweiten Weltkrieg gab es sie noch nicht als soziologisch definierte Gruppe. Wir waren ein neuer „Stamm“, dessen Balzverhalten und dessen zwischenmenschliche Beziehungen das uneingeschränkte Interesse der Gelehrten auf sich zogen. Man studierte uns ausgiebig und aufmerksam, und unsere „soziopathologischen Auffälligkeiten“, wie zum Beispiel die Partys, sorgten im Parlament für viel Gesprächsstoff. Wir hatten unseren eigenen, verschrobenen Dialekt, den wir aus den Mundwinkeln herauspressten, so dass nur Eingeweihte sich untereinander verständigen konnten. Wir entdeckten sogar unsere eigene Musik, die unter Garantie die Erwachsenen anwiderte. Aus uns wurden Philosophen, die über die Zeitgeschehnisse diskutierten, aber nie zu einer gemeinsamen Haltung fanden, und wenn uns jemand nicht glich, war er für uns tot – oder sollte vor die Hunde gehen. Eigentlich hatte sich nicht viel geändert, doch wir „erfanden“ den Teenager.

Dora und Mel versuchten ihr Bestes, um den gegen jegliche Vernunft argumentierenden Marsmenschen in ihren Haushalt zu integrieren, doch ich verachtete meinen neuen Vater, der mir nichts recht machen konnte. Er war eigentlich ein ganz anständiger Kerl und hatte meinen Widerstand nicht verdient – bis auf die Tatsache, dass er morgens beim Teekochen ständig das alte Varieté-Lied „Martha, Rambling Rose Of The Wildwood“ singen musste. So was war doch nicht zum Aushalten!

Jeden Morgen um genau sieben Uhr hörte ich ihn in seinen Hausschuhen die Treppe hinunterschlurfen, wonach er Wasser in den Teekessel füllte und dabei dieses höllische Lied sang. Wutschnaubend zog ich mir die Bettdecke über den Kopf – immer dasselbe Liedchen zur genau gleichen Zeit. Monströs! Ich muss wohl nicht erwähnen, dass ich so lange wie möglich im Bett blieb, um weder Mum noch Mel zu begegnen, die glücklicherweise schon bald zur Arbeit gingen.

Meist zog ich mich in mein Zimmer zurück, um nicht die Farce, die Mum eine Ehe nannte, mitzuerleben und das ach so idyllische Familienleben, das sie mir bieten wollten. Wie alle Frischvermählten verhielten sie sich übermäßig aufmerksam, was die Zipperlein oder Wünsche des anderen anbelangte. Sie bei dem spießigen Rollenspiel zu beobachten kotzte mich nur an.

Ich sehnte mich danach, endlich erwachsen zu werden, und versank zwischenzeitlich in tiefem Selbstmitleid. Als besonders abscheulich empfand ich das neue Haus, in das ich gegen meinen Willen eingezogen war. Den Traum meiner Eltern von einem Eigenheim teilte ich sicherlich nicht – damals wie heute. Obwohl in all den Jahren so viel Geld durch meine Hände geflossen war, dass mir einige dieser Buden hätte anschaffen können, bin ich nie stolzer Hausbesitzer geworden.

Wir hatten uns in einer kleinen Kiste mit einem erstickend kleinen Grundstück niedergelassen. Das Gebäude verfügte über drei Zimmer und lag in einer Sackgasse im vorstädtischen Croydon, im Süden Londons. Die anliegenden Häuser standen nur einen Meter weit entfernt. An der kurzen, ansteigenden Straße lagen beidseitig fünf dieser Miniaturpaläste mit kleinen Auffahrten, die mich an die Zitzen einer säugenden Sau erinnerten. Ich hasste den Ort mit all meinem ungebändigten Zorn. Ich hasste das Zuhause, die Schule, Großbritannien und konnte es nicht erwarteten, alle drei hinter mir zu lassen.

Jedes Buch bestärkte mich in der Absicht, dorthin zu flüchten, wo Menschen im Genuss und mit Leidenschaft lebten, wo sie Ideen aus dem geschmolzenen Stahl ihrer Überzeugung schmiedeten. Bücher wie Roter Stern über China: Mao Tse-tung und die chinesische Revolution [Edgar Snow], Die Menschenfreunde in zerlumpten Hosen [Robert Tressell] und Willie Gallachers Rise Like Lions [es liegt keine deutsche Übersetzung vor] stellten für mich eine Art Ruf der Sirenen dar, der mein sich entwickelndes politisches Bewusstsein ansprach.

Ich verschlang immer mehr Bücher, wurde immer deprimierter und äußerte mich nur noch zynisch über Großbritannien. Amerikanische Musik und amerikanische Literatur standen bei mir an oberster Stelle, und ich wollte so dringend in dieses Land meiner Träume, dass ich beinahe körperliche Schmerzen verspürte.

Auch Mutter liebte die Werke amerikanischer Autoren. Obwohl wir kaum mehr miteinander redeten, verband uns wenigstens der Trost, dass wir über diese Bücher diskutieren konnten.

„Lies das doch mal“, riet mir Mum und gab mir Bücher wie zum Beispiel Straße zur Freiheit [Peekskill USA] von Howard Fast. Ich ging auf mein Zimmer, wo ich mich für verdammt clever hielt, Zigaretten bei geöffnetem Fenster zu paffen, im Irrglauben, dass Mutter den Tabakqualm nicht riechen werde. Ich wollte endlich den Dschungel, die Schlachthöfe Chicagos, sehen, dorthin gehen, wo Upton Sinclair gewesen war, die Weißen treffen, die sich in Peekskill selbstlos vor dem Sänger und Aktivisten Paul Robeson aufgestellt hatten, damit ihm die Faschisten keinen Schaden zufügen und er für die Menschen singen konnte. Ich wollte endlich lautstark „Hallelujah, ich bin ein Penner“ singen und meine Freiheit auskosten. Ich wollte „Auf welcher Seite steht du?“ schreien und für mich herausfinden, zu wem ich eigentlich gehörte, denn in Großbritannien gab es rein gar nichts, das mich anzog.

Doch vor allem wollte ich nach Kalifornien reisen und mir all die Schauplätze ansehen, die Woody Guthrie in seinen Songs besang – das unermesslich große Land der Träume erleben, diese „Pastures Of Plenty“. Doch erst mal steckte ich im miefigen Croydon fest.

2. Hinter dem Beat

Als meine Schamhaare zu sprießen begannen und die Hormone ihren wilden Tanz in meinen Blutkreislauf veranstalteten, begann ich von Mädchen zu träumen. Wenn ich nicht las, masturbierte ich, und wenn ich mal nicht masturbierte, hörte ich Musik und spielte Gitarre. Bücher, Musik und Sex waren ein ständiger Freizeitspaß, und das Zimmer wurde zu meinem Refugium. Ich sehnte mich vom ganzen Herzen danach, endlich auszuziehen, doch zuerst – ob ich es mochte oder nicht – musste nach dem Gesetz die Schule beendet werden.

Alkohol und Jazz retteten mir den Verstand. An Samstagabenden traf ich mich mit meinem älteren Kumpel Kelly in einem Pub in West Croyden, wo wir uns Interpreten wie zum Beispiel die beiden bekannten britischen Jazz-Musiker Humphrey Lyttelton und Ken Colyer anhörten. Als Spezialität des Hauses servierte man uns das „tödliche“ Mixgetränk aus Guinness und Cidre, auch bekannt als „Black Velvet“, und nachdem ich einige gehoben hatte, ging es auf die Tanzfläche, um mit Mädchen eine flotte Sohle aufs Parkett zu legen. Kelly hatte mit dem Tanzen nichts am Hut, und wenn er mit Mädchen reden sollte, wurde er total nervös. So hing er an der Bar und „holte alles ran“, wie er es nannte. Das passte mir natürlich gut in den Kram, da ich wegen meines Alters noch keine alkoholischen Getränke bestellen durfte, obwohl mich das nicht davon abhielt, an diesen Abenden einige Bier zu kippen. In dem Pub in West Croydon, an dessen Namen ich mich um alles in dieser Welt nicht erinnern kann (The Croydon Arms?), sah ich zum erstem Mal die britische Blues-Größe Alexis Korner. Er spielte Banjo in Ken Colyers Band.

In dem Pub wurde ich zum ersten Mal high, wofür ich einigen Musikern danken möchte! In einem eingezäunten Hinterhof des Ladens standen die ganzen Bierfässer und die Tische, die der Besitzer raus­gestellt hatte, um Platz für die Tanzfläche zu schaffen. Schnell merkte ich, dass sich die Band in den Pausen dorthin zurückzog. Nachdem sie ihre In­strumente abgelegt hatten und draußen Luft schnappten, ging ich in den Hof, um mich mit ihnen zu unterhalten. Sie behandelten mich mit einer gewissen Distanz, die alle Musiker wahren, wenn sie mit ihren Fans reden. Da ich noch viel zu jung war, um in ihr Revier einzudringen, störte sich niemand an mir. Sie qualmten ihre Joints, als wäre es die natürlichste Sache auf der Welt.

Die Musiker ließen den Joint kreisen, jeder zog daran, und dabei unterhielten sie sich, ohne mich in das Gespräch einzubinden. Es war eine völlig entspannte Atmosphäre. Ich lehnte mich lässig gegen die Wand, um so richtig cool zu wirken. Wer auch immer der Mann war, der mir den Joint gab – er schaute mich dabei noch nicht einmal an und reichte mir die Wundertüte, während er angeregt mit seinen Freunden plauderte. Ich sagte kein Wort, folgte dem Ritual, das ich beobachtete hatte, ließ mir Zeit und nahm einige tiefe Züge, bevor ich den Joint weiterreichte. Doch nichts geschah, was mich ziemlich enttäuschte. Wenige Minuten später hielt ich einen neuen Joint in der Hand. Er schien stärker zu sein. Die Musiker verließen den Hof, um ein weiteres Set zu spielen, und ich verharrte wie angewurzelt auf der Stelle. Ich brauchte einige Zeit, bis mir klar wurde, dass sie schon gegangen waren. Benebelt schlich ich mich in den Pub zu Kelly. Nachdem ich mich durch die Menge gequetscht hatte, merkte ich, dass ich wegen der Geräuschkulisse kaum mit ihm sprechen konnte. Die Musik der Band dröhnte im ganzen Raum, der mir jetzt viel wärmer vorkam, und irgendwie funktionierte die Koordination zwischen meinem Gehirn und dem Mund auf einer anderen Zeitebene. Kelly und ich setzten uns an einen Tisch und beobachteten die Leute in dem brechend vollen Laden. Ich blickte auf die Tanzfläche und dachte, meine Zunge sei angeschwollen. Saß ich hier im falschen Film? Das Bier schmeckte grässlich, die Frauen waren nicht attraktiv, und Kelly wirkte wie ein Außerirdischer. Meine Nase kribbelte wie wild, ich hatte das Gefühl, jede Sekunde niesen zu müssen. Ich atmete durch den Mund und nippte teilnahmslos am Bier. Hier stank es doch wie in der Hölle! Ich murmelte einige unverständliche Worte und verzog mich aufs Klo, um einen klaren Kopf zu bekommen.

Dort stand ich neben einem wahren Hünen und war geschockt, denn trotz des ätzenden Gestanks des Urinals konnte ich seinen Geruch noch wahrnehmen. Ich lachte in mich hinein, weil mein Zinken plötzlich so sensibel war wie der eines Hundes. Zugleich verwirrte mich diese Erfahrung. Ich drängelte mich erst mal raus aus dem Pub, um frische Luft zu schnappen. Um nach Hause zu kommen, musste ich ganze vier Meilen gehen, aber trotzdem entschuldigte ich mich bei Kelly unter irgendeinem Vorwand und machte mich auf den Weg.

Der Nachgeschmack des Biers war echt schrecklich. Ich hätte alles in der Welt für ein Glas Wasser gegeben. Doch als ich die frische Luft gierig einsog, fühlte ich mich schon lebendiger. Auf dem Weg dachte ich über meine Lebenssituation nach. Ich musste noch fast ein Jahr in der Schule über mich ergehen lassen, da Mutter mir das unumstößliche Versprechen abgerungen hatte, dass ich von dem Laden erst mit 16 abginge. In der Zwischenzeit – bevor ich mein Zuhause, die Schule und Großbritannien verlassen konnte – brauchte ich eine sinnvolle Beschäftigung. Mir fehlte einfach die Lebensfreude. Ich ging zügiger, und plötzlich erschien mir Croyden, das ich bislang verabscheut hatte, gar nicht so schlecht zu sein. Beim Gedanken, nun ein Kiffer zu sein, bekam ich sofort gute Laune. Doch ich wusste nicht, wo man sich das neu entdeckte Lebenselixier besorgte. Aber das sollte mir vorerst egal sein. Zumindest hatte ich eine Aufgabe und musste nicht an der Theke abhängen, ein Bier nach dem anderen kippen und von der Bedienung träumen.

Ja, in diesem zarten Alter wurde aus mir ein waschechter Kiffer. Bis zum heutige Tag bin ich davon überzeugt, dass ich nur so das letzte, quälend langweilige Jahr in der Schule überstand. Ich steckte in der Klemme und musste auf meine Zeit warten. Ich redete wenig, las so viel wie möglich und hörte die ganze Zeit über Musik. Nach dem Jazz interessierte ich mich für den Blues, der schnell von Gene Vincent und Elvis Presley abgelöst wurde. Fast mühelos fand ich den Weg zu dem, was ich liebte.

Ich besuchte öfter einen Freund und nahm immer meine Gitarre mit. Er war ein großartiger Fingerpicking-Gitarrist; während wir uns einen Joint teilten, zeigte er mir einige Blues-Licks. Damals lebte er bei seiner Mutter Jeannie, einer wirklich scharfen Lady britisch-indischer Herkunft, die in der Vergangenheit in Londons Windmill Theatre als Tänzerin gearbeitet hatte. Wenn sie von der Arbeit kam, wurde sie von zwei kichernden Teenagern empfangen, die ihren Spaß hatten.

Manchmal tanzte sie zu unserem Gitarrenspiel. Während mein Blick über ihren Körper glitt, wurde mein Mund immer trockener. Ich begehrte sie, doch ich hätte niemals mit meinem Freund darüber reden können. Ich wollte von ihm so viel wie möglich über das Gitarrenspiel erfahren und ihn bloß nicht verärgern. Ein Spruch wie „Ich stehe auf deine Mutter, und, ach ja, wie greift man einen F-Dominantsept-Akkord?“ wäre wohl nicht klug gewesen.

Der Einzige, mit dem ich über meine Gefühle reden konnte, war ein Kumpel namens Brian. Schon bald machte ich mich auf den Weg zu seinem Haus, um ihm von meinem sexuellen Frühlingserwachen zu berichten. Wir hockten uns in sein Zimmer, und während Brian einen Joint kurbelte, versuchte ich ihm von Jeannie zu erzählen, doch ich kam nicht zu Wort, weil Brian wortgewandt von einem Buch schwärmte. Ich hörte aufmerksam zu, als er mir von den Figuren und der Handlung erzählte. Es handelte von den USA und zog mich augenblicklich in den Bann.

Brian überreichte mir feierlich Jack Kerouacs On the Road.

Ich ging nach Hause, machte es mir in meinem Zimmer bequem und begann mit der Lektüre. Es war für mich eine unvergleichliche Offenbarung. Zum ersten Mal hielt ich ein Buch in Händen, das einen Neubeginn schilderte, das die Lust des Aufbruchs und des Reisens beschrieb – all das, was ich mir schon immer gewünscht hatte, was ich schon als kleines Kind verwirklichen wollte. On the Road handelte von Jazz, Sex, Dope und von der Hoffnung. Ich war mir sicher, in diesem ruhelosen Romantizismus die Vorlage eines Lebensentwurfes für mich gefunden zu haben, und liebte jede einzelne Seite mit zügellosem Enthusiasmus. Das Werk überragte alles, was ich bis zu dem Zeitpunkt gelesen hatte.

On the Road war das erste Buch, in dem ein Drogenrausch beschrieben wurde. Mich beruhigte die Tatsache, dass auch andere kifften und dann sogar noch Werke darüber verfassten. Schnell erkannte ich, dass der Erzähler Sal Paradise, in der Handlung ein Schriftsteller, den schwierigen, aber trotzdem magischen Dean Moriarty liebte. Ich sehnte mich nach einem Menschen in meinem Leben, der solch eine Magie ausstrahlte. Nachdem ich erst mal Dean Moriarty zu meinem Helden auserkoren hatte, überraschte mich nichts und niemand mehr. Alles schien möglich.

Durch dieses Buch inspiriert, wollte ich die USA von Küste zu Küste bereisen, immer weiter westwärts fahren, bis die Brandung des Pazifiks meine Knöchel umspülte. Ich wollte in zwielichtigen Kaschemmen mit durchgeknallten Typen kiffen, mich ohne Ziel treiben lassen, einfach die pure Lebenslust spüren und alles genießen, was ich sah und erlebte – und später dann nach Mexiko City fahren. In dem Buch wurde aus einer Reise durch die USA mit hoher Geschwindigkeit die Metapher für eine Reise ins Innerste der Psyche.

Bis zum heutige Tag gehört On the Road zu den wenigen Romanen, die ich von vorne bis hinten gelesen habe, ich hielt inne und machte weiter – drei Mal. Nach der Lektüre erkannte ich, dass ich ein „Beatnik“ bin. Oder, um genau zu sein, ganz nach dem Vorbild des Werks ein Beat werden wollte.

Jahre später erfuhr ich, dass die Figur des Dean Moriarty aus On the Road auf Neal Cassady basierte, dem Freund des Schriftstellers Ken Kesey, der den Bus der Merry Pranksters fuhr. (Die Pranksters waren eine Gruppe von Freigeistern und Suchenden, die sich 1960 um Kesey scharten.) Die Grateful Dead kannten Neal Cassady und hielten große Stücke auf ihn. In der Zukunft sollte ich mich also um eine Band kümmern, die tatsächlich einem meiner Helden begegnet war! Um mich frei entfalten zu können – und das wollte ich dringend –, musste ich die Schule aufgeben und verdammt noch mal aus Großbritannien verschwinden.

Die Aussicht, genau wie mein Vater ein Lohnsklave zu werden, erfüllte mich mit großer Angst. Soweit ich es einschätzen konnte, sahen die Lehrer in mir einen Handwerker mit großem Potenzial, vielleicht einen Klempner, der seinen Lebensunterhalt mit der Scheiße anderer verdient. Doch das wollte ich auf gar keinen Fall, vielen Dank auch! In bester Teenager-Manier suchte ich mit finsterem Blick nach Alternativen, die mir ein Leben mit einen Minimum an Arbeit ermöglichten. Tja, Lebensentwürfe, die sich auf Sex und Musik stützten, waren nicht allzu leicht zu finden, und so dachte ich an einen Job in der Unterhaltungsindustrie, denn dort gab es eben Sex und Musik – meine wichtigsten Freizeitbeschäftigungen – im Übermaß. Glaubte ich zumindest.

In der Musik, diesem schillernden Spektrum von heißen Gitarren bis zu glamourösen Frauen, lag meine Bestimmung, und dort wollte ich meine bislang unerkannten Talente verwirklichen. Das Musikgeschäft schien wie für mich gemacht zu sein. Das redete ich mir ständig ein. Dort schätzte man die Eigenschaften, mit denen ich glücklicherweise geboren wurde – natürliche Geschicklichkeit, genau die richtige Portion Charme, harte Eier wie die von King Kong, und Schultern breiter als die Strandpromenade in Brighton.

Allerdings gab ich schnell den Gedanken auf, ein Rockstar zu werden, denn das Ziel lag im Bereich des Unmöglichen. Nachdem ich einen flüchtigen Blick auf die Ansprüche des Musikbusiness geworfen hatte, merkte ich schnell, dass ich da nicht mithalten konnte. Ich war kein besonders talentierter Gitarrist und sah im herkömmlichen Sinne auch nicht gut genug aus. Außerdem wurde mir dieser Wunsch schon in einer Reihe der entsetzlichen Schulen wirkungsvoll „ausgeprügelt“.

Ich studierte die Rockstars der damaligen Ära, die überwiegend aus ärmlichen Verhältnissen stammten. Die meisten hatten vor ihrer Karriere ihre Brötchen als Straßenverkäufer, Hilfsarbeiter am Bau, Klempner oder im Straßenbau verdient, gehörten also nicht zu den Hellsten. Sie kamen, wie die Briten es so wunderschön ausdrücken, aus „bescheidenen Verhältnissen“. (Sie mögen am Anfang noch bescheiden gewesen sein, aber meine Güte, wenn sie erst auf der Bühne standen, war davon nicht mehr der leiseste Hauch zu spüren.) Diese Leute benötigten eindeutig einen fähigen Assistenten. Rockstars waren ja so zerbrechlich und sensibel – die armen Kerle –, und genau dort lag meine Chance. Ich wollte sie unterstützen und mich um sie kümmern, mit anderen Worten, eine „Nanny für Erwachsene“ werden. Die Grateful Dead machten Jahre später bei den Danksagungen für Workingman’s Dead eine treffende Anspielung auf meinen Job („Executive Nanny“).

Zu der Zeit war ich noch blauäugig und erkannte nicht, dass die Scheiße anderer Leute mein Leben auf eine albtraumhafte Art überschwemmen würde, noch lange nach der Schulzeit. Die Lehrer hatten mir ja unmissverständlich prophezeit, dass Scheiße meinen Job bestimmen werde! Als ich mich auf das Musikgeschäft einließ, wurden die Probleme der anderen unausweichlich zu meinen eigenen, was es das Sprichwort audrückte: „Es ist immer die gleiche Scheiße, nur mit anderen Fliegen!“ Außer ihnen die Ärsche abzuwischen und die Zähne zu putzen, habe ich wirklich alles für die Musiker gemacht. (Allerdings sollten Chrissie Hynde und Marianne Faithfull in Deutschland merken, dass ich eine deutliche Grenze ziehe. Ich werde niemals in einem fremden Land Hygieneprodukte für Frauen kaufen, wenn ich der Sprache nicht mächtig bin!)

Früher jedoch faszinierten mich all die Millionen Einzelheiten und Details, die man beachten musste, um ein erfolgreiches Konzert auf die Beine zu stellen. Dort – an vorderster Front – wollte ich mein Feldbett aufstellen und für eine erfolgreiche Produktion kämpfen. Schnell entwickelte ich in Bezug auf die Arbeit einen starken Realitätssinn, da vor allem die Musiker meist nicht wussten, auf welchem Planeten sie gerade schwebten, ganz davon abgesehen, was der Begriff „realistisch“ überhaupt bedeutet. Sie hatten sich diesen Job ausgesucht, um ihre Träume wahrzumachen und sich nicht mit den unbedeutenden Nichtigkeiten des ganz normalen Lebens rumzuschlagen. Ihre Devise lautete: „Die Realität ist was für Leute, die nicht mit Drogen umgehen können.“

Ich erreichte mein Ziel, wurde persönlicher Tourmanager und begleitete zwei der größten Bands aller Zeiten: die unsterblichen Rolling Stones aus Großbritannien, bei denen Keith („The Man That Death Forgot“) Richards den Ton angab, und die legendären Grateful Dead aus Kalifornien, bei denen ein eher langsamer und zögerlicher Jerry („The Tainted Saint“) Garcia den Weg wies. Ich bin der Einzige, der für beide Bands in dieser Funktion gearbeitet und trotz aller widrigen Umstände überlebt hat, um meine Geschichte zu erzählen. Man muss sicherlich nicht betonen, dass hier das launenhafte Schicksal eine wichtige Rolle spielte, aber Moment mal – ich erzähle jetzt schon zu viel.

3. No Direction Home

Nachdem ich die Schule verlassen hatte, flüchtete ich kurz nach Paris, in der Hoffnung, dass nun endlich mein aufregendes und ereignisreiches Leben beginnen werde. Doch ich erkrankte und musste nach Großbritannien zurückkehren. Natürlich interessierte ich mich noch für Musik, doch während der Genesung fasste ich den Entschluss, die Lehrerlaufbahn einzuschlagen. Zur Überraschung aller bestand ich sogar die Aufnahmeprüfung am College. Zu meiner großen Freude waren fast alle Kommilitonen weiblich! Zeitweise hatte ich das Gefühl, mich eher für die Abschlussprüfung eines Gynäkologen zu qualifizieren als für die eines Lehrers.

Während dieses glückseligen Lebensabschnitts engagierte ich mich für einen kleinen Folk-Club in einem Pub nahe dem College. Unter anderem spielte dort Paul Simon. Ich erinnere mich an ihn als ein kleines Arschloch, das gerade „The Sounds Of Silence“ geschrieben hatte und besser Gitarre spielen konnte als ich. Ich hasste ihn regelrecht, er wusste es, und so beruhte das Gefühl schnell auf Gegenseitigkeit.

Ich legte ein gutes Studium hin, schloss das College mit sehr guten Noten ab und unterrichtete danach an einer Sonderschule für, wie man es damals nannte, „verhaltensgestörte Kinder“. Diese Kids haben kaum soziale Fähigkeiten, und es fällt ihnen schwer, ihre individuellen Bedürfnisse an ein bestehendes Sozialgefüge anzupassen. Für sie ist es fast unmöglich, andere Menschen wahrzunehmen, und sie führen ein egozentrisches Leben. Die „kleinen Piepser“ einer anderen Person gehen im Toben ihrer ungezügelten Individualität unter. Sie sind von klein auf der Einsamkeit ausgeliefert.

Eine Möglichkeit, Zugang zu ihnen zu bekommen, besteht darin, etwas zu finden, an dem sie teilnehmen können und das ihnen Freunde bereitet. Musik wirkt bei den Kindern wahre Wunder und bringt ihnen Freude. Andere Ansätze scheitern oft. Ich dachte immer, dass die Kids in der Zukunft eine tolle Rock’n’Roll-Band gründen sollten. Mal ehrlich – schon Tausende hatten es versucht und viele auch Erfolg gehabt.

In den fünf Jahren meiner Studenten- und Lehrerzeit, also in den Jahren 1963 bis 1968, hatte sich Großbritanniens Populärkultur und der grundlegende Zeitgeist radikal geändert. Seit dem Zweiten Weltkrieg empfanden zunehmend mehr jungen Menschen die Realität des täglichen Lebens als unerträglich langweilig. Sie spürten instinktiv, dass das Leben, das sie erwarteten, gar kein Leben war, einfach nur ein uninspiriertes Gekrieche vom Kinderbett zum Grab. Immer mehr Menschen hassten die Normen, die ihnen von den Eltern übergestülpt wurden, und so suchten sie in den Sechzigern nach Alternativen.

Viele begannen mit bewusstseinserweiternden Drogen zu experimentieren, um die unendlichen Weiten der Psyche zu erkunden. Man hatte den Eindruck, eine Revolution, die sich sonst nur auf der Straße abspielt, finde hinter verschlossenen Türen statt. Die Menschen entschlossen sich, sich selbst zu verändern, um so die Gesellschaft zu verändern. Die besten und hellsten Köpfe nahmen Drogen und sprangen voller Freude und ohne Vorsicht in das auflodernde Feuer einer ungewissen Zukunft. Auch ich nahm an diesem großen Experiment teil – ohne Angst, mit einem offenen und empfänglichen Bewusstsein.

Wir alle glaubten, das kollektive Bewusstsein Großbritanniens bedürfe einer radikalen Gehirnoperation. Die Welt war so grau geworden, beschränkte und verengte sich auf Doris Day, Pat Boone, Winifred Atwell, Mary Poppins, Frank Sinatra und Musicals wie Meine Lieder – meine Träume. Die Künstler, die wir liebten – Bob Dylan, die Rolling Stones, die Beatles, Pink Floyd und viele andere – wiesen uns hingegen auf neue Bestimmungen hin. Wir folgten ihnen, überhaupt nicht besorgt, dass es keinen Rückweg mehr gab.

Die Möglichkeit, dass die gesamte Menschheit durch einen nuklearen Holocaust von diesem Planeten verschwindet, war in den Nachkriegsjahren ein wichtiges Diskussionsthema. Wenn also eine neue Droge in der Szene auftauchte, nutzten einige sie als ideales Betäubungsmittel gegen die Vision des gefürchteten Massensterbens. Junge Menschen begannen sie zuerst zögerlich, doch dann entschieden zu nehmen. Diese Droge hieß LSD, auch bekannt als Acid, und wurde im Geheimen verteilt. Ich verglich dieses Versteckspielchen oft mit dem Christentum, dass das Römische Reich unterwanderte.

Chemiker in den USA stellten LSD im Untergrund her, und ihre Landsleute, mit einer klaren Vision, erklärten, sie wollten das Bewusstsein der ganzen Welt verändern. Die psychedelischen Missionare aus Kalifornien kamen mit reinem Acid nach Großbritannien, und die Zollbeamten hatten nicht den blassesten Schimmer, wonach sie eigentlich suchen sollten. Als klare, wasserähnliche Flüssigkeit war LSD so gut wie gar nicht zu entdecken. Auch konnte es in kristalliner, salzähnlicher Form geschmuggelt werden oder auf einem vorher getränktem Löschblatt und sogar in Zuckerwürfeln.

Die Politiker hatten keine Ahnung, was da vor sich ging, und so entwich der Geist eines alternativen Bewusstseins langsam, aber sicher aus der Wunderlampe. Einmal heraus, konnte er nicht mehr gebannt werden. Schon bald stellten die frisch examinierten Chemiker meiner Generation in den Laboratorien der Universitäten von Brighton bis Liverpool und von Edinburgh über Oxford bis Cambridge Drogen her.

Das Establishment – dieser kuriose Herrschaftsapparat aus Mächtigen und Einflussreichen, der in Großbritannien seit Generationen das Sagen hatte – handelte auf seine verschlafene, alte und kolonialistische Art und versuchte, bei den „Anführern“ der Jugendkultur, wie zum Beispiel den Beatles und den Rolling Stones, die Millionen Kids beeinflussten, ein Exempel zu statuieren. Sie verfolgten die angeblichen „Aufrührer“ und steckten sie wegen Drogenbesitzes in den Knast. Dadurch sollten die Kids in die Ecke gedrängt und eingeschüchtert werden. Natürlich funktionierte das nicht. Durch die Fehlkalkulation wurden die Feinde der Stagnation und Tradition nur noch gestärkt.

Die vielköpfige Hydra der Jugend vereinigte sich in einem Underground, ohne Anführer und erkennbares Zentrum. Dort herrschten unterschiedlichste Strömungen und kleine, geheime Mechanismen, die von der herrschenden Schicht nicht auf konventionelle Art und Weise unterdrückt werden konnte. Wie sollte etwas erstickt werden, das man überhaupt nicht verstand? Großbritannien hatte nicht einen Timothy Leary, den amerikanischen LSD-Pionier – es hatte Hunderte LSD-Gurus.

Ein Freund stellte mich einem der Amerikaner vor, der uns mit dem heiligen Sakrament erleuchten wollte. Er kam aus San Francisco. In einer Bude in der Upper Montague Street offenbarte uns dieser „Zauberer“ die „Waffen der Revolution“. Wir hockten um einen Beistelltisch auf dem Boden und kifften, während er uns von den jüngsten Entwicklungen in „Yankville, USA“ berichtete. Die CIA, so behauptete er zumindest, steckte tief in der Drogenproduktion, und Polizeispitzel halfen bei der Distribution, aus bislang unerklärlichen Gründen. Seiner Meinung nach hatten verschiedene Agenten die Droge ausprobiert und hatten ihre eigenen Grenzen überwunden. Aufgrund dieser Erfahrung glaubten sie an den Nutzen und die Vorzüge von LSD.

Wir hingen an den Lippen des befremdlichen, kleinen Mannes mit der „nepalesischen“ Rauchkrone. Er hatte fünf Gramm kristallines LSD eingeschmuggelt, genug, wie er sagte, um damit einige Hunderttausend Trips herzustellen. Wir waren sichtlich beeindruckt und ziemlich verblüfft.

Das geschah im September 1965, einer Zeit, in der sich alle noch allzu gut an die Kuba-Krise erinnern konnten. Der Vietnamkrieg nahm damals an Brutalität zu, und Dylan schuf in einer kreativen Supernova die beiden Alben Bringing It All Back Home und Highway 61 Revisited. Alles veränderte sich schnell und radikal, und wir wollten ein Teil des Umbruchs sein. Ich war 22.

Wir sahen uns als wegbereitende Visionäre, wie das häufig bei jungen Menschen der Fall ist. Die Leute kamen aus den unterschiedlichsten sozialen Schichten. Die Wohnung gehörte einem jungen und sexy Mädchen, das mich immer am Wochenende nach London einlud – sie war die Tochter eines Generals! Einige von uns studierten, und ich erinnere mich an einen Mann, der uns verriet, dass er als Journalist bei der Times arbeitete, was alle überraschte.

Ein Arzt namens Ronnie laberte mit einem starken schottischen Akzent, den kaum einer verstand. Zwei jüngere Typen studierten an der Hornsey School of Art und tauchten in Begleitung zweier großer, toller Frauen auf, die unsere Ideen aber eher langweilig fanden. Eine ältere amerikanische Lady saß in einem Sessel und lächelte nachsichtig, ähnlich einer Übermutter aus dem Underground, während ein „Normalo“ meinte, dass er sich den Lebensunterhalt als Bürogehilfe bei einem Rechtsanwalt verdiene. Wir wollten uns das LSD einwerfen und dann in einem nahe gelegenen Park spazieren gehen.

Gespannt beobachten wir den Amerikaner, der feierlich einen Tropfen der Flüssigkeit auf jeweils einen der Zuckerwürfel träufelte, die auf dem Tisch aneinandergereiht standen. Er erklärte uns, dass wir keine Angst haben müssten, was mich aber verdammt nervös machte.

Wir sollten uns nicht vor einem miesen Trip fürchten, denn in dem Fall könnten er und die Lady aus dem Sessel uns helfen. Ich holte tief Luft und bereitete mich vor. Wir nahmen alle einen Zuckerwürfel und warteten gespannt darauf, was passieren würde.

Die Leute setzten sich auf die Kissen am Boden, und Dylans „Desolation Row“ lief quasi in einer Endlosschleife. Keiner konnte das sich in die Unendlichkeit erstreckende Panorama des Songs verstehen, seine poetische Bildhaftigkeit und die kämpferische Botschaft. Fast alles, was ich bislang gehört hatte, schien mir hohl und bedeutungslos – sinnlose Pappmusik für die Massen. Ich steigerte mich in Dylans apokalyptische Visionen hinein. Wir verließen die Ebene der simplen Worte.

Alles, was die konservative Gesellschaft als wichtig empfand, alles, an das wir jemals geglaubt hatten, wurde neu aufgezeichnet, neu definiert, radikal niedergerissen und neu aufgebaut. Noahs großer Regenbogen schwebte von der Decke herunter, die Gesichter der Leute zerflossen und formten sich neu, eins der Mädchen schluchzte stoßweise vor Glückseligkeit, und der kleine Amerikaner lächelte uns durch seine Brille wohlwollend an.

Ich trank Wasser, das sich dickflüssig anfühlte, ähnlich geschmolzenem Blei. Die metallischen Moleküle knallten aneinander und verursachten ein merkwürdiges Geräusch in meinem Magen. Ich kroch zu der Lady im Sessel, legte den Kopf in ihren Schoß, und sie streichelte mir durchs Haar.

Ich zerfiel in tausend Stücke. Mein altes Ich hatte sich aufgelöst.

Die Nacht verbrachte ich fröstelnd mit einigen der Leute in den Parliament Hill Fields, wo wir die Sterne betrachteten. Ich fühlte mich so hungrig, dass ich am liebsten die komplette Milchstraße in mich aufgesogen hätte. Die riesige Himmelskuppe streckte in ihrer gütigen Endlosigkeit die funkelnde Arme herab, um mich, das traurige Kind, zu umschließen und sanft zu wiegen.

Jedes bislang erlebte Gefühl rauschte mit unglaublicher Geschwindigkeit an mir vorbei. In der gleichen Rasanz schüttelte ich diese Emotionen ab. Ich musste das bisher Gelernte wie nutzlosen Ballast hinter mir lassen.

Ich war absolut überzeugt, dass neues und revolutionäres Wissen in mich eindrang, und aß ein wenig Gras, um zu erfahren, wie man sich als Kuh fühlt. Kurz danach musste ich kotzen. Als ein kalter und trüber Londoner Morgen anbrach, gingen wir durch die leeren Straßen in Richtung Covent Garden und setzten uns dort in ein Arbeitercafé. Ich starrte in den verqualmten Laden, beobachtete die Leute und hatte das Gefühl, auf einem anderen Planeten gelandet zu sein.

Ich versuchte einige Eier zu verputzen, doch als ich das Eigelb näher betrachtete, spielte mir die Wahrnehmung einen Streich. Ich sah Reste von Geflügelfedern, die in der Mitte herumflatterten, und konnte allein die Vorstellung nicht ertragen, mir das einzuverleiben. Der Tee hatte die Farbe tiefroten Bluts angenommen, der Toast schmeckte wie die harte Haut einer unbekannten Tierart. Ich musste schleunigst hier weg.

Irgendwie gelang es mir, einen Zug in der Liverpool Station zu erreichen, der mich nach Hause beförderte. Während die Kirchglocken schrill läuteten, hetzte ich mit zitternden Lippen und kalten Schweiß auf der Stirn zu meiner Wohnung. Niemand scherte sich um mich – typisch britisch! Endlich erreichte ich meine kleine Wohnung, kroch ins Bett und zog mir die Bettdecke über den Kopf. Nach Trillionen von Gedankenfetzen, die in meinem Gehirn einen wahren Aufstand veranstalteten, schlief ich endlich ein.

Tags darauf wollte ich nicht unterrichten und entschied mich für einen Spaziergang durchs Grün. Ich musste frische Luft schnappen und die intensivste Erfahrung verdauen, die ich jemals gemacht hatte. Ich schlenderte über die schmalen Straßen in Essex und machte mir mit einer beeindruckenden, nie zuvor erlebten Klarheit Gedanken über meine Zukunft. Ich war überzeugt, dass mich die Bäume verstanden, die Pflanzen auf den Feldern unterstützten und sogar die Vögel durch ihr instinktives Verhalten verehrten. Ich fühlte mich so lebendig wie nie zuvor. Mein Entschluss stand fest: Ich wollte die Entdeckungsreise fortsetzen, mich weiter auf die Musik konzentrieren und alles, was mir während des Trips über meine Zukunft enthüllt worden war, in meine Entscheidungen einfließen lassen. Für mich stellte das neue psychische Empfinden ein wichtiges Element dar, eine Straße, die mich zu einem höheren Bewusstsein führte, das ich erforschen wollte. In ganz Europa und den USA zogen jungen Menschen dieselben Schlüsse.

4. Schatten und Licht

Der unmittelbare Effekt des LSD bewirkte aber auch einen leichten „Knick“ meines Selbstbewusstseins. Mein Verständnis der Welt war schlagartig auf den Kopf gestellt. Ich erkannte, dass ich keine Ahnung von der subjektiven Natur der individuellen Wahrnehmung der Realität hatte. Mein Ich schien Zuflucht bei einem neuen Bewusstsein gefunden zu haben, und ich musste täglich kämpfen, um die gerade gemachten Erfahrungen mit dem täglichen Leben eines Lehrers in Einklang zu bringen.

Nach einem zweijährigen Kampf zwischen meinen Lust-Dämonen und der Knochenmühle des Lebens gab ich den Lehrerjob auf. Das Gehalt reichte kaum zum Leben, außerdem konnte ich die anderen Lehrer nicht leiden.

Na ja, um ehrlich zu sein, erschienen mir Genuss und Hedonismus attraktiver und machten auch mehr Spaß! Der ursprüngliche Enthusiasmus und Idealismus waren wie weggefegt, hatten sich an den von Natur aus konservativen Richtlinien des Bildungssystems abgerieben. Die Kids interessierten mich, die Erwachsenen hingegen langweilten mich zu Tode. Nachdem ich die Schule verlassen hatte, vermisste ich die Kinder, und ich hoffte, auch sie würden noch oft an mich denken.

Ich zog mit Freunden in eine Wohngemeinschaft an der Inverness Terrace im Herzen Londons und widmete meine ganze Energie den Aktivitäten des Musikgeschäfts und dem wohl wichtigsten Faktor im Leben eines jungen Mannes – Spaßhaben.

London war ein brodelnder Hexenkessel, dessen süßliche Rauschwaden gen Himmel zogen. Meine neue Bude lag gleich links um die Ecke von der U-Bahn-Station Queensway aus gesehen. Über die Straße hinweg erstreckte sich das Grün des Hydeparks. Dort bemerkte ich kleine Gruppen junger Leute, die sich in wahnsinnig bunten Klamotten wie feminin wirkende Dandys aus der Regency-Zeit kleideten, den Tag an sich vorbeiziehen ließen und insgeheim Joints rauchten. Man konnte sich ganz ungezwungen zu einer Gruppe Fremder setzen und mit ihnen einige Worte wechseln. Die Leute teilten gerne das, was sie besaßen – außer man war ein Langeweiler oder ein Polizeibeamter.

Im Richmond Park, im Westen Londons, graste eine große Herde Hirsche. Nach verregneten Nächten gingen wir schleunigst in den Park, um Magic Mushrooms zu suchen, die auf dem Kot der Tiere wuchsen, die gemächlich auf dem Grün grasten. Die kleinen, glockenförmigen Pilze sprossen in ungeahnter Geschwindigkeit empor und wackelten auf den spindeldürren Stämmchen. Kein Problem, die Dinger zu finden.

Im frühen Morgennebel schlichen jungen Menschen lachend und kichernd durch das nasse Gras. Die Polizei hatte natürlich keine Ahnung von diesen „frühen Vögeln“, die „neue Würmer“ fingen.

Dann fuhren die Leute nach Wales, um Pilze zu sammmeln; hier waren diese im Übermaß zu finden. Schnell bildete sich eine ganze Bewegung ehemaliger Stadtbewohner, die nun in den walisischen Tälern lebten. Plötzlich standen Indianerzelte zwischen den Hügeln, die schon seit einer Generation kaum ein Mensch betreten hatte, weil die Farmen unwirtschaftlich geworden waren. Haschisch wie Schwarzer Afghane oder Roter Libanese waren in London und den angrenzenden Grafschaften an jeder Ecke zu haben. Bei einem Spaziergang über den Kensington Market oder die Kings Road hinunter roch man überall Joints. Fast von Minute zu Minute wurde die Mode flippiger und abgedrehter. Nie sahen die Frauen schöner aus.

Wir steckten mitten in einem Generationswechsel. Die Veteranen des Zweiten Weltkriegs rissen nun die Macht an sich.

Die politische Ausrichtung der Studenten in Großbritannien verlief synchron mit den Geschehnissen in Paris, wo im Mai 1968 der Protest junger Menschen mit Unterstützung von Gewerkschaftlern in gewalttätige Demonstrationen mündete und in die Besetzung von Universitäten und Fabriken. Die amerikanische Vietnampolitik radikalisierte dekadente Popstars, und sogar Mick Jagger – das rechne ich ihm bis in alle Ewigkeiten hoch an – nahm an einer riesigen Demonstration gegen den Vietnamkrieg teil, bei der ich mit meinem Freund Hubert aus Paris in der ersten Reihe das Banner trug. Das Logo der Kampagne für nukleare Abrüstung war überall zu sehen.

In Notting Hill konnte ich die Veränderungen hautnah miterleben. Die Menschen schienen diese grimmige Verdrossenheit abgelegt zu haben, mit der die Briten der Welt gegenübertreten. Auf den Londoner Häuserwänden tauchten merkwürdige Slogans auf: „Wenn Wahlen etwas veränderten, würde man sie sofort abschaffen.“ Oder: „Haschisch ist das neue Opium des Volkes.“

Scheinbar jeder diskutierte über radikale Alternativen zu den alten Systemen, junge Menschen beäugten die Musikindustrie mit Argwohn und spekulierten über einen neuen Ansatz. Wir hatten den Eindruck, dass das Musikbusiness nur von alten Säcken bestimmt wurde, die auf Fotos mit ihren dicken Zigarren arrogant posieren. Der Management-Ansatz von Larry Parnes/Tito Burns/Larry Parnell schien hoffnungslos überaltert zu sein, weil nur noch greise „Betonköpfe“ die Fäden zogen. Einige der alten Manager tricksten nicht nur mit dubiosen Geschäftsmethoden, sondern arbeiteten auf die gleiche Art und Weise wie schon seit Millionen von Jahren. Für uns waren das nur noch Fossilien.

Als naiv konnte uns niemand bezeichnen. Jeder wusste, dass einige dieser Typen die Künstler in jeglicher Hinsicht kontrollierten und nicht viel besser als sexuelle Raubtiere agierten. Ihnen lag viel daran, einen „Stall“ junger Männer als Stars aufzubauen und davon zu profitieren – in welcher Hinsicht auch immer. Wir fanden das alles hochverdächtig.

Eine Zeitlang bestimmten gut aussehende Jungs in Röhrenhosen mit ausgebeultem Schritt das Geschehen, die den Massen musikalische Pappgerichte servierten. Sie tauchten im Fernsehen auf, und ihre Platten schossen in die Charts. Wenn wir die „Künstler“ sahen, zogen alle verächtlich die Oberlippe hoch und kicherten: „Voll eins auf den Arsch, es trifft den Richtigen.“ Wir führten uns wie besserwisserische Lehrer auf, die den Dummen den Hintern verdreschen können.

All diese Papp- und Plastikmusik wirkte sich glücklicherweise nicht auf die Acts aus, die nach Alternativen suchten: Soft Machine, Pink Floyd und Arthur Brown, der Bandleader von The Crazy World of Arthur Brown. Diese Bands waren viel zu „far out“ für die alten Knacker, die das Musikbusiness leiteten. Sie hatten panische Angst, eine Beziehung zu diesen drogenschluckenden, langhaarigen Typen werde einen Hauch des Skandals in ihr sonst „grundanständiges“ und allgemein akzeptiertes Leben bringen.

Die alternative Musik benötigte zumindest zu Beginn ein alternatives Management, doch es dauerte nicht allzu lange, bis die Haie der Industrie ihre Zähne in einige der psychedelischen Bands schlugen. Glücklicherweise befand ich mich da schon in den USA und führte ein tolles Leben.

Die All Saints Church Hall, nahe der Westbourne Grove in Notting Hill, gehörte zu den ersten Orten, an denen die alternative Musikszene aufblühte. Dort spielten die Bands nur so aus Spaß, und die Zuschauer zahlten am Eingang einen beliebigen Betrag. Ich arbeitete dort umsonst und war zufrieden, wie all die anderen auch. Die All Saints Church Hall entwickelte sich in der Zeit ihres Bestehens zu einem legendären Veranstaltungsort. Musiker wie Arthur Brown und Charlie Watts traten dort vor einem aufnahmebereiten und zahlreich erschienenen Publikum auf. Ich freundete mich dort mit Nick Mason an, dem Schlagzeuger von Pink Floyd.

Ganz kurz glaubte ich, dass ich mich total in die Schwester der Frau verknallt hätte, die später Nick heiraten sollte, doch damals liebte ich eigentlich alle Mädchen, die sich in der Musikszene tummelten. Ein Hauch göttlicher Erhabenheit umgab sie, sie waren begehrenswert, und ich wollte mit allen ins Bett! Ich liebte die Liebe und musste nur noch herausfinden, was ich mit meinem Herzen anstelle.

Zu den Pink-Floyd-Konzerten erschienen regelmäßig die schärfsten Frauen, besonders als noch Syd Barrett, ihr erster Sänger und Frontmann, in der Band spielte. Wann immer ich Syd traf, der manchmal wie ein verängstigtes Reh in den Scheinwerfern eines Wagens aussah, wurde er von einer bezaubernden Dame begleitet, die wie eine Göttin durch den Raum schwebte. Wir freuten uns für ihn und sein Glück. Ich beobachtete, wie die „andersweltigen“ Frauen Syd ausnahmslos und ohne zu zögern ins Visier nahmen. Er schenkte ihnen wenig Aufmerksamkeit und war mit seinen launenhaften Stimmungsschwankungen beschäftigt, obwohl er ihrer Fürsorge bedurfte. Syd wirkte wie ein Kind, und wir nannten ihn eher abfällig einen „Space Cadet“. Ich zweifelte, ob dieser Mann sich einen Toast zubereiten konnte, doch als ich ihn zuerst kennenlernte, merkte ich schnell, was für ein guter Gitarrist er war. Wenn die Band an neuem Material arbeitete, rief er ihnen die Akkordwechsel zu.

Ohne Zweifel war Syd der erste, wenn auch eher schüchterne und vorsichtige Star der Psychedelic-Szene Großbritanniens. Ihn umgab eine merkwürdige Fremdartigkeit. Oft beschäftige er sich mit den unbedeutendsten Dingen, starrte wie ein Besessener auf belanglose Gegenstände. „Der ist total durchgeknallt“, meinte meine damalige Freundin, und die musste es wissen, denn sie wohnte in Kingsley Hall und wurde von Ronnie Lang behandelt wurde, dem weltbekannten Psychiater und Experten auf dem Gebiet der psychischen Störungen und Krankheiten. Verrückt oder nicht, Syd konnte wenigstens seine Gitarre stimmen, obwohl er manchmal vergaß, das verdammte Ding zu spielen.

Freunde erzählten mir die Geschichte von einer gemeinsamen Autofahrt aufs Land. Syd hielt plötzlich an und latschte einfach weg. Als meine Kumpels kapierten, was da vor sich ging, konnten sie Syd nicht mehr finden und mussten sich auch auf den Fußmarsch begeben, weil er die Autoschlüssel mitgenommen hatte. Als sie ihn das nächste Mal trafen, erinnerte er sich gar nicht mehr an die Fahrt.

Niemand wollte Syd hart rannehmen und ihm gehörig die Meinung sagen, weil er überhaupt nicht wusste, was vor sich ging. Er war unschuldig wie ein Kind. Die Mädchen taten ihr Möglichstes, ihn zu umsorgen und zu beschützen, bis zum Zeitpunkt, an dem er sich völlig in sein Innerstes verkrochen hatte und ihm niemand mehr helfen konnte.

Die anderen Musiker von Pink Floyd verhielten sich unter den gegebenen Umständen ungewöhnlich nett gegenüber ihrem Bandkollegen. Aus einem einstmals klaren und strahlenden Diamanten war eine stumpfe, durch Drogen vernebelte Persiflage des früheren Ich geworden. Jeder empfand das als zutiefst traurig und bewegend, doch niemandem gelang es, ihm zu helfen, obwohl viele es versuchten.

Meine quirlige und wunderbare Freundin hatte mich auf die All Saints Hall gebracht. Ich liebte den Ort und lud meinen Freund Ron Geesin ein, damit er die Szene dort erleben konnte. Ron und ich trafen uns bei einem gemeinsamen Kumpel und freundeten uns sofort an, was wohl daran gelegen haben mag, dass ich seine Musik mochte, eine abgefahrene Art und Weise der Vertonung des „Theaters der Grausamkeit“. Er gehörte zu den angesagten Typen.

Ron war ein geschickter, klassisch ausgebildeter Musiker, doch sein persönlicher Geschmack führte ihn zu höchst ungewöhnlichen Instrumenten und bizarren Klangeffekten, die er mit absurden Texten krönte und mit einem unverständlichen schottischen Akzent vortrug. Die Klangkaskaden wirkten auf die Zuhörer beängstigend und beunruhigend. Er spielte Klavier mit der Leidenschaft eines Wahnsinnigen Es war eine Erfahrung der ganz besonderen Art, seine Vision der Entfremdung vom Herkömmlichen zu erleben. Man erstarrte fast vor Furcht. Trotzdem war Ron einer der geselligsten Menschen, und nachdem ihn die Musiker von Pink Floyd näher kennengelernt hatten, mochten sie ihn wegen seiner außergewöhnlichen Exzentrik. Uns verband eine enge Freundschaft.

Ron nahm keine Drogen, schlug sogar einen Joint aus, doch konnte sich trotzdem auf die Musik von Floyd einlassen. Schon bald schloss er Freundschaft mit dem Keyboarder Rick Wright und dem Bassisten Roger Waters. Ron spielte eine wichtige Rolle, denn er transzendierte und öffnete den musikalischen Ansatz der Band. Sein Einfluss kann auf der ersten LP The Piper At The Gates Of Dawn (1967) über Dark Side Of The Moon (1973), Animals (1977) bis hin zu The Wall (1979) wahrgenommen werden. The Wall wird zwar offiziell Roger Waters und Floyd zugeschrieben, doch die Atmosphäre der Vereinsamung und des von Angst ausgelösten Wahnsinns stammen sicherlich von den frühen surrealen Themen meines Freundes Ron.

Nick Mason und Ron Geesin unterstützen mich bei einem eigenen Musikprojekt, wofür ich ihnen für alle Zeiten danke, da ihre Beiträge dem Experiment eine gewisse Schwere und Tiefgründigkeit gaben. Einige Freunde hatten sich entschlossen, eine Gruppe mit dem Namen Screw zu gründen, eine Punk-Band, mehr als ein Jahrzehnt vor Malcolm McLaren und den Sex Pistols und lange bevor einer wusste, was der Begriff Punk nun bedeutet. Ron und Nick fanden die Musik sowohl schrecklich als auch faszinierend. Wir hatten unseren Spaß, konnten alles rauslassen und frech sein, doch die Band verschwand schnell von der Bildfläche.

Screw gehörte zu den wenigen Formationen, die ihre Zuhörer an die Wand spielten und sie verwirrt und betäubt zurückließen. Nachdem die Leute ein Konzert gehörte hatten, wussten sie nicht, was man davon halten, geschweige denn darüber sagen sollte. Screw verschlug ihnen die Sprache, und das war – wie wir damals dachten – eine nennenswerte Leistung.

Sogar John Peel, der Kult-DJ, der in seiner BBC-Radio-Show die merkwürdigsten, abgefahrensten Sachen auflegte, bekam bei einem Gig von Srew kein Wort mehr über die Lippen. Ich lud ihn zu einem der Happenings ein. Während des Sets schlug Chris Turner, der Mundharmonika-Mann, ein wenig über die Stränge. Seine Lippen platzen auf, und das Blut spritze über die ganze Bühne. Der Sänger Pete Hossell eilte ihm zur Hilfe und besudelte sich die Hände und das Mikro mit Blut. Das wirkte alles schon ziemlich bedrohlich. Nach dem Konzert ging ein besorgter John Peel in den Backstage-Bereich, um seine Hilfe anzubieten. Er war wohl ziemlich schockiert, als er Pete Hossell dabei beobachtete, wie er Chris’ blutende Lippen mit einer seiner dreckigen Socken (in Bier getränkt) abwusch und dabei noch eine tiefen Schluck nahm, als sei nichts gewesen.

Chris war ein erstaunlicher Typ. Er spielte mitreißende Soli auf seiner Blues-Harp und spuckte manchmal einen abgebrochenen Zahn aus, während ihm das Blut in kleinen Rinnsalen das Kinn hinablief. Damit schickte er das Publikum natürlich auf einen Horrortrip. Gelegentlich meinten die Leute, dass er auf der Bühne bei einem seiner emotionalen Ausbrüche verblute. Manchmal musste er auf der Bühne wiederbelebt werden, und einmal rief der Veranstalter bei einem Konzert sogar den Krankenwagen, im festen Glauben, dass der Harp-Mann nun wirklich zu viel Blut verloren habe. (Natürlich war das alles ein Show-Act, denn Chris zerbiss Filmblutkapseln und spuckte künstliche Zähne aus, doch Screw überzeugte das Publikum. Kaum jemand kannte die ganze Wahrheit!)

Nick Mason half bei der Produktion einiger Srew-Songs, die am 13. Mai 1969 in den Lansdowne Studios in London aufgenommen wurden. Die Bänder verstaubten dann 30 Jahre lang in einem Lager für Audiobedarf. Ich kann mich nicht erinnern, wie ich Nick zu dem ungewöhnlichen Projekt überredete, und nur die Götter wissen, warum Ron Geesin die Bänder überspielte und masterte. Doch Ron hatte stets eine Schwäche für das Ungewöhnliche und Schockierende. Er war der einzige Mann in der ganzen Stadt, der die Dagenham Girl Pipers mochte, weibliche Dudelsack-Spieler, die damals in London lebten.

Aus heutiger Sicht engagierte sich Nick wahrscheinlich für Screw, weil sie ihm eine Pause von der Komplexität und dem cleveren Ansatz seiner eigenen Band ermöglichten. Die offensive und direkte Herangehensweise von Screw stellte für ihn ein heilsames Gegengift zu einem Roger Waters dar, der ihn ständig belehrte, was er denn nun spielen solle. Ich versuchte alles, damit die Screw beim Free Concert der Rolling Stones im Hyde Park auftreten konnten (mehr zu dem Thema später). Bei dem Konzert spielten sie vor 500.000 Zuschauern. Ich erinnern mich noch gerne an den Jazz/Blues-Musiker Alexis Korner, der sich die Show vom Bühnenrand aus ansah und ungläubig den Kopf schüttelte. Kurz darauf flog ich in die USA, und Screw mussten sich andere Vertreter suchen.

Die Band war ihrer Zeit weit voraus, doch leider wurde nichts aus dem Projekt, das unter einem schlechten Stern stand. Ihr Co-Manager knallte völlig durch und gründete in Schottland eine Kommune, deren einziges Mitglied er schwängerte. Der Leadgitarrist Al Kinnear verstarb sehr früh, und der Drummer Nick Brotherwood verdiente sich seine Brötchen als Pfarrer! Pete Hossell ließ sich in São Paulo nieder, und Stan Scrivener, der Bassist, scheint wie vom Erdboden verschluckt zu sein. Die 1969 aufgenommene Platte wurde schließlich 2006 in einer auf 500 Exemplare limitierten Edition auf dem Spezialisten-Label Shagrat veröffentlicht. Die Musik klang immer noch so durchgeknallt wie damals. Ich kann mich gut an alle Songs erinnern.

UFO war ein weiterer Londoner Club, der eine wichtige Rolle in der aufblühenden Musikkultur spielen sollte. Er öffnete kurz vor Weihnachten 1966 und lässt sich als finstere Höhle beschreiben, die unter einem Kino in der Tottenham Court Road lag. Unter anderem traten dort Pink Floyd und Soft Machine auf. Ich warf mich in mein psychedelisches Outfit und besuchte den Laden, wo ich Leuten begegnete, die aus allen Winkeln Großbritanniens kamen. Ein Kerl aus Deutschland etablierte sich als Haus-Dealer. Manchmal zog ich mir einige Joints durch oder warf einen Trip und schaute mir die Schwarzweißfilme an, die man während der ganzen Nacht auf eine Wand projizierte. Auf einem Trip zu sein und um sieben Uhr morgens die Stufen zur Tottenham Court Road hochzustolpern war schon ziemlich schräg. Ich flüchtete so schnell wie möglich vor der ganzen UFO-Szene, spazierte meilenweit durch die ausgestorbenen Straßen und beobachtete, wie die ganze Stadt langsam zum Leben erwachte.

Als die neuen Clubs eröffneten, nahmen enthusiastische Manager den Platz der alten Typen ein, die das Business schon viel zu lange schleifen ließen. Peter Jenner und Andrew King standen an vorderster Front der „jungen Wilden“ und gründeten gemeinsam Blackhill Enterprises. Durch einen Umweg gelangte ich zu den beiden.

Traditionell verbringt die Bevölkerung Großbritanniens die Wochenenden mit einem Ausflug aufs Land, dem Besuch eine Gartenparty oder von Freunden. Ich hatte eine Einladung zu einer großen Party auf einem riesigen Anwesen in Surrey erhalten. Das Gebäude gehörte Nick Masons’ Schwiegervater, einem bekannten und fortschrittlichen Architekten.

Wir kamen südlich von Guildford an und sahen 40 bis 50 Leute, kunterbunt in allen Farben des Regenbogens gekleidet, die LSD-Trip eingeworfen hatten und weit über dem Boden der „herkömmlichen“ Realität schwebten. Sie schlenderten durch die gepflegten Gärten und machten es sich auf dem makellosen Rasen bequem, der hinter einem unfassbar großen Gebäude lag. Doch irgendwie lief alles so schrecklich britisch-zivilisiert ab. Ich begegnete dem Hausbesitzer, der einen grauweißen Bart trug und sich sehr großzügig zeigte. Er fand die Freunde seiner Tochter bemerkenswert und hochinteressant. Allerdings bin ich mir nicht sicher, was er von mir hielt, denn ich trug die wildesten Klamotten, die ich damals besaß. Mit einer Freundin produzierte ich Kleidung für einige der neuen, ausgeflippten Boutiquen Londons. Wir kauften die Stoffe bei Liberty’s, einem großen Geschäft, das aufsehenerregende Designs anbot, die an die von William Morris im 19. Jahrhundert kreierten Wandbehänge und -teppiche erinnerten. Eigentlich waren die Stoffe für Gardinen gedacht oder für Schonbezüge, aber wir fertigen daraus Schlaghosen und Jacketts für die Shops in Kensington. Ich schneiderte mir einen Anzug mit aufgedruckten knallig bunten Rhododendrenblüten. Mich erstaunt es noch immer, wie viel Mut ich gehabt haben muss, in so einem Dress in der Öffentlichkeit zu erscheinen. Zwar verkauften wir nicht viel, doch es machte eine Menge Spaß.

An diesem netten Sommernachmittag, tief im Herzen der ländlichen Idylle Großbritanniens, unterhielt ich mich mit Nick Mason und Rick Wright über Musik, das Leben und das Universum und sonstige Belanglosigkeiten. Nach kurzer Zeit kam das Thema Blackhill auf. Die beiden erzählten mir, hier sei eine neue Firma mit einem vollkommen anderen Ansatz des Managements in der Musikindustrie am Start.

Sie meinten, die alten Strukturen müssten eingerissen und alles neu aufgebaut werden. Das bezog sich auf das Management der Musiker und die Organisation des Profilebens. Die Bands durften sich nicht mit alternden, fettleibigen, an der Zigarre nuckelnden Kerlen des Establishments einlassen, die ihnen Vorschriften machten. Die Musiker wollten unter allen Umständen mit Leuten zusammenarbeiten, die ihre Sprache verstanden. Sie wollten von Typen repräsentiert werden, die kifften, die etwas von alternativen Bewusstseinszuständen verstanden und die bereit waren, sich auf einer neuen Ebene zu verwirklichen. Darüber hinaus war es für viele Musiker am wichtigsten, dass sich angesagte Leute um ihre Angelegenheiten kümmern. Blackhill vertraten Floyd und den späteren Glam-Rock-Star Marc Bolan, der seine Karriere mit dem Duo Tyrannosaurus Rex begann, und befanden sich im Epizentrum einer sich rasant entwickelnden Londoner Musikszene. Ich war wie versessen darauf, mit ihnen zu arbeiten, und Nick Mason versprach mir, sich für mich einzusetzen.

Peter und Andrew führten die Firma völlig unverkrampft und freigeistig. In einem zur Straße hin gelegenen Büro, abseits der Westbourne Grove, beschäftigten sie begeisterte und idealistische Leute, die Tourneen organisierten, Plakate druckten und allgemein die Kleinigkeiten erledigten, die für den reibungslosen Ablauf einer Konzertreise notwendig sind. Es war die sicherlich schönste Zeit, um im Musikgeschäft zu arbeiten. London schien vor kreativer Energie aus allen Nähten zu platzen. Ich begann dort 1967 als Mädchen für alles und versuchte mich als Bühnenmanager oder Roadie.

Ich hielt Andrew King für einen offenen und zugänglichen Mann und überreichte ihm im jugendlichen Leichtsinn ein Buch meiner auf der Schreibmaschine geschriebenen Gedichte (ich besaß nur ein Exemplar). Vielleicht taugten sie was für Texte? Andrew versprach, sie zu seinem Cottage in Wales mitzunehmen, wo er sie in Ruhe lesen könne. Als er sich zu einem Wochenende auf dem Lande aufmachte, ließ er das Buch gedankenverloren auf dem Dach seines Wagens liegen; es entschwebte dann irgendwo zwischen London und den Grafschaften in Vergessenheit und tauchte nie mehr auf. Wie damals üblich, dachte er nach einer kurzen Entschuldigung nicht mehr darüber nach, und mir fiel es erst jetzt, bei der Niederschrift dieses Buches wieder ein.

Ich beobachtete mit großem Interesse, wie Peter und Andrew der schwierige Balanceakt zwischen dem „Wertesystem des Underground“ und den kommerziellen Notwendigkeiten gelang. Peter hatte die London School of Economics besucht, und Andrew war als Manager für British Airways tätig gewesen. Ich hatte immer den Eindruck, dass die beiden für eine Art des „erleuchteten ökonomischen Despotismus“ standen, vergleichbar mit dem heutigen China, das den Kapitalismus mit einem sozialistischen Deckmäntelchen vertritt.

Die beiden propagierten ihren ökonomischen Ansatz mit einem charmanten Lächeln, guter Laune und einer Portion Schlitzohrigkeit und wurden von allen geschätzt. Sie waren clevere Typen, für die nichts unmöglich zu sein schien. Das stellte besonders in Großbritannien eine Ausnahme dar, weil sich die meisten Briten für nichts begeistern konnten.

Die eingeübte Zurückhaltung und eine gewisse Kühle kennzeichneten das soziale Leben des Landes. Das Selbstbewusstsein und die Begeisterungsfähigkeit von Peter und Andrew sorgten für einen frischen Wind, der uns mitriss. Es mutet merkwürdig an, wenn die Begeisterungsfähigkeit an sich als eine revolutionäre Einstellung erlebt wird, doch in den Sechzigern war das eindeutig der Fall. Die Briten hatten sich zuletzt im Zweiten Weltkrieg emotional engagiert, als sie sich schworen, den Faschismus zu zerschlagen.

Oft wird vergessen, dass fast nur junge Menschen in den Kampf ziehen mussten. Die Gruppe derer, die im Krieg zwischen 18 und 25 gewesen waren, trug die Traumata des Gefechts und der hohen Verluste mit sich, fühlte sich ausgelaugt und wie am Boden zerstört. Seit 1946 hatte in Großbritannien trotz aller guten Absichten und Vorsätze eine Art Dauerschlaf geherrscht. Nun wollte eine neue Generation das Land aus seiner Lethargie befreien und den Menschen (wenigstens ein bisschen) mehr Leben einhauchen. Glücklicherweise erreichte uns in den Fünfzigern der Rock’n’Roll und rettete uns aus einer Schockstarre der ewigen Langeweile.

Die Musikszene im London der Sechziger lässt sich sarkastisch als „leicht inzestuös“ beschreiben. Es war einfach, schnell ein Netzwerk von Kontakten und Freundschaften aufzubauen, da wir alle dieselben Pubs und Clubs besuchten und in denselben Stadtbezirken abhingen – und natürlich warfen wir die gleichen Drogen ein. Eines Tages traf ich Alexis Korner in der Portobello Road. Er lud mich spontan in seine Wohnung in Queensway ein. Korner lachte, als ich ihm erzählte, dass ich ihn als Banjo-Spieler mit Ken Colyer einige Jahre zuvor in Croydon gesehen hatte.

Er war die personifizierte Großzügigkeit, und ich fand es sehr aufregend, dass er überhaupt mit mir redete. In seiner kleinen Bude quatschten wir über den Blues. Ich war vollkommen verblüfft, als er mir davon berichtete, dass Big Bill Broonzy, Brownie McGhee und viele andere Blues-Größen genau auf dem Sofa gesessen hatten, auf dem ich es mir gerade gemütlich machte. Während ihrer Großbritannien-Konzerte übernachteten sie oft bei Alexis und seiner Frau Bobby. Ich empfand es als eine große Ehre, mich dort aufhalten zu dürfen. Alexis lachte, als ich ihm erzählte, dass Musiker mich zum Kiffen gebracht hatten. Seiner humorvollen Einschätzung nach war ich ein glücklicher Junge, weil mich die Musiker im Dope-Konsum und im Blues unterrichteten. Ich konnte da nur zustimmen.

Alexis war damals eine Art Übervater der Londoner Blues-Szene. Ein kleiner griechischer Mann mit einem ansteckenden Lächeln und dem Kopf voller Ideen beeinflusste die Entwicklung einer ganzen Szene und machte oft Vorschläge, wer denn mit wem spielen sollte. Man kann ihm und seiner großartigen und überaus einflussreichen Band Blues Incorporated den Aufbruch der Rhythm’n’Blues-Szene Großbritanniens zuschreiben. Cyril Davies, sein Mundharmonika-Mann, war ein Top-Musiker, verehrt von allen Zuschauern.

Es gab keinen Musiker in London, der Alexis Korner nicht kannte. Na ja, mal abgesehen von einigen Leuten, die bei der Heilsarmee spielten. Vor Gründung der Rolling Stones hatte Mick Jagger in einer seiner Bands gesungen, und Charlie Watts stieg zeitweise bei ihm als Drummer ein. Brian Jones, der Mitbegründer der Stones, pflegte eine enge Freundschaft mit Alexis. Gitarrengrößen wie Eric Clapton, Jeff Beck, Jimmy Page und natürlich Robert Plant, der zukünftige Sänger von Led Zeppelin, Davey Graham, der Blueser Long John Baldry, die Yardbirds und der Band-Leader John Mayall – Alexis kannte sie alle, und sie kannten ihn. In verschiedensten Besetzungen hatten sie schon mit ihm gespielt oder bei Jam-Sessions mitgemacht, die er organisiert hatte. Alexis wurde niemals die Aufmerksamkeit zuteil, die ihm gebührte.

In seiner Bude hatte ich das Gefühl, eine Verbindung mit dem großartigen britischen Blues-Revival einzugehen, einer musikalischen Bewegung, die sich von der traditionellen Jazz-Szene über den Rhythm’n’Blues entwickelt hatte und großartige Bands hervorbrachte. Wir redeten den ganzen Nachmittag, zogen einige Joints durch und tranken literweise Tee. Ich überredete Alexis zu einem Auftritt in der All Saints Hall.

Durch ihn erkannte ich, dass ich im Musikbusiness als Tourmanager arbeiten sollte. Zum Durchstarten bot er mir einen Job an. Ein kleines Festival in den Niederlanden war geplant, gefolgt von einigen Auftritten in Deutschland. Er fragte mich, ob ich Lust und Zeit hätte. Es sollte in Hoek van Holland beginnen. Von dort aus würde uns eine Fähre nach Belgien befördern, wonach die Shows in Deutschland anstünden. Alexis wollte mir die Kosten erstatten und mich einarbeiten. Natürlich ließ ich mir diese Gelegenheit nicht entgehen.

Wir waren ungefähr sieben Tage unterwegs und hatten viel Spaß. Noch im Dunkeln brachen wir von London auf und verließen Großbritannien an einem kalten und trübseligen Morgen mit der Fähre. Ich stand am Heck, blinzelte in den Nieselregen und freute mich wie wild auf das wunderbare Abenteuer, das vor mir lag: Großbritannien zu verlassen, um die Musik in andere Länder zu bringen, nicht zu wissen, was als Nächstes geschieht – ja, auf Tour zu gehen! Ich war viel zu aufgeregt, um müde zu sein, wohingegen Alexis, seit Jahren ein Vollprofi, sich auf einen Stuhl hockte und schon schlief, noch bevor die Fähre den Hafen verlassen hatte.

In Bezug auf die Finanzen war Alexis ein gewiefter Geschäftsmann. Er erklärte mir mit großer Geduld die Komplikationen, die mit Geld einhergingen, ohne mir einen Penny abzugeben! Mit großer Vorfreude meinte er, wir könnten bei den jeweiligen Gigs essen, da der Veranstalter uns auf seine Kosten bewirten werde – und somit wären wieder einige Pfund gespart. Auf einer deutschen Autobahn mit leerem Magen zu fahren – mit der Aussicht auf Bratwurst, Bockwurst oder Wurst in einer anderen Form – ist allerdings nur den Helden und Tollkühnen zu empfehlen. Ich bin versucht, das als die schlimmste Erfahrung zu beschreiben, die man machen kann. Doch das ginge ein wenig zu weit. Ich habe überlebt und eine wertvolle Lektion gelernt: Verlass dich nie auf eine Beköstigung durch Konzertveranstalter.

Von Alexis erfuhr ich erstmalig etwas über die Rolle eines Werbesprechers. Er hatte eine warme und honigsüße Stimme, selbstbewusst und auf eine bestimmte Art überzeugend, eine Stimme, die jede Hausfrau dahinschmelzen ließ. Und so hörte man Alexis in zahlreichen TV-Werbespots. Als er uns bei einigen Joints erzählte, dass er hinter den Dasch-Spots steckte und die Worte „Dasch wäscht so weiß, weißer geht’s nicht“ wiederholte, kicherten wir wie Kinder, während der Transporter die Kilometer auf der Autobahn fraß. Ich war noch nie einem leibhaftigen Fernsehsprecher begegnet. Noch beeindruckender empfand ich Alexis’ Wissensschatz in Bezug auf Bruttoeinnahmen, Nettoeinkünfte, Tantiemen und den ganzen Geldfluss. Er war ein echt schlaues Bürschchen. Ich saß zwar nicht zu seinen Füßen, aber zumindest neben ihm!

Alexis besaß zwei Gitarren und einen Verstärker, die ich für ihn herumschleppte und auf der Bühne aufbaute. Wenn er schlief, übernahm ich das Lenkrad. Von ihm lernte ich, dass es klug war, immer und überall zu schlafen, wenn sich die Gelegenheit bot, denn während einer Tour kann man nie sagen, wann eine angemessene Ruhepause möglich ist. In den Niederlanden spielten wir auf einem kleinen Open-Air-Festival, wo der Regen kontinuierlich durch die über der Bühne angebrachte Plane tröpfelte. Doch alles lief mit holländischer Gründlichkeit ab, und die Bands erhielten sogar ihre Gage, was in jenen Tagen oft Glücksache war. Weil damals viele Gruppen leer ausgingen, entwickelte sich die Praxis, das Geld vor dem Konzert einzutreiben.

Zwei der Auftritte in Deutschland fanden in kleinen Clubs statt, die vor Blues-Fans aus ihren Nähten platzten. Diese Jungs kifften wie wild und tranken eimerweise Bier. Allerdings gab es wenig Geld, und zum Ausgleich spielten wir in einem amerikanischen Militärclub in der Frankfurter Kaserne. Mich beeindruckte der technisch bestens ausgestattete Veranstaltungssaal, in dem sicherlich 1.000 Zuschauer Platz fanden. Endlich stand Alexis auf einer großen Bühne mit einer guten Lichtanlage und spielte vor vollem Haus. Allerdings standen im Publikum überwiegend Afroamerikaner. Man bekam schnell das Gefühl, mitten in Deutschland in „Little America“ aufzutreten. Wir wurden in Dollar bezahlt, und so besorgten wir uns in dem auf der Basis gelegenen Shop für die Armeeangehörigen Kippen und Alk. Ich brachte als Trophäen eine Flasche Wild Turkey und eine Stange Camel mit nach Hause.

Als der ganze Tross nach Hause zurückgekehrt war, wurde mir klar, mit welchem Job ich mein Leben verbringen wollte. Vielen Dank an den Griechen, der den Blues spielte.

5. Free Music – aber bitte britisch!

Blackhill präsentierten die Floyd, doch es zeigten sich Risse im Gefüge des Psychedelic-Acts. Die Band musste sich zögerlich von Syd Barrett verabschieden und ihn durch David Gilmour ersetzen. Andrew und Peter hatten Syd mit ihrer Manager-Energie „aufgeladen“ und ihm das Gefühl gegeben, er sei das Genie von Pink Floyd. Sie glaubten wahrscheinlich, dass die Gruppe ohne ihren charismatischsten Musiker kaum mehr eine Erfolgschance habe.

Syd wurde zu einem Fall für den Psychiater, was viele Menschen heute noch zutiefst bedauern, und der Rest, ist wie man so schön sagt, Geschichte.

Blackhill vertraten auch Marc „T. Rex“ Bolan bis zu seinem viel zu frühen Tod. Mit einigen ihrer Künstler hatten sie jedoch Pech. Bands zu managen erschien mir oft wie ein Glücksspiel, ein Geschäft, bei dem man den Ausgang nie hundertprozentig voraussagen und kontrollieren konnte. Einige Jahre später stellte sich meine Beobachtung als wahr heraus – was mich verdammt viel Geld und Nerven kostete.

Doch damals waren wir noch idealistisch, optimistisch und begeisterungsfähig. Was kümmerte uns schon die nächste Woche, ganz zu schweigen vom nächsten Jahr? Das Leben fand jetzt statt, und nur das zählte.

Blackhill hatten einen geschickten Vertrag ausgehandelt, um in Londoner Parks Festivals zu veranstalten. Mir überließen sie den Job des Produktionsleiters vor Ort, der sich um die ganze Drecksarbeit kümmern musste, da die Typen im Büro ja viel zu beschäftigt waren. Queen ­Elizabeth II (Gott segne sie!) war praktisch die Eigentümerin aller Parks in der Stadt. Eine Regierungsstelle verwaltete die grünen Lungen im Londoner Mief. Ich kümmerte mich um die banalen Dinge, wie den Bühnenaufbau, die Abfallentsorgung, die Zufahrtswege für Transporter und Tausende anderer langweiliger, aber dennoch wichtiger Einzelheiten.

Ohne großartige Erfahrungen gemacht zu haben, gelangen uns wunderschöne Veranstaltungen. Die britische Art, sich Problemen mit der Würde eines Gentlemans zu stellen (und eine gelegentliche Haschpfeife zur Nervenberuhigung durchzuziehen), reichte meist aus, um einen reibungslosen Ablauf zu garantieren. Das überraschte die Anzugträger der Verwaltungsstellen, während wir zufrieden – und stoned – lächelten.

Es begann alles mit einer Show, „The Midsummer High Weekend“ betitelt, bei der Roy Harper, Jethro Tull und Tyrannosaurus Rex mit Pink Floyd als Headliner auftraten. Die Parkverwaltung (Royal Parks Commission) erteilte uns mutig die Genehmigung für das Festival. Erstmalig war es gelungen, dass jemand aus dem „Underground“ auf offizieller Ebene mit Regierungsvertretern zusammenarbeitete.

Diese Show brachte Blackhill Anerkennung von allen Seiten ein. Gleichzeitig stellte es die ideale Promotion-Plattform für die eigenen Künstler dar. Bemerkenswert ist die Tatsache (und gleichzeitig ist es ein interessanter Zufall), dass Pink Floyd bei der 68er Hyde-Park-Show David Gilmour als Nachfolger von Syd Barrett präsentierten, wohingegen die Stones am selben Ort, ein Jahr darauf, den Ersatz für Brian Jones vorstellten.

Doch nicht alle Blackhill-Shows wurden zu einem gigantischen Erfolg. Ein Konzert mit Fleetwood Mac in den Parliament Hills entwickelte sich zu unserem größten Fehlschlag. Viele erinnern sich noch an den Auftritt – nicht wegen der Musik, sondern wegen Tausender Biergläser, die auf die Bühne herabregneten. Fleetwood Mac – damals noch eine stilechte Blues-Band – waren spielbereit, als ich zum Mikro ging, um sie anzusagen. Nach den letzten Worten prasselten Biergläser auf uns ein, geworfen von Mods, die sich unter die Menge gemischt hatten. Was folgte, war ein schneller Rückzug zur einzigen Ausgangstür der Bühne, die sich hinter Mick Fleetwoods Schlagzeug befand. Er fand es nicht sonderlich amüsant, dass alle über sein Drum-Set kletterten, aber es gab nun mal keinen anderen Weg. Ein Wunder, dass niemand verletzt wurde!

Nachdem man die Glassplitter von der Bühne gefegt hatte, näherte ich mich vorsichtig dem Mikro, wobei ich ein wachsames Auge auf die Menge hatte. Ich versuchte an ihren angeborenen britischen Sinn für Fair Play und Ruhe zu appellieren. Ich rief die Menge auf, die aus Rockern der alten Schule, Mods und Kiffern bestand, einander lieber in die Arme zu nehmen und fest zu drücken, anstatt mit Gläsern zu werfen. Diese aus heutiger Sicht absurde und naive Bitte wirkte wahre Wunder, und so spielte eine verängstigte und nicht sonderlich glücklich wirkende Band ein kurzes Set – und überlebte! „Liefer den Scheiß ab, und dann nichts wie weg!“ Kurz darauf zog der in Großbritannien geborene Mick Fleetwood nach Los Angeles, wo er vermutlich mit einer eher zivilisierten Reaktion auf seine Musik rechnen konnte.

Die anderen Festivals liefen stressfreier ab. Wir hörten von einer neuen Supergroup, die sich gegründet hatte und schon einiges an Vorschusslorbeeren erhielt. Die Gitarrenlegende Eric Clapton und der Drummer Ginger Baker (beide von Cream), Sänger und Organist Steve Winwood (vorher bei Traffic und der Spencer Davis Group) und der Bassist Ric Grech von Family hatten Blind Faith ins Leben gerufen. Als Manager fungierte der einflussreiche und mächtige Robert Stigwood, der schon Clapton und Baker bei Cream betreute. Peter und Andrew gelang es, Stigwood zu überzeugen, dass der beste Start für Blind Faith ein Free Concert im Hyde Park war.

Mr Stigwood hatte jedoch eine merkwürdige Einstellung zu dem Wort „Free“ [u.a. „kostenlos“], denn sein Büro rückte nur zögerlich die Gelder raus. Mir wurde ein Budget zugeteilt, mit dem man höchstens die Mahlzeiten für einige Obdachlose bezahlen konnte, von einer Riesenshow ganz zu schweigen. Doch die Idee, die Ersten zu sein, die Blind Faith präsentieren, begeisterte uns so sehr, dass wir tapfer weitermachten.

Irgendwie gelang es uns, eine kleine Bühne zu zimmern, ungefähr einen Meter hoch. Mit Erleichterung hörte ich am Morgen des Konzerts den Wetterbericht, die einen sonnigen und warmem Tag versprach. Denn wir hatten nicht genügend Geld zur Verfügung gehabt, um die Bühne wenigstens mit einer Plane zu schützen. Bis auf das fehlende Schlagzeug lief alles wie am Schnürchen. Das wurde in letzter Minute auf eine eher ungewöhnliche Art angeliefert.

Ein LKW fuhr bis an den Bühnenrand, und vier fette, kräftige Roadies luden das Drum-Set ab. Es war schon komplett aufgebaut und auf einer dicken Sperrholzplatte festgenagelt worden! Die Roadies zerrten dieses Monstrum aus dem LKW und wuchteten es mit der Kraft von vier Supermännern auf die Bühne. Ginger musste sich nur noch hinsetzen und spielen. Eigentlich hätten sie ihn auch mittransportieren können! Bei Ginger Baker, einem wilden Typen mit einer knallroten Mähne, war einfach alles denkbar.

An diesem glorreichen Sonnentag tauchten viele Größen aus der Musikszene auf, die sich hinter der Bühne sonnten – und Mick Jagger schlenderte mit Marianne Faithfull über das satte Grün des Rasens.

Die Stones hatten schon seit fast drei Jahren keine groß aufgemachten Shows mehr gespielt und spürten, dass sie Gefahr liefen, bald von der Bildfläche zu verschwinden. Bei dem Blind-Faith-Konzert konnte Mick aus nächster Nähe erleben, dass der Weg für seine Band auch in einem kostenlosen Gig bestand, denn so konnten sich die Stones vor vielen Zuschauern neu etablieren. Damals war „Free“ ein wunderbares Statement, denn die Musik stand vor dem finanziellen Imperativ. Dadurch wurde der zunehmenden Kommerzialisierung der Musikszene widersprochen. Wir führten eine lange und ernste Unterhaltung über die logistischen Hürden, die man bei einem solchen Konzert nehmen muss. Mick hasste die Bühne, die wir so schnell zusammengezimmert hatten, und ich pflichtete ihm bei. Wir einigten uns darauf, dass eine feste Plane absolut notwendig war, denn in Großbritannien ist man vor Regen nie geschützt – auch nicht an einem scheinbar heiteren Sommertag. Mir blieb nichts anderes übrig, als Mick und Marianne wiederholt zu erklären, dass ein Free Concert Kosten verursacht, weil Produktionskosten anfallen. Mick nickte mit bedächtiger Miene. Ich sagte ihm, dass er mich jederzeit über meinen Freund Alexis oder Blackhill erreichen könne. Dann machte er sich auf den Weg, in ein Gespräch mit Marianne vertieft. Als kleinen Wink für Mick spielten Blind Faith an dem Tag die Stones-Nummer „Under My Thumb“.

In vielerlei Hinsicht war die Show ein Durchbruch. Ein Free Concert dieser Größenordnung hatte niemals zuvor stattgefunden. Die Band wollte sich nicht ansagen lassen, da es rein um die Musik ging und nicht um dümmliche Ego-Trips. Die Leute saßen im Gras, kifften und ließen es sich gut gehen. Niemand wurde verhaftet, denn die Polizei entschied sich klugerweise, den Drogenkonsum zu ignorieren. 150.000 Menschen genossen einen wunderbaren Tag, und das Konzert wurde von allen als ein Riesenerfolg gefeiert.

Doch leider war die Musik nicht sonderlich gut. Die Band hatte hörbar zu wenig geprobt, und Clapton sah bleich aus, wirkte zurückhaltend und schien sich mit Drogenproblemen abzuplagen. Winwood sang den Großteil der Stücke mit seiner überaus kräftigen Stimme, sah aber so spindeldürr aus, dass ich ihm am liebsten ein ordentliches Essen zubereitet hätte. Ric Grech, der Bassist, saß im falschen Zug, und Ginger Baker spiele ein 15-minütiges Schlagzeugsolo, ganz nach seinen Wünschen. Die Band wirkte wie Cream, Teil 2, was Clapton eigentlich unter allen Umständen vermeiden wollte.

Auf das Debüt folgte eine US-Tour, und danach löste sich die Band einfach auf. Es überraschte mich nicht. Blind Faith stellten das perfekte Beispiel für die Devise „Schnapp dir die Kohle und hau ab“ dar, bedenkt man den Riesenerfolg ihres einzigen Albums. Schade und traurig. Sie verfügten über ein großes Potenzial, aber man hätte ihnen noch mehr Zeit geben müssen, um interessantere Songs zu komponieren.

Am Tag nach dem Konzert schrieb der Daily Mirror, eine der größten Tageszeitungen Großbritanniens, in einem Leitartikel: „In wenigen Ländern gelingt es über 100.000 Jugendlichen, so friedvoll zusammenzukommen und der Polizei keine Schwierigkeiten zu bereiten. [Es war] eine der bedeutendsten und liebenswürdigsten Versammlungen junger Menschen, die das Land jemals gesehen hat.“ Natürlich bedankten sich weder das Management oder die Musiker, doch das war uns egal. Wir hatten etwas bewiesen. Free Concerts in Londoner Parks konnten problemlos stattfinden, denn das Publikum interessierte sich für die Musik und wusste, wie man sich benimmt. Einfach, nicht wahr?

6. Organisationskünstler

Zwei Tage nach der Blind-Faith-Show fuhren Mick, Keith und Charlie Watts zur Cotchford Farm, wo Brian Jones lebte, und erklärten ihm, er sei gefeuert. Mick Taylor, sein Nachfolger, hatte Peter Green bei John Mayalls Band abgelöst und wurde in Londons Musikerkreisen als ausgezeichneter Blues-Musiker gefeiert. Er war jung und unverbraucht und zählte zu den besten Gitarristen des Landes, vergleichbar mit Brian Jones zu seinen Glanzzeiten. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger musste er sich nicht mit Drogenproblemen herumschlagen und konnte somit problemlos ein Arbeitsvisum in den USA beantragen, was Brian verwehrt worden war.

Als die Rolling Stones Blackhill verrieten, dass sie im Hyde Park spielen wollten, um Mick Taylor vorzustellen, stürzte ich mich mit manischer Energie auf das Projekt und erarbeitete einen grob umrissenen Plan, in dem ich die Grundkomponenten der Show festlegte: exakter Aufrittsort im Park, die Bühne und die Beschallungsanlage [kurz PA]. Vorsichtig einigten wir uns auf die Notwendigkeit eines Budgets. Die Stones schlossen einen Vertrag mit Granada Televison, die eine Dokumentation der Performance aufzeichnen sollten und im Gegenzug die Produktionskosten übernahmen.

Die Idee, das Konzert durch den Verkauf der Filmrechte zu finanzieren, stammte von Mick. Niemand hatte das zuvor versucht, besonders nicht bei einem Live-Event. Die Rolling Stones waren damals so populär, dass sich einer der größten Fernsehsender bereit erklärte, die Kosten zu begleichen. Natürlich hofften sie, das Investment werde sich durch die Fernsehübertragung des Films und die Filmrechte amortisieren. Bei der Stones-Tour im folgenden Jahr in den USA zog Mick erneut diesen Coup ab, wenn auch in abgeänderter Form.

Der Hyde Park liegt im Zentrum Londons, vergleichbar mit dem New Yorker Central Park. Wir entschieden uns, die Bühne neben der Serpentine aufzubauen, einem kleinen Fluss mitten im Park. Vom Backstage-Bereich aus konnte man einen Blick über das Wasser werfen; vor der Bühne bildete der Boden eine lange Mulde, so dass jeder optimale Sicht hatte.

Ich entwarf eine Bühne, die nach heutigen Ansprüchen primitiv, aber funktional war, damals jedoch zu einer der größten Bühnen für ein Open-Air-Konzert zählte. Sie ragte fast zwei Meter in die Höhe und war mit einer festen Plane überzogen – die Zuschauer konnten alles verfolgen, doch nicht hochklettern, um an die Band heranzugelangen. Man hätte eigentlich auf eine Security verzichten können.

WEM war zu der Zeit der größte Verleih für Beschallungsanlagen in Großbritannien und wurde von einem umgänglichen Gentleman namens Charlie Watkins betrieben. Er war deutlich älter als die meisten Leute, die für die Organisation des Konzerts arbeiteten, stand aber auf die Stones. Für ihn stellte es eine große Herausforderung dar, die Hunderttausende von Fans, die man im Park erwartete, professionell zu beschallen. Eine weitere Schwierigkeit bestand im Mitschnitt des Soundtracks des Films. Letztendlich sang Mick in zwei Mikros, die man nur mit Klebeband aneinander befestigte. Schräg, aber es funktionierte.

Bisher hatte es noch kein Konzert mit solch einem Schallvolumen gegeben. Um die Vielzahl von Lautsprecherboxen unterzubringen, stellten wir Gerüste auf. Ich berechnete mit Charlie Watkins die Belastung der Bühne, damit die Tagfähigkeit gewährleistet war.

Kurz darauf rief mich mein enger Freund Chesley Millikin an, der ehemalige Geschäftsführer von Epic Records Europa. Er lud mich ein, ihn nach Heathrow zu begleiten, wo er einen amerikanischen Bekannten abholen und mir vorstellen wollte. Obwohl ich bis zum Hals in der Arbeit steckte, ließ Chesley ein Nein nicht als Antwort gelten. Er holte mich in seinem tollen alten Bentley ab; wir tuckerten stilvoll zum Flughafen und pafften dabei einen dicken Joint.

Auf der Fahrt unterhielten wir uns über Brian Jones, der einige Charakterzüge mit Syd Barrett teilte. Er konnte seine Gier nicht zügeln, hatte einfach zu wenig Selbstkontrolle. Nicht alle können mit Drogen klug umgehen und ihren Konsum steuern, und Brian gehörte eindeutig zu diesen Leuten. Er warf sich das Zeug mit einer unglaublichen Zügellosigkeit ein, und als sich seine Sucht steigerte, zerstörten die Drogen sein Talent und verwandelten ihn in einen heruntergekommenen und widerlichen Menschen.

Ich begegnete ihm nur ein einziges Mal. Er saß im Studio, wirkte wie ein katatonischer Patient in der Psychiatrie und wurde von den anderen bewusst ignoriert. Ständig belästigte ihn die Polizei, Razzien standen auf der Tagesordnung. Brian Jones zu sein – das machte bestimmt wenig Spaß.

Während wir uns dem Flughafen näherten, erzählte mir Chesley, dass wir eigentlich zur Feltham Police Station fuhren, was mich erstaunte. Doch ich dachte mir nicht viel dabei, und so setzen wir unsere – wie sich später zeigte – Rettungsmission fort. Es habe da so eine kleine Unannehmlichkeit gegeben, erzählte mir Chesley mit seinem niedlichen irischen Akzent. Der Zoll hatte seinen Freund mit 30 LSD-Trips erwischt, aber wen kümmerte das schon? Ich musste ständig an die anstehende Show im Park denken, war allerdings überrascht, dass die Polizei ihn überhaupt einreisen ließ.

Auf der Wache schnappten wir uns Chesleys Freund. Wie sich herausstellte, war dieser Typ Rock Scully, der Manager von Grateful Dead aus San Francisco. Das beeindrucke mich. Rock war ein gut aussehender Mann, von oben bis unten in Jeans gekleidet, und trug teuer wirkende Cowboystiefel. Als der diensthabende Beamte Rock seine Habseligkeiten zurückgab, las er eine lange Liste vor und sagte: „Eine Adlerfeder.“ Wow! Er überreichte Rock die geheiligte Feder, die an einer exquisit gestalteten indianischen Kette hing. Auf dem Rückweg nach London freundeten wir uns schnell an. Beim Abendessen erzählte Rock von den jüngsten Ereignissen in San Francisco und berichtete über die amerikanische Musikszene, was mich regelrecht verzauberte. Geschichten von „Acid Tests“ und den Grateful Dead, heißen kalifornischen Mädchen und anderen Attraktionen flossen in unser Gespräch ein. Als wir auf On the Road zu sprechen kamen, beschrieb Rock Neal Cassady und seine Beziehung zu den Dead und den Pranksters mit Worten, die in meinen Ohren wie magische Formeln klangen. Erneut wurde ich in der Absicht bestärkt, die USA zu erkunden. Rock wirkte wie der geborene Romantiker und lebte den kalifornischen Traum. Mühelos verfolgte ich seinen lebhaften Wortschwall.

Er schilderte die Free Concerts im Golden Gate Park, nahe dem Herzen der alternative Szene im Haight-Ashbury-Bezirk der Stadt. Viele kostenlose Konzerte hatten dort stattgefunden, doch es gab niemals Probleme.

Er war doch alles so einfach: Die Bands traten auf, und die Leute hatten ihren Spaß. Die Hells Angels hielten sich bei den Generatoren auf und wurden von den Leuten gemieden. Somit war eine reibungslose Stromzufuhr garantiert. Peace and Love! Falls es mal Probleme gab, waren es höchstens schlechte LSD-Trips. Diese Leute wurden von drogenerfahrenen Spezialisten behandelt, die sie sicher aus den Horrorvisionen herausführten.

Das klang unglaublich aufregend.

Rock streunte später durch London. Ich sah ihn nicht sehr oft, doch er traf sich mit Keith Richards, den er durch Chesley kennenlernte. Während des Meetings, in Keiths Haus in Cheyne Walk, kam zum ersten Mal die Idee eines Free Concert der Stones in Kalifornien auf den Tisch. Soweit ich es beurteilen konnte, schien das niemanden so richtig zu begeistern, doch die Idee sollte wieder aufgegriffen werden – und die Stones auf immer und ewig verfolgen.

Einige Tage später traf ich mich mit Chesley und Jo Bergman, die das Büro der Stones leitete. Chesley arbeitete damals als persönlicher Manager für Terry Reid, den viele trotz seiner jungen Jahre für einen der besten Sänger Großbritanniens hielten. Chesley diskutierte die Möglichkeit, Terry als Support bei der US-Tour der Stones auftreten zu lassen. Mick und seine Band wurden von der Plattenfirma massiv unter Druck gesetzt, endlich den großen Teich zu überqueren.

Ich mochte Jo Bergman. Sie sah bezaubernd aus und trug lange Röcke, die bis zu den Knöcheln reichten. Sie war klein, hatte ein süßes, markantes Gesicht und wuselige Haare, die in alle Himmelsrichtungen abstanden, vergleichbar mit einem abgefahrenen Afro. Die Frau war hochintelligent und hatte eine eiserne Disziplin. Wir mussten alle lachen, als ich Jo beiläufig fragte, ob sie Micks rechte Hand sei, was durch meinen Tonfall ein wenig anzüglich klang. „Na klar“, erwiderte sie, ohne mit der Wimper zu zucken. Ich erzählte ihr noch von meiner Freundschaft mit Alexis Korner, und der Abend nahm einen angenehmen Verlauf.

7. Die Stones im Park

Am 2. Juli, drei Tage vor dem Hyde-Park-Konzert, verstarb Brian Jones unter mysteriösen Umständen. Angeblich ertrank er in seinem Swimmingpool. Die Polizei vermasselte die Untersuchung im großen Stil, und der Ermittlungsleiter urteilte, dass ein Unfall die Todesursache gewesen war. Bei so einer Definition könnte man schlussfolgern, dass alle unnatürlichen Tode auf einem Unfall beruhen!

Viele älteren Menschen mochten Brian nicht, für sie war er ein drogenabhängiger Rockstar, der seinen Tod selbst zu verantworten hatte. Sie neideten ihm den Reichtum und den Lebensstil und fanden den ihrer Ansicht nach ungezügelten Hedonismus skandalös. Briten können in ihrer ruhigen und nichtssagenden Art oft grausam und brutal sein. Ich würde sie am liebsten als die Japaner Europas bezeichnen, doch das trifft nur in einigen Punkten zu.

Einen Tag nach Brians Tod fuhr eine gewisse Person zur Cotchford Farm und ließ alle Wertgegenstände mitgehen. Seit diesem Tag ist nichts davon wieder aufgetaucht. Wertvolle Gitarren, Kleidung, Möbel – alles wie vom Erdboden verschluckt. Während des schweren Diebstahls wurden alle finanziellen Unterlagen im Garten in einem großen Feuer verbrannt. Das geschah an einem Ort, an dem weniger als 24 Stunden vorher ein Mann unter höchst verdächtigen Umständen ums Leben gekommen war! Die Polizei hatte es wohl nicht für nötig gehalten, das Gebäude und den Garten abzusperren.

Die Person, die Brians Habseligkeiten mitgehen ließ, war ein enger Freund von Frank Thorogood, dem Bauarbeiter, den viele für Brians Mörder halten, da er sich zu der Zeit dort aufhielt. Thorogood soll kurz vor seinem Tod ein Geständnis abgelegt haben, doch nur in Anwesenheit eines einzigen Zeugen. Diejenigen, die den Zeugen kennen und über seine langjährige Beziehung zu den Stones Bescheid wissen, kann dieses Geständnis nicht überzeugen. Eindeutig lässt sich Folgendes belegen: Einige Personen, die sich in der Nacht von Brians Tod auf seinem Anwesen aufhielten, wurden in der Folgezeit bedroht und zum Verlassen des Landes gedrängt. Dadurch sollten intensivere Ermittlungen der Polizei oder des Gerichtsmediziners verhindert werden. Das kam erst Jahre nach Brians Tod ans Tageslicht.

Der die Untersuchungen leitende Beamte konnte nicht in Erfahrung bringen, wer sich in der schicksalsträchtigen Nacht bei Brian aufgehalten hatte. Vor Gericht wurden keine Ergebnisse von Blutuntersuchungen vorgelegt. Die mögliche Unfalltheorie basiert auf einem Asthma-Inhalator, den man bequemerweise genau neben dem Pool fand. Der Beamte beschrieb es als „wahrscheinlich denkbar“, dass Brian an einem Asthmaanfall gestorben war, während er im Pool schwamm. Niemand, der Brian kannte, und auch nicht die bei seinem Tod auf dem Gelände Anwesenden glaubten dem Urteil nur eine Sekunde lang. Ich bin fest davon überzeugt, dass er ermordet wurde.

Jo Bergman rief mich an und bat um ein Treffen, woraufhin ich zum ersten Mal das Stones-Büro in der Maddox Street besuchte. Es lag im obersten Stockwerk eines unscheinbaren Hauses. Ich empfand die Innenausstattung vergleichbar mit einem Farmhaus in den Cotswolds und wäre nie auf den Gedanken gekommen, dass es das Büro der größten Band dieses Planeten ist. Nirgendwo fand sich ein Hinweis auf die Rolling Stones – keine Bilder der Gruppe, keine Goldenen Schallplatten, einfach gar nichts. Die Möbel erinnerten mich an eine typische Mittelklassenwohnung in einem der Londoner Vororte.

Dann erschienen Mick und Les Perrin, der Pressesprecher der Band. Mick schien am Boden zerstört, rastete förmlich aus, da ihm die Tragik verdammt naheging, dass Brian so kurz nach seinem Rausschmiss gestorben war. Die Band hatte ein Meeting abgehalten und sich dazu entschlossen, die Hyde-Park-Show zu spielen, doch als eine Veranstaltung zum Gedenken ihres Kollegen.

Ich fragte ihn, wer sich um Brian gekümmert hatte. Jemand musste sich doch um so einen zerbrechlichen Menschen gesorgt haben! Mick strich Brians Aufpasser, der sich an jenem Tag nicht dort aufgehalten hatte, von der Lohnliste. Dieser Mann hatte zuvor für Keith gearbeitet, war jedoch wegen finanzieller Unregelmäßigkeiten gefeuert worden.

Mick erzählte mir dann von einer Australientour, auf der sich die Band am Bondi-Strand gesonnt hatte. Brian war so weit hinausgeschwommen, dass ihn niemand mehr sah. Alle kannten ihn als kräftigen und guten Schwimmer – undenkbar, dass er in einem kleinen Swimmingpool gestorben sein sollte. Mick verstummte in einer Art Schockstarre, bis wir endlich über die Einzelheiten der anstehenden Show diskutierten. Wir mussten uns jetzt auf die Zukunft konzentrieren.

Mick wollte Bilder von Brian auf der Bühne anbringen. Les Perrin sollte sie mir zukommen lassen. Wir sprachen darüber, weiße Tauben fliegen zu lassen, was wir schnell verwarfen, weil es zu kitschig wirkte. Dann kam Mick auf die Idee, Schmetterlinge freizulassen, was er zugleich als einen ironischen Verweis auf einen Leitartikel der Times verstand, der nach der Drogenrazzia bei Keith und Mick unter dem Titel „Who breaks a butterfly on a wheel“ erschien. Ich versprach ihm, irgendwo Schmetterlinge aufzutreiben, und das war’s erst mal.

Mick gab mir mit Nachdruck zu verstehen, dass er Mineralwasser in Flaschen wollte und dass wir auf einen Backstage-Bereich verzichten würden. Er bestand darauf, dass die Band kam, auf die Bühne ging, ihre Musik spielte und nach dem Konzert sofort wieder verschwand. Falls sie jemand von der Rock-Elite sehen wollte, musste er sich zum ganz normalen Publikum gesellen.

Als Nächstes folgte eine lange Diskussion, ob auch andere Bands an dem Event teilnehmen sollten. Ich wies Mick darauf hin, dass sich das Publikum schon zu Tagesanbruch im Park versammeln würde. Wir konnten die Leute nicht so einfach da sitzen lassen, wir standen unter Druck, sie gut zu unterhalten, bis die Stones auftreten würden. Mick stimmte zu, wollte aber keine anderen Gruppen, die den Stones stilistisch zu nahe kämen.

Die Entscheidung, wer denn nun auftrat, wurde letztendlich Blackhill überlassen. Mich interessierten keine Details, doch er gab seine Zustimmung dafür, dass Alexis Korner auf jeden Fall dabei sein musste, weil er und Brian sich sehr nahe gestanden hatten. Nach 30 Minuten verabschiedete sich Mick, um sich um andere Angelegenheiten zu kümmern, und ich besprach den Rest der Vorkehrungen mit Jo Bergman.

Am 5. Juli 1969 war ich schon vor Tagesanbruch aufgestanden. Ich sah einige Tausend Menschen, die die Nacht im Park verbracht hatten. Die Fans erwartete ein warmer und sonniger Sommertag. Um ungefähr 7 Uhr hatten sich schon einige Zehntausend versammelt. Das größte Free Concert in Großbritannien begann! An dem Tag traten neben den Rolling Stones noch folgende Bands auf: Family, Battered Ornaments (ohne Pete Brown), King Crimson, Roy Harper, die Third Ear Band, Alexis Konrner New Church und meine Schützlinge Screw.

Les Perrin hatte zwei Riesenbilder von Brian aufgetrieben, doch ich empfand sie als äußerst unglückliche Wahl, da sie einen Menschen zeigten, an dem seine besten Tage schon vorübergezogen waren. Die riesigen Drucke stammten von den Foto-Sessions des Beggars Banquet-Albums. In der letzten Minute dekorierten die Helfer die Bühne mit den Aufnahmen und einer Wagenladung künstlicher Palmen und Blumen, die wir von einem Dekorateur für Film-Sets gemietet hatten.

Zehntausende Kohlweißlinge wurden von der Paddington Station in Kartons abgeholt, die ich im Schatten unter der Bühne verstaute. Ich betete, dass einige von ihnen den langen und sonnigen Tag überlebten.

Tom Keylock, der „Security-Mann“ der Stones, ein ehemaliger Fallschirmjäger, gab einigen Bikern mit handgestickten Hells-Angels-Abzeichen auf der Kutte Anweisungen, wie mit den „Schreihälsen“ umzugehen war – Mädchen, die um alles in der Welt Mick auf der Bühne an die Wäsche wollten. Die meisten Biker waren keine Hells Angels, sondern nur ganz normale Rocker. In Großbritannien gab es 1969 kein offizielles Hells-Angels-Chapter, nur einen Haufen lächerlicher „Möchtergern-Asphalt-Cowboys“, kaum alt genug, sich zu rasieren. Tom fiel die Aufgabe zu, sich um diese Typen zu kümmern. Der Anführer des Haufens muss Mitte dreißig gewesen sein und wurde Wild Child genannt. Er trug einen Wehrmachts-Stahlhelm und fiel mir wegen seiner außergewöhnlichen Dummheit auf. Keylock bat die Hells Angels „für Arme“ in einem Anflug naiven Macho-Gehabes, sich während des Auftritts zu benehmen. Wenn sie nach dem Konzert noch ein wenig Lust auf Action hätten, könnten sie ja mit ihm einen kleinen Boxkampf veranstalten. Glücklicherweise ließ sich niemand auf die dämliche Provokation ein.

Die Angels erhielten Naturalien als Entlohnung – Tee, der von einem Catering-Wagen der Filmcrew aus gereicht wurde. Wir empfanden das als angemessene Bezahlung dafür, dass sie bloß rumstanden und grimmig in die Gegend glotzten. Alles blieb friedlich und ruhig. Reiter trabten auf ihrem Morgenausritt durch den Park, und kein einziger Bobby ließ sich sehen. Die jungen Biker plusterten sich auf wie Pfaue in der frühen Morgensonne, in der Vorfreude – die alle teilten – darauf, am Abend ein Konzert mit den Rolling Stones zu erleben.

Gegen Mittag betrat die erste von vielen Bands die Bühne. Zu dem Zeitpunkt befanden sich schon 250.000 Menschen im Park. Das Equipment wurde problemlos ausgetauscht, und die Techniker behoben einige kleinere Probleme. Die meisten Rockmusiker hatten dankenswerterweise ihr Ego zu Hause gelassen. Die Bands spielten, fanden jedoch meist wenig Beachtung. Friedliches Verhalten und Freundlichkeit bestimmten den Tag. Alle warteten ungeduldig auf die Stars des Festivals, denn die Sonne brannte gnadenlos auf das Publikum herab.

Das medizinische Notfallteam bestand aus vier älteren Damen von der St. John’s Ambulance Brigade. Sie kümmerten sich um die Dehydrierten und reichten ihnen in typisch britischer Manier Tee und Plätzchen. In ihrer Nähe stand ein Bereitschaftsarzt, der allerdings nicht benötigt wurde. Frustriert ließ er sein Stethoskop verschwinden, weil er sich ziemlich albern vorkam. Der ganze Event wirkte wie eine surreale britische Gartenparty für Hippies.

Die Stones trafen am Nachmittag im Park ein. Sie wurden in einem Rettungswagen aus dem Zweiten Weltkrieg angekarrt, der sich langsam durch die Massen quälte. Noch nie hatten sie vor so vielen Zuschauern gespielt. Seit den spontanen Feierlichkeiten zum Ende des Zweiten Weltkriegs hatten sich in der Stadt nicht mehr so viele Menschen auf einem Haufen versammelt. 500.000 Fans wollten die Rolling Stones sehen.

Der bekannte DJ Jeff Dexter sollte durch das Programm führen, war aber nicht erschienen, und so übernahm ich seinen Mikrofon-Job. King Crimson traten auf. Alexis Korners Band spielte. Immer noch kein Lebenszeichen von Dexter. Ich hatte noch nie in der Öffentlichkeit gesprochen, machte mir aber trotzdem nicht allzu viele Gedanken, sondern brabbelte in hippiesker Sprache drauflos und erinnerte das Publikum daran, die Bäume nicht zu beschädigen und sich nett zueinander zu verhalten. Ich war erstaunt, dass alles so glatt lief, und hatte das Gefühl, mich umgäben eine halbe Million Freunde. Kurz vor seinem Auftritt rief mich Mick hinter die Bühne. Er trug weiße, außergewöhnlich geschnittene Kleidung, die Mr Fish entworfen hatte, ein damals angesagter Modedesigner. Meiner Meinung nach sah er ziemlich albern aus, doch natürlich sagte ich das nicht. In dem Caravan, der den Stones als Garderobe diente, verriet mir Mick, dass er zum Gedenken an Brian einen Auszug aus Percy Bysshe Shelleys Gedicht „Adonaïs“ lesen wolle. Er bat mich, die Menge zur Ruhe aufzurufen, damit der Text überall gehört werden könne. Ich versicherte ihm, dass er sich keine Sorgen machen müsse.

Schnell trieben wir ein Ersatzmikro auf, durch das Mick den Text vortrug.

Mick bat um Ruhe und las Shelleys Zeilen:

Peace, peace! He is not dead, he doth not sleep –

He hath awakened from the dream of life –

’Tis we, who lost in stormy visions, keep

With phantoms an unprofitable strife,

And in mad trance, strike with our spirit’s knife

Invulnerable nothings. – We decay

Like corpses in a charnel; fear and grief

Convulse us and consume us day by day,

And cold hopes swarm like worms within our living clay.

He hath outsoared the shadow of our night;

Envy and calumny and hate and pain,

And that unrest which men miscall delight,

Can touch him not and torture not again;

From the contagion of the world’s slow stain

He is secure, and now can never mourn

A heart grown cold, a head grown grey in vain;

Nor, when the spirit’s self has ceased to burn,

With sparkless ashes load an unlamented urn.

Das Riesenpublikum lauschte in andächtiger Stille den Zeilen eines der größten Lyriker Großbritanniens. Wir ließen die Schmetterlinge aus ihren brütend heißen Kisten frei. Die Überlebenden flatterten schwach in die heiße Luft und versuchten zu entkommen. Schon bald war die komplette Bühne mit den toten Faltern übersät. Brian, selbst ein geschwächter und niedergeschlagener Schmetterling, hätte das gefallen.

Dann sagte ich die Rolling Stones an. Es folgte ein ohrenbetäubender Applaus. Sie begannen das Konzert, wobei Mick zuerst in das falsche Mikro sang. Ich hatte ihm von den unterschiedlichen Mikrophonen erzählt (und dabei mit einem kleine Witz auf einen Rock’n’Roll-Klassiker angespielt: „One for the Shelley, two for the show“ [gemeint ist „Blue Sude Shoes“ von Carl Perkins]), aber die Situation war so spannungsgeladen, dass er es vergaß. Er grinste und hielt mich wohl für einen totalen Trottel. Egal, er vergaß es, und ich musste auf die Bühne kriechen, um Mick darauf hinzuweisen. Als er seinen Fehler bemerkte, lächelte er, entledigte sich des albernen Jacketts und konzentrierte sich auf die Musik, um einen gutes Konzert hinzulegen.

Anscheinend störte es niemanden, dass die Musiker die Instrumente nicht richtig gestimmt hatten und manchmal das Timing vergaßen. An diesem Tag liebten alle die Stones, denn sie überwanden ihre Trauer und hatten den Menschen durch das Konzert ein Geschenk gemacht. Es wurde ein energiegeladenes Statement und bewies dem Establishment, dass die Stones, ungeachtet der gnadenlosen Verfolgung durch die Polizei in den letzten Jahren, noch immer beliebt und populär waren. Es gab keine einzige Verhaftung. Und warum? Nicht ein einziger Polizeibeamter ließ sich blicken, um jemanden aus dem Verkehr zu ziehen!

Die Parkverwaltung machte sich Sorgen über den ganzen Abfall, der bei früheren Konzerten entstanden war, und so organisierte ich nach der Show ein kollektives Mülleinsammeln. Hunderte Mülltüten wurden an die Menge ausgegeben, und Tausende verbrachten einige Stunden damit, sie zu füllen und zum Sammelpunkt zurückzubringen, wo wir ihnen für die Mühe eine Stones-Platte überreichten. Es lief wie am Schnürchen. Wir hatten eine ansehnliche Müllpyramide zusammengetragen und ließen den Park sauber zurück. Bis heute erfüllt mich das noch mit Stolz, denn wir verbrachten eine tolle Zeit miteinander und haben unseren Scheiß selbst weggeräumt.

Erschöpft, aber in Hochstimmung ging ich noch in die Royal Albert Hall, um mir Chuck Berry und die Who in einem Doppelkonzert anzusehen. Mick hielt sich im Backstage-Bereich mit Marsha Hunt auf, warf mir ein fröhliches Lächeln zu und dankte mir. Er meinte, es sei einer der schönsten Tage in seinem Leben gewesen.

8. Allen Klein? Nein, danke!

Ungefähr einen Monat später traten die Stones erneut in mein Leben. Mick versuchte sich in Australien als Schauspieler in dem Film Ned Kelly. Bob Dylan sollte in wenigen Tagen auf der Isle of Wight auftreten, und einige der Stones wollten sich das Konzert anschauen. Jo Bergman fragte, ob ich die Musiker begleiten würde, nichts Offizielles, alles eher diskret. Ich mochte das Festivalgelände und kannte die Gunnell-Brüder, die alles veranstalteten. Natürlich sagte ich ohne zu zögern zu.

Dylans Set beeindruckte mich nicht. Nach einer Verzögerung trat zuerst The Band auf und spielte als Vorbereitung auf ihren Chef eine 45-minütige Show, die das Publikum kaltließ. Dann erschien Dylan auf der Bühne. Man hatte den Eindruck, als entschuldige er sich für seine Musik. Dylan spielte nicht einmal eine Stunde, und nach dem Ende des Gigs bedachte ihn das Publikum mit eisigem Schweigen. Durch seinen weißen Anzug sah er wie ein klassischer Verkäufer aus. Er schien sich nicht wohlzufühlen. Vermutlich hatte er einige der Beatles und der Stones in der Menge entdeckt, was ihn wohl einschüchterte. Nach zwei schwachen Zugaben verzogen er und The Band sich wie verschreckte Kaninchen.

Die „große weiße Hoffnung“ im edlen weißen Anzug hatte einen zahmen und zahnlosen Gig hingelegt. Die Leute erinnerten sich immer noch an die aufgepeitschte Stimmung, die er auf der Tour vor drei Jahren an den Tag gelegt hatte; und im Vergleich dazu fehlte dem neuen, eher „laid-back“ agierenden Dylan eindeutig der Biss. Mit sichtlichem Spaß stellte er seinen Status als „Musik-Gott“ selbst in Frage und frustrierte das Publikum; die Bühne hatte er wie ein Autoverkäufer aus Nashville betreten.

Nach dem Schlamassel wollten die Stones und einige Freunde noch in einem Restaurant am Ort essen, doch das war leichter gesagt als getan. Jedes halbwegs anständige Etablissement war ausgebucht, doch nach einigen verzweifelten Anrufen und mit Hilfe der Gunnell-Brüder fand ich ein Lokal. Ich hatte meine ersten Pluspunkte gesammelt!

Wir aßen langsam und bedächtig und bestellten ständig weiter zu essen und zu trinken. Ich verbrachte eine nette Zeit mit einer Unterhaltung mit Charlie Watts. Später diskutierten wir über die Friedensbewegung, wobei die sarkastische Frage aufkam, welche Bands sich trauen würden, in Vietnam aufzutreten. Am Ende des Essens, die meisten waren sturzbesoffen, bat ich um die Rechnung. Es entwickelte sich ein heftiger Streit mit dem Besitzer, der den Preis für unsere kleine Party offensichtlich, ohne mit der Wimper zu zucken, viel zu hoch angesetzt hatte. Nach einer hitzigen Diskussion fand ich mit dem Typen einen gemeinsamen Nenner, was alle zufriedenstellte.

Wieder in London, lud mich Jo Bergman zum Dinner ein. Wir unterhielten uns über die geplante US-Tour der Stones. Jo verpflichtete mich zur Verschwiegenheit und erzählte, dass sich Mick zufolge Ronnie Schneider bei der Tour um das Finanzielle kümmern sollte. Die Einnahmen der Abendkasse wurden also nicht an Allen Kleins New Yorker Büro weitergeleitet, sondern gingen direkt an die Stones.

Zu der Zeit managte Klein sowohl die Beatles als auch die Stones und hatte sich mit dieser Aufgabe ganz offensichtlich übernommen. Die Stones hatten die Nase gestrichen voll von den ganzen Streitigkeiten, was das Geld anbelangte, und beharrten darauf, die Abendkasse zu kontrollieren. Schneider war Kleins Neffe und verließ ihn zwei Wochen vor der Zusage bei den Stones, weil er sich von nun an exklusiv um die Finanz­angelegenheiten der Band kümmern wollte. Ich wusste nichts von den internen Absprachen, weil es kaum einen diskreteren Menschen als Jo gab, und mal ehrlich – das Ganze ging mich auch nichts an.

Die neue Vereinbarung brachte große Schwierigkeiten mit sich, wie Jo erklärte. Klein hielt sich im Moment in London auf, und man hatte ein Meeting angesetzt. Keith wollte sich mit ihm im Büro in der Maddox Street treffen. Ich sollte ihn abholen und als Zeuge am Gespräch teilnehmen. Ich freute mich auf den Moment, diese Konfrontation, die in die Rock’n’Roll-Geschichte eingehen sollte. Ahnte Klein wohl, was ihm bevorstand?

An dem besagten Tag klopfte ich an Keiths Tür und wurde von einem argwöhnisch dreinblickenden Mann empfangen, dem ich den Grund meines Besuchs erklärte. Ich ging wieder zum Wagen und wartete. Keith kam kurze Zeit später, sah verdammt fertig aus, stolperte die Treppe runter und ließ sich auf die Rückbank fallen. Unter den gegebenen Umständen wirkte er recht mutig. Man braucht schon harte Eier, um sich mit Allen Klein auseinanderzusetzen, und Keith „ächzte“, wie wir in London sagen, was bedeutet, dass er dringend „Medikamente“ benötigte.

Nachdem wir das Büro erreicht hatten, schlenderte ich mit dem Stones-Gitarristen zum Meeting. Wir setzten uns auf die Kiefernstühle an den Tisch aus Kiefernholz, blickten auf einen Kiefernschrank – das Holz war damals der letzte Schrei – und erwarteten die Ankunft des Moguls. Keith nippte an einer Teetasse und positionierte sich mit dem Rücken zur Wand. Eine weise Vorsichtsmaßnahme, denn jeder wusste, dass Klein einen Abtrünnigen von allen Seiten bearbeitete! Alle hatten Angst vor ihm. Ich versuchte mich zu beruhigen: Was kann er schon machen – uns erschießen?

Eine nagende Stimme in meinem Kopf antwortete: „Ja, das ist eine – wenn auch entfernte – Möglichkeit!“

Klein erschien pünktlich und erweckte den Eindruck, ein wütender Elefant sei in den Raum eingedrungen. Er blökte: „Was soll der Scheiß mit Ronnie? Ihr wisst, doch, dass er mit mir verwandt ist?“

Keith blickte Klein direkt in die Augen und antwortete: „Ronnie wird bei der Tour für uns arbeiten.“

Kleins Gesicht verfinsterte sich. „Ihr traut euch, mir meinen verdammten Neffen auszuspannen? Was wollt ihr, verflucht noch mal? Wo ist Mick?“

Mit ruhiger Stimme klärte ich ihn auf, dass sich Mick gerade in Australien aufhielt.

Klein starrte mich durchdringend an: „Was bist du denn für ein Vogel?“

„Ich arbeite für die Stones“, erwiderte ich in herablassendem Tonfall. „Mick ist weg, und darum sitze ich jetzt hier.“

Klein beugte sich zu mir herunter. „Mir ist es scheißegal, was für ein Typ du bist.“

„Allen“, antwortete ich, diesmal süßlich und beschwingt, „du hast mich gefragt, wer ich bin, und das habe ich dir gesagt.“

Könnten Blicke töten, wäre ich augenblicklich ein toter Mann gewesen. Armer Allen, dachte ich. Er regt sich nur auf. Am besten tritt man ihm auf Augenhöhe gegenüber. „Allen, Keith will dir was sagen.“

Klein richtete einen mörderischen Blick auf Keith, der ihn nicht aus den Augen ließ. „Wir werden bei der Tour mit Ronnie arbeiten.“

Klein stand kurz vorm Platzen: „Auf gar keinen Fall. Das wollen wir doch erst mal sehen.“

„Allen“, schaltete ich mich ein. „Ronnie kann sich seine Arbeitgeber doch aussuchen, oder nicht?“ Ich war äußerst dankbar, dass uns ein Tisch trennte.

Klein plusterte sich auf und richtete seinen dicken Zeigefinger auf Keith und mich. „Ronnie wird nicht für euch arbeiten, und die Tour wird nicht ohne mich laufen. Vergesst das mal ganz schnell.“ Er stürmte zur Tür, blickte zurück und fuhr mich an: „Du! Du kleines Arschloch. In der nächsten Zeit solltest du besser aufpassen, was hinter dir abgeht!“ Dann war er verschwunden.

Ich lächelte. „Ein richtig netter Mensch, nicht wahr?“

„Dieser Motherfucker hat uns seit Monaten genervt. Jetzt ist es aber wirklich genug!“, meinte Keith aufgebracht.

Er hatte verdammt viel Mut bewiesen, sich gegen Klein aufzulehnen. „Hattest du keine Angst?“

Keith grinste mich verschlagen an. Er zog ein Schnappmesser aus der Tasche und stieß es mit einem Kichern in den Kieferntisch. „Zur Hölle mit dem Typen“, lachte er und wir grinsten beide wie ungezogene Schuljungen.

Dann verließen wir das Büro, damit Keith so schnell wie möglich nach Hause kam, um sich das Mittel gegen seine Beschwerden zu besorgen.

Beim verspäteten Mittagessen ließ ich das Meeting am Morgen Revue passieren, um die Ereignisse besser zu verdauen. Jeder tuschelte hinter vorgehaltener Hand, dass man mit Klein jeglichen Ärger vermeiden sollte. Er hatte, sagen wir mal, einige sehr unangenehme Freunde.

Ein befreundeter Journalist arbeitete an einem längeren Artikel über Klein und wurde dabei von einem verärgerten Paul McCartney unterstützt, dem es gar nicht passte, dass Klein das Management der Beatles an sich gerissen hatte. Mein Freund erzählte, er habe ein Foto von Klein gesehen, auf dem er mit einer Lupara, einer abgesägten Flinte, herumhantierte, die die Mafia bevorzugt bei ihren Attentaten in Sizilien einsetzte. Von dem Moment an schaute ich mich nach allen Seiten um!

Tags darauf überraschte mich Jo mit einem ungewöhnlichen Angebot. Sie fragte, ob ich den Job des persönlichen Tourmanagers für die Stones übernehmen wolle. Meine Hauptaufgabe bestand darin, mich um Mick, Keith und Mick Taylor in einem Haus in Los Angeles zu kümmern und alle Musiker auf der Tournee zu betreuen. Nähere Details würde man in den Staaten aushandeln.

Ich fühlte mich, als hätte gerade der Blitz eingeschlagen, und machte mich zur amerikanischen Botschaft am Grosvenor Square auf, um mir ein Visum zu besorgen. Eine überaus freundliche und zuvorkommende Mrs Worthy (der die Vorschriften reichlich egal waren), stellte mir das Dokument auf der Stelle aus. Schon bald würden meine Träume wahr werden.

Noch bevor wir London verließen, konnte ich mir einen Eindruck davon verschaffen, wie geifernd und sensationslüstern die Presse hinter den Rolling Stones her war. Im Maddox-Street-Büro erlebte ich Micks Geschick, boshafte und intime Fragen abzuschmettern. Ein Journalist fragte, ob sich Mick Koks ziehe. Alle Anwesenden hielten die Luft an und warteten darauf, was denn nun für eine Antwort käme.

Mick machte eine theatralische Pause und erzählte von einem angeblichen Friseurbesuch, bei dem ihm der Figaro eine Line Koks angeboten habe. Mick – die Dreistigkeit in Person! Er versicherte dem Journalisten, dass Kokain mittlerweile so häufig konsumiert werde, dass sogar die Friseure schnupften, und meine Güte, das war dann nichts mehr für ihn – alles viel zu gewöhnlich. Natürlich hatte Mick dem Schreiberling einen Bären aufgebunden, doch der Typ glaubte das!!! Netter Schachzug, Mick, doch es sollte nicht der letzte sein.

Bevor es in die USA ging, musste ich noch einige kleinere Aufgaben erledigen. Im September 1969 arbeitete ich beim Rugby Rag Blues Festival in Warwickshire, bei dem Pink Floyd, Free, die Nice und Roy Harper auftraten. Später stand noch eine Recording-Session mit Screw an. Oh ja, und da wütete noch eine knackige, süße und hoch erotische Freundin, die es nicht verstehen konnte, dass ich die Stones und die USA über ihre Sinnesfreunden stellte.

Total aufgeregt, den Job ergattert zuhaben, ließ ich mich in einer Limousine zu meiner Mutter bringen. Ich hoffte einen guten Eindruck zu hinterlassen, da ich nun in der realen Welt „angekommen“ war. Wir saßen mit meinem Stiefvater im Wohnzimmer in der Raglan Court, und ich berichtete von der Hyde-Park-Show und dem unglaublichen Erfolg. Meine Mutter zog die Nase verächtlich hoch und sagte, dass die Chartisten des 19. Jahrhundert bei ihren Demonstrationen mehr Menschen angezogen hätten. Ich wollte hier nicht über Zahlen diskutieren, sondern erzählte ihr lieber etwas vom friedlichen und anständigen Verhalten der Menge.

Die Tatsache, dass so viele Menschen so höflich miteinander umgegangen waren, beeindruckte Mutter auch nicht: „So müssen sich die Leute doch immer verhalten!“, lautete ihr Kommentar. Jetzt entschied ich mich gegen meine Triumphkundgebung und erklärte ihr das neue Aufgabengebiet. Dann erzählte ich Mum etwas über den großzügigen Lohn, was sie und ihren Mann auch nicht überzeugte. Ich fragte Mum, ob sie sich denn nicht für mich freue, was mit einem entschuldigenden, angedeuteten Lächeln beantwortet wurde. „Aber es ist keine feste Anstellung, oder?“ Es sollten Jahre vergehen, bis ich Mutter wiedersah.

9. Beeil dich, aber warte!

Am 17. Oktober flog ich mit Keith Richards und Mick Taylor in die Staaten. Keith freute sich auf die Tournee, war allerdings gleichzeitig bedrückt, weil er Anita und seinen gerade geborenen Sohn Marlon zurückließ. Wir hatten uns gerade hingesetzt, und schon kippte sich Keith einige Drinks. Kurz danach zeigten die Schlaftabletten ihre Wirkung, und er knackte weg. Ich deckte ihn zu und achtete darauf, dass ihn niemand störte. Die nächsten Worte wechselten wir kurz vor der Ankunft. In bester Laune meinte ich: „Willkommen in den guten, alten Kolonien.“ Ihn schien das nicht zu jucken.

Mick Taylor las, und so hob ich einige mit Chrissie Shrimpton, Mick Jaggers ehemaliger Freundin, die mir etwas über die unterschiedlichen Musikszenen in den USA erzählte und dabei die Unterschiede zwischen Amerikanern und Engländern herausstellte. Sie verriet mir noch einige üble Klatschgeschichten über den Stones-Sänger, die aber letztendlich so unbedeutend waren, dass man sie nicht wiederholen muss. Chrissie war ein gutes Beispiel für ein altes Sprichwort: „Alle Qualen der Höllen sind nichts gegen den Zorn eines abgewiesenen Weibes.“

Wir hatten über die Entwicklung der letzten Jahre in den USA einige oberflächliche Informationen gesammelt. Die Morde, angestiftet von Charles Manson an Sharon Tate und ihren Freunden, sorgten für Schlagzeilen. Martin Luther King Jr. war umgebracht worden, was zu massiven, gewaltsamen Aufständen in den städtischen Ghettos der Schwarzen führte. Der Vietnamkrieg wütete schlimmer denn je und entzweite die USA, wohingegen das Monterey Pop Festival und Woodstock Ausdruck einer sich neu entwickelnden Musikszene waren. Doch darüber hinaus wussten wir fast nichts über Amerika. Uns war klar, dass wir kopfüber in den Medienwahnsinn stürzen würden, der die Stones umgab, doch alle freuten sich, dass die US-Tour endlich starten konnte. Mick war in großartiger Form und führte den ganzen Haufen an.

Jo Bergman hatte ein großes Haus am Oriole Drive in Los Angeles gemietet. Es verfügte über zahlreiche Schlafzimmer, einen riesigen Swimmingpool, mehrere Tennisplätze und sollte uns während der Tour als Operationsbasis dienen. Aus dem pompösen Wohnzimmer schaute man durch ein Panoramafenster auf Los Angeles herab. In der Nacht konnte man eine bessere Aussicht genießen, weil sich der eklig-gelbe Smog verzogen hatte, der tagsüber wie eine Glocke über der Stadt hing.

Mick und Keith empfanden die Location als ungeeignet, da das Gebäude für Fans leicht zugänglich war, und so mieteten sie sich ein Haus von Stephen Stills, dem Sänger und Gitarristen von Crosby, Stills and Nash. Es lag versteckt auf einem Hügel im Laurel Canyon und stellte für die beiden die ideale Behausung dar.

Ich wohnte auch in diesem Haus, wo die ersten Proben im umgebauten Keller durchgezogen wurden. Charlie Watts, seine Frau Shirley und ihr süßes Baby Seraphina begnügten sich mit der Villa am Oriole Drive, während Bill Wyman und seine Frau Astrid ein Hotel vorzogen.

Mick entschied, dass Mick Taylor bei uns leben solle. Er war „der Neue“, auf den ein wachsames elterliches Auge geworfen werden musste.

Das Haus von Stills ließ sich nur als perfekt beschreiben. Neben dem Gebäude stand uns Phil Kaufman zu Verfügung, der sich als Hausmeister und gute Seele verstand. Phil hatte als Tourmanager und „Schulter zum Ausweinen“ mit den meisten Musikern von LAs Musikszene gearbeitet, war die personifizierte Freundlichkeit, aber ließ sich nichts gefallen. In der Vergangenheit hatte er zum Beispiel die Byrds und Stephen Stills betreut und wusste durch diese Erfahrungen, wie man sich gegenüber berühmten Musikern verhält. Er pflegte eine innige und sehr nahe Freundschaft mit Gram Parsons, einem ehemaligen Byrds-Musiker. Phil wusste sofort, was wir brauchten, und so richtete er uns ein Zuhause in der Fremde ein.

Ein Haus mit Mick, Keith und Mick Taylor zu bewohnen glich manchmal dem Gefühl, in einer WG von drei Gentlemen in einem verschlafenen Landgasthof zu verweilen. Meistens war es sehr still, denn die Musiker mochten eine ruhige Atmosphäre. Für Mick und Keith stellte das Haus eine Art Refugium dar, um Songs zu schreiben, zu proben und Zeit miteinander zu verbringen. Sie mussten sich musikalisch und menschlich aufeinander einpendeln, da sie trotz aller guten Absichten in den letzten Monaten ein unterschiedliches Leben geführt hatten. Das bezog sich auf ihren Musikgeschmack und die „pharmakologischen Bedürfnisse“.

Mich amüsierte die Beobachtung, dass das wilde Image der Stones im krassen Gegensatz zu ihrer typisch britischen Zurückgezogenheit und Häuslichkeit stand. Wir richteten uns ein gemütliches Zuhause in dem anderen Land ein, ein Charakteristikum der Briten, wenn sie auf Reisen sind. Alles lief zivilisiert ab, und Mick und Keith (ich bin ihnen immer noch für den lockeren Job dankbar) waren bescheiden und zurückhaltend.

Als lokale Reiseführerinnen und Gute-Laune-Garantie wohnten zwei liebenswerte Zwillinge bei uns. Wir nannten die beiden bildschönen kalifornischen Mädchen, die ständig gut drauf waren, das „Dynamik-Duo“. Die zwei wurden von einer überirdisch schönen Blondine unterstützt, der wir den Spitznamen „Angel“ verpassten. Sie war so atemberaubend attraktiv, dass es reichte, wenn sie einfach nur dasaß – wie eine seltene Orchidee beeindruckte und überwältigte sie uns durch ihre Ausstrahlung. Die Zwillinge vergötterten Mick und sehnten sich nach ihm. Angel hingegen liebte alle und lächelte so bezaubernd, dass es uns die Sprache verschlug. Wir genossen gemeinsam die verträumte und häusliche Zufriedenheit, die die West Coast charakterisiert. Die Frauen legten Tarotkarten und kuschelten sich freudig aneinander, wenn die Zukunft vielverheißend erschien. Falls die Prognose für uns eher ungünstig ausfiel, drückten sie den jeweiligen Mann, damit bloß keine schlechte Laune aufkam.

Im Salon von Stills’ Haus, von dem man aus auf den Pool sehen konnte, stand ein großer Konzertflügel. Im Licht des Kaminfeuers setzten sich Keith und Gram Parsons an die Tasten, spielten ein riesiges Repertoire von Country-Songs und sangen bis tief in die Nacht kitschige Duette. Sie beim Musizieren zu beobachten empfand ich als eins meiner großen Privilegien. Die beiden waren so glücklich und vergnügt, aber sangen trotzdem über die Verzweiflung der Unterschicht in den USA. Mir standen die Tränen in den Augen, während ich an meinem Bier nippte.

Die Stones hatten sich mit Country auf eine eher humorvolle Art auseinandergesetzt und nie eine ironische, geringschätzige Note vermissen lassen. Gram sollte das ändern. Als er Keith die quasi tausend Country-Nummern beibrachte, traf er bei ihm den wunden Punkt eines einsamen Mannes und drang tief ein. Keith vermisste seine Ehefrau und seinen Sohn, was sich in einer erhöhten Sensibilität widerspiegelte.

Der Proberaum im Keller war mit Decken ausgeschlagen worden, was die Resonanz dämpfen sollte, und strahlte eine angenehme Atmosphäre aus. Die Musiker fühlten sich gleich wie zu Hause. Ian „Stu“ Stewart, der langjährige Roadie der Band, hatte Keiths Gitarren und die Verstärker angeschleppt – jetzt konnte die ernsthafte Arbeit an der Musik beginnen. Dennoch lief am Anfang erst mal gar nichts, wie bei den Stones nicht anders zu erwarten. Wir hingen am Pool ab und „arbeiteten“ an unserem Teint.

Mick Taylor spielte einige Gitarrenspuren für das Album Let It Bleed ein, was er im Nu erledigte. Er lernte schnell, dass man als Mitglied der Stones manchmal lange Wartepausen einplanen musste. Ich hingegen sah mich in Los Angeles um, damit ich mich nicht verfuhr, wenn Meetings zur anstehenden Tour im Haus am Oriole Drive stattfanden. Ansonsten genoss ich das kalifornische Gras und die Zwillinge, die geduldig darauf warteten, dass Mick ihnen ein wenig Aufmerksamkeit schenkte.

Auf der aus Sicht eines Briten falschen Straßenseite zu fahren stellte für mich kein großes Problem dar. Die Musiker – und darauf bestanden Mick und Ronnie Schneider – durften allerdings nie alleine fahren. Versicherungsbestimmungen sprachen gegen solch ein Wagnis. Hinzu kam, dass Keith höflich ausgedrückt, ein exzentrischer Fahrer war. Mit Sicherheit hätte er so ein Abenteuer überlebt, wohingegen der Wagen reif für die Schrottpresse gewesen wäre. Und so wurde ich zum „Leib-Chauffeur“ von Keith und fuhr ihn überallhin.

Keith warf sich in Schale, entschied sich für einen Club, stieg ein, pennte weg und wachte oft erst am Ziel wieder auf. Auf seinem ersten Beutezug schlief er auf der Rückbank ein, und ich fuhr auf meinem Weg zum Ash-Grove-Club an der Melrose den Sunset Boulevard runter. Plötzlich schreckte er hoch und schrie panisch: „Verdammt, du fährst auf der falschen Seite!“ Ich schrie zurück: „Keef, wir sind in den USA!“ Er sackte in das bequeme Lederpolster und war schon wieder von dieser Welt entschwunden. Das „Menschliche Riff“ konnte überall, immer und in jeder Körperlage pennen, wurde aber gelegentlich durch Albträume hochgeschreckt – was nicht an meinem Fahrstil lag!

Die Rolling Stones hatten sich in den letzten drei Jahren nicht oft in der Musikszene blicken lassen. Auf dem Höhepunkt ihrer Popularität dauerte es vielleicht 20 Minuten, bis die Bühne von kreischenden Teenagern überschwemmt wurde und das Konzert abgebrochen werden musste. Eine Großbritannien-Show der Stones endete unweigerlich in einem Tumult. Die Band trat häufig in schlecht geeigneten Sälen mit grässlichen Beschallungsanlagen auf. Ihr eigenes Equipment wurde regelmäßig zerstört.

Die Produktionskosten fielen nicht ins Gewicht, weil niemand ein langes, strukturiertes Konzert erwartete. Kaum jemand kam allein wegen der Musik zu den Gigs der Stones. Wie die Band schon bald merkte, würde die bevorstehende US-Tournee eine neue Herausforderung darstellen. Hier mussten sie ihre Musik abliefern, denn in den USA hörte das Publikum zu und verlor sich nicht in Kreischtiraden.

Mick übernahm die gesamte Planung mit einer unvergleichlichen Gelassenheit und Professionalität. Er sprach niemals laut und aggressiv, obwohl manchmal eine leichte Ungeduld spürbar war. Seine Selbstkontrolle und die Fähigkeit, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren, hätten ihn für den Job eines Diplomaten qualifizieren können. Ohne mit der Wimper zu zucken, nahm er die Rolle des Generals einer Rock’n’Roll-Armee an. Der Bursche konnte einen ziemlich beeindrucken.

Während ich Mick bei seinen Business-Vorkehrungen beobachtete, fielen mir nur zwei Musiker ein, die eine ähnlich große Kontrolle über ihre Musik und das Geschäftliche hatten, nämlich die beiden Jazz-Giganten Duke Ellington und Count Basie. In Micks Kalkulationen spielten der Gewinn, aber auch die Performance die wichtigsten Rollen. Natürlich lag das Augenmerk auf der Musik, doch die Devise „Gute Arbeit für gutes Geld“ wurde von ihm nie vernachlässigt. Und die Stones brauchten das Geld!

Die Tournee unterschied sich von allem, was andere Gruppen bislang auf die Beine gestellt hatte. Die Stones reisten mit ihrer eigenen PA, und Mick standen Monitore am vorderen Bühnenrand zur Verfügung. Endlich hörte er seinen Gesang klar und deutlich und einen an ihn angepassten Mix der Instrumente. Die Endstufen der PA waren so ausgelegt, dass sie den Sound sogar in den größten Stadien übertragen konnten. Der Kulisse änderte sich nie. Auf dem Bühnenboden lag ein riesiger Teppich, der von Gig zu Gig mitgeschleppt wurde. Für die Produktion war Chip Monk von der Bill-Graham-Organization verantwortlich, der alles wie ein Vollblutprofi durchzog, etwas, das die Stones bis zu dem Zeitpunkt noch nie erlebt hatten.

Chip Monk, denn alle „Chipmunk“ riefen, war der Meister der unscheinbaren Details. Nicht die geringste Kleinigkeit entging seinem wachsamen Auge. Mit großem Interesse beobachtete ich ihn dabei, wie er Mick einfühlsam mit den Plänen vertraut machte, die eine grandiose Show versprachen. Eine anständige Lichtanlage stellte eine zentralen Punkt dar, und Chip erläuterte Mick die Nuancen mit einer autoritären, doch nie aufdringlichen Stimme. Mit großer Begeisterung folgte Mick Chips Ausführungen, während ich die Klappe hielt und einem Meister andächtig lauschte.

Ronnie Schneider war ein interessanter Mann. Auf der Tour einer Rockband wirkte er mehr als fehlplatziert in Klamotten, die auf einen Golfplatz nicht aufgefallen wären. Allerdings durfte man nie den Fehler machen, seine Klugheit und Härte zu unterschätzen. Keiner durfte Ronnie bescheißen, auch nicht sein mächtiger Onkel Allen, der sich schließlich darauf eingelassen hatte, dass Ronnie sich die Arbeitgeber selbst aussuchen durfte. Im Privaten lächelte er häufig, doch in der Öffentlichkeit spielte er die Rolle eines klassischen Schwergewichts, was uns zeitweise beruhigte. Ich mochte ihn vom ersten Treffen an. Wenn es um die Finanzen ging, brauchten die Stones einen harten Typen, und Ronnie hätte für sein beeindruckendes Auftreten einen Oscar gewinnen müssen! Mick vertraute ihm, und ich glaube, dass er Ronnie insgeheim verehrte.

Bei unserer ersten Begegnung kam ich in das behelfsmäßige Büro, und er sah auf: „Hast du Geld?“, fragte er mich.

„Nein“, lautete die knappe Antwort, weil noch niemand daran gedacht hatte, mir etwas zur Verfügung zu stellen. „Hast du was?“

Ronnie lächelte, nahm mich mit in eine Ecke und drückte mir 500 Dollar in die Hand. Dabei vergaß er natürlich nicht, mich an Quittungen zu erinnern. Ich unterschrieb ihm einen Auszahlungsbeleg. So einen Mann musste man einfach mögen. Schon von Beginn an wollte ich mit ihm eng zusammen arbeiten und wusste instinktiv, dass eine harmonische Beziehung zwischen uns den Erfolg der Tour unterstützte. Ronnie kümmerte sich um die Kohle und ich mich um die Musiker. Wir hatten die Grenzen klar abgesteckt, wodurch sich Probleme vermeiden ließen.

Klein war nominell noch der Manager der Stones, mischte sich aber nicht in die Tour ein. Offensichtlich schloss der Vertrag mit den Stones persönliche Anwesenheit und Konzerte aus. Ohne Frage wollte niemand mehr den Typen sehen. Kein Musiker der Stones sprach in Bezug auf die Tour mit Klein oder seinem Büro. Allein Ronnie trug die Verantwortung für die Einnahmen, die auf das Geschäftskonto der Stones-eigenen Firma flossen, die nur wegen der Tour gegründet worden war.

Mick hatte uns angewiesen, dass Anrufe im Haus von Stills nur von Phil Kaufman entgegengenommen werden würden, denn er wollte nur mit Bandmitgliedern oder Jo Bergman reden. Klein rief einige Male an und hinterließ Nachrichten, die gleich in der Mülltonne verschwanden. Jeder – so bläute es uns Mick ein – musste eine Nachricht hinterlassen. Kaufman erklärte den Anrufern, dass die Stones im Moment nicht zu sprechen seien. Dennoch bimmelte das verdammte Ding ständig, was wir aber schon bald ignorierten. Klein hätte eine bessere Chance auf eine Audienz beim Papst gehabt als bei Mick.

Nach einiger Zeit erschien unser Bodyguard, ein sympathischer Afroamerikaner namens Tony Funches. Bei den US-Marines hatte er die Boxmeisterschaften gewonnen und war – wie Mick betonte – ein beeindruckender Vertreter seiner Zunft. Er muss sich bei uns wie der zweite Bräutigam auf einer Hochzeit gefühlt haben, denn die höchste Gefahren­stufe trat ein, wenn mal wieder eine notgeile Lady vorbeischaute, die bereit war, alles zu geben, egal wer von den Stones ihr „All-inclusive“-Erotikpaket öffnen wollte.

Vor Tonys Ankunft besuchten die beiden Micks, Keith, Gram Parsons und ich regelmäßig die Nachtclubs ins Los Angeles. Nie gab es ein Problem. Doch Tony vermittelte allen ein Gefühl der Sicherheit, und langsam, aber sicher gehörte er auch zur Entourage. Durch seine Anwesenheit fühlten sich die Musiker beschützt, doch in meiner Naivität fragte ich mich immer: „Wen muss man denn vor Frauen beschützen?“ Hätte ich ahnen könne, was passieren würde? Als Tonys Einsatz gefragt war, stand er nur verlegen da und wusste nicht, was er machen sollte.

Wir wohnten in einem Hotel in New York. Mick und ich gingen zur Lobby runter, wo wir Tony trafen. Dann machten wir uns auf den Weg zu einer wartenden Limousine. Eine ältere Dame, sie muss Mitte siebzig gewesen sein, trat an Mick heran und frohlockte: „Ich muss dir was zeigen.“ Mick, immer der Gentleman, hielt an, um mir ihr zu sprechen. Plötzlich zog sie ein Polaroid aus der Tasche und hielt es Mick direkt unter die Nase. Auf dem Foto war sie auf einem Bett zu sehen – splitterfasernackt mit weit gespreizten Schenkeln!

Mick schreckte zurück und murmelte: „Das ist ja widerlich.“ Die Omi machte einen Sprung nach vorne und versuchte sich mit beiden Händen in seiner Haarmähne festzukrallen. Die beiden stürzten auf den Gehsteig, wobei Mick wie ein Wahnsinniger schrie: „Holt sie runter von mir!“ Und was sollte unser tapferer Bodyguard tun? Sie k.o. schlagen? Die Szene war absurd. Der Pin-up-Boy des Rock’n’Roll wurde von einer schrägen und zum Äußersten entschlossenen Großmutter mit aller Kraft umklammert.

Ich schrie so laut, wie ich konnte: „Verletzt sie nicht“ und zog ihre rechte Hand aus Micks Haaren. Doch sie ließ nicht locker und klammerte sich mit der anderen Hand fest. Es war lächerlich, doch wir krakelten und brüllten (während Tony krampfhaft versuchte, sie an der Rechten wegzuzerren), aber nichts half. Beherzt packte ich mir den Arm und kniff sie mit aller Kraft, und schon robbte ein verängstigter Mick weg. Er verkroch sich schon schnell wie möglich in der Limousine und genoss mein vollstes Verständnis dafür.

Tony stand auf Straße und hielt die Frau in der Luft, die nach allen Seiten austrat und Wuttiraden vom Stapel ließ. Nach diesem Ereignis wollte Mick nie mehr mit Fremden in der Öffentlichkeit plaudern, besonders nicht mit älteren Damen. Der ehemalige Marine war ein klasse Typ, doch im Kampfeinsatz mit älteren, verwirrten Ladys nicht zu gebrauchen. Das Kneifen, auf dem Schulhof als Kind bis zur Perfektion gelernt, stellte da schon eine bessere Option dar.

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Дата выхода на Литрес:
05 декабря 2024
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436 стр. 27 иллюстраций
ISBN:
9783854454007
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