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Sabria David

Die Sehnsucht nach dem nächsten Klick

Medienresilienz – wie wir glücklich werden in einer digitalen Welt

Patmos Verlag

Inhalt
Vorwort

Auftakt: Verstehen, was passiert

Glück in einer digitalen Welt

Suchen und Sehnen: Was uns ins Netz zieht

Bindung macht glücklich

Kontakt und Bezug

Die Rückkehr der Mündlichkeit

Narration – Geschichten, die uns mit der Welt verbinden

Reoralisierung – Das Gespräch hält Einzug in die Schriftkultur

You are the poet – Die Auflösung der Grenzen zwischen Sender und Empfänger

Der Wunsch nach Teilen, Mitteilen, Austauschen

Teilhabe, Partizipation, Prosumenten

Verantwortung und Selbstorganisation

Plattformkapitalismus und Sharing-Culture

Das Netz als Spiegel und Zeugnis meiner selbst

Spuren der Selbstbezeugung

Entfremdung und Verlust

»Ich« und »Wir« im digitalen Raum

Raum, Heimat und Grenzen

Grenzen in Zeiten der Globalisierung

Die Rückeroberung des öffentlichen Raumes

Und wir brauchen sie doch: Heimat

Permanent beta: Alles fließt. Leben in ständiger Veränderung

Medienresilienz in der Praxis

Praxis Arbeit: Wie eine gute digitale Arbeitskultur gelingt

Praxis Bildung: Früh übt sich in Elternhäusern und Schulen

Praxis Gesellschaft: Was uns verbindet

Schluss und Ausblick

Dank

Nachbemerkung

Literatur

Anmerkungen

Über die Autorin

Über das Buch

Impressum

Hinweise des Verlags

Vorwort

»Das macht voll glücklich!«, sagte ein mir vertrauter, sehr lieber junger Mensch, strahlend von seinem Handy aufsehend. Glücklich? Ein Handy? Kann Technik jemanden glücklich machen?

Ja. Und nein. Es ist natürlich nicht die Technik selbst, die diesen jungen Menschen glücklich macht. Es ist der Kontakt mit der geliebten besten Freundin, der ihn in diesem Moment mit Strahlen und Glück erfüllt.

»Daran ist die Digitalisierung schuld!«, höre ich auf der anderen Seite oft. Ob Arbeitsplatzabbau, Bildungsdefizite, Hatespeech, der Verfall der Sprache, die Verrohung der Gesellschaft oder allgemein der Niedergang der Menschheit – die Digitalisierung muss (ausgesprochen oder unterschwellig) als Ursache für viele Übel unserer Zeit herhalten. Ist das so? Ist die Digitalisierung schuld an allem, was in unserer Gesellschaft schiefläuft? Natürlich nicht. An den meisten Effekten, die wir als negativ wahrnehmen, ist nicht die Digitalisierung selbst schuld, sondern unser Umgang mit ihr. Oder: das, was wir aus der Digitalisierung und mit ihr machen. Oft ergeben sich gerade aus der Kombination von Wirtschaftlichkeitslogik und digitalen Einsparpotenzialen Entscheidungen, die zwar wirtschaftlich effizient sind, sich aber ungut auf die Gesellschaft als Ganze auswirken. Tun wir uns einen Gefallen damit, die wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Aspekte von Entscheidungen isoliert zu betrachten?

Wenn es demnächst keine Kassiererinnen mehr gibt, die uns an der Supermarktkasse beim Bezahlen unserer Alltagswaren – ­wenigstens kurz – in die Augen sehen, dann ist das nicht eine zwangsläufige Folge aus der Möglichkeit, den Kaufprozess zu digitalisieren. Wenn Menschen, die Zeugen eines Autounfalls werden, die Rettungskräfte behindern, die Verletzten filmen und die Videos zeitgleich online posten, dann ist auch da nicht die Digitalisierung das eigentliche Problem.

Wenn ein Bildungssystem entscheidet, in den Grundschulen auf das Einüben einer Handschrift zu verzichten (Wegen der Digitalisierung! Es schreibt ja eh keiner mehr mit der Hand!), dann ist auch das eine Entscheidung und keine Notwendigkeit. Die Tatsache fortschreitender digitaler Kommunikation und Texterfassung zwingt in keiner Weise dazu, eine jahrtausendealte, bewährte und neurophysiologisch relevante Kulturtechnik wie die Handschrift abzuschaffen. Im Gegenteil könnte man daraus auch folgern, dass es umso notwendiger ist, die verschiedenen Kommunikationsformen sattelfest und trennscharf zu beherrschen: Befinde ich mich gerade in mündlicher oder schriftlicher Kommunikation? In Schrift oder gesprochener Sprache? Wie kann ich meinen Gedanken in welcher Form Ausdruck verleihen? Digitalisierung wird hier oft zu einem Feigenblatt für ganz andere gesellschaftliche Prozesse, die nicht immer auf den ersten Blick sichtbar sind. Sind diese Entscheidungen im Kontext der Digitalisierung getroffen, wirken sie sich wiederum auf die Gesellschaft und unseren öffentlichen Raum aus: Wird es demnächst noch Straßenschilder und Wegweiser geben, wenn sich die Menschen zunehmend mit Navigationssystemen orientieren? Gibt es dann noch einen Weg zurück, wenn das Navi ausfällt? Welche Auswirkungen hat es auf die Weltmärkte, wenn Hochfrequenzhandel nur noch automatisiert erfolgt? Verändert es die Gesellschaft, wenn nicht mehr Busfahrer, sondern künstliche Stimmen die Haltestellen ansagen?

Alle Digitalisierungsprozesse sollten auch auf mögliche gesellschaftliche Auswirkungen überprüft werden. Das hilft, Digitalisierung wirklich produktiv, sinnvoll und effektiv – zum Guten – zu nutzen, damit sie ihre Potenziale entfalten kann. Herauszufinden und zu definieren, was dieses »gut« für uns bedeutet, ist dabei eine wichtige gesellschaftliche Debatte, der wir nicht ausweichen sollten. Sie wird uns helfen, eine positive Vision zu entwickeln, die unserer Gesellschaft eine Richtung gibt.

Wenn es üblich wird, sich ausführlich im Einzelhandel zu beratungsintensiven Produkten beraten zu lassen und dann nach Hause zu gehen und sie sich online billiger zu bestellen, wird das Folgen haben. Es wird Folgen für die Geschäfte haben, die ihre Ladenmieten und die beratenden Mitarbeiter bezahlen müssen, ohne ihre Produkte verkaufen zu können. Werden diese Läden aufgegeben, wird sich das auf unsere Innenstädte auswirken, auf unseren öffentlichen Raum, auf uns alle. Man kann das so entscheiden. Aber an den Folgen ist nicht die Digitalisierung schuld, sondern eher ein gesellschaftliches Klima, in dem Solidarität kaum Wert hat und das isolierte Betrachten des Eigeninteresses legitimiert und begünstigt wird.

Alles hängt mit allem zusammen, ob wir wollen oder nicht. Gerade in Zeiten der Globalisierung. Die seltenen Erden in unseren Mobiltelefonen stammen aus afrikanischen Ländern, in denen Bürgerkrieg herrscht, vor dem Menschen nach Europa fliehen. Unsere preisgünstigen Möbel bestehen aus Sperrholz, für das in Rumänien Wälder abgeholzt werden. Unsere T-Shirts werden in asiatischen Textilfabriken hergestellt, in denen Kinder arbeiten, anstatt zur Schule zu gehen. Ein Virus kann sich über unsere Reiseroutinen blitzschnell um den Globus verbreiten. Und wenn die weltweite Zulieferung von Autoteilen, Desinfektions- und Arzneimitteln sich auf wenige Monopole einer Weltregion beschränkt, betrifft uns das alle. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen.

Wenn wir also von Verantwortung sprechen, müssen wir von uns sprechen. Denn wir können zwar die Digitalisierung von den Folgen der Veränderungen freisprechen, aber nicht uns selbst. Wir tragen die Verantwortung dafür, wie wir mit einem so mächtigen ­Instrument wie digitaler Technik umgehen. Wir tragen die Verantwortung dafür, wo wir ihre Fähigkeiten nutzen und wo wir auf das Machbare verzichten, weil es uns in die falsche Richtung führt.

Was aber ist die falsche Richtung? Also: Was ist die richtige Richtung? Wo wollen wir hin? Wo wollen wir hin mit uns, mit unserer Gesellschaft? Wo soll uns unser Fortschritt hinführen?

Das genau ist unsere Verantwortung: Uns Gedanken darüber zu machen, welche digitale Gesellschaft wir überhaupt haben wollen; inmitten von ständiger Veränderung den Mut zu Visionen zu haben, und die Welt um uns herum so zu gestalten, wie wir es erstrebenswert finden.

Dafür müssen wir aber zuerst verstehen, was überhaupt mit uns passiert, mit diesem digitalen Wandel. Der digitale Wandel ist wie ein Resonanzkörper. Er macht gesellschaftliche Prozesse sichtbar, er eskaliert Herausforderungen, er spiegelt menschliche Bedürfnisse und gesellschaftliche Mankos wider. Wie durch eine Glaskugel können wir in das Innere unserer Gesellschaft sehen. Wir finden dort unsere große Welt im Kleinen. Deswegen müssen wir, wenn wir nach der Digitalisierung fragen, immer auch nach dem großen Ganzen der Gesellschaft fragen – wenn wir ehrlich zu uns sind.

Durch die Digitalisierung stehen wir unausweichlich vor Veränderungen, die uns zwingen, unsere Grundannahmen zu überprüfen und unsere Prozesse anzupassen. Die Digitalisierung ist eine große Infragestellung aller unserer gewachsenen Routinen – und das ist gut so! Die guten und wichtigen Traditionen können wir so erkennen und wiederbeleben. Von Routinen und Annahmen, die uns schaden oder bremsen, können wir uns trennen und Raum für geeignetere Lösungen schaffen. Was Digitalisierung angeht, müssen wir unsere Gesellschaft ohnehin neu ausrichten. Das ist eine Chance. Hier haben wir Gestaltungsraum. Lassen Sie uns herausfinden, was für uns eine resiliente digitale Gesellschaft bedeutet, und die Rahmenbedingungen dafür aufbauen. Lassen Sie uns die Welt im Kleinen nutzen, um unsere Welt im Großen zu gestalten. Dann kommen wir auch der guten Gesellschaft ein Stück näher.

Auftakt:
Verstehen, was passiert

Nach der Jahrtausendwende haben digitale Technologien und soziale Medien ihren Siegeszug angetreten und schon binnen dieser kurzen Zeit unser Leben radikal verändert. Die Digitalisierung ist die große gesellschaftliche Herausforderung, sie erfasst die unterschiedlichsten Bereiche unseres Lebens.

Bei diesem tiefgreifenden Wandel stellen sich Fragen: Was bedeutet der digitale Wandel für unser ganz persönliches Leben, für den Umgang mit anderen, für die Gesellschaft, für Unternehmen? Jenseits des Alarmismus wollen wir fragen: Was macht dieser Wandel mit uns, wie können wir diese Entwicklung positiv und proaktiv steuern? Und schließlich: Wie gelingt es uns, als Menschen in einer digitalisierten und globalisierten Welt souverän und – ja sogar – glücklich zu sein? Wie kann eine gute resiliente digitale Gesellschaft gelingen?

Voraussetzung dafür ist, überhaupt zu verstehen, was den digitalen Wandel ausmacht und welche gesellschaftlichen und menschlichen Bedürfnisse er bedient.

Die Debatte um Digitalisierung steht stellvertretend für unser Unbehagen in Bezug auf den technologischen Fortschritt. Technologiekritik ist natürlich kein neues Phänomen1. Neue Technologien – und sei es die Straßenlaterne – haben Menschen immer schon irritiert, in ihren Gewohnheiten gestört, aufgescheucht und zu Veränderungen genötigt, die sie mit Unwillen quittierten. Aber es lohnt sich, unser Unbehagen in punkto Digitalisierung näher anzusehen, zu verstehen, was passiert, damit wir handeln können.

Der kanadische Medientheoretiker Marshall McLuhan hat 1967 in seinem experimentellen Collagen-Werk »The Medium is the Massage«2 auf die Parallele zwischen den Veränderungen der Medienwelt und dem Strudel aus Edgar Allan Poes Kurzgeschichte »A Descent into the Maelström« hingewiesen. Ein Blick in die Originalquelle3 gibt ihm recht. In dieser Geschichte treiben zwei Brüder in einem Boot unaufhaltsam auf einen allesverschlingenden Meeresstrudel zu. Lähmendes Entsetzen erfasst sie, als sie feststellen, dass sie die Kontrolle über die Situation verloren haben. Nachdem der Erzähler zuerst vor Entsetzen die Augen schließt, erlangt er schließlich doch seine Handlungsfähigkeit wieder. Die Wende kommt damit, dass er die Augen wieder öffnet und trotz seines Entsetzens einen Blick in den Abgrund wagt: Er beobachtet, mit welchen Mechanismen der Strom funktioniert und nach welchen Gesetzen welche Gegenstände sich wie im Strudel verhalten. Er sieht, dass kleine zylindrische Gegenstände länger oben treiben, während große schnell herabgezogen werden. Daraus schließt er, dass er das Boot verlassen muss und überleben könnte, wenn er sich statt am vertrauten Boot an einem kleinen, mobilen Fass festhielte. Sein Bruder indessen verharrt in seiner Lähmung und mag sich ihm nicht anschließen. Er klammert sich an das Boot – wir können sagen: an das Vertraute, ihm Bekannte, das ihm bisher Schutz gegeben hat. Der Erzähler – entschlossen, die Konsequenzen aus seinen Beobachtungen und Schlussfolgerungen zu ziehen – handelt und wechselt ins Ungewisse. Auf einem kleinen Fass überlebt er als Einziger den Abgrund, während das Schiff mitsamt seinem festgeketteten Bruder untergeht.

Die Verben, die Edgar Allan Poe im Lauf der Erzählung seinem Erzähler nach dieser Wende zur Selbstkontrolle in den Mund legt, geben auch eine gute Anleitung für den konstruktiven Umgang mit unserem heutigen digitalen Wandel: beobachten, wahrnehmen, reflektieren, neugierig sein, erforschen wollen, den Schrecken loswerden, der einen überwältigt, eine freie Sicht erhalten, mit Interesse beobachten und die Augen öffnen für das Wunder dessen, was passiert.4

Der Moment, in dem der Erzähler das Heft in die Hand nimmt, ist das, was ich – auf den digitalen Wandel übertragen – Mediensouveränität nenne: der Wechsel von einem reflexhaften zu einem reflektierten Umgang mit der Technologie. Dieser Mediensouveränität liegt zugrunde, dass wir selbst die Verantwortung für uns und unser Handeln übernehmen. Wir beginnen, unsere digitale Welt aktiv zu gestalten. Wir machen uns die Technik zu Diensten, anstatt ihr zu dienen. Wir entwickeln neue Kulturtechniken und Verhaltensregeln, die den Veränderungen entsprechen.

Meine Arbeit der letzten zehn Jahre ist für mich dabei wie eine Feldstudie zum Verständnis des Mahlstroms des digitalen Wandels. Sie speist sich aus theoretischer und höchst praktischer Auseinandersetzung mit dem digitalen Wandel in den Theorien, aber auch an der Werkbank im täglichen Arbeits- und Lebensalltag der Menschen, aus einer eigenen quantitativen Studie und einer Vielzahl von Begegnungen, Vorträgen, Diskussionen, Gesprächen – sprechend, zuhörend, schreibend.

Steigen Sie mit mir hinab in den Mahlstrom! Haben Sie keine Angst. Soyez courageux! Es sind aufregende Zeiten. Gute Zeiten für Menschen mit Gestaltungswillen.

Glück in einer digitalen Welt

Was macht uns glücklich? Das ist eine Urfrage der Menschheit. Sie verlangt eine Vorstellung von Vergangenheit und Zukunft und eine Vorstellung von uns selbst, also die Fähigkeit zur Reflexion. Wir können uns keine Tiere vorstellen, die sich die Frage nach dem Glück stellen. Das Glück – und vor allem das Streben nach Glück – ist eine zutiefst menschliche Angelegenheit. »Denn glücklich zu sein, das ist ja der erste aller unserer Wünsche, der laut und lebendig aus jeder Ader und jeder Nerve unseres Wesens spricht.« So schreibt Heinrich von Kleist in seinem »Aufsatz, den sichern Weg des Glücks zu finden und ungestört – auch unter den größten Drangsalen des Lebens – ihn zu genießen«.

Zugleich ist die Frage nach dem Glück auch ein großer Luxus, denn erst, wenn das nackte Überleben gesichert ist, kümmert uns das Glück. Unsere Grund- und Sicherheitsbedürfnisse stehen an erster Stelle der sogenannten Bedürfnispyramide. Erst wenn sie gesichert sind, regen sich unsere Bedürfnisse nach Selbstverwirk­lichung und Glück.

Interessanterweise ist es leichter zu benennen, was einen unglücklich macht, was einen ärgert, wie etwas nicht sein soll. Dieses Buch aber verschreibt sich entschieden einem positiven Blick. Also machen wir uns die Mühe zu benennen, wie wir es haben wollen.

Geht es uns gut? Wir können diese Frage nicht mit Geschäftsklimaindexen und Bruttonationaleinkommen beantworten. Was hat es – jenseits der Grenze, ab der sich die Frage nach Glück überhaupt stellt – mit Einkommen und Kaufkraft zu tun, ob es uns gut geht? Hans im Glück erreicht im Märchen sein Glück gerade im schrittweisen Loslassen all seiner Besitztümer. Ist das Dummheit oder Glück? Versagen oder Gelassenheit? Nach Albert Camus haben wir uns sogar Sisyphos als glücklichen Menschen vorzustellen. Gerade die Schwere und Unlösbarkeit seiner Aufgabe anzunehmen, ist für ihn ein Zeichen seines freien Willens.

Einen eigenen Weg geht das asiatische Königreich Bhutan mit seinem viel zitierten Bruttonationalglück. Mit diesem Konzept sieht sich Bhutan in einer eigenen langen Tradition: »Bhutan belongs to a stream of civilization where the explicit purpose of the government is to create happiness among its citizens.«5 Schon in einem Kodex aus dem 18. Jahrhundert heißt es strikt: Wenn die Regierung kein Glück für ihr Volk schaffen kann, dann gibt es keinen Grund für die Existenz der Regierung.6 Dabei soll das Glück nicht per Verordnung vom Himmel fallen, sondern die Verantwortung der Regierung liegt darin, Rahmenbedingungen zu schaffen, die es ihren Bürgern ermöglichen, ihr Glück zu verfolgen. Die Verantwortung liegt also auf beiden Seiten: bei den Bürgern selbst und der Regierung.

Auch die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung aus dem Jahr 1776 verankert in ihrer Präambel das Recht auf ein Streben nach dem Glück. »Leben, Freiheit und das Streben nach Glück­seligkeit« werden dort als unveräußerliche Rechte eines jeden Menschen genannt (»Life, Liberty and the pursuit of Happiness«). »Unveräußerlich« heißt dabei wie bei allen Menschenrechten, dass diese Rechte fest mit unserem Menschsein verbunden sind. Selbst wenn wir unser Recht auf Leben, Freiheit und Streben nach Glück loswerden und verkaufen wollten, könnten wir das nicht – und keiner kann es uns nehmen. Auch die Amerikanische Unabhängigkeitserklärung nimmt die Regierung in die Pflicht, für geeignete Rahmenbedingungen zu sorgen: Das Volk hat das Recht, eine Regierung abzusetzen, wenn diese ihrer Aufgabe nicht nachkommt. Das Volk darf sie durch eine Regierung ersetzen, die ihnen »zur Erhaltung ihrer Sicherheit und Glückseligkeit« geeigneter erscheint.

Bhutans Ansatz des Bruttonationalglücks geht einen Schritt weiter und versucht, dieses Ziel zu konkretisieren und messbar zu machen. Sowohl Wohlstand als auch Glück erscheinen in Bhutan als Ziel einer Gesellschaft. Das Glück wird nicht nur als eine Aufgabe und Herausforderung für den Einzelnen gesehen, sondern als Verantwortung und Herausforderung für die gesamte Gesellschaft und Regierungsordnung.

Interessant sind die vier Säulen, auf denen das Konzept ruht: Eine sozial-gerechte Entwicklung, Wahrung und Förderung kultureller Werte, Schutz der Umwelt und »Good Governance«, gute Regierungsführung. Das bedeutet, dass Entwicklung und Wachstum nicht Selbstzweck sind, sondern an eine Weiterentwicklung der Gesellschaft gekoppelt werden. Es ist ein ganzheitlicher Ansatz von Wachstum, in dem Wirtschaft nicht isoliert betrachten wird, sondern in gesamtgesellschaftliche Entwicklungen eingebettet ist. Der Versuch, ein Bruttonationalglück zu definieren, wirkt wie eine Antwort auf die Ergebnisse der Studie »Die Grenzen des Wachstums«, die der Club of Rome 1972 vorlegte. Auch darin wird die Entkoppelung von Wachstum und gesellschaftlichem und ökologischem Wohlergehen (»societal and environmental wellbeing«) kritisiert.

Müssen wir uns im digitalen Zeitalter die alte Frage nach dem Glück neu stellen? Was macht uns hier und heute glücklich? Wie können wir in einer digitalen Welt glücklich sein und uns zu Hause fühlen? Und was hat digitaler Wandel mit Glück zu tun?

Die Digitalisierung wird in der Regel als ein technisches Thema angesehen. Es geht um Automatisierung, die ständige Verdoppelung der Speicherkapazitäten, fahrerloses Fahren und Künstliche Intelligenz. Aber um die Effekte und Folgen der Digitalisierung zu verstehen, also den digitalen Wandel in seiner Tiefe zu erfassen, müssen wir den Blick nicht auf die Technik und die Maschinen richten. Im Gegenteil: Wir müssen uns den Menschen zuwenden. Den Menschen mit ihren Befindlichkeiten, ihren Bedürfnissen, Kümmernissen und Sehnsüchten. Denn es sind menschliche Sehnsüchte, die den digitalen Wandel antreiben. Es sind Menschen, die die Technik erfinden. Und es sollten auch Menschen sein, die sie sich sinnvoll zunutze machen.

Also schauen wir mutig auf das Gute, auch wenn das ungewohnt ist. Was ist es, was uns guttut? Was erfüllt uns mit Freude? Was sind die Quellen unserer Kraft?

Diese Fragen stellt sich auch ein Bereich der Medizin, der sich mit den menschlichen Kraftquellen und Ressourcen befasst. Die Salutogenese ist ein präventiver Ansatz. Ihr Ziel ist es, Krankheiten zu verhindern. Der Fokus liegt auf Prävention, nicht auf Heilung. Das bedeutet, ihre Zuständigkeit beginnt früher, noch vor dem Ausbrechen eventueller Krankheiten. Die Salutogenese lenkt den Blick auf die Faktoren, die uns stark und lebensfähig machen. Der israelisch-amerikanische Medizinsoziologe Aaron Antonovsky, der den Begriff »Salutogenese« prägte, benennt als den Hauptfaktor für ein gutes und gelingendes Leben das »Kohärenzgefühl«. Das meint das Gefühl, dass alles Sinn und Zusammenhang hat. Das Kohärenzgefühl speist sich aus drei Elementen: Erstens der Verstehbarkeit der Welt, zweitens dem Gefühl, selbst etwas bewirken zu können und Einfluss auf die Dinge des Lebens zu haben (Selbstwirksamkeit), und drittens dem Gefühl der Sinnhaftigkeit des Ganzen.

Davon können wir lernen. Und wir können es übertragen auf die gesellschaftliche Lage, einer Zeit starken Wandels – nicht nur des digitalen Wandels. Auch gesellschaftlich scheint es mir sinnvoll, den Blick auf die nährenden und stärkenden Faktoren unseres Zusammenlebens zu lenken, um das Aufreißen von Brüchen und Rissen in unserer Gesellschaft zu verhindern. Was ist der Kitt unserer Gesellschaft, was hält uns zusammen, was macht uns stabil genug, um Brüche und Reorganisationen gelingen zu lassen? Was gibt uns die Kraft, uns immer wieder neu zu erfinden, ohne uns selbst zu verlieren?

Bei Menschen spricht man von Resilienz – also von der Fähigkeit, mit Belastungen und Herausforderungen so umzugehen, dass wir uns als Handelnde in unserem eigenen Leben verstehen und auf die Wirksamkeit unseres Handelns in unserer Umwelt vertrauen können. Auch eine Gesellschaft kann resilient sein, wenn sie sich – statt nur Feuer zu löschen – aktiv um die schützenden und stärkenden Faktoren kümmert, Ressourcen aufbaut und nährt, bevor alles auseinanderdriftet.

Aus der Resilienzforschung gilt die Faustregel, dass ein Schutzfaktor zwei bis drei Risikofaktoren aufhebt. Das Fehlen von Schutzfaktoren wiegt also schwerer als das Vorhandensein von Risikofaktoren – die wir ohnehin selten ändern können. Auf die Gesellschaft übertragen bedeutet dies, dass wir mit dem Aufbau von Schutzfaktoren eine Gesellschaft stabilisieren können und ihr für Zeiten des Wandels den Rücken stärken.

Glück im Längsschnitt

Was macht Menschen glücklich? Mit dieser Frage beschäftigt sich seit 1938 eine Langzeitstudie der Harvard Universität, die sogenannte »Grant Study«. Die Lebensentwicklungen von 268 Studenten werden seitdem in einer ungewöhnlich langen und kontinuierlichen Studie erforscht. Die Studie wird erst mit dem Tod des letzten Studienteilnehmers enden.

Dabei ergänzen sich Fragebögen, die Erhebung medizinischer Parameter und ausführliche Interviews. Die Auswahl der Probanden ist zwar nur eingeschränkt repräsentativ – die Kohorte besteht nur aus Männern und nur aus Absolventen einer amerikanischen Eliteuniversität. Aber die Datenmenge und vor allem der lebenslange Bogen der Erhebungen ermöglichen einen tiefen Einblick in die Parameter menschlichen Glücks.

Was also sind die Faktoren für ein gelingendes Leben? »Das mit Abstand wichtigste ist die Bindung«7, sagt George Vaillant, der ­Leiter der Studie, der mit seinen Probanden mitgealtert und inzwischen selbst über 85 Jahre alt ist. »Die wahre Glückseligkeit liegt [dann] in der echten und tiefen Bindung mit anderen Menschen.«8 In einem Interview danach befragt, was er persönlich durch seine Probanden gelernt habe, antwortet er demzufolge: »the only thing that really matters in life are your relationships to other people.«9 Ob Menschen zu warmen zwischenmenschlichen Bindungen fähig sind, hat dabei einen größeren Einfluss auf Glück und Gesundheit im Verlauf des Lebens als Herkunft oder Einkommen.

Ein interessanter Aspekt dabei ist, dass es weniger darauf ankommt, ob man ein sorgenfreies Leben führt, sondern wie die Menschen mit den Herausforderungen des Lebens umgehen. Entscheidend für Glück und Gesundheit ist also nicht das Vermeiden von Unglück, Irritationen und Veränderungen, sondern die Art, wie man auf sie antwortet und mit ihnen umgeht. Die Fähigkeit, auf reife Art an Herausforderungen des Lebens zu wachsen (»mature adaptions«), hat eine hohe Aussagekraft für ein späteres sowohl physisches wie psychisch gesundes und glückliches Altwerden. Die Fähigkeit, warmherzige und unterstützende soziale Beziehungen zu knüpfen, einzugehen und aufrechtzuerhalten ist dabei eine zentrale Ressource: Wenn wir in ein soziales Netz eingebettet sind, Hilfe und Unterstützung annehmen und auch geben können und uns als Teil eines sozialen Geflechtes und Netzes wahrnehmen, dann können wir auch mit den Herausforderungen, die unser Leben bietet, konstruktiv umgehen.

Glück erwächst also auch aus der Fähigkeit, mit Unglück umzugehen. Ressourcen und Schutzfaktoren wie gute soziale Bindungen helfen uns dabei, dass wir auf die Wirksamkeit unseres Handelns in unserer Umwelt vertrauen können, dass wir die Belastungen in etwas Gutes umwandeln und uns daran weiterentwickeln können. Nicht die Vermeidung von Konflikten, Auseinandersetzungen und Dissonanzen macht uns stark, sondern sie zu nutzen, um neue Wege zu finden.

Dies wird auch durch die Hirnforschung gestützt. Der Hirnforscher Gerald Hüther weist darauf hin, dass das Gehirn ein plastisches Organ ist, das lebenslang an gelungen bewältigten Herausforderungen des Lebens reift und sich weiterentwickelt. Glück und Resilienz hängen zusammen.

Die Anerkennung unserer Schiffbrüchigkeit macht uns erst zum Menschen, so lautet die These des Psychoanalytikers Arno Gruen. »Nur wenn wir unsere Verletzbarkeit und Hilflosigkeit als zum Leben gehörend annehmen, anstatt sie zu kompensieren, wird Liebe, also Frieden sein«10, schreibt er. Arno Gruen emigrierte 1934 nach Amerika und kehrte erst als über 80-jähriger Forscher in die Schweiz zurück. Von ihm stammt der Begriff der »empathielosen Gesellschaft«. In früher Kindheit erlebter Schmerz wird abgespalten und nach außen projiziert, so seine These. Wer aber seinen Schmerz selbst nicht fühlen möchte, kann auch nicht den Schmerz der anderen fühlen, also empathisch sein.

Eine empathielose Gesellschaft fördert diese Abspaltung, Fragmentierung und Entfremdung des Einzelnen – und sie ist als Gesamtheit anfällig für »Verführung« durch extreme Gruppen und als charismatisch erlebte Führungsfiguren. Sie bieten – so scheint es – Identität und Sinn und erlösen von der eigenen, nicht eingestandenen Schwäche. Verantwortung für sich selbst, das Gefühl von Schuld und verdrängte Ohnmacht und Hilflosigkeit können so nach außen projiziert und im anderen bekämpft werden. Die »Wurzel des Bösen« liegt nach Arno Gruen »in der Erdrosselung der menschlichen Fähigkeit, eigenes und fremdes Leid zu erspüren«11. Zwar sei diese Entwicklung für unsere Gesellschaft prägend12, aber, so konstatiert Arno Gruen 2003 und somit zu einer Zeit, als die Digitalisierung heutiger Ausprägung noch in den Kinderschuhen steckte, »es ist das Zwischenmenschlich-Gemeinschaftliche, das wir wieder zurückholen müssen«13. »Das Menschsein wird nicht gefördert«14, konstatierte er. Wie aber müsste eine Gesellschaft aussehen, die das Menschsein fördert?

Läge die Chance für eine resiliente Gesellschaft nicht gerade darin, auch Ambivalenzen, Schwäche, Schmerz und Hilflosigkeit einen Raum und Platz zu geben, um resilient und stark genug zu sein, die Herausforderungen und Veränderungen, die anstehen, gut angehen zu können?

In der Anerkennung und Würdigung unserer eigenen Verletzlichkeit und Abgründe werden wir in lebenslanger Entwicklungsarbeit zum »ganzen« Menschen.

Ist das nicht eine Aufgabe, die wir auch als Gesellschaft leisten müssen? Müssen wir nicht auch zu einer »ganzen« Gesellschaft werden, indem wir unsere eigenen Abgründe anerkennen und die Verantwortung dafür akzeptieren? Gerade unserer deutschen Gesellschaft scheint es schwerzufallen, den Abgrund des Holocaust und des Dritten Reiches als Teil unserer Geschichte zu akzeptieren und einen konstruktiven, zukunftsgewandten Umgang damit zu finden. Rechtspopulistische Gruppen – die im Übrigen hierfür sehr versiert digital agieren – nutzen den Unwillen vieler Menschen, sich damit länger auseinanderzusetzen. Mit ihrem »Jetzt muss damit mal Schluss sein« bieten sie an, die Menschen von ihrer historischen Last zu erlösen. Auch die kollektive Abwehr der Flüchtlingsthematik mag den Wunsch bedienen, sich nicht den Kriegsflüchtlingserlebnissen der eigenen Familie auszusetzen.15 Der Ruf nach Grenzen soll nicht nur die Flüchtlinge selbst, sondern mit ihnen das ganze Thema von uns fernhalten. Auch an das eigene Ausgesetztsein in einem Deutschland nach der Wende, das die eigene ostdeutsche Geschichte hinweggefegt hat, mag man sich nur ungern erinnern lassen. So verzahnen sich individuelles Erleben und gesellschaftliche Prozesse.

Gerade eine Welt und Vergangenheit mit Brüchen, Rissen und disruptiven Veränderungen braucht aber die »mature adaptions«, von denen George Vaillant in der »Grant Study« gesprochen hat: Eine reife und erwachsene Art, sich den Herausforderungen der Vergangenheit und Zukunft zu stellen.

Die Gesellschaft, wie sie sich uns heute darstellt, benötigt ebenso diese Fähigkeiten. Sie fordert es geradezu heraus, alle unsere Ressourcen zu nutzen, damit uns die Veränderungen gelingen. Die Gesellschaft ist zu Beginn des neuen Jahrtausends in einem Zustand konstanter Veränderung. Die Veränderung selbst ist der Grundzustand geworden. Es gibt keine allgemeingültigen, allumfassenden gesellschaftlichen Verhaltenskodizes mehr. Die Religion hat schon lange an Bedeutung verloren, unsere Ökonomie, die Logik des Kapitalismus, die an ihre Stelle getreten ist, vermag die Leere nicht zu füllen. Die Arbeitswelt verändert sich rasant, die Entwicklungszeiträume zwischen Produkt und neuem Produkt werden immer kürzer, können jedoch mit der Veränderung der Rahmenbedingungen nicht Schritt halten. Was heute noch Geltung hat, ist morgen schon überholt. Für viele entsteht der Eindruck einer Beschleunigung.

Der digitale Wandel ist dabei zwar Treiber der gesellschaftlichen Veränderung – aber nicht ihre Ursache. Er steht selbst in enger Wechselwirkung mit gesellschaftlichen Veränderungen und Erfordernissen.

Der digitale Wandel treibt die Veränderungen an und bietet zugleich neue Möglichkeiten, mit den Veränderungen umzugehen: Distanzen überwinden, Gespräche führen, Freunde finden und halten, inspirieren und sich inspirieren lassen, Entdeckungen machen, mit anderen zusammenarbeiten und Neues entwickeln, Wissen teilen, Vertrauen, Fairness und Offenheit pflegen, Experimentierfreude und Improvisationskunst feiern – das macht eine digitale Infrastruktur möglich. Und all dies kann uns helfen, eine gute digitale Gesellschaft aufzubauen, in der es uns gelingen kann, glücklich zu sein.

Suchen und Sehnen:
Was uns ins Netz zieht
Bindung macht glücklich

Neben allen Meilensteinen, die die Entwicklung des Internets markiert haben, ist es vor allem der Erfolg sozialer Medien, der unseren digitalen privaten und öffentlichen Raum am meisten geprägt und verändert hat. Was ist es, was die Menschen in Scharen dort hineinzieht? Was suchen sie? Welche Frage ist es, auf die soziale Medien die Antwort sind?

Stellen Sie sich vor, Sie sind ein Urmensch. Mit allen anderen hüten Sie das Feuer, Sie sammeln Früchte, schnitzen Pfeile und gehen jagen. Eines Morgens werden Sie wach und schauen sich um: Sie sind alleine auf der Waldlichtung. Ihre Gemeinschaft ist zwei Stunden zuvor aufgebrochen und weitergezogen und hat Sie zurückgelassen. Nun sind Sie alleine, den Tieren, dem Wetter und der Natur ausgeliefert – ohne Unterstützung, ohne Schutz. Und das alles nur, weil Sie die entscheidende WhatsApp-Nachricht zum Aufbruch verpasst haben.

Auch wenn es sonderbar klingt, aber genau dieses Gefühl, die Angst, vergessen und ausgegrenzt zu werden, steht hinter dem Drang, seine Nachrichten möglichst in Echtzeit zu verfolgen. Positiv formuliert: Wir wollen bei den anderen sein. Zwar wissen wir heute, dass wir den Säbelzahntiger nicht mehr fürchten müssen und dass wir in der modernen Welt auch ganz gut alleine klarkommen. Wir wissen, dass es nicht ums Überleben geht. Aber wir sind soziale Wesen. Das Programm, das uns so handeln lässt, ist uralt und tief in uns eingeschrieben. Es funktioniert nach wie vor und beeinflusst unser Handeln auch heute.

Die Tatsache, dass WhatsApp, Twitter, Facebook, Instagram, Snapchat und YouTube eine derartige Verbreitung in fast allen Alters- und Bevölkerungsschichten gefunden haben, sagt etwas aus. Jede Erfindung wird nur zum Erfolg, wenn auch der Bedarf danach da ist und es einen gesellschaftlichen Nährboden gibt, der diese Erfindung willkommen heißt. Plattformunternehmen wie Facebook und Google konnten nur gespeist aus ständig anwachsenden Nutzermengen zu solchen Monopolen werden. Das bedeutet etwas, es spricht seine Sprache. Es weist auf ein gesellschaftliches Bedürfnis hin, das bisher offenbar zu kurz gekommen war.

Die sozialen Medien sind die Antwort auf ein unerfülltes Kontaktbedürfnis. Sie sind – wenn man so will – der Spiegel einer bindungslosen, entfremdeten Gesellschaft.

Spiegel einer bindungslosen, entfremdeten Gesellschaft

Wir sind menschliche Wesen, und der Erfolg der sozialen Medien besteht gerade darin, dass sie der Sehnsucht nach Verbindung Ausdruck verleihen, dass sie Kontaktaufnahme ermöglichen und helfen, Distanzen zwischen Menschen zu überwinden. Das Internet beantwortet das menschliche Bedürfnis nach Bindung, Bezug und Kontaktaufnahme. Es wird uns zu einer Art Mutterleib, in den wir uns flüchten und von dem wir uns ständige Verbundenheit ersehnen. Die Mobilgeräte, die uns diese Verbindung herstellen, werden zu einem Teil unseres Selbst, zu einem Körperteil von uns, mit dem wir Kontakt aufnehmen. »Extensions of Man« hat Marshall McLuhan das für andere Medien genannt. Wie Brillen zu einer Ausweitung unserer Augen, die Kleidung eine Ausweitung unserer Haut geworden ist. Und das Handy, das er noch nicht kennen konnte, ist jetzt ebenfalls eine Ausweitung des Menschen. Das erklärt auch die Reaktion Jugendlicher und Kinder, wenn man ihnen ihr Handy abnimmt. Es ist eine Reaktion wie auf eine Art Amputation. Es fühlt sich für sie an, als würde ihnen ein Teil von ihnen selbst abgenommen.

Bindungstheorie im Licht der Digitalisierung

Mit ihrer Bindungstheorie haben John Bowlby und Mary Ainsworth Aufschluss darüber gegeben, was uns Menschen bei der Bindungssuche antreibt. Ihr Verdienst war die Erkenntnis, dass das Verhalten von Gänsen und Rhesusaffen in gewissen Punkten auch aufschlussreich für das menschliche Verhalten ist. Als Psychoanalytiker eigentlich aus einem anderen Fachgebiet kommend, hat sich John Bowlby von den evolutionsbiologischen Studien Konrad Lorenz’ und Harry Harlows inspirieren lassen. Das »Gänsekind Martina« folgte seinem Ersatzvater Lorenz unbeirrt nach, die fragenden Bindungsrufe (»wiwiwiwi?«) von sich gebend, wenn er sich aus dem Blickfeld entfernte. Das Gänseküken war nach seinem Schlüpfen aus dem Ei auf den Forscher und nicht auf seine biologische Gänsemutter geprägt.

In seinen ethisch zweifelhaften, aber für die Bindungstheorie bedeutsamen Studien trennte der Verhaltensforscher Harry Harlow Rhesusaffen-Babys nach der Geburt von ihren Müttern und ersetzte sie durch Puppen aus Draht. Eine davon war mit Fell überzogen, die andere konnte Milch spenden. In Schreckmomenten suchte der kleine Rhesusaffe nicht wie erwartet bei dem nahrungsspendenden Drahtgestell Zuflucht, sondern bei der Ersatzmutter, die mit kuscheligem Fell bezogen war und außer Weichheit nichts zu bieten hatte. Damit war belegt, dass das Bedürfnis nach Trost und Körperkontakt biologisch mindestens ebenso verankert ist wie das nach Nahrung.

Auch bei den Menschen war man bis dahin davon ausgegangen, dass das Bindungsverhalten der Kinder gegenüber ihren Müttern ihren biologischen Grund in der Nahrungsspende hat, dass kleine Kinder also die Nähe zu ihrer Mutter suchen, weil sie ihnen Milch gibt. Seit den Studien zur Bindungstheorie ist klar: Das Bedürfnis nach Bindung und Nähe ist ein eigenes, von der Nahrung unabhängiges, primäres Grundbedürfnis. Die Nähe und emotionale Verbindung zu schutzgebenden Bezugspersonen ist im biologischen Sinn überlebenswichtig für den Menschen. Wir sind in den ersten Lebensjahren für unser Überleben auf den Schutz und die Sicherheit schutzgebender Erwachsener angewiesen. Nach den Studien der Bindungsforschung um Bowlby und Ainsworth gestaltet sich das Bindungsverhalten als ein zielorientiertes, sich selbst auf sein Ziel ausrichtendes Verhaltenssetting. Es sind also keine vorher festgelegten Verhaltensweisen, die uns eingeprägt sind, sondern die Verhaltensmuster passen sich den jeweiligen Kontexten und Verhältnissen an, immer mit striktem Fokus auf das Herstellen und Aufrechterhalten von Bindung. Kinder müssen auf Leben und Tod die Verhaltensweisen adaptieren und entwickeln, mit denen sie in ihrem jeweiligen Beziehungskontext die größtmögliche Chance auf Schutz und Versorgung haben. Das kann dazu führen, dass in frühen Bindungserfahrungen Verhaltensweisen entwickelt werden, die zwar das Überleben in einer toxischen Familie ermöglichen, im späteren Leben, in normalen und gesunden emotionalen Beziehungen aber eher hinderlich sind. Das Bindungsverhalten ist also ein uns biologisch mitgegebenes selbstlernendes System, das sich den jeweiligen Bedingungen anpasst.

Mit ihren Methoden der empirischen Forschung hat Mary Ainsworth diese Hypothesen Bowlbys belegen und spezifizieren können. Das Studienkonzept der »fremden Situation« machte Bowlbys Hypothesen überprüfbar. Im klassischen Studienaufbau wird ein kleines Kind für kurze Zeit von seiner Mutter verlassen, indem sie aus dem Raum geht. Die verschiedenen Bindungsstile lassen sich anhand der Reaktion des Kindes bei der Rückkehr der Mutter ablesen: Verfügt das Kind über eine sichere Bindung, drückt es zwar seinen Schmerz über die Abwesenheit der Mutter frei aus, lässt sich aber von einer anderen Person trösten und freut sich, wenn seine Mutter schließlich wieder den Raum betritt. Bei einer unsicheren Bindung reagiert das Kind mit einer Überbetonung entweder des einen (Verbindung) oder des anderen Aspektes (Distanz): Bei unsicherer Bindung kann das Kind die Bezugsperson nicht ohne größten Schmerz gehen lassen, klammert sich an sie und bleibt auch bei ihrer Rückkehr untröstlich. Bei unsicher-vermeidender Bindung versucht das Kind erst gar keine Verbindung einzugehen und reagiert desinteressiert bei Weggehen und Wiederkommen der Bezugsperson. Aber nur vermeintlich, denn die Studien zeigen wie bei den sicher gebundenen Kindern auch bei diesen eine hohe Ausschüttung an Stresshormonen. Im Gegensatz zu den trostsuchenden und getrösteten Kindern werden bei ihnen die Stresshormone aber nicht wieder abgebaut.

In Jahrzehnten weiterer Arbeit von Forschern wurde die Bindungstheorie seither verfeinert, präzisiert und weiterentwickelt.

Die Zuversicht, dass eine geliebte Bezugsperson nach einer schmerzlichen Abwesenheit zurückkehrt – dass also die Mitmenschen und damit auch die Welt im Prinzip vertrauenswürdig und zuverlässig sind –, entwickelt sich dabei gerade in einer tiefen emotionalen Nähe und im »feinfühligen« Beantworten der kindlichen Bedürfnisse. Genauer: Die Kinder dürfen und können ihre eigenen Gefühle wie Freude und Schmerz empfinden und ihre Nähe- und Schutzbedürfnisse ausdrücken. Diese werden dann von der Bezugsperson verstanden, richtig gedeutet und adäquat beantwortet und erfüllt. So entsteht Urvertrauen. Dieses wiederum gibt genug Kraft und Zuversicht, um Getrenntsein und Abwesenheiten zu ertragen. Und auch, um dieses Getrenntsein bewusst in Kauf zu nehmen, um seine Umwelt zu erkunden. So hängt das Bindungsverhalten entwicklungsbiologisch direkt mit dem Explorationsverhalten zusammen: Kinder erlernen die Welt, indem sie sie erkunden und erforschen. Diese Welterfahrung bedeutet immer, sich aus dem vertrauten Radius der schutzgebenden Bezugspersonen herauszuwagen. Sicher gebundene Kinder sind an ihrem Spielverhalten zu ­erkennen. Sie sind neugierig, experimentierfreudig und frustrationstolerant. Sie wenden sich mit Interesse ihrer Umwelt zu, sie erkunden ihre Umgebung, wagen sich an neue und herausfordernde Aufgaben heran. Und wenn sie sich zu weit herausgewagt haben, kehren sie in den Schoß der Bindungsperson zurück, tanken Kraft und wagen sich von dort aus aufs Neue in die Welt.

Im Licht der Digitalisierung betrachtet gibt es also einige Aspekte der Bindungstheorie, die von besonderer Bedeutung sind:

1. Eine sichere Bindung besteht gerade dann, wenn beides souverän und mit innerer Sicherheit und Gelassenheit möglich ist: sowohl das Zulassen und Eingehen von emotionaler Verbundenheit als auch das Aushalten von Abwesenheit und Trennung von der Bindungsperson. Das Gelingen von Bindung liegt also im souveränen Wechsel von Verschmelzung und Abgrenzung.

Auf die Herausforderungen der Digitalisierung übertragen bedeutet dies: Mediensouveränität braucht ebenfalls den souveränen Wechsel zwischen Einlassen und Abgrenzung. Digitale Kompetenz bedeutet, eigenverantwortlich zwischen den Zuständen »On« und »Off« hin- und herwechseln zu können. Es bedeutet nicht, sich digitalen Medien gänzlich zu versagen, sondern sich ihnen gut wieder entziehen zu können. Eine sichere Bindung ist eine gute Voraussetzung dafür, dass einem diese gesunde und gute Mediennutzung gelingt.

2. Das Bindungssystem wird vor allem in unsicheren Situationen aktiviert. Die Studien zur »fremden Situation« zeigen, dass dies nicht nur bei Kindern, sondern auch noch im Erwachsenenalter der Fall ist. Erwachsene suchen in unsicheren Situationen und Zuständen ebenso die Nähe ihnen vertrauter Menschen.16 Das deckt sich mit den Ergebnissen der Vaillant-Studie, nach der gerade ein gutes Netzwerk an emotional nahen Verbindungen einen Menschen glücklich und resilient werden lässt.

Auf die Herausforderungen der Digitalisierung übertragen bedeutet dies: Grundlegende Umwälzungen, wie sie sich im Zuge der Digitalisierung und durch den digitalen Wandel vollziehen, markieren eine Zeit großer Veränderungen und Unsicherheiten, die mit einer gesellschaftlichen »fremden Situation« vergleichbar sind. In Zeiten gesellschaftlicher Unsicherheiten suchen die Menschen Orientierung, Sicherheit, Bindung und Selbstversicherung. Wenn die gesellschaftliche Kohäsion in Krisenzeiten nicht stark genug ist, finden einfache und schnelle Lösungs- und Identitätsangebote populistischer Strömungen einen fruchtbaren Nährboden. Eine gute gesellschaftliche Bindung, Zusammengehörigkeit und Gemeinschaftlichkeit stärken hingegen eine Gesellschaft, sodass die Menschen auch in Zeiten starker Veränderung wie dem digitalen Wandel Ruhe und Zuversicht bewahren können und weniger anfällig für Beeinflussung sind.

3. Eine gute und sichere Bindung hängt direkt mit unserem Explorationsverhalten zusammen und hat positiven Einfluss auf unser Erkundungsverhalten. Je sicherer und verbundener wir uns fühlen, umso zuversichtlicher können wir mit ständigen Veränderungen und Reorganisationen umgehen.

Auf die Herausforderungen der Digitalisierung übertragen bedeutet dies: In Zeiten großer gesellschaftlicher Veränderungen und neuer Herausforderungen wie der Digitalisierung brauchen wir Mut, Neugierde, Experimentierfreude und Zuversicht, um neue Lösungen zu entwickeln und die anstehenden Transformationsprozesse bewältigen zu können. Wir brauchen Vertrauen, um uns aus unseren Komfortzonen der Vertrautheiten herauswagen zu können. Wir können sagen: Trost und Weltoffenheit gehören zusammen.

Medienresilienz als individuelle und gesellschaftliche Aufgabe

Zusammengefasst bedeutet das: Zwischen den Erkenntnissen der Bindungsforschung und dem, was ich Medienresilienz und souveräne Mediennutzung nenne, gibt es auffällige Parallelen. Auch eine souveräne Mediennutzung gelingt nur im reflektierten und selbstverantwortlichen Wechsel von beiden Zuständen: der Fähigkeit, sich einzulassen einerseits, und der Gabe, sich abgrenzen zu können andererseits. Sie gelingt nur durch selbstsicheres Beherrschen von »On« und »Off«. Wenn man sich diese beiden Zustände als Kippschalter im menschlichen Verhaltensrepertoire vorstellt, so ist es unsere Aufgabe, diesen zu trainieren. Dies gelingt nur in der Übung, zwischen den beiden Zuständen hin und her zu wechseln.

Den Gebrauch digitaler Medien rundweg abzulehnen oder zu verteufeln und jegliche Medien aus Kinderzimmern, Schulen, Arbeit und Gesellschaft zu verbannen, ist keine Lösung. Das verantwortliche Umschalten von »An« auf »Aus« und wieder zurück kann nur erlernt werden, wenn beide Zustände erlaubt und möglich sind und damit geübt und beherrscht werden können.17

Die Erkenntnisse lassen sich auch auf gesellschaftliche Zusammenhänge übertragen: Als Gesellschaft leben wir ebenfalls in einem Spannungsfeld, das durch die Globalisierung aus dem Lot gebracht worden ist, zwischen Entfremdung und Geborgenheitssehnsucht.

Wie also fangen wir gesellschaftlich die fortschreitende Entfremdung auf? Kann uns auch auf gesellschaftlicher Ebene eine gute Taktung von Entfremdung und Vertrautheit gelingen? Wäre das nicht ein weiteres Kriterium einer resilienten digitalen Gesellschaft?

Die zentralen Fähigkeiten und Kompetenzen, die wir für einen souveränen Umgang mit digitalen Medien, für ein selbstverantwortliches Handeln in einer digitalen Gesellschaft brauchen, werden uns durch eine gute und sichere Bindung zur Verfügung gestellt. Indem wir gesellschaftliche Verbindung und soziale Kohäsion fördern, bereiten wir die Gesellschaft gut auf die Herausforderungen des digitalen Wandels und der Globalisierung vor.

Die Digitalisierung ist dabei ein paradoxer Faktor. Eine digitale Infrastruktur ist zwar Treiber der Entfremdung, kann aber auch das Gefühl von Verbundenheit fördern. Die Verbindung zu anderen herzustellen, erfüllt uns mit Wärme – und mit einer »Hormondusche«, die unser soziales Bestreben belohnt. Das sogenannte Kuschelhormon Oxytocin wird in zwischenmenschlich nahen Situationen ausgeschüttet, es beeinflusst die Geburt, das Zusammensein von Liebespartnern und allgemein soziale Interaktionen. Der amerikanische Neuroökonom Paul Zak18 bringt Oxytocin in Zusammenhang mit Moral, Vertrauen und Empathie. Sich umarmen, tanzen, anderen nahe sein – es gibt viele Möglichkeiten, sich mit Menschen zu verbinden, sagt er. Und soziale Medien sind offenbar eine davon. Er untersuchte Probanden, während sie aktiv in sozialen Medien waren, und stellte bei ihnen einen zweistelligen Anstieg von Oxytocin und den gleichzeitigen Abfall von Stresshormonen fest.19 Es ist das wohlige Gefühl, vertrauten Menschen nahe zu sein, das sich hier ausdrückt – und dazu können auch soziale Medien beitragen.

Allerdings ist mit der Nutzung von Twitter, WhatsApp und Facebook eine wohltuende »Hormondusche« keineswegs garantiert. Wenn die Probanden sich während der Untersuchung inmitten eines Shitstorms oder in den Tiefen von Schmäh- und Hasskommentaren befunden hätten, wäre das Studienergebnis sicher anders ausgefallen. Die dunklen und destruktiven Seiten des sozialen Miteinanders finden in sozialen Medien ebenso ihren Weg zum Gegenüber.

Die feine Waage zwischen Gut und Böse, zwischen Nähe und Distanz, zwischen einander fremd werden und einander nahkommen müssen wir Nutzer selbst herstellen. Das können wir nicht an die digitale Technik auslagern. Diese Aufgabe besteht auf beiden Ebenen und muss auf beiden Ebenen geleistet werden: Der Einzelne muss diese Waage halten können. Aber als Gesellschaft müssen wir das auch tun.

Kontakt und Bezug

Rosellasittiche pflegen sie, ebenso wie Komorenbuschsänger und Kaiserpinguine: Kontaktrufe sind im Tierreich weit verbreitet. Deutlich sind sie bei den jährlich vorbeiziehenden Kranichschwärmen zu hören. Auch zwischen der Füchsin und ihren spielenden Welpen werden sogenannte Stimmfühlungslaute getauscht. Unsere Verwandten, die Affen, stabilisieren mit Kontaktrufen das soziale Gefüge der Gruppe.

Die Kontaktrufe signalisieren: »Ich bin hier.« Zugleich steckt in dem Stimmfühlungsruf auch die Frage: »Wo bist du?« – und das Warten auf Antwort. Die Kontaktrufe dienen also zugleich der Selbstvergewisserung wie auch dem Halten und Wiederherstellen des Kontaktes zu anderen. Auf berührende und irritierend menschelnde Weise hat das Konrad Lorenz, der Altvater der klassischen Verhaltensforschung, in seinem Bericht über das »Gänsekind Martina« beschrieben, das in ihm seine Gänsemutter sah: »Martina empfing mich beglückt grüßend: Wiwiwiwiwiwi. Es wollte kein Ende nehmen vor Erleichterung darüber, daß sie nicht mehr bei Nacht und Nebel allein war.«20

Stimmfühlungslaute erhalten im Tierreich den sozialen Kontakt mit Artgenossen und fördern die Gruppenbildung. Sie dienen vor allem in unübersichtlichen Lebensräumen dazu, den Partner oder die Gruppenmitglieder über den eigenen Aufenthalt zu informieren, sie nicht aus den Augen und den Ohren zu verlieren.

Unsere digitale Kommunikation über soziale Medien funktioniert ganz ähnlich. Auch unsere vielen kleinen Nachrichten sind Kontaktrufe. Wir sagen damit: »Ich bin hier« und fragen: »Bist du auch da?« Und wie wohlig es uns durchströmt, wenn wir dieses kleine Blinken sehen, das Pulsieren im Herzschlagtakt, das uns anzeigt: Wir haben Antwort, wir leben. Das kleine Geräusch, ein Brummen oder Vibrieren, das wir auch durch Hand- und Hosentaschen hindurch spüren, dieser Stimmfühlungslaut, der anzeigt, dass wir beantwortet werden. Dass jemand an uns denkt. Dass wir nicht alleine sind, nicht in der Waldlichtung und nicht in der Welt.

Kontaktrufe im Netz

In der Anfangszeit der Plattform Twitter wurde diesem neuen Medium vorgeworfen, dass es doch nur belangloses Geschwätz sei, das dort verbreitet würde, und keine hochwertigen Qualitätsinformationen. Das war und ist ein Missverständnis: In sozialen Medien geht es nicht um Information, sondern um Bindung, um Gespräch und Kontakt. Wenn man so will, geht es in der Kommunikation in sozialen Medien um Stimmfühlung. Es ist eine Möglichkeit, im unübersichtlichen Lebensraum der globalisierten und digitalisierten Welt mit den anderen verbunden zu bleiben und sich einander zu versichern. Es ist ein Versuch, die schmerzlich empfundene Spaltung zu überbrücken.

Darauf ist der Erfolg der sozialen Medien zurückzuführen. Es gelingt ihnen unvergleichlich gut, eine Grundschwingung von Kommunikation und Verbindung zwischen Menschen aufrechtzuerhalten. Die digitale Infrastruktur, die uns heute zur Verfügung steht, kann auch über große Distanzen Kontakt herstellen. Hier sind wir mit unseren Kontaktrufen nicht auf die Hörweite eingegrenzt und können die Möglichkeiten der Globalisierung nutzen, um uns die Welt wieder ein wenig klein und vertraut zu machen.

Das Internet adressiert das menschliche Bedürfnis nach Bindung und Bezug. Das ermöglicht uns tatsächlich, Distanzen zu überwinden. Wir können mit den Enkeln auf anderen Kontinenten skypen. Wir können zwischen verschiedenen Städten alltägliche Vertrautheit herstellen. Wir können uns im digitalen Raum mit Gleichgesinnten zusammenfinden. Wir können transnationale Konferenzen abhalten, ohne reisen zu müssen. Wir können mit Kollegen in Übersee chatten und unser Wissen in Sekundenbruchteilen mit der ganzen Welt teilen. Wir können uns mitteilen und austauschen.

Plattformen triggern den sozialen Suchimpuls

Dies ist die zutiefst soziale Seite der sozialen Medien. Das ist gut und wichtig. Die meisten sozialen Medien sind aber privatwirtschaftliche Unternehmen, zumeist an Börsen notiert und somit auf Profitabilität ausgerichtet.

Und hier wird die Sache schwierig. Denn was auf der einen Seite eine verbindende, sozialstärkende, gesellschaftliche Wirkung hat, kann auch unheilige Kräfte entfalten. Unternehmen haben ihren legitimen Zweck, die Gewinne zu maximieren. Also monetarisieren sie den beschriebenen sozialen Suchimpuls, der die Menschen ins Netz zieht: Um mehr Werbe- und Anzeigenkontakte generieren zu können, gestalten sie das Umfeld und die Algorithmen so, dass die Nutzer möglichst lange auf ihrer Plattform verweilen. Und dies geschieht nicht nur mittels Informationen, sondern vor allem mit Emotionen. Je emotionaler und empörter die Nutzer sind, umso länger bleiben sie. Und Verweildauer ist die zentrale Währung in einem monetarisierten digitalen öffentlichen Raum. Wer zum Beispiel bei YouTube den »Autoplay« nicht ausschaltet, bekommt immer weiter auf seine Emotion und Empörung zugeschnittene Videobeiträge zu sehen, die allmählich immer extremer werden. Gerade auf die politische Meinungsbildung im Netz hat dies einen unseligen Einfluss.

Zur Hilfe kommt den Plattformen dabei gerade das soziale Bedürfnis, das Menschen zur Kommunikation zieht. Denn der soziale Suchimpuls öffnet auch Tür und Tor zu sozialer Nötigung. Mit der technischen Möglichkeit der ständigen Verbundenheit erwacht auch eine ganz archaische Urangst in uns: die schon beschriebene Furcht davor, alleine und zurückgelassen in der Waldlichtung aufzuwachen. Diese Urangst verbindet heute Jugendliche, die Sorge haben, die entscheidende WhatsApp-Nachricht zu verpassen, mit Arbeitskräften, die am Wochenende auf die E-Mails einer Vorgesetzten antworten. Beide haben Angst, abgehängt und vergessen zu werden. Das erklärt den starken Sog, der von sozialen und digitalen Medien ausgeht. Sich dem zu entziehen ist sehr schwer und gelingt umso besser, je souveräner und sicherer man in sich selbst ruht.

Wirtschaftsunternehmen sind ihren Aktionären verpflichtet und nicht einer mündigen, souveränen digitalen Öffentlichkeit, die sich auch entziehen kann. Nutzer, die sich im Sinne einer sicheren Bindung souverän dem digitalen Sog entziehen können, sind der Albtraum der privatwirtschaftlichen Plattformen. Um uns Nutzer auf den Plattformen zu halten, wird dieser Sog also verstärkt, indem die sozialen Ängste gezielt geschürt werden. »Während du weg warst, haben deine Freunde dies und das gemacht«, heißt es dann. Oder: »Das hast du verpasst, als du weg warst.« Oder auch in reinster Verlorener-Sohn-Metaphorik: »Kehre zu Facebook zurück!«

Wie nun können wir in diesem Umfeld einen guten Nährboden für einen gesunden und konstruktiven digitalen öffentlichen Raum schaffen?

Zum einen wäre es förderlich, mehr zivilgesellschaftliche Alternativen im digitalen Raum zu haben. Der digitale öffentliche Raum wird fast ausschließlich von großen Monopolisten beherrscht: Google, YouTube, Facebook, Amazon bestimmen derzeit, was digital öffentlich sichtbar werden darf. Allein Wikipedia ragt im Rang der meistgeklickten Websites als einzige nichtkommerzielle und werbefreie öffentliche Referenzquelle heraus.

Alternative soziale Plattformen, die nicht der Wirtschaftlichkeit, sondern dem Gemeinwohl verpflichtet sind, wären einer guten digitalen Gesellschaft sicher zuträglich. In der Pflicht sind da tatsächlich wir alle – die Gesellschaft, die sich darauf verständigen muss, was wir als Gemeingut definieren und als solches behandelt haben wollen. Warum nicht definieren, dass Kommunikation, Information und Wissen Gemeingut sein sollten?

Zum anderen lässt sich eine Instrumentalisierung des digitalen Kommunikationsraumes durch mündige Nutzer, die sich in diesem souverän und selbstbestimmt bewegen, eingrenzen. Das bedeutet, den sozialen Impuls und die eigenen Emotionen und Sehnsüchte durchaus ernst zu nehmen. Die Bildung neuer Gemeinschaften im Digitalen ist ein großer Schatz. Im-Gespräch-Bleiben und In-Verbindung-Sein schaffen Nähe und Vertrautheit und wirken gemeinschaftsbildend. Zugleich aber ist die Fähigkeit, sich entziehen und auch etwas verpassen zu können, eine zentrale digitale Kompetenz für eine Mediensouveränität.

Das Internet zwingt uns, erwachsen zu werden, auch ganz im Sinne der Bindung: Wir müssen uns einlassen können und uns auch wieder entziehen können, ohne uns vergessen oder ungeliebt zu fühlen.

Die Rückkehr der Mündlichkeit
Narration – Geschichten, die uns mit der Welt verbinden

Wir stehen auf einem französischen Flohmarkt und sehen uns ein silbernes Fischbesteck an. Die Dame erzählt uns, dass es aus dem alten Grand Hotel am Hafen des Nachbarortes stammt, das im vergangenen Jahr schließen musste. Wir halten das Fischmesser in der Hand, und vor unseren Augen sehen wir ein majestätisches Haus in verwittertem Granitgrau und erhabener Größe. Wir sehen eine Terrasse, auf der man den Fisch mit Blick auf den Hafen elegant mit Silberbesteck zerteilt, das Salz auf der Haut, das ferne Kreischen der Möwen im Ohr.

Was kaufen wir mit diesem Fischbesteck? Wir erwerben nicht nur das Silber. Mit der Sache kaufen wir auch die Geschichte. Wir eignen sie uns an, wir machen sie zu einem Teil unserer eigenen Geschichte. Wenn wir aus dem Urlaub wieder nach Hause fahren, gibt man auch dieser Geschichte ein Zuhause und lässt das Grand Hotel und das Meer bei sich weiterleben. Wir brauchen Geschichten, um uns mit der Welt zu verbinden.

Vor der Moderne, mit der das 20. Jahrhundert einsetzte, gab es noch große Geschichten und Kontexte, in denen man sich geborgen und zu Hause fühlen konnte. Auch wenn der Platz, den einem die Gesellschaft zuwies, nicht immer angenehm war, so hatte doch alles Bezug und Ordnung. Die Religion gab mit ihren strengen Kodizes Orientierung. Die mittelalterlichen Bildsymboliken waren allgemeingültig und für jedermann leicht zu entschlüsseln. Klassen ermöglichten der Gesellschaft eine horizontale Zuordnung, deren Mitglieder einander zugehörig waren. Die Klassen waren in einer vertikalen Achse übereinandergeschichtet. Arbeiter, Bürgertum, Adel, alles hatte seinen Platz und war doch aufeinander bezogen.

Der »tolle Mensch«, der 1882 in Friedrich Nietzsches »Fröhlicher Wissenschaft« mit einer Laterne durch die Gassen zieht, ruft sein viel zitiertes »Gott ist tot!«. Aber nicht – wie man meinen könnte – triumphierend. Im Gegenteil, klagend zieht er durch die Stadt, verzweifelt über den verloren gegangenen Zusammenhang: »Wohin ist Gott? […] Wir haben ihn getötet, – ihr und ich! Wir alle sind seine Mörder! […] Was thaten wir, als wir diese Erde von ihrer Sonne losketteten? […] Wohin bewegen wir uns? Fort von allen Sonnen? Stürzen wir nicht fortwährend? […] Giebt es noch ein Oben und ein Unten?«21

Ein verlässliches Oben und Unten gibt es nicht mehr, jeder muss sich in der modernen Welt mit seiner eigenen Laterne Licht und einen Reim auf die Welt machen.

Wie Nietzsches toller Mensch den Tod Gottes anruft, so konstatiert Jean-François Lyotard in seiner Studie »Das postmoderne Wissen« 1979 (also etwa hundert Jahre später) das Ende der »großen Erzählungen«. In der postmodernen Zeit ist der Mensch als Individuum auf sich selbst zurückgeworfen und muss sich mit eigenen kleinen Erzählungen über Wasser halten. Die Vielgestaltigkeit und Zersplitterung der Wahrheiten und Wissensinseln sind ein gutes Bild für unsere heutige digitale Wissensgesellschaft. Damals, 1979, zehn Jahre, bevor Tim Berners-Lee mit dem Hypertextprotokoll das World Wide Web erfand, schilderte Lyotard, dass diese vereinzelten Wissensinseln nur von mutigen Admiralen einzeln angesteuert werden können, dass es keinen »Metadiskurs« gibt, der alle Diskurse unter sich vereinen könnte. Der Admiral, der navigiert und zwischen Wissensinseln hin und her surft, war also schon da, bevor es das Internet gab.

»Wer braucht schon eine große Erzählung?«, mag man fragen. Aber die Sehnsucht nach Bindung, Verbundenheit, Zusammengehörigkeit ist ein menschliches Grundbedürfnis. Wir wollen Teil einer Geschichte sein, uns einem Narrativ zugehörig fühlen. Das gibt uns Identität und Halt. Fehlt das, wird dieses Fehlen einer gesellschaftlich verankerten trost- und heimatgebenden Erzählung zu einer höchst politischen Sache mit größter Sprengkraft.

»I’m a character in it«, sagte mir stolz ein Bewohner eines französischen Dorfes, in dem jährlich Mittelalterfestspiele stattfinden. Innerhalb der Stadtmauern gehen alle auf eine Zeitreise in eine Epoche ohne Elektrizität und Autos. Die Einwohner kleiden sich alljährlich in Kostüme und schlüpfen in mittelalterliche Rollen. Mit bemerkenswertem Stolz berichten sie davon und man merkt: Das hat mit dem Mittelalter nichts zu tun. Was diese Menschen mit Stolz erfüllt, ist, eine Rolle zu spielen, Teil einer Geschichte zu sein und das Gefühl zu haben, dass das eigene Dasein zählt.

Viele Jugendprojekte funktionieren erfolgreich nach diesem Prinzip: In einem Sommerlager leben Kinder und Jugendliche in der Stadt im Kleinen, in der jeder über Wochen eine Aufgabe und Rolle bekommt: backen, Geld drucken, Lagerfeuer bewachen, lokale Presseberichte schreiben. Auch ansonsten sozial benachteiligte Menschen blühen bei solchen Projekten auf. Der Afrika-Cup wird – selbstorganisiert und in kleinem Maßstab – als »Coupe d’Afrique des Nations des quartiers« in einem Pariser Vorort nachgespielt, in dem die einzelnen Nationalmannschaften aus den multikulturellen quartiers abseits der Touristenviertel rekrutiert werden.

Wenn wir nach einer resilienten Gesellschaft fragen, müssen wir auch fragen: Spielen die Menschen darin eine Rolle? Welcher Geschichte können sie sich zugehörig fühlen? Was machen jene, die nicht Teil einer wettbewerbsorientierten Erfolgsgeschichte sein können? Welche Rolle bleibt für sie übrig? Zählen sie noch? Gibt es in der großen Erzählung eine Rolle für sie?

Das Bedürfnis der Menschen nach einem Narrativ, dem sie sich zugehörig fühlen, ist umso bedeutsamer, je weniger verlässliche Kontexte es gibt, je zersplitterter die Gesellschaft ist. Jeder extremen oder populistischen Gruppierung ist dies bewusst, und sie instrumentalisiert genau dieses Bedürfnis. Der Mechanismus ist, den Menschen Anschluss und Bindung an eine Geschichte zu geben – und dabei Verlierergeschichten in solche von Größe und Bedeutung zu verwandeln.

Die Menschen in Ostdeutschland haben nach der Wende Freiheit und Konsum bekommen, aber ihre eigene Geschichte verloren. Welche Rolle spielen sie nun in Gesamtdeutschland? Alle mussten sich selbst neue Rollen suchen. Manchen ist der Rollenwechsel gelungen, manchen nicht. Wem er gelungen ist, ist oft gen Westen gezogen und hat dort sein Glück gesucht. Die anderen blieben ohne Geschichte zurück.

Rechtspopulisten bieten den nicht Ausgewanderten, in Ostdeutschland Gebliebenen ein wohliges Narrativ, eine Identität, die man sich nicht erst mühsam selbst aufbauen und entwickeln muss. Sie ist bezugsfertig. Schon hat man Anschluss an etwas Großes, ist Teil von etwas Großem.

Marine Le Pen beschwört in Frankreich die »Grande Nation« und bietet Franzosen einen nationalen Traum von Größe. Auch die Salafisten rekrutieren ihre Anhänger, indem sie an genau dieses Bedürfnis und den Mangel anschließen: Sie bauen über soziale Netzwerke persönliche Bindungen auf und bieten ein Narrativ der Größe und Bedeutung. Diese radikalisierten jungen Menschen aus den sozial und wirtschaftlich abgehängten, von der großen gesellschaftlichen Erzählung ausgeschlossenen Vororten sprengen sich dann auf Europas Plätzen als Selbstmordattentäter in die Luft – und das für die Aussicht, zu unsterblichen, grandiosen, im Jenseits mit Glück und Jungfrauen belohnten Helden zu werden. Was ist das anderes als das Versprechen auf eine Hauptrolle in einer makabren Heldengeschichte?

Diese Mechanismen funktionieren umso besser, je mehr einer Gesellschaft gemeinschaftsstiftende Geschichten und Narrative fehlen oder abhandengekommen sind. Es ist, als gäbe es ein Identitätsvakuum, das danach ruft, gefüllt zu werden.

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Дата выхода на Литрес:
17 декабря 2025
Объем:
200 стр.
ISBN:
9783843612920
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