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Sabine Kalkowski
Die drei Steine der Macht
Originalsausgabe 2013
© MARLON 2013
Ein Imprint der Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH
Gutenbergstr. 1, 47443 Moers
www.marlon-verlag.de
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2013
ISBN 9783943172379
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Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Prolog
Teil 1 Der Hundertjahrezauber
Kap. 1: Die eine Wirklichkeit
Kap. 2: Die andere Wirklichkeit
Kap. 3: Kleider machen Leute
Kap. 4: Liebe geht durch den Magen
Kap. 5: Die andere Art der Fortbewegung
Kap. 6: Verräterische Ohren
Kap. 7: Die Furt
Kap. 8: Ein hoher Preis
Kap. 9: Vergebliche Vorsicht
Kap. 10: In der Falle
Kap. 11: Über Stock und Stein
Kap. 12: Altseeburg
Kap. 13: Der Hundertjahrezauber
Teil 2 Die Dracheninsel
Kap. 14: Die Suche beginnt
Kap. 15: Anhaltspunkte
Kap. 16: Sturmvogel
Kap. 17: Angeheuert
Kap. 18: Segel setzen
Kap. 19: Der Große Markt
Kap. 20: Piraten in Sicht
Kap. 21: Die Dracheninsel
Kap. 22: Hilfsmittel eines Diebes
Kap. 23: Wächter des Steins
Kap. 24: Der Stein der Macht
Kap. 25: Duft der Freiheit
Kap. 26: Heimat in Sicht
Teil 3 Der Wald der Schatten
Kap. 27: Land in Sicht
Kap. 28: Wahre Geschichten
Kap. 29: Einsame Wildnis
Kap. 30: Das Dorf der Toten
Kap. 31: Schneesturm
Kap. 32: Der Wald der Schatten
Kap. 33: Die Lichtung
Kap. 34: Das Himmelsvolk
Kap. 35: Agilwardus
Teil 4 Die Steine der Macht
Kap. 36: Der Auserwählte
Kap. 37: Die unbeantwortete Frage
Kap. 38: Dreifuß´ sechster Sinn
Kap. 39: „Sie ist weg!“
Kap. 40: Noch rechtzeitig gefunden
Kap. 41: Der letzte Kampf
Kap. 42: Die heilige Grotte
Kap. 43: Der unberechenbare Zauber
Prolog
Mit einem Ruck erwachte die alte Frau aus ihrem unruhigen Schlaf. Die gesamte Höhle leuchtete in einem goldenen Licht.
Es war wieder so weit.
Der Zauber hatte abermals einen Menschen auserwählt, um die drei Steine der Macht zu finden und zurückzubringen. Sie waren vor eintausend Jahren von drei Brüdern aus der heiligen Grotte gestohlen worden. Irgendwo auf dieser Welt würden die Steine nun ebenfalls aufleuchten und den Dieben verraten, dass die Suche erneut begonnen hatte.
Sie richtete sich mühsam auf, ignorierte das Reißen im Rücken und schob ihre Füße in die Schuhe vor ihrem Bett. Vor über zweihundert Jahren hatte der Geist der Weisen Magna von diesem Körper Besitz ergriffen. Nun war er alt, verbraucht und ausgehöhlt. Die Zeit des Übergangs nahte, sie fühlte es und war dankbar.
Die Mädchen waren bereit. Eine von ihnen würde das neue Gefäß der Weisen Magna, Hüterin der Steine der Macht, werden. Wenn die Suche vorüber war. Solange musste sie durchhalten, denn der Übergang brauchte ihre gesamte Kraft und Konzentration, die sie jetzt aber auf den Auserwählten gerichtet halten musste.
Ächzend erhob sie sich und ging langsam, einen Fuß vor den anderen setzend, in die heilige Grotte. Das goldene Licht, das von dem leeren Schrein ausging, pulsierte in dem Herzschlag eines Menschen. Schon begann es langsam zu verblassen.
Zweimal hatte sie in diesem Körper den Tod des Auserwählten gefühlt und siebenmal in den anderen Körpern davor. Würde es diesmal gelingen, oder würden sich die Brüder wieder als stärker erweisen?
Still wie eine Statue stand sie da und blickte auf das ersterbende Licht. Sie spürte das Pulsieren in sich. Bald würde sie es erfahren.
Teil 1
Der Hundertjahrezauber
Die eine Wirklichkeit
Abrupt wurde Max Anders von dem schrillen Piepton seines Weckers aus dem Schlaf gerissen. Das Gesicht zur Grimasse verzogen, tastete Max in der Dunkelheit nach dem Knopf, der ihn von diesem schrecklichen Geräusch erlösen würde.
Geschafft.
Mit einem Seufzer ließ Max den Kopf zurück auf das Kissen sinken. Irgendwann bekam er noch mal vor lauter Schreck einen Herzinfarkt. Und das sollte die nächsten vierzig Jahre so weitergehen? Er war ja froh, dass er gleich nach seinem Studium einen Job bekommen hatte, aber irgendwie hatte er sich das Arbeitsleben etwas anders vorgestellt. Mit seinen 27 Jahren war er zwar nicht der Jüngste in der Firma, aber es war trotzdem schwer sich durchzusetzen, da ihm einfach noch die Erfahrung fehlte. Und dann dieser Umgangston. War das normal?
Warum nur musste er beim Aufladen helfen? Warum war das nicht gestern Abend erledigt worden? Immer lief in der Tischlerei, in der er arbeitete, alles so kreuz und quer.
Bevor ihm die Augen wieder zufallen konnten, machte er Licht und setzte sich auf. Der Wecker zeigte 4:00 Uhr an. Eine unmenschliche Zeit. Definitiv nicht zum Aufstehen geeignet. Er fuhr sich mit den Fingern durch die Haare und stöhnte leise. Sein Körper schrie nach Schlaf und gab ihm deutlich zu verstehen, dass er mehr als nur eine Tasse Kaffee brauchen würde, um in die Gänge zu kommen.
Max versuchte sich daran zu erinnern, was er geträumt hatte, bevor er hatte aufwachen müssen. Irgendetwas von Türen, die zu groß für die Öffnung waren, in die sie eingebaut werden sollten. Er träumte immer solche Dinge, wenn ein Auftrag in die Montagephase kam. Müde schob er die zerknüllte Decke zur Seite, stand auf und schlurfte ins Bad. Sein Spiegelbild sagte ihm, dass er genauso kaputt aussah, wie er sich fühlte.
Max quetschte den letzten Rest aus der Zahnpastatube auf die Bürste. Seine grün-braun gesprenkelten Augen fielen ihm immer wieder zu, während er sich die Zähne schrubbte. Dann versuchte er seine braunen Haare, die wie jeden Morgen in alle Richtungen abstanden, halbwegs in Form zu bringen. Es wurde mal wieder Zeit, dass er zum Friseur ging.
Vielleicht heute, auf jeden Fall würde er pünktlich gehen. Hoffentlich.
Das Auto sprang erst beim zweiten Versuch an.
„Reiß dich zusammen!“, sagte Max zu seinem alten Golf. „In zwei Wochen ist die Jahresinspektion, bis dahin musst du durchhalten!“
Ihm entging allerdings das seltsame Rasseln nicht, das gestern irgendwie noch nicht da gewesen war.
In der Firma war bereits Licht. Die ersten Elemente lagen schon auf dem LKW, und eine Stunde später fuhr der Laster dann wie geplant los. Max beschloss, sich dies rot im Kalender anzustreichen, denn normalerweise kam der Zustand ´planmäßig` in dieser Firma nicht vor.
Der Rest des Tages verlief dann allerdings alles andere als planmäßig. Max´ Hoffnungen, pünktlich nach acht Stunden das Gelände verlassen zu können, wurden zunichte gemacht, noch bevor er seinen Computer richtig hochgefahren hatte. Wie so oft kam der Chef ins Büro gestürmt, eine Skizze in der Hand. Er bräuchte diese ganz dringend als Zeichnung und die Kostenkalkulation dazu. Die Einwände, dass die Planung für den aktuellen Auftrag heute fertig werden müsste, wurden komplett ignoriert. „Nicht aufregen“, dachte sich Max. „Bloß nicht aufregen!“ Er atmete tief durch, ein und aus, ein und aus. Dann holte er sich aus der untersten Schublade seines Schreibtischs die Tafel Schokolade für den Notfall, stopfte sich drei Stücke auf einmal in den Mund und lutschte sie langsam auf. Er seufzte. Den pünktlichen Feierabend konnte er wohl vergessen. Wieder einmal. Resigniert holte er sich noch eine Tasse Kaffee und begann mit der Arbeit.
Am frühen Nachmittag kam der Chef wieder ins Büro gerannt. Der Architekt vom derzeitigen Auftrag bräuchte dringend die Planung zur Freigabe, die sollte doch schon längst fertig sein. Max holte tief Luft, um nichts Unüberlegtes zu sagen, und gab seinem Chef die Zeichnung und die Kalkulation, die er ja so dringend brauchte.
„Ich bin dabei!“, meinte Max.
Der Chef schaute auf das Papier in seiner Hand.
„Das hätte doch warten können, der Auftrag ist wichtiger, das habe ich Ihnen doch gesagt, Herr Anders!“
Wieder einmal fehlten Max die Worte bei dieser Dreistigkeit, ob dieser Kerl überhaupt noch schnallte, was er manchmal von sich gab?
„Ich mache es heute noch fertig“, sagte er brav.
„Gut. Legen Sie es mir auf den Tisch, ich will es mir vorher noch mal ansehen. Ich faxe es dann selbst weg.“
Und raus war er. Die Tür fiel hinter ihm krachend ins Schloss. „Na hoffentlich“, dachte sich Max. Allerdings war er sich sicher, dass die Zeichnungen morgen noch genauso daliegen würden. Wie immer.
Ein Blick auf die Uhr. In knapp einer Stunde wäre Feierabend. Theoretisch. Praktisch wohl eher in zwei bis drei Stunden. „Hör auf zu träumen, ran an die Arbeit!“, ermahnte Max sich selbst. Ein weiteres Türschlagen und ein anschließendes Beben, das sich durch den ganzen Bürotrakt bewegte, sagte ihm, dass der Chef das Gebäude verlassen hatte. Mit ein bisschen Glück würde er von weiteren Störungen verschont bleiben.
Um halb vier legte Max mit einem erleichterten Seufzer einen Stapel Zeichnungen auf den Schreibtisch seines Chefs. Nun schnell weg hier, bevor sich noch etwas zwischen ihn und seinen Feierabend stellte. Flink war alles ausgeschaltet und die Brotbüchse in den Rucksack geworfen. Die Sekretärin hatte sich schon längst verkrümelt, und die Werkhalle war ebenfalls leer. Wieso war er immer der Letzte?
Max stellte sich den Geschmack des frischen, heißen Kaffees vor, den er sich gleich zu Hause kochen würde, dazu das Stück von Mutters leckerem Käsekuchen von ihrem gestrigen Geburtstag.
Voller Vorfreude schlug er die Autotür zu, steckte den Schlüssel ins Schloss, drehte ihn und ... nichts passierte. Der Anlasser heulte zwar, aber das Auto sprang nicht an, auch nicht beim zweiten und dritten Versuch. Schließlich gab Max auf. Wütend schlug er auf das Lenkrad. Das konnte doch einfach nicht wahr sein!
Schlecht gelaunt stand Max zwei Stunden später an der Straßenbahnhaltestelle. Er hatte eine halbe Stunde auf den Abschleppwagen warten müssen, und dann hatte sich noch herausgestellt, dass die Reparatur ein paar Tage dauern würde. Das passte ihm überhaupt nicht in den Kram. Dies war jetzt schon die zweite Reparatur in diesem Jahr. Allmählich wurde es wirklich Zeit für ein neues Auto oder zumindest ein nicht ganz so altes.
Die volle Straßenbahn verbesserte seine Stimmung auch nicht gerade. Der Typ, der sich neben ihn gesetzt hatte, stank nach einer Mischung aus ungewaschenen Klamotten, Alkohol, Zigarettenqualm und nach noch irgendetwas, über das sich Max lieber keine Gedanken machte. Während er sich bemühte, nur durch den Mund zu atmen, machte er sich innerlich Notizen, was er noch zu erledigen hatte. Zahnpasta kaufen (der Typ hatte sich bestimmt noch nie die Zähne geputzt!), Bahnverbindung für morgen heraussuchen. Der Friseur würde warten müssen (hoffentlich hatte der Kerl keine Flöhe oder Läuse!).
Max hielt es nicht mehr aus. Er hätte komplett die Luft anhalten müssen, um von dem penetranten Duft seines Nachbarn nichts mehr mitzubekommen. Er stand auf und drängelte sich in Richtung Tür. Der Gestank schien ihm zu folgen, darum stieg er eine Station eher aus und atmete tief durch.
Müde kam Max nach Hause. Der Supermarkt war nicht weniger voll gewesen als die Straßenbahn, und er hatte ganze zwanzig Minuten gewartet, um seine Tube Zahnpasta bezahlen zu können. Viel Zeit bis zum Schlafengehen war nicht mehr. Etwas essen, fernsehen, duschen und ab ins Bett. Was für ein Tag.
Müde ließ Max später den Kopf auf das Kissen sinken. Er rutschte ein paar Mal mit dem Hinterteil hin und her, bis es perfekt in der Kuhle ruhte, die er in monatelanger Kleinarbeit geformt hatte. Er zog die Decke bis zum Kinn, seufzte und schloss die Augen.
Der morgige Tag würde immer noch viel zu früh beginnen, auch wenn er eine Stunde länger als heute schlafen konnte. Laut Fahrplan würde er eine halbe Stunde mit der Bahn brauchen. Und wenn er den Fußweg dazurechnete, musste er schon eine Stunde einplanen. Was für verschwendete Zeit. Vielleicht sollte er zu einer Werkstatt wechseln, wo er immer einen Ersatzwagen bekam. Max drehte sich auf die Seite. Das half ihm momentan auch nicht weiter.
Schließlich schlief er ein.
Die andere Wirklichkeit
Plötzlich bekam Max einen Tritt in die Seite, begleitet von einem zornigen Schrei und gefolgt von einem dumpfen Geräusch, als ob jemand hingefallen wäre.
Noch halb im Schlaf, mit zugekniffenen Augen murmelte Max:
„Raus aus meinem Bett!“
Eine sich beinahe überschlagende Stimme schrie:
„Welches Bett? Du liegst mitten im Weg, du Idiot!“
Die Stimme schien einem älteren Jungen zu gehören. Grundsätzlich sprach er schon in einer tieferen Stimmlage, aber in seiner Wut erreichte er ungeahnte Höhen. Max hörte jemanden, eine Frau der Stimme nach, leise und beruhigend auf den jungen Mann einreden. Er schien sich wieder aufgerappelt zu haben und sich die Kleidung abzuklopfen, während er weiter vor sich hinschimpfte.
Max, immer noch mit geschlossenen Augen, dachte: „Seltsamer Traum, so realistisch!“ Die Seite, in die er den Tritt hineinbekommen hatte, tat weh. Und auch sein Bett fühlte sich so merkwürdig hart und steinig an.
„Was für ein Penner. Komm, lass uns weiter gehen!“, sagte der junge Mann.
„Wir können ihn doch nicht einfach hier liegen lassen!“, erwiderte die Frauenstimme besorgt.
„Wieso nicht?“
Etwas Feuchtes und Kaltes berührte Max´ Ohr und Gesicht.
„Hund, komm da weg!“, sagte die Frau. „Bei dem Gesindel, das heutzutage unterwegs ist, wäre das fast Mord. Wir selbst sind schon zweimal beinahe überfallen worden. Es war nur Zufall, dass wir uns rechtzeitig verstecken konnten! Und wenn er hier so liegen bleibt ...“
Max riss die Augen auf.
„Und? Außer diesem lächerlichen Anzug scheint er nichts dabei zu haben. Ein Überfall lohnt sich also gar nicht!“
Die Stimme gehörte nicht einem jungen Mann, sondern dem seltsamsten Wesen, das Max je gesehen hatte. Es schien ein kleiner Mann zu sein. Der lange, struppige Bart ließ darauf schließen, zumindest lang in Anbetracht seiner Körpergröße von höchstens einem Meter. Auch die Haare waren so lang, als ob sie nur sporadisch eine Schere zu Gesicht bekommen hatten. Und auf dem Kopf trug er tatsächlich eine Zipfelmütze. „Schneewittchen ist ein Zwerg abhanden gekommen!“, schoss es Max durch den Kopf. Allerdings war er sich sicher, dass Schneewittchens Zwerge zwei Beine besaßen. Dieser hier stand nur auf einem. Aber dafür schmückte ihn eine extrem lange Nase, die Pinocchio nach dem Lügen alle Ehre gemacht hätte. Sie endete in einem großen Gnubbel und sah merkwürdig gestaucht aus, als ob das Männchen oft darauffiele. War vermutlich auch so. Die Ohren rundeten das bizarre Aussehen ab oder spitzten es eher zu. Sie standen wie Segel unter der Mütze hervor. Nur durch sie konnte man erkennen, welcher Teil der Haare zum Bart und zum Haarschopf gehörte. Ihr oberer Teil war nicht rund, wie bei Max´ Ohren, sondern drehte sich zu einer Spirale.
Max rieb sich die Augen. Der Zwerg stand immer noch da und glotzte ihn böse an. Max schaute sich um. Er lag tatsächlich mitten auf einem Weg. Einem Weg, der durch einen Wald führte. Jetzt roch Max auch den Harzgeruch der Bäume und den erdigen Duft des Bodens. Er hörte Vögel zwitschern und das Rauschen des Windes in den Blättern. Langsam setzte er sich auf. Steine piekten in sein Hinterteil. Wo zum Teufel war er?
Weiter um sich blickend entdeckte er die Frau, deren Stimme er vorhin gehört, und den Hund, der ihn beschnuppert und mit der Nase berührt hatte. Die Frau war noch jung. Max schätzte sie um die achtzehn, neunzehn Jahre. Sie hatte eine schlanke, zierliche Figur, war etwas kleiner als er selbst, vielleicht eins siebzig groß. Die dunkelbraunen, fast schwarzen Haare waren zu einem Zopf zusammengebunden, und erstaunlich blaue Augen schauten ihn fragend an. Die helle Haut schien fast zu strahlen, aber Max hatte nur eines im Blick. Ihre Ohren waren spitz, so wie die der Elfen in den Filmen. Sie trug ein langes Kleid, das ihn irgendwie an ein Dirndl oder eine Tracht erinnerte, nur nicht so bunt und kunstvoll. Es war aus einfarbigem Stoff, mit einigen bunten Bändern verziert.
Das Männchen hatte eine Hose aus grobem Stoff an, dazu ein Hemd, das anstelle von Knöpfen mit Schnüren zusammengehalten wurde. Eine Lederjacke war an den Rucksack gebunden. Beide sahen aus, als ob sie schon eine Weile unterwegs waren, denn ihre Kleidung war staubig und zerknittert. Die Tasche, welche die junge Frau um die Schulter geschlungen hatte, war prall gefüllt, ebenso wie der Rucksack von dem Zwerg, den er abgesetzt hatte.
Der Hund, eine für Max nicht identifizierbare Mischung, kam wieder schnüffelnd näher.
„Hund, komm her!“, sagte die junge Frau.
Der Hund tat einen letzten Schnüffler und trottete zu ihr.
„Hund, komm her. Wie wäre es mal mit einem richtigen Namen?“, hörte Max den Hund sagen. Hund setzte sich neben sie. Max starrte ihn entsetzt an. Er hatte gerade gehört, wie sich ein Hund über seinen Namen beschwert. Das war unmöglich, Hunde können nicht sprechen.
„Was gibt es da zu glotzen?“
Max kniff die Augen zusammen und zwickte sich kräftig in den Arm. Langsam öffnete er die Augen wieder. Hund betrachtete ihn mit schief gelegtem Kopf.
„Das hat wehgetan!“
Max schüttelte den Kopf, kniff die Augen wieder zusammen und schlug sich mit der Faust gegen die Stirn.
„Der dreht durch!“
Max machte die Augen wieder auf und sah, dass Hund die junge Frau fragend anschaute. Diese wiederum starrte Max mit einer Mischung aus Misstrauen und Besorgnis an und schien nicht im Geringsten auf die Kommentare des Hundes zu reagieren, als ob sie diese nicht hörte.
„Das ist ein Traum, das ist ein Traum!“, flüsterte Max verzweifelt zu sich selbst.
Das Männchen schnaubte ungeduldig, hievte seinen Rucksack auf die Schultern, schnallte den Bauchgurt fest und ging weiter. Das heißt, es sprang. Auf das Bein, auf das linke Ohr, dann wieder auf das Bein, auf die Nase und auf das rechte Ohr. Es sah beinahe akrobatisch elegant aus. Und der Springzwerg kam erstaunlich schnell voran. Fasziniert starrte Max dem kleinen Mann hinterher, der wie ein Gummiball den Weg entlanghüpfte.
„Nein, du träumst nicht!“
Die junge Frau beugte sich ein wenig zu ihm herunter. Sie hatte offenbar für sich entschieden, dass er vielleicht verrückt, aber nicht gefährlich war.
„Wir können hier nicht bleiben! Kommst du jetzt oder nicht?“
Sie hielt ihm ihre Hand hin. Immer noch völlig fassungslos nahm er sie und ließ sich hochziehen. Sie betrachtete zweifelnd seine Füße.
„Wo hast du deine Schuhe gelassen?“
Max schaute ebenfalls nach unten.
„Ich habe eben noch in meinem Bett gelegen. Da trage ich normalerweise keine Schuhe. Du etwa?“
Sie sah ihn nur verständnislos an.
„Geh besser auf dem Grasstreifen am Wegrand, sonst tust du dir noch weh.“
Max setzte sich in Bewegung. Er hoffte immer noch, dass er bald aufwachen würde. Aber der Wecker klingelte nicht.
Es schien früher Morgen zu sein, denn es war schon hell, aber die Sonnenstrahlen drangen noch nicht durch das Blätterdach, und die Luft war noch angenehm frisch. Sie gingen eine Zeitlang schweigend nebeneinander. Der kleine Mann war hinter einer leichten Kurve verschwunden und Hund lief ein paar Meter vor ihnen her. Er blieb hier und da schnüffelnd stehen, um dann kurz das Bein zu heben.
„Ich bin Anemone, Anemone von Eisenberg“, sagte die junge Frau schließlich mit einem Seitenblick auf Max.
„Ich bin Maximilian Anders“, stellte Max sich vor.
Anemone sah ihn fragend an.
„Ich komme aus Magdeburg“, fügte er hinzu.
„Wo liegt Magdeburg, ich habe noch nie von einer Magdeburg gehört?“, fragte Anemone.
Neugier sprach aus ihrem Gesicht.
„Magdeburg ist eine Stadt und sollte eigentlich genau hier liegen.“
Max schaute sich betrübt um.
Der Wald lichtete sich allmählich. Erste Sonnenstrahlen tanzten auf dem Weg. Durch die Bäume hindurch konnte Max Felder und Wiesen erkennen. Anemone blickte skeptisch drein.
„Ich kenne nur eine Stadt, Altseeburg, die Hauptstadt der Welt!“, sagte sie und sah Max herausfordernd an.
Max zuckte nur mit den Schultern.
„Magdeburg ist eine mittelgroße Stadt mit ungefähr 100.000 Einwohnern, glaub ich, weiß nicht genau.“
Anemone glotzte ihn mit offenem Mund ungläubig an.
„100.000! Du irrst dich. So viele Menschen können unmöglich in einer Stadt leben. Nicht mal in Altseeburg leben so viele. Du meinst bestimmt hundert!“
Sie nickte zur Bestätigung.
Hund, angelockt von Anemones Ausruf, hatte sich zurückfallen lassen und trottete nun zwischen ihnen. Er schaute Max von unten her neugierig an.
„Sie weiß alles, sie ist schon neunzehn!“
Der Spott war nicht zu überhören. Hund ließ die Zunge hängen und schien frech zu grinsen. Max grinste unwillkürlich zurück, bevor ihm einfiel, dass er Hund eigentlich nicht hören sollte. Verlor er vielleicht den Verstand?
Er wandte sich wieder an Anemone, die offensichtlich Hunds Kommentar wieder nicht gehört hatte und immer noch auf eine Antwort wartete.
„Ich habe mich nicht geirrt. Hundert Einwohner ergeben ja noch nicht mal ein Dorf! Magdeburg ist groß genug für eine S-Bahn und eine Straßenbahn. Mal davon abgesehen gibt es weitaus größere Städte mit Millionen von Einwohnern!“ Max schaute in Anemones verstörtes Gesicht. „Was ist?“, fragte er. Sie schüttelte den Kopf, sah ihn wieder an, offensichtlich nach den richtigen Worten suchend. „Ich bin nicht verrückt!“, kam er ihr zuvor. „Obwohl ich mir da mittlerweile nicht mehr so sicher bin!“
Er verstummte hilflos und warf einen unsicheren Blick auf Hund, der ihn nur interessiert ansah.
Er spürte das Gras unter seinen Füßen und die sich in der Sonne erwärmende Luft. Wenn dies kein Traum war, was war es dann?
„Wo bin ich?“, fragte er Anemone schließlich, die immer noch ein Gesicht zog, als ob sie es mit einem Geistesgestörten zu tun hatte.
„Du bist auf der großen Nord-Süd-Straße“, antwortete sie, nun verwirrt, da die Antwort für sie ja offensichtlich war. „Na, immerhin was!“, dachte Max säuerlich. „Sehr präzise!“
„Die Straße scheint recht lang zu sein, kannst du dich etwas genauer fassen? Welches Land, welche Gegend?“
In Anemones Gesichtsausdruck schlich sich allmählich Angst.
„Land? Ich kenne kein Land. Wir sind hier auf der großen Nord-Süd-Straße, auf dem Weg nach Altseeburg. Das Mittlere Gebirge liegt hinter uns.“
Sie blickte ihn ängstlich an.
„Du führst doch nichts Böses im Schilde, oder?“
Max sah, dass sie sich anspannte um wegzulaufen.
„Nein, auf gar keinen Fall, ich weiß doch selbst nicht, was passiert ist“, sagte er in einer, wie er hoffte, beruhigenden Stimme. „Alles, was ich weiß, ist, dass ich gestern Abend in Magdeburg ins Bett gegangen bin und heute Morgen von dem Zwerg da vorne mit einem Tritt aus dem Schlaf gerissen wurde. Ich weiß nicht, wo ich bin oder in welcher Zeit ich mich befinde. Ich weiß überhaupt nichts.“
Max atmete tief durch, um die aufkeimende Panik zu unterdrücken.
„Verrückt!“
Hund grinste.
Das ´Halt die Klappe!` verkniff sich Max gerade noch so. Auf die wahrscheinlich eingebildeten Kommentare der Promenadenmischung zu reagieren, würde ihn nicht gerade besser dastehen lassen.
Anemone hatte sich wieder entspannt. Sie blickte nachdenklich dem springenden Zwerg hinterher.
„Du hast auf einmal auf der Straße gelegen. Nicht hinter einer Kurve oder so. Wir hätten dich schon von weitem sehen müssen, es war hell genug. Du bist plötzlich vor Mimbelwimbels Füßen aufgetaucht, und er ist in hohem Bogen auf die Nase gefallen.“ Sie kicherte. „Sah lustig aus!“
Sie blickte wieder, diesmal schadenfroh grinsend, dem kleinen Mann hinterher.
„Was ist ein Mimbelwimbel?“, fragte Max.
„Du weißt nicht ...?“
Anemone sah ihn erstaunt an. Max zog Augenbrauen und Schultern hoch.
„Ich bin erst vor einer halben Stunde oder so hier gelandet, schon vergessen?“
Sie hatten den Waldrand erreicht. Max kniff für einen Augenblick die Augen zum Schutz vor der Helligkeit zu einem Schlitz zusammen. Er sah Getreidefelder und Wiesen, die sanfte Hügel bedeckten. Mit einer Hand beschirmte er seine Augen.
Sie standen momentan auf einer erhöhten Stelle, so dass er zwischen den Hügeln vereinzelte Dächer sehen konnte. Am Horizont erstreckte sich wieder Wald. Der Himmel war klar und wolkenlos und versprach einen warmen Tag. Zumindest die Jahreszeit schien zu passen.
Er warf Anemone einen Blick zu.
„Vielleicht erzählst du mir ein wenig über diese Welt“, schlug er vor.
Sie nickte.
„Ist wahrscheinlich besser. Vielleicht hast du auch nur dein Gedächtnis verloren, und dir fällt dann alles wieder ein.“
Auf Max´ skeptischen Blick hin zuckte sie mit den Schultern.
„Könnte ja sein. Zu Hause ist das einer der Mägde passiert. Sie war die Treppe runter auf den Kopf gefallen und konnte sich tagelang an nichts erinnern! Na egal, womit fangen wir am besten an?“
Sie sah Max fragend an. Der zeigte auf den Ball in Menschengestalt.
Anemone nickte.
„Mimbelwimbel ist ein Wobbelhobbel. Was?“, unterbrach sie sich.
Max hatte bei dem Wort Wobbelhobbel breit gegrinst.
„Wobbelhobbel hört sich wie eine Krankheit an.“
Anemone lachte.
„Nun, sie sind ganz in Ordnung, obwohl sie oft unter schlechter Laune leiden. Er ist ziemlich häufig am meckern ...“
Sie verstummte kurz, um sich die nächsten Worte zu überlegen.
„Am bekanntesten sind die Wobbelhobbel für ihre Handelsorganisation. Sie haben ein Netzwerk im gesamten bewohnten Teil der Welt. Ein Wobbelhobbel kann dir alles besorgen, egal, wie verrückt oder selten es ist. Einen kleinen Teil ihrer Ware stellen sie selbst her. Wobbelhobbel sind die geborenen Bergarbeiter, muss wohl an der Größe liegen, da müssen sie nicht allzu große Löcher buddeln, um an das Erz zu kommen. Sie haben ein Gespür für Edelmetalle und Edelsteine wie niemand sonst. Einen großen Teil der Edelsteine verarbeiten sie selbst zu Schmuck. Die Stücke sind heiß begehrt und werden oft von Generation zu Generation weitervererbt. Und sie sind bekannt für die edlen Stoffe, die sie weben. Das Festkleid meiner Mutter hat ein Vermögen gekostet.“
Sie legte die Stirn nachdenklich in Falten.
„Was willst du noch wissen, Maximilian?“
Max zuckte zusammen. Seine Mutter nannte ihn immer bei seinem vollen Namen, wenn er ihrer Meinung nach etwas Ungezogenes angestellt hatte. Für sie war er nie erwachsen geworden, dementsprechend behandelte sie ihn auch immer noch wie einen Teenager. Er mochte es lieber, wenn man ihn Max nannte. Er ärgerte sich hinterher jedes Mal, wenn er sich mit vollem Namen vorgestellt hatte. Dumme Angewohnheit.
„Sag Max!“, meinte er. „Erzähl mir etwas über diese Welt. Ich meine, du hast gesagt, es gibt kaum Städte. Was gibt es dann? Wie lebt man hier denn so?“
Max kam sich bei dieser Frage ziemlich dämlich vor. Er hasste es nicht Bescheid zu wissen, um entsprechend reagieren zu können. Er versuchte sich immer im Voraus zu informieren, um nicht allzu dumm dazustehen. So wie jetzt.
Anemone klopfte sich mit dem Finger gegen die Nase.
„Na ja, so viel bin ich nun auch noch nicht rumgekommen. Mimbelwimbel kann dir da mehr erzählen. Es ist meine erste Reise, ich bin noch nie von zu Hause weg gewesen.“
Anemone verstummte, in Gedanken versunken. Doch bevor Max nachhaken konnte, sprach sie weiter:
„Von durchreisenden Händlern, die regelmäßig nach Eisenberg kommen, weiß ich, dass es außer Altseeburg noch andere Städte irgendwo in entfernten Teilen der Welt gibt. Altseeburg aber ist die Hauptstadt der Welt, ihr Zentrum. Der Handel läuft dort zusammen, die Regierung hat ihren Sitz ebenfalls in Altseeburg, und die Weise Magna soll in den Höhlen unter der Burg leben. Ansonsten gibt es Dörfer, manchmal vereinzelte Höfe, aber das ist eher die Ausnahme. Im Dorf ist es sicherer. Es gibt nicht nur Landwirtschaft, sondern viele Berufe und Gewerke.“
Anemone zuckte mit den Schultern, fertig mit ihrer Ausführung. Max hätte es gerne noch etwas ausführlicher gehabt, aber so wie es aussah, würde er Anemone nach und nach die Dinge, die ihn noch interessierten, aus der Nase ziehen müssen. Ihm brannte vor allem die Frage auf der Zunge, was sie eigentlich hier machte, wieso sie mit einem griesgrämigen Wobbelhobbel und diesem merkwürdigen Hund unterwegs war.
„Mehr fällt mir jetzt nicht ein, aber ich rufe Mimbelwimbel, damit er dir noch etwas mehr erzählt.“
Sie schickte Hund, um den Wobbelhobbel anzuhalten.
„Könnten wir vielleicht eine kleine Pause machen?“, fragte Max.
Sie waren zwar schätzungsweise erst eine Stunde unterwegs, aber eine Stunde barfuß ist eine lange Zeit. Anemone nickte.
„Wir müssen dir unbedingt ein Paar Schuhe besorgen. Und Kleidung!“, fügte sie mit einem Blick auf seinen bunt gestreiften Schlafanzug hinzu.
Mimbelwimbel war stehen geblieben und wartete mit Hund unter einem Baum am Wegesrand.
„Was ist los?“, fragte er, als Anemone und Max den Baum erreichten. „Macht er schon schlapp?“, knurrte er mit einem Kopfnicken in Max´ Richtung.
„Er hat keine Schuhe an!“, warf Anemone zu Max´ Verteidigung ein.
„Nicht meine Schuld!“, brummte Mimbelwimbel missmutig, setzte sich aber ins Gras.
Max ließ sich mit einem erleichterten Seufzer ebenfalls nieder. Die Fußsohlen schmerzten und waren rot von der ungewohnten Belastung. Er lief sonst auch nicht viel. Das Einzige, was er seinem Körper an regelmäßiger Bewegung zumutete, war die eine Stunde Fitnessstudio zweimal die Woche gegen das kleine Speckröllchen um die Bauchgegend. Immerhin hatten sich keine Blasen gebildet. Noch nicht.
„Solange wir hier sitzen, kannst du Max ein wenig erzählen!“, forderte Anemone gerade den kleinen Mann auf.
„Was, wem?“
Mimbelwimbel war nicht begeistert.
Anemone unterdrückte mühsam ein Augenverdrehen und stellte Max und Mimbelwimbel erst einmal einander vor. Mimbelwimbel nahm dies mit einem Grunzen zur Kenntnis.
Max, der einiges an schlechtem Benehmen gewohnt war, kam schnell zu dem Schluss, dass es noch schlimmer ging. Der Beweis saß vor ihm.
Anemone unternahm einen zweiten Versuch, den Zwerg zum Sprechen zu bewegen.
„Max weiß nichts von dieser Welt, er hat vielleicht sein Gedächtnis verloren ... und du bist viel weiter herumgekommen als ich und kannst ihm viel mehr erzählen.“
Sie sah Mimbelwimbel erwartungsvoll an.
Mimbelwimbel starrte Max eine lange Weile von oben bis unten an. Max starrte zurück. Er wollte um keinen Preis zeigen, wie unangenehm ihm das war. Er fühlte sich unter dem prüfenden Blick fast nackt.
„Gedächtnis verloren, so, so ...“, krächzte Mimbelwimbel in seiner brüchigen Stimme.
„Ja“, sprang Anemone an, „er erinnert sich vielleicht wieder, wenn du ihm etwas erzählst!“
Sie nickte eifrig.
Mimbelwimbel pflückte einen Grashalm, steckte sich das dicke Ende in den Mund und begann darauf herumzukauen.
„Vielleicht erinnert er sich daran, was er mit seinen Ohren angestellt hat. Hast du dir die Spitzen abgeschnitten oder was? Habe noch nie so seltsame Ohren gesehen!“
„Na, da musst du dich gerade melden!“, dachte Max und fasste sich reflexartig an die Ohren. Alles in Ordnung. Er zuckte mit den Schultern.
„Meine Ohren waren schon immer so. Alle, die ich kenne, haben solche Ohren!“
Anemone lachte ungläubig.
„Ohren sind normalerweise so!“
Sie fasste sich an ihr rechtes Ohr und wackelte es kurz hin und her.
Mimbelwimbel schnaubte verächtlich, holte einen Wasserschlauch aus seinem Rucksack, entkorkte ihn und trank ein paar Schlucke. Ungerührt von Max´ durstigem Blick steckte Mimbelwimbel seinen Wasserschlauch wieder ein. Anemone hatte Max´ Gesichtsausdruck bemerkt und reichte ihm ihre Flasche. Dankbar trank er etwas. Das Wasser schmeckte schal und abgestanden. Während Anemone die Flasche zurück in ihre Tasche packte, rappelte sich Mimbelwimbel auf und schnallte sich seinen Rucksack wieder um.
„Los weiter, sonst sitzen wir heute Abend noch hier!“
Er hüpfte los ohne abzuwarten, ob sie ihm folgten.
Max starrte ihm mit offenem Mund nach.
„Was für ein netter ... was auch immer.“
Er hatte Mensch sagen wollen. Aber das war der griesgrämige kleine Mann ja nicht. Und Wobbelhobbel hätte er ohne ein Kichern nicht über die Lippen gebracht. Anemone lachte kurz und stand ebenfalls auf.
„Er wird schon noch freundlicher werden.“
Max mühte sich ebenfalls hoch.
„In hundert Jahren vielleicht“, murmelte er zu sich selbst.
„Eher in tausend Jahren!“
Hund hatte seine Worte gehört und stand nun neben ihm. Mit einem Blick auf Anemone, die bereits losgegangen war, fragte Max den Vierbeiner: „Verstehst du, was ich sage?“
„Klar!“, kam prompt die Antwort.
„Max, komm jetzt!“, rief Anemone über die Schulter zurück und winkte ungeduldig.
Mimbelwimbel war schon ein gutes Stück voraus.
Max setzte sich in Bewegung.
„Wie kommt es, dass ich dich verstehe?“, fragte Max den Hund.
„Keine Ahnung. Finde ich aber richtig toll! Endlich mal jemand, mit dem man sich unterhalten kann. Nicht immer nur diese blöden Kommandos. Ich wollte schon immer mal mit jemanden den Sinn dieser Welt ergründen. Oder über die äußerst interessante Frage philosophieren, ob die Würstchen geräuchert oder gekocht besser schmecken.“
Hund sah Max erwartungsvoll an.
„Wenn ich mit dir über den Geschmack von Würstchen philosophiere, denkt Anemone, dass ich meinen Verstand völlig verloren habe.“
Hund ließ traurig den Kopf hängen.
„Da hast du völlig Recht!“
Anemone hatte auf sie gewartet und stand nun mit in die Hüfte gestemmten Händen vor ihnen.
Hund wackelte unschuldig mit dem Schwanz und ging zu ihr. Während sie ihn hinter den Ohren kraulte, warf sie Max einen misstrauischen Blick zu.
Um abzulenken, fragte Max: „Wie kommt es eigentlich, dass du mit Mimbelwimbel unterwegs bist? Er scheint eher der Typ zu sein, der allein reist.“
Sie setzten sich wieder in Bewegung.
„Das tut er normalerweise auch“, sagte Anemone. „Er hat mich davor bewahrt, ein paar Wegelagerern in die Hände zu laufen.“
Max sah sie interessiert an. Sie hatte ganz am Anfang, kurz nachdem er auf dem Weg gelandet war, so etwas erwähnt.
„Das Mittlere Gebirge ging schon in Hügel über, als ich, in Gedanken versunken, nicht auf die Umgebung geachtet habe. Irgendwann bin ich stehen geblieben, weil Hund mir unruhig um die Beine gewuselt ist. Da ist Mimbelwimbel aus dem Gebüsch gesprungen, hat mich an der Hand gepackt und in die Sträucher gezerrt. Ich bin so überrascht gewesen, dass ich gar nicht geschrien habe. Was auch gut war. Hinter der Biegung hatten die Räuber gerade eine Reisegruppe überfallen. Von unserem Versteck aus konnten wir alles sehen. Die haben den Männern die Kehle durchgeschnitten und die Leichen ins Gebüsch geworfen. Alles Wertvolle und die zwei Frauen, die dabei waren, haben sie mitgenommen und sind im Wald verschwunden. Es war schrecklich.“
Anemone erschauderte.
Max war geschockt. In was für einer Welt war er denn bloß gelandet?
„Äh ... Kommt hier so etwas öfter vor?“, fragte er, bemüht um eine ruhige Stimme.
Anemone zuckte mit den Schultern.
„Mimbelwimbel meint, dass die Überfälle dieses Jahr besonders häufig sind. Er ist zum Ende des Winters schon mal hier unterwegs gewesen. Man reist am besten in Gruppen oder mit kampferprobten Reisebegleitern, sofern man es sich leisten kann. Ich weiß nicht, warum er bei mir geblieben ist. Ohne mich würde er um einiges schneller vorankommen.“ Anemone lächelte, den Blick auf den hüpfenden Wobbelhobbel gerichtet. „Vor zwei Tagen hätte es uns beinahe wieder erwischt. Aber Hund hat uns rechtzeitig gewarnt.“ Sie streichelte dem Vierbeiner über den Kopf, was dieser mit einem heftigen Schwanzwedeln quittierte. „Er ist ganz nett für einen Wobbelhobbel“, meinte sie schließlich.
Max nickte und fragte sich gleichzeitig, wie ein nicht netter Wobbelhobbel so wäre. Im Wald schien es wohl am gefährlichsten zu sein. Die offene Weite der Felder und Wiesen bot Wegelagerern kaum Deckung. Im Moment bestand wohl kein Grund zur Sorge. Trotzdem, ein ungutes Gefühl blieb.
Sie gingen schweigend weiter. Das Gras unter Max´ Füßen war trocken und stachelig. Seine Sohlen brannten und fühlten sich wund an. Die Sonne schien auf seinen Kopf und Nacken, und bald brannten nicht nur seine Sohlen, sondern auch seine Haut. Der Schweiß rann ihm den Rücken runter, und die Schlafanzughose klebte ihm unangenehm an den Pobacken. Er konnte das flotte Tempo von Anemone und Mimbelwimbel kaum mithalten, es wäre schon mit Schuhen problematisch gewesen. Bereits erschöpft schnaufte er wie ein verwundetes Nashorn. Anemone warf ihm immer wieder besorgte Blicke zu. Max wollte nicht schon wieder um eine Pause bitten, doch seine Füße würden sie bald einfordern, außerdem quälten ihn großer Hunger und Durst. Das letzte Mal hatte er gestern Abend etwas gegessen. Es schien Lichtjahre her zu sein.
Mimbelwimbel war hinter einem kleinen Hügel verschwunden, und als Max und Anemone oben ankamen, lag unter ihnen ein größerer Hof, ein paar Meter abseits von der großen Nord-Süd-Straße. Mimbelwimbel stand an dem Abzweig, der zu dem Gehöft führte, und wartete auf sie.
Kleider machen Leute
Ein paar Minuten später hatten sie Mimbelwimbel erreicht. Max setzte sich erleichtert seufzend hin, um seine Füße zu entlasten und erntete dafür einen verachtenden Blick. Anemone sah zum Haus hinüber.
„Wollen wir fragen, ob wir hier eine Nacht bleiben können? Vielleicht haben sie etwas für uns zu tun, so dass ...“
„Ich glaube nicht, dass hier noch jemand ist“, fiel Mimbelwimbel ihr ins Wort. „Und so, wie er aussieht, würde uns wahrscheinlich auch keiner aufnehmen.“
Wieder dieser verächtliche Blick. Max starrte böse zurück und musste dabei nicht mal groß den Kopf heben.
„Du meinst ...“
Anemone erblasste. Mimbelwimbel nickte ernst.
„Hörst du es nicht?“
Max verstand nur Bahnhof. Was sollte denn zu hören sein?
Und dann traf es ihn wie ein Vorschlaghammer. Er hörte nichts außer dem Zirpen der Grillen im Feld, dem Wispern der leichten Brise in den Getreidehalmen, Anemones aufgeregtem Atmen, Hunds Hecheln. Aber nichts weiter. Der Hof lag höchstens fünfzig Meter von der Straße entfernt. Um diese Zeit hätten sie Menschenstimmen hören müssen. Werkzeuggeklapper, Hundegebell, Hühnergegacker, irgendwas. Aber keine Stille.
„Was ist hier passiert?“, fragte Max.
Anemone schluckte und starrte noch ein paar Sekunden auf den Torbogen, der zum Hof führte, bevor sie antwortete: „Ich habe dir doch erzählt, dass einzelne Gehöfte eher die Ausnahme sind, sie sind zu ungeschützt. Zwei Tage, nachdem Mimbelwimbel und ich uns getroffen hatten, sind wir an so einem abseits gelegenen Hof vorbeigekommen. Wir sind reingegangen, um nach Übernachtung und Verpflegung zu fragen. In der Erntezeit bekommt man fast immer etwas, wenn man als Gegenleistung bei der Arbeit hilft.“
Anemone verstummte, die Augen weit aufgerissen. Max beschlich eine dunkle Ahnung, was geschehen sein könnte, und war sich nicht mehr sicher, ob er es wirklich wissen wollte. Anemone fing sich und sprach mit belegter Stimme weiter: „Alles war durcheinander. Die Ställe standen offen und waren leer. Keiner der Bewohner lebte noch, auch nicht die Kinder. Der Hof war überfallen und ausgeraubt worden. Es müssen viele Angreifer gewesen sein. Sie sind in der Nacht gekommen und haben alle in ihren Betten abgeschlachtet.“
Max starrte sie mit offenem Mund entsetzt an.
„Und was habt ihr dann gemacht?“
Mimbelwimbel zog sich den Grashalm aus dem Mund.
„Na was wohl. Wir haben sie begraben. Sie müssen schon einige Zeit gelegen haben und waren kräftig am stinken.“
Anemone zuckte zusammen. Das Ereignis saß ihr offensichtlich noch ziemlich in den Knochen.
„Nachdem wir sie begraben hatten, übernachteten wir im Stall, der Geruch im Haus war nicht zu ertragen. Die Räuber oder Söldner, oder wer auch immer das gewesen war, hatten den Speisekeller nicht komplett ausgeplündert. Ein paar Dinge fanden wir noch, also ...“
Sie zuckte mit den Schultern. Max war nun froh, dass sein Magen leer war. Ihm wurde schlecht bei der Vorstellung.
„Und ihr meint, dass so etwas hier auch passiert ist?“
Das Zittern in seiner Stimme war nicht zu überhören.
„Wahrscheinlich!“, sagte Mimbelwimbel gnadenlos. „Wirst du es verkraften?“ Anemone anblickend fügte er hinzu „Das ist die einfachste Möglichkeit, ihn mit Schuhwerk zu versorgen.“
Sie nickte zustimmend. Beide gingen los. Max fügte sich, rappelte sich hoch und ging langsam hinterher. Er fürchtete sich. Ein Blutbad im Fernsehen anzuschauen war eine Sache, aber dies in Wirklichkeit zu erleben eine völlige andere. Die Beiden hatten recht, er konnte, so wie er angezogen war, unmöglich weiter durch die Gegend stolpern, aber es gefiel ihm nicht. Widerstrebend setzte er einen Fuß vor den anderen.
Mimbelwimbel, Anemone und Hund betraten den Hof bereits und verschwanden aus seinem Blickfeld. Hätten sie nicht auf ihn warten können? Es war lange her, dass er sich so gefürchtet hatte.
Halb erwartete Max Kampfgeräusche zu hören, dass die Übeltäter noch auf dem Hof waren und auf arglose Wanderer lauerten.
Er achtete nicht auf den Weg, stieß mit dem Fuß gegen einen Stein, stolperte und fing sich gerade noch rechtzeitig. Leise fluchend blieb er stehen und wartete, bis der Schmerz nachließ.
Er hatte das Tor fast erreicht. Es war immer noch totenstill. Die anderen Drei, die bereits hinter dem Torbogen verschwunden waren, machten keine Geräusche. Angst, dass er ganz alleine sein könnte, machte sich plötzlich in ihm breit.
„Reiß dich zusammen!“, befahl er sich selbst und machte die letzten Schritte.
Langsam trat Max durch den steinernen Torbogen in den schattigen Hof. Die Torhälften standen weit offen, eine hing nur noch halb in den Angeln. Nach dem langen Marsch in der heißen Sonne war es im Schatten der Mauer nahezu kalt. Max fröstelte, Gänsehaut überzog seine Arme, und seine Nackenhaare stellten sich auf. Sein Blick glitt vorsichtig tastend über das Gehöft.
Der Hof bestand aus drei Gebäuden, die in U-Form angeordnet waren. Das Gebäude gegenüber dem Tor schien der Stall zu sein. Durch die große, zweiflügelige, ebenfalls weit offen stehende Tür konnte Max aufgewühltes Stroh erkennen. Das Haus rechts von ihm war ein einstöckiger Bau. Das linke Haus hatte zwei Stockwerke, wahrscheinlich war es auch das Wohnhaus. Max erinnerte sich, derartige Gehöfte schon im Freilandmuseum gesehen zu haben, als er noch mit seinen Eltern in die Ferien gefahren war.
Er hatte erwartet, überall Leichen zu sehen und war froh, dass zumindest keine im Hof lagen. Aber laut Anemones Aussage waren das letzte Mal die Bewohner im Haus getötet worden. Es polterte leise im Wohnhaus.
Max atmete tief durch und ging auf den Eingang zu. Dabei fielen ihm dunkle Flecken auf der festgestampften, braunen Erde des Hofes auf. Fliegen schwirrten darüber. Vom Tor aus hatte er sie nicht bemerkt. Aber nun, wo er fast davor stand, konnte er die Flecken, die wie eingetrocknete Pfützen aussahen, nicht übersehen. Als er näher kam, roch er es auch. Es wehte ein leichter Wind in seinen Rücken, so dass er wirklich ganz dicht an einer Pfütze vorbeigehen musste, um den leichten Verwesungsgeruch wahrzunehmen, der noch darüber lag. Das Blut war zu einer rissigen Glasur erstarrt.
Max musste den Blick abwenden. Ihm war schlecht. Jemand, viele waren hier gestorben. Es waren nicht nur ein oder zwei Flecken. Auf dem Weg zum Eingang des Wohnhauses kam Max an mehreren dicht beieinander liegenden eingetrockneten Pfützen vorbei, die teilweise ineinander gelaufen waren, bevor die Flüssigkeit in der Sonne verdunstet war.
Auch die Tür zum Wohnhaus stand auf. Langsam ging er die Stufen hoch und trat in die dunkle Kühle. Bald gewöhnten sich seine Augen an das Dämmerlicht. Er stand direkt vor einer Treppe, die in das obere Geschoss führte. Rechts von sich sah er einen Raum, in dem Spinnrad und Webstuhl standen oder gestanden hatten. Die Geräte waren umgeworfen und zum Teil zerstört worden. In dem Zimmer, das dahinter lag, konnte er ein Bett und einen Schrank erkennen. Beides durchwühlt, Federn lagen verstreut herum, und ein schlaffer, leerer Kopfkissenbezug hing über der halb aus den Angeln gerissenen Schranktür. Die Kleidungsstücke aus dem Schrank waren achtlos auf den Boden geworfen worden. Ein Bild kompletter Zerstörung.
Max zuckte zusammen, als es hinter seinem Rücken polterte. Vorsichtig trat er durch die angelehnte Tür zu seiner Linken und atmete erleichtert auf. Es war das Wohnzimmer. Auch hier waren die Möbel bei der brutalen Durchsuchung umgeworfen und teilweise zertrümmert worden. Überall glitzerten Glasscherben auf dem Fußboden. Eines der Fenster war eingeschlagen und Gläser an die Wand geschmissen worden, wo sie Flecken von ihrem Inhalt hinterlassen hatten.
Anemone war dabei aufzuräumen, die Möbel aufzurichten und auszufegen. Sie befahl Max an der Tür zu warten, bis sie die Scherben zusammengekehrt hatte. Als sie fertig war, stützte sie sich auf den Besen, blies sich eine Strähne aus dem Gesicht und wischte sich mit der Hand über die Stirn. Sie sah seinen ängstlichen Gesichtsausdruck und lächelte.
„Keine Angst, das Haus ist in Ordnung, etwas unordentlich vielleicht ...“
Sie blickte sich um.
Die kleine Kammer in ihrem Rücken, die sich an das Wohnzimmer anschloss, war genauso mit Federn gepudert wie das Zimmer, das Max hinter der Webstube gesehen hatte.
Anemone stellte den Besen zur Seite.
„Wir sehen uns den Rest an und schauen, ob wir passende Kleidung für dich finden.“
Sie wandte sich an Hund der mit erwartungsvoll gespitzten Ohren zu ihr aufschaute.
„Hund, such Essen!“ Hund bellte kurz und wackelte mit dem Schwanz.
„Die erste Wurst ist meine!“, hörte Max ihn noch rufen, bevor er durch die Tür verschwand.
Max sah ihm hinterher. Als er sich wieder umdrehte, verschwand Anemone gerade in der Kammer hinter dem Wohnzimmer. Zögernd schaute sich Max noch mal im Raum um. Es war alles so fremd, so unwirklich.
Niedergeschlagen folgte er Anemone in den Nebenraum. Sie hatte die Kleidung vom Boden hochgehoben und hielt sie Max nun prüfend an. Sie fand zwei Hosen, die den Überfall heil überstanden hatten, und ein Hemd. Sie knüllte alles zusammen und stopfte es Max in die Arme. Es kamen ein paar Tücher hinzu und etwas, das wie Unterhosen aussah.
Anemone hatte alles durchgeschaut und blickte nun auf den bereits beachtlichen Berg in Max´ Armen. Dann meinte sie:
„Leider keine Schuhe, aber immerhin.“ Sie schaute ihn an. „Was ist los, hat es dir die Sprache verschlagen?“
Max schluckte, wie sollte er erklären, was gerade in ihm vorging. Die Bewohner dieses Hauses lagen irgendwo ermordet herum. Sie plünderten nun dieses bereits einmal durchforstete Haus, das durch diese Tat bereits seine Bedeutung als Heim, als sichere Zuflucht verloren hatte.
Sie würden das Essbare und die noch brauchbare Kleidung mitnehmen und damit diese Wohnstätte endgültig töten. So empfand es Max zumindest. Er fühlte sich als Eindringling, als Ruhestörer.
Anemone umarmte ihn kurz, soweit es mit Max´ vollen Armen ging. Sein Gesichtsausdruck musste lauter als Worte gesprochen haben.
„Sie brauchen diese Dinge nicht mehr, und wenn wir sie nicht mitnehmen, wird es jemand anderes tun“, meinte sie leise, fast entschuldigend.
„Ganz genau!“, sagte Mimbelwimbel von der Tür her.
Max zuckte zusammen und hätte beinahe den Wäscheberg fallen lassen.
„Ich habe im Garten ein paar frische Gräber gefunden. Jemand hat sie bereits begraben. Der Garten ist so gut wie leer, aber für heute Abend werden wir noch genug finden. Die Ställe sind auch leer. Nicht mal ein Huhn ist noch da.“
Anemone nickte.
„Hund sucht schon nach Lebensmitteln. Und wir schauen gerade nach passender Kleidung.“
Mimbelwimbel grunzte.
„Ist auch besser so. Ich werde nach der Wasserstelle suchen. Heute können wir hier bleiben.“
Ohne ein weiteres Wort drehte er sich um und sprang die Stufen hinunter auf den Hof. Anemone sah ihm noch hinterher, runzelte die Stirn und holte Luft, als ob sie etwas sagen wollte. Doch dann schüttelte sie nur den Kopf und ging durch die Webstube in das dahinter liegende Zimmer, kam aber zurück, bevor Max die Webstube betreten konnte.
„Mägdekammer“, sagte sie zur Erklärung und stieg die schmale, knarrende Treppe nach oben.
Die Durchsuchung des ersten Zimmers zur Rechten ergab schnell, dass es sich ebenfalls um ein Frauengemach handelte. Anemone wies Max aber an, schon mal die Kleidungsstücke anzuprobieren, die sie bereits gefunden hatten, während sie weitersuchte. Zweifelnd zog Max den Schlafanzug aus und stieg in das, was er für eine Unterhose hielt.
Er hätte darin wenden können. Wie, in Gottes Namen, sollte er dieses Zweimannzelt dazu bringen, oben zu bleiben?
Nach einigem Suchen fand er schließlich das Band am Saum, mit dem er dieses Ding soweit zusammenraffen konnte, dass es ihm nicht mehr über den Hintern rutschte.
Immer wieder hörte er Anemone in den Nebenzimmern poltern, während er sich mit dem ungewohnten Kleidungsstück abmühte. Gerade betrachtete er kritisch ein Hemd und eine Hose (sie waren genauso riesig wie die Unterhose!), als er Anemone am Ende des Flurs aufschreien hörte.
Er hastete in den Raum, aus dem der Schrei gekommen war. Anemone kam gerade hinter dem Bett hoch. Offensichtlich hatte sie auch darunter gesucht und war fündig geworden.
Triumphierend hielt sie ein paar Stiefel in der Hand. Sie sahen einfach, aber recht neu aus. Auch schienen sie groß genug für seine Füße zu sein, Anemone sah Max mit den Riesenbuchsen bekleidet in der Tür stehen und brach in Gelächter aus. Beleidigt verschränkte er die Arme vor der nackten Brust. Er war sich im Klaren, dass er lächerlich aussah (seine Urgroßmutter hatte solche Teile auch getragen, nur mit Rüschen dran.), aber musste man es denn so deutlich zum Ausdruck bringen? Sein beleidigter Gesichtsausdruck fachte Anemones Gelächter nur noch mehr an.
Anemone beruhigte sich schließlich wieder und wischte sich die Tränen aus dem Gesicht. Sie deutete auf den Haufen, der auf dem Bett lag und meinte:
„Das dürfte besser passen.“
Sie suchte eine deutlich kleinere Unterhose heraus und hielt sie ihm hin. Max nahm sie und schaute verlegen in ihr erwartungsvolles Gesicht. Eine Peepshow wollte er eigentlich nicht geben.
Mit einem Augenverdreher drehte sie sich um und nahm ihm die Entscheidung, das Zimmer zum Umziehen zu verlassen, ab. Rasch löste Max die Haltebänder.
Er stieg gerade in die kleinere Unterhose, als Anemone fragte:
„Fertig?“, und sich umdrehte, ohne die Antwort abzuwarten.
Er schaffte es gerade noch so, die Hose in Position zu ziehen.
„Anemone, bitte!“, sagte er empört.
Sie lachte.
„Schon viel besser!“, meinte sie.
Aus dem Haufen auf dem Bett suchte sie eine Hose und ein Hemd heraus.
„Die hier könnten passen.“
Max nahm ihr die Kleidungsstücke ab, und sie ging in Richtung Tür. Über die Schulter sagte sie:
„Ich glaube, ich habe in einem der Zimmer eine größere Umhängetasche gesehen.“
Max sah ihr einen Augenblick nach, dann zog er Hemd und Hose an. Sie passten ganz gut. Noch etwas zu groß vielleicht, aber besser als zu eng. Er nahm die Stiefel und hielt sie sich an. Sie würden ebenfalls etwas zu groß sein, aber vielleicht mit einem zweiten Paar Socken ... und das bei der Hitze. Er würde sich totschwitzen. Unschlüssig schaute Max auf die Stiefel. Egal, barfuß konnte er auf gar keinen Fall weitergehen.
Er begann im Kleiderhaufen nach Strümpfen zu suchen. Während er noch wühlte, kam Anemone in das Zimmer zurück. Sie hatte gefunden, was sie suchte, was man von Max nicht behaupten konnte.
„Was suchst du denn?“, fragte sie und warf mehrere Ledertaschen auf das zerrupfte Bett.
„Strümpfe“, meinte Max und strich sich eine Haarsträhne aus dem Gesicht.
Ihm war warm geworden, und die ungewohnt grobe Kleidung rieb auf seiner schwitzigen Haut.
„Strümpfe?“
Aus Anemones Mund klang das Wort sehr seltsam. Auf ihren fragenden Blick hin schaute er nur betont auf seine bloßen Füße. Sie zog ein Gesicht, das ihm deutlich sagte, dass sie ihn gerade für unglaublich dumm hielt. Mit einem Kopfschütteln zupfte sie aus dem Wäschehaufen eines der Tücher, die Max für Stoffwindeln gehalten hatte. Schon die ganze Zeit war ihm die Frage im Kopf herumgegeistert, was die in einem Männerzimmer zu suchen hatten. Max starrte fassungslos auf das Stück Stoff in Anemones Hand.
„Das ist nicht dein Ernst!“, protestierte er.
Anemone seufzte, drückte ihm den Lappen in die Hand und zog einen Schuh aus, um ihm zu zeigen, wie er seine Füße verpacken musste. Es dauerte eine Weile, bis Max den Dreh raus hatte. Falten, falten, wickeln, wickeln, knoten.
Schließlich waren alle Füße verpackt und in den Schuhen und Stiefeln verstaut. Durch die ganze Wickelei hatten Max´ Füße so an Volumen gewonnen, dass die Stiefel nun perfekt passten. Er machte gerade ein paar Probeschritte unter Anemones kritischen Augen, als Hund, heftig mit dem Schwanz wedelnd und fröhlich bellend, in das Zimmer gelaufen kam. Er sprang an ihr hoch und sie kraulte ihn hinter den Ohren.
„Ja, was ist denn? Hast du was gefunden?“
Hund bellte und jaulte und versuchte, Anemone aus dem Zimmer zu ziehen. Sie bemühte sich, ihn zu beruhigen, und redete auf ihn ein. Er würde sich ja sonst auch nicht so aufregen, wenn er was gefunden hatte. Max verstand genau, was Hund wollte. Kochschinken und geräucherte Würste hinter einer versteckten Tür im Keller, Hunds Lieblingsleckereien. Anemone solle sofort kommen und Mimbelwimbel helfen die Tür aufzubrechen. Er habe Hunger und großen Appetit!
Max versuchte das Gerede zu überhören, obwohl ihm sein eigener Hunger dabei wieder bewusst wurde. Schließlich sah Hund ein, dass Anemone ihn noch warten ließ und begann, sich im Zimmer umzusehen und in die Ecken zu schnüffeln.
Anemone hielt Max den größten der Beutel hin. Er hatte zwei extra Schlaufen, so dass er ihn auch auf dem Rücken tragen konnte. Dann nahm sie eine ähnliche, aber deutlich kleinere Tasche in die Hand und blickte nachdenklich von der Tasche zu Hund, der gerade halb im Schrank verschwunden war.
„Hund kann sein Futter eigentlich selbst tragen.“
Hund erstarrte und kam aus dem Schrank heraus, einen Strumpflappen auf dem Kopf.
„Ausgeschlossen!“
Anemone zupfte ihm das Tuch vom Schädel und hielt ihm die Tasche an.
„Hier die Beine durch und um den Bauch festgebunden, ja Hund, so machen wir das!“
„Weiber!“
Hund ließ Kopf und Ohren hängen.
Max begann Kleidungsstücke aus dem Haufen zu ziehen und zusammenzulegen.
„Warum nennst du ihn eigentlich Hund? Meinst du nicht, dass er vielleicht einen richtigen Namen will?“
Anemone zuckte mit den Schultern.
„Wieso sollte er einen anderen Namen haben wollen? Er ist ein Hund. Ich könnte auch Blödmann oder Scheißhaufen zu ihm sagen, es wäre ihm egal.“
Hund war bei diesen Worten zusammengezuckt.
„Dann doch lieber Hund. Trotzdem netter Versuch, Kumpel.“
Max musste gegen seinen Willen lächeln. Anemone hatte sich Hund zugewandt.
„Komm, zeig mir, was du gefunden hast!“
Hund bellte und lief voraus. Anemone wandte sich im Türrahmen noch einmal um.
„Du kommst dann runter, wenn du fertig gepackt hast.“
„Nein, ich werde mich unter dem Bett verkriechen!“, gab Max zur Antwort und brachte Anemone damit zum Lächeln. Dann folgte sie Hund die Treppe hinunter.
Er schmunzelte in sich hinein und begann, die zusammengefalteten Kleidungsstücke in den Beutel zu packen.
Liebe geht durch den Magen
Max ließ den Rucksack in dem Zimmer liegen und ging nach unten. Er hörte Gepolter aus der Küche, und Hund bellte im Hof. Durch die geöffnete Tür konnte Max sehen, dass Hund seine Würstchen bekommen hatte und sie nun genüsslich verschlang. Ein Blick über das Treppengeländer sagte ihm, dass Anemone schon wieder fleißig beim Aufräumen war. Er wurde bei der Überlegung, ob er ihr Hilfe anbieten oder lieber mit Hund um die Würstchen kämpfen sollte, von Mimbelwimbel unterbrochen, der mit einem Laib Brot, einer Wurst und einem Stück Käse in den Armen hereingehoppelt kam.
Ohne ein Wort über Max´ verändertes Erscheinungsbild zu verlieren, schickte er ihn zum Brunnen im Garten auf der Rückseite des Wohnhauses, um Wasser zu holen. Mit knurrendem Magen ließ Max sich von Anemone zwei Eimer geben und machte sich zähneknirschend auf den Weg, an Hund vorbei, der seine Mahlzeit verspeist hatte und nun zufrieden im Schatten des Hauses lag.
Der Garten war ein einziges Chaos, Mimbelwimbel hatte nicht übertrieben. Max sah auch die frischen Erdhügel am Rande des Gartens und blickte schnell weg. Er war noch nie so heftig mit dem Tod konfrontiert worden wie in dieser kurzen Zeit.
Die Zerstörung im Garten betraf hauptsächlich die Oberfläche. Plattgetrampelte und zerfetzte Pflanzen lagen verstreut durcheinander, aber die Plünderer hatten nicht in der Erde gewühlt. Vielleicht waren die Mohrrüben und die Kartoffeln schon groß genug, dass es sich lohnte, danach zu graben. Er sah auch noch ein paar Schoten am Erbsengestrüpp, und ein paar kleine Gurken hingen noch an ihren herausgerissen Mutterpflanzen.
„Trödel nicht rum!“
Max zuckte zusammen. Mimbelwimbel schaute aus dem Küchenfenster und machte eine ungeduldige Handbewegung.
„Ich geh ja schon“, murmelte Max mehr zu sich selbst.
Wenn das so weiterging, würde er den Zwerg bald hassen.
Als er mit den Eimern in die Küche zurückkam, hatte Anemone ganze Arbeit geleistet. Alles, was nicht zerbrochen war, hatte sie ordentlich weggestellt und aufgehängt. Der Tisch in der Wohnstube war gedeckt und Mimbelwimbel war bereits kräftig am mampfen. Allein die Aussicht, endlich etwas in den Magen zu bekommen, hielt Max davon ab, sich schon wieder über das schlechte Benehmen des kleinen Mannes zu ärgern.
Anemone schnitt Max eine dicke Scheibe vom Brot und je ein großzügiges Stück von der Wurst und dem Käse ab. Eine Weile aßen sie schweigend. Nicht nur Max war sehr hungrig, wie es schien. Das Brot schmeckte fast wie das Mischbrot, dass er immer beim Bäcker um die Ecke holte. Der Käse hatte einen herzhaften, würzigen Geschmack und passte hervorragend zum Brot. Auch die Wurst war nicht zu verachten. Hund teilte diese Meinung und erbettelte sich noch ein Stück.
Allmählich fühlte Max sich wohler. Ein gefüllter Magen hebt halt doch beträchtlich die Laune. Er kaute noch am letzten Stück, als Mimbelwimbel aufstand, sich die Krümel von der Kleidung klopfte und aus dem Bart zupfte.
„Mach doch nicht so eine Hektik!“, seufzte Anemone.
Max stimmte ihr innerlich zu. Mit vollem Bauch hatte er nun das Gefühl, dass die Zeit ideal für ein kleines Schläfchen sei. Aber der kleine Sklaventreiber war erbarmungslos, und widerstrebend folgten sie ihm in den Garten.
Während Max und Mimbelwimbel in der ausgetrockneten Erde nach Kartoffeln und Mohrrüben gruben, sammelte Anemone das zurückgebliebene Gemüse ein und suchte die Bäume nach Obst ab.
Es war faszinierend anzusehen, wie Mimbelwimbel einbeinig den Spaten in die Erde trieb, ohne dabei das Gleichgewicht zu verlieren. Und er war dabei definitiv effektiver als Max. Was allerdings auch daran liegen konnte, dass Max immer wieder innehielt, um ihm zuzuschauen.
Drei barsche Ermahnungen später, nicht so rumzuglotzen, entschied Anemone, dass sie genug für eine Suppe zum Abendbrot zusammenhatte.
Als sie um die Ecke des Hauses verschwunden war, seufzte Mimbelwimbel abgrundtief.
„Was ist los?“, fragte Max erstaunt.
„Das wirst du heute Abend schon noch erfahren“, meinte der kleine Mann kurz angebunden und betrachtete das bereits umgegrabene Stück.
„Das reicht. Lass uns den Rest aufsammeln, mehr können wir sowieso nicht mitnehmen.“
Sie stellten den Korb mit den Kartoffeln und Mohrrüben am Zugang zum Keller ab. Mimbelwimbel wollte den Proviant für die nächsten Tage zusammenpacken und schickte Max ins Haus.
„Hilf dem Mädchen bei dem, was auch immer sie dem armen Gemüse antut.“
Max zog die Augenbrauen hoch. „Aha, daher weht also der Wind“, dachte er sich.
Als Max in die Küche kam, hatte Anemone bereits Feuer gemacht und einen Topf Wasser auf den Herd gestellt. Sie war noch fleißig am schnippeln und so wie es aussah, wollte sie wohl das Gemüse ins Wasser werfen und kochen. Das würde eine recht geschmacksneutrale Angelegenheit werden.
Max machte einen Abstecher in die Wohnstube und holte die restliche Wurst, die noch auf dem Tisch lag, nahm sich ohne Kommentar ein Messer und begann sie kleinzuschneiden. Anemone schaute ihm mit zunehmender Verwirrung zu.
„Was tust du da?“, fragte sie schließlich.
„Na, damit die Suppe ein bisschen Würze bekommt. Bauchfleisch oder Rippchen wären mir lieber, aber die Wurst wird es auch tun.“
Er schüttete die Wurststückchen in das bereits dampfende Wasser. Anemone starrte ihn mit offenem Mund an. Als er ihr einen belustigten Blick zuwarf, während er einen Holzlöffel vom Haken nahm, um damit den Topfinhalt umzurühren, klappte sie ihn geräuschvoll zu und fragte entrüstet:
„Woher willst du das denn wissen?“
Sie stemmte die Hände in die Hüften und sah dabei wie ein richtiger Hausdrache aus. Max musste sich ein Lachen verkneifen.
Beiläufig meinte er: „Meine Mutter hat eine Kneipe. Ich musste ihr in den Ferien immer in der Küche helfen, als ich noch zur Schule ging. Und später auch immer mal wieder. Manche Dinge vergisst man nie.“
Er klopfte den Löffel am Topfrand ab, begann dann die Schranktüren aufzuklappen, fand den Deckel und tat ihn auf den Topf.
Anemone fragte ihn, etwas von seinem sicheren Auftreten eingeschüchtert: „Du kannst kochen?“
Max zuckte mit den Schultern.
„Geht so, einen Stern würde ich nicht gewinnen, aber meistens schmeckt es ganz gut.“
In Anemones Gesicht arbeitete es.
„Vielleicht solltest du dann hier weitermachen, ich kann nämlich nicht kochen“, gab sie schließlich zu.
Max nickte und verkniff sich jeglichen Kommentar.
„Würdest du bitte weiterschnippeln?“, fragte er höflich. „Ich schaue noch mal in den Garten, ob ich noch ein paar Kräuter retten kann.“
Anemone nickte, nahm das Messer wieder in die Hand und machte dort weiter, wo sie aufgehört hatte.
Erneut stapfte Max um das Haus herum, die Augen überall hingerichtet, nur nicht auf den Boden des Hofes. Hund schien sich nicht im Geringsten unwohl zu fühlen und döste entspannt im Schatten vor sich hin. Er ließ sich auch nicht von dem gedämpften Gepolter, das aus dem Keller kam, stören. Mimbelwimbel machte ganz schön Krach. Max runzelte die Stirn, als er unter der Verbindung zur Scheune durch am Keller vorbei in den Garten ging. Hoffentlich hörte sie niemand.
Max entdeckte nicht nur Petersilie und Liebstöckel (reichlich verknickt, aber egal.) sondern auch noch ein paar kleine Zwiebeln. Nach ein paar Probegrabungen fand er sogar Sellerie. Das würde ausreichen, um den Eintopf nicht allzu langweilig schmecken zu lassen.
Er aß sehr gerne Gemüsesuppe, und die Arbeit im Garten hatte Hunger und Appetit gemacht. Das Wasser mit der Wurst kochte bereits, und Anemone, fertig mit der Schnippelei, wartete auf ihn. Das Suppengemüse landete ebenfalls im Topf, und es dauerte nicht lange, bis sich ein angenehmer Duft im Haus verbreitete.
Mimbelwimbel kam ins Haus.
„Anemo...“
Er brach ab und schnupperte erst verwundert, dann mit zunehmender Begeisterung. Dann kam er in die Küche, beäugte den dampfenden Topf und fragte sie schließlich:
„Was hast du denn angestellt? Das riecht ja zur Abwechslung mal gut!“
Max verschluckte sich an seiner eigenen Spucke, als er auf diese erneute Frechheit eine deftige Antwort geben wollte und musste heftig husten. Während Anemone ihm kräftig auf den Rücken klopfte, fragte sie Mimbelwimbel, der wieder verzückt vor dem Topf stand:
„Was wolltest du eigentlich?“
Mimbelwimbel riss sich von dem Anblick los.
„Ich brauche deinen Proviantbeutel!“
Anemone nickte, hörte auf, Max auszuklopfen, als wäre er ein staubiger Teppich, und fragte ihn:
„Der Rucksack ist voll, oder?“
Max nickte.
„Fast“, brachte er hustend, mit tränenden Augen hervor.
Zu Mimbelwimbel gewandt sagte sie:
„Komm mit, ich gebe ihn dir. In einem der Schlafzimmer habe ich noch eine Umhängetasche neben einer Truhe liegen sehen, die kann Max dann nehmen.“
Zusammen verließen sie die Küche. Max rang noch eine Weile nach Luft und begann dann, das restliche Gemüse und die Kräuter in den Topf zu füllen.
Während die Suppe alleine weiterkochte, durchstöberte Max auf eigene Faust den Hof. Zwei kleine Töpfe, die gut ineinander passten, zwei kleine Messer und ein Schleifstein, Gabel, Löffel und Salz wanderten in den Rucksack. Er fand im Keller zwei leere Wasserschläuche. Wenn sie leer waren, würden sie weniger Platz wegnehmen als Flaschen. In einer der Werkstätten gegenüber vom Wohnhaus entdeckte er ein Bündel Lederschnüre, das er ebenfalls in den Rucksack stopfte.
Nach einem Stück Seife suchte er am längsten. Schließlich wurde er in dem an das Wohnzimmer angrenzende Schlafzimmer fündig. Versteckt, hinten in der Kommode, neben der eine zerbrochene Schüssel mit passendem Krug lag, fand er zwei in Leder eingewickelte Stücke. Schnell verschwanden diese in seiner Hosentasche, bevor Anemone sie sich unter den Nagel reißen konnte. Nach weiterem Wühlen in den Handtüchern förderte er auch noch ein Rasiermesser zu Tage. Super, er würde sich keinen Bart wachsen lassen müssen. Sehr zu seinem Unmut stieß er aber auf nichts, dass in seinen Augen eine Zahnbürste darstellen könnte. Da würde er wohl nachfragen müssen.
Mit der Seife, dem Rasiermesser und einer festgebundenen Decke war der Rucksack nun komplett (bis auf die Zahnbürste). Er wog einiges, die Provianttasche würde auch noch dazukommen, aber es musste gehen. Die Taschen der anderen Beiden hatten ja auch alles andere als leicht ausgesehen. Er suchte Anemone und fand sie, als sie dabei war, die Zimmer für das Übernachten herzurichten. Er schaute sich um, ob sie allein waren und Mimbelwimbel nicht in irgendeiner Ecke steckte. Seine Frage würde sonst sicherlich nur wieder einen bissigen Kommentar hervorrufen.
Er fragte Anemone leise:
„Sag mal, wie putzt ihr euch eigentlich die Zähne?“
Anemone sah ihn verdattert an, runzelte die Stirn, verkniff sich dann aber den Kommentar, der ihr auf der Zunge lag. Sie faltete die Decke, die sie gerade ausgeschüttelt hatte, zusammen und legte sie auf das Bett.
„Komm, ich zeig es dir.“
Sie holte ein Messer aus der Küche und ging dann nach draußen zu dem Busch, der neben dem Tor wuchs. Sie schnitt einen fingerdicken Ast ab, kürzte ihn auf ungefähr 20 cm und spaltete ihn ein wenig auf. Dann zog sie einen Lappen aus der Rocktasche, riss einen Streifen ab, legte ihn um das gespaltene Holzende und klemmte die Stoffenden am Hölzchen fest. Sie zupfte den Stoff noch ein wenig zurecht und hielt Max das Hölzchen hin. Er nahm es zweifelnd und simulierte die Putzbewegung, die er mit einer Zahnbürste machen würde. Anemone nickte zustimmend. Max widerstand dem Drang, resignierend die Schultern hängen zu lassen. Er würde wohl als erstes einen Zahnarzt aufsuchen müssen, falls er wieder nach Hause kam. Bei dem Gedanken an Holzsplitter im Zahnfleisch lief ihm ein Schauer über den Rücken. Nichtsdestotrotz schnitt er sich ein zweites Holz in der passenden Länge ab.
„Wir können dann essen. Die Suppe müsste so weit sein“, sagte er zu Anemone, die sich sofort auf die Suche nach Mimbelwimbel machte.
Eine halbe Stunde später saßen sie im Wohnzimmer am Tisch um den dampfenden Topf herum. Mimbelwimbel sabberte förmlich. Auch Hund bekundete lautstark sein Interesse, so dass er ebenfalls einen Teller voll bekam. Anemones Gesicht wurde immer finsterer, während Mimbelwimbel, laut schlurfend und schmatzend, unterbrochen von einem Mmmh nach dem anderen, seinen Teller leerte.
Schließlich platzte sie heraus: „Ich weiß, dass ich nicht gut kochen kann, aber du musst es nicht so deutlich zeigen!“
Mimbelwimbel nahm sich ungerührt Nachschlag.
„Das war die Untertreibung des Jahres!“, meinte er an Max gewandt. „Unter diesen Umständen bin ich absolut dafür, dass du uns begleitest.“
Er löffelte weiter.
„Und das von dir, das ist ja fast eine Liebeserklärung!“, sagte Anemone bissig.
„Unsinn!“, gab Mimbelwimbel zurück. „Ich denke praktisch. Eine gute Ernährung ist die Grundlage für eine gute Gesundheit.“
Max schaufelte hastig Suppe in sich hinein und tat so, als ob er nichts hörte. Ein falsches Wort, und Anemone würde explodieren.
Schließlich war der Topf leer, und sie saßen satt und träge auf ihren Stühlen. Hund verzog sich in eine Ecke und rollte sich zusammen. Anemone holte ein paar Äpfel aus der Küche. Max und Mimbelwimbel sahen ihr zu, wie sie die Äpfel in Stücke schnitt. Eine angenehme Stille machte sich breit.
Max nahm sich ein Stück Apfel, biss ab und kaute bedächtig. Mimbelwimbel hatte sich in seinem Stuhl zurückgelehnt, die Hände über den vollen Bauch gefaltet, die Augen geschlossen und schnarchte leise. Durch die geöffneten Fenster wehte eine leichte, kühle Brise. Jetzt, wo die Sonne schon niedrig stand, ließ die drückende Hitze des Tages nach und wich einer angenehmen Wärme. Max war müde, wollte aber noch nicht schlafen gehen und schaute Anemone träge dabei zu, wie sie die Apfelreste in die Schüssel, in der sie die Äpfel rein gebracht hatte, warf. Dabei machte sie so viel Lärm wie es nur ging. Sie schob ihren Stuhl geräuschvoll über den Boden, rückte am Tisch und warf das Messer den Apfelresten klappernd in die Schüssel hinterher. Hund hob leicht den Kopf und öffnete die Augen einen Spalt weit. So fest auftretend wie es ging stapfte Anemone zur Tür hinaus in den Hof.
Mimbelwimbel hatte aufgehört zu schnarchen und öffnete langsam ein Auge.
„Sie ist wohl noch sauer“, meinte Max leichthin.
Mimbelwimbel gähnte und reckte sich.
„Ich hätte deine Reaktion sehen wollen, wenn du nach zwei Wochen ungenießbarer ...“, Mimbelwimbel suchte nach einem passenden Wort, „... Pampe eine vernünftige Mahlzeit bekommst.“
Er griff nach einem Apfelstück.
„Na, so schlimm war es doch bestimmt nicht“, meinte Max.
„Hast du eine Ahnung!“
Dem kleinen Mann lief deutlich sichtbar ein Schauer über den Rücken.
„Wieso bist du eigentlich unterwegs?“, fragte Max und erntete zum ersten Mal keinen bissigen Kommentar auf eine Frage.
Mimbelwimbel mümmelte noch einen Augenblick an seinem Apfelstück herum und schluckte es dann herunter. Während er ein weiteres Stück nahm, fragte er:
„Hat Anemone dir schon etwas erzählt?“
Er biss ab.
„Nur, dass Wobbelhobbel im Bergbau arbeiten, gut weben können und Handel treiben. Aber wie ein Händler siehst du nicht aus.“
Mimbelwimbel nickte.
„Bin ich auch nicht.“ Er machte es sich auf seinem Stuhl bequem. „Ich komme vom Schwarzberg, im Mittleren Gebirge, weit im Süden. Seit Jahrhunderten gräbt meine Familie dort nach Erz. Wir nennen diesen Teil des Mittleren Gebirges auch Erzgebirge, weil die Berge so ergiebig sind. Wir suchen hauptsächlich nach Edelmetallen für die Herstellung von Schmuck und Münzen. Gold, Silber und Kupfer. Wir haben aber auch mehrere Stollen, in denen wir Eisenerz abbauen. Die Nachfrage steigt stetig. Hin und wieder finden wir auch Edelsteine, ist aber eher die Ausnahme.“
Anemone kam wieder herein und setzte sich. Max lächelte sie kurz an und wandte sich Mimbelwimbel wieder zu:
„Klingt so, als ob deine Familie riesig ist. Das ganze hört sich nach einer Menge Arbeit an.“
Mimbelwimbel nahm sich noch ein Stück Apfel.
„Die Bergwerke werden nicht nur von meiner Familie unterhalten. Wir haben uns mit drei anderen Familien zusammengetan. Wir sind so effektiver. Unserer Familie, den Wimbels und den Wobbels, gehören die Gold-, Silber- und Kupfererzstollen. Die Eisenerzstollen gehören den Wabwels und den Mimbwos. Wir verhütten das gefundene Erz auch selbst. Die Mimbwos sind da wahre Spezialisten, darum haben wir sie auch in die Gemeinschaft aufgenommen, obwohl sie nur einen Stollen mitgebracht haben. Das Erz selbst zu verhütten spart Zeit und Geld, denn nur reines Metall kann gut verkauft werden.“
Mimbelwimbel kratzte sich am Bart.
„Warum bist du aber hier und nicht bei deiner Familie?“, fragte Max weiter.
„Zweimal im Jahr melden wir die Mengen, die wir gefunden haben, an die Handelszentrale in Altseeburg. Seit zehn Jahren mache ich das. Vorher hat es mein Vater getan. Ich handle einen Preis aus, und die Ware wird abgeholt. Ich kaufe in der Regel auch gleich die Dinge ein, die wir nicht selbst herstellen können, aber zum Leben brauchen, und reise mit den Leuten vom Handelshaus zurück. Wir könnten das auch über die herumreisenden Vertreter regeln, aber im Handelshaus bekommt man einfach einen besseren Preis!“
Mimbelwimbel rülpste, wischte sich mit dem Bart den Mund ab (Anemone verzog angeekelt das Gesicht) und lehnte sich wieder gemütlich zurück.
„Wäre es nicht einfacher, das Metall direkt nach Altseeburg zu bringen?“, fragte Max.
Er fand das Ganze recht merkwürdig. Gewöhnt an Telefon und Internet kam ihm diese Vorgehensweise doch mehr als umständlich vor.
„Viel zu gefährlich“, antwortete Mimbelwimbel. „Nicht nur in der heutigen Zeit, sondern schon immer. Solange man offensichtlich nichts Wertvolles bei sich hat, interessiert sich dieses Pack von Wegelagerern kaum für einen, obwohl ...“ Mimbelwimbel klopfte sich nachdenklich an die Nase. „Ich habe gehört, dass Leute nicht nur ausgeraubt, sondern auch gefangen genommen wurden und erst gegen Zahlung eines Lösegeldes wieder frei kamen.“
Er zuckte mit den Schultern. Ihm war es wohl noch nicht passiert.
„Was passiert mit denen, für die nicht gezahlt wird?“, fragte Max in die Pause hinein, die Mimbelwimbel machte.
Der kleine Mann zuckte wieder mit den Schultern und zog einen Zeigefinger über die Kehle.
„Jedenfalls ...“, fuhr er fort, „... müssten wir so viele Leute zum Schutz der Ware mitschicken, dass wir in dieser Zeit erheblich weniger fördern würden. Wir sind nun auch nicht die besten Kämpfer. Es rechnet sich mehr, die ausgebildeten Schutztruppen des Handelshauses zu bezahlen. Das Risiko des Verlustes liegt dann auch nicht mehr bei uns.“
Das klang wiederum logisch.
„Du reist also zweimal im Jahr nach Altseeburg?“
Mimbelwimbel nickte.
„Bist du schon mal woanders gewesen?“
Max fragte sich, ob es in dieser Welt nur dieses Stück Land gab, oder ob seine Bewohner auch über die Ufer hinausschauten. Falls Ufer überhaupt existierten.
„Nein, aber ich habe einen Vetter, der hat überhaupt kein Gespür für den Bergbau. Er ist nach Altseeburg in das Handelshaus gegangen und dann eine Weile über die Meere gesegelt. Von ihm könnte ich dir ein paar spannende Geschichten erzählen. Mach ich vielleicht auch. Irgendwann.“
Mimbelwimbel hatte für heute offensichtlich genug erzählt. Es war mehr gewesen, als Max am gesamten Tag von ihm gehört hatte.
„Sie sind wirklich spannend!“, sagte Anemone, und Mimbelwimbel verzog sein Gesicht zu etwas, das tatsächlich ein Lächeln sein konnte.
„Er hat mir ein paar erzählt, bevor wir über dich gestolpert sind. Obwohl ich mir nicht sicher bin, ob sie alle der Wahrheit entsprechen. Besonders die mit der Meerjungfrau ...“
Max sah Mimbelwimbel gespannt an, doch der machte nur ein unschuldiges Gesicht, oder versuchte es zumindest, und zog die Schultern hoch.
„Ich habe nur wiedergegeben, was Hombelwimbel mir erzählt hat.“ Er grinste frech und sah dabei sehr verschlagen aus.
„Warum bist du eigentlich unterwegs?“, fragte Max Anemone.
Diese Frage war ihm schon die ganze Zeit durch den Kopf gegangen. Nach dem, was Mimbelwimbel erzählt hatte, konnte er auch nicht glauben, dass es üblich war, dass Frauen alleine auf Reisen gingen. Mimbelwimbel wurde bei dieser Frage ganz still und beobachtete Anemone aus halb geschlossenen Augen.
Anemone schien sich auf einmal sehr unwohl zu fühlen.
„Ich suche jemanden“, antwortete sie knapp.
„Entschuldige bitte, ich wollte dir nicht zu nahe treten“, sagte Max besorgt.
Mit dieser Reaktion hatte er nicht gerechnet. Sie lächelte etwas verkrampft, entspannte sich dann aber.
„Was willst du jetzt eigentlich machen?“, fragte sie Max im Gegenzug.
Den Gedanken daran hatte Max den ganzen Tag über immer wieder verdrängt. Aus dem einfachen Grund, dass er dabei Panik bekam und nicht mehr klar denken konnte.
„Ich weiß nicht, ich ...“
Er verstummte. Plötzlich standen ihm Tränen in den Augen. Er kämpfte sie mühsam zurück und schluckte hart.
„Ich möchte zurück nach Hause, aber ich weiß nicht wie.“
Die andere Welt machte ihm Angst. Er sehnte sich nach dem Gewohnten, egal wie unbequem es auch manchmal war. Damit kam er klar. In seiner Welt wusste er sich zu helfen. Aber hier war er allein. Überall lauerten unbekannte Gefahren.
Plötzlich überkam ihn schreckliches Heimweh, und die Panik war wieder da. Was, wenn er wirklich nicht wieder zurückkam? Er würde seine Familie nie wiedersehen. Er hatte am Samstag mit seinen Freunden ins Kino gehen wollen. Max verlor den Kampf gegen die Tränen und spürte wie sie ihm die Wangen hinunterrollten. Verlegen wischte er sie mit einer Hand weg und wagte nicht aufzusehen, in der Befürchtung, Spott oder Verachtung in den Augen der anderen zu erkennen. Er merkte, wie sich eine weiche Hand auf seine legte und sacht zudrückte. Anemone sah ihn mitfühlend an, selbst den Tränen nahe, von den seinen gerührt. Mimbelwimbel schaute ihn ernst und nachdenklich an. Keine Spur von Spott und Hohn. Max fing sich allmählich wieder und versuchte zu lächeln.
Mimbelwimbel räusperte sich.
„Dein Auftauchen war schon sehr seltsam. Ich konnte den Weg gut einsehen, und du hast definitiv nicht dagelegen, bis ich über dich gestolpert bin. Und du scheinst mir intelligent genug zu sein, um nicht in dem lächerlichen Ding, in dem du da gesteckt hast, und ohne Schuhe vor die Tür zu gehen.“
„Danke!“, sagte Max trocken.
Mimbelwimbel neigte huldvoll den Kopf. Anemone nahm ihre Hand von Max´ und nahm sich das letzte Apfelstück. Nachdenklich knabberte sie daran.
„Du hast nicht zufällig schon mal von so einer Sache gehört?“, fragte sie Mimbelwimbel.
Doch der schüttelte nur den Kopf.
„Mir ist, als ob. Aber ich komme nicht darauf. Ich glaube, es war eine Geschichte, die mir erzählt wurde, als ich noch klein war, aber ich kann mich nicht erinnern.“ Mimbelwimbel zuckte mit den Schultern. „Für mich sieht das ganze nach Zauberei aus!“
Anemone verschluckte sich und hustete heftig. Diesmal klopfte Max ihr auf den Rücken. Mit hochgezogenen Augenbrauen fragte er Mimbelwimbel ungläubig:
„Gibt es hier etwa Zauberer?“
„Natürlich nicht!“, keuchte Anemone und hustete erneut.
„Bei euch etwa?“
Max schüttelte den Kopf.
„Nein. Nur welche, die so tun.“
Anemone holte tief Luft und wischte sich die Tränen ab.
„Es gibt die Geschichte, dass die Weise Magna zaubern kann. Man hat uns, als wir noch Kinder waren, immer erzählt, dass sie kommen würde und uns in Frösche verwandelt, wenn wir unartig sind. Aber wer glaubt das.“
Mimbelwimbel nickte.
„Ja, damit stellen wir unsere Kinder auch ruhig.“
Max sah von einem zum anderen.
„Was ist die Weise Magna?“
Anemone zuckte mit den Schultern.
„Sie soll in Altseeburg, in einer Höhle unter der Burg, wohnen.“
Max und Anemone sahen Mimbelwimbel an, in der Annahme, dass er mehr wüsste. Mimbelwimbel schaute von Max zu Anemone und wieder zurück und meinte dann entschuldigend:
„Mehr weiß ich auch nicht, ich meine nur mal gehört zu haben, dass sie Teil der Regierung ist, in beratender Funktion.“
Mimbelwimbel hob hilflos die Hände.
„Meinst du, dass sie vielleicht Rat in seinem Fall weiß und wir sie fragen können?“
Anemone nickte in Max´ Richtung. Mimbelwimbel raufte sich den Bart, bohrte dann mit dem kleinen Finger im Ohr und hatte dabei die ganze Zeit die Stirn in nachdenkliche Falten gelegt. Schließlich zuckte er mit den Schultern.
„Warum nicht? Wenn sie keinen Rat weiß, wer dann?“
Anemone nickte zustimmend.
„So machen wir es. Du kommst mit uns nach Altseeburg, und dann sehen wir weiter.“
Max nickte langsam. Es war ein Plan. Allerdings schwante ihm nichts Gutes. Er hatte das dumpfe Gefühl, dass dies nicht nur ein kleines Abenteuer werden würde, aber wenigstens war er nicht allein.
Es wurde allmählich dunkel draußen. Anemone erhob sich.
„Es wird Zeit ins Bett zu gehen. Wir sollten morgen früh aufstehen.“ Sie stellte die Teller in den Topf und brachte ihn in die Küche. Max hatte sich gerade hochgequält als sie zurückkam.
„Ich schlafe hier.“ Sie deutete auf die Schlafkammer hinter dem Wohnzimmer. „Für Mimbelwimbel habe ich das Zimmer hinter der Webstube aufgeräumt, und du kannst oben in dem Zimmer der Knechte schlafen.“
Sie verschwand in ihrer Schlafkammer.
„Wäre schön, wenn du noch mal Wasser holen könntest!“, rief sie heraus.
Max stand ein wenig verunsichert da. Na hoffentlich würden sie ihn da oben nicht vergessen. Mimbelwimbel schien seine Gedanken erraten zu haben. Er kletterte vom Stuhl und boxte Max leicht in den Oberschenkel.
„Keine Angst. Wir werden dich schon nicht vergessen!“, sagte er und hoppelte aus dem Zimmer.
Beruhigt holte Max das Wasser, wusch sich rasch und putzte sich mehr schlecht als recht die Zähne.
Bis auf die Unterhose ausgezogen, lag er schließlich im Bett. Es war unbequem, wellig und es raschelte, wenn er sich bewegte. Aber bevor er sich darüber Gedanken machen konnte, wie er in dem Ding bloß zur Ruhe kommen sollte, war er bereits fest eingeschlafen.
Die andere Art der Fortbewegung
Max wurde unsanft durch heftiges Rütteln geweckt.
„Wassislos?“, murmelte er noch halb im Schlaf.
Plötzlich fiel ihm der gestrige Tag wieder ein. Augenblicklich hellwach setzte er sich mit einem Ruck auf. Sofort zog er die Decke bis zum Kinn. Anemone sah ihn mit hochgezogenen Augenbrauen an.
„Die Sonne ist gerade aufgegangen, wir müssen uns beeilen!“, sagte sie und verließ das Zimmer.
Max ließ die Decke wieder sinken. Er fühlte sich wie gerädert. Sein Rücken schmerzte, sein rechter Arm war eingeschlafen und kribbelte nun heftig. Als er seinen Kopf bewegte, knackte es erschreckend laut. Er stöhnte auf und begann mit der linken Hand seinen steifen Nacken zu massieren. Wie konnten die Leute in dieser Welt nur auf solchen Foltergeräten erholsamen Schlaf finden? Er schob die Decke komplett zur Seite und stieg aus dem Bett. Es dauerte ein paar Augenblicke, bis er sich komplett aufgerichtet hatte. „So fühlt man sich wohl, wenn man 70 ist!“, schoss es ihm durch den Kopf, während er mit Hilfe seiner Hände sein Rückgrat geradedrückte. Dann kleidete er sich mühsam an und kämpfte eine halbe Ewigkeit mit dem Strumpfersatz, bis er keine Falte mehr unter den Sohlen spürte. Fußwickel hatte Anemone diese Lappen genannt. Für ihn blieben es einfach umfunktionierte Windeln. Und wenn er sie nicht täglich waschen würde, würden sie bald wie die benutzte Variante riechen.
Er hievte sich den Rucksack auf die Schultern, und die schmalen Riemen schnitten ihm sofort schmerzhaft ins Fleisch. Das würde er auf gar keinen Fall den ganzen Tag aushalten. Kurzerhand wurden zwei Fußwindeln zu Schulterpolstern umfunktioniert. Wie vielseitig einsetzbar diese Lappen doch waren.
Als Max seine schwere Tasche in den Flur neben den Eingang zu den anderen Taschen stellte, deckte Anemone bereits den Tisch. Mimbelwimbel hatte Brot, Käse und Wurst geholt und sogar Butter aufgetrieben.
Schweigend saßen sie am Tisch und aßen alles bis zum letzten Krümel auf, denn der Tag würde wieder anstrengend werden. Und warm. Obwohl die Sonne noch nicht allzu hoch stand, war ihre Wärme schon deutlich zu spüren. Max würde den Strohhut, den er in einer der Werkstätten hatte hängen sehen, wohl am besten mitnehmen.
Als sie fertig waren, stellten sie das Geschirr zu dem vom Vortag. Unschlüssig stand Anemone davor.
„Du denkst doch wohl nicht daran, jetzt noch abzuwaschen!“, fragte Mimbelwimbel sie in einem vorbeugend protestierenden Tonfall.
Anemone zuckte mit den Schultern.
„Hast ja recht.“
Sie drehte der Küche den Rücken zu, ging zu den Taschen und rief Hund zu sich. Max holte sich den Hut und setzte ihn probehalber auf. Mimbelwimbel betrachtete ihn kritisch.
„Mach lieber das Band ab und zerdrücke ihn ein wenig. Wäre blöd, wenn im nächsten Dorf jemand den Hut erkennt. Er ist recht auffällig.“
Max nickte und folgte Mimbelwimbels Vorschlag. Ohne Band und der darin steckenden Feder wirkte der Hut gleich viel unscheinbarer. Er warf einen nachdenklichen Blick auf seine Kleidung. Dann rieb er sich die Hände mit dem Staub vom Hof ein und klopfte sie an Hose und Hemd ab. Nachdem er diese Prozedur ein paar Mal wiederholt und den Stoff mit den Händen gedrückt und zerknittert hatte, sah er aus, als ob er in den Klamotten schon einige Tage unterwegs wäre. Ein Stein über das Leder der Stiefel gerieben und das Bild war perfekt. Mimbelwimbel nickte zufrieden. Anemone hatte Hund seinen Beutel auf den Rücken gebunden und ließ sich nicht im Geringsten von seinen zutiefst traurigen Augen und den hängenden Ohren erweichen. Max belud sich ebenfalls mit seinen Taschen. Und als die ersten Sonnenstrahlen über das Dach des Wohnhauses krochen, traten sie durch das Tor hinaus auf den Weg, der in die große Nord-Süd-Straße mündete.
Wie am Tag zuvor war Mimbelwimbel ihnen schnell wieder ein Stück voraus.
„Ein Wunder, dass bei seiner Art sich fortzubewegen nichts zu Bruch geht“, meinte Max zu Anemone, die daraufhin kurz auflachte.
„Das habe ich mich auch schon oft gefragt, aber offensichtlich hat er alles bruchsicher verpackt.“
Hund hatte sich mit seiner Last abgefunden, schnüffelte nach alter Hundemanier den Wegrand ab und hob hin und wieder das Bein. Max schritt, seiner Meinung nach, kräftig aus, aber Anemone hielt problemlos mit. Mit dem Durchschreiten des Tores, mit dem sich erneut auf den Weg machen, hatte er akzeptiert, dass eine Rückkehr in sein gewohntes Leben so einfach vorerst wohl nicht möglich war. Aber die Angst blieb und auch die Frage, was passiert war und warum.
Er warf Anemone einen Blick von der Seite zu. Sie hatte die Augen auf den Horizont gerichtet und summte im Takt ihrer Schritte leise vor sich hin.
Sie musste wohl Max´ Blick auf sich gespürt haben und sagte:
„Das haben wir immer gesungen, wenn wir früher in den Wald Pilze und Beeren sammeln gegangen sind.“
„Früher?“, fragte Max.
„Als ich älter wurde, musste ich mehr im Haus helfen, spinnen, weben und nähen lernen. Lauter solche Sachen, die eine Frau so können sollte, du weißt schon.“
Man sah ihr an, dass sie keinen Spaß dabei gehabt hatte.
„Bist du deswegen von zu Hause weggelaufen?“, fragte Max, bevor er sich an Anemones abwehrende Haltung von gestern erinnerte.
„Nein, nicht direkt.“
Sie lächelte gequält und Max fragte nicht weiter, obwohl die Neugier immer größer wurde.
Der Weg stieg leicht an, und Max musste sich nun ganz schön anstrengen, um mit Anemone, der die Steigung überhaupt nichts ausmachte, Schritt zu halten. Auf der Kuppe saß Mimbelwimbel wartend auf dem Grasstreifen am Wegrand. Unter ihnen erstreckte sich entlang der großen Nord-Süd-Straße ein Dorf. Auf den umliegenden Feldern konnte man Menschen bei der Arbeit sehen. Die Erntezeit stand an, und es war viel zu tun. Hundegebell, das Muhen der Rinder auf der Weide und das Wiehern der Pferde vor den Karren drang zu ihnen herauf. Mimbelwimbel war aufgestanden und schaute mit ihnen auf das Treiben.
Fensterläden wurden aufgeklappt, Türen geöffnet und Kinder zum Wasserholen geschickt. Das Dorf war schon einige Zeit wach.
„Weizendorf.“
Mimbelwimbel nickte in Richtung der Häuseransammlung.
Mit seinen vielleicht dreißig Häusern hätte Max es nicht mal Dorf genannt. Dort unten wohnten vielleicht 200 Menschen.
„Es ist einer der größeren Orte an der großen Nord-Süd-Straße. Hat sogar einen Gasthof!“, fuhr Mimbelwimbel fort.
Max fragte sich, wie groß Altseeburg wohl war, wenn das hier schon als größerer Ort bezeichnet wurde.
Gemeinsam stiegen sie den Hügel hinunter ins Dorf. Während sie die Hauptstraße entlang an den Häusern vorbeigingen, beäugten die Bewohner sie misstrauisch. Die wenigen, die nicht auf den Feldern waren, hielten in ihrem Tun inne, um sie zu beobachten. Selbst den Kindern, die eigentlich fröhlich herumtollen sollten, schien in der angespannten Atmosphäre das Lachen vergangen zu sein.
„Wirklich offen und freundlich sind die hier ja nie gewesen, aber heute scheinen sie ja alle ihre schlechte Laune ausgepackt zu haben“, knurrte Mimbelwimbel stirnrunzelnd. „Was ist denn bloß los?“
Er schaute sich um. Der Töpfer, der gerade den Ladentisch vor seinem Fenster heruntergeklappt hatte und dabei gewesen war, die ersten Stücke daraufzustellen, starrte sie mit zusammengekniffenen Augen abschätzend an. Rasch senkte er den Kopf, als seine und Mimbelwimbels Blicke sich trafen. Auch Hund hatte die seltsame Spannung, die in der Luft lag, bemerkt und hielt sich dicht bei ihnen.
„Glaubst du, das hat mit dem Überfall auf den Bauernhof zu tun?“, fragte Anemone den kleinen Mann flüsternd.
Max fühlte sich ausgesprochen unwohl. Er spürte die unfreundlichen Blicke in seinem Rücken.
„Vielleicht, aber wir sehen ja nun wirklich nicht wie ein paar Söldner in Überfallsstimmung aus“, entgegnete Mimbelwimbel ebenso leise auf Anemones Frage. „In den anderen Dörfern war die Stimmung ähnlich. Erinnerst du dich? Voller Angst.“
Anemone nickte nachdenklich.
Das Wirtshaus war das vorletzte Gebäude, an dem sie vorbeigingen. Die Tür stand einen Spalt offen, und sie konnten das Gesicht des Wirtes sehen, der sie ebenfalls beobachtete. Max erwiderte den prüfenden Blick des Mannes, worauf dieser mit einem Schnappen die Tür schloss.
„Mir gefällt das nicht“, wisperte Max.
Die anderen Beiden nickten nur zustimmend. Automatisch beschleunigten sie ihre Schritte in dem Wunsch, den misstrauischen Blicken zu entkommen.
Erst als ein Hügel zwischen ihnen und Weizendorf lag, fühlte Max sich wieder wohler. Als es hinter der Bergkuppe verschwand, blieb Max stehen und schaute sich noch mal um.
„Was, meint ihr, hat ihnen so viel Angst eingejagt?“, fragte er die anderen Zwei, die ebenfalls stehen geblieben waren.
„Ich frag mich das schon seit dem Frühjahr“, antwortete Mimbelwimbel und setzte seinen Rucksack ab. „Da war es auch schon so. Und dann diese ganzen Ganoven, die über den Winter wie Pilze aus dem Boden geschossen sind. Es ist fast, als ob sie etwas suchen.“
Er hatte bei seinen Worten seinen Wasserschlauch hervorgeholt und trank nun ein paar Schlucke.
„Was meinst du damit, sie suchen etwas?“
Die Angst, die Max gerade ein wenig in den Hintergrund gedrängt hatte, war wieder da. Was, wenn sie nicht etwas, sondern jemanden suchten?
Mimbelwimbel ließ seinen Wasserschlauch sinken. Wassertropfen glänzten in seinem Bart.
„All diese Entführungen und Überfälle auf Gruppen, die offensichtlich nichts Wertvolles bei sich haben. Nicht nur, was ich selbst mitbekommen habe, sondern auch das, was andere Reisende mir so erzählt haben.“ Er setzte den Wasserschlauch wieder an die Lippen, trank noch etwas und stöpselte ihn dann wieder zu. „Früher sind auch mehr Leute um diese Zeit unterwegs gewesen. Es scheint sich einiges verändert zu haben.“
Er steckte seinen Wasserschlauch wieder in seinen Rucksack.
„Glaubst du, dass sie vielleicht eine Person suchen?“
Anemone sprach Max´ Gedanken aus. Mimbelwimbel hievte sich seinen Rucksack auf die Schultern und schnallte ihn fest.
„Du meinst, sie suchen ihn?“ Er nickte in Max´ Richtung. Anemone zuckte mit den Schultern. „Woher sollen sie wissen, dass er da ist? Wir wussten es ja selbst nicht, bis er direkt vor uns gelandet ist.“ Er dreht sich um. „Lasst uns weitergehen.“
Er sprang los, und Hund lief ihm hinterher.
„Los, komm.“ Anemone zog Max leicht am Ärmel, und er setzte sich in Bewegung. „Es wird schon nichts passieren“, sagte Anemone wohl in der Absicht ihn aufzumuntern.
Er lächelte sie fröhlicher an, als ihm zumute war.
„Na klar, ich weiß ja selbst nicht, wo ich bin, wie soll es dann jemand anderes wissen.“
Himmel, war das gerade dämlich. Anemone lächelte ihn nur an.
Bald brannte die Sonne wieder heftig auf sie herab. Max war froh um seinen Hut. Auch Anemone hatte sich eine Kappe herausgeholt, die sie nun auf dem Kopf trug. Mittags machten sie Rast unter einem der Bäume am Wegrand. Den Bäumen am Horizont, die sie von den Kuppen der seichten Hügel aus sehen konnten, waren sie schon näher gekommen. Heute Abend würden sie wohl den Wald erreichen.
Max sehnte sich nach dem Schatten. Aber im Angesicht der Gruselgeschichten, die er gehört hatte, war es vielleicht keine gute Idee, darin zu übernachten. Mimbelwimbel und Anemone schienen sich da allerdings keine Gedanken zu machen.
Am frühen Abend erreichten sie den Wald. Der entpuppte sich als ungefähr fünfzig Meter breiter Streifen aus Bäumen und Büschen, den man wohl kaum Wald nennen konnte. Er trennte wohl die Felder des einen Dorfes von den Feldern des nächsten. Max konnte bereits entlang des Weges die nächsten Felder sehen. Er glaubte sich zu erinnern, dass in seiner Welt Felder auf die gleiche Art begrenzt wurden, obwohl nicht ganz so massiv. Knick nannte man das. Sein Opa hatte einen Kirschbaum in seinem Garten. Knickkirsche hatte er ihn genannt, weil der Baum aus so einem Knick stammte. Er hatte Max das mal erklärt, weil Max den Namen so wunderlich gefunden hatte.
Sie schlugen etwas abseits vom Weg ihr Lager auf. Mimbelwimbel grub mit einem dicken Ast eine Feuergrube in den lockeren Boden und macht sich dann daran, Feuerholz zu sammeln. Max war nur noch dazu in der Lage, sich hinzusetzten und die Füße zu entlasten. Er hatte das Gefühl, dass sie heute mindestens hundert Kilometer gelaufen sein mussten. Nicht weit von ihrem Lagerplatz entfernt floss ein kleiner Bach entlang. Max pellte seine Füße aus den Stiefeln, setzte sich ans Ufer und kühlte seine brennenden Sohlen in dem kalten Wasser.
„Es ist doch eine elende Art sich fortzubewegen“, sagte er zu sich selbst.
„Wie willst du denn sonst vorwärtskommen?“ Er hatte Anemone nicht bemerkt. Sie füllte ihre Wasserflasche nach und betrachtete ihn dabei neugierig, fast spöttisch. „Pferde sind teuer. Sie nur zum Reiten zu nutzen, können sich nur sehr reiche Leute leisten. Und mit einem Esel kommt man auch nicht viel schneller voran als zu Fuß.“
Sie stöpselte ihre Flasche zu, dann zog sie ebenfalls ihre Schuhe aus und setzte sich neben Max.
„Vom Reiten tut einem irgendwann auch bloß der Arsch weh. Ist auch nicht besser“, meinte er mürrisch und Anemone lachte.
„Wie würdest du dich denn fortbewegen wollen?“
Sie sah ihn an, als ob sie nicht vorhatte, ihm zu glauben, egal, was er ihr erzählen würde. Max zuckte mit den Schultern.
„Mit einem Auto natürlich. Der Weg ist breit und eben genug. Wir würden locker fünfzig Kilometer die Stunde schaffen, ohne bis auf die Knochen durchgeschüttelt zu werden.“
Er sah Anemone an, als ob er davon ausging, dass sie genau wusste, wovon er sprach und hatte unheimlich Freude an ihrem verstörten und verwirrten Gesichtsausdruck.
„Was ist ein Auto?“
Max unterdrückte ein Grinsen. Das Wort klang aus ihrem Mund irgendwie seltsam.
„Das weißt du nicht?“
Er bemühte sich erstaunt zu klingen. Anemone verschränkte die Arme und kniff den Mund zusammen. Max lachte sie aus. Es dauerte nur eine Weile, bis sie ihre böse Miene nicht mehr aufrechterhalten konnte und mitlachte.
„Also, was ist nun ein Auto?“, fragte sie noch mal.
„Mhh ... Es hat vier Räder, man kann darin sitzen. Es gibt sie mit und ohne Dach ...“
Anemone unterbrach ihn: „Das kenne ich, das ist eine Kutsche ... aber man braucht trotzdem etwas zum ziehen ...“
Max lächelte.
„Ja, in etwa. Nur ein Auto braucht keine Pferde oder ähnliches, es fährt sozusagen von alleine.“
Anemone zog die Augenbrauen hoch, stand dann auf, während sie ihm einen bösen Blick zuwarf. Ohne zurückzublicken, die Schuhe in der Hand, stapfte sie beleidigt davon.
Max kicherte noch eine Weile über seinen Spaß leise vor sich hin. Wahrscheinlich war Anemone immer noch davon überzeugt, dass er sich nur den Kopf gestoßen und sein Gedächtnis verloren hatte.
Max bewegte seine Füße im Wasser. Seine Zehen spielten mit den Algen, die auf den Steinen wuchsen. Schließlich rief Mimbelwimbel ihn zum Lager. Neben dem Loch lag ein Stapel trockenes Holz und Mimbelwimbel wollte ihm zeigen, wie man Feuer macht.
Fasziniert schaute Max zu, wie die aufeinander geschlagenen Steine Funken sprühten und trockenes Gras entzündeten.
„Das nächste Mal bist du dran!“, bestimmte Mimbelwimbel.
Max verkniff sich den Kommentar, dass sie dann wohl sehr lange auf das Feuer warten müssten, es würde sich ja von selbst zeigen. Mimbelwimbel fütterte die zarten Flammen geschickt mit mehr Holz, ohne sie gleich wieder zu ersticken. Die entstehende Glut schob er an den Rand, damit Max seine Töpfe darauf stellen konnte. Kartoffeln und Mohrrüben waren schnell gekocht und danach noch mit etwas Schinken gebraten. Hund hatte beim Anblick von dem Gemüse nur die Nase gerümpft, sich ein Kaninchen gefangen und verschlang es nun gierig. Max beobachtete ihn dabei angeekelt, aber auch nachdenklich. Mimbelwimbel folgte seinem Blick.
„Zur Abwechslung hin und wieder mal nicht schlecht.“
Max nickte. Sie würden sich in drei bis vier Tagen wieder mit Proviant versorgen müssen. Anemone und Mimbelwimbel beruhigten ihn. Sie hatten etwas Geld dabei, und die meisten Bauern waren gastfreundlich genug, um einem müden Reisenden eine Mahlzeit und eine Schlafgelegenheit anzubieten. Und momentan in der Erntezeit war so viel zu tun, dass man für ein paar Stunden Arbeit auf dem Feld als Gegenleistung ein paar Lebensmittel bekam. Max bemühte sich redlich nicht zu zeigen, dass ihm die Aussicht auf schwere körperliche Arbeit gar nicht passte. Als ob es nicht schon reichte, dass sie zu Fuß gehen mussten. Und dann auch noch nach fünfzehn, zwanzig Kilometer Fußmarsch ein paar Stunden auf dem Feld schuften? Nein, danke!
Seine Abneigung musste sich doch in seinem Gesicht widergespiegelt haben, denn Mimbelwimbel fragte amüsiert:
„Du scheinst ja von dem Gedanken an Arbeit nicht sehr begeistert zu sein. Womit verdienst du denn deinen Lebensunterhalt?“
„Wie bring ich es dem Kind nur bei?“, dachte sich Max.
Im Detail von seiner Arbeit zu erzählen, würde die Zwei nur verwirren.
„Ich habe gelernt, Häuser und andere Bauwerke zu konstruieren.“
Das traf die Sache wohl am ehesten. Mimbelwimbel zog die Augenbrauen hoch.
„Konstruieren? Was heißt konstruieren?“
Bevor Max zu einer Erklärung ansetzen konnte, warf Anemone verwirrt ein: „Hast du nicht gesagt, dass du deiner Mutter beim Kochen in ihrem Gasthaus hilfst?“
Max unterdrückte einen Seufzer, dann zuckte er mit den Schultern.
„Ja, hab ich gesagt. In meiner Freizeit. Aber ich habe nicht Koch als Beruf gelernt.“
Mimbelwimbel knurrte nur und winkte ab.
„Solange du hier bist, bleibst du besser dabei, dass du Koch bist, das ist glaubwürdiger. Das andere erwähnst du lieber gar nicht erst!“
Max öffnete beleidigt den Mund um zu protestieren, schließlich war er stolz auf seinen Beruf, aber Anemone wechselte kurzerhand das Thema.
„Es wird Zeit, schlafen zu gehen. Wer übernimmt die erste Wache?“
Sie packte betont ihre Decke aus, was den anderen Beiden klar machte, dass sie auf jeden Fall erst einmal schlafen wollte.
Max war todmüde, aber er war sich sicher, dass seine Gedanken ihn noch eine Weile wach halten würden, also meldete er sich freiwillig. Mimbelwimbel erklärte ihm kurz, wie er anhand des Mondstandes erkennen konnte, wann seine Wache vorbei war. Auf Max´ Frage, was sie machen würden, wenn Neumond oder der Himmel bewölkt sei, zuckte Mimbelwimbel nur mit den Schultern.
„Dann muss man es halt nach Gefühl machen“, sagte er und rollte sich ebenfalls unter seiner Decke zusammen.
„Oder gar nicht.“
Hund hatte den Kopf gehoben und ließ grinsend die Zunge hängen. Kurz darauf fing Mimbelwimbel leise zu schnarchen an.
Max legte Holz nach und suchte sich einen Baum, an den er sich halbwegs bequem anlehnen konnte. Im zwielichtigen Mondschein sah er überall unheimliche Schatten. Hier und da blitzte etwas Helles auf, gefolgt von einem Rascheln. Das flackernde Licht, welches das knackende Feuer verbreitete, machte die Umgebung noch unheimlicher. Seine Augen, an die Helligkeit der Flammen gewöhnt, konnten die Dunkelheit zwischen den Bäumen und Büschen nicht durchdringen. Bei jedem lauteren Knacken zuckte er zusammen. Das Seufzen der Blätter im Wind klang wie leise Stimmen, die sich wispernd unterhielten.
Das Zirpen der Grillen auf den Feldern verstummte allmählich, und die Schreie eines Uhus hallten durch die Nacht. Max war nun mal ein Stadtkind, und in dem Zeltlager, das er in seiner Kindheit in den Ferien immer besucht hatte, herrschten ausreichend andere Geräusche, um die Laute der Natur zumindest so weit zu übertönen, dass sie nicht mehr furchterregend waren und man einschlafen konnte. Max war sich sicher, dass er bei diesen leisen, unheimlichen Lauten kein Auge zubekommen würde. Zumindest heute nicht. Er nahm sich seine Decke und wickelte sich darin ein, denn es wurde allmählich kühl. Der Bach plätscherte und untermalte harmonisch Mimbelwimbels regelmäßiges Schnarchen.
Entgegen seiner Befürchtung, nicht schlafen zu können, musste Max nun doch gegen seine Erschöpfung und Müdigkeit ankämpfen. Ständig drohten ihm die Augen zuzufallen. Er nickte immer wieder ein, schreckte hoch und schaute sich um. Alles war ruhig. Der Mond bewegte sich schrecklich langsam von der Stelle, und beinahe verpasste es Max, Mimbelwimbel zu wecken, hätte Hund ihn nicht angestupst. Der Einzige, der wirklich aufpasste, war der Vierbeiner. Max rüttelte Mimbelwimbel wach und suchte sich erleichtert ein bequemes Stück Boden. Ohne auch nur eine Sekunde auf die Geräusche der Nacht zu achten, schlief er ein.
Verräterische Ohren
Max wurde am anderen Morgen von Hund auf ziemlich feuchte Art und Weise geweckt. Während Mimbelwimbel die Feuergrube zuschüttete und Anemone Brot abschnitt, wusch sich Max Hunds Sabber mit dem kalten Wasser des Baches aus dem Gesicht. Die Sonne war schon aufgegangen, aber unter dem Blätterdach war es noch kühl. Max graute es schon vor der kommenden Hitze des Tages.
Die nächsten zwei Tage verliefen wie der vergangene. Es gab keine unliebsamen Überraschungen, und sie kamen gut voran. Sie übernachteten in den Knicken und hatten das gleiche auch diesen Abend vor.
Am Nachmittag hatten sie die Schatten spendenden Bäume fast erreicht, in deren Schutz sie die Nacht verbringen wollten. Die Straße machte einen Bogen, so dass sie die Felder jenseits der Bäume nicht sahen. Mimbelwimbel war ihnen wie immer ein Stück voraus. Max konnte schon das Rauschen des Windes in den Bäumen hören, spürte förmlich die angenehme Kühle.
Während er in seliger Vorfreude schwelgte, erklang plötzlich aus den Bäumen Stimmengewirr. Metall schlug auf Metall, gefolgt von einem dumpfen Aufstöhnen und dem gellenden Schrei einer Frau, der schnell erstickt wurde. Anemone erstarrte und hielt Max am Ärmel fest, damit er ebenfalls stehen blieb. Alles Blut war ihr aus dem Gesicht gewichen. Max ahnte, was gerade geschehen war. Da kam Mimbelwimbel ihnen auch schon eilig entgegen und gab ihnen Zeichen, im Kornfeld zu verschwinden. Anemone reagierte sofort und zog Max, seinen Ärmel fest im Griff, von der Straße herunter in das anliegende Getreidefeld. Nach ein paar Schritten ging sie auf Tauchgang und zog Max mit sich in die Hocke.
Mimbelwimbel hatte sich, sobald sie im Weizen verschwunden waren, ebenfalls im Feld versteckt. Sie krochen nun im Vierer- bzw. Dreiergang aufeinander zu, dann noch tiefer in das Feld hinein und legten sich zwischen die Halme. Mimbelwimbel nahm seinen Rucksack ab.
„Ich schaue nach, was genau los ist“, sagte er leise.
„Sei vorsichtig“, flüsterte Anemone besorgt und hielt Mimbelwimbel am Arm zurück.
Er legte kurz seine Hand auf die ihre, nickte Hund zu, und beide verschwanden nahezu lautlos in Richtung Straße.
Max wagte es kaum zu atmen, geschweige denn sich zu bewegen. In der Stille konnten sie das Wehklagen einer Frau und das Weinen eines Kindes hören. Eine Männerstimme brüllte wütend Befehle, aber Max verstand nicht, was gesagt wurde. Die Zeit schien sich unendlich zu dehnen. Max nahm jedes Knacken und Rascheln war. Sein Körper war angespannt, bereit wegzulaufen. Anemones rasche Atemzüge verrieten, dass es ihr nicht anders ging.
Nach einer gefühlten Ewigkeit tauchten Mimbelwimbel und Hund plötzlich neben ihnen auf. Max zuckte erschrocken zusammen, doch dann durchflutete ihn große Erleichterung. Mimbelwimbel legte die Finger auf die Lippen. Sie lauschten. Die Männerstimme war nicht mehr zu hören. Sie hörten leises Hufgetrappel und Geräusche von Rädern auf steinigem Grund, die näher kamen, begleitet von Schritten und einem leisen Schluchzen. Die Geräusche kamen näher, waren auf einer Höhe und verloren sich schließlich in der Ferne.
„Was ist passiert?“, fragte Anemone flüsternd.
„Söldner, sie lauern auf beiden Seiten des Weges. Sie scheinen jeden Durchreisenden anzuhalten und zu durchsuchen. Dies war eine Familie. Mann, Frau, ein fast erwachsener Sohn und ein kleines Mädchen. Der Mann hat sich wohl gewehrt, und sie haben ihn erstochen.“
Mimbelwimbel sah sehr ernst aus. Anemone schwieg betroffen.
„Was wollten sie?“, fragte Max, Schlimmes ahnend.
Mimbelwimbel antwortete nicht gleich. Er setzte seinen Rucksack auf und schnallte ihn fest.
„Wir müssen einen Bogen um die Stelle machen. Wir gehen noch ein Stück ins Feld und durchqueren dann die Bäume ein Stück von hier entfernt. Auf der anderen Seite können wir dann zurück auf die Straße.“
Er ließ sich auf alle Dreie nieder.
Max hielt ihn fest.
„Was wollten sie?“, fragte er erneut.
Mimbelwimbel zögerte und sah Anemone an. Schließlich holte er tief Luft.
„Sie haben sie nicht beraubt ... sie haben sich ihre Ohren angesehen.“
Anemone stieß einen leisen, erschrockenen Laut aus und schlug die Hand vor den Mund. Betroffen wanderten ihre Augen zu Max. Er verlor jegliches Gefühl. Was hatte er denn bloß getan? Er war sich sicher, dass ihm nichts Schönes bevor stand, wenn diese Söldner ihn in die Finger bekamen. Er schaute stumm von Mimbelwimbel zu Anemone. Anemone blickte von ihm weg zu Mimbelwimbel. Wortlos schienen die beiden eine Entscheidung zu treffen.
Anemone nickte.
„Dann los und leise!“, wisperte sie und stieß Max leicht an, als Aufforderung, dass er loskriechen sollte.
Er schluckte.
„Ich bringe euch in Gefahr ...“, flüsterte er, halbherzig protestierend.
So große Angst wie im Moment hatte er noch nie gehabt.
„Wir lassen dich nicht im Stich!“, sagte Mimbelwimbel leise, aber mit Nachdruck. „Jetzt los!“
Er setzte sich langsam in Bewegung. Anemone schob Max wieder an, und er gehorchte. Sein Herz pochte so laut, dass er das Gefühl hatte, man müsse es kilometerweit hören.
Sie kamen nur langsam voran. Als sie den Waldrand erreichten, hielten sie inne um zu lauschen. Es war nichts zu hören.
„Danke“, sagte Max leise, die Gelegenheit nutzend.
Mimbelwimbel drehte sich kurz zu ihm um und grinste schief.
„Ich habe mich gerade an dich gewöhnt, und ich bin ein Gewohnheitstier. Noch eine Veränderung verkrafte ich momentan nicht.“
Er drehte sich wieder um. Anemone nahm Max´ Hand und flüsterte ihm ins Ohr:
„Siehst du, ich habe dir doch gesagt, dass er ganz in Ordnung ist.“
Max drückte ihre Hand und lächelte sie an. Trotz der Gefahr, in der sie schwebten, fühlte er sich in diesem Augenblick sehr wohl, und die Angst war vergessen.
Zu schnell war der kurze Moment vorbei. Sie traten in den Schatten der Bäume und huschten über den Boden, jede Deckung nutzend. Während Anemone, Mimbelwimbel und Hund sich sehr leise bewegten, eins mit der Natur, schien Max auf jeden Ast zu treten, der am Boden lag, und über jede Unebenheit im Gelände zu stolpern, die ihm in den Weg kam. Dennoch durchquerten sie unbemerkt den Knick und verschwanden im angrenzenden Getreidefeld. Nach einem weiteren Kilometer im Kriechgang wagten sie sich wieder auf die Straße. Max ganzer Körper schmerzte von der ungewohnten Anstrengung, die Schultern und der Nacken waren total verkrampft. Er hatte sich gerade so halbwegs an das Laufen gewöhnt, und nun das. Er würde morgen einen prächtigen Muskelkater haben.
Mimbelwimbel hatte sich bereits den Staub aus den Kleidern geklopft, und während Max es ihm gleich tat, dachte er sich, dass sie froh sein konnten, dass es so trocken war, sonst wären sie jetzt dreckiger als Schweine. Er schüttelte den Kopf. „Als ob das jetzt dein größtes Problem ist!“, schalt er sich. Irgendjemand schien nach ihm zu suchen, und er wollte äußerst gern wissen, wieso. Er hoffte, dass es die Weise Magna wirklich gab und dass sie so weise war, wie gesagt wurde. Hoffentlich hatte sie Antworten auf seine Fragen.
Sie gingen noch ein Stück und schlugen ihr Lager dann im Feld auf. Auf das Feuer verzichteten sie diese Nacht. Der Schreck war noch zu groß, und die Angst, entdeckt zu werden, stärker als das Bedürfnis nach einem warmen Essen. Aber ihre Vorräte gingen zur Neige, und so berieten sie sich, was sie tun sollten:
„Morgen kommen wir nach Elversdorf. Es ist mehr ein großer Hof als ein richtiges Dorf. Bauer Elvers ist ein guter Mann. Ich habe schon öfter bei ihm im Austausch für eine Übernachtung und ein wenig Proviant ein paar Stunden gearbeitet.“
Mimbelwimbel zuckte mit den Schultern und sah Max und Anemone fragend an. Anemone überlegte:
„Vielleicht sollten nur wir beide gehen, und Max versteckt sich.“
Max schüttelte vehement den Kopf.
„Kommt nicht in Frage! Wir brauchen Proviant für drei. Wenn nur ihr zwei arbeiten geht, wird es nicht sehr lange reichen. Und ich werde nicht auf der faulen Haut liegen, während ihr schuftet.“
Anemone wollte widersprechen, aber Mimbelwimbel kam ihr zuvor:
„Er hat recht. Wir müssten sonst viel öfter Nachschub besorgen. Und wir müssten uns jedes Mal trennen. Bald sind die Felder abgeerntet, da wird es schwierig für ihn sich zu verstecken.“
Anemone sah nicht sehr überzeugt aus. „Wir halten die Augen offen, und wenn uns etwas merkwürdig vorkommt, machen wir die Fliege“, schlug Mimbelwimbel vor, und Anemone gab sich geschlagen.
Diese Nacht übernahm sie die erste Wache und wollte Max in ein paar Stunden wecken. Er rollte sich in seine Decke, und die Angst vor dem morgigen Tag kroch mit darunter. Er erinnerte sich noch sehr deutlich an die misstrauischen Gesichter der Menschen in Weizendorf. Gut, dass er es nicht geschafft hatte, zum Friseur zu gehen, und seine Haare nun die Ohren zum Teil bedeckten. Er durfte sie sich nur nicht hinter das Ohr klemmen. Mit einem unguten Gefühl im Bauch schlief er schließlich ein.
Sie wachten am nächsten Morgen mit den ersten Sonnenstrahlen auf. Max hatte nur unruhig, von Alpträumen gequält, geschlafen. Immer war er auf der Flucht gewesen, verfolgt von Schwerter und Messer schwingenden gesichtslosen Gestalten.
Nach einem schweigsamen, kargen Frühstück machten sie sich wieder auf den Weg. Die anderen sahen auch nicht allzu frisch aus. Nicht nur Max schien schlecht geschlafen zu haben. Nur Hund schien völlig sorgenfrei zu sein. Er lief wie gewohnt ein Stück voraus. Schnüffelte hier, schnüffelte da, hob das Bein und lief weiter.
Am späten Vormittag hatten sie Elversdorf schließlich erreicht. Die meisten der Bewohner waren auf den Feldern, aber die Bäuerin war noch auf dem Hof und begrüßte sie herzlich. Sie erinnerte sich an Mimbelwimbel und auf seine Frage, ob sie gegen ein paar Stunden Arbeit einen Platz zum Schlafen für eine Nacht und ein paar Lebensmittel bekommen könnten, stimmte sie ohne weiteres zu.
„Mit dem nächsten Wagen fahrt ihr auf die Wiesen. Das bereits trockene Heu muss auf die Wagen geladen und das gestern gemähte Gras gewendet werden.“
Sie zeigte ihnen eine Stelle in der noch fast leeren Scheune, wo sie ihre Taschen lassen und auch schlafen konnten. Hund bekam von Anemone den Befehl, in der Scheune zu bleiben und auf die Sachen aufzupassen, was er sich nicht zweimal sagen ließ, denn in der gut durchlüfteten Scheune war es angenehm kühl.
Als sie aus der Scheune traten, kam gerade ein mit Heu beladener Wagen auf den Hof gefahren, und sie halfen gleich beim Abladen. Als der Wagen fast leer war, kam die Bäuerin wieder zu ihnen. Sie brachte ihnen drei Päckchen mit Proviant zur Stärkung. Während sie ihnen diese gab, fragte sie, ob nicht einer von ihnen schon mal beim Schlachten geholfen habe. Sie wolle heute ein Schwein schlachten und Wurst machen. Anemone verzog angeekelt das Gesicht und schüttelte den Kopf. Mimbelwimbel hatte zwei Tage zuvor, als Hund zwei Kaninchen für das Abendbrot angeschleppt hatte, Max flüsternd gestanden, dass ihm immer übel wurde beim Anblick von fließendem Blut und er solche Sachen nach Möglichkeit anderen überließ.
„Ich mach das“, sagte Max. „Mutters Spezialität ist hausgemachte Wurst. Sie schlachtet immer einmal im Jahr ein Schwein. Einer ihrer Bekannten ist Metzger. Ich bin schon ein paar Mal dabei gewesen.“
Die Bäuerin nickte erfreut.
„Berold hat sich gestern den Arm gebrochen, und wir brauchen noch jemanden, der uns hilft und bei dem Anblick nicht gleich in Ohnmacht fällt.“
Max sprang vom Wagen, von dem er Heu heruntergeworfen hatte.
„Ich dachte, wir wollten uns nicht trennen?“, fragte Anemone leise.
„Ist schon gut“, meinte Mimbelwimbel und hielt ihr eine Hand hin, um ihr auf den Wagen zu helfen. „Je weniger Leute ihn sehen, desto besser. Er ist hier auf dem Hof sicherer als auf dem Feld.“
Nicht ganz überzeugt, aber überstimmt kletterte Anemone auf den Wagen. Max winkte ihnen hinterher und folgte dann der Bäuerin.
Am Abend, kurz vor der Dämmerung, saßen sie alle wieder zusammen. Max hatte beim Schlachten geholfen und das Abendbrot für die Erntehelfer mit vorbereitet. Es gab einen kräftigen Eintopf und saftige Steaks. Er war völlig kaputt und zum Umfallen müde. Heute Nacht würde er gewiss gut schlafen. Anemone und Mimbelwimbel waren ebenfalls fix und fertig von der anstrengenden Feldarbeit, die auch sie nicht gewohnt waren. Anemone hatte ihre Hände in feuchte Tücher gewickelt, um die Blasen zu kühlen.
Die kräftige Mahlzeit tat ihnen allen gut. Alle Erntehelfer und Hofbewohner saßen an den Tischen, die um das große Lagerfeuer herum im Hof aufgestellt waren, und füllten sich die Bäuche. Gesättigt beobachtete Max die anderen eine Weile im Feuerschein. Dabei fielen ihm zwei Männer auf, die immer wieder zu ihnen herüberstarrten. Unauffällig wies er Mimbelwimbel und Anemone auf die beiden hin. Mimbelwimbel schaute sich die Zwei kurz an und erklärte dann:
„Das sind Erntehelfer. Bauer Elvers hat sie für diese Saison eingestellt.“ Er deutete auf einen kleinen, runden, fast kahlen Mann, dem die Bäuerin gerade einen Krug Bier einschenkte. „Aber er ist nicht zufrieden mit ihnen. Sie sind faul“, fuhr Mimbelwimbel fort.
„Stimmt!“, meinte Anemone. „Immer wenn er weggeschaut hat, haben sie aufgehört Heu zu wenden und sich leise unterhalten.“
Anemone sah stirnrunzelnd zu den beiden rüber, die gerade wieder die Köpfe zusammensteckten.
Bauer Elvers gesellte sich zu Anemone, Max und Mimbelwimbel an den Tisch. Er hatte ein gutmütiges, wettergegerbtes Gesicht. Mit seiner lauten, polternden Stimme erkundigte er sich, ob sie gut versorgt seien. Er schlug Max auf die Schulter und lobte ihn für seine Arbeit:
„Meine Frau meint, du hast fleißig mitgeholfen und dass die Wurst recht ordentlich wird.“
Hund, der bei ihnen unter dem Tisch lag, stellte bei dem Wort ´Wurst` die Ohren hoch und kam unter dem Tisch hervor. Der Bauer lachte und kraulte Hund hinter den Ohren. Dann holte er ein Stück Wurst aus der Tasche und hielt es Hund hin. Dieser schnappte sich das Stück und verschwand wieder unter dem Tisch, bevor Anemone protestieren konnte.
„Meine Frau bringt euch heute noch Verpflegung für drei Tage. Die habt ihr euch redlich verdient. Und so könnt ihr euch morgen früh in Ruhe auf den Weg machen und müsst nicht nach uns in dem Chaos, dass hier morgens herrscht, suchen.“
Er stand auf und ging zum nächsten Tisch.
Während Bauer Elvers bei ihnen saß, hatten die beiden Männer weiter zu ihnen herübergestarrt. Sie machten Max nervös. Und immer wenn er unruhig war, fing er an mit Dingen zu spielen. Im Büro waren es die Stifte, die er in den Fingen drehte. Jetzt nahm er eine der langen Haarsträhnen, die ihm ins Gesicht hingen, zwirbelte sie und steckt sie hinter das Ohr.
„Max!“, zischte Anemone so heftig, dass Max zusammenzuckte und ihm die Haare wieder hinter dem Ohr hervorrutschten.
„Was ist?“, fragte er.
Aber Anemone hörte ihn nicht. Sie und Mimbelwimbel schauten zu den beiden Erntehelfern, von denen sie einer wieder anstarrte, während der andere ihm etwas ins Ohr flüsterte.
„Mir gefällt das nicht“, knurrte Mimbelwimbel. „Wir sollten heute Nacht Wache halten und in aller Frühe verschwinden.“ Er wandte sich an Max: „Und du lässt die Finger aus den Haaren!“
Max verstand plötzlich und verfluchte sich selbst für seine Unvorsichtigkeit. Er war so müde, dass er ganz vergessen hatte, dass er seine Ohren versteckt halten musste.
Allmählich leerten sich die Tische. Max und Mimbelwimbel halfen noch beim Aufräumen und beim Löschen des Feuers. Die Bäuerin brachte ihnen ein großzügiges Bündel mit Lebensmitteln und noch ein paar belegte Brote zum Frühstück, da morgens nicht gemeinsam gefrühstückt wurde, sondern jeder seine Tagesration mit auf das Feld nahm. Anemone hatte sich bereits schlafen gelegt, und nachdem sie den Proviant in den Taschen verstaut hatten, legte sich auch Max hin, während Mimbelwimbel die erste Wache übernahm.
Nach einer viel zu kurzen Zeit, wie es Max schien, wurde er von Mimbelwimbel geweckt.
„Ich bin mir nicht sicher, aber ich glaube, eben hat eine einzelne Person den Hof verlassen. Ich konnte aber nicht sehen, in welche Richtung sie gegangen ist.“
Max schaute zum Himmel. Es war schon ein Stück nach Mitternacht. In ein paar Stunden würde es schon wieder hell sein.
„Warum so spät?“, fragte er Mimbelwimbel leise.
„Derjenige kam aus dem Wohnhaus. Und in Bauer Elvers´ Kammer war bis kurz vor Mitternacht noch Licht.“
Max´ Gedanken rasten.
„Wo schlafen die Erntehelfer?“
Mimbelwimbel schienen die gleichen Gedanken auch schon gekommen zu sein.
„Sie haben eine Kammer unter dem Dach des Wohnhauses.“
Mimbelwimbel sah sich noch mal um und dann auf Anemone, die tief und fest schlief.
„Wenn du sie weckst, sag ihr, dass sie uns im Morgengrauen wach machen soll. Je eher wir von hier verschwinden, desto besser.“
Damit rollte sich Mimbelwimbel in seine Decke und fing bald darauf leise zu schnarchen an. Max setzte sich neben die Tür, so dass er den Hof im Blickfeld hatte, aber selbst nicht gesehen werden konnte. Hinter dem Fenster einer der Gauben konnte er eine leichte Bewegung erkennen. So wie es aussah, war er nicht der einzige, der Wache hielt.
Die Nacht war sternenklar und der Mond schien so hell, dass Max kaum eine Regung auf dem Hof entging. Trotz der Anspannung hielt Max seine Wache nur mit Mühe und Not ohne einzuschlafen durch und war froh, als er Anemone wecken konnte. Er berichtete ihr kurz, was er und Mimbelwimbel beobachtet hatten und gab die Anweisung, im Morgengrauen aufzubrechen, weiter. Seufzend rollte er sich unter seiner Decke zusammen und war augenblicklich eingeschlafen.
Wie verabredet weckte Anemone sie, sobald das erste Licht über den Horizont kroch. Um sie herum erwachte auch der Bauernhof. Als sie aus der Scheune traten, herrschte bereits reges Treiben. Bauer Elvers kam auf sie zu und wünschte ihnen gerade noch eine gute Reise, als einer der Erntehelfer, die sie den ganzen gestrigen Abend beobachtet hatten, aus dem Haus stürzte.
„Haltet sie, sie haben mich bestohlen!“, schrie er laut und zeigte mit dem Finger auf die Drei.
Bauer Elvers schaute verdutzt und bestürzt in die entrüsteten Gesichter von Max, Mimbelwimbel und Anemone.
„Wann sollen wir denn das getan haben, wir haben das Haus doch gar nicht betreten!“, rief Mimbelwimbel empört.
„Hatte ich auch so in Erinnerung“, meinte der Bauer, unterstützt von seiner Frau, die hinzugekommen war.
„Was wurde denn eigentlich gestohlen, und wo ist dein Freund?“, fragte Max und schaute sich betont um.
Bauer Elvers tat es ihm gleich, und sein sonst so gutmütiges Gesicht verfinsterte sich.
„Jetzt reicht es mir!“, brüllte er den Erntehelfer an, der erschrocken zurückwich. „Ihr faules Pack! Erst arbeitet ihr nicht vernünftig und nutzt meine Gutmütigkeit aus, dann beklaut ihr euch gegenseitig und wollt es auch noch guten und ehrlichen Leuten in die Schuhe schieben! Raus mit dir, ich verzichte auf deine Hilfe!“
Er hatte die letzten Worte aus voller Lunge geschrien, so dass es jeder auf dem Hof mitbekam. Nun sah sich der Erntehelfer umringt von den Hofbewohnern und Saisonarbeitern, die ihn böse und verächtlich anschauten.
„Ich hole seine Sachen, er soll unser Haus nicht noch einmal betreten!“, sagte die Bäuerin und verschwand im Haus.
„Verzeiht die Unannehmlichkeiten“, schnaufte Bauer Elvers, in seiner Aufregung noch etwas außer Atem, und drückte Mimbelwimbel noch einmal die Hand zum Abschied.
Mimbelwimbel trieb sie zur Eile an und musste sich dabei nicht einmal anstrengen.
„Er wollte uns aufhalten, Zeit rausschinden“, keuchte Max, während sie einen lang gestreckten Hügel hinaufeilten.
„Der andere ist vielleicht los, um die Söldner aus dem Wald zu holen“, vermutete Anemone.
„Das denke ich auch“, stimmte Mimbelwimbel zu. „Wir erreichen bald die Furt durch die Unstet, danach ist es nicht mehr weit, bis die Wälder beginnen. Dann sollten wir von der Hauptstraße runter und abseits gehen. Diese Söldner werden nicht lockerlassen.“
Als ob sie seine Worte gehört hatten, erschien auf dem Hügel auf der anderen Seite des Tales eine Gruppe von Männern. Hastig überquerten die drei Freunde die Hügelkuppe in der Hoffnung, dass man sie nicht bemerkt hatte. Max und Mimbelwimbel schlichen zurück, um zu sehen, was geschah. Die Gruppe hatte das Tor fast erreicht, und der entlassene Erntehelfer kam ihnen entgegen.
„Ah, da ist der andere. Haben wir also richtig vermutet. Sie müssen die ganze Nacht durchgelaufen sein. Hoffentlich sind sie erschöpft und müde.“
Bauer Elvers begann mit den Söldnern eine heftige Diskussion.
„Hoffentlich passiert ihm nichts“, knurrte Mimbelwimbel.
Sie hatten genug gesehen und zogen sich zurück. Sie holten ihre Taschen bei Anemone ab, die ein Stück weiter mit Hund auf sie wartete.
„Wir müssen uns beeilen. Die Furt dürften wir am Nachmittag erreichen. Wir sollten noch einen Hügel zwischen uns und sie bringen, solange sie noch aufgehalten werden.“
Mimbelwimbel sprang los, und Max und Anemone eilten ihm hinterher.
Die Furt
Max rann der Schweiß den Rücken herunter, während sie Stunde um Stunde im Eiltempo der großen Nord-Süd-Straße folgten. Auch Hund hatte den Ernst der Lage begriffen, unterließ seine üblichen kleinen Ausflüge in die angrenzende Flora und hielt sich dicht bei ihnen. Max hoffte, dass ihr Vorsprung reichte, um in Deckung zu gehen, sobald sie den Fluss überquert hatten. Die Söldner waren ihnen immer noch auf den Fersen und schienen, trotz durchwanderter Nacht, ihr Tempo nicht zu verringern. Max, Anemone und Mimbelwimbel hatten die größte Mühe, den Abstand zu halten, und so machten sie kaum Pausen, nur um etwas zum Essen aus dem Rucksack zu holen.
Schließlich hielt Mimbelwimbel inne und deutete auf die Bäume, die vor ihnen lagen.
„Da vorne ist sie. Der Fluss fließt durch diesen Wald.“
Anemone schaute besorgt auf die Bäume.
„Ist es nicht wahrscheinlich, dass dort auch Söldner lauern?“
Mimbelwimbel zuckte ratlos mit den Schultern.
„Wir müssen es riskieren. Das ist die einzige Stelle in der Umgebung, wo man über den Fluss kommt.“
Anemone schickte Hund voraus, damit er sie warnen konnte, aber ihre Sorgen waren unbegründet. Nachdem sie der Straße einige hundert Meter in den schattigen Wald hinein gefolgt waren, sahen sie auch warum. Max hatte nicht wirklich eine Ahnung, wie eine Furt aussehen sollte, aber was er jetzt sah, entsprach überhaupt nicht seiner Vorstellung.
Er hatte einen vielleicht breiten, aber definitiv seichten Flussabschnitt mit geringer Strömung erwartet. Doch nun blickte er auf einen mindestens hundert Meter breiten Streifen aus trübem Wasser. Bäume ragten halb aus den Fluten. Felsen, die möglicherweise neben der Straße gelegen hatten, ebenso. Geradeaus sah er durch die Schneise in den Bäumen, die wohl die große Nord-Süd-Straße war, wie die Abstände der Bäume in einiger Entfernung größer wurden und der Wald wieder in Felder überging. Die Strömung war stark. Man konnte deutlich die Wirbel an den Bäumen und Felsen erkennen. Auf dem Wasser war Schaum, der sich durch die ständigen Verwirbelungen bildete. Mimbelwimbel und Anemone starrten ebenso fassungslos wie Max auf die Fluten.
„Das ist die Furt?“, fragte Anemone.
„Natürlich nicht!“, fauchte Mimbelwimbel.
Seine Grobheit konnte seine Ratlosigkeit nicht verbergen.
„Sie beginnt eigentlich da vorne bei den Felsen. Das Wasser ist an den tiefsten Stellen knietief. Der Boden ist eben und fest und die Strömung gering. Selbst schwere Wagen haben kein Problem hinüberzukommen. Ein paar Felsen ragen aus dem Wasser heraus, so dass man mit ein wenig Geschick über den Fluss kommt, ohne nasse Füße zu kriegen.“
Mimbelwimbel glotzte weiter auf das Wasser.
„Und nun?“ Anemone sprach aus, was Max dachte.
Mimbelwimbel, wütend darüber, dass die Natur es wagte, seine Reisepläne durcheinanderzubringen, zuckte mit den Schultern und sagte griesgrämig:
„Die Reise endet wohl hier. Ab nach Hause, würde ich sagen.“
In Anemones Gesicht schlich sich ein verzweifelter Ausdruck.
„Ich kann jetzt nicht nach Hause. Nicht mehr ...“
Sie verstummte. Mimbelwimbel warf ihr einen bedauernden Blick zu.
„Ich mache meine Reisen immer extra, bevor die Schneeschmelze und die Herbststürme einsetzen, damit ich die Überschwemmungen umgehe.“
Mimbelwimbel zuckte mit den Schultern. Unter normalen Umständen wäre es kein Problem gewesen, eine Zeit lang zu warten, bis das Wasser weit genug zurückwich, aber sie hatten die Zeit nicht.
„Es ist heiß und trocken. Wie kann ein Fluss hier überhaupt Hochwasser haben?“, fragte Anemone mit schriller Stimme.
„Der Fluss ist lang. Wenn es hier trocken ist, heißt es noch lange nicht, dass es weiter flussaufwärts nicht viel geregnet hat. Und das Wasser fließt nun mal flussabwärts. Ich habe so etwas schon einmal erlebt.“
Anemone warf Max nur einen bösen Blick zu, der besagte, dass sie auf schlaue Erklärungen momentan verzichten konnte.
„Wir müssen es trotzdem versuchen. So tief sieht es nicht aus.“
Entschlossen machte sie einen Schritt auf das Wasser zu, wurde aber sofort von Max festgehalten.
„Nicht hier, die Strömung ist zu stark und würde uns gnadenlos gegen die Bäume und Felsen schleudern.“
Mimbelwimbel nickte bekräftigend.
„Aber ...“ Anemone standen Tränen in den Augen.
„Ungefähr einen Kilometer östlich von hier ist der Wald für ein Stück unterbrochen gewesen. Wenn, dann versuchen wir es da“, sagte Mimbelwimbel, worauf Anemone sich entspannte.
Max nickte.
„Querfeldein?“, fragte er.
„Querfeldein“, stimmte Mimbelwimbel zu.
Sie wandten sich nach rechts und verschwanden im Gebüsch. Max hoffte, dass die Söldner genauso ratlos vor dem Wasser stehen würden wie sie selbst. Allerdings war seine Hoffnung nicht sehr groß. Eile war geboten, und deshalb liefen sie schnell durch den Wald am Wasser entlang. Allmählich lichteten sich die Bäume, und sie erreichten die Stelle, die frei von Bewuchs war. Das Wasser ging direkt in das Feld und auf der anderen Seite in eine Wiese über. Die Stelle maß in der Länge gerade mal etwas mehr als der Fluss breit war. Max warf einen Zweig ins Wasser, und dieser wurde schnell abgetrieben. Sie würden am Ende dieser Lücke ins Wasser gehen und kräftig schwimmen müssen, um nicht doch zwischen die Bäume und Felsen zu geraten. Max sah Mimbelwimbel an.
„Was denkst du?“, fragte er ihn.
Mimbelwimbel wiegte nachdenklich den Kopf hin und her.
„Ist eine ganz schöne Strecke und mit der starken Strömung ... Ich hoffe, ihr könnt gut schwimmen!“
Max nickte zuversichtlich.
„Es wird gehen.“
Die Aussicht, sonst vielleicht ein Messer zwischen die Rippen zu bekommen, würde ihn antreiben.
Anemone sah blass um die Nase aus.
„Was ist los?“, wollte er wissen.
Sie schluckte.
„Ich kann nicht sehr gut schwimmen“, sagte sie leise.
Mimbelwimbel zog die Augenbrauen hoch.
Max überlegte. Was hatte er neulich im Fernsehen gesehen? Wie man aus Gras ein Boot bauen kann. Sie hatten zwar keine Plastikplane wie in der Sendung, die um das Gras, das den Auftrieb geben sollte, herumgewickelt wurde, aber vielleicht würden ein paar Ringe aus Stroh genügen. Er machte den Vorschlag. Mimbelwimbel zuckte mit den Schultern.
„Probieren wir es, mir fällt auch nichts Besseres ein.“
Sie lauschten. Von den Soldaten war noch nichts zu hören. Es war auch auf der Straße niemand zu sehen. Hoffentlich waren sie nicht schon an der Furt.
Schnell war genügend Getreide für einen Ring aus dem Boden gerissen. Sie ließen die Wurzeln und Ähren an den Halmen, so dass diese geschlossen blieben. Nun kamen auch die Lederriemen zum Einsatz, die Max vom Bauernhof bei Weizendorf mitgenommen hatte. Voller Spannung legten sie den Ring ins Wasser. Er schwamm. Er kam auch wieder problemlos an die Oberfläche, nachdem ihn Mimbelwimbel eine Weile unter Wasser gedrückt hatte. Ermutigt machten sie sich weiter an die Arbeit. Für jeden einen Ring. Max und Mimbelwimbel würden zusammen einen Ring ziehen, auf dem sie das Gepäck festbinden wollten. Mit ein bisschen Glück würde es halbwegs trocken bleiben.
Sie hatten den letzten Ring fast fertig, als Anemone leise rief:
„Achtung, sie kommen!“
Rasch duckten sie sich hinter das Getreide. Eine größere Gruppe war auf dem Hügel vor dem Waldstück erschienen und lief zielstrebig auf die für sie noch nicht sichtbare Furt zu.
„Haben sie uns gesehen?“, fragte Max leise, heftig atmend.
Adrenalin war ihm bei Anemones Ausruf durch die Adern geschossen.
„Sieht nicht so aus“, flüsterte Mimbelwimbel, mit zusammengekniffenen Auge die Gruppe beobachtend.
„Schnell jetzt, vielleicht kommen wir unbemerkt rüber!“
Sie verschnürten Gepäck und Stiefel und stiegen in die Ringe. Hund, der keine Schwimmhilfe brauchte, sprang ins Wasser und begann kräftig vorwärts zu paddeln. Er würde es auf jeden Fall bis zum anderen Ufer schaffen.
Anemone, den Rock weit über die Knie hochgebunden, stand unschlüssig am Wassersaum. Sie steckte einen Zeh ins Wasser und zog ihn wieder zurück. Max und Mimbelwimbel gesellten sich zu ihr, den Gepäckring hinter sich herziehend.
„Kalt!“, sagte Anemone missmutig.
Sie sahen sich an.
„Dann los!“, befahl Mimbelwimbel, und langsam gingen sie ins Wasser.
Die Strömung zerrte schon nach wenigen Schritten stark an ihren Füßen. Sobald der Gepäckring schwamm, ließ sich Max ganz ins Wasser gleiten, bevor die Strömung ihn unkontrolliert von den Füßen riss. Sich am Ring festhaltend, begann er heftig mit den Füßen zu paddeln. Anemone und Mimbelwimbel machten es ihm nach. Max staunte, wie gut Mimbelwimbel mit seinem Bein vorankam. Er musste wohl in einem früheren Leben mal ein Fisch gewesen sein. Max konzentrierte sich auf das Schwimmen.
Sie hatten erst die Mitte des Flusses erreicht, als Max schon spürte, dass seine Kräfte allmählich nachließen. Anemone hielt sich tapfer, dennoch fiel sie langsam zurück. Ihr Gesicht war vor Anstrengung verkrampft, während sie um ihr Leben schwamm, denn schon nach den ersten Schwimmzügen war klar gewesen, dass es kein Zurück gab. Und wer es nicht über den Fluss schaffte, würde ertrinken.
„Weiterpaddeln!“, befahl Max sich selbst.
Seine Waden fingen an zu brennen, und immer wieder schluckte er Wasser. Hund hatte bereits das andere Ufer erreicht und lief unruhig auf und ab. „Hoffentlich bellt er nicht“, dachte sich Max, während er verbissen weiterstrampelte. Die Söldner würden sonst sofort wissen, wo sie steckten.
Das andere Ufer war fast erreicht. Noch konnte Max keinen Grund spüren, aber es würde nicht mehr lange dauern. Die Kälte des Wassers raubte ihm seine Kraft, und allmählich wich ihm das Gefühl aus den Gliedern. Seine Füße wurden von etwas Weichem, Glitschigem berührt. Etwas wickelte sich um sein Bein, riss aber mit einem Ruck ab. Pflanzen, so dicht unter der Wasseroberfläche. Hier musste sonst das Ufer sein.
Plötzlich schrie Anemone hinter ihm auf. Erschrocken drehte er sich um und sah, wie Anemone wild um sich schlug und strampelte.
„Was ist los?“, rief Max ihr zu, alle Vorsicht vergessend.
„Etwas hat mein Bein berührt und mich festgehalten.“
Ihre Stimme schien vor lauter Panik fast umzukippen.
„Das waren nur Pflanzen, Gras oder ein Busch!“, schrie Max ihr zu.
Anemone hatte aufgehört zu schwimmen und trieb immer weiter ab.
„Da, schon wieder!“ Anemone strampelte. „Aua, es hat mich gebissen!“
In ihrer Panik ließ sie den Ring los und verschwand unter der Wasseroberfläche. Sie kam strampelnd und prustend ein Stück weiter den Fluss runter an die Oberfläche, ging nach einem Atemzug aber wieder unter. So wie es aussah, konnte sie nicht nur schlecht schwimmen, sondern gar nicht. Ohne zu zögern ließ Max seinen Ring los und schwamm mit aller Kraft, die er noch hatte, auf die Stelle zu, an der sie das letzte Mal nach oben gekommen war. Auch Hund war bereits im Wasser, um Anemone zur Hilfe zu eilen. Anemone schaffte es noch einmal an die Oberfläche, ging aber wieder unter, bevor Max sie erreichen konnte.
An der Stelle angekommen, wo er sie das letzte Mal gesehen hatte, tauchte Max und ließ sich von der Strömung führen. Das Wasser war trübe. Die Sicht betrug kaum mehr als einen Meter, und das Wasser brannte in seinen Augen. Pflanzenreste und andere Dinge, über die Max lieber nicht nachdenken wollte, trieben um ihn herum und wickelten sich immer wieder um seine Arme und Beine.
Kurz bevor er auftauchen musste, um Luft zu holen, bekam er sie zu fassen und zog sie mit sich an die Oberfläche. Der Fluss musste hier in einer langen Kurve fließen, denn die Strömung hatte sie in Richtung Ufer getrieben. Es war nicht mehr weit.
Nach Luft schnappend schaute Max sich um. Hund war neben ihm. Mimbelwimbel kämpfte ein Stück flussaufwärts mit der Last des Gepäcks, das Max, ohne zu überlegen, ihm allein überlassen hatte.
„Hilf Mimbelwimbel, ich schaffe es allein“, rief er Hund zu, der sofort abdrehte und auf den kleinen Mann zupaddelte.
Max schob Anemone einen Arm unter die Achseln und begann, sie mit sich zu ziehen. Sie bewegte sich nicht und ihr Gesicht war leichenblass. Er konnte auch nicht erkennen, ob sie noch atmete. Seine letzten Kräfte mobilisierend schwamm er auf das rettende Ufer zu. Kurz vor den Bäumen fassten seine Füße Grund, und mit letzter Kraft zog er Anemones leblosen Körper an Land.
Ein hoher Preis
Max brach halb neben Anemone zusammen. Er konnte noch einen Puls fühlen, aber sie atmete nicht mehr. Vorsichtig drehte er sie auf den Bauch, den Kopf zur Seite und drückte ihr das Wasser aus der Lunge. Hustend kam sie wieder zu sich.
Max ließ sich auf den Rücken fallen und rang selbst nach Luft. Sein ganzer Körper brannte von der Anstrengung und der Kälte des Wassers. Mühsam richtete er sich wieder auf. Wo war Mimbelwimbel? Max sah sich um und atmete erleichtert auf. Ein paar Meter weiter zogen Mimbelwimbel und Hund das Gepäck aus dem Wasser.
Max hörte Mimbelwimbel schimpfen, noch bevor er sie erreicht hatte.
„Was für eine bescheuerte Idee. Wie konnten wir nur so blöde leichtsinnig sein ... beinahe jämmerlich ersoffen ...“
Mit vereinten Kräften zogen die beiden das Gepäck zu Max. Mimbelwimbel ließ sich neben ihn plumpsen und streckte alle dreie von sich, heftig nach Luft schnappend. Anemone hatte aufgehört zu husten. Zusammengerollt lag sie da und schluchzte heftig. Max zog sie hoch und nahm sie in die Arme. Mit einem leisen Aufschrei klammerte sie sich an ihn und fing bitterlich zu weinen an. Es zerriss Max beinahe das Herz, sie so außer sich zu sehen. Es schien mehr als das gerade Erlebte zu sein.
Nach einer Weile wurde sie ruhiger, und das Beben ließ nach. Etwas verlegen löste sie sich schließlich von Max. Hund, der schon die ganze Zeit um sie herumgelaufen war, versuchte nun ihr das Gesicht abzulecken. Sie schob ihn weg.
„Weißt du, er ist wirklich bestürzt, dass du fast ertrunken wärst“, sagte Max zu ihr.
Aufschluchzend schlang Anemone ihre Arme um Hund und vergrub ihr Gesicht in seinem nassen Fell.
„Ist ja gut“, winselte Hund.
Schließlich hob Anemone den Kopf und ließ Hund los. Dieser nutzte seine Chance und leckte ihr das Gesicht, was sie zum Lachen brachte. Dies wiederum veranlasste Hund dazu, so heftig mit dem Schwanz zu wedeln, dass er fast umkippte.
Mimbelwimbel hatte sich ebenfalls erholt und setzte sich auf.
„Wir sollten das Gepäck losbinden und uns aus dem Staub machen. Die haben uns bestimmt gehö...“
Er brach ab und blickte entsetzt zum anderen Ufer. Dort war ein Mann aufgetaucht.
„Da sind sie!“
Ein zweiter brach hinter ihm durch das Gebüsch.
„Schnell!“
Mimbelwimbel hatte sein Messer gezogen und kurzerhand die Lederschnüre durchgeschnitten. Er drückte Max seinen Rucksack, seine Tasche und seine Stiefel in die Hand. Doch Max stand wie versteinert da und starrte zum anderen Ufer hinüber. Anemone, immer noch im Gras sitzend, hatte eine Hand erschrocken vor den Mund geschlagen. Voller Entsetzen beobachteten sie, was sich auf der anderen Seite des Flusses abspielte.
Der erste Söldner, der sie gesehen hatte, war ohne zu überlegen in den Fluss gesprungen und kämpfte nun um sein Leben. Ohne Schwimmhilfe konnte er seinen Kopf kaum über Wasser halten. Er hatte bereits umgedreht und versuchte, zurück zu seinem Kameraden zu kommen, aber die Strömung zog ihn erbarmungslos mit sich. Er war zu dicht an den Bäumen und Felsen ins Wasser gesprungen.
Anfangs konnte er den Bäumen noch ausweichen, aber schließlich wurde er gegen einen Ast getrieben, der dicht über der Wasseroberfläche hing. Er ging unter, kam kurz danach wieder hoch, eine blutende Wunde am Kopf. Seine Bewegungen waren nun sehr schwach.
Der Söldner, der direkt hinter ihm aus dem Wald gekommen war, sprang hinterher, um ihm zu helfen.
„Bleib hier, du Idiot!“, brüllte nun einer der Männer, die in dem Moment, als der zweite Söldner ins Wasser lief, aus den Büschen stolperten.
Der Anführer rief immer wieder den Namen des Mannes und dass er zurückkommen solle. Aber zu spät. Sobald der Mann den Boden unter den Füßen verloren hatte, erfasste ihn die Strömung ebenfalls. Selbst nun im Strom gefangen musste er mit ansehen, wie sein Kamerad, den er hatte retten wollen, mit großer Wucht gegen einen Felsen trieb und erneut mit dem Kopf aufschlug. Die sich ohnehin nur noch schwach bewegenden Arme und Beine erschlafften, und er ging unter.
Der Söldner rief ein letztes Mal nach seinem Kameraden, bevor er ebenfalls gegen einen Baum geschleudert und ihm die Luft aus der Lunge gepresst wurde. Wasser schluckend schrie er um Hilfe. Ein paar seiner Kameraden machten Anstalten ihm zu folgen, wurden aber von ihrem Anführer zurückgehalten.
„Ihr könnt ihm nicht helfen. Dieser Idiot. Er hat doch gesehen, was passiert.“
Hilflos sahen sie zu, wie der Mann noch ein paar Mal von der Wucht des Wassers gegen Bäume und Felsen getrieben wurde und schließlich unterging.
„Los jetzt!“, zischte Mimbelwimbel.
Er zog Max am Ärmel und stieß Anemone an, damit sie aufstand. Er selbst hatte seinen Rucksack bereits auf, seinen Schuh an und Hund sein Packet umgeschnallt. Max erwachte aus seiner Starre und stieg hastig in seine Stiefel. Anemone wollte gerade in ihren zweiten Schuh schlüpfen, als sie aufquiekte. An ihrem Bein hing ein Egel, schon recht vollgesogen.
„Mach es ab! Mach es ab!“
Max nahm den Egel zwischen zwei Finger und zog. Schließlich gab er nach und ließ los. Max warf ihn zurück ins Wasser.
„Das war der Übeltäter“, sagte er zu Anemone und zog sie auf die Füße.
„Los jetzt“, drängelte Mimbelwimbel und sprang vor lauter Ungeduld auf und ab.
„Lauf nur, Fremder!“, rief der Anführer der Söldner vom anderen Ufer zu ihnen herüber. „Lauf nur, du kannst uns nicht entkommen! Wir werden dich überall finden. Koste es, was es wolle!“
Max hatte sich gerade zum Gehen umdrehen wollen, hielt aber nun inne. Tausend Fragen schossen ihm durch den Kopf. Aber bevor er auch nur eine stellen konnte, hatten Anemone und Mimbelwimbel ihn gepackt und zogen ihn mit sich fort, weg vom Ufer.
Mühsam kämpften sie sich eine Zeit lang durch das kniehohe Gras. Aber noch erschöpft von der kraftraubenden Flussüberquerung kamen sie nur langsam voran. Irgendwann ließ sich Anemone einfach auf die Erde plumpsen.
„Ich kann nicht mehr!“, protestierte sie, als Mimbelwimbel sie ermahnte weiterzugehen.
„Wir können hier nicht bleiben. Wir sitzen hier mitten auf dem Präsentierteller.“
Mimbelwimbel ließ nicht locker. Auch Max hatte das dringende Bedürfnis sich auszuruhen, aber da sie erst seinetwegen in diese missliche Lage geraten waren, hielt er lieber die Klappe. Anemone ließ sich aber nicht dazu bewegen aufzustehen. Schließlich gab Mimbelwimbel nach.
„Ein paar Minuten.“
Max nahm mit einem kleinen erleichterten Seufzer seine Taschen ab und setzte sich ebenfalls ins Gras.
Abgesehen vom Zirpen der Grillen, dem Zwitschern der Vögel und dem Rauschen des Windes war es still.
„Meinst du, sie werden uns folgen?“, fragte Anemone Mimbelwimbel, der gerade dabei war, sich einen dicken Grashalm zu pflücken.
Er steckte ihn sich in den Mund und schüttelte den Kopf.
„Die hatten genug, glaube ich. Aber ich habe so den Verdacht, dass diese Halunken nicht die einzigen sind, die auf der Lauer liegen.“ Er schaute Max abschätzend an. „Ich frage mich, was sie von dir wollen?“ Max sah ihn bestürzt an. Hatte Mimbelwimbel die Nase voll? Aber Mimbelwimbel winkte ab. „Vergiss die Frage. So, wie es aussieht, ist es vielleicht besser, wenn wir es nicht rausfinden, zumindest nicht von ihnen.“ Anemone öffnete den Mund, aber bevor sie etwas sagen oder fragen konnte, sagte Mimbelwimbel: „Also schön, wie viel Geld hast du noch?“
Er sah sie fragend an. Sie klappte ihren Mund wieder zu, kramte in ihrer Tasche und brachte einen kleinen Beutel zum Vorschein, in dem ein paar Münzen waren. Mimbelwimbel hatte ebenfalls seine Geldbörse gezückt und betrachtete nun stirnrunzelnd den Inhalt.
„Das reicht nicht bis Altseeburg. Wir müssen uns zwischendurch auf jeden Fall noch etwas hinzuverdienen.“
Anemone nickte.
„Und Max versteckt sich in der Zeit?“
Mimbelwimbel hob die Hand, um Max´ Protest zu stoppen.
„Ja, ist besser. Bis die Wälder anfangen sind es noch drei Tagesmärsche. Vorher kommen wir noch durch ein Dorf. Solange die Straße durch Felder und Wiesen führt, ist es besser, wenn wir sie auch nutzen. Wenn wir jetzt abseits gehen, fallen wir nur auf. So viel Deckung gibt es auch nicht.“
Das klang logisch. Trotzdem gefiel es Max nicht, dass er auf der faulen Haut liegen sollte, während die anderen bei der Arbeit schwitzten.
In die Angst, die er spürte, schlich sich allmählich auch Wut. Was für ein Spiel wurde hier gespielt? Mit welchem Recht wurde sein Leben und das von Anemone, Mimbelwimbel und Hund riskiert? Es wusste offenbar doch jemand, dass er hier war. War es derjenige, der ihn in diese Welt geholt hatte? Und zu welchem Zweck? Auf diese Frage lief es immer wieder hinaus. Max hasste es, nicht Bescheid zu wissen. Er vertrug sehr viel, aber wenn es ihm zu viel wurde, explodierte er wie ein Vulkan. Es war noch nicht oft vorgekommen, aber er hatte das Gefühl, dass es bald wieder soweit sein würde.
Mimbelwimbel hatte sein Geld wieder verstaut.
„Wenn wir die Wälder erreichen, sollten wir aber von der Straße runter!“
Er stand auf und schnallte sich seinen Rucksack um.
„Finden wir dann überhaupt den Weg?“, fragte Anemone skeptisch.
Mimbelwimbel zuckte mit den Schultern.
„Immer nach Norden. Die Sonne wird uns die Richtung vorgeben. Wenn wir am Meer sind, immer am Strand entlang, bis zum Damm.“
Klang einfach. Max hoffte, dass es klappte.
Mühsam stemmte er sich hoch. Er war völlig kaputt. Sehr weit würde er es heute nicht mehr schaffen. Auch Anemone kam nur langsam auf die Beine. Mimbelwimbel betrachtete beide mit einem beinahe schadenfrohen Grinsen im Gesicht. Ihm schien die höllische Flussdurchquerung kaum etwas ausgemacht zu haben.
„Es ist wohl besser, wenn wir uns ein geschütztes Plätzchen für die Nacht suchen!“
Max und Anemone warfen ihm einen bösen Blick zu und Mimbelwimbels Grinsen vertiefte sich noch.
Bald darauf fanden sie, bereits wieder in der Nähe der großen Nord-Süd-Straße, eine Gruppe von Büschen, neben einem Weg, der in die Wiesen führte. Hier konnten sie die Nacht, vor neugierigen Blicken geschützt, verbringen.
Während sie gelaufen waren, hatte die Sonne ihre Kleider halbwegs getrocknet. Allerdings haftete an ihnen nun ein recht modriger, schlammiger Geruch, der nur Mimbelwimbel nicht zu stören schien.
Frisch umgezogen, den Bauch mit Brot, Käse, Wurst und einem Apfel gefüllt, fühlte Max sich sehr viel besser. Er hatte sich für die erste Wache gemeldet, worauf sich Mimbelwimbel ohne zu zögern in seine Decke wickelte und einschlief. Anscheinend war der Tag doch nicht so spurlos an ihm vorbeigegangen.
Anemone schnitt sich noch ein Stück von einer Gurke ab und gab Max ebenfalls etwas. Mit angezogenen Beinen saß sie neben ihm und knabberte daran.
„Kann ich dich mal was fragen?“, flüsterte Max, um Mimbelwimbel nicht zu stören. Anemone nickte.
„Warum bist du unterwegs?“
Er sah sie direkt an. Sie erwiderte für kurze Zeit seinen Blick, dann stiegen ihr Tränen in die Augen und sie senkte ihren Kopf. Max zog seine Frage nicht zurück, sondern schaute sie weiter unverwandt an.
„Ich bin von zu Hause weggelaufen“, sagte sie schließlich kaum hörbar.
Max wartete eine Weile, dass sie weitersprach. Sie knabberte weiter an ihrem Gurkenstück. Ihre Augen schauten ohne Fokus, verloren in ihren Gedanken, auf die Büsche hinter Max.
„Ich habe einen Freund“, fuhr sie plötzlich fort, „Gawin, er ist der Sohn des Sattlers, der zu meines Vaters Gut gehört. Die Arbeit von Gawins Vater war gerade gut genug für den Hof, aber als Gawin bei ihm in Lehre ging, hat sich schnell herausgestellt, dass er ein Naturtalent ist, ein richtiger Künstler. Abgesehen von den Satteln und den Geschirren für die Pferde des Hofes hatte er auch angefangen, Kleidungsstücke wie Gürtel, Stiefel, Jacken und Hosen herzustellen und zu verzieren. Diesen hier hat er gemacht.“
Stolz schwang in ihrer Stimme mit und sie reckte sich, damit Max den Gürtel, den sie trug, bewundern konnte.
„Auf jeden Fall war er nicht gut genug für meinen Vater als Schwiegersohn.“
Anemone sackte wieder in sich zusammen.
„Also ist er nach Altseeburg aufgebrochen, um sein Glück zu machen und ein Geschäft aufzubauen. Er hat mir versprochen, dass er mich holt, wenn er genug vorzuweisen hat, um meinen Vater zufriedenzustellen.“
Sie verstummte. Ihr Gesicht war traurig.
„Er ist nicht gekommen?“, fragte Max leise.
Sie schüttelte den gesenkten Kopf.
„Das war vor zwei Jahren. Vor einem halben Jahr hat dann der Sohn vom Nachbarsgut um meine Hand angehalten. Ein eitler, dummer, widerlicher Idiot.“
Anemone schüttelte sich und Max konnte sehen, wie sie eine Gänsehaut bekam.
„Der würde nie eine Frau bekommen, wenn sein Vater nicht so reich wäre. Er, vor allem sein Erbe, war für meinen Vater angemessen, so dass er zugestimmt hat, ohne mich zu fragen. Zwei Tage vor der Hochzeit bin ich dann weggelaufen.“
Sie hielt den Kopf immer noch gesenkt. Max sah, dass ihr Tränen die Wangen herunterliefen.
„Und nun?“
Er konnte die Frage nicht zurückhalten. Es würde sich vielleicht nie wieder eine Gelegenheit ergeben. Anemone zuckte mit den Schultern und wischte sich die Wangen ab.
„Wahrscheinlich hat er meine Schwester geheiratet. Sie ist sowieso immer die Folgsamere und in der Hausarbeit Geschicktere von uns beiden gewesen. Und mich hat er bestimmt schon aus seinem Gedächtnis gestrichen.“
Sie lächelte ihn leicht gequält an.
„Ich bin müde!“, sagte sie und rollte sich ebenfalls in ihre Decke ein.
Max saß eine Weile da und lauschte. Mimbelwimbels Atemzüge waren langsam und gleichmäßig. Anemone lag zwar still, aber Max war sich sicher, dass sie nicht schlief. Sie war zwar dem unerwünschten Bräutigam entkommen, aber würde der Wunschkandidat wirklich noch auf sie warten? So unsicher, wie sie die Geschichte erzählt hatte, schien sie sich alles andere als sicher zu sein. „So, wie es aussieht, sitze nicht nur ich in der Klemme“, dachte sich Max. Bei dem hohen Risiko, dass sie einging um zu ihm zu gelangen, musste sie den jungen Mann sehr lieben. Er hoffte für Anemone, dass der Kerl die Mühe wert war.
Die Zeit verging langsam, und Max nickte immer wieder ein. Hund betrachtete ihn seufzend. So, wie es aussah, würde die Nachtwache wohl größtenteils an ihm hängen bleiben.
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