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S. G. Felix

GEISTERZORN

Der Fluch von Lost Haven

Inhaltsverzeichnis

Prolog

Arthur Farrel schaut in den Spiegel

Michelle fasst einen Entschluss

Mrs. Trelawney achtet auf ihre Rosen

Jack bekommt Besuch

Jack wirft ein paar Körbe

Beverlys Theorie

Susan Danvers verschlägt es die Sprache

Jack träumt vom Fliegen

Peter und das Buch

Jack sucht die Lichtung

Mr. Beaver liest ein Märchen

Jack öffnet die Schublade

Peter telefoniert

Jack trifft eine Entscheidung

Mrs. Abagnale verliert die Kontrolle

Jack folgt einer letzten Spur

Jack schließt den Kreis

Irgendwo dazwischen

William schreibt einen Brief

Epilog

Prolog

Und wieder gelange ich zu der Erkenntnis, dass das Verstörende in diesem Moment nicht die Tatsache ist, dass ich aufgrund einer Vorhersehung hierher gelangt bin. Nein, mich beschleicht wiederholt das sichere Gefühl, dass ich in einem Strudel gefangen und den Kräften hilflos ausgeliefert bin. Es spielt keine Rolle, ob ich dagegen ankämpfe oder nicht.

Jetzt stehe ich hier an diesem Abgrund und warte, dass es passiert. Es gibt jetzt jedenfalls nichts mehr für mich, das noch zu erledigen wäre. Trotz der entsetzlichen Geschehnisse der letzten Tage bin ich jetzt an einem Punkt angelangt, an dem ich außer Erschöpfung nichts mehr fühle. Und ich habe keine Angst mehr.

Ich kenne diesen Ort. Ich war schon oft hier. Aber heute ist es anders. Eine Veränderung geht vor sich. Die Zeit verändert sich. Ich denke, ich habe aber noch genug Zeit, um Ihnen zu erzählen, was ich vor vier Wochen das erste Mal gesehen habe. Ich werde Ihnen erzählen, wie es mit dem unheilvollen Knarren einer Tür begonnen hat, und ich werde Ihnen erzählen, wie es mit dem Tod geendet hat. Aber vorher möchte ich, dass Sie sich eine Frage stellen und ehrlich beantworten.

Vielleicht haben Sie sich ja irgendwann einmal in ihrem Leben gewünscht, etwas Außergewöhnliches zu erleben. Vielleicht etwas, das man gemeinhin als übersinnlich bezeichnen würde. Denn genau das ist es, worum es bei mir geht. Sie werden jetzt sicher wissen wollen, wie es angefangen hat, wo ich hier bin und warum und worauf zum Teufel ich hier eigentlich warte. Aber um Ihnen meine Geschichte zu erzählen, müssen wir zurück zu meiner Frage.

Haben Sie nicht auch schon einmal etwas Übernatürliches erleben wollen? Ein UFO beobachten? Oder vielleicht mit einem verstorbenen Verwandten aus dem Jenseits Kontakt aufnehmen? Besonders wenn wir jung sind, faszinieren uns Geschichten über Übersinnliches. Aber die meisten von uns würden es vermutlich nicht bewusst selbst erleben wollen und gezielt darauf hinarbeiten, geschweige denn offen zugeben, es zu wollen. Nein, nach außen hin sind wir – Sie und ich - ja alle vollkommen rational handelnde und denkende Menschen, die über das Geplapper von Übernatürlichem nur verständnislos den Kopf schütteln. Deshalb haben Sie ja auch noch nie Ihr eigenes Horoskop gelesen, sind auch in Ihren schlimmsten Lebenssituationen nicht abergläubisch gewesen, haben nie einen Glücksbringer besessen, geschweige denn, haben jemals an Glück oder Pech geglaubt, sondern stets nur an den Zufall. Oder?

Verstehen Sie bitte, was ich damit sagen möchte: Nicht mir, sondern sich selbst gegenüber müssen Sie bei der Beantwortung der Frage ehrlich sein. Und wenn Sie das getan haben, gehe ich noch einen Schritt weiter. Haben Sie manchmal Angst vor dem Wahnsinn? Nein, ich weiß schon. Natürlich haben Sie keine Angst davor, weil Sie sich erst gar nicht trauen, darüber überhaupt nachzudenken. Egal, in welcher Form uns der Wahnsinn auch im Leben begegnen mag. Er ist Teil unserer Existenz. Trotzdem versuchen wir ihn zu verdrängen. Schließlich reicht es ja schon aus, wenn uns unsere Alpträume hin und wieder eine kleine Ahnung von Wahnsinn geben. Bei dem einen oder anderen bizarren Alptraum kann es schon einmal vorkommen, dass ein kühler Hauch von Wahnsinn durch den Türspalt quillt und wir erschauern. Dann wachen wir, wenn wir Glück haben, rechtzeitig aus dem Alptraum auf und müssen uns vergewissern, dass die Tür auch wirklich geschlossen ist. (Auch wenn wir insgeheim wissen, dass die Tür niemals richtig geschlossen werden kann.)

Aber was ist, wenn der Wahnsinn schon durch den offenen Türspalt lugt und nur ein kleiner Luftzug ausreichen würde, um die Tür ganz aufzustoßen und den Wahnsinn zu Ihnen hinein zulassen, damit er von Ihnen vollkommen Besitz ergreift? Oder noch schlimmer: sie zu zwingen, durch die offene Tür zu blicken? Zu sehen, was sich absolut Unbegreifliches und Zerstörerisches dahinter verbirgt? Auf der anderen Seite. Ich habe diese Seite gesehen, und sie hatte ihren Ursprung in meinen eigenen vier Wänden. Vermutlich drücke ich mich zu abstrakt aus. Deshalb werde ich, bevor ich alles von Anfang an erzähle, Ihnen etwas ganz Konkretes sagen:

Sie würden nicht wollen, dass Sie nichtsahnend für den Tod von geliebten Menschen verantwortlich sind. Und es nichts gibt, was Sie dagegen tun könnten.

Glauben Sie mir. Das würden Sie nicht wollen.

Arthur Farrel schaut in den Spiegel

1

Bevor ich berichte, was sich bei mir in den letzten Tagen ereignet hat, sollte ich zunächst etwas über Lost Haven erzählen. Nur dann kann man verstehen, was diesen Ort so besonders macht.

Im Jahre 1651 wurde Lost Haven das erste Mal in einem Brief eines Puritaners erwähnt. Es gibt allerdings auch andere Quellen, die das Gründungsjahr viel später auf das Jahr 1708 datieren. Fast zweihundert Jahre lang war Lost Haven nichts weiter als ein winziges, unbedeutendes Fischer-Dörfchen an der Ostküste Neuenglands. Es war aber ganz sicher nicht das schönste Fleckchen Erde. Wäre es das geblieben, was es immer war, dann dürfte es heute gar nicht mehr existieren. Niemanden hätte es hierher gezogen. Es wäre heute eine Geisterstadt, für die sich allenfalls noch Historiker interessieren würden.

Doch eines Tages geschah etwas in Lost Haven, das alles verändern sollte: Die Ereignisse jenes Tages und der folgenden zehn Jahre sind von Arthur Farrel, einem Einwohner von Lost Haven, in akribischer Genauigkeit in seinem Tagebuch niedergeschrieben worden. Diese bis heute noch erstaunlich gut erhaltenen und äußerst umfangreichen Aufzeichnungen liegen heute in einer Vitrine im ‚Museum of Lost Haven’. Das Tagebuch ist eines von zwei Attraktionen des Museums.

Die wie folgt beschriebenen Ereignisse beginnen nämlich wie eine typische 0815-Gruselstory, die nur eine unter vielen sein könnte. Doch je weiter man sich durch die Aufzeichnungen von Farrel vorarbeitet, desto klarer wird, dass dies alles andere als eine gewöhnliche Gruselgeschichte ist. Und man begreift, dass Lost Haven mehr ist, als es heute zu sein vorgibt. Denn einige der Geschehnisse gelten bis heute selbst unter Experten und Historikern als gesichert. Aber zurück zu Farells Tagebuch:

Es war der 14. September 1884. Ernest Hawl, ein alter von Arthritis gebeutelter Mann, saß wie jeden Tag auf der Veranda seines Hauses und blickte auf Meer. Sein Haus war das einzige, das am Fuße des Felsenhügels ‚The Old One’ direkt an der Klippe auf einer großen natürlichen Felsterrasse lag. Laut Tagebuch waren er und Arthur Farrel sehr gute Freunde, so dass Farrel Ernest Hawl als absolut glaubwürdigen Zeugen beschrieb. Demnach beobachtete Hawl gern den seltenen aber regelmäßigen Schiffsverkehr vor der Küste. Lost Haven selbst war nur selten das Ziel der Klipper und der etwas fülligeren für Neuengland typischen Down Easter.

Doch an diesem September-Morgen war etwas anders. Die See war ungewöhnlich ruhig. Hawl gab an, dass er spüren konnte, dass an dem Meer etwas falsch war, nur konnte er es nicht näher beschreiben. Wenige Stunden nach Sonnenaufgang hatte er eine Art dunkle Barriere am Horizont wahrgenommen. Hawl glaubte, dass die Welt dort hinter der Barriere aufgehört hatte zu existieren. Totenstill sei es gewesen, während Hawl das merkwürdige Phänomen beobachtete. Und so plötzlich die Barriere aufgetaucht war, so plötzlich verschwand sie auch wieder und gab den Blick auf ein Segelschiff frei. Es sei jedoch nicht eines gewesen, das Hawl jemals hier vor der Küste gesehen hätte. Es war ein eher kleiner Dreimaster mit einem hohen Achterkastell. Bis auf ein zerfetztes Segel am Hauptmast waren alle anderen Segel eingeholt oder nicht vorhanden. Das unbekannte Schiff trieb mit der Strömung.

Hawl verfolgte es über mehre Stunden mit seinem Fernrohr. Er war sich sicher, dass niemand mehr an Bord war. Das Schiff trieb führerlos wie in Zeitlupe parallel zur Küste. Schließlich drohte der Dreimaster, in eine Region mit vielen Untiefen und aus dem Wasser ragenden Felsen vorzudringen. Hawl verständigte sich mit den Dorfältesten, zu denen er selbstverständlich auch zählte, und man beschloss, rasch ein Boot zum geheimnisvollen Schiff zu entsenden, um herauszufinden, was an Bord geschehen war. Zwei Männer erreichten schließlich den Dreimaster und umrundeten ihn mit ihrem Ruderboot. Die beiden Männer berichteten später, dass ihnen ein schimmelartiger Geruch in die Nase stieg, als sie sich dem Schiff näherten. Niemand war an Bord. Der Schiffsrumpf war recht stark verwittert, aber keinesfalls morsch. Auch den Schiffsnamen konnten sie identifizieren. Es war die Speedwell.

Wie man erst fast 90 Jahre später herausfand, war die Speedwell ein Kolonial-Schiff, das England im Oktober des Jahres 1634 verlassen hatte. An Bord waren schätzungsweise 52 Kolonisten, die in der Neuen Welt ihr Glück zu finden hofften. Doch die Speedwell erreichte nie ihr Ziel und galt seither als verschollen.

Über zweihundert Jahre später tauchte die Speedwell schließlich vor der Küste Neuenglands auf. Wie ich schon sagte: So oder so ähnlich beginnen viele seichte Gruselgeschichten, von denen ich selbst genug gelesen habe, um diesem Teil der Geschichte keinen Glauben zu schenken. Doch richtig interessant wird es erst ab hier.

Es gelang schließlich, die Speedwell sicher in den kleinen Hafen, der in einer natürlichen, schmalen Bucht lag, zu manövrieren und vor Anker zu legen. Auch wenn man 1884 nichts über die genaue Herkunft und das Schicksal der Speedwell wusste, so war den Einwohnern von Lost Haven klar, dass es sich um ein Schiff aus dem 17. Jahrhundert handeln musste. Es dauerte nicht lange, bis der Begriff »Geisterschiff« durch die Straßen von Lost Haven getragen wurde. Und so wurde man sich auch schnell einig, dass die Speedwell schleunigst wieder den Hafen verlassen sollte, denn so ein herrenloses Schiff konnte nichts anderes als Unheil mit sich bringen.

Auch Hawl selbst bestätigte gegenüber Farrel, dass ihm nicht wohl dabei gewesen wäre, die Speedwell in den Hafen zu manövrieren, aber seine Neugier war stärker als seine eigenen Bedenken. So enterte er selbst das unheimliche Schiff, um Informationen zu sammeln. Er wurde allerdings enttäuscht: An Bord gab es nichts, das Rückschlüsse auf die Ursache des Verschwindens von Besatzung oder Passagieren und auf das plötzliche Wiederauftauchen der Speedwell hingewiesen hätte. Das Schiff war leer. Es gab keine Fässer, in denen der Proviant gelagert wurde, keine Werkzeuge oder Ersatzteile und auch keine Habseligkeiten.

Als Hawl im Begriff war, die Speedwell wieder zu verlassen, entdeckte er eingeklemmt zwischen zwei Planken eine Goldmünze. Es gelang ihm nicht, sie herauszuziehen. Passendes Werkzeug hatte er nicht zur Hand, und so entschied er sich, das Schiff am nächsten Tag erneut zu betreten, denn es war schon später Abend. Würde Hawl, der eine stattliche Münzsammlung sein Eigen nennen konnte, die Münze identifizieren können, so hätte er einen eindeutigen Beweis, dass die Speedwell ein Schiff aus der Vergangenheit wäre. Doch dazu sollte er keine Gelegenheit mehr bekommen. Am nächsten Morgen war die Sonne noch nicht einmal aufgegangen, da klopfte es wild an der Tür seines Hauses. Hawl sagte aus, er hätte schon geahnt, welche Nachricht der Ungeduldige an seiner Tür zu überbringen gedachte. Die Speedwell war fort. Über Nacht spurlos verschwunden.

Die wildesten Theorien machten daraufhin die Runde. So sei die Speedwell durch Geisterhand aus der schützenden Bucht von Lost Haven zurück ins offene Meer gefahren. Dämonen hätten die Speedwell entführt. Das Schiff sei auf eine unheilvolle Art lebendig geworden und hätte von alleine den Hafen verlassen. Eine andere Theorie besagte schlicht, das Schiff sei gesunken, weil es schon halb verrottet gewesen wäre. Keine Theorie, keine Geschichte über die Speedwell war in den folgenden Wochen absurd genug, um nicht ernsthaft in Lost Haven zur Sprache gebracht zu werden.

Dessen ungeachtet berichtet Farrel, dass allgemeine Erleichterung darüber herrschte, dass das Geisterschiff fort war. Doch mit dem Verschwinden der Speedwell begann etwas, dass heutige Parapsychologen und Geistergläubige weltweit übereinstimmend als die häufigsten, bestdokumentierten und vor allen Dingen folgenschwersten Poltergeisterscheinungen in der Geschichte der Neuzeit bezeichnen.

2

Die meisten paranormalen Vorfälle wurden zwar von Arthur Farrel schriftlich festgehalten. Doch gab es auch andere, teilweise sogar übereinstimmende Berichte und Erwähnungen aus Briefen, Notizen, Tagebüchern und sogar aus Testamenten der Einwohner von Lost Haven. Vorab sei noch gesagt, dass sich Parapsychologen und sonstige 'Experten' bis heute nicht vollständig darüber einig sind, ob die Geschehnisse jener zehn Jahre nach dem Verschwinden der Speedwell, einem Spuk oder Poltergeist-Heimsuchungen zuzuordnen sind.

Ein Spuk wird in der Regel als eine personenbezogene, geisterhafte Erscheinung beschrieben, die auch über viele Jahre auftreten kann. Ein Poltergeist hingegen sei ortsgebunden und würde sich vornehmlich durch unerklärliche Geräusche wie Klopfen oder durch Bewegen von Gegenständen bemerkbar machen. In den letzten Jahren hat sich für die Geschehnisse in Lost Haven die Bezeichnung Poltergeist durchgesetzt, weil die meisten der mysteriösen Erscheinungen als lokal gebunden beschrieben wurden. Oder anders ausgedrückt: Fast alle Erscheinungen traten, oftmals mehrfach, in den Wohnungen der Einwohner von Lost Haven auf, unabhängig davon, wer das jeweilige Heim zur fraglichen Zeit bewohnte.

Hätte Arthur Farrel die folgenden Ereignisse nicht in so akribischer Genauigkeit niedergeschrieben, hätte sich niemals ein Historiker oder Parapsychologe ernsthaft mit dem Fall 'Lost Haven' beschäftigt. Für die Skeptiker jedoch – und davon gab und gibt es nicht wenige – ist Farrel der Quell allen Übels. Weil der überwiegende Teil der detaillierten Berichte über Poltergeister von ihm stammt, ist es ein Leichtes zu argumentieren, dass alles nur Farrels Fantasie entsprungen war, die krankhafte Ausmaße angenommen hatte. Allein durch das Anzweifeln der Echtheit von Farrels Geschichten lassen sich auch alle Berichte der übrigen Dorfbewohner als Unfug abtun, da diese – so die Skeptiker - nur auf den Geisterzug aufspringen wollten, um Aufmerksamkeit zu erregen. Dass Farrel sich alles nur ausgedacht haben sollte, war somit ein ideales Totschlagargument.

Nachdem die Speedwell spurlos verschwunden war, vergingen Tage und Wochen, ohne dass etwas Erwähnenswertes geschehen wäre. Eine trügerische Ruhe legte sich über den kleinen Küsten-Ort. Schließlich berichtet Farrel, dass Ende November 1884 einige Einwohner von Lost Haven über Schlafstörungen klagten. Zudem breitete sich eine zunehmend depressive Stimmung unter den Menschen aus. »Es scheint mir, als seien alle unfähig geworden, sich über die bescheidenen aber guten Dinge unseres gewohnten Lebens zu freuen«, schreibt Farrel.

Zunächst schien niemand diese Merkwürdigkeiten in Verbindung mit der Speedwell zu bringen.

Kurz nach der Wintersonnenwende gab es dann den ersten Bericht über eine geisterhafte Erscheinung. Es war die Witwe Marodith. Sie habe einen Geist gesehen, wie er nachts am Fußende ihre Bettes gestanden und sie angestarrt habe. Sie habe einen solchen Schreck bekommen, dass sie aus ihrem Bett gefallen sei, berichtet Farrel. Niemand glaubte ihr. Doch der Geist erschien wieder. Marodith fürchtete, es handle sich um den Geist ihres verstorbenen Mannes. Er sei aus dem Jenseits zurückgekehrt, um sich nun an ihr zu rächen, weil sie verschwiegen hatte, dass sie, als sie noch eine junge Frau war, ihrem Ehemann untreu gewesen war. Man wollte die arme Frau schon für verrückt erklären, als drei weitere Poltergeistphänomene die Runde machten.

Ein Hafenarbeiter, der direkt an seinem Arbeitsplatz wohnte, wollte um Mitternacht seltsame Gestalten über das Wasser der Bucht schweben gesehen haben. Sie hätten sich an den Fischerbooten zu schaffen gemacht, indem sie diese wild hin und her stießen.

Ein Mr. Harper, der Barbier des Dorfes, berichtete, dass er eines Nachts merkwürdige Geräusche in seinem Geschäft gehört hätte. Seine Wohnung befand sich im gleichen Haus eine Etage darüber. Als er die Treppe hinunterging, um nach dem Rechten zu sehen, hätte er seine Rasiermesser durch die Luft fliegen sehen. Nur durch reines Glück, wie er Arthur Farrel erzählte, sei er mit dem Leben davon gekommen.

Emily Miller war eine junge Frau, die eine kleine Pension in Lost Haven betrieb. Sie wurde in einer Nacht aus ihrem Bett gerissen, als sämtliche Türen in ihrem Haus mit einem ohrenbetäubenden Lärm auf und zu schlugen. Schreiend sei sie ins Freie gerannt und beschwor, von draußen eine unheimliche feinstoffliche Erscheinung an einem der Fenster gesehen zu haben. Ein Anblick, der ihr für den Rest ihres Lebens schwere Schlafstörungen bereiten sollte.

Waren der Hafenarbeiter, Mr. Harper und Emily Miller noch mit dem Schrecken davongekommen, nahm das Schicksal mit der Witwe Marodith eine traurige Wendung: Immer öfter erschien ihr der Geist in ihrem Schlafzimmer. Sie fühlte sich bedroht, fürchtete gar um ihr Leben, weil sie überzeugt war, dass der Geist ihres Mannes ihr nach dem Leben trachtete. Sie hielt es eines Tages nicht mehr aus und stürzte sich aus dem Fenster des ersten Stockwerks ihres Hauses.

Es vergingen ein paar Monate, und die Einwohner von Lost Haven hofften stillschweigend, dass die merkwürdigen Geistererscheinungen ein Ende gefunden hatten. Doch sie sollten sich irren.

Allein bis einschließlich 1889 verzeichnete Arthur Farrel über neunzig weitere Poltergeistphänomene. Dabei unterschieden sich die Darstellungen erheblich voneinander. Die Berichte reichten von merkwürdigen Geräuschen wie Flüstern, sich bewegenden Gegenständen bis hin zu Geistern, die vornehmlich in den Wohnhäusern in Erscheinung traten und dabei die Bewohner in Angst und Schrecken versetzten.

Dabei sollte die Witwe Marodith nicht das einzige Todesopfer gewesen sein, das in Zusammenhang mit den Erscheinungen gebracht wurde. Sechs weitere Personen sollen den Poltergeistern zum Opfer gefallen sein. Drei Fälle davon sind allerdings eher vage beschrieben und stammen nicht aus Farrels Aufzeichnungen. Daher sind jene Todesfälle bei einer halbwegs objektivierten Betrachtung aus der Beweiskette herauszunehmen.

Die Umstände der anderen drei Todesfälle jedoch sind an Kuriosität wahrlich kaum zu überbieten.

3

Den wohl seltsamsten Fall, der allen voran bis heute besonders kontrovers diskutiert und interpretiert wird, schildert der unermüdliche Farrel im Spätsommer 1890. Es war die wohl eindrucksvollste Schilderung einer Poltergeistheimsuchung, die es jemals gegeben hat. Keinem anderen Fall wurde jemals mehr Glauben aber gleichzeitig auch mehr Ablehnung entgegengebracht.

Er ereignete sich in der 1722 gebauten Kirche von Lost Haven und wurde erzählt von Reverend Sasusa. Ebenezer Sasusa war in jenem Jahr ein 61 Jahre alter Mann, von dem nur bekannt war, dass er 1872 aus Massachusetts nach Lost Haven kam. Er galt als ruhiger und ausgeglichener Mensch, der nicht gerade als Frohnatur bekannt war. Die Einwohner achteten ihren Reverend für seine viel gelobten Sonntagsmessen, die praktisch nie jemand versäumte.

Auch in diesen schwierigen Jahren war Reverend Sasusa ein wichtiger Pfeiler für seine Gemeinde. Viele fragten sich, ob sie Gott verlassen hätte. Ob Gott gar ganz Lost Haven mit einer Strafe belegt hätte. Doch Sasusa bemühte sich unentwegt, beruhigend auf die Menschen einzuwirken. Er verstand die unerklärlichen Geschehnisse als eine Art Prüfung von Gott, der man sich stellen müsse. Nichts, was Gott tat, war ohne Zweck. Davon war er zutiefst überzeugt. Er betete jeden Tag für Erleuchtung, suchte in der Bibel nach Trost und in Alten Schriften nach Lösungsmöglichkeiten, doch auch er vermochte nicht, den Bann zu brechen. Er klammerte sich an seine Gebete und seinen Glauben.

So auch eines Abends im September 1890. Es war ein Freitag. Reverend Sasusa saß in seiner kleinen Sakristei der Kirche. Wie schon hunderte Male zuvor bereitete er sich gewissenhaft auf seine Sonntagsmesse vor, auch wenn es ihm in diesen Tagen kaum Freude bereitete. Wusste er doch, dass er wieder auf die Phänomene der letzten Jahre eingehen musste. Dennoch, so berichtete er es Farrel, der alles detailverliebt und lückenlos protokollierte, keimte im Reverend ein kleiner Funken Hoffnung auf. Denn die Geistererscheinungen schienen sich in den letzten Monaten beruhigt zu haben. Vielleicht wäre bald alles überstanden, so dachte er.

Es war kurz vor Mitternacht, als Sasusa aus dem Kirchenschiff plötzlich einen donnernden Lärm hörte. Es sei so gewesen, als wäre eine der Sitzbänke hochgeworfen worden, um dann berstend auf den Steinboden zu krachen. Starr vor Angst und mit der zermürbenden Sorge, dass die Geister nun auch in das Haus Gottes eingedrungen waren, betete der Reverend das Vaterunser. Doch brachte er es nicht zu Ende. Weitere tumultartige Geräusche drangen auf der anderen Seite der Tür an seine Ohren. Geräusche von Sitzbänken, die auf dem alten und unebenen Steinboden verschoben wurden.

Welche Macht auch immer in jenem Moment in seiner Kirche am Werke war, sie war wütend.

Es war eine Prüfung. Dies hatte er seiner Gemeinde jahrelang eingebläut. Und einer Prüfung, insbesondere, wenn sie von Gott gestellt wurde, musste man sich stellen. Der Reverend nahm allen Mut zusammen, erhob sich von seinem Stuhl und näherte sich mit klopfenden Herzen der Tür, währenddessen das Poltern auf der anderen Seite fortdauerte. In dem Moment, in dem er die Türklinke berührte, verstummten mit einem Mal die Geräusche. Ein kurzes Zögern, dann öffnete Sasusa die Tür. Was er dahinter erblickte, ließ ihn zunächst glauben, in einem Alptraum zu leben.

Der Reverend erblickte etwa drei Dutzend schwebende Sphären, die von einer schwarzen Korona umgeben waren, aber eine menschliche Form besaßen. Erst heute weiß man, dass diese Zahl ziemlich genau derjenigen Zahl an Siedlern entspricht, die auf der Speedwell der Neuen Welt entgegen segelten. Obwohl Sasusa keine Gesichter zu erkennen vermochte, spürte er, dass die Gestalten ihn forschend anstarrten. Einige schienen auf den Sitzbänken Platz genommen zu haben. Andere schwebten mehrere Meter über dem Boden, andere standen direkt neben der Tür und verströmten, so beschwor er es, eine eisige Kälte. Während sich keiner der Geister bewegte, schritt Sasusa wie in Zeitlupe ein Stück in die Halle hinein. Die Geister ließen ihn gewähren, was ihm Hoffnung gab, einen Kontakt zu den Geistern herstellen zu können.

»Was kann ich tun, um euch zu helfen?«, fragte der Reverend.

Kein Schrecken hätte ihn nach seiner Frage schlimmer treffen können als jene Tat, welche die Geister ihm in den folgenden Sekunden zumuteten. Lautlos und sehr langsam, so erzählte es Sasusa, hätten sich die schwebenden Sphären auf ihn zubewegt, bis sie ihn regelrecht eingekreist hatten. Sie wollten ihm etwas mitteilen, doch besaßen sie keine Stimme. Man vermutet heute, dass die Geister nur durch die Konzentration ihrer Energien in der Lage waren, dem Reverend eine Botschaft zu übermitteln. Diese Botschaft sei mangels Worten über Gefühle und Emotionen, die die toten Seelen dieser Geister in sich trugen, zu übermitteln versucht worden. Eine Art telepathische Übertragung von Empfindungen, jedoch nicht von Gedanken. Dieser Versuch schlug jedoch, wenn man dieser Theorie Glauben schenken möchte, katastrophal fehl.

Zuerst spürte Sasusa nur ein Frösteln. Doch dann fühlte der Reverend eine panische Angst rasch in sich aufsteigen, die ihn völlig ungehindert bis ins tiefste Mark zu durchdringen schien. Es waren Leid, Qualen, Trauer, Schmerz und Wut zugleich, die geballt wie eine Keule auf ihn einschlugen und ihn in grenzenlose Panik versetzten. In seinem Entsetzen schrie Reverend Sasusa in der sicheren Annahme, sein letztes Stündlein schlagen gehört zu haben. Er fiel auf die Knie und bettelte weinend, die Folter zu beenden, denn von allen Emotionen in dieser Welt bombardierten ihn die Geister mit den leidvollsten von ihnen. Irgendwann schwanden Sasusa die Sinne. Als er wieder zu sich kam, waren die Geister fort und der Morgen dämmerte bereits. Noch am selben Tag vertraute er sich schließlich Arthur Farrel an. Völlig aufgelöst erzählte er ihm alles. Und er erzählte ihm auch, dass er nie wieder in die Kirche zurückkehren könne, denn er fürchtete fortan um sein Leben.

Wohl wissend um die unkalkulierbaren Auswirkungen auf die Dorfbewohner bei einer Verbreitung der Geschichte des Reverends, bemühte sich Farrel stundenlang, den Reverend zu beruhigen und ihn davon zu überzeugen, dass sie seine Erlebnisse zunächst für sich behielten. Farrel schlug vor, dass sie beide gemeinsam in die Kirche zurückkehren sollten, um sich von der Gefährlichkeit oder Ungefährlichkeit dieses heiligen Ortes zu überzeugen.

Farrel machte in seinen Aufzeichnungen keinen Hehl daraus, dass er begierig darauf war, selbst einmal eine übernatürliche Erscheinung zu erleben, war er selbst doch bisher von derartigen Heimsuchungen verschont geblieben. Als beide Männer in die Kirche zurückkehrten und feststellten, dass es sicher war, räumten beide die Bänke wieder ordentlich in Reih und Glied. Sichtlich erleichtert bedankte sich Sasusa bei Farrel für seine weisen Worte und bat, ihn allein zu lassen. Sasusa gab an, er wolle sich noch einmal im Klaren darüber werden, was letzte Nacht geschehen war, und er wollte seine Erlebnisse dokumentieren. Farrel kam der plötzliche Sinneswandel des Reverends verdächtig vor. Er verließ ihn – vorerst. Am Abend wollte er jedoch noch einmal zurückkehren und nach dem Reverend sehen.

Nach Sonnenuntergang kam Farrel wie geplant wieder. Als er die Außentür zur Kirche aufstieß, schrie er vor Bestürzung auf ob der Gräuel, die seine Augen sehen mussten. Die Sitzbänke lagen wild verstreut herum. Einige waren zerborsten. »Es war mir, als sei ein Riese hier am Werke gewesen und hätte alles in blinder Wut zerstört«, schreibt Farrel. Am anderen Ende des Saals baumelte der leblose Körper von Reverend Sasusa, erhängt an einem Strick. Jede Hilfe kam zu spät. Dieser Vorfall ließ sich freilich nicht geheim halten. Die Dorfbewohner von Lost Haven waren entsetzt. Sie gerieten in Panik, weil die Geister nun anscheinend sogar das Haus Gottes in ihre Gewalt gebracht hatten. Folglich wurde nicht lange überlegt. Man einigte sich hastig darauf, die Kirche zu verbrennen, in der Hoffnung, die Geister, die sich nach wie vor darin befänden, zu vernichten. Niemand wollte mehr jene Kirche betreten und so fiel der Leichnam von Reverend Sasusa ebenfalls den Flammen zum Opfer, so dass ihm ein würdiges Begräbnis verwehrt blieb.

Doch bevor die Flammen die Kirche bis auf ihre Grundmauern vernichtete, gelang es Farrel noch, eine Notiz aus der Schreibkammer des Reverends vor den Flammen zu retten. Auch diese Notiz liegt heute – wenn auch nahezu unleserlich vergilbt - in einer Vitrine des Museums direkt neben Farrels Tagebuch.

Laut Farrel waren folgende Worte darin enthalten: »Vor der letzten Nacht habe ich mich stets gefragt, was dieser verzweifelten Wut der Geister entgegen zu setzen ist. Doch nun weiß ich es besser. Dem unendlichen Leid, das jene Wesen zu tragen haben, ist keine glückliche Wendung beschieden. In ihrer Verzweiflung wollten sie es mit mir teilen, doch überschätzten sie meine Leidensfähigkeit. Sie werden wieder kommen. Dessen bin ich mir gewiss. Doch ich bin nicht gewillt, diesen wüsten Schmerz noch einmal zu erdulden. Ich muss ihnen zuvorkommen.

Vielleicht ist das der Weg, sie zu besänftigen.«

Man kann von dieser Geschichte halten, was man will. Fakt ist aber, dass der Reverend sich erhängt hat, und dass die Kirche wenig später in Brand gesteckt wurde. Als Beweis gab es sogar eine Fotografie der brennenden Kirche, die von Historikern für authentisch befunden wurde. Aufgenommen wurde dieses Bild im Auftrag einer Zeitung, die in einem großen Artikel über die seltsamen Ereignisse in Lost Haven berichtete. Es ist übrigens das einzige Foto aus dem 19. Jahrhundert aus Lost Haven. Das Foto verschwand jedoch aus ungeklärten Gründen in den neunzehnhundertsiebziger Jahren. Dies geschah ausgerechnet in einer Zeit, in der eine wahre Geister-Hysterie ausgebrochen war und Lost Haven zum Quell des Glaubens und des Wissens für alle Geister-Gläubige und selbsternannten Medien aller Art hochstilisiert wurde.

Bis heute gibt es immer wieder Augenzeugen, die angeblich aus dem angrenzenden Wald kommende schwebende Lichter über den Ruinen der Kirche gesehen haben wollen.

Auch wenn ich meine eigenen Erlebnisse der letzten Wochen in keinen erklärbaren Zusammenhang mit dem Schicksal von Reverend Sasusa bringen kann, so gibt es doch eine entscheidende Gemeinsamkeit: Ebenso wie die Leidensfähigkeit des Reverends nach jener Nacht der Heimsuchung, ist jetzt auch die meine vollends aufgebraucht.

4

Der zweite ungeklärte Todesfall, der in Verbindung zu den Poltergeistern gebracht wurde, ereignete sich ein Jahr später, 1891, und betrifft Ernest Hawl. Demjenigen, der die Speedwell als Erster aus dem Nirgendwo auftauchen sah.

Im Gegensatz zu anderen teils sehr detaillierten Schilderungen anderer Heimgesuchter, hat Farrel nichts über die Hintergründe zu Hawls Ableben zu berichten. Allerdings kam seine Betroffenheit in seinem Bericht zum ersten Mal voll zum Tragen, denn erstmals hatte es einen Menschen getroffen, dem Farrel sehr nahestand. Und zu allem Überfluss war Farrel es selbst, der die Leiche von Hawl in dessen Haus auf der Felsterrasse fand.

Hawl hatte mit dem Rücken auf dem Boden im Korridor gelegen. Bei einer ersten Begutachtung ergaben sich keine Fremdeinwirkungen, die auf ein Verbrechen hätten hinweisen können. Erst die genauere Untersuchung der Leiche durch den Dorfarzt Dr. Pickman brachte eine erstaunliche Entdeckung ans Licht, die auch den letzten Zweifler von der Existenz der Poltergeister und ihrer tödlichen Macht überzeugen sollte. Nahm Pickman zunächst noch an, Ernest Hawl sei durch einen Herzinfarkt gestorben, so musste er zu dem Schluss gelangen, dass die Todesursache Ersticken war. In seinem Hals fand er einen Gegenstand, den Hawl seiner Meinung nach versucht hatte zu verschlucken, sich dann aber in seiner Luftröhre verklemmt hatte. Es war die Goldmünze, die Hawl auf der Speedwell gefunden hatte, aber nicht mitzunehmen vermochte.

Wie konnte die Münze in sein Haus und dann in seinen Hals gelangen? Darauf gibt es bis heute keine plausible Antwort. Hawl wurde von jedem, der in Lost Haven lebte, geachtet. Erst die Kirche und dann der Dorfälteste. Die Einwohner fragten sich, was diese finstere Macht zu solchen Taten trieb. Ein regelrechter Exodus war die Folge. Innerhalb der nächsten zwei Jahre verließ fast die Hälfte der Einwohner das Küstenstädtchen.

Gleichzeitig nahm die Zahl der Poltergeist-Berichte rapide ab. Man glaubte, dies sei auf die geschwundene Einwohnerzahl zurückzuführen, doch nach Farrels Aufzeichnungen begann sich die Lage, was die Zahl der Sichtungen betrifft, schon seit 1889 zu entspannen. Trotz der Toten. Auch wenn dem so war, so gab es noch ein letztes Todesopfer im Jahr 1893 zu beklagen. So wie die anderen wurde auch die Anbahnung dieses Todesfalles durch Arthur Farrel dokumentiert. Er konnte jedoch nicht ahnen, dass er selbst es sein sollte, der den Tod finden würde.

5

Folgende Zeilen wurden von Farrel kurz vor seinem Ableben in seinem Tagebuch notiert:

Ich bin mir selbst nicht ganz gewiss, was mich dazu trieb, die seltsamen Berichte der letzten Jahre so beharrlich zu verfolgen. Ich wähnte mich in Sicherheit, glaubte, nicht mehr als ein neutraler Beobachter zu sein, der immun gegen den dunklen Zauber dieses Ortes ist. Erst als mein alter Freund Hawl, den ich schon von Kindesbeinen an in mein Herz geschlossen hatte, starb, spürte auch ich, wie mich ein dunkler Schleier langsam einzuhüllen begann. Diese Kälte. Diese gottverfluchte Kälte! Ich spüre sie nun immerzu. Sie umklammert mich wie ein Leichentuch.

Es hat - wie bei den meisten anderen auch – ganz harmlos begonnen. Es waren schlechte Träume, die mich des Nachts schreiend erwachen ließen. Dies allein vermochte mich jedoch nicht in Besorgnis zu versetzen. Schließlich hatte ich mich seit Jahren tagein tagaus nur mit den Geistern beschäftigt, die nicht ruhen wollten. Alpträume waren nicht mehr und nicht weniger als eine logische Konsequenz meines unsinnigen Verhaltens. Unsinnig, sage ich, weil es mir bis zum heutigen Tage nicht gelungen ist, irgendetwas über die Beweggründe der geisterhaften Wesen hier in Lost Haven herauszufinden. Stattdessen bin ich genauso klug und genauso dumm wie zuvor. Verschwendete Jahre waren es, die ich mit den Befragungen, den Niederschriften und den Recherchen verbracht habe. Verschwendet, sage ich.

Ich glaubte, durch die Bildung von kausalen Zusammenhängen der Geschehnisse Rückschlüsse ziehen zu können, die mich der Lösung des Problems näher bringen würden. Doch statt Dank für meine Bemühungen wurde mir nur Unverständnis und schlimmer noch: Misstrauen entgegengebracht. Ja, es gab sogar ein wütendes Frauenzimmer, das mir vorwarf, mit den Geistern im Bunde zu stehen, weil ich anscheinend als Einziger von bösen Dingen verschont geblieben wäre.

Ich verleugne nicht, dass ich in der Tat all die Jahre unbehelligt blieb. Doch insgeheim wünschte ich mir doch, einem der Geister zu begegnen, um sein Geheimnis zu lüften. Doch mit meinen aufkeimenden Nachtmahren sollte sich dieser Wunsch ins Gegenteil verkehren. Als ich darauf jede Nacht von bösen Träumen verfolgt wurde, beschloss ich endgültig, meine Arbeit aufzugeben und das Buch zu schließen. Ruhe suchte ich zu finden. Doch war sie mir nicht mehr vergönnt. Mittlerweile ist es so schlimm, dass ich es seit Tagen nicht mehr wage, in einen Spiegel zu blicken, denn dort lauert der Tod auf mich.

Es begann vor sechs Tagen, als aus meinen Alpträumen Realität wurde. An einem eigentlich schönen Sonntagmorgen erwachte ich spät aber ausgeruht. Hinter mir lag die erste Nacht seit Wochen, in der ich nicht von einem Albtraum heimgesucht worden war. Mit noch verschlafenen Augen blickte ich an diesem Morgen in den Spiegel in meinem Badezimmer. Was ich in jenem Spiegel sah, den ich unlängst zerstört habe, ließ mich erschaudern. Denn schräg hinter meinem Spiegelbild stand in meiner unmittelbaren Nähe eine von einer dunklen, nebelartigen Aura verhüllte Gestalt, die kein Gesicht besaß, aber mich anzublicken schien. Zu Tode erschrocken drehte ich mich auf dem Absatz um, doch hinter mir war niemand zu sehen, so dass ich glaubte, schon Gespenster zu sehen, die meiner Fantasie entsprungen waren. Erleichtert atmete ich auf und drehte mich wieder zum Spiegel. Ich wollte mich überzeugen, dass mir meine Fantasie nur einen Streich gespielt hatte, was in Anbetracht der unzähligen Geistergeschichten, mit denen ich mich die vergangenen Jahre beschäftigt hatte, keinesfalls überraschend gewesen wäre. Doch als ich erneut in den Spiegel blickte, war die Gestalt immer noch da, direkt hinter meinem Spiegelbild. Kaum konnte ich diesen neuerlichen Schrecken begreifen, streckte das Wesen im Spiegel plötzlich seine Hände nach meinem entsetzten Spiegelbild aus, umklammerte dessen Hals und würgte es. Schreiend packte ich meine Hände an den Hals, konnte jedoch keine fremden Hände ergreifen, sondern nur den rasenden Puls an meinem Hals spüren. Erneut warf ich mich herum und konnte doch wieder niemanden sehen. Was immer dieses Ding war, es lebte und agierte nur im Spiegel. In Panik geraten, drehte ich mich wieder zurück zum Spiegel. Von der anderen Seite blickte mich das finstere Wesen mit seinen verborgenen Augen an. Mein eigenes Spiegelbild war nicht mehr existent. Das Wesen hatte es umgebracht. Ich schrie erneut vor Entsetzen. Dann packte ich den Spiegel, riss ihn von der Wand und schmetterte ihn zu Boden.

So hat es begonnen.

Nach diesem entsetzlichen Erlebnis weigerte ich mich zu akzeptieren, dass das Ding aus dem Spiegel ein böser Spuk war, der mir nach dem Leben trachtete. Ich redete mir ein, dass ich den Verstand verloren hatte. Ich beschloss zunächst, sämtliche Spiegel, die ich besaß, zu zerstören. Mit geschlossenen Augen ergriff ich die in meinem Haus verbliebenen Spiegel - es waren drei an der Zahl - und zerstörte sie. Das Ding aus der Spiegelwelt, gleich ob real oder meiner Fantasie entsprungen, sollte keine Gelegenheit mehr haben, einen weiteren Blick in meine Welt zu erhaschen. Dass mein Verstand womöglich angegriffen, nicht aber Generator scheußlicher Halluzinationen war, habe ich erst jetzt begreifen können. Welch undenkbares Glück war mir nur all die Jahre beschieden, dass ich von den Geistern, die Lost Haven heimsuchten, verschont geblieben war, und welch unsägliches Pech lastet nun auf mir, dass ich einem besonders bösartigen Spuk ausgeliefert bin! Ich entschied mich fortan, jedweden Kontakt mit einer spiegelnden Oberfläche zu vermeiden. Doch musste ich jäh feststellen, dass dieses Vorhaben leichter gesagt war als getan.

Zwei Tage vergingen, ohne dass ich in eine spiegelnde Oberfläche geblickt hatte, geschweige denn jemandem mein Leid geklagt hatte. Erst in diesen dunklen Stunden erahnte ich, welch unsägliches Leid all die Opfer der Geistererscheinungen durchlitten haben mussten. Wie einsam sie sich gefühlt haben mussten. Verlassen von allem, was gut war.

Doch am heutigen Abend ist es wieder geschehen. Stets hatte ich die letzten zwei Tage rechtzeitig vor Sonnenuntergang die Vorhänge vor allen Fenstern in meinem Haus zugezogen, um so zu verhindern, mein Spiegelbild, oder das eines anderen im Fenster vor einem dunklen Hintergrund sehen zu müssen. Doch heute vergaß ich, das Fenster in der Küche zu verhängen. Die Sonne war bereits vollständig untergegangen, als ich ahnungslos in die Küche schritt, um meinen Hunger zu stillen. Während ich mir mein Abendmahl bereitete und dabei direkt vor dem Fenster stand, blickte ich beiläufig in genau dieses Fenster. Was ich dort erblickte, ließ mir das Blut in den Adern gefrieren. Alles was ich sehen konnte, war durch die dunkle Spiegelung des Fensters getrübt, doch sah ich genug, um zu verzweifeln.

Die dunkle Gestalt. Sie war wieder da. Und wieder stand sie genau hinter meinem Spiegelbild. Die Gestalt hob ihre rechte Hand, in der sie ein großes Messer hielt. Es war mein großes Küchenmesser, das hinter mir in einer Schublage liegen sollte. Ich wusste, würde ich mich umdrehen, wäre hinter mir niemand zu sehen, und würde ich die Schublade öffnen, wäre das Messer an Ort und Stelle, doch ich widerstand der Versuchung mich umzudrehen. Ich wollte mich dem Wesen aus der Spiegelwelt stellen. Doch wurde ich nur erneut Zeuge, wie das Ding mein Spiegelbild ermordete, indem es diesmal das Messer meinem Ebenbild in den Rücken rammte.

Ich schrie auf, nahm meinen Teller und warf ihn in das Fenster, das darauf klirrend zerbarst. Es ging zwar alles furchtbar schnell, doch noch bevor ich das Fenster zerstören konnte, sah ich für den Bruchteil einer Sekunde, wie mich das Ding auf der anderen Seite anstarrte und dabei mit dem Finger auf mich zeigte. Die Botschaft, die diese Geste vermitteln sollte, war eindeutig. Sie lautete: »Das nächste Mal bist Du dran!«

Ich kauere jetzt schon seit Stunden im Korridor meines Hauses auf dem Boden und schreibe diese Worte nieder. Ich weiß nicht, ob ich diese Nacht überleben werde.

Bald müsste die Sonne aufgehen. Ich habe Angst davor, dass das Wesen aus der Spiegelwelt entkommt und mich findet.

An dieser Stelle enden Arthur Farrels Aufzeichnungen.

Seine Leiche wurde drei Tage später in seinem Haus gefunden. Sein lebloser Körper lag quer über seinem Bett. Sein Gesicht war von tiefen Schnitten durchsetzt, die von den Glasscherben des Schlafzimmerfensters stammten. Als Todesursache wurde zunächst der massive Blutverlust angenommen, doch bis heute hält sich hartnäckig die Auffassung, dass Farrel durch einen plötzlichen Herzstillstand infolge eines massiven Schreckens gestorben war.

6

Nach Farrels Tod gab es nur noch sehr vereinzelt Berichte oder Gerüchte über Poltergeisterscheinungen. In den folgenden Jahrzehnten will immer wieder jemand einen Geist gesehen oder unerklärliche Phänomene erlebt haben. Aber etwas Vergleichbares mit den Schilderungen von Farrel hat es nie wieder gegeben. Was immer auch in Lost Haven vorgefallen war, nach fast genau zehn Jahren hatte es ein Ende gefunden.

Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts scherte sich kaum jemand noch um den Gespenster-Mythos von Lost Haven, und so versank das Dorf an der Ostküste des Atlantiks zunehmend in der Bedeutungslosigkeit. In den neunzehnhundertfünfziger Jahren gab es nur noch knapp vier Dutzend Einwohner.

Erst ab den sechziger Jahren begann das Interesse an Lost Haven wieder aufzuflammen. Geistergeschichten kamen mehr und mehr in Mode. Ende der siebziger Jahre entwickelte sich gar ein richtiger Tourismus. Immer mehr Menschen wollten auf den Spuren der Poltergeister wandeln. Lost Haven wurden mystische Kräfte zugeschrieben. Die Grundstückspreise stiegen allmählich, und immer mehr Menschen, meist Leute mit zu viel Geld, bauten sich ein Sommerhaus oder zogen ganz nach Lost Haven. Der Ort erfuhr eine regelrechte Ummodellierung, denn die meisten der alten Häuser aus dem vorigen Jahrhundert waren derart zerfallen, dass sie rücksichtslos abgerissen und durch neue ersetzt wurden. Trotz der Bemühungen, das Landschaftsbild nicht allzu sehr zu verändern, hatte das Neue Lost Haven mit dem alten verschrobenen Fischerort von einst wenig gemein. Der New Haven Harbour wurde auf der Westseite der lang gezogenen schmalen Bucht komplett neu gebaut. Der alte Hafen an der Ostseite wurde aufgegeben. Einige kleine Straßen kamen neu hinzu, wie die Kennington Street, in der ich jetzt wohne, östlich der Bucht. Die verbliebenen Straßenzüge wurden verändert und bekamen neue, tourismusfreundliche Namen verpasst. Diese ganzen Transformationen haben das alte Lost Haven zwar zerstört, aber den Ort immerhin vor dem Vergessen bewahrt.

Michelle fasst einen Entschluss

1

Keine Sorge, ich werde Sie jetzt nicht mit Belanglosigkeiten aus meinem Leben langweilen. Deshalb beschränke ich mich auf das Wesentliche.Ich will Ihnen nur erklären, warum es mich nach Lost Haven verschlagen hat.

Mein Name ist Jack Rafton. Nun, eigentlich stimmt das gar nicht. Jack Rafton ist mein Künstlername, den ich vor acht Jahren angenommen habe. Wenn ich es mir recht überlege, hat meine Ex-Frau Michelle mir Jack Rafton vorgeschlagen und ich habe zugestimmt, weil mir selber nichts einfiel.

Mein erster großer Roman erschien etwa vier Jahre nach seiner Fertigstellung endlich bei einem großen Verlag. Und ich war so stolz. Das können Sie sich gar nicht vorstellen. Ich steckte mitten in meinem Ingenieurs-Studium, hatte aber immer eifrig nebenher geschrieben. Stolz und zittrig war ich, als ich meine erste Lesung in einer kleinen Buchhandlung hielt. Gerne erinnere ich mich an diese Zeit zurück.

Der Roman, um welchen es in meiner ersten Lesung vor zwölf Jahren ging, trug den Titel 'Angststurm' und war ein richtiger Erfolg. Er war über acht Monate in den Bestsellerlisten.

Ein gutes Jahr nach Erscheinen meines Erstlings wurde mein zweiter Roman veröffentlicht. Er konnte nicht ganz an den Erfolg des ersten anknüpfen, sicherte mir jedoch auch weiterhin das allseits beliebte Prädikat Bestsellerautor. Aber das war alles ziemlich unwichtig für mich. Denn in dem Jahr, in dem mein zweiter Bestseller erschien, wurde meine Tochter Amy geboren.

In den folgenden drei Jahren erschienen von mir immerhin noch drei weitere Romane. Inhalt: Monster, Panikattacken, gut aussehende, schreiende Teenager und natürlich ein paar grausam zugerichtete Leichen und viel Blut. Nehmen Sie es mir bitte nicht übel, wenn ich augenscheinlich so abfällig meine 'Werke' zusammenfasse. Aber aus heutiger Sicht würde ich eigentlich keinem unbedingt empfehlen, eine dieser Geschichten zu lesen, wenn er nicht gerade etwas Besseres zu tun hat. Mein erster Roman war gut, und ich bin auch noch heute stolz auf ihn, aber der Rest war letztlich Zwang. Es war mein Lebensunterhalt.

Dann, fünf Jahre nach meinem Durchbruch, gab es einige Veränderungen. Paul, mein Agent und Freund starb bei einem Autounfall. Als ich die Nachricht von Pauls Tod erfuhr, war ich geschockter, als ich es mir selbst zugetraut hätte. Paul und ich hatten uns oft zum Lunch getroffen. Nicht nur, um über meine Bücher zu diskutieren, sondern auch, um sich einfach nur entspannt über unsere Alltagssorgen zu unterhalten.

Nachdem Paul gestorben war, wurde mir bewusst, dass er die letzten fünf Jahre eine der wenigen Bezugspersonen in meinem Leben gewesen war. Denn, als mein erstes Buch zum Erfolg wurde und mein Gesicht im Fernsehen zu sehen und mein Name in den Zeitungen zu lesen war, gab es zwar viele Menschen, die gern meine Freunde sein wollten. Die Freunde, die ich jedoch vorher schon hatte, wandten sich im Lauf der Zeit von mir ab. Eine Tatsache, an der ich selbst sicherlich nicht ganz unschuldig war. Der Erfolg verändert einen, und er verändert die Sichtweise anderer auf einen selbst. Was mir also nach Pauls Tod blieb, waren im Grunde nur meine eigene kleine Familie. Meine Frau Michelle und meine Tochter Amy.

2

Mein neuer Agent, der Paul ersetzte, war jung und überdreht. Bei unserer ersten Begegnung bombardierte er mich ständig mit dämlichen Marketing-Schlagworten wie 'Pageturner' und 'Unputdownable'. Er glaubte fest daran, dass mit seiner Hilfe mein neuer Roman ein Erfolg werden würde. Der Verlag wollte mein neues Buch zur nächsten Herbstsaison rausbringen. Zum Schreiben hatte ich etwas mehr als 10 Monate Zeit. Viel Zeit, die ich nicht genutzt habe.

Mein letztes Buch, das ich dann schließlich schrieb, war von Anfang an beschissen. Dieser und damit mein bislang letzter Roman, den ich unter dem Arbeitstitel 'Leichenschmatzen' geschrieben hatte (das erklärt eigentlich schon alles, oder?), bekam von der Fachpresse eigentlich ganz ordentliche Kritiken. Die Leser aber, die dank Internet Rezensionen schrieben, bloggten oder sich in Foren austauschten, verrissen das Buch gnadenlos. Zu Recht. Es war einfach jämmerlich. Und es war der Schlussstrich unter meine Karriere als Autor. Der Verkaufszahlen waren die schlechtesten, die der Verlag in jenem Jahr für einen seiner Romane verbucht hatte. Obwohl ich mich bemühte, mit dem Verlag in Kontakt zu bleiben, wollte man dort erst mal nichts mehr von mir wissen.

»Nimm dir mal eine Auszeit, Kumpel«, riet mir mein neuer Agent eines Nachmittags am Telefon und legte danach auf. Ich war nicht sein Kumpel. Erst nach diesem Telefonat wurde mir bewusst, dass mein Leben als Autor beendet war. Es war nicht nur eine vorübergehende Schwäche oder gar eine Schreibblockade. Es war endgültig.

Was danach geschah kann ich kurz zusammenfassen: Ich stürzte ab, war die meiste Zeit über betrunken, und es dauerte nicht mehr lange bis mich meine Frau Michelle aus unserem Haus geworfen hat.

Ihre einzigen Worte, die mir noch im Gedächtnis geblieben sind, waren: »Wenn du mir nicht Amy und das Haus lässt, mach ich dich so fertig, dass du wünschen wurdest, mich nie kennengelernt zu haben! Glaubst du, du würdest einen Prozess gegen mich gewinnen? Jack Rafton, der alkoholkranke Versager will das Sorgerecht für seine Tochter? Glaubst du das wirklich? Ich sag dir was: Versuch es doch! Dann gehe ich zur Presse und erzähle denen, wie schlimm deine Sucht ist.«

Mir wurde klar, dass ich Amy eine Schlammschlacht zwischen ihren Eltern nicht zumuten konnte. Ich wollte nicht, dass sie litt.

Und so gab ich auf. Einfach so. Ich überließ Michelle das Haus. Im Gegenzug sicherte sie mir zu, Amy an den Wochenenden mit zu mir nach Lost Haven mitnehmen zu dürfen - dort hatten wir unser Ferienhaus, das fortan mein neues, einsames Zuhause sein sollte. Das fiel Michelle nicht schwer zu versprechen, denn sie wusste ganz genau, dass Amy das Haus in Lost Haven ablehnte, weil sie glaubte, dort eines Nachts, als wir unseren letzten Sommerurlaub verbracht hatten, von einem Geist heimgesucht worden zu sein. Seither fürchtete sie sich vor dem Haus. Nach meinen Erlebnissen in den letzten Wochen hier kann ich ihr das nicht verübeln.

Nachdem ich schließlich nach Lost Haven gezogen war, war die Realität die, dass ich Amy nur sehr selten zu Gesicht bekam. Dafür sorgte ihre Mutter und deren Eltern, die sie in ihre Pläne penibel eingeweiht hatte, und die sie erfolgreich gegen mich aufgehetzt hatte.

Ja, natürlich. Ich hätte um Amy kämpfen müssen. Aber ich war viel zu sehr mit mir selbst beschäftigt. Mit dem Trinken und mit meinem Selbstmitleid. Ich war erbärmlich.

Aber genug davon. Ich stehe jetzt hier in Lost Haven am Abgrund, blicke aufs Meer und warte, dass das, was mit den anderen geschehen ist, auch mit mir geschieht. Ich habe noch ein wenig Zeit. Gehen wir also gedanklich zurück zu dem Punkt, an dem vor einigen Wochen alles angefangen hat.

Ja, ich erinnere mich. Ich wollte ein Geschenk für Peter kaufen...

Mrs. Trelawney achtet auf ihre Rosen

1

Ich hatte das Für und Wider sicherlich schon eine ganze Woche gegeneinander abgewogen. Ich hatte mich jedoch nun dafür entschieden, auf die Gefahr hin, dass Peter das Geschenk ablehnen würde. Ich meine, es geht hier schließlich nur um ein Buch für 12 Dollar. Ich kannte zwar den Tag von Peters Geburt, aber nicht sein Alter, das ich jedoch mit ziemlicher Sicherheit auf Mitte Dreißig schätzte.

Obwohl Peter und ich die letzten drei Jahre hier in Lost Haven viel Zeit miteinander verbracht hatten, wussten wir doch nur sehr wenig voneinander. Das Meiste von dem Wenigen, das wir voneinander wussten, beruhte nicht auf Gesprächen, sondern auf reiner Intuition. Peter erzählte mir einmal nur, dass er als Broker gearbeitet und entsprechend gutes Geld verdient hätte, bevor er sich im Zuge der Finanzkrise aus dem Geschäft zurückgezogen hatte. Vorbehaltlich meiner Gewissheit, dass dies nicht der eigentliche Grund war, warum er in Lost Haven gestrandet war, war das alles, das ich von ihm wusste. Ich selbst wiederum habe ihm nur erzählt, dass ich Schriftsteller war, bevor ich hierher gezogen war. Er kannte nicht einmal meinen richtigen Namen, und er wollte ihn auch gar nicht wissen. Das Ausblenden unserer Vergangenheit war das Fundament unserer Freundschaft, was ich später noch genauer ausführen werde. Nur soviel vorweg: Unsere Freundschaft wäre niemals in unseren früheren Leben möglich gewesen, als wir beide noch glücklich und erfolgreich waren. Sie konnte nur hier existieren. Nur jetzt. Denn das, was hier in Lost Haven von uns beiden noch übrig war, war nur noch ein Schatten dessen, was wir einmal waren.

Aufgrund dieser besonderen Art unserer Beziehung zueinander, war die Entscheidung, Peter ein Geschenk zu kaufen eine heikle Angelegenheit. Für einen Außenstehenden mag das vielleicht befremdlich wirken. Aber mein Geschenk – auch wenn es nur ein Roman war – hatte ich nicht auf das Geratewohl ausgesucht, sondern in dem Glauben, Peter würde darin Ähnliches erkennen wie ich. Und genau das war der kritische Punkt. Ich maßte mir an zu wissen, wovon Peter emotional eingenommen werden könnte. Für mich als Autor war das sicherlich ein Reiz, der in gewisser Weise aus einem Reflex heraus entstand. Deshalb geschah dies nicht in böser Absicht. Aber das war auch gar nicht so wichtig, denn Peter hätte mich wohl in dieser Form nie auf die Probe gestellt. So wurde mein Geschenk zu etwas Persönlichem. Und das Persönliche war in dieser fragilen Freundschaft zwischen Peter und mir stets ausgeklammert worden. Im schlimmsten Fall würde ich dadurch eine Grenze überschreiten, die bisher für uns beide selbstverständlich war.

Wird schon schief gehen, dachte ich, während ich die Main Street entlang schritt. Es war ein sehr schöner und warmer Spätsommertag im September.

Um ein Haar hätte ich kurz vor Beaver's Books angehalten und kehrt gemacht, weil ich kalte Füße bekam. Ich schüttelte den Kopf über meine irrsinnige Annahme, mein Geschenk könnte Peter sauer aufstoßen. Ihn vielleicht glauben lassen, ich wollte in seiner Vergangenheit herumstochern. Unmöglich! Und doch... Nein, nein ich wollte es jetzt kaufen. Wenn ich es ihm geben würde, würde ich ihm versichern, dass das Buch kein Versuch meinerseits war, mehr über ihn in Erfahrung zu bringen. Ich würde dieses Tabu nicht brechen. Genauso wenig, wie er es tun würde.

2

Beaver’s Books war ein kleines, altes Geschäft, das der Inhaber Henry Beaver von seinem Vater geerbt hatte. Der Laden hatte sich seit Jahrzehnten kaum verändert. Wenn man das Geschäft betrat, fühlte man sich ein Stück in der Zeit zurückversetzt. Es herrschte ein schummriges Licht. Es roch nach alten Büchern. Prallvolle Bücherregale bedeckten jeden Quadratmillimeter Wand. Dieser Laden hatte rein gar nichts mit den modernen, bunten Buchläden gemein. Auch wenn aktuelle Literatur angeboten wurde, so war Beaver’s Books mehr ein Zufluchtsort von Worten, die im heutigen Sprachgebrauch keine Verwendung mehr fanden. Viele alte Schätze lagerten dort neben den neuesten Bestsellern. Doch nur die weniger wertvollen davon bot Mr. Beaver auch zum Verkauf an. Seine Schätze, wie er sie nannte, würde er nie verkaufen.

Ich öffnete die verglaste Tür, an der ein nostalgisches ‚OPEN’-Schild an einer Kette mit Saugnapf an der Innenseite baumelte. Und kaum hatte ich den Raum betreten, hatte ich wiederholt das Gefühl von einer Art Zeitlosigkeit. Draußen vor der Tür lief die Zeit ganz normal weiter, aber hier drinnen war Zeit etwas anderes, sie war zwar existent, aber nicht fassbar. Ich war mir nie ganz sicher, ob das ein gutes oder ein schlechtes Gefühl war. Jedenfalls stärkte es jedes Mal meine Sinne. So auch an diesem Tag.

Mr. Beaver saß wie immer, wenn ich den Laden betrat, hinter der großen Verkaufstheke und starrte auf den Bildschirm seines Lesegeräts. Nur selten wandte er sich von jenem Bildschirm ab. Henry Beaver verfügte nur noch über eine etwa 15- prozentige Sehfähigkeit. Bücher konnte er nicht mehr ohne technische Hilfe lesen. Eine einfache Leselupe reichte da nicht aus. Sein Lesegerät hatte Ähnlichkeit mit einem Computer. Ein Buch oder eine Zeitung wurde auf ein kleines Podest gelegt, über dem in ca. dreißig Zentimetern Entfernung eine Kamera an einem Teleskoparm angebracht war. Direkt darüber an einem beweglichen Arm befestigt war ein großer Flachbildschirm, der die gedruckten Worte in variabler Einstellung vergrößert darstellte. Dies war eines der besseren Geräte, so dass es sehr teuer war. Mr. Beaver hätte es sich selbst kaum leisten können, dafür gab sein geliebter Buchladen viel zu wenig her. Und auch wenn er das Geld gehabt hätte, hätte er es niemals für sich ausgegeben, sondern nur für seine Tochter Melissa. Sie war es, die das Lesegerät letztlich gekauft hatte, nachdem sie mit meiner bescheidenen Unterstützung einen 'anonymen Spendenaufruf' gestartet hatte, der zu meiner und ihrer Überraschung derart positiv aufgenommen wurde, dass das Geld schnell zusammen kam.

»Ah, Mr. Rafton. Wie geht es Ihnen heute?«, begrüßte mich Mr. Beaver. Er erkannte mich immer aufgrund meiner Schritte. Nach dem Befinden fragte er mich immer, sobald ich den Laden betrat. Wenn man so eine Frage stellt, erwartet man wohl kaum eine ehrliche Antwort. 'Zum Kotzen' kann man ja schlecht erwidern. Stattdessen bleib ich höflich: »Alles bestens, Mr. Beaver. Darf ich fragen, welche Lektüre Sie heute beim Wickel haben?«

Mr. Beaver schmunzelte leicht und blickte wieder auf seinen großen Bildschirm. »Ein altes Märchen, Mr. Rafton. Nur ein altes Märchen.«

Er starrte einige schweigsame Sekunden auf den Bildschirm. »Melissa ist gleich bei Ihnen«, fügte er regungslos hinzu. Melissa war im Hinterzimmer, das vornehmlich als Lager diente, beschäftigt. Sie war siebzehn. Nicht nur ich war der Meinung, dass sie viel zu viel Zeit dort verbrachte. Andere junge Frauen in ihrem Alter hatten wohl ganz andere Dinge im Kopf als alte verstaubte Bücher, und Melissa selbst war kein Bücherwurm. Sie konnte schlicht ihren Vater nicht allein lassen. Sie glaubte, er würde ohne sie nicht zurechtkommen, obwohl ich der Meinung war, dass Henry Beaver durchaus sehr eigenständig leben konnte, trotz seiner Sehbehinderung. Melissa jedoch liebte ihren Vater viel zu sehr, als dass sie ihn verlassen würde. Lost Haven war kein Ort für so junge Menschen wie sie, wenn man kein Tourist war. Mr. Beaver sah das ähnlich wie ich, aber er hatte nicht die Kraft, seine Tochter davon zu überzeugen, ihn zu verlassen. Er war in eine melancholische Starre verfallen, die er zwar versuchte sich nicht anmerken zu lassen, die aber dennoch greifbar war, sobald man ihn sah.

Ich genoss für einige Sekunden die absolute Stille dieses Ortes, bis Melissa schließlich an die Verkaufstheke herangeschwebt kam. Und wenn ich schweben sage, dann meine ich schweben. Müsste ich mir ein Synonym für Jugend ausdenken, würde mir als erstes Melissa Beaver einfallen. Sie war eine grazile und gewitzte Persönlichkeit. Eine brünette Schönheit. Ihrem Lächeln konnten selbst die grimmigsten Herzen nicht widerstehen.

Wäre ich in ihrem Alter, hätte ich wohl alles getan, um ihr Freund zu werden. Aber wenn ich aus diesem Tagtraum erwachte und sie dabei ansah, fühlte ich mich mit meinen 44 Jahren einfach nur alt. Und deprimiert.

»Hallo Mr. Rafton«, sagte sie und strahlte mich dabei an, dass es schon fast weh tat.

Für sie war ich nicht irgendein Kunde. Melissa kannte jedes Detail meiner Karriere als Schriftsteller und hatte nach eigenen Angaben alle meine Romane gelesen. Ich war für sie ein Tor zu einer Welt von Kreativität und Erschaffung. Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass ich mich ob ihrer Bewunderung nicht geschmeichelt fühlte. Und dennoch: Es war eine Ironie, denn diese Welt, nach der sie sich so sehnte, war für mich nur noch eine blasse Erinnerung, die in immer weitere Ferne rückte. Und im Übrigen eine Welt, an die ich seit Jahren keinen Gedanken mehr verschwendete.

»Ihr Buch ist heute Morgen gekommen. Mr. Fryman wird sich sicher sehr freuen. Soll ich es für Sie einpacken?«, fragte Melissa.

»Ja, das wäre toll. Ich kann so was nicht«, sagte ich und lächelte.

Sorgfältig und mit geübter Hand packte Melissa das Buch für Peter ein. Sie hatte deshalb darin viel Übung, weil die meisten Besucher von Beaver’s Books Touristen waren, die sich irgendein Buch als Geschenk für Freunde und Verwandte kauften. Diese Touristen waren für Beaver’s Books eine wichtige Einnahmequelle. Es gab auch eine entsprechende Empfehlung in diversen Reiseführen, ohne die Beaver’s Books wohl nicht mehr existieren würde.

Obwohl Melissa sicherlich schon abertausend Mal Bücher verpackt hatte, ließ sie sich bei diesem ungewöhnlich viel Zeit. Ich ahnte schon, worauf es hinauslaufen würde.

»Und Mr. Rafton, was macht die Kunst?«, fragte sie.

»Du meinst nicht zufällig eine bestimmte Kunst?«, erwiderte ich.

Melissa druckste herum. »Nun, ich dachte, Sie würden bald wieder an einem neuen Roman arbeiten«, sagte sie und vermied es, mich anzusehen.

Mr. Beaver räusperte sich demonstrativ, um seiner Tochter klar zu machen, sie solle mich nicht schon wieder mit dieser Frage belästigen. In der Tat fragte sie mich fast jedes Mal, wenn ich hier war, ob ich gerade etwas schreibe. Ich habe ihr – wenn auch nicht eindeutig – versucht klar zu machen, dass ich nichts mehr schreiben möchte. Aber das wollte sie nicht akzeptieren.

»Ich schreibe nicht mehr. Das weißt du doch, Melissa. Für mich ist dieses Kapitel beendet.«

Melissa runzelte die Stirn, während sie langsam die Geschenkverpackung mit Tesafilm fixierte. »Hm. Aber ist es nicht irgendwann an der Zeit, umzublättern und das nächste Kapitel zu beginnen?«, fragte sie und sah mich eindringlich an.

»Melissa!« Mr. Beaver hatte seinen Kopf vom Bildschirm weg gedreht und sah seine Tochter mahnend an. Mehr als einen schemenhaften Umriss konnten ihm seine Augen nicht übermitteln, dennoch wirkte sein fixierender Blick täuschend echt.

»Schon gut«, sagte ich in Richtung von Mr. Beaver.

Dann wandte ich mich an Melissa und schob meine schwarz geränderte Brille über der Nase zurück. Eine Bewegung, die ich schon unzählige Male gemacht hatte. »Irgendwann ist man aber am letzten Kapitel angelangt. Danach ist das Buch zu Ende.« Meinem Gegenüber gefiel die Antwort überhaupt nicht. Melissa setzte einen gekonnten Schmollmund auf. Sie schaffte es so tatsächlich, dass ich mich schlecht fühlte, weil ich sie enttäuschen musste.

»Das macht dann genau zwölf Dollar«, sagte sie kühl.

Ich verzog ein wenig die Miene und bezahlte. Melissa sagte nichts. Vorbei war ihr strahlender Glanz. Sie wollte mir unmissverständlich deutlich machen, dass sie mich bestrafen wollte.

»Also ich hoffe wirklich, dass es Peter gefällt«, sagte ich in der Hoffnung, die Wogen wieder etwas zu glätten.

»Wenn nicht, kann er es gerne umtauschen«, erwiderte Melissa schnippisch.

»Melissa, jetzt reicht es aber!«, sagte Mr. Beaver laut.

Ich musste mir etwas einfallen lassen. Sie würde mich sonst wochenlang mit finsteren Blicken strafen, sollte ich es wagen, das Geschäft wieder zu betreten.

Ich drehte mich gen Ladentür und tat einen Schritt. Melissa ließ mich nicht eine Sekunde aus den Augen. Dann hatte ich plötzlich eine Idee. Ich blieb stehen und drehte mich wieder zum Tresen. »Warum schreibst du eigentlich nicht?«

Das hatte gesessen.

»Äh, ich?«, stammelte sie, sichtlich aus der Fassung gebracht.

»Hast du mir nicht einmal erzählt, du hättest es selber schon probiert?«

Jetzt wurde Melissa langsam rot. Und ich konnte in ihren Augen sehen, dass sie zwischen Verärgerung darüber, dass ich sie aus dem Konzept gebracht hatte, und gewecktem Ehrgeiz, ein eigenes Buch zu schreiben, schwankte.

»Ach, das ist doch schon lange her«, sagte sie unsicher.

»War es nicht eine Vampir-Geschichte?« Jetzt wurden ihre haselnussbraunen Augen ganz groß. Ich hatte sie am Haken und musste innerlich lächeln, weil sie leichter zu beeinflussen war, als ich dachte.

»Und hast du mir nicht gesagt, dass es dir richtig Spaß gemacht hätte?«, legte ich nach.

»Ja, aber ich glaube nicht, dass es jemand lesen wollen würde.«

»Aber darum geht es doch gar nicht«, warf ich ein.

Daraufhin erntete ich nur einen irritierten Blick.

»Es geht nicht darum, dass du schreibst, um die Erwartungen anderer zu erfüllen. Du schreibst, weil es dir Freude bereitet. Das Beste, was du tun konntest, war, eine Geschichte über ein Thema zu schreiben, das dir gefällt. Besser kann man an die Schriftstellerei nicht herangehen. Das ist ganz wichtig. Vielleicht gefällt sie auch anderen und, wer weiß, vielleicht kannst du deine Geschichte auch veröffentlichen. Und wenn nicht, dann schreibst du eine neue Geschichte und probierst etwas anderes aus.«

In Melissas Gehirn arbeitete es angestrengt. Ich erkannte, dass ich bis zum Äußersten gehen musste: »Wenn du willst, lese ich deine Geschichte mal oder das, was du bereits fertig hast.« Ich hasste Geschichten über Herz-Schmerz-Vampire.

Melissas Widerstand zerbarst just in dem Augenblick, in dem ich anbot, sie beim Schreiben zu unterstützen.

»Das würden Sie tun?«, fragte sie. »Ich meine, es ist nicht besonders gut, und ich hab ja erst angefangen, und...«

»Mach dir mal keinen Kopf. Wir können das ja ganz ruhig angehen«, beruhigte ich sie.

Melissa überlegte. »Und sie lachen mich auch nicht aus, wenn sie es lesen?«

»Glaubst du, ich würde dir anbieten, es zu lesen, um dich hinterher auszulachen?«, fragte ich mit betont gekränkter Stimme.

»Nein«, sagte sie und senkte den Blick.

»Also, dann haben wir eine Abmachung. Ok?«

»Ok«, wiederholte sie und lächelte. Da war er wieder, der Glanz.

»Wiedersehen Mr. Beaver!«

Der alte Herr hob nur zum Abschied grüßend die Hand, ohne sich von seinem Bildschirm zu lösen. Das machte er öfter so.

»Tschüss, Melissa!«

»Gehen sie jetzt gleich zu Mr. Fryman?«, fragte Melissa noch schnell.

»Nein, erst heute Abend. Vorher habe ich noch ein Date mit Mrs. Trelawney«, sagte ich augenzwinkernd, während ich durch die Tür nach draußen verschwand.

3

Eigentlich wollte ich an diesem Tag mit dem Auto zu Beaver’s Books fahren, auch wenn es nur fünfzehn Minuten Fußweg waren. Aber an einem so sonnigen Tag wie diesem wollte ich mir etwas Gutes tun, die frische Luft genießen und den Kreislauf etwas in Schwung bringen für meine bevorstehende Arbeit bei Mrs. Trelawney. In meinem Haus angekommen, zog ich mich rasch um und legte mir meine Gärtnerkluft, wie ich sie nannte, an.

Bevor ich durch die rückwärtige Verandatür mein Heim verließ, ging ich an meinem Kalender vorbei, blieb stehen und ging noch mal zurück, um ihn mir genauer anzusehen. Der heutige Tag war der 14. September. Ich hatte ihn rot umkringelt, um Peters Geburtstag nicht zu vergessen. Dann schaute ich mir den einzigen zweiten Kringel an. Den 8. Oktober. Beim Betrachten dieses Datums bekam ich wieder dieses flaue Gefühl im Magen. Der Tag rückte immer näher und näher. Um es kurz zu machen: Ich hatte einen Mordsschiss vor diesem Tag.

»Das wird schon irgendwie«, sagte ich zum Kalender und machte mich auf zu Mrs. Trelawney.

4

Der Garten meines Grundstücks und der von Mrs. Trelawney waren durch keinerlei künstliche Barriere getrennt. Nur ein paar Eiben und Rhododendron entlang einer gedachten Linie markierten ungefähr die Grundstücksgrenze. Ihr Haus war das letzte in der Kennington Street. Und es war eines der größten Grundstücke.

Als ich unser Haus zusammen mit Michelle gekauft hatte, habe ich mich – wie es sich gehört - unserer Nachbarin artig vorgestellt und gefragt, ob sie wünsche, dass ich einen Zaun errichten solle. Ich erinnere mich noch genau, wie sie fast empört war und mir deutlich zu verstehen gab, dass sie sich durch einen Zaun eingesperrt fühlen würde.

Den hinteren Teil ihres Grundstücks – zur Meeresseite hin - wollte sie verwildert lassen. Alles was der Wind hierher trug, durfte gedeihen. Hier gab es nur sehr wenig für mich zu tun. Dem vorderen zum Haus gelegenen Teil galt ihre ganze Aufmerksamkeit, und dies war sozusagen mein Tätigkeitsschwerpunkt. Sie werden sich jetzt bestimmt fragen, wieso ich bei meiner Nachbarin einer gärtnerischen Tätigkeit nachging. Nein, ich war nicht auf diesen Job angewiesen. Ich machte ihn einfach gern. Er lenkte mich ab. Er lenkte mich vom Nachdenken ab. Und das schätzte ich so an dieser Arbeit. Aber ich glaube, ich sollte meine Beziehung zu Mrs. Trelawney ein wenig näher erläutern.

5

Bevor ich allein in die Kennington Street einzog, hatte ich Mrs. Trelawney nur ganz selten gesehen, geschweige denn gesprochen. Wir waren vorher auch nur zwei Sommer lang hier gewesen, und das nur für wenige Wochen. Als ich wie gesagt vor drei Jahren kurz nach meiner Scheidung hier einzog, war ich ein total alkoholkrankes Wrack.

Die ersten Wochen ging ich überhaupt nicht vor die Tür. Ich soff und schaute Fernsehen. Und wenn ich mal einen klaren Gedanken fassen konnte, dann drehte er sich nur darum, wie ich mir am effektivsten das Leben nehmen könnte. Aber jeder praktische Versuch, dies anzugehen, endete in einem erniedrigenden Besäufnis. Das Schlimmste an diesen Exzessen war immer, dass ich Michelles Stimme hörte, wie sie mich auslachte. »Nicht mal dich umbringen kannst du. Was bist du nur für ein Versager«, sagte sie immer. Dann schrie ich meist, sie solle ihre verdammte Schnauze halten, und manchmal warf ich sogar eine leere Schnapsflasche nach ihrem imaginären Bild.

An meinem 42. Geburtstag – es war der erste überhaupt in meinem Leben, den ich ganz allein verbrachte – griff ich zum Telefonhörer und wollte zuhause bei Michelle anrufen, um mit Amy zu sprechen. Wenigstens an diesem Tag wollte ich einmal die Stimme meiner Tochter hören. Nachdem es zweimal geklingelt hatte, meldete sich zu meinem Schrecken Michelle am Apparat.

»Was willst du?«, fragte sie angewidert.

Obwohl ich mich selbstverständlich betrunken hatte, um überhaupt Mut für diesen Anruf aufzubringen, war ich doch noch klar genug, um mich über Michelles dreiste Art, mit mir zu sprechen, aufzuregen. Es war schließlich mein Geburtstag. Mein zweiundvierzigster Geburtstag!

»Keine Sorge, ich möchte mit Amy sprechen«, sagte ich.

»Sie ist nicht hier.«

»Heute ist Samstag. Willst du mir vielleicht erzählen, Amy wäre in der Schule?«

»Tut mir Leid, sie ist nicht da«, sagte Michelle.

»Wo ist sie?«, fragte ich zornig.

»Als ob dich das was kümmern würde!«

»Ich will jetzt mit meiner Tochter sprechen!«, schrie ich in den Hörer.

»Hast du wieder gesoffen?«

Ja, natürlich hatte ich gesoffen! Wie hätte ich denn sonst, ohne zu zittern den Hörer halten sollen? Wie hätte ich denn sonst, ohne zu stottern sprechen können?

Michelle machte mich rasend vor Wut und im Geiste begann ich, sie genüsslich zu würgen.

»Ruf wieder an, wenn du halbwegs nüchtern bist. Oder sauf dich zu Tode, mir egal«, sagte Michelle kalt.

»Wage es nicht aufzulegen, sonst...« Aber da war es schon zu spät. Ein Klacken und dann war Stille.

Ich schrie vor Wut. Ich schrie solange, bis mir einige Äderchen in den Augen platzten.

Ich überlegte, noch einmal anzurufen, aber Michelle würde einfach nicht ran gehen. Stattdessen entschied ich mich dazu, was ich immer in ähnlichen Situation tat: Ich trank noch mehr. Aber dieses Mal war es besonders schlimm. Ich trank soviel, dass ich in einen komaähnlichen Zustand fiel. Ich weiß nicht, wie lange ich in diesem Zustand gedämmert habe. Jedenfalls verbrachte ich meinen zweiundvierzigsten Geburtstag im Delirium liegend auf dem Teppichboden in meinem Wohnzimmer, nur eine Idee davon entfernt, an meinem eigenen Erbrochenen zu ersticken.

Tiefer ging es nicht. Ich erwachte am nächsten Tag. Es war bereits Nachmittag. Als ich es schaffte, wieder aufrecht zu stehen ohne umzufallen, war es bereits dunkel. Ich schleppte mich völlig erschöpft in den ersten Stock in das Schlafzimmer und hoffte nur, dass ich den nächsten Tag nicht mehr erleben würde. Weit gefehlt! Wahnsinnige Kopfschmerzen weckten mich am nächsten Morgen. Irgendein hämmerndes Geräusch prallte gegen meine Trommelfelle. Es schien so laut zu sein, dass ich dachte, sie würden jeden Moment platzen. Ich richtete mich im Bett auf, während ich mir die Ohren zuhielt. Das hämmernde Geräusch hatte pausiert. Ich merkte, dass ich kaum den Mund auf bekam, weil er völlig verklebt war. Ich hatte keinen Tropfen Speichel mehr in meinem Mund. Ich tastete auf dem Nachttisch nach meiner Brille, konnte sie jedoch nicht finden. Ich war kurzsichtig mit etwa 4,9 Dioptrien. Ohne Brille sah ich alles, was weiter als vierzig Zentimeter entfernt war, nur verschwommen. Wie ich erst später herausfinden sollte, hatte ich meine Brille unter mir begraben, während ich auf dem Fußboden gelegen hatte. Zum Glück hatte ich noch ein paar Ersatzbrillen in der Kommode unten im Flur. Michelle hatte mich früher immer gedrängt, eine Augen-OP machen zu lassen. Das würde jeder heute tun, der ein wenig Geschmack hätte, war ihre Meinung. Eine Brille sei nicht mehr zeitgemäß. Ich sah das ein wenig anders. Ohne Brille fühlte ich mich nackt. Schließlich fing ich vor wenigen Jahren an, mir hin und wieder eine neue Brille anfertigen zu lassen. Vier Stück besaß ich insgesamt. Alle Modelle sahen sich recht ähnlich, so dass die Frage nach der Sinnhaftigkeit meiner Sammelwut berechtigterweise gestellt werden konnte. Ich konnte jedoch keine einleuchtende Antwort finden. Erst die letzten Tage in Lost Haven sollten meine Ersatzbrillen unentbehrlich machen. Fast so, als hätte ich es schon Jahre zuvor geahnt, dass ich sie mal eines Tages alle brauchen würde. Ohne Brille also schlurfte ich unsicher ins Bad, riss den Einhebelmischer am Waschbecken nach oben und trank gierig aus der Leitung, bis mir übel wurde.

Wieder hämmerte es. Es kam von unten.

»Scheiße«, wimmerte ich nur und hielt mir wieder die Ohren zu. Jemand war unten an der Tür. Ich ertrug den für mich ohrenbetäubenden Lärm noch eine Weile, bis es endlich aufhörte.

In halb gebückter Stellung hielt ich inne, um sicher zu gehen, dass derjenige unten an der Tür endlich verschwinden würde. Ich hätte nicht gewusst, wer mich besuchen wollte. Peter kannte ich damals noch nicht. Ich hatte seit meinem Einzug mit niemandem aus Lost Haven gesprochen. Als ich sicher war, dass endlich Ruhe herrschen würde, öffnete ich die verspiegelte Tür vom Alibert und griff nach den Aspirin-Tabletten. Ich bezweifelte zwar, dass sie helfen würden, aber ich hatte nichts anderes da. Ich nahm vier Stück. Das sollte für das Erste reichen. Ich schaffte es, mich zu duschen und schlüpfte in einen Bademantel. Danach aß ich in der Küche einen Erdnussbutter-Toast. Langsam fühlte ich mich besser. Plötzlich klopfte es wieder. Diesmal aber nicht an der Haustür, sondern an der Verandatür. Ich blieb einfach am Esstisch sitzen und hoffte, dass der ungebetene Besuch endlich von der Tür verschwinden würde. Aber es klopfte wieder. Und wieder. Und immer wieder. Meine Kopfschmerzen drohten, wieder zurückzukommen.

»Verdammt!«, stieß ich aus und stand auf. Ungewöhnlich schnellen Schrittes durchquerte ich das Wohnzimmer, zog den Vorhang vor der Glastür zurück, öffnete sie, ohne nachzusehen, wer dahinter stand, und... blickte einer erschrockenen Mrs. Trelawney in die Augen.

»Du meine Güte! Sie sehen ja furchtbar aus! Sind sie krank?«, sagte sie, während sie sich die flachen Hände an die Wangen schlug.

Mrs. Trelawney war eine nette alte Dame, aber in diesem Moment wünschte ich sie zum Teufel. »Ja, ich äh, ich habe mit einem Infekt zu kämpfen«, sagte ich und zupfte mir meinen Bademantel zurecht.

»Tatsächlich?«, begann Mrs. Trelawney. »Das muss aber ein übler Virus sein. Ich kämpfe selber gerade gegen eine Grippe. Das Schlimmste habe ich aber schon hinter mir.«

»Eine Grippe? Geht es Ihnen auch wirklich gut?«, fragte ich, weil Mrs. Trelawney nicht mehr die Jüngste war. Ich schätzte sie auf Anfang Achtzig.

»Mir geht es jedenfalls wesentlich besser als Ihnen, Mr. Rafton.« Sie musterte mich nochmals von Kopf bis Fuß. »Sie sind ja leichenblass!«

»Ja, aber ich fühle mich schon wieder ganz gut. Ähm, wollten Sie etwas Bestimmtes von mir?«

»Oh, nein. Es ist nicht so wichtig. Ruhen Sie sich erst mal aus. Sie brauchen Bettruhe. Das ist das Allerwichtigste.«

»Sagen Sie, soll ich Ihnen bei etwas helfen?«, hakte ich nach.

»Ach es ist nur ein schwerer Ast von meiner Trauerweide, der auf meine Veranda gefallen ist und mir nun die Treppe versperrt.«

»Wie ist das denn passiert?«

»Na, haben Sie denn nicht den schweren Sturm heute Nacht gehört?«, fragte sie.

»Nun, ich habe einen sehr tiefen Schlaf«, sagte ich und erkannte sofort, dass mir die alte Dame nicht glaubte. Dabei habe ich wirklich nichts gehört.

»Ich ziehe mich nur schnell an, dann räume ich den Ast beiseite«, sagte ich, obwohl es mir schon an diesem Morgen schwer gefallen war, meinen Toast mit Erdnussbutter hochzuhalten und zum Mund zu führen.

»Aber danach verschwinden Sie sofort ins Bett! Verstanden?«, sagte Mrs. Trelawney mit erhobenem Zeigefinger.

»Verstanden, Ma'am.«

6

Die Trauerweide stand meines Erachtens viel zu dicht am Haus. Mrs. Trelawney hatte Glück, dass der Baum nicht umgestürzt war. Dann wäre das gesamte Dach der Veranda zertrümmert worden. Mit pochendem Herzen und Schweißperlen auf der Stirn zerrte ich den schweren Ast von der Veranda-Treppe zur Seite. Als ich fertig war, sah ich schwarze Punkte vor den Augen und glaubte, gleich ohnmächtig zu werden.

»Vielen Dank, Mr. Rafton. Und jetzt marsch, marsch ins Bett!«, befahl sie in strengem Tonfall.

Ich wollte nicht widersprechen. »Sie sollten sich auch besser ausruhen, Mrs. Trelawney. Nach einer Grippe sollte man sich nicht zu viel zumuten«, sagte ich leicht schwankend.

Die alte Dame grinste nur amüsiert. »Ich habe das Schlimmste schon hinter mir«, sagte sie. »Sie, Mr. Rafton, aber anscheinend noch nicht.« Wie recht sie damit hatte, würde ich erst später auf leidvolle Weise herausfinden.

Den Rest des Tages nutzte ich tatsächlich zur Erholung, und schon am darauf folgenden Tag glaubte ich, wieder fit genug zu sein, um mir einen kurzen Klaren zu gönnen. Aber bevor ich mit der Schnapsflasche in Berührung kam, begann am Abend für mich die Hölle.

7

Typisch für eine richtige Grippe bekam ich schnell hohes Fieber und Gliederschmerzen. Mrs. Trelawney hatte mich angesteckt. Das hatte noch gefehlt! In den ersten Stunden, in denen ich mich mehrmals übergab, ärgerte ich mich am meisten darüber, dass ich mich wegen der alten Dame nicht besaufen konnte. Das Letzte, an das ich mich noch klar erinnern kann, war, dass ich vor Anbruch der Nacht vierzig Grad Fieber gemessen und meine letzten Aspirin aufgebraucht hatte. Was danach folgte, waren Krämpfe, entsetzliche Kopfschmerzen und Halluzinationen. An die meisten davon kann ich mich allerdings nicht mehr erinnern.

Fünf Tage dauerte es, bis ich wieder etwas bei mir behalten konnte. Das war zwar nicht die erste Grippe, die ich in meinem Leben hatte - und ich bin bestimmt kein Weichei - aber diese Grippe war besonders hartnäckig und keineswegs normal. Eigentlich sollte man wohl wenigstens zum Arzt gehen, aber ich hätte es nicht mal zum Telefonhörer geschafft. Das einzig Positive an der Sache war, dass ich nicht wusste, ob die Schmerzen, die Krämpfe und das Kotzen von der Grippe oder vom Alkoholentzug herrührten.

Am sechsten Tag hatte ich trotz entsetzlicher Kopfschmerzen und einer bleiernen Schwäche Hunger, musste aber feststellen, dass ich außer verschimmeltem Toastbrot nichts mehr vorrätig hatte. Ich rief bei einem mobilen Einkaufsservice an und ließ mir noch am selben Tag alles Mögliche liefern. Ich hatte mich die letzte Woche nur von vertrocknetem Brot und Wasser ernährt und brauchte nun wieder Kalorien. Gleich nachdem die Lieferung eintraf, machte ich mir vier große Spiegeleier und schlang sie mit frischem Baguette und einem Liter Orangensaft hinunter. Danach kroch ich wieder ins Bett und wollte schlafen. Doch bevor ich einschlafen konnte, überkam mich noch ein letztes Mal der heftigste Kotzreiz, den ich während dieser Monster-grippe hatte. Nachdem ich mich zum gefühlt hundertsten Mal übergeben hatte, konnte ich endlich erstmals entspannt schlafen.

Danach ging es langsam bergauf. Am achten Tag nach dem ersten Fieber, stellte ich erstaunt fest, dass ich seit zehn Tagen keinen Alkohol mehr getrunken hatte. Aber das Beste daran war, dass ich überhaupt kein Verlangen mehr danach verspürte. Gewiss, es war noch viel zu früh, um auch nur daran zu denken, eventuell von diesem Teufelszeug losgekommen zu sein, doch ich war guter Dinge. Die folgenden zwei Wochen kam ich ganz langsam wieder auf die Beine. Ich fühlte mich zwar noch immer elend, aber ich dachte, dass ich auf einem guten Weg war. Und das gab mir den Antrieb, den ich brauchte, um morgens überhaupt aus dem Bett aufzustehen.

Doch dann kam plötzlich der Einbruch: Mir wurde, befreit vom Dunst des Alkohols, bewusst, was aus mir geworden war. Mir wurde klar, dass meine Familie zerstört war. Dass ich meine Tochter verloren hatte, und dass meine Karriere in Trümmern lag. Ich war nur noch ein Häufchen Elend, das in einem Bademantel am Küchentisch saß und Ananas-Scheiben aus der Dose aß.

Mit diesen Gedanken trug ich mich die folgenden fünf Wochen. Währenddessen unternahm ich abermalig einen Versuch mit meiner Tochter sprechen zu dürfen, aber dieses Vorhaben scheiterte kläglich an meiner eisernen Ex-Frau, der ich daraufhin die Pest an den Hals wünschte.

Nicht ein einziges Mal habe ich während dieser Zeit das Haus verlassen. Ich wunderte mich über mich selbst, denn hätte ich nicht stolz darauf sein sollen, nichts mehr zu trinken? Hätte ich mich nicht wie neugeboren fühlen sollen? Das Gegenteil war der Fall. Die Realität, die ich mir literweise schön gesoffen hatte, fuhr über mich wie eine Keule.

Manchmal saß ich nur vor dem Fernseher und sah mir an, was gerade lief. Manchmal lag ich stundenlang in meinem Bett und weinte. Manchmal stand ich regungslos vor dem Spiegel und betrachtete grüblerisch mein schweigendes Spiegelbild. Ich aß, ich trank, ich wusch und rasierte mich. Ich funktionierte immer noch. Aber ich war alt genug, um mir nichts vorzumachen. Ich war zerbrochen.

8

Auf den Tag genau vier Wochen, nachdem ich krank geworden war, klopfte es wieder an meiner Verandatür. Ich saß gerade vor dem Fernseher. Es lief gerade eine Homeshopping-Sendung, in der ein neue, noch nie da gewesene Bratpfanne angepriesen wurde. Ich musste nicht nachsehen, um zu wissen, dass es Mrs. Trelawney war.

»Die hat Nerven«, grummelte ich den Fernseher an.

Ich hatte alle Jalousien heruntergelassen, sodass sie mich nicht sehen konnte. Ich dachte, irgendwann würde sie schon wieder verschwinden. Aber da irrte ich mich.

Es klopfte erneut.

»Hallo Jack! Sind Sie da?«, schallte ihre gedämpfte Stimme in mein Wohnzimmer.

Die geht nie, dachte ich.

Ich stand auf und öffnete schließlich die Tür.

Mrs. Trelawney sah gesund und rosig aus.

»Ich habe so lange nichts von Ihnen gehört, da dachte ich, ich schaue mal nach und sehe, wie es Ihnen geht«, sagte sie.

Ich war ziemlich verstimmt. Sie hätte schließlich ja schon mal eher hier auftauchen können.

»Mir geht es bestens, danke der Nachfrage«, erwiderte ich in einem Tonfall, der unmissverständlich deutlich machte, dass es mir in Wahrheit beschissen ging.

»Sie sehen immer noch nicht gut aus, Mr. Rafton.«

Ich fühlte mich fast ein wenig geschmeichelt, denn ich fand beim Betrachten meines Spiegelbildes, dass ich große Ähnlichkeiten mit einer Leiche aufwies.

»Ich habe mir wohl noch auf meinen Infekt etwas drauf gesetzt«, sagte ich lauernd.

»Oh! Ich habe Sie doch nicht etwa angesteckt, oder? O, das tut mir aber furchtbar Leid. Aber das ist doch schon so lange her. Sind sie sicher, dass es nicht etwas Ernstes ist?«

»Nein, es ist nicht ernst Mrs. Trelawney, und wenn Sie nichts dagegen haben, würde ich jetzt gern...«

»Ich wollte Sie keineswegs stören, sondern nur heute Nachtmittag einladen auf meine Veranda, eine kühle Limonade zu trinken«, unterbrach sie mich.

Ich war baff. Stets war ich nämlich der Ansicht gewesen, dass Mrs. Trelawney es vorzog, allein zu bleiben. Ich hatte noch nie gesehen, dass sie Besuch gehabt hätte.

»Nun, ich... Ja, warum nicht. Sehr gern.« Ich fühlte mich überrumpelt, aber ich war ihr nicht mehr böse. Schließlich war letztlich sie es, die mich vom Alkohol weggeholt hatte.

Wie versprochen erschien ich pünktlich auf Mrs. Trelawneys Veranda um fünf Uhr nachmittags. Es war ein sehr warmer und sonniger April-Tag. Ich setzte mich auf einen alten Gartenstuhl aus Holz, der dringend imprägniert werden musste, und Mrs. Trelawney saß auf einer breiten Bank, auf der sie wohl immer zu verweilen pflegte. Ihre angebotene Limonade war wirklich außerordentlich schmackhaft. Sie schmeckte nach Limette. Der Geschmack erinnerte mich an irgendetwas aus meiner Kindheit. Zunächst redeten wir nur über Belangloses. Über das Wetter, über die Touristen und über den Ort Lost Haven.

Sie schien mich ein bisschen über meine Lebensgeschichte ausfragen zu wollen, und ich erzählte nur soviel, wie sie wissen musste. Zum Glück gab sie sich damit zufrieden und bohrte nicht nach. Über sich selbst plauderte sie auch ein wenig. Sie erzählte mir, dass es auch einmal einen Mr. Trelawney gegeben hatte, dass dieser aber schon vor vielen Jahren verstorben war. Ihr genaues Alter verriet sie mir natürlich nicht, und ein Gentleman fragt auch nicht danach, aber je länger ich mit ihr auf ihrer Veranda saß, desto unsicherer wurde ich bezüglich ihres Alters. Hier an diesem Ort sah sie viel jünger und lebendiger aus als auf meinem Grundstück.

Während wir saßen und unseren Limetten-Drink tranken, fiel mein Blick häufiger auf den Garten meiner Nachbarin, der zu dieser Zeit in einem sehr verwilderten Zustand war. Auch das Haus in dem die alte Dame wohnte, war schon ein wenig heruntergekommen. Überall pellte sich die weiße Farbe von den Holzlatten ab. Ganz besonders auf der Veranda.

Meine Blicke blieben nicht unbemerkt. »Ja, es ist ein altes Haus, aber ich liebe es, und ich würde nie von hier fortgehen. Für Renovierungen habe ich nicht genug Geld. Und ehrlich gesagt, möchte ich es auch gar nicht renovieren. Das Haus soll genauso altern, wie ich es tue«, sagte sie.

Ich lächelte. Der Gedanke gefiel mir.

»Und der Garten?«, fragte ich.

»Früher kam immer Mr. Hatch hierher und kümmerte sich rührend um meinen schönen Garten. Als er vor acht Jahren starb, konnte ich mir keinen Ersatz mehr leisten. Mr. Hatch, müssen sie wissen, arbeitete immer umsonst hier, weil er ein alter Freund der Familie war.«

Ich betrachte den Garten, das wilde Gras, die Trauerweide, und die großen Rhododendron an der Grenze zu meinem Grundstück.

»Ich könnte ja ein wenig ihren Garten in Schuss bringen«, schlug ich vor.

Mrs. Trelawney's Augen begannen zu leuchten. »O, aber Mr. Rafton. Das kann ich nicht von Ihnen verlangen. Sie haben bestimmt Besseres zu tun, als für eine alte Frau den Garten zu gestalten.«

»Ob Sie es glauben oder nicht: Ich habe nichts Besseres zu tun. Es würde mir Spaß machen. Mein Garten macht sich im Prinzip von selber. Da brauche ich nur ein paar Mal Rasen mähen. Das ist alles. Ich würde mich gerne um Ihren Garten kümmern«, sagte ich, und ich meinte es so, wie ich es gesagt hatte.

Mrs. Trelawney grinste und schien überglücklich. »Sie wissen gar nicht, was mir das bedeutet«, sagte sie und fasste sich an den Brustkorb. »Hach, ich bin ganz aufgeregt!«

»Dann stoßen wir darauf an«, sagte ich und hob mein Limettensaft-Glas.

Mrs. Trelawney wiederholte meine Geste.

»Auf den Garten«, sagte sie.

»Auf den Garten.«

Und so kam es, dass ich regelmäßig im Frühling mindestens dreimal die Woche und im Sommer in der Regel zweimal die Woche – abgesehen von meinen Einsätzen beim Rasensprengen – bei meiner Nachbarin die Gartenarbeit verrichtete. Es war für mich fast so etwas wie eine Therapie. Die ganzen negativen Gedanken konnte ich zuhause lassen. Auch nach dem Alkohol sehnte ich mich nicht zurück. Ich aß wieder mehr und kam zu Kräften. Und aus meinem Gesicht wich allmählich die Leichenblässe. Ich grub fast den gesamten vorderen Teil des Gartens um und säte neuen Rasen aus. Die Trauerweide und die Rhododendron bekamen neue Formschnitte. Außerdem pflanzte ich große Rosenbüsche in kleinen Inseln mitten im neuen Rasen. Mrs. Trelawney liebte Rosen. Als der Garten zu einem ansehnlichen Zustand zurückgefunden hatte, kam es, wie es kommen musste: Ich renovierte auch die komplette Veranda neu. Farbe abbeizen, Grundieren und Lasieren. Wenn ich nicht bei Mrs. Trelawney arbeitete, war ich im Baumarkt, um Werkzeug, Pflanzen, Lasur und dergleichen zu beschaffen. Selbstverständlich bezahlte ich alles aus eigener Tasche.

Die alte Dame war überglücklich und ich war, jedes Mal, wenn ich mein Tagwerk vollendet hatte, dankbar.

9

Aber zurück zu dem 14. September, an dem ich im Garten meiner lieb gewonnenen Nachbarin Rasen mähte.

Wie immer saß Mrs. Trelawney schon auf ihrer neu lasierten Bank mit der renovierten und in Elfenbeinweiß gestrichenen Veranda. Der obligatorische Limetten-Drink war bereits eisgekühlt bereitgestellt. Ich freute mich schon ganz besonders darauf, wusste ich doch, dass Mrs. Trelawney sich mit dem kalten Erfrischungsgetränk diesmal besondere Mühe gegeben hatte. Schließlich war der Sommer praktisch vorbei. Im Herbst kam ich nur selten, um das Laub zu harken. Und im Winter sahen wir uns manchmal wochenlang nicht.

Wie alles andere für den Garten auch, hatte ich den großen Benzin-Rasenmäher gekauft. Das kam mir sehr gelegen, denn für meinen Rasen leistete die schwere Maschine ebenfalls gute Dienste. Mrs. Trelawney döste stets vor sich hin, während ich den Rasen mähte – inklusive Rasenkanten schneiden, dauerte es immerhin gut zwei Stunden. Nur an einer einzigen Stelle, wenn sich die Maschine der vordersten Insel mit der Rose bedrohlich näherte, beugte sich meine Nachbarin vor und rief zu mir hinüber: »Passen Sie bitte auf den Rosen-Stamm auf.« Genau diese Worte sagte sie bei jedem meiner Einsätze. Und dann musste ich inne halten, mich umdrehen und ihr bestätigend winken. Dann umschiffte ich mit dem Mäher, mittlerweile übertrieben vorsichtig, die Rose, und wenn ich sie passiert hatte, sank Mrs. Trelawney wieder zufrieden zurück in ihre Bank. Ich habe bis heute keine Ahnung, warum wir dieses Ritual wieder und wieder absolvierten. Aber ich glaube, nach dem Grund zu suchen, ist gar nicht so wichtig. Wichtig war nur, dass es unser Ritual war.

Jack bekommt Besuch

1

Am Nachmittag verabschiedete ich mich schließlich von Mrs. Trelawney und bedankte mich für die Erfrischung.

»Sie müssen sich nicht bei mir bedanken. Ich habe zu danken. Und übrigens können sie mich Elizabeth nennen.«

Ich war perplex. »Ich bin Jack«, sagte ich.

»Dann bis zum nächsten Mal, Jack«, sprach sie und winkte zum Abschied.

Ich ging zurück in mein Haus, duschte und aß noch ein Sandwich. Es war halb vier. Um sechs würde ich zu Peter fahren, um ihm sein Geschenk zu überreichen. Danach wollten wir essen gehen zusammen mit Beverly, die ich vorher noch einmal unter vier Augen sprechen wollte. Schließlich war das Essen ihre Idee gewesen.

Beverly Stevens wohnte in der Ixwich Street, welche – wie ich schon vorhin erwähnt habe - ausgehend von der Main Street den alten Friedhof von Lost Haven umschloss und wieder in die Main Street mündete. Beverly war neununddreißig Jahre alt und nach eigenen meist nicht ganz ernst gemeinten Aussagen Künstlerin. Das war keine Überraschung, war doch das Gros der Einwohner gut betuchte Künstler. Lost Haven war kein Ort für ehemalige Banker, die sich in ihrem Ruhestand nach einen Ort sehnten, in dem einst Geister ihr Unwesen trieben. Um hier dauerhaft leben zu wollen, war es unerlässlich, und sei es auch nur latent, an die Spiritualität dieses Ortes zu glauben. Dieser Ort war für viele die Hoffnung, ihrer Kreativität auf die Sprünge zu helfen, sie gar erstmals zu entfachen oder einfach nur zu erhalten. In Wahrheit aber war Lost Haven für viele nur eine Sackgasse, aus der man schwer wieder herauskam. Oder stecken blieb. So wie ich.

Beverly war auch eine sehr spirituelle Person, jedoch nicht im religiösen Sinne. Als sie das erste Mal von Lost Haven gehört hatte, sei sie sofort verliebt gewesen. Sie glaubte an Geister und hatte vor allem deswegen beschlossen, hierher zu ziehen. Sie wollte unbedingt einmal einen Geist sehen, sagte sie mir einmal halb im Scherz.

Ich traf sie zum ersten Mal – wie sollte es auch anders sein – bei Beaver’s Books. Das war vor zwei Jahren.

Kaum hatte ich damals den Laden betreten, sprach mich Beverly auch schon an.

Ich war zunächst von ihrer offensiven und direkten Art, mit der sie auf mich zuging, etwas befremdet, da ich mir über ihre Absichten nicht im Klaren war. Aber nach einem kurzen Gespräch wurde deutlich, dass sie maximal an einem intellektuellen Gedankenaustausch interessiert war. Für mich seit langem endlich wieder eine reizvolle Herausforderung.

Beverly schrieb viel Poesie und Gedichte für Kinder. Über ihr früheres Leben wollte sie aber auf meine Nachfrage hin nicht sprechen. Ich konnte mir nämlich nicht vorstellen, dass man sich mit Gedichten ein Haus in Lost Haven finanzieren konnte. Die Immobilienpreise waren gepfeffert. Selbst nach dem Platzen der Immobilienblase.

Seither trafen wir uns öfter, meist im alten Café am Hafen und sprachen über ganz normale Dinge. Ich vertraute ihr soweit, dass ich ihr meine Situation erklärte. Ich erzählte ihr von meiner Scheidung und meiner Tochter, die ich nur alle paar Monate für ein paar Stunden zu Gesicht bekam. Ich beichtete ihr auch mein Alkoholproblem und die ungewöhnliche Art meines unfreiwilligen Entzugs. Beverly reagierte nicht mit übertriebener Anteilnahme oder falschem Mitleid. Sie unterließ es auch, mich zu kritisieren, sondern blieb vornehm zurückhaltend und enthielt sich eines Kommentars, der mich sowieso vermutlich nur wütend gemacht hätte. Ein Umstand, der mich sehr überraschte, hatte sie doch sonst stets zu allem und jedem eine Meinung. Sie akzeptierte mich so, wie ich war.

Wie gesagt, ich vertraute ihr.

2

Ich stieg in meinen Wagen und fuhr zur Ixwich Street. Ich hätte laufen können, wollte aber jetzt nicht mehr Zeit verlieren. Es war schon erstaunlich, dass Beverly es fertig gebracht hatte, Peter davon zu überzeugen, mit uns beiden essen zu gehen. Und das auch noch an seinem Geburtstag! Ich hätte bei diesem Vorhaben bei ihm auf Granit gebissen, aber Beverly konnte ziemlich hartnäckig sein. Weil ich nicht riskieren wollte, dass der Abend hässlich enden könnte, wollte ich Beverly vorher noch ein wenig instruieren. Dieses Essen widerstrebte Peter zutiefst, weil er es vorzog, allein zu bleiben.

Er sagte mir einmal, dass er gerne allein, nicht aber gerne einsam wäre.

Er trug, seit ich ihn das erste Mal kennen gelernt hatte, immer einen Schatten in seinem Gesicht mit sich herum. Es war ein Schatten aus der Vergangenheit, der sich nicht lösen konnte. Ein Schicksalsschlag. Vielleicht verstand kaum jemand besser als ich, dass es irgendwann einen Punkt gibt, an dem der Schmerz zu einem Teil von einem selbst geworden ist, und dass man sich nie wieder von ihm befreien konnte. Deshalb wusste ich auch, dass man Peter nicht in die Enge treiben durfte, und deshalb redeten wir nicht über unsere früheren Leben. Es war eine stumme Übereinkunft, die wir nie antasten würden. Nur auf diese Weise war unser Leben hier noch erträglich.

Das Ergründen und Erklären, das Begreifen und das Lernen, mit dem Schmerz umzugehen, so wie man es in einer Therapie machen würde, war für uns keine Option mehr. Denn es änderte nichts daran, dass wir beide etwas verloren hatten, das einem niemand mehr zurückgeben konnte, ohne das wir aber beide nicht mehr vollständig waren. Sicher, wir konnten damit irgendwie weiterleben. Aber zwischen Leben und bloßem Weiterleben liegen Welten. Ich wollte Beverly also zu verstehen geben, dass sie keinesfalls nach Anekdoten aus Peters Leben fragen sollte. Das war mir sehr unangenehm. Nicht nur, weil ich sie nicht bevormunden wollte, sondern auch, weil ich ja praktisch gar nichts über Peters Vergangenheit wusste, was ein Auslöser für eine unangenehme Situation aufgrund einer unbedachten Äußerung hätte sein können.

Beverly stand gerade an ihrem Briefkasten, als ich auf ihre Auffahrt fuhr.

Sie blätterte den Stoß Briefe durch. »Nenne mir mal ein Grund, warum ich den Briefkasten überhaupt noch aufmachen soll«, sagte sie und seufzte.

Ich vermutete, dass ihr die zahlreichen Werbebriefe auf den Wecker gingen.

»Schmeiß sie doch in den Müll.«

Sie sah mich an und deutete zustimmend mit dem rechten Zeigefinger auf mich. »Ein gute Idee, Mister.«

Sie strich sich eine Strähne aus dem Haar. »Also, was wolltest du mir noch schrecklich Wichtiges sagen? O warte! Ich weiß was Besseres! Ich lese es aus deiner Hand«, sagte sie und griff nach meiner rechten Hand, die ich aber schnell genug wegzog. Beverly machte sich nicht selten einen Spaß daraus, mich mit ihrem Esoterik-Kram aufzuziehen. Ich war kein Freund von Horoskopen, und Astrologie hielt ich für ausgemachten Unsinn. Beverly hingegen war von diesen Dingen überzeugt. Sie las zwar nicht jeden Tag ihr Horoskop, glaubte aber fest daran, dass irgendwelche Planetenkonstellationen Einfluss auf das menschliche Verhalten haben würden. Sie glaubte, dass wir alle in einem Multiversum leben, in dem es unendlich viele Möglichkeiten gibt, und in dem alles schon einmal geschehen ist. Und wie sie nun mal so war, liebte sie es, mich mit derartigen Bemerkungen zu piesacken.

»Wenn ich wissen möchte, wann ich das nächste Mal anständigen Stuhlgang haben werde, dann werde ich deinen sechsten Sinn in Anspruch nehmen«, entgegnete ich.

»Ich bin entzückt!«

»Jetzt mal ernsthaft Beverly: Ich wollte noch kurz mit dir über Peter reden.«

»Ja, ja ich weiß. Ich soll ihm nicht zu nahe treten. Ich soll ihn nicht ausfragen. Ihr beide seid schon zwei komische Vögel, weißt du.«

»Immerhin geht er nur mit uns aus, weil er uns, respektive dir einen Gefallen tun möchte. Wer weiß, an was ihn sein Geburtstag erinnert? Es wäre sein gutes Recht, allein zu bleiben.«

»Darf ich denn wenigstens atmen, wenn wir im Restaurant sind?«, stichelte Beverly.

Ich presste die Lippen zusammen und zog die Brauen hoch.

»Schon gut, schon gut, tut mir Leid. Ich werde dich oder Peter nicht in Verlegenheit bringen. Für was hältst du mich?«

»Ich wollte ja nur...«

»Ja, ja ich habe es schon verstanden. Ich weiß doch, wie wichtig er dir ist.«

Ich schwieg.

Beverly musterte mich abschätzend. Ich mochte das nicht.

»Es wird euch aber gewiss nicht schaden, mal ein wenig unter Leute zu kommen. Peter und auch du, Ihr verkapselt euch doch sonst nur. Du wirst mir vielleicht gleich widersprechen, aber du solltest das Essen heute ein bisschen lockerer nehmen. Jeder hat sein Päckchen zu tragen. Der eine mehr, der andere weniger. Peter ist ein erwachsener Mann. Du brauchst nicht auf ihn aufzupassen.«

Ich runzelte die Stirn und wollte schon widersprechen. Aber ich musste mir eingestehen, dass Beverly recht hatte. Vermutlich wollte ich nur nicht, dass Peter genauso abstürzte, wie es bei mir der Fall gewesen war. Kein Wunder, dass ich Beverly so zu schätzen wusste. Sie konnte einem die Dinge aus einer anderen Perspektive erklären, ohne dabei verletzend zu sein.

Ich lächelte. »Okay, ich glaube du hast recht«, sagte ich.

»Ihr holt mich dann ab?«

»Natürlich«, sagte ich, stieg wieder in den Wagen und fuhr nach Hause.

3

Pünktlich um 17.30 Uhr klingelte ich an der Tür von Peter Fryman. Peters Haus im Lexington Drive, nur etwa fünfhundert Meter entfernt von meinem Haus, war eines der kleineren in Lost Haven. So war auch das Grundstück nur etwa 500 Quadratmeter groß. Dafür aber bot es einen fantastischen Blick auf den Atlantik, weil das Grundstück gut 40 Meter über den Meeresspiegel ragte. Aus diesem Grund waren die Grundstücke auch hier die begehrtesten und folgerichtig die teuersten.

Ich musste daran denken, wie ich mit dem Kauf meines Hauses hier ein großes finanzielles Wagnis eingegangen war. Zum Glück war es gut gegangen. Während ich darauf wartete, dass die Tür geöffnet wurde, wippte ich nervös auf meinen Zehenspitzen und warf einen prüfenden Blick auf das Geschenk in meinen Händen. Ein Schlüssel wurde umgedreht, die Tür geöffnet und zum Vorschein kam ein etwas müde wirkender Peter. Seine Haare wurden von Mal zu Mal, die wir uns sahen, länger. Aber was mir an diesem Tag besonders auffiel, war, dass er mächtig gealtert aussah. Peter sah erst mich und dann das in blaues Geschenkpapier verpackte Buch an. Er starrte einen Augenblick darauf, so als ob er zum ersten Mal in seine Leben ein Geschenk gesehen hätte. Dann sah er wieder mich an. »Was soll das denn?«, fragte er mit wenig Begeisterung. Jeder andere in meiner Situation hätte zu Recht beleidigt reagiert, hatte man doch mit seinem Präsent eigentlich eine andere Reaktion gewünscht. Aber wie ich bereits zuvor andeutete, war ein Geschenk für Peter eine heikle Angelegenheit.

»Es ist nichts Besonderes. Nur ein Buch«, sagte ich zurückhaltend.

Peter begann zu grinsen. »War nur Spaß. Ich habe es nicht so gemeint.«

Ich war erleichtert »Schon in Ordnung. Wenn du bei mir mit einem Geschenk aufgetaucht wärst, hätte ich sicherlich ähnlich reagiert. Nur habe ich das Glück, dass du meinen Geburtstag nicht kennst.«

»Also, mit einem Präsent hätte ich nun wirklich nicht gerechnet.«

»Du kannst es später aufmachen. Also, kann es losgehen?«

»Lässt sich ja wohl kaum vermeiden«, antwortete Peter resigniert.

Nachdem wir Beverly abgeholt hatten und endlich im Restaurant am Hafen 'The Eagle' auf der geräumigen, von der Abendsonne verwöhnten Terrasse saßen, hatte ich den Eindruck, dies könnte wirklich ein ganz lustiger Abend werden. Peter und ich, wir waren in unserer momentanen Verfassung ganz bestimmt nicht die angenehmsten Gesprächspartner. Beverly aber verstand es, dieses Manko durch ihren flotten Witz und ihren unerschöpflichen Fundus an Anekdoten komplett wett zu machen. Kurz: Sie rettete den Abend.

Als wir uns das Dessert bestellten, kam es jedoch dann so, wie ich befürchtet hatte.

»Hmm! Das Himbeer-Sorbet ist fantastisch! Meint ihr nicht auch?«, fragte uns Beverly.

Ja, das Sorbet war wirklich vorzüglich. Aber für Peter und mich waren solche Wahrnehmungen nur noch rudimentär vorhanden. Für uns hatte die Welt an Farbe und an Geschmack verloren. Und das machte es schwierig, sich den Sinn für das Schöne zu bewahren.

»Ist wirklich toll«, sagte ich. »Oder, Peter?«

Ich blickte zu Peter, der rechts von mir saß, während ich das Sorbet mechanisch in mich hinein schaufelte. Peter hatte aufgehört zu essen und starrte mit bleichem Gesicht auf sein Dessert. Ich wusste genau, dass das, was er dort gerade sah, kein Sorbet war. Er ballte unter dem Tisch die Hände zu Fäusten und war am ganzen Körper angespannt.

Es ist nicht aufzuhalten. Du kannst es nicht wegsperren. Irgendwann bricht es aus dir heraus, dachte ich traurig als ich erkannte, dass mein Freund gerade eine Panikattacke durchlitt. Ich selbst hatte davon schon genug gehabt, um das zu erkennen.

»Entschuldigt mich einen Augenblick«, sagte Peter auf einmal, sprang von seinem Stuhl auf und stürmte ins Innere des Restaurants Richtung Toiletten.

Ich blieb regungslos sitzen und sah Beverly in dieAugen. Ich konnte es mir nicht verkneifen, sie auf eine Weise anzusehen, die sagte: Verstehst du jetzt, warum ich so vorsichtig bin?

Es vergingen ein paar Sekunden.

»Vielleicht gehst du besser mal nach ihm sehen«, schlug Beverly vor. Sie wirkte ein wenig zerknirscht und sprach viel leiser, als ich es von ihr gewohnt war.

»Geben wir ihm noch eine Minute«, sagte ich ruhig.

Beverly senkte enttäuscht den Blick. »Das hier«, sagte sie und deutete auf den Tisch, »war wohl doch keine so gute Idee.«

»Doch, das war es. Er fängt sich schon wieder«, tröstete ich sie. Sie hatte sich den ganzen Abend solche Mühe gegeben, für gute Stimmung zu sorgen. Und jetzt sah ich, dass sie sich nun schuldig fühlte.

»Ich gehe dann mal zu ihm«, sagte ich nach einer Weile.

Peter stand in der Herren-Toilette an einem der vier Waschbecken und ließ den Kopf zwischen den Schultern hängen. Zum Glück war gerade niemand außer uns in dem Raum.

»Und? Wolltest du nachsehen, ob ich mich in der Toilettenschüssel ertränkt habe?«, fragte Peter, ohne mich anzusehen.

»Nein«, sagte ich, schlenderte an ihm vorbei und steuerte das nächstbeste Urinal an. »Ich musste nur pinkeln. In meinem Alter kann man es nicht mehr so lange halten. Aber davon verstehst du Jungspund ja nichts.«

Peter hob immerhin wieder die Mundwinkel. Als ich fertig war, stellte ich mich an das Nachbar-Waschbecken und wusch mir gemächlich die Hände.

»Geht es wieder?«, fragte ich und sah Peters Spiegelbild an.

»Ja, aber ich glaube, ich möchte jetzt nach bald Hause. Ich habe heute Nacht nicht viel geschlafen. Ob Beverly...«

»Sie wird es verstehen«, unterbrach ich seine Frage.

Und Beverly verstand es wirklich. Als wir wieder zu ihr an den Tisch kamen, hatte sie bereits die Rechnung beglichen.

»Eigentlich wollte ich...«, begann ich.

»Keine Diskussion! Ich zahle. Es war meine Idee.«

»Vielen Dank Beverly. Das war wirklich ein schöner Abend«, sagte Peter, wobei ihm die Worte nur schwer, aber überzeugend über die Lippen kamen.

Wir setzten Beverly zu Hause ab. Es gelang mir dann doch noch, Peter zu überreden, für eine Weile zu mir zu kommen, um den Abend ausklingen zu lassen.

»Das Bier musst du aber selber mitbringen«, witzelte ich. Ich hatte Peter erzählt, dass ich keinen Alkohol mehr trank. Mehr jedoch nicht.

»Kein Problem. Ich gebe mich mit einer eiskalten Cola zufrieden.«

4

Es wurde zehn Uhr am Abend. Wir saßen in meinem großen Wohnzimmer, dessen komplette Rückseite zum Garten hin verglast war. Michelle beschwerte sich früher immer, dass, obwohl das Wohnzimmer aufs Meer zeigte, man eben jenes nicht sehen konnte, weil ein kleiner Hügel, der sich über mehrere Grundstücke erstreckte, die Sicht versperrte. Ein anderes Haus stand damals jedoch entweder nicht zum Verkauf oder überstieg mein Budget. Mir war das jedoch ganz recht, weil das Haus dadurch besser vor dem Wind geschützt war.

Peter und ich saßen hier oft gemeinsam bis spät in die Nacht zusammen. Wir ließen es dunkel und hatten, wenn überhaupt, dann nur den Fernseher als Lichtquelle stumm laufen. Viel geredet wurde nicht. Und wenn, dann sprachen wir über Sport. Meistens über Basketball. Ab und zu warfen wir beide auch ein paar Körbe auf meiner Garagenauffahrt.

An diesem Abend verfielen wir, wie so oft, wenn uns die Vergangenheit einholte, in ein langes Schweigen.

Irgendwann stand ich von meiner Couch auf und ging zur Hifi- Anlage, über der ich in einem großen Regal meine umfangreiche CD-Sammlung aufbewahrte. Ich brauchte nicht lange zu suchen. Für diese Momente hatte ich immer die passende CD. Und was würde in dieser Nacht besser passen als Beethoven Mondscheinsonate? Es war Peters Lieblingsstück. Immer wenn der Druck zu groß wurde und wenn die Erinnerung zu schmerzhaft war, bedienten wir uns der Musik. Wir mussten nicht über das sprechen, was uns bedrückte. Das übernahm die Musik für uns, denn sie war unser Kommunikationsinstrument. Wenn wir der Musik lauschten, bedurfte es keinerlei Worte. Nur wenn die Musik spielte, gab es unter uns ein einvernehmliches Verstehen, ein Teilen, das zwar nicht tröstlich, aber notwendig war. Notwendig zum Weiterleben.

Wir ließen die Klavierklänge durch den Raum driften, bis sich unsere Gedanken auf die gleiche Frequenz einstellten. Ich dachte daran, wie es wäre, wenn ich wieder mit meiner Tochter zusammen wäre. Wie ich sie zum Lachen bringen würde, und wie sie stolz auf ihren Papa wäre. Das mag für Sie vielleicht naiv oder infantil klingen, aber ich werde mich dafür garantiert nicht schämen, weil es ungeheuer gut tat. Peter, der auf dem Sessel mir schräg gegenüber saß, sah das, was nur für seine Gedanken bestimmt war, und was für ihn unerreichbar war. Und so saßen wir im Dunkeln, lauschten der Musik, schauten durch uns hindurch und blickten in eine Gegenwart, die nicht existierte.

5

Es war weit nach Mitternacht, als Peter schließlich gehen wollte.

»Ich werde morgen noch mal Beverly anrufen und mich bei ihr für den schönen Abend bedanken. Ich dachte schon, ich würde heute alles versauen«, sagte Peter, als er sich seine Jacke anzog.

»Das wird sie bestimmt freuen.«

»Glaubst du, dass sie sauer auf mich ist, weil wir den Abend so plötzlich abgebrochen haben?«

»Mach dir keine Sorgen. Wir reden hier schließlich über Beverly. Sie wäre die Letzte, die nachtragend wäre.«

Peter nickte und schaute mich nachdenklich mit müden Augen an. »Danke noch mal für dein Geschenk. Ich werde es zu Hause gleich aufmachen.«

»Das kann auch bis morgen warten«, sagte ich.

Als Peter das Haus verlassen hatte, schloss ich die Tür und hielt inne. Es war kurz vor ein Uhr morgens. Absolute Stille. Peters Panikattacke hatte mich viel mehr aufgewühlt, als ich mir gewünscht hätte.

Irgendwann bricht es durch dich durch. Alles vergeht. Ich kann es nicht aufhalten. Ich bin gezwungen, es zu spüren. Ich muss mit ansehen, wie die Welt jeden Tag um eine Farbnuance ärmer wird. Ich höre jeden Tag ein Vogellied weniger. Schmecke nur noch bitter. Kann das Meer nicht mehr riechen. Merke mir jeden Tag einen Namen weniger. Träume jede Nacht einen Traum weniger. Ich sehe nur noch eine Konstante. Den Pfad, den man nur einmal betritt.

Viel zu oft hatten Peter und ich zusammengesessen und Musik gehört, während wir Träumen nachjagten. War das genug? Reichte das zum Weiterleben? Ich wunderte mich nicht, als in mir die Erkenntnis reifte, dass wir unsere Zeit nur deshalb mit Träumen vergeudeten, weil uns letztlich der Mut fehlte, dieser traurigen Existenz ein Ende zu setzen.

Warum eigentlich nicht?

Wie oft war ich schon an diesem Punkt angelangt? Wie oft hatte ich mir schon Gedanken darüber gemacht, mich umzubringen?

Warum eigentlich nicht?

Wie viele Möglichkeiten hatte ich nicht schon in Erwägung gezogen, es zu tun? Wie oft war ich schon kurz davor gewesen, es zu tun? Und wie oft hatte ich kurz davor den Schwanz eingezogen und war weinend in mein Bett gekrochen? Es war ein merkwürdiges, fast unbeschreibliches Gefühl, als ich alleine im Flur meines Hauses stehend sagte: »Nein, heute kann ich es tun.« In dieser Nacht verspürte ich das erste Mal diesen Mut, der sonst gefehlt hatte.

»Warum eigentlich nicht?«, sagte ich und griff wie in Trance nach den Autoschlüsseln auf der Kommode, als plötzlich das Quietschen einer Tür im ersten Stock meine Gedanken unterbrach und mich zusammenzucken ließ.

Das Quietschen kannte ich nur zu gut. Es war die Tür zu meinem Schlafzimmer. Sie quietschte immer ein wenig, wenn man sie auf den letzten Zentimetern ganz langsam zu- oder aufzog.

Aber von alleine hatte sie noch nie gequietscht, auch dann nicht, wenn es im Haus Zug gab, weil ein paar Fenster offen standen. Verunsichert horchte ich in die anschließende Stille und schaute die Treppe hoch, an deren Ende es dunkel war. Ich bin kein ängstlicher Mensch. Aber ich spürte, wie mein Herz pochte, weil ich wusste, dass ich immer die Tür zum Schlafzimmer geschlossen hielt, wenn ich mich nicht dort drin befand.

»Hallo?«, fragte ich in die Dunkelheit. Kaum hatte ich das getan, kam ich mir reichlich dämlich vor.

Ich betätigte den Lichtschalter an der Treppe für das Obergeschoss. Dann ging ich entschlossenen Schrittes nach oben. Im Obergeschoss gab es drei Schlafzimmer, ein Bad und ein kleines Arbeitszimmer, in dem ich früher vorhatte, meine Romane zu schreiben. Heute diente es nur noch als Rumpelkammer. Mein Schlafzimmer war auf der dem Garten beziehungsweise der zum Meer zugewandten Seite. Die Treppe verlief auf dieses Zimmer gerade zu. Oben angelangt stellte ich fest, dass die Schlafzimmertür tatsächlich ein Stück weit offen stand. Ich zögerte einen Moment. Dann machte ich die Tür ruckartig ganz auf und schnellte mit der Hand zum Lichtschalter. Ich atmete erleichtert auf, als ich mein Schlafzimmer so vorfand, wie ich es erwartet hatte. Leer. Ich griff mir mit spitzen Fingern an meine Brille und schob sie zurecht. »Trottel.« Ich hatte wohl einfach vergessen, die Tür zu schließen, auch wenn das nicht erklärte, warum sie sich überhaupt bewegt hatte. Alle anderen Türen und Fenster im Obergeschoss waren verschlossen. Aber das war mir in dem Moment egal. Ich war unglaublich müde. Vergessen waren die Selbstmordgedanken. Mal wieder.

Ich ging ins Bad und wollte noch mal duschen, bevor ich schlafen ging. Als ich mich ausgezogen hatte und den Hahn aufdrehte, hörte ich plötzlich ein lautes Poltern von unten. Ich erschreckte mich so sehr, dass ich in der Dusche fast ausgerutscht wäre. Hektisch schloss ich den Wasserhahn, krallte mir ein Handtuch und stürmte die Treppe runter. Während ich die Stufen hinunter hastete, fiel mir ein, dass ich den Fernseher nicht ausgemacht hatte. Vielleicht war der Ton plötzlich angesprungen? Ich machte überall Licht. Zuerst im Flur, dann im Wohnzimmer und dann in der Küche. Der Fernseher war zu meiner Überraschung aus.

Hatte ich ihn ausgemacht? Nein.

Vielleicht hatte Peter ihn ausgeschaltet, als ich nicht hingesehen hatte. Aber das war eigentlich völlig egal, denn woher kam das verdammte Poltern? Nacheinander kontrollierte ich alle Fenster und die Verandatür. Alles dicht. Ich stemmte die Hände in die Hüften und schaute mich ratlos in meinem Wohnzimmer um. Wie es in meiner Natur lag, suchte ich nach einer rationalen Erklärung.

Der Fernseher! Vermutlich hatte er sich aufgrund einer Störung von selbst ausgeschaltet, als ich oben im Bad war und hatte dabei ein Störgeräusch über die Lautsprecher ausgegeben. Sogleich griff ich nach der Fernbedienung und schaltete das Gerät ein. Bild und Ton waren ganz normal. Ich wartete noch einen Moment, dann stellte ich den Fernseher endgültig ab und zog sicherheitshalber den Stromstecker aus der Steckdose. Da ich die Möglichkeit eines potentiellen Einbrechers nicht ausschloss, überprüfte ich nochmals sämtliche Räume im Haus und drehte mit einer Taschenlampe eine Runde durch den Garten. Anschließend entschloss ich mich, überall Licht brennen zu lassen und ließ überall die Jalousien runter. Ich duschte danach noch ganz leise, immer ein Ohr nach draußen gerichtet. Aber es blieb still. Müde sackte ich in die Mitte des Ehebettes und legte meine Brille auf den Nachttisch am Fenster. Die Schlafzimmertür ließ ich ein großes Stück weit offen. Ich löschte das Licht und blickte zum Türspalt. Es drang genug Licht zu mir herein, so dass ich mich sicher fühlte, aber nicht soviel, dass es zu hell wurde. Normalerweise schlief ich immer bei völliger Dunkelheit, weil ich so einen besseren Schlaf bekam.

Ich lag noch eine gute Stunde so da, den Blick auf den Türspalt gerichtet.

Es dauerte bis halb vier Uhr morgens, bis ich endlich eindöste. Doch bevor ich in richtigen Schlaf versank, verspürte ich auf einmal einen stechenden Kopfschmerz, der von der linken Schläfe ausstrahlte und sich dann schnell im ganzen Kopf ausbreitete.

»Mann! Was ist das denn jetzt wieder?«, sagte ich entnervt und rieb mir die Schläfe. Ich litt nur sehr selten unter Kopfschmerzen. Nach so einem Tag wie heute war für mich ein Brummschädel jedoch keine große Überraschung. Als ich noch getrunken hatte, bekam ich nie Kopfschmerzen. Der Gedanke, jetzt aufzustehen zu müssen, ins Bad zu gehen, um mir Kopfschmerztabletten zu nehmen, missfiel mir, da ich gerade noch kurz vorm Einschlafen gewesen war.

Widerwillig zog ich die Bettdecke weg und just in diesem Augenblick überfiel mich eine eisige Kälte, die mir schlagartig eine Gänsehaut bescherte. Zunächst dachte ich mir nichts Schlimmes dabei, sondern hoffte nur, dass ich nicht Schüttelfrost und Fieber infolge einer Infektion bekam.

Doch dann, kurz bevor ich mich im Bett aufrichtete, quietschte die Schlafzimmertür. Ich schrie auf und riss den Kopf herum. Irgendein schwarzer Umriss bedeckte einen Teil des Türspalts und verhinderte das Eindringen des Lichts von draußen. Ohne meine Brille konnte ich nichts Genaueres erkennen. Panisch streckte ich meinen Arm nach der Nachttischlampe auf der anderen Seite des Bettes aus. Statt den Schalter zu ergreifen, schlug ich ungelenk die Lampe zu Boden. Ich krabbelte an den Rand des Bettes und tastete mit den Händen nach der Lampe. Statt der Lampe ergriff ich sofort den Schalter am Stromkabel und drückte drauf. Zu meinem Glück funktionierte die Lampe noch. Ich warf mich im Bett herum und starrte auf den Türspalt. Es war nichts zu sehen, soweit ich das ohne Brille beurteilen konnte. Mit dem Blick auf die Tür gerichtet, tastete ich nach meiner Brille auf dem Nachttisch. Sie war aber nicht mehr dort, weil ich sie zusammen mit der Lampe auf den Boden befördert hatte.

»Verdammt!« Ich sah noch einmal zur Tür, dann stand ich auf und suchte auf dem Boden nach meiner Brille. Es schien endlos lange zu dauern, bis ich sie endlich fand und mir auf die Nase schob.

Auf Knien hinter dem Bett hervorlugend schaute ich zur Tür. Und wartete ab. Mehrere Minuten. Nichts geschah. Immer noch auf Knien sackte ich mit dem Kopf aufs Bett und seufzte erleichtert. Langsam kehrte mein logisches Denken wieder zurück, und ich fahndete fieberhaft nach einer nachvollziehbaren Erklärung.

»Das hast du dir eingebildet, du Arsch!« Anders war das Erlebte nicht zu erklären. Ich war kurz vorm Einschlafen gewesen. Da vermischen sich schon mal Traum und Realität.

Prüfend betrachte ich erneut die Tür.

Hatte ich sie nicht viel weiter aufstehen lassen, als sie es jetzt war? Jetzt war sie bis auf ein paar Zentimeter zugezogen.

»Nein«, sagte ich zu mir. Oder doch?

Wenn sie doch vorher weiter aufgestanden hatte, dann musste das Ding, das ich gesehen hatte, sie von draußen zugezogen haben. Das heißt, das Ding war im Hinausgehen begriffen, was wiederum heißen würde, dass das Ding vorher schon hier in diesem Raum war!

Die Kälte!, dachte ich erschrocken. Da war nichts!

»Ah, komm wieder zu Verstand«, sagte ich und schlug mir mit flachen Händen gegen die Stirn.

Da fielen mir die Kopfschmerzen ein. Sie waren verflogen, als sei nichts gewesen. Wie konnte das sein?

Das Adrenalin, Dummkopf!

Ich atmete ein paar Mal tief durch. Dann erhob ich mich und machte wieder eine Runde durch das Haus, kontrollierte Fenster und Türen. Ich kam mir vor wie ein dummer Junge, der Angst vorm Dunkeln hatte, als mein Rundgang ergebnislos endete. Ich ging wieder nach oben, legte mich aufs Bett und ließ alle Lichter im Haus brennen. Die Schlafzimmertür machte ich dieses Mal fest zu. Einen Schlüssel dafür gab es nicht. Ich war hundemüde, zwang mich aber, wach zu bleiben. Erst als es dämmerte, traute ich mich, das Licht im Schlafzimmer zu löschen und schlief einen traumlosen und kurzen Schlaf.

Jack wirft ein paar Körbe

1

Um halb zehn Uhr morgens erwachte ich. Meine Augen waren so trocken, so dass ich sie kaum auf bekam. Außerdem musste ich furchtbar dringend pinkeln. Ich fühlte mich wie gerädert. Als ich meine Morgentoilette verrichtet hatte, ging ich nach unten, schaltete überall das Licht aus und zog die Jalousien hoch.

Ich schaute aus dem Fenster. Es war bewölkt. Passend zu meiner Stimmung. Lustlos schlang ich zwei Toastscheiben mit Käse in der Küche runter. Irgendwie hatte ich gehofft, die gestrige Nacht würde mir am nächsten Morgen wie ein dämlicher Traum vorkommen. Es war aber alles noch lückenlos präsent. Wenn ich so wie früher gesoffen hätte, wäre das anders. Den Kopf auf die Handballen gestützt, schaute ich mich in der Küche um. Alles war, wie es sein sollte. Alles stand an seinem Platz. Und doch hatte ich das Gefühl, dass irgendetwas nicht stimmte. Ich konnte es absolut nicht näher beschreiben. Irgendetwas an der Küche, an dem Haus. Irgendetwas stimmte nicht, auch wenn sich nichts verändert hatte. Etwas lag in der Luft. Ich spürte, dass das Ding von letzter Nacht – ob es nun real oder eingebildet war – erst der Anfang sein würde. Ich war mir dessen so sicher, dass ich ein leises Gefühl der Unruhe bekam. Ich erkannte mich selbst nicht wieder.

Das Telefon klingelte im Wohnzimmer, und ich zuckte zusammen. Hastig ging ich an den Apparat, weil ich gerade das große Bedürfnis verspürte, mit jemandem zu sprechen.

Es war Peter. »Hi, Jack. Gut geschlafen?«

Ich rieb mir mit der linken Hand die Augen und fiel auf die Couch.

»Morgen, Peter. Ehrlich gesagt, hatte ich eine ziemliche beschissene Nacht.«

»Zu viel gegessen?«

»Ich hoffe, dass das Essen dran schuld war. Heute Nacht sind ein paar merkwürdige Dinge passiert«, sagte ich und war gespannt auf Peters Reaktion.

»So? Was denn?«, fragte er skeptisch.

»Ach, ich weiß nicht.«

»Na los, sag schon! Oder willst du mich verarschen? Sag bloß, du hättest ein Gespenst oder so was gesehen.«

»Quatsch«, reagierte ich schnell. »Nein, ich dachte, jemand wäre gestern Nacht in meinem Haus gewesen.«

»Du weißt schon, dass du mich gestern Nacht eingeladen hast, oder? Oder hast du vergessen, wie ich aussehe?«

Peter meinte es nur gut und wollte mich aufheitern, aber mir war nicht nach Witzchen.

»Ja, ja. Ha! Ha! Das war lange, nachdem du schon weg warst.«

»Und was war, als ich schon lange weg war? Muss ich dir das jetzt alles einzeln aus der Nase ziehen?«

»Zuerst hat meine Schlafzimmertür gequietscht«, begann ich, als Peter sogleich prustend loslachte.

»Also doch ein Geist!«, rief er amüsiert.

Ich war sauer: »Ach, vergiss es einfach!«

»Hey, nun sei mal nicht gleich beleidigt. Da kann man schon mal einen Schreck bekommen. Ist doch ganz normal.«

»Ja, ich weiß.«

»Am besten, du haust dich gleich wieder aufs Ohr und holst noch ein wenig Schlaf nach.«

»Später vielleicht.«

»Ach übrigens. Ich hab dein Geschenk aufgemacht.«

»Und?«, fragte ich gespannt.

»Das kenne ich schon.«

Ich runzelte die Stirn.

»War nur Spaß! Nein, ich kenne es natürlich noch nicht. Ich wollte es zwar immer schon mal lesen, konnte mich aber nie dazu aufraffen. Aber ich werde es mir jetzt endlich mal vornehmen. Danke noch mal.«

»Keine Ursache«, sagte ich und war erleichtert, dass Peter anscheinend keinen blassen Schimmer hatte, warum ich ihm ausgerechnet 'Moby Dick' geschenkt hatte.

»Also dann, mach's gut. Ich werde noch mal bei Beverly anrufen und mich bei ihr bedanken.«

»Mach das. Das wird sie freuen. Bis dann.«

Ich legte auf, machte den Fernseher an und versank noch ein wenig tiefer in der Couch, bevor ich rasch einnickte und bis zum späten Nachtmittag schlief.

Als ich wieder erwachte, fühlte ich mich schon viel besser. Die merkwürdigen Ereignisse der letzten Nacht waren jetzt weit weg. Die Zeit war reif für einen ausgedehnten Spaziergang. Am Hafen würde ich mir ein leckeres Fischbrötchen zu Gemüte ziehen. Ich wollte schon aus dem Haus gehen, als mir plötzlich ein unheimlicher Gedanke durch den Kopf schoss: Und wenn es doch ein Einbrecher war? Wenn er in meinem Haus keinen Erfolg hatte, vielleicht hat er es dann frustriert beim nächsten Haus probiert. Bei Mrs. Trelawney?

Ich musste zu meiner Nachbarin gehen, um mich zu vergewissern, dass alles in Ordnung war. Das andere Nachbargrundstück war unbebaut und von daher für Diebe uninteressant. Es war so groß, dass es sich bis zur Kreuzung Lexington Drive erstreckte. Vor ein paar Jahren wurde es von einer gemeinnützigen Stiftung gekauft, die irgendeinem superreichen alten Sack gehörte, der hier angeblich eine Art Kindererholungszentrum bauen wollte. Es war ein offenes Geheimnis, dass in Wirklichkeit ein kleiner Luxuspalast entstehen sollte, in dem später sogenannte Incentive Partys für fleißige und gestresste Unternehmer ausgerichtet werden sollten. Mit viel Musik, reichlich Alkohol und haufenweise Nutten. Aus den Plänen wurde jedoch – zur Freude der Anwohner, die um ihre Ruhe und ihren Ruf fürchteten – nichts. Der Herr ist verstorben, und nun wurde schon seit Jahren um sein Erbe gestritten, zu dem auch dieses Grundstück zählte.

Von daher waren mein Haus und das von Mrs. Trelawney am Ende der Kennington Street ein wenig abseits gelegen. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite gab es zwar noch ein halbes Dutzend Villen. Diese jedoch wurden nur sehr selten bewohnt. Jetzt Mitte September standen alle leer. Ein Einbruch dort würde sich wohl eher lohnen als bei mir oder meiner Nachbarin. Aufgrund der vielen, teuren Alarmanlagen dort, würde dieses Vorhaben allerdings sehr schwierig werden. Ich ging also zurück durchs Wohnzimmer in den Garten und steuerte die Veranda meiner Nachbarin an.

Am Haupteingang an der Straße bei ihr zu klingeln, hatte ich aufgeben. Mrs. Trelawney hörte nicht mehr so gut. Die Klingel an der Haustür war für sie nicht mehr existent. Mit ihrem Einverständnis nahm ich deshalb immer den Weg über den rückseitigen Garten. Ich fand die Veranda verlassen vor. Im Garten war sie auch nicht zu finden. Ich versuchte, durch die Fenster zu spähen. Überall waren die Stores zugezogen. Außerdem war es drinnen viel zu dunkel, als dass ich etwas hätte erkennen können. Schnell begann ich mir Sorgen zu machen.

»Mrs. Trelawney!«, rief ich. »Elizabeth! Sind sie da?«

Ich umrundete das Haus zweimal und rief ihren Namen. Als ich dann noch ein letztes Mal in das Fenster neben der Verandatür schauen wollte, starrte sie auf einmal von innen durchs Fenster. Ich erschrak und taumelte ein Stück zurück, weil ich zunächst nicht ihr Gesicht erkannt hatte.

»Grundgütiger«, murmelte es aus dem Haus.

Mrs. Trelawney beeilte sich, die Tür zu öffnen und trat nach draußen.

»Aber Jack! Ist alles in Ordnung? Habe ich sie etwa erschreckt?«

Ich atmete erleichtert auf, als ich sah, dass meine Nachbarin gesund und gepflegt wie immer ausschaute.

»Ein wenig«, sagte ich und lächelte verlegen.

»Was ist denn los? Sie sehen erschöpft aus, mein Junge.«

»Ach, es ist nichts. Ich wollte nur sehen, ob bei Ihnen alles in Ordnung ist.«

Mrs. Trelawney schaute mich argwöhnisch an. »Gibt es dafür einen bestimmten Grund?«

»Ich dachte«, begann ich zögerlich, »ich hätte gestern Nacht merkwürdige Geräusche gehört und schloss die Möglichkeit eines Einbrechers nicht aus. Deshalb wollte ich mich vergewissern, dass es Ihnen gut geht.«

»Oh! Das ist aber lieb von Ihnen. Aber sie brauchen sich keine Sorgen zu machen. So lange ich hier lebe, ist hier noch nie eingebrochen worden. Was sollte man einer alten Frau wie mir schon stehlen wollen?«

Ich kratzte mich am Kopf. »Ich habe mich wohl geirrt. Ich wollte Ihnen keinen Schrecken einjagen.«

»Das haben Sie nicht. Ich bin in einem Alter, in dem man sich nicht mehr vor vielen Dingen fürchtet.«

»Dann ist es ja gut«, sagte ich und lächelte.

»Was genau haben Sie denn gehört?«

Eigentlich wollte ich nicht darüber sprechen. Es war mir ein wenig peinlich.

»Ach, nur ein Poltern, das ich mir nicht erklären konnte. Nichts Besonderes.«

Elizabeth sah mich eindringlich an. »Das liegt an diesem Ort hier. Es gibt kaum jemanden, der hier in Lost Haven lebt und nicht schon mal glaubt, des Nachts etwas Unheimliches gehört zu haben, das er sich nicht erklären konnte.«

Ich hatte nicht gesagt, dass es unheimlich war.

»Ich weiß«, antwortete ich. »Ich bin wohl vor der suggestiven Kraft dieses Ortes auch nicht gefeilt.«

»Niemand ist das. Vergessen Sie es einfach.«

»Schon gut. Ich werde Sie dann nicht mehr länger stören.«

Elizabeth machte eine wegwerfende Handbewegung. »Sie stören mich doch nicht. Sie können jederzeit zu mir kommen, wenn Ihnen danach ist. Sie wissen doch, wie sehr ich mich über Ihre Gesellschaft freue.«

»Danke, Elizabeth«, sagte ich und machte mich auf zum Hafen.

2

Am Lost Haven Harbour war eine Menge Betrieb. Die Wolken vom Vormittag hatten der Sonne Platz gemacht. Segelboote tummelten sich auf dem Wasser. Die Restaurants waren voll belegt. Überall machte irgendwer ein Foto. Die letzte Phase eines ertragreichen Sommers für den kleinen Ort neigte sich dem Ende zu.

Ich saß am Wasser auf einem Ankerpoller, schaute aufs Wasser und genoss mein Fischbrötchen. Meine Gedanken hatten sich endlich von der letzten Nacht gelöst. Die kurze Unterhaltung mit Elizabeth hatte mir sehr gut getan. In so einem Moment und an so einem Ort war es schwer vorstellbar, dass jemand überhaupt Sorgen oder Probleme haben könnte. Ich musste schmunzeln bei diesem Gedanken. Ich brauchte etwas Ablenkung. Ich hätte ins Kino gehen können. Dort war ich schon seit über einem Jahr nicht mehr gewesen. Da es jedoch mit dem Auto eineinhalb Stunden bis zum nächsten Lichtspielhaus dauern würde, überlegte ich mir stattdessen, ein gutes Buch zu kaufen. Vielleicht war ja der neue King schon da. Wäre sicher eine gute Idee zu sehen, was die überlegende Konkurrenz so schrieb. Schnellen Schrittes hechtete ich zu Beaver’s Books, um noch rechtzeitig vor Ladenschluss da zu sein. Zum Glück schaffte ich es noch. Melissa war gerade dabei, die fahrbaren Buchtische von der Straße ins Geschäft zu zerren. Ein Arbeit, die ihr sichtlich kein Vergnügen bereitete.

»Mr. Rafton! So spät habe ich Sie hier noch nie gesehen.«

»Ja, ich weiß. Ich musste aber kommen, weil mich plötzlich der Heißhunger auf einen spannenden Roman gepackt hat«, sagte ich gut gelaunt und rieb mir die Hände.

Mr. Beaver’s Tochter zog die letzten drei Wagen ins Ladeninnere, und ich half ihr dabei. Nach getaner Arbeit schnaufte sie und drückte den Rücken durch. »Danke für Ihre Hilfe. Die Dinger sind ganz schön schwer.«

»Kein Problem.« Ich schaute zu Mr. Beaver, der wie immer hinter seinem Lesegerät saß. »Guten Abend«, sagte ich.

»Sind Sie auf der Suche nach einem Last Minute Buch, Mr. Rafton?«, fragte er wieder einmal, ohne seinen Blick vom Bildschirm zu lösen.

»Sie haben es erfasst.«

Ich wandte mich wieder an Melissa, weil ich sie nach dem Roman fragen wollte. Doch als ich sie ansah, schaute sie zurück, als ob sie ein Gespenst gesehen hätte.

»Alles klar?«, fragte ich rasch.

Melissa wirkte abwesend. Ihr Blick war leer. Sie fühlte sich durch irgendetwas gestört. Irgendwas hatte sie erschreckt.

»Ja«, antworte sie knapp.

»Bist du sicher?«, hakte ich nach.

»Ja, ja«, sagte sie, wobei sie sich umschaute, als ob sie etwas suchen würde.

Mir schien es so, dass nicht ich der Auslöser für ihr komisches Benehmen gewesen war. Nicht ich hatte sie erschreckt, etwa, weil ich nicht besonders ausgeschlafen aussah und deshalb kein schöner Anblick war. Schließlich war ich früher schon in weitaus schlimmeren Zuständen hier aufgetaucht. Sie denkt, dass irgendetwas nicht stimmt. Sie sieht sich um und will herauszufinden, ob sich etwas verändert hat. Aber alles ist so wie immer, und dennoch stimmt etwas nicht. So wie ich mich gefühlt habe, heute morgen.

»Was darf es denn sein?«, fragte Melissa. Sie bemühte sich, gewohnt freundlich zu sein, aber es gelang ihr nicht, ihre Nervosität zu verbergen.

Unruhe, dachte ich und vergaß, dass Melissa mich was gefragt hatte.

»Mr. Rafton?«

»Ja, ich wollte mal hören, ob der neue King schon draußen ist. Den Titel weiß ich leider nicht. Aber das spielt ja keine Rolle, oder.«

»Nein, sicher nicht«, sagte Melissa und lächelte mich an. Jetzt sah sie wieder so schön aus wie immer.

»Der Neue ist schon seit ein paar Wochen raus. Wir haben gestern unser letztes Exemplar verkauft. Aber ich habe schon eine Bestellung gemacht. Morgen wird es sicher wieder vorrätig sein. Tut mir sehr Leid.«

»O, schon gut. Dann komme ich morgen Nachmittag noch mal vorbei.«

»Alles klar.«

Ich verabschiedete mich von Vater und Tochter und schlenderte nachdenklich zurück nach Hause.

3

Stärker als noch am Nachmittag verspürte ich das Bedürfnis, mich ablenken zu müssen. Als ich in meine Auffahrt einbog und den Basketballkorb sah, wusste ich, was zu tun war.

Ich eilte ins Schlafzimmer und holte meinen alten Basketball aus besseren Tagen vom Regal. Es war vielleicht kindisch, aber seit ich ein kleiner Junge war, hatte ich immer einen Basketball in meinem Zimmer. So musste das bei mir heute auch noch sein. Der Ball gehörte ins Schlafzimmer. Früher habe ich immer gerne auf den Korb geworfen, wenn ich besonders unter Druck stand. Zum Beispiel vor Prüfungen während meines Studiums. Ich spielte, bis es dunkel geworden war. Um halb elf ging ich schließlich zu Bett. Ich hatte das Gefühl, heute gut schlafen zu können, weil ich eine gesunde Müdigkeit fühlte und keine, die von psychischer Erschöpfung herrührte. Sicherheitshalber ließ ich das Licht im Erdgeschoss wie auch die Nacht zuvor an. Man weiß ja nie. Wie erhofft, schlief ich zügig ein.

Gegen zwei Uhr morgens erwachte ich aus keinem ersichtlichen Grund. Das war nichts ungewöhnlich. Jeder Mensch wacht mehrmals in der Nacht auf. Nur ist die Wachphase so kurz, dass man es gleich wieder vergessen hat. Ich konnte jedoch nicht gleich wieder einschlafen und lag eine Weile mit geöffneten Augen in der Dunkelheit.

Als ich immer noch nicht einschlafen konnte, drehte ich meinen Kopf nach rechts und schaute zur Tür, die ich geschlossen hatte. Obwohl alles ruhig war, überkam mich langsam ein bekanntes Gefühl. Das Gefühl der Unruhe. Minutenlang sah ich zur Tür, obwohl es viel zu dunkel war und meine Augen ohne Brille zu schwach waren, um etwas sehen zu können.

Mindestens eine Stunde lag ich so da und dachte an den Hafen, in dem ich alleine gesessen hatte und mir die vielen anderen lachenden Restaurant-Besucher und die verliebten jungen Pärchen angeschaut hatte.

Wieder so verliebt sein wie damals, dachte ich schwermütig.

Das melancholische Bedauern verdrängte die Unruhe, die ich zuvor gespürt hatte. Allmählich döste ich ein.

Aber dann passierte etwas, dass ich unbewusst befürchtet hatte: Ich hörte ein Rumpeln. Gleich darauf eine Art Kratzen. Nicht laut, aber es war definitiv in meinem Zimmer und kam von der anderen Seite des Raums. Dort stand ein großer Schrank, in dem ich diverse Sache aufbewahrte.

Zuallererst erstarrte ich unter meiner Bettdecke. Noch nie habe ich mich vor Angst wie gelähmt gefühlt. Mein Herz pochte wie wild. Ich bereitete mich vor, mit einem Ruck zum Schalter der Nachttischlampe zu gelangen. Dann hörte ich wieder etwas, das so leise war, dass ich es nicht identifizieren konnte. Panisch griff ich zum Lichtschalter und bekam ihn gleich beim ersten Mal zu fassen. In dem Augenblick, in dem das Licht den Raum flutete, konnte ich ohne Brille nur sehr unscharf erkennen, dass etwas aus dem geöffneten Regalschrank mir entgegen zu schweben schien. Ich schrie um Hilfe, zog die Beine an und kauerte mich an die Kopfseite des Bettes. Dann knallte das Ding auf den Boden und dann gleich noch mal. Und dann noch einmal. Trotz meiner Panik erkannte ich jetzt dieses Geräusch. Es klang wie mein Basketball.

Ich tastete nach meiner Brille, bekam sie schnell zu fassen und stieß sie mir vor die Augen. Es war tatsächlich mein Basketball, mit dem ich noch vor ein paar Stunden draußen vor der Garage gespielt hatte. Mit weit aufgerissenen Augen starrte ich auf den Schrank, dessen Tür weit geöffnet war. Noch nie, ich schwöre, bei allem was mir heilig ist, noch nie habe ich die Tür vom Schrank offenstehen lassen. Und noch nie war sie von alleine aufgefallen. Das war nämlich wegen der magnetischen Verriegelung absolut unmöglich.

Ein paar Minuten hockte ich auf meinem Bett und fürchtete mich, wie ich es noch nie zuvor in meinem Leben getan hatte. Diesmal gab es keine rationale Erklärung mehr, die mich zufrieden gestellt hätte. Ich hatte, wenn auch nur ohne Brille, gesehen, wie der Ball in der Luft geschwebt war, bevor er zu Boden fiel. Mein Verstand bemühte sich fieberhaft, mir einzureden, dass der Ball nur heraus gefallen war, und dass ich irrtümlich angenommen hatte, dass er für eine Sekunde in der Luft geschwebt war, weil einem in einer Stresssituation Sekunden wie Stunden vorkamen. Aber das erklärte nicht ansatzweise, wie sich die Tür des Schranks von allein hatte öffnen können. Allenfalls ein Erdbeben wäre dazu imstande gewesen.

Meine Schläfrigkeit war wie weggespült. Ich sprang aus meinem Bett und blickte auf den Ball herab. Ich fürchtete mich davor, ihn anzufassen. Dann ging ich zum Schrank und untersuchte den Inhalt. Zuerst durchwühlte ich die Schuhe, Shorts, allen Krempel, den ich dort aufbewahrte, immer noch auf der Suche nach einer verdammten Erklärung. Als ich nichts fand, warf ich wütend alle Sachen aus den Regalen und inspizierte die Innenseite der Rückwand des Schranks. Es gab nichts Außergewöhnliches, keine Beschädigungen, keine Öffnungen, durch die ein Tier hätte krabbeln können. Gar nichts.

Ich wurde nach der ergebnislosen Suche nur noch wütender. Angst verspürte ich nicht mehr. Wild stopfte ich alle Sachen wieder zurück in den Schrank. Ganz zum Schluss packte ich den Basketball, drehte ihn ein paar Mal misstrauisch in meinen Händen und legte ihn in das unterste Regalfach ganz nach hinten. Davor stapelte ich einen Berg von alten Turnschuhen. Ich schloss die Schranktür und verließ das Schlafzimmer. Im Arbeitszimmer gegenüber wühlte ich in einer Kiste, in der ich diverse Werkzeuge aufbewahrte und fand schließlich eine große Rolle Paketschnur. Entschlossen stampfte ich zurück ins Schlafzimmer und verknotete die Griffe der Schranktüren, wobei ich die Schnur mehr als ein Dutzend Mal um die Griffe wickelte.

»So jetzt versuch das noch mal«, hörte ich mich sagen. Mit wem redete ich denn? Mit einem Geist?

Ich schüttelte den Kopf, krallte mir Kopfkissen und Bettdecke und ging runter ins Wohnzimmer. Ich machte mir auf der Couch einen Schlafplatz zurecht, von dem ich überzeugt war, dass ich am nächsten Tag mit Rückenschmerzen aufwachen würde. Nach oben aber wollte ich nicht mehr zurück.

Eine gute Stunde war seit dem Basketball-Vorfall vergangen. Ich entschied mich, das Licht zu dimmen und den Fernseher laufen zu lassen. Trotzdem fand ich keine Ruhe. Hier im Wohnzimmer musste ich ständig an das krachende Geräusch von letzter Nacht denken, das definitiv aus diesem Raum gekommen war. Ich konnte an nichts anderes mehr denken. Dann ging mir ein Licht auf.

Der Schrank, dachte ich, drehte mich auf der Couch ganz langsam um, und nahm das kniehohe Wohnzimmersideboard ins Visier.

»Dann wollen wir mal sehen«, sagte ich zu dem weiß lackierten Möbelstück und pirschte mich heran.

Ich schob zuerst die linke Schiebetür beiseite und guckte vorsichtig hinein. In diesem Regal hatten Michelle und ich nur das beste Geschirr, ein paar Kristall-Weingläser und einen sündhaft teuren Dekantierer aufbewahrt. Seit ich hier alleine wohnte, habe ich nicht ein einziges Mal aus dem Regal etwas herausgenommen. In der linken Schrankhälfte war jedenfalls nichts zu finden. Ich schloss die Seite wieder und öffnete die rechte Seite – und wurde fündig. Überall waren Glassplitter. Ziemliche dicke sogar. Es waren aber nur noch kleine Stücke übrig. Was war hier zu Bruch gegangen? Die Gläser standen auf der anderen Seite und waren durch eine Trennwand abgeschirmt. Dann fiel es mir ein: Es waren die Splitter einer großen Kristallschale, die meine Ex-Frau vor vielen Jahren gekauft hatte. Vermutlich für Bowle. Ich weiß es nicht mehr genau. Wie war das passiert? Auf dem Regalboden fand ich Reste, die so fein waren, dass sich eine Staubschicht gebildet hatte. Es schien so, als sei die Schale im Schrank regelrecht explodiert. Wieder kam dieses Gefühl der Unruhe in mir hoch. Ich fühlte mich wie in einer dieser H. P. Lovecraft Geschichten, in der die Protagonisten mit etwas konfrontiert wurden, das sich außerhalb der Vorstellbaren abspielte und sie in den Wahnsinn trieb.

Der Morgen würde bald heranbrechen. Den Rest der Nacht verbrachte ich sitzend auf der Couch. Als es hell wurde, schlief ich dann doch ein, so dass ich mich am nächsten Tag nicht ganz so schlecht fühlte, wie am Morgen tags zuvor.

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370 стр.
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9783753190549
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