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Systemische Horizonte – Theorie der Praxis

Herausgeber: Bernhard Pörksen

»Irritation ist kostbar.« Niklas Luhmann

Die wilden Jahre des Konstruktivismus und der Systemtheorie sind vorbei. Inzwischen ist das konstruktivistische und systemische Denken auf dem Weg zum etablierten Paradigma und zur normal science. Die Provokationen von einst sind die Gewissheiten von heute. Und lange schon hat die Phase der praktischen Nutzbarmachung begonnen, der strategischen Anwendung in der Organisationsberatung und im Management, in der Therapie und in der Politik, in der Pädagogik und der Didaktik. Kurzum: Es droht das epistemologische Biedermeier. Eine Außenseiterphilosophie wird zur Mode – mit allen kognitiven Folgekosten, die eine Popularisierung und praxistaugliche Umarbeitung unvermeidlich mit sich bringt.

In dieser Situation ambivalenter Erfolge kommt der Reihe Systemische Horizonte – Theorie der Praxis eine doppelte Aufgabe zu: Sie soll die Theoriearbeit vorantreiben – und die Welt der Praxis durch ein gleichermaßen strenges und wildes Denken herausfordern. Hier wird der Wechsel der Perspektiven und Beobachtungsweisen als ein Denkstil vorgeschlagen, der Kreativität begünstigt.

Es gilt, die eigene Intelligenz an den Schnittstellen und in den Zwischenwelten zu erproben: zwischen Wissenschaft und Anwendung, zwischen Geistes- und Naturwissenschaft, zwischen Philosophie und Neurobiologie. Ausgangspunkt der experimentellen Erkundungen und essayistischen Streifzüge, der kanonischen Texte und leichthändig formulierten Dialoge ist die Einsicht: Theorie braucht man dann, wenn sie überflüssig geworden zu sein scheint – als Anlass zum Neu- und Andersdenken, als Horizonterweiterung und inspirierende Irritation, die dabei hilft, eigene Gewissheiten und letzte Wahrheiten, große und kleine Ideologien so lange zu drehen und zu wenden, bis sie unscharfe Ränder bekommen – und man mehr sieht als zuvor.

Bernhard Pörksen, Professor für Medienwissenschaft an der Universität Tübingen

Ruth Seliger

Systemische Beratung der Gesellschaft

Strategien für die Transformation

2022

Mitglieder des wissenschaftlichen Beirats des Carl-Auer Verlags:

Prof. Dr. Rolf Arnold (Kaiserslautern)

Prof. Dr. Dirk Baecker (Witten/Herdecke)

Prof. Dr. Ulrich Clement (Heidelberg)

Prof. Dr. Jörg Fengler (Köln)

Dr. Barbara Heitger (Wien)

Prof. Dr. Johannes Herwig-Lempp (Merseburg)

Prof. Dr. Bruno Hildenbrand (Jena)

Prof. Dr. Karl L. Holtz (Heidelberg)

Prof. Dr. Heiko Kleve (Witten/Herdecke)

Dr. Roswita Königswieser (Wien)

Prof. Dr. Jürgen Kriz (Osnabrück)

Prof. Dr. Friedebert Kröger (Heidelberg)

Tom Levold (Köln)

Dr. Kurt Ludewig (Münster)

Dr. Burkhard Peter (München)

Prof. Dr. Bernhard Pörksen (Tübingen)

Prof. Dr. Kersten Reich (Köln)

Dr. Rüdiger Retzlaff (Heidelberg)

Prof. Dr. Wolf Ritscher (Esslingen)

Dr. Wilhelm Rotthaus (Bergheim bei Köln)

Prof. Dr. Arist von Schlippe (Witten/Herdecke)

Dr. Gunther Schmidt (Heidelberg)

Prof. Dr. Siegfried J. Schmidt (Münster)

Jakob R. Schneider (München)

Prof. Dr. Jochen Schweitzer (Heidelberg)

Prof. Dr. Fritz B. Simon (Berlin)

Dr. Therese Steiner (Embrach)

Prof. Dr. Dr. Helm Stierlin † (Heidelberg)

Karsten Trebesch (Berlin)

Bernhard Trenkle (Rottweil)

Prof. Dr. Sigrid Tschöpe-Scheffler (Köln)

Prof. Dr. Reinhard Voß (Koblenz)

Dr. Gunthard Weber (Wiesloch)

Prof. Dr. Rudolf Wimmer (Wien)

Prof. Dr. Michael Wirsching (Freiburg)

Prof. Dr. Jan V. Wirth (Meerbusch)

Themenreihe »Systemische Horizonte«

hrsg. von Bernhard Pörksen

Reihengestaltung: Uwe Göbel

Umschlaggestaltung: Heinrich Eiermann

Illustrationen: Robert Six, buero@robertsix.com

Redaktion: Markus Pohlmann

Satz: Verlagsservice Hegele, Heiligkreuzsteinach

Printed in Germany

Druck und Bindung: CPI books GmbH, Leck

Erste Auflage, 2022

ISBN 978-3-8497-0400-1 (Printversion)

ISBN 978-3-8497-8372-3 (ePUB)

© 2022 Carl-Auer-Systeme Verlag

und Verlagsbuchhandlung GmbH, Heidelberg

Alle Rechte vorbehalten

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Inhalt

Vorwort

1Modelle von Veränderung

1.1Das technische Modell: Gesellschaft als Maschine und Veränderung als Reparatur

1.2Das dialektische Konzept: Tanz der Gegensätze

1.3Das systemische Konzept

1.4Transformation: Das integrierte dialektisch-systemische Modell von Veränderung

2Kontextklärung: Die Gesellschaft als Kundensystem

2.1Kann man die Gesellschaft überhaupt beobachten?

2.2Vier Thesen über Gesellschaft

2.3Wie verändert sich eine Gesellschaft?

3Problembeschreibung und Auftragsklärung

3.1Die Probleme der Gesellschaft – erste Bestandsaufnahme der Krise

Die großen Themen der Transformation

3.2Wege aus der Krise – ein Prozess

3.3Der Auftrag

4Strategiekompass für den Weg der Transformation

4.1Kompass für die Strategie – die Change-Formel

4.2Kompass für gesellschaftliche Transformation

5Strategieprozess

5.1D: Driver – Dringlichkeit der Transformation

Gedanken über Probleme

Problemfeld Ökonomie

Problemfeld Ökologie: Die Krise der Natur

Problemfeld Demokratie

Zusammenfassend: Was treibt die Transformation?

5.2V: Visionen – Konstruktion der Zukunft

Eine Trennschärfung: Utopien – Visionen – Ziele

Visionen und Utopie einer neuen Gesellschaft: Eine Kulturwende

Visionen von Ökonomie, Ökologie und Demokratie

Die globalen Ziele

5.3R: Ressourcen – Worauf können wir bauen?

Ressourcen wofür und für wen?

Schatzsuche: Wie finden wir Ressourcen?

Methoden zur Entdeckung und Nutzung von Ressourcen

5.4F: First Steps – wirksam werden

Interventionen – systemisch gesehen

Auf der Ebene der Person: Systemisch denken

Auf der Ebene von Organisation: Gesellschaftliche Transformation organisieren

Auf der Ebene der Gesellschaft: Strategische Allianzen bilden – gesellschaftliche Kommunikation und Kooperation gestalten

5.5Abschließend und zusammenfassend: Der strategische Prozess der Transformation

6Innehalten: Nachdenken und weiter denken

6.1Blick auf die Vergangenheit

6.2Blick auf die Gegenwart

6.3Blick auf die Zukunft (nicht: in die Zukunft)

Anmerkungen

Literatur – Bibliothek für Transformation

Über die Autorin

Für León

Vorwort

Eigentlich wollte ich ein ganz anderes Buch schreiben. Es hätte (wieder) ein Buch über Führung werden sollen: Wie verändert (sich) Führung in einer Situation des tiefgreifenden Wandels der Gesellschaft?

Doch mitten in der Arbeit hat das Buch es sich anders überlegt und sich entschieden, sich anders zu schreiben. Es wollte sich nicht nur mit Organisationen und Führung beschäftigen, sondern auch und vor allem deren gesellschaftliches Umfeld in den Blick nehmen.

Ursprünglich drehte sich die Buchidee um die Frage, wie Organisationen und Führung Veränderungen in der Gesellschaft verarbeiten, wie sie darauf reagieren und ihre eigene Handlungsfähigkeit und ihre Erfolgschancen unter sich wandelnden Bedingungen sichern können. Je mehr ich mich in dieses Thema vertiefte, umso klarer wurde mir, dass dies sehr linear, von außen nach innen, gedacht war. Das konnte doch nicht die ganze Geschichte sein. Organisationen und ihre Führung sind ja keineswegs unbeteiligt an den Veränderungen der Gesellschaft, sie sind nicht passive Opfer, sondern zumeist sogar die Treiber der Veränderung, sie sind Täter – denken wir bloß an die großen IT-Unternehmen, die die Welt und unser Leben vollkommen verändert haben und immer noch verändern.

Systemisch weiter denken

Mich hat das Zusammenspiel von Organisationen und Gesellschaft neugierig gemacht. Nachdem ich als Beraterin über viele Jahrzehnte Organisationen dabei unterstützt habe, Antworten auf gesellschaftliche Veränderungen und Anforderungen zu finden, interessiert mich heute die umgekehrte Richtung: Wie können Organisationen dazu beitragen, die Gesellschaft zu verändern?

Zum Schreiben dieses Buches hat mich die Beobachtung angeregt, dass es in der Gesellschaft sehr viele Menschen, Bewegungen und Organisationen – NGOs, Unternehmen, Institutionen – gibt, deren Anliegen es ist, in gesellschaftliche Veränderungsprozesse so einzugreifen, dass die Gesellschaft nachhaltiger, gerechter und friedlicher wird. Ich habe mich – vermutlich wie viele andere Menschen auch – immer wieder gefragt, warum es denn so schwierig ist, diese Absicht umzusetzen. Meine persönliche Hypothese dazu lautet: Jene, die gesellschaftliche Transformationen herbeiführen oder sich daran beteiligen wollen, schwanken häufig zwischen zwei Polen von Veränderung:

 1)einer tiefen Analyse, die Kritik an gesellschaftlichen Zuständen und eine tiefe Empörung über diese auslöst, und

 2)einer Vision, einem Zukunftsideal, in dem alle diese Zustände überwunden sind.

Über den Weg zur Verbindung dieser beiden Pole besteht Unklarheit und es werden kontroverse und ideologische Debatten geführt. Es mangelt also, so meine Hypothese, an Strategien. Diese Lücke möchte ich füllen. Dafür erscheint es mir als notwendig, systemisch weiter zu denken, und zwar in drei Dimensionen:

 kontextuell über den Tellerrand von Organisationen hinaus in deren gesellschaftliche Umwelt

 zeitlich aus der Gegenwart in die Zukunft

 inhaltlich bezogen auf die Erweiterung der Themen und Inhalte von gesellschaftlicher Transformation.

»Alles Gesagte ist von jemandem gesagt«1 – so lautet ein weiser Spruch von Humberto Maturana und Francisco Varela. Das gilt natürlich auch für das Geschriebene und daher auch für dieses Buch. Sie, lieber Leser, liebe Leserin, sollen wissen, wer das vorliegende Buch schreibt und wessen Gedanken Sie hier finden. Ich darf mich also vorstellen:

Seit mehr als 30 Jahren bin ich als systemische Beraterin von Organisationen und Begleiterin von Veränderungsprozessen tätig. In diesen Jahren habe ich nicht nur viele, sondern auch sehr unterschiedliche Organisationen begleitet: von kleinen Start-ups bis zu globalen Konzernen (genauer: deren lokalen Niederlassungen), von mittelständischen Unternehmen bis zu NGOs mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Anliegen, gesellschaftliche Institutionen wie wissenschaftliche Einrichtungen und Interessensvertretungen. Ich hatte die Möglichkeit, viel Erfahrung mit Veränderungsprozessen zu sammeln, viele unterschiedliche Formen von Organisationen und zahlreiche Ansätze, Methoden, Instrumente für Change-Management kennenzulernen. Systemisches Denken war, seit ich es erlernt habe, die stärkste und verlässlichste Basis meiner Arbeit.

Ich habe in meiner Beratungsarbeit gelernt, wie wichtig neben dem systemischen Denken eine professionelle systemische Haltung ist. Zu dieser gehören zwei Prinzipien:

 Abstand zum Kundensystem halten, um aus anderen Perspektiven andere Beobachtungen und Ideen für Lösungen einbringen und damit nützlich sein zu können

 in Äquidistanz zu allen Personen, Strömungen und Zielen in der Organisation zu bleiben, also niemals Partei zu ergreifen und sich damit niemals zum Werkzeug einzelner Akteure und Akteurinnen in der Organisation machen zu lassen.

Doch wenn ich mir hier vornehme, ein Konzept für Strategien gesellschaftlicher Transformation zu entwerfen, dann muss ich diese beiden Ansprüche wohl aufgeben: Ich habe als Mitglied der Gesellschaft keine Möglichkeit, Abstand zu halten, und ich kann auch nicht neutral sein, denn ich habe meine gesellschaftspolitischen Vorstellungen, Werte und Tendenzen. Diese gesellschaftspolitische Position fließt in das Buch ein, und ich will sie daher hier offenlegen:

Als Kind in einer politisch linken Familie waren Gespräche über Gesellschaft und Veränderung bei uns immer am Tisch. Man diskutierte über die Ungerechtigkeit in der Welt, über den Kampf für Frieden und einen Wunsch nach Gleichheit unter den Menschen. Trotz vieler politischer Schlingen und Schleifen in meinem Leben ist mir die Sehnsucht nach einer gerechten und friedlichen Welt immer geblieben. Ich war immer eine Weltverbesserin und habe meine politische Orientierung immer als links bezeichnet.

In meiner beruflichen Arbeit habe ich darauf geachtet, einen Beitrag zu leisten, um Organisationen zu einem möglichst guten Arbeitsrahmen für Menschen zu machen. Ich musste mich erfreulicherweise niemals verbiegen, verstellen und meine Werte verraten – auch wenn ich für Organisationen tätig war, die mit meinen persönlichen Werten nicht unbedingt übereinstimmten.

Ich habe in meinem Leben viel Glück gehabt und vieles lernen können. Jetzt möchte ich etwas davon zurückgeben. Dieses Buch ist ein Experiment, meine Beratungserfahrung für Transformationsprozesse der Gesellschaft anzubieten, Methoden vorzustellen und damit einen Beitrag zu leisten, an einer guten Entwicklung der Gesellschaft mitzuwirken.

Das Schreiben dieses Buches war für mich eine der aufregendsten und anregendsten Reisen meines Lebens. Meine Reisebegleiter waren viele Menschen, mit denen ich diskutiert habe, von denen ich lernen konnte und mit denen gemeinsam ich mich engagiert habe. Begleiter waren auch Bücher, die über eine längere Zeit mein Arbeitszimmer bevölkerten. Sie waren für mich Dialogpartner, Lehrmeister, Freunde. Sie gaben mir einen Einblick in den wissenschaftlichen Diskurs, der – wie aus den Erscheinungsdaten der Bücher abzulesen ist –, in den vergangenen Jahren, insbesondere seit der Finanzkrise und seit der Wahl von Donald Trump zum Präsidenten der USA, stattfand und stattfindet.

Mit diesem Buch möchte ich Menschen ansprechen, die sich für gesellschaftlichen Wandel, für eine gute Zukunft für alle engagieren: Menschen, die in NGOs, in Unternehmen oder in Initiativen und Bewegungen aktiv sind – oder aktiv werden wollen. Es ist ein Angebot von Themen, Methoden und wissenschaftlichen Erkenntnissen und eine Einladung, das für sich herauszuholen, was für das eigene Engagement hilfreich ist. Man muss dieses Buch nicht von vorne bis hinten lesen, man kann das herausfiltern, das neu oder hilfreich ist.

Noch ein Wort zum Gendern: Ich habe nicht durchgehend die üblichen Genderformen verwendet, sondern jeweils entschieden, an welchen Stellen ich es wichtig finde, die weibliche und die männliche Formulierung zu verwenden, und an welchen nicht.

Danksagung

Ich danke den vielen Freunden und Freundinnen, mit denen ich mich in den wilden Achtundsechziger-Jahren gemeinsam durch Marx und Hegel, durch Horkheimer und Adorno durchgearbeitet und in zahllosen Nächten über das gesellschaftliche Paradies diskutiert habe. Ich danke meinen beiden Lehrern Fritz B. Simon und Gunthard Weber, die mir systemisches Denken nahegebracht haben, Dirk Baecker, der mir mit seinen verwirrenden Gedanken zu mehr Klarheit geholfen hat, und meinem Kollegen Paul Tolchinsky, von dem ich vieles über Change-Management gelernt habe.

Möglicherweise werden nicht alle Menschen, die dieses Buch lesen, mit allen meinen Thesen und Formulierungen einverstanden sein, manche werden sich daran reiben. Für manche werden einige meiner Gedanken vielleicht unverständlich oder unlogisch sein. Dieses Buch enthält keine endgültige Wahrheit über die politischen Zustände und wird sich vermutlich selbst immer wieder transformieren. Lieber Leser, liebe Leserin, Ihr Feedback wird mir zur Anregung dienen, weiter zu lernen und meine Gedanken und auch dieses Buch zu verändern. Es ist »collaboration in progress«.

Wien, im Februar 2022

Ruth Seliger

1Modelle von Veränderung

»Wo immer Menschen etwas bewirken wollen, brauchen sie Modelle, die Veränderung erklären.« 2

Fritz B. Simon

Es geht um Veränderung. Veränderung ist ein schillernder Begriff, unter dem wir alles Mögliche verstehen können: Lernen, Entwicklung, eine andere Richtung einschlagen, vorläufige Veränderungen oder den Tod, eine unumkehrbare Veränderung.

In diesem Buch geht es um Veränderungen lebender Systeme, insbesondere des Systems Gesellschaft.

Nur lebende Systeme haben die Fähigkeit, sich zu verändern, sich im Rahmen ihrer Strukturen aus sich selbst herauszuentwickeln und etwas anderes, etwas Neues aus sich zu machen. Nicht lebende, also technische Systeme wie ein Auto oder die unbelebte Natur, verändern sich nicht selbst, sie können verändert werden: Ein technisches System kann durch Beschädigung oder Materialabnutzung kaputtgehen und repariert werden, ein Stein kann zertrümmert oder zu Sand vermahlen werden.

Mich interessieren Prinzipien der Veränderung lebender Systeme – von der Amöbe bis zur menschlichen Gesellschaft. Lebende Systeme durchleben in ihrer Genetik angelegte Entwicklungen – Wachstum, Reife, Reaktionsmuster. Aber sie können sich auch selbst verändern. Meistens tun sie das nicht ohne Grund. Lebende Systeme leben am liebsten vor sich hin, sind damit beschäftigt, zu leben und am Leben zu bleiben, ihre Grenzen zu erhalten, ihre Prozesse mit ihrer Umwelt – den Stoffwechsel – und in ihrem Inneren – die Verdauung – zu regulieren. Sie nehmen Veränderungen in der Regel dann vor, wenn sich in ihrer Umwelt etwas verändert oder sie in ihrem Inneren Probleme haben, sie also krank werden. Dann muss Veränderung das weitere Leben sicherstellen. Dies kann bedeuten, einen anderen Lebensraum zu suchen, den Lebensraum zu verändern, sich an den veränderten Lebensraum anzupassen oder im Inneren »Heilung« zu versuchen.

Veränderung ist nicht gerade die Lieblingsbeschäftigung lebender Systeme. Sie ist anstrengend, unangenehm, und ihr Ausgang ist ungewiss. Lebende Systeme sind ihrem Wesen nach daher träge und eher konservativ. Sie verändern sich nur dann, wenn sie mit ihrem Latein am Ende sind, wenn sie eine Grenze des Machbaren erreicht haben.

»Die gesammelten Theorien über den Wandel sagen uns, dass menschliche Systeme Homöostase und Gleichgewicht suchen.«3

Veränderungen müssen aber sein, besonders wenn es Probleme gibt, die unser Leben im weitesten Sinne bedrohen. Wenn in unserem Leben alles gut läuft, hält sich die Lust auf Veränderung in Grenzen.

Auch Organisationen sind lebende Systeme, die am liebsten so bleiben möchten, wie sie sind, sich aber aufgrund äußerer oder innerer Bedingungen immer wieder verändern müssen. Wenn sich Marktbedingungen, Eigentumsverhältnisse, gesellschaftliche Rahmenbedingungen oder technologische Instrumente verändern, dann müssen Organisationen mitziehen. Organisationen setzen sich ungern in Bewegung. Wenn es denn sein muss, dann bekommt man es mit starken Beharrungstendenzen und Gegenbewegungen zu tun.

Wie verändert sich das größte lebende System, das für uns alle die relevante Umwelt bildet: die Gesellschaft? Was löst Veränderungen aus? Wie können sie gestaltet werden? Wie hat sich die Gesellschaft in der Vergangenheit immer wieder verändert? Wie ist ihre Geschichte entstanden?

Die Frage nach dem Wesen von Veränderungen ist, wie vieles in unserem Leben, eine – wie Heinz von Foerster es nennt – »prinzipiell unentscheidbare Frage«4, also eine Frage, auf die es keine eindeutige Antwort gibt, kein definiertes Maß, auf das wir uns beziehen können. Die Frage nach dem Wesen von Veränderungen ist anders zu beantworten als die Frage, bei welcher Temperatur Wasser zu kochen beginnt. Für solche Fragen wurden bereits Antworten bereitgestellt, die konkrete Frage wurde bereits »entschieden«: Die Antwort heißt »100 Grad Celsius« (wenn man nicht gerade auf einem hohen Berg steht).

Auf die Frage, wie sich die Gesellschaft, die Welt, das Leben verändert, ob die Veränderungen gut oder schlecht sind, gibt es jedoch keine endgültigen Antworten: Das sind prinzipiell unentscheidbare Fragen. Wir kommen nicht darum herum: Solche Fragen müssen wir für uns selbst entscheiden, und für unsere Entscheidungen müssen wir Verantwortung übernehmen. So ist es auch mit der Frage: Wie werden Veränderungen in der Gesellschaft beschrieben und erklärt? Auch ich habe darauf keine Antwort. Ich mache mir mein eigenes Bild, gestützt auf eigene Überlegungen und Erfahrungen, vor allem auf Fachliteratur, für deren Auswahl ich verantwortlich bin.

Der Begriff der Veränderung hat sich in der Geschichte selbst immer wieder im Rahmen der jeweiligen historischen und gesellschaftlichen Bedingungen verändert. In alten Zeiten hat man Veränderungen damit erklärt, dass ein Plan der Götter dahintersteckt, dass Veränderungen also als göttliche Macht über uns hereinbrechen. In autoritär geführten Gesellschaften beruht Veränderung auf Entscheidungen der Herrschenden. Unsere aufgeklärte Welt kann dem nichts oder wenig abgewinnen. Die Aufklärung interpretiert gesellschaftliche Veränderung als das Ergebnis unseres eigenen Willens. Wir erforschen die Welt und suchen nach vernünftigen Erklärungen, um, auf diesen aufbauend, die Welt zu verändern.

Für moderne Historiker und Historikerinnen beginnen Veränderungen der Gesellschaft mit der Entwicklung von Sprache, mit der Fähigkeit der Menschen, einander über Generationen hinweg Geschichten zu erzählen. Damit konnten Ereignisse in eine Reihenfolge, in Bewegungen und Zusammenhänge strukturiert und Veränderungen markiert werden.5 Durch Sprache hat sich das Koordinatensystem der Menschen von Raum und Zeit verändert, was seinerseits das Bewusstsein der Menschen und ihr Handeln verändert hat.

Es zeigt sich: Der Begriff der Veränderung ist uneindeutig und abhängig von den jeweiligen zeitlichen, gesellschaftlichen und kulturellen Bedingungen der Betrachter und Betrachterinnen.

Um für mich selbst einen Begriff der Transformation zu definieren, habe ich mich mit unterschiedlichen Modellen von Veränderungen auseinandergesetzt und versuche, sie zu beschreiben und zu unterscheiden. Dazu habe ich drei Modelle oder Konzepte herangezogen:

 das technische Modell

 das dialektische Konzept

 das systemische Konzept.

1.1Das technische Modell: Gesellschaft als Maschine und Veränderung als Reparatur

Maschinen werden von Ingenieuren entwickelt. Eine Maschine ist von Anfang an mit den Intentionen und Gestaltungsmöglichkeiten ihrer Erfinder und Erfinderinnen ausgestattet, sie bekommt ihre Form und ihre Standards des Funktionierens gleichsam in die Wiege gelegt. Eine Maschine soll sich auch nicht verändern. Veränderung bedeutet bei einer Maschine: Sie ist kaputt, sie hat eine Panne.

Pannen sind Ausnahmen von den »normalen« Zuständen und Funktionsprozessen, wie sie vom Ingenieur geplant sind und werden als Störung definiert. Die Beseitigung der Panne dient der Wiederherstellung des normalen Funktionierens der Maschine. Pannen werden zunächst auf ihre Ursachen untersucht und dann möglichst repariert. Durch Reparatur verschwindet das Problem, der Prozess kann ungestört weiterlaufen (siehe Abb. 1): Die Waschmaschine wäscht wieder, das Auto fährt wieder, die Rakete fliegt weiter zum Mond.


Abb. 1: Technisches Verständnis von Veränderung

Dem technischen Modell liegen Annahmen zugrunde: Jedes Problem hat eine Ursache, für jedes Problem gibt es eine Lösung, für jede Lösung gibt es ein Werkzeug. Das klingt bestechend einfach und einleuchtend. Dieser Ansatz wurde und wird allerdings nicht nur auf Maschinen, sondern auf alle Fragen des Lebens angewendet: Alle Probleme – Probleme von Menschen, der Gesellschaft und der Natur – könnten einfach repariert werden. Man müsste nur den richtigen Schraubenschlüssel und den richtigen Hebel finden. In unserer Welt, die noch immer mit weitgehend technisch-wissenschaftlichen Vorstellungen beschrieben und erklärt wird, werden die meisten gesellschaftlichen Institutionen und deren Prozesse nach diesem Paradigma gestaltet: Schulen, Krankenhäuser, Unternehmen sind organisiert wie Maschinen, die funktionieren sollen und in deren Kontext Veränderungen als unangenehme Störungen behandelt werden. Das betrifft auch Kinder, Kranke, Mitarbeiter.6

Wer allerdings jemals versucht hat, Veränderungen bei anderen Menschen, etwa bei den eigenen Kindern, nach dieser Logik anzugehen und angenommen hat, es genüge zu sagen, »Räum endlich dein Zimmer auf!«, wird erleben, dass das Kind sein Verhalten vielleicht ändert, vielleicht aber auch nicht, vielleicht in eine andere als die gewünschte Richtung. Veränderung lebender Systeme verlaufen nicht geradlinig wie eine Reparatur, sondern turbulent, unvorhersehbar, in Schleifen, Kreisen, Spiralen oder ganz verrückten Sprüngen.

Um gesellschaftliche Transformation zu begreifen, brauchen wir andere Modelle von Veränderung. Wir brauchen Modelle und Konzepte von Veränderung, die den Eigenheiten lebender Systeme gerecht werden.

1.2Das dialektische Konzept: Tanz der Gegensätze

»Die Krise besteht gerade in der Tatsache, dass das Alte stirbt und das Neue nicht zur Welt kommen kann.« 7

Antonio Gramsci

Der Begriff Dialektik bezeichnet eine Form des Denkens, die durch den Prozess der Bearbeitung von Widersprüchen zu deren Aufhebung – in der doppelten Bedeutung von »Auf-Lösung« und »Aufbewahrung« – und damit zu neuen Erkenntnissen führt. Dialektik ist ursprünglich die Kunst des Diskurses, der Rede und Gegenrede, der Argumentation und Widerlegung zur Überwindung von Widersprüchen. Das Veränderungskonzept der Dialektik zeichnet ein dynamisches Bild von Prozessen, das in einer stetigen Auseinandersetzung zwischen These, Antithese und Synthese besteht, die zu einer Weiterentwicklung des Bewusstseins und Handelns führt.

»Die Wirklichkeit wird im dialektischen Denken als etwas aufgefasst, das sich in ständiger Bewegung befindet, das verändert wird und selbst verändert, das aufhebt und aufgehoben wird.«8

Im Zentrum des dialektischen Veränderungsmodells steht der Gegensatz, der Widerspruch, der Konflikt: ohne Gegensätze, ohne Widersprüche und Konflikt keine Veränderung. Das dialektische Konzept beschreibt Veränderung als einen kontinuierlichen Prozess der Bearbeitung von Widersprüchen. Weil aber das Leben voller Widersprüche und Konflikte ist, kann es keinen »veränderungslosen« Moment im Leben lebendiger Systeme geben, Veränderung ist Leben, das Leben ist Veränderung, keine Veränderung ist gleichbedeutend mit Tod.

Veränderungen lebender Systeme werden im dialektischen Verständnis nicht als lineare Prozesse gedacht, sondern als schleifenförmige Bewegungen, als kontinuierlicher Tanz der Widersprüche. Bei gesellschaftlichen Veränderungen sind wir selbst die Tänzer und Tänzerinnen, die widersprüchliche Themen, Interessen oder Vorstellungen in der Gesellschaft vertreten. Der Tanz ist also nicht harmonisch, man steigt einander durchaus auf die Füße, kämpft um die Führung.

Die Gegensätze werden bei diesem Tanz nicht zerstört und entfernt, sondern bleiben in den beiden Seiten aufgehoben. Das wunderbare Zeichen von Yin und Yang zeigt diese »Aufhebung« und »Behebung« der Gegensätze (siehe Abb. 2):


Abb. 2: Yin und Yang

Das einleitende Zitat von Antonio Gramsci beschreibt die gesellschaftliche Geschichte als einen kontinuierlichen Prozess des Entstehens und Vergehens: Das eine, die These, vergeht in einem Prozess der Dekadenz, des Abstiegs; das andere, die Antithese, entsteht in einem Prozess der Aszendenz, des Aufstiegs. Das dialektische Modell von Veränderung ist ein Prozess, in dem das Alte ein Neues hervorbringt und von diesem abgelöst wird. Das Neue enthält dabei Elemente des Alten, das Alte hat das Neue immer schon wie einen Samen in sich getragen.

Irgendwann wird das Neue selbst zu einem Alten und ein Neues, ein anderes Neues entsteht. Das ist der dialektische Gang der Geschichte und der Entwicklung: Jede gesellschaftliche Situation bringt durch die »Aufhebung der Widersprüche« eine neue Entwicklungsform hervor.

Dieser Prozess verläuft nicht harmonisch und glatt. Im Übergang des einen Prinzips zum anderen entsteht ein Moment des »Niemandslands«, eine Krise (siehe Abb. 3). Von Krise sprechen wir dann, wenn dieser Kampf der Widersprüche noch nicht entschieden ist: Wird sich das Alte – das Traditionelle, Gewohnte, Bekannte – durchsetzen, oder wird sich etwas Neues, das Zukünftige, Riskante, Aufregende Bahn brechen? In dieser Unentschiedenheit ist alles offen, es wird an unterschiedlichen Ecken und Enden gezogen, es wird gekämpft und schließlich entschieden.


Abb. 3: Dialektisches Konzept von Veränderung

In ihrer politischen Ökonomie wenden Karl Marx und Friedrich Engels diese Formen des dialektischen Prozesses auf gesellschaftliche Veränderungen an: Als Träger dieser gesellschaftlichen Hauptwidersprüche sahen Marx und Engels die unterschiedlichen gesellschaftlichen Klassen, ihre unterschiedlichen Lebensbedingungen und gegensätzlichen Ziele und Interessen:

»Die Geschichte aller bisherigen Gesellschaft ist die Geschichte von Klassenkämpfen.«9

So lautet die einleitende These des Manifests der Kommunistischen Partei (erstmals veröffentlicht in London im Februar 1848). Gesellschaftliche Entwicklungen werden als Auseinandersetzungen zwischen den jeweils »herrschenden Klassen« und den »beherrschten« Klassen gesehen. Dieser Prozess – der Klassenkampf – treibt im marxistischen Bild die gesellschaftlichen Veränderungen, die Geschichte, an. Aus diesem Verständnis von Veränderung und Geschichte entstand der kommunistische Traum einer gesellschaftlichen Situation, in der die gesellschaftlichen Widersprüche aufgehoben sind und die zu einer neuen Synthese, der »klassenlosen Gesellschaft«, führt.

Die Phase des Übergangs ist eine Zeit des Kampfes, in der es um die Frage geht, welches Prinzip, welche Interessen, welche Standpunkte sich durchsetzen. Es sind Machtkämpfe, die diese Wendepunkte der Gesellschaft prägen.

Yuval Harari drückt das so aus: »Wir leben an der Schwelle zwischen Himmel und Hölle.«10

1.3Das systemische Konzept11

Ausgangspunkt für systemisches Denken ist der Begriff »System«. Ein System wird als ein Set von Elementen beschrieben, die miteinander verbunden und zusammengehörig sind. Diese Elemente markieren gemeinsam eine Systemgrenze und schaffen eine Differenz zwischen dem Innen, dem System, und dem Außen, der Umwelt des Systems.

Wer aber wählt die Elemente aus, wer setzt sie in einen Zusammenhang, wer markiert die Grenze des Systems und seiner Umwelt? Die Antwort aus systemischer Sicht lautet: Es ist der Beobachter, wir sind es selbst, die Systeme schaffen, indem wir Elemente auswählen und zusammenstellen und indem wir unterscheiden, was zum System gehört und was nicht. Systeme sind daher nicht einfach so da, sie sind unsere eigenen Konstruktionen.

Systemisches Denken ist ein komplexes Theoriegebäude12, das sich mit folgenden Fragen beschäftigt:

 1)Wie konstruiert der Beobachter, wie entstehen Wahrnehmung und Erkenntnis über die Welt?

 2)Wie konstruiert der Beobachter Interaktionen und Bewegungen zwischen den Elementen des Systems, und welche Regeln, welche Muster zeichnet er bei den Operationsweisen lebender Systeme?

 3)Welche Systeme unterscheiden wir? Biologische Systeme wie Pflanzen und Tiere; kognitive Systeme, damit sind Menschen gemeint, und soziale Systeme wie Gruppen, Familien, Organisationen bis hin zur menschlichen Gesellschaft.

Ein systemisches Konzept von Veränderung setzt bei der Frage an, welche Prozesse in lebenden Systemen zu beobachten sind, welche Veränderungen diese Prozesse aufweisen und nicht zuletzt bei der Frage, welche Rolle Beobachter innehaben. Dabei spielt die Kybernetik eine zentrale Rolle.

Kybernetik

Das Wort Kybernetik bedeutet Steuerung und Regelung und beschreibt Phänomene der wechselseitigen Beeinflussung der Elemente eines Systems. Kybernetische Prozesse sind Regelkreise, bei denen jedes Element zugleich Ursache und Wirkung der Interaktion ist. Niemand steuert diese Interaktion, sie steuert sich gleichsam selbst (siehe Abb. 4).


Abb. 4: Kybernetischer Regelkreis

Ein für solche Regelkreise häufig herangezogenes technisches Beispiel ist die Zentralheizung: Der Thermostat wird auf eine bestimmte Temperatur eingestellt, die Therme heizt, bis die gewünschte Temperatur erreicht ist, daraufhin gibt der Thermostat ein Signal an die Therme, die aufhört zu heizen, bis die Temperatur wieder absinkt. Der Thermostat gibt daraufhin ein Signal, damit die Therme wieder heizt, bis die gewünschte Temperatur wieder erreicht ist, usw. Genauso funktioniert auch die Steuerung des Füllstands eines WC-Spülkastens als wechselseitige Steuerung zwischen dem Schwimmer und dem Wasserzufluss. Das Besondere an solchen Systemen ist, dass sie so gebaut sind, dass sie keine Steuerung von außen brauchen, sondern dass die Elemente einander durch Feedback gegenseitig steuern. Es ist in diesem Prozess unentscheidbar, was Ursache ist und was Wirkung oder, anders gesagt, wo der Prozess beginnt.

Muster

Muster entstehen durch Wiederholungen. Das Gehen des immer gleichen Weges lässt einen Trampelpfad entstehen. Werden Interaktionen öfter wiederholt, entstehen Interaktionsmuster: Reagiert man in einer kybernetischen Schleife immer wieder in gleicher Weise aufeinander, kann man irgendwann nicht mehr feststellen ist, wer damit begonnen hat. Muster halten sich selbst durch Wiederholung aufrecht, sie bestätigen sich selbst und tragen zur Aufrechterhaltung bestehender Bedingungen im System bei. Muster sind das Symbol des Stillstands.

Im systemischen Sinne bedeutet Veränderung vor allem eine Veränderung von Mustern. In sozialen Systemen bedeutet sie die Veränderung von Mustern der Wahrnehmung, des Verhaltens und der Interaktion bzw. der Kommunikation. Veränderung sozialer Systeme ist der Prozess von einem Muster zu einem anderen (siehe Abb. 5).


Abb. 5: Musteränderungen (Flipchart von Fritz B. Simon)13

Nicht jede Veränderung ist allerdings ein Musterwechsel. Wenn Veränderungen lediglich ein oder mehrere Elemente im System betreffen, also etwa ein neuer Tisch für das Pingpongspiel benutzt wird, dann ändert sich damit nicht das Spiel, das Muster des Spiels bleibt gleich. Man kann möglicherweise besser spielen, aber es bleibt Pingpong. Solche Veränderungen werden im systemischen Feld Veränderungen erster Ordnung genannt.

Beziehen sich Veränderung in sozialen Systemen allerdings auf Muster der Kommunikation, also auf die Art und Weise, wie ein soziales System operiert, wie darin kommuniziert wird, dann wird die Kommunikation selbst zum Gegenstand der Veränderung. In diesem Fall sprechen wir von einem Musterwechsel und von einer Veränderung zweiter Ordnung. In Organisationen kann Veränderung zweiter Ordnung bedeuten, dass sich die hierarchische Struktur und das Muster der Top-down-Entscheidungen zu einer partizipativen Entscheidungsform verändert.

Veränderungen zweiter Ordnung bedeuten einen Paradigmenwechsel, eine fundamental andere Weltsicht und neue Prinzipien der Gestaltung von Kommunikation, Strukturen, Werten und Problemlösungen. Musterwechsel sind tiefgreifende Veränderungen und lassen keinen Stein auf dem anderen, sie verunsichern und irritieren. Veränderungen zweiter Ordnung sind aufwendig und mühsam: So etwas unternimmt man nur, wenn man mit seinem Latein am Ende und an der Grenze der Handlungsfähigkeit angekommen ist. Davon müssen Menschen überzeugt und für diese Veränderung gewonnen werden.

Es stellt sich die Frage, wie und woran die Mitglieder von sozialen Systemen erkennen können, dass das System mit seinem Latein am Ende ist und es Veränderungsbedarf gibt? Das kann nur geschehen, indem die Mitglieder des Systems, sich in eine neue Beobachtungsperspektive begeben, aus der sie so etwas sie einen Blick von außen auf das System erhalten. Wir sprechen hier von der Beobachtung zweiter Ordnung. Dieser Begriff geht auf Heinz von Foerster zurück, der von zwei Regelkreisen spricht: dem einen zwischen den Elementen des Systems und dem anderen zwischen dem Beobachter und dem von ihm beobachteten System. Er nennt das die »Kybernetik der Kybernetik«.14

Will ein Beobachter seine eigene Wirkung auf ein von ihm beobachtetes System erkennen, wird er sich in eine neue Beobachterperspektive begeben, in der er sich selbst beim Beobachten beobachtet, er wird zum Beobachter zweiter Ordnung. Der Beobachter begibt sich damit gleichsam auf den Balkon in der Muppet Show und sieht sich selbst beim Agieren gemeinsam mit den anderen Akteuren und Akteurinnen auf der Bühne zu, mit Kermit, Miss Piggy und den anderen. Von oben und außen kann man die Muster des Spiels erkennen. Das geht nur vom Balkon aus. Das sieht man nicht, wenn man auf der Bühne steht und mitspielt.

Der systemischen Konzeption von Veränderung in sozialen Systemen liegt die Annahme zugrunde, dass Veränderungen zweiter Ordnung, Musterveränderungen der Kommunikation, nur aufgrund einer organisierten und kollektiven Beobachtung zweiter Ordnung, durch gemeinsames Wahrnehmen, Reflektieren und Lernen bezüglich der Muster im System und des eigenen Beitrags der Beobachter dazu in Gang gesetzt werden. In der systemischen Beratung von Organisationen hat sich schon seit Langem der Begriff der lernenden Organisation etabliert.15 Wenn es um gesellschaftliche Veränderungen geht, wird es ein solches Konzept ebenfalls brauchen: eine lernende Gesellschaft.

Und nicht zuletzt müssen wir den Prozess der Veränderung auch selbst beobachten können:

»Aber unbeobachteter Wandel ist kein Wandel, weil das System darauf nicht reagieren kann.«16

Eine Veränderung zweiter Ordnung – ein Paradigmenwechsel – ist also immer auch ein beobachteter Prozess.

Das von Simon gezeichnete Bild der Musterveränderung könnte man daher durch den Prozess der Veränderung zweiter Ordnung ergänzen (siehe Abb. 6): durch den Prozess der Selbstbeobachtung und Selbsterforschung der Organisation.


Abb. 6: Beobachtung zweiter Ordnung – das System beobachtet sich bei der eigenen Veränderung

1.4Transformation: Das integrierte dialektisch-systemische Modell von Veränderung

»Gesellschaftliche Kommunikation entscheidet über Macht und über die Richtung, in die sich Gesellschaften entwickeln.« 17

Armin Thurnher

Der Begriff Transformation kann unterschiedlich definiert werden. Ich stelle hier mein Modell vor: Es umfasst nicht nur die Inhalte der Veränderung, sondern vor allem den Prozess des Wandels. Dafür verbinde ich das dialektische mit dem systemischen Konzept:

 Das dialektische Konzept sieht Transformation als einen dynamischen und krisenhaften Prozess zwischen alten und neuen gesellschaftlichen Interessen. Dabei geht es vor allem um Muster der Erhaltung von Macht über die Entscheidungen, Kommunikation und Kooperation und um die Veränderung der materiellen Lebensbedingungen der Menschen (siehe Abschn. 1.2).

 Im systemischen Verständnis bedeutet Transformation vor allem eine Veränderung des bestehenden Paradigmas. Es ist ein Musterwechsel auf der Ebene der Beobachtung, Erklärung und Bewertung gesellschaftlicher Muster, die zu verändertem gesellschaftlichen Agieren führen. Veränderung entsteht, wenn die bestehenden Muster etwa von Macht und Entscheidungen als dysfunktional, schädlich und bedrohlich bewertet werden.

Bildhaft lässt sich dieses Modell so darstellen wie in Abbildung 7 gezeigt.


Abb. 7: Dialektisch-kybernetisches Modell von Veränderung

Gesellschaftliche Transformation bedeutet vor diesem Hintergrund:

 einen gesellschaftlichen Paradigmen- und Musterwechsel im Denken und Handeln

 einen krisenhaften und nicht geradlinigen Prozess der Auseinandersetzung zwischen alten und neuen Prinzipien und Regeln, die im Allgemeinen mit unterschiedlichen gesellschaftlichen Interessen und Vorstellungen verbunden sind

 einen sich selbst beobachtenden und selbst beobachteten gesellschaftlichen Lernprozess, den Weg in eine lernende Gesellschaft.

Die Kernfrage dabei ist, wie der Prozess der Transformation eingeleitet, gestaltet und organisiert werden kann, welche Strategie also entwickelt werden kann.

Ich habe mir in diesem Buch die wahnwitzige Aufgabe gestellt, ein Modell für eine Strategie für gesellschaftliche Transformation zu entwickeln. Als Grundlage dafür habe ich die Mittel herangezogen, die ich als Beraterin bei Transformation von Organisationen erlernt und erprobt habe:

 systemisches Denken: Dieses ist die theoretische Grundlage für alle beraterischen Tätigkeiten bei der Begleitung komplexer Veränderungsprozesse. Ohne systemisches Denken ist für mich gesellschaftliche Transformation unvorstellbar.

 Methoden und Instrumente des systemischen Change-Managements: Diese haben sich in der Begleitung und Gestaltung von Transformationsprozessen in komplexen Systemen bewährt und könnten – so die Hypothese und meine Hoffnung – auch in gesellschaftlichen Transformationsprozessen hilfreich sein.

 meine (professionelle und gesellschaftspolitische) Haltung: Hinter jeder Intervention steht jemand, der sie setzt. Theorie und Instrumente werden eigenen Werten und Prinzipien entsprechend gesetzt. Diese haben meine gesamte Praxis als Beraterin begleitet, ihnen bin ich immer treu geblieben.

Dieses Buch soll ein »großes Bild« in drei Richtungen bieten:

 1)das große Bild eines Beratungsprozesses der Gesellschaft:

 –Kontextklärung: Wer ist das »Kundensystem«?

 –Problembeschreibung und Auftragsklärung

 –Interventionen

 2)das große Bild der Krisen, auf die die Gesellschaft Antworten finden muss:

 –Ökonomie

 –Ökologie

 –Demokratie

 3)das große Bild des Strategieprozesses:

 –Treiber der Veränderung

 –Visionen

 –Ressourcen

 –erste Schritte

Abbildung 8 gibt einen Überblick über die Struktur des Buches.


Abb. 8: Fahrplan dieses Buches

2Kontextklärung: Die Gesellschaft als Kundensystem

»Gesellschaft betreibt Kommunikation, und was immer Kommunikation betreibt, ist Gesellschaft.« 18

Niklas Luhmann

Am Beginn jeder Beratung stehen die Fragen: Was ist das Kundensystem? Womit habe ich es hier zu tun? Was gehört dazu? Wie tickt es? Was sind seine Besonderheiten und Eigenlogiken, und vor allem: Wie verändert es sich? Das herauszufinden ist bereits in Organisationen schwierig genug, aber wir können uns an einigen Gegebenheiten festhalten: Oft haben wir ein gewisses Vorwissen über die Organisation, und über die Branche haben wir zumeist Vorwissen. Dennoch muss man genau hinschauen, worauf und auf wen wir uns einlassen.

Die Gesellschaft war jedoch noch nie Kunde von Beratung. Wir müssen uns deshalb ein umso genaueres Bild von diesem speziellen Kunden machen. Hier also der waghalsige Versuch, die Gesellschaft als »Kunden« der Beratung zu betrachten.

2.1Kann man die Gesellschaft überhaupt beobachten?

Organisationen sind nicht direkt beobachtbar. Organisation ist ein Übertitel für eine Reihe von Elementen: die Gebäude, der Name, die Produkte, die Menschen der betreffenden Organisation. Wir können Daten sammeln hinsichtlich der Branche, Produkte, Strukturen und Eigentumsformen, darüber, wie sich das Unternehmen in der Öffentlichkeit präsentiert, für welche Kunden- und Marktsegmente das Unternehmen wichtig ist? Was davon kann man beobachten?

Die Gesellschaft ist noch schwieriger zu beobachten als Organisationen: Sie ist das Wasser, in dem wir schwimmen, die Luft, die wir atmen, das Leben, das wir mit anderen teilen. Gesellschaft kann man erst erkennen, wenn man sich von ihr entfernt, sie kann erst aus großer Entfernung und Flughöhe gedacht und beschrieben werden.

Die Gesellschaft zu beobachten und Aussagen über sie zu machen ist eine beinahe unmögliche Aufgabe. Dennoch werden offensichtlich Aussagen über die Gesellschaft gemacht: in der Wissenschaft – vor allem in den Sozialwissenschaften wie Soziologie, Anthropologie oder auch Ökonomie –, in der Kunst, die sich kritisch mit der Gesellschaft auseinandersetzt, in Teilen der Zivilgesellschaft, die auf Missstände hinweisen, mitunter sogar in der Politik. Es ist also offenbar möglich, sich gedanklich auf einen Balkon zu setzen, um von dort aus auf die Gesellschaft zu blicken und Muster, Probleme und Veränderungsmöglichkeiten zu erkennen.

Unterschiedliche Beobachter beschreiben Gesellschaft aus unterschiedlichen Perspektiven: Ethnologen bezeichnen Gesellschaft vielleicht als einen auf Riten, Werten und Regeln bestehenden Zusammenschluss von Menschen. Für Historiker ist Gesellschaft ein Ablauf von Ereignissen, ein kontinuierliches Entstehen und Vergehen von Formen des Zusammenlebens und deren Wirkungen. Für Ökonomen ist Gesellschaft eine Art und Weise, wie Güter erzeugt, verteilt, vermarktet werden. Für Philosophen stehen Fragen von Sinn, Ethik, Widersprüche, das Verhältnis der Person und des »Ganzen« im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.

Gesellschaft ist aber aus aber zumindest zwei Gründen nicht objektiv beobachtbar: erstens, weil wir selbst Teile der Gesellschaft sind; und zweitens ist Gesellschaft kein Ding, sondern ein Konstrukt: etwas, das wir als ein Ganzes definieren. Konstrukte sind subjektiv und nicht beobachtbar, auch nicht für Außerirdische. Sie existieren nur in unseren Köpfen und werden von jedem Menschen anders definiert. So gesehen kann weder ich noch die Wissenschaft, die Kunst oder E. T. etwas über die Gesellschaft sagen, das den Anspruch auf Objektivität erfüllen könnte. Über die Gesellschaft können nur Thesen formuliert werden.

2.2Vier Thesen über Gesellschaft

Ich stütze mich gern auf Theorie. Wenn es um Thesen über Gesellschaft geht, erscheinen mir die Soziologie und Systemtheorie diesbezüglich als besonders hilfreich:

 1)Gesellschaft ist ein Kommunikationssystem.

 2)Gesellschaftliche Kommunikation ist Kommunikation über Gesellschaft.

 3)Gesellschaftliche Kommunikation erzeugt die Rahmenbedingungen für ihre eigene Kommunikation.

 4)Gesellschaft muss ihre eigene Komplexität einfangen.

These 1: Gesellschaft ist ein Kommunikationssystem

Normalerweise fällt uns zur Gesellschaft ein, dass sie aus Menschen besteht. Wir sind Teil der Gesellschaft und erleben diese von dem Punkt aus, an dem wir selbst stehen. Unser Verständnis, unsere Einschätzung von Gesellschaft wird zudem durch die Perspektive jener Gruppen von Menschen geprägt, denen wir uns jeweils zugehörig fühlen: unserer Generation, unserem Geschlecht, unserem geografischen Lebensraum, unserer sozialen Schicht, den Menschen aus unserem Arbeitsumfeld. Jede dieser Zugehörigkeiten erzeugt für jeden und jede von uns ein eigenes, besonderes Bild von Gesellschaft. Die Gesellschaft gibt es also nicht.

Aus systemtheoretischer Sicht ist Kommunikation der zentrale Begriff zur Definition sozialer Systeme. Gesellschaften sind soziale Systeme, die wie alle sozialen Systeme durch Kommunikation entstehen, aufrechterhalten werden und sich durch sie verändern. Lateinisch communis bedeutet »eins werden«. Gesellschaften erzeugen sich gleichsam in dieser »kommunikativen Einheit« immer wieder neu, indem Kommunikation an Kommunikation anschließt und damit ermöglicht, dass der Rohstoff des Systems, Kommunikation, immer vorhanden ist und das System daher immer lebendig bleibt. In der systemischen Begrifflichkeit wird dieser Prozess der kontinuierlichen Selbsterschaffung »Autopoiese«19 genannt.

Durch Kommunikation erschaffen wir aber nicht nur jene sozialen Systeme, in denen wir leben, sondern wir definieren zugleich eine Systemgrenze, innerhalb derer ein »Wir« entsteht. Durch diese Grenzziehung schaffen wir auch eine Umwelt und damit die »anderen«, die nicht zu uns gehören, die außerhalb unserer Systemgrenzen sind. Kommunikation unterscheidet und verbindet zugleich. Die Frage, wer zu diesem »Wir« dazugehört, wer sich diesem »Wir« zugehörig fühlt, wird durch Kommunikation bearbeitet und entschieden.20

These 2: Gesellschaftliche Kommunikation ist Kommunikation über Gesellschaft

Kommunikation hält die Gesellschaft zusammen, definiert ihre Grenzen, ihre gesellschaftliche Identität, beschreibt die gemeinsamen und unterschiedlichen Werte, die dieses »Wir« oder »unsere Kultur« gegenüber den »anderen« ausmacht. Durch Kommunikation gestaltet sich das Zusammenleben oder das Verhältnis zwischen dem Einzelnen und der Gesellschaft, durch Kommunikation eignet sich jeder und jede von uns die Welt und die Gesellschaft an und bestimmt die Entwicklungen, die diese »Weltbeziehungen« nehmen.21

Dirk Baecker gliedert die zentralen Inhalte gesellschaftlicher Kommunikation in drei Themen, die »Minimalbedingungen« für das Leben einer Gesellschaft darstellen und permanent bearbeitet werden müssen:

»Die erste Minimalbedingung lautet, dass es weitergeht. Und die zweite lautet, dass das, was da weitergeht, nach wie vor als Gesellschaft (und nicht als etwas ganz anderes) erkennbar ist. Eine dritte Minimalbedingung ist […]: Offenbar muss es eine Erkenntnisleistung geben, die die Gesellschaft als Gesellschaft wiedererkennt.«22

Die Kommunikation in und über die Gesellschaft ist also auf das Weiterleben der Gesellschaft, auf ihre Zukunft, ihre Identität und Wiedererkennbarkeit sowie auf ihre Selbsterkenntnis gerichtet.

These 3: Gesellschaftliche Kommunikation erzeugt die Rahmenbedingungen für gesellschaftliche Kommunikation

Wie unterscheidet sich Gesellschaft von anderen sozialen Systemen, etwa einer Organisation, einer Gruppe oder einer Familie? Welche spezifischen Unterscheidungsmerkmale zeichnen die Gesellschaft aus? In der soziologischen Literatur werden fünf Merkmale von Gesellschaft genannt, die einen Unterschied zu anderen sozialen Systemen markieren:

 Inklusion bedeutet, dass man in einer Gesellschaft normalerweise – etwa durch Geburt, durch Rituale – automatisch dazugehört und an der gesellschaftlichen Kommunikation beteiligt ist. Der Ausnahmefall ist Exklusion, der Ausschluss aus der Kommunikation der Gesellschaft. Damit spricht man Menschen die Mitgliedschaft ab und macht sie zu Außenseitern. Nachdem Gesellschaft auch immer ein Schutz – gegen die Natur, gegen Gewalt oder gegen Hunger – war, bedeutete der Ausschluss meistens den Tod. Gesellschaftlicher Tod war körperlicher Tod. Das ist heute noch so.

 Koppelung: Individuen in Gesellschaften sind lose gekoppelt, also nicht unbedingt direkt und persönlich miteinander verbunden, sondern durch ihre Mitgliedschaft in der Gesellschaft. Sie müssen einander nicht kennen oder etwas miteinander zu tun haben. Es genügt, dass sie sich durch Kommunikation zu dieser Gemeinschaft zugehörig fühlen.

 Zwecklosigkeit: Eine Gesellschaft dient keinem Zweck und keinem Ziel, das sie von einer außenstehenden Instanz erhält. Gesellschaften haben nur den Zweck, weiter zu existieren. Gesellschaft ist, so gesehen, ein Selbstzweck.

 Lebensraum: Gesellschaft ist der ultimative Raum unseres Lebens, die Welt, die uns umschließt und die unser Leben prägt. Unser Leben wird durch unseren Platz in der Gesellschaft und unser Verhältnis zu ihr bestimmt. Gesellschaft schwingt in uns selbst. Hartmut Rosa untersucht diese Resonanzen, die Gesellschaft in uns auslöst, die wir als Teil der Gesellschaft auf diese entwickeln und die entscheidend dafür ist, wie wir selbst in der Gesellschaft stehen.

»Meine These ist, dass es im Leben auf die Qualität der Weltbeziehung ankommt, das heißt auf die Art und Weise, in der wir als Subjekte Welt erfahren und in der wir zur Welt Stellung nehmen; auf die Qualität der Weltaneignung.«23

Wenn wir also von Gesellschaft als Lebensraum sprechen, dann ist damit das Zusammenspiel von Menschen und der Gesellschaft gemeint. Dieses Verhältnis ist entscheidend für uns und die Gesellschaft:

»Ob Leben gelingt oder misslingt, hängt davon ab, auf welche Weise Welt (passiv) erfahren und (aktiv) angeeignet oder anverwandelt wird und werden kann.«24

 Grenzen der Gesellschaft: Immer wieder sind die Grenzen der Gesellschaft Thema gesellschaftlicher Diskussion: Wer gehört dazu, wer nicht?

In den vergangenen Jahren ist eine vollkommen andere, bisher wenig beachtete Grenze der Gesellschaft stärker ins Bewusstsein gelangt: die Grenze zur ökologische Umwelt, also zur Natur, in der und von der wir leben. Das Verhältnis von Gesellschaft und Natur war immer schon ein zentrales Thema der Menschen, das allerdings unterschiedlich interpretiert wurde und wird: Natur als Ressource, als Gefahr, als Quelle der Spiritualität oder als Quelle von Reichtum. Heute ist die Umwelt zum »Sorgenkind« der Menschheit geworden: Es ist das Bewusstsein von Grenzen zur Natur und auch von Grenzen der Natur entstanden, die nicht nur für einzelne Gesellschaften, sondern für die globale Gesellschaft relevant sind.

These 4: Gesellschaft muss ihre eigene Komplexität einfangen

Gesellschaften sind hochkomplexe Kommunikationssysteme. Um mit sich selbst umgehen zu können, um sich selbst steuerbar zu machen, um die eigene Komplexität zu bearbeiten, muss jede Gesellschaft eine innere Ordnung schaffen. Solche Ordnung entsteht, indem die Gesellschaft sich in einzelne Teilsysteme »portioniert« und strukturiert. Zu unterschiedlichen Zeiten, in unterschiedlichen Entwicklungsformen und unter unterschiedlichen Bedingungen waren jeweils unterschiedliche Ordnungskriterien maßgebend: vertikal etwa durch unterschiedliche Machtebenen und Hierarchien; horizontal etwa entlang von Arbeitsformen oder Ständen oder entlang von Familien oder Stämmen. Damit konnten innerhalb der Gesellschaft Zugehörigkeiten ausdifferenziert werden, die Orientierung und Sicherheit gaben.

Unsere moderne Gesellschaft gliedert sich in funktionale Teilbereiche, die für das Ganze der Gesellschaft wichtige Aufgaben – Funktionen – erfüllen: Bildungs-, Gesundheits-, Wirtschafts-, Sozialoder politisches System. Diese Differenzierung hilft den Mitgliedern der Gesellschaft, sich zurechtzufinden, zu wissen, wohin sie sich mit ihren unterschiedlichen Anliegen wenden können. Diese jeweiligen gesellschaftlichen Anliegen können von Organisationen bearbeitet werden.

»Ohne Differenzierung der Gesellschaft in Teilsysteme von geringerer Komplexität, etwa Systeme für Wirtschaft oder für Politik, für Erziehung oder für Kriegführung, gäbe es keine Eigenständigkeit von Organisationen.«25

2.3Wie verändert sich eine Gesellschaft?

Es ist schon schwierig, sich selbst zu ändern. Noch schwieriger ist es, andere Menschen, Familien oder Organisationen zu verändern. Fast unmöglich scheint es zu sein, die Gesellschaft zu verändern. Trotzdem kann man sagen: Jede Gesellschaft hat sich immer wieder verändert. Wie ist das gekommen?

Ausgehend von der Definition von Gesellschaft als Kommunikationssystem lässt sich schließen, dass auch Veränderung von Gesellschaften mit einer Veränderung von Kommunikation einhergeht. Diese Veränderungen können entweder durch innere Prozesse ausgelöst werden: Sei es der dialektische »Kampf der Widersprüche«, seien es Innovationen und Entdeckungen. Veränderungen können aber auch durch externe Ereignisse wie Naturkatastrophen oder andere Veränderungen der ökologischen Bedingungen ausgelöst werden.

Dirk Baecker sieht die wesentlichen Auslöser gesellschaftlicher Entwicklungssprünge in den Veränderungen der Medien und der Mittel der Kommunikation. Gesellschaftliche Veränderungen entstanden demnach durch

»die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks. Die Einführung der Sprache konstituierte die Stammesgesellschaft, die Einführung der Schrift die antike Hochkultur und die Einführung des Computers die nächste Gesellschaft«26.

In der Literatur finden sich sehr unterschiedliche Erklärungen für gesellschaftliche Veränderungen. Hier eine kleine Auswahl:

 Veränderung durch Zufälle

 Veränderung durch Erkenntnis

 Veränderung der materiellen Lebensbedingungen

 Veränderung durch Technologie und Innovation

 Veränderungen durch soziale Konflikte.

Alles Zufall

»Nichts auf der Welt ist so mächtig wie eine Idee, deren Zeit gekommen ist.« 27

Victor Hugo

Angeblich hatte man zur Zeit des Pyramidenbaus die Dampfmaschine schon erfunden. Doch wer braucht schon eine Dampfmaschine, wenn Sklaven billigere Produktivkräfte sind?

Das Schießpulver/Schwarzpulver wurde schon vor über 1000 Jahren in China erfunden und dort vor allem bei Festen und Feiern für Feuerwerke verwendet, lange bevor es in Europa bekannt und dann für Kriegswaffen verwendet wurde. Es war offenbar noch nicht die rechte Zeit dafür, solange man schöne Rüstungen und Burgen hatte, um Krieg zu führen.

Manche Veränderungen entstehen als kleine, unbeachtete Phänomene. Wenn mehrere Zufälle zusammenkommen, dann ist die Zeit einfach reif für einen Sprung in eine neue Richtung, man spricht dann von einem »tipping point«, einem Kipppunkt.

»Der Tipping Point ist der Moment der kritischen Masse, die Schwelle, der Hitzegrad, bei dem Wasser zu kochen beginnt.«28

Der Tipping Point markiert einen plötzlichen Wendepunkt, an dem etwas, das möglicherweise schon länger da ist, auf Umstände trifft, die ihm Kraft und Bedeutung geben. Wasser kocht nicht einfach so: Es braucht dazu ein Gefäß und Wärme. Der »Zufall« hat immer eine Geschichte, die diese Umstände, das jeweilige »Feld«, hervorgebracht hat: Zufällige Entdeckungen, künstlerische Kreativität, technische Innovationen haben die Gesellschaft oft von einem Moment auf den anderen nachhaltig verändert.

Veränderung durch Erkenntnis

»Jedes Tun ist Erkennen, und jedes Erkennen ist Tun!« 29

Humberto Maturana und Francisco Varela

Andere Erklärungen für die Entwicklung und Veränderung der Gesellschaft werden in den intellektuellen Fähigkeiten des Homo sapiens gesehen, der die Welt, in der er lebt, nicht nur zu erkennen vermag, sondern diese Welt durch Erkenntnis neu entwerfen und das eigene Leben darin gestalten und verändern kann.

Der Historiker Yuval Harari sieht die wesentlichen Impulse für gesellschaftliche Umwälzungen in drei großen intellektuellen Entwicklungsschritten der Menschheit:

 1)Die kognitive Revolution begann mit der Entwicklung der Sprache (vor circa 70.000 Jahren). Sprache hat die Welt für uns Menschen vollkommen verändert und erweitert. Das Besondere an der menschlichen Sprache ist die Möglichkeit und Fähigkeit, mit ihrer Hilfe extrem viel Information zu sammeln. Sprache machte möglich, dass Menschen sich über ihren bisherigen Lebens- und Denkrahmen hinaus austauschen konnten. Durch Sprache konnten Geschichten und konnte Geschichte entstehen und über Generationen und Regionen hinweg weitererzählt werden. Komplexe Situationen konnten besprochen und Kooperationen entwickelt werden. Sprache ermöglicht Abstraktion.

»Das Einmalige ist, dass wir uns über Dinge austauschen können, die es gar nicht gibt.«30

Durch Sprache konnte reflektierendes Ich-Bewusstsein entstehen, die Worte »Ich« und »Wir« sind Ergebnisse einer – sprachlichen – Selbstbeobachtung und Selbstunterscheidung, oder, wie Heinz von Foerster es ausdrückt: Begriffe zweiter Ordnung. Die Entwicklung der Sprache hat die Gesellschaft massiv verändert: Die Welt erhielt eine Geschichte, entwickelte größere Stämme und mehr Territorium.

 2)Durch die landwirtschaftliche Revolution vor circa 10.000 Jahren setzte – ausgelöst durch neue Erkenntnisse über die Natur und ihre Nutzung –, das Sesshaftwerden der Menschen ein. Wandern, Jagen und Sammeln wurden von Sesshaftigkeit, Tierzucht und -haltung und Ackerbau abgelöst. Neue Formen der Sicherung von Lebensgrundlagen entstanden: Lagerung von Überschüssen, Bildung von Eigentum und die Entwicklung von Hierarchie mit dem Ziel, das neue, komplexere Leben zu ordnen. Diese Revolution ist bis heute die bestimmende Grundlage unseres gesellschaftlichen Lebens und Wirtschaftens.31 Auf dieser Grundlage sind Städte, Nationen, Handel und Religionen entstanden. Einen großen Umbruch der Gesellschaft markiert der Beginn der Neuzeit, der durch die wissenschaftliche Revolution eingeleitet wurde.

 3)Die wissenschaftliche Revolution des 15. und 16. Jahrhunderts löste eine fundamentale Veränderung der Gesellschaft aus: Neue Technologien und fundamentale naturwissenschaftliche Entdeckungen brachten vollkommen neue Weltbilder hervor und lösten die Bedeutung von Religion und Kirche als Instanz der Welterklärung ab. Die wissenschaftliche Revolution wurde durch Nikolaus Kopernikus eingeleitet, der ein neues Weltbild zeichnete, das dem der Kirche fundamental widersprach: Die Kirche sah die Erde im Zentrum des Universums, die Sonne umkreist die Erde. Laut Kopernikus steht die Sonne im Mittelpunkt unseres Universums, die Erde kreist als einer ihrer Planeten um sie, wie später Galileo Galilei bestätigte und weiter erforschte. Diese Erkenntnis, ausgelöst durch den Blick durch ein Fernrohr, war Gottes- bzw. Kirchenlästerung. Dafür wurde er von der katholischen Kirche bestraft und entkam nur knapp seiner Hinrichtung.32

Alle diese großen Umbrüche – so kann man schließen – wurden durch Entwicklungen des Gehirns und der wachsenden geistigen Fähigkeiten der Menschen ausgelöst. Die letzte dieser drei Revolutionen leitete die »Moderne«, die europäische Neuzeit, ein und bestimmt bis heute unser westliches Weltbild: das naturwissenschaftlich-technische Paradigma.

Gesellschaftliche Veränderung ist Veränderung der materiellen Lebensbedingungen

»It’s the economy, stupid!« 33

James Carville

Der Begriff Ökonomie beschreibt die Formen der Sicherung des Lebens der Menschen und deren materielle Grundlage: von der Herstellung über die Verteilung und Verbreitung materieller Güter – also Produktion, Handel, Konsumation von materiellen Gütern bis zur Verteilung des materiellen Wohlstands, der daraus entsteht. Die wissenschaftliche Ökonomie hat zahlreiche Konzepte und Modelle hervorgebracht, die die Veränderungen des gesellschaftlichen Wirtschaftens beschreiben. Es sind Modelle, keine Wahrheiten.

Karl Marx entwickelte eine auf Adam Smiths Arbeiten beruhende Theorie der Ökonomie und stellte die These auf, dass die Ökonomie die Grundlage aller gesellschaftlichen Entwicklungen ist. Es ist das gesellschaftliche »Sein«, das das »Bewusstsein« und damit das Handeln der Menschen bestimmt. In dieser »materialistischen« Tradition entwickelte der russische Ökonom Nikolai Kondratieff eine »Wellen-Theorie«, die auf der These basiert, ökonomische Veränderungen seien Treiber der gesellschaftlichen Veränderungen.34 Er beschreibt die Entwicklung der modernen Ökonomie als wellenförmige, zyklische Prozesse, die nach ihm benannten Kondratieff-Zyklen, die immer wiederkehrende Phasen des Wachstums, des Niedergangs und der Erneuerung sind (siehe Abb. 9).

Die ökonomischen Wellenbewegungen werden jeweils durch neue Produktionsmittel und Technologien ausgelöst und dauern in der modernen Industriegesellschaft etwa 40–60 Jahre: Die Dampfmaschine beendete beispielsweise die agrarisch geprägte Ökonomie; sie ermöglichte die erste Industriegesellschaft und die Massenproduktion von Gütern. Die nächste Welle wurde durch die Erfindung des Stahls ausgelöst, wodurch vollkommen neue und stabilere Güter erzeugt werden konnten. Die Nutzung von Elektrizität und Chemie führte zur dritten großen Welle der ökonomischen Entwicklung, die wieder neue Industrien und Produkte, aber auch neue Lebensformen hervorbrachte.


Abb. 9: Kondratieff-Zyklen35

Kondratieffs Wellenmodell beginnt bei der Dampfmaschine und endet vorläufig mit der vierten ökonomischen Welle der Nutzung fossiler Energiequellen. Jede Welle weist einen Prozess der Veränderung auf: vom beginnenden Wohlstand (»prosperity«) über einen Rückgang des Wohlstands (»recession«) zur ökonomischen Krise und Depression (»depression«) bis hin zu einem erneuten Aufschwung, einer Verbesserung (»improvement«) der Wirtschaft.

Der deutsche Zukunftsforscher und Mitglied des Club of Rome Leo A. Nefiodow setzt auf diesem Modell auf und prognostiziert eine sechste Welle, ausgelöst durch die neuen Informationstechnologien. Seine Prognose für die Zukunft lautet: Das 21. Jahrhundert wird das Zeitalter der Kooperation sein, nachdem die Phasen davor eine so hohe Komplexität von Ökonomie und Gesellschaft geschaffen haben, dass die daraus entstehenden Probleme nur durch Kooperationen gelöst werden können. Diese Theorie wurde von vielen Ökonomen aufgegriffen.36

Auch der Ökonom Jeremy Rifkin sieht die Ökonomie als Treiber von gesellschaftlichen Veränderungen, allerdings nur dann, wenn noch weitere Faktoren dazukommen:

»Die wesentlichen ökonomischen Umwälzungen der Geschichte haben einen gemeinsamen Nenner: Alle erfordern sie drei Elemente, die im wechselseitigen Miteinander das Funktionieren des Systems als Ganzes ermöglichen: ein Kommunikationsmedium, eine Energiequelle und einen Transportmechanismus.«37

Der Wirtschaftsforscher Stephan Schulmeister sieht die Impulse, die die Geschichte vorantreiben, ebenfalls in der Ökonomie und in den Unterschieden bzw. Gegensätzen von Klasseninteressen. Drei Faktoren wirken auf die Geschichte ein:

»Erstens, eine schwere Krise und damit eine wachsende Zahl von Erniedrigten, zweitens, eine Organisation ihrer Interessen, und drittens, eine ›Navigationskarte‹, welche der Bewegung Orientierung und Ausdauer verleiht.«38

Veränderung durch Technologie und Innovation

»Für welches Problem ist die Digitalisierung eine Lösung?« 39

Armin Nassehi

Ganz im Sinne der genannten Autoren und Autorinnen wird der technologischen Revolution durch die Digitalisierung der Kommunikation eine besondere Bedeutung und Wirkung auf die aktuelle Veränderung nicht nur der Ökonomie, sondern vor allem unserer Gesellschaft zugeschrieben.

Die Erfindung von einfachen Maschinen, des Mikroskops, der Dampfmaschine oder des mit fossiler Energie betriebenen Verbrennungsmotors, der Telegrafie oder von elektrisch betriebenen Geräten: Jede dieser Innovationen hat die Welt massiv verändert. Wir sprechen von industriellen Revolutionen. Das 19. und 20. Jahrhundert stehen im Zeichen der Automobilindustrie: Die durch das Auto bestimmte Welt wurde mit neuen Straßen durchpflügt, riesige Städte entstanden rund um die Automobilfabriken, die gesellschaftliche Mobilität erhöhte sich dramatisch.

Heute stehen wir am Übergang der Industriegesellschaft in eine digitale Gesellschaft.

»Wir haben es mit nichts Geringerem zu tun als mit der Vermutung, dass die Einführung des Computers für die Gesellschaft ebenso dramatische Folgen hat wie zuvor die Einführung der Sprache, der Schrift und des Buchdrucks.«40

Digitalisierung und die damit verbundene Globalisierung haben nicht nur die Welt dramatisch und fundamental verändert, sondern auch die Formen bisheriger Veränderungen verändert, darüber besteht kein Zweifel: Wir leben, arbeiten und fühlen anders, sind anders in der Welt, sehen unsere bisherigen Orientierungskoordinaten – Raum und Zeit – verschwinden. Wir kommunizieren und kooperieren über Raum und Zeit hinweg. Die Resonanzen unseres In-der-Welt-Seins verändern sich. Wir können unsere Welt und uns selbst zunehmend in immer kleinere Elemente zerlegen, immer mehr messen, immer genauere Aussagen über uns selbst und über die Welt machen. Wir schaffen uns – wie Kucklick es ausdrückt – eine »granulare Welt«.41 Indem wir die Welt, uns selbst und alle unsere Tätigkeiten immer feiner und differenzierter zerteilen und messen können, entsteht für uns eine neue Realität, die wir wieder neu – zerlegt in Daten – kommunizieren. »Bits and bytes« werden zum Maß der Kommunikation.

»Die bisherige Gesellschaft war wie aus Billardkugeln zusammengesetzt, die wir im Laufe der Zeit gelernt haben, zu einem belastbaren Gebilde zu arrangieren. Nun werden diese Kugeln nach und nach durch winzige Schrotkugeln ersetzt. Das verändert radikal den sozialen Aggregatzustand und die gesellschaftliche Statik – und zwingt uns dazu, neue Weg zu finden, aus den feineren Praktiken eine stabile Ordnung zu bauen.«42

Die Technologie der Digitalisierung bildet

»die Grundlage für die völlige Reorganisation ganzer Branchen, aber auch für neue Formen öffentlicher Kommunikation und politischer Organisation. Vor dem Hintergrund ist es wichtig, der möglichen Reform unserer Wirtschaftsordnung mit hoher Technologieoffenheit zu begegnen«43.

Technische Innovationen haben immer schon die Welt verändert. In der Digitalisierung vor allem der Kommunikationstechnologie liegen Chancen, Gefahren und Potenziale. Die Geschichte wird gerade neu geschrieben. Wir sind mittendrin und wissen noch nicht, wohin diese Reise uns führt.

»Die Geschichte hat sich noch nicht für ein Ziel entschieden – welchen Weg sie einschlagen wird, könnte noch immer von einer Vielzahl von Zufällen abhängen.«44

Veränderungen durch soziale Konflikte

Soziale Konflikte, gemäß Karl Marx »Klassenkämpfe«, werden im Allgemeinen von »unten nach oben« geführt. Akteurin dieser Kämpfe ist in der heutigen Sprache die »Zivilgesellschaft«. Ihr kommt eine tragende und zentrale Rolle bei gesellschaftlichen Veränderungen zu. Bewegungen der Zivilgesellschaft leisten einen unersetzlichen und wichtigen Beitrag zu gesellschaftlichen Entwicklungen und Veränderungen, indem sie blinde Flecken und Defizite in der Gesellschaft sichtbar machen. Sie legen den Finger in offene Wunden, sie weisen auf ungelöste Widersprüche hin, sie liefern neue, kreative Experimente und zeigen Alternativen zu den Normen des gesellschaftlichen und auch des organisationalen Lebens auf. Uwe Schneidewind bezeichnet sie als »Taktgeber der Großen Transformation«45.

Solche Bewegungen hat es immer schon gegeben: Sklaven- und Bauernaufstände, Hungerrevolten, Bürgerrechtsbewegungen, Frauenbewegungen, Arbeiterbewegungen, heute Klimaschutzbewegungen. Sie alle haben die Gesellschaft verändert.

Soziale Bewegungen sind eine autonome, selbstorganisierte Menge von Menschen, die durch ein gemeinsames Anliegen verbunden sind. Luhmann beschreibt soziale Bewegungen als eine Form »kollektiven Verhaltens«:

»Als kollektives Verhalten bezeichnet man Massenaktionen, politische Demonstrationen, öffentliche Versammlungen, Umzüge mit einem faktisch nicht limitierten Zugang für Interessenten und Entwicklungstendenzen, die sich aus der Logik der Interaktion ergeben und den Beobachtern oft als ›spontan‹ oder als ›irrational‹ erscheinen.«46

Zivilgesellschaftliche Bewegungen unterscheiden sich von »der Gesellschaft« durch ihre gemeinsame Ausrichtung auf ihre Anliegen. Sie adressieren diesbezüglich Ziele und Wünsche an einen anderen Teil der Gesellschaft und haben damit auch eine »Gegnerschaft«, die sie als Hindernis bei der Umsetzung dieser Ziele sehen. Erfolgreich sind zivilgesellschaftliche Bewegungen, wenn ihre Ziele und Anliegen in politische Entscheidungsprozesse aufgenommen und im gesellschaftlichen Leben umgesetzt werden.

»In einem normativen Verständnis steht die Zivilgesellschaft für das ›zivile‹, d. h. demokratische humanistische Zusammenleben von Menschen in Gesellschaften und für den kritischen Umgang mit bestehenden Entscheidungsinstanzen in Politik, Wirtschaft und Verwaltung.«47

In der aktuellen Entwicklung schließen sich immer mehr Menschen zu Bewegungen zusammen, die Formen und Methoden des emanzipatorischen Kampfes für nachhaltige und humanistische Interessen und Ziele übernehmen. Um es noch deutlicher abzugrenzen, betont Uwe Schneidewind:

»In diesem normativen Sinn sind organisierte Gruppen, die antiaufklärerische, fundamentalistische, rassistische, demokratiefeindliche und/oder diskriminierende Ideologien in die Gesellschaft tragen, nicht als ›Zivil‹gesellschaft zu sehen.«48

Zivilgesellschaftliche Bewegungen sind »Kinder einer Gesellschaft«, allerdings sind sie kritische Kinder. Sie greifen nicht nur gesellschaftliche Themen auf, sie vertreten im Allgemeinen auch bestimmte Werthaltungen und gesellschaftliche Zukunftsbilder. Sie sind – je nach ihren Themen und Zielen – sehr unterschiedlich: Manche Bewegungen wirken wie romantische Lagerfeuergemeinschaften, manche agieren wie subversive Kampftruppen, manche sind elitäre Diskussionszirkel, sehr viele sind aber auch professionell organisierte Organisationen und kooperieren über den gesamten Globus hinweg.

So weit der Versuch einer Beschreibung von Gesellschaft und ihren Möglichkeiten der Veränderung. Unser Bezugsrahmen ist gesellschaftliche Transformation. Das führt zur nächsten Frage: Was sollte sich verändern und warum? Um die Gesellschaft »beraten« zu können, brauchen wir einen Auftrag.

3Problembeschreibung und Auftragsklärung
3.1Die Probleme der Gesellschaft – erste Bestandsaufnahme der Krise

Unsere Weltgesellschaft steckt in einer Krise. Darüber besteht ein gesellschaftlicher Konsens. Der öffentliche Diskurs ist stark von Problembeschreibungen und Zukunftsängsten geprägt. Es ist beeindruckend, wie viele Publikationen über den Zustand der Gesellschaft in den vergangenen fünf Jahren erschienen sind. Viele davon sind Problemanalysen, andere sind Lösungsempfehlungen. Um einen gewissen Überblick über Problembeschreibungen zu gewinnen, greife ich auf die Erkundungen und Erkenntnisse von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen sowie Experten und Expertinnen zurück.

Die Welt, vor allem die westliche Welt, wurde schon oft von Krisen gebeutelt und hat sich laufend verändert. Eine fundamentale Krise der Neuzeit war vermutlich das Ende der Herrschaft der katholischen Kirche und der Beginn der Aufklärung im 16. Jahrhundert. Das Menschen- und Weltbild veränderte sich, der Alleinanspruch der Kirche, die Wahrheit zu kennen und zu definieren, ging zu Ende. Die Welt, die Gesellschaft und vor allem der Mensch wurden durch die neuen wissenschaftlichen Erkenntnisse und durch die Philosophie der Aufklärung neu gezeichnet. Der Paradigmenwechsel wurde also zwischen Kirche und Wissenschaft, zwischen religiösem Dogma und Aufklärung ausgetragen. Dieser Kampf ist noch immer nicht ganz entschieden: Wir drohen derzeit durch religiösen Fundamentalismus und alte Herrschaftsideen wieder ins Mittelalter zurückzufallen.

Autoren und Autorinnen aus den unterschiedlichen wissenschaftlichen Feldern beschreiben die derzeitige krisenhafte Situation unserer Gesellschaft als fundamentalen Umbruch, der eine Reihe von Problemstellungen umfasst:

 Bindung geht verloren: Vertraute Prinzipien und Spielregeln des gesellschaftlichen Umgangs und Zusammenlebens verändern sich: Wir sind Egoisten geworden, und ein »Verlust des Mitgefühls«49 bestimmt unser Zusammenleben.

 Die Welt ist unverständlich: Wir verstehen die komplexe Welt nicht mehr und erkennen, dass wir die Welt mit reiner Logik und mit Informationen allein nicht mehr erklären können, wie das seit der Aufklärung unterstellt wurde. Wir sind daher darauf angewiesen, unseren Autoritäten zu vertrauen. In der Coronakrise müssen wir unseren Virologen und Virologinnen sowie den Politikern und Politikerinnen vertrauen, wir haben keine Chance, ihre Aussagen zu überprüfen. Wir glauben jenen, die wir für glaubwürdig halten.

 Das Ende der Wahrheit: Indem wir die Welt kaum noch verstehen, entscheiden wir notgedrungen aus dem Bauch heraus, auch wenn wir offenkundig angelogen werden.50 Sobald Politiker und Politikerinnen unsere Liebe gewonnen haben, ist es uns egal, ob sie lügen oder nicht. Wesentlich trägt dazu eine immer mehr um sich greifende Verdummung durch die digitalen Echokammern51 bei, in denen sich wiederholende einfache Gedanken immer wieder bestätigen, bis sie zur »gefühlten Wahrheit« werden.

 Wahlunfreiheit: Wir können beobachten, wie wir unsere Freiheit und Wahlfreiheit aufgeben, uns bei politischen Entscheidungen von gutem Marketing leiten lassen. Unsere Wahlfreiheit verlagert sich auf die Entscheidungen zwischen Waschmitteln, Automarken oder Urlaubsdestinationen. Wir gehen freiwillig in die Unfreiheit, wie Timothy Snyder es formuliert.52

 Markt macht Politik: Politik ist zu einem von vielen Aspekten der Wirtschaft verkommen. Politisches Wahlverhalten wird von gut orchestrierten Kommunikations- und Marketingteams gemanagt, es geht um »Marktanteile«, die mittels »Marktanalysen« gesteuert werden.53 Bürger und Bürgerinnen sind zu »Konsumenten« von Politik geworden.

 Kommunikation als Kampfplatz: Wir erleben, wie in der öffentlichen Kommunikation laufend Tabus gebrochen werden und eine Normalisierung von Hass und Rassismus stattfindet.54 Dahinter steht ein Auseinanderdriften und eine Polarisierung der Gesellschaft, eine Radikalisierung in vielerlei Hinsicht: religiös, national, rassistisch. Ein Unterscheidung von »Ich und die anderen«55, wie die Philosophin Isolde Charim ihr Buch betitelt.

 Das Herz schlägt rechts: Und nicht zuletzt können wir einen globalen politischen Rechtsruck beobachten, der durchaus innerhalb demokratischer Regeln und durch Wahlen wächst und die Demokratie von innen her zerfrisst. Regula Stämpfli nennt diese Entwicklung »Trumpismus«.56 Diese Entwicklung hat vermutlich sehr viele Ursachen. Eine davon liegt in dem Bündnis zwischen den Eliten einer Gesellschaft und dem Pöbel, wie Hannah Arendt es formuliert:

»Only the mob and the elite can be attracted by the momentum of totalitarianism itself. The masses have to be won by propaganda.«57

Diese Liste von Phänomenen der derzeitigen Krise ließe sich noch verlängern. Aber die hier aufgelisteten Beschreibungen sind Grund genug, Veränderungen zu wünschen. Die Krise liegt förmlich in der Luft, und sie ist für uns existenziell bedrohlich.

Die großen Themen der Transformation

Jeremy Rifkin nennt das Zusammentreffen neuer Produktionsmittel und neuer Kommunikationstechnologien als den wichtigsten Auslöser gesellschaftlicher Veränderungen.58 Wir befinden uns heute mitten in einer technologischen Veränderung weg von der fossilen Industriegesellschaft hin zu einer digitalen Gesellschaft. Die digitale Technologie verändert vor allem unsere Kommunikation, die ja das Kernelement der Gesellschaft ist, vollkommen. Wir haben die Krise in ihren Erscheinungsformen beschrieben. Doch worum geht es inhaltlich bei dieser Krise? Welche Themen und Fragen beschäftigen uns heute, welche Gegensätze bestimmen unsere Krise? Was ist heute das »Alte, das stirbt«, und was ist das »Neue, das geboren werden will« (siehe Abb. 3)?

Meine Beobachtung des öffentlichen Diskurses in Medien, wissenschaftlichen Untersuchungen, aber auch der Problemstellungen von Unternehmen, die auf diese Herausforderungen reagieren müssen, führen mich zu drei großen Themenfeldern, die sich, da sie noch nicht gelöst sind, als Krisenfelder zeigen und sich als die Kernelemente der aktuellen gesellschaftlichen Krise zusammenfassen lassen:59

 die ökologische Krise: Zerstörung unseres Lebensraums Natur, der Umwelt durch Erderwärmung, Verschmutzung und Vernichtung.

 die ökonomische Krise, entstanden aufgrund der Übermacht des Marktes gegenüber der Politik, der Übermacht der Finanzwirtschaft gegenüber der Realwirtschaft, von internationalen Konzernen gegenüber kleineren oder auch lokalen Unternehmen, führt zu einer immer größeren Unausgewogenheit in der Wirtschaft.

 die Demokratiekrise: Die Institutionen der Demokratie werden zunehmend angegriffen und infrage gestellt und dienen sogar als Rahmen für die Legitimierung von Demokratiezerstörung, indem autokratische Politik sich durch Wahlen legitimiert. Bürger und Bürgerinnen werden zu Konsumenten umgedeutet, die die Wirtschaft durch ihren Konsum am Laufen halten.

Philipp Blom hat die vielfältigen Themen der Krise und die zentralen Herausforderungen, vor denen wir als Gesellschaft stehen, mit drei Begriffen umrissen:

»Die Erderwärmung, die Digitalisierung und die Umerzählung des Menschen zu Verbrauchern sind Produkte der industriellen Revolution, der Massenproduktion, des Erdöls. Alle drei haben neue Voraussetzungen für den Erfolg und das Versagen von Gesellschaften geschaffen. Der Umgang mit allen dreien wird entscheidend dafür sein, ob und inwiefern die kommenden Veränderungen katastrophal sein werden oder auch Chancen bieten, sie nicht nur zu erleiden, sondern zu gestalten und zu nutzen.«60

Ähnlich beschreiben auch die Ökonomen Heiner Flassbeck und Paul Steinhardt die großen Themen unserer Gesellschaft:

»Heute sind die Aufgaben, die es auf der globalen Ebene zu bewältigen gilt, viel umfassender und komplexer. Insbesondere muss die ökologische Dimension der globalen Zusammenarbeit mit der ökonomischen Dimension in Einklang gebracht werden. Es ist keine Übertreibung, wenn man konstatiert: Die Staatengemeinschaft steht heute vor den größten Herausforderungen der Menschheitsgeschichte.«61

Zusammengefasst lassen sich die großen Themen der gesellschaftlichen Krise wie in Abbildung 10 darstellen.


Abb. 10: Die großen Herausforderungen der Gesellschaft

Die Komplexität der derzeitigen globalen Krise liegt darin, dass jede dieser einzelnen Herausforderungen mit den beiden anderen verbunden ist, dass jede Krise für die jeweils andere Ursache und Wirkung zugleich ist, sodass Lösungen nur im Zusammenspiel dieser Themenstellungen möglich sind. Wir haben es mit kybernetischen Regelkreisen, mit Wechselwirkungen und Unberechenbarkeit zu tun: Unsere Welt ist »VUCA« geworden, wie man sagt, volatil, unsicher, komplex und ambig (mehrdeutig), und damit der Interpretation ausgeliefert.

Insgesamt kann man die Krise auch als einen globalen und tiefen Verlust von Balance betrachten, als Einseitigkeit, Schieflage und Ausblenden der Komplexität der Welt.

Um es nicht zu einfach erscheinen zu lassen: Sofern wir als Gesellschaft uns vornehmen, diese miteinander verwobenen Krisen zu lösen, müssen wir es auf eine Art und Weise tun, die uns als Gesellschaft zivilisatorisch weiterbringt und nicht zurückwirft. Wir brauchen also eine globale Veränderung zweiter Ordnung, einen fundamentalen Musterwechsel. Das wäre dann alles, soweit.

3.2Wege aus der Krise – ein Prozess

Ich habe die Krise der gegenwärtigen Gesellschaft in ihrer Dynamik, ihren Erscheinungsformen und Inhalten mithilfe der Literatur und aus großer Flughöhe skizziert. Die spannende Frage aber lautet: Wie kommen wir aus dieser Krise wieder heraus? Wie verhindern wir, dass wir darin stecken bleiben oder dass die Veränderung zerstörerisch explodiert? In der Vergangenheit wurden auf diese Fragen unterschiedliche Antworten gegeben:

 Die Aufklärung entwickelte ein Menschenbild, das auf Vernunft (im Unterschied zum Glauben) aufbaut:62 Der vernunftbegabte Mensch ist für sich und die Entwicklung der Gesellschaft verantwortlich. Der logisch denkende Mensch steht im Zentrum gesellschaftlicher Veränderung.

 Die marxistische und später die kommunistische Sicht auf Veränderungsprozesse sind vom Prinzip des Klassenkampfes bestimmt:63 Gesellschaftliche Veränderung könnte, so die Annahme, nur durch einen revolutionären Umsturz nach dem Vorbild der Französischen Revolution entstehen.

 Seit der industriellen Revolution wurden Veränderungsprozesse als machbar, gestaltbar, steuerbar und einer technisch-linearen Logik folgend konzipiert.64

Alle diese Vorstellungen sind unter den jeweiligen historischen Umständen entstanden. Unsere Veränderungsvorbilder stammen aus alten Zeiten mit alten Methoden und alten Zielen.

Was wäre also heute eine geeignete Vorstellung von Veränderungsprozessen, wenn Erklären, Verstehen und einfache lineare Modelle offenkundig nicht funktionieren und gewaltsamer Umsturz nicht akzeptabel ist?

Es ist eine der vielen »prinzipiell unentscheidbaren Fragen«, wie Heinz von Foerster es nennt: Was ist ein guter Weg aus der Krise – und wie kommen wir in eine neue, bessere Situation?

In einer komplexen und kritischen Situation gibt es keine richtigen oder falschen Antworten. In unübersichtlichem Gelände können Landkarten allerdings hilfreich sein. Sie dampfen Komplexität ein, sie geben die für uns relevanten Informationen, sie vereinfachen unsere komplexe Welt. Man sollte aber immer wissen, dass die Landkarte kein exaktes Abbild der Landschaft ist. Landkarten dienen der Orientierung in der Welt: Sie weisen bestimmte Zeichen und Symbole auf, etwa das Zeichen für »Ein-Nordung«, den Maßstab der Entfernungen und diverse Symbole für Straßen, Berge, Flüsse oder unterschiedliche Farben für Höhenlagen. Landkarten beschreiben unterschiedliche Schwerpunkte der Welt, etwa geologische, politische oder Straßen.

Aufbauend auf dem integrierten dialektischen und systemischen Bild von Transformation, das in Abschnitt 1.4 vorgestellt wurde, sieht die Landkarte für das Gelände gesellschaftlicher Herausforderungen und Transformation jetzt wie in Abbildung 11 aus.

Mithilfe dieser Landkarte können wir gemeinsam wandern, Schritt für Schritt.


Abb. 11: Landkarte der Dynamik gesellschaftlicher Herausforderungen

3.3Der Auftrag

Die Auftragsklärung und -formulierung ist für Berater und Beraterinnen von Organisationen nicht immer einfach. Meistens braucht man ein paar Gesprächsrunden, bis entschieden und vereinbart ist, dass und wie zusammengearbeitet werden soll.

Wer aber erteilt einen Auftrag für Beratung und Transformation der Gesellschaft? Wir alle sind Gesellschaft. Niemand kann sich herausstellen. Außerhalb von uns allen, außerhalb der globalen Gesellschaft, ist die ökologische Natur, dann kommt schon das Universum.

Um die Frage nach dem möglichen Auftraggeber für Transformation der Gesellschaft zu klären, sei an die Feststellung von Dirk Baecker zur gesellschaftlichen Kommunikation erinnert:65

»Die erste Minimalbedingung lautet, dass es weitergeht.«

Indem die Gesellschaft, wie Dirk Baecker feststellt, keinen anderen Sinn hat als ihren Fortbestand sicherzustellen, kann der Auftrag für die Transformation der Gesellschaft nur von den Repräsentanten und Repräsentantinnen der Zukunft kommen: von der jungen Generation, der Generation der Zukunft. Das Versprechen von uns, die in der Gegenwart leben, an jene, die in Zukunft leben werden, lautet daher, dass es weitergeht mit unserer Gesellschaft, dass die Zukunft unser Weiter-Leben im mehrfachen Sinne bedeutet: »weiter« im zeitlichen Sinne kontinuierlich, »weiter« im räumlichen Sinne, im Sinne von global vernetzt und kooperativ sowie »weiter« im Sinne von weiterentwickelt, klüger und bewusster. Wir alle, die jetzt da sind, müssen den Auftrag der künftigen Generation übernehmen, wir müssen Lösungen für Probleme der Gesellschaft der Zukunft finden oder schaffen.

Ich übernehme diesen Auftrag für meinen Enkel León, 9 Jahre alt. Ich verstehe seinen Auftrag an mich so: Leiste einen Beitrag dazu, dass ich in eine Welt hineinwachsen kann, in der ich gesund und in Frieden leben kann, in der ich mich entwickeln und Teil einer Gemeinschaft sein kann und in der ich selbst einen Beitrag für meine Kinder und Enkel leisten kann, um ihnen eine gute Zukunft in einer guten Welt zu ermöglichen.

Ich nehme den Auftrag an und tue mein Bestes.

4Strategiekompass für den Weg der Transformation

»Wege entstehen, indem wir sie gehen.«

(Quelle unbekannt)

Der Auftrag heißt: gesellschaftliche Transformation, um eine gesellschaftliche Zukunft zu ermöglichen. Der Auftrag besteht darin, Wege zu gehen, zumeist aber auch neue Wege zu schaffen. Es wird ein Weg des Erkennens und Veränderns gesellschaftlicher Muster sein müssen, welche die großen gesellschaftlichen Herausforderungen hinsichtlich Ökonomie, Ökologie und Demokratie geschaffen haben und aufrechterhalten. Wollen wir Transformation, müssen wir diese Muster verändern. Das dialektische Verständnis von gesellschaftlichen Entwicklungen zeigt uns, dass dieser Weg eine krisenhafte Auseinandersetzung zwischen beharrenden und progressiven Kräften, zwischen absteigenden, dekadenten gesellschaftlichen Prinzipien der Vergangenheit und ein Ringen um neue Prinzipien sein wird. Für diese Reise muss man gut ausgerüstet sein.

Wir haben mit der Beschreibung der Herausforderungen eine Landkarte gezeichnet, die uns einen gewissen Überblick über das Gelände gesellschaftlicher Herausforderungen gibt. Landkarten sind wichtig beim Reisen. Aber ein guter Kompass ist noch wichtiger: Er zeigt uns unseren Stand- und Ausgangspunkt, den Weg und die Richtung, in die wir uns bewegen und auch bewegen wollen. Eine echte Landkarte hat an ihrem oberen rechten Rand ein kleines Dreieck, das zeigt, wo Norden ist. Der Kompass sagt uns, wo in der Landschaft Norden ist. Erst der Abgleich zwischen der Kompassnadel und dem kleinen Dreieck zur Einnordung auf der Landkarte gibt uns Informationen, wohin wir uns bewegen sollen. So können wir einschätzen, wie weit der Weg ist, ob wir unterwegs haltmachen sollen, wie viel Proviant wir brauchen.

Um einen langen und mühsamen Weg zu gehen, braucht man viel Kraft und einen langen Atem. Veränderungen sind anstrengend: Sie bedeuten Ungewissheit, im Nebel zu tappen, Bekanntes und Erprobtes aufzugeben, loszulassen, sich von vertrautem auf unbekanntes Gebiet zu wagen, Neues zu erfinden oder zu entdecken und es auf seine Tauglichkeit hin zu erproben. Als wäre das nicht schon schwierig genug, kommt noch der Umstand dazu, dass man während des Prozesses der Veränderung den »Tagesbetrieb« nicht einstellen und sich ausschließlich der Veränderung widmen kann. Die Notwendigkeiten des täglichen Lebens erfordern, dass die Veränderung zusätzlich zur Alltagarbeit geschehen muss. Veränderung bedeutet, ein Doppelleben führen zu müssen: eines in der Gegenwart und eines in einer angestrebten Zukunft.

Transformation der Gesellschaft, verstanden als nachhaltiger »system change«, als fundamentaler Musterwechsel in den großen gesellschaftlichen Fragen und vorherrschenden Paradigmen, Glaubenssätzen, Mindsets oder Ideologien, ist vor allem ein »kulturelles Projekt«.66 Solch ein Prozess verstört Menschen, verstört die Gesellschaft und vor allem jene, die durch die Veränderung zu Recht oder zu Unrecht Nachteile befürchten. Gelingen kann diese Transformation durch ausreichende Veränderungsenergie. Diese ist der Lebenssaft des Prozesses.

Es soll uns durchaus ein Trost sein, dass es auf der Seite der Beharrung und Verteidigung »des Alten« ebenso viel Kraft kostet, den gegenwärtigen Zustand aufrechtzuerhalten.

Und schließlich gibt es immer mehr Organisationen, die sich der Beratung und Weiterentwicklung von Menschen und Organisationen widmen, die sich für gesellschaftliche Veränderungen einsetzen.

Wie Veränderungsenergie nicht nur mobilisiert, sondern auch in die gewünschten Richtungen gelenkt werden kann, beschäftigt nicht nur zivilgesellschaftliche Organisationen, also NGOs, die sich gesellschaftliche Transformation zur zentralen Aufgabe und zur Grundlage ihres »Geschäftsmodells« machen, sondern prinzipiell alle Organisationen, ihre Führung und Berater. Dazu ist Change-Management nötig.

Im Rahmen des Change-Managements von Organisationen sind eine Reihe von Veränderungsmodellen, Instrumenten und Prozeduren entwickelt worden. In meiner Arbeit als Beraterin und Begleiterin von komplexen Veränderungsprozessen, also von Veränderungen zweiter Ordnung, gestalte ich solche Prozesse entlang der »Change-Formel«. Die Change-Formel ist kein Rezept, kein Plan, sondern ein auf zahlreichen Studien, Forschungen und Theorien aufgebautes Konzept zur Mobilisierung von Veränderungsenergie. In die Change-Formel sind die Untersuchungen von Elisabeth Kübler-Ross zur Verarbeitung von schlechten Nachrichten ebenso eingeflossen wie das Konzept der lösungsfokussierten Kurzzeittherapie nach Steve de Shazer67 und seiner Wunderfrage, Ed Scheins Konzept der zweierlei Ängste (Angst 1 und Angst 2)68, die Prinzipien und das Prozessmodell von Appreciative Inquiry (AI)69 oder John Kotters »Sense of Urgency« (Gefühl der Dringlichkeit)70.

Die Change-Formel hat keinen speziellen Inhalt, sondern ist ein Prozess und damit auch ein Strategiekonzept. Sie hat mir als Beraterin und Begleiterin von komplexen Veränderungen immer Orientierung und Sicherheit gegeben. Ich stelle die Change-Formel als Orientierungshilfe vor und zur Verfügung, weil ich sie für die Gestaltung von gesellschaftlichen Veränderungsprozessen für sehr hilfreich halte. Ihr ist ein systemisches Verständnis ebenso immanent wie der Gedanke, dass gesellschaftliche Transformation eine fundamentale Kulturveränderung ist, die ein entsprechendes Veränderungsmodell braucht.

4.1Kompass für die Strategie – die Change-Formel

Jedem gestaltenden Prozess geht eine Strategie voraus. Anlass genug, kurz in das Thema hineinzuleuchten. Strategie ist ein Begriff, der ursprünglich etwas mit Kriegsführung zu tun hat, mittlerweile aber für beinahe jedes Thema, bei dem es Prozesse und Ziele geht, angewendet wird. Wir kennen Verkaufsstrategien, Lernstrategien, ja sogar Heiratsstrategien. In der Literatur ist der Begriff nicht einheitlich definiert. Einige gemeinsame Grundprinzipien können allerdings festgestellt werden:

»• Strategie befasst sich mit überlebensrelevanten Fragestellungen.

 Strategie definiert ein Set an gesellschaftspolitischen Prämissen.

 Strategie schafft Orientierung für eine wünschenswerte Zukunft.

 Strategie markiert einen Unterschied.

 Reflexion des Unterschieds des Systems zu seiner Umwelt.

 Strategie ist Kernaufgabe von Führung.«71

Strategie ist ein Entwurf sowohl von Zielen als auch von Wegen dorthin. Das klingt sehr geradlinig und übersichtlich. Der Weg zur Entwicklung einer Strategie führt allerdings durch das Gelände der Unberechenbarkeit der Welt, also der Gesellschaft und auch der Menschen. Diese beiden Schwierigkeiten machen den Boden, auf dem man sich bewegt, sehr schwammig und schwer passierbar. Trotz oder gerade wegen dieser Unwägbarkeiten ist Strategie eine Möglichkeit, die innere und äußere Komplexität zu reduzieren und Orientierung zu geben. Eine Strategie ist ein »Navigationsinstrument«72 das uns dabei hilft, Ziele im Auge zu bewahren, den Weg zu finden, Nebenwege und Hohlwege zu erkennen. Eine Strategie wird erst dann zum Problem, wenn wir vergessen, dass sie eine Landkarte und nicht die Landschaft ist.

Die Change-Formel ist ein solches Instrument für Strategie. Sie wurde in den 1960er-Jahren von David Gleicher, einem Berater bei Arthur D. Little, entwickelt, dann von Kathie Dannemiller (Dannemiller Tyson Associates) übernommen und später von Paul Tolchinsky (Dannemiller Tyson Associates) und mir gemeinsam zu der hier beschriebenen Formel weiterentwickelt.73 Ich stelle die Change-Formel in dieser Version vor. Sie ist ursprünglich für die Veränderung von Organisationen entwickelt worden, zur Grundlage der Methode und des Ablaufs von Großgruppenverfahren (Zukunftskonferenzen [Future Search] oder Real Time Strategic Change [Veränderung in Echtzeit])74 geworden und wird auch als Grundkonzept für die Gestaltung von Change-Prozessen (Whole Scale Change [Veränderung im Gesamtumfang]75) angewendet.

Die ursprüngliche Change-Formel ist eine Ungleichung:

D × V × F = > R

In Worte übersetzt: Veränderung ist möglich, wenn das Produkt aus:

D – dem »Driver« (Treiber der Veränderung),

V – einer Vision für die Zukunft und

F – den »First Steps«, den ersten Schritten in Richtung Vision, größer ist als R – der Widerstand (»resistance«) gegen die Veränderung.

Paul Tolchinsky und ich haben diese Formel in zweierlei Hinsicht verändert und, wie ich meine, weiterentwickelt:

 Zum einen haben wir – ausgehend von den Prinzipien der positiven Psychologie, speziell vom Konzept des Appreciative Inquiry76 – die Formel um den Aspekt der Ressourcen erweitert. In der neuen Formel steht R nicht mehr für »resistance«, sondern für »Ressourcen«.

 Zum anderen haben wir den Begriff des Widerstands ganz aus der Formel entfernt. Dieser hat eine negative Konnotation, er kommt aus der Welt der Materialbearbeitung: wenn Holz zersägt, Metall gebohrt oder ein Nagel aus der Betonwand gezogen werden soll, leisten das Material Widerstand. Dieser Widerstand ist mit Kraft und Energie verbunden, gegen etwas zu arbeiten. Für einen Transformationsprozess brauchen wir aber Energie für etwas, etwa für Neues, Gutes, Erstrebenswertes.

Wir haben also den Begriff »resistance« aus der Formel entfernt und durch »Energie« ersetzt. Denn es geht bei Veränderungen nicht darum, Widerstand zu brechen, sondern um die Mobilisierung von positiver, konstruktiver und produktiver Energie.

Die neue Formel, wie ich sie verwende, ist nun eine Gleichung und lautet:

D × V × R × F = E

D: Driver – Warum sollen wir uns verändern?

»D« steht ursprünglich für »Driver«, den Treiber der Veränderungsenergie. D könnte aber auch für »Dissatisfaction« oder für »Dringlichkeit« stehen.

Hinter D stehen Fragen wie: Was treibt die Veränderung an? Womit sind wir unzufrieden? Was macht eine Veränderung notwendig und wichtig, was muss sich ändern? Was ist dieses Gefühl der Dringlichkeit (»sense of urgency«), wie es John Kotter formuliert?77

V: Vision – Wohin wollen wir uns bewegen?

Die Vision gibt die Richtung an, in die man gehen will. Sie ist ein positives Zukunftsbild über einen Zustand, in dem die Faktoren der Unzufriedenheit überwunden sind und eine neue Situation entstanden ist. Die Vision ist ein Narrativ, ein Bild, das so anziehend ist, dass wir es gern immer vor Augen haben, gerade wenn es einmal schwierig ist.

R: Ressourcen – Womit können wir die Vision erreichen?

Ressourcen – »Quellen« – sind die »Lebensmittel« von Systemen und in jedem Veränderungsprozess lebensnotwendig. In Organisationen und in sozialen Bewegungen können Ressourcen viele engagierte Menschen, gute Netzwerke, eine gute »Marke« oder auch einen guten Leitspruch oder Slogan bedeuten. Auch Erfolgen der Vergangenheit, Erfahrungen, Stärken, Qualitäten und Potenziale des Systems sind Ressourcen, die für den Weg der Veränderung notwendig und hilfreich sind. Das Bewusstsein, über Ressourcen zu verfügen, gibt Zuversicht und Vertrauen und damit Energie.

F: First Steps – Was tun wir jetzt?

Komplexe Veränderungsprozesse können nicht – wie die Reparatur eines Autos – von Anfang bis Ende durchgeplant werden. Wenn wir unseren Driver identifiziert, unser Zukunftsbild gezeichnet und unsere Ressourcen entdeckt haben, dann beginnt der Prozess – wie jede Reise – mit dem ersten Schritt weg vom »Problem« und hin zur Vision. Der erste Schritt wird danach reflektiert, bewertet, und der nächste Schritt wird geplant. Dieses Vorgehen wurde von der Beratergruppe Neuwaldegg bereits vor über 20 Jahren als »systemische Schleife«78 entwickelt, heute nennt man das »Agilität«.

E: Energie – Wie bewegen wir uns?

Die vier Elemente der Veränderung auf der linken Seite der Formel sind mit einem Mal-Zeichen miteinander verbunden: In Multiplikationsgleichungen gilt: Ist ein einziger Faktor gleich null, dann ist die gesamte Gleichung null. Wenn also ein Element fehlt, geht die gesamte Energie verloren, und der Prozess scheitert.

Scheitern kann der Prozess aber auch dann, wenn man an einem der Punkte verharrt:

 Bleibt man beim D, also bei der Beschreibung und Analyse der Gefahr, stecken, entsteht lähmende Angst. Man verharrt in der Totstellhaltung und bewegt sich nicht.

 Verliebt man sich in die eigene Vision, das V, verläuft man sich in romantischen Träumen von einem Paradies, die eine Entwicklung in der realen Welt behindern.

 Wenn man nur noch R sieht und die Probleme ausblendet, kann man als »Schönredner«, als jemand mit der »rosaroten Brille« gesehen und abgewertet werden und gewinnt keine Mitstreiter.

 Wer F, die ersten Schritte, zu schnell, zu früh oder ganz allein setzen will, wird als »Aktionist« ohne Tiefgang und Differenzierung gesehen, viele Schritte setzen, die ins Leere führen und unnötig Kraft erfordern und keine Begleiter und Begleiterinnen finden.

Veränderungen bei lebenden Systemen sind, wie gesagt, kein linearer Prozess von A nach B. Solche Veränderungen sind Kreis- oder Wellenbewegungen, die mitunter schlingenförmig, mal mit zwei Schritten vor und einem Schritt zurück, verlaufen. Modellhaft habe ich die Change-Formel trotzdem als einen Kreisprozess dargestellt, der jedoch nicht als geschlossener Kreis zu sehen ist, sondern als eine schleifenartige Bewegung. Die einzelnen Schritte im Prozess – vom D zu V zu R zu F – sollen allerdings in dieser Reihenfolge gesetzt werden, weil sich jeder Schritt aus dem vorigen ergibt. Dadurch entsteht ein Instrument für Strategieprozesse von Transformationen. Hier also der Kompass.

Im Zentrum steht die Energie für Veränderung. Die Kompassnadel zeigt an, an welchem Punkt des Prozesses wir gerade stehen und in welche Richtung wir uns daher bewegen sollten (siehe Abb. 12).


Abb. 12: Strategieprozess entlang der Change-Formel

Um die Qualität, die Richtung und die Energie des Prozesses zu reflektieren und als Ausgangspunkt für weitere Schritte zu nehmen, ist ein regelmäßiges Innehalten zwischen den einzelnen Punkten des Weges wichtig. Die Reflexionspausen sind nicht nur erholsam, sie bringen uns auch gedanklich weiter, indem wie unsere bisherigen Erfahrungen besprochen haben und unsere Schlüsse daraus ziehen können.

Besonders dann, wenn die Energie abfällt, wenn wir besonders müde und verzagt sind, ist es wichtig zu überlegen, an welchem Punkt wir die Energie verloren haben:

 • D: Haben wir noch im Blick, warum wir diese Mühe auf uns genommen haben, was uns angetrieben hat, wovon wir wegwollten?

 • V: Haben wir unsere Vision aus den Augen verloren, unsere Ziele vergessen, oder sind sie nicht mehr die richtigen, nicht mehr attraktiv genug?

 • R: Haben wir keinen Blick mehr auf unsere Ressourcen, fühlen wir uns daher überfordert, sind müde und mutlos?

 • F: Haben wir die Orientierung verloren, oder haben wir keine Ideen, was wir als Nächstes tun sollen?

Die Beantwortung und Bearbeitung jeder dieser Fragen macht es möglich zu erkennen, ob und wohin die Energie der Veränderung fließt, und wir können die Aufmerksamkeit auf die fehlenden oder schwachen Elemente der Formel richten und gegensteuern.

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