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Ruth Broucq
Kinder kann man sich nicht aussuchen
zurückgeben aber auch nicht
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Inhaltsverzeichnis
Titel
Zu jung zum…
Junge Mütter lieben anders
Machtkampf
Wunsch und Wirklichkeit
Eifersucht
Oma Strickstrumpf
Umzug
Umbruch
Auszug
Ein Lichtblick
Sexsucht
Versuchung
Rasanter Wechsel
Seltsame Bankgeschäfte
Lüge oder Wahrheit
Konkurrenzneid
Kurz und heftig
Wiederholung
Charakterunterschied
Höhenflug
Beziehungschaos
Vergebliche Hilfe
Schnitt
Neustart
Unter Druck
Zornige Vorwürfe
Weihnachtskind
Adoptions-Drama
Hoffnung
Überraschung
Überlebenskampf
Gefesselt
Heimatklänge
Satte Zeit
Wagemutig
Großer Verlust
Raffinierter Schachzug
Schwacher Protest
Anlauf-Schwierigkeiten
Große Dummheit
Anziehungskraft
Kulturschock
Sehnsucht
Alles umsonst
Osterüberraschung
Totaler Umbruch
Glück und Pech
Andere Sitten
Fremde Heimat
Mutterpflicht
Liebe und Leid
Gegen alle Vernunft
Lustiger Umzug
Schwierige Geburt
Ende mit Schrecken
Baby auf Reisen
Pechsträhne
Kein Händchen
Selbst ist die Frau
Mit letzter Energie
Studienreise
Ende gut?
Studienreise
Ende gut?
Impressum neobooks
Zu jung zum…
KINDER KANN MAN SICH NICHT AUSSUCHEN
-zurückgeben aber auch nicht
VON RUTH BROUCQ
Impressum:
Copyright by:
Ruth Broucq
42699 Solingen
Autorin3@gmail.com
Das Werk, einschließlich seiner Teile, ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung ist ohne Zustimmung der Autoren unzulässig.
Dies gilt insbesondere für die elektronische oder sonstige Vervielfältigung, Übersetzung, Verbreitung und öffentliche Zugänglichmachung.
Vorwort:
Als dreifache Mutter- nun im Rentenalter- weiß ich genau wovon ich spreche, denn sie sind alle Drei- charakterlich völlig verschieden.
Zwar liebt man, als Mutter, alle seine Kinder, denn die Verbindung entsteht ja im schon Mutterleib. Aber ob man mit ihnen auch übereinstimmt, und mit deren Verhalten glücklich und zufrieden ist, das ist die zweite Frage.
Deshalb verstehe ich heutzutage auch warum es „Lieblingskinder“ gibt, und welche die halt da sind, man sie aber nicht unbedingt vermissen würde, wenn nicht.
Auch ich habe ein „Lieblingskind“ und ich musste feststellen, dass ich die anderen beiden für mein Leben nicht unbedingt brauche.
Hört sich gemein an, lieblos? Ja, das ist es wohl, aber warum und wessen Schuld das ist, bleibt dahin gestellt. Das überlasse ich der Beurteilung des Lesers dieser Geschichte.
Deshalb bitte erst am Ende meiner Schilderung urteilen.
Ich war erst sechzehneinhalb Jahre, als ich meine erste Tochter bekam. Zwar war es eine leichte, schnelle Geburt, die mir nicht viel Mühe bereitet hatte, aber dafür die ganze Schwangerschaft umso mehr.
Ich kotzte mir monatelang die Seele aus dem Leib, obwohl ich nur ein kleines rundes Bäuchlein hatte, dem man bis zum sechsten Monat den Inhalt nicht ansah.
Rücksicht auf den Quälgeist in mir nahm ich deshalb auch nicht die Bohne. Ich rauchte und tanzte, die wilden Rock n Roll –Tänze, schaukelte das ungewollte Produkt meiner Unwissenheit kräftig durch, was sie mir später gewaltig heimzahlen sollte. Nur Alkohol mied ich. Nicht nur weil mir diese Getränke eh nicht schmeckten, sondern hauptsächlich wegen dem Mitbeteiligten an meinem Zustand.
Der Hauptschuldige meines Umstandes machte mir auch wenig Freude, er trampelte rücksichtslos auf meinen Gefühlen herum, denn er hatte das Ergebnis seines hemmungslosen Sexlebens absolut nicht gewollt. Ich auch nicht.
Eigentlich war meine Mutter auch nicht ganz unschuldig an meinem Malheur, weil sie es versäumt hatte mich aufzuklären. Auf jede meiner Fragen, die um die geschlechtlichen Belange gingen, hatte ich immer nur die gleichbleibende Antwort erhalten: „Dafür bist du noch zu jung!“
Das Ergebnis der praktischen Aufklärung durch Robert musste ich nun austragen, denn Schwangerschafts - Unterbrechungen gab es zu der Zeit noch nicht.
Ganz abgesehen von seinem jugendlichen Leichtsinn, Robert war auch nur zwei Jahre älter als ich, widmete er sich am liebsten dem Alkohol. Täglich war Robert voll bis zur Halskrause, er hatte sich wohl vorgenommen, die Alkoholvernichtungs- Liga anzuführen.
Dass ich ihn oft nach Hause bringen, und vorher von seiner eigenen Kotze befreien musste, obwohl ich eigentlich genug mit meinem eigenen miserablen Befinden zu tun hatte, war das kleinste Übel. Ich musste auch noch seiner ständigen Sexlust zur Verfügung stehen, weil ich sonst nicht hätte verhindern können, dass er sich anderweitig austobte. Denn Roberts Ambitionen zu anderen Weibern war meinen Argusaugen natürlich nicht entgangen. Lust auf seine Turnübungen hatte ich ganz bestimmt nicht, meine Stillhalte-Taktik diente lediglich der Beziehungs-Sicherung. So lernte ich schon früh die Verantwortung für meine Nachfahren zu übernehmen.
Aber auch das verdankte ich meiner Mutter, die mir Verantwortungs- Bewusstsein vorgelebt hatte. Noch bis zu meinem achten Lebensjahr war sie die alleinige Ernährerin ihrer beiden Töchter, und ebenso ihrer eigenen Mutter gewesen, bis sie einen Mann gefunden und geheiratet hatte.
Meine ältere Schwester und ich waren von dem neuen Mitbewohner absolut nicht begeistert, obwohl wir uns bald wohnlich verbesserten. Nachteilig war, dass die Oma nun nicht mehr bei uns war, sondern eine eigene Wohnung bezog.
Natürlich waren meine Eltern alles andere als begeistert von der Tatsache Großeltern zu werden. Besonders mein Stiefvater, ein absoluter Ego-Muffel, drohte gleich damit mich hinauszuwerfen, weil er nicht auch noch einen „Schreihals“ mit ernähren wollte. Also musste ich hoffen, dass der Erzeuger meiner Leibesfrucht, uns beiden eine Lebensgarantie war.
Zwar behauptete Robert, dass er sich seiner Verantwortung stellen und zu mir halten werde, was jedoch mit dem kleinen Hindernis verbunden war, dass er zur Bundeswehr einberufen wurde. Denn er hatte sich freiwillig für vier Jahre verpflichtet, was er nun als Vorteil hinstellte, weil der Bund für die Familien der Soldaten sorgte.
Unsere Eltern brachten uns kein großes Vertrauen entgegen, weil sie uns für zu jung hielten eine Familie zu gründen, dennoch waren sie bereit uns Starthilfe zu geben. Roberts Eltern wollten für Wohnung und deren Möblierung sorgen, meine Mutter für die Baby-Ausstattung.
Weil meine Schwester und ich uneheliche Kinder von zwei verschiedenen Männern waren, wollte meine Mutter mir dieses Schicksal wohl ersparen, deshalb bestärkte sie mich, bei meinen Heiratsplänen. Die zugesagten Unterstützungen machten mich zuversichtlich.
Dass wir in unserem jungen Alter erst eine Genehmigung vom Vormundschafts – Gericht zur Eheschließung benötigten, wurde für uns zur unüberwindbaren Hürde. Die Beurteilung des Jugendamtes über unsere Ehefähigkeit fiel negativ aus, weil Robert zu unreif war. Also stand ich vor der Tatsache, bald nicht nur eine ledige junge Mutter zu sein, sondern auch noch eine obdachlose.
Junge Mütter lieben anders
Zwar hatte ich mich nicht gerade auf das Baby gefreut, sondern nur die Tatsache Mutter zu werden akzeptiert, aber wenn schon, so wollte ich zumindest einen Sohn zur Welt bringen. Das ich kleine Kinder mochte lag wohl an dem niedlichen kleinen Jungen, den ich in den letzten beiden Schuljahren, liebevoll betreut hatte. Gegen Roberts Albernheit „alle Babys heißen Peter“ widersprach ich energisch, bestimmte einfach, dass ich unseren Sohn Ralf nennen werde. Wenn schon die Vornamen beider Elternteile mit R begännen, müsse der Nachwuchs den gleichen Anfangsbuchstaben haben. Er widersprach nicht, denn es war ihm egal.
Die Geburt, zwei Tage nach dem errechneten Termin, am 24. März, war zwar schmerzhaft aber schnell und demnach leicht, weil das Baby klein und untergewichtig war, es nur viereinhalb Pfund wog. Als die Hebamme mir anschließend zur Geburt einer gesunden Tochter gratulierte entgegnete ich enttäuscht: „Was, nur ein Mädchen? Ich wollte doch einen Jungen!“
Die Hebamme schalt mich undankbar zu sein, ich solle froh sein, dass das Kind gesund sei, auch wenn es sehr klein sei, denn ein Junge hätte mir sicher viel mehr Mühe bereitet. Aus der Traum- also kein Ralf, dann eben eine Ramona, entschied ich spontan, wiederum ohne den Erzeuger um Zustimmung zu fragen.
Als ich jedoch das magere kleine, schrumpelige Ding zum ersten Mal im Arm hielt, überlegte ich, ob ich wohl „Mutterliebe“ für dieses mickrige Wesen empfände. Ich fühlte nichts dergleichen, ich fand es nur hässlich, zumal sie auch rein optisch nicht nach meiner Vorstellung war. Krebsrot, schrumpelig, dünner schwarzer Haarkranz mit Halbglatze, war es mir seltsam fremd. Ob es mir gefiel oder nicht, ich hatte auf jeden Fall nun die Verantwortung dafür. Mich beschäftigte nur die Sorge, wohin mit dem Säugling, da wir beide nun heimatlos waren.
Die Befürchtung obdachlos zu sein erübrigte sich gleich nach der Geburt meiner Tochter sehr schnell. Denn der Anblick seines ersten Enkelkindes, erweichte das harte Herz meines egoistischen Stiefvaters, der keine eigenen Kinder hatte. Von Rauswurf und Schreihals war absolut keine Rede mehr, sondern nur noch Ungeduld, wann die Kleine endlich nach Hause komme.
Das verschob sich um eine Woche, denn Ramona musste noch zum „Aufpäppeln“ im Krankenhaus bleiben. Leichtgewichtige Säuglinge wurden erst entlassen, wenn sie das Mindestgewicht, von fünf Pfund, erreicht hatten. Weil für das „Aufpäppeln“ der Säuglinge die Muttermilch sehr wichtig war, musste ich „Abpumpen“ und meine Milch sammeln. Da ich in dem Krankenhaus in der kleinen Nachbarstadt Haan entbunden hatte, was einige Kilometer entfernt war, musste ich täglich diesen Weg auf mich nehmen. Also fuhr ich jeden Tag eine halbe Stunde mit dem Bus zu dem Krankenhaus, um meiner Tochter die Muttermilch zu bringen.
Zum Abholen der Kleinen nahm meine Mutter sich sogar frei, was an ein Wunder grenzte, weil sie normalerweise eine Workoholikerin war. Als ich sah, wie liebevoll die stolze „Oma“ mit meiner Tochter umging, wusste ich, dass sie mir in Zukunft immer zur Seite stehen würde. Um das Wohlergehen meines Kindes musste ich mir keine Sorgen machen.
Alles Gute hat auch eine schlechtere Seite, in diesem Fall, dass Ramona von meiner Familie total verwöhnt wurde, und sich dadurch zu einer kleinen Terroristin entwickelte.
Zum Verwöhnprogramm meiner Familie gehörte auch, dass die Kleine beim ersten Mucks sofort aus dem Bettchen genommen, und auf dem Arm geschaukelt wurde. Mein Protest wurde ignoriert, denn wenn alle Familienmitglieder keine Lust mehr hatten, warf man mir vor, ich sei eine Rabenmutter, weil ich mich nicht zur Sklavin machen ließ.
Wenn das Kind abends nicht schlafen wollte, hatte meine Mutter ein spezielles Beruhigungsmittel, sie tunkte Ramonas Schnuller in Honig und zwar so lange, bis die Kleine endlich schlief. Das konnte dann einige Gänge ans Kinderbettchen bedeuten. So übertrieb sie es mit ihrer großmütterlichen Liebe. Auf meine besorgten Einwände, wie ich mit dem Kind klar kommen solle, wenn wir mal nicht mehr bei den Großeltern wohnten, reagierte meine Familie mit Schulterzucken.
Wegen der beengten Wohnverhältnisse stand das Kinderbettchen in unserem Mädchenzimmer, das ich mir mit meiner Schwester teilte. Wenn die Kleine nachts schrie, weckte sie nicht nur meine Schwester, sondern auch meine Mutter im Nebenzimmer. Weder ich, noch mein Stiefvater störte dieses Geräusch, wir hatten beide einen sehr tiefen Schlaf. Die Beschwerde der beiden „Nachtbetreuer“ ignorierte ich gelassen. Selbst schuld.
Durch das Verziehen meines Kindes wurde es mir sehr schwer gemacht wirkliche Liebe für meine Tochter zu empfinden. Die Erziehung wurde mir aus der Hand genommen, aber man wollte mir die Arbeit aufbürden, die Fehler meiner Familie wieder auszubügeln. Sie hatten das Vergnügen- ich die Last. Das verweigerte ich energisch. Aber wie hätte ich mich gegen fünf Personen, meine Eltern, meine Großmutter, meine Schwester und Schwager wehren können? Ich war auf die Familie angewiesen. Also schaltete ich auf stur.
Zwar entwickelte sich Ramona zu einem niedlichen, sehr aufgeweckten Kleinkind, das in allem sehr früh war. Sie lief schon mit neun Monaten, und sprach ganz klar und deutlich mit einem Jahr vollständige Sätze ohne Babysprache.
Dennoch war das kleine Mädchen das krasse Gegenteil von meinem Wunschkind.
Sie hatte keine Ähnlichkeit mit mir, denn sie wurde zu einem kleinen, dicken, weißhäutigen Kind mit hellblonden Haaren und grünen Augen. Ich verstand nicht, wieso sich die Hellhäutigkeit ihres Vaters gegen meine Gene durchsetzen konnten. Als Brünette mit braunen Augen musste mein Kind doch eigentlich nach mir kommen. Welch seltsames ungerechtes Ergebnis unserer Vereinigung.
Ramona war zwar ein lebendiges, neugieriges aber auch sehr anhängliches Kind, die immer die Nähe und den Rückhalt der Erwachsenen suchte, außer Haus keinen Schritt alleine gehen wollte. Sie klebte der Begleitperson immer an der Hand. Meist war ich das und es war mir oft lästig.
Nur Autofahren war mit ihr eine Katastrophe, sie konnte keine Schaukelei vertragen. Sie kotzte schon nach wenigen Metern, und ihr Vater tat es ihr gleich. Er schaffte es, zum Glück, immer bis zum Straßenrand, Ramonas Ergebnis landete fast immer auf dem Rücksitz, und ich durfte es dann reinigen.
Machtkampf
Als wir endlich heiraten konnten war Ramona bereits zwei Jahre alt, und ein eigenwilliges, total verwöhntes Kind. Sie war überaus empfindlich, liebte peinliche Sauberkeit und konnte schmutzige Hände und Kleidung nicht ertragen.
Meine Mutter hatte alle Liebe, die sie ihren eigenen Töchtern nie gezeigt hatte, auf ihre Enkelin übertragen, leider auf falsche Art und Weise. Sie hatte ihr jeden Wunsch erfüllt.
Mochte die Kleine das Essen nicht, wollte einen Pudding oder eine Milchsuppe, war es selbstverständlich, dass die Oma ihr das zubereitete. So war es in allen Belangen. Ramona bestimmte ihr Leben, und das ihres Umfeldes.
So war es eine automatische Folge, dass wir mit unserer Tochter enorme Schwierigkeiten bekamen. Weder Robert noch ich waren bereit uns von unserem Kind terrorisieren zu lassen. Wir fanden es normal, dass wir als Eltern unseren Lebensrhythmus bestimmten. Schon bei den Speisen gab es Probleme. „Es gibt keine Extra-Wurst! Es wird gegessen was auf den Tisch kommt!“ war unsere Devise.
Die kleine Hexe streikte oft so lange, bis sie vor Hunger dann doch Gemüse aß. Aber alles was man kauen musste, was nicht weich wie Brei war, lehnte sie mit der Begründung ab: „Es tut mir an den Zähnen weh. Ich kann das nicht beißen!“
Eines Tages wurde Robert deshalb so zornig, dass er die Kleine zu einem Zahnarzt brachte, und ihr Gebiss untersuchen ließ. Natürlich stellte der Arzt fest, dass Ramonas Milchzähne ganz normal gewachsen waren, und auch die Festigkeit hatten, die dem Alter des Kindes entsprachen.
Dass sie nun ein Kinderzimmer für sich alleine hatte, was zwar klein aber hübsch eingerichtet war, fand Ramona nicht gut. Als der anfängliche Protest nichts nützte, verlangte sie, dass zumindest die Tür offen blieb, und in der angrenzenden Küche das Licht angelassen wurde weil sie Angst vor der Dunkelheit hatte.
Sie war insgesamt ängstlich, schreckte vor allem Unbekannten zurück, und verkroch sich dann entweder in eine Ecke oder hing mir am Rockzipfel. Ramonas Unsicherheit begründete meine Mutter, mit dem stressigen Verlauf meiner Schwangerschaft, währenddessen Robert mich sehr oft, mit seinen Alkohol-Eskapaden, zur Verzweiflung gebracht hatte.
Ebenso wirkte sich wohl auch unser unruhiges Familienleben auf die Sensibilität des Kleinkindes aus. Denn unsere häufigen Streitigkeiten, wenn Robert mal wieder besoffen war, die oft in handfeste Prügelleien ausarteten, waren Erlebnisse, die der Kleinen Angst machten. Zwar suchte ich dann einen sicheren Zufluchtsort, sodass ich meistens mit der Kleinen zu meinen Eltern flüchtete, kehrte aber immer wieder zu Robert zurück. Weil meine Mutter mir immer wieder einbläute: Kinder brauchen einen Vater.
Nur einmal dauerte die Flucht länger, hielt ich die Trennung fast zwei Jahre durch, weil Robert eine Schusswaffe benutzt hatte. Zwar hatte er, in Selbstmord –Absicht, auf sich selbst geschossen, aber die Kleine hatte das miterleben müssen. Ich ließ mich scheiden, blieb mit Ramona bei meinen Eltern und nahm eine gute Arbeit an. Obwohl Ramona sich bei meinen Eltern sehr wohl fühlte, denn die „Verwöhnarie“ startete natürlich erneut, war sie so empfindlich, dass sie jede Krankheit aus dem Kindergarten mitbrachte. Für mich war das Leben nicht sehr bequem, denn die beengten Wohnverhältnisse vertrugen sich schlecht mit meinen Wechselschichten, was jedoch zum „alleine wohnen“ mit Kind, gar nicht machbar gewesen wäre.
Als Robert mich bedrängte zu ihm zurück zu kommen, und mir versicherte, er habe sich geändert, glaubte ich ihm. Die neu aufgeblühte Hoffnung brachte mir die zweite Ehe und ebenfalls eine Schwangerschaft ein. Kurz vor Ramons Einschulung bezogen wir eine Wohnung in Roberts großem Elternhaus.
Weil unsere Tochter sehr zart, also untergewichtig war, verordnete der Amtsarzt ihr eine sechswöchige Kur. Also schickten wir sie mal erst zur Erholung. Erstaunlicherweise bekamen wir anschließend ein total verändertes Kind zurück. Von nun an aß Ramona alles was auf den Tisch kam, und sie war aufgeschlossener allen anderen Dingen gegenüber. Als Ramona sechs Jahre alt war, bekam sie ein Brüderchen.
Wunsch und Wirklichkeit
Die zweite Schwangerschaft war zwar ganz anders als die erste, aber auch sehr schwierig. Zwar hatte ich keine Probleme mit Übelkeit, aber ich musste einen ganzen Zentner Gewicht mit mir rumschleppen. Vermutlich nahm ich so viel zu, weil ich gleich zu Beginn das Rauchen aufgegeben hatte, und dementsprechenden Appetit entwickelte.
Schon ab dem dritten Monat konnte ich mir nicht mehr alleine die Schuhe zubinden, so eine mächtige, spitze Kugel hatte ich vorgebaut. Ständig wurde ich gefragt, ob ich Zwillinge erwarte. Aber am schlimmsten war mein Heuschnupfen, den ich monatelang ertragen musste, weil ich keine Medikamente nehmen durfte.
Die Geburt war eine Tortur, denn ich hatte zwölf Stunden lang starke Wehen, in gleichbleibenden fünfminütigen Abständen, bis der Arzt endlich die Geburt einleitete. Dass ein Junge mir mehr Schwierigkeiten machen würde als ein Mädchen, hatte mir schon die Hebamme bei Ramonas Geburt prophezeit. Aber dass mein Sohn nicht nur viel schwerer und noch dazu ein Querkopf war, sollte sich zusätzlich quälend auswirken, sondern auch die Dauer. Die Ärzte nannten es „Scheitellage“, als die Geburtshelfer den Jungen trotzt falscher Kopflage gewaltsam durch den zu engen Ausgang zerrten. Das führte bei mir zu einem „Dammriss“, was die Ärzte nicht einmal bemerkten. Aber ich umso heftiger!
Dennoch war ich sehr glücklich, als mein kleiner Sohn mit langen schwarzen Haaren auf die Welt kam, sodass mich seine blauen Augen nicht störten. Zumal mir Jeder sagte, dass es bei Neugeborenen normal sei, dass die Augenfarbe sich sicher noch ändern werde. Zumindest hatte ich nun die Hoffnung mein Wunschkind geboren zu haben, und die ganze schwere Geburt wich meinem Mutterglück. Also sollte das Mädchen meinetwegen dem Vater gleichen, aber mein Stammhalter würde mein Abbild werden.
Robert besuchte inzwischen die Meisterschule in Dortmund, sodass wir uns sehr einschränken mussten. Dadurch wurden unsere Lebensverhältnisse enorm schwierig.
Wieder zu Hause hatte ich alles alleine am Hals, ein Schulpflichtiges Kind, einen Säugling, und viel zu wenig Geld für die Kosten. Dazu ein Familienvater, der nur staatliche Beihilfe zur Ernährung beitrug, und mein geringes Krankengeld in der Schonzeit nach der Geburt, reichten vorn und hinten nicht. Robert war mir auch häuslich absolut keine Hilfe, weil er selten zu Hause war und er auch keine Rücksicht auf die knappe Familienkasse nahm.
Umso mehr wurde Ramona eine unersetzliche Hilfe bei der Beaufsichtigung ihres kleinen Bruders. Sie liebte den Kleinen abgöttisch, war für ihn eine kleine Ersatz-Mutter. Auch wenn sie manchmal maulte, wenn sie den kleinen Bruder im Kinderwagen mit zum Spielen nehmen musste, so waren die beiden doch eine liebevolle eingeschworene Gemeinschaft.
Obwohl sich der Junge eigentlich sehr gut entwickelte und optisch vor Gesundheit strotzte, entdeckte ich eines Tages, dass er eine seltsam gebogene Haltung hatte, wenn er auf dem Bauch lag. Kaum sechs Monate alt, ließ ich ihn daraufhin untersuchen. Unser Hausarzt lobte meine gute Aufmerksamkeit, und schickte mich mit dem Kind zum Röntgen.
Rene hatte eine Krümmung im oberen Brustbereich der Wirbelsäule, was bei der Geburt passiert sein musste. Kein Wunder bei dem Gezerre und der falschen Lage des Säuglings.
Zum Glück ließ sich die Fehlstellung der Wirbelsäule durch Krankengymnastik begradigen. Das hieß für mich, dass ich ein Jahr lang, wöchentlich zwei Mal mit dem Jungen zur Physiotherapie musste. Natürlich blieben auch diese Wege allein mir überlassen.
Leider musste ich erkennen, dass mein Ehemann unverändert sein egoistisches Säuferleben weiterführte, und ich nun die Verantwortung für zwei Kinder und Ehemann hatte, und dass Roberts ständige Eskapaden uns auch noch Schulden einbrachten, für deren Abtragung ich arbeiten musste, weil es ja Jemand machen musste.
Auch Roberts unkontrollierten Wutausbrüchen, die unter Alkoholeinfluss immer wieder durchbrachen, und sich gegen mich richteten, konnte ich mich nur durch Flucht ins Kinderzimmer entziehen. Manchmal bedrohte er mich sogar mit seinem Revolver, wovor die kleine Ramona mich beschützte. Denn die Kinderzimmertür war eine Hemmschwelle des Betrunkenen, die er niemals überschritt.
Während Ramona ein sehr sensibles, nerviges Kind war, konnte ich bei Rene nur das Gegenteil feststellen. Er war ruhig und robust, als Kleinkind mit Kleinigkeiten zufrieden zu stellen. Mit einem Apfel, einer Banane oder einem Stück Brot konnte er sich friedlich mümmelnd endlos lange beschäftigen. Auch aß er alles, und konnte es nicht ertragen, Essen wegzuwerfen. Wenn wir bei Tisch Reste auf unseren Tellern ließen, wollte er das grundsätzlich aufessen.
In seiner niedlichen Kleinkindsprache sagte er dann: „Nicht wegwerfen, Rene geben, ich aufessen.“
Obwohl ich von seiner äußerlichen Veränderung enttäuscht wurde, weil Renes Haare immer heller wurden, und das Blau seiner Augen sich zu grün veränderte, war er insgesamt mein absoluter Sonnenschein. Den Jungen liebte ich über alles und ich hätte niemals gedacht, dass sich das einmal ändern könnte. Aber durch eine langwierige Krankheit kam der erste Bruch in dieses innige Verhältnis. Im Alter von zwei Jahren erkrankte Rene an einer beginnenden Hüftgelenk-Entzündung, was von unserem Hausarzt zum Glück richtig diagnostiziert wurde.
Nach einem langen, sechswöchigen Aufenthalt auf der Isolierstation der Klinik, waren wir dem Jungen fremd. Weil wir ihn die ganze Zeit nicht besuchen durften, erkannte er uns erst gar nicht. Nur als er seine Schwester sah, rief er freudig: „Mona, Mona.“ Die erkannte er. Mir gegenüber war seine Zuneigung leider deutlich abgekühlt. Traurig hoffte ich auf Besserung seines Nähe Bedürfnisses.
Ich hatte jedoch nicht die Zeit mich mehr um ihn zu bemühen, denn das verhinderte Roberts Leichtlebigkeit, die mich letztendlich zur Arbeit im horizontalen Gewerbe zwang. Weil meine Schwiegermutter mich ständig auf meine Verantwortung hinwies, und dass sie sicher sei, dass ich alles in den Griff kriegen werde, blieb mir letztendlich nur der letzte Schritt ins Milieu, so überschuldet waren wir.
Robert hatte damit kein Problem, sondern im Gegenteil, wurde seine Arbeitsmoral immer kleiner aber seine Wünsche immer größer. Er fühlte sich wohl in der Rolle des Zuhälters, auch wenn er sich selbst nicht so sah.
Natürlich führte das zu häufigen Auseinandersetzungen, die irgendwann zur Trennung führen mussten. Aber mit zwei Kindern konnte ich nicht zurück zu meinen Eltern, deshalb überlegte ich auszuziehen. Als ich es nicht mehr aushielt suchte ich mir eine Wohnung. Weil Robert nicht mit dem Auszug der Kinder einverstanden war, ließ ich mich darauf ein, dass die Kinder in ihrer gewohnten Umgebung bleiben. Wir vereinbarten, dass die Kinder nur am Wochenende zu mir kommen sollten.
Auf die Art hatte ich Wochentags die Möglichkeit in meiner großen Wohnung meinem Gewerbe nachzugehen, und Robert kassierte eine saftige Unterhalts-Summe von mir. Auch die Kinder schienen mit dieser Lösung zufrieden zu sein. Sie entwickelten sich gut. Alles schien okay.
Zwar hatte ich mir mein Leben anders vorgestellt, das glückliche Familienleben, das ich mir gewünscht hatte, gab es leider nicht, weil Robert der falsche Partner dazu war, aber Wunsch und Wirklichkeit sahen eben unterschiedlich aus. Auch der Wunsch hinsichtlich der Äußerlichkeit meiner Kinder hatte sich nicht erfüllt, dennoch liebte ich beide, war froh dass sie gesund und munter waren. Charakterlich waren beide sehr verschieden.
Als krasses Gegenteil seiner großen Schwester, war Rene selbstständiger als sie, risikofreudig und er half seiner Schwester mit seiner vorwitzigen, kommunikativen Art oft weiter, sodass man vermuten konnte, er sei der Ältere. Was natürlich optisch widersprach.
Dafür war Ramona eine gute fleißige Schülerin. Rene jedoch Legastheniker, was der kleine Strolch gerne zum eigenen Vorteil nutzte. Er entwickelte sich zu einem ausgesprochenen Schlitzohr, machte ständig irgendeinen Unfug.
Seine Mitmenschen fanden den kleinen blonden Lockenkopf niedlich, weil man seinem Charme einfach nicht widerstehen konnte. Aber er hatte es Faustdick hinter den Ohren, nutzte die entgegengebrachten Sympathien schamlos aus. Man verzieh ihm alles, jede Dummheit.
Eifersucht
Unsere Regelung ging nur ein paar Monate gut, dann passierte etwas, was meine Eifersucht weckte. Nicht wegen einem Mann, oder gar auf meinem Ehemann, sondern wegen meiner Kinder. Anfangs fiel es mir nicht einmal unangenehm auf, als Robert mir mitteilte, dass die Kinder am kommenden Wochenende nicht kämen, weil er etwas Spezielles vorhatte, wozu die Kinder gerne mitkommen wollten. Das akzeptierte ich.
Als es in der nächsten Woche schon wieder hieß: >die Kinder würden lieber bei mir bleiben<, wurde ich aufmerksam.
„Da stimmt doch etwas nicht.“ Erzählte ich meiner Freundin. „Ich finde es ebenfalls seltsam, dass Robert plötzlich das Wochenende nicht mehr alleine verbringen will. Der war doch sonst am liebsten auf Abenteuertrip, aber alleine, ohne Kinder. Plötzlich schon das zweite Wochenende wieder mit Kindern? Nee, das mache ich nicht mit! Ich freue mich doch die ganze Woche auf die Beiden.“
Also rief ich meinen Mann an, und beschwerte mich: „Was soll das, Robert? Nein, damit bin ich nicht einverstanden. Wir haben eine klare Vereinbarung, dass die Kinder übers Wochenende zu mir kommen. Ich freue mich die ganze Woche darauf, und ich bin nicht bereit darauf zu verzichten. Warum wollen die plötzlich bei dir bleiben? Was machst du denn besonders am Wochenende? Erkläre mir das!“
Robert entschuldigte sich, er könne nichts dafür, es sei der Wille der Kinder. Ihm sei es egal ob sie blieben oder zu mir gingen. Er beeinflusse die Kinder nicht. Aber er werde noch mal mit den Kindern sprechen und sie mir gegebenenfalls dann am Samstagvormittag bringen.
Das Ergebnis war, dass nur der Junge kam, aber Ramona streikte, sie wollte einfach nicht. Was hätte ich dagegen machen könne? Nichts! Schließlich kann man eine Zwölfjährige nicht einfach zwingen. Außerdem dachte ich mir, dass sie sich das sicher in der nächsten Woche überlegen und dann wieder zu mir kommen werde.
Trotzdem konnte ich es mir nicht verkneifen, meinen kleinen Sohn auszufragen. Denn irgendwie hatte ich das ungute Gefühl, dass es etwas gab, was meine Tochter von mir entfernte.
Es traf mich wie ein Schlag, Robert hatte eine Freundin aus Köln. Die Frau hatte eine Tochter in Ramonas Alter und die beiden kamen jedes Wochenende zu Besuch. Weil ihr Vater mit seiner „Ersatz-Familie“ schöne Sachen unternahm, war Ramona eifersüchtig und wollte dabei sein. Nicht nur weil sie sich ihren Vater nicht wegnehmen lassen wollte, sondern auch weil sie sich gut mit den Beiden verstand. Sie mochte wohl nicht nur ihre neue Freundin, sondern auch deren Mutter.
Rene meinte nur: „Ach lass doch die blöden Weiber, Mama. Dann machen wir beide eben alles alleine.“ Offenbar war der Kleine bei den Mädels eh nur das dritte Rad am Wagen, sodass es ihm nicht schwer viel darauf zu verzichten.
Wutschnaubend dachte ich im Stillen: >na warte mein lieber Robert, du hast die Rechnung ohne den Wirt gemacht! Das lasse ich mir nicht gefallen, ich überlasse weder meine Tochter noch meine Wohnung einer Anderen! Ha, ich habe die ganze Einrichtung bezahlt, dafür habe ich malocht! Und damit sich eine andere Frau ins gemachte Nest legt? Nee, nicht mit mir. Jetzt sollst du mich von meiner harten Seite kennen lernen<.
Direkt nach dem Wochenende befahl ich Robert telefonisch zu mir. Ich hatte ihm knallhart gesagt, dass ich sofort mit ihm sprechen wolle, oder er müsse in Kauf nehmen, dass ich ihm keinen Unterhalt mehr zahlen werde.
An diesem Abend machte ich einen großen Fehler. Weil Robert sehr einsichtig war, mir erklärte, dass er eigentlich keine andere Frau wolle als mich, weil er nur mich liebe, ließ ich es zu, dass er mit mir schlief. Er bleib bis zum frühen Morgen, versicherte mir in der Nacht immer wieder, dass er alle seine Fehler bereue, aber weil er eine Frau an seiner Seite brauche, auch wegen der Kinder, sei er diese Beziehung eingegangen.
„Eigentlich ist die Amanda gar nicht mein Typ. Sie ist zwar eine liebe Frau, aber ich mag ihre Figur nicht so gerne, sie ist ein wenig mollig. Auch ihre Kleidung ist ziemlich altmodisch. Aber sie ist eine gute Hausfrau, kocht, backt und strickt gerne. Sie hat mir sogar eine Pullover gestrickt, na ja, sie ist eben ein Hausmütterchen. Aber du willst mich ja nicht mehr.“ Sagte er. „Wenn du zu mir zurück kommst, oder mir wenigstens den Platz in deinem Bett frei hältst, dann trenne ich mich von ihr. Wir können ja auch gemeinsam mit unseren Kindern das Wochenende schön gestalten, selbst wenn du hier wohnen bleiben willst. Es wäre mir zwar lieber wenn du wieder zu Hause wärst, aber ich bin zu allen Zugeständnissen bereit, wenn wir uns wieder vertragen.“
Ich erklärte mich zwar einverstanden, bat ihn aber um Geduld bezüglich der Wohnsituation. Aber ich verlangte, dass er sich von der Frau sofort trennte. Das versprach er und verließ mich glücklich und zufrieden.
Oma Strickstrumpf
Für mich war es klar, dass die „Kölner Affäre“ somit aus der Welt war. Doch dem war nicht so. Die nächsten Tage dachte ich nicht darüber nach, weil Robert nun jeden Abend zu mir ins Bett kroch, mich liebte, als müsse er die vergangenen Monate nachholen, und morgens zur Arbeit ging.
Den Kindern konnte die Abwesenheit ihres Vaters nicht auffallen, weil sie schon schliefen wenn er sich aus der Wohnung schlich und zurückkam wenn sie noch nicht wach waren. Die Heimlichkeit mit der eigenen Frau mache ihm Spaß, begründete er seine sexuelle Gier.
Die Überraschung kam am nächsten Wochenende, denn Robert brachte zwar die Kinder, aber Ramona war schlecht gelaunt und abweisend. Anfangs reagierte sie gar nicht auf meine Frage, was mit ihr los sei, aber nach einiger Zeit brach es aus ihr heraus: „Ich habe einfach kein Lust hier bei dir zu sein. Warum lässt du mich nicht beim Papa bleiben? Was soll ich hier? Die ewig gleichen Spagetti essen, die dein Manni gekocht hat? Oder mit dir blöde Kinderfilme gucken? Auch zur Tante Esther will ich nicht gehen, da ist es auch doof. Und der Papa macht schöne Ausflüge mit Amanda und Christine, ohne mich? Toll! Ich hasse dich!“
Ärgerlich widersprach ich: „Hör mal gut zu mein liebes Mädchen, erstens gibt es hier keinen Manni mehr, also auch keine Spagetti, zweitens gibt es bei deinem Papa auch keine Amanda mehr, das hat sich auch erledigt, das hat er beendet. Und drittens bist du sehr verletzend, aber das halte ich deinem Alter zugute. Und jetzt hör auf zu maulen und schlag mal vor was wir machen sollen. Vielleicht ins Ittertal gehen?“ versuchte ich sie zu besänftigen.
Sie widersprach heftig: „Du lügst ja, Mama.
Ich habe doch gerade noch gesehen, wie die Amanda ankam. Das stimmt nicht, dass der Papa mit ihr Schluss gemacht hat. Die ist jetzt zu Hause, nur die Christine ist nicht dabei, weil die ihr Papa-Wochenende hat!“
Ich war vor Schock wie erstarrt. Dieser Mistkerl, dem werde ich helfen, dachte ich zornig.
Die Rettung nahte, als Esther anrief, fragte ob ich Lust habe, mit ins Fantasia-Land zu fahren.
„Nein, ich nicht. Aber wenn du die Kinder mitnehmen würdest, wäre ich dir sehr dankbar. Ich habe nämlich etwas ganz wichtiges zu erledigen. Erzähl ich dir gleich, unter vier Augen.“
Als ob meine Freundin ahnte worum es ging, stimmte sie sofort zu: „Brauchst du mir nicht zu erzählen, ich ahne es schon. Auch wenn ich das nicht richtig finde, was du vor hast, nehme ich die Kinder natürlich gerne mit. Ich hole sie gleich ab.“
Erneut weigerte sich Ramona meinen Vorschlag anzunehmen. Als ob sie ahnte, dass ich ihrem Vater auf die Finger klopfen wollte, sagte sie: „Ich habe keine Lust aufs Fantasia-Land, der Rene kann alleine mit der Esther fahren. Du beschwerst dich doch, dass wir nicht zu dir wollen, also bleibe ich bei dir.“
Energisch lehnte ich ab: „Nein, das geht nicht, ich habe etwas zu erledigen. Ich denke du findest das Wochenende bei mir langweilig? Jetzt biete ich dir ein schönes Erlebnis und das willst du auch nicht? Was willst du denn eigentlich? Weißt du das?“
„Wenn du mich nicht mitnehmen willst, hätte ich ja auch beim Papa bleiben können. Mit der Esther fahre ich auf jeden Fall nicht. Dann fahre ich zur Oma, also gib mir Fahrgeld.“Maulte sie.
Ich versprach sie später bei meiner Mutter abzuholen, und war froh, als ich alleine war, um mein Vorhaben in die Tat umzusetzen.
Ein Kölner Auto stand vor dem Haus, aber Robert schien noch nicht zu Hause zu sein. Weil ich zur Klärung der Sache aber seine Anwesenheit brauchte, entschloss ich mich den privaten Vordereingang, zur Wohnung meiner Schwiegereltern, zu nehmen.
Als meine Schwiegermutter mir öffnete, fragte sich überrascht: „Ruth, du? Was willst du denn hier? Hast du dich verlaufen?“
Innerlich amüsierte mich ihre Reaktion, aber ich erwiderte freundlich, wenn auch neutral: „Nein, eigentlich wollte ich zu deinem Sohn, aber der ist ja noch nicht zu Hause. Da ich keinen Schlüssel mehr habe, dachte ich, ich könnte bei dir warten. Oder darf ich nicht mehr reinkommen?“
Sie reagierte verlegen, gab aber sofort den Eingang frei und machte eine einladende Handbewegung: „Doch natürlich. Komm doch rein. Es ist nur momentan etwas ungünstig. Nicht bei mir, sondern bei Robert, der hat nämlich Besuch. Ob das jetzt der richtige Zeitpunkt ist, ihn zu besuchen, weiß ich nicht.“
„Ja, ich weiß wer oben in meiner Wohnung ist. Deshalb bin ich ja hier. Es wird Zeit mal für Ordnung zu sorgen.“ Erklärte ich ernst.
Entsetzt fragte sie vorwurfsvoll: „Das willst du wirklich tun? Du willst ihm das kaputt machen, was ihm endlich Ruhe und Glück gebracht hat? Findest du das fair? Du hast ihn doch verlassen, ihn mit den Kindern alleine gelassen. Jetzt wo er sich ein neues ruhiges Familienleben aufbauen will, da kommst du und willst es zerstören? Dass du so gemein sein kannst, hätte ich nicht von dir gedacht. Bitte, überlege dir das noch einmal.“
Ich holte tief Luft, denn ausgerechnet Roberts Mutter hatte immer auf meiner Seite gestanden, weil sie ebenfalls die ganzen Eskapaden ihres Sohnes verurteilt hatte, und mir immer Mut gemacht hatte, für Roberts Fehler zu arbeiten. Sicher war Hauptsächlich eigenes Interesse der Grund gewesen, weil sie um ihre Mieteinnahme und den guten Ruf der Familie besorgt war. Deshalb hatte sie mich sogar dabei unterstützt meine geschäftlichen Aktivitäten im horizontalen Gewerbe zu betreiben. Die Vermutung, dass ich selbst diese Tätigkeit ausübte hatte sie nie aufkommen lassen, sondern sich immer an den Glauben geklammert, dass ich meine „Damen“ dafür beschäftige.
Was nicht immer richtig war, aber das Thema war in der ganzen Zeit nie aufgekommen.
Das war typisch für Roberts Mutter, die „Kopf in den Sand-steck- Taktik“ oder die drei englischen Affen „nicht- hören-sehen-sprechen“ waren die einfachsten Methoden sauber zu sein und zu bleiben. Zumindest nach außen hin.
Ganz ruhig und bedächtig erwiderte ich: „Es gibt nichts zu überlegen, nur etwas zu klären. Denn dein Sohn tanzt seit Wochen auf zwei Hochzeiten. In der Woche fühlt er sich bei mir im Bett sehr wohl, sagt, dass er nur mich liebt, und dass diese Frau nur ein Notstopfen war, die ihm eigentlich gar nicht gefällt. Verspricht mir, das lästige Verhältnis zu beenden, aber er weiß nicht wie er es ihr schonend beibringen soll. Dann muss ich das tun. Oder zumindest ihn zu einer Entscheidung zwingen.“
Zuerst war sie sehr erstaunt, aber am Ende meiner Erklärung aber voll auf meiner Seite: „Ach so, ja dann hast du völlig Recht. Ach da kommt er ja, warte kurz, ich rufe ihn mal rein!“
Sie ging zur Flurtür und rief: „Robert, kommst du bitte mal kurz rein?“
„Was machst du denn hier?“ entfuhr es meinem Mann voller Entsetzen, als er mich im Wohnzimmer seiner Mutter vorfand.
„Für reinen Tisch sorgen!“ antwortete ich ruhig.
Fast gleichzeitig klopfte Jemand und eine dunkelhaarige, mollige Frau stand plötzlich im Rahmen. Sie starrte mich an, sah von einer Person zur anderen und fand vor Entsetzen keine Worte.
Robert versuchte die Situation zu retten, indem er der Frau befahl: „Geh bitte nach oben, Amanda, ich komme gleich. Ich muss hier noch etwas besprechen. Geh bitte!“
Ruckartig stand ich auf, widersprach kämpferisch: „Nein, mein Lieber, so einfach wollen wir es dir nicht machen. Entweder wir besprechen das hier, in Gegenwart der Dame, oder ich gehe mit hinauf, denn das da oben ist meine Wohnung. Für die habe ich gearbeitet, und wer sich in meinem Bett niederlässt habe ich mit zu entscheiden. Das wollen wir gleich mal klarstellen! Du kannst mir aber auch gleich hier sagen, wenn du deine Meinung plötzlich wieder geändert hast und doch nicht wieder mit mir leben möchtest. Dann gehe ich auf der Stelle, für immer! Also, sprich!“
Mit weinerlicher Stimme meldete sich die Störende zu Wort: „Sag mir, dass das nicht wahr ist, Robert! Aber ich dachte, du liebst mich und ich soll doch zu dir ziehen? Hast du mich belogen und mit deiner Frau betrogen? Das kann ich nicht glauben! Bitte sag mir dass das nicht stimmt!“
Robert drehte sich wie ein Fisch auf dem Trocknen, er stotterte: „Also weißt du, Amanda, das ist alles nicht so einfach. Schließlich geht es auch um unsere Kinder, und deren Mutter ist nun mal noch immer meine Frau. Ich kann ihr doch nicht ihre Kinder vorenthalten, das musst du einsehen. Du würdest es auch nicht wollen, dass man dir deine Tochter wegnimmt. Tja, also, was soll ich denn sagen?“
„Nichts!“ mischte ich mich ein. „Nehmen Sie einfach ihre Tochter und gehen Sie. Das Abenteuer hat sich hier für Sie erledigt!“ sagte ich hart.
Sie lief weinend hinaus und Robert meinte mitleidig: „Musst du immer gleich so grob sein? Nicht jeder hat deine Mentalität, das verträgt nicht jeder!“
Ironisch fragte ich: „Soll ich die Olle vielleicht ins Ärmchen nehmen und streicheln? Hallo, spinnst du? Die hat es sich in meinem Nest bequem gemacht, das war ein Kuckucksei! Also bitte, du hattest doch selbst keine Lust mehr drauf. Dir war sie doch zu hausbacken, vergessen?“
Als ich, mitsamt meinen Sachen, und einigen mehr, wieder einzog war nur Ramona sehr zurückhaltend, was wir aber als vorübergehend ansahen.
Dass mir meine eigene Tochter zur Feindin wurde, hätte ich zu der Zeit nie geglaubt.
Umzug
Meine Freundinnen hatten mir prophezeit, dass meine Rückkehr nicht gut gehen werde, was mich jedoch keineswegs beeindruckte.
Ich gab mir Mühe einfach zur Normalität zurückzukehren. Morgens versorgte ich die Kinder, wenn Ramona in der Schule und Rene im Kindergarten war, konnte ich arbeiten gehen. Da auch Ramona nach der Schule in den Kinderhort ging, hatte ich eine normale Arbeitszeit.
Zwar gab es schon mal kleinere Probleme mit meinen „Damen“, weil ich nicht immer aufpassen konnte, aber das hielt sich in Grenzen, sodass meine Einnahmen noch reichten um die Kosten beider Haushalte zu decken. Es war so in Ordnung.
Nur ganz kurze Zeit war eitel Glück und Sonnenschein, weil Robert in seinen alten Rhythmus zurück fiel. Er arbeitete zwar, aber in gemächlicher Weise, die nicht wirklich viel einbrachte, weil er ein schlechter Kaufmann war. Seine Geschäftsführung beschränkte sich auf zu geringe Berechnungen der Angebote, und mangelnde Aufsicht seiner beiden Mitarbeiter. Er ließ sie alleine und saß gemütlich bei seinem Freund, auf dessen Tankstelle.
Robert ging weiterhin regelmäßig zum Kegeln, blieb auch zwischendurch mal abends an irgendeiner Theke hängen, bis er Oberkante-Unterlippe voll war, und sein kleiner Bruder war sein allabendlicher Kellerbar-Kumpel, mit dem er am liebsten seine Freizeit verbrachte. Ich saß meist allein vor dem Fernseher.
Zu Hause war Robert selten wie ein Gast, wenn er mal zum Essen da war, meckerte er nur an Allem. Familienleben war das nicht.
Sehr schwer war es Robert zu Sonntäglichen Familienausflügen zu bewegen. Ganz im Gegenteil zu seiner „Oma-Strickstrumpf-Zeit“, als er das jedes Wochenende gemacht hatte. Und auch unsere Streitigkeiten drehten sich immer wieder um das Gleiche: Geld und seine Verschwendungssucht. Und die Kräche häuften sich wieder.
Auch in Bezug auf die Kinder änderte er nichts. Wie gehabt bevorzugte Robert unseren Sohn, nahm er Rene mit zum Angeln und zum Autorennen-Wochenende, aber Ramona ließ er links liegen. Dass Robert seine Tochter nicht gerne mitnahm begründete er damit, dass diese Aktivitäten nichts für Mädchen seien, und sie Autofahren nicht vertrug. Dabei war ihre ständige Kotzerei beim Fahren längst Vergangenheit des Kleinkindalters. Laut meiner Mutter war das meine Schuld, die Reaktion des Kindes auf meine wilde Tanzerei während der Schwangerschaft.
Mir war zwar klar, dass unserer sensible Tochter unter den angespannten Verhältnissen litt, ich hatte aber genug mit der Erhaltung der Finanzen und häuslichen Ordnung zu tun, sodass ich mir keine Gedanken um Ramonas Seelenleben machte. Dass sie unter Eifersucht litt, war zwar eine normale Reaktion, aber wegen Renes Bevorzugung durch ihren Vater.
Mir wäre mir nie in den Sinn gekommen, dass ihre Eifersucht sich Hauptsächlich auf mich bezog, bis zu ihrem ersten Schulausflug in der fünften Klasse.
Aufgrund Ramonas guten schulischen Leistungen, und dem Rat ihrer Grundschul-Lehrerin, hatten wir sie auf eine gute Realschule geschickt. Schon im ersten Sommer startete die erste Klassenfahrt.
Weil es schon am frühen Morgen sehr heiß war, hatte ich mich luftig angezogen, was Ramona sofort kritisierte. „So willst du mich bringen? Zieh dir mal was Vernünftiges an.“ Maulte sie. Meine Figur betonte Kleidung und meine hochhackigen Schuhe fand sie zu aufreizend. Abwinkend ignorierte ich ihren Einspruch.
Als ich Ramona am bereits gefüllten Reisebus, vor der Schule, absetzte, waren wir die letzten. Deshalb hielt ich gleich hinter dem Bus, sprang schnell aus dem Auto, gab Ramona ihr Gepäckstück und wollte ihr noch einen Abschiedskuss geben, aber sie ging zügig zum Einstieg.
Weil ich schnell hinter ihr hergelaufen war, stolperte ich mit meinen hohen Sandaletten, und konnte mich gerade noch fangen, bevor ich hinfiel.
Meine Tochter hatte mein kleines Malheur genutzt und war schnell eingestiegen. Als ich das sah lachte ich Schulterzuckend, und trippelte zu meinem Auto zurück. Ramonas Mitschüler hatten mich durch die Busfenster beobachtet, und während einige Jungen klatschten, pfiffen ein paar andere hinter mir her.
Als der Bus abfuhr sah ich nur noch die ärgerliche Grimasse meiner Tochter.
Später warf sie mir vor, sich für mich geschämt zu haben, weil ihre Mitschüler hinter mir her gepfiffen hatten, weil sie mich ganz toll fanden. Ich konnte weder ergründen noch verstehen, was an mir so blamabel sein sollte, ich war nur jung, modern und locker. Denn ich kleidete mich zwar modern, aber ganz normal, nicht aufreizend.
Umbruch
Als mir die Wohnung, in der ich meine geschäftliche Niederlassung hatte, gekündigt wurde, bekam ich gerade passend von Beates Mutter eine Wohnung angeboten. Auf meiner ersten Adresse im horizontalen Gewerbe, war im Haupthaus die erste Etage frei. Weil meine Freundin, Esther, auch gerade Probleme mit dem Vermieter ihrer geschäftlichen Niederlassung hatte, mieteten wir die Wohnung gemeinsam an.
Da ich fast die gesamte Möblierung einer großen Wohnung übrig hatte, kam diese Möglichkeit gerade passend. Zudem hatte ich mich von meinen beiden „Damen“ getrennt, weil ich den Ärger wegen deren Unzuverlässigkeit und „Problemchen“ leid war.
Das hieß, ich musste sowieso wieder selbst „anschaffen“, sowie Esther auch, die ähnliche Probleme hinter sich lassen wollte. Weil wir beide uns immer gut verstanden hatten, war es eine logische Schlussfolgerung, dass wir uns wieder zusammen taten.
Allerdings hatte ich den Wunsch mich beruflich zu verändern, denn ich war der Meinung, dass ich für den horizontalen Job bald zu alt war. Also entschloss ich mich, endlich einen Beruf zu erlernen.
„Eine dreißigjährige Frau haben die Freier selbst zu Hause. Außerdem kann ich die Kerle nicht mehr ertragen. Ich muss eine Ausbildung machen.“ Erklärte ich meinem Ehemann. Dem war alles egal, Hauptsache ich hielt die Familien-Finanzen im Gleichgewicht. Damit er seinen leichtlebigen Lebensstil beibehalten konnte.
Als ich in einer Zeitung eine Werbung las: >Ausbildung zum Fahrlehrer/in< hatte ich meinen Zukunftstraum gefunden. Die Schulung dauerte sechs Monate, Voraussetzung war alle Führerschein-Klassen und mindestens 23 Jahre alt.
„Das mache ich!“ entschied ich spontan.
Achselzuckend meinte mein Mann dazu: „Mach was du willst, aber denk daran, dass es eine Menge Knete kostet und ich dir dabei nicht helfen kann.“
„Wann und bei was hast du mir jemals geholfen?“ lachte ich ihn aus.
Esther fand die Idee gut, meinte: „Ich finde es gut, dass du dir um die Zukunft Gedanken machst, schließlich hast du zwei Kinder, und einen Mann, der alleine zu nix in der Lage ist. Außerdem hast du hier den ganzen Tag Zeit zum Lernen, so wird dir die Wartezeit auf die Wixer auch nicht langweilig.“
Nachdem ich genaue Erkundigungen bei der „Fahrkehrer-Fachschule“ eingeholt hatte, wusste dass die Teilnahme an dem Tagesunterricht möglich war und Fünfzehnhundert Mark kostet, meldete ich mich bei einer Fahrschule an. Den Führerschein der Klasse 3 hatte ich schon seit sieben Jahren und ich hatte sogar noch die Personen-Beförderungs- Erlaubnis, weil ich lange Zeit Taxifahrerin war.
Also meldete ich mich in einer Haaner Fahrschule an, für die Führerscheine 1 und 2, für Motorräder und LKWs.
Gleich nach den ersten Fahrstunden war ich mir sicher, dass die Prüfungen kein Problem für mich darstellten, deshalb meldete ich mich auch bei der „Fahrlehrer-Fachschule“ an. Bis zum Beginn des Unterrichts hatte ich noch zwei Monate Zeit um die Führerscheine zu erwerben.
Diese Zeit musste ich zum Lernen sowie zum Sparen nutzen. Ich hatte das Glück, dass ich spezielle Maso-Kunden hatte, deren Neigungen mir durch meine Sado-Behandlungen dreistellige Summen einbrachten, die ich heimlich sparte.
Für die Fahrprüfungen lernte ich die ganze Klasse 2 –Technik einfach auswendig, weil ich das sowieso nicht verstand, denn ich war technisch völlig unbegabt. Aber durch eifriges Studieren der Fragebögen machte ich mich fit.
Robert arbeitete inzwischen bei Esthers Freund Leo, denn er hatte wegen seiner geschäftlichen Nachlässigkeit den eigenen Betrieb einstellen müssen. Natürlich hatte uns das auch mal wieder einen Schuldenberg hinterlassen, den abzubauen ich nun auch noch am Hals hatte.
Unseren Kindern fehlte es derweil an nichts, nur an mehr Zeit mit uns Eltern. Robert arbeitete mit Leo oft in Holland, deshalb war er manchmal Tagelang nicht zu Hause. Ich war mit „anschaffen“ und lernen bis spät abends beschäftigt, und wenn ich am Wochenende zu Hause war, mit kochen, putzen, waschen und bügeln. Familienausflüge fielen aus.
Ich musste mich ran halten, denn am 8. März sollte meine Führerschein-Prüfung, mit der Theorie starten, die beiden Praktischen in den Tagen danach. Es war für mich wie ein Spaziergang, denn ich bestand alle drei Prüfungs-Teile fehlerlos mit Bravur.
Während das langweilige Familienleben den Kleinen nicht negativ beeindruckte, war Ramona maulig und widerspenstig. Nichts konnte man ihr recht machen. Trotzdem gab ich mir Mühe ihren Geburtstag am 24.März nett zu gestalten. Sie hatte ein paar Kinder aus ihrer Klasse eingeladen, darunter auch zwei Jungs. Alles war bestens, bis einer der Jungen mit Blumen herein kam, die er mir statt ihr überreichte. Obwohl Ramona ein anders kleines Geschenk bekam verzog sie beleidigt das Gesicht und sprach Tagelang nicht mit mir. Was konnte ich dafür, dass der junge Mann ein Gentleman war, und der Mutter eine Aufmerksamkeit mitbrachte, nicht nur seiner kleinen Freundin? Ich fand ihr Verhalten lächerlich, ignorierte es.
Jedoch fiel mir schon damals auf, dass zu Ramonas sensibler Zartheit ihren Bruder so leicht nichts erschüttern konnte. Bei einer Begebenheit schrieb ich es Roberts schlechtem Vorbild zugute, der dem Kleinen unbedingt Härte beibringen wollte.
Als unser Wellensittich sich an seiner eigenen Schaukel im Käfig verletzt hatte, schlug Robert unserem Sohn vor, das Tier zu erschießen, und Rene stimmte begeistert zu. Trotzt meinem empörten Einspruch, nahm Robert den sechsjährigen Jungen mit in den Keller, und ballerte mit seinem Lieblingsspielzeug, seinem Revolver, vor den Augen des Kindes, auf den Vogel. Schon bei diesem Ereignis schreckte mich die Gefühllosigkeit des Kindes. Denn Ramona reagierte mit Tränen auf den Tod des Tieres.
Auch die Nachricht vom Tod meiner Großmutter, der von meinen Kindern heiß geliebten „Tick-Tack-Oma“, ließ meine Tochter und mich in Tränen ausbrechen. Renes verächtliche Reaktion darauf erschreckte mich sehr. Er hatte bereits mit Unverständnis reagiert, als er meine Tränen sah, aber als kurz darauf auch seine Schwester weinte, sagte er: „Jetzt heult die dumme Ziege auch noch! Typisch Weiber!“
Ich wusste nicht, ob Rene nur seinem Vater gefallen, und schon ein kleiner Mann sein wollte, oder ob er wirklich so gleichgültig anderen Menschen und deren Gefühlen gegenüber war.
Zumindest war nicht zu übersehen, dass der Junge ein „dickes Fell“ hatte. Denn auch wenn er sich verletzte weinte er niemals, sondern verzog nur das Gesicht, oder reagierte sogar zornig darauf, auch wenn er die Verletzung selbst verschuldet hatte.
Rene hatte eine Art, die ich nicht verstehen konnte, aber auch das konnte sich vielleicht noch ändern, sowie zuvor seine Augenfarbe.
Auszug
Das Verhältnis zu meinen Schwiegereltern war durch meine monatelange Abwesenheit ein wenig distanzierter geworden, was sich aber im Laufe der Zeit normalisierte, als sie sahen, dass ich wieder alles im Griff hatte.
Dann stand ein wichtiges Fest an. Meine Schwiegereltern hatten bald „silberne Hochzeit“ und bereiteten eine große Feier vor.
Zu den wenigen Familienangehörigen und Freunden lud mein Schwiegervater mehrere Kollegen von der Nato ein. Alle waren hohe Offiziere mit ihren Ehefrauen, die alle nur Englisch sprachen, obwohl sie schon Jahre in Düsseldorf lebten.
Das war für meinen Mann eine große Herausforderung, da er als ältester Sohn eine Rede halten wollte. Leider waren seine Kenntnisse in der englischen Sprache sehr bescheiden, sodass er sich entschloss, deutsch zu sprechen. Sein Vater lehnte Roberts Bitte, doch simultan zu übersetzen, kategorisch ab. Er war der Meinung, das mache keinen guten Eindruck, wenn er seine eigene Lobrede wiederhole.
Das war der erste Punkt, der zu einer Missstimmung führte.
Leider schaukelte sich die schlechte Stimmung während der Feier noch weiter hoch. Natürlich hatten die Anwesenden auch schon einigen Alkohol intus, sodass das Gehirn träger aber des Mundwerk lockerer wurden.
Der Grund war das leere Nachbargrundstück, das nicht mehr lange leer bleiben sollte. Roberts Mutter jammerte, dass man nun ihr Fenster zubauen werde, und sie dadurch eine dunkle Küche bekäme. Weil Robert das, von seinem verstorbenen Großvater geerbte Grundstück, dann aber verkauft hatte, welches nun bebaut wurde, machten die Schwiegereltern meinem Mann schwere Vorwürfe.
Aber Robert hatte wohl den höchsten Alkoholspiegel, obwohl sein Vater ihn gebeten hatte, wegen der Engländer Zurückhaltung zu üben, deshalb war er sehr streitsüchtig.
Wer zuerst und wer erst als Antwort auf die verbalen Angriffe ausfallend wurde, war nicht mehr zu ermitteln, aber der Streit endete mit heftigen gegenseitigen Vorwürfen. Die englischen Gäste verabschiedeten sich schnell.
Robert beschimpfte seinen Stiefvater als Erbschleicher, der sich ins gemachte Nest gesetzt hatte, und bekam als Antwort die Kündigung von dem, der sich als Hausherr fühlte. Was wir lächerlich fanden.
Die Feier endete mit einem Desaster. Denn selbst meine Mutter meinte Robert und mir beistehen zu müssen und ging auf meinen Schwiegervater los. So war zum Abschluss der Feier die komplette Familie zerstritten.
Am nächsten Tag hatte Robert einen derartigen Kater, dass er in der Frühe den Kleinen zum Einkaufen schickte, weil wir kein Mineralwasser im Haus hatten. Dummerweise gab er zwei Flaschen in Auftrag, womit Rene wohl überlastet war, und dem Jungen im Hausflur ein Malheur passierte. Eine der Wasserflaschen rutschte dem Kleinen aus der Hand und zerschellte mit lautem Knall direkt vor der Wohnungstür der Schwiegereltern.
Als ich hörte, dass mein Schwiegervater laut mit unserem Sohn schimpfte und ihm Ohrfeigen androhte, raste ich im Schlafanzug ins Treppenhaus und schrie laut: „Das kannst du dich wagen, den Kleinen anzufassen! Das Echo kannst du nicht vertragen, glaube mir mein Lieber. Meine Kinder schlägt niemand, auch du nicht! Spiel dich hier nicht als Hausbesitzer auf, du bist hier genauso nur geduldet, wie wir auch. Aber mach dir keine Sorgen, wir ziehen freiwillig aus. Mit dir wollen wir nicht länger in einem Haus wohnen. Komm hoch Rene, du brauchst keine Angst zu haben, dir tut niemand etwas, ich passe auf dich auf!“
Noch am gleichen Tag entschlossen wir uns auszuziehen. Das hieß leider für mich, dass ich nicht länger zur Schule gehen konnte, sondern ganztags arbeiten musste, denn der Umzug würde viel mehr kosten, als wir uns leisten konnten. Also brach ich die Schule auf halbem Weg ab. Der Arbeitsplatz, den ich wegen der Ganztags-Schule verlassen musste, war allerdings inzwischen besetzt. Mona war zurück gekommen. Nun waren wir zu dritt. Während Esther sich freute, maulte ihre Schwester.
Wir mussten nicht lange suchen, denn wir fanden ein ganzes Hinterhaus in einem entfernten Stadtteil. Zwar bekamen wir nur die obere Etage des ehemaligen Kartonagen-Betriebs, aber im Erdgeschoss blieben nur noch Lagerräume des Besitzers. Auch hatten wir einiges umzubauen, die Decken abhängen lassen, das Badezimmer musste abgeteilt und eingerichtet werden, aber ansonsten nur normale Malerarbeiten, die Robert selbst machte.
Das Vorderhaus war komplett vermietet, aber der große Hof zwischen den Häusern sorgte für einen großen Abstand. Außerdem gehörten zu unserer neuen Wohnung eine die einzige Garage und auch ein großer Garten, der nur zu unserer Verfügung stand, sodass wir mit den drei Familien des Vorderhauses nichts zu tun hatten.
Eigentlich hätte alles in Ordnung sein können, wenn nicht Roberts Unbeständigkeit gewesen wäre.
Das hieß wieder einmal keine Arbeit, weil Leo selbst nicht mehr genug Aufträge hatte.
Dummerweise stieg auch ich aus dem horizontalen Geschäft aus, weil inzwischen Esthers Schwester als Dritte im Bunde einfach zu viel für den geringen Kundenzulauf war. Für drei Frauen kam einfach nicht genug Geld rein.
Wir trennten uns im Guten, denn ich hatte sowieso meine Fahrlehrer-Prüfungen vor mir, die mir keine Zeit für einen Job ließen. Zwar hatte ich nicht mehr viel von meinen Ersparnissen übrig, aber irgendwie musste es reichen.
Die Prüfung wurde zum Desaster, die mangelnde Unterrichtszeit machte sich voll bemerkbar. Ich fiel mit Pauken und Trompeten durch. Aus der Traum von der Fahrlehrerin.
Ein Lichtblick
Auch Esther gab das horizontale Geschäft auf, weil sie nicht mehr damit klar kam. Mit ihrer Schwester verstand sie sich nicht, die Freier konnte sie nicht mehr ertragen und Leo bot ihr wohl eine andere Alternative, er hatte nämlich ein Einfamilien-Reihenhaus in Leverkusen gemietet, wo sie nun hinzog. Was sie beruflich machte wusste ich nicht, nur dass sie nun mit ihrem Lebensgefährten zusammen arbeitete.
So verloren wir uns vorerst aus den Augen, und ich saß ohne Arbeit und deprimiert zu Hause. Mein Ehemann hatte sich zwangsläufig auf seinen Beruf besonnen, und versuchte bei ehemaligen Kunden Aufträge zu bekommen. Das erwies sich jedoch als schwierig, weil Robert nicht gerade der zuverlässigste und auch nicht der Beste Meister seines Fachs war. In der Vergangenheit hatte es zu viel Ärger und Reklamationen gegeben. Einen guten Namen hatte er sich deshalb nicht bei seinen Kunden gemacht.
Ob die Kinder glücklich in der neuen Umgebung waren, konnte ich anfangs nicht beurteilen, weil Ramona sich sehr zurückgezogen hatte, und Rene sich erst in der neuen Schule zurechtfinden musste. Das klappte leider nicht so wie ich es mir gewünscht hätte, weil er einfach noch zu flapsig war, deshalb versetzte man ihn in die Vorschulklasse. Damit war die frühe Einschulung wieder hinfällig, sodass er erst im nächsten Jahr erneut eingeschult werden sollte.
Dem kleinen Strolch machte das alles nichts aus, ob er in schlechte Gesellschaft geriet oder ob es aus seinem eigenen Willen entstanden war weiß ich nicht, aber eines Tages erwischte Robert den Kleinen beim Rauchen.
Dummerweise hatte Rene sich den schmalen Zwischenraum, zwischen unserer Garage und der kleinen Mauer zum Nachbargrundstück ausgesucht, um wie ein Schornstein zu qualmen. Dummerweise wohnte der Rektor seiner Schule in diesem Nachbarhaus, und der hatte unseren Sohn aus seinem Fenster beobachtet hatte.
Aber statt einer gewaltigen Standpauke und langgezogenen Ohren, fand mein Mann eine andere Methode als Strafe, womit er unserem Sohn das Rauchen abgewöhnen wollte. Er gab ihm eine Packung Zigaretten und verlangte, dass Rene so viele davon rauchte, bis es ihm schlecht würde. Ich war entsetzt, erklärte Robert für verrückt. Verhindern konnte ich die Strafe allerdings nicht. Allerdings hielt Rene, zum Glück, auch nicht sehr lange durch. Roberts drohende Schilderung des Strafablaufes hatte ihm wohl Angst gemacht.
In dem Moment größter Not, wenn man glaubt alle Wege seien zu Ende oder verschlossen, öffnet sich meist eine neue Tür, sagt eine alte Weisheit.
Tatsächlich wurde mir ein Lichtblick von völlig unerwarteter Seite gebracht, worüber ich mich noch heute wundere und gleichzeitig dankbar bin.
Mit großem Staunen horchte ich auf, als sich der Anrufer mit Namen meldete. „Hallo Ruth, ich bin es, Norbert Fuchs, wie geht es dir? Du, ich wollte dich fragen, ob du momentan Zeit hast. Die Esther hat gesagt, dass du nicht arbeitest und hat mir deine Nummer gegeben. Weißt du, ich hab die Fleppe weg und die Elvira kann mich nicht fahren, die ist im Krankenhaus. Könntest du mich fahren? Natürlich werde ich mich erkenntlich zeigen. Du würdest mir wirklich aus der Patsche helfen. Na, was sagst du?“ redete Esthers ehemalige Affäre auf mich ein, dass es einem Wasserfall gleich kam.
Ich hatte ihn lange nicht gesehen, was mir auch keineswegs gefehlt hatte, denn ich mochte den rothaarigen Vertreter absolut nicht. Was meine Freundin damals an dem hässlichen Zwerg gefunden hatte, war mir ein Rätsel geblieben. Aber eines musste ich dem Großkotz zugute halten, er war immer sehr erfolgreich und großzügig, er hatte nur den Nachteil, dass Kleptomane war, er klaute was nicht Niet-und Nagelfest war.
Als er erstmals als Kunde kam, großspurig gleich den doppelten Preis für Esther bezahlte, um uns zu imponieren, fand ich ihn gleich zum Kotzen. Er hatte eine angeberische, aufdringliche Art an sich, die mir total widerstrebte. Zwar war er wirklich so erfolgreich und weltgewandt wie er sich gab, aber seine schleimig einschmeichelnde Art sich gleich als dazugehörig und zu Hause zu fühlen, lag mir einfach nicht.
Als Vertreter eines großen Möbelunternehmens brachte ihm vermutlich seine direkte Vertraulichkeit seinen großen Erfolg ein, denn es klappte ja auch bei meiner Freundin. Esther bestellte die komplette Wohnungs-Einrichtung, für unsere neue Geschäfts-Adresse, bei ihm.
Dass Norbert ab dem ersten Tag bei Esther ein- und ausging, also auch mir täglich über die Füße stolperte, war die Folge, die mir anfangs nur auf die Nerven ging. Als er aber später meinen Lover beklaute, während der bei mir im Bett lag, war er bei mir endgültig unten durch. Natürlich wurde ich ebenfalls verdächtigt, an dem Raub und der Beute beteiligt zu sein. Was wirklich nicht stimmte, denn ich hatte genauso ahnungslos im Bett gelegen, wie der Bestohlene selbst. Danach wendete sich mein damaliger Liebhaber natürlich von mir ab, sodass die Affäre beendet war.
Dass nun ausgerechnet dieser Halunke mich um Hilfe bat, wunderte mich sehr. Allerdings war mir auch sofort klar, dass er mir damit eine Chance bot, Geld zu verdienen und vielleicht sogar einen neuen Job, in einer lukrativen Branche zu ergattern. Weil ich dringend Arbeit benötigte, überlegte ich nicht lange, sondern sagte spontan zu, als ich endlich zu Wort kam.
Schon am ersten Arbeitstag, beim ersten Kunden, war mir klar, dass Norbert mir die neue Chance quasi auf dem Silbertablett serviert hatte, ohne es zu ahnen.
Denn der Verkauf von „Fassaden-Verkleidungen“ war so leicht, und der Verdienst so saftig, dass ich unbedingt den Verkauf selbst machen wollte. Ich klaute die nächsten Wochen der Zusammenarbeit mit Augen und Ohren, nicht mit den Händen. Ich war sicher, was Norbert mir zeigte konnte ich auch.
Der Chef des Unternehmens baggerte mich zwar an, wäre mir sicher gerne an die Wäsche gegangen, aber seine „guten Adressen“ wollte er nicht einer Frau überlassen. Weil er der Meinung war, Frauen hätten von der Materie keine Ahnung. Von meinem Körper hielt ich mir den hässlichen „Bazi“ zwar fern, jedoch fand ich die Möglichkeit in das Geschäft einzusteigen.
Da Adressen knapp waren, offerierte ich ihm meine Idee, mehr interessierte Kunden durch „Direktwerbung“ zu finden. Dadurch war ich schon bald die fest angestellte „Werbeleiterin“ mit eigener „Werbedamen-Kolonne“ und Firmenwagen, des Fassadenbau-Unternehmens. Außerdem vermittelte ich meinem Ehemann den Job als „Leiter der Putzkolonne“. So waren wir beide sehr schnell in Lohn und Brot. Wir hatten beide eine leitende lukrative Arbeit.
Auch mit den Kindern schien inzwischen alles in Ordnung zu sein, sodass wir normalerweise ein angenehmes geregeltes Leben hatten. Nun hatten wir die räumliche Möglichkeit den Kindern ihren heißesten Wunsch zu erfüllen, wir schafften uns einen Hund an, einen jungen Dalmatiner. Die Kinder waren glücklich.
Zwar musste ich mal mit Renes Lehrerin ein ernstes Wort reden, weil sie den Jungen offensichtlich schikanierte. Dass er nicht gerne zur Schule ging, hatte ich anfangs nicht auf die Lehrerin bezogen, aber als er eines Morgens darauf bestand, dass ich sein Arbeitsblatt bügeln müsse, wurde ich hellhörig. Er weinte sogar, berichtete, dass er wieder in der Ecke stehen müsse, wenn er mit „Eselsohren“ in die Schule komme.
Natürlich fuhr ich sofort mit meinem Sohn zur Schule und stellte die „Dame“ zur Rede, dabei informierte ich sie mal, in aller Höflichkeit, darüber, dass die „Asozialen“ auf der anderen Straßenseite wohnten, und mein Mann als Malermeister kaum dazu gehören könne. Ich bat sie, mein Kind genauso anständig und freundlich zu unterrichten, wie die Anderen und wie es ihre Aufgabe sei.
Diese kleine Episode war meinem Ehemann nicht so wichtig, er hatte andere Interessen. Unser Familienleben hätte im gewohnten Rahmen weiter laufen können, wäre da nicht die Unruhe meines Ehemannes gewesen, der mit seinen Saufgelagen, und seiner sexuellen Gier nach Abwechslung, nach mehr als ich zu geben bereit war, alles kaputt gemacht hätte.
Sexsucht
Roberts Tick bei jeder passenden oder auch unpassenden Gelegenheit alles aus sexueller Sicht zu sehen, ging sogar so weit, dass er seine Witzchen über eine ganz normale mütterliche Vorsorge machte.
Weil ich bei unserem Sohn gesehen hatte, dass sein Hodensack leer war, hatte unser Hausarzt mich für meine Aufmerksamkeit gelobt, und mir empfohlen, den Mangel im Auge zu behalten, und regelmäßig zu ertasten, ob eine Änderung eingetreten sei. Wenn nicht, müsse das auf jeden Fall, noch vor Schuleintritt des Jungen, hormonell behandelt werden um Unfruchtbarkeit zu verhindern.
Ich nahm das natürlich sehr ernst, und kontrollierte den Stand immer wenn Rene aus der Badewanne kam.
Roberts dumme Bemerkung dazu konnte ich gar nicht lustig finden: „Ach guck mal Ramona, die Mama spielt dem Kleinen mal wieder an den Eiern.“
Angewidert dachte ich nur >Kann dieser Mann denn mal an etwas anderes denken, als an Sex<?
Was oder wer meinen Mann auf diesen Unfug gebracht hatte, war mir nicht ganz klar, aber er bedrängte mich plötzlich ständig mit seinem speziellen Wunsch. Er wollte, dass ich ihn in einen „Pärchenclub“ begleite.
Entsetzt lehnte ich dieses Ansinnen ab. Ich konnte absolut nicht verstehen, dass Robert mir eine solche Sache zumuten wollte, denn ein Versuch, mich zum „Partnertausch“ zu überreden, war Jahre zuvor mal eskaliert.
Aus Wut, weil ich diese „Schweinerei“ abgelehnt hatte, zerschlug Robert damals im Alkoholrausch unseren Glastisch. Dass er dieses Erlebnis nicht mehr in Erinnerung hatte, konnte ich mir eigentlich nicht vorstellen, ja glaubte er denn, ich hätte meine Einstellung geändert?
Tatsächlich erklärte mir mein Ehemann, dass ich nicht mitmachen müsse, ich könne mich ja an die Bar setzen, schließlich bräuchte er mich nur als Begleitung, weil er alleine nicht rein komme.
„Wie bitte? Ich soll mich an die Bar setzen und auf meinen Mann warten, bis der sich ausgepoppt hat? Sag mal, spinnst du? Welch eine Zumutung, pfui, dass du dich nicht schämst, kann ich kaum glauben. Das kommt ja überhaupt nicht in Frage!“ entschied ich konsequent.
Bei einem Besuch kam dummerweise ausgerechnet meine Freundin Beate auf dieses Thema zu sprechen. So ganz nebenbei erzählte sie in amüsiertem Ton, dass sie als Begleitung mit einem Freier in einem Pärchenclub gewesen sei, und die Atmosphäre als sehr angenehm empfunden hätte.
„Das ist das Vergnügen der Zukunft, die kommende Freizeitbeschäftigung, da bin ich ganz sicher. Der Eintritt kostet zwar hundertfünfzig Mark, aber dafür wird echter Luxus geboten. Die Einrichtung ist einfach Spitze, ein tolles Buffet haben die, und man kann essen und trinken so viel man will. Auch das Publikum ist echt nett, eine so lockere Atmosphäre findet man sonst nirgendwo. Also ich gehe mit dem Typ wieder hin, habe ich ihm gerne versprochen!“ schwärmte Beate regelrecht.
Ab dem Tag ließ Robert mir keine Ruhe mehr. Er bohrte und redete so lange, bis ich es leid war und ihm sagte, er könne ja meine Freundin Beate als Begleitung mitnehmen.
Robert zögerte keine Sekunde, sondern rief meine Freundin sofort an, und bat sie um ihre Begleitung. Natürlich rief Beate mich später zurück und fragte mich, ob ich meinem Mann wirklich die Zustimmung gegeben habe, mit ihr in den „Pärchenclub“ zu gehen.
„Ich kann ihn nicht daran hindern, Beate. Er tötet mir den letzten Nerv mit seinem ständigen Gerede von dem Mist. Ja, ich habe gesagt, dass ich auf gar keinen Fall mit ihm dahin gehe. Meinetwegen könne er dich als Begleitung mitnehmen, wenn du dazu bereit bist.“ Erwiderte ich wahrheitsgemäß.
Sie hatte ihm ihre Begleitung zugesagt, und mit Robert einen Termin für Freitag in zwei Wochen zugesagt. Damit war das unliebsame Thema vorerst vom Tisch.
Natürlich bekamen unsere Kinder von dieser Sache nichts mit. Das kam allerdings daher, weil die beiden sehr traurig waren, denn unser Hund war auf die stark befahrene Straße gerannt, und überfahren worden. Dummerweise ließ Robert sich überreden, das Tier in einer Tierklinik operieren zu lassen. Leider eine vergebliche Sache, denn das Tier erholte sich nicht, sondern musste Wochen später eingeschläfert werden.
Versuchung
Der Freitag vor Roberts Ausbruch war der übliche „Kegelfreitag“.
Das hieß für mich, dass ich ebenfalls mit einer Freundin ausging, und darauf achtete später als mein Ehemann nach Hause zu kommen. Denn Robert war immer noch sehr streitsüchtig unter Alkoholeinfluss. Auch darin hatte er sich nicht geändert. Ob man ihm zu nahe getreten war, oder nichts getan hatte, irgendeinen Grund fand Robert immer, Irgendjemand anzugreifen. Dem ging ich lieber aus dem Wege.
In unserer Lieblingsdisco in Wuppertal war es schon brechend voll, als Beate und ich dort eintrafen, sodass wir uns an der Theke mit Mühe und Not nur einen Stehplatz erobern konnten. Bei der Drängelei und Schieberei stieß ich aus Versehen mit einem Mann zusammen, der mich amüsiert fragte, ob er im Weg stünde. Frech bejahte ich und meinte, wenn er weggehen würde, wäre das besser für mich.
Erst als ich zu ihm aufsah, und das lachende Gesicht näher betrachtete, erkannte ich den Mann. Fast gleichzeitig stellten wir uns gegenseitig die Frage, ob wir uns nicht schon aus Lörrach kannten.
Wir waren uns einig, dass wir vor langer Zeit bereits mehrmals nebeneinander an der Theke in Lörrach, im Bijou, gestanden hatten. Die Verbindung war somit geknüpft, die sich im Laufe der nächsten Wochen zu einer Affäre entwickelte.
Während meine Affäre mit Udo immer
enger wurde, verweigerte ich mich meinen Mann, weil ich seinen ekelhaften Ausrutscher nicht verkraften konnte. Unsere Ehe war total am Ende, und mir war klar, dass die auch nicht mehr zu kitten war.
Als Udo nach ein paar Wochen von Trennung oder ganz zusammen zu bleiben sprach, ließ er mir keine Zeit zum überlegen, sondern nahm unser beider Trennungsschritt gleich selbst in die Hand.
Bei einem Treffen mit unseren Partnern, erklärte Udo seiner Lebensgefährtin und meinem Mann, dass wir uns lieben und zusammen bleiben wollen.
Mit den Worten: „Wir werden euch heute verlassen!“ brachte Udo unseren Status gezielt auf den Punkt.
Damit begann ein völlig anderer aber auch unruhiger Lebensabschnitt für mich, aber speziell auch für meine Kinder.
Rasanter Wechsel
Nachdem mein Ehemann sich mit dem Gedanken abgefunden hatte, dass ich ihn verlasse, einigten wir uns, das Ramona bei ihm bleiben, und Rene bei mir wohnen solle.
Um ein Kind im ersten Schuljahr zu beaufsichtigen, hatte ich die bessere Möglichkeit, weil ich nur halbtags arbeitete. Zwar maulte Ramona, die vermutlich befürchtete, zum Dienst- und Putzmädchen ihres Vaters zu werden, aber wir ließen uns da nicht rein reden. Wir fanden diese Lösung am Besten.
Zwar mussten Udo und ich anfangs bei Beate unterkriechen, und es dauerte noch ein paar Monate, bis ich die passende Wohnung gefunden und eingerichtet hatten, aber dank Udos Entscheidung verdienten wir, als freie Verkäufer, genügend um ein schönes Zuhause zu schaffen.
Trotzt Udos Spielsucht ging es uns sehr gut, weil wir Summen verdienten, die uns ein großzügiges Leben zu gestatten.
Rene wusste das alles zu seinem Vorteil zu nutzen. Dabei respektierte der Bengel weder Udo noch dessen Umfeld, nahm aber was er kriegen konnte, er war mit allen Wassern gewaschen. Außer in der Schule, wo man gleich seine Legasthenie erkannte und ihn in den Deutsch-Förderkurs steckte, da passte er sich an.
Man verzieh man ihm jeden Blödsinn, sogar, dass er gerne klaute. Sobald sich die Möglichkeit ergab, dass er eine Spardose oder Geldbeutel unbeobachtet erwischen konnte, nahm er sich was er brauchte.
Allerdings beklaute Rene nur Leute, von denen er wusste, dass sie den Verlust verkrafteten. Udos Spardose und die Haushaltskasse von Roberts Mutter mussten oft herhalten, jedoch meine Mutter bestahl er nie. Nicht weil er diese Oma mehr mochte als die Andere, nein, weil er wusste wie schwer meine Mutter für ihr Geld arbeitete. Und weil der soziale Unterschied deutlich sichtbar war. Seines Vaters Mutter empfand er als reich, denn sie hatten ja ein Mehrfamilienhaus, meine Mutter als arm, sie wohnte zur Miete und lebte bescheiden.
Rene sah sich vermutlich als eine Art „Robin Hood“. Denn er beklaute nur die Reichen und mit dem erbeuteten Geld beglückte er die Armen, in dem Fall seine Freunde. Er lud sie zu einem Stadtbummel ein, und verprasste die Kohle auf eine soziale Art mit denen gemeinsam. Dass er, als Legastheniker, auch noch oft die Schule schwänzte, sah er als normal an. Probleme waren folglich vorprogrammiert.
Rene hatte das Glück, dass seine junge Lehrerin ihm wohl auch gut gesonnen war, sodass sie mir die Schuld für seine Fehlzeiten gab. Einmal warf sie mir sogar vor, dass ich nicht täglich für meinen Sohn kochte, denn der Gaststätten-Mittagstisch sei doch nichts gescheites, fand sie.
Natürlich verbat ich mir ihre Einmischung in meine Tagesplanung und war der Ansicht, dass mein Sohn mehr als gut versorgt wurde.
Leider war unser Leben von ständigen Umbrüchen beruflicher Natur geprägt, weil wir in unsicheren Sparten arbeiteten. Das bekam auch unser kleines „Schlitzohr“ mit und versuchte auch das zu seinen Gunsten zu nutzen.
Weil er immer Augen und Ohren offen hielt, bekam Rene auch unsere weniger soliden Geschäftspraktiken mit, was sicher nicht gerade gut für die Entwicklung eines kleinen Jungen war.
Nach der Fassadengeschichte orientierten wir uns neu als Subunternehmer im Baugeschäft. Leider bemühten wir uns einfach zu wenig, unsere nicht ganz koscheren Geschäftspraktiken von dem Jungen fern zu halten, sodass er schon am Telefon die gleichen Sprüche und Lügen losließ wie wir, wenn unsere Gastarbeiter bei uns anriefen.
Ich ließ es dummerweise zu, dass Rene log: „Nein Udo nix da, nein Chefin auch nix da. Ich sagen, Ramis angerufen. Tschüss.“ Obwohl ich daneben stand. So lehrte ich meinen Sohn zu lügen. Worüber wunderte ich mich, wenn ich ihn auch bei anderen Gelegenheiten beim Lügen erwischte?
Nach einiger Zeit hatte auch Ramona ihre Schmollphase aufgegeben und war mehr bei uns als bei ihrem Vater. Robert war das inzwischen ganz recht, da er sich wohl mit seiner neuen Freiheit arrangiert hatte. Was er beruflich machte und wie es finanziell bei ihm aussah wusste ich nicht, nur dass er irgendwann umzog bekam ich mit. Er hatte mit einem Freund und dessen Familie ein altes Zweifamilienhaus gemietet, in das unsere Tochter auch plötzlich umzog. Damit zog Ramona sich mal wieder beleidigt von mir zurück. Zwar fiel mir das anfangs kaum auf, denn ich war viel zu viel geschäftlich unterwegs, sodass auch Rene häufig bei Robert und Ramona übernachtete. Allerdings war ich froh, dass die Kinder bei ihrem Vater gut aufgehoben waren, weil bei uns gerade wieder ein Umbruch anstand.
Die Subzeit nahm ein radikales Ende, sodass wir mal wieder in die Lage kamen, uns neu orientieren zu müssen.
Damit begann die Zeit des illegalen Glückspiels.
Schlitzohr Rene begutachtete unser neues Geschäft neugierig, und fragte beim Anblick der Roulette-Anlage: „Sag mal Mutsch, haben die Spieler dabei überhaupt eine Chance?“
Als ich verneinte, sagte der Junge im Brustton der Überzeugung: „Das dachte ich mir, sonst hätte der Udo das auch nicht gemacht.“ Ich ließ diese Feststellung kommentarlos stehen, denn genau diese aufmerksame Helligkeit des Zehnjährigen war das, was ich an ihm liebte.
Im Gegensatz zu seiner älteren Schwester nahm er am Leben teil, und war auch an seinem Umfeld interessiert. Manchmal zwar auf raffinierte Art und Weise, aber ich mochte seine geistige Beweglichkeit. Ramona war eine Schlafmütze gegen ihn. Ihre übersensible Mentalität führt sogar dazu, dass sie die sechste Klasse wiederholen musste.
Kurz darauf mussten Udo und ich uns ganz schnell eine andere Bleibe suchen. Denn durch Udos Zockerei waren Mietschulden aufgetreten. Weil unsere Vermieter ihre Eigentums-Wohnung verkaufen wollten, beauftragten sie einen Makler mit dem Verkauf. In der Zeit passierte es des Öfteren, dass der Makler mit Kaufinteressenten zur Besichtigung kommen wollte. Da wir immer sehr viel unterwegs waren, und mein Sohn alleine zu Hause war, wimmelte Rene den Makler telefonisch ab. Auf die Bitte des Maklers, er möge mir bitte eine Notiz hinterlegen, dass der Makler am nächsten Nachmittag mit Interessenten kommen wolle, erwiderte der kleine „Strolch“: „Ich bin Legastheniker, ich kann nicht schreiben!“ und legte den Hörer auf. Anstatt ihm zu erklären, dass er so nicht mit Erwachsenen umgehen dürfe, verkniff ich mir schmunzelnd, die nötige Standpauke.
Deshalb bekamen wir gleich nach der fristlosen Kündigung die Räumungsklage. Wegen der Schnelle des Verfahrens mussten wir unsere Möbel einlagern und mal wieder bei Beate unterkriechen.
Welch ein Glück, dass die Kinder bei Robert gut aufgehoben waren, dachte ich nur. Natürlich ließ Robert sich seine Großzügigkeit von mir fürstlich belohnen. Aber das waren mir meine Kinder wert, und dagegen kam nicht einmal Einspruch von Udo.
Nach ein paar Wochen ging uns die Enge in Beates möbliertem Zimmer denn doch gegen den Strich. Seit sie im Erdgeschoss des Hauses eine Kneipe eröffnet hatte, war es im Haus immer recht laut, aber was uns am meisten missfiel war, dass Beate ständig irgendeinen Typ in ihr Bett schleppte. Uns war es zwar egal was die mit ihren Gästen machte, wen die mit ins Bett nahm oder wie viele, aber dass wir immer befürchten mussten, dass irgendein Fremder in der Wohnung herum lief, gefiel uns gar nicht.
Nach kurzer Suche überraschte Udo mich mit einer neuen Wohnung. Er hatte in Wülfrath eine große Wohnung angemietet. Dass er das ohne mich zu fragen gemacht hatte ärgerte mich schon ein wenig, denn die Kleinstadt war immerhin circa zwanzig Kilometer entfernt, und wir mussten nun jede Nacht, nach Feierabend, die Strecke fahren.
Der einzige Vorteil den ich in der Wohnung sah war, dass Udo den Mietvertrag auf seinen Namen gemacht hatte.
Für Rene hieß das aber, die Schule zu wechseln, und das wollte er eigentlich nicht. Also sollte der Kleine auch bei Robert bleiben. Damit war der Junge einverstanden. Weil Robert aber zu wenige Aufträge hatte und dadurch finanziell sehr knapp war, bot Udo ihm an, ihn bei uns im Zockgeschäft anzulernen.
Leider war Robert ein unbelehrbarer Dummkopf, weil er keine Lust hatte, sich von Udo oder dessen Partner Klaus, korrigieren zu lassen. Er meinte, er könne ja die Kugel werfen, das müsse reichen. Weil er am Tableau nicht klar kam hielt Robert es nicht lange bei uns im Casino aus, sondern blieb nach kurzer Zeit einfach weg. Udo und Klaus waren zuerst empört über diese Art der Undankbarkeit, denn immerhin hatte Robert volle Gage für seine Unfähigkeit bekommen, obwohl er als Anfänger in der Branche total überbezahlt war. Aber dann ignorierten die Beiden Roberts Dummheit einfach.
Seltsame Bankgeschäfte
Dass wir meinen Ex-Mann mit der Renovierung unserer neuen Wohnung beauftragt hatten, wurde ebenso zu einem Reinfall, genauso wie seine Mitarbeit in unserem Casino.
An dem Morgen, als er zum Streichen kommen wollte, warteten Udo und ich vergeblich. Also saßen wir in halb eingeräumter Wohnung und ärgerten uns, diesem unzuverlässigen Mann noch einmal vertraut zu haben. Udo zögerte nicht lange, sondern holte die Maler aus Wuppertal, die uns schon einmal das Apartment gestrichen hatten.
Mitten in den Renovierungsarbeiten rief Roberts Mitbewohner an und bat mich die Kinder abzuholen. „ Du musst dich um deine Kinder kümmern, Robert ist eben verhaftet worden. Er hat eine Bank überfallen, die Bullen haben ihn heute Morgen aus dem Bett geholt, und das Geld sowie die Waffe bei ihm gefunden.“ Berichtete sein Nachbar.
Trotzt schockierender Nachricht fuhren wir sofort los, wollten anwesend sein wenn die Kinder aus der Schule kommen. Roberts Freund und Nachbar erzählte uns, dass Robert am frühen Morgen sturzbetrunken nach Hause gekommen sei, und als die Kinder gerade zur Schule gegangen waren, seien die Bullen ins Haus gestürmt, als hätten sie nur auf die freie Bahn gewartet. Leugnen war dann wohl zwecklos, denn das erbeutete Geld hatte Robert im Beutel des neuen Staubsaugers versteckt, und die Pistole lag in der Schreibtisch-Schublade.
Udo und ich waren fassungslos über so viel Dummheit.
Nichts desto trotz rief ich zuerst einmal einen bekannten Anwalt aus der näheren Umgebung an, erklärte ihm das Gehörte und beauftragte ihn, sich umgehend um die Sache zu kümmern. „Bitte fahren Sie sofort zu der Dienststelle wo mein Exmann festgehalten wird. Der Mann braucht dringend anwaltliche Hilfe, der ist hilflos im Umgang mit der Polizei.“ Drängte ich den Anwalt.
Er versprach sich darum zu kümmern, wollte aber zuvor einen Vorschuss von fünfhundert Mark haben. Es war für uns selbstverständlich, dass wir das Geld sofort zu der Kanzlei brachten.
Den Kindern die Situation zu erklären fiel mir fürchterlich schwer. Aber ich gab mir Mühe, die Kinder zu beruhigen, ihnen begreiflich zu machen, dass wir für sie da waren und sie natürlich mit in unsere neue Wohnung nehmen würden.
Allerdings lehnte Ramona das energisch ab. „Nein, ich komme nicht mit nach Wülfrath, ich werde zu meinen Großeltern ziehen. Ich will hier nicht weg und vor allen Dingen will ich nicht die Schule wechseln.“
Anfangs schrieb ich die Reaktion ihrem Erschrecken zugute, versuchte sie sanft zu beeinflussen. Aber als ich sie in die Arme nehmen wollte stieß sie mich grob weg und ging auf Abstand. Ramona blieb bei ihrer Aussage.
„Kind, ich verstehe ja, dass du nicht in eine andere Gegend ziehen willst, dass du in deiner Umgebung bleiben willst. Aber du weißt doch gar nicht, ob deine Großeltern damit einverstanden sind. Schließlich brauchst du ja auch Platz, wenn auch nicht unbedingt ein eigenes Zimmer, aber doch ein Bett, Kleiderschrank und einen Schreibtisch, zum Hausaufgaben machen. Und wo sollen die das hernehmen? So einfach wie du dir das vorstellst ist das alles nicht.“ Versuchte ich meine Tochter zur Vernunft zu bringen.
Wortlos ging Ramona zum Telefon und rief Roberts Mutter an. Schon nach ein paar Worten hörte ich, dass nicht meine Schwiegermutter, sondern Roberts jüngerer Bruder am Telefon war.
„Die Oma war nicht zu Hause, aber der Micha sagt, dass ich auf jeden Fall vorbeikommen soll, er regelt das schon. Ich gehe jetzt dahin, und entweder ich bleibe gleich da, oder ich schlafe heute Abend mal erst hier, bis es geklärt ist wo ich hin kann. Der Micha hat gesagt, dass ich ganz bestimmt da hinkommen kann. Also, du kannst ruhig fahren.“
Ramona sagte das mit so einer Bestimmtheit, dass mir der Widerspruch im Hals stecken blieb. Aber ich schrieb die Reaktion meiner Tochter ihrem Schock zu, deshalb verschob ich eine endgültige Entscheidung auf später.
Udo griff ein und meinte: „Meinst du nicht, Schatz, dass wir mal mit Roberts Eltern wegen der zukünftigen Schritte sprechen sollten? Die Fünf Scheine werden nicht alles sein, was der Anwalt für Roberts Verteidigung haben will. Und außerdem muss die Wohnung aufgelöst werden, denn wer soll da die Miete bezahlen, bis der wieder raus kommt, wird sicher ein paar Jahre dauern. So lange kann die Wohnung nicht bestehen bleiben. Wer soll das bezahlen?“
„Natürlich, soweit hab ich noch gar nicht gedacht. Aber was hältst du davon, wenn wir die Wohnung nehmen? Wir hätten dann nicht so einen weiten Weg und die Kinder könnten ihre Zimmer behalten. Ja, das wäre die einfachste und beste Lösung.“ Redete ich mich in Euphorie.
„Nein, ich werde nicht in so eine Hütte einziehen.“ Lehnte Udo energisch ab. „Jetzt wo wir gerade eine schöne Wohnung gefunden haben, werde ich mich nicht verschlechtern. Das kannst du gleich wieder vergessen.“ Leider wäre jeder Widerspruch eine Lüge gewesen, in dieser schrecklichen dunklen Altbau-Wohnung hätte ich mich auch nicht wohl gefühlt.
Die Situation nervte mich enorm, ich war wütend auf meinen Exmann. Konnte dieser Mann denn nicht einmal einer vernünftigen Arbeit nachgehen? Wozu hatte der eigentlich seinen Meister gemacht? Ich durfte gar nicht darüber nachdenken, wie ich geackert und malocht hatte, um dieses Mannes Faulheit zu unterstützen, und seine dummen Fehler auszubügeln. Alles umsonst! Wieder musste ich sehen, wie ich seinen Bockmist wieder gerade bog. Wurde ich den Mann denn niemals los? Gut, für die Kinder würde ich alles tun, damit es ihnen gut ging, die hatte ich nun mal. Zurückgeben ging nun mal nicht, dann hätte ich die Zeit um viele Jahre zurückdrehen müssen. Wollte ich das? Nein, ich liebte meine Kinder, das war klar.
Die Besprechung mit den Schwiegereltern war ein Desaster.
Ganz konsequent lehnte Roberts Mutter jegliche Hilfe für ihren Sohn ab. Sie war empört, dass dieser missratene Sohn, der ihr schon mehr als genug Ärger bereitet hatte, den guten Familiennamen nun auch noch mit einer solchen Tat in Misskredit brachte. Sie verweigerte jegliche Hilfe, und auch Geld für den Anwalt oder andere Hilfen lehnte sie kategorisch ab.
Auch von dem Ansinnen, Roberts Tochter in ihrem Haushalt aufzunehmen war sie alles andere als begeistert. Sie verstand nicht, wieso Ramona nicht mit zu mir wollte. „Warum willst du unbedingt hier bleiben? Denkst du die Schulen in Wülfrath sind schlechter als hier? Also ich wüsste gar nicht, wo ich dich unterbringen sollte. Wir haben kein Zimmer frei, und schließlich bist du zu alt um mit mir oder dem Opa in einem Raum zu schlafen. Nein, Kind, du stellst dir das einfacher vor als es ist!“ Schob sie jeglicher Diskussion einen Riegel vor.
Warum und wie der jüngere Sohn seine Eltern überzeugt hatte, konnte ich mir nicht erklären, aber am nächsten Tag erklärte der mir, dass Ramona bleiben dürfe. Und Micha wollte sich auch um die Wohnungsauflösung kümmern.
„Dass er das gerne macht ist mir klar, der ist schon lange scharf auf Roberts Musikanlage.“ Klärte ich meinen Partner auf.
Lüge oder Wahrheit
Rene war mit seiner Umschulung gar nicht glücklich. Er hatte zwar ganz schnell Freunde gefunden, aber mit den Lehrern kam er absolut nicht klar. Das verleitete ihn zu verschiedenen Dummheiten und zum Schulschwänzen.
In den ersten Wochen fiel mir Renes Abenteuerlust gar nicht auf, bis mich eines Tages Roberts Mutter anrief, und mich bat, den Jungen bei ihr abzuholen. Anstatt zur Schule zu gehen, hatte der Junge die siebzehn Kilometer zu seiner Oma per Fahrrad zurück gelegt. Ich war sprachlos, aber Udo lachte über Renes Mut soweit alleine zu fahren.
Schlimmer war allerdings, dass mir Renes Klauerei ganz deutlich vor Augen geführt wurde. Udo hatte zwei Croupiers von außerhalb vorübergehend bei uns untergebracht. Dazu hatte er kurzerhand zwei Luftmatratzen in Renes Zimmer gelegt, worauf die Beiden ein paar Nächte schliefen. Der Junge war einverstanden.
Einer der Beiden war bereits am dritten Tag wieder abgereist, aber der dürre Jugoslawe blieb. Natürlich war das nicht als Dauerzustand gedacht, aber Udo suchte bereits ein möbliertes Zimmer für Jan. Meinen Sohn schien das nicht zu stören, zumal Jan sich immer erst schlafen legte wenn Rene zur Schule ging.
Schlitzohr Rene hatte natürlich mitbekommen wie locker die „Casino-Leute“ mit Geld umgingen, dass denen Geld nicht allzuviel bedeutete. „Morgen gibt es ja wieder Neues“ war deren Devise. Der Junge hatte sich das wohl zu Herzen genommen, und als Jan mal seine Kohle ganz offen rumliegen ließ, griff Rene zu, als der Croupier schlief.
Dumm war nur, dass Jan genau wusste wie viel Geld er, in welcher Sortierung, auf den Stuhl gelegt hatte. Als nun zwei Zwanziger und ein Zehner, also fünfzig Mark fehlten, beschwerte er sich bei Udo.
Der war natürlich empört, weil niemand anders als Rene in Betracht kam. Noch dazu hatten wir ihn ja auch schon beim Klauen erwischt, als er einige Fünfer aus Udos Sparschwein gemopst hatte. Zudem hatte seine Großmutter den Jungen ebenfalls in Verdacht, sich an ihrer Haushaltskasse schadlos zu halten.
Rene wurde zwar verlegen, rettete sich aber in den frechen Spruch: „Was regt der sich so auf? Ob er es verzockt oder mir mal ein paar Mark gönnt, wo ist der Unterschied?“
Drastische Strafen, wie Taschengeld-Sperre, und Hausarrest konnten wir beide vergessen, weil Udo immer alle Fünfer in das dicke Sparschwein warf, aber nur einmal wöchentlich zählte, aber nicht genau wusste, wie viel er in der Woche rein geworfen hatte. Also würde Rene sich weiterhin bedienen können. Und den Hausarrest konnten wir auch vergessen, weil wir ein viel zu unregelmäßiges Leben führten, sodass wirkliche Aufsicht gar nicht möglich war.
Ich redete ihm ins Gewissen, glaubte mit Vernunft gegen seine Meinung anzukommen. Rene nickte zwar und gab sich auch reumütig, aber es nützte natürlich nichts. Also klaute der Knabe nach kurzer Pause weiter.
Auch wenn die Vorkommnisse sicher nicht der einzige Grund waren, jedoch seit wir in Wülfrath wohnten hatten Udo und ich nur noch Streit. Egal worüber, wir waren uns uneinig wie nie zuvor.
Ausgerechnet in dieser Phase trieb Ramona auch noch einen giftigen Keil in unsere Beziehung.
Bevor Micha Roberts Wohnung endgültig aufgelöst hatte, wollte ich noch ein paar Sachen von dem Jungen aus der Wohnung holen, als ich am frühen Abend dort hin kam traf ich Ramona. Sie erzählte, dass mein Schwiegervater für sie einen Kellerraum ausbaute, damit sie ein eigenes Zimmer zur Verfügung hatte. Natürlich nutzte ich die Gelegenheit, ihr zu sagen, dass sie jederzeit zu mir ziehen könne, falls sie mit ihren Großeltern nicht klar käme.
Aber sie lehnte derart entsetzt ab, dass ich wissen wollte, warum sie sich so hart dagegen wehrte. Ob ich irgendeinen Fehler gemacht hätte, ohne es zu wissen. Ramona begann zu weinen und gestand schluchzend: „ Nein Mutti, du nicht, aber Udo. Und ich will dir deine Beziehung nicht kaputt machen, weil ich weiß dass du den Udo liebst. Deshalb bleib ich lieber weg, damit du nicht enttäuscht wirst.“
Irritiert fragte ich wie sie das meine, fragte was denn passiert sei. Dann musste ich fassungslos vor Staunen etwas Ungeheuerliches hören. Unter Tränen erzählte mir meine Tochter, Udo, mein Lebensgefährte, habe sie verführen wollen, aber sie habe sich gewehrt. Und nur weil er nicht aufgehört habe, sie zu belästigen, zu begrabschen, sei sie zu ihrem Vater gezogen.
Ohne lange zu überlegen glaubte ich meiner Tochter. Ich versuchte, sie zu trösten, erklärte ihr, dass Schweigen und der Sache aus dem Weg gehen die falsche Reaktion sei, dass sie mich sofort hätte aufklären müssen. Aber ich versprach sie zu rächen. Sagte, dass ich meinen Lebensgefährten zur Rechenschaft ziehen werde.
Zwar versuchte Ramona mich zurück zu halten, aber ich war so aufgebracht, ich musste mein Kind beschützen. Solch eine widerliche Gemeinheit, diese Hinterlist konnte ich nicht hinnehmen. Meine Muttergefühle erzeugten Hass gegen den „Kinderschänder“. Rache war mein einziger Gedanke.
Wütend ging ich auf Suche nach meinem Partner. Als ich ihn im Casino hinter der Spielanlage stehen sah, von vielen Zockern umringt, wurde mir klar, dass ich meine Abrechnung auf Feierabend verschieben musste.
Trotz Wut im Bauch war ich klar genug, zu überlegen, dass ein Aufstand vor all den Leuten nur schädlich für das Geschäft sein konnte. Aber ich war mental nicht in der Lage, mich so zu verstellen, und freundlich mit Udo umzugehen.
Also drehte ich mich auf dem Absatz um und lief hinaus. In meiner Verzweiflung fuhr ich zu Beate, setzte mich in deren Kneipe an die Theke und betrank mich. Ich ersäufte meinen Kummer in Bourbon-Cola.
Die Freundin betrachtete mich mit Sorge, denn sie kannte mich nicht als Trinkerin. Natürlich fragte sie was passiert sei, und weil ich ihr nicht die ganze miese Story erzählen wollte, sagte ich nur: „Ich will ihn erschießen. Weißt du wo ich eine Kanone herkriege? Das Schwein soll nicht ungestraft davonkommen.“ Warum sagte ich nicht.
Beate hatte heimlich im Casino angerufen und Udo über meinen Zustand unterrichtet, dann hatte Udo die Freundin gebeten auf mich aufzupassen, bis er kommen könne. Es war wohl so viel Betrieb im Casino, dass er nicht vor Feierabend weg konnte. Zwar bat er noch, Beate möge mir keinen Alkohol mehr geben, aber das scheiterte an meinem Protest.
Als Udo gegen zwei Uhr nachts endlich erschien, lag ich halb schlafend in einer Ecke. Wie er es geschafft hatte, mich nach Hause zu bringen, hatte ich nicht bewusst mitbekommen. Als ich am nächsten Tag wach wurde, war es bereits Mittag und ich alleine in der Wohnung.
Zuerst nahm ich eine Tablette gegen meine ekelhaften Kopfschmerzen, dann machte ich mir einen Kaffee und ließ den vergangenen Abend Revue passieren. Ich überlegte was ich tun sollte, war so ratlos, dass ich meine langjährige Freundin Rosi anrief, mit der ich gerne alle Probleme bequatschte.
Als ich ihr die ganze Story berichtet hatte, erhob sie empört Widerspruch: „Nein, das stimmt nicht. Deine Tochter lügt. Dieses kleine Luder, weil sie bei deinem Freund nicht landen konnte, versucht sie jetzt dir deine Beziehung kaputt zu machen. Das darfst du ihr auf keinen Fall durchgehen lassen. Ich weiß was da gelaufen ist, denn sie hat es meiner Tochter erzählt, dass der Udo sie zurückgewiesen hat. So ist es nämlich richtig. Du kannst meine Tochter fragen, die hat mir gleich nach Ramonas Anruf von der Sache berichtet. Nein, Ruth, deine Tochter ist die Hinterlistige, nicht dein Udo.“
Sollte das wirklich so gewesen sein? Warum wollte meine Tochter Udo und mich auseinander bringen? Eifersucht?
Ja, dabei fiel mir ein, dass sie mal kürzlich zu mir gesagt hatte, sie wolle nie mit mir ausgehen, ich sei zu starke Konkurrenz, aber den Ausspruch hatte ich belächelt, nicht ernst genommen.
War sie tatsächlich so eifersüchtig, dass sie mir meine Beziehung nicht gönnte? Was sollte ich tun? Rosi riet mir die Sache zu ignorieren, und abzuwarten ob Ramona weiter intrigierte.
Als ich so alt war wie Ramona jetzt, war ich schwanger mit ihr, das sollte eigentlich ein abschreckendes Beispiel für meine Tochter sein.
Konkurrenzneid
Trotzt Klarheit gab es wegen der Sache einen heftigen Streit zwischen meinem Lebensgefährten und mir. Er war empört darüber, dass ich meiner Tochter so einen „Scheiß“ überhaupt geglaubt hatte. Berichtete von dem Aufstand, den ich wohl veranstaltet hatte, als er mich bei Beate abgeholt hatte.
„Wenn du den Alkohol nicht vertragen kannst, lass das Zeug gefälligst aus dem Körper. Dir Whisky zu geben ist Perlen vor die Säue geworfen. Du kotzt das Zeug doch eh wieder aus. Und dann wirst du auch noch frech wie Rotz. Also lass es sein. Trink besser Cola!“ knurrte Udo ärgerlich.
„Aber du kannst Alkohol vertragen, deshalb besäufst du dich auch jeden Abend. Nur weil du nicht kotzt hast du mehr Rechte als ich? Wenn ich mal ein paar Mark mehr versaufe, ist das zu viel? Aber du versäufst und verzockst unsere gemeinsame Kohle wie du Lust und Laune hast? Darauf soll ich stillhalten? Nee, ich habe keinen Bock mehr, immer nach deiner Pfeife zu tanzen. Ab heute mach ich was ich will. Und deine blöde Idee mit dieser beschissenen Wohnung hier, darauf hab ich noch nie Bock gehabt. Ich such mir ne Wohnung in Solingen. Von dir hab ich die Schnauze voll und von dem Kaff hier sowieso.“
Ich war fest entschlossen, mich zu trennen. Wusste ich doch, wie einfach es diesmal für mich wäre auszuziehen, denn der Mietvertrag lief mal ausnahmsweise auf Udo. Das hieß mal, ohne die Sorge um Mietschulden einfach ausziehen zu können.
Bereits eine Woche später hatte ich eine Wohnung gefunden, angemietet und brauchte einen Maler für die Renovierung. Rene freute sich ehrlich, weil ich darauf geachtet hatte, dass wir in den gleichen Bezirk ziehen, wo er wieder in seine ehemalige Schule zurück gehen konnte. Er freute sich schon auf seine ehemalige Lehrerin, die einzige die er mochte, und die ihn ebenfalls gemocht hatte.
Als meine Eltern die leere Wohnung besichtigten, waren sie entsetzt, denn dort hatten die letzten Mieter vierzig Jahre gewohnt, und viele Tapeten aufeinander geklebt. „Wer soll denn hier arbeiten? Weißt du eigentlich, was das für eine Arbeit ist, die dicken Schichten abzureißen?“ fragte meine Mutter entsetzt.
Ich lachte und scherzte: „Ja, aber der Vati hat doch am Wochenende nix zu tun. Statt immer vor der Glotze zu hocken kann er mir doch mal helfen, oder?“
Zu unser Beider Erstaunen nickte der Angesprochene und sagte schlicht: „Joh. Donn ich!“
Da inzwischen klar war, dass mein Exmann einige Jahre in Haft bleiben würde, denn er hatte seine Tat gestanden. Dummerweise hatte Robert sogar zugegeben, dass er einer Bankkundin eine geladene Waffe an den Kopf gehalten hatte, um seiner Forderung Nachdruck zu verschaffen. Das war ihm zusätzlich als Geiselnahme angerechnet worden. Also fiel er für meine Renovierung aus.
Aber auch den Maler hatte ich schnell gefunden, der allerdings ebenfalls keinen begeisterten Eindruck machte. „Uff, Chefin, da hast du dir aber ne alte Hütte ausgesucht, da brauch ich ja schon für das Tapeten abreißen Tage. Ne Luxusbude kann man hier aber nicht draus machen.“
„Ich brauche keinen Luxus, Blondi, ich brauche nur eine passende Wohnung für meinen Sohn und mich, und vor allen Dingen ohne Udo. Von dem und seinen Höhenflügen hab ich die Nase endgültig voll. Und die Tapeten musst du nicht alleine abreißen, mein Vater fängt damit übermorgen schon an. Das Badezimmer wird neu gefliest und neue Türen werden vom Vermieter auch noch eingebaut, die Wände und Böden sind doch dann für dich eine Kleinigkeit. Also machst du es?“ schmeichelte ich ihm.
Er sah mich lächelnd an und sagte: „Wie könnte ich dir etwas abschlagen? Natürlich renoviere ich dir die Wohnung. Aber du musst mich immer abholen und nach Hause bringen. Das heißt täglich zwei Mal nach Wuppertal fahren. Kannst du dir das zeitlich einrichten?“
Wir waren uns einig. Als ich ihn zurück fuhr, fragte ich noch: „Oh, ich habe ja das Wichtigste vergessen. Was verlangst du denn dafür? Ich muss ja wissen, ob ich mir dich überhaupt erlauben kann.“
Er sah mich mit eigenartigem Ausdruck an und erwiderte: „Das Wichtigste ist das nicht, keine Sorge, ich bin nicht unverschämt. Aber darüber sprechen wir wenn ich fertig bin, weil ich noch nicht weiß wie sich die Sache entwickelt. Wir werden schon klar kommen.“
Entwickelt? Was? Flirtete der Maler mit mir? Tatsächlich hatte ich das Gefühl eine Spannung läge in der Luft. Hm, ein hübscher Kerl ist er ja, dachte ich und betrachtete ihn heimlich von der Seite. Blonde schulterlange Haare, strahlend blaue Augen und eine gerade Nase in dem schmalen Gesicht, war er zwar nicht sehr groß, aber sportlich schlank, drahtig konnte man sagen. Ja, ein hübscher Mann, ohne Zweifel.
„Du solltest vielleicht besser auf die Straße schauen, statt mich zu mustern. Sonst wird vielleicht nichts aus der Renovierung, weil wir im Graben landen!“ lachte er. Mir wurde warm vor Verlegenheit, ich fühlte mich erwischt, aber auch bestätigt.
Zum Glück hatte ich die Möglichkeit mich voll auf meine neue Wohnung konzentrieren zu können. Denn die Veränderung fiel ausgerechnet auf die Schulferien-Zeit, und da das Casino mal wieder durch eine Razzia geschlossen war, musste ich mir nicht die Nächte um die Ohren schlagen.
Zwar hatte ich mich an einem Sub-Geschäft beteiligt, aber da wir das mit zwei Parteien betrieben, musste ich nur alle zwei Wochen die Abrechnung machen. Esther und ihr neuer Lebensgefährte Norbert wechselten sich mit mir ab.
Die Beiden boten mir sogar an, dass ich vor Fertigstellung meiner Wohnung, beziehungsweise sogar bis nach meinem Umzug gar nicht mehr diesen Trip machen müsse. Immerhin hatten wir die Baukolonne in Braunschweig, was immerhin einen ganzen Tag erforderte, um die Abrechnung und Auszahlung der Leute zu erledigen. Das kam mir sehr entgegen, deshalb nahm ich das Angebot erfreut an.
Während mein Sohn im Reiterurlaub war, kam Ramona des Öfteren zur Germanenstraße um zu gucken wie die Renovierungs- Arbeiten voran gingen. Dabei stand die dem Maler oft so deutlich im Weg, dass es schon unangenehm auffiel, wie sehr ihr der Mann gefiel. Blondi übersah Ramonas Flirtversuche geflissentlich, denn er war an einer Sechzehnjährigen absolut nicht interessiert.
Sein Augenmerk lag unübersehbar auf mir. Wann immer sich die Gelegenheit ergab, berührte er mich ganz zufällig und versenkte seinen Blick in meine Augen. Natürlich war mir Ramonas Schwärmerei für den hübschen Maler nicht entgangen, aber auch ich ignorierte diese Sinnlosigkeit. Ich hätte auch nicht gewusst, wie ich einem Teenager die Hoffnungslosigkeit ihrer Gefühle erklären sollte, ohne ihr weh zu tun.
Es war nicht nur sehr auffällig wie häufig Ramona in des Malers Nähe herumstand, es war auch hinderlich, um nicht zu sagen zeitweilig lästig. Blondi nahm es mit geduldigem Humor, ich war irgendwann genervt. Also ersann ich eine Möglichkeit, den lästigen Belagerer auf nette Weise für ein paar Stunden loszuwerden.
Als am Ende der Renovierung die Teppichböden verlegt werden sollten, erschien am frühen Nachmittag meine Nichte. Karin, die älteste Tochter meiner Schwester, war vier Jahre jünger als Ramona, und die beiden Mädels verstanden sich recht gut. Als nun der zweite kichernde Teenie meinem hübschen Maler im Weg stand, kam mir eine rettende Idee.
„Mädels wir können beim Teppich legen keine Zuschauer gebrauchen, wisst ihr was? Ich spendiere euch Beiden Kinogeld. Da läuft doch dieser Super- Teeniefilm, wie heißt der noch? Egal, wenn ihr euch jetzt auf den Weg macht, schafft er das noch. Na- hab ich ne gute Idee?“ bot ich den Beiden an.
Während Karin erfreut nickte, weigerte Ramona sich heftig: „Nein, ich habe keine Lust auf Kino. Du willst uns nur loswerden, das ist mir klar. Aber ich gehe nicht. Das kannst du vergessen. Ich bleibe hier!“
Im ersten Moment war ich sprachlos. Welch eine Dreistigkeit. Sie wusste ganz genau was Sache war, und wollte allen Ernstes ihren Willen durchsetzen? Sie war neidisch auf mich?
Geduldig versuchte ich meiner Tochter zu erklären: „Kind, irgendwie reden wir aneinander vorbei. Ja, ich will euch loswerden, weil ihr den Blondi in seiner Arbeit stört. Bei euren Geschnatter und Gekicher wird der Mann ja ganz verrückt. Aber nicht im positiven Sinn, ihr stört einfach. Punkt. Also geht ins Kino!“
Völlig unerwartet wurde meine Tochter deutlich: „Nee, du willst nur mit ihm alleine sein. Das will ich aber nicht. Ich will dich absichtlich stören, schließlich musst du nicht jeden Typ haben. Außerdem ist der Blondi viel zu jung für dich. Ich bleibe hier!“
Mir stand vor Staunen der Mund offen, meine Tochter wollte mir allen Ernstes Konkurrenz machen? Während ich tief Luft holte, sah ich aus den Augenwinkeln, dass der Maler amüsiert grinste.
Wortlos ging ich zu meiner Handtasche, holte Geld aus der Brieftasche und drückte meiner Nichte den Schein in die Hand. Dann griff ich meine Tochter am Arm und schob sie zur Tür hinaus. „Das bestimme immer noch ich, ob du hier bleibst oder gehst. Es stimmt zwar, er ist vier Jahre jünger als ich, aber zwölf Jahre älter als du. Also viel Spaß im Kino!“ Krachend schloss ich die Etagentür hinter den Mädels, und stieß heftig die Luft aus.
„Reg dich nicht auf, das sind doch Kinder.“ Flüsterte Blondi mir ins Ohr und streichelte sanft über meinen Rücken, küsste meinen Nacken bevor er mich rumdrehte. „Ich will nur dich!“ sagte er bevor wir auf dem Teppich versanken.
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