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Rudolf Stratz

Wer baut die Bahn?

Saga

Wer baut die Bahn?Coverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1934, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507360

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

Vorwort

Als junger aktiver deutscher Offizier war der Verfasser zur Zeit dieses Romans, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, nach der Türkei beurlaubt und lernte das Reich Abd ul Hamids in Europa und Asien kennen. Die Umwelt dieses Werkes ist von ihm selbst gesehen und erlebt.

1

Auf hohem Hügel über Konstantinopel, vergittert, halbstundenweit ummauert, mit kriegerisch bewachten Toren, lag lauernd, wie eine giftige, argwöhnische Kreuzspinne im Netz, der Iildis-Kiosk, aus dessen blutumwittertem Gewebe Abd ul Hamid der Zweite, Grosssultan der Türkei, Herr in drei Erdteilen, sich in diesen achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts seit langem mit keinem Schritt mehr in die Aussenwelt hinauswagte, und darunter, flammend überblaut, sonnenvergoldet, frühlingsgrün das silberne Märchen des Bosporus mit seinen unzähligen weissen Palästen, Landsitzen, Dörfern, Segeln, seinen grauen Schlössern und schwarzen Zypressenhainen, und drüben, sonnenverschwimmend, wie eine geisterhafte Luftspiegelung aus Tausendundeiner Nacht, die Hunderte von Moscheenkuppeln und Gebettürmen, die Tausende von flachen Dächern Stambuls.

Vor dem Marmorportal des riesigen Renaissancepalastes stand der nach dem Sultan mächtigste Mann des Osmanischen Reiches, Seine Exzellenz der Obereunuch, Aufseher des grossherrlichen Harems mit Hunderten der schönsten Weiber der Welt in dem blumenumblühten Seitenpalais neben dem Sternenkiosk. Es war ein walfischbäuchiges, nachtschwarzes afrikanisches Ungetüm in schwarzem Rock, den hellroten Tarbusch auf dem besorgten Wollhaupt. Er führte feierlich zum Abschied die Rechte an Brust und Stirne.

Vor ihm setzte mit gleichem Gruss Schükri Pascha den Fuss in den Bügel der Vollblutstute, Schükri Pascha, Marschall des Reichs, Sieger im Glauben, Löwe des letzten Russenkrieges, den Ehrensäbel eines Günstlings des Sultans an der Seite, auf der Brust den Nischan-i-Jftichar, den Orden des Ruhms. Auch sein bärtiges, kluges und würdevolles Antlitz war sehr ernst, als sich die beiden Exzellenzen, der Marschall und der Eunuch, freundschaftlich trennten.

„Baga-Ban! Augen rechts!“ kommandierte mit geller Fistelstimme der Rittmeister der zwischen dem Jildis-Kiosk und dem Harem aufgerittenen Wache von braunen tripolitanischen Spahis in langen, blutroten, halb die Schimmel deckenden Henkersmänteln. Er war ein weisser Eunuch. Finster das bleiche, bartlose Eulengesicht unter dem purpurnen Turban.

„Ihm gefallen die neuen deutschen Kommandos statt der französischen nicht!“ sagte lachend, neben dem Marschall reitend, sein Neffe und Adjutant, der Major Hünif, in dem hellblauen, schwarz ausgeschlagenen Rock, den taubengrauen Hosen, der hohen schwarzen Mütze des türkischen Reiterregiments Ertogrul. „Er ist nicht der einzige Missvergnügte im Heer!“

Und nach einer Weile:

„Wer wie ich bei den preussischen Gardeulanen gedient hat, Moabit und Mekka kennt, Deutsch spricht — aber belehre einmal unsere asiatischen Offiziere, die kaum lesen und schreiben können!“

Oheim und Neffe ritten, das Gefolge hinter sich, schweigend durch den riesigen, wie eine Festung gegen die Aussenwelt vermauerten Park des Jildis-Kiosk mit seinen vielen kleineren, überall zwischen den Platanen und Agaven zerstreuten Palais, Pavillons, Theatern, Gewächshäusern, Marställen, Museen.

Und es war, als verwandelten sich aus den Geheimnissen des totenstillen Sternenkiosks und seiner rosenumdufteten Harems daneben die Odalisken in die schimmernden Goldfasanen, die vor den Reitern über den Kiesweg liefen, und der gigantische afrikanische Obereunuch in einen der Affen, die in den Zweigen der Lebensbäume spielten, und der weisse, bartlose Rittmeister der Afrikanischen Spahis in die gefleckte Pantherkatze dort hinter den Gittern.

Scheckige Axishirsche hoben die Schaufeln. Dromedare weideten zwischen Springbrunnen. Papageien kletterten in der Zypressen. Das Kreischen, Flattern, Flüchten dieser Kreatur beim Anblick fremder Gesichter sollte den einsamen Herrn der islamischen Welt dort oben hinter den dicken, eisernen Zuchthausgittern seiner vielhundert Fenster rechtzeitig vor einem Überfall seiner Feinde warnen.

Der Marschall Schükri wandte im Reiten noch einmal das Haupt mit dem dunkelroten Fes eines Beamten des Säbels nach dem Jildis-Kiosk zurück — nach dem unheimlichen Labyrinth voll von Tausenden von Schranzen, Derwischen, Scharfrichtern, das kaum ein einziger Sterblicher in seinem ganzen Umfang kannte. Denn jedem Würdenträger, auch dem höchsten, war nur ein kleiner Teil dieser Gänge, Treppen, Säle, Höfe zur Aufsicht zugewiesen. Bei jeder Neugier nach den Nebenräumen kitzelte schon die grünseidene Schnur den Hals.

„Der Grossherr wechselt aus Furcht vor Mördern jetzt jede Nacht dreimal das Schlafgemach!“ sprach der Marschall Schükri gedämpft zu seinem Neffen auf französisch. Er trug, noch aus seiner Jugend, die Krimmedaille. Er hatte damals, kaum sechzehnjährig, mit den Franzosen Schulter an Schulter vor Sebastopol gekämpft. Er hatte dann lange Jahre an der türkischen Gesandtschaft in Paris gewirkt. Sein Herz hing an Frankreich.

„Fuad Pascha ist aus seiner Verbannung nach Damaskus entflohen und wird, wie ich ihn kenne, eine neue Verschwörung anzetteln!“ sprach er sorgenvoll nach einer Weile. „Ich war damals gleich dafür, ihn zu erdrosseln. Aber der Padischah war von ungewohnter Milde gegen seinen verräterischen Hofintendanten!“

Von Tschadir-Kiosk, inmitten der Jildisgärten, an dem die beiden hielten, öffnete sich weit der Blick über Stadt und Meer. Überall ragten an beherrschenden Stellen mit ganz neuen Mauern und Dächern die festungsähnlichen Kasernen Abd ul Hamids. Der Major Hünif wies auf die riesigen Exerzierplätze der Infanterie und Artillerie, die den grossen Friedhof von Pera umschlossen, auf die Schiessstände der Marine weiter hinten, die Kastelle am Goldenen Horn und drüben, jenseits des Bosporus, bei Skutari, die stadtgrossen Lager der Garde.

„Aber nicht alle Truppen sind sicher!“ Dumpf die Stimme des Marschalls. „Es gärt bei den Arnauten. In der Linie. Bei den Irregulären!“

„Und woher das Geld zu einem Handstreich? Wer will den Jildis-Kiosk bestechen?“

„Wir haben sichere Nachricht, dass unter den Hunden, den Armeniern, sich der Geheimbund ,Gregor der Erleuchter’ wieder regt! Selbst dieser Dreck des Teufels, die Levantiner, wühlen im Verborgenen!“

„Und doch . . .“ Der Sieger im Glauben brach ab. Plötzlich überschattete die Resignation des Morgenlandes sorgenschwer die mühsam beherrschte Unruhe seiner Züge. „Wie lange kann es hier nach alter Art weitergehen?“

Dort drüben, vor seinen Augen, flimmerte Stambul, die Märchenstadt, in Blau und Gold von Sonne, Himmel und Meer. Von Hunderten von Gebettürmen riefen weissgekleidet die Muezzin. Auf einem weissen Meer von Häussern wölbten sich wie riesige Inseln die Moscheenkuppeln. Ein ungeheures Brausen der Basare und Gassen, ein Heulen der Schiffssirenen, Hundegebell und Eselgeschrei und Glockengebimmel vom Hals der Dromedare entstieg der fast unendlichen, viele Stunden weit in Europa und Asien hingelagerten Stadt. Das war alles wie einst.

Aber da, wo von Stambul die Spitze des alten, jetzt verlassenen Serails in die blauen Fluten vorsprang — in diesem Mittelalter grauer Byzantinermauern und alttürkischer Palastruinen und verwahrloster einstiger Haremsgärten — da schwankte plötzlich in der Ferne eine der turmhohen, Jahrhunderte alten Zypressen, die das Ufer säumten. Sie kippte um. Sie war nicht mehr da.

„Sie fällen die Bäume des Glaubens!“ sprach der Marschall mehr zu sich als zu seinem Neffen. „Sie machen Platz für den Bahnhof. Die Eisenbahn kommt!“

Der Schienenstrang, den der Baron Hirsch aus Wien, der Türkenhirsch, seit Jahren mit Tausenden von Arbeitern, mit Hunderten von Millionen Gulden, durch den Balkan trieb. Noch war die europäische Grenze der Türkei gegen Bulgarien hin unberührt. Aber bei Adrianopel wurde schon fieberhaft nach dem Goldenen Horn zu gebaut. Noch ehe die achtziger Jahre dieses neunzehnten Jahrhunderts zu Ende gingen, würde — das stand in Allahs Ratschluss — der Pfiff der Lokomotive von Konstantinopel aus durch alle Länder der Ungläubigen schrillen und Stambuls heilige Abgeschiedenheit entweihen.

„Dort kommt Europa . . .“

Der Marschall wandte sich von der fernen gestürzten Zypresse zu dem Neffen neben ihm. Der schnurrbärtige junge Türke im Regiment Ertogrul hörte nur halb zu. Seine dunklen Augen hingen an einem Gewimmel von Kähnen unten auf den weissen Schaumkämmen des blauen Bosporus, an bunten Mauern von Menschen des Morgenlandes weithin an beiden Ufern der Meerenge.

„Warum versammelt sich da unten das Volk?“

„Auch da kommt Europa!“ Der Major Hünif, der einstige Berliner Gardeulan, lachte. „Da schwimmt ein Mädchen durch den Bosporus!“

2

Maschallah! Was doch Allah alles vermag!

Stundenweit standen am europäischen und asiatischen Strand die farbigen Völker des Morgenlandes — Türken, Perser, Tataren, Kurden, Armenier, Hebräer, Griechen, Albanesen, Tscherkessen, Zigeuner. Die beiden Reiter oben sahen die vielen roten Kopftücher und Leibschärpen, die schwarzen Glocken verschleierter Frauen, die weissen Gewänder der Christinnen, die bunten der Jüdinnen. Alles da unten starrte auf ein Gestrudel reissend rasch am anatolischen Ufer dahingetriebener Boote — Männer in ihnen aufrecht stehend — schreiend — winkend — eine Aufregung um irgend etwas in den Wasserwirbeln, das man zwischen den vielen Nachen nicht sah.

„Sie hat mit andern Deutschen gewettet, dass sie die Strömung des Bosporus bezwingt!“ sagte der Major Hünif. „Ich hörte es gestern in der neuen Militärschule durch die von-der-Goltzschen Offiziere!“

Der Marschall Schükri konnte unter Abendländern, zwischen Damen im Salon, täuschend ein Pariser Weltmann sein. Aber tief in ihm wohnte der ewige Asiate, der Sohn Allahs. Er war bewusst und mit Willen ein Stocktürke aus der guten alten Janitscharenzeit. Seine hellen braunen Augen in dem dunkelbärtigen Antlitz waren blind gegen ein Weib, das da drüben vor tausend Männern zwischen zwei Erdteilen herumplätscherte.

„Sie ist ganz oben am Teufelskap ins Wasser gestiegen!“ Der Major ritt neben seinem Oheim über eine Marmorbrücke und an einem neuen riesigen Sultansschloss vorbei, und blickte plötzlich, wie erschrocken, schweigend zur Seite. Vornehme Osmanen im Dienst Abd ul Hamids taten gut, nicht allzulange nach den hohen, dicht verhängten Arabeskenfenstern des Palastes Tschiragan hinzusehen. In diesem zweistöckigen schneeweissen maurischen Prunkbau hielt Sultan Abd ul Hamid seit Jahren seinen des Thrones entsetzten, für wahnsinnig erklärten Bruder gefangen.

Das marmorne Irrenhaus blieb hinter den beiden Reitern und ihrem Gefolge zurück. Der junge Türke spähte nach dem fernen Gewimmel und Geschunkel der Kaiks auf schaumweisser blauer Flut.

„Das Wasser strömt zu reissend vom Schwarzen Meer herein!“ sagte er. „Das Mädchen wird ins Marmarameer hinausgespült werden, statt hier an das europäische Ufer . . .“

Wieder ein Schweigen an schwarzer Stätte! Da drüben lag, hinter dem Tschiragan-Palast, der unheimliche kleine Nebenkiosk Ferije Serai. In ihm hatte man den Oheim Abd ul Hamids, den vorletzten Sultan der Türkei, ein paar Tage nach seiner Absetzung plötzlich tot, mit aufgeschnittenen Pulsadern, gefunden. Das kam, wie der Jildis-Kiosk dort oben der Welt berichtete, von dem unvorsichtigen Spielen mit einer Stickschere.

In den Menschenmassen an den Ufern zitterte eine Bewegung. Der Major richtete sich in den Steigbügeln auf.

„Sie kämpft sich in die Mitte des Bosporus hinaus!“ rief er. „Sie wird ertrinken!“

Der Pascha schaute gleichgültig auf einen truthahngrossen, nackthalsigen, am Weg hüpfenden Geier. „Was liegt an einer Frau!“

„Vielleicht erreicht sie doch, wie sie gewettet hat, Ortaköi!“

Das Dorf Ortaköi zog sich mit seinen wie Vogelbauer kleinen Armenier- und Judenhäuschen dort am Ufer hin, gefährlich nahe dem Jildis-Kiosk. In Schükri, dem Günstling des furchtbaren Sternenschlosses, wurde jäh das Misstrauen des Morgenlandes wach — die Sorge um Abd ul Hamid.

„Was tut sie in Ortaköi?“

„Sie wohnt dort mit ihrem Bruder! Sie ist mit ihm vor einem halben Jahr aus Deutschland gekommen, sagten gestern die deutschen Offiziere, um ihm den Haushalt zu führen!“

„Und was tut der Bruder in Ortaköi?“

„Er ist nicht der einzige Deutsche hier, der in aller Stille Studien für den Bau einer Bahn in das Innere Asiens macht, wenn erst die Bahn von Wien nach Stambul fertig ist . . . Da! Jetzt sehe ich sie! Die rote Badekappe im blauen Meer! Die weissen Striche von zwei Armen! Sie schwimmt mitten im Bosporus!“

Die Pferdehufe klapperten. Leise klirrten hinten die Waffen der berittenen Leibwächter.

„Wenn — was Allah verhüte — diese Bahn nach Asien — über die jetzige kurze Strecke nach Ismid hinaus — auch noch gebaut werden sollte“, tief nach einer Weile der Bass des Marschalls, „dann werden, dank meinem Einfluss, die Franzosen sie bauen!“

„Und die Russen!“ Der Major Hünif wandte sich hitzig im Sattel. „Die ,Neue Russische Studiengesellschaft‘ hat sich mit dem Pariser Finanzsyndikat verbündet! Ihr Vertreter ist mit seinem Stab von Odessa hierher unterwegs!“

„Sein Schiff hat schon vor ein paar Stunden das Christenfeuer am Eingang des Bosporus passiert! Wir wissen es! Wir kennen sogar den deutschen Namen dieses Russen: Buddenhaus!“

„Nun — und sind die Russen nicht unsere Todfeinde?“

„Sie sind neuerdings überall in Europa die Freunde der Franzosen!“

„Sie schwimmt! Sie schwimmt!“

„. . . und die Freunde unserer Freunde sind auch unsere Freunde, heisst ein französisches Sprichwort!“

„Jetzt ist sie wieder mitten in den Wasserwirbeln — zwischen springenden Delphinen!“

„Mein Wort in dein Ohr, statt dies Mädchen in dein Auge!“ sagte der ordenflimmernde Held vom Schipkapass. „Die wahren Feinde des Osmanenreichs sind nicht Europa — sind nicht die Franken draussen — nicht einmal die Russen —, sondern die Ungläubigen in unserer eigenen Mitte! Vor allem diese Söhne des Satans: die Armenier, und diese Brut von Strassenkötern — die Levantiner!“

Er lenkte vorsichtig sein Pferd um ein Nest voll hochbeiniger strohgelber wilder Hunde in einem tiefen Loch inmitten des Weges herum und fuhr fort:

„Diese Verfluchten fordern als Untertanen des Sultans dank ihrem Reichtum Teilnahme an Eisenbahnbauten in Vorderasien! Vor allem dieser eine! Sieh dort!“

Am asiatischen Ufer des Bosporus spiegelte sich, da, wohin der Finger des Marschalls über die Wasser wies, ein blendendweisses, mächtiges, ganz modernes Palais im Blau des Meeres. Ein riesiger Park von Zedern, Zypressen, Rhododendren umgrünte seine Säulen.

„Soll ich diesem Sohn eines Stiefelputzers in Saloniki . . .“, Schükri Pascha ritt um ein zottiges Dromedar herum, das stumpfsinnig mitten auf der Strasse stand, „heute vielleicht dem reichsten Abenteurer zwischen Alexandria und Pera . . .“

„Jetzt nähert sie sich draussen dem Palais Lamba!“

„Soll ich seinem Eigentümer drüben — soll ich Palamidi Lamba, dem gewissenlosesten Menschen des Mittelmeeres — einem Spieler — einem Buhler — einem Säufer . . .“

„. . . sie kommt in einen Strudel — sie sinkt unter — nein: sie taucht wieder auf — sie hat die Badekappe verloren . . . sieh dies blonde Haar . . .“

„Soll ich Lamba und seinen Levantinern und Armeniern zu einer Eisenbahnkonzession in Asien verhelfen? Dann schon lieber die Franzosen und, wenn es sein muss, die Russen!“

„Und warum nicht den Deutschen?“

„Ich habe nichts gegen die Deutschen! Es sind tapfere Krieger. Ihr greiser Kaiser ist ein Held. Aber ich kenne sie nicht!“

„Gleich dort drüben in Ortaköi . . .“

„Der Deutsche dort in Ortaköi sollte lieber seine Schwester hüten, ehe er die Klageweiber für ihr Begräbnis bestellen muss!“

„Ach — der passiert nichts!“ sagte der Major Hünif. „Das ist doch die, die neulich vor allen Engländern das Kamelrennen auf dem Exerzierplatz der Gardezuaven bei Haidar Pascha gewonnen hat!“

„Gott ist gross!“

„Vorige Woche hat sie mit ihren Freunden, den Tscherkessen, im Urwald hinter Ismid zwei Wölfe geschossen und auf dem Rückweg die Lokomotive selbst gefahren. Der Generaldirektor der Polizei hat sich durch den Grosswesir beschwert!“

„Es ist keine Hilfe vor den Franken ausser bei Gott!“ Der Marschall Schükri hielt vor seinem Konak, hart am Meer, am Hang des Hügels, auf dem der nahe Jildis-Kiosk lag. Es war ein Haus von alttürkischer Bauart — in zierlichen hölzernen Erkern und Galerien vorspringend der Oberstock, holzgeschnitztes Gitterwerk vor den Fenstern des Harems, weiss ummauert, mit grünen Feigenbäumen um den Brunnen, der Vorhof.

Die in Rot und Gold gekleidete albanesische Torwache, die sich Schükri Pascha nach dem Brauch der Grossen zum Schutz gegen Überfälle hielt, stürzte ihrem Brotherrn entgegen und half ihm vom Pferde. Der Führer der bis an die Zähne bewaffneten riesigen Kerle erstattete flüsternd eine Meldung. Der Marschall wandte sich sehr ernst auf französisch an seinen Neffen.

„Iskander Beg berichtet, es sei ein unruhiges Kommen und Gehen in den Linienkasernen in Skutari! Verdächtige Versammlungen um die Koranausleger in den Klosterschulen und hinter den Armenküchen verschiedener Moscheen . . .“

Der Major im Regiment Ertogrul stieg aus dem Sattel und starrte auf das Meer.

„. . . und ein Zeichen des nahen Zornes Allahs: Fuad Pascha, der aus Damaskus entflohen ist, wurde gestern im Basar, als persischer Teppichhändler verkleidet, gesehen. Wo er ist, ist ein Anschlag gegen den Grossherrn nicht weit.“

„Fangt ihn und hängt ihn an der grossen Platane auf dem Seraskierplatz!“ Der Major und Adjutant des Marschalls, Hünif, folgte seinem Oheim in den Konak, mit einem letzten Blick auf das Meer: „Eben schwimmt sie drüben am Palais Lamba vorüber!“

3

In einem der Bosporussäle seines Palais stand Lamba selber am Fenster — Lamba — der grosse Hecht im Karpfenteich der Levante —, bekannt am ganzen Mittelmeer, wo nur seine Dampfer mit überverpfändeter Ladung rauchten — wo seine Wechsel über schwindelnde Summen von Piastern und Drachmen und ägyptischen Pfunden mit äusserster Vorsicht von Hand zu Hand gingen — wo seine Seide-, Baumwolle-, Zuckerspekulationen die Börsen von Marseille bis Alexandria erschütterten — Palamidi Lamba, knabenhaft schmächtig, aber elegant gewachsen, ein bräunlicher Vierziger mit schwarzem Haar und Schnurrbart, perlgrau nach Pariser Mode gekleidet, einen vierzigkarätigen Diamanten in dem Seidenschlips vom Altgold der Kirchenbilder seines griechisch-orthodoxen Glaubens.

Aus seinem sinnlich-weichen, wächsernen, regelmässigen Antlitz war die lauernde Trägheit des Halbasiaten geschwunden. Die sonst undurchdringlich ausdruckslosen Züge zeigten eine leidenschaftliche Spannung. Er spähte über die Marmorstatuen und goldgesprenkelten Orangenbäume und Palmenwedel seiner Gartenterrassen hinaus auf das Meer, als hätte er das Blau des Bosporus noch nie gesehen.

Dies tiefe Blau und in ihm der weit ausgebreitete blonde Fächer auf den Wogen. Der Schwimmerin draussen hatte sich nach dem Verlust der roten Badekappe das Haar im Spiel der Wellen gelöst. Wie eine lange goldene Schleppe flutete es im Sonnenschein hinter ihr her. Und drüben in Lambas schwarzen Augen glühte heiss die ewige Leidenschaft des brünetten Südländers, des dunklen Mittelmeermenschen, nach dem kühlen Blond und Weiss des fernen Nordens.

Und nur eines beschäftigte Palamidi Lamba, den Sohn des Stiefelputzers von Saloniki, den skrupellosen Millionär, den Schrecken jedes ehrbaren Handelsherrn zwischen Pera und Piräus — nur eines beschäftigte ihn, wie er, stumm auf die Wasserfläche starrend, dastand. Ob sie wohl auch blaue Augen hat? Grosse blaue Augen — so blau wie Himmel und Meer? . . .

„Ein persischer Händler ist, mit einer Rolle Seidenteppiche vor sich, auf dem Esel angeritten!“ Das Flüstern eines Dieners im Hintergrund des ganz europäisch, in weissseidenem Louis-Seize von einer Pariser Firma ausstaffierten Saals. „Er sagt, er sei von Eurer Herrlichkeit bestellt!“

Lamba fuhr herum. Er kam zu sich. Sein Gesicht färbte sich plötzlich etwas blass. Ein Kopfwink: „Herein!“

Der Perser war ein grosser, hagerer, nicht mehr junger Mann mit Hakennase, Schwarzbart, Glutaugen. Er stand, seinen Packen neben sich auf dem Parkett, demütig an der Tür, die schwarze Fellmütze auf dem tiefbraun gebrannten wilden Kopf, den schwarzen Kaftan bis zum Hals zugeknöpft, die Hände ehrerbietig vor dem Leib gefaltet. Er murmelte unterwürfig, so dass es der heraushuschende Diener noch hören konnte:

„Mein Ernährer: Ihr Fussstaub erwartet Ihre Befehle!“

Der Levantiner wurde noch bleicher. Er überzeugte sich mit einem Blick, dass sich die Pforte hinter dem Diener geschlossen. Er zog den Teppichhändler am Arm mit sich in die Mitte des Saals, wo unmöglich ein Menschenohr im Palais sein angstvolles Flüstern vernehmen konnte.

„Exzellenz Fuad — Gott hat Ihre Flucht aus Damaskus begünstigt . . .“

„Lob sei Allah!“

„Aber wie konnten Sie es wagen, Fuad Pascha, hierher nach Konstantinopel . . . unter die Augen des Sultans . . .“

„Nicht als sein abgesetzter Palaisintendant, sondern als ein reisender Teppichhändler unter dem Schutze Allahs!“

„Warum bringen Sie mich durch Ihren Besuch in Lebensgefahr?“ Der Levantiner schluckte vor Angst.

„Es ist alles zum Handstreich auf den Jildis-Kiosk bereit!“ Die schwarzen Pupillen des falschen Persers funkelten unter den buschigen Brauen. „Unser neuer Sultan — der künftige sechsunddreissigste Grossherr — aus dem Stamme Osmans . .“

„Der Prinz ist seit Jahren im Ausland flüchtig!“

„Er hat heimlich seinen Zufluchtsort in Korfu verlassen und ist hier in Konstantinopel verborgen! Wir brauchen nur noch Geld, um die Kammerherren des Jildis-Kiosk zu bestechen — viel Geld — von euch Griechen und Armeniern!“

Der Levantiner Lamba war geschmeichelt, dass man ihn einen Griechen nannte. Aber er schritt unruhig in dem Saal auf und ab. Er schaute leer durch das hohe Fenster hinaus in die Sonnenblendung. Da schwamm immer noch leuchtend die goldene Haarflut auf dem blauen Spiegel der See.

„Es wäre der dritte Sultan, der innerhalb eines Jahrzehnts entthront und ermordet wird!“ keuchte er heiser. „Was gehen eure blutigen Serailhändel uns Christen an?“

„Ihr Griechen und Armenier hofft vergeblich, durch Rhodokanaki und die anderen Christen im Senat eine Eisenbahnkonzession in Vorderasien zu erreichen!“ sagte Exzellenz Fuad Pascha, der gestürzte Grosse. „Drüben im Jildis-Kiosk“, er wies über den Bosporus hinüber, „offenbart sich der Wille Allahs — Lob ihm! Haben wir dort die Macht . . .“ Er griff sich mit der Rechten in das wirre Haargestrüpp unter dem Kinn: „Bei meinem Bart — so habt ihr von uns die Eisenbahnkonzession und damit zehnfach das Geld wieder, das ihr uns jetzt im Namen des Allerbarmers leiht!“

„Lasst mir Zeit!“

„Morgen ist es für eure Pläne zu spät. Franzosen und Russen verfolgen dieselben Pläne. Sie haben sich geinigt!“

„Ich weiss es!“

„Der Vertreter der Russen nähert sich jetzt eben auf dem Odessaer Dampfer Konstantinopel!“

„Der Deutschrusse Buddenhaus! Was bleibt im Orient unbekannt?“

„Er ist ein noch junger Mann. Ein Mann wie Sturm über der Steppe. Ich komme selbst aus Vorderasien. Die geringsten Kameltreiber zwischen Bagdad und Beirut sprechen dort von ihm. Er hat dort die Paschas der Provinzen für seine Eisenbahnpläne gewonnen. Er hat die halbwilden Kurdenbegs und die ganz wilden Tatarenkhane bestochen. Er wird im Jildis-Kiosk alle eure Pläne zunichte machen, wenn ihr ihm nicht durch unsern Handstreich zuvorkommt!“

Lamba sank auf einen Seidensessel und brach in Tränen aus. Der Perser betrachtete düster den Kampf zwischen Feigheit und Geldgier in dem kraftlosen Mann. Der Diener stand hinter ihm im Saal. Der Hausherr hatte sich erhoben und an einem persengestickten Glockenstrang gezogen.

„Geleite den ehrwürdigen Mekkapilger zu seinem Esel!“ befahl er auf türkisch. Und weiter zu dem finster schweigenden Perser: „Lass deine Seidenteppiche hier! Ich werde sie mustern! Beim Erschliesser der Pforten des Erwerbs: Du sollst bis zum Abend Nachricht von mir erhalten, ob sie mir gefallen!“

Lamba, der Levantiner, war allein. Er stand auf und trocknete sich mit einem weissseidenen Tuch die Angsttränen aus den Augen und rang im Goldfieber nach Luft. Er schaute wieder hinaus auf das Meer, auf den fernen, von einem andern Gold umflossenen Kopf im Geleit der Boote, der jetzt, in den Wellen auf und nieder tauchend, durch ruhigere Strömung, eine schräge, aber unbeirrte Richtung nach dem europäischen Ufer einhielt. Leidenschaftlich starrte der Levantiner auf das blonde Haar und frug sich leise zitternd wieder: Ob sie wohl blaue Augen hat . . .?

In seinem Garten Eden um das Palais Lamba standen zwischen Lorbeerbüschen und Kakteenhecken da, wo ihr Anblick nicht den Abscheu fanatischer Bettelderwirche und frommer Moscheenhodschas jenseits der Strassenmauer erwecken konnte, marmorne Statuen aus der Welt Homers, den Palamidi Lamba für seinen Landsmann hielt.

Und wenn von diesen Griechengöttinnen eine ihren Leib mit einer kostbaren Pariser Toilette umgürtet und sich in Wolken von Parfüm gehüllt und ihr klassisch schönes, längliches Antlitz mit den beweglichen Nasenflügeln und dem verwöhnten, üppigen Mund durch eine Puderhülle alabastern weiss gefärbt hätte, aus dem nur, anders als in den Tempeln und Museen, zwei unergründliche Augen, schwarz wie die Nacht, lebendig leuchteten — wenn solch eine Statue von ihrem Sockel herniedergestiegen wäre, dann stand sie jetzt im Saal vor Lamba, ihrem Mann, sich den einen Handschuh zuknöpfend, den andern zwischen den Zähnen, von einem breitrandigen, blumenbeladenen Strohhut das dunkle Haupt beschattet, einen weissen Spitzensonnenschirm zwischen dem Ellenbogen und der enggeschnürten Taille ihrer schon leicht zur Fülle der Dreissig neigenden Junogestalt geklemmt.

Und der Levantiner Lamba sah seiner Frau, der Smyrniotin Charis, teilnahmlos zu. Sie hielt mit demselben Gleichmut seinen Blick aus. In ihren feuchtglänzenden Augen lagen alle Geheimnisse der Welt — Schwermut — Leidenschaft — Sehnsucht. Aus diesen Augen sprach ein träumerisches, rätselhaftes Wissen um die letzten Dinge. Diese wissenden Augen warteten gläubig auf ein Wunder . . . .

Und Lamba, ihr Gatte — Seele und Sinn erfüllt von dem Blond da draussen —, Lamba lächelte nur müde und wusste: Diese Augen täuschen. Dahinter ist nichts als eine leichtsinnige Levantinerin . . . . . .

Charis Lamba hatte ihren Mann schon eine Weile beobachtet, ohne dass er es merkte. Jetzt blinzelte sie spöttisch unter den langen, nachtdunklen Wimpern. Ihr Haupt mit dem kaum merklichen Ansatz eines Doppelkinns — dem frühen Alterszeichen der Levantinerin —, dies aus irgendeinem Griechentempel in das neunzehnte Jahrhundert hinübergeborgte Haupt vom Olymp — legte sich verächtlich, mit der Bewegung einer Fischverkäuferin, schief zur Schulter. Schnell und schwatzhaft unbeseelt ihre zweite kleinasiatische Muttersprache, das Französisch.

„Nun — macht dich dieser Delphin im Bosporus verrückt?“

Lamba antwortete nicht. Seine niedere Stirn mit dem glatt hineingekämmten Schwarzhaar lief in unheimlichen Falten.

„Schwimm doch hinter ihm her, mein Armer!“

Der Levantiner Emporkömmling musterte die Pariser Juno mit dem stillen Stechen der Augäpfel, durch das er am Kartentisch die fingerfertigsten Griechen, im Kontor die ausgepichtesten Perser und Armenier lähmte. Es kam, in einer Zigarettenwolke, nur aus seinem Mund:

„Du — und eifersüchtig? . . . Du?“

„Du tust mir leid, mein Freund! Du machst dich lächerlich! Die Gärtnerjungen da an den Papyrusstauden lachen, der Eseltreiber drüben am Schöpfrad!“

„Was geht es dich an?“

„Mein Gott — ich kenne doch diesen Fisch da draussen! Diese kleine Bettlerin aus Deutschland! Ich sah sie öfter in der Grande Rue! Wie sie angezogen geht — man möchte ihr einige Paras in die Hand drücken — in einem selbstgemachten weissen Fähnchen — nicht der geringste Schmuck!“

„Und du? — Da draussen hält deine Equipage!“ Ihr Mann kreischte. Plötzlich brach bei ihm durch die europäische Tünche der Asiate durch. „Wohin fährst du jetzt? Zu Pappadiamantopulo?“

„Pappadiamantopulo?“ In dem weissen, antiken Gesichtsoval zwei schmerzliche schwarze Sonnen der Unschuld.

„Zu Kostolan?“

„Kostolan!“ Charis rang mit einem Blick zum Himmel die nicht kleinen, aber wundervoll geformten Hände, an denen in wechselndem Wasser die Riesendiamanten über der Puderschicht blitzten.

„Zu Tschepati? . . . Zu diesem Goilou? . . . Zu Benetato? Zu Kaftanzoglu?“

„Still!“ Jetzt kreischte auch die schöne Charis auf. Die Unkultur der Levante verzerrte beiden die Gesichter. Sie fauchten wie Kater und Katze aufeinander los.

„Zu Renieri? Zu Kantschur? . . . Gott allein weiss all die Namen!“

„Ich gehe!“

Lamba wandte sich zur Tür. Sie war eine berückend schöne Frau. Sie hatte den majestätischen Gang einer Göttin.

„Zu Ronis?“

Lamba keuchte es hinter ihr her. Die Smyrniotin wandte an der Tür das dunkle Haupt über die Schulter zurück. Sie wiederholte, merkwürdig sanft und geringschätzig:

„Schwimme ihr doch nach!“

Sie war weg. Draussen rollte ihr Wagen. Ihr Mann schaute wirr der Staubwolke nach und dann hinaus auf das Meer.

Plötzlich sprang er mit drei Sätzen zwischen den Marmorlöwen die breiten Steinstufen von der Halle auf die Gartenterrasse hinab. An deren Seemauer schaukelten an Pfählen seine Kaiks. Ein Boot, mit einer Hinterkajüte aus geschnitztem Rosenholz, sechs braune Kerle in weissen Hemden mit roten Kopftüchern und Leibschärpen auf den Ruderbänken, lag fahrbereit. Er stieg ein. Er befahl atemlos dem Steuermann:

„Halte auf die vielen Boote zu, die sich drüben dem Christenufer nähern!“

Und während die Ruderschaufeln sich unter schnellenden Schlägen bogen, spähte er in zitternder Ungeduld über die schaumgekräuselte, sonnenglitzernde Wasserfläche: Ich muss wissen, ob sie blaue Augen hat . . . . . .

4

Der Kaik schoss, lang und schmal wie ein Lineal, mit dem spitz hochgekrümmten Vordersteven durch die spritzenden Wellen. Lamba hielt es auf den bunten Seidenpolstern der Kajüte nicht aus. Er stand breitbeinig auf schwanken Planken hinten im Boot und spähte nach vorn.

Er sah nicht, in der Mitte der Meerenge, das ungeheure Rundbild der beiden Bosporusufer: die weissen Marmorschlösser und schwarzen Zypressenfriedhöfe, die grauen Burgtrümmer, die Landhäuser, die Leuchttürme, die flachen Dächer der Dörfer, die efeudunklen Mauern, die Moscheen und Minarehs, stundenweit, mit bunten, beschaulichen Morgenländern im Schatten der Platanen. Er sah nicht dort drüben sonnenverschwommen Stambul, mit seinen Tausenden von Kuppeln und Türmen und Masten, seinen Botschaftspalästen und Brandstätten und Kasernen. Er drängte nur die schweissglänzenden Bronzegestalten der Ruderknechte:

„Rascher — rascher an den vielen Booten mit Franken vorbei nach Ortaköi!“

Aber dort liess er vor dem Landungssteg der kleinen Raddampfer seine Luxusgondel in einer kurzen Kehre auf den Wogen tanzen und fuhr der Flottille entgegen, die dem goldblonden Schopf im Wasser folgte, und sah, ganz nahe, mit ihren rudernden weissen, dünnen Armen im Spiel der Wellen die Schwimmerin von vorn.

Ein pudelnasses, frisches, hübsches Mädchengesicht, das heiter, aber hartnäckig entschlossen im Sprühen der Wassertropfen mit den Lidern zwinkerte. Die Farbe der Augen konnte er noch immer nicht erkennen.

Aber jetzt öffneten sich ihre verbissenen roten Lippen mit weissen Zähnen, und sie rief atemlos auf deutsch über den Wellenschlag:

„Herrgott — gehen Sie mir doch aus dem Weg!“

Und dann wiederholte sie das in gutem Französisch und bekam dabei den Mund voll Seewasser, direkt noch aus dem salzgesättigten Schwarzen Meer, und gab mit einem „Brr!“ dem Bosporus zurück, was ihm zukam, und Lamba sah, mit einem hastigen Wink an seine Leute auszuweichen: sie hatte wirklich die grossen blauen Augen, die zu dem nassen Gold ihrer Haare, dem klaren Weiss ihres Nackens und ihrer Arme gehörten. Und diese Augen waren ärgerlich auf ihn gerichtet.

„Steuere weiter zur Seite! Belästige die Signora nicht!“ schrie er laut und leidenschaftlich auf italienisch, mit der Rücksichtslosigkeit des Levantiners gegen seine Untergebenen, dem Bootführer zu, und der Bärtige noch lauter, mit einem Händegefuchtel der Abwehr:

„Eccellenza: Soll die ,Zariza‘ uns in den Grund fahren?“

Riesenhaft rauschte da plötzlich, vom Schwarzen Meer her, der Sechstausendtonnendampfer der Odessaer „Freiwilligen Flotte“ heran. Sein Bug ragte hoch wie ein Haus über das Gewimmel der Boote. Er näherte sich ihnen mit gefährlicher Schnelligkeit. Seine Sirenen heulten. Unten gellten in einem halben Dutzend Sprachen Warnungsschreie aus den Nachen. Von der Kommandobrücke oben rief der Kapitän auf russisch einige Freundlichkeiten zu den Nussschalen hinunter, die ihn mitten im Bosporus, dem gefährlichsten Gewässer des Mittelmeeres, auch noch zu Ausweichmanövern zwangen.

Glasgrüne Schaummassen perlten hinter dem herumgeworfenen Steuerruder der „Zariza“. Sie wich brüllend zur Seite. Aber mächtige Wogenkämme des aufgewühlten Meeres liefen mit weissen Mähnen von ihrer Flanke auf die Schwimmerin zu. Der blonde Kopf verschwand in den Wellenbergen und Wellentälern. Es war ein wildes Durcheinandergeschrei da unten: Hilferufe. Zank. Befehle. Ein Rettungsring platschte. Deutsche in den Booten rissen schon ihre Jacken ab, um hemdärmelig sich zur Rettung in die See zu stürzen.

Über die Bordwand der „Zariza“ beugten sich die Köpfe der Passagiere — ein Museum aller Menschen des Mittelmeers — aufgeregt in die Tiefe. Ein Geschrei in vielen Zungen: „Sie ertrinkt . . . sie ertrinkt . . . .“

Aber da tauchte schon wieder zuerst wie treibender blonder Seetang eine weitgefächerte Haarmasse aus den Strudeln, und dann der unbekümmerte lachende junge Kopf, der dazugehörte, und ein langer dünner Arm schnippte tröstend aus den Fluten — ungefähr ein Zeichen: „Unkraut verdirbt nicht!“ — und das Wesen in nassem Feuerrot warf mit neuer Entschlossenheit die weisse Brust wider die blauen Wellen.

Und oben, ganz an der Spitze des Dampfers, lehnte in Bordmütze und windflatterndem Mantel ein junger Mann, mager und straff, mittelgross, zu Anfang der Dreissig. Das stählerne Grau seiner Augen lachte abenteuerlich gleichgesinnt hinüber zu der Schwimmerin. In dem Sonnenbraun des Gesichts zuckte ihm unter dem blonden Schnurrbart die mitfühlende Verwegenheit um die verschlagenen Mundwinkel. Er beugte sich vor und klatschte mit energischen Handflächen Beifall hinab zu dem Mädchen im Meer.

Dann schaute er sich suchend auf dem Deck um. Dort drüben sass weltabgeschieden und erschöpft eine dicke alte Dame. Der Abschiedsstrauss von Blüten der Akazie, des Steppenwahrzeichens Odessas, den sie noch von dem Hafen her neben sich liegen hatte, spottete in seiner Maifreude ihrer Seekrankheit. Der junge Mann trat schnell und entschieden an sie heran.

„Sie erlauben gewiss!“ sagte er mit einer Verbindlichkeit, die gar keinen Widerspruch aufkommen liess, und ergriff die lichtgrün gefiederten Zweige und sandte sie mit weit ausholendem Schwung gerade vor der Schwimmerin ins Meer, dass sie nur die nasse kleine Faust auszustrecken brauchte, um den Gruss von oben zu ergreifen. Da packte sie unten schon die treibende Traube weisser Schmetterlingsblüten, sog einen Augenblick im Wasser ihren süssen Duft, winkte dankend und lachend mit dem Strauss nach oben und schleuderte ihn dann weithin von sich vor den weisskochenden Wasserschwall am Bug der „Zariza“, in der Richtung gegen das Goldene Horn. Eine Gekunde überschatteten sich die Züge des jungen Mannes. Dann erhellten sie sich in blitzschneller Genugtuung: — das war ein glückliches Vorzeichen! Da flogen ihm von Mädchenhand Blumen auf den Kriegspfad gegen Konstantinopel voraus! — und er verbeugte sich dankend und lachte kampflustig und winkte wieder.

Unten schwamm das Mädchen weiter in den hohen Wellen der „Zariza“, die hinter ihr her rollten und sie hilfreich dem Ufer zutrieben, und ganz da oben auf dem Hochdeck des Dampfers wie auf einer Warte stand der junge Mann und schaute ihr nach und hörte, wie der Kapitän im Vorbeigehen sagte:

„Diese unnütze Ente wird dort drüben gerade bei dem Dorf Ortaköi das Land erreichen!“

Eine Stunde weit entrollte sich von Ortaköi bis Stambul das letzte Wandelbild des Bosporus. Da lag zwischen Zypressen und Platanen der altmodische Konak des Marschalls Schükri Pascha. Düster webte der Irrsinn um die ungeheuren maurischen Marmormassen des Palastes Tschiragan. In seinem Schatten umraunte der Mord den Ferije Serai. Und in dem mauerumschlossenen, fenstervergitterten, von ganzen Regimentern bewachten Jildis-Kiosk weiter hinten fand, inmitten seiner Garden, Kammerherren, Eunuchen, Henker, Spitzel in drei Erdteilen, Abd ul Hamid, der Herr der Zeit, keine Ruhe bei Tag und keinen Schlaf bei Nacht.

Der junge Mann auf der leise stampfenden Kielhöhe der „Zariza“ blickte nicht nach der unheimlichen Fata Morgana am Ufer. Er schirmte das lebhafte, aber kühl entschlossene Gesicht mit der Hohlhand gegen den Nordwind und blickte nach Ortaköi zurück — nicht in der Laune eines Verliebten, sondern mit dem freundlichen Interesse eines fixen jungen Kerls, der Wagstücke, welcher Art auch, bei sich und anderen willkommen heisst.

Und drüben vor Ortaköi schnellten die Delphine in triumphierenden Purzelbäumen aus dem bezwungenen Bosporus, und das Siegesgekreisch der heranflatternden Möwen meldete: „Sie schafft’s! Sie schafft’s!“

Ein paar hundert leierförmige Gehörne und silbergraue Rücken von südrussischen Steppenrindern schimmerten, von schwarzen Fliegenwolken umschwärmt, in dem offenen Zwischendeck der „Zariza“. Der Transport war als Schlachtvieh nach der englisch-ägyptischen Armee unterwegs. Der Unternehmer, ein Schwabe aus der Krim, kletterte zornmütig die steile Vorderdecktreppe hinauf zu seiner dicken seekranken Frau.

„Wo isch der Gospodin, der dir die’ Sträussche weggenomme hat? Dem Maladjetz will ich’s weise!“

Er schob sich breitschultrig und breitbeinig über das leise schaukelnde Deck auf den jungen Mann zu, der in flatterndem Mantel vorn, am Bugspriet lehnte und nach dem fernen Dorf Ortaköi hinübersah. Der graubärtige Kapitän der „Zariza“ stand dazwischen. Er konnte etwas Deutsch, und er kannte den Viehhändler. Er hielt ihn am Arm zurück.

„Wenn Sie nicht diesmal mit der Durchfahrt Ihrer Ochsen auf dem russischen Konsulat in Konstantinopel die grössten Schwierigkeiten haben wollen“, sagte er auf russisch, „dann meiden Sie den Passagier da vorn wie den Antichrist!“

„Ich werde mit ihm ein Wort Russisch reden!“

„Er ist kein echter Russe. Er ist ein Fremdstämmiger. Ihr Landsmann. Ein deutscher Untertan des Zaren wie Sie!“

„. . . dann ein Wort Deutsch . . .“

„. . . und der grösste Herr, den ich an Bord habe! Sehen Sie — alle diese Russen, die da stehen und sitzen, sind mit ihm aus Odessa gekommen — sind sein Stab!“

Der russisch-schwäbische Heereslieferant rieb sich verblüfft das dank der Seefahrt unrasierte Stoppelkinn.

„Ich hatte mit meinem Vieh zu tun. Ich hatte nicht Zeit, mich um die Reisenden zu kümmern! Das ist — das ist doch nicht Paul Buddenhaus?“

„Sie sagen es! Pawel Germanowitsch Buddengaus selber!“ Der Russe sprach den deutschen Namen russisch aus.

„Er ist viel zu jung dazu!“

„Und doch stehen hinter ihm Petersburger Grossfürsten, Moskauer Altgläubige, Odessaer Millionäre. Oder haben Sie noch nie etwas von der Neuen Asiatischen Studiengesellschaft gehört?“

„Alle Welt spricht von den asiatischen Eisenbahnplänen!“

„Nun also: da haben Sie den starken Mann der Studiengesellschaft!“

„Wo kommt er her?“

„Aus Lissitschansk im Donezbecken. Dort ist sein Vater, ein eingewanderter Deutscher, seit vielen Jahrzehnten Leiter der grossen Aktienbrauerei Konstantinowska. Auch der Sohn half dort in seinen Anfängen, bayrisch Bier für die deutschen Kolonisten und die Kosaken zu brauen!“

„Und wie wurde er ein Mann der grossen Geschäfte?“

„Er ging auf gut Glück nach Petersburg. Dort schickte man ihn — einen waghalsigen Menschen — zur Anlegung der Baumwollkulturen zu den eben unterworfenen Turkmenen. Seine Gewinnung von Baumwollöl machte ihn mit einem Schlag bekannt. Er hat — begreifen Sie — eine besondere Gabe, die Asiaten zu nehmen!“

„Das ist nicht leicht!“ sprach bedächtig der Schwabe, der selbst unter Mohammedanern in der Krim lebte.

„Drei Jahre hat er sich im Innern Vorderasiens aufgehalten. Im letzten Kurden- und Tatarendorf ist er gewesen. Alles hofft dort auf ihn und seine Eisenbahn und sein Geld . . . Nun — mit Gott! Ich muss auf die Kommandobrücke!“

Es war auf Deck schon das Getümmel der nahen Landung. Eine Gruppe Russen bahnte sich ihren Weg zu dem jungen Mann am Bug. Lachende Rufe:

„Schauen Sie nicht immer auf den Bosporus zurück, Gospodin Buddenhaus! Da vor uns liegt Stambul in seiner Majestät!“

„. . . und bald uns zu Füssen!“ sagte Paul Buddenhaus lachend.

Das Brüllen der weiss dünstenden Sirenenschlote verschlang seine Worte. Der Rumpf der „Zariza“ zitterte nicht mehr im Keuchen der Kessel. Der Anker klatschte in das hoch aufspritzende Wasser des Goldenen Horns, inmitten eines Mastenwaldes aller Völker, ganz nahe die Riesenkuppeln der Riesenmoscheen.

In Mietgondeln, in Gemüsekähnen, in Fischerbooten umschwärmten schon seit einer Viertelstunde die Spione Abd ul Hamids den russischen Dampfer. Die Barkasse der Internationalen Sanitätskommission schoss heran, die gelbe Quarantäneflagge am Bug — ein Zollkutter, von zwölf Festrägern gerudert — ein Kaik, gedrängt voll von den grünen Passbeamten der Polizei.

Fremdendragomane brüllten aus Nachen, Lastträger vom Ufer. Eine Gruppe Franken stand dort vor der neugierigen Mauer des Morgenlandes — Herren mit dem roten Bändchen der Ehrenlegion — slawische Gesichter, hinter sich die goldglitzernden, bewaffneten Kawassen der Botschaft.

Die französischen und die russischen Geschäftsfreunde schwenkten hoffnungsvoll die Hüte. Paul Buddenhaus drüben an Bord brauchte den Zoll- und Pass- und Pestefendis nicht erst seine Papiere vorzuzeigen. Sie liessen ihn schweigend durch. Backschisch rechts und links in hohle Hände. Er stieg das Fallreep hinab in das Boot und fuhr an Land und sprang, den Europäern dort tatenfroh zuwinkend, auf das Pflaster des Kais von Galata — mit einem Rundblick über den weiten Bosporus: Konstantinopel — ich komme!

5

Fern drüben im Bosporus blinkte aus dem flaschengrünen, flachen Strandwasser von Ortaköi ein winziger feuerroter Strich. Die Schwimmerin lag jetzt auf dem Rücken und trieb sich gemächlich mit weissen Beinstössen dem ganz nahen Ufer zu.

Von da hörte sie die vielsprachigen Gurgellaute des Orients, die Zurufe der vorausgeruderten Landsleute und Freunde. Sie sah die Menschen dort nicht, sondern nur gerade über sich das unergründliche Blau des Maihimmels und um sich die sonnenflimmernde, silberzitternde Leere des nun ganz stillen Meeres.

Nur der einzige hochgebäumte Schnabel eines Luxuskaiks glitt beharrlich und lautlos, mit absichtlich langsamen Ruderschlägen eines halben Dutzends schweissspiegelnder Bronzekerle, auf zwanzig Schritt Abstand hinter ihr her. Der Eigentümer lehnte im Heck vor der Kajüte. Er starrte sie unverwandt an. Sein bräunliches, regelmässiges Gesicht war unter dem hohen, krapproten Tarbusch unruhig leidend, fiebrig gespannt. Sie erkannte den Levantiner, der ihr schon vorher, im Kielwasser der „Zariza“, in den Weg gekommen, und sagte vor sich im Wasser:

„Ekelhafter Kerl!“

Dann stiess sie plötzlich mit dem blondhaarumwogten Hinterkopf an etwas Hartes. Sie griff danach und fasste eine grosse rosige, trompetenartig geformte Muschel in nur noch ein paar Zoll Wassertiefe auf buntem Kieselgrund. Der Bosporus war zu Ende. Sie richtete sich auf und watete lachend an Land, gross und schlank, von Wassertropfengeglitzer in der grellen Sonne triefend.

Wie eine Mauer stand, da das Morgenland: die armenischen Gemüsebauern, die jüdischen Papier- und Glashändler und Schneidermeister von Ortaköi, die Armenierinnen in Weiss, die Jüdinnen in meerblauen und pfirsichrötlichen Kleiderröcken und grasgrünen goldgestickten Jäckchen. Davor pfefferundfalzfarben die Europäer. Ein kraushaariger griechischer Photograph brachte eilig seinen Apparat gegen das Mädchen im Meer in Stellung. Sie winkte ihm drohend zu.

„Wollen Sie wohl!“ Und dann, sich umschauend und ungeduldig in die Hände klatschend: „Indschi — Elmas — wo steckt ihr denn?“

Und Indschi, „die Perle“, und Elmas, „der Diamant“ — zwei junge Armeniermädchen mit seidenen weissen Tüchern über den kohlefarbenen Scheiteln, liefen eilig mit einem grossen schwarzen Frauenmantel herbei und reichten ihn ihr, die gelben Pantoffelspitzen am Wassersaum, in das Meer hinüber, und sie wickelte sich hinein und sprach: „So! — Nun können Sie mich knipsen!“ Und dann, gelassen dastehend, auf türkisch: „Habe dich nicht so, Sohn der tausend Jahre!“

Ein steinalter, verwitterter türkischer Ziegenhirt hatte sich, die Herde drüben seinem riesigen Wolfshund überlassend, keuchend vor Angst zwischen sie und den schwarzverhangenen Kasten gestellt, um im Namen Allahs das Abbild eines Menschen zu verhüten! Aber der Ordnung haltende Gendarm von der neuen blauen tscherkessischen Stadtpolizei zu Pferde jagte den Greis im zerrissenen, weissen Hemd zu seinen Böcken zurück und öffnete ehrerbietig seine Hand zum Backschisch:

„Belieben Eure hohe Person, aus dem Wasser zu steigen!“

Die hohe Person stieg aus dem Wasser und schüttelte sich wie ein Pudel, dass die Spritzer flogen, und sagte befriedigt:

„Also das wäre der Bosporus!“

Sie drückte kameradschaftlich den Deutschen und den andern Franken die Hände. „Vater — du streust Blumen aus deinem Munde!“ dankte sie auf türkisch dem glückwünschenden armenischen Gärtner, bei dem und seinen Töchtern, der Perle und dem Diamant, sie wohnte.

Sie begrüsste mit Händegeschüttel den kaftangegürteten, rotschärpigen Rabbiner der Judengemeinde von Ortaköi, und mit einem freundlichen: „Na — ihr Spitzbuben!“ ihre Jagdfreunde, die beiden riesigen, aus ihrem Raubnest in den Bergen herabgerittenen Tscherkessen, das Adlerhaupt und den Löwenfürsten, in ihren hohen Pelzmützen und langen, schwarzen, mit aufgenähten Patronentaschen besetzten Leibröcken. Dabei sah sie mit einem leisen Unbehagen den langen, schmalen Luxuskaik von vorhin ganz nahe am Ufer, dicht vor ihr, still, mit gesenkten Rudern, auf dem Wasser liegen, und aufrecht in ihm, immer mit dem starren, heissen Blick auf sie, den unheimlichen Levantiner.

Bettler krächzten armeausstreckend im Staub. „Gott wird euch geben! Ich bin in Trikots!“ Sie scheuchte eine Brut nackter nussbrauner Zigeunerkinder nach ihrer nahen Höhle im Kaktusdickicht. „Tut mir den einzigen Gefallen und putzt euch mal die Nase!“ Und wieder zu den Europäern: „Wie’s war? Spielerei!“ Sie überzeugte sich mit einem beruhigten Blick, dass der Kaik draussen jetzt langsam seitwärts davonruderte. „Aber nun muss ich ins Haus! . . . Gott — da kommt mein Bruder eben ’rausgerannt! . . . Klassisch ist er, der Eduard! Der ist imstande und hat von der ganzen Expedition nichts bemerkt!“

Ein jüngerer Mann lief aus dem niederen hölzernen Hause des armenischen Gemüsegärtners. Sein blosser Kopf war blond wie der seiner Schwester, blond sein kurzer Vollbart. Er hatte hinter dem Zwicker denselben blauen Blick wie sie in einem deutschen Gesicht, das im ersten Eindruck träumerisch versonnen schien. Aber dahinter lag dann etwas Stilles, Deutsch-Unbeirrbares, Sachlich-Zähes. Er rief aufgeregt schon von weitem:

„Imme — kann man dich denn nicht eine Sekunde aus den Augen lassen, ohne dass du Dummheiten machst!“

„Dies grosse Kind!“ sagte Imme zu den andern. „Der Eduard wäre ohne mich ja hier verraten und verkauft!“

„Gestern versuchst du, bei dem Schlangenbändiger da oben auf offenem Markt Kobras zu dressieren . . . Ich höre noch das allgemeine Geschrei: ,Elhamed Lillah!’ . . . als Dank, dass nichts passiert ist!“

„Die guten Tiere haben nämlich längst ihren Giftvorrat vertan!“ erklärte Imme den Umstehenden.

„Heute sitze ich über meinen Arbeiten und denke nichts Böses, da stürzt die Indschi herein: ,Herr! Nun darf ich es ja verraten! Die Hanum schwimmt eben durch den Bosporus!’“

„Die Hanum wird sich nun umziehen!“ Imme warf einen Blick des Widerwillens nach dem Anlegeplatz der Küstendampferchen drüben. Dort hatte der lange, schmale Kaik an der Landungsbrücke festgemacht.

„Rege dich bloss nicht auf, Mekkavater!“ sagte sie auf türkisch zu einem Bettelderwisch in kaffeebrauner Kutte, der unter Verwünschungen die Arme über die spitze Kegelmütze zu Allah hob. „Ich bin keine Tochter des Satans, wie du hier irrtümlich aussprengst, sondern harmlos wie ein Holzlämmchen — wie eine eurer vielen Wanzen. Auch mich schuf Gott! Nimm dir ein Beispiel an den ehrwürdigen Babas drüben!“

Weissbärtige Türken hockten da, dass nur die Zipfel ihrer weiten Hosenböden die Erde berührten, und drehten beschaulich die Rosenkranzkügelchen zwischen den Fingern. Als der fröhliche Blick des unverhüllten Mädchengesichts sie traf, sahen sie gramvoll zur Seite, die weiss blendenden Gartenmauern entlang, an denen ein paar wandelnde Glocken von schwarzen Stoffmassen, ihre Frauen und Töchter, sich unsicher dahinschoben.

Der heulende Derwisch trollte sich unter neuem Gebrüll: „Jahû! Jahû! O Er! O Allah!“ Imme fasste ihren Bruder, mit einer unruhigen Kopfbewegung nach dem Landungssteg, am Arm.

„Mach schnell, ins Haus! Da ist so ein grässlicher Levantiner drüben aus seiner Wasserdroschke geklettert und marschiert direkt auf mich los! Zu spät! Da steht er einem glücklich mitten im Weg! Kinder — der Orient ist doch doll!“

Und dann ärgerlich an Lamba vorbeigehend:

„Sagen Sie mal — wollen Sie eigentlich etwas von mir? Sonst lassen Sie mich, bitte, ungeschoren!“

Der Levantiner war blass. Leise seine Stimme, auf französisch wie sie:

„Nur einen Glückwunsch, Madame, zur Bezwingung des Bosporus!“

„Danke!“

„Von einem Sohn des Bosporus wie mir! Dort am andern Ufer steht mein Haus!“

„Der überlebensgrosse weisse Kasten?“

„Ich habe noch ein Palais in Pera, in schönster Lage am Munizipalgarten!“

„Na — da sind Sie ja versorgt!“ Imme wollte weiter.

„Ich wäre glücklich, Ihnen einmal meine Gewächshäuser, meine Teppiche, meine gelben und rosa Diamanten zeigen zu dürfen!“

„Nett von Ihnen! Aber ich danke!“

„Madame — wenn ich Sie bitte . . .“

„Ach — lassen Sie mich nur ruhig hier in meiner Bude über dem Ziegenstall! Ich fühle mich hier sehr wohl!“

„Imme!“ Ihr Bruder trat heran. „Dieser Herr hier vom ,Journal de Péra‘ will durchaus etwas über dich und den Bosporus in seine Zeitung bringen!“

Der Levantiner stand allein. Er schaute stumm und heiss den langen, nassen Goldsträhnen über dem schwarzen Mantel nach. Er ging langsam nach dem Landungssteg und stieg in seinen Kaik. Der bärtige Bootsmann sah ihn fragend an: „Zurück nach dem Palast, Eccellenza?“ Ein bitteres Lächeln um die Lippen des Levantiners: Zurück zu Charis, meiner Frau? — Eine Handbewegung die Meerenge abwärts nach den Moscheenmassen, den Mastspitzen und Turmnadeln von Konstantinopel.

„Nein — du Hund! Fahre mich nach Galata!“

Er kauerte sich in die Kissen der Kajüte und sah in der Ferne etwas Nassblondes in schwarzem Mantel vor einem fast schwindsüchtig hageren, tiefbrünetten, goldbebrillten Herrn vom Typ eines intelligenten französischen Volksschullehrers, stehen.

Nervös dessen Händegefuchtel. Sprudelnd sein gallischer Wortschwall aus dem schütteren schwarzen Krausbart.

„Ah — Madame! Mein griechischer Kollege vom ,Neologos‘ kam zu spät drüben am anatolischen Ufer! Der sehr ehrenwerte Gentleman vom ,Levant Herald’ erwartet Sie umsonst weiter unten auf der christlichen Seite — haha!“

„Wissen Sie: ich friere . . .“

„Ich weiss, was Sie mich fragen wollen: Wo ist die französische Presse Peras? Wo die ,Turquie‘? Der ,Phare du Bosphore‘? Der ,Moniteur Oriental‘? Der ,Stamboul‘?“

„Meine Haare sind pitschnass!“

„Nur wir sind zur Stelle, das ,Journal de Péra‘ — der einsame, wirkliche Vorposten französischer Bildung in dieser bewundernswerten Stadt!“

„Na — hören Sie — ich bin eine Deutsche! Mir liegt gar nichts daran, dass ich in Ihr französisches Blättchen komm’!“

„Nur ein paar Daten, Madame . . . aus Ihrem Leben! Ich notiere!“

„Also in Gottes Namen: Imme Reyck . . .“

„Oh . . . Reyck . . .“

„Dreiundzwanzig Jahre. Ledig. Ja — das wär’ wohl alles!“

„Die Eltern, die das Glück haben, Sie . . .“

„Mein Vater ist Oberförster in Thüringen . . . Von Deutschland haben Sie doch schon mal gehört? Also da liegt Thüringen mitten drin! Da bin ich im Wald im Forsthaus aufgewachsen. Fragen Sie mal die Tscherkessen drüben, wie ich schiessen kann! Na — und auch klettern und reiten und kutschieren und alle brotlosen Künste!“

„Einen Augenblick noch, Madame: Wie kamen Sie hierher?“

„Vor einem halben Jahr mit meinem Bruder, Doktor Eduard Reyck, um ihm den Haushalt zu führen. Er ist Ingenieur und Geologe. Er macht hier Vorarbeiten für eine asiatische Bahn . . .“

„. . . für die bereits, gerade in dieser letzten Zeit, sich das französisch-russische Syndikat gebildet hat, Madame!“

„Das ist ein abenteuerliches Privatunternehmen, sagt mein Bruder . . . das nimmt er nicht ernst. Die Regierungen stehen nicht dahinter!“

„. . . sowenig das Reich hinter euren Plänen, Madame!“

„Nein! Ich sage ja: es ist alles erst im Werden! Aber lasst uns Deutschen nur Zeit! Wir schaffen’s!“

„Deutschland, Madame, hat keine Überlieferungen, die es zu dieser Rolle ermächtigen! Der grossmütige Schutz des Orients ist geschichtliche Ehrenpflicht der älteren europäischen Grossmächte!“

„Da hat Frankreich wohl Algier aus reiner Liebe zum Islam unterworfen?“

„Madame . . .“

„. . . und die Engländer die unzähligen Mohammedaner in Indien?“

„Wir kommen auf Fragen, die . . .“

„. . . und die Russen jetzt eben Zentralasien!“

„Madame — brechen wir ab!“

„Sogar die Österreicher haben sich vor ein paar Jahren Bosnien zu Gemüt geführt!“

„Genug . . .“

„Nur der Deutsche quält keinen Türken zum Scherz!“ Imme Reyck, die bisher französisch gesprochen hatte, wandte sich auf türkisch an das umstehende Morgenland. „Deutschland hat noch nie einem Moslem ein Haar gekrümmt! Deutschland liebt die Türken! Dem Padischah tausend Jahre!“ Und wieder zu dem Franzosen: „Und nun adieu! Haben Sie mal die nassen Haare! Ich muss ins Haus!“

Und vor dem Haus, sich noch einmal umdrehend:

„Deutschland baut die Bahn!“

6

Der Herausgeber des ,Journal de Péra‘ steckte nervös sein Notizbuch ein. In der Nähe hielten zwei Negerbübchen seinen Reitschimmel. Er kletterte in den lehnstuhlähnlichen roten Ledersattel, steckte die Lackstiefel in die pantoffelartig blechgewölbten Bügel, schaute auf die Uhr und galoppierte mit hochgezogenen Knien, seinen hohen schwarzen, fränkischen Zylinderhut sich mit erhobener Hand auf der Glatze festhaltend, durch den schuhhohen Staub, den Bosporus zur Linken, zur Rechten die ummauerten Parkhänge des Palastes Tschiragan und, an ihrem Fuss, zwischen uralten Platanen und rot und weiss blühenden Rhododendren den alttürkischen, oben holzvergitterten, mit Erkerchen und Galerievorsprüngen geschnörkelten grossen Konak des Marschalls Schükri Pascha.

Offene fränkische Landauer hielten davor. Wieder dunkelten nachtschwarze, ofenrohrähnliche Zylinderhüte im sonnenglühenden Farbenspiel des Morgenlandes, blinkten die Blutstropfen des Ehrenlegionbändchens auf feierlich schwarzen Pariser Bratenröcken, qualmte Papyrossenrauch aus den breiten, unruhig geblähten Nüstern über Alt-Moskauer Patriarchenbärten und westeuropäischen schnurrbärtigen, geschmeidigen Petersburger Lippen.

„Ah — mein Freund! Das Syndikat der Neuen Asiatischen Studiengesellschaft erwartet Sie mit Ungeduld! Wie? Verspätung im Dienst der Presse? Lassen wir den Bosporus! Lassen wir seine blonde teutonische Nixe! Hier steht Asien auf dem Spiel! Asien und die Bahn!“

Der kleine dicke, bewegliche Führer der Asiatischen Studiengesellschaft wischte sich den Schweiss von der Stirne. Das feurige Temperament des französischen Südens irrlichterte in seinen schwarzen Augen. Auf dem feistgeschäftigen, bläulich-glattrasierten, ölglatten Antlitz wohnte die zynische Menschenkenntnis der Boulevards und der grossen Finanzhändel in Osteuropa.

„Wenn ich mich erst verspäten wollte, mein teurer Meister“, sprudelte er zu dem Schimmelreiter. „Welch ein Leben führe ich hier! Immer ausser Atem! Immer unterwegs! Von den Hohen Pforte zur Banque Ottomane, von der französischen Botschaft zum französischen Telegraphenbüro! . . . Ach — diese süsse Luft Frankreichs! Meine Rosamonde, meine Frau! Meine Bébés . . .“

„Die Hauptsache, dass uns der Marschall heute empfängt!“ sagte, in weichem Petersburger Französisch, eines der russischen Vorstandsmitglieder der Studiengesellschaft und lüftete seinen hohen Hut. „Ah — willkommen, Hünif Bei!“

Der Major Hünif im Reiterregiment Ertogrul geleitete, sporenklirrend, in hellblauem Waffenrock und grauen Hosen, den schwarzen Kalpak auf dem schnurrbärtigen Haupt, die französischen und russischen Finanzmänner in die Vorderräume des Konaks, wohin keine Frau im Hause sich verirrte. Es war, im Brauch des Orients, kein Zufall, wie sein Oheim, der Marschall, seine Besucher empfing — ob stehend oder sitzend — ob an der Hinterwand des Raums oder ihnen bis zur Schwelle entgegengehend.

Diesmal erhob sich Schükri Pascha beim Eintritt der Europäer von seinem Sitz in der Mitte des mit einem Dutzend Rohrstühlen und niederen Taburetts ausgestatteten, sonst ganz leeren, grossen, parkettierten Audienzsaals, und forderte sie mit einer Handbewegung auf, Platz zu nehmen. Knaben in weissen Hemden reichten lautlos auf blossen Sohlen Schälchen mit Kaffeesatz, Teller mit gezuckerten Früchten, Gläser mit grottenkühlem Wasser — dem besten weit und breit, aus der Quelle von Tschamlidsche, hoch oben dort am Berge Bulgurlu.

Der Duft blühender Rosenstöcke wehte durch die hölzernen Sonnengitter in dem dämmerigen Raum. Ein langgezogenes fernes: „Allahu akbar!“ einer weissen Gestalt vor blauem Himmel von der Höhe eines Minarehs. Der Brauch des Islam bedingte eine Viertelstunde hindurch höfliches, gleichgültiges Gespräch über dies und das. Dann begann mit tiefer Stimme, im glänzenden Französisch des einstigen Diplomaten in Paris, der Marschall Schükri Pascha, Kämpfer vor Sebastopol, Sieger im Glauben, Löwe vom Schipkapass, dunkelbärtig, ruhig, ernst.

„Ihr drängt mich mit dem Schienenstrang. Die Eisenbahn fährt schnell. Aber die Eile ist Satans und die Ruhe bei Gott!“

„Wenn die Orientalen erst mit ihren Sprichwörtern anfangen, wollen sie das Geschäft wieder einmal verschleppen!“ keuchte der Pariser Finanzmann leise zu dem Peraer Journalisten, und dann laut und ehrerbietig:

„Und doch, Exzellenz — wer ist stark genug, die Zeit zurückzuhalten? Vorderasien schreit nach dieser Bahn.“

„Was nützt dem Schwarzen die Seife?“

„Alles ist reiflich besprochen und erwogen!“

„Mit Worten kocht man keinen Pilaw!“

„Wir verpflichten uns, die Bahn bis zum Tigris zu führen!“

„Dem Verliebten ist Bagdad nicht zu weit!“

„Ah — meine Rosamonde — meine Bébés! Nur der Gedanke an sie hält mich aufrecht!“ stöhnte der kleine, dicke Pariser in das Seidentuch, mit dem er sich das schlaue, bewegliche Antlitz trocknete. „Exzellenz! Seit kurzem erfuhr unsere Dienstwilligkeit gegenüber dem Osmanenreich eine köstliche Förderung: Frankreich und Russland, diese beiden edelmütigen Nationen, fanden sich in uns hier und unsern neuen russischen Geschäftsfreunden zu meiner Rechten, die ich Euer Exzellenz in Ehrfurcht präsentiere!“

„Ich bin von allem unterrichtet!“ Kalt die Stimme des Marschalls. Noch durch die bedächtige Verschlossenheit eines türkischen Grossen drang etwas von seiner tiefen Abneigung gegen den Erbfeind an der Newa.

„Der Vertrauensmann unserer russischen Verbündeten und daher auch unserer, unser ausersehener leitender Kulturpionier in Asien, Herr Paul Buddenhaus, trotz seines deutschen Namens ein Untertan des Zaren — trotz seiner Jugend jeder Lage gewachsen — traf vor einer Stunde auf der Reede von Galata ein . . .“

„Man meldete mir vorgestern, er habe Odessa auf der ,Zariza‘ verlassen in der Richtung nach Konstantinopel.“ Es klang wie Mitleid im Bass des Marschalls, dass irgend etwas hier in dieser östlichen Welt den Spähern des Jildis-Kiosk habe entgehen können.

„Herr Buddenhaus würde es für den Gewinn seines Lebens erachten, wenn er sich baldigst vor dem Schatten Eurer Exzellenz zur Erde verneigen dürfte! Gott gab ihm die Gabe der Rede! Alle Dinge ändern sich im Hauch seines Mundes.“

Der Marschall Schükri sass lange stumm. Es war ein erwartungsvolles Schweigen in dem heissen, halbdunkeln Saal.

„Werden Sie Herrn Buddenhaus durch einen Empfang beglücken, Exzellenz?“

„Bilmem!“ sagte der Marschall ausdruckslos vor sich hin auf türkisch und verbesserte sich selbst sofort in französisch: „Ich weiss es nicht.“

Die Abordnung war entlassen. Ihre schwarzen Ofenröhren und Bratenschösse warfen unter den goldenen Sonnenkringeln des Platanenhofs um den silberplätschernden Brunnen, einen europäischen Schatten auf das Weiss der den Strasseneingang bewachenden, bis an die Zähne bewaffneten albanesischen Leibgarde des Marschalls.

Vor dem Konak war ein schwarzlackiertes, mit zwei Schimmeln bespanntes Coupé vorgefahren. Eine Handvoll Türkenkinder krabbelte aus der Kutsche. Iskander Beg, der Führer der wilden arnautischen Torhüter, im blutroten, silberbesetzten Arnautenrock seiner Würde, geleitete persönlich, den gezückten Krummsäbel seiner Vorfahren in der Faust, in starrer Landknechtstreue den kaum zwölfjährigen Jungen in rotem Fes, goldgesticktem grünem Jäckchen und himmelblauen Pluderhosen zum Eingang des Hauses.

Hinter dem kleinen Mann wimmelten drei noch kleinere Mädchen, in ihren bunten, ärmellosen Jacken und weiten Knöchelhosen nur an den dürftigen Zöpfchen unter den Samtkappen von ihm zu unterscheiden. Um sie machte man nicht soviel Aufhebens. Nur die dahinter gehende europäische Gouvernante mahnte auf französisch:

„Saliha Hanum! Kadscha Hanum! Nimet Hanum! Die Fussspitzen auswärts, mesdames!“

Dann, zu dem selbstbewussten, dunkeläugigen Kerlchen vorn:

„Mehemet Bei — wollen Euer Hoheit die Grüsse der fränkischen Efendis erwidern!“

Denn rings hatten sich die Zylinder vor dem Stolz des Hauses, dem Stammhalter Schükri Paschas, gelüftet. Der Knirps war Hoheit, von seiner Mutter her, der Prinzessin Münireh Sultaneh, die Abd ul Hamid — damals noch nicht Padischah — einst in seiner Gnade seinem Marschall zur Frau gegeben. Dieser Ehe verdankte der Günstling des Sultans einen grossen Teil seiner Stellung und seines Ansehens.

Die Franzosen und Russen drängten sich beflissen um den kleinen Prinzen und beugten sich zu ihm nieder. Von ihm führte, wie bei jedem Orientalen, der Weg zum Herzen des Vaters. Um die drei Töchterchen kümmerten sie sich, die Sitte des Morgenlandes ehrend, nicht. Die warteten inzwischen geduldig mit der Gouvernante.

Die Erzieherin war noch jung, einfach und dunkel gekleidet, ein zierliches Pariser Figürchen, auf schmalen Schultern ein ebenso schmales, tief brünettes Köpfchen. Feingeformt, mit den etwas breiten Flügeln Galliens, die Nase. Gallisch gerundet, mit lebhaft aufgeworfenen, roten Lippen und dichten, weissen Zähnen der kleine Mund. Unter langen dunkeln Wimpern schliefen zwei anscheinend teilnahmslose, auffallend kluge, braune Augen.

Sie stand unbeachtet, die kleinen Mädchen an der Hand, als ginge sie das Getümmel um den Erbprinzen nichts an, und hörte dabei in ihrem Ohr die gedämpfte Stimme des dicken Pariser Grossfinanzmannes mit dem roten Bändchen der Ehrenlegion.

„Wie steht’s, Mademoiselle Froidure?“

„Ich tu’, was ich kann!“ ebenso leise.

„Der Marschall zaudert immer noch mit der Eisenbahnkonzession!“

„Ich arbeite den ganzen Tag!“ Sie sah scheinbar leer an dem bläulich rasierten, zynisch glatten Feistling der Boulevards vorbei. „Ich habe die Prinzessin schon ganz auf unserer Seite. Ich mache dem ganzen Harem den Kopf heiss und damit dem Pascha selber!“

„Vergessen Sie nicht, dass wir Sie von Paris aus in dieses Haus hier gebracht haben . . .“

„Sorgen Sie nur, dass niemand hier im Hause etwas davon erfährt!“

„. . . und dass wir Sie zahlen! Gut zahlen!“

„Ich habe meine Augen überall! Die Prinzessin erzählt mir alles!“

„. . . und Sie sofort . . . verstehen Sie . . . sofort uns!“

„Ich höre täglich, im Nebenzimmer bei den Kindern, was der Marschall mit ihr spricht. Er spricht ja immer französisch. Er liebt Frankreich. Er liebt Paris, in der Erinnerung. Deswegen spricht er auch oft mit mir von Paris!“

„Benutzen Sie diese kostbaren Gelegenheiten, Mademoiselle Froidure! Beeinflussen Sie den Marschall, wie Sie können. Dehnen Sie Ihre Herrschaft im Konak immer weiter aus! Sie sind des Dankes Frankreichs sicher . . . Ah . . . Seine Hoheit muss schnell ins Haus!“ Die Fuchsaugen des Parisers blinzelten dem Paschasprössling nach, der plötzlich sein gravitätisches Däumlingtum vergessen hatte und ohne Abschied von den verachteten Europäern in den Konak lief.

Und für den dicken Pariser Mann im Morgenland war dagegen plötzlich wieder nach türkischer Etikette die Weiblichkeit — die Erzieherin und die drei Mädchen in Höschen — Luft. Er ging, ohne einen Blick auf sie, mit seinen Landsleuten und den Russen durch den Hof. Der grimme, rot-silberne Albaneser Häuptling geleitete sie bis zu ihren Landauern.

7

Die roten Fesse der Kutscher, die schwarzen Zylinder der Franken verschwammen im grauen Staubgewirbel. Iskander Beg trat in den Hof zu seinen Arnauten zurück.

Die drei kleinen Mädchen in Pluderhöschen und Pantöffelchen trippelten nach dem Konak, um die mitten im Weg stehenden riesigen Bergsöhne herum. Keinem dieser Bekenner Allahs wäre es eingefallen, einem weiblichen Wesen — ob alt oder jung — Platz zu machen — und wenn es die Töchter der Prinzessin Münireh Sultaneh selbst da drinnen waren.

Aber Mademoiselle Froidure, die Begleiterin, blieb, dicht hinter den Kindern, stehen und sah die Albanesen vor ihr kaltblütig an. Widerwillig schoben sich die weissen, schwarz benähten, mit Pistolen, Handscharen und Dolchen gespickten Riesenkerle beiseite.

Die französische Erzieherin ging schnurstracks an ihnen vorbei, sie vorsichtig von der Seite anblinzelnd, wie eine Katze an grossen Dorfhunden. Heisse Blicke des Hasses gegen die Christin, noch heissere zu der einzigen unverschleierten Frau im Hause folgten ihr.

Drinnen im Konak flohen die bedienenden Knaben in flatternden weissen Hemden voll Schrecken beim Anblick der kleinen, leichtfüssigen Gouvernante. Wehe, was dieser Frauenmund aus Frankenland dem Müschir selber, dem Marschall Schükri, melden mochte . . .

Die Froidure schritt durch den langen Flur, der die Empfangssäle von dem Harem, den eigentlichen Wohnräumen, schied. Die hohen Absätze ihrer Stiefelchen klappten in raschem Takt. Sie hatte einen wiegenden Gang. Aber in dessen flüchtiger Festigkeit schallte die europäische Energie durch die orientalische Ruhe des Konak.

„Staub und Spinnweb wieder über deiner Pforte, Aga!“ sagte sie streng zu dem Obereunuchen, der beschaulich mit gekreuzten Beinen auf einem Diwan vor dem Eingang zu den Frauengemächern sass. Sie durfte als Gouvernante kein anderes Wort als Französisch sprechen. Aber aus dem weissen Vollbart um das verrunzelte, steinalte Affengesicht des schwarzen afrikanischen Haushofmeisters drüben meckerte zur Not ein zahnloses Kauderwelsch der Levante.

Sie setzte sich kameradschaftlich neben ihn auf die Kissen und schwatzte. Die Zeiten, da der türkische Meergreis das Tor verschlossen hielt, wenn sie ausgehen wollte, oder sie bei ihrem späten Nachhausekommen draussen stehen liess, waren vorbei. Der Eunuch kuschte vor ihr mit einem feigen und väterlichen Grinsen. Das Schälchen Kaffee, das er ihr durch einen Knaben bot, nahm sie allerdings nicht. Sie kannte die langsamen Gifte des Orients. Auch für die Zigaretten dankte sie. Es konnte zuviel Opium in ihnen stecken. Sie raffte, mit dem instinktiven koketten Handgriff der Pariserin, ihren Rock, sprang auf und fuhr mit den Stiefelchen in ein paar mächtige zitronengelbe Lederschlappen. Zwei Negersklaven schlugen stumm die Vorhänge des Harems vor ihr zurück.

Junge Dienerinnen in langen Hosen und bunten, hinter einer grossen Flügelschleife geknoteten Leibschärpen rannten wie die gescheuchten Hühner vor Mademoiselle, dem Schrecken des Konaks. Vor ihr öffnete sich der Wohnsaal der Prinzessin Münireh Sultaneh, der einzigen und rechtmässigen Gattin des Marschalls Schükri. Was da noch in den Hinterräumen des Hauses an „zum Zimmer Gehörigen“ herumwimmelte — diese Georgierin, diese mohammedanische Inselgriechin, diese Nebenweiber und ihre Brut — zählte nicht mit.

Geflochtene arabische Strohmatten deckten den Marmorboden des Saals. Diwane von verschiedener Grösse, je nach dem Rang der Besucher, zogen sich an seinen Wänden hin. In Zedernholzkassetten dunkelte, schwarz vor Alter, die Decke. Durch die Holzgitter der hohen Fenster grünte der Park von Tschiragan und blaute der Bosporus.

In der Ecke stand ein Bechsteinflügel mit geöffneten Tasten. Eine Partitur des „Rheingold“ lag darauf. Richard Wagners Götterwelt war zur Zeit bei den hohen Haremsdamen die grosse Mode.

Zwei von ihnen sassen auf europäischen Sesseln bei der Prinzessin zu Besuch. Die eine, das Grauhaar noch in den vielen kleinen Zöpfchen von einst und, nach der Sitte der Altvorderen, in einen Mantel von weissem, handgesticktem Damast mit langer Schleppe gehüllt, glich in dem Zwielicht einem beleibten Gespenst. Nach neuester Pariser Mode, mit Rüschen, Bändern, Spitzen, flirrte und flimmerte die Jüngere.

Die Prinzessin Münireh selber trug einen einfachen Perkalmantel über einem schlichten weissen europäischen Sommerkleid. Nicht das geringste Schmuckstück. Das überliess die grosse, beinahe weisse Dame ihren farbigen Sklavinnen. Die jungen Nubierinnen aus Assuan, die in Haremstracht, mit bunten Taschentüchern auf den Scheiteln, hin und her huschten, funkelten von kostbaren Perlen und Edelsteinen.

Schükri Paschas einzige Gattin war eine noch junge, blasse, etwas müde Frau. Schmal der dunkle, eiförmige, ganz europäische Kopf auf langem, dünnem Hals, schmal die Nase, schmal die Lippen. Träumerisch die grossen Mandeln der Augen unter den mit Hennaerde glänzend schwarz gefärbten Brauen.

Sie und die jüngere Besucherin warfen ihre Zigaretten weg, deren Würzgeruch mit dem durchdringenden, schwülen Jasmin- und Heliotropparfüm ihrer Kleider und Körper kämpfte. Die ältere Hanum trennte sich von ihrem kostbaren altväterischen Tschibuk aus rubinbeschlagenem Ambra. Man setzte sich mit den Kindern zu Tisch.

Zwischen dem kleinen Volk sass Mademoiselle Claire Froidure. Nur zur Überwachung. Sie selber speiste erst später allein auf ihrem Zimmer. Die vornehmen Türkinnen streiften die weissseidenen Handschuhe von den rotnägligen Fingern der Rechten und griffen in lebhaftem französischen Geplauder mit der Hand in die Schüsseln voll Kaviar, Oliven, rotgepfefferten Marmarafischen, und in die Reispyramide, von deren Tuchumwicklung, in der sie aus der Küche kam, der Obereunuch feierlich den Knoten löste.

Vor allen Frauen wurde der kleine Erbprinz bedient. Während er sich mit der Hand zusammengeballte Pilawkugeln in das Mäulchen stopfte, erzählte Mademoiselle Froidure ihren Zöglingen wie immer halblaut von Paris.

„Ah — welch eine Stadt, meine Kleinen! Dort reiten die Kinder in einem Garten auf Elefanten, wie hier nur der Grossherr innen im Jildis-Kiosk sie sich hält! Herrliche Basare sind angefüllt mit Läden, in denen alles Spielzeug der Welt liegt. Wer kann solche Süssigkeiten herstellen wie die Franzosen, unsere Freunde?“

„Paris . . .“ Die Prinzessin fing versonnen das Wort auf. Sie schaute, ein abgenagtes Hammelrippchen zierlich zwischen den Fingern, in ewig unerfüllter Sehnsucht gen Westen. Die Froidure beugte sich ehrerbietig vor.

„Eure Hoheit werden die Lichtstadt, den Mittelpunkt der Welt, mit eigenen erlauchten Augen sehen“, sagte sie durch die Marseiller Matrosenflüche eines geiergrossen Kakadus in der Ecke, „sobald es der Weisheit Seiner Exzellenz gefällt, die französische Eisenbahnkonzession zu bewilligen!“

Ein gewitterschweres Schweigen Münireh Sultanehs als Antwort.

„Denn dann wird sich Frankreich nicht nehmen lassen, seinen erhabenen Gönner in Paris zu begrüssen, wo er noch von früher her so viele Freunde und Bewunderer besitzt. Eure Hoheit werden die Reise des Herrn Marschalls durch Ihre erlauchte Gegenwart verschönern und Paris sehen und lieben. Denn in Paris tragen die Frauen keinen Schleier. In diesem Tempel des Glückes können sie sich frei bewegen. Sie sind Menschen wie die Männer!“

„Welch ein Paradies!“ rief leidenschaftlich die jüngere der beiden Paschagattinnen. Die dunkeln Gazellenaugen der Prinzessin leuchteten. Sie wiederholte mit leise zitternder Stimme:

„Paris . . .“

„Vive la France!“ schrie aus der Ecke der Kakadu.

Die Froidure hatte um den runden, kleinen französischen Mund ein unterwürfiges, aber rätselhaftes Lächeln — ein Wissen um das Letzte in der Seele der Hanums. Sie war sicher: jetzt traf sie den wunden Punkt aller vornehmen Türkinnen zu beiden Seiten des Goldenen Horns.

„Dort in Paris, Eure Hoheit“, sagte sie, „ist es nicht Brauch, dass der Hausherr abends, seinen Harem verlässt, um in Pera beim Diner eines Botschafters mit Europäerinnen zusammenzusitzen!“

„Ah — es ist eine Schande!“ rief die Jungtürkin.

„Dort in Paris verbirgt kein Mann seine eigene Gattin vor fremden Blicken, wie etwas, dessen man sich schämen muss, und sieht dabei draussen in den Zirkeln der Diplomatie die unverhüllten Gesichter fremder Frauen!“

„Die Christen haben es besser!“

„Wer zählt die Tränen hilfloser Eifersucht, die in den Frauengemächern Stambuls fliessen!“ sprach die kleine Gouvernante. „In Paris steht die Hanum neben dem Pascha, von der Menschheit umkniet. Alle seine Ehren fallen auch auf sie. Der Allmächtige krönt sie mit Glanz und Glück. Es handelt sich nur um dies bisschen Eisenbahnbau durch öde asiatische Steppen.“

Die Prinzessin Münireh schwieg. Uber der Ausdruck ihres blassen, schmalen Gesichts war gefährlich in seiner verhaltenen Leidenschaft. Auch die Froidure verstummte. Für heute schien es ihr genug. Sie wusste: Ehe noch die Sonne drüben über der Säule von San Stefano sank, hatte Schükri Pascha, der Löwe des Balkans, in seinem Hause, unter vier Augen, einen neuen Ansturm auszuhalten, wilder als vor einigen Jahren im Russenkrieg das Urraha der Kosaken.

Die Besucherinnen der Prinzessinnen brachen auf. Sie vermummten sich noch im Harem, ehe der schwarze Obereunuch ihnen die Tür zur Welt öffnete, mit Hilfe der weissen und braunen Sklavinnen in Mäntel von Orange- und Lapislazulifarbe. Die grauhaarige Matrone wickelte zum Schutz gegen Männeraugen das runzelige Antlitz in eine undurchdringliche Stoffhülle. Die hübsche, junge türkische Exzellenz begnügte sich mit einem bisschen hauchdünnen Batist um Mund und Nase. Es gab Schleier und Schleier in Stambul. Dorthin fuhren die beiden grossen Damen in ihren geschlossenen schwarzen Kaleschen zurück. Goldgleissende Haremsneger ritten schreiend weit voraus und galoppierten alles nieder, was nicht rechtzeitig auswich.

Dem Marschall Schükri war gemeldet worden, dass keine Pantoffeln am Eingang, als Zeichen der Anwesenheit fremder Frauen, ihm den Zutritt zu seinem Harem hemmten. An der Schwelle ihres Saals kam ihm seine Gemahlin, die Prinzessin Münireh, in der Haltung ehrerbietiger Unterwürfigkeit, entgegen. Er sagte zu ihr auf französisch:

„Bitte — nehmen Sie Platz, Madame!“

Und sie:

„Nie werde ich mich in Ihrer Gegenwart setzen!“

„Und wenn ich Sie darum bitte . . .“

„. . . dann gehorche ich!“

Nach Austausch dieser hergebrachten Höflichkeitsformen wurde das Gespräch des hohen Ehepaars lebhafter. Es steigerte sich von seiten der Prinzessin zum Sturm.

Im Nebengemach erzählte Claire Froidure, die Gouvernante, wieder dem kleinen Stammhalter und seinen bezopften und behosten schwarzäugigen Schwesterchen von Paris. Von dem weissen weissbärtigen Sultan, Jules Grévy genannt, der Frankreich regierte, von den Kindern dort, die, sobald sie sprechen konnten, für das Wohl der Türken beteten, von diesem tapferen, edelmütigen Volk der Franken.

Dazwischen horchte sie auf die schrille, leidenschaftliche Stimme der Prinzessin Münireh nebenan. Alle blutarme Ergebung in Allah war aus der Kehle der hohen Hanum entschwunden. Ein Blitz und Donner von atemlosem Französisch entlud sich über den scharlachroten Militärfes des Marschalls, und aus dem Wolkenbruch der Worte immer wieder das Wort der Worte: Paris . . .

Und die sorgsam von leitenden Kreisen ausgesuchte Pariser Sendbotin nebenan — nicht die einzige ihrer Art, sondern eine unter einem Dutzend und mehr in den Kinderstuben der Grossen von Konstantinopel — Claire Froidure — die kleine Conciergetochter vom Montmartre, wusste: Ehe Münireh Sultaneh nicht Paris gesehen, hatte der bärtige Sieger im Glauben drüben nicht mehr eine ruhige Stunde in seinem Haus.

Und endlich hörte sie einen bedächtigen, jeder Übereilung orientalisch abholden Bass:

„Bei abnehmendem Mond, in acht Tagen, werde ich diesen Herrn Buddenhaus empfangen! Guten Abend, Madame!“

Als der Marschall gegangen war, trat Fräulein Froidure mit fromm niedergeschlagenen Augen und gefalteten Fingerspitzen vor die Prinzessin.

„Sind mir ein paar Stunden Ausgang gestattet, Hoheit? Ich möchte gern bei den hochwürdigen Franziskanern in der französischen Gesandtschaftskirche in Pera beichten!“

„Gern, mein Kind!“ Die blasse, schmale Marschallin war rosiger Laune.

„Ich danke untertänigst!“

Die Froidure verbeugte sich. Sie hüllte sich eilig in ihrem Zimmer in einen dunklen Schleierhut und Mantel und flatterte wie eine Fledermaus hinaus in die Abenddämmerung Konstantinopels.

8

Vom Landungssteg am Dorfe Ortaköi sprang, nach viertelstündigem Dahingehusche, Claire Froidure leichtfüssig mitten in die nach Knoblauch, Schweiss, Leder und kleinen Kindern dünstende morgenländische Menschheit auf dem Vorderdeck des Uferdampfers. Die Seitenräder der schmutzstarrenden Nussschale schaufelten. Die Gouvernante fuhr an den im Abendrot lohenden, schneeweissen Zauberschlössern aus Tausendundeiner Nacht vorbei, die sich im tiefblauen Wellengezitter des Bosporus spiegelten — an dem Tschiragan-Palast — an Dolmabagtsche.

Am Goldenen Horn stieg sie aus. Wie eine Mücke im Meer versank sie in dem betäubendem Gewühl und Gezeter Galatas. Sie arbeitete sich durch das Gebrüll der Eseltreiber und Zeitungsbengel, die gellen Rufe der Reiter, das Warnungsgestöhne der Lastträger, das Almofengeheul der Derwische, das Gedudel der blinden Geigenzupfer, das langgezogene Geschrei der Strassenhändler, das Gewinsel der Bettler. In dem kotigen Gassenschacht, durch den sie aufwärtsstieg, stank es nach heissem Öl und Hammelfett und abendmüden Fischen aus schwarzen Ladenhöhlen. Aus Lasterhöhlen torkelten betrunkene Matrosen. Verschleierte Frauen schoben rücksichtslos die Männer wie Stücke einer Herde beiseite. Dirnen kreischten aus den Fenstern der zahllosen Hafenspelunken. Von der Reede unten brüllten die Dampfer: Galata! . . . Galata!

Die Froidure machte halt und schlüpfte in eines der hohen, in italienischer Art gebauten Häuser. Sie stieg die von üblen Dünsten erfüllte, stockdunkle Steintreppe empor und stand in einem Stückchen Frankreich — einem Zimmer, wie man es in Avignon oder Bayonne liebte — mit rotbraunen Palisandermöbeln und einer Pendule unter Glassturz auf dem Marmorkamin.

„Du solltest dich einmal rasieren lassen, Dickerchen!“ sagte sie ablegend zu der Landsmännin unter der Öllampe. Die bejahrte Südfranzösin trug zwei schwarze Schnurrbartfliegen an den Mundwinkeln. Sie legte eine Patience und antwortete nicht.

„Was macht die Seidenfabrik da draussen, meine Alte?“ Die Froidure trennte sich nun auch von ihrer weissen Bluse und stand in knappem Korsett.

„Ich habe die Griechinnen und Armenierinnen jetzt links gesetzt!“ Die alte Dame grübelte, die Brille auf der Nase, über dem Pikbuben. „Und die Türkenmädchen rechts. Sie fischen die Kokons langsamer heraus, wegen der Schleier vor der Nase! Ah — man spinnt keine Seide dabei, mein Hühnchen!“

Die kleine, zierliche Froidure lachte nur und liess ihren Rock zu Boden gleiten. Sie wusste: die strenge Matrone im gelben Lampenlicht verdankte diese Pfründe draussen am Marmarameer, diese einträgliche Fabrik voll Mädchen, Maden und Maulbeerblätter, der Gnade Abd ul Hamids als eine der gewiegtesten Spioninnen des Jildis-Kiosk, dem ja auch Claire Froidures Brotherr Schükri Pascha und sein ganzer Konak mit Leib und Seele dienten.

„Man wird dich noch einmal in einem Sack im Bosporus ersäufen, teure Dicke!“ sagte sie kindlich. Sie hatte ihre Stiefelchen aufgeknöpft und trat in weissem Negligé vor den Schrankspiegel und betrachtete sich wohlgefällig, die Hände in den Hüften.

Dann öffnete sie das Spind und kramte hinter der offenen Tür herum. Als sie wieder zum Vorschein kam, stand da ein schmalschultriger, schmächtiger, kaum mittelgrosser junger türkischer Stutzer von modernem Schlag, in der europäischen Tracht eines Stambul-Efendi, in langem, schwarzem, bis zum Kinn zugeknöpftem Rock, langen schwarzen Hosen, Lackstiefeln, einen hohen purpurnen Tarbusch auf dem dunkeln Pariser Kopf. Die Alte betrachtete sie missbilligend.

„Läufst du wieder zu deinem Geliebten?“

„Ja — glaubst du, ich will so beten gehen?“

„Was hat nur dieser Mensch für eine Macht über dich?“

Die Froidure, als Jungtürke, ein Bambusstöckchen in der Hand, sah traurig vor sich hin.

„Ich muss ja wohl!“ sagte sie langsam, in Gedanken. Und dann, erschrocken: „Mein Gott: Ich muss mich eilen!“

Sie lief davon. Die Kartenlegerin liess den Pikbuben fallen. Sie schaute ihr über die Brille nach.

„Und das alles wegen eines Kellners!“ schrie sie empört. „Wegen eines Kellners aus Marseille! Wegen eines Oberkellners im Restaurant Lebon!“

Die Froidure hörte es nicht mehr. Sie war schon draussen in Galatas krummen und steilen Gassengeheimnissen. Sie klomm auf glitschigen Treppenstufen, zwischen schwärzlichen Schlammbächen und strohgelb winselnden Pflasternestern junger wilder Hunde, über Gemüsestrünke, Hühnerfedern, Milchziegenmist, empor zur Höhe Peras, des Frankenviertels.

Der schmächtige Stambul-Efendi schritt, zierlich die Lackschuhspitzen auswärts setzend, mit dem Stöckchen wippend, durch die Grosse Strasse Peras. Hier begann Europa. Hier lagen inmitten von Gärten die Paläste der fremden Diplomaten mit den Gesandtschaftskirchen und den Postämtern der einzelnen Nationen. Selten im Gewimmel der roten Fesse und Strohhüte ein Turban. Alle hundert Schritte nur einmal zwischen den farblosen Röcken und Hosen des Abendlandes die weiss watschelnde Stoffglocke einer verschleierten Frau.

An den paar europäischen Gasthäusern wandelte der kleine bartlose Efendi vorbei — dem „Byzantiner Hof“, dem „Hotel England“. An dem vornehmen Restaurant Lebon. Die „Grosse“ — zum Teil beängstigend enge — Strasse von Pera nahm kein Ende. Zwei hellstrahlende Portale lagen da einander gegenüber — links der Kristallpalast, rechts die „Concordia“.

Die Froidure trat in den Tingeltangel zur Linken. Die roten Tarbusche der Peraer Lebewelt leuchteten hundertfach an den enggedrängten Tischen des grossen, schmierigen Saals. Durch das Stimmengewirr in zehn Sprachen schmetterte und fiedelte eine böhmische Damenkapelle in ungarisch-mährischer Phantasietracht. Eine nicht mehr junge Person mit feurigen Augen in dem weissgepuderten, fanierten Gesicht schwang schmissig, mit der Verve so mancher Jahre, den Taktstock durch den bläulichen Rauch.

Der schmalschultrige Stambul-Efendi drängte sich ortskundig zwischen den Stühlen durch den Saal, nickte an dessen Rückwand ein paar dort vor einer Tür Posten stehenden Galgenvögeln vertraulich zu und stieg eine Treppe zu den Kellerräumen hinab. Hier umhockte und umstand, drei Mann tief, die Levante die wackligen Holztische, auf denen die Harken zwischen schwärzlichen Fingernägeln die weissen Medschidjes, die türkischen Pfundstücke, die goldenen Fransiz und Ingliz Liras Frankreichs und Englands von abgegriffenen Kartenblättern rafften oder zu ihnen hinschoben.

Die kleine Gouvernante in Hosen begrüsste an dem Tisch der grossen Spieler mit einem flüchtigen Handwink den Bankhalter, den wollköpfigen Griechen Diamandis, einen der tüchtigsten Spitzel Hafis Paschas, des Generaldirektors der Polizei. Sie sah suchend durch die Reihen von Charakterköpfen rechts und links von ihm. Sie kannte viele von ihnen: Jon Stonescu, in fleckigem weissen Sommeranzug, den Fes nachlässig im Genick, als Taschendieb immer flott bei Kasse; Kumani, den schnurrbärtigen, breitschultrigen Stiefelputzer und russischen Geheimagenten; Sidi Omar alla Franca, den kokett nach europäischer Mode gekleideten syrischen Falschspieler.

Jossip Ferencz Prucha stand da, der österreichische Fremdenführer, im heimlichen Sold des Jildis-Kiosk, blond, rundlich, vertrauenetweckend, mit einem Franz-Joseph-Backenbart. Und Dr. Vasile Profirisco, mit blossen behaarten Beinen aus zerrissenen Segeltuchstiefeln unter einem ganz kurzen, hellgelben, englischen Turfpaletot, der haschichsüchtige, heruntergekommene Hautarzt von Galata.

Und zwischen beiden der einzige wirkliche Kavalier in diesem Kehricht der Levante — gross — schlank — in elegantem Frackanzug und tadelloser weisser Hemdbrust und Binde, ein gepflegter Schnurrbart in dem distinguierten Klubgesicht. Der weibliche Stambul-Efendi trat zu Alphonse Brigolaud, dem Oberkellner in dem Luxusrestaurant Lebon nebenan in der Grande Rue, und reichte ihm hastig die Hand.

„Da bin ich“

„Und was bringst du?“ Er zog sie beiseite. Niemand kümmerte sich um sie. Alles starrte, Betrug witternd, dem Croupier Diamandis auf die zweifelhaften Finger.

„Du hast mir doch eingeschärft“, sie stotterte angstvoll, „ keine Zeit zu verlieren . . .“

„Schnell! Schnell! Ich habe auch keine Zeit! Ich bin nur auf einen Sprung vom Service bei Lebon herüber!“

„. . . sondern dir gleich zu melden, wenn ich etwas über die Eisenbahnkonzession erfahre! Was dich das interessiert, weiss ich ja auch nicht!“

„Ist auch ganz gleich!“ Ungeduldig, herrisch seine Stimme. Willenlos drüben das schmale, bräunliche Pariser Gesichtchen mit den klugen dunklen Augen unter dem roten Fes.

„Also der Marschall wird diesen Russen oder Deutschrussen — ah! — diese barbarischen Namen zerbrechen mir die Zunge . . .“

„Budden’aus!“

„Ja.“

„Paul Budden’aus!“

„Die Türken brauchen ja zu allem eine Woche Zeit. Aber in einer Woche — das ist beschlossen — wird ihn Schükri Pascha empfangen. Die Chancen des französisch-russischen Syndikats steigen gewaltig, mein Freund!“

„Äh!“

„Es handelt sich ja um unsere Landsleute, die Franzosen! Aber ich weiss doch nicht, ob es recht ist, dass ich dir alle Geheimnisse des Konak Schükri verrate. Dafür hat man mich nicht aus Paris dorthin geschickt!“

„Du tust, was ich dir befehle! Verstanden?“ Der Oberkellner zündete sich eine Zigarette an.

„Denn ich weiss ja nicht, was du damit anfängst . . .“

„Nur, was uns beiden nutzt! Spiele nicht die Grille, meine Kleine, sondern die Ameise! Sammle in diesem verfluchten Lande mit Nägeln und Zähnen Geld wie ich!“

„Das tu’ ich! Man schreibt mir Geld in Fülle beim Crédit Lyonnais gut — dafür, dass ich hier zwischen diesen Paschas und Eunuchen und Odalisken für Frankreich leide!“

„. . . und denke immer an dieses verführerische kleine Hotel ,Zum Seefahrer Sindbad’ im Hafen von Marseille! Nur mit unseren Ersparnissen können wir uns heiraten und es kaufen!“

„Es ist der Traum meiner Tage und Nächte . . . Du als Patron — ich an der Kasse — die beiden Kinder, die wir haben werden, helfen bald unten im Kaffeehaus mit . . .“ Der schmächtige Stambul-Efendi atmete schwer, aber hoffnungsvoll.

„Ich dank’ dir! Nun geh, meine kleine Ratte!“

Am Kartentisch gab es über einer mit einem Nadelstich punktierten Treffsieben ein wildes Stühlegetaumel, Händegefuchtel, Zungengezeter. Der Taschendieb und der Falschspieler beschuldigten sich gegenseitig des Betruges. Der Stiefelputzer deutete auf den Bankhalter. Der Hautarzt und der Fremdenführer hielten sich keuchend die Fäuste vor die Nasen. Plötzlich schlüpften überall handliche kleine Trommelrevolver aus den Taschen. Auf der Schwelle zeigte sich, muskelstrotzend, stiernackig, riesig wie ein Ofen, Sliman, der türkische Preisringer und Hüter der Hausordnung. Sein schweigsames Erscheinen beruhigte die Gemüter. Man spielte stumm mit neuen Karten weiter, als sei nichts geschehen.

Die Froidure war weg. Alphonse Brigolaud, der Oberkellner, warf einen verächtlichen Abschiedsblick auf die Levante und stieg eilig die Treppe zum Varieté empor.

9

In dem heissen, von Rauch bläulichen, von Fessen rotschimmernden Tingeltangel beendete eben das böhmische Damenorchester schmetternd den Fatinitzamarsch. Die Kapellmeisterin stand feurig, schwarzäugig, vor ihrer Schar, in einem Kopftuch aus bunten Glasperlen, weissleinene Puffärmel an der farbigen Jacke, mit einer geblümten Schürze und hohen roten Saffianstiefeln.

Sie senkte den Taktstock wie einen Degen zum Dank gegen das südliche Geprassel der Handflächen. Nur ein pariserisch elegant in Taubengrau gekleideter, schmächtiger Grieche lass teilnahmlos allein an einem Tischchen. Seine regelmässigen, von einem kleinen schwarzen Schnurrbart beschatteten Züge waren ohne Ausdruck. Seine dunklen Augen leer, tief in sich glühend.

Mit dem Riefendiamanten in seinem mattgoldenen Seidenschlips hätte man den ganzen Kristallpalast kaufen können. Scheue Blicke geldgieriger Andacht fielen rings auf ihn. Jedes Kind in Pera kannte den Sohn des Stiefelputzers von Saloniki, den Schrecken aller ehrbaren Kaufleute der Levante, den grössten aller Abenteurer zwischen Alexandria und Odessa — jedes Kind kannte Lamba, den reichsten der Griechen — Palamidi Lamba, dem der weisse Palast draussen am Bosporus, gegenüber dem Dorf Ortaköi, und in dem Palast die dunkeläugige Charis, die schönste der Levantinerinnen, gehörte.

Alphonse Brigolaud, obwohl im Frack einem Diplomaten des vornehmen Cercle d’Orient nebenan ähnlich, stand ehrerbietig vor dem gefürchteten Millionär, so, als sei er, der Oberkellner, nur rasch, in blossem Kopf, aus dem Restaurant Lebon herübergekommen, um die Befehle der Eccellenza für ein späteres Souper dort entgegenzunehmen. Er sagte leise, mit dem Lächeln des Vertrauten:

„Kein Augen heute für Mademoiselle Mucki?“

Die Slavacek, die Kapellmeisterin, war als die „Mucki“ seit fünfzehn Jahren mit ihrer Damenkapelle in den Häfen des östlichen Mittelmeeres bekannt wie ein bunter Hund. Wenn sie nach Konstantinopel kam, war sie die Freundin Lambas. Das stand ein für allemal fest. Aber der Levantiner murmelte mit einem widerwilligen Zucken der Unterlippe:

„Wann wird man diese alte Ziege schlachten?“

Und dann leidend, in sich verbissen, mehr zu sich als zu dem Oberkellner vor ihm:

„Es ist nur eine Gewohnheit, dass ich hier sitze! Ich habe heute im Meer ein Mädchen gesehen — ein Mädchen wie die Sonne — das Haar golden wie die Sonne — tief — tiefblau wie das Meer die Augen . . .“

Der vornehme Frackträger wechselte diskret das Gespräch. Er versetzte absichtlich laut:

„Hühnerbrust in Milch . . . Sehr wohl!“ und flüsternd, während er anscheinend notierte: „Nachricht aus dem Konak Schükri: der Marschall empfängt in acht Tagen Herrn Buddenhaus. Das Paris-Petersburger Syndikat ist auf dem Marsch zur Macht!“

„Zum Nachtisch Maiskörner mit Maulbeersaft!“ Lamba, der griechische Übermillionär, stand hastig auf. Ohne einen weiteren Blick nach seinem Agenten, dem Oberkellner, und der Kapellmeisterin, verliess er das Café chantant. Er eilte weiter die Grande Rue hinauf und betrat nach zwei Minuten, auf der linken Strassenseite wie der Kristallpalast, die prunkvollen Räume des Cercle d’Orient.

Er sah in dem feudalen Konstantinopeler Diplomatenklub um sich die gesellschaftliche Creme aller Nationen Europas, er fühlte an jeder Bewegung der vornehmen Franken, die da sassen, lasen, assen, konversierten, die Jahrhunderte alte Selbstverständlichkeit abendländischer Gesellschaftskultur. Er ahnte die exklusive Unauffälligkeit der Kleidung — keine traubenbeerengrossen Diamanten — keine farbentrunkenen Schlipse — keine schwarzen Fussspiegel von Lackstiefeln.

Auf ihn, den Levantiner, der von den Galgenphysiognomien des Kristallpalastes kam, machte das keinen Eindruck. Europa sagte ihm nichts. Für ihn war Pera das Paradies und das Ägäische Meer die Welt. Er hätte gar keine Sehnsucht gehabt, sich zwischen diesen Honourables und Marquis und Durchlauchten des ihm ewig fremden Okzidents zu langweilen. Aber selbstverständlich war ein Mittelmeermischling seines Rufes trotz aller seiner Millionen nicht Mitglied des Cercle d’Orient, sondern nur für diesen Abend zu einer Besprechung hierhergeladen, und der, der ihn bestellt hatte, noch nicht anwesend.

Lamba durchschritt die Säle. Er kannte niemanden, und niemand nahm von ihm Notiz, obgleich manche wussten, wer er war, oder weil sie es wussten. Er setzte sich dahin, wo er als halber Grieche allein Anschluss finden musste — zum Dritten Sekretär der griechischen Gesandtschaft. Der distinguierte Hellene war nicht gerade erbaut. Er wollte wenigstens, als Diplomat, das unterirdische Wissen dieses gefährlichen Menschen nutzen. Er frug beiläufig, wie um überhaupt etwas zu sagen:

„Haben Sie in letzter Zeit zufällig etwas von dem türkischen Thronanwärter, diesem nach Griechenland geflüchteten Prinzen, gehört?“

„Er soll bei euch aus Korfu verschwunden sein!“ sagte Lamba gequält.

„. . . und sich irgendwo drüben in Stambul verborgen halten. Man ist mehr als nervös im Jildis-Kiosk!“

Der Levantiner antwortete nicht. Er starrte fiebrig unruhig vor sich auf den kostbaren Joraghanteppich.

„Und dieser gestürzte Hofintendant des Sultans, Fuad Pascha . . .?“ fuhr der Gesandtschaftssekretär fort und unterdrückte ein scheinbares Gähnen der Teilnahmlosigkeit.

„. . . ist aus Damaskus geflohen!“

„Sie hörten es auch? Was bedeutet das alles?“

Wieder schwieg Lamba und atmete nur schwer. In der Stille hörte man eine gedämpfte, eindringliche Männerstimme aus der Diwanecke drüben. Dort sassen bräunliche Grosse des Morgenlandes, in Kleidern von Pariser Schnitt, den roten Fes der Sunniten oder die schwarze schiitische Lammfellmütze auf den schweigend horchenden Häuptern. Der Levantiner kannte ein paar der Hoheiten von Ansehen.

„Prinz Tussan Pascha von Ägypten, Prinz Safar es Saltaneh, der Perser“, sagte er. Und nach einer Weile, misstrauisch:

„Wer ist dieser junge schnurrbärtige Europäer, der so schnell und lebhaft auf sie einspricht? Mein Gott: er kann ja Türkisch! Er kann geläufig Persisch! Sehen Sie nur dieses überzeugende, suggestive Lächeln! Diese kaltblütigen Augen! Er zähmt diese Orientalen mit seinem Blick wie der Gaukler die Schlangen!“

„Es ist ein Russe — oder vielmehr ein Deutschrusse!“ sagte der griechische Diplomat. „Er landete erst heute nachmittag!“ Ein kollegialer Handwink. „Guten Abend, mein Fürst!“

Fürst Tschawadse, zugeteilt der russischen Botschaft, ging vorbei. Schon mit neun Jahren aus seiner kaukasischen Heimat als Geisel nach Petersburg gebracht, dort im Pagenkorps erzogen, zur orthodoxen Kirche übergetreten, Stabsrittmeister bei den Gardegrenadieren zu Pferde des Zaren, war er, der geborene Asiate, Russe durch und durch. Er begrüsste die andern morgenländischen Prinzen und schüttelte dem energischen jungen Europäer in ihrer Mitte die Hand.

„Willkommen, Gospodin Buddenhaus!“ sagte er auf russisch, und lachend auf französisch zu den halb verpariserten Grossen: „Hütet euch, vor ihm! Er ist ein Spitzbube! Gott löste ihm, wie einem Papagei, die Zunge. Wo er spricht, bleibt kein Ohr taub! Er kriecht hinein! Er kriecht in die Seelen!

Ich sehe es euch an: Gospodin Buddenhaus hat euch schon für seine Pläne gewonnen!“ Der Petersburger Kaukasier setzte sich. „Er hat euch überzeugt, dass der Eisenbahnbau der Russischen Studiengesellschaft Glück und Wohlstand durch ganz Vorderasien bringt! Schon seine Worte füllen eure Taschen mit Gold! Nun — möge sich Gott erbarmen und ihn zur Höhe heben!“

Lamba, der Levantiner, hatte von den fernen Sätzen nur das Wort „Buddenhaus“ verstanden. Er starrte erschrocken hinüber auf die frisch gelaunten, zugleich liebenswürdigen und unheimlich energischen Züge des jungen Mannes, in dessen verbindlichen Handbewegungen beim Sprechen noch eine mitreissende Kraft lag.

„Das ist doch nicht . . .“

„Das ist Herr Buddenhaus!“ bestätigte der griechische Botschaftssekretär neben ihm. „Der Vertrauensmann des russisch-französischen Bahnsyndikats!“

Der junge Diplomat atmete auf. Sein unerwünschter Nachbar, der mit allen Makeln des Mittelmeers behaftete Levantiner, hatte sich plötzlich formlos, fast ohne ein Kopfnicken des Abschieds, erhoben und lief mit der Aufdringlichkeit des Emporkömmlings nach der Tür.

„Wo bleiben Sie, Eccellenza? Ich warte schon lange!“

Exzellenz Rhodokanaki, Senator des Osmanischen Reiches, der bedächtig eintrat, war ein milder kleiner Greis mit einem weissen Vollbart um ein braunes Gesicht, aus dem hinter einer goldenen Brille zwei kluge Augen schauten. Er erwiderte vorsichtig und bedächtig die stummen Verbeugungen umher. Er war ein Mann von höchstem Ansehen — der Nachkomme eines jener altgriechischen Fanariotengeschlechter in ihren Palästen am Goldenen Horn, die in früheren Zeiten in Fürstenrang als Statthalter des Sultans die Moldau und die Walachei regierten.

Er setzte sich mit Lamba, dem Mann von gestern, abseits. Der Levantiner sprudelte leise, aber leidenschaftlich los:

„Exzellenz! Es muss etwas geschehen! Sonst geht für uns Griechen und Armenier jede Hoffnung auf eine Eisenbahnkonzession in Vorderasien verloren!“

„Warum die Eile? Wir sind im Orient!“

„Weil das Petersburg-Pariser Syndikat sich eilt! Soeben erhielt ich durch den zuverlässigsten Geheimagenten, den ich in Pera habe — sein Name tut nichts zur Sache — die Nachricht, dass der Marschall Schükri in Kürze Herrn Buddenhaus in Audienz empfängt!“

„Das ändert die Lage!“

„Dort drüben, zwischen den entnervten, opiumrauchenden Haremkönigen, sitzt Russlands starker Mann! Ah — die Russen wussten, was sie taten: sie spannten sich einen Deutschen vor!“

„Man möchte diesem Mann viel zutrauen!“ sagte der menschenkundige alte osmanische Senator mit einem langen Blick auf Paul Buddenhaus.

„Sie versprachen uns Ihre Hilfe und die der andern Christen im Senat, Exzellenz! Für eine Bahn in Asien!“

„Lassen Sie mir Zeit!“

„Wir christliche Untertanen des Sultans verlangen das Vorrecht vor den Ausländern!“

„Gebt nur den Inländern ein besseres Beispiel, ihr Levantiner!“

„Die von Abd ul Hamid ausgeschalteten Paschas des Grosswesirats, die zum Nichtstun verurteilten Efendis der Hohen Pforte sollen uns die Bahnkonzession erteilen und der Palastkamarilla und dem Grossherrn ihre ehemalige Macht zeigen!“

„Die Stunde für die Obereunuchen und Henker und Pagen und Zwerge im Jildis-Kiosk wird einmal schlagen!“

„Aber wie! Mit Gewalt und Mord!“ Der Levantiner krümmte sich, halb in Todesangst, halb in blinder Gier nach dem asiatischen Riesengewinn. „Blut wird durch die Gassen fliessen. Die Häuser von Stambul werden rauchen . . . Furchtbares steht bevor, wenn ihr nicht uns, euren Glaubensgenossen, den friedlichen Weg nach Asien bahnt . . .“

„. . . soweit unter der Herrschaft Abd ul Hamids ein Mensch — sei er Christ oder Moslem oder Jude — noch etwas vermag . . .“ Der Greis erhob sich. Er sprach ganz leise. „Seit Jahrhunderten residiert mein Haus in Stambul. Seit siebzig Jahren kenne ich Stambul. Ich ahne, was ihr jetzt in Stambul plant! Aber — Lob sei der heiligen Dreifaltigkeit — ihr seid Levantiner! Ihr seid Armenier! Ihr seid zu feige!“

Der Fanariote verabschiedete sich von Lamba.

„Um Unheil zu verhüten, will ich meinen ganzen Einfluss für euch aufbieten! Geben Sie mir acht Tage Zeit! Dann werden wir wissen, was Gott oder Allah oder Jehova über Stambul bestimmt!“

10

Ein Gewirr schmieriger, vielfach kaum mannsbreiter Hohlgassen trennte damals, in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts, nachtstill, stinkend und stockdunkel, die beiden elegantesten Teile Peras, die obere Hälfte der Grande Rue und die Gegend um den Munizipalgarten, wo das Stadtpalais des Levantiners Lamba stand.

Für ihn, den Sohn des Mittelmeers und seiner heissen Sonne, gab es sonst eine Fortbewegung nur im Sattel, Wagen oder Kaik. Aber jetzt ging er, von der Angst um die Eisenbahnkonzession gehetzt, in das Bild der Schwimmerin über den Bosporus verglüht, zu Fuss durch das finstere Strassenviertel zwischen der Derwischgasse und der Rue Venedik.

Er stolperte über ein paar knurrende wilde Hunde. Ihre Augen funkelten grün vor Hunger aus dem strohgelben Pelz. Er stiess an etwas Rauhhaariges, Grosses, Lebendiges und fühlte drüber an den Ohren: da stand im Weg ein schlafender, verlaufener Esel. Kein Treiber dabei. Kein Mensch weit und breit. Doch jetzt hörte, durch Konstantinopels nie endendes, mächtiges, vieltausendfaches Hundegebell fern und nah, der einsame Millionär deutlich hinter sich das wiegende Klatschen blosser Sohlen. Er umkrampfte den Revolvergriff in der Hosentasche und schon sich zitternd rücklings weiter, die Augen auf den unheimlichen Schatten gerichtet.

„Komme mir nicht nahe oder ich schiesse!“ Dreifach der Sicherheit halber — auf türkisch, griechisch und armenisch — die Drohung aus erstickter Kehle.

Die Gestalt drüben antwortete nicht. Sie behielt ihren Abstand bei. Lamba atmete auf. Er stand an der Ecke seines eigenen vornehmen Villenviertels geborgen unter dem trübgelben Mond der ersten Öllaterne. Aus dem Kellerschwarz der engen Gasse, bis an die Grenze des Zwielichts, schlich ein Derwisch. Keiner der landläufigen Heuler und Tänzer in kaffeebrauner Kutte und Kegelmütze. Das war einer der „Gesetzlosen“, der wilden heiligen Landstreicher aus Kleinasien und Persien, die sich in zusammengenähte bunte Fetzen aus dem Strassenstaub kleideten und beim Betteln drohend den schuhlangen stählernen Stab mit dem gehörnten Satanskopf schwangen.

„Schiessen Sie nicht auf mich, Monsieur Lamba!“ Es kam leise auf französisch aus dem verwilderten Bart.

„Mein Gott . . . Exzellenz . . .“

„Sie entgehen mir nicht!“

„Wie sollte ich erkennen, dass Sie es sind? Ich sah Sie heute mittag bei mir draussen am Bosporus als persischen Teppichhändler . . .“

„Ich wechsle täglich mehrmals meine Verkleidungen! Abd ul Hamid hat tausend Augen!“

Fuad Pascha, der nach Damaskus verbannte Hofintendant des Sultans, trat etwas näher. Ein Aasgeruch der farbigen Kleiderlappen entströmte seinem Körper. Fanatisch sein Blick:

„Sie versprachen, mir heute abend Nachricht zu geben! Sie sind ein Levantiner. Also brachen Sie Ihr Wort!“

Lamba schwieg.

„Aber wir halten Sie beim Wort, Monsieur Lamba!“

Den Levantiner erfasste die Wut der Angst. Er beugte sich vor:

„Wann gelobte ich euch, den Grossherrn erdrosseln zu helfen — he?“

„Sie gaben mir Hoffnung auf Hilfe!“

„Mit Abscheu wandte ich mich ab! Bei der heiligen Dreifaltigkeit!“

Eine Schulterbewegung der Verachtung drüben.

„So verzichten Sie auf die Eisenbahnkonzession, Monsieur Lamba?“

„Ich werde die Konzession erhalten! Aber nicht durch euch!“

„Nur durch uns! Jeder Eseljunge weiss, dass Rhodokanaki und der ganze Senat gegen Abd ul Hamid machtlos sind! Es gilt, Abd ul Hamid die Pulsadern aufzuschneiden, wie er es mit seinem Onkel tat!“

Und ganz leise, dringend:

„Gebt uns das Gold, das wir zur Bestechung des Jildis-Kiosk brauchen! Während wir ihn überrumpeln, besetzt ihr mit eurem armenischen Geheimbund ,Gregor der Erleuchter‘ die Ottomanische Bank und holt euch dort das Geld wieder und die Eisenbahnkonzession dazu!“

„Sei Allah befohlen!“ Lamba stöhnte in seiner Verzweiflung auf türkisch den Abschiedsgruss. Er hastete aus der Nähe des Teufels-Derwischs. Der wagte nicht, ihm in das Zwielicht der Öllaterne zu folgen, und verschwamm als ein Nachtschatten im Dunkel der Ecke.

Der Levantiner betrat, immer noch mit Herzklopfen, sein Stadtpalais, dessen übermoderner Prunk den Allerweltsluxus eines beliebigen Rivierahotels missverstand.

Er lehnte einsam an einem der vielen hohen Saalfenster. Über die ferne, kahle Kammhöhe des Pfeilplatzes und seiner Schiessstände ging der Mond auf und wanderte weiter am Himmel. Er übergoss mit seinem taghellen, bläulichen Licht das Silbergeschuppe des Goldenen Horns und des Bosporus. Er beschien dort am Bosporus einen weissen Palast inmitten eines Gartens Eden. Wagenrollen näherte sich dem Portal. Die schöne Madame Lamba, die Königin der Levantinerinnen, kehrte von dem Stelldichein mit ihrem Liebhaber von heute zurück und schlüpfte in das Haus, ohne nach ihrem abwesenden Gatten zu fragen.

Und auf der andern Seite des Bosporus, in ihrem Haremsstübchen im alttürkischen Konak des Marschalls Schükri, sass Claire Froidure, die kleine französische Gouvernante, und rechnete, wann ihre Geheimgelder für sie und den Oberkellner Brigolaud zum Ankauf des Hafenhotels in Marseille reichen würden.

Und in dem Armenierdorf nicht weit davon überblaute der Mond das hölzerne Häuschen des armenischen Gemüsegärtners, und im oberen Stockwerk lag ein blonder Kopf friedlich auf den Kissen, und Imme Reyck, die Durchschwimmerin des Bosporus, schlief den Schlaf der Gerechten.

Und drüben in Pera, vor dem Cercle d’Orient, schwang sich nach Mitternacht Paul Buddenhaus, der deutsche Russe, auf ein gesatteltes Mietpferd, wie sie an jeder Strassenecke bereit standen, und galoppierte heim nach seinem Gasthaus Thotfalussy neben der russischen Botschaft, so frisch wie heute morgen noch auf der Höhe des Schwarzen Meeres, keine Schatten der Ermüdung in den stählernen blaugrauen Augen.

Und über einen einsamen, vergitterten, rings von Bewaffneten umschrittenen Palast hinter hohen Mauern schien der Vollmond. Die Fenster des Jildis-Kiosk erhellten und verdunkelten sich in rätselhaftem Spiel. Abd ul Hamid, der Grossherr, wechselte heute nacht schon zum drittenmal aus Furcht vor Verrat das Schlafgemach. Pagen leuchteten ihm. Odalisken liefen nebenher. Die Säbel der schwarzen Eunuchen klirrten. Draussen kreischten warnend wie Käuzchen die Papageien im Laub der Platanen.

Bis zum Marmarameer erleuchtete mild der Mond das Land. Von nah und fern bellten unzählige Hunde. Still standen die Sterne über Stambul.

11

„Es beunruhigt Sie, Fürst Tschawadse, dass der Marschall Schükri mich bisher noch nicht empfangen hat?“ sagte in seinem Zimmer im Gasthof Thotfalussy an der Grande Rue Paul Buddenhaus, der Deutschrusse, zu dem Zweiten Militärattaché der russischen Botschaft nebenan. „Ich beneide Sie, Knjäs! Ich beneide alle Menschen, die sich aufregen können! Mir versagte Gott diese Gabe!“

„Die Wartezeit von acht Tagen ist schon seit vorgestern um!“

„Nun — wie denn? Wir hatten doch die ganze Woche Mittelmeerbrise!“ Stählern, wie bei einem Tierbändiger, das Lächeln der blaugrauen Augen über die Stösse von Briefen und Depeschen auf dem Frühstückstisch. Ein belustigtes, rätselhaftes Zucken um die Mundwinkel unter dem blonden Schnurrbart. „Seit heute morgen weht Nordwind. Er bringt mir immer Glück!“

„Man weiss nie, woran man mit Ihnen ist!“ Der Stabsrittmeister bei den Petersburger Gardegrenadieren zu Pferd, Kaukasier von Geburt und Wahlrusse seit früher Jugend, drehte sich ärgerlich eine Papyros. „Sie spielen mit den Menschen!“

„Ich liebe sie! Ich kann sie alle für meine Zwecke brauchen! Alle!“

„Aber ich warne Sie — ein Georgier, ein Fremdstämmiger in Russland gleich Ihnen, dem Sohn eines Deutschen!“ Gedämpft durch das morgendliche Geschrei auf der sonnenhellen Strasse draussen die Stimme des Orientalen von der Newa. „Wir Neulinge im Zarenreich brauchen den Erfolg! Fehlt er Ihnen, so lassen diese Vollrussen der Asiatischen Studiengesellschaft Sie schonungslos fallen!“

„Lasst mal eine Lerche fallen!“ Ein herzliches Lachen auf dem verwegenen, beweglichen, sonnengebräunten Antlitz drüben. „Dieser Vogel Gottes steigt doch ins Blaue!“

„Gewiss! Sie sind ein Deutscher, Gospodin Buddenhaus! Sie haben die deutsche Tatkraft . . .“

„. . . und wegen meines deutschen Blutes hat man mich beim Marschall Schükri, der die Russen nicht liebt, als Sturmbock ausgewählt!“

In seinem alttürkischen Konak am Bosporus hob zu gleicher Zeit Exzellenz Schükri Pascha, Sieger im Glauben, Marschall des Reichs, düster die Rechte zur Unterschrift unter einen vor ihm liegenden französischen Brief, und legte die Feder ohne seinen Namenszug wieder hin und ging langsam, unentschlossen aus seinem Arbeitskabinett durch den langen Gang hinüber in den Harem.

In dem Kinderzimmer, das er betrat, sass Claire Froidure, die französische Gouvernante, schmächtig und zierlich, zwei kluge braune Augen in dem tief brünetten Pariser Köpfchen, zusammen mit dem kleinen zwölfjährigen Mehemet Bei, dem Stolz und Stammhalter des Hauses. Über die ernsten, bärtigen Züge des Paschas leuchtete die Sonne jedes Orientalen beim Anblick seines Sohnes. Er nahm das blasse Kerlchen in rotem Tarbusch und goldgestickter Jacke zärtlich auf die Arme und frug die ehrerbietig aufgestandene Erzieherin:

„Was lehren Sie den Prinzen?“

„Ich erzähle Seiner Hoheit eben von den Heldentaten der verbündeten Türken und Franzosen im Krimkrieg vor Sebastopol!“ Bescheiden die Stimme der kleinen Portierstochter vom Pariser Montmartre. Und plötzlich strahlenden Blicks, begeistert, weiter zu dem Knäblein Mehemet gewandt: „Der junge türkische Unterleutnant — noch ein halbes Kind — der allen voraus beim Sturm, die grüne Fahne des Propheten in der Hand, im Kartätschenhagel die Weissen Werke und den Grünen Hügel erstieg — dem die Franzosen zujauchzten — dem der französische General Bosquet eigenhändig den Orden der Ehrenlegion an die Brust heftete — seien Sie stolz, mein Prinz — er hält Sie auf seinen Armen! Es ist Ihr hoher Herr Vater, der Freund der Franzosen!“

Der Marschall setzte vorsichtig das Kind auf den Boden. Er ging aus dem Zimmer und unterschrieb drüben in seinem Arbeitskabinett mit fester Hand den Brief und reichte ihn seinem Neffen und Adjutanten, dem blauröckigen Major Hünif vom Reiterregiment Ertogrul.

„Besorge diese wichtige Botschaft selbst und auf der Stelle!“

Und Paul Buddenhaus, der Deutschrusse, sagte inzwischen im Hotel Thotfalussy durch dicke Zigarettenwolken zu den vor ihm sitzenden Mitgliedern der Neuen Asiatischen Studiengesellschaft, dem schwarzschnurrbärtigen, fanatischen Moskauer Professor und Panslawisten, dem kleinen, hageren Ingenieur von der Topographischen Abteilung des Petersburger Generalstabs, dem bleichen, dicken Odessaer Ehrenbürger vom Kommerzialgericht:

„Wackele ich schon bei euch, weil ein Türke sich Zeit lässt? Nun — dann mit Gott! Lasst mich wieder bei den Donkosaken Bier brauen oder bei den Sarten in Bochara Baumwollkuchen pressen! Sorgt euch nicht um mich! Ich finde mein Brot überall!“

„Nicht doch, Gospodin Buddenhaus!“ Unzuverlässig die rein slawischen Gesichter gegenüber dem Deutschen. Der schlug gelassen ein Bein über das andere und rauchte.

„Aber wie wollt ihr ohne mich mit Asien fertig werden? Mit meinen Freunden hier aus dem dicksten Kurdistan?“ Ein wohlwollender Blick in die Zimmerecke. „Diese Könige aus dem Morgenland sind selbst für Konstantinopel eine Sehenswürdigkeit!“

Mit gekreuzten Beinen sass da ein wildblickender Tatarenkhan in grünem Turban und langem grünem Kaftan auf Kissen am Boden. Sein Hängeschnurrbart war mit Hennapulver feuerrot, seine Fingerspitzen himmelblau gefärbt.

„Jede unverschleierte Frau, die ihm hier gefällt, will er einfach kaufen!“ sagte Paul Buddenhaus auf russisch. „Seine Reiter treiben in Stambul die Hammel vom Markt weg und schlachten auf freiem Pflaster vor den Augen der Polizei! Er lebt mit seinem Stamme von Strassenraub und hofft, dass sich das Geschäft durch die Eisenbahn noch hebt! Da lobe ich mir hier diesen biederen Kurdenbei!“ Er wies auf einen am Boden kauernden kleinen wirrmähnigen, schlitzäugigen Kerl in langem weissen Mantel. „Er ernährte sich die ganze Zeit in Innerasien redlich, indem er abgeschnittene Armenierohren an die türkischen Verwaltungsbehörden ablieferte. Aber jetzt verlangten sie die ganzen Köpfe, und da stellte sich heraus: es waren nicht bloss Armenier!“

Und plötzlich, immer auf russisch, das die beiden Halbwilden nicht verstanden, mit einem unheimlichen Aufleuchten der Augen zu der Asiatischen Studiengesellschaft:

„Werdet ihr diese Bestien zähmen oder ich? Vor mir zittern sie!“

Ein betretenes Schweigen drüben. Durch die Türe, lang, hager, nervös, mit dem schwarzhaarigen Intellektuellengesicht eines französischen Volksschullehrers, der Herausgeber des „Journal de Péra“.

„Noch keine Entscheidung, Monsieur Budden’aus? Wir erhalten telegraphische Anfragen aus Paris!“

„Auch aus Petersburg kam eine Depesche des Grossfürsten!“ sagte in tiefem Bass einer der Russen.

„Was werden Sie tun, Gospodin Buddengaus?“

„Mit unten die Stiefel wichsen lassen!“ sagte der junge Mann. Er stieg die Treppe des minderwertigen Gasthofs hinab, zwischen allerhand Gestalten, die da anscheinend zwecklos standen und sassen, an dem dicken, rotnasigen Herbergswirt Thotfalussy und seiner ungarischen Weinstube vorbei.

Vor dem Hoteleingang harrten die Stiefelputzer ihrer morgendlichen Kunden. Paul Buddenhaus stellte den rechten Fuss auf ein Trittbrett und frug gedämpft:

„Etwas Neues?“

Und noch leiser von unten, aus den Tiegeln und Bürsten, die Stimme Kumanis, des russischen Geheimagenten:

„Nehmen sich Euer Herrlichkeit in acht! Seit Sonnenaufgang wimmelt es schon wieder um das Hotel von Spionen!“

„Nun — lasse diese Flöhe!“

„Dieser behäbige Mann mit den Backenbartstreifen an dem Kaffeehaustisch drüben ist der Fremdenführer Prucha. Lassen sich Euer Gnaden nur nicht von ihm führen! Der schwarze Krauskopf, der da in dem Barbierladen schwatzt, ist der Spielbankhalter Diamandis vom Kristallpalast. Eben geht da der Hautarzt Profiresco — der Mensch im fränkischen Mantel und blossen Beinen — in das Hotel. Das alles gilt Euer Gnaden!“

„Und wer zahlt? Der Jildis-Kiosk?“

„Jeder dritte Mensch hier ist im Dienst des Jildis-Kiosk. Aber das Geld für die Überwachung Euer Herrlichkeit kommt von Herrn Lamba!“

„Aha!“

„Er ist einer der reichsten Levantiner. Man nennt ihn wegen seines Geldes die Eccellenza!“

„Er lässt sich das hier ja auch was kosten!“

„Euer Gnaden kennen Herrn Palamidi Lamba nicht . . .“

„Glaubst du wirklich“, Paul Buddenhaus setzte den linken Fuss auf das Putzbrett, „dass ich nicht seit einer Woche über ihn Bescheid weiss? Ich weiss nicht, was du von ihm hältst . . .“

„Herr — wenn ich ein Strassenhund wäre, nähme ich nur im Verhungern von ihm ein Stück Brot!“

„Nun — dann sind wir ja einer Meinung!“

„Ich weiss nicht, was er gegen Euer Gnaden hat!“ Der mohammedanische Bulgare kniete und polierte die Schuhkappe. „Aber nehmen sich Eure erlauchte Persönlichkeit in acht! Eccellenza Lamba ist zu allem fähig! Halb Pera ist in seinem Sold!“

„Du auch?“

„Nein, Herr! Ich war es. Aber die Russen zahlen besser! Ich bediene nur die russische Botschaft!“

„Und ausserdem“, Kumani glättete eifrig, „lebe ich in der Furcht Allahs! Ich würde selbst für zwanzig türkische Pfund nicht morden!. Aber was sagt man nicht alles an Verbrechen diesen schlechten Menschen im Dienst der Eccellenza Lamba nach! Und die Eccellenza ist Ihr Feind!“

Der Stiefelputzer erhob sich plötzlich und führte ehrerbietig die Rechte an Brust und Stirne. Ein junger türkischer Offizier in hoher schwarzer Mütze und schwarzbesetztem blauen Waffenrock sprengte rücksichtslos durch die Menge des Morgenlandes, zwei weisse albanesische Leibwächter hinterher.

„Das ist ein mächtiger Bei!“ sprach, sich wieder niederkauernd, der Spion Kumani. „Der Major Hünif, der Neffe des Marschalls Schükri selber!“

Der Schimmelreiter jagte über das holprige Pflaster nach Galata hinab und sprang in der Woiwodengasse vor einem vergitterten europäischen Gebäude vom Pferd. Aus einer Wachstube neben dem Portal blinkten die roten Fesse, die langen dunkelblauen Leibröcke und Hosen und die französischen Chassepotgewehre türkischer Infanterie. Auch die gegenüberliegenden Häuser waren mit den dunkeln Kalpaks und Dolmans der grossherrlichen Artillerie an den Fenstern und ein paar Feldgeschützen in den Höfen als Waffenplätze eingerichtet.

„Mein teurer Major Hünif — es laufen dumpfe Gerüchte durch Stambul!“ sprudelte es feurig und ängstlich zugleich von den glattrasierten zynisch lächelnden Lippen eines kleinen, dicken Franzosen in der Vorhalle der Ottomanischen Bank. „Man befürchtet einen Handstreich der Armenier und ihres Geheimbundes ,Gregor der Erleuchter’ auf diese Keller voll Gold! Wie? Man wird die Hunde hängen? Ah — gut gesagt! Sie beruhigen mich, mein Held!“

Der Pariser Grossfinanzmann des französisch-russischen Eisenbahnsyndikats hob beschwörend die Hand, immer ausser Atem, immer überall eine Viertelstunde zu spät, immer jovial geräuschvoll — die weisse Weste über dem Bäuchlein, das rote Bändchen der Ehrenlegion im Knopfloch, schweissperlend die Elfenbeinglatze.

„Vor acht Tagen und länger, mein tapferer Bei“, ein südfranzösisches, unwirsches Truthahngekoller aus der Fettwamme des Boulevardiers, „erschien ich mit den Vertretern des Paris-Petersburger Kapitals vor dem Antlitz Ihres ehrwürdigen Oheims, des ruhmreichen Marschalls Schükri . . . Und seitdem? Will man uns mit einem Aprilfisch narren?“

„Ich suche Sie seit einer Stunde in ganz Para — auf der Botschaft — im Generalkonsulat — im Cercle . . .“

„Seitdem haben wir keine Nachricht, ob Seine Exzellenz geruhen wird, mit Russland in Gestalt des Herrn Buddenhaus den Friedenstschibuk zu rauchen!“

Der Major im Regiment Ertogrul, dem Geschwader der „Männerzerstückler“, zog mit der schweigenden Würde des Moslem ein Schreiben aus der Ärmelklappe seines hellblauen Waffenrocks. Die dicken Finger des Mannes der grossen Affären Europas drüben rissen den Umschlag auf. Sein feistes, glattes, sattes Hamstergesicht verklärte sich beim Lesen. Er hob die Fuchsäuglein begeistert zur Deckenwölbung der Ottomanischen Bank.

„Betten Sie mich in den Staub der Dankbarkeit vor dem Herrn Marschall!“

Vor dem Bankgebäude hielt sein offener Landauer. Er sprang geschäftig, kugelig, elastisch wie ein Gummiball hinein. Die Grande Rue, die er aufwärts rasselte, war in ihrem unteren Teil, am deutschen Klub Teutonia, so schmal, dass die Fussgänger sich an die Hauswände pressen mussten, um nicht unter die Räder zu kommen.

Ein Handwink des Finanzmanns zu einem zierlichen, schmalhüftigen und schmalschultrigen abendländischen Figürchen in einfachem dunklem Kapotthut und Frühlingsmantel, das schutzsuchend auf die Steinstufe eines Geldwechslers geklettert war und mit instinktiver Koketterie der kleinen Pariserin den Rock über den niedlichen Stiefelchen und dünnen Knöcheln raffte.

„Steigen Sie ein, Fräulein Froidure!“ Und als die Gouvernante des Konak Schükri ihm mit braunglänzenden klugen Augen und kleinen lachenden, weissen Zähnen gegenübersass: „Ich sehe Ihnen an: Sie wissen schon . . .“

„Die Prinzessin hat es mir sofort erzählt! Ich bat um Ausgang, um in der Gesandtschaftskirche Gott zu danken!“

„Frankreich wird es Ihnen danken, meine wackere Kleine!“

„Aber nicht mit Worten!“ sagte die Froidure schnell und gierig.

„Nein. In der Sprache, die jeder Sterbliche versteht: in einer vierstelligen Zahl, mein Hühnchen! — Beim Crédit Lyonnais!“

Der Dicke lachte. Vor der katholischen Kirche Saint-Louis bei der französischen Botschaft liess er seine Landsmännin aussteigen. Sie schlüpfte in das Halbdunkel des Weihrauchs, des Messegemurmels in einer Seitenkapelle. Sie kniete im Schatten eines Pfeilers nieder, neben einem blossköpfigen, schnurrbärtigen, distinguierten Herrn, der trotz der frühen Morgenstunde Frack und weisse Binde trug.

„Protexisti me, Deus . . .“

Durch die Worte vom Altar das Raunen des Oberkellners vom Restaurant Lebon:

„Eben bekam ich deine Nachricht, dass du mich hier erwartest . . .“

„Und gute Nachricht: Monsieur Budden’aus wird heute nachmittag von dem Marschall empfangen!“

„Gut gearbeitet, mein Hühnchen!“

„Gloria patri!“

Feierlich der Widerhall. Angstgepresst das Flüstern der frommen knienden jungen Gouvernante:

„Wenn ich nur wüsste, ob es recht ist, dass ich dir auch das gleich wiedererzähle! . . .“

„Tausend Francs mehr für unser Hotel ,Zum Seefahrer Sindbad’.“ Alphonse Brigolaud erhob sich leise. „Und vielleicht können wir später in Paris noch an dem Syndikat Erpressungen verüben!“

„Das hoffe ich auch!“

„Bleibe noch knien! Ich muss wieder weg!“

Draussen im Sonnengeflimmer, Farbengewimmel, Stimmengewirr Peras stülpte sich der Oberkellner vom Restaurant Lebon einen roten Fes auf das länglich-vornehme Haupt. Er glich jetzt ganz einem jener türkischen und ägyptischen Prinzen, die draussen im blauen Mittelmeer mit ihren Jachten vor Monte Carlo ankerten und an Land im Casino ihr Geld verspielten.

Er schlenderte, eine Zigarette rauchend, die Strasse entlang, trat in einen Hof und schlug ein zerrissenes Stück Fischersegel vom Marmarameer zurück, das als Sonnenschuss vor einem gemauerten Seitengewölbe baumelte. Drinnen hockten im Halbdunkel ein Dutzend ungeschlachter Kerle und hantierten mit Krummessern und Holzspänen. Ihre bis zum Gürtel nackten muskelstrotzenden Oberkörper schimmerten weisslich-bleich durch das Zwielicht.

„Wir schnitzen auf Befehl des Präfekten von Stambul Knüttel gegen die Armenier!“ Sliman, der türkische Preisringer, am Abend der starke Mann der Ordnung in den Spielhöllen des Kristallpalasts, stand auf. Der französische Oberkellner zog ihn zur Seite.

„Dir bleibt noch Zeit genug, den Armeniern den Schädel einzuschlagen! Ziehe jetzt deinen Esel aus dem Stall und reite hinaus nach dem Palais Lamba am Bosporus und melde dort der Eccellenza: heute nachmittag wehe Nordwind um den Konak Schükri! Seine Herrlichkeit weiss schon, was damit gemeint ist!“

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