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Rudolf Stratz

Simmerl

Saga

SimmerlCopyright © 1937, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507445

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für gewerbliche und öffentliche Zwecke ist nur mit Zustimmung von SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

I.

Die Madonna hat gelächelt — ihr ewiges Gnadenlächeln voll Schmerz und Glück. Winzig klein war sie, die Himmelskönigin, wachsbunt, von vertrockneten Sträusschen umhegt, in ihrem Glasschrein am Birkenstamme, just da, wo der Knüppelweg von dem einsamen oberbayrischen Moordorf Stoissham durch Krüppelbuschwald zu dem weltfernen Marktflecken Pfaffing führt. Und vor der Mutter Gottes haben mit blossem, weissem Kopf der Filzensimmerl und sein Weiberl gekniet und gebetet.

Die Birkenstämme standen weiss im schwarzen Morast, und ihre letzten bunten Blätter wehten im Wind; am Himmel flogen die grauen Novemberwolken und unter ihnen gellte es: Gia! Gia! Der Wanderfalke überschaute auf seinem Zug nach Süden, den fernen Bergen zu, die endlosen Hochmoore voll welken Heidekrauts, stiller Schilfsümpfe und verkrüppelten Kieferngestrüpps — dies Stück unbekannte oberbayrische Einsamkeit, in dem es keine bildsaubern Alm-Dirndl mehr gibt wie drüben in den Alpen und keine feschen Buan und harben Wildschützen, keine lustigen Dorfbader und hartkantigen Grossbauern, sondern es spricht zu den wenigen Menschen, die da wirken und werken, die eherne Stimme der Öde: „Im Schweiss deines Angesichts sollst du dein Brot essen . . .”

„Und ist dein Leben köstlich gewesen, so ist es Müh und Arbeit gewesen!” Du kennst die Arbeit, Filzensimmerl, ein halbes Jahrhundert, von deinem zehnten bis jetzt zu deinem sechzigsten Jahr. Ja — hilft nix, Simmerl: Sechzig auf dem Buckel! Du bist schon humpelig, krumm dein Rücken, dass du noch kleiner und hagerer ausschaust als du eh’ schon bist, eingefallen dein Mund mit dem schüttern weissen Schnurrbart und dem weissstoppeligen Kinn in dem treuherzigen, verschrumpften Ledergesicht, rissig die mächtigen, hornigen Arbeitsfäuste.

Und der Filzensimmerl faltet seine Hände, er betet mit tränenschnupfender, angsterstickter Stimme zu der Mutter des Herrn: „Heilige Maria, hilf, dass sie mir net mein Gütl nehmen!” Über ihm schreit der Wanderfalke: „Gia! Gia!” und denkt sich: Was schwächer ist als ich, das g’hört halt mir!

„Schaugst, heilige Maria”, betet vertraulich der alte Mann, „vor dreissig Jahren hab’ ich da drüben den ersten Stich ins Torf getan, pfei’ grad wie Theres und ich als ein Paar Eheleut’ aus der Kirche gekommen sind. Das Häusel hab’ ich mir selbst aufgebaut, die Wiesengründ’ herum — die sind von mir. Abgerackert hab’ ich mich und g’schwitzt mein Leblang! Zu vier Kühen hab’ ich’s gebracht und dem Herrgott gedankt!

Ja — kann ich denn dafür”, der Nikodem Simmerl wirft die Fäuste in die Luft und schreit es verzweifelt, „dass mir die Krankheit in den Stall gekommen ist? Alle vier Viecher verreckt und im Moos vergraben. Brauchst Geld für neue! Und weisst, was der Geldmann für sei’ Geld nimmt? Jetzt verschrick’ net, lieber Herrgott: fuchzehn Prozent für die zweite Hypothek! Fuchzehn Prozent — ja blutssakra!”

„Gegrüsst seist du, Maria, die du bist voll der Gnaden!” betete neben dem alten Nikodem sein Weiberl, die Theres. Sie war noch kleiner als er, erst um die Fünfzig, aber schon vertrocknet und verschrumpft, eine grosse Nase in dem tausendfach gerunzelten, kleinen Hutzelweibchengesicht mit dem fast zahnlosen Mund und dem freundlichen Ausdruck auf den alten Zügen.

„Und wann du dem Mann sagst: wer kann denn fuchzehn Prozent zahlen?” schreit der Simmerl zum Himmel. „Was spricht er, der Malefizkrippi, der verreckete — und spielt dabei mit seiner goldenen Uhrkette: ,Fuchzehn Prozent sind nun einmal heutzutag’, in Deutschland im Jahr 1926, der übliche Zinsfuss!‘ Und wann du ihm sagst: „Ja — aber da geht ja ein kleiner Gütler wie ich zu Grund!‘ da zuckt er die Achseln: ,Das ist nicht ihm seine Sach’!‘”

„Bitt’ für uns, da wir in den schweren Trübsalen dieses Lebens zu dir stehen!” betete das alte Weiblein mit zahnlosem Mund und nassen Augen. Er, der Simmerl, war aufgestanden. Seine kleinen, rotgeränderten blauen Augen waren noch klar, gewohnt, bei Wind und Nebel über das weite Moor zu schauen. Er blinzelte den Gendarmerie-Wachtmeister an, der lauernd, auf den Fussspitzen, herankam, gross, breitschulterig, den Dienstrevolver über den grauen Mantel geschnallt, und leise fragte:

„Simmerl, ist wer hier vorbeigekommen?”

„Kei’ Seel’! Wen suchen’s Denn, Herr Wachtmeister?”

„Der Radl-Kramer lasst sich wieder in der Gegendg’spürn!” flüsterte der Wachtmeister Florian Wiesböck. Der Simmerl legte erschrocken die Hände zusammen. Die Theres war knickebeinig von den Knien auf die Füsse gekommen. Sie hatte die welken Lippen soweit offen, dass man den einzigen grossen gelben Stockzahn sah, und wisperte abergläubisch bang:

„Jesses — der Radl-Kramer — der greisliche!”

„Zwei Jahr’ und länger hält uns der Hund, der elende, hin!” rief der Wachtmeister. Er war schon vierzig. Hatte den Krieg mitgemacht. Sein bartloses Gesicht trug jetzt wieder den grimmen Ausdruck des Frontkämpfers — drüben in Frankreich — in den letzten Jahren.

„Zwei Gendarmen hat er auf der Flucht erschossen. Den Handwerksburschen brachte er im Stadel um. Er hat noch mehr Menschenleben auf dem Gewissen! So an räuberischen Teifelskerl siehst nicht leicht wieder, mein Lieber!”

„Es hat noch mehr Räuber — die, wo man nit hängt!” Der Filzensimmerl hatte ein Stück Zeitung aus seiner verwetterten, uralten Lederjoppe geholt. „Schauen’s: da haben sie’s hineingesetzt — vom Gericht . . .” Er buchstabierte mühsam das Hochdeutsch. „Im Weg der Zwangsvollstreckung werden in den Amtsräumen des Notariats Pfaffing öffentlich versteigert die in der Gemeinde Stoissham gelegenen . . .”

„O mei! O mei!” Der Gendarm schaute dem gebückten kleinen Gütler über die Schulter. „Das wär’ ja schon morgen!”

„. . . im Grundbuch des Amtsgerichts Pfaffing”, stammelte der Simmerl eintönig wie in der Kirche und schluckte dabei vor Angst, „Band 28, Seite 598, Blatt 2399, auf den Namen der Gütlers-Eheleute Nikodem und Therese Simmerl, wohnhaft in Stoissham, eingetragenen Grundstücke . . .”

„Simmerl, das schaut ja bös her!”

„Plan Nr. 93a, Wohnhaus Nr. 67 mit Torfhütte und Hofraum zu 0,120 ha.” Der Simmerl lallte eigentlich nur noch. „Plan 93b, Wurzgarten bei dem Haus zu 0,013 ha.” Es erstickte ihm die Stimme. Er hockte sich hin, legte die Hände zusammen und fing an, wie ein kleines Kind zu weinen. Sein Weiblein setzte sich neben ihn und tat ebenso. Der Wachtmeister machte ein wehes Gesicht. Er vermochte den Anblick der beiden alten Leute nicht mehr zu ertragen. Helfen konnte er ihnen ja doch nicht. „B’hüt euch Gott beisammen!” sagte er gedämpft und schlich behutsam weiter.

Rechts und links spähte er dabei lauernd in den Sumpfwald, in dem aus den Moorlachen die Krüppelkiefern mit ihrem Flechtenbehang wie graubärtige Zwerge zu einem unentwirrbaren Gefilz zusammenkrochen. Da drinnen raschelte es leise und klang das geschäftige Winseln der Polizeihunde. Aber nur ein Flug Fasanen ging plötzlich steil wie eine explodierende Granate aus dem Röhricht in die Höhe und stob mit langwehenden Schwanzfedern weit oben durch die graue Luft davon.

Am Ausgang des Gehölzes traf sich der Wachtmeister Wiesböck mit seinem Kollegen, der auf der anderen Seite gepirscht hatte.

„Nix?”

„Nix!” Der zweite Gendarm steckte verdrossen den Revolver in das Futteral. Er war ein noch junger, schnurrbärtiger Mann. Der Jagdeifer brannte ihm in den Augen. Die beiden Hunde standen keuchend mit hängenden Zungen. „Dabei haben doch die Viecher die Spur hierher aufgenommen!”

„Gemerkt hat er’s halt, der Sau-Teifi, und is fei’ schnell davongeradelt!” Der Wachtmeister Wiesböck blickte grimmig das Fahrgässchen entlang, das von hier frei durch die weite, oberbayrische Hochebene nach der fernen, spitzen, weissen Kirchturmnadel des Fleckens Pfaffing führte. „Aber dann müsst’ er doch da dem Servaz begegnet sein!”

Da steigt er mit Siebenmeilenschritten heran, der Frater Servatius, der Sammelbruder vom Kapuzinerkloster, mit dem Sack auf dem Rücken, den seit vielen Jahren jedes Kind ringsum kennt. Ein riesenhafter Mannskerl ist er, in seinem kaffeebraunen Gewand, mit der Kapuze hinten. Sein mächtiger, fuchsroter Vollbart weht im Wind. Barhaupt geht er, der Bruder Servaz, bei Wind und Wetter. An den gewaltigen, rotgefrorenen Füssen trägt er trotz der Novemberkälte nur Holzsandalen. Er ist immer ein Lustiger. Hat seine Spässe weit und breit mit jedermann von den Bauersleut’, von denen er stammt. Er bleibt stehen und erkundigt sich scheinbar harmlos mit seinem Kellerbass:

„Ja — wo habt’s ihn denn — den Radl-Kramer?”

„Ist an Ihnen nicht so ein Kerl vorbeigekommen, so ein ganz verdächtiger?” erkundigt sich der junge Gendarm. „Noch nicht alt. Angetan wie ’ne Vogelscheuch’! Zaunackerdürr, mit einem struppigen Vollbart?”

„Mein Lieber: Sie sind noch nicht lang im Land! Ich glaub’ gar, Sie kommen von da oben, von den Preissen . . .!” antwortete der riesige Frater beinahe mitleidig.

„Aus dem Mittelfränkischen bin ich!”

„Das ist auch schon z’weit! Also — sonst würden Sie wissen, dass ich den Radl-Kramer schon von Kindsbeinen gekannt hab’! War kein Wunder! Sein Vater, der Raubichler, hat ja jahraus, jahrein durchs Land in seinem Wägelchen mit Topfwaren hausiert. Fein war dem Alten sein Ruf nie nicht, und sein Sohn, der Anderl, is schon als Lausbub ausgeartet. Am End’ vom Krieg ist der Bazi aus der Etappe desertiert, hat sich dann hier im Land umeinandergetrieben und bei den Schiebern und Schlawinern damals, da war er gerad’ der Rechte! Wie dann wieder Ruh’ und Ordnung ins Land gekommen ist — das war dem Raubichler-Anderl in die Seel’ zuwider. Da hat er sich ganz aufs Räubern und Morden verlegt und is jetzt als der Radl-Kramer der Schrecken von jedem guten Christen, weil ihr ihn halt nicht fangen könnt und seid doch dazu da! Da fehlt’s!”

„. . . und Ihnen ist er jetzt nicht begegnet?”

„Hoho, mein Lieber — da kennen’s den Servaz schlecht!” Der riesige Mönch reckte sich in der braunen Kutte und zeigte ein paar Fäuste eines Grobschmieds. „Ich hätt’ den Radl-Kramer nicht ausgelassen! Hätt’ ihn schon von seinem Rad heruntergeholt, den abscheulichen Kerl! Mit dem nehm’ ich’s noch lang auf! Aber vielleicht ist er in der andern Richtung davon, auf Stoissham zu!”

„Nein!” sprach der Wachtmeister Wiesböck gedämpft. „Dort hat der Filzensimmerl vor dem Bildstöckl gekniet und gebetet!”

Dort kniete der alte Simmerl jetzt noch einmal und hielt die runzeligen, mahagonifarbenen Arbeitshände vor dem winzigen, bunten Madonnenfigürchen hinter dem Glas ineinander verkrampft. Er keuchte ganz leise, vertrauensvoll wie ein Kind.

„Schaugst, heilige Mutter Gottes — jetzt wär’ es doch soweit gewesen, und ich hätt’ das Gütl meinem Sohn, dem Beni, übergeben und a Ruh und a Frieden auf meine alten Täg’ gehabt, der Beni hätt’ net mehr länger einen Hotel-Hausdiener in Alt-Ötting machen müssen, konnt’ die Afra heiraten und mit ihr auf dem Gütl einziehen! Aufgeboten sind’s schon, die beiden — der Beni und die Suppenmoser Afra, im Kasten hängen’s drüben in Pfaffing, und jetzt wollen sie mir das Gütl nehmen . . .”

„Bitte für uns jetzt in diesem Tal des Jammers”, betete neben ihm zahnlos das Mutterl. „Denn du bist ja die Hilfe der Christen, der Stern des Meeres . . .”

Ihr Mann blickte zum Himmel. Hoch hinauf wirbelten da im Herbststurm die welken Blätter, und darüber flogen schreiend und schnell im Dreieck die wilden Gänse nach Süden. Pilgernde weisse Lachmöven kreischten in der bewegten Luft. Eilig zogen die grauen Wolken. Es war alles in Zug und Flug. Eine Wanderung in eine andere Welt. Der Filzensimmerl war aufgestanden. Er sagte, noch die Kappe zwischen den Händen:

„Wann mich unser Herrgott ruft: i kimm! I kimm gern! So arg viel war das bissel Leben net! Aber die Menschen sollen mich net vertreiben!”

Sonst, wenn die beiden über Land gingen, trottete die Theres hinter ihrem Mann her. Heute stapften die beiden alten Leute nebeneinander, stumm und eins in der Not, den einsamen Feldpfad heim durch Hochmoor und Heidekraut.

Soweit das Auge reichte, weitete sich vor ihnen platt wie eine Tenne die fahlbraune, unendliche Leere der oberbayrischen Filzen. Grosse und kleine Tümpel dunkelten verstreut, und im Wind liefen dünne weisse Schaumschlänglein über ihren schwarzen Spiegel. Wo der Torf schon abgebaut war, schoss aus den ausgeschachteten Tiefen mannshoch das Schilf. Tausende von dicken schwarzen Binsentöpfen neigten sich gleichzeitig im Wehen der Luft, als striche eine unsichtbare Riesenhand glättend über sie hin.

Es gab nur wenige Stellen in dieser feierlichen Einsamkeit, auf denen der Blick ausruhen konnte. Dort drüben, nahe dem Dorf Stoissham, aber noch hübsch mitten im Moor, die Hühnerfarm — die neumodische. Die war dem Simmerl seit einem Jahr ein Dorn im Auge: das norwegische Blockhäusel und die zerlegbaren kleinen Holzställe, die Drahtgitter, das Gegacker, Gekrähe und Gelaufe weithin über das Ödland. Es ging ihn zwar einen Schmarren was an! Er wohnte weit weg. Aber so etwas war nie gewesen, dass man die Gickeln in einem Kasten ausbrütete! Davon hätte ihm sonst schon mal doch der Grossvater erzählen müssen. Das war etwas ganz Neues. Und sie — die mit der Hühnerfarm — die stammte auch ganz woanders her. Sie spricht nur hochdeutsch — die junge Frau — ganz nach der Schrift! Mit der kannst hart reden, mein Lieber!

Dann schimmerte da, ganz weit draussen, etwas wie aus dem Moor herausgewachsene Pilze — graubraun, geduckt und regellos verstreut — eine Gruppe von hundertfach geflickten Zelten und flüchtig genagelten, mit Dachpappe gedeckten Holzbuden und niederen Wellblechbaracken. Wäsche hing an Leinen im Winde, und blauer Torfrauch kräuselte aus Schornstein-Öfchen. Das Wanderlager der Moorarbeiter mit ihren Weibern und Kindern frass sich in die fernste Einsamkeit der Filzen und rückte langsam vor, es war jetzt schon eine gute Stunde von der nächsten menschlichen Behausung entfernt.

Und dies letzte Häusel — das Antlitz des alten Gütlers, in das das Leben tausend Furchen eingeschrieben — das übersonnte sich in Liebe zu dem Häusel da vor ihm, die Theres neben ihm bekam seine Linke zu fassen, und das ausgetrocknete, gebückte Paar stand Hand in Hand: das Häuserl gehörte dem Filzensimmerl!

Heute noch.

Um das Häusel weithin lagen die grünen, saftigen Wiesen — doppelt licht und freundlich inmitten der fahlen, weiten Moosebene — sie gehören dir, Simmerl!

Heute noch.

Das saubere, weissgetünchte Haus mit dem flachen Dach und den grünen Läden — das hast du selbst dir gebaut, Simmerl. Auf Taglohn hast du gearbeitet und gespart, die Resl, deine Braut, hat tapfer als Magd beim Bauern gewartet, bis das Geld für das Holz und die Ziegelsteine beisammen war. Du hast das Bauzeug selbst auf deinen Schultern hinunter geschleppt und gekarrt, gute Leute haben dir mit ihrem Vorspann um Gottes Lohn geholfen und die gräfliche Verwaltung drüben hat dir kostenlos den grossen Richtbaum angewiesen.

Die grünen, fruchtbaren Gründe ringsum — die hast du, Simmerl, dem stillen, toten Moor abgewonnen, das seit Jahrhunderten und Jahrtausenden, seitdem hier ein Alpensee aus der Steinzeit versumpfte und verfilzte, nur noch die Heimstatt von Unke und Otter war. Du hast die Gräben ausgeschachtet und die uralten, braunverkohlten Stämme im Erdinnern im Schweiss deines Angesichts blossgelegt und ausgegraben. Du hast drei Jahre Kartoffeln gepflanzt, um dem Boden etwas abzugewinnen, und dann mit gleichmässigem Handwurf den Grassamen der ewigen Mutter Erde anvertraut, wo sonst die Frösche quakten, da brüllt jetzt das liebe Vieh.

Dann aber kommen’s aus der Stadt — fuchzehn Prozent — blutsakra — fuchzehn Prozent . . . Auf dem Wege der Zwangsvollstreckung . . .

II.

Dann aber schirmte der Simmerl die weissen Brauenbuschen mit der Hornhand und blinzelte ungläubig auf das grüne Nutzland um sie her. Sonst waren die weiten Wiesenflächen jetzt im Herbst leer wie ein Bettelsack; das Krähenvolt krächzte darüber hin, und um Mittag stiess der Maulwurf seine lockeren Erdhügel, oder es hoppelte da ein später Junghase unbesonnen am hellen Tag. Aber jetzt . . .

„Alles voller Leut’”, murmelte der Alte. „Alles voller Leut’! . . . Überall steigen’s umeinand . . . Bis wo die Filzen anfangen, stehen’s schon, die Deppen!”

„Die betrachten sich das Anwesen, weil’s halt morgen mitsteigern wollen . . .” Es verschlug der Simmerl-Mutter die Sprache. Sie betete nur wieder innerlich zu Unserer lieben Frau vom Troste . . . Und richtig — da stand schon am Weg so ein Städtischer, Bebrillter, schlecht im Futter und blass um seine spitze Nase herum, mit seiner Frau, grüsste höflich und sagte:

„Sie sind gewiss ein Einheimischer und können mir Auskunft geben!”

„Du kannst mir sonst was!” knurrte der Filzensimmerl verbissen. Der Herr verstand ihn nicht und fuhr fort:

„Ich bin nämlich ein Rechnungsrat aus Augsburg, der das Häuschen da drüben, so für die Sommerferien, gern haben möchte. Den Rest des Jahres könnte es ja leerstehen!”

„Gleich wirst zeitig . . .” brummte der Simmerl, grünes Gift in den Augen.

„Könnten Sie mir den Ankauf des Häuschens empfehlen? Wird es billig zu haben sein?”

„Schau, dass d’ weiterkommst, oder ich lass dir die Därm’ aussi!” zischte es jetzt unheimlich drüben aus den zahnlosen Kiefern unter den weissen Schnurrbartborsten.

„Mathilde — was lässt er?” fragte der Rechnungsrat begriffsstutzig seine Gattin.

„Ihnen Ihre Därm’!” belehrte ein dicker, fröhlicher Mann mit einem mächtigen Gamsbart auf dem Hütl, der daneben stand. „Wissen’s: das ist so eine persönliche Ausdrucksweise bei uns, bald einem etwas nicht recht ist. Der Simmerl ist halt ein Gradaus! Ich tät’ an Ihrer Stelle aber doch gehen, ehe er sein Brotmesser hinten vorlangt!”

„Otto — um Gottes willen — komm!” Das Ehepaar flüchtete im Lauf- und Trippelschritt. Erst ganz fern wagten sie stehen zu bleiben und sich umzuschauen. Der dicke Mann mit dem roten Gesicht lachte und klopfte dem Alten auf den krummen Buckel.

„So ist’s recht, Simmerl! Begehr’ auf! Lass dir net alles bieten!”

„Was soll ich dann tun, Kreuzpointner? Was kann ich dann machen gegen die Grosskopfeten alle — ein armes, altes Manderl wie ich?”

„Wir Gütler stellen uns hinter dich!” meinte der Kreuzpointner, und plötzlich veränderte sich sein blühendes, gutmütiges Gesicht: es bekam einen ganz gefährlichen Ausdruck. „Wir leiden’s nicht, dass dir die G’wappelten dein Häusel wegnehmen. Ich sag’ dir’s: es rumort gewaltig in Stoissham, nach Pfaffing hin und weiter im Land . . .”

„Wann’s was helfen tät’!” seufzte der Simmerl.

„Ich bin ein heisser Mann! Dafür kennt mich an jeder! Sie dürfen morgen in Pfaffing was erleben, wann sie’s zur Versteigerung kommen lassen wollen. Ich bring’ die Bauern in Schwung. Dein Beni da — der ist für so was zu langweilig!”

Der Sohn des Simmerl, der Beni, der sich bekümmert heranschob, war freilich ein Langsamer. Ein Bedächtiger. Man sah es seinem treuherzigen, blondschnurrbärtigen Gesicht an: was der Beni anfasst, das macht er recht. Aber Zeit musst ihm lassen. Sonst ist’s gefehlt. Wird auch nimmer anders, der Beni, mit seinen bald dreissig Jahren.

Des Simmerl-Beni stämmige, untersetzte Gestalt stak in einem städtischen Gewand. Gehört sich so, wann einer Hausdiener in dem Pilgergasthof vom Sebastian Marchl in dem heiligen Alt-Ötting ist und nur gerade für den Unglückstag morgen frei bekommen hat.

Er drückte den Eltern stumm die Hand. Wozu noch viel reden? Das Wasser stand ihm in den gutmütigen blauen Augen. In vierzehn Tagen wär’ man ein Hochzeiter, und der Pfarrer tät’s von der Kanzel allen ausdeutschen, dass der ehrengeachtete Jüngling Benediktus Simmerl vor den Traualtar tritt. Und jetzt ist alles zum Teifi — für ihn und für die Afra!

Die Afra Suppenmoser, seine Braut, stand neben ihm, mit einem verweinten, zarten, dunkeläugigen Gesicht, dicke, dunkle Flechten nach guter alter Art um das schmale Köpfchen, recht ein Dirndl aus den Bergen, aus St. Josef in der Öd — den fernen Bergen, aus denen nichts mehr an Juhu und Zitherklang, an Schnadahüpfeln und Schuhplattlergestampf in die riesigen, weithin weiss über das oberbayrische Städtchen qualmenden Stickstoffwerke von Trostberg wehte, in denen sie, die Afra, arbeitete, gerad’ nur, um dem Beni in dem langen Brautstand nah zu sein.

„Schaut’s nur all die Leut’ beisammen!” sprach ihr Verlobter hilflos, und seinen Vater, den Filzensimmerl, packte die Wut. Er lief knickebeinig, mit geballten Fäusten auf die nächste Gruppe zu und keuchte einem vierschrötigen Jungkerl ins Gesicht.

„Was bist? Ein Stallschweizer bist — mit deiner Freundschaft um dich rundumadum? Steigern willst? Ich rat’ dir: lass das unterwegens! Das Gütl taugt eh’ nix! Der Boden hat kein Schmalz! Ich muss dasselbige ja wissen. Mir gehört’s doch!” Der Alte überhastete die Worte, um sein Gütl, sein liebes Gütl, schlecht zu machen. „Da derfst lang düngen! Wann das Grundwasser steigt, laugt’s dir sauber wieder alles aus!”

Jetzt bekam auch der Beni Schneid und rannte auf ein paar Männer los, die hinten beim Häusl neugierig in den kleinen Kuhstall guckten.

„Ihr Viehschmuser, ihr! Wir werden net alt miteinand! Die Viecher — die bleiben im Stall! Da stell’ ich mich morgen davor! Schaut’s, dass ihr weiterkommt — ihr Kaschperle — ihr verdächtigen!”

„Lassen wir den saugroben Lackl!” Die Viehmakler trollten sich. Weiter in den Wiesen faltete die Simmerl-Theres die zitternden, gichtigen Knochenfinger vor einem Heuhändler.

„Steh’ dir doch net die Haxen in den Bauch! Habt’s doch ein Mitleid. Lasst uns doch unser Häusl!”

Und selbst die sanfte, kleine Afra schrie mit ihrer klagenden Kinderstimme den Jüngling an, der durch einen Zwicker das Moor prüfte und sich Notizen machte:

„Ein Agent für Prestorf sind’s? Ja — schamen’s Ihnen denn gar nicht, den Leuten das Letzte zu nehmen?”

„Lassen wir halt den alten Deppen, dem wo der Kalk schon im G’hirn raschelt!” sprach, mit einem Blick auf den Simmerl, drüben der Stallschweizer zu seinem Anhang und ging. Es war keinem wohl bei dem Geschrei und Gejammer der Simmerl-Leut’! Da biss einen was! Leicht kein Floh, sondern ein Stückel schlechtes Gewissen. Einer nach dem anderen machte sich still auf den Heimweg. Die Wiesen wurden leer. Der Simmerl wischte sich mit dem Handrücken den Zornschweiss von der Stirn und nickte:

„Für heut’ sind wir sie los!”

„Ist noch nicht Abend!” sprach dumpf der Beni.

Und da fragte auch schon gleichzeitig, eine Viertelstunde von dem Gütl entfernt, ein, für seine dreissig Jahre bereits etwas dicklicher, junger Herr in einem grellkarierten Ulster und modischen Münchner Schlapphut in gönnerhaftem Ton:

„Du — Mirzl — oder wie du heisst — sind wir hier recht beim Simmerl?” Zu seinem Begleiter, einem schon älteren Herrn, mit einem feinen, nervösen Gesicht, in Lodenmantel, Lodenhütl und Galoschen: „Das kann doch nicht stimmen, Baron!”

Nein. Da war kein weissgetünchtes, langgestrecktes Bauernanwesen mit Dunghaufen und Tennenauffahrt. Es stand hier ein schmuckes, braungestrichenes, untermauertes, norwegisches Holzhaus und seitwärts ein kleiner Nebenbau, der den Eingang zu einem, hoch mit Drahtgitter umzäunten Geflügelhof bewachte. Da drinnen wimmelte und gackerte es vor den niederen Holzställen von ein paar hundert rebhuhnfarbenen Hühnern. Die Magd, die der junge Herr gefragt hatte, war mit dem Ausreiben von Futternäpfen beschäftigt. Es fiel ihm auf, dass sie dabei alte Lederhandschuhe trug — so eine Mollen, um die Hände zu schonen! — ferner Holzpantinen gegen den Schlamm des Federviehhofs und eine mächtige, blaue Schürze. Sie hob den blossen, braunen Kopf. Er sah in das frische, hübsche, gebildete Gesicht einer Städterin — das war schon etwas Besseres — ein Gesicht zu Ende der Zwanzig, gesund gebräunt, mit lebhaften, braunen Augen.

„Da sind Sie von Stoissham umgegangen!” sagte sie. „Das hier ist die Hühnerfarm Erika.”

Der junge Mann hörte das reine, helle Norddeutsch. Er spürte so etwas Damenhaftes, Kühles. Ein breites, verlegenes Lächeln lief über seine, ein wenig gedunsenen, verwähnten, glattrasierten Züge mit den trägen, kleinen, dunklen Augen.

„Da bin ich ausgerutscht!” sagte er gemütlich in lässigem Münchnerisch. „Ich muss meine Entschuldigung machen, Fräulein Farmerin, oder wie darf ich sagen? Ihnen gehört sie doch sicher, die schöne Farm Erika?”

„Ja.”

„Und heisst die, wenn ich dumm fragen darf, nach Ihnen Erika?”

„Sie sehen doch rings das Heidekraut! Zum Simmerl müssen Sie jetzt da links quer über das Feld!”

Der dicke, junge Herr aus München liess den Blick sinnend über den Geflügelhof schweifen. Er trug einen mächtigen Siegelring, einen flimmernden Diamanten als Busennadel und einen dicken Goldgriff an dem Bambus-Spazierstock.

„Das hier bewirtschaften’s alles allein, Fräulein?” fragte er in seiner weichlich-trägen Art. „Ohne ein Mannsbild? Ach geh!”

„Das trägt’s nicht! Wollen Sie Eier kaufen? Oder fette Suppenhennen? Sonst bitte . . .’

„Mutti . . . Mutti!” Ein achtjähriges Mädelchen im Dirndlkleidchen, mit zwei Rattenschwänzchen von Zöpfen und blossen Beinchen in Haferlschuhen, sprang aus dem Blockhaus. Ein Bub, ein Jahr älter, in grauer Hirschhornjoppe, kurzen Lederbuxen und blossen Knien hinterher. „Es geht auf die Nacht. Wir müssen die Eier suchen!”

„Jesses — Kinder haben’s auch noch!” sprach der junge Münchner ergriffen.

„Adieu!”

„Na — wenn Sie nix von mir wissen wollen — no ja — das is halt das harbe Norddeutsche — das kennt man schon! Dank’ schön! Hab’ die Ehre, gnä’ Frau!”

Der Fremde stiefelte durch die Streuwiesen davon, ohne sich um seinen Begleiter zu kümmern. Dieser trat geheimnisvoll auf die junge Frau zu. Sie war aufgestanden und schaute, mittelgross, schlank gewachsen, mit ruhiger Sicherheit auf den unscheinbaren, nervösen Herrn im schlichten Lodenmantel vor ihr, der trotz alledem etwas Verwittert-Vornehmes an sich hatte.

„Ich muss die Gelegenheit wahrnehmen, gnädige Frau! Ich tue das in jedem Falle. Bin nämlich Gütervermittler. Darf ich Ihnen meine Karte überreichen? Baron Erwin von Pfeidt zum Sand. Ich berate jetzt soeben den Herrn Kürbl aus München da. Er will das Simmerl-Anwesen erstehen!”

„Ja, bitte . . .”

„Gnädige Frau . . .” Der Agent faltete beschwörend die Hände unter dem Kinn. „Wenn Sie die Hühnerfarm loswerden wollen, dann denken Sie an mich: Sie können sie auf die Dauer nicht halten!”

„Ich hab’ sie schon über ein Jahr!” Die junge Frau nickte ihm belustigt zu. Es war ein zwinkern in ihren glänzenden, braunen Augen: ,Den Schwindel kennen wir!‘

„Ich bin doch Fachmann in Grundstücken! Wie viele sind schon mit ihrer Hühnerzüchterei mit Schuh’ und Strümpfen pleite gegangen!”

„Weil sie falsch gespart haben!” Die klaren Züge der jungen Farmerin belebten sich im Eifer des Fachgesprächs. „Wenn man natürlich Fischmehl füttert, wird das Dotter eine weissgelbe Brühe! Und sofern man die grosse Mode mit den weissen Leghorns mitmacht — die sieht natürlich der Habicht auf zwei Meilen!” Ihr Antlitz war sachlich entschlossen. „Ich bleibe bei den rebhuhnfarbenen Italienern und bei dem freien Auslauf. Die ganzen Filzen, bis zu der einzelnen Kiefer drüben, habe ich für ein Spottgeld gepachtet!”

„Trotzdem . . .” rief der Agent verzweifelt.

„Ausserdem, wenn es Sie schon interessiert, beziehe ich eine Pension als Hauptmannswitwe!”

Der Baron Pfeidt rechnete blitzschnell im Kopf.

„Dann schaffen Sie’s vielleicht, gnädige Frau!” sprach er. „Aber allenfalls — bitte schön, gnädige Frau: darf ich mir wenigstens Ihren Namen in mein Büchel schreiben?”

„Wenn Ihnen der Name Gertrud Hellwig etwas sagt. . . Und nun laufen Sie, dass Sie Ihren Herrn nicht verlieren!” Sie drehte sich um. „Kinder — kommt! Ich hab’ so ein paar Hennen im Verdacht!”

Es gab Hühner, die heimlich da draussen statt im Stall legten, ganze Nester voll Eier, die man retten musste, ehe Krähe und Wiesel das Tischleindeckdich lobten. Die junge Frau und die beiden Kinder gingen suchend, den Blick am Boden, durch das kurzgemähte Riedgras. Das Mädelchen fragte:

„Mutti — dürfen wir jeden Monat das Geld holen, weil der Pappi weg ist?”

„Ja — Lütte!”

„Mutti — kommt der Pappi nicht einmal wieder?”

„Nein, Kind: der Pappi kommt nicht wieder!”

Nach einer Weile:

„Mutti — hat mich der Pappi wirklich niemals gesehen?”

„Nein — Lütte! Der Pappi hat dich nicht mehr gekannt.”

„Und ich werde den Pappi auch nie sehen?”

„Wenn du ganz lang, lang gelebt hast, dann wirst du ihn sehen! Da, wo der Pappi jetzt ist!”

„Mutti, muss ich da nach Frankreich?”

„Nein!”

„Du sagst doch immer, der Pappi liegt in Frankreich begraben?”

„Ach — sei still, Lütte! Du tust mir weh!”

Von der anderen Seite zupfte der Hansel:

„Mutti — wer war denn der dicke Herr, mit dem du vorhin gesprochen hast?”

„Ich weiss es nicht, und es interessiert mich auch nicht!” sagte Gertrud Hellwig. „Er hat gutmütig ausgeschaut, wie so ein rechter Münchner. Aber trauen tät’ ich dem doch nicht über den Weg!”

„Jetzt hat ihn der andere eingeholt!” Der Hansel streckte den Zeigefinger aus. „Ganz dahinten gehen sie beisammen!”

III.

Also da wollen Sie sich wirklich eine Fuchsfarm einrichten, Herr Kürbl?” meinte auf dem Weg zum Simmerl der Agent.

„Keine Silberfüchs’!” sagte der junge Mann. „Da darfst gleich achttausend Markln für ein Zuchtpaar hinlegen und weisst noch nicht, ob du je zum Abpelzen von Jungfüchsen kommst. Da spekulier’ ich schon selbst lieber an der Börs’! Nein: Sumpfbiber werden da eingesetzt! So einer ist billig. Aber das haben’s mich jetzt schon ein paarmal gefragt, Baron!”

„Ich meine nur: wo Sie die Zeit hernehmen werden, bei Ihren häufigen Reisen nach dem Balkan . . .”

„Die Firma Kürbl dort gehört meinem Vater und nicht mir! Das hab’ ich Ihnen auch schon zwei-, dreimal gesagt!”

„Aber Sie gehen Ihrem Vater doch zur Hand bei dem Holzexport nach Deutschland?”

„Wenn ich halt gerad’ mag! Es ist kein Vergnügen für einen Münchner, mitten zwischen den Schlawinern!”

„Das glaub’ ich gern!”

„Wann ich kann, druck’ ich mich nach München und leb’ da als Privatmann. Ist schon zünftiger, wann man seine Spezis da hat und mal a Gschpusi!” Der Herr Kürbl blieb stehen und stiess den anderen pfiffig in die Seite. „Wissen’s: wann man da mal was Besseres hat — wissen’s: eine Dame — dann ist solch ein verschwiegenes Häusl draussen in der Öd’ gerad’ recht! Das ist der Hauptgrund, weshalb ich’s kaufen möcht’! Die Pelztiere — das sind bloss die Tugendwächter.”

„Und durch den Übergang dieser ehemals ungarischen Waldungen in Jugoslawien sind wohl auch manche Schwierigkeiten entstanden?” forschte nach kurzem Schweigen unvermittelt der Agent.

„Herrgott — ja freilich!” Der junge Mann wurde ärgerlich. „Warum fragen Sie mir denn heut’ eigentlich ein Loch in den Leib, Baron? Lassen Sie doch die faden Hölzer! Was geht denn das Sie an! . . . Aha . . .” Er machte halt. „Da ist’s beim Simmerl! . . . Ah — da schau her! Das lass ich mir schon gefallen!”

Die beiden standen zwischen Herbstfäden und den letzten Astern und verrotteten Dungstücken auf der leeren Wiese vor dem Gütl und musterten es prüfend. Die Bauersleut’ waren drinnen im Haus. Der Simmerl-Vater warf durch das kleine Fenster einen unheimlichen Blick auf die zwei Schildwachen draussen vor seinem Hab und Gut, murmelte etwas in die zahnlosen Kiefer, rappelte sich von der Ofenbank und winkte dem Beni, ihm zu folgen. Er humpelte ihm voraus in die Holzlege hinter dem Anwesen. Dort standen die mächtigen, viereckigen Grabscheite, die man zum Abstechen des Torfs brauchte. Mit ihnen bewaffneten sich Vater und Sohn und traten vor das Haus. Der Alte schwang den Spaten mit einer Kraft in den Armmuskeln, die der verhutzelte und bucklige, kleine Körper infolge jahrzehntelanger Gewohnheit noch hergab.

„Fort, ihr Sauköpf’!” keuchte er. „Ich sag’s mit allem Anstand, eh’ dass ich deutlich werd’!”

Im nächsten Augenblick flüchtete der Güteragent, auf den es der Beni abgesehen hatte, keuchend über die Wiesen. Er kümmerte sich nicht darum, dass ihm eine Galosche in einem Sumpfloch stecken blieb. Er legte hundert Laufschritte zwischen sich und Vater und Sohn dort drüben. Der Wind wehte ihm um die Ohren, und im Rauschen vernahm er von fern die laute, phlegmatische Stimme seines Kunden, des Herrn Liborius Kürbl, Privatmann aus München.

„Wohin denn, Baron? Schenken’s uns doch weiter die Ehr’!”

Der nervöse, ältliche, vom Leben schon hart mitgenommene Herr von Pfeidt wagte es, sich umzudrehen. Gleich darauf klemmte er sich, ungläubig den Zwicker in das scharfgeschnittene, aristokratische Gesicht.

Der Beni drüben — hatte, nach seiner Gemütsart, nachdem sein Widersacher vertrieben war, den Grabstichel an die Hauswand gelehnt. Aber sein Vater, der Filzensimmerl, stand, den riesigen Spaten, dessen Wucht durch den Filzhut hindurch die Kopfschwarte bis auf die Knochenhaut und tiefer spalten konnte, in den erhobenen, mächtigen Arbeitsfäusten, und vor ihm befand sich völlig gleichgültig, die Hände in den Manteltaschen, die Zigarre schief im Mundwinkel, der aus München.

Auf seinem verwöhnten, weichlichen Gesicht regte sich nichts. Nur in den kleinen, dunklen Augen war ein kalter, fast grausamer Schein, mit dem er den alten Gütler vor sich richtig lähmte.

„Benehmen Sie sich nicht so deliktisch, Herr Nachbar!” sagte er zu ihm. „Was schaffen’s denn auf Ihre alten Täg’ im Zuchthaus? Und wie wollen Sie sich einmal vorm Herrgott rechtfertigen, dass Sie einen guten, christkatholischen Mitmenschen für nix und wieder nix umgebracht haben? Das wär’ im Jenseits schon inkommod für Sie! Also seien’s stad!”

Langsam, hilflos liess der Alte den Spaten sinken. Es zitterte wie ein Greinen um seine eingefallenen Lippen. Der andere betrachtete ihn kaltblütig.

„Also ich steiger’ morgen das Häusel ein”, rief er laut und seelenruhig zu dem Agenten hinüber. „Gleich, was es kostet! Gute Nacht beisammen, ihr Leut’! . . . Was machen Sie denn für ein Gesicht, Baron?”

„. . . wo Sie eben knapp dem Tod entgangen sind!” Herr von Pfeidt schluckte noch in der Erinnerung.

„Dass ich nicht lach’!” Der Liborius Kürbl aus München blieb stehen und zündete sich eine neue Zigarre an. „Man muss bloss dem anderen in die Augen sehen. Da spannt man leicht, ob so ein ungeübter Mensch wirklich zuschlagen will. Hätt’ ich immer noch ihn anspringen können, und der Schlag wäre über mich weg hinten ’raus gegangen. Aber jetzt dürfen wir schauen, dass wir nach Stoissham kommen. Ich hab’ einen Mordshunger!”

Die Dorfschenke „Zum Alten Wirt” war eine rechte ländliche. Schon ganz einfach. Die schwarze, junge Wirtsmarei wollte den beiden Herrischen aus München einen Tisch in der einzigen Gaststube richten. Da schlurfte der Ägid, der Wirt, selbst heran. Er raunte:

„Ich hab’ ja Stuben oben! Lassen’s Ihnen lieber von der Marei die Kalbshaxen und ’s Bier da ’nauf bringen! Warum? Ja schauen’s doch, wie die Leut’ von allen Tischen auf Sie hergucken! Da hockt der Kreuzpointner mit seinem Anhang — und da drüben der Bacherlvater — hat weisse Haar’ — aber trau’ einer dem alten Haberer — und dort — wissen’s: Sie haben schon am Nachmittag im Dorf gesagt, morgen um die Zeit gehörte das Simmerl-Anwesen unter allen Umständen Ihnen!”

„Wird es auch!” sprach Liborius Kürbl. „Da schaut’s her!”

Er zog eine Brieftasche heraus und klappte sie auf. Da staken die Tausendmarkscheine nur so übereinander. Es war ein tiefes Schweigen in der Gaststube, während der dicke, junge Herr aus München seinen Schatz wieder in der Brusttasche verstaute. Die hübsche Wirtsmarei glotzte, die Hände über der Schürze gefaltet, mit offenem Mund und grossen, schwarzen Augen, und der Ägid, der Wirt, murmelte erschrocken:

„Ja — sind’s dann narrisch, so viel Geld zu zeigen — hier in der Öd?”

„. . . gerad’, damit ein jeder hier weiss, mit wem er es zu tun hat!” sagte der Herr Kürbl. Der Wirt wandte sich an den Tisch voll verwetterter, gebräunter Bauernköpfe in der Ecke.

„Der Herr hat recht, dass er zeigt, wie dick dass er wattiert ist! Der bringt Geld ins Dorf! Dös is an seltener Herr!”

Aber die stummen Blicke drüben blieben gefährlich. Der Güteragent, der seine Bauern kannte, zog behutsam seinen Kunden die steile, wurmstichige Treppe hinauf in die Fremdenstube oben, in der auf den Holzdielen die Äpfel ausgebreitet lagen und in dem muffigen Himmelbett eine schwarze Katze ihre Jungen betreute.

„Es ist mir auch offengestanden lieber, wenn wir ungestört sind!” sagte er. „Sie wissen, Herr Kürbl: ich geniesse seit so manchen Jahren den Ruf eines ungewöhnlich gewissenhaften Grundstücksvermittlers . . .”

„. . . da feit sie nix!” nickte Liborius Kürbl gönnerhaft.

„. . . und ich möchte noch einmal mit Ihnen ein paar Worte im Vertrauen sprechen!”

Das Gespräch dauerte eine halbe Stunde. Dann ging der Agent zur Tür.

„Gut also! Sie haben mich beruhigt, Herr Kürbl! Unten steht mein Wagen. Wir wollen schauen, dass wir vor Abend nach Pfaffing in ein halbwegs menschliches Quartier kommen!”

„Ich bleib’ hier!” Der Münchner streichelte die Katze im Himmelbett.

„Sie wollen doch nicht hier in der Flohkiste übernachten?”

„Warum nicht? Flöh’, Wanzen und Läus’ — das sind für mich Haustiere — vom Balkan her!”

„Aber bei der feindseligen Stimmung der Bevölkerung . . .”

„Ja gerad’, Baron! Wissen’s: ich bin ein Phlegmatikus und reg’ mich nicht leicht auf. Aber Furcht — nein — das gibt’s bei mir nicht!”

„Das hab’ ich schon gemerkt!”

„Und das sollen hier die Leute auch gleich im voraus von mir wissen, wenn ich künftig zeitweis’ in ihrer Mitte leben will! Mir fährt keiner an den Wagen!”

„Na schön!” Der Agent zuckte die Achseln. „Um zehn Uhr ist morgen der Termin. Ich hole Sie gegen neun mit meinem Auto hier ab!”

„Ist nicht nötig! Ich geh’ die halbe Stunde von dem Rammelnest hier bis Pfaffing leicht zu Fuss!”

„Durch den Wald? Kein Mensch jetzt draussen in der Nähe? Wo Sie eben das Sündengeld gezeigt haben? Das spricht sich ja ’rum wie ein Lauffeuer!”

„Wissen’s, Baron — Sie sind ein guter Kerl, aber einen Fehler haben Sie!” sprach Liborius Kürbl. „Man muss Ihnen alles dreimal sagen. Jetzt eben hab’ ich Ihnen erzählt, dass ich mich nicht fürcht’, und da sangen’s schon wieder an! Sie: das ist fad! Das mag ich nicht!”

„Ich bin morgen doch zeitig hier!” versetzte der Agent, stieg unten in seinen Kleinwagen und ratterte davon. Der Kürbl guckte ihm von seinem Fenster nach, recht behaglich, die Zigarre zwischen den dicken, geniesserischen Lippen. Er hatte von dort oben den Blick über die ganze Dorfgasse. Diese dunkelte allmählich. Aber sie wurde nicht wie sonst auf die Nacht hin leer. Es standen da schattenhafte Gruppen. Männerstimmen raunten. Aus der Wirtsstube unten drang Lärm und dazwischen die dröhnende Stimme des Kreuzpointners. Dann stiefelte der Gendarm mit langen Schritten einem wirren Geschrei am Dorfausgang zu:

„Sind da die Wülden gekommen oder was is los?” rief er. Der Bürgermeister, hemdärmelig, wie man ihn vom Dunghaufen geholt hatte, klapperte ihm in seinen Holzpantoffeln entgegen.

„Der Filzensimmerl is da und macht die Leute narrisch!” meldete er. „Ihm sei draussen vor seinem Häusl der Teifi erschienen”, spricht er, „und gegen den Teifi heisst’s zusammenhalten! Morgen vor dem Notar!”

„Wenn das nur dort net bös ausgeht!” Der Wachtmeister Florian Wiesböck schüttelte würdevoll seinen Kopf. „Mich dünkt, es wetterleuchtet über Pfaffing!”

IV.

Also ganz gross und vierecket is er dagestanden, auf der Wiesen vor meinem Häusl, der Teifi”, berichtete keuchend, mit irren Augen der Filzensimmerl den Bauern, die sich um ihn drängten, „und hat mir mein Hab und Gut abgefordert — der Münchner Aff’, der g’schnakelte, mit der Zigarre im Maul! Ich hab’ zuschlagen wollen, ihr Leut’, und ich hab’ mich nicht getraut! Derselbige hat zu grausame Augen gehabt und einen angeschaugt! Da kannst nix machen!”

„Und morgen, vor dem Notari, da wird der wampete Teifi wieder vorhanden sein”, schrie der Simmerl weiter, „und mir mei’ Häuserl absteigern. Er hat’s mir fest versprochen, eh’ dass er gegangen is! So einer hält sein Wort! Der lasst net aus! Das ist einmal gewiss. Ihr müsst mir helfen, Leut’! Ich bitt’ euch um eurer Seligkeit willen — helft’s!”

„Dös is a ganz a raffinierter Bazi”, bestätigte der Bacherlvater, und wies mit dem schiefen weissen Kopf zum Kirchturm hinauf. „Sturm müsst’s läuten — jetzt noch auf d’ Nacht, dass sie’s in den Dörfern rundum hören!”

„Ruhe jetzt!” gebot der breitschultrige Gendarm Wiesböck mit der strengen Dienstmiene eines Feldgrauen von einst.

„Ruhe — sagen’s?” schrie der hitzige Kreuzpointner, der mit seinem Anhang vom „Alten Wirt” her eingerückt war. „Wir Bauern wollen ja bloss Ruh—e haben — vor dem Gerichtsvollzieher . . .”

„. . . der heut’ wieder in Stoissham von einem Haus zum andern gelaufen ist”, ruft der hemdsärmelige Bürgermeister. „Ja — wo sollen wir’s denn hernehmen? Aus dem Mist kratzen können wir’s net!”

„Da schmeiss ich bald lieber meine ganze Sach’ hin und geh’ nach Amerika.” Eine rauhe Stimme von irgendwo aus dem Hofdunkel: „Dort könnt ihr mich gern haben!”

„Da!” Der Kreuzpointner hatte einen Stall aufgerissen und leuchtete mit der Laterne hinein. „Da schaut’s die gepfändeten Küh’! . . . A jede kein mit dem Wapperl auf dem Kopf!”

„So schaugt’s bei jedem hier im Dorf aus!”

Die Kühe verdrehten verdutzt die Hörner, an denen die Siegel des Gerichtsvollziehers klebten, bei der nächtlichen Ruhestörung. Es rasselte etwas. Der baumlange, zaundürre Bacherlvater, der in seiner Jugend ein ganz Wilder gewesen war, fuhr verschmitzt lachend einen schmutzigen Schubkarren vom Misthaufen herunter und kippte ihn um.

„Da derft’s lesen: Gepfändet wegen zwanzig Markln!”

Ja — da klebte zwischen den Dungspuren an der Holzwand das blaue Adlerwappen des deutschen Reichs von 1926 — der Simmerl gab dem Karren einen Tritt und ächzte, während der Zug sich durch die Dorfgasse weiterwälzte, mithumpelnd.

„I sag’s ja: der Teifi is im Land!”

„Da oben steht er ja!” schrie er dann plötzlich und deutete mit dem zitternden, hornigen Zeigefinger nach der einen hellen Scheibe des Oberstocks beim „Alten Wirt”. In dem Fensterrahmen war die behäbige Gestalt des Privatmanns Liborius Krübl sichtbar, der mit phlegmatischem Interesse die aufgeregten Bauern unten betrachtete, so als sässe er im Kino.

„Auf geht’s, ihr Leut’!”

„Holt’s den Münchner herunter!”

Aber der „Alte Wirt” hatte schon vor der Zeit Feierstunde geboten und das Haustor von innen verschlossen. Vor dem Eingang hatte sich der Wachtmeister Florian Wiesböck aufgepflanzt. Sein Revolver stak zwar noch im Futteral, aber es klang doch sehr nachdrücklich, als er sagte:

„Jetzt hört’s auf mit die Sprüch’ und geht’s schlafen! Morgen ist auch noch ein Tag!”

„Morgen beim Notar!”

„Gelt — ihr kimmt’s alle nach Pfaffing eini!” bettelte der Filzensimmerl.

„Da lässt keiner aus!” bestätigte der Kreuzpointner, und alle Köpfe nickten. Bloss die Wirtsmarei, die schwarze Katz’, konnte sich nicht enthalten, auf dem Treppenabsatz zu blecken:

„Hintenauf tatscheln — dös könnt’s ihr Mannsbilder! Jetzt weist mal morgen, was ihr sonst vermögt!”

Und bei den Worten der schwarzen Marei bekam es der Simmerl plötzlich mit der Furcht in seinem verwirrten, verstörten, alten Kopf. Herrgott — wann’s nur net morgen doch ausbleiben — die Stoisshamer — und ich steh’ allein vor dem Notar und dem Teifi da oben — dann gnad’ mir Gott — ich weiss mich nicht zu wehren! „Helft’s, ihr Leut’! Helft’s einem armen, alten Krauter, der wo nix auf der Welt hat als das bissel Land und Weib und Kind, und eh’ bald heimfahrt zu unserem Herrgott . . .”

Aber wer soll helfen? Wer? Eine blinde Angst packte den Filzensimmerl. Er lief davon, vor das Dorf hinaus, blindlings in die Nacht . . . Patsch . . . da war er schon mit einem Bein im Moor, zog es nass heraus. Gewann wieder den schmalen Fahrweg. Zu beiden Seiten dunkelten die Streuwiesen. Alles war still bis auf das sanfte, klagende Kä—kä, mit dem die Sumpfohreule in unhörbarem Schattenflug dicht über dem Boden hinstrich und sich die Mäuse aufgriff.

Dann warnte da das dumpfe Bellen eines grossen Wachhundes und ein einsamer Lichtpunkt blinkte auf — das hellerleuchtete Fenster in einem kleinen Blockhaus, überall lagen Federn und Flaum auf dem zerkratzten Boden. Aha — das war bei der Spinneten — der Städtischen — der Geflügelzüchterin . . . Und da stand die Frau selbst im hellen Schein des Fensters vor ihrer Farm Erika — mit der linken Hand die Augen schirmend, in der rechten ein Schrotgewehr — net schlecht anzuschauen — das musste sich der Simmerl schon sagen — frisch und jung — braune, lebhafte Augen — ein bissel zu dünn die Frau — für das, was man auf dem Lande gewohnt ist — aufg’futtert g’hört sie — aber schon sehr a Hübsche. Bildsauber, bald du sie so aus der Nähe anschaugst . . .

Blass war sie jetzt, die Städtische, und hat gezittert, als sie dem Alten in die verrunzelten Züge geguckt hat, bald aber hat sie aufgeatmet, dass das kein Böser nicht war.

„Mir war so bange!” sagte sie hochdeutsch. „Nicht für mich, sondern für meine Kinder!”

„Jesses! Vor ’nem Mandl wie mir?”

„Nein! Vor dem Radl-Kramer! Ich hab’ mir immer eingebildet, es schleicht wer ums Haus! Da konnt’ ich mir nicht helfen. Ich musst’ ’raus und nachschauen!”

„Da draussen bringt dich der Radl-Kramer eh’ um, Frau!” tröstete der alte Gütler. Dann stieg jäh wieder der Koller in ihm hoch. Er schrie:

„Was soll er denn dir tun, Frau? Du hast ja nix! Wann der Radl-Kramer kommt, dann bestell’ ihm: er soll heut’ Nacht noch mit dem Münchner abfahren — mit dem Wampeten in Stoissham — oben beim Alten Wirt! Da erhält er was Recht’s! Das ist ein Schmankerl für die Höll’!”

Er schaute der jungen Frau kopfschüttelnd in das klare Gesicht. Das war recht weich geformt, wie es sich für ein junges Weibsbild gehört. Aber um dem Mund herum — da hatte sie doch so etwas Festes, Ruhiges. Die weiss, was sie will! Die geht fei’ geradaus! Da derfst ruhig sein . . .

„Ich kann dir nix helfen, und du kannst mir nix helfen!” sprach er. „Aber da draussen im Filzenlager is einer — ein ganz ein Gewaltiger — der helfen kann, bald er nur mag . . .”

„Meinen Sie den Grossen, Starken mit dem Vollbart und den merkwürdigen grossen blauen Augen?”

„Denselbigen! Aber ich kenn’ ihn net, den Mann!”

„Ich auch nicht! Begegnen tun wir uns ja oft! Aber angeredet haben wir uns noch nie!”

„Der hat an Ansehen da draussen in den Filzen! Vor dem ducken sie sich weit und breit! Schau, Frau — zu dem ist jetzt mein Bittgang. Vielleicht, dass er sich meiner derbarmt!”

Die junge Frau schaute vor sich in das Dunkel, als riefe sie sich das Bild des Retters aus der Not da draussen in die Erinnerung zurück: Äusserlich einer aus dem rauhen Filzenvolk wie jeder andere auch, die zerarbeitete Taglöhnerjacke, die zerfaserte Hose vom Morast schwarz gefleckt, die hohen Stiefel vom Moorschlamm überkrustet, den Schlapphut über dem tiefbraun gebrannten Gesicht, von Wind und Wetter fahl gebleicht — genau wie jeder andere . . .

Nur dass er sich auf hundert Schritt von jedem unterschied. Durch die straffe Haltung. Und durch den festen Gang. Durch die harte Art, den Kopf im Genick zu tragen. Ganz ein Mann für sich. Gott weiss wer.

„Stecken Sie sich nur hinter den starken Mann da draussen, Simmerl!” sagte sie. „Zu dem hätt’ ich auch Zutrauen!”

„Ich geh’ jetzt zu ihm!” sprach der Simmerl hoffnungsvoll.

„Und sagen Sie ihm doch”, die junge Frau zögerte einen Augenblick. „Wir kennen uns doch nur vom Sehen! Er grüsst mich immer, wenn er hier vorbeikommt! — Also die Farmerin von der Geflügelfarm Erika liess ihn auch schön bitten, er möge doch ein gutes Werk tun und Ihnen beistehen!”

„Ich glaub’ ja net, dass ein solchener sich darum schert, was ein Weibsbild daherredet”, versetzte der Filzensimmerl treuherzig. „Aber ich werd’s ausrichten! Schuldigen Dank, Frau! P’füt di Gott!”

V.

Der Simmerl-Nikodem stapfte weiter „pfeilgerad” in die Nacht und das Moor hinaus. Hätte einer den gebückten Alten da keuchend auf seinen Säbelbeinen über den quatschenden Sumpfboden humpeln gesehen, der durfte meinen, der Filzgütler würde durch Irrlichter auf Nimmerwiederschauen in den Morast verlockt. Denn da draussen bewegten sich unruhig Feuerpunkte in der Finsternis hin und her, blinkten auf und verschwanden.

Aber den Simmerl kümmerte das nicht. Auch nicht die vielen hundert stillen Nachtmänner, die undeutlich rechts und links von dem Knüppelweg standen. Das waren keine toten Seelen oder sonst etwas Grausames, sondern die Türmchen von übereinander gestapelten und gekastelten, in der Luft trocknenden Torfstücken. Und die huschenden Irrlichter waren die Laternen von spät in ihr Lager heimkehrenden Torfstechern, und deren wandernde Barackenburg selbst war ein in der unendlichen Nacht verlorenes und verschwommenes Stück Dämmerschein von Licht und da und dort zerstreuten, hellen kleinen Fenstern.

Manche der Scheiben waren schon dunkel. Dahinter schliefen sie nach des Tages Müh’ und Arbeit — die Filzarbeiter, mit Weib und Kind in ihren flüchtig genagelten Holzbuden, und die Unverheirateten unter der dünnen Dachpappe ihrer Hütten. Kaum dass irgendwo ein Säugling greinte oder ein Köter kläffte, als der Simmerl vorsichtig, als wär’ er ein Dieb in der Nacht, der noch hell erleuchteten Kantine zuschlich.

Drinnen in dem Wellblechschuppen schrien sie hübsch durcheinander, die Filzer — könnt’st meinen, das wär’ wie vor der Rauferei auf der Kirchweih! Es waren keine Läden vor den Fenstern. Der Simmerl konnte leicht, wenn er das verrunzelte, bange Gesicht der Scheibe näherte, in den tabakblauen Raum voll Torfleut’ blicken. Da waren zwei Parteien — das sah er gleich — die standen einander drohend gegenüber — recht in Hitze beide, wo’s doch schon für Maulschellen und Messer viel zu spät auf die Nacht war. Die einen, das waren weitaus die Mehrheit. Und der vor ihnen — ihr Fürsprecher — der Simmerl faltete die Hände — gelobt sei Jesus, Maria und Josef — das war er selbst — der Grosse, der Starke, der Nothelfer, hager, lang, sehnig von Gestalt, in seinen hohen Dreckstiefeln, mit seinem wilden, braunen Haarbusch und dem dichten, braunen Bart über das halbe Gesicht, der ihn älter machte als er überhaupt war. Mochte nicht viel über die Dreissig sein, bald du ihn näher anschaust, und Augen hat er im Kopf — da derfst dich schon fürchten — seine Stimme geht hart und hell, ganz wie von einem Herrischen, der das Befehlen gewohnt ist, so wie’s der Simmerl in seiner fernen Dienstzeit vor vierzig Jahren bei den Luitpold-Kanonieren in München gekannt hat, laut genug, dass man’s durch die Scheiben hört.

„Sie sind völlig überflüssig in Deutschland”, sagt der gefährliche Torfstecher da drinnen schneidend zu seinem Widerpart in der Kantine und dessen Häuflein finstere Gesellen hinter ihm. Er spricht hochdeutsch, gerad’ wie die Städtische da hinten in der Farm. „Sie, und ihr roten Brüder aus Moskau alle, die hier wie die Flöhe in den Filzen herumwimmeln! Schauen Sie, dass Sie nach Russland heimkommen, und überlassen Sie die dummen Kerle, die Sie hier verhetzt haben, gefälligst mir! Ich werde schon dafür sorgen, dass die Kameraden wieder zur Vernunft kommen und gute Deutsche werden!”

„Was hat denn der ,Golds Russki‘, der Latrinenwisch, hier zu suchen?” donnerte er plötzlich und fegte mit einer unheimlichen Bewegung der flachen Hand, so als wollte er einen köpfen, ein verknülltes, fettfleckiges Zeitungsblatt vom Tisch: „Wenn es in Russland so herrlich ist, wie Sie’s hier den Leuten in den Filzen predigen — warum leben Sie denn dann hier in der Fremde im Dreck? Weshalb zieht’s Sie da nicht mit Gewalt nach dem Moskauer Paradies zurück — he — Herr Jefroykin?”

Der, mit dem der Wildäugige sprach — der Simmerl sah es durch das Fenster — war schon ein z’widerer Mensch — flachbrüstig, mit schmalen Hängeschultern. Rötliches Haar hatte er, einen rötlichen Vollbart und stechende, schwarze Augen. In dem unstäten Elsternblick, mit dem er dem anderen ins Gesicht schaute, in der krummen Nase und der hängenden Unterlippe, in dem aufgeregten Händegefuchtel und geschmeidigen Schulternzucken steckte selbst für des Filzensimmerls unkundigen Blick schon der echte Schlawiner, so einer aus dem Ghetto des fernsten Ostens. Auch sein geläufiges, aber fremdartiges, sonderbar singendes Jiddisch-Deutsch mit dem uralten, unheimlichen Lächeln der Lippen besagte genug.

„Hättet ihr mich nicht im Krieg gefangen nehmen sollen, Herr Johannsen! Wäre ich nicht nach Deutschland gekommen!”

„Alle russischen Kriegsgefangenen sind seit vielen Jahren zurück!”

„Nü — ich bin geblieben! Es sind viele noch da! Es sind noch mehr gekommen!”

„. . . weil unsere schlappen Regierungen euch nicht hindern, das Volk zu vergiften . . .”

„Was heisst vergiften?” Eine kränkliche Schulterbewegung Jefroykins.

„. . . sondern sie lässt euch ungehängt in Deutschland herumlaufen, um sogar hier, wo sich Fuchs und Wolf gute Nacht sagen, uns allerärmsten Leuten zur Last zu fallen!”

„Armes Volk. Sehr armes Volk!” sprach Jefroykin mit einem weichen, nachgiebigen Lächeln. „Muss man aufklären! Arbeite ich in der Mitte der Ärmsten . . .”

„Wer hat Sie denn je schon mit einem Grabscheit in der Hand gesehen, Chaim Jefroykin?” Der Torfstecher Johannsen trat dicht vor den Rothaarigen hin, der ihn rätselhaft von unten her aus seinen geröteten Lidern anblinzelte. „Bei der Arbeit daneben stehen und aufhetzen — das ist Ihre Tätigkeit. Woher haben Sie nur immer Geld, während Sie nichts tun? Von welcher Stelle bekommen Sie die verfluchten Hetzblätter, die Sie überall verteilen?”

„Frag’ ich nach Ihren Sachen?” sagte Jefroykin. „Nix kümmere ich mich darum, Herr Johannsen! Tät’ man auch vielleicht manches Interessante hören!”

„Das einzige Bemerkenswerte an mir ist, dass ich alle die Kameraden da hinter mir wieder zu guten Deutschen bekehrt habe. Die waren mutlos. Ihnen war die Zeit zu viel für unser bisschen Menschenverstand. Sie waren verdrossen. Vielen war überhaupt alles gleich. Diese alle habe ich aufgerüttelt. Weithin, wo die Lager in den Filzen sind. Das ist gewiss nicht mein Verdienst! Es geht so von mir aus. Die glauben jetzt, dass es einmal wieder bei uns in Deutschland besser wird, und haben neuen Mut! Da sollen Sie rotes Moskauer Gespenst mir nicht mehr lange in die Quere kommen! Schauen Sie jetzt zu, dass Sie in nächster Zeit von hier verschwinden, oder . . .”

„Nü — oder . . .?”

„Oder ich werde dafür sorgen, dass Sie kein Vergnügen mehr am Aufenthalt hier finden!”

Jefroykin ging nach der Tür, ein paar finster blickende Filzer mit ihm. Er hatte immer eine demütig gebückte Haltung, aber dabei ein grausam listiges Lächeln, während er noch einmal stehen blieb und sagte:

„Glaub’ ich nicht, dass Sie mir etwas tun!”

„Verlassen Sie sich darauf, dass ich Sie auf den Trab bring’!”

„Wie denn? Und die Behörden? Werden Sie sagen: die Behörde ist weit. Sie findet nicht leicht den Weg hier heraus! Aber wenn hier etwas geschieht, kümmt sie doch — die Behörde . . .”

„Dann wird sie endlich mit der Nase darauf gestossen, was Sie sind, und was Sie hier treiben!”

„Sag’ ich Ihnen das Gegenteil!” Die Sprechweise des Moskauers wurde plötzlich schnell, rabulistisch. Das geläufige Händespiel verwandelte sich in einen Dolchstoss mit dem Zeigefinger gegen den straff breitbeinig, finster dastehenden Torfstecher Johannsen. „Wird die Behörde nicht mich suchen, sondern den, der Gewalt gegen Chaim Jefroykin aus Kischinew verübt hat. Wird Sie, Herr Johannsen, nicht mich fragen: Nü — wer sind Sie eigentlich? Zeigen Sie doch mal Ihre Ausweise! Gottes Wunder — was sind das für welche? Gibt’s nicht auch falsche Papierchens, Herr Johannsen? Was sagen Sie nü?”

„Hinaus jetzt!”

„Ich hab’ nix gesagt!” Jefroykin trat eilig über die Schwelle. „Hat das ’ne Wichtigkeit, was ich red’? Ein armer Ausländer?” Er blickte noch einmal schadenfroh über die Hängeschulter zurück. „Vielleicht überlegen Sie sich’s noch, Herr Johannsen! Meinen Sie nicht?”

Chaim Jefroykin schlurfte mit seinen Getreuen davon, einer etwas abseits gelegenen Baracke zu. Dort war in dem Torfstecherlager das Standquartier Moskaus, auf dessen schwarzem Pappdach bei Tag das blutrote Sowjetfähnchen im Ödwind flatterte, und an dessen Holzwand innen die Bilder Lenins und Liebknechts angenagelt waren.

Der Filzarbeiter Johannsen stand hell im Licht, auf der Türschwelle der Kantine, hager, straff und sehnig, mit auf der Brust gekreuzten Armen, und blickte verächtlich aus seinen durchdringenden blauen Augen dem Rückzug Russlands nach. Hinter ihm drängten sich die verwetterten und verwitterten, braunen Köpfe der Torfgräber. Einer von ihnen, ein grosser, kräftiger, bärtiger Mann mit dem verwaschenen Band des Eisernen Kreuzes auf der ausgeblichenen Arbeitsjoppe hob eine arbeitsharte Faust.

„Ich tät’ dem Russki, dem hundsledernen, gleich auf der Stell’ an Schwung geben . . .”

„. . . dass er bis nach dem Moskau hintri fliegt”, ergänzte mit heller Stimme ein junger Fanatiker, fast noch ein Bub. Johannsen zupfte ihn väterlich am Ohr.

„Red’ nicht mit, Domini! Das verstehst du noch nicht!” Und dann zu dem alten Frontsoldaten: „Schau, Gori — mir zuckt’s ja auch in den Fingern. Aber es heisst warten!”

„Meinst, Klaus?”

Der Torfstecher Klaus Johannsen nickte.

„Ich will erst den Ort im Moor ausfindig machen, wo der Jefroykin seine verdammten Hetzschriften versteckt hält und von da aus verteilt. Das muss ein ganzes grosses Lager von stinkiger Druckerschwärze sein. Es ist wie ein heimlicher Brandherd mitten im Moor. Dort trifft sich der Jefroykin nachts mit den anderen Moskowitern, und sie hecken neues Sauzeug aus. Da möcht’ ich sie, wenn sie schön auf einem Haufen beieinander sind, mit euch zusammen . . .”

„. . . umzingeln und fei’ abzwicken!” rief der bärtige Gori begeistert.

„Ich bin ihnen schon auf der Spur!” sagte Klaus Johannsen. „Heute vor Sonnenaufgang schleich’ ich mich auch wieder hinaus!” Er beugte misstrauisch den hartgeschnittenen Kopf vor. „Da hinten rührt sich doch etwas im Schatten?”

„Gleich gehst bei!”

„Ja — wer is denn das Manderl aus der Nacht?”

„Ich kenn’ ihn nie net!”

„‘s is halt der Filzensimmerl!” rief die Knabenstimme des Domini Kastl. „Weiter nix!”

„Ja — was machst denn nachher du hier? Du zitterst ja am ganzen Leib! So red’ doch!”

„Tut dir keiner was, Simmerl!”

Das alte Bäuerlein krampfte den Hut in den Händen. Es humpelte erschöpft in die Mitte der Filzer. Die heissen Tränen liefen ihm über das verrunzelte Gesicht. Es keuchte:

„Helft’s, Leut, helft’s!”

„Bist leicht dem Radl-Kramer begegnet?”

„Selbiger Näuber wär’ mir lieber als der dicke Teifi, der wampete Münchner, oben beim Alten Wirt in Stoissham. Der hat a Geld! Er macht vor allen Leuten seine Brieftaschen auf. Da stecken die Tausendmarkscheine übereinander, dick wie die Kirchweihnudeln!”

„Was geht das dich an, Simmerl! Du bist alt! Wannst wieder auf die Welt kommst, wirst vielleicht ein ganz Reicher!”

„Mit dem Geld will er mir doch mein Gütl nehmen!” wimmerte der Filzensimmerl. „Das tät’ der Radl-Kramer nie net! Da würd’ sich selbst ein Räuber im Wald schämen! Aber der Wampete aus München net!”

„Die Stoisshamer haben mir zwar versprochen, sie ziehen morgen vor dem Notar seinem Haus auf und lassen keinen herein”, wandte er sich atemlos an die gedrängten, braungebrannten Gesichter in der Runde. „Aber schaut’s: die Stoisshamer haben selber Häuseln. Denen bangt’s am Ende um ihr eigenes bissel Fahrnis, wann’s wider die Obrigkeit aufbegehren! Ihr hier — ihr seid nix! Ihr habt nix! Euch kann keiner etwas nehmen! Ihr dürft’s Mäu’ aufmachen! Und wann sie sogar einen von euch einsperren täten, so hat er’s im Winter dort wärmer als hier draussen und tut sich leichter mit der Arbeit!”

„Ich hab’ wie ich jung war, akkurat so Torf gestochen wie ihr, um mein Gütl zu gewinnen!” Der Filzensimmerl hatte das Hütl auf den weissen Kopf gestülpt und faltete die Hände. „Ich weiss, was dies für ein blutsaures Brot is — genau wie ihr. Ich bin einer von den eurigen! Ihr tätet euch ja so leicht mir zu helfen. Ihr geltet für keine Guten, wann man euch z’nahe kommt. Wann ihr euch bloss beim Notar draussen hinstellt und redet miteinander übers Wetter oder sonst etwas, nachher getraut sich der dicke Saukerl mitsamt seinen Tausendmarkscheinen gar net erst hinein!”

„Wir lassen ihn fei’ net durch, bald er kommt!” rief der junge Kastl-Domini. Klaus Johannsen winkte ihm ab.

„Erst soll mir der Simmerl genau erzählen, wie alles liegt!” sagte er. „Dann werden wir schauen!”

Der Filzensimmerl berichtete, unter Zittern und Tränen. Er schloss:

„Ich hab’s gerad’ gesagt, wie’s eben is! Wahr und wahrhaftig! Da tu’ ich darauf einen Eid . . . Wer weiss, wie bald ich heimfahr’! Da möcht’ ich doch net als Sünder vor unserm Herrgott hinstehn. Also glaubt’s mir, ihr Leut’!”

„Simmerl — du lügst nicht! Das merkt man dir an!” Der Torfstecher Johannsen schaute aus seinen stahlblauen Augen auf die schweigenden Arbeitsmänner aus Moor und Moos um ihn her. Er fragte sie nicht. Er befahl:

„Kameraden: dem alten Mann da geschieht bitter unrecht! Da mag in den Gesetzbüchern stehen, was will! Dem Alten verteidigen wir sein Gütl. Wir lassen morgen eine halbe Tagschicht fahren und marschieren nach Pfaffing!”

„Und jetzt hör’ auf, dich zu bedanken!” sagte er, als der Simmerl kein Ende fand mit Händedrücken, und wie er mit den Seinen für sie alle wegen der Guttat fleissig beten wollt’, „und mach’, dass du heimkommst! Was hast du denn noch?”

„Ich hätt’ bald auf einen Auftrag vergessen!” sprach der Simmerl. „Von der Städtischen! — Weisst — die da drüben — die unserm Herrgott ins Handwerk pfuscht und macht sich die Gickel selber in einem Kasterl mit einem Ofen. Sie spricht, sie kennt dich vom Sehen und du sie auch . . .”

„Ja!” sagte der Torfstecher Johannsen schnell und lebhaft. „Was ist denn mit ihr?”

„Warum regst dich denn so auf?”

„Ach — nichts!”

„Ich hab’ gedacht, die Hühnerfarmerin, die neumodische — sie ist selber so eine abscheuliche Henne. Aber bald du mit ihr red’st, ist sie ganz kommod. Und sie lässt dir sagen, sie tät’ auch recht schön für mich bitten!”

Klaus Johannsen lachte. Er hatte plötzlich ein ganz verändertes belebtes Gesicht.

„Also — wenn du die Dame wiedersiehst”, sagte er, „dann bestell’ ihr von mir, ich tät’ es schon von mir aus. Aber ich freute mich, dass sie auch ein Herz für fremde Not hat! Leb wohl, Simmerl!”

Das ist ein froher Heimweg, Simmerl! Durch die stockfinstere Nacht, in der am Himmel tausend Sterne tröstend funkeln, als spräche unser Herrgott: „Simmerl — ich bin doch da!” Leicht wird der breiige Moorweg dem Simmerl, als wär’ er zwanzig Jahre jünger. Mit einem dankbaren Lächeln um die eingefallenen Lippen tritt er daheim in die Stube und stösst nur hervor:

„Helfen tun’s! Z’sammenhalten tun’s alle!”

Die Angehörigen Simmerls sind sämtlich wach — sein Weib und sein Sohn, der Beni, und die Afra, die Braut. Der Simmerl setzt sich hin und berichtet. Dabei wird ihm die Stimme unsicher, und er stockt. Die Seinen sind doch nicht so froh, wie er denkt.

Die beiden Frauensleut’ — sie haben Angst vor Gewalttätigkeiten morgen in Pfaffing! Wann da nur kein Blut fliesst!

„Mei: Im Wirtshaus ist das am Sonntag manchmal der Fall! Dafür haben wir den Doktor und den Bader auf der Welt. Aber so sind’s — die Weibsleut’! Da darf man nix drauf geben!”

Der Beni wieder — der braucht Zeit, nach seiner Art. Der hat es sich jetzt überlegt und fragt:

„Ja — und die Schandarmerie?”

„Was vermag der Wiesböck und der andere Wachtmeister zu zweit gegen soviel Leut’?”

„Ihr letzt hier draussen in der Öd!” spricht der Beni. „Ihr seid da nicht kundig. Ich bin jetzt seit Jahren in der Stadt. Da weiss man mehr von so etwas! Dort sind die Behörden.

Übereinander sitzen’s da — die Ämter! Meinst, die Behörden lassen mit sich spassen?”

„Ja — und was sollen’s denn tun — die Ämter?”

„Hast noch nie etwas vom Telefon gehört? Und von Lastkraftwagen? Mit denen schicken’s in einer halben Stund’ Schandarmen, soviel sie nur gerad’ mögen, nach Pfaffing! Nachher ist’s g’fehlt!”

Jetzt herrscht tiefe Stille in der Stube. Die Filze draussen schweigen. Und die Menschen, die hier leben, haben’s von ihnen gelernt. Jedes denkt sich sein Teil. Dann steht die Simmerl-Mutter auf.

„Ich geh’ schlafen!” spricht sie erschöpft. Mit ihr steigt die Afra die Hühnertreppe zum Oberstock des Häusels empor. Der Beni ist in den Stall gegangen. Von da holt er sich ein paar Bund Heu, macht sich in der Milchkammer ein Lager und wirft sich drauf, ein paar Minuten später könntest du lange rütteln, bis du ihn aufweckst.

„Vater — wo bleibst denn? Kimm!” ruft von oben die zittrige Stimme des alten Weibleins. Aber der Simmerl schüttelt den weissen Kopf.

„Ich kann net schlafen! Ich bleib’ hier unten!”

Auf der Ofenbank sitzt der Simmerl. Die Kacheln dahinter sind noch lau. Kannst du zur Not noch den alten Buckel wärmen und vor dich hingucken, in den gelben Lichtschein der Petroleumlampe auf dem Bauerntisch und spintisieren.

Recht hat er, der Beni: sie werden sich schon nichts bieten lassen, die Herrn in Pfaffing! Werden telefonieren, und da hupt’s schon, die Lastwagen kommen angerollt, und auf ihnen hocken die Gendarmen gleich reihenweise, wie die Krähen auf den Telegraphendrähten.

Der alte Simmerl fängt an zu schnaufen vor Angst. Er denkt weiter: die Gendarmen springen vom Wagen herunter, drängen die Leute zurück und bilden zwei Ketten vor dem Notar. Mitten zwischen ihnen durch stolziert, so recht dick und aufgeblasen, der Münchner ins Haus hinein, keiner darf ihm etwas tun. Die Gendarmen schützen ihn . . .

Was sollen sie da machen? — Wenn sie überhaupt kommen — die Stoisshamer?

Der Filzensimmerl wischt sich den Angstschweiss von der Stirn. Er kann sich nicht wehren. Das ist bei ihm jetzt schon ein Zwangsbild: da sitzt der Notar und liest etwas vor. Drinnen steht der Münchner, nimmt die Feder und unterschreibt etwas. Nachher gehört das Simmerl-Gütl halt ihm. Und draussen passen die Gendarmen fei’ auf, dass keiner den Teifi stört!

Was sollen sie da machen — wann die überhaupt kommen — die Filzer?

Na — mein Lieber — so geht’s nicht!

Der Filzensimmerl stand mühsam auf und schaute durch die Scheiben. Die Neumondnacht war nicht mehr so schwarz als bisher. Es lag schon etwas wie das erste ahnende Morgengrauen in der bittern, zähen Nebelluft.

In ein paar Stunden darfst betteln gehn, mein Lieber, wann du den Teifi nicht aus der Welt schaffst . . .

Der Simmerl-Beni, der Sohn, hatte einen gesegneten Schlaf. Aber im Oberstock weckte die dunkeläugige Afra die alte Theres.

„Mutter — mir ist gerad’, als wär’ eben die Haustür gegangen . . .”

Die beiden Frauen machten sich ein bisschen zurecht und stiegen die Treppe hinunter. Im leeren Wohnzimmer verqualmte die Petroleumlampe.

„Jesses — wo ist denn der Vater hin?”

Nirgends in dem kleinen Haus. In dem kleinen Stall. In der Holzlege. Im Waschhaus. Da war kein Ort, wo sich der Filzensimmerl unbemerkt hätte aufhalten können.

„Er wird sich doch kein Leid angetan haben?” Die alte Simmerl-Theres rang die Hände. Der Beni war jetzt auch auf die Beine gekommen. Er überlegte. Dann zeigte er auf einen leeren Nagel an der Wand.

„Da hat’s Gewehr gehangen!” sagte er. „Das hat der Vater mit sich hinausgenommen. In die Nacht!”

„Um Gotteswillen — spring’ ihm nach!”

„Wie soll ich den Vater da draussen finden, wo du kaum schon die Hand von den Augen siehst? Jetzt kannst nix tun als beten, Mutter!”

VI.

Aus der Nacht um das Simmerl-Häuserl wird langsam ein neuer Tag. Die endlose bayrische Hochlandfläche erhellt sich, und es ist, als lohte in ihrem Osten ein ungeheurer Moorbrand über der öden Welt. Ein blutiges Rot ist dort der ganze Horizont. Aber über ihm qualmen keine schwarzen Rauchwolken wie sonst, wenn die Torfgründe unlöschbar, Wochen und Monate lang, bis in ihre Tiefen glimmen, sondern der Himmel darüber ist zart lichtgrün, mit langen, rosigen Querstreifen durch aschgraue Wölkchen. Als ein purpurnes Riesenauge hebt sich der Sonnenball über ein weisswogendes Nebelmeer. Alle die Sumpfwiesen da unten dünsten, die Moorlachen, die Torfgräben, die Birkenmoraste. Die Erde ist vor fliessenden Schwaden noch nicht zu sehen.

Jetzt, wenn der Himmel blaut, regt’s sich im Röhricht. Die wilden Enten schwatzen leise. Überall, wo die scharfen Schilfstauden ragen, die schwarzen Binsenköpfe im Nebel nicken, werden sie rührig, die sonderbaren fremden Gäste, die das bayrische Moos nur ein paar Wochen in Herbst und Frühjahr auf der Durchreise beherbergt: der rostrote Haubentaucher steht aufrecht wie ein Pinguin, mit der weissen Ratsherrnkrause um den spitzen Schnabelkopf und seinem doppelten schwarzen Federbusch, die langschnäbelige Wasserralle, braun wie ein Rebhuhn, rüstet sich flügelschlagend zur Italienfahrt, der aschgraue Strandläufer rennt geschäftig das Schlammufer entlang.

Und da, wo die Moore bald ausgehen, schon nahe bei dem Dorfe Stoissham, da hat es schon lange vor Sonnenaufgang mit dem Kikeriki der Zuchthähne und den Fisteltönen der Junggickel den Morgen angekräht, da gackert es jetzt durcheinander, und das Hühnervolk strömt mit Hunderten von roten Kämmen aus der Farm Erika hinaus zum freien Auslauf über die Heide.

Drinnen, in den leeren Ställen, ist jetzt genug zu tun. Die steinernen Böden ausschwemmen — Gertrud Hellwig, die Geflügelzüchterin, schwingt mit aufgekrempelten Ärmeln den Pumpenschwengel, und ihre Kinder, der Hansel und die Lütte, schieben die Eimer unter das Rohr — die Futtertröge mit Mais und Gerste richten — dem Panje-Gäulchen ein paar Handvoll Hafer und viel Häcksel in die Krippe schütten — die weisse Saanenziege melken für das Frühstück. Beim Einbrocken des Schwarzbrotes in die Milchteller horchte die junge Frau auf.

„Komisch, dass sie um die Zeit vom Kirchturm in Stoissham läuten!”

„Ich hör’ es auch von Osterried drüben!” sagte das keine Stimmchen der Lütte.

„Vorhin ist ein Mann vorbeigegangen”, verkündete der Hansel eifrig mit vollen Backen. „Er hat g’sagt, dös wär’ fei’ a Sturmläuten — meinte derselbige . . .”

„Hansel — sei so gut und sprich hochdeutsch!”

„. . . weil es den Bauern bald zu eng wird!” schloss der Bub. „Mutti: bring’ doch a rechte Kuhschellen aus der Stadt mit, damit ich auch Sturmläuten kann!”

„Ach — helft lieber die Eier packen!”

Die Trinkeier trugen alle den blauen Stempel „Farm Erika” und das Datum. Die seinen Fingerchen der Kinder reichten sie behutsam in die Pappfächer der Versandschachteln. Ihre Mutter verpackte inzwischen mit ihren kleinen, peinlich sauber abgeseiften, aber arbeitsroten Händen die geschlachteten und gerupften jungen Hühner in die Eisenbahnkörbe. Die Begleitadressen für die Geflügelhandlung in München lagen schon bereit. Jetzt kam das Hauptstück: das Panjepferdchen.

„Mutti, heut’ ist die Kathinka wieder mal arg grantig!” kam der Hansel aus dem Stall. Die struppige Zwergstute war steinalt. Sie hatte ihre Kriegserinnerungen aus den Karpathen und hielt nicht mehr viel vom Leben. Es gab einen Kniff, ihr von der linken Seite, wo sie auf dem Auge blind war, beizukommen, ehe sie mit dem linken Hinterhuf auskeilen konnte — auf dem vorderen Knickebein war sie ohnedies lahm — um ihr dann schnell das Kopfgestell über die Ohren zu ziehen.

Gertrud Hellwig hatte darin Übung. Sie sass auf dem Bock des Wägelchens, Zügel und Peitsche in der Hand, Eierkasten und Geflügelkörbe hinter sich. Jetzt sah sie wirklich in dem breitrandigen, grauen Filzhut, der knappen, grauen Jacke mit Hirschhornknöpfen, dem kurzen, grauen Rock und den hohen Stiefeln wie eine Farmerin aus.

Sie fuhr los. Dies Haus Erika musste inzwischen der drinnen eingesperrte Ajax, der grosse Kälberhund, mit seiner warnenden Donnerstimme bewachen. In Stoissham setzte Gertrud Hellwig den Hansel und die Lütte bei der Pflegeschwester vom dritten Orden, der Kordula, ab.

„Ich bitt’ Sie: verwahren Sie mir irgendwo die Kinder, wenn sie aus der Schule kommen, bis ich wieder zurück bin! Ich lass sie nicht allein nach Hause gehen! Der grässliche Mensch, der Radl-Kramer, ist wieder in der Gegend!” bat sie, Unruhe in den braunen, lebhaften Augen und auf den hübschen, windgeröteten Zügen, die Tertiarerin, deren vollwangiges, blühendes Matronengesicht unter der grossen weissen Flügelhaube nickte.

„Ist schon recht! Aber wollen Sie denn wirklich gerade jetzt nach Pfaffing? Dort ist’s heut’ nicht recht sauber!”

„Ich muss! Sonst steigt mir der Händler in München aufs Dach. Eine Geschäftsfrau muss pünktlich wie ’ne Uhr sein, Schwester!”

„Ich lauf’ in einer Stunde auch nach Pfaffing hinein ins Schwesterhaus!” sagte die rotbäckige Pflegerin Kordula. „Aber für den Bub und das Dirndl wird hier gesorgt. Da dürfen Sie sich darauf verlassen! Gute Reis’!”

Sonderbar leer war bei der Durchfahrt das Moordorf Stoissham. Nur der uralte Bacherlvater stand gichtbeinig da, baumlang und zaunackerdürr, mit seinem weissen Schopf.

„Wo die Mannsbilder alle hin sind?” kicherte er zu der jungen Frau, die die Zügel anzog. „Ich hab’ net mehr mitlatschen können, mit meinen krummen Haxen, sondern bloss mit Sturm geläutet. Sie, Frau — das war a Gaudi! Jetzt sind’s alle nach Pfaffing geradelt! Und noch ein Leiterwagen voll mit! Von Osterried sollen’s gar mit dem Autobui gekommen sein. Von überall her! Hört’s die Glocken läuten? Dös haut, sag’ i!”

„Sagen Sie, Bacherl — sind . . . sind auch welche aus den Filzen mit?”

„Dös glaubst! Ein ganzer Haufen Torfstecher is heut’ schon in aller Früh’ durchmarschiert! Der Lange, der Gefährliche — Sie kennen ihn g’wiss auch, Frau — der war voraus! So is recht — fangt’s sie nur zusammen, die Schlawiner aus München, aus dem Steinhaufen, dem verdächtigen!”

„Sch — lass du deine Sprüch’, du alter Haberer!” rief unter der Tür die schwarze Wirtsmarei, bei der der Bacherl tief in der Kreide sass.

„Gleich hältst dei’ Dreckschleuder!”

„Du alter Wilderer — du ausg’schamter, du . . .”

Der Bacherlvater bewegte in Erinnerung an seine wilde Jugend bedeutsam die dürren Lippen. „Ich mein’ als, das schmeckt heut’ nach Blut in Pfaffing!”

Unruhig belebt war die Landstrasse nach dem Marktflecken. Leute zu zweit auf Motorrädern, andere auf einfachen Radeln, welche zu Fuss — das kam von den Einödhöfen über die Feldwege her — das kutschierte mit leichten Schimmerln — alles musste auf das Städtchen Pfaffing hin und strömte durch die enge Spitzwölbung des alten Torturmes auf den weiten, rechteckigen Marktplatz, um den sich nach altem oberbayrischem Brauch die niederen Häuser reihen.

Da, auf dem Markt, findet einer alles, was zu solch einem wie aus der Spielzeugschachtel gepackten Städtchen gehört: das Pfarramt, die Apotheke, das Rathaus, das Amtsgericht, das Weissbräu, das Gasthaus zum Löwen und daneben der Notar. Von dessen Aussenschild und Klingel ist nichts zu sehen. Wenn schon der ganze Marktplatz schwarz ist von Menschen, so stehen sie da knüppeldick, die Leut’, und der heissblütige Kreuzpointner aus Stoissham sagt triumphierend zu der jungen Frau auf dem Wägerl:

„Da derf er sich mal durchdrucken, der Münchner! Wann er angerückt kommt und bieten will!”

„Ja — aber wie soll ich denn da durch? Herrgott — das ist doch dort um die Ecke der einzige Weg nach dem Bahnhof! Ich muss ja hin, mit meinen Eiern und Hühnern! Ich versäum’ sonst den Zug . . .”

„Ja — da schaut’s dumm her! Die Leut’ sind zu aufgeregt. Die gehn net aus dem Weg!” Der Kreuzpointner blickte ratlos auf das Gedränge. „Gerad’ wie wenn die Bienen stossen, hängen sie im Klumpen am Notar seiner Tür!”

Aber da fasste einer — ein Sehniger, Langer mit blauen Augen über dem dunklen Vollbart — ein Sonnengebräunter, der heute nicht die abgerissenen Torfstecherhabern, sondern ein leidliches, bürgerliches Gewand am Leib hatte — also dieser stellte sich vor das vielgeprüfte Panjepferd hin und nahm es dicht am Maul an den Zügeln.

„Geben Sie acht! Das Biest beisst!” schrie Gertrud Hellwig. Aber der Tagelöhner aus dem Torfstich verstand mit Pferden umzugehen. Rückwärts tretend zog er die Kathinka und das Wägelchen mit sich, er bahnte sich eben durch deren Wucht mit dem Rücken einen Weg durch den Bauernbann. Plötzlich waren sie draussen, und die beiden, die Farmerin und der Filzenarbeiter, schüttelten sich lachend die Hand, als wären sie alte Freunde.

„Schönen Dank!” Gertrud Hellwig schaute nach der Stationsuhr des Klingelbähnchens. „Aber Zeit hab’ ich verloren. Um Gottes willen — gleich fährt der Zug — ich komm nicht mehr zurecht mit meinem Kram!”

„Zu zweit schaffen wir’s!”

Die letzten Reisenden, Kälber und Milchkannen waren eben eingeladen. „Herrgottssakerment — wo kommt’s denn ihr zwei noch her — mit euren Körben und Schachteln? . . . Nix wie rein damit! Geht gerad’ noch!”

Das Zügle rollte fern in bedächtiger Schnelle davon. Gertrud Hellwig sagte, noch atemlos:

„Jetzt muss ich das Pferd einstellen . . . gegenüber in der Bahnhofswirtschaft . . .”

„Und dann?”

„Dann muss ich warten, bis sich die Kathinka für die Rückfahrt verschnauft hat. Sie soll ja schon siebenundzwanzig Jahre alt sein. Ein, zwei Stunden heisst’s jetzt schon hier sich die Beine vertreten!”

VII.

Sie gingen das krumme Güsschen zurück. Da war jetzt nicht mehr viel Volk. Es hatte sich allmählich nach dem Markt hin verzogen. Dort rückte der Zeiger der Rathausuhr langsam vorwärts. Wartet nur, bis es zehn schlägt, ihr Leut’, und der Notar sein Sprüchel herbeten will! Dann geht es auf mit dem Halloh! An Lärm hat es jetzt schon nicht gefehlt — ein Treiben wie auf dem grossen Viehmarkt zu Ostern — so voll die Stadt von Bauern. Die junge Frau blieb plötzlich stehen und sagte lachend:

„Dabei kennen wir beide uns eigentlich gar nicht!”

„. . . wo wir uns doch immer begegnen?”

„. . . und Sie haben stets gegrüsst.”

Der strenge Mann aus dem Filz zeigte plötzlich ein verstohlenes Lächeln unter dem wirren Vollbart, der wie eine Larve im Münchner Fasching sein braunes Antlitz zum grossen Teil verdeckte.

„Sie haben auch immer ein bisschen hergeschaut”, sagte er.

„Na ja . . .”

Die Farmerin widersprach nicht, nach einer Weile begann sie:

„Also — das gehört sich doch, dass man sich vorstellt! Um Gottes willen — wie heissen Sie denn eigentlich?”

„Johannsen!”

„Und ich . . .”

„Das weiss ich doch! Ich habe mich nach Ihnen erkundigt!”

„Warum denn?”

„Na . . . so . . .”

Sie machten am Marktplatz halt. In dessen Mitte leuchtete als farbiger Punkt ein Gendarm aus dem geräuschvollen Gewimmel von Bauernhüten, Spielhahnfedern und Gamsbärten. Vor dem „Löwen” standen zwei andere Wachtmeister und behüteten ein offenes Kleinauto vor der andrängenden, lärmenden und lachenden Menge. Breitbeinig auf dem Rand des Marktbrunnens aufgepflanzt wies der Kreuzpointner auf das noch leere Schnauferl und schrie:

„Lasst’s ihn net aussi aus Pfaffing, den Herrn, dem das Wagerl gehört! Der will damit nach Stoisham fahren und den drecketen Münchner herbringen! Zum Bieten! Schaut’s! Da kimmt er!”

Der Güteragent Baron Pfeidt zum Sand erschien sehr blass auf der Wirtshausschwelle. Seine scharf geschnittenen, aristokratischen Züge zuckten nervös unter dem zwicker. Aber er bewahrte Haltung. Er kletterte, von den Gendarmen beschirmt, in seinen Wagen, teilte behutsam, im Schrittempo, unter fortwährendem Hupen die Menge und knatterte durch das enge Turmtor hinaus, verspätete Drohrufe folgten hinter ihm her. Die Farmerin und der Filzer schauten ihm nach.

„Sie sind mir auch schon lange aufgefallen, Herr Johannsen!” sagte sie.

„Viel Ehre für einen Torfbuddler in Räuberzivil von Seiten einer Dame!”

„Ach was — Dame! Da — schauen Sie gefälligst meine Hände an! Na bitte? Solche bekommt man als Hühnermutter! Ich arbeite genau so ums liebe Brot wie Sie!”

„Mützen Sie denn?”

„Zur Not käm’ ich mit den Kindern mit der Witwenpension durch! Herrgott — man möchte aber doch etwas tun! Lieber schuften als schimmeln! Ein bisschen Geld von mir müssen sie bei der Inflation übersehen haben. Das war wie durch ein Wunder Gottes noch da! Damit hab’ ich die Farm eingerichtet! Aber ich schaff’ es — unberufen! Es geht vorwärts!”

„Halber zehn ist’s!” verkündete auf dem Markt der Kreuzpointner. „Jetzt dürfen wir jede Minut’ den gnä’ Herrn aus München erwarten. Stellt’s euch alle in die Reih’ — so viel hergehn — alle vors Notariat hin, damit uns der Lackl nicht unversehens vorfährt und durchschlupft! Kei’ Tätlichkeiten net! Das sag’ ich! Das nennt man einen passiven Widerstand! Go! Jetzt darf er kommen!”

Aber der Wagen des Baron Pfeidt stand noch drüben vor dem „Alten Wirt” in Stoissham und daneben der Güteragent mit ungläubig erschrockenem Gesicht.

„Was? Der Herr Kürbl wäre heute schon in aller Frühe von hier fort? Ach — machen Sie keine Witze!”

„Um sechs Uhr hat er Kaffee angeschafft, die Rechnung bezahlt, mir noch a Fuchzgerl geschenkt und gesagt: jetzt geht er nach Pfaffing”, berichtete die schwarze Wirtsmarei.

„Und von mir hat er sich unten in der Gaststube noch Feuer für seine Zigarre geben lassen”, bestätigte der dicke Ügid, ihr Dienstherr; „er meinte, bald er so zeitig und im Nebel nach Pfaffing aufbricht, da spannt ihn keiner! Ganz geruhsam, wie a besserer Sommerfrischler, ging er davon, der Herr!”

„Aber in Pfaffing ist er doch nicht angekommen!” Der Agent sass schon wieder am Steuer und suchte mit zitternder Hand den Anlasser. „Um Gottes willen — ich muss zurück nach Pfaffing, so schnell es der Wagen hergibt!”

Dort standen auf dem Marktplatz immer noch die beiden beisammen, und Gertrud Hellwig sagte:

„Was ich bin, habe ich Ihnen erzählt! Wer Sie sind — da frage ich lieber nicht erst danach!”

„Warum nicht?”

„Weil ich weiss, dass Sie mir’s doch nicht sagen! Dass Sie kein Torfarbeiter von Beruf sind, darauf leg’ ich die Hand ins Feuer!”

„Beweisen Sie mir doch das Gegenteil!”

„Nein. Ich dringe nicht in Sie! In Zeiten wie jetzt muss man so etwas achten! Sie werden schon Ihre Gründe haben! Diese sind gewiss ehrlich!”

„Jedenfalls tu’ ich hier meine Pflicht!” sagte der Taglöhner Klaus Johannsen. „Besonders gegen die verfluchten Russen! Die hatten ja ungehindert, ehe ich kam, das halbe Moor mit ihrem roten Gefasel verhext! Und die andere Hälfte — die döste so hin. Jetzt ist da wieder ein Stück gutes Deutschland — kann ich Ihnen versichern — das hab’ ich geschafft!”

„Ja. Das hat mir noch jeder erzählt!”

„Sehen Sie da drüben unter meinen Kameraden den Gori — den Bärtigen mit dem Eisernen Kreuz. Er war, mit Frau und fünf Kindern, aus Not, schon daran, im Suff zu enden. Ihn hab’ ich wieder an die Arbeit gebracht. Jetzt schafft er für zwei und kommt noch mal in die Höhe. Und da der Schlankl, der Domini-Kastl. Ein Waisenbub — mit sechzehn Jahren aus der Lehre entlaufen. Auf der Landstrasse habe ich ihn aufgegriffen und zu einem ehrlichen Burschen gemacht. Der hängt an mir wie ein Pintscher. Und dort . . .”

„Aufgepasst, Frau Nachbarin! Der Wagen kimmt!” Gertrud Hellwig erhielt von einem alten Bäuerlein einen Stoss in die Seite. Der Baron Pfeidt fuhr heran, diesmal in scharfem Tempo durch die auseinanderstiebenden Gruppen. Allgemeines Halloh.

„Allein kommt er angesaust!”

„Sie — Wo haben’s denn Ihren Münchner gelassen?”

„Der darf springen, wann er noch zurecht kommen will! Gleich schlägt’s zehn von der Rathausuhr!”

„Er traut sich ja gar net beizugehn — der Hosenkönig!”

Herr von Pfeidt achtete nicht auf die Volksstimme. Er stoppte mit einem jähen Ruck vor dem Amtsgericht und lief verstörten Angesichts hinein. Im Nebenhaus ging der Notar, ein bartloser, bebrillter Herr in vorgerückten Jahren durch seinen ebenerdigen Dienstraum hin und her. Er rieb sich unruhig die Hände, schaute bald auf die Bauern draussen, die wie die Mauern bis auf den halben Platz hinaus vor dem Haustor mit dem Amtsschild standen, bald auf das Ziffernblatt am Rathaus drüben, zog dann seine eigene Uhr aus der Westentasche.

Noch eine Minute. Das Versteigerungszimmer war leer. Niemand darin ausser ihm und seinem Kanzlisten an der Schreibmaschine auf dem Fenstertisch.

„Mir ist’s recht, dass man keine Gendarmerie-Verstärkung angefordert hat und die Bauern gewähren lässt!” sagte er. „Ich muss meine Pflicht und Schuldigkeit tun. Aber man möcht’ ja manchmal selbst dreinschlagen, wann man sieht, wie die Leut’ ausgeräubert werden!”

Zehn Schläge dröhnten draussen durch aufgeregtes Stimmengewirr. Zehn auf der Uhr des Notars. Er diktierte, eintönig nach Amtsgewohnheit, aber mit befriedigtem Gesicht.

„. . . und wurde, da kein Bietlustiger erschienen war” . . . Er unterbrach sich. „Jetzt trommeln sie schon gar draussen mit den Pratzen an die Scheiben und wollen wissen, wie’s ausgegangen ist. Sie schlagen mir ja noch das Glas in Splitter.” Er öffnete ein Fenster, gebot mit einer Handbewegung Ruhe und rief hinaus: „Die Versteigerung ist ausgesetzt! Vorläufig behält der Simmerl sein Gütl! Und jetzt seid’s stad!”

Ein Jubelgeschrei. Geschwungene Hüte. Siegesstrahlende, gebräunte Gesichter.

„Ausg’schmiert is er — der Münchner!”

„Ich hätt’ gedacht, der hätt’ mehr Schneid!”

„Ist dem Mann sein Glück!” sprach der Kreuzpointner. „Ich hab’s ihm gestern Nacht noch im guten zum Fenster hinaufgerufen: ,Wie’s morgen nach Pfaffing hineinkommen, das weiss ich! Aber wie’s nachher wieder rauskommen, da verred’ i nix!”

Jetzt sprangen im „Löwen” und in den anderen Wirtshäusern die Kellnerinnen und richteten die Platten voll Weisswürst’, die Zapfer rollten die Bierfasseln in Reihen. Nun nach gewonnener Schlacht wider die G’wappelten kamen die Bauern zur Brotzeit. Vorläufig war der Marktplatz noch voll von ihnen, und man vernahm Gelächter und derbe Witze. Um den Herrn von Pfeidt, der mit dem Amtsrichter aus dem Haus trat, kümmerte sich keiner mehr. Er war jetzt bloss noch ein Hundl, das seinen Herrn verloren hatte . . .

Der Amtsrichter war ein ruhiger Mann mit klugen Augen in dem energischen Gesicht. Er winkte dem einen Wachtmeister und versetzte gedämpft:

„Der Privatier Kürbl aus München wird seit einigen Stunden auf dem Weg zwischen Stoissham und Pfaffing vermisst. Es muss sofort nachgeforscht werden!”

„Vielleicht hat er sich im Nebel verirrt!”

„Hoffen wir’s!” Der Amtsrichter drehte sich zur Seite und sah in ein rosiges Matronengesicht zwischen grossen, weissen Haubenflügeln über dunklem Klostergewand. „Grüss Gott, Schwester Kordula! Aber kommen Sie bitte ein bisschen später wieder! Ich bin augenblicklich sehr in Anspruch genommen. Es ist ein Herr aus München abgängig!”

„Ich hab’ schon gehört, dass der Herr da”, die Schwester Kordula vom dritten Orden wies auf den Baron Pfeidt, „unterwegs auf der Strasse von Stoissham hierher die Leute aus seinem Wagen angerufen und nach dem Herrn Kürbl gefragt hat!”

„Wissen Sie etwas von dem Verbleib dieses Herrn, Schwester?”

„Heut’ früh bin ich ihm noch begegnet!”

„Wo? Wann?”

„Es war schon nach dem Frühläuten — über sechs Uhr gewiss und arg nebelig — da bin ich von einer Nachtwache in der Einöd beim Deng! — die Denglmutter hat’s doch mit dem Herzen — die hält sich nimmer lang . . .”

„Ja — da — bei der . . . und weiter . . .?”

„. . . da bin ich übers Feld gegangen — genau da vorbei, wo der Wald angeht — da hängt doch an der Birken das Bildstöckl von unserer Lieben Frau . . .”

„Nun und?”

„Da steht im Nebel einer und weiss nicht, wie er weiter soll, und das ist der Herr Kürbl!”

„Woher kannten Sie ihn denn?”

„Da war doch gestern abend Lärm genug um den Herrn Kürbl in Stoissham. Vor dem Alten Wirt haben sie alle gestanden, und Segenssprüch’ waren’s nicht, die sie dem Herrn Kürbl hinaufgerufen haben! Und er ganz keck mit seiner Zigarre oben im hellen Fenster! Da habe ich ihn doch sehen müssen, als ich hinaus zur Pflege der Einödmutter gegangen bin!”

„Aha! Richtig! . . . Also der Kürbl stand nun da am Waldrand . . .?”

„. . . und hat mich nach dem Weg nach Pfaffing gefragt . . . Als gerad aus! hab’ ich ihn gewiesen! Da ist er in den Wald hinein!”

„Und Sie haben ihn nicht gewarnt, so früh und allein im Nebel drauflos zu marschieren — wo doch jetzt der Radl-Kramer die Gegend unsicher macht?”

„Ach — mir in meinem Gewand tut keiner was!” sprach die rotbäckige, mütterliche Schwester Kordula in der weissen Flügelhaube und der dunklen Ordenstracht. „Und wenn etwas geschieht, steh’ ich in Gottes Hand. Ich bin gar nicht erst auf den Radl-Kramer verfallen, sondern in der anderen Richtung wie der Herr Kürbl nach Stoissham zugegangen!”

„Das sind alle Ihre Beobachtungen, Schwester Kordula?”

„Ja”, sagte die Tertiarerin sanft. „Während ich gerade am Eingang von Stoissham war, da ist fern aus dem Wald ein Schuss gefallen!”

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05 мая 2025
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240 стр. 1 иллюстрация
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9788711507445
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