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Rudolf Stratz

Gib mir die Hand

Achte Auflage

Saga

Gib mir die HandCopyright © 1904, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507049

1. Ebook-Auflage, 2019

Format: EPUB 2.0

Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach

Absprache mit SAGA Egmont gestattet.

SAGA Egmont www.saga-books.com und Lindhardt og Ringhof www.lrforlag.dk – a part of Egmont www.egmont.com

I

Und immer wieder das gleiche Bild . . . dieselbe eintönig gewellte, uferlose südrussische Steppe, zur Rechten des langsam in der Sommerglut dahinrollenden Eisenbahnwagens wie zur Linken, kein Baum . . . kein Strauch . . . selten einmal in eine Talfalte am Tümpel hingeduckt ein ärmliches Dorf, das weissliche Gesprenkel einer weidenden Herde . . . und wieder die Einsamkeit — das Schweigen . . . das Geflimmer der vor Hitze zitternden Luft über dem ausgedörrten braungebrannten Boden, der fahle Staub- und Dunstschleier am Horizont . . . darüber der ewig blaue, feueratmende Augusthimmel Bessarabiens und, in seiner lähmenden Sonnenflut als das einzig Lebende, wie eine vielgliedrige, träge schwarze Schlange durch die Heide sich bewegend, der Auslandzug von Podwoloczyska, der russischen Grenze, nach Odessa.

Nahezu zwanzig Stunden waren vergangen, seit die Reisenden, noch drüben im Österreichischen, bei der Festung Przemysl, die letzte Stadt gesehen. Seitdem gab es nur noch die Holzgebäude der Stationen mit ihren Beamten, ihren Kellnern, ihren massenhaften zerlumpten Juden; aber gleich dahinter lugte, kaum durch eine kleine menschliche Ansiedlung unterbrochen, die ewige Steppe hervor und begleitete den Zug, bis die Sonne sank, und umgab ihn im Mondschein mit ihren Hügeln und Tälern und war am nächsten Morgen, im Frühtau funkelnd, von steigenden Lerchen belebt, erst recht wieder da und wiegte den, der ermüdet von der Fahrt lange genug in ihre Unendlichkeit hinausschaute, allmählich in die russische Grundstimmung ein . . . das Weite . . . das Unfassbare . . . die träumerische Schwermut . . . die willenlose Ergebung . . . das Ineinanderfliessen der Dinge am Horizont der Steppe wie des Lebens. Eine tiefe Mattigkeit . . . Hoffnungslosigkeit . . . schliesslich ist alles eitel . . . alles vergeblich . . . alles ein Spiel von Luft und Wind, wie die Rauchwolken der Lokomotive vor dem Fenster, die sich zu Gestalten und Reigen einen und grüssend vorbeischweben und, wenn man ihnen nachblickt, draussen über dem versengten Unkraut und Gestrüpp des Bodens zerflattern und in Nichts zergehen . . .

In dieser Stimmung sah Lisa Sandbauer, im Wagengang stehend, durch das Fenster vor sich in die Weite, wo längs des Bahnkörpers endlos ein Holzgatter dahinglitt und die Telegraphenpfähle vorbeihuschten. So war ihr schon zu Mut gewesen von dem Augenblick ab, wo der Zug an der russischen Grenze angelangt war. Die Luft, die da auf einmal im Zollsaal, auf dem Bahnsteig, überall sich bemerkbar machte, dieser eigentümliche, im ganzen weiten Zarenreich gleichmässige Geruch von Zigarettenrauch, Stiefelschmiere, Holz und Staub, hatte sich ihr beklemmend auf die Brust gelegt, der erste Anblick der dunkelgrünen Uniformen und weissen Schirmmützen, die ersten slawischen Worte ihr einen schweren Seufzer abgerungen. Ja — nun war man wieder in Russland. Wieder daheim . . . in der Fremde!

Es war ihr selbst unerklärlich, warum sie jetzt, wo sie sich Odessa näherte, das Gefühl hatte, in das Ausland zurückzukehren, statt von dort zu kommen. Sie sagte sich vergeblich: Mein Grossvater hat doch schon in Odessa gewohnt, mein Vater ist in Odessa geboren, ich selbst . . . dort lebt mir mein Mann . . . dort liegt mein Kind begraben . . . dort hab’ ich meine Geschwister und Freunde . . . wir sind immer in Odessa gewesen . . . mir haben uns dort durch drei Menschenalter deutsche Sprache und Art bewahrt — wie kommt es, dass ich — ich allein — mich dort immer so einsam und verlassen fühle? . . .

Und eine zweite Frage stieg in ihr auf: und wo möchtest du sein, wenn nicht dort? Und sie wusste keine Erwiderung und wusste keinen Ort. Man war wohl überall fremd. Das war ein Schicksal. Das trug man mit sich, wohin man ging. Es war unrecht, eine Stadt oder sonst etwas dafür verantwortlich zu machen, ausser sich selbst. Sie nickte trübe. Draussen vor den Fenstern tanzten immer noch die Rauchwirbel — die Steppe stieg und sank mit ihren Hügelfalten im glühenden Sonnenbrand — der Himmel stand blau darüber — ein Dörfchen zog vorbei — ein paar verwilderte Bauern fuhren auf kleinen Wagen des Wegs, lange weisse Staubwolken hinterher . . . und wieder die Steppe . . . das langsame, einschläfernde Rollen des Zuges . . . das Gefühl eines müden Sichdahintragenlassens, wohin es dem Schicksal gefiel . . . weiter . . . immer weiter . . . und schliesslich zum Ende. Und war man einmal dort, dann war es ja ganz gleich, was vorher gewesen . . .

Sie schloss die Augen und lehnte sich an die Wand des Wagengangs. Hinter den niedergeschlagenen Lidern fühlte sie noch das rötliche Licht der Sonne und empfand durch den Staubmantel hindurch ihre Wärme am ganzen Körper, Das war angenehm, belebend und einschläfernd zugleich. Ihre Züge ermatteten. Sie hob die Wimpern nicht. Still stand sie da. Sie wollte sich betäuben — sich über die so entsetzlich träge schwindenden Minuten hinwegtäuschen, bis man endlich . . . endlich in Odessa war.

Da hörte sie plötzlich neben sich eine Stimme: „Ich habe die Ehre, gnädige Frau! Ich wünsche guten Morgen . . .!“ und erkannte, unwillkürlich zusammenfahrend und in den Schatten tretend, in dem jungen Mann, der sich tief vor ihr verbeugte, den Direktor Karl Görwihl, den Vertreter einer englischen Weltfirma für Südrussland. Er war Reichsdeutscher und Reserveoffizier. Darum redete er sie auch nicht, wie es sonst allgemein in der Odessaer deutschen Kolonie Brauch, mit „Madame“, sondern mit „gnädige Frau“ an.

„Eine heisse, anstrengende Fahrt — nicht wahr?“ sagte der junge Kaufmann lächelnd. Ich bin gottlob erst vorhin in Shmerinka eingestiegen . . . auf der Rückehr von einer kurzen Geschäftsreise. Darum wusste ich gar nicht, dass Sie mit im Zug waren.“

„Ich habe ein Coupé für mich!“

„Also fahren Sie schon von der Grenze ab mit?“

„Ja. Schon seit Wien.“

„Sie waren ja sehr lange im Auslande, gnädige Frau! Dass Sie wegreisten . . . das war . . . wenn ich mich nicht täusche, doch gleich nach Weihnachten alten Stils . .?“

„Ja. Ich bin beinahe acht Monate verreist gewesen!“

„Und jetzt, zu Anfang August, bei dieser afrikanischen Hitze, kommen Sie zurück?“

„Mein Mann hat mir telegraphiert, ich müsse auf alle Fälle in der Nähe sein. Es geht seinem Vater auf einmal viel schlechter . . .“

„Oh — was Sie sagen! Sein Zustand war ja leider schon lange ernst?“

„Ja. Und nun ist plötzlich ein Zusammenbruch, ein allgemeiner Kräfteverfall eingetreten . . . Mein Schwiegervater schonte sich ja ohnedies nie!“

„Freilich nicht! Und gerade jetzt . . . die Geschäfte . . . die Ungewissheit . . . die kritische Lage des Handels! Ich habe oft schon von meinem Freunde Roloff gehört, wie viel Sorgen er sich um den alten Herrn macht!“

„Roloff — wer ist denn das?“

„Das ist doch seit einem halben Jahre seine rechte Hand, gnädige Frau!“

„So?“

„Wissen Sie davon gar nichts? Hat Ihr Gatte Ihnen auch nichts davon mitgeteilt?“

„Nein! Mein Mann schreibt mir nie über Geschäfte. Es interessiert mich auch nicht . . . im allgemeinen . . . Wo kommt denn dieser Herr Roloff her?“

Der andere lächelte ein wenig eigentümlich. „Das weiss man nicht, gnädige Frau. Aber jedenfalls hat er ganz neues Leben in das Geschäft gebracht . . . Sie können sich denken, wie wichtig das ist, in diesem Augenblick, wo alles sozusagen schon auf des Messers Schneide steht!“

„Ja — was ist denn eigentlich los? Es ist mir schon unterwegs aufgefallen: der ganze Zug ist voll Grosskaufleute, die nach Odessa zurückfahren.“

Daraufhin sagte Karl Görwihl nur, andächtig und belustigt: „Ich beneide Sie, gnädige Frau!“

„Mich? Warum?“

„Um die glückliche Unwissenheit, in der Sie leben. Wir anderen Sterblichen können seit Wochen und Monaten schon nicht mehr schlafen vor Sorge wegen des drohenden Weizenausfuhrverbotes, das uns infolge der Missernte, im inneren Russland beschert werden soll, und Sie . . .“

„Ja, gehört hab’ ich auch davon! Aber es ist ja noch nicht so weit . . .“

„Das Wetter steht am Himmel. Ob es sich entladet, wissen wir noch nicht. Aber jedenfalls . . . Sie haben doch oft von Ihrem Landhaus an der Kleinen Fontäne aus gesehen, wie die Möwen, lange ehe ein Sturm ausbrach, an die Küste zurückgeflogen kamen. Sehen Sie, ebenso fährt jetzt jeder, der in Odessa Geschäfte hat, eiligst herein. Denn drei Viertel unseres Handels besteht eben im Getreideexport, der uns durch das Verbot unterbunden werden soll. Unsere ganze Hochfinanz ist im Zug vertreten. Sie können in jedem Coupé eine andere Sprache hören . . . Russisch . . . Deutsch . . . Griechisch . . . Italienisch . . . alles durcheinander . . .“

Man hielt in der letzten Station vor Odessa. Es war das alte Bild: Haufen von zerlumpten, in abenteuerliche Fetzen gekleideten Juden, die feilschend und mit den Händen fuchtelnd scharenweise vor den Wagentüren standen, in anderen Gruppen mehr abseits beisammen hockten oder müssig lauernd auf und ab strichen. Ein paar aussteigende Gutsbesitzer schritten, Kopfkissen, Esskörbe, Leintücher und all das sonstige Zubehör eines reisenden Russen mit sich schleppend, den Gang entlang. Lisa Sandbauer trat, um ihnen Platz zu machen, in ihr Abteil zurück, und Karl Görwihl benutzte die Gelegenheit zur Verabschiedung. Er, der die Verhältnisse im Hause Sandbauer junior ebenso wie jedes andere Mitglied der deutschen Kolonie Odessas kannte, musste ja merken, wie wenig ihr an einem Gespräch über die Getreidesperre gelegen war und wie wenig es ihr gelang, das seelische Fieber zu verbergen, das sie immer stärker erfasste, je mehr sie sich dem Bahnhof näherten, wo jetzt Nicolai Sandbauer, ihr Gatte, wohl schon ihrer harrend stand. So lüftete er denn mit einem respektvollen „Auf Wiedersehen, gnädige Frau!“ seine Mütze und kehrte in sein nahegelegenes Coupé zurück.

Zwei deutsch-russische Kaufleute sassen da, rauchten Papyros und tranken aus Gläsern den heissen Tee, den der Wagendiener von der Station gebracht. Der dritte blickte neugierig zum Fenster hinaus. Ihn interessierte alles. Er war ein Reichsdeutscher, ein Grosskaufmann aus Hamburg, Karl Görwihls Heimat, den Rohzuckerund Petroleumangelegenheiten nach Odessa trieben.

Eine Weile liess sein Landsmann ihn gewähren. Dann aber, da jener seine Augen nicht von dem abenteuerlichen Gewimmel der Hebräer auf dem Bahnhof wenden konnte, sagte er, während die Lokomotive sich wieder in Bewegung setzte: „Wenn Sie etwas Schönes sehen wollen, dann schauen Sie lieber in den Wagenkorridor hinein.“

Der andere folgte der Richtung seines Blickes und murmelte unwillkürlich: „Oh . . .“ Lisa Sandbauer war wieder auf den Gang hinausgetreten und stand unbeweglich wie vorher da. Das Sonnenlicht überflutete ihre hohe Gestalt, die sich deutlich in mädchenhafter Schlankheit unter dem weiten grauen Staubmantel abzeichnete. Sie hielt den Kopf in einer unbewusst verächtlichen Haltung zurückgelegt und die Augen halb geschlossen. Ihre schwarz behandschuhte Rechte spielte nervös mit dem Sonnenschirm. Zuweilen gab sie, ohne ihre Stellung zu ändern, der im Innern des Coupés packenden Kammerjungfer halblaut, mit müder Stimme ein paar Anweisungen. Aber sie tat das ganz mechanisch. Ihre Augen und ihr Geist waren draussen in der Ferne.

„Sehen Sie, was wir für Frauen in Odessa haben!“ sagte Karl Görwihl mit einem gewissen Stolz. „Sie ist doch schön . . . was?“

„Ja. Sehr schön! Und heisst?“

„Sie kennen doch die Firma Sandbauer und Sohn in Odessa?“

„Die grossen Getreideexporteure — gewiss!“

„Nun — sie ist die Frau von Nicolai Sandbauer junior.“

„Und der spielt bei Ihnen wohl eine bedeutende Rolle?“

„Es ist eines unserer ersten Häuser. Die Sandbauer zählen zu den wenigen noch übrigen deutschen Familien, die vor hundert Jahren Odessa mitbegründet haben. Sie wissen: das ganze Land hier war vorher türkisch. Was die Stadt seitdem in Gutem und Bösem erlebt hat, haben die Sandbauer miterlebt. So etwas gibt — auch abgesehen von ihrem vielen Geld — einem Hause einen gewissen Schimmer. Und Nicolai Sandbauer versteht zu repräsentieren — das muss man ihm lassen. Ein schöner Mann! Sie werden ihn auf dem Bahnhof sehen, wenn er seine Frau abholt . . .“

„Wie lange sind sie denn schon verheiratet?“

„Sechs, sieben Jahre.“

„Haben sie Kinder?“

„Sie hatten eines. Das ist gestorben . . .“

„Und nun war Frau Sandbauer verreist?“

„Über ein halbes Jahr!“

„Und das scheint ihrem Mann nicht zu lange . .?“

„In den letzten Jahren, seit dem Tod des Kindes, ist sie, glaub’ ich, beinahe ebensooft im Ausland gewesen wie hier in Odessa . . .“

Der Geschäftsfreund schaute wieder hinaus auf den Gang. Lisa lehnte da, den Blick auf das Korridorfenster gerichtet, durch das sie eine weitere Aussicht hatte als durch die schmale kleine Scheibe im Abteil. Ihr Gesicht, dessen schönes Profil sich scharf vom Licht abhob, war teilnahmslos. Sie erschien ganz anders als sonst eine Frau, die nach langer Trennung zu ihrem Mann und den Ihrigen, in ihr Haus und ihre Heimat zurückkehrt.

„Sehr stürmisch wird sich das Wiedersehen zwischen den Gatten wohl nicht gestalten . . .“ sagte der Hamburger endlich in halb fragendem Ton.

Die anderen erwiderten nichts und blickten sich an. Es lag ein gemeinsames Lächeln des Einverständnisses auf ihren Lippen. Sie und jeder Mensch ihrer Kreise in Odessa wussten natürlich, wie es um das Sandbauersche Familienleben stand.

Und auch der Hanseate begriff das jetzt und meinte: „Da ist wohl nicht alles ganz so, wie es sein sollte?“

„Nein. Wahrhaftig nicht.“

„Und warum ist denn die Ehe nicht glücklich? Eine, so schöne Frau . . .“

Karl Görwihl zuckte die Achseln. „Sie ist unglücklich verliebt.“

„Was Sie sagen . . .“

„Und wissen Sie, in wen?“

„Wie kann ich das erraten?“

„In ihren eigenen Mann.“

Der andere riss die Augen auf. „Wie? In ihren eigenen Mann?“

„Ja.“

„Aber erlauben Sie . . . das verstehe ich nicht recht . . . da könnte der doch nur froh sein!“

„Wenn Sie jetzt nach Odessa kommen,“ sagte Karl Görwihl und trocknete sich den Schweiss von der Stirne, „so werden Sie sich Abends natürlich auf die grosse Terrasse über dem Hafen, den Boulevard, setzen. Es ist der einzige Ort, wo man nach Sonnenuntergang wenigstens eine Ahnung von Abkühlung hat. Alle Welt ist dort. Man trinkt Tee . . . die Musik spielt . . . man erzählt sich das Neueste . . . nun . . . und da werden Sie unfehlbar auch Nicolai Sandbauer finden . . . Abend für Abend in Gesellschaft der schönen Madame Yannopoulo und ihres Mannes. Der sitzt natürlich anstandshalber auch dabei.“

„Wer ist denn das?“

„Ein Grieche. Ein Schiffsmakler dritten Ranges. Eine etwas dunkle Persönlichkeit. Seine Frau ist eine Polin. Ich, als ehrenfester deutscher Gatte und Familienvater, finde gar nichts so besonders Bestechendes an ihr. Aber Nicolai Sandbauer ist anderer Ansicht.“

„Ach so . . . und wegen dieser Madame Yannopoulo . . .“

„Die ist es jetzt! Der Name tut nichts zur Sache! Vor einem Jahre war es noch Madame Gervasi — vorher wieder eine Griechin — Madame Skaramanga — dazwischen die Bartolecci . . . die Dialegmeno . . . wer kann all die Freundinnen Nicolai Sandbauers im Kopf behalten? Da hätte man viel zu tun. Sicher ist nur, dass er sich um jede andere Frau mehr kümmert als um seine eigene. Die liess er schon, nachdem sie kaum ein, zwei Jahre verheiratet waren, ruhig des Abends allein zu Hause sitzen und schlenderte seiner Wege. Solange sie noch das Kind hatte, ging es. Seit das nun aber auch starb, weiss sie gar nicht mehr, wozu sie auf der Welt ist . . .“

„Traurig!“

„Ja — sehr traurig, aber bis hierher in keiner Weise ungewöhnlich. Derlei ereignet sich ja oft genug. Auch hier in Odessa. Und eine andere Frau hätte sich in wohl anders mit der Sache abgefunden. Aber nun kommt das Merkwürdige: Sie liebt ihren Mann! Jetzt vielleicht noch mehr als wie sie ihn heiratete.“

„Wirklich?“

„Fragen Sie die Herren da! Je weniger er sich um sie kümmert, desto weniger kann sie sich ihm entziehen! Zuweilen verlässt sie ja freilich Odessa. Er gibt sich wohl auch gar keine Mühe, sie zu halten — er ist froh, seine Freiheit zu haben — man glaubt, sie bleibt im Ausland . . . sie leitet die endgültige Trennung ein — nein . . . schliesslich kommt sie wieder zurück . . . sie kann ohne ihn nicht leben. Dieser Nicolai Sandbauer hat einen merkwürdigen Einfluss auf die Frauen. Aber keine hat er mehr verhext als seine eigene.“

„Vielleicht sprechen da finanzielle Gründe mit, dass sie nicht von ihm lässt?“

„Die könnten wohl mitsprechen! Ihr Vater war früher ein sehr wohlhabender Mann. Er hatte ein grosses Importgeschäft von Schwarzwälder Orchestrions und Kuckucksuhren und auch von Orgeln und ist im Laufe der Jahre allmählich ohne eigentlichen Konkurs ganz verarmt und wohl auch sonst ein wenig heruntergekommen. Er lebt jetzt noch in Odessa, aber so ziemlich auf Kosten seines Schwiegersohnes.“

„Nun ja . . . dann muss sie freilich wohl oder übel ausharren!“

„Nein — da täuschen Sie sich! Ich glaube, so ist sie nicht! Der Gedanke an die Armut würde sie nicht hindern! Aber sie kann eben nicht von ihm fort! Trotz alledem! Sie muss bei ihm bleiben und wird schliesslich daran zu Grunde gehen, und weiss es. Und er weiss es auch und rührt nicht den Finger! Dabei ist er immer heiter und liebenswürdig — auch gegen sie! Sie schmeichelt seiner Eitelkeit. Der ganze Mensch ist aus Eitelkeit und Selbstsucht zusammengesetzt. Das können Sie ihm ruhig weiter sagen. Von mir! Er weiss, wie ich über ihn denke — ganz abgesehen davon, dass wir geschäftlich alle Augenblicke aneinanderkommen. Es gibt keinen anderen Kaufmann erster Gilde, der so nervös spekuliert und fortwährend den ganzen Weizenmarkt beunruhigt wie er . . .! Ah . . . guten Morgen, Herr Tedesco! Was gibt’s?“

Aus dem Nebencoupé lugte ein Herr herein, der einen roten Fess auf dem Kopfe trug und leicht hinkte. Es war der anatolische Getreidespekulant Giuseppe Tedesco, seiner Herkunft nach ein Italiener jüdischen Bluts, aber seit langen Jahren schon in der Levante zu Hause und auch in Odessa wohlbekannt. Er hatte eine eben auf der Station erhaltene Depesche über den neuesten Stand der Weizenfrage in der Hand und gab sie grossmütig den Deutschen zu lesen, und sofort verschwand alles andere vor dieser jählings, wieder auftauchenden Sorge, die seit Wochen Handel und Wandel dräuend überschattete. Alle fünf sprachen beinahe gleichzeitig ineinander. Die Stichworte: Exportfähiges Getreiden . . . Blankoverkauf . . . Zurückdatierung der Faktura . . . Vorschussrisiko . . . schollen wirr umher. Lisa Sandbauer und ihr Los waren für den Augenblick vergessen.

Sie hatte inzwischen ihre Stellung nicht geändert. Sie konnte sich wohl denken, dass die Herren in dem Abteil am anderen Ende des Wagens, die immer wieder zu ihr herübersahen, von ihr sprachen. Aber das gab der Ruhe, mit der sie dastand und den Kopf hintenüber an die Holzwand lehnte, höchstens noch einen verächtlicheren Ausdruck. Das alles, was sie betraf, war ja kein Geheimnis! Das wusste sie ja selbst am besten. Dafür sorgte ja ihr Mann, indem er sich Tag für Tag in Madame Yannopoulos Gesellschaft zeigte. Und wenn die drüben von ihr und ihrer Rückkehr zu ihrem Gatten reden mochten, was konnten sie sich da sagen, was sie sich selbst nicht schon unzähligemal in einsamen Stunden verzweifelt und willenlos vorgesprochen und versprochen und nicht gehalten hatte, um schliesslich doch immer wieder in bitterer Entmutigung die Nutzlosigkeit ihres Kämpfens zu erkennen und sich in das schwerste aller Frauenschicksale zu fügen: da lieben zu müssen, wo man verachtet . . .

. . . Und sich selber zu verachten, weil man noch lieben kann . . . lieben muss . . . aus einem Drang heraus, der stärker ist als Wille und Vernunft . . . der selbst aus der Demütigung und Misshandlung noch neue Nahrung zieht.

Sie hätte gewünscht, ihr Mann möge nicht am Bahnhof sein, um sie zu erwarten. Ihr Herz klopfte und es bangte ihr vor dem ersten Wiedersehen mit ihm. Aber sie wusste ja: Er war da! Er war immer höflich. Auch gegen die, die er umbrachte.

Dann hatte sie eine rasche, trügerisch dahinhuschende Hoffnung: Am Ende geht es mit meinem Schwiegervater gar nicht schlechter! Das ist nur ein Vorwand. Nicolai ruft mich zurück, weil er bereut — weil es in Zukunft anders werden soll zwischen uns! Und in derselben Sekunde musste sie schon bitter lächeln: Nicolai und bereuen! Es gab keinen Menschen, der so heiter und nachsichtig gegen die anderen von seiner Gottähnlichkeit überzeugt war wie ihr Gatte.

Nein — das war es nicht. Es hatte schon seine Richtigkeit mit der Krankheit des alten Herrn. Der schied hin. Sein Sohn wurde, was der Vater bisher gewesen. Und das Leben ging weiter . . . lange . . . sie waren ja beide noch jung . . . und immer so weiter wie jetzt . . .

Das Bild der Steppe hatte sich, während sie dastand und sann, allmählich geändert. Die Wüste schwand. Gepflügte Felder zeigten ihre speckigschwarzen glänzenden Schollen, einzelne Büsche und Bäume tauchten auf, dann ganze Gehölze. Die Akazie, der charakteristische Baum Odessas, wies auf die Nähe der Hafenstadt. Freilich war ihr Grün nirgends mehr zu erkennen, dicker Staub lag auf allen Zweigen, wie er als fusshohe Schicht von feinem weissem Pulver die Wege bedeckte und in mächtigen Wolken über den ausgedörrten Boden dahinwehte; und wo doch einmal Blätter zum Vorschein kamen, da hingen sie braun und tot wie im Winter am Ast, verbrannt von der Sonnenpracht des ewigblauen Himmels, die jetzt, obwohl es noch zeitig am Vormittag war, auch schon die Wagen durchglühte. Es war erstickend heiss. Der grösste Teil der Reisenden drängte sich ungeduldig auf dem Korridor umher. Sie sprachen und stritten und lachten. Lisa hörte das alles und verstand es doch nicht in ihrer stummen Erregung voll Bitternis und Bangen; sie schaute nur immer wieder durch das Fenster, ob Odessa noch nicht in Sicht käme.

Und nun näherte man sich wirklich der Hauptstadt Südrusslands. Die Welt wurde lebendig nach dem stunden- und tagelangen Schweigen der Steppe — Vorstadthäuser, breite staubige Strassen, hölzerne Kirchen wuchsen aus der Erde — fern schimmerten die weissen Zelte eines Truppenlagers — am Weg standen bärtige Russen und gafften — dahinter lange Züge von Karren mit struppigen Gäulen — die Schienenstränge liefen auseinander — die Lokomotive pfiff unaufhörlich — durchdringend — und rollte in die Station ein.

Lisa Sandbauer beugte sich aus dem Zug hinaus. Ihr Blick glitt über die in einer Reihe auf dem Bahnsteig stehenden langen blauen Gendarmen, die silberbetressten Bahnhofschweizer und die flatternden weissen Schürzen der heranstürzenden Gepäckträger, und plötzlich zuckte sie zusammen. Sie hatte ihren Mann erkannt.

II

Seitdem zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts eine Handvoll von der Revolution vertriebener französischer Edelleute unter Führung des Herzogs von Richelieu in der Barke des griechischen Seemanns Rizo an der Küste des Schwarzen Meeres gelandet waren, wo eben nach dem Willen Katharinas an Stelle einer kleinen, im letzten Krieg eroberten und von Albanesen bewohnten Türkenfestung die Stadt Odessa entstand — seit dieser Zeit hatten die Franzosen in dem rasch aufblühenden Handelsplatz nicht an Zahl, aber an Einfluss eine grosse Rolle gespielt, Richelieu selbst war Gouverneur geworden. Sein Andenken lebte fort. Sein ehernes Standbild auf dem Boulevard zeigte ihn als römischen Triumphator und hob jetzt noch seine Hand wie schützend über den tief darunter sich ausbreitenden Hafen.

Allmählich aber verschwanden die Familien dieser blaublütigen Abenteurer. Sie starben aus, sie mischten sich mit den bald nach ihnen zu Hunderten eingewanderten, von Richelieu gerufenen Schwarzwälder Schwaben und Italienern, denen bald Tausende von Griechen folgten. Das war auch das Schicksal der Barone von Raymond gewesen, deren Letzte des Geschlechts der alte Sandbauer, Nicolais Vater, in jungen Jahren als Frau heimgeführt hatte. Nun schlief sie schon seit zwei Jahrzehnten draussen auf dem grossen Friedhof am Rand der Steppe. Man entsann sich ihrer als einer zarten, stillen, freundlichen Frau, die der gute Geist im Hause, aber in ihrem ganzen Wesen eher kleinbürgerlich gewesen war, trotzdem ihre Vorfahren bei dem Lever des Sonnenkönigs in Versailles antichambriert und in den krummen Gassen von Alt-Paris ihre Raufdegen mit den Musketieren Mazarins gekreuzt hatten.

In Nicolai Sandbauer aber, ihrem einzigen Sohn, war das ritterliche Erbteil seiner Vorfahren mütterlicherseits noch einmal aufgelebt. Wie er da, um seine Frau zu erwarten, auf dem Bahnhof stand, ein auffallend schöner, schlanker, mittelgrosser Mann mit spitzgeschnittenem blondem Vollbart und leichtgewellten Schnurrbartenden, einen weissen Tropenhelm mit Nackenschleier über dem von einem weissen Sonnenschirm beschatteten, etwas weichlichen Gesicht, von Kopf bis zu Fuss weiss gekleidet und in weissen Strandschuhen — wie er da, Lisa erblickend, in einem plötzlich wie ein Sonnenstrahl aufleuchtenden Lächeln seine weissen Zähne zeigte und, ehe er noch elastischen Schritts ihren Wagen erreichte, ihr einen lässig-vornehmen Gruss mit der Hand entgegensandte, da glich er viel weniger einem im Kontor mit Weizen und Mais handelnden Kaufmann als irgend einem hochgeborenen Künstler des Lebensgenusses, dem die von Kind auf gewohnte Freiheit von Sorge und Zwang eine natürliche Liebenswürdigkeit bewahrt hat.

Sie sah sein Lächeln, aber sie erwiderte es nicht. Dies Lächeln hatte er für alle. Stumm reichte sie ihm die Hand, um sich von ihm aus dem Wagen helfen zu lassen. Dann neigte er den Kopf und näherte seinen parfümierten Schnurrbart rasch nach russischer Sitte rechts und links ihrer Wange. Sie liess es geschehen, blass, mit niedergeschlagenen Augen, ohne ihn selbst zu küssen. Sie bot alle Kraft auf, um ganz ruhig zu bleiben, vor ihm und all den aussteigenden Bekannten.

Und ihre Stimme klang dann auch ernst, aber unbefangen, als sie sofort halblaut frug: „Wie geht es mit Papa?“

„Unverändert, seit ich zuletzt nach Wien telegraphierte. Die Ärzte können auch nichts weiter sagen.“

„Kümmert er sich denn noch um die Geschäfte?“

„Und wie! Jeden Tag macht er mir eine Szene! Aber dazwischen kommen bei ihm so . . . sozusagen Dämmerstunden. Dann verliert er sich ganz in die Vergangenheit . . . redet von Menschen und Sachen, die längst nicht mehr sind . . .“

Nicolai Sandbauer liess das Haupt sinken und seufzte schwer, während sie dem Ausgang zuschritten. Sein schönes spitzbärtiges Gesicht zeigte tiefe Betrübnis. Wer ihn sah und grüsste, die deutschen Kaufleute, die ihm zunickten, der anatolische Getreidespekulant Tedesco, der im Vorbeihinken zwei Finger an den Rand seines roten Fess legte, die jüdischen Makler, die ehrerbietig die Kappen vom Kopf rissen, ein jeder musste sehen, wie nahe ihm die Krankheit des Vaters ging. Und dabei standen Vater und Sohn seit Jahren miteinander so schlecht wie möglich. Das wusste ganz Odessa. Diese Haltung voll edler männlicher Trauer konnte niemanden täuschen. Also warum diese Komödie? Lisa frug sich das mit einem leisen Grauen. Aber dies Schauspielerische in seinem Wesen — das war eben er! Er war unaufrichtig gegen alle Welt — und am meisten vielleicht gegen sich selbst. Er bildete sich am Ende in diesem Augenblick wirklich ein, er sei ein guter Sohn . . .

„Hast du nicht zu sehr unter der Hitze gelitten, Lisinka?“ frug er mitleidig. Es lag eine beinahe weibliche Zartheit und Rücksicht in seinem Ton. Sie kannte niemanden, der die Frauen in ihren kleinen Schwächen so liebevoll verstand wie er, vielleicht weil er selbst etwas Weibliches und Weichliches in seiner Art besass. Aber ernst nahm er sie trotzdem nicht, so wenig wie sonst etwas auf der Welt. Er hatte ein stehendes, gutmütigironisches Lächeln. Damit entwaffnete er von vornherein jeden Widerspruch und Widerstand. Vor diesem Lächeln erstarb alles, was man im Herzen hatte und offenbaren wollte. Das wusste sie schon lange. Wie hatte sie sich früher nach einem Ausbruch des Zorns bei ihm gesehnt, nach einem rauhen Wort . . . ja nach einem harten Griff um ihr Handgelenk — alles lieber als diese ewige sonnige Heiterkeit, die sich aus allem im Leben nur ein Spielzeug machte, das man nach kurzem gelangweilt wieder wegwarf, selbst aus der Ehe und der eigenen Frau . . .

Jetzt war sie längst hoffnungslos, Ängstlich, wie man eine wunde Stelle vor Berührung hütet, wahrte sie vor ihm ihr Inneres, ohne dass er, immer nur mit sich beschäftigt, das wohl überhaupt merkte, und so frug sie auch jetzt, während sie vor den Bahnhof traten, wo die Sandbauersche Equipage, mit zwei langschweifigen seidenschwarzen Orlofftrabern bespannt, Harrte: „Hör einmal: du hast ja da einen Tataren als Kutscher!“

„Freilich. Es ist ein Fürst. Er heisst Abdul.“

„Kein Mensch hat doch hier in Odessa einen Tataren.“

„Gerade deswegen!“ Nicolai musterte zufrieden den schlitzäugigen, untertänig grinsenden Fürsten, der in seinem unförmlich dicken, an den Hüften ausmattierten blauen Weiberrock auf dem Bock thronte. „Das ist doch etwas Neues.“

„Aber die Pferde sind die alten?“

„Ja, die alten.“

Sie nickte müde. Ein Gespräch über Diener und Pferde . . . das war der Boden, auf dem sie beide sich noch fanden. Keinen Schritt weiter über die Alltäglichkeit eines gemeinsamen Haushalts hinaus! So war es bis zu der Trennung vor einem halben Jahr gewesen, so fing es jetzt wieder an. So allein war dies Beisammenleben wenigstens äusserlich zu ertragen.

Ja — nun war man wieder in Odessa. Da dehnte sich vor ihr endlos die Puschkinstrasse, zu beiden Seiten von orthodoxen Kirchen flankiert, deren grüne Zwiebelkuppeln sich in ganzen Bündeln, von goldflimmernden Kreuzen überragt, von dem sattblauen Himmel abzeichneten. Von da oben klang rasches, aufgeregtes Glockengeläute. Schwärme von Bettlern kauerten unten an den Treppenstufen und klagten.

Sie wandte, während der Diener, ein riesiger Grossrusse, für das Gepäck sorgte, den Blick von diesen Jammergestalten ab nach der weiten freien Fläche, die seitlings den Bahnhof umgab. „Da haben doch sonst Holzbuden gestanden, nicht?“

Ihr Gatte nickte, sich eine Zigarette drehend. „Man hat sie angezündet, alle. Auch weiter drüben, den ganzen alten Bazar.“

„Ja warum denn?“

„Wir hatten doch im Frühjahr wieder hier die Pest! Irgend so ein verwünschter Krimscher Tatar, der nach Mekka gepilgert war, hat sie eingeschleppt. Und gerade in diesen Bretterbuden, in diesem Schmutz war sie nicht auszurotten. Da brannten die Behörden einfach die ganze Geschichte nieder.“

„Und die Pest hat aufgehört?“

„Natürlich hat sie aufgehört! Das fehlte uns noch! Zu diesem angeblich drohenden Ausfuhrverbot auch noch Pest und Quarantäne! Zehn Prozent Wechseldiskont dazu . . . es ist schon ein Genuss, jetzt in Russland Geschäfte zu machen.“

„Dieser Tage haben wir hier, damit gar nichts fehlt, auch wieder Judenkrawalle“ gehabt,“ fuhr er fort, und wies auf die kleinen Häuser zu beiden Seiten der Strasse. Hier lebten zum grössten Teil Trödeljuden in dürftigen unsauberen Lädchen und Stübchen. Kein Stück Glas war da ganz geblieben! Nicht nur die Scheiben, selbst die Holzrahmen hatten die Steinwürfe der betrunkenen Barfüssler und Hafenstrolche zertrümmert. Nur wo hinter dem Fensterkreuz ein Kruzifix, oder Muttergottesbild stand — als Zeichen, dass da Christen wohnten —, hatte das Zerstörungswerk eine Strassennummer übersprungen, um bei der nächsten mit doppeltem Glaubenseifer einzusetzen. Vereinzelte weisse Flöckchen schwebten in der Luft oder spielten am Boden: die Überreste der aufgeschnittenen Federbetten. An einer, Stelle waren auf dem Pflaster tellergrosse rostbraune Flecken. Die Menschen gingen achtlos über das eingetrocknete Blut hinweg oder standen plaudernd an den schon wieder geöffneten Magazinen. Überhaupt hatte die Gasse sonst ganz ihr gewohntes Aussehen.

„Sind viele Menschen verletzt worden?“ frug Lisa bang.

Nicolai zuckte die Achseln. Er wusste es nicht. Und es interessierte ihn wohl auch wenig. „Die Tumulte dauern noch fort!“ sagte er. „Es heisst, der Gouverneur will schiessen lassen, wenn es nicht bald Ruhe gibt.“

Zwei Kosaken ritten langsam die Puschkinstrasse herauf, bärtige finstere Kerle auf kleinen zottigen Pferden, in der Rechten die Nagaika, die gefürchtete schwere Peitsche schwingend. Wo ihre Hufe auf dem Granit klapperten, wich alles auseinander. Lisa schaute nur flüchtig zu ihnen hin. Sie, das Kind Odessas, kannte ja seit ihrer frühesten Jugend das Bild dieser stetig wie Naturereignisse sich wiederholenden Judenverfolgungen in Südrussland. Man gewöhnte sich daran. Man betrachtete es schliesslich als unvermeidlich. Früher war es noch schlimmer gewesen. Sie hatte oft von ihrem Vater gehört, wie damals die europäischen Grosskaufleute sich und ihr ganzes Personal mit Jagdgewehren und Revolvern bewaffnet und ihre Gewölbe in verschanzte Bollwerke verwandelt hatten, wenn die Behörde, wie so oft, tatenlos dem Treiben der Plünderer zusah.

Jetzt waren solche Riesenkrawalle seltener. Man konnte ruhig durch die Stadt sahren. Lisa und ihr Gatte stiegen ein, nachdem das Gepäck besorgt war, und der Wagen rollte eilends dahin. Sie sassen stumm nebeneinander. Das scharfe Rasseln der Räder erschwerte ohnedies. Die Unterhaltung und dann — wovon sprechen? Sie hatte ihrem Mann so wenig — oder so viel zu sagen.

Einmal begann sie: „Wie geht es meinem Vater? Und meiner Schwester? Hast du sie in letzter Zeit vielleicht gesehen?“

Nicolai nickte nur.’’ „Es ist dort soweit alles in Ordnung!“ Er ging nicht weiter auf dies Thema ein. Sein Schwiegervater, dieser herabgekommene Ehrenbürger und ehemalige Kaufmann erster Gilde — jetzt ein fadenscheinig gekleidetes, verbittertes, meist in schlechter Gesellschaft sich herumtreibendes Männchen, war ihm nicht nur gesellschaftlich und geschäftlich, sondern auch ästhetisch ein wahrer Greuel. Er hasste alles, was verwahrlost und deklassiert war — dann schon lieber eine Kugel vor den Kopf, war seine innerste Meinung — und er rechnete es sich hoch an, dass er sich seiner Frau gegenüber nie, auch nicht mit einem Worte, über ihre Familie beklagte, obwohl sie täglich merken musste, wie lästig ihm die fiel, da der Alte zum grössten Teil aus seiner Tasche lebte.

Lisa kämpfte inzwischen mit sich, ob sie nicht ihren Mann noch eingehender nach dem Zustand seines Vaters fragen sollte. Eigentlich hätte es sich gehört. Aber sie brachte es nicht fertig — nicht aus Mangel an Teilnahme für den alten Herrn, den sie, wenn sie ihn auch ein wenig fürchtete, doch gern hatte und der immer in seiner stillen Art gut und freundlich zu ihr gewesen war, sondern aus Angst vor Nicolais Heuchelei. Sie wusste ja: der Schmerz, den er dann sofort zur Schau trug, war nicht echt, war eine der vielen Posen, in denen er sich spiegelte. Er war ja von Natur nicht böse — eher ein gutmütiger weicher Mensch, der sich in allem nachgab und auch anderen alles verzieh — aber er brannte doch seit Jahren darauf, endlich einmal, als Mann zu Mitte der Dreissig, unabhängig zu werden und frei von dem schweren Druck des väterlichen Willens zu disponieren und zu spekulieren.

Und darin hatte er eine glückliche Hand! Meistens gelang, was er angriff, wenn es auch noch so leichtsinnig begonnen war. Zufall! sagten die Bedächtigen und zuckten die Achseln. Gewiss! Er hatte das Schicksal auf seiner Seite. Vielleicht gerade weil er sich immer den Anschein gab, als mache er sich nichts daraus. Waren die anderen Kaufleute ernst und geängstigt, so behandelte er das Geschäft von oben herab, in einer ritterlich sorglosen Art, eine geborene Spielernatur und ein Genussmensch. Das war es, was ihn von all den übrigen unterschied. Die mühten sich ab . . . die waren einseitig, schwerfällig . . . rasch verbraucht . . . er, obwohl er ihren Gesichtskreis und ihren Beruf teilte, obwohl der Erfolg ihm bisher auch bei gewagten Unternehmungen Recht gegeben hatte, stand über diesen Dingen. Er hatte Interessen, die jenseits von Weizen und Petroleum, von Rohzucker und Rindshäuten lagen . . . er verstand die Feinheiten des Lebens, seine letzten unnützen und reizenden Blüten und Spitzen, er verstand das vornehme Nichtstun in dieser keuchenden Welt der Arbeit und des Geldverdienens, er verstand die Frauen, die einsam in dieser Welt leben mussten. Er war ihnen innerlich wesensverwandt. Das war es, was ihn auch seiner eigenen Frau gegen ihren Willen unwiderstehlich immer wieder nahe brachte. Sie konnte sich seinem Einfluss nicht entziehen. Sie wusste: sie kannte ihn, und glaubte und hoffte es doch selbst nicht, und war im Unglück glücklich unter dem Zwang der Vorstellung, dass er doch noch für sie ein Rätsel und in seinem Letzten und Besten etwas anderes sein müsse, als was er ihr erschien: ein sonniger Egoist.

Lisa Sandbauer schreckte aus ihren Gedanken auf. Der Wagen hielt auf einem freien Platz. Der Tatar und der Grossrusse auf dem Bock stritten sich mit einem Stadtsoldaten, der sie nicht weiterfahren lassen wollte. Nicolai hörte, sich über den Kutschenschlag beugend, ärgerlich zu.

„Nun hab’ ich eigens den Umweg durch die innere Stadt machen lassen,“ sagte er zu seiner Frau. „Und nun war gerade hier wieder vor einer Viertelstunde ein Krawall. Sieh nur diese unglaublichen Kerle an.“

An ein paar Branntweinschenken rechts und links waren Fenster und Türen eingeschlagen. Einige zertrümmerte Fässchen lagen davor in einer gewaltigen wasserhellen Pfütze von Kornschnaps, auf deren Spiegel Massen von Daunenfedern schwammen, wie sie auch sonst überall in der Luft stäubten. Zwei oder drei zerlumpte Gestalten waren daneben unbeweglich wie tot ausgestreckt. Doch sah man an ihnen keine Verletzung. Sie waren nur sinnlos berauscht. Hunderte von ähnlichen verwilderten Kerlen lungerten scheu und finster in der Entfernung an den Strassenecken, bereit, beim ersten Anreiten der paar Kosaken, die in der Mitte des Platzes hielten, weiter zu flüchten.

Nicolai warf seine ausgerauchte Zigarette zum Wagen hinaus. „Der Strolch dort trägt doch wahrhaftig eine rote Fahne! Es wird immer schöner. Was das wieder für ein Teich von Branntwein ist, den die Kerle haben aus den Fässern laufen lassen! Und diese beinahe zu Tod betrunkenen Schwarzarbeiter daneben . . . ! Eine nette Gesellschaft! Uns gehen sie aus dem Hafen mitten in der Arbeit weg . . . lassen das Schiff halbgeladen und die Getreidesäcke am Kai liegen . . . und hier treiben sie Unfug! . . . Früher hat ein Gouverneur einmal an einem Tag an die Schwefelbande siebzigtausend Rutenhiebe austeilen lassen . . . das half . . .“

„Wir wollen lieber umkehren!“ bat Lisa. Ihr Mann war nichts weniger als ängstlich von Natur und so war auch sie es nicht, zumal sie ja diese „Barfüssler“, die überall im Strassenleben Odessas hervorstechenden Hafenarbeiter und Hafenstrolche, genau kannte. Im allgemeinen galten diese wirrmähnigen und wirrbärtigen, von Kopf bis zu Fuss von Kohlenstaub geschwärzten, abenteuerlich mit Fetzen und Lumpen von alten Kohlensäcken und Schafpelzen behangenen oder im Sommer unten zwischen den Schiffen halbnackt herumlaufenden Wildlinge aller Stände und Rassen trotz ihrer von Schnapsgenuss stieren Augen und ihrer fürchterlichen, in keiner anderen Sprache erhörten Schimpfworte hier oben in der Stadt und bei Tag für unschädlich, wenn sie auch niemand in der Nacht in ihren Verstecken unter freiem Himmel, zwischen dem Hafengerümpel und in den Erdhöhlen am Meer ohne Lebensgefahr aufsuchen konnte. Anders war das jetzt, wo sie trunken und aufgeregt waren.

Aber in diesem Augenblick erhielten die Kosaken Verstärkung. Man hörte aus der Ferne den im Galopp sich nähernden kurzen Hufschlag auf dem Pflaster und ehe noch die Reiter, über den Hals der Pferde gebeugt, die Peitsche in der gesenkten Rechten, funkensprühend heranstoben, huschte das barfüssige Gesindel lautlos auseinander und verschwand auf unbegreifliche Weise in allerhand Schlupfwinkeln. Im Nu waren der Platz und die Strassen leer. Der Wagen konnte weiterfahren.

Nicolai schaute noch einmal nach rückwärts. „Da hätte nun Herr Roloff hingehört!“ sagte er unvermittelt und ironisch zwischen den Zähnen.

Roloff! Lisa entsann sich, dass der Direktor Karl Görwihl in der Eisenbahn ihr schon von dieser neuen Stütze der Firma Sandbauer und Sohn gesprochen. „Wer ist denn der Herr Roloff eigentlich?“ frug sie.

„Roba Roloff?“ Ihr Mann lachte kurz auf und zuckte die Achseln. „Darüber reden wir, wenn wir zu Hause sind! Hier ist nicht der Ort dazu! Man versteht ja auch sein eigenes Wort nicht vor diesem Rädergerassel.“

Eine Weile rollte die Equipage noch auf den harten Kopfsteinen dahin, dem einzigen Pflaster, das der Sonnenglut Odessas widerstand, wenn der Asphalt auf dem Boulevard vor Hitze breiig weich wurde und der flüssige Teer zwischen den Holzwürfeln hervorquoll. Dann wehten ihnen mächtige weisse Wolken entgegen, die Fahrt wurde plötzlich lautlos in dem tiefen Staub; man war ausserhalb der Stadt, auf dem Weg zu der Kleinen Fontäne.

Hier befand sich, wohl eine Stunde weit zwischen der Strasse und dem Schwarzen Meer ausgedehnt, das Villenviertel der internationalen Grosskaufmannschaft Odessas. Schon die Namen der Eigentümer, die an jedem Parktor standen, gaben ein Bild davon, wie sich in der Entwicklung der Stadt die einzelnen Nationen, Schicht auf Schicht übereinander gelagert, sich gegenseitig abgelöst oder auch in gemeinsamer Arbeit gefunden hatten. Besassen doch in den früheren Zeiten Odessas die einzelnen Völker ihre eigenen Strassen, die Franzosen, nach denen zwei der grössten Verkehrsadern die Namen „Richelieu“ und „de Ribas“ führten, die Schwarzwälder Deutschen, die die Schmiede- und die Wagnerstrasse innehielten, die Griechen, die Italiener, deren Einfluss eine Zeitlang so mächtig war, dass noch in der Mitte des neunzehnten Jahrhunderts Italienisch die vornehmste Umgangssprache bildete und bis in die siebziger Jahre die Strassennamen an den Ecken italienisch angeschrieben waren. Dazu kamen dann die Polen, die Hebräer in Menge, und hinter ihnen auch die Russen, je mehr, von baltischen Baronen gebaut, die Eisenbahnen von dem Hafenplatz in das Innere des Zarenreichs vordrangen, dann die Armenier, die Engländer und Amerikaner, und wer in diesem Völkerstreit Sieger geblieben und sich Geld und Gut errungen, der baute sich, als Zeichen seiner Zugehörigkeit zur ersten Gilde, ein Landhaus an Der Grossen oder der kleinen Fontäne und ruhte da in der kühlenden Seebrise von des Tages Last und Sorgen aus. Nur einige der allerältesten und reichsten Familien verzehrten, soweit sie nicht ihren Wohnsitz ganz nach Paris verlegt hatten, ihre Renten im Ausland und erschienen höchstens einmal, im Mai oder wenn im Herbst der Weizen exportfähig wurde, in ihrer Heimat.

Auch in der Bezeichnung der einzelnen Häuser spiegelte sich deutlich erkennbar die Anzahl der Jahrzehnte wider, die der Inhaber oder seine Vorfahren schon im Lande zugebracht. Die Familien, deren Erinnerung noch dunkel an die Zeit zurückreichte, da Odessa eine halb orientalische, ungepflasterte, wasserlose und von wilden Hunden und türkischen Kamelzügen wimmelnde Stadt gewesen, gaben ihrem Sommerheim noch den veralteten tatarischen Namen „Choutor“; die Neueren, hauptsächlich die Russen, bezeichneten es wie überall sonst in Moskau, Kiew und Petersburg als „Datsche“; die Allerneuesten, die westeuropäisch Gesinnten, die Ausländer zogen das farblose, allgemein gültige „Villa“ vor.

Ein jedes dieser meist einstöckigen Gebäude lag inmitten eines weitläufigen, mit Mauern oder Eisengittern umgebenen, mit Akazien bepflanzten Gartens. Aber nirgends war ein grünes Blatt, ein Fleckchen saftiger Rasen zu erblicken. Die Sonnenhitze hatte das Laub gebräunt und verdorrt, die Halme am Boden fahl gebrannt, der Staub lag darüber. Es war ein trauriges Bild, dies mühsame halbverlorene Menschenwerk, in das von ferne schon das eigentliche Reich der südrussischen Natur, die dürstende, glutatmende, unermessliche Steppe hereinlugte.

Der Wagen machte eine Schwenkung und fuhr durch ein offenes Tor in den Sandbauerschen Garten ein. Lisa wollte gar nicht erst rechts und links sehen. Die toten Farben der verschmachtenden Büsche und Wiesen stimmten sie doch nur traurig. Aber plötzlich erhellte sich ihr Gesicht. Um sie war frisches lichtes Grün. Das Strauchwerk schimmerte taubeperlt, der Rasen dampfte satt, dichtsprossend vor Feuchtigkeit; auf ihm leuchtete ein buntes Teppichbeet mit den Anfangsbuchstaben ihres Namens.

„Nun — was sagst du zu der Überraschung?“ sprach Nicolai triumphierend. „Ich weiss, wie schrecklich dir dieses Wüstenartige bei uns im Sommer ist. Da habe ich mit der Stadt ein Abkommen wegen des Wassers getroffen und jeden Tag begiessen und sprengen lassen.“

„Aber das wird ja Hunderte von Rubeln kosten!“

„Sogar ein paar Tausend!“ Er machte eine lässige Handbewegung, um den Gedanken an Geld abzuwehren. „Wenn du nur Freude daran hast . . .“

„Und wie!“ Ihre Augen waren feucht. Sie war ganz gerührt und reichte ihrem Mann dankbar die Hand. Aber bei der Art, wie er sie nahm und zerstreut lächelnd an die Lippen führte, durchzuckte sie sofort wieder der Gedanke: Es ist ja doch nur sein schlechtes Gewissen, keine Liebe! Morgen abend spätestens fährt er wieder zu Madame Yannopoulo . . .

Er half ihr aus dem Wagen. Sie traten in das Innere des Hauses, das ganz dämmerig war mit seinen gegen die Sonne herabgelassenen Jalousieen und doch erstickend heiss. Die Dienerschaft drängte sich unter tiefen russischen Verbeugungen zum Handkuss. Sie sagte jedem ein paar freundliche Worte, und währenddessen frug Nicolai: „Wirst du dich noch schlafen legen?“

„Nein. Ich bin gar nicht müde von der Reise.“

„Dann wäre es am besten, wir gehen noch am Vormittag zu Papa hinüber. Um die Zeit ist er am frischesten. Ich erwarte dich hier unten, etwa in einer Stunde. Soll der Wagen angespannt bleiben?“

Von Nicolais moderner, im Stil eines italienischen Landhauses gehaltenen Villa bis zu dem altfränkischen, seit mehr als fünfzig Jahren im Besitz der Familie befindlichen Choutor Sandbauer, in dem sein Vater einsam als Witwer wohnte, waren es nur ein paar Minuten. So verneinte Lisa. „Der Kutscher soll mich lieber dort abholen. Ich will von dort in die Stadt fahren und nach den Meinigen sehen.“

Langsam stieg sie die Treppe hinauf zu ihren Gemächern im oberen Stockwerk. Ihr Lieblingsraum war da das Eckzimmer in dem an die Villa angebauten Turm. Nach drei Seiten öffneten sich in ihm grosse Fenster und boten einen beinahe unbeschränkten Ausblick über Land und See. Da sass sie auch jetzt, nachdem sie sich umgekleidet und von dem Reisestaub befreit, und starrte träumend in die Ferne. Das tiefe russische Schweigen umgab sie lähmend und bannend nach dem Lärm der Fahrt, die gedrückte Stille unter dem weiten Himmel, über der weiten Ebene, in der der Charakter des Volkes sich widerspiegelt. Fuhr draussen ein Wagen vorbei, so rollte er lautlos im Staub, die Bettler und Bauern schlichen unhörbar auf ihren weichen Bastschuhen dahin, die flachsmähnigen Kinder, die seitwärts in den Büschen am Strande, nur mit einem kleinen Heiligenbild um den Hals bekleidet, badeten und spielten, flüsterten nur miteinander — kein Streit und Zank, kein Peitschenknall und Pfeifen, kein Geschrei wie im Westen — aber auch kein Lachen, kein Geträller, kein Vogelruf im Garten — eine Grabesruhe in der Mittagsglut, etwas Geheimnisvolles . . . Schwermütiges . . . etwas, das willenlos machte und, des ewig gleichen Schicksals müde, die Augenlider sinken liess . . .

Sie hob rasch den Kopf und schaute wieder um sich. Dort drüben, weit von hier, hinter den letzten Baumgruppen der Akazien, den dazwischen eingebetteten weissen Vorstadthäusern und Truppenzelten, den grossen öden Plätzen sah man ein Stück Steppe. Nur den Anfang, einen Streifen verdorrte, am Horizont flimmernde Wüste. Was dahinter lag, die Unendlichkeit der baum- und wasserlosen südrussischen Prärie, das konnte man nur ahnen. Anders auf der entgegengesetzten Seite. Da leuchtete das Blau heiss, verzehrend, förmlich lachend durch das Fenster. Oben das lichte, wolkenlose Blau der Himmelswölbung, darunter, bis zu den Grenzen des menschlichen Auges ausgebreitet, dunkler, beinahe stahlfarben, der Spiegel des Schwarzen Meeres. Schneeweisse Gischtkämme blitzten hundertfach darin auf, weisse Fischersegel glitten darauf hin, weisse Möwen flatterten .um sie her. Einige schnurgerade glasgrüne Bahnen zogen sich durch die Wellen, schwere graue Rauchfahnen hingen darüber, und ganz am Horizont, am Ende des Kielwasserstreifens erkannte man die schon winzig klein gewordenen, wie qualmende Nussschalen davonschwimmenden Dampfer. Die fuhren jetzt wohl nach Konstantinopel . . . übermorgen früh waren sie dort und warfen im Goldenen Horn vor dem Yldizkiosk Anker, oder hinüber nach der Krim und landeten morgen vormittag schon an ihren Lorbeer- und Orangenhainen, ihren Moscheen und Tatarendörfern, oder weiter nach dem Kaukasus . . . jedesmal, wenn Lisa ein Schiff den Hafen verlassen sah, bekam ihre Seele die Sehnsucht . . . den Drang: fort von hier! . . . Es war doch sicher nicht das Rechte, wie man hier lebte . . . es musste einen Ort geben, wo das besser war . . . man wusste nur nicht den Weg dahin . . . und lebte weiter . . . und verlernte das Hoffen . . .

Das dritte Fenster ging auf ihren Garten hinaus. Wie eine kleine Oase, frischbewässert und mit staubfrei abgeduschten Bäumen, lag er würzig grün zwischen der trostlosen Dürre der Parks zur Rechten und zur Linken. Eben besserte man das bunte Teppichbeet aus, dessen eine Ecke der Diener beim Hereintragen der Koffer beschädigt. Ein paar stämmige Kerle knieten da unter Aufsicht des deutschen Gärtners und steckten mit ihren plumpen Fingern behutsam die winzigen Pflänzchen in die Erde, ein unscheinbares Bild, in dem sich doch der hochfahrende Reichtum des Hauses Sandbauer offenbarte. Und Lisa Sandbauer schaute ihnen zu und dachte: Warum habe ich das alles und es macht mir doch keine Freude? . . . Und warum bin ich selbst da, ohne dass jemand Freude an mir hat? . . .

Es war Zeit, ihren Mann aufzusuchen. Sie traf ihn unten in seinem Rauchzimmer, ein Bündel Depeschen und kaufmännische Briefe vor sich, die er, die Papyros im Munde, mit seinem gewohnten lässigen Gesichtsausdruck, aber doch nervös durchblätterte. Er war etwas erregt und verhehlte das auch gar nicht.

„Das kann jetzt wieder eine angenehme Begegnung zwischen Papa und mir geben!“ sagte er, auf die Uhr sehend und sich erhebend. „Nimm es nicht übel, wenn es gerade heute, am Tage deiner Ankunft, zu einem Krach kommt. Das Geschäft bringt es so mit sich.“

„Könnt ihr euch denn immer noch nicht im Geschäft vertragen?“

„Weniger als je.“

„Aber warum denn nicht?“

Nicolai ging ungeduldig, mit unruhigen Schritten, in seinem prunkvoll in kaukasischem Geschmack eingerichteten Zimmer auf und ab. „Sehr einfach: Er ist alt und ich bin jung. Er ist vorsichtig — obwohl er als junger Mensch ein tollkühner Spekulant gewesen sein soll — ich bin . . . je nun, meine Gegner nennen es leichtsinnig — aber jedenfalls: der Erfolg gibt mir recht. Er sieht, weil er krank ist, alles schwarz in schwarz, ich denke, weil ich gesund bin: Es wird schon nicht so schlimm werden! Er glaubt steif und fest an das drohende Getreideausfuhrverbot und will keine Ankäufe wagen, ich glaube absolut nicht daran und meine, jetzt gerade muss man auf Kosten der Ängstlichen ein grosses Geschäft riskieren . . .

„Eines von beiden muss geschehen!“ fuhr er fort. „Entweder was Papa will oder was ich will. Nun kann er ja schon seit Monaten nicht mehr in das Kontor und unter die Leute. Im Kontor ist alles von ihm zu stummem Gehorsam gegen ihn oder mich erzogen. Der einzige, der sich einmal ein Wort erlaubt, ist Sruhl Freidkind, der Buchhalter. Aber erstens versteht der nichts vom Weizen und zweitens will er ja weg. Er träumt ja nur davon, alles Weltliche hinter sich zu lassen und da irgendwo in seinem galizischen Heimatnest zwischen Przemysl und Tarnopol Talmudgelehrter zu werden. Mit einem Wort: ich hätte freie Bahn und könnte disponieren wie ich wollte, wenn — ja wenn eben Herr Roloff nicht wäre!“

Da klang wieder der Name, den Lisa heute morgen im Eisenbahnwagen zuerst gehört. Sie schaute ihren Gatten erwartungsvoll an. Aber der schwieg. Er wollte erst noch einmal gefragt werden, ehe er seinem Herzen Luft machte, und so tat sie ihm den Gefallen: „Du wolltest mir doch erzählen, wer dieser Herr Roloff ist.“

„Ja — wenn ich es nur selbst wüsste!“ setzte Nicolai. „Oder wenn es sonst jemand wüsste!“ setzte er hinzu, über ihr Erstaunen die Achseln zuckend. „Aber frage doch, wen du willst, in Odessa. Du bekommst keine Antwort.“

Lisa fiel das eigene, zurückhaltende Lächeln ein, mit dem auch Karl Görwihl in der Eisenbahn über Roloff, mit dem er doch befreundet sein wollte, mehr geschwiegen als geredet hatte. „Aber man kennt doch seinen Namen und wo er her ist,“ sagte sie.

„Er nennt sich Roba Roloff. Wahrscheinlich weil ihm das gerade so gefällt. Wie er vielleicht noch vor einem Jahr geheissen hat, kann man nicht erraten!“

„Aber er hat doch seinen Pass!“

„Einen Pass kann man sich leicht in Russland verschaffen, wenn man es geschickt anfängt.“

„Aber man sieht ihn doch! Man spricht täglich mit ihm!“

„Man sieht ihn und es ist nichts Auffälliges an ihm. Man spricht mit ihm und er antwortet in fliessendem Russisch und in Deutsch mit baltischem Anklang — was meiner Überzeugung nach seine Muttersprache ist —, auch in Französisch oder Englisch. Er ist offenbar ein gebildeter Mann — hat viel gesehen und erlebt. Das wirst du auch an seinem Benehmen merken!“

„Ja — aber von wo ist er denn zu euch gekommen? Daraus liesse sich doch ermitteln . . .“

Nicolai lachte und schaute, die Papyros im Munde, die Hände in den Hosentaschen, tiefsinnig hinaus in den Garten. „Das ist ja gerade das Unerhörte. Ich kenne nur einen Platz auf der Welt, der — ich möchte sagen, das Nichts ist . . . in dem man untertaucht und alles abstreift, was man bisher war . . . wo Leute aus aller Welt zusammenkommen und alle Spuren sich verwischen . . . erinnerst du dich, wie wir vorhin über den Platz fuhren . . . diese Hunderte von Barfüsslern und Schwarzarbeitern aus dem Hafen, die in die Stadt heraufgeschlichen waren, um den Juden die Branntweinfässer einzuschlagen . . .?“

„Nun ja . . . und?“

„Aus dieser Horde,“ sagte Nicolai kaltblütig, jedes Wort wägend, „aus den Schwarzarbeitern im Getreidehafen . . . aus diesem . . . diesem Hexenkessel geradezu, in dem alle nur denkbaren verkommenen und vertierten und verkrachten Existenzen zusammenfliessen — du kennst das nicht so wie wir, die mit diesem Menschenmaterial umgehen müssen — es ist wirklich eine Hölle im kleinen . . . gesetzlos . . . verwildert . . . ohne Ordnung . . . ohne Hoffnung . . . kurz, aus dieser Umgebung hat sich Papa Herrn Roba Roloff herausgeholt und zu einer Art von Vertrauensmann und Berater, beinahe in seiner Krankheit schon zum Stellvertreter, gemacht, der mir nun überall, wo er nur kann, entgegenarbeitet . . .“

Lisa schloss unwillkürlich die Augen und schauerte ein wenig. Sie sah diese zerlumpten, kohlengeschwärzten, lautlos überall wie scheue Tiere herumstrolchenden Gestalten vor sich. Wie ist denn das nur möglich?“ frug sie halblaut. „Ein solcher Mensch . . .“

„Ich will ihm nicht Unrecht tun!“ sagte Nicolai . . . „Ein richtiger abgerissener Barfüssler, wie du dir das nun wohl vorstellst, war er nicht. Er trug Schaftstiefel und eine Lammfellmütze und leidliche Kleider und wusch sich, nur eben statt in einer Waschschüssel direkt im Meer. Sie hatten ein Artêl, eine Arbeitsgenossenschaft . . . er, ein paar Juden, ein Haufen Tataren, ein tscherkessischer Edelmann, einige russische Bauern, ein verkommener polnischer Student . . . so trugen sie gemeinsam Getreidesäcke aufs Schiff . . .“

„Und da sah ihn Papa?“

„Papa hatte sich im Hafen Abends verspätet — vor sieben Monaten — wenige Tage, nachdem du ins Ausland gefahren warst . . . und fand keine Droschke und ging zu Fuss zurück. Da, an einer einsamen Stelle, überfallen ihn ein paar Kerle — wollen ihm Uhr und Geld wegreissen — ihn womöglich niederschlagen und im Schnee liegen lassen. Er schreit um Hilfe und ein Mann, der da unbemerkt gestanden und sich das gefrorene Meer im Mondschein angesehen hat, springt dazwischen und boxt kunstgerecht mit seiner Faust den Strolchen derart rechts und links an die Ohren, dass sie übereinander fliegen und machen, dass sie fortkommen. Das war Roba Roloff. Papa dankt natürlich seinem Retter und fragt, was er für ihn tun könne, und der sagt: ,Geben Sie mir kein Geld! Geben Sie mir eine kleine Anstellung. Ich verlade seit Wochen bei Ihnen Getreide! Und ich verstehe etwas von Getreide!‘ Und das ist wahr. Seine Weizenkenntnis ist gross! Nicht nur wie bei einem Kaufmann, sondern auch wie bei einem geschulten Landwirt — und es ist auch Instinkt da — oder natürliche Begabung! Seit ihn Papa, zuerst in einem ganz untergeordneten Posten, in das Geschäft genommen, hat er ein ganz anderes Leben in unsere Aufkäufer in der Provinz gebracht. Sie fürchten ihn wie den Teufel . . . die Juden . . . die Gutsbesitzer . . . die Konkurrenz . . . alle! Er wäre höchst brauchbar, wenn er sich nicht eben ganz als Papas gefügiges Werkzeug betrachtete, das alles das ausführt, was er selbst wegen seines Leidens nicht mehr kann, und so mir Licht und Luft nimmt. Also so liegen die Dinge zwischen uns, Lisinka, und nun weisst du, was es für eine Bewandtnis mit der Persönlichkeit hat, die sich Robert Roloff nennt.“

„Kann man ihn denn nicht fragen, wer er eigentlich ist?“

Nicolai Sandbauer nahm seinen Tropenhelm und weissen Sonnenschirm. „Versuche es doch! Er wird dir antworten, was er allen zu antworten pflegt: ,Wer unter den Schwarzarbeitern war, hat ein Kreuz hinter sein früheres Leben gesetzt. Das ist begraben. Also lassen wir es ruhen!‘ . . . Und nun komm! Wir wollen zu Papa gehen!“

III

So zierlich, beinahe kokett die Villa von Sandbauer junior in der Parkvorstadt der Kleinen Fontäne dalag, so grau und düster war der wenige hundert Schritte entfernte „Choutor“ seines Vaters. Seit dem Tode der alten Madame Sandbauer hatte da keine pflegende Hand mehr gewaltet. Alles war verwittert und verwildert. Der Hausherr, der zusammen mit einer entfernten ältlichen Verwandten als seiner Wirtschafterin das stille, zum grossen Teil unbenutzt abgeschlossene Gebäude bewohnte, hatte auch, als er noch gesund war, nie Sinn und Zeit für den äusseren Schmuck des Daseins gehabt. Dazu lasteten zeitlebens die Sorgen des Weizengeschäfts zu schwer auf ihm. Und nun war er krank, todkrank. Gerade heute ging es besonders schlecht. Der alte ungepflegte Diener, der dem Ehepaar öffnete, zuckte auf die Frage Nicolais nur stumm die Schultern: er wisse nicht, ob man mit dem Gospodin werde sprechen können — und schritt dann auf den Fussspitzen voraus bis zu dem Gartenzimmer, das Dominik Sandbauer, seit er das Haus nicht mehr verlassen konnte, halb als Krankengemach, halb als Privatkontor benutzte. An seiner Schwelle liess er die Besucher allein und zog sich geräuschlos zurück.

Die Türe war halboffen. Das Innere hüllten die herabgelassenen Vorhänge in Dunkel. Man konnte nur undeutlich die Gestalt des alten Kaufherrn unterscheiden, der in einem Rollstuhl sass, seine Pflegerin Marussja Sandbauer, eine verarmte stille Witwe, neben sich. Sie war stets schwarz gekleidet. Ihr Mann hatte sich vor zwanzig Jahren in der Nacht, ehe der Konkurs über seine Getreidefirma in Cherson verhängt und er nach russischem Gesetz in Personalhaft genommen werden sollte, erschossen.

Sie war jetzt beinahe die einzige Gesellschaft des Kranken. Ihr erzählte er stundenlang, wenn, wie in diesem Augenblick, die Anfänge greisenhaften Träumens über ihn kamen . . . oder vielmehr seine Gedanken ziellos in die Erinnerung zurückwanderten, zu den Merksteinen, nach denen er sein Leben zählte, den grossen Krisen in der Kornausfuhr, den Jahren der Trockenheit, der Heuschreckennot, der Kriege . . .

Nichts rührte sich. Nur die fast erloschene Stimme Dominik Sandbauers murmelte durch den dämmernden Raum. „. . . Ich war damals noch ein junger Bursch, Marussja . . . ich hatte mich, obwohl ich als Ehrenbürgerssohn die Adelsvorrechte hatte und nicht zu dienen brauchte, in die Opoltschenje, die Reichswehr, aufnehmen lassen und freute mich über meine grüne Uniform und hatte ein Fernrohr. Damit schauten wir aufs Meer, ob sie nicht bald kämen. Und eines Morgens, Marussja . . . das war wie eine Lustspiegelung über dem Schwarzen Meer . . . als kämen alle Schiffe der Welt auf einmal herangefahren . . . wie weisse Mauern . . . Segel an Segel . . . tausend und mehr . . . die ganze See war bedeckt, so weit man sehen konnte . . . das war die Flotte der Verbündeten, Engländer, Franzosen, Piemontesen, Türken . . . nie hatte ein Mensch derlei für möglich gehalten . . . die Muschiks knieten auf der Strasse nieder und bekreuzigten sich: Gott hat uns gestraft! Und in den Kirchen sangen die Mönche: Herr, erbarme dich! Erlöse uns von dem Antichrist . . .“

„Er ist im Krimkrieg!“ flüsterte Nicolai seiner Gattin zu. Sie waren auf ein Zeichen der Wärterin am Eingang stehen geblieben. Lisa nickte nur. Stärker als je empfand sie den leisen Schauer, den ihr auch früher schon die Erzählungen des greisen Schwiegervaters zuweilen eingeflösst. Das war für sie, die in der zweiten Hälfte der Zwanziger stand, so schwer auszudenken, dass ein Mensch noch lebte, der all jene Zeiten und Schicksale Odessas noch mitangesehen, die man heute kaum noch vom Hörensagen kannte — die Jahre, in denen in heissen Sommern der kaukasische Rotwein billiger gewesen war als das Wasser aus den Zisternen — in denen grosse Räuberbanden unmittelbar vor der Stadt in den Klüften der Steppe gehaust und die Tataren ihre Lastkamele durch die ungepflasterten Gassen getrieben hatten. Damals wohnte man hier noch an der Grenze der Wildnis, an der Schwelle des Orients, von der aus sich alljährlich Tausende von Soldaten zum Kampf gegen die Bergvölker des Kaukasus einschifften. Europa war weit, schwer zu erreichen. Man musste durch das Schwarze Meer fahren, durch die Sulinamündung und die Stromschnellen des Eisernen Tores aufwärts in wochenlanger Reise nach Wien. Das alles war so unwahrscheinlich, wenn man sich jetzt in die glänzende internationale Hafenstadt versetzt und ständig durch Eilzüge, Telegraph und Telephon mit Westeuropa verbunden wusste.

Der Kranke drinnen hatte Atem geholt. Dann sagte er müde: „Die Verbündeten haben uns aber nicht viel geschadet, Marussja! Die Stadt liegt zu hoch. Ihre Bomben konnten Odessa nicht erreichen. Vier Kanonenboote kamen bis in den Hafen . . . Eines ist aufgelaufen . . . da hat es mit einer Kettenkugel eine ganze lange Doppelreihe von unseren Soldaten in Stücke gerissen. Man lud sie auf Karren und führte sie weg, um sie zu begraben . . . es bewegte sich noch auf den Karren . . . aber die Treiber riefen: ,Gott mit euch, Brüder!‘ . . . ich hab’ dabei gestanden, Marussja! . . . In den Jahren ist die Ernte auf dem Feld verfault. Niemand konnte Getreide verschiffen . . . Da hasste ich die Franzosen und hatte sie in Paris doch gern gehabt . . . Gerade vorher hatte mich der Vater dorthin geschickt gehabt, wie ich zwanzig Jahre alt war . . . Da hab’ ich unterwegs . . . zum ersten Male in meinem Leben . . . einen Wald gesehen . . . bis dahin nur Meer und Steppe . . .“

Marussja erhob sich leise, als er verstummt war, ging zum Fenster und öffnete den Vorhang. Es wurde hell. Ein Sonnenstrahl lugte herein und spielte über den Kopf des Kranken, der still in den Kissen lag und mit seiner wachsgelben Farbe, den geschlossenen Augen und dem halboffenen Mund schon beinahe an einen Toten erinnerte. Er hatte nichts von derbem Bauerntum an sich, wie andere aus der nun schon fast ausgestorbenen zweiten Generation der in Odessa eingewanderten schwäbischen Kolonisten, deren Kinder und Kindeskinder, soweit sie zu Wohlstand gelangt, längst jede Eigenart abgestreist hatten. Dominik Sandbauer stammte aus dem stubenhockenden grüblerischen Geschlecht der Schwarzwälder Dorfuhrmacher, die jahraus jahrein in ihren einsamen Häuschen sassen und bastelten und sinnierten, und sein Vater noch war zu Ende des achtzehnten Jahrhunderts mit einem Bündel Uhren auf dem Rücken, den Wanderstab in der Faust, in Odessa eingezogen und erst nach einer günstigen Heirat mit einer Landsmännin aus dem deutschen Kolonistendorf Gross-Liebental, die ihm Kapital mitbrachte, Getreidehändler geworden. Schmächtig und schwächlich wie er war auch Dominik Sandbauer sein Leben lang gewesen, äusserlich ein unscheinbarer kleiner Mann. Aber jetzt noch zeigte der Zug eiserner Starrheit, der unter dem schütteren grauen Vollbart um die welken Lippen eingegraben lag, dass, der da ruhte, in seiner Art kein gewöhnlicher Mensch gewesen — sondern das halb gefürchtete, halb bewunderte Vorbild eines rücksichtslos dem Erfolge alles opfernden, durch keinen Fehlschlag entmutigten Kaufmanns, der das kleine Weizengeschäft, das er als Erbe übernommen, im Laufe eines langen Daseins, über die Leichen anderer Firmen hinweg, zu seiner heutigen stolzen Höhe geführt hatte.

Der Tagesschein weckte den Kranken aus seinem Halbschlaf auf. Seine Augen belebten sich. Er erkannte Lisa. Mit einem freundlichen Lächeln streckte er ihr mühsam, zitterig die Rechte entgegen. Also zurück!“ sagte er leise. Wie geht es?“

Sie war zu ergriffen, um zu antworten. Sie nahm seine Hand und führte sie an die Lippen. Der Greis liess es geschehen. Dann wandte er den Kopf seinem Sohn zu. Sein Gesicht wurde plötzlich trotz seines leidenden Ausdrucks unerbittlich hart.

„Ist es wahr?“ sagte er mit viel lauterer Stimme als bisher.

„Was denn, Papa?“ Nicolai beugte den Kopf etwas vor, in einer schonenden Haltung, wie man mit einem Schwerkranken, nicht mehr ganz Zurechnungsfähigen spricht.

„. . . Dass du gestern wieder Getreide blanko verkauft hast?“

„Ja.“

„Und viel?“

„Ziemlich. Etwa zehntausend Tschetwert.“

„Grosser Gott!“ Der Alte zuckte, wie von einem körperlichen Schmerz getroffen, zusammen und starrte eine Weile hoffnungslos vor sich hin. Dann begann er dumpf: „Siehst du denn nicht, dass du auf diese Art die Firma ruinierst!“

„Keineswegs!“ sagte Nicolai kühl.

„Du verkaufft Unmengen von Getreide, das wir noch gar nicht besigen!“

„Wir werden es kaufen!“

„Wann?“

„Nach der Ernte.“

„Wo?“

„Hier in Südrussland.“

„Und wenn die Ausfuhr des Getreides aus Russland verboten wird, musst du anderswo kaufen, um deinen Verpflichtungen nachzukommen, und da überall in der Welt bis Amerika und Argentinien hin die Preise jäh steigen werden, eine furchtbare Differenz gegen den Verkaufspreis zahlen. Die einfachste Überlegung müsste dir doch sagen, dass man nichts riskiert, solange die inneren Gouvernements bei uns von Hungersnot und der Markt daher von einer Grenzsperre bedroht ist. Das kann dich ja Hunderttausende von Rubeln Kosten, Nicolai!“

„Es gibt eben keine Grenzsperre!“

„Doch!“

„Hast du Beweise dafür?“

„Hast du welche dagegen?“

Nicolai zuckte die Achseln und wandte sich zu seiner Frau: „Du siehst, Lisa: es ist, wie ich es dir sagte! Papa sieht die Dinge schwarz, ich sehe sie weiss. Er glaubt an das Unglück — ich glaub’ an das Glück! Da kann man sich nicht einigen.“

„Ich glaub’ nicht an das Unglück!“ murmelte der in alte Kaufmann müde. Dazu hab’ ich keinen Grund! Aber Vorsicht tut not!“

„Warst du denn immer vorsichtig?“

„Ich war es nicht. Ich habe mehr als einmal Spekulationen gewagt, bei denen viel zu gewinnen und zu verlieren war. Aber vorher hab’ ich hier im Hause des Nachts gesessen und gerechnet und alles Für und Wider erwogen und den Zufall ausgeschaltet, soweit das ein Mensch kann . . . Du aber rechnest gerade mit dem Zufall, ob das Ausfuhrverbot kommt oder nicht — du setzst blindlings auf eine Karte und denkst: Es wird schon glücken! Du bist kein Kaufmann, sondern ein Spieler. Du spielst ja fast jede Woche ein, zwei Nächte hindurch.“

Nicolais männlich-schönes Antlitz versinsterte sich etwas. Er empfand die Erwähnung seiner Kartenleidenschaft, gerade in Gegenwart seiner Frau, sehr unangenehm und sagte, so ehrerbietig er sonst auch vor dem Vater stand, doch mit einiger Schärfe: „Das ist wohl meine Privatangelegenheit . . . ich bin doch schliesslich ein Mann zu Mitte der Dreissig . . . und was die Getreideverkäufe betrifft — du lebst doch leider hier ganz abgeschieden . . . du hörst doch nur von Herrn Roloff, was draussen geschäftlich vorgeht — oder vielmehr, du willst es von niemand anderem hören . . .“

„Nein!“ sagte der Alte: „Denn Roloff hat mehr Verstand wie die anderen alle zusammen.“

Sein Sohn bezwang sich, um ruhig zu bleiben. Verstand mag er haben — sogar viel, das leugne ich nicht. Aber seinen geschäftlichen Einfluss halte ich für ein Unglück. Mit dieser ewigen Kälte und Ruhe kommt man nicht vorwärts. Man muss doch auch einmal ein bisschen Wagemut in sich spüren. Schliesslich ist doch nicht dieser Mann, den du aus dem Hafen aufgelesen hast, von dem niemand weiss, woher er kommt und wer er eigentlich ist, der Chef der Firma, sondern du und ich. Und da du leider nicht herauskommen und disponieren kannst, so muss ich, der ich mitten in der Welt stehe, es eben an deiner Stelle tun, so wie ich es für das beste halte . . .“

Dominik Sandbauer hob rasch den Kopf. Ein unheimliches Lächeln spielte über seine abgezehrten Züge. „Und ich bin schon ganz zum alten Eisen geworfen? Beinahe begraben — denkst du? Nein — Nicolai — so schnell geht das doch nicht. Vorderhand bin ich noch da und werde verhindern, dass du zerstörst, was ich mühsam aufgebaut habe . . . Willst du mir dein Versprechen geben, künftig keinen Verkauf ohne Beratung mit mir abzuschliessen?“

„Wie kann ich das? Du weisst, wie schnell das im Geschäft geht. Man wird antelephoniert oder der Makler kommt, und man muss sich entscheiden.“

„Also du willst nicht?“

„Nein.“

„Gut!“ Dominik Sandbauer drückte auf eine Klingel neben seinem Krankenstuhl und frug ganz ruhig den eintretenden Diener: „Wartet Herr Roloff, wie ich angeordnet hab’?“

„Er wartet!“

„Sage ihm, ich liesse bitten, zu kommen!“

„Ich höre!“

Der Diener ging. Nicolai hatte im ersten Augenblick eine Bewegung gemacht, als wolle er vor ihn treten, aber dann frug er nur mit einem heiseren Klang in der Kehle, der seine unterdrückte Erregung verriet: „Was hast du denn mit Roloff vor?“

„Du wirst es sehen!“

Das klang so schroff, dass Lisa bang auf ihren Mann blickte. Sie befürchtete bei ihm einen Zornausbruch, aber seine weltmännische Haltung siegte. Er lächelte nur verächtlich und ging langsam, wie gelangweilt, auf und nieder. Nun wollte sie sich zurückziehen, wie es die stumme Pflegerin Marussja schon getan, um die Männer bei ihren finanziellen Besprechungen allein zu lassen, aber Nicolai rief sie beinahe ungeduldig wieder her: „Bleib doch nur! Das sind keine Geheimnisse!“ Und sie merkte, dass ihre Gegenwart von ihm und wohl auch von seinem Vater als ein Vorbeugungsmittel empfunden wurde, um sich nicht gehen zu lassen und nicht allzu heftige Auftritte herbeizuführen, Auftritte, wie sie vor langen Jahren, noch ehe sie selbst in das Sandbauersche Haus gekommen, in furchtbarer Weise stattgefunden hatten. Man erinnerte sich wohl noch daran, auch nachdem die Beziehungen zwischen Vater und Sohn sich äusserlich wieder gebessert — aber den wahren Grund ihrer gegenseitigen, von da ab entstandenen Entfremdung wusste keiner und ahnten die wenigsten: Dominik Sandbauer hatte damals Wechsel in Händen gehalten, auf denen sein Name stand, und hatte seinen Namen doch nie auf diese Wechsel geschrieben, die sein Sohn Nicolai in Umlauf gebracht. Er hatte, geschwiegen und gezahlt und die Papierstreifen mit zwei Fingern, als ekle er sich vor ihnen, gepackt und auf den glühenden Holzkohlen unter dem Samowar verbrannt. Dann aber hatte es eine Aussprache mit Nicolai gegeben, nach deren Verlauf jener blass wie eine Leiche das Gemach des alten Herrn verlassen und beide ein Jahr lang nur geschäftlich Worte miteinander gewechselt hatten, bis die Zeit die Kluft überbrückte.

Das war lange her. Nicolai hatte es wohl schon ganz vergessen. Er besass eine glückliche Gabe, alles zu vergessen, was ihm unangenehm war. Seine Papyros rauchend, stand er gleichmütig mit ironisch-heiterem Gesichtsausdruck da. Lisa war auf ihren Platz am Fenster zurückgekehrt. Da blieb sie. Es war ganz still im Gemach, bis die Türe von aussen aufging.

Draussen klangen rasche feste Schritte und Robert Roloff trat an dem öffnenden Diener vorbei in das Zimmer. Lisa hatte seinem Kommen mit einem leisen Unbehagen entgegengesehen. Die wilden zerlumpten Gestalten der Schwarzarbeiter, wie sie sie eben noch auf dem Platz vor der Branntweinschenke geschaut, wollten ihr nicht aus dem Sinn. Aber der Angestellte des Hauses Sandbauer und Sohn, der da stand, war ein Mann wie andere, über mittelgross, zu Ende der Dreissig, unauffällig in einen leichten grauen Sommeranzug gekleidet, mit kurzem dunkelbraunem Vollbart. Nichts an ihm verriet, dass ihn die Schlünde des Lebens schon einmal in ihre Tiefen gerissen und dem Tag wieder zurückgegeben hatten, nirgends war an ihm eine Spur der Unterwelt, aus der er kam. Nur war sein Gesicht von der Sonne gebräunter, seine Gestalt straffer und breitschultriger, seine ganze Haltung unwillkürlich selbstbewusster, als es sonst bei einem Kaufmann der Fall war, der sein Leben im Kontor verbracht. Er erinnerte eher an einen Landwirt. Luft, Wind und Sonne schienen ihm von früher her vertraut, und auch jetzt war es ja nicht sein Beruf, in der Stube zu sitzen, sondern auf weiten Reisen durch die Weizengouvernements des südlichen Russlands den Saatenstand zu prüfen und die Aufkäufer der Firma zu überwachen.

Er begrüsste seine beiden Chefs mit der Zurückhaltung des Untergebenen und verbeugte sich leicht, in einer ihm selbst vielleicht unbewussten ruhig-sicheren Art, vor Lisa. Ihr vorgestellt zu werden, erwartete er in seiner abhängigen Stellung wohl gar nicht, und Nicolai, der auch seinen Gruss nur obenhin erwidert hatte, machte auch keine Miene dazu. Aber sein Vater murmelte doch mit einer Handbewegung: „Lisa — dies ist unser Herr Roloff!“ Und er verneigte sich noch einmal, stumm und gemessen, wie es ihm hier zukam.

Dabei sah sie, dass sein dichtes braunes Haar an einer Stelle über der Stirne dunkler und wie zusammengeklebt erschien. Und ein diesem Punkte entsprechender Flecken, aber hellrot, war an der weissen Schirmmütze, die er in der Rechten hielt. „Sie bluten ja!“ sagte sie erschrocken.

Roba Roloff verneinte. „Ich geriet in einen kleinen Judenkrawall hinein — nahe am Magazin Ihres Herrn Vaters — und machte mir Platz. Das ist alles, gnädige Frau!“

Seine Stimme war tief, mit einem leisen, ehernen Grundklang. Es fiel ihr auf, dass er, wie heute morgen sein Freund Görwihl, nach dem Brauch des Westens „gnädige Frau“ sagte und nicht „Madame Sandbauer“. Das war ein Zeichen, dass er mit der deutschen Kolonie in Odessa nichts gemein hatte. Sie blieb stumm und er wandte sich wieder den beiden Herren zu, um deren Befehle entgegenzunehmen. So konnte sie von der Seite sein Gesicht betrachten. Es lag darauf — im Gegensatz zu der kränklichen Gereiztheit ihres Schwiegervaters, der lächelnden Nervosität ihres Gatten — eine unerschütterliche Ruhe. Man fühlte: den Mann da konnte nicht mehr leicht etwas aus seiner Gelassenheit bringen. Er hatte zu viel gesehen und erlebt und sich in zu viel Dinge und Menschen hineingelebt, um sich noch aufzuregen. Das war ihm nicht mehr der Mühe wert. So waren auch seine Augen . . . hell . . . leidenschaftslos . . . eigentlich heiter. Und was ihm noch etwas Besonderes gab: Wenn er sprach, gestikulierte er nicht mit den Händen, wie es sonst jeder vom Grosskaufmann bis zum jüngsten Laufburschen tat, der sich in Odessa am Glücksspiel des Getreidehandels beteiligte, sondern stand, ohne sich zu rühren, da, — gleich als ginge ihn der Kampf ums Dasein eigentlich gar nichts an, sondern er mache das Spiel nur einmal in philosophischer Ruhe als Unbeteiligter mit.

„Sie haben mich rufen lassen, Herr Sandbauer?“ frug, er, da der Kranke noch zögerte und, erschöpft und leidend vor sich hinstarrend, mit einem Entschluss zu kämpfen schien.

Dominik Sandbauer strich die Decke über seinen Knieen glatt, hüftelte und begann dann unvermittelt: „Haben Sie Nachrichten aus Petersburg?“

„Jawohl! Vorhin!“ Roloff zog eine Depesche hervor.

„Bitte, lesen Sie!“

Und der andere las mit seiner tiefen gedämpften Stimme: „Scholims Befinden seit gestern eher wieder schlechter. Doch hat unser hiesiger Arzt immer noch Hoffnung auf Genesung.“

„Nun also!“ sagte der alte Grosskaufmann. „Da hörst du es wieder, Nicolai — wenn du eben hören wolltest. Jeden Tag lauten die Nachrichten ungünstiger! Ein Kind müsste begreifen, dass die Katastrophe unvermeidlich ist . . .“

„Es steht aber doch: immer noch Hoffnung auf Genesung.“

„Natürlich — aber Hoffnung trügt — das glaubst du eben nicht! Was denken Sie heute von der Lage, Herr Roloff?“

Der Angeredete steckte die Depesche wieder ein. „Immer das gleiche, Herr Sandbauer: Über kurz oder lang erhalten wir die Nachricht: Scholim ist verschieden.“

„Das mein’ ich auch!“ Der Alte nickte trübe. Die Drei Männer schmiegen, jeder mit seinen Gedanken beschäftigt. Endlich entschloss sich Lisa, die, ohne ein Wort von der ganzen Sache zu verstehen, zugehört hatte, zu der Frage: „Wer ist denn nur dieser Herr Scholim, der euch so am Herzen liegt?“

Roba Roloff, der ihr zunächst stand, lächelte. Dadurch veränderte sich sein gebräuntes Gesicht. Es sah viel gutmütiger und lebenslustiger aus. Sein wahrer Mensch schaute da heraus.

„Unser armer Freund Scholim macht uns allerdings schwere Sorgen, gnädige Frau!“ sagte er. „Er steht schon die längste Zeit auf recht schwachen Beinen. Aber zum Glück existiert er eigentlich gar nicht.“

„Er existiert nicht?“

„Nein. Oder vielmehr, es gibt nur ein Wort Scholim im Jüdisch-Deutsch, das Frieden bedeutet — in unserem Fall der Handelsfrieden, der durch die drohende Getreidesperre gestört werden würde. Und da die Telegraphenzensur uns keine offenen Depeschen über den Stand der Dinge erlaubt, so telegraphiert uns unser Vertreter in Petersburg eben ein ärztliches Bulletin. Das ist das ganze Geheimnis.“

„Ach so!“ Lisa ärgerte sich ein wenig, als Gattin und Tochter eines Kaufmanns so naiv gewesen zu sein, und ihr Mann sagte trocken: „Es war wohl kaum nötig, dass Herr Roloff dir das verriet. Jedenfalls brauchst du es aber nun nicht gleich weiter zu erzählen! Sonst verdirbst du mir damit das Geschäft.“

Dominik Sandbauer hatte sich etwas in seinem Krankenstuhl aufgerichtet. „Das Geschäft! Also, du beabsichtigst, mit diesen Getreideverkäufen fortzufahren, Nicolai“

„Allerdings, Papa — ich halte es für das richtige . . .“

„Und ich für das Gegenteil!“

„Verzeihe! Aber einer von uns muss doch die Geschäfte führen. Und da du ja leider verhindert bist . . .“

„Ich bin allerdings persönlich verhindert!“ sagte sein Vater ruhig. „Aber ich kann mich ja doch vertreten lassen. Ach, Herr Roloff . . . kommen Sie, bitte, etwas näher. Sie sind zwar wenig über ein halbes Jahr bei uns, aber Sie haben sich als eine so ungewöhnliche Kraft erwiesen und derart mein Vertrauen erworben, dass ich Ihnen von heute ab die Prokura für Sandbauer und Sohn erteilen will. Ich nehme dabei an, dass Sie in wichtigeren Sachen nur nach Rücksprache mit mir für die Firma zeichnen werden. Lassen Sie jetzt gleich die Anzeige an unsere Geschäftsfreunde mit Ihrer Unterschrift hektographieren!“

Roloffs Gesicht blieb so gelassen wie zuvor. Erst schien er etwas entgegnen zu wollen. Aber dann sagte er nur ruhig: „Ich danke sehr, Herr Sandbauer!“, verbeugte sich vor dem Vater und dem Sohn, der ihm, am Fenster stehend, in voller Absicht den Rücken zudrehte, dann vor Lisa und verliess das Zimmer.

Kaum war er fort, so wandte sich Nicolai hastig um. Seine Frau stellte sich ihm in den Weg. Aber ihre Besorgnis, er werde rücksichtslos seinem Zorn die Zügel schiessen lassen, war unnötig. Ein Blick auf das eingefallene Gesicht des alten Herrn, der, von der ungewohnten Anstrengung erschöpft und schweratmend mit, geschlossenen Augen in den Kissen ruhte, lehrte ihm Mässigung. Mit einem Sterbenden fing man keinen Streit an. In kurzem war ja doch alles vorbei und wurde alles anders . . .

So lachte er denn nur wild auf, um seinem Groll Luft zu machen: „Wahrhaftig . . . eine stolze Vertretung unserer Firma . . . ein Mensch, den man mit zwei Fingern aus den Schwarzarbeitern im Hafen herausgesischt hat . . . Vorigen Winter hat er für Sandbauer und Sohn Getreidesäcke getragen — jetzt zeichnet er in Prokura für Sandbauer und Sohn. Haha! Es wäre ja zu komisch, wenn es nicht so toll wäre!“

„Hast du schon einmal jemanden gefunden, der über Herrn Roloff gelacht hat?“ Frug sein Vater. Ich nicht.“

„Über ihn wird man nicht lachen, aber über uns, Sie einen Abenteurer an die Stelle setzen, wo der Chef allein schalten sollte — einen Aufpasser . . . oh . . . ich verstehe . . . er soll mich in deinem Auftrag überwachen . . . meine ganze Tätigkeit lahmlegen! Aber ich mache das nicht mit! Soll ich mich von unseren jungen Leuten hinter meinem Rücken verhöhnen lassen? Ich fahre jetzt ins Geschäft, schliesse meine Bücher ab und see dann keinen Fuss mehr hinein! Dann mag Herr Roloff drinnen tun, was er will — oder vielmehr, was du willst. Ich kümmere mich um nichts mehr!“

Der Kranke hob die Hand. Er wollte ihm ins Wort fallen. Aber Nicolai war zu erregt, um noch zu hören. Der schöne blondbärtige Mann zitterte am ganzen Körper, sein Gesicht war blass vor Zorn. „Entschuldige mich, Lisa!“ sagte er heiser. „Aber ich will jetzt gleich weg in die Stadt. Vielleicht holst du mich dann gegen Abend im Kontor ab, ja? Bis dahin habe ich dort meine Sachen erledigt! Du kannst dann Papa melden, dass alles für Herrn Roloff bereit ist. Also adieu!“

Sie schaute ihm durch das Fenster nach, wie er auf die weissflimmernde Strasse trat, in der seine Lackschuhe tief im Staub versanken, den nächsten Iswoschtschik mit dem Stock herbeiwinkte und in das winzige Wägelchen sprang. Dann trat sie in das Zimmer zurück, zu ihrem Schwiegervater, der wie schlafend in seinem Rollstuhl ruhte. Aber seine welken Lippen bewegten sich. Er war nach der Aufregung wieder in sich zusammengesunken, im Übergang vom Wachen zum Traum.

Er soll mir das Geschäft nicht verderben . . . der Nicolai . . .“ murmelte er. „Er will es besser wissen als ich, Lisa . . . als ich . . . der ich vor sechzig Jahren schon die Taschen voll Weizenproben gehabt habe und als kleines Kind schon unseren Knechten im Schuppen geholfen hab’, den Mais umzuschaufeln. Und damals waren andere Zeiten wie jetzt. Kein Pflaster. Im Herbst, wenn die Tausende von Getreidewagen aus der Steppe kamen, dann waren alle Strassen in Odessa grundlos . . . man versank im Schlamm . . . man hat damals Stricke längs der Häuser gespannt, um sich daran zu halten, wenn man Sonntags wenigstens zur Kirche gehen wollte . . . der Pfarrer ist einmal doch bis an den Leib in eine Pfütze eingesunken und von der Gemeinde herausgezogen worden. Er hat arg auf Schwäbisch gescholten und dann doch gepredigt. Ich entsinne mich wohl . . .“

Er rief seine wandernden Gedanken zurück. „Mach das Zimmer wieder dunkel!“ bat er. „Ich will schlafen.“

Lisa tat es. Dann suchte sie leise in der Dämmerung den Weg zur Türe. Da hörte sie noch einmal die müde Greisenstimme: „Lisa, mein Kind . . . hinter meinem Stuhl steht der Geldschrank . . . zieh den Schlüssel ab und gib ihn mir!“

Als er ihn hatte, wurde er ruhig und barg ihn sorgfältig in der Tasche. Das war wie eine sinnbildliche Handlung. Solange er lebte, sollte niemand, auch der eigene Sohn nicht, mit dem Gelde schalten, das Dominik Sandbauer so schwer sich erworben, für das er sein ganzes Dasein hindurch all seine Kräfte und seine Gesundheit aufgebraucht hatte. Er lag da noch in seinem Stuhl und besass es. Hinter ihm stand eine unheimliche, mächtig schwarze Masse im Dämmern des Zimmers, der gepanzerte Schrank. Und es war Lisa, während sie behutsam die Klinke ausdrückte und noch einmal zurückblickte, als sei dieser düster ragende, den Kranken überspannende Schatten etwas ganz anderes, etwas, was man fühlt und nicht nennt: der Tod hielt am Lager des alten Kaufherrn Wacht . . .

IV

Vom Choutor Sandbauer fuhr Lisa in die Stadt hinein, um ihren Vater aufzusuchen.

Sie hatte ihm die Stunde ihrer Ankunft nicht angezeigt, um zu verhindern, dass er sie zusammen mit ihrem Mann auf dem Bahnhof erwartete. Sie wusste: Nicolai liebte es nicht, sich öffentlich neben seinem Schwiegervater zu zeigen. Wohl unterstützte er ihn in seiner lässig-freigebigen Art, so dass jener fast ausschliesslich aus seiner Tasche zehrte — aber alles, was sich heruntergekommen, verwahrlost, als Ruine von einst darstellte, war ihm ein Greuel. Es beleidigte weniger seinen Hochmut, obwohl auch der stark genug, ausgeprägt war, als seinen Sinn für die äusserliche Korrektheit, den tadellosen Faltenwurf des Lebens.

Der Wagen rollte rasch dahin. Seine Räder rasselten nicht mehr im Staub, sondern schon wieder auf Pflaster, vornehme Häuser, reiche Läden erschienen zu beiden Seiten. Da war die breite leichtgewellte de Ribas-Strasse, die vornehmste Verkehrsader Odessas. Trotz der Mittagsglut war hier voller Verkehr. Die winzigen Droschken rasten in Menge sich kreuzend und überholend über die schallenden Granitfteine, auf den Bürgersteigen drängten sich die weissen Sonnenschirme der Herren, die bunten der Damen unter den ausgespannten Leinwanddächern der Schaufenster; im spärlichen Schatten der verdorrten und verstaubten Akazien sassen überall die jüdischen Makler auf den Promenadebänken und liessen Getreideproben von Hand zu Hand gehen, oder standen, die Köpfe zusammensteckend, an den Strassenecken beisammen. Denn hier unter freiem Himmel, in den Hausfluren, allenfalls drüben in dem zur Mittagszeit von den „Saitschikis“, den Hasen, wie man die kleinen Spekulanten und Agenten nannte, wimmelnden Café Fanconi wurden hauptsächlich die Geschäfte des Odessaer Handels nach Vätersbrauch gemacht. Die prunkvolle neue Börse an der Ecke der Puschkinstrasse war ein gähnend leerer Luxusbau, den man höchstens einmal aus Neugierde betrat.

Lisa musste aufmerken, um keinen der vielen Grüsse, die ihr galten, zu versäumen. Alle Augenblicke winkte eine aufgeregte Dame aus einem vorbeifahrenden Wagen oder lüftete auf dem Fussweg ein Freund ihres Mannes seinen Strohhut. Heute abend erzählte man sich jedenfalls überall in Arkadia und Langeron, in der Kleinen Fontäne und auf dem Boulevard, in all den Restaurants am Meer, wo man sich nach der Glut des Tages erholte, als Neuigkeit, dass die schöne Madame Sandbauer aus dem Ausland zurückgekommen sei. Sie scheine sich also wohl mit ihrem Mann wieder vertragen zu wollen. Auf wie lange — da lächelte man und irgend jemand fing an von der neuen Weizenernte zu sprechen . . .

Sie neigte beinahe mechanisch den Kopf, wenn sie einem Bekannten begegnete. Sonst sah sie nicht rechts und links. Es war auch nicht viel Eigenartiges auf den Strassen des grossen Hafenortes zu bemerken. Früher, als Odessa beinahe nur durch den Wasserweg mit der Levante, und von da mit Europa verbunden gewesen war, hatte es ziemlich ausgeprägt den Charakter einer von zahlreichen Italienern und Griechen bewohnten Mittelmeerstadt getragen. Das hatte sich mit der Legung der Schienenwege durch die bis dahin die Hälfte des Jahres hindurch nahezu pfadlosen, von Schnee bedeckten oder vom Regen in schwarzen Brei verwandelten Steppen geändert. Seitdem waren in Menge die Russen aus dem Inneren des Reiches gekommen — sie hatten das eigentümlich Südländische der Stadt verwischt und sie doch nicht slawisch zu machen vermocht. Odessa wurde einfach farblos und blieb dabei international durch und durch, jetzt noch vielleicht die unrussischste aller russischen Städte. Nur die zahlreichen Uniformen der Militärs und Zivilbeamten, der Studenten und Gymnasiasten und die langen dickgefütterten und buntgegürteten Weiberröcke der Droschkenkutscher, die kohlengeschwärzten Fetzen der Schwarzarbeiter erinnerten an das Zarenreich, nur ein selten einmal auftauchender roter Fess oder die wildmalerische Gestalt eines gedankenvoll vor einer blauweissen Aschingerschen Bierquelle stehenden Tscherkessenhäuptlings an die Nähe Asiens. Sonst hätte das elegante, die Strassen durchflutende Publikum ebensogut irgendwo anders die Kaufläden betrachten, die neuesten Moden zur Schau tragen, miteinander plaudern und flirten können.

Nun lenkte Abdul, der tatarische Kutscher, die Orlofftraber in eine Seitengasse ein. Man kam in geringere Quartiere. Die Häuser wurden unsauber, Haufen von Juden standen scheu, neuer Tumulte gewärtig, vor ihren höhlenartig dunklen Wohnungen, Betrunkene torkelten vorbei — das war die Gegend, wo Lisas Vater in einer hauptsächlich von deutschen Handwerkern bewohnten Strasse sein „Magazin“, wie er beharrlich einen beinahe völlig leeren, tennenartigen Hofraum nannte, und eine kleine Wohnung besass.

Er stand, als der Wagen hielt, auf der Schwelle, ein kleines, dürftiges, fadenscheinig gekleidetes Männchen, und sprach hüstelnd und den zitterigen Zeigefinger hin und her bewegend mit grämlicher Fistelstimme zu einem Gorodowoi, einem weisskitteligen Stadtsoldaten, der vor ihm lehnte. Dabei sah er bedrückt und gekränkt aus.

„Wer bist du?“ sagte er leise und drohend. „Und wer bin ich? Ein Gorodowoi, mein Lieber, ist nichts Besonderes. Ihrer gibt es Tausende! Ich aber bin, erblicher Ehrenbürger! Verstehe wohl! Ich habe vierzig Jahre in die erste Gilde gezahlt — ich war Mitglied der Stadtverwaltung . . . Wie kannst du es also wagen und ohne Gruss in mein Haus eindringen wollen . . .“

Der Polizist lachte über sein ganzes breitknochiges rotes Gesicht, und das erboste den Alten noch mehr, so dass er, in eine neue Strafpredigt ausbrechend, die hinter ihm vorgefahrene Equipage gar nicht bemerkte. Lisa hatte Zeit, ihn, nachdem sie ausgestiegen, von der Seite zu betrachten, und ihr erster schmerzlicher Gedanke war: man muss ihm gleich wieder frische Wäsche und Kleider kaufen! Daran hat, solange ich weg war, niemand gedacht . . .

Und nötig war es in der Tat, wenn es auch nie lange half. Seit ihr Vater sich daran gewöhnt hatte, den ganzen Tag über alle zehn Minuten sich ein Gläschen Atschischtschina“ — „Ungemischten“ — aus der Flasche mit wasserhellem Branntwein einzugiessen, vernachlässigte er sich auch im Äusseren vollkommen. Man musste für ihn sorgen. Sonst liefen ihm noch einmal die Kinder auf der Strasse nach.

„Ich bin ein Ehrenbürger,“ wiederholte er beharrlich zu dem Gorodowoi. „Wie sollten sich bei mir Barfüssler verborgen halten? Du brauchst nicht erst nachzusehen. Überhaupt — warum kommst du erst jetzt? Der Krawall war schon vor einer Stunde! Nun — Gott mit dir!“

Er winkte ungeduldig mit der Hand zum Abschied, und der Stadtsoldat grinste wieder und ging trotz seines Verbots in das Haus hinein. Auch die Umstehenden lachten. Zu ernst schien niemand hier in der Nachbarschaft den heruntergekommenen kleinen Ehrenbürger zu nehmen.

Der erkannte jetzt seine schöne Tochter und trippelte ihr entgegen. In seinen ewig feuchten alten Augen war eine aufrichtige Freude. Er umarmte und küsste Lisa und geleitete sie ins Haus und wiederholte dabei immer wieder: „Nun also . . . da bist du! . . . da bist du . . .“

Dann übermannte ihn noch einmal der Zorn. Er blickte giftig nach dem Gorodowoi. „Bei mir Haussuchung halten!“ grollte er. „Ich werde mich persönlich beim Gouverneur beschweren. Ich war früher gut mit ihm bekannt.“

„Was ist denn geschehen?“

„Ein Judentumult. Wie immer. Ein Hebräer fährt vorbei, in einer Droschke. Weiss vor Angst. Ein Haufe hinter ihm her. Er gibt dem Iswoschtschik Geld! ,Fahre Galopp . . . ich bitte dich!‘ Aber sie fassen ihn doch. Sie reissen ihn heraus. Er hebt die Hände: „Ich hab’ euch nichts getan!‘ Aber ein baumlanger Kohlenträger brüllt: ,Hast du nicht Christus gekreuzigt? und will ihm mit einer Latte auf den Kopf schlagen. Da springt, ein Vorbeigehender dazwischen. Den streift die Latte an der Stirne, so dass er blutet und seine weisse Schirmmütze zu Boden fällt — aber er, begreisst du, boxt! Er boxt, so wie es die Engländer machen — eine Faust unters Kinn, die andere in die Magengrube. Er schlägt den Kerl einfach nieder und die übrigen weichen vor ihm zurück. Sie erkannten ihn — von früher — vom Hafen her . . . da war er unter ihnen gewesen . . . es war der Roba Roloff . . . der jetzt bei euch im Geschäft ist . . . und wie er ihnen einfach sagt: ,Geht weg, Brüder!‘ — da gehen sie. Trollen sich einfach die Strasse entlang. Ja . . . so war es . . . ein ganzer Kerl . . . Er hat — Kräfte . . .“

Der Alte setzte sich und seufzte. Sie waren in einen ziemlich grossen Raum getreten, der ihm zur rechten Hand, wo ein Stuhl und Schreibtisch stand, als „Bureau“, auf der linken, nahezu leeren Seite als „Magazin“ diente. Ein einzelnes mittelgrosses Orchestrion befand sich da. Ein paar herausgenommene Rollen und Stifte lagen am Boden. Der Mechanismus war auf der Reise nach Odessa beschädigt und von der Schwarzwälder Firma ihm, dessen einstiges grosses Einfuhrgeschäft zu einer Reparaturwerkstätte herabgesunken war, brieflich zur Ausbesserung anvertraut worden. Derartige Gelegenheitsarbeiten waren das einzige, was ihm noch zufiel. Lisa hätte ihn am liebsten ganz von hier fort und in ihr Haus unter ihre Obhut genommen. Aber dagegen sträubte er sich beharrlich. Er wollte seine Freiheit wahren, auch gegenüber dem reichen Schwiegersohn, so oft er den auch anborgte.

„Nun also . . . da bist du!“ murmelte er noch einmal und hüstelte dann plötzlich und schaute scheu zur Seite. Er schämte sich zuweilen vor seiner eleganten Tochter. Er kam sich so gedrückt und dürftig neben ihr vor.

„Und wie geht es dir?“ frug Lisa.

„Mir? Gut! Sieh — da flicke ich eben ein Pneumatik-Cottage-Orchestrion! Ich bin noch rüstig. Trotz meiner Siebzig. Aber dein Schwiegervater . . . der macht es nicht mehr lange!“

Sie neigte stumm bejahend das Haupt und sagt: „Ja. Deswegen ist es gut, dass ich gekommen bin.“

Ihr Vater sah sie aufmerksam an und forschte dann ängstlich: „Nicolai war doch am Bahnhof?“

„Freilich!“

„Und habt ihr miteinander gesprochen?“

„Ja, natürlich haben wir über dies und jenes geredet!“

„Nein — ich meine: ob ihr euch ausgesprochen habt? Ihr habt euch doch so . . . so mancherlei zu sagen!“

„Nicolai und ich! . . .“ Weiter versetzte Lisa nichts. Es klang bitter genug.

„Viel zu verschweigen haben wir uns!“ fügte sie dann müde hinzu. „Und das tun wir ja auch! Wozu reden, wenn man doch sicher ist, mit keiner Silbe verstanden zu werden . . .“

Der Alte schnalzte ärgerlich und traurig mit der Zunge, stand auf, goss sich ein Glas Schnaps ein und stürzte es hinunter. Dann seufzte er tief und frug: „Also jetzt willst du hier bleiben, Lisa?“

„Ja. Wenn es geht . . .“

„Nun — es wird schon gehen!“ suchte er sie zu trösten. Sehr hoffnungsvoll klang seine Stimme dabei nicht: „Es kommt ja alles nur auf Nicolai an.“

„Er wird sich nicht ändern.“

„Aber er muss es einmal, mein Kind!“

„Er kann es gar nicht, Papa! Er ist, wie er ist!“

„Ja, ja, Nicolai!“ Das verschlissene kleine Männchen schüttelte das Haupt. „Es ist nicht recht von ihm: er und die Madame Yannopoulo sind beinahe unzertrennlich. Ich habe schon ein paarmal von meinem Standpunkt als Schwiegervater ihm ernstlich ins Gewissen geredet . . .“

Lisa lächelte nur bitter. Wie sollte man einem Manne Moral predigen, dessen regenbogenfarbene Hundertrubelscheine man am Tag vorher mit Dank in die Tasche gesteckt?

Ihr Vater schien zu ahnen, was sie dachte. „Es hat nichts geholfen!“ murmelte er mutlos. „Freilich . . . wie stehe ich vor ihm da? Das müsstest du eben selbst tun, Lisa, mit aller Entschiedenheit deine Rechte wahren . . .“

„Ich! Du kennst doch Nicolai! Du weisst doch, wie er die Achseln zuckt und einen über seine Papyros hinweg ironisch anschaut! Lieber alles, als noch einmal diesen Blick!“

„Ja — aber was soll dann werden, Lisa?“

„Gar nichts! Es wird eben so weitergehen, mein Leben lang, bald hier in Odessa, bald im Ausland. Admählich wird man alt und stumpf und denkt sich nichts dabei, und schliesslich stirbt man ja auch einmal . . .“

„Aber nein . . .“ Sie stand plötzlich auf, trat zum Fenster und schaute hinaus auf die ärmliche Gasse. „Es kann nicht so bleiben! Ich gehe daran zu Grunde! Ich fühle es deutlich!. . . Er weiss es auch . . . er sieht ruhig zu . . . so sicher ist er seiner Sache. Aber vielleicht täuscht er sich doch! Vielleicht finde ich doch einmal mehr Kraft, als ich glaube . . .“

Der kleine Ehrenbürger war ihr gefolgt und streichelte ihr betrübt mit der hilflosen zitterigen Zärtlichkeit eines selbst gebrochenen Menschen den Arm. „Nur eines versprich mir, Lisa! Eines tu nicht!“

„Und was ist das, Papa?“

„Geh nicht ganz fort von ihm!“

„Ich wollt’, ich könnt’ es!“ Kaum hörbar klang das zwischen ihren blassen Lippen.

Draussen auf der Strasse hielt ihre Equipage mit den Orlofftrabern und dem ausgepolsterten Tataren, der verächtlich von seinem Bock auf die herumstehenden armseligen Gaffer blickte. Ihr Vater wies darauf hin und nickte gramvoll mit dem kleinen grauen Kopf. „Schau — solch einen Wagen hatte deine selige Mutter auch . . . solch einen Kutscher, einen zweiten Kutscher . . . einen deutschen Diener . . . eine böhmische Köchin . . . sie hatte ein grosses Haus . . . jeden Sommer ging sie mit Kind und Regel ins Ausland . . . ich hab’ ihr das alles zahlen können . . . ich hab’ damals viel Geld verdient . . . da stand nicht ein Orchestrion, das nicht einmal mir gehört, im Magazin wie jetzt . . . nein . . . eine ganze Reihe . . . überallhin wurden sie verschickt . . . und in Orgeln war das Geschäft noch besser . . .“

Warum erzählte er ihr, auf einmal das alles? Das wusste sie ja doch. Immer und immer war, je mehr die Familie verarmte, in ihr die Rede von damals gewesen, als die Einfuhr von Orchestrions aus dem Schwarzwald nach Südrussland sich noch lohnte — als der Adel noch Geld hatte, bis die Bauernbefreiung seinen Wohlstand erschütterte, — als die Traktire aufkamen, die riesigen Volksteehäuser, in denen ein ebenso riesiges Spielwerk nie fehlen durfte, — als selbst Grossfürsten solch einen Zeitvertreib in ihren Wintergärten, zwischen Palmen versteckt, anbringen liessen. In jener Zeit hatte — Lisa entsann sich dessen aus ihrer Kindheit noch wohl — die ganze Woche über das Haus von der verworrenen vieltönigen Musik der im Erdgeschoss durcheinanderspielenden Instrumente gedröhnt. Sonntags, wenn plötzlich alles unheimlich still war, war sie wohl mit ihren beiden älteren Schwestern hinuntergeschlüpft, und die Kleinen staunten die ihnen haushoch vorkommenden, in Reih und Glied aufgestellten geheimnisvollen Schränke an, in deren jedem eine ganze Musikkapelle zu sitzen schien, und hielten den Vater, der damals noch eine blendendweisse Weste und Lackstiefel trug und zwischen den Kolossen doppelt winzig aussah, beinahe für einen Hexenmeister, weil er den Ungetümen mit einem Handgriff so schöne Töne entlocken konnte. Das alles stand ihr deutlich vor Augen — nur wie der Vater jetzt eben darauf kam, begriff sie nicht.

„Ja — mein Kind — ich war reich!“ sagte der alte Ehrenbürger trübe. „Und nun bin ich arm. Du kennst das nicht. Denn du hast mit neunzehn Jahren einen reichen Mann geheiratet. Dir erscheint das alles selbstverständlich. Was du irgend brauchst oder dir nur einbildest zu brauchen, das ist da. Du weisst nicht, wie weh das tut, wenn man an das Geld gewöhnt war und es auf einmal nicht mehr hat. Davor möchte ich dich schützen. Deswegen meine ich: gehe ja nicht ganz von Nicolai fort! Du bist nun einmal auf ihn angewiesen. Wenn er seine Hand von dir zieht — ich kann dir nichts geben und auch sonst niemand von den Deinen.“

„Gott bewahre mich, dass ich je deswegen bei ihm bliebe!“ sagte Lisa vor sich hin.

Ihr Vater hörte es nicht. Er war zu sehr mit seinen Gedanken beschäftigt und goss sich, um den Kummer, den er über seinen eigenen Rat empfand, zu bemeistern, ein neues „Wässerchen“ ins Glas. Das klirrte, als er es wieder hinstellte, und er murmelte dabei: „Ihr müsst euch versöhnen — glaube mir!“

„Ja, Papa!“ Alles, was sich in Lisas Herzen nach aussen gedrängt, nach Trost und Verständnis gesucht hatte, war durch seine Worte vorhin zurückgescheucht.

„Und höre, Lisa . . . wenn du jetzt mit Nicolai doch ruhig über alles sprichst . . . wir hatten neulich eine kleine Differenz . . . ein Geschäft von kaum hundert Rubeln . . . sieh doch, wie er jetzt darüber denkt . . .“

„Ja, Papa!“ Sie sagte es mechanisch, mit leeren Augen. Sie wusste schon, worin das Geschäft bestand: ihr Vater lieh sich das Geld und gab es nie wieder. Davon lebte er ja.

Ein Widerwille erfasste sie, eine Verzweiflung, dass sie am liebsten aufgesprungen und weggeeilt wäre. Aber gleich darauf dachte sie wieder: Was soll er denn sonst machen — der arme alte Mann? Er möchte leben. Alle möchten leben — auch die vom Schicksal Not und Elend erfahren haben. Gerade die — die können nicht begreifen, dass man so wenig Freude am Dasein haben kann wie ich . . .

„Man muss Geld haben!“ wiederholte ihr Vater, beharrlich. Das eisgraue dürftige Männchen kam von diesem Gedanken nicht los. Er beschäftigte ihn Tag und Nacht, seit er in das Unglück geraten. Sie sah den hoffnungslosen Kummer in seinen alten, trüben Augen, und nun empfand sie wieder ein tiefes und schmerzliches Mitleid mit ihm, dem, wie all den Kaufleuten, die sie kannte, das Geld allein den Wertmesser für alle Dinge abgab, das Geld die Gilde, zu der sie gehörten, und damit ihre Geltung nach aussen bestimmte, das Geld die Welt war. Aber sie antwortete nicht. Es war ja umsonst. Sie wurde doch nicht begriffen.

Durch das Schweigen hallte von aussen eine bärenartig tiefe Stimme, die Türe wurde ungestüm aufgerissen und ein vierschrötiger Mann mit langmähnigem blondem Haar und wirrem Vollbart trat ein. Die vorstehenden Backenknochen und breiten Nasenflügel verrieten die slawische Abstammung. Aber er sagte auf Deutsch guten Tag.

Das war der zweite Schwiegersohn des kleinen Ehrenbürgers. Lange ehe Nicolai um Lisa freite, hatte er, der damals mittellose, aus geringen deutschrussischen Handwerkerkreisen stammende Kommis des Orchestriongeschäfts das Glück gehabt, die eine Tochter des Chefs heimzuführen, und seitdem auch den Sturz der Firma mitgemacht. Er war halb verrusst, da seine Mutter eine Moskauer Kleinbürgerin gewesen war — selbst sein ursprünglicher süddeutscher Familienname „Haas“ hatte sich, da die Russen das „H“ am Anfang eines Wortes nicht aussprechen können und durch „G“ ersetzen, schon unter seinem Vater in „Gaas“ verwandelt — der stete Aufenthalt in Sibirien, wo er nach dem Vermögensverfall des Schwiegervaters selbständig als Vertreter der Schwarzwälder Orchestrionfabriken tätig und weithin als „Gospodin Gaas“ bekannt war, hatte seine an sich schon rauhen Sitten nicht eben verfeinert, und doch hatte Lisa immer eine gewisse Zuneigung zu Kolja Gaas gehegt, den gutmütigen und ungebildeten Kraftmenschen, der sich das ganze Jahr zwischen dem Ural und dem Stillen Ozean abmühte, um für seine Frau und seine vier Kinder, die seit Jahren im Ausland, nahe am Rhein, wohnten, den Lebensunterhalt zu beschaffen. Er sah sie fast nie — er hatte so gut wie nichts von ihnen, ausser dem Brief, der einmal alle vierzehn Tage nach Irkutsk kam. Aber er war doch zufrieden. Irgendwo in der Welt wusste er ein Häuflein Menschen, die ihn liebten. Das tröstete ihn.

Er hatte nicht erwartet, Lisa zu treffen, und nahm beinahe verlegen ihre schmale behandschuhte Rechte zwischen seine mächtigen haarigen Hände. Sie auf die Wangen zu küssen, wie es sein Recht als Schwager war, wagte er nicht. Er hatte Scheu vor der eleganten Frau von Welt. Er fühlte sich überhaupt auch jetzt, nach der Verarmung seines Schwiegervaters, immer noch als der mittellose Angestellte von einst, der Eindringling in einem vornehmen Familienkreis. Der Respekt sass ihm, der bis in seine dreissiger Jahre hinein vom in Schicksal als ein armer Teufel in der Welt herumgestossen worden war, zu tief in den Knochen.

Der Hinterwäldler setzte sich, stiess zwei bläuliche Wirbel von Zigarettenrauch durch die geblähten Nüstern und seufzte tief auf Lisas Frage, wie es ihm ginge.

„Alles geht schlecht,“ sagte er in seinem harten, russisch betonten und vielfach russisch gedachten Deutsch. „Man verdient kein Geld! Jetzt war ich wieder in Asien bis zur Mandschurei. Aber mache einmal ein Geschäft mit diesen sibirischen Kaufleuten. Verkaufe diesen Heiden ein Orchestrion! Es sind Wilde! Ich glaube, wenn sie unter sich sind, laufen sie noch auf allen Vieren. Mit diesen Räubern muss man sich plagen . . . Schnaps mit ihnen trinken . . . Schnaps nach der Elle . . . ein Gläschen neben dem anderen steht längs des Ellenmasses . . . nun trinke, Bruder . . .“

„Und man tut’s?“

„Wie denn nicht? Erbarme dich: wie soll man sonst einen Auftrag bekommen? Ist der Sibiriake trunken, dann kauft er . . . ich habe gesehen, wie nach dem Essen Wirt und Gäste alles zerschlagen haben, was da war . . . das Geschirr . . . die Spiegel . . . die Fenster . . . die Stühle . . . sie riefen nach Äxten und zertrümmerten das Parkett, die Unholde . . . ich stand dabei und schämte mich für sie und hatte meine Bestellung in der Tasche . . .“

„Also hast du doch Bestellungen?“

Kolja Gaas schleuderte die ausgebrannte Papyros achtlos in die Ecke, schlug sich mit der flachen Hand auf den Schenkel und lachte grimmig auf. „Bestellungen! Ja — das war früher! Aber jetzt! Das Unglück verfolgt mich! Nichts zu machen! Ich war doch jetzt im fernsten Osten — ich hatte mir eigens chinesische Walzen für die Mongolen aus dem Schwarzwald schicken lassen — die carillon chinoise, die Hymne Che To R’Hoa — den Shanghaiwalzer Tang-Hu-Tschuan — alles umsonst! Nein — es ist kein Segen mehr in dem Handel!“

Seine kleinen, wässrig blauen Augen funkelten grimmig unter der flachsgelben Mähne. Dann zündete er sich eine neue Zigarette an und sagte ruhiger geworden: „Ich hab’ dich heute morgen schon mit deinem Mann fahren sehen. Ich hab’ euch umsonst zugewinkt — aber ich war doch froh, wie ihr beide da in Frieden nebeneinander gesessen seid.“

„So sollt’ es bleiben!“ fuhr er zögernd fort, den Blick auf der Asche, die er abstreifte. „Du weisst: Ich halte viel von Nicolai! Er hat das, was nach Russland gehört . . . die . . . die . . .“ Er fand das deutsche Wort nicht gleich . . . „die schirokaja natura . . . die weite Brust . . . den Sinn für grosse Unternehmungen . . . Er hat nicht das Kleinliche der alten Schule! Lasst ihn nur erst ans Ruder kommen! Ihr werdet euch wundern! Er macht die Geschäfte leichthin . . . aus dem Handgelenk . . . spielend gewissermassen wie ein Grandseigneur . . . aber er macht sie gut! Denn er ist kühn. Kühn muss man sein!“

Lisa hörte stumm das Lob ihres Gatten von den bärtigen Lippen des Sibiriers. Wie kam er dazu? Der Schwager war schon seinem Bildungsgrad nach gar nicht im stande, Menschen und Dinge, die ein bescheidenes Mittelmass überstiegen, zu beurteilen. So dachte sie sich nur: Was wird er nun wieder von mir wollen, dass er Nicolais Lob singt?

Und in der Tat hub Gospodin Gaas etwas unsicher an: „Ich hab’ dies asiatische Leben satt. Oft wenn ich dort zwischen diesen Vierfüsslern sitze und sehe, wie sie den Champagner aus der Suppenschüssel trinken, seufz’ ich im stillen und denk’ mir: bin ich ein Zigeuner? Bin ich ein Tatar? Bin ich euresgleichen? Ich bin ein Europäer! Dahin will ich zurück. Dein Mann soll neulich von mir geäussert haben, ich sei ein sibirischer Yankee! Das Wort macht mich stolz! Erinnere ihn doch daran, wenn . . . wenn bei euch eine Änderung eintreten sollte . . . und er ganz frei verfügen . . . und . . . und . . . etwa eine Stellung in eurem Geschäft besetzen kann . . . ich wäre herzlich froh, sie zu bekommen. . .“

„Gut!“ sagte Lisa kalt. Sie konnte ihm ihre Hilfe versprechen. Denn Nicolai war in der Tat seinem ungeschlachten Verwandten sehr zugetan, dessen naive Bewunderung seiner Eitelkeit schmeichelte. Wo die sich in einem Menschen spiegeln konnte, da hatte der bei ihm gewonnenes Spiel. Ohne den Einspruch seines Vaters hätte er dem Sibirier schon längst einen Vertrauensposten bei sich eingeräumt.

Aber der Widerwille ob dieses ewigen Betteltums war in Lisa so gross, dass sie aufstand und nach der Türe ging. Sie hätte den beiden stumpf und sorgenvoll dasitzenden Männern ins Gesicht rufen mögen: Seht ihr denn nicht, wie ihr euch nicht nur vor mir erniedrigt, sondern auch mich vor Nicolai und mir selbst, dadurch, dass ich in euren Augen nichts anderes mein Leben lang sein soll, als eure Vermittlerin bei einem reichen Mann, gleich als ob ich selbst ihn nur des Geldes wegen genommen hätte und nun ebenso weiter für alles, was an mir hängt, Almosen sammle? Aber sie hielt an sich und frug nur mit trockener Kehle: „Ist Tonja oben in ihrem Zimmer? Dann will ich ihr guten Tag sagen.“

Tonja war die älteste der drei Schwestern, fünfzehn Jahre älter als Lisa, seinerzeit ebenso schön wie sie jetzt, und — als das Elternhaus noch in vollem Glanz dastand — viel gefeiert und umworben. Aber sie hatte sich zu lange besonnen, das Unglück kam, die Freier blieben aus. Nun lebte sie seit Jahren verbittert und verblüht einsam mit dem Vater hier im Vorstadtwinkel, besorgte ihm, da seine Hände infolge des Branntweintrinkens zu sehr zitterten, seine geschäftliche Korrespondenz und wusste auch unten, in der Reparaturwerkstätte der Orchestrions, in dem geheimnisvollen Inneren der Schwarzwälder Ungetüme, mit Zinn-Violin-Viola und Cello, mit Flöten dulce et forte, mit Violonbass und Subbass, Crescendo und Decrescendo, Pikkolo, Dulciana und Bourdon beinahe besser Bescheid wie der kleine Ehrenbürger und der Sibiriake miteinander. Unter Menschen kam sie selten. Sie sprach auch nur, was sie musste — und das scharf und hart. So war ein Zusammensein zwischen den Schwestern nie von langer Dauer.

Sie küssten sich. Dann frug Tonja dasselbe, was Lisa von allen hörte. „Also nun bist du doch wieder zurückgekommen?“

„Ja.“

„Und bleibst bei Nicolai?“

„Ja.“

„Ich hätt’ es nicht geglaubt . . .“

Lisa zuckte müde die Achseln. „Was hätt’ ich tun sollen?“

„Ich weiss nicht. Aber das hätt’ ich nicht getan!“

Über das schöne Antlitz ihrer Schwester glitt ein trauriges Lächeln. „Glaubst du etwa auch, wie Papa und Kolja unten, dass ich mich nicht von meinen Pariser Toiletten und meiner Equipage und meiner Dienerschaft zu trennen vermag, die Nicolai mir zahlt?“

„Nein. Du bleibst bei ihm, weil du ihn eben doch noch liebst!“

„Ja!“ sagte Lisa einfach.

„Und er liebt dich nicht! Er zeigt es offen! Da wäre ich zu stolz! Da ginge ich heute noch aus dem Haus und schaute nicht zurück! Das wäre mein Gefühl!“

Lisa Sandbauer stand vor ihr, die vollerblühte junge Frau vor dem gealterten Mädchen — der Mensch, der das letzte Geheimnis des Lebens kannte, vor dem, der immer nur darauf gewartet und ihm endlich entsagt, und es war mehr Mitleid mit jener in ihrer Stimme, als Trauer um ihr eigenes Schicksal oder Reue über ihre Schwäche, während sie ruhig versetzte: „Du hast ja nie geliebt!“

„Wenigstens nie mit ganzem Herzen. Und du hast nie verzweifelt. Und du hast nie in der Verzweiflung daran gedacht, deinem Leben ein Ende zu machen, und es nicht getan, weil ein anderes Leben da war, das ein Recht auf dich hatte. Und du hast nie ein Kind gehabt und du hast es nie wieder hergeben müssen . . . das alles hast du nicht erlitten und ich hab’s durchgemacht und bin doch kaum sechsundzwanzig Jahre. Wie kannst du mir da raten, Tonja! Ich bin älter als du, obwohl ich viel jünger bin. Ich bin viel unglücklicher als du, aber wenn ich noch einmal wählen sollte zwischen deinem Leben und meinem — ich würde doch wieder meines nehmen, so weh es tut. Besser, es schmerzt, als es ist gar nichts da . . .“

Tonja erwiderte nichts. Sie war Weib genug, um zu verstehen, was Lisa sagte. Die reichte ihr die Hand und verliess das Zimmer, Tränen unterdrückend, aber den Kopf erhoben, als sei sie stolz auf ein Leid, in dem das Schicksal von tausend und abertausend anderen Frauen mitzuklingen schien.

Unten hatten inzwischen ihr Vater und ihr Schwager an dem Orchestrion herumgebastelt. Eben traten sie gegen die Wand zurück, um die neu eingesetzte vox humana zu prüfen, und aus dem geschlossenen Kasten tönte plötzlich laut, mit jauchzend heller Stimme die Melodie des Hirtenknaben aus dem „Tannhäuser“.

„ Holda kam aus dem Berg hervor,

Zu ziehn durch Fluren und Auen,

Gar süssen Klang vernahm da mein Ohr,

Mein Auge begehrte, zu schauen . . .“

„Karaschô,“ murmelte der Sibirier, beifällig das buschige Haupt wiegend. „Jetzt ist’s gut!“

Sein Schwiegervater aber nahm Lisa am Arm und erhob mühsam, um das Instrument zu übertäuben, seine zitterige Greisenstimme zu ihrem Ohr. „Lisa — habe ich es dir schon erzählt: ich habe mit Tonja draussen am Liman eine kleine Sommerwohnung. Mache mir die Freude und komme nächster Tage einmal zu uns heraus!“

In seinen besseren Zeiten hatte der alte Kaufmann wie all die anderen sein Landhaus an der Kleinen Fontäne besessen, und an dieser Vorstellung, dass man den Sommer nicht in der Stadt bleiben könne, hielt er hartnäckig fest. Wenn es auch nur zwei Stübchen an dem fernen Salzsumpf in der Steppe waren, es war doch seine Villeggiatur, und eine Ablehnung seiner Einladung hätte ihn gekränkt.

So sagte sie ihm rasch zu und trat auf die Strasse. Es drängte sie fort aus der grenzenlosen Verödung zwischen diesen verarmten, verbitterten, vom Schicksal halb zermalmten Menschen, die die Ihren waren, und ihr doch so fremd, aus dem quälenden Widerwillen gegen alles Menschenlos und Menschenleben, der in ihr beim Anblick dieser dumpfen Winkelwelt aufstieg und ihr im Kreis der Familie ihre eigene Einsamkeit nur noch trostloser zum Bewusstsein brachte.

Vom Hof her verklang, während die Pferde anzogen, helltönend das Frühlingslied der vox humana:

„ Der Mai!

Der Mai war kommen . . .“

und sie dachte, im Wagen zurückgelehnt, den Blick in den blauen Himmel über den Dächern verloren: „Wann kommt mein Mai . . .?“

V

Noch einmal kam Lisa auf der Rückfahrt in das Getümmel der Judenverfolgungen hinein. Ein Haufen Kerle, an der Spitze ein kleiner, zerlumpter und bebrillter Mensch, der eine rote Fahne trug, rannte lautlos auf blossen Sohlen über das heisse Pflaster und schleuderte dabei rechts und links Steine in die Fenster. An denen war niemand sichtbar. Die Strasse lag lautlos in der Mittagsglut. Man hörte nur das Klirren des zerspringenden Glases. Dann fern ein schriller Pfiff. Von einem berittenen Stadtsoldaten geführt, flitzte im Galopp ein Kosakentrupp heran, das Gesindel zerstob wie ein Spuk am lichten Tag, Abdul, der Tatar, gab, bleich vor Schrecken, mit aufmunternden Kehltönen den Orlofftrabern die Köpfe frei, und gleich darauf war um den Wagen wieder alles still, nichts als Staub, Sonne und die verwelkten Bäume des Wegs zur Kleinen Fontäne.

Lisa hatte nicht einmal Angst empfunden. So leicht vergriff sich diese Horde an einer „Barinja“, einer Herrin, doch nicht. Und überhaupt . . . seit sie wieder in Odessa war, war ihr Wollen und Denken gelähmt. Sie war teilnahmlos gegenüber den Eindrücken der Aussenwelt. Träumerisch müde, mit halbgeschlossenen Augen sass sie da, bis die Equipage wieder vor der Villa Sandbauer hielt.

Nun war sie endlich in ihrem Haus allein und stieg die halbdunklen Treppen hinauf, an ihren eigenen Räumen vorbei, zu dem seit zwei Jahren kahl und leer daliegenden Kinderzimmer. Dahin konnte sie nicht mit Nicolai gehen. Die Gegenwart ihres Mannes wäre ihr dabei wie eine Entheiligung erschienen. Das war für sie, wie für andere der Weg zur Kirche. Man will allein sein mit seinem Gott und mit seinem Schmerz. Dieser Schmerz war die Jahre hindurch unverändert stark und tief geblieben — er war mit ihr zu einem Teil ihres Selbst verwachsen, ohne das sie sich ihr Dasein gar nicht mehr denken konnte. Wenn sie jetzt in die Vergangenheit zurückblickte, dann war es ihr, als sei sie erst Mensch geworden, da sie Mutter wurde, und als habe sie das Leben erst begriffen, da der Tod an sie herantrat.

In dem Zimmer lehnten noch die Puppen mit grossen erstaunten Augen in den Ecken, am Boden stand der dreiräderige Karren mit der kleinen Sandschaufel, das Bettchen war aufgeschlagen — nichts hatte sich geändert seit jenem Tag, da man den kleinen Sarg die Treppe hinabgetragen und die Gatten oben einer den anderen gehalten und sich unter stummen Tränen noch einmal zu einem langen Kuss gefunden hatten, in dem sie sich eins fühlten in ihrem Leid und ihrem Drang nach Trost. Aber das war nicht von Bestand gewesen. Nicolai lebte rasch. Ehe noch draussen auf dem Kirchhof am Rand der Steppe die Kränze über dem kleinen Grab vergilbten, war er schon wieder der alte, und sie musste sich einsam in ihr Schicksal finden: zwei Menschen liebte sie — ihr Kind und ihren Mann. Das eine hatte sie durch den Tod, den anderen durch das Leben verloren. Nun war nichts mehr da. Die Tage kamen und gingen, und sie wartete und wusste doch selbst nicht auf was.

Sie weinte nicht. Dazu war schon zu lange Zeit verstrichen. Sie bemerkte manchmal zu ihrem eigenen quälenden Bangen, dass sie bereits Mühe hatte, sich die Gestalt des Kindes, sein blasses Gesichtchen so greifbar deutlich in der Erinnerung vorzustellen, wie es früher vor ihr gestanden. Mit trockenen Augen schloss sie langsam, vorsichtig, als gelte es, einen Schlafenden nicht zu erwecken, die Türe und schritt wieder hinab in die unteren Räume des Hauses. Dort war für zwei zum Frühstück gedeckt. Aber Nicolai befand sich ja in der Stadt und sie selbst setzte sich gar nicht erst zu Tisch. Die Einsamkeit, die Stille, das Halbdunkel in der ganzen Villa beklemmten sie. Sie vermochte diese schwüle dumpfe Luft, diesen aus allen Möbeln und Teppichen dringenden Kampfergeruch, durch den trotzdem massenhaft die Motten schwirrten, nicht zu ertragen.

Im Garten, in den sie hinaustrat, glühte die Sonne freilich noch stärker. Aber vom Meer wehte doch ein leiser Hauch herüber. Man wusste die Weite um sich. Man konnte atmen. Ihr Lieblingsplätzchen, eine von Akaziengebüsch gebildete Laube am Abfall des Parks zur See, war zudem eben erst von dem aufmerksamen Gärtner mit Wasser besprengt. Da war es schattig und verhältnismässig kühl. Da liess es sich gut ruhen und den leisen Stimmen der Stille lauschen, die jetzt allein noch, wo sonst das grosse Mittagsschweigen die Welt beherrschte, um sie lebten — dem eintönig sich wiederholenden Plätschern der Wellen am Ufer unten, dem hundertstimmigen Zirpen der Zikaden im Gras, dem schwachen Flüstern der Seebrise in Baum und Strauch.

Draussen auf dem Meer musste der Wind stärker sein. Da funkelten immer noch weisse Schaumkronen in dem stahldunklen, sonnenüberzitterten Blau, neigten sich zerschellend vornüber und leuchteten an anderer Stelle wieder auf. Ein mächtiges Dampfboot glitt durch sie hin dem Hafen zu. Mit dem Fernrohr, das in einem Lederfutteral in der Laube hing, hätte man seinen Namen lesen können. Nicolai und andere Grosskaufleute, die ganze Schiffsladungen verfrachteten, pflegten wohl des Abends oder am Sonntag von hier aus den Verkehr im Hafen, die Abfahrt- und Ankunftszeiten ihrer Lastdampfer zu überwachen. Aber sie rührte nicht die Hand, um das Instrument zu ergreifen. Es war ja ganz gleich. Es war ja alles gleich im Leben . . .

Auf dem Sand des Weges klangen feste Schritte. Ein Mann kam vom Hauseingang, wo er offenbar vergeblich um Einlass geschellt, langsam durch den Garten und blickte suchend umher, ob er nicht irgend ein dienstbares Wesen fände — ein kraftvoll gebauter, mehr als mittelgrosser Mann, eine weisse Schirmmüsse über dem tiefgebräunten, von einem kurzgeschnittenen Vollbart umrahmten Gesicht. Sie erkannte Roba Roloff.

Und zugleich sah auch er ihr helles Kleid in der Laube schimmern und grüsste, draussen in der Sonne stehen bleibend, ehrerbietig. „Verzeihen Sie, gnädige Frau, dass ich hier eindringe . . . aber der Dwornik scheint zu schlafen!“

„. . . und ich war ein halbes Jahr weg!“ sagte sie, sich erhebend, mit einem leichten Seufzer. „. . . und da Sie russische Dienstboten kennen, wissen Sie, dass ich jetzt erst wieder von Anfang an neu Ordnung schaffen muss! . . . Suchen Sie meinen Mann, Herr Roloff? . . . Er ist schon vor gut zwei Stunden ins Geschäft gefahren . . .“

„Ich komme vom Kontor, gnädige Frau. Dort ist Herr Sandbauer nicht.“

Sie zuckte unmerklich zusammen. Der vor ihr bewahrte seine unbewegliche Miene. Und doch wusste sie genau, dass er in diesem Augenblick dasselbe dachte wie sie: der Chef der Firma war zu Madame Yannopoulo geeilt, um dort seinen Zorn über den Auftritt mit dem Vater auszuschütten und sich beruhigen zu lassen.

Aber sie behielt äusserlich ihre Gleichgültigkeit bei. „Mein Mann wird jedenfalls noch hinkommen! Dann können Sie ja mit ihm sprechen!“

„Aber nicht allein!“ sagte Roba Roloff mit seiner tiefen Stimme. „Und es hätte mir viel daran gelegen!“

Er verstummte und zögerte, wie um sich zu verabschieden. Und sie war im Begriff, ihn durch eine Neigung des Kopfes wieder gehen zu heissen. Das war gegenüber einem Angestellten des Hauses, der in Geschäften kam, das Natürliche. Aber dann fiel ihr ein: gerade diesem Mann, der eine so seltsame Vergangenheit in den Tiefen des Lebens hinter sich hatte, wollte sie keinen Hochmut zeigen. Ihn konnte kränken, was bei einem anderen selbstverständlich war, und so sagte sie: „Aber Sie stehen da in der Sonne! Wollen Sie nicht einen Augenblick Platz nehmen?“

Roloff setzte sich mit einer stummen Verbeugung ziemlich weit von ihr auf die Ecke eines Gartenstuhls und sah sie ruhig, fragend an. Offenbar erwartete er, dass sie irgend einen Auftrag für ihn habe. Sie fühlte plötzlich eine leichte Verlegenheit, und auch das schien er zu merken. Denn er begann nun seinerseits rasch und bestimmt.

„Gnädige Frau . . . da Sie ja vorhin bei unserem Gespräch dabei waren . . . ich weiss, meine Ernennung zum Prokuristen — überhaupt meine Anwesenheit in der Firma ist Ihrem Herrn Gemahl unangenehm. Ich möchte ihn nun gerne versichern, dass mir nichts ferner liegt, als mich da eindrängen und etwa dauernd festfetzen zu wollen. Ich rechne durchaus damit, sofort entlassen zu werden, wenn Ihr Herr Gemahl einmal in der Lage ist, völlig selbständig zu disponieren. Ich finde ja auch Stellungen genug. Man ist hier in der Branche auf mich aufmerksam geworden. Wenn ich nicht jetzt schon ausscheide — angesichts der Abneigung Ihres Herrn Gemahls — so tue ich das nur wegen des alten Herrn Sandbauer. Ich kann nicht zur Konkurrenz übergehen und gegen einen Mann kämpfen, der mein Wohltäter ist . . . der mich gewissermassen an der Hand gefasst und mir geholfen hat, ein neues Leben zu beginnen. Deswegen allein bleibe ich vorderhand und habe ich auch heute die Prokura angenommen . . . Das hätte ich gerne Ihrem Herrn Gemahl unter vier Augen erklärt.“

„Vielleicht schreiben Sie es ihm.“ Lisa sagte das, nur um etwas zu sagen. Die merkwürdige Beklommenheit, die sie sonst gar nicht kannte, wollte nicht von ihr weichen.

„Dazu ist es zu spät! Die Kontorpause, während der ich herausfuhr, ist gleich um.“

Und mit dem halben Lächeln, das sie schon kannte und das sein Gesicht so eigen erhellte, setzte er hinzu: „Ich habe ohnedies schon die Unterrichtsstunde versäumt, die ich sonst um diese Zeit bei unserem Buchhalter Sruhl Freidkind nehme.“

Es wunderte sie, dass dieser grosse starke Mann noch etwas lernen solle, und sie frug: „Weiss denn Herr Freidkind etwas, was Sie nicht wissen?“

Er lachte: „Ich habe nur praktische Kenntnisse, gnädige Frau! Doppelte Buchführung und all das versteht vorläufig jeder Lehrling besser als ich. Und ich will doch ein ganz geschulter Kaufmann werden.“

„Und dem opfern Sie auch noch Ihre Mittagsruhe?“

„Hauptsächlich den Sonntag. Da kommt Freidkind zu mir hinaus nach Hadschi-Bey.“

„Da draussen wohnen Sie . . . in der Steppe?“

Er bejahte. „Da hab’ ich mein Pferd und meine Flinten und meine Hunde und ein Boot und Angelgerät für den See. Da ist es schön.“

„Aber es ist doch sonst fast niemand dort!“

„Ja — eben, gnädige Frau.“

Dabei lächelte er wieder heiter, wie jemand, der sich im Besitz eines Geheimnisses vor anderen weiss — der Kunst, ohne Menschen auszukommen.

Sie frug weiter: „Da haben Sie hier wohl wenig Verkehr in Odessa?“

„Wie sollte man mit mir verkehren, gnädige Frau?“ sagte er ganz unbefangen. Man weiss doch, von wo ich komme. Nur Herr Görwihl . . . Sie kennen ihn?. . .“

„Den Vertreter des grossen englischen Hauses?“

„Ja. Mit dem und seiner Frau bin ich manchmal zusammen.“

Er wollte sich bei diesen Worten erheben und griff nach seiner Mütze. Ihr Blick fiel wieder auf den ausgewaschenen Blutflecken über dem Schirmrand.

„Sie haben uns etwas verschwiegen!“ sagte sie schnell und fühlte, wie sich ihre Wangen leicht röteten. „Mein Vater hat mir jetzt erzählt, dass Sie heute vormittag einem Menschen das Leben gerettet haben.“

„Ja — sie hätten den armen Hebräer wahrscheinlich totgeschlagen!“ bestätigte Roba Roloff so gelassen, als handelte es sich um das Schicksal einer Fliege.

„Und Sie beinahe mit!“

„Nein. Mir tun die Schwarzarbeiter nichts! Wir kennen uns doch!“

Mit leisem Grauen dachte Lisa an die zerlumpten, langmähnigen und kohlenberussten Wilden, die sie heute überall auf Strassen und Plätzen bei ihrem Zerstörungswerk beobachtet hatte. Das waren Geschöpfe, die nach der allgemeinen Odessaer Anschauung nur noch halb zu den Menschen rechneten. Es dünkte ihr ganz unmöglich, dass dieser europäisch gekleidete, ihr ruhig, mit höflicher Ehrerbietung gegenübersitzende Mann je unter diesen Ausgestossenen gelebt haben könne.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich bin heute ein paarmal mitten darunter gekommen. Es sind furchtbare Menschen!“

„Unglückliche!“ sagte Roba Roloff.

„Aber doch auch Verbrecher!“

Er verneinte: „Sie wollen nichts Böses, sie tun es bloss — Sie wissen es nicht besser. Ihr Leben heisst Leiden. Sie tragen Getreide ins Schiff und haben selbst nichts zu essen, sie tragen Kohlen heraus und erfrieren selbst im Winter . . . sie sehen bei anderen Kleider und haben selbst nur Lumpen — sie sehen Nachts helle Fenster und gehen in leere Fässer und Strassengräben schlafen — keiner erbarmt sich ihrer. Nur der Staat, die Krone, mischt für sie Gift und macht sie durch ihren Branntwein zu tobenden Tieren und jagt sie dann durch ihre Kosaken wieder an die Arbeit, und gibt ihnen für das bisschen Geld, das sie da verdienen, wieder Branntwein und lässt dann wieder die Kosaken kommen. Erwägen Sie selbst, wie ein Mensch da werden soll. Jeden Tag lehren die Popen: „Liebe deinen Nächsten wie dich selbst!’ Ich habe noch keinen gefunden, der die Schwarzarbeiter geliebt hätte . . .“

„Und Sie selbst . . . haben Sie denn nicht einen Schrecken, wenn Sie an diese Leute zurückdenken?“

„Ich gehe jetzt noch oft in den Hafen hinunter und setze mich zu ihnen und unterhalte mich mit ihnen, gnädige Frau.“

„Aber warum denn . . .?“

„Nun — es sind doch auch Menschen. Wenn auch andere wie die hier oben!“

„Und Sie ziehen wirklich die da unten vor?“

„Ich schaue die einen an und die anderen, gnädige Frau. Man braucht ja nicht immer zu vergleichen!“

„Nun ja . . . wenn man so viel erlebt hat wie Sie . . .“ Lisa brach ab. Sie hatte noch immer eine Scheu, mit ihrem Gast über seinen Aufenthalt im Hafen zu reden.

Aber Roloff sagte ganz ruhig: „Ich habe nicht mehr gesehen als jeder andere auch, der sehen will. Eine grosse Menge aus der menschlichen Gesellschaft ausgestossener Bettler.“

„Und denen soll man, meinen Sie, weil sie Ausgestossene sind, alles verzeihen?“

„Man soll hier oben nichts verzeihen, gnädige Frau! Eher umgekehrt: die da unten denen hier!“

Lisa beugte sich etwas vor. „Und wenn man nicht richten soll, kann man diesen Ärmsten nicht wenigstens helfen — vielleicht durch Ihre Vermittlung?“

„Man kann es versuchen. Ich habe es selbst schon versucht. Aber die allermeisten sinken wohl wieder zurück. Der Drang nach oben — der muss von innen kommen.“

„Auch bei solchen Unglücklichen, die vom Leben schon so hart zugerichtet sind?“

„Gerade bei diesen!“ sagte Roloff. „Man kann am Leben zu Grunde gehen, gnädige Frau . . . aber ich glaube, man kann auch daran genesen. Ich meine . . . das Leben . . . das ist vielleicht Gist und Gegengift zugleich. Aber mir scheint eben . . .“ er erhob sich . . . „man muss dabei den Mut haben, sein eigener Arzt zu sein . . .“

Er stand — vielleicht absichtlich — so weit von ihr, i dass sie ihm nicht nach russischem Brauch die Hand reichen konnte. Er wollte ihr das wohl unauffällig ersparen. So sagte sie nur unwillkürlich wieder stockend: „Nun finden Sie wohl meinen Mann im Kontor!“

Und er erwiderte: „Hoffentlich, gnädige Frau!“ Dann verbeugte er sich tief und ging.

Seine Schritte verhalten. Lisa sass da, ohne sich zu rühren, und schaute vor sich hin. Roloffs letzte Worte klangen in ihr nach: „Man muss den Mut haben, sein eigener Arzt zu sein!‘ — Ja — wer den Mut hatte!

Ein Mann vielleicht! Einer, dem es schlecht gegangen — dem lehrte es der Kampf ums Dasein, die Not. Aber die anderen, die anscheinend Glücklichen und Sorglosen, die das Schicksal nie von aussen rauh angepackt, — nein, denen es von innen allmählich, unmerklich, tückisch das Lebensblut aus den Adern gesogen — die waren zu schwach — die waren zu müde — die trauten sich selbst zu wenig, um sich zu befreien. Die mussten erlöst werden durch einen Willen, der stärker war als sie . . .

Um sie herum zirpten die Grillen eintönig, rastlos im Grase, über dem die heisse Luft leise zitterte; unten murmelte das Meer, sein schwacher Hauch umfächelte ihre Stirne — sie schloss die Augen und begann zu träumen, ganz dem tiefen Mittagsfrieden hingegeben, der sie umfing. Eigentlich war es gar nichts Besonderes gewesen, was Roloff ihr gesagt hatte. Aber die Art, wie er es gesagt, das war das Eigene. Es war solch eine seltsame Ruhe in ihm. Die war nicht gemacht. Er merkte sie vielleicht selbst gar nicht. Sie ging von seinem Blick aus, seiner Haltung, seinem Schritt — nicht nur von seiner Sprache. Der schwere Ernst des Lebens spiegelte sich darin wieder. Er wusste, was das Leben war, besser als andere. Er kannte die grossen Kaufleute hier oben und die Bettler unten im Hafen, er kannte in seiner Landwohnung in Hadschi-Bey die Einsamkeit eines einsiedlerischen Mannes und kannte doch — ihr Gefühl sagte es ihr, so zurückhaltend er auch gewesen — von früher her die Gesellschaft der Frauen. Und was musste er früher erlebt haben, wovon er nicht sprach — vor seinem Sturz in die Tiefe und seiner Auferstehung?

Nun kam doch allmählich in der glühenden Stille die Ermüdung der langen Eisenbahnfahrt über sie. Ihre Gedanken verwirrten sich und wanderten und lösten sich zu einem Halbschlummer, in dem sie doch undeutlich das Rauschen des Meeres, das Singen der Grillen, fernes Möwengeschrei und Hundegebell in ihren Traum hinein hörte . . .

Ein seltsamer, beängstigender Traum, wie ihn die Hitze und die unbequeme Lage erzeugte. Sie war wieder klein, kaum vierzehn Jahre, und ging zu ihren Grosseltern, den längst toten, in das alte Haus an der Alexander-Perspektive. Aber das Haus war geschlossen — alle Läden zu. Es war Winter und wieder Judenverfolgung in Odessa. Die Schneeflocken und die Bettfedern stiebten durcheinander auf der Strasse, und unbekannte, furchtbar böse Männer trugen Beile in der Hand und stapften durch den Schnee auf sie zu. Sie wollte fliehen und war doch auf den Platz gebannt und rief Nicolai um Hilfe. Aber der blieb in der Ferne, da, wo er stand, und rührte sich nicht. Und die Männer kamen dicht heran, und einer lachte und sagte im Vorbeigehen: ‚Brüder . . . der tun wir nichts!‘ Und sie zogen weiter und drehten sich noch einmal um und zeigten ihre wirrbärtigen, von Kohlenstaub unkenntlichen Gesichter, in denen nur die weissen Augäpfel rollten und die weissen Zähne blitzten, und sie dachte sich aufatmend: Gott sei Dank, dass Roloff ihnen befohlen hat, mir nichts zu tun . . .

Dann hatte sie, wieder halb zur Wirklichkeit zurückkehrend, das Gefühl, es müsse jemand neben ihr in der Laube sein . . . sie glaubte ein gedämpftes, zögerndes „Barinja“ zu hören und schlug die Lider auf. Vor ihr stand der Diener und meldete: „Der Wagen ist vorgefahren!“

„Der Wagen?“ Sie war noch ganz verwirrt. „Ich habe ihn doch auf sechs Uhr bestellt.“

„Es ist sechs Uhr Abends, Barinja!“

Sie wollte es anfangs gar nicht glauben, dass sie den Nachmittag verschlafen und verträumt, aber ein Blick nach dem Strand hinunter zeigte ihr, dass die Sonne schon tief stand. Die Klippen warfen lange Schatten über den Sand und dazwischen wimmelte es jetzt überall in der Ferne von Badenden beiderlei Geschlechts und klang das Geschrei und Gelächter der Kinder.

Während sie nach dem Hause ging, um sich zurechtzumachen, wollte ihr der Alpdruck des Traumes nicht aus dem Sinn. Sie war noch ganz benommen davon, als sie in die Stadt hineinfuhr, wo sie, der Verabredung gemäss, ihren Mann im Bureau abholen sollte, bis sie sich endlich damit beruhigte, dass das doch ganz einfach eine Rückspiegelung ihrer Erlebnisse am heutigen Tag gewesen. Das war sehr naheliegend. Sie sagte es sich selbst. Aber ein unbestimmtes, quälendes Empfinden blieb.

Das Kontor der grossen Getreidefirma Sandbauer und Sohn lag im vornehmsten Stadtteil zur ebenen Erde. In dem Korridor, den Lisa flüchtig durchschritt, sassen in langer Reihe die jüdischen Makler, Papierdüten mit Weizen- und Maisproben in der Hand — im Bureau daneben beugte sich ein Dutzend Köpfe über Rechnungen und Briefe, die Korrespondentinnen — je eine junge Russin, Deutsch-Jüdin, Griechin und Engländerin — klapperten auf der Schreibmaschine oder stenographierten nach dem halblauten, in sechs Sprachen wechselnden Diktat des Disponenten —, der Lagerist lief wichtig und eilig wie immer, ganze Pakete von Getreidemustern in den abstehenden Rocktaschen, mit einer tiefen Verbeugung an der Gattin des Chefs vorüber auf die Strasse, um zurück nach den Kornschuppen zu fahren, und in seinem, durch Drahtgitter von der Aussenwelt gesonderten Verschlag kauerte Sruhl Freidkind, der endlos lange, wie ein Bogen gekrümmte Buchhalter, auf dem Drehstuhl, zählte lautlos und blickte dazwischen zuweilen zur Decke hinauf, um dann wieder mit einem drohenden: „Nü — werd’s?“ seinen Lehrling Mowsche Mitzenmacher, einen „jungen Mann“, der der Übung halber mitrechnete, zur Eile zu mahnen.

Nicolais Privatkontor hatte einen eigenen Eingang. Als Lisa klopfte, hörte sie schon drinnen seine weiche helle Stimme in eifriger Rede, dazwischen ganz kurz einmal Roloffs tiefen Bass. Die beiden Männer standen sich an einem Tisch gegenüber. Zwischen ihnen lagen aufgeschichtete Haufen von Wechseln und Schlussscheinen, Schiffskonnossementen und hektographierten Korrespondenzen. Sie waren vollkommen ruhig und geschäftsmässig. In diesen Räumen gab es nichts anderes.

Bei Lisas Eintritt machte Roloff eine tiefe Verbeugung und zog sich noch ein paar Schritte nach dem Fenster zurück. Nicolai nickte ihr zu, mit einem Blick nach dem Sofa, wo sie schon oft, wenn sie ihren Mann abholte, gesessen und gewartet hatte, bis die auf Russisch, Polnisch, Griechisch, Jüdisch-Deutsch und Englisch geführten Unterhandlungen mit Aufkäufern, Maklern, Gutsbesitzern, Reedern, Seekapitänen und Zollbeamten, die Klagen über Dürre und Heuschreckenplage, das Hin und Her des Handels zu Ende waren und nur noch zahllose Zigarettenstummel und ein dichter Rauchschleier im Zimmer an die stunden- und halbe Tage langen Debatten all dieser aufgeregten Geschäftsleute erinnerten.

Sie nahm Platz und fast zugleich rückte sich auch Nicolai einen Rohrstuhl heran und warf sich darauf. Roloff liess er vor sich stehen. Solcher Hochmut war sonst nicht seine Art. Das war Absicht. Sie kannte ihn und fühlte es. Er wollte in ihrer Gegenwart den Abstand zwischen sich und dem Angestellten, der nach dem Willen des Vaters seinen Posten einnahm, verdeutlichen.

Roloff verzog keine Miene und seine tiefe Stimme war unverändert ruhig, während er in der Verlesung eines Geschäftsbriefes aus Cherson fortfuhr. Aber Lisa fühlte wieder, wie eine leise Röte des Unmuts ihre Wangen färbte. Sie schämte sich der Kleinlichkeit ihres Gatten. Und das Bild machte sich auch ganz anders, als er es sich gedacht. Wohl stand Roloff vor ihm, aber zugleich schaute er doch auch auf ihn herab . . .

Nicolai bemerkte die Veränderung ihrer Züge, ein finsterer Schatten glitt über sein Gesicht. Er wandte sich ab und winkte in seiner lässig-herrischen Art: „Genug, Herr Roloff! Diese Sachen in Cherson gehen mich nichts mehr an. Ist sonst noch etwas?“

„Nicht dass ich wüsste, Herr Sandbauer!“

„Schön!“ Nicolai stand wieder auf. „Dann arbeiten Sie also von morgen ab selbständig mit meinem Vater weiter. Ich komme nicht mehr und mische mich in nichts. Nun schicken Sie mir bitte noch Herrn Freidkind.“

„Sehr wohl!“ Roloff ging. Die beiden Gatten tauschten einen kurzen Blick. Aber sie sprachen nichts. Gleich darauf erschien Sruhl Freidkind, der Buchhalter, auf der Schwelle, gespenstig lang und mager, in gebeugter Haltung, auf den schmalen abschüssigen Schultern ein langes hässliches Gesicht mit wunderbar schönen traurigen Augen. Sruhl Freidkind war immer traurig. Er hatte Heimweh nach dem elenden galizischen Judenstädtchen zwischen Tarnopol und Przemysl, wo sein Vater und Grossvater Rabbis und auch er schon Bocher gewesen war, um ein Schriftkundiger zu werden. Aber die Mittel hatten nicht gereicht. Er hatte in die Welt hinaus gemusst, um sein Brot zu verdienen, und ersehnte den Augenblick, wo er genug besass, um wie ein Mönch in seiner Zelle daheim in einem Stübchen zu hausen und den ganzen Tag über dem Talmud zu tüfteln und über den Erklärungen zu grübeln, die vor vielen hundert Jahren ein Kaz ben Salomo oder Gerschom ben Eliesser dazu der Judengemeinde in Worms oder Prag gegeben, und selbst, wenn auch nicht als ein Rabbi, doch als ein Talmid-Chachochim und Bal-Toire, ein gründlicher Gesekeskundiger, dazustehen.

Nicolai streifte die Asche von seiner Papyros und sagte obenhin, ohne ihn anzuschauen. „Wie vorhin schon im Kontor bekannt gemacht, führt Herr Roloff von morgen ab Prokura. Verständigen Sie sich also bitte bis auf weiteres, was Ihr Rayon betrifft, mit ihm. Ich will mich ein paar Wochen von den Geschäften erholen, ehe die Getreidekampagne beginnt.“

Der Ahasver ihm gegenüber verzog keine Miene, sondern griff nur mechanisch nach dem Ohr, ob da die Feder auch noch festsässe. Natürlich konnte er sich denken, was vorgefallen. Wenn in einer Firma der Vater à la Hausse, der Sohn à la Baisse disponierte, musste es ja einmal zu einem Krach kommen. Aber er hütete sich wohl, sich den Mund zu verbrennen. Binnen kurzem — das wusste ja jeder im Kontor — war doch Nicolai alleiniger Inhaber des Hauses. So schwieg Sruhl Freidkind und verschwand, da er sah, dass keine weiteren Befehle mehr vorlagen, mit einer ungelenken Verbeugung seines langen Leibes wieder in seinem Drahtverschlag.

„So, nun bin ich fertig!“ sagte Nicolai. Lisa stand auf. Sie war froh. Das vielgeschäftige, über Länder und Meere ausstrahlende Treiben im Kontor von Sandbauer und Sohn beengte sie heute. Sie hatte — im Gegensatz dazu — immer die trostlose Öde in dem Orchestrionmagazin ihres Vaters vor Augen, wo, nach dem Kraftwort des Gospodin Gaas, seines sibirischen Schwiegersohns, schon jede Fliege ihren Vor- und Zunamen besass. Mehr wie je fühlte sie den Unterschied zwischen dem Reichtum hier und der Armut dort, fühlte sie ihre Abhängigkeit von ihrem Mann.

Der rief auf dem Korridor mit lauter Stimme: „Mitzenmacher!“ Und Mowsche Mitzenmacher, Nicolais besonderer Günstling und Galopin, der inzwischen mit dem Buchhalter gerechnet, huschte, als habe er schon gewartet, in derselben Sekunde hinter der Türe hervor, lächelte unterwürfig und liess seine ewig unruhigen und neugierigen schwarzen Elsteraugen von dem einen zu der anderen wandern.

Nicolai sagte ihm rasch etwas, was Lisa nicht ganz verstand. Sie hörte nur, dass von Herrn Yannopoulo die Rede war, den er unbedingt heute abend noch sprechen müsse. Dann fuhr er, zu ihr gewandt, im Hinausgehen fort: „Papa wünscht nicht, dass ich die Firma weiter mit Spekulationen engagiere! Schön! Dann werde ich mir eben mit Yannopoulos Vermittlung ein Privatbureau einrichten. Da kann mir doch wenigstens nicht Herr Roloff bei jedem Schlussschein über die Schulter schauen!“

Lisa antwortete nichts. Sie verstand ja nichts von diesen Dingen. Er aber hielt das Gespräch bei Roba Roloff fest.

„Sag einmal!“ begann er finster. „Wie in aller Welt kommt denn dieser Mann auf die Kühnheit, dir einen Besuch zu machen?“

„Das hat er nicht getan. Er war draussen und suchte dich.“

„Er hat aber doch, wie er mir sagte, längere Zeit mit dir gesprochen?“

„Ja — weil ich ihn aufgefordert hatte, Platz zu nehmen.“

„Und das nahm er an?“

„Es wäre unhöflich gewesen, wenn er es abgelehnt hätte.“

„Ja — aber was ist dir denn dabei eingefallen?“ Er schaute finster auf den Schwarm von Kommis, Korrespondentinnen, Lehrlingen und Laufburschen zurück, der sich jetzt nach dem abendlichen Geschäftsschluss aus dem Hause von Sandbauer und Sohn drängte. „Wenn du alle diese Leute da, unsere Angestellten, bei dir empfangen willst, dann wird dein Salon bald eigentümlich genug aussehen.“

„Du weisst recht gut, dass Herr Roloff etwas anderes ist als diese Leute.“

„Freilich! Man hat ihn im Hafen aufgelesen!“

„Eben deswegen!“ Sie sagte das lebhafter als sie wollte. „Ich mochte gerade ihm keinen Hochmut zeigen!“ Und in Erinnerung an das Bild vorhin im Kontor fügte sie hinzu: „Schwer ist es ja wahrhaftig für uns nicht, andere von oben herab zu behandeln! Aber es zeugt kaum vom besten Geschmack!“

Nicolai blickte stumm und ärgerlich vor sich nieder. Dass er, in seiner Eitelkeit durch den Vater tödlich gekränkt, Eifersucht gegen den Mann empfand, der ihn aus seiner geschäftlichen Stellung verdrängte, das war ihr klar. Aber mit ungläubigem Staunen meinte sie zu fühlen, dass er diese Eifersucht auch auf sie übertrug. Das war ihr so neu, so unwahrscheinlich, dass sie im nächsten Augenblick schon wieder überzeugt war, sie müsse sich geirrt haben. Aber die innere Unruhe blieb . . .

Die weichlich vornehmen, spitzbärtigen Züge ihres Gatten heiterten sich sofort wieder auf, sowie er sich auf der Strasse und von allen Seiten beobachtet, von Dutzenden von Menschen gegrüsst sah. Dazu war viel zu viel halb unbewusstes Schauspielertum in ihm. Er wollte heute absichtlich an der Seite seiner schönen Frau, gleich nach deren Rückkehr von einer Reise, über die man viel geredet und gelästert, ein glückliches Familienleben zeigen und darum nicht mit ihr am ersten Abend zu Hause bleiben, sondern zunächst in einem vielbesuchten Restaurant speisen und dann auf dem abendlichen Stelldichein von ganz Odessa, auf dem Boulevard, Tee trinken.

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05 мая 2025
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420 стр. 1 иллюстрация
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9788711507049
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