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Rudolf Stratz
Die Hand der Fatme
Roman
Saga
Die Hand der Fatme
© 1905 Rudolf Stratz
Alle Rechte der Ebookausgabe: © 2016 SAGA Egmont, an imprint of Lindhardt og Ringhof A/S Copenhagen
All rights reserved
ISBN: 9788711507087
1. Ebook-Auflage, 2016
Format: EPUB 3.0
Dieses Buch ist urheberrechtlich geschützt. Kopieren für andere als persönliche Nutzung ist nur nach Absprache mit Lindhardt und Ringhof und Autors nicht gestattet.
SAGA Egmont www.saga-books.com – a part of Egmont, www.egmont.com
Erstes Kapitel
Im Anfang war alles wüst und leer ... Und leer wie im Anfang aller Dinge war jetzt noch die Wüste — gespenstisch kahl, furchtbar in ihrer Ursprünglichkeit wie am ersten Schöpfungstag. Zerrissene, schwindelnd hoch gezackte Steinkämme, millionenfaches Geröll grosser und kleiner Felsblöcke an ihren Flanken und in den Schuttfeldern der Täler, nur da und dort lederhart gebrannte Büschel des Steppengrases dazwischen. Sonst kein Baum, kein Blatt, kein Wasserplätschern, kein Vogellaut und Menschenruf und Windeswehen, kein Wölkchen an dem fahlblauen Himmel. Nur immer die eine, die Herrin über alles, der Wildnis Leben und Tod zugleich, die glühende Sonne der Sahara da oben in scheitelrechter Mittagssommerhöhe. Zwischen ihr und der verdorrten Erde brannte und flackerte die Luft in unsichtbarem Feuer. Sie zitterte, dass Berg und Fels und Tal mitzuschwingen, als das einzig Lebende in der Runde mitzukeuchen und mitzubeben schienen. Und es war in der Todesstille, als stöhnten die Steine und sänge der Staub durch das flammende Schweigen eintönig, unermüdlich ein feierliches: Im Anfang war alles wüst und leer! Dies hier ist die Welt, nicht was ihr Menschen kennt und bewohnt, nein, dies hier, das Nichts, aus dem ihr kommt, zu dem ihr geht, das immer war und sein wird, aller Dinge Wiege und Grab von Ewigkeit zu Ewigkeit ...
Und wer da atmete und einsam stand und hinausschaute in die Wüste, dem bangte die Frage auf den Lippen: Herr, warum schufst du dies? Und die Wüste schaute in ihn, und aus seinem tiefsten Innern kam die Frage zurück: Und warum schufst du mich? Warum das Sein, das Ringen zum Licht, das Sehnen nach der Sonne, wo doch die Sonne spricht: Wen ich lieb hab’, den verbrenn’ ich! — wo doch die Leidenschaft spricht: Das Herz, das mein ist, wird an mir zur Asche! Und nichts bleibt von all den heissen Flammen als die Wildnis ... die da aussen und die schlimmere da innen — abgestorben, was einst grünte, wie das Gras am Boden, versiegt die Hoffnungen wie die Quellen im Gestein, nichts übrig als die Erinnerung. Und die heisst: die Reue ...
Der Mann, der so dachte und als der einzige Mensch auf viele Stunden im Umkreis auf halber Höhe des urweltlich wilden, mächtigen Felsenkessels stand und vor sich hinstarrte, kam jetzt allmählich aus seinem düsteren Träumen wieder zu sich. Er bückte sich nach der Last, die er von hoch oben, von den äussersten Graten, in stundenlangem Tasten zwischen gleitendem Schotter und wankenden Riesenblöcken auf seinen Schultern herabgetragen hatte. Es war ein Gewirr fahlbraun-rötlicher Haarmassen, die sich an einzelnen Stellen zu langzotteligen Polstern und buschigen Kämmen verdichteten. Zwei halbmondförmige, plump gerippte dicke Säbel ragten daraus hervor und liessen das seltene Wild Südtunesiens, ein junges Mähnenschaf, erkennen.
Die Erlegung eines „Arui“ war verboten. Das wusste auch der Jäger. Jedoch der Arm des Gesetzes reichte kaum bis in diese Einöden des Südens, kein Ohr hatte den Knall des Büchsenschusses vernommen, kein Auge Mensch und Mufflon beisammen gesehen. Und doch suchte sich der Weidmann unwillkürlich in der Deckung der zerrissenen Felsabstürze zu halten, während er mit seiner Beute auf dem Rücken weiter abwärts stieg. Er hätte es kaum nötig gehabt. Schon auf wenige hundert Schritte hob sich seine Gestalt kaum mehr von dem sonnenheissen Grau des Staubes und der Steine ab. Seine abgenutzten Gamaschen, die verschossenen Reithosen, die verblichene Leinwandjacke, die von Sonne und Regen ausgelaugte Mütze mit dem Nackenschleier gehörten ebenso in diese Wildnis wie sein Gesicht. Das war tiefbraun gebrannt, so dunkel, dass nur die Augen darin unruhig leuchteten. Und ebenso sonnensatte Farbe hatten die Hände.
Die bogen jetzt sorgsam ein paar Zweige auseinander, das einzige Gebüsch weit und breit, im Schatten einer kleinen vorstehenden Felsplatte. Hinter dem Laub gähnte es seltsam schwarz; ein feuchter Modergeruch strömte da in die Glut des Tages hinaus. Er kam aus einem Spalt, der im Berge klaffte, lang wie der Rachen eines Riesen und so niedrig, dass man sich auf den Bauch legen musste, um hindurchzurutschen. Wer da drinnen war, der war geborgen vor Freund und Feind. Die Eingeborenen mieden ängstlich diese Schlünde, die als die Ausgangspforten unterirdischer, von Wasserbrausen und Fledermausgekicher erfüllter Höhlen in das geheimnisvolle, stundenweit verzweigte Innere der Bergwelt lockten und luden. Sie fürchteten sich vor den Geistern von El Mansur. Nur Räuber, Schafdiebe und Salzschmuggler wagten sich in dies Labyrinth und hausten in ihm als sicherem, sagenumwobenem Zufluchtsort. Ab und zu barg ein Jäger das heimlich geschossene Wild in dem kühlenden Schatten seiner Schwelle.
Das hatte der Weidmann jetzt auch getan. Als er wieder hervorrutschte und sich aufrichtete, blendete ihn die Weissglut der Sonne am blauen Wüstenhimmel derart, dass er eine Weile mit halbgeschlossenen Augen seinen Weg zwischen den Steinmassen suchte, vorsichtig, um nicht mit der Hand ihre kochend heissen Aussenflächen zu berühren, und erst wieder aufblickte, als er auf der letzten Felswarte über der Steppe stand.
Weit, weit schaute man da hinaus, in ein gewaltiges Halbrundbild, das rückwärts wie zu den Seiten die allmählich verflachenden, baum- und quellenlosen toten Berge abschlossen. Davor lag verdurstend, zu Staub und Stein gebrannt, ohne einen Strauch, ohne ein Rinnsal Wassers, ohne eine Menschenhütte, nur mit spärlichen Büscheln von Alfagras zwischen dem Geröll bestanden, die Niederung der Wüste und senkte sich immer tiefer und tiefer gen Süden, bis unter die Spiegelhöhe des fernen Meeres, hinab zu dem Land El-Dscherid, dem weiten Palmengarten Tunesiens, der Dattelkammer der Sahara, mit seinen riesigen, still die Einsamkeit mit der Schwermut einstiger Grösse erfüllenden Römertrümmern, mit den Zauberwäldern seiner Oasen und ihren finsteren, staubgebackenen und halbzerfallenen heiligen Städten, mit ihren feindlichen Wellen wandernden Sandes, dem schwefelgelben Reich der Dünen, mit dem Grauen seiner toten Berge und dunklen Geisterhöhlen und mit dem Mittelpunkt des Ganzen, dem unermesslichen Salzmeer.
Eine Weile blickte der Mann vom Felsen stumm auf das Bild, die Augen mit der Hand gegen den Feuerball am Himmel schützend, der schon, zu Beginn des Nachmittags, seine Bahn gegen Westen zu senken begann. Dann tastete er noch einmal, ob das Nackentuch, der Schutz gegen Sonnenstich und Hirnentzündung, auch fest genug sass und dicht die Haut umhüllte. Er stieg durch die kochende, zitternde Luft, in der alle Gegenstände ringsum wie von geisterhaftem, lautlosem Leben erfasst mitzuschwingen und zu atmen schienen, im Chaos des Felskessels hinab ins Tal.
Dort hatte es im Frühjahr, zur Zeit der Wolkenbrüche, Wasser gegeben. Jetzt noch waren die spärlichen Halme des Riedgrases etwas länger, etwas grüner, nicht ganz so leichenhaft erstorben wie in der Steppe. Ein lediger Gaul weidete da und machte zuweilen ein paar ungefüge kurze Sprünge. Aber weit fort konnte er nicht von diesem Platz, wo ihn sein Herr diese Nacht über gelassen hatte. Denn seine Vorderbeine waren gekoppelt. Und ganz in der Nähe, zwischen glühenden Klippen versteckt, lagen auch Sattel und Zaumzeug, die der Jäger jetzt hervorholte und dem Tier auflegte. Er war froh, seinen getreuen Begleiter unversehrt wiederzusehen, und klopfte ihm beim Aufsitzen freundschaftlich auf die Mähne. Panther, die ihn hätten zerreissen können, gab es hier kaum mehr, und Hyäne und Schakal wagten sich nicht an solch einen Vierfüssler. Aber diebische Wüstenbeduinen hätten sich wohl einmal auf ihren Nachtwanderungen nach Weide und Wasser auch hierher verirren können.
So zogen Mann und Ross in die Glut der Steinebene hinaus, deren verdorrte Stauden von Alfragras millionenfach, unbeweglich dastehend, vergeblich des leisesten Lufthauchs, des winzigsten, die nahe Abendkühle verratenden Wehens vom Westen harrten. Nichts rührte sich in dem schwülen Todesschweigen. Kein Mensch, kein Tier, nicht einmal ein Falke, eine Wüstenechse am Weg, ein paar geschäftig rennende Rebhühner, die sonst die Öde belebten, waren sichtbar. Was Blut in sich hatte, barg sich bang im sicheren Schlupfwinkel, bis die Sonne wieder einmal ihren zornigen Tageslauf vollendet und tröstendes, mildes Sterngeglitzer am Nachthimmel aufstieg.
Der Reiter hielt auf eines der überall in der Ebene verstreuten Römerbollwerke zu, in dem wohl einst vor fünfzehnhundert Jahren einer der grossen Grundherren des Landes mit Weib und Kind und Sklavengesinde gehaust hatte. Niemand wusste mehr etwas davon, niemand hatte auch nur einen Namen für dieses Gemäuer oder eines der vielen anderen, die die Ebene bis zum Horizont füllten. Nur ein Wahrzeichen kannte man da: die beiden einsamen, ungebrochenen Säulen, die in der spielerischen Schönheit ihres marmornen Schnitzwerks wie zwei Wegweiser mitten in der Wüste standen. Sie waren ein Richtpunkt. An ihnen vorbei lief der Saumpfad gen Süden.
Den erreichte jetzt der Reiter, und sein Schimmel merkte, dass die Karawanserei nicht mehr fern war. Dieser setzte sich, halbverdurstet wie er war, von selbst in Galopp. Auch hier, auf der hauptsächlich durch Räderspuren im Sand bezeichneten grossen Verkehrsstrasse, war kein Mensch. Nur ganz in der Ferne schimmerte das weisse Sonnendach einer Arabâ, des landesüblichen, federlos zwischen zwei Riesenrädern schaukelnden und von ein paar Maultieren gezogenen Kastens, in denen die reisten, die nicht reiten wollten oder konnten: Frauen, Handelsleute mit Waren, Kranke. Es ging unbequem und langsam genug, sosehr auch der vorn rittlings auf der wippenden Deichsel sitzende braune Fuhrmann die Tiere antrieb. Doch holte, bei der weiten Entfernung zwischen ihnen, der Reiter das Gefährt nicht mehr ein. Das war schon verschwunden, als er endlich von der Höhe einer kleinen Steppenwellung aus die Karawanserei vor sich liegen sah.
Das Rasthaus, ein niedriges, festungsähnlich einen Innenhof umschliessendes steinernes Viereck, war da gebaut, wo es Wasser gab. Und der Brunnen hier stammte noch aus Römerzeiten. Ein langes, rechteckiges Becken war da aus gigantischen Blöcken in die Erde hinein ausgemauert und speiste sich aus einer unterirdischen Quelle. Der Brunnenspiegel war trübe. Eine Staubschicht, tote Tiere, Strohhalme schwammen darauf, Frösche ruderten in ihm umher. Aber es war doch das Nass, das Labsal und die Lebensbedingung der Wüste —, und so hatte sich denn auch auf der anderen Seite der Zisterne, gegenüber der Karawanserei, ein ganzer Beduinenstamm angesiedelt. Ein Dutzend niedriger, rauchgeschwärzter Zelte stand da nebeneinander, in deren erstickend heissem Innern die Männer und Weiber der Nomadentruppe ruhten. Nur ein paar rote und blaue Kleiderfetzen halbwüchsiger Mädchen schimmerten herüber, ein paar Köter bellten, und näher am Wege stand, die äsende Kamelherde bewachend, ein einzelner braungebrannter Hirt mit breitkrempigem Strohhut und in weissem Burnus. Er nickte dem Europäer zu und grinste dann spitzbübisch hinter ihm her.
Der Jäger war inzwischen durch das Tor der Wüstenherberge geritten und sorgte im Hof, in dem schon die eben angekommene Arabâ stand, vor allem für sein Pferd. Erst als das verpflegt war und sich behaglich am Boden wälzte, fragte er den neben ihm stehenden, von der Regierung mit der Aufsicht über die Karawanserei betrauten Araber, ob noch Platz für die Nacht sei. Gewiss, im Schlafraum sei erst ein junger Dattelreisender aus Marseille. Das andere Gemach sei von drei Frauen mit Beschlag belegt, die vorhin eingetroffen seien.
Aber kaum hatte er die Schlafkammer betreten, einen halbdunklen, weissgetünchten, backsteinbelegten Raum, in dem drei eiserne Bettstellen mit Strohsäcken und ein paar Stühle standen, da hörte er den Marseiller, während der sich das Kinn zum Rasieren einseifte, mit schmachtender Stimme singen:
„dites donc, ma belle!
où est votre amant?“
Der elegante, quecksilberne Knirps, der, wie die erste Schwalbe im Frühjahr, seinen Berufsgenossen, den übrigen erst im Herbst zur Zeit der Ernte eintreffenden Dattelreisenden, vorausgeeilt war, um jetzt schon in den Oasen des Südens, im Land El-Dscherid möglichst vorteilhafte Abschlüsse für sein Marseiller Haus zu machen, stellte sich dem Eingetretenen nicht vor — solche Formalitäten gab es hier unter Europäern nicht. Er sagte: „Wissen Sie, wer da nebenan ist?“
Der Jäger tat, als hörte er ihn nicht. Ihn verdross der Mensch. Er stellte sich an die Wand und studierte aufmerksam die ihm längst bekannte, französisch und arabisch lautende Hausordnung, wonach die Reisenden vor Betreten der Karawanserei ihre Waffen zu entladen hatten und Kamele im Hof nur geduldet wurden, soweit sie nicht durch Zahl und Geruch lästig fielen, und vieles andere mehr. Aber der Marseiller, der kleine Mann mit dem Rasiermesser, liess sich nicht so leicht abweisen. Er verkündete triumphierend, wie einer, der sicher ist, mit seiner Neuigkeit gewaltigen Eindruck zu erwecken: „Zwei Mädchen von der Mission sind’s — zwei Engländerinnen! Sie sind von ihrem tunesischen Hauptquartier in Susa abgeschickt! Sie ziehen gegen den Teufel in der Sahara zu Feld! Sie haben es selbst gesagt! Sie wollen die Araber zum Christentum bekehren! Sie haben einen kleinen Kocher mit und eine Gummibadewanne und eine ganze Kiste voll arabischer Bibeln und Traktätchen — und sprechen auch selbst vorzüglich Arabisch — ganz allein ziehen sie durch die Welt. Das sind zwei verrückte Geschöpfe!“
„Ich denke, es sind drei?“ sagte der Jäger kurz, indem er sein Gewehr reinigte, einfettete und in die Ecke stellte. Er achtete kaum auf das Geschwätz. Der andere bestätigte: „Ja, aber die dritte gehört nicht dazu. Sie hat sich den beiden nur unterwegs angeschlossen. Ich glaube, schon an der Küste, weil ihr Begleiter oder ihr Diener, oder wer das nun war, dort krank geworden ist und sie nun ganz allein dastand. Nein, das ist kein Missionsmädchen. Sie ist viel zu hübsch dazu, sehr hübsch! Ich hör’ es durch die Wand: sie spricht nur mühsam mit den beiden anderen Englisch!“
„Jedenfalls belästigen Sie die Damen nicht!“ sagte der Jäger kurz und so schroff und hart, dass der kleine Dattelmensch sich beinahe in sein spitzes Kinn geschnitten hätte, so erschrocken wandte er den Kopf herum. Aber sein Stubengefährte war schon wieder in den Hof hinausgetreten, ging um ein paar dort kauernde Kamele herum und durch den Torweg ins Freie zu dem Beduinenlager.
Das hatte sich inzwischen belebt. Man rüstete zum Aufbruch. Die Zelte waren verpackt und verstaut, die Herden zusammengetrieben, die Kinder und Hunde eingefangen. Nur der riesige, viele Zentner schwere Stammesteppich, der allein eine ganze Kamellast ausmachte, wurde noch eben von den Männern unter grossem Geschrei zusammengerollt. Die Weiber und Mädchen befanden sich hoch zu Kamel über dem Gewimmel der Schafe und Ziegen. Sie sassen rittlings, die braunen Beine zu beiden Seiten herabbaumeln lassend, auf den gepolsterten Höckern. Sie hatten die schönen, grossäugigen, ernst blickenden Kinder auf dem Rücken oder in Körben rechts und links. Ihre blauen und roten Hemden leuchteten, und unter den scharlach- und blaufarbigen Kopftüchern lachten die harten, aber hübschen Züge und zeigten unter den blauen Tätowierstrichen der braunen Haut ihre weissen Zähne. Beim Anblick des Europäers hatte die Heiterkeit der Naturkinder sie alle ergriffen. Plötzlich lenkte die eine ihr Kamel herum und trieb es hinaus in die Wüste. Die anderen folgten ihr in lachender Flucht, dass Staubwolken hinter den Fussballen der Trampeltiere aufwirbelten und die Reiterinnen sich ducken und festklammern mussten, um nicht hinunterzufallen. Der Gold- und Silberschmuck, den sie nach Nomadenbrauch als den Hauptreichtum der Familien am Leibe trugen, tanzte und klirrte.
Der Scheich des Tribus, ein gelassener Weissbart in weissem Mantel, ritt langsam hinterdrein. Der Jäger hielt ihn durch einen halblauten Zuruf an. Die beiden, Europäer und Beduine, kannten sich und gaben sich die Hand. Dann sprach der Jäger einige arabische Worte und wies nach den fernen Bergen, von denen er gekommen war. Damit war der Handel schon erledigt. Das Fleisch des Mufflons, das dort in der Höhle lag und in der Hitze doch sonst verderben würde, sollte als ein Geschenk des Jägers dem Stamme der Masghuna gehören. Dafür aber sollte der Scheich Fell und Gehörn aufbewahren und bei Gelegenheit die Beute nach Süden schicken, tief in die Sahara, wo das Haus des Jägers stand.
Der Jäger nickte lässig mit dem braunen Kopf als Abschiedsgruss und dankte für das Salem des Wüstenhäuptlings, dann drehte er sich um und schritt wieder der Karawanserei zu.
Dort schimmerten ein paar scharlachrote Jacken. Zwei Offiziere von den Spahis, der Eingeborenenreiterei, trabten auf Rappen durch das Tor. Der eine war mager, sehr elegant, mit scharfen, vornehmen Zügen, die besser auf die Pariser Boulevards als hier in die Wüste passten. Der andere war ein grauköpfiger, älterer Araber, wie jede Schwadron einen unter ihren Leutnants besass. Sie mochten auf einer Dienstreise begriffen sein. Ihre Burschen und Tragtiere waren noch weit zurück. Während der Pariser sich aus dem Sattel schwang, lief plötzlich ein angenehmes Erstaunen über sein bis dahin von der Hitze und dem langen Ritt ganz teilnahmlos gewordenes Gesicht. Er sagte halblaut zu seinem Gefährten: „Sehen Sie mal, Sidi Mussa ... welch ein hübsches Mädchen da drinnen im Hofe steht.“
Der alte Unterleutnant Si Mussa ben El Hadschi Achmed war seit vielen Jahren ein Freund und Waffengenosse der Christen. Aber so weit war er doch noch in seinem Empfinden Moslem geblieben, dass er eine fremde Frau nicht so bewundernd musterte, wie dies sein Kamerad, der Leutnant de Castaing de Laprade, tat. Und der neben diesen beiden am Torweg stehende Jäger, der in das Innere der Karawanserei nicht sehen konnte, dachte sich: Das konnte keines von den beiden Missionsmädchen sein. Man hörte ja auch die beiden Engländerinnen deutlich in ihrer Kammer sprechen und mit Konservenbüchsen und Teekessel klappern. Das war wahrscheinlich die dritte, die Begleiterin, die sich ihnen unterwegs angeschlossen hatte. Schliesslich war es ja auch ganz gleich. Der Jäger hatte gar keine Lust, in den Hof zwischen die dort rastenden und kauenden Kamele zu treten und sich die Fremde anzusehen. Im Gegenteil, er schlenderte langsam trotz der Glut des Spätnachmittags wieder in das Freie hinaus.
Er schritt längs des römischen Wasserbeckens dahin und betrachtete zerstreut ein paar Frösche, die sich an ein in den Teich gefallenes und ertrunkenes junges Huhn geklammert hatten und mit ihm wie auf einem Fahrzeug über den trüben, staubbedeckten Spiegel dahintrieben. Dann stiess er weitergehend mit dem Fuss gegen die halb im verdorrten Gras verborgenen Reste einer Puffotter, der bösen, armdicken und armlangen Giftschlange der Sahara, die den Menschen angreift. Irgend jemand hatte, wohl schon vor langer Zeit, dem Scheusal den Garaus gemacht. Es waren eigentlich nur noch Skelett und Hautfetzen übrig. Über die weg ging der Jäger weiter, einen kleinen Hügel hinan und hinab zu dem Platz, wo vorhin der Beduinenstamm gerastet hatte. Jetzt war da alles öde und leer. Aschenstellen, geschwärzte Steine, Hammelknochen, zertretene Büschel von Alfagras — das allein war übriggeblieben.
Und wie er da stand und vor sich hinschaute, da hörte er hinter sich leise ein paar Steinchen rollen. Irgend jemand kam den Hügel herauf. Er wandte sich um und erblickte die Fremde, von der vorhin der Dattelreisende und der elegante Leutnant gesprochen hatten. Sie war auffallend hübsch. Nicht viel über zwanzig und nicht viel über Mittelmass, aber durch ihre Schlankheit grösser aussehend, in grauem Staubkleid, auf dem Kopf einen weissen Tropenhelm, der schiefsitzend die Stirne tief beschattete. Das gab zusammen mit dem Hintergrund von Weiss, das der ausgespannte Sonnenschirm und der die braunen Haare nonnenhaft einrahmende lichte Nackenschleier boten, dem länglichen bräunlichen Gesichtchen etwas Sonnenverbranntes, Abenteuerliches. Und ebenso schauten auch die hellen Augen ein wenig verdutzt durch die ungewohnte Umgebung und dabei erwartungsvoll, als müsste sich in nächster Zeit etwas ganz Besonderes ereignen — und nichts Erfreuliches. Es war ein bisschen Bangen in dem Blick.
Jetzt ruhte der Blick auf dem Boden, wo das Steppenlager gestanden hatte. Ein Gegenstand blinkte da, etwas Glitzerndes, ein Schmuckstück, das eines der Beduinenmädchen bei ihrem Kamelgalopp verloren haben musste. Sie sah das silberne Ding wohl, aber sie machte keine Bewegung, es aufzuheben. Da trat der Jäger hinzu und nahm es aus dem Staube. Und in der Gemeinschaft, die der Fund zwischen ihnen gesponnen hatte, sagte er, die kleine Silberhand mit den fünf aufgereckten Fingern vorweisend: „Die Hand der Fatme zu verlieren — das wird einen Jammer geben ...“
Da sie ihn schweigend anschaute und er merkte, dass sie offenbar ganz fremd hier im Lande war, erklärte er: „Die Hand der Fatme ist ein heiliges Zeichen für den ganzen Islam. Fatme war die einzige Tochter Mohammeds. Die Hand bringt Glück.“
Nun erwiderte sie, offenbar nur, um ihn nicht ganz ohne Antwort zu lassen: „Aber dem doch nicht, der sie verliert?“
„Nein, aber dem, der sie findet! In diesem Fall also Ihnen!“
Sie blieb stumm, unschlüssig, ohne das Auge von ihm zu lassen. Dass er sie angeredet hatte, das konnte sie nicht so befremden! Das war hier unter Europäern erlaubt, fast selbstverständlich. So viel hatte sie jedenfalls auf ihrer Reise schon von des Landes Brauch gemerkt. Es musste etwas anderes sein, was sie auf dem Herzen, fast auf den Lippen hatte, während sie ihn im langsamen Weitergehen mit einem Seitenblick musterte und offenbar mit einem Entschluss rang. Vielleicht wollte sie die Hand der Fatme besitzen? Er ging ihr nach und bot sie ihr an. „Nehmen Sie sie nur! Ich kenne den Scheich des Stammes. Wenn ich ihn wiederseh’, werde ich ihn dafür entschädigen. Das Ding ist ohnedies nur aus Silberblech. Kaum einen Franc wert.“
Zu seinem Erstaunen schüttelte sie den Kopf und sagte beklommen: „Danke! Ich möchte Sie nicht berauben!“ Er hielt ihr das Spielzeug immer noch hin: „Mir rauben Sie nichts! Ich brauche keine Glückszeichen!“
Das war gleichgültig gesprochen, halb lächelnd. Aber wie er dastand: verwittert, halb verwildert, in sonnen- und regengebleichten Kleidern und mit verbranntem Antlitz, ein Mann aus der Einsamkeit der Berge, da hatte es seinen besonderen Klang. Und auch ihr schmales braunes Mädchengesicht unter dem weissen Tropenhelm wurde ganz ernst, während sie sagte: „Nein, lassen Sie nur! ... Ich würde Sie gerne um etwas anderes bitten, um eine Auskunft! Ich bin allein hier. Und Sie sehen so aus, als ob Sie hier in der Gegend genau Bescheid wüssten ...“
Er nickte nur und harrte ihrer Fragen. Sie wies in die Ferne, gegen Süden. „Nicht wahr, dort, in dieser Richtung, liegt El-Ariana?“
„Die Oase El-Ariana? Ja.“
„Und wie weit ist’s noch bis dahin?“
„Ein kleiner Tagesmarsch!“
„Und dort steht ein Regiment der Truppe?“
Er hob den Kopf, sah sie einen Augenblick an und sagte dann langsam: „Nein, Madame — nur Spahis. Aber ein Bataillon war vor einem Jahr auf dem Durchmarsch dort.“
„Wo ist es denn dann hingezogen?“
„Noch tiefer in den Süden, zu einer Expedition gegen die Dschambas, wegen der Ermordung eines Forschungsreisenden. Jetzt ist es lange wieder nach El-Ariana und von da nach Algier zurück. Jetzt halten da unten die arabischen Kamelreiter die Grenzwache!“
„Ich danke sehr, Monsieur!“ Die Fremde ging weiter. Aber nach ein paar Schritten blieb sie schon wieder stehen. Sie kämpfte mit sich. Er merkte: sie fühlte sich vereinsamt und von einer heimlichen Sorge gequält, dass sie wider Willen das Gespräch mit ihm von neuem anknüpfen musste. Sie fragte: „Ist Ihnen das vielleicht bekannt: hat das Bataillon, während es hier in Tunesien war, niemand zurückgelassen?“
„Das Bataillon lässt überall, wo es war, ein paar Grabkreuze hinter sich!“ sagte er ruhig.
„Ja ... und die, die krank werden?“ Jetzt brach deutlich die Angst in ihrer Stimme durch: „... sind nicht auch Kranke vom Bataillon in El-Ariana zurückgeblieben?“
„Einer liegt jetzt noch dort ... schon seit einem Vierteljahr ... Ein junger Soldat aus dem Elsass ...“
„Und ist das vielleicht ...“ Sie trat auf ihn zu. Ihre Augen waren gross vor Angst. „... Ich bin nämlich seine Schwester ... für den Fall, dass er Gaston Roland heisst ... Wir entstammen einer elsässischen Familie ...“
Er erwiderte: „Jawohl, Mademoiselle Roland — das ist Ihr Bruder, den ich meine ...“
„Und Sie kennen ihn?“
„Ich kenne ihn und besuche ihn zuweilen, wenn ich in diese Oase komme, weil mir der arme Mensch leid tut. Ich war erst vorgestern bei ihm.“
„Und wie geht es ihm?“
Der Jäger zögerte eine Weile mit der Antwort. Dann sagte er langsam: „Nicht sehr gut, Mademoiselle Roland. Den Typhus hat er ja so ziemlich überstanden. Aber es ist keine rechte Lebenskraft in ihm. Er wird schwächer und schwächer — ohne dass man viel dagegen tun kann.“
„Sie meinen, sein Leben ist in Gefahr?“
„Ich bin kein Arzt, sondern nur Bauer und Jäger. Aber ich glaube, so wie die Dinge liegen, sollten Sie sich beeilen, nach El-Ariana zu kommen.“
Das hübsche Mädchengesicht, das sich so bräunlich von dem weissen Dämmern der Sonnenhüllen abgehoben hatte, war jetzt sehr blass geworden. Einen Augenblick stand sie stumm und sorgenvoll da, dann sagte sie mit schwankender Stimme: „Ich danke Ihnen sehr für Ihre Auskunft, Monsieur!“ Und er erwiderte: „Tragen Sie es mir, bitte, nicht nach, dass sie nicht besser lauten konnte.“
Sie hörte seine Worte kaum noch. Sie war trotz der Gluthitze in die Karawanserei und in das Zimmer ihrer Reisegefährtinnen zurückgeeilt. Dort sassen die beiden Missionarinnen, zwei sommersprossige, rotbackige Engländerinnen zwischen dreissig und vierzig Jahren, auf ihrer Bibelkiste neben dem Aluminiumkocher und unterhandelten eben in fliessendem Arabisch und unter erbittertem Gebärden- und Mienenspiel mit dem vor ihnen stehenden Karawansereiwächter über den Ankauf eines Kaninchens, als die junge Französin hereintrat und hastig in ihrem gebrochenen Englisch bat: „Fragen Sie doch, bitte, den Mann, ob er den Europäer kennt, mit dem ich eben gesprochen habe. Es ist ein Jäger. Er hat ein weisses Pferd im Stall ...“
„Gewiss ...“ Der lange finstere Kerl im Burnus nickte. Er kannte den Steppenreiter wohl.
„Und ist der zuverlässig? Kann man alles glauben, was er sagt?“ Wieder bejahte der Moslem. Das sei einer der eingesessenen Franzosen, zu dem sogar die Einheimischen Zutrauen hätten.
„Und wer ist es denn?“
Der Burnusträger zuckte die Achseln und machte mit den ausholenden Armen eine jener vielsagenden orientalischen Bewegungen, die etwa ausdrücken mochte: Wissen wir, woher ihr alle kommt, ihr Europäer? — Dieser da war als Soldat ins Land gekommen. Hier war seine Dienstzeit zu Ende gewesen. Da hatte er seinen Abschied genommen. Seitdem lebte er da unten am Salzmeer. Er kam zuweilen auf der Jagd bis hierher nach Norden herauf. Seine Kugel war gut. Einen Panther hatte er schon geschossen, zur Freude der Hirtenstämme der Wüste. Mit denen war er gut Freund. Sidi Frank hiessen sie ihn.
Nun stellte Yvonne Roland ihre letzte Frage, viel ruhiger als bisher, wie jemand, der mit einem Entschluss ganz ins reine gekommen ist: Gab es eine Möglichkeit, jetzt bald aufzubrechen und die Nacht hindurch weiter nach El-Ariana zu reisen, um so rasch wie möglich dort zu sein?
Der Araber rief einen in der Nähe am Boden kauernden Moslem an und verhandelte mit ihm: Ja — dieser greise Achmed oder Soliman, der heute früh mit Maultier und leerem Karren aus jener Oase gekommen war, sei bereit, auch wieder dorthin zurückzukehren. Nur erwartete er natürlich ein besonders hohes Backschisch, in Anbetracht der Nachtfahrt durch die Wüste, die doch immerhin etwas Ungewöhnliches, selten Unternommenes sei.
Und zugleich erhoben auch die anderen Besucher der Karawanserei, die sich in ihrer Langeweile um Yvonne Roland gruppiert und zugehört hatten, ihre warnenden Stimmen. Auf englisch, französisch und arabisch redeten sie gleichzeitig auf sie ein, um sie von ihrem Vorhaben abzubringen. Die beiden britischen Missionarinnen, die Land und Leute genau kannten, gaben ihr das Versprechen, sie würden mit ihr um vier Uhr morgens, noch vor Sonnenaufgang, aufbrechen, der Leutnant de Castaing de Laprade bot sich für diesen Fall sofort zur Begleitung an, und sein mohammedanischer Waffengenosse erzählte, nachdem er einige Worte in seiner Muttersprache mit dem Stationswächter gewechselt hatte, in gutem Französisch die Geschichte von einem Reisenden, der vor einigen Wochen eben auf diesem Wege ermordet worden war.
„Schlimm genug, wenn Sie nicht besser für die Sicherheit der Strassen sorgen!“ sagte das junge Mädchen zu den Offizieren, die nichts Rechtes darauf zu erwidern wussten. Denn tatsächlich waren, dank der Strenge der tunesischen Regierung, diese Gegenden nördlich des Salzmeeres ganz sicher. Für Europäer war hier keine Gefahr. Die begann erst am Südrand des Salzsees El-Dscherid, wo die Oasen unter Militärverwaltung standen und niemand gern ohne Waffen ausging. Aber trotzdem warnte der elegante Spahileutnant, der seinen Blick gar nicht von der Fremden, ihrer schlanken Gestalt, ihrem schmalen Antlitz wenden konnte und sich dachte, dass eine derartige Gelegenheit unter vier Augen wie solch ein langer einsamer Wüstenabend in der Karawanserei nie wiederkehrte, noch einmal: „Lassen Sie sich bereden, Madame! Fahren Sie nicht allein mit dem Araber in die Nacht hinein. Man kann diesen Leuten nie trauen!“ Und der Dattelreisende fügte hinzu: „Ich tät’ es nicht! Nicht für fünfhundert Francs! Und ich komm’ dies Jahr schon zum zehntenmal von Marseille herüber!“
Yvonne Roland war einen Kopf grösser als das schmächtige, gelbliche, quecksilberne Südfranzöslein. Sie antwortete ihm gar nicht, sondern sagte über ihn hinweg zu dem Leutnant de Castaing, dem einzigen aus diesem ganzen Kreis von Unglücksraben, den sie ernst nahm: „Sehen Sie sich doch den Karrenführer an! Das ist doch ein ganz alter, gebrechlicher Mann. Ich bin stärker als er!“
„Aber er kann Spiessgesellen haben, Madame!“
Darauf griff sie in die Tasche und holte, während sie in die Arabâ kletterte und unter dem Sonnendach Platz nahm, einen Revolver heraus.
„Ich habe meine Pflicht getan, Madame, und Sie auf alle Möglichkeiten aufmerksam gemacht.“
„Mein Bruder liegt todkrank in El-Ariana. Man hat mir gesagt, wie bedrohlich es um ihn steht. Ich bin nicht deswegen aus Strassburg übers Meer und nach Afrika gereist, um jetzt, im letzten Augenblick vor dem Ziel, unnütz haltzumachen. Glauben Sie mir: ich hab’ schon ganz andere Schwierigkeiten überwinden müssen, bis ich bis hierher gekommen bin!“
Sie nickte heftig bejahend auf die stumme Gebärdenfrage des greisen Achmed oder Soliman, ob sie zur Abfahrt bereit sei. Der schwang sich vor ihr auf die Deichsel und mahnte mit seltsamen Gurgeltönen die beiden Maultiere an ihre Pflicht. Während diese die langen Ohren spitzten und anzogen, knarrte und ächzte das Räderpaar. Die Arabâ schwankte langsam durch Staub und Morast des Hofes und unter dem Torweg hinaus ins Freie.
Dort kam eben Sidi Frank, der Jäger, nach der Karawanserei zurück. Er stand etwa zwanzig Schritte von der Wüstenkarawanserei, als der Wagen, scharf vom Purpur der sinkenden Sonne mit Mann, Maultieren und Mädchen sich abzeichnend, vorüberfuhr. Er sah sich rasch und aufmerksam, auch mit einem Schatten von Besorgnis auf den verbrannten Zügen, die Insassin der Arabâ an. Die hatte es sich bequem gemacht, so gut oder so schlecht es ging. Sie kauerte auf einem Koffer in dem zwischen den federlosen Rädern schaukelnden backtrogähnlichen Holzkasten, der viel zu kurz für sie war, so dass sie die Knie hoch heraufziehen musste und die Hände darüber verschlang. Die schaute nicht hinüber, wo der Jäger stand. Sie sah unablässig, mit halbgeschlossenen Augen gegen die schrägen, langen Sonnenstrahlen anblinzelnd, geradeaus in die Richtung, wo in unsichtbarer Ferne El-Ariana lag. Dahin wollte sie ...
Aber wenn ihr nun unterwegs doch etwas geschah? Als der Jäger in das Innenviereck der Karawanserei trat, stritt man noch immer darüber. Der Spahileutnant sagte eben, sich eine Zigarette anbrennend, das Reitstöckchen schief unter dem Ärmel seiner scharlachroten Jacke: „Es wird nichts übrigbleiben, man muss ihr nachreiten und sie begleiten!“
Er hätte das für sein Leben gern getan und fühlte sich, sehnig und mager wie sein Gesicht und sein ganzer Körper war, auch gar nicht zu müde dazu. Aber anders stand es mit seinem Pferd und dem seines arabischen Kameraden Si Mussa. Die Tiere waren zu erschöpft von dem heutigen Ritt. Sie hatten auch schlecht gefressen und lagen jetzt, alle viere ausgestreckt, stumpfsinnig, wie verendet, in dem heissen Staub des Bodens. Der elegante Leutnant sah sich das ärgerlich an und sagte: „Eine verwünschte Sache! Ich möchte nur wissen, wer ihr zu dieser Nachtreise geraten hat!“
„Ich!“ sagte der Jäger kurz, zog seinen Gaul ohne viel Umstände an der Wassertrense hoch und begann ihn zu satteln.
„Sehr schön, Monsieur! Und wer wird nun das Vergnügen haben, womöglich ein Pferd im Wert von ein paar hundert Francs zu ruinieren, um die Dame auf dieser abenteuerlichen Fahrt zu schützen?“
„Ich!“ wiederholte der Jäger gelassen und schnallte den Bauchgurt seines Pferdes fester. „Übrigens — meinem Schimmel macht das nichts! Ich hab’ ihm schon anderes zugemutet!“
Die Stute bot denn auch, nachdem er sie in zwei Minuten reitfertig gemacht hatte, bereitwillig den Rücken und ging unter ihm im stelzenden Schritt des Vollbluts nach dem Tor. Die anderen schauten hinterher und wussten nichts mehr zu sagen. Schliesslich war es ja so das Beste. Und der Jäger sah auch nicht aus wie ein Mann, der sich durch die Reden anderer viel in seinen Entschlüssen beirren liess.
Als draussen die weite Steppe im letzten Abendgold glühte und flimmerte und ein erster, noch fast unmerklich kühlender Hauch die vertrockneten Alfabüschel fächelte und über die brennend heissen Steinblöcke und Geröllbrocken strich, richtete er sich in den Steigbügeln auf und spähte. Ganz in der Ferne kroch da etwas Weisses langsam dem Sonnenuntergang zu. Das war der Leinwandplan der Arabâ. In einer halben Stunde tüchtigen Trabs konnte er sie erreichen. Aber er tat es nicht. Er wollte unbemerkt bleiben, seine Gesellschaft und seinen Schutz nicht aufdrängen.
Mitten in der Ebene stand ein mächtiger Steinblock. Unwahrscheinlich grosse, bemooste und verwitterte Quadern bildeten die finstere Römerwarte, das Mal versunkener Zeiten. Es gab eine Stelle, wo man von aussen, vorstehende Steine als Stufen benutzend, das schrägliegende, auf der einen Seite tief in die Erde gesunkene Gemäuer erklimmen konnte. Da band der Reiter sein Pferd an und stieg hinauf. Die bröckelige, mit winzigen blauen Blümchen und Halmen bewachsene Fläche oben war noch sengend warm von dem langen Sommertag, der auf ihr gebrannt hatte. Aber zugleich bot sie auch einen Ausblick wie von einem Adlernest in die Weite. Nur im Norden hemmten die hohen, jetzt mit tiefviolett getönten Zacken im Dämmern verschwimmenden Gebirge die Fernsicht. Überall sonst aber verlor sich das Auge in unbestimmten, unendlichen Übergängen.
Wie die Vorposten der eigentlichen Sahara schoben sich ihre ersten kleinen Sandinseln bis weit in die Steppe vor. Wehe dem Fahrzeug, das sie mit langsam mahlenden Rädern durchmessen musste. Es kam kaum von der Stelle. Und eben jetzt war der weisse Punkt in der Ferne, den der Mann auf dem Römerturm nicht aus den Augen liess, in den ersten sandigen Dünenstrich geraten. Es schien, als stünde die Arabâ still. Man musste schon die Augen des Wüstenwanderers haben, um zu erkennen, dass das Fahrzeug sich Zoll für Zoll weiterbewegte. Wer jetzt da nachritt, brauchte sein Pferd nicht zu spornen und war doch, wenn es Nacht und dunkel war, dem Karren nahe, ungesehen und doch bereit, wenn Not am Mann, mit ein paar Sprüngen heranzugaloppieren.
Die Sonne war am Wüstenrand verschwunden. Nur ein letztes blutiges Leuchten zeigte noch ihren Zorn. Es ging wie ein Aufatmen über das ganze lechzende Land. Ein leiser Wind flüsterte und zischelte durch das Alfagestrüpp, kleine Staubwolken stiegen auf und drehten sich lautlos wie schattenhafte Gnomen tanzend durch das Dämmerlicht. Seltsame Vogelstimmen, Rascheln am Boden, verflogene Rufe der Steppe wurden wach, dickköpfige schwarze Fledermäuse krochen aus den Fugen des Römerturms und gaukelten und geisterten in Nacht und Tau und Sterngeglitzer. Da verliess auch der Jäger seine Warte. Er schwang sich behutsam, keinen Stein lockernd, um nicht unversehens auf einen Skorpion zu treten, an dem Mauergeklüft hinab zu seinem Pferd. Und als er wieder auf dem Schimmel sass, da klopfte er dem mit langen Zügeln auf den Hals und schnalzte einmal mit der Zunge. Das Zeichen kannte die Stute. Sie wieherte kurz und setzte sich in Galopp. Ross und Reiter flogen in langen Sätzen über die finster gewordene Steppe dahin, dem weissen Wagen in der Ferne nach ...
Zweites Kapitel
Die ganze Nacht durch holperte und rumpelte die Arabâ durch die Wüste weiter, und hinter ihr hörte man durch die totenstille, jetzt ganz kühle Luft einen regelmässigen Laut — das Trappeln eines im Schritt gehenden Pferdes. Die Huffchläge klangen in gleicher Entfernung. Sie blieben nie zurück, ob auch Stunde um Stunde der eintönigen Fahrt verrann; sie kamen aber auch nie näher.
Der alte arabische Karrenführer schaute sich zuweilen um. Yvonne Roland war nach kurzer Fahrt ermattet eingeschlafen und wurde zuweilen durch einen unsanften Puff des Wagens halb zum Bewusstsein gebracht. Sie schlummerte dann aber noch fester ein. Sie hörte das Trapp-Trapp des Reiters und träumte allerhand Räubergeschichten, die immer wilder und bunter wurden, je mehr die ursprüngliche Müdigkeit schwand und einer Art fieberigen, unruhigen Dämmerns zwischen Wachen und Schlafen Platz machte. Schliesslich war ihr ganz deutlich, als ob eine vielköpfige Horde von Arabern mit rauhen Stimmen sich näherte. Mit einem hellen Schrei setzte sie sich auf. Der Morgen graute schon stark, einen klaren Tag verheissend; über den ewigen Steinen und spärlich gewordenen Alfabüscheln und breiten Sandflächen brauten die letzten Nachtnebel. Neben der Arabâ hielt hoch zu Esel das erste lebende Wesen, das sie seit dem Verlassen der Karawanserei zu Gesicht bekommen hatte — der arabische Postreiter aus der Oase El-Ariana, langbärtig, die Kapuze seines braunen Burnus gnomenhaft über den Kopf gezogen, die Ledermappe mit den Briefschaften umgehängt. Er hatte mit dem Fuhrmann bei der Begegnung ein paar Worte gewechselt, die hatten Yvonne aufgeweckt. Er ritt nun, sich nach morgenländischem Brauch auf dem letzten Rückenwirbel seines Grautieres im Gleichgewicht haltend, in entgegengesetzter Richtung davon.
Und da vorne standen im fliessenden, feuchtkühlen Silbergrau des Morgens Pappeln, ganz gewöhnliche Pappeln wie daheim. Und zwischen ihnen ein einzelner riesiger Feigenbaum, von dessen Ästchen Hunderte und aber Hunderte von bunten Fetzen und Lappen aller Art wehten, und der in seinem Fastnachtsputz ein Marabu, ein heiliges Ding war. Gleich hinter ihm war schon das erste Ölwäldchen, seltsam knorrige, zart taubenfarben beblätterte Stämme, von stacheligen, mannshohen Kaktusstauden umschlossen. Und über dem hier beginnenden Gras blähte es sich im Wüstenwind auf geschuppten, kurzen, braunhaarigen Säulen von breitem, gelblichem Gefächer und Gefieder. Hier war die Grenze des Reiches der Palmen. Der Fuhrmann wies darauf hin, auf schwärzliche, niedere, weit entfernte Massen, wie von Unkraut oder Farnwedeln. Allmählich begriff Yvonne, dass das alles wohl Dattelbäume sein müssten, Tausende und Zehntausende. Und wenn man weiter in die Ebene hinaussah, dann zogen sich dort dieselben blauschwarzen Mauern und Flächen hin und säumten den Horizont mit neuen dunkeln Kronen und zeigten dem, der durch die Wildnis kam, dass er El-Dscherid erreicht hatte, das gelobte Land, den Garten Tunesiens.
Weidevieh quoll dem Fahrzeug aus den Toren von El-Ariana entgegen. Erst als man in die Strassen des Araberfleckens einbog, verloren sich die Herden. Hier war es mit einem Male ganz still. Tot, wie ausgestorben standen zu beiden Seiten der schmalen Hauptstrasse die fensterlosen Hausfronten, ihre weisse Tünche nur an einer Stelle von der festverschlossenen Tür durchbrochen. Manche der aus ungebranntem Lehm zusammengebackenen Gebäude lagen, wie in all diesen Saharastädten, halb oder ganz in Trümmern und bildeten verödete Schutthaufen. Bei vielen anderen der düsteren, geheimnisvollen, überall am Eingang mit korinthischen Säulen und Riesenquadern der Römerzeit gestützten Eulennester wusste man nicht: waren sie nie fertig geworden oder schon wieder zerfallen, waren sie noch bewohnt oder bereits wieder gleich einem morsch und löcherig gewordenen Zelt in der Wüste unbenutzt ihrem Schicksal überlassen?
Jetzt hielt die Arabâ vor einem niedrigen Haus, das zwar durch Glasfenster und einen Holzvorbau einen halb europäischen Eindruck machte, sonst aber durch seinen Schmutz und seine Baufälligkeit wenig einlud. Es schien eine Kneipe zu sein. „Au Simbad le Marin“ stand auf dem Schild — „Zum Seefahrer Sindbad“. Und an solch einen Abenteurer, Flibustier und Piraten erinnerte der weissbärtige, kleine, aber in den Schultern breite und stämmige Kerl, der auf die Schwelle trat. Seine schlauen, wässerigen Augen funkelten. Er gestikulierte lebhaft und drang hastig auf Yvonne ein. Yvonne war erschreckt. Und da sie nicht antwortete, beteiligten sich auch die Gäste des Hauses, ein paar in zerfetzte und kalkbespritzte Röcke und Hosen gekleidete Maurergesellen, an dem Lärm. Ein grinsender Neger schrie dazwischen und machte Miene, den Koffer vom Wagen zu ziehen. Einige Araber traten dazu, um zu sehen, was es gäbe. Sie luden die Fremde durch aufmunternde Gebärden ein, sich den „Seefahrer Sindbad“ doch im Inneren anzusehen. Schliesslich stand wohl ein Dutzend Männer um den Wagen. Drinnen kauerte Yvonne Roland mit zornfunkelnden Augen und hochgezogenen Knien, den Tropenhelm schief auf dem Kopf, die eine Hand in der Tasche, um im Notfall nach dem Revolver langen zu können, die andere Hand schützend über ihre Siebensachen gebreitet. Sie war erbost, aber keineswegs verschüchtert, sondern hauptsächlich voll Wut auf diesen alten Kutscher da vorne, der ganz ohne Grund mit seinem Karren hielt, als sollte sie in aller Ewigkeit vor dieser Kneipe bleiben.
Plötzlich fiel ihr mit Schrecken ein: sie hatte ja ganz vergessen, gestern abend dem Mann durch Vermittelung der Missionarinnen sagen zu lassen, wohin er eigentlich in El-Ariana fahren sollte. Nun lud er sie natürlich vor der Herberge ab, wahrscheinlich der einzigen am Ort.
Aus dieser waren inzwischen noch ein paar schlampige, gelbliche Weiber in bunten Kopftüchern erschienen und nahmen in einem unbewachten Augenblick den Sonnenschirm der Fremden in Verwahrung. Zwei, drei Eingeborene in ihrer sonderbaren Tracht, einem turmartigen, spitzen Schleiergebäude auf dem Kopf, einem ganz kurzen weissen Jäckchen und weiten weissen Hosen, waren aus einer Seitengasse so hastig herbeigewatschelt, dass sie fast die gestickten Pantoffeln von den blossen Füssen verloren. Yvonne Roland blickte entschlossen, ihre erhöhte Verteidigungsstellung zwischen den Rädern nicht zu verlassen, aber doch sonst ratlos darein. Nirgends war ein hilfreicher, nirgends ein vernünftiger Mensch zu sehen. Und als sie nun in heller Wut auf ihren Revolver zeigte, musste sie ihn gleich wieder einstecken, so gross war das Geschrei, die Abwehr und das Gelächter. Selbst unter den rabenschwarzen, glockenartigen Gebilden, die etwas abseits in stummer Neugier standen — von Kopf bis zu Fuss nach strenger Sitte Südtunesiens unkenntlich verhüllten Maurinnen —, selbst unter diesen Schleiermassen schüttelte es sich vor Gekicher.
Da mussten diese wandelnden Trauerglocken beiseite treten. Es kam in raschem Hufklappern um die Ecke, im geräumigen Schritt eines Pferdes, so wie heute die ganze Nacht hindurch — ein sonnenbrauner Jäger auf einem Schimmel ward sichtbar und lenkte seinen Gaul ohne weiteres mitten durch die Haufen der Menschen, als ob das ein aufgescheuchter Schwarm Spatzen wäre. Er rief dem Kärrner auf arabisch ein paar rauhe Worte zu, ihm weiter durch die stillen weissen Hausmauern der Strasse vor ihnen zu folgen. Dort angelangt, hielt er sich neben dem Wagen. Die Gasse war so eng und düster wie ein Festungsgraben. Sein Knie berührte fast das Rad der Arabâ. So zogen sie in dem stillen Schatten dahin, in den von oben, vom blauen Himmel her, über den Rand der flachen Dächer allerhand grünes Schlinggewächs, rote Blumensterne, violette Dolden im Winde schaukelten und wehten, und in dem ab und zu ein paar spielende Kinder lautlos in dämmerige Höfe huschten. Nun besann sich Yvonne Roland erst und forschte: „Wie kommen Sie denn nur auf einmal hierher?“
„Sehr einfach: ich bin ebenso wie Sie die Nacht auf der Strasse gewesen ...“
„Ach — dann waren Sie das, von dem man immer das Hufgetrappel gehört hat?“
„Wahrscheinlich war ich zufällig immer hinter Ihnen.“
Sie war unbefangen genug, seine Gleichgültigkeit für bare Münze zu nehmen. Sie sagte, im Karren kauernd und wieder die Hände über den Knien faltend: „Ach so! ... Dann ist’s ja gut ... Aber bitte schauen Sie mich nicht so an!“
„Warum denn nicht?“
„Weil ich so greulich ausseh’, ganz verwildert ... nach solch einer Nacht ...“ Sie blickte ein wenig verlegen, im Gefühl ihrer Zigeunerhaftigkeit, vor sich nieder. Erst nach einer Weile hob sie wieder die Wimpern. Nun schaute er im Sattel von ihr weg, geradeaus. Sie musterte ihn unwillkürlich. Dem machte solch ein Ritt natürlich nichts aus! Der war wie dazu geschaffen. Eigentlich gefiel er ihr sehr gut, und sie betrachtete ihn immer noch, als er sich plötzlich umwandte und fragte: „Warum schauen Sie mich denn nun so an, Mademoiselle Roland?“
„Weil ...“ Sie stockte, fasste dann Mut und sagte schnell: „Man hat mir erzählt, Sie wären auch hier Soldat gewesen!“
„Ja — ich war auch Soldat.“ Weiter sagte er nichts. Sie wagte nicht, weiter zu forschen. Da wies er schon mit der Hand auf einen vor ihnen sich öffnenden freien Platz. „Hier ist die Kasbah — die Zitadelle ...“
Es war das Unwahrscheinlichste, was hier unter afrikanischem Himmel, von der Sahara umgeben, im zwanzigsten Jahrhundert stehen konnte: die Zeiten der Römer Waren wieder lebendig geworden. So wie die Legionen einst dies Kastell am Palmenhochwald errichtet und die Byzantiner es ausgebaut hatten, so trotzte es jetzt noch, ein riesiges, hochragendes Mauerviereck mit geschnörkelten Zinnen und schlanken Warttürmen und Torbögen und Gräben, unter dem Blau des Himmels, im Gelb des Wüstensandes aus dem grauen Felsboden weit über die Lande, ein düsteres Zwing-Uri, ein steinernes Sinnbild der Macht. Ein paar Dattelbäume hoben aus dem Innern ihre grünen Kronen über den Mauerkranz und rauschten im Morgenwind. Sonst rührte sich nichts. Die grosse Eingangspforte war fest verschlossen. Es dauerte einige Zeit, bis sie sich langsam auf das Klopfen hin öffnete und der Wachtposten, ein diensthabender Unteroffizier, herzukam.
Dieser, ein baumlanger, hübscher Mensch, steckte seinen Blondkopf durch den Spalt und sah verdutzt auf die Fremde, die da vor ihm stand, jung und schlank, den weissen Tropenhelm immer noch schief auf dem Kopf. Sie wollte ohne weiteres an ihm vorbei und hinein. Aber er wehrte ihr. Jetzt ging das nicht! Zu dieser frühen Morgenstunde! Ob ein Kranker einen Besuch empfangen konnte oder nicht, darüber musste der Stabsarzt entscheiden!
„Aber ich kann nicht warten, Monsieur!“ sagte Yvonne Roland entschieden. Ihre Stimme bebte vor Ungeduld, ihre Hände ballten sich im Zorn. „Ich muss zu meinem Bruder!“
„Ich bedaure unendlich, Madame! Es ist gegen meine Instruktion.“
„Ach — Ihre Instruktion!“ Sie machte einen neuen Versuch, einzudringen. Aber der Sergeant war ebenso höflich wie unerbittlich. „Madame würden die acht Tage Arrest nicht für mich absitzen, die ich dann bekomme“, sagte er, legte noch einmal grüssend die Hand an das Käppi und sperrte die Türe wieder zu. Der Jäger sagte zu Yvonne Roland: „Der Eingang bleibt nun schon verschlossen. Der Sergeant tut nur seine Pflicht.“
„Aber vielleicht kann man woanders hinein!“ Yvonne Roland musterte das Kastell mit einem finsteren Blick hartnäckiger Kampfbereitschaft. Und plötzlich hellte sich ihr unter der abenteuerlichen Kopfbedeckung doppelt schmales Antlitz auf. Dort oben, auf dem Gang zwischen dem Kranz der Mauerzinnen, hart neben der vorspringenden Rundung des Eckturms, dort oben flatterte frisch gewaschene Wäsche. Wer die über die Seile gehängt hatte, der musste doch hinauf und hinunter gekommen sein. Und nun entschied sie: es gab da eine Art Treppe, oder eigentlich nur lange Eisenstifte, die, in einiger Entfernung voneinander eingetrieben, schräg aufwärts führten.
„Da steig’ ich hinauf!“ sagte sie entschlossen zu ihrem Gefährten. Der schüttelte abwehrend den Kopf. „Wenn ich Ihnen helfen könnte — ja. Aber ich darf als früherer Soldat solche Abenteuer nicht riskieren. Man kennt mich hier.“
„Ich kann auch allein!“ Sie stellte prüfend einen Fuss auf die erste verrostete Sprosse, warf einen misstrauischen Blick umher, und arbeitete sich in die Höhe. Er stand unten, bereit, sie aufzufangen, falls sie stürzte. Aber sie turnte sich bis zum Zinnenrand empor, schwang sich hinüber und nickte lebhaft als Zeichen, dass ein Abstieg nach innen vorhanden sei. Er rief ihr gedämpft hinauf: „Ihr Bruder liegt, wenn Sie um die Ecke kommen, in dem neuen, blau gestrichenen Häuschen, das auf die Mauer zwischen den beiden Halbtürmen aufgesetzt ist ... die Treppe hinauf und gleich rechts ...“
Sie nickte noch einmal. Dann verschwand der weisse Helm hinter der Mauer. Sie sprang die letzten Sprossen hinab und stand innen und schaute sich um.
Da war das Verwaltungsgebäude, ein Hof davor, eine hohe Palmengruppe in der Mitte, eine Menge zerbrochener Römersäulen darum herum, aber kein Mensch zu sehen. Also flugs weiter. Im Lauf um die Ecke, den niedrigen Holzschuppen mit den Wasserbottichen, den krapproten, in der Sonne trocknenden Hosen und Leibgurten, den Seifenstückchen und Handtüchern der Militärwäscherei rechts lassend, und nun — o weh — da waren Menschen — aber nur Araber — kranke Araber! In blauweiss gestreiften Kitteln kauerten sie in der Sonne, zwischen ihnen ein Negerjunge mit geschientem Arm und ein gelblicher, schwindsüchtig hustender Soldat. Sie alle schauten stumm und erstaunt, aber ohne sich zu rühren, auf die Fremde. Die ging jetzt langsam, um keinen Verdacht zu erwecken, so wie jemand, der seines Wegs ganz sicher ist, schnurgerade auf das blaue Haus zu und die Treppe hinauf und hinein.
Das Zimmer links war leer. Es schien zur Zeit unbenutzt. Rechts war die Türe offen. Sie holte tief Luft, sammelte sich einen Augenblick und trat über die Schwelle. Drei Betten standen in dem grossen kahlen Raum. Von zweien waren nur die Gestelle da, niemand darin. Im letzten aber, am Fenster, da regte sich etwas und seufzte zwischen der strohgefüllten Matratze und der groben grauen Wolldecke. Durch das vor den Scheiben nickende gelb zerschlissene Palmengefieder des Oasenwaldes fiel die warme Morgensonne in trügerischem Rot auf ein blasses junges Gesicht mit eingesunkenen Augen und einem leidenden Zug um die Lippen.
Der junge Soldat hatte ein Geräusch gehört und setzte sich mühsam im Bette auf. Dabei belebten sich seine Züge von der Anstrengung ein wenig. Das war ein hilfloses, spitzes, mageres Gesichtchen. Er starrte aus grossen Augen seine Schwester an, die im Türrahmen stand, und murmelte dann erschrocken, als habe er ein Gespenst gesehen: „O Gott ... Yvonne ...!“
Dann glitt allmählich ein freundliches Lächeln über sein Antlitz. Er schloss halb die Lider, wie um die flüchtige Sinnestäuschung, die Erinnerung an die Tage von einst, an die Kindheit, an die Heimat in grünen Wäldern fern überm Strom, möglichst lange festzuhalten. Aber die blieb und blieb. Und nun ging seine ungläubige Verklärung in Trauer über, in Kummer über seine Schwäche und Sehnsucht, die ihm solche Bilder vorgaukelte. Nachdem er noch einmal leise geseufzt: „Ach Gott ... Yvonne!“ winkte er mit einer trostlosen Handbewegung der Luftspiegelung zu, sie möge nun wieder zerfliessen und ihn einsam auf seinem Schmerzenslager lassen.
„Geh doch weg, Yvonne!“ sagte er weinerlich wie ein verwöhntes, eigensinniges Kind. „Sonst denk’ ich, du bist’s wirklich!“ Sie schritt leise auf den Fussspitzen zu ihm hin und flüsterte mit angehaltenem Atem: „Ich bin’s auch, Gaston!“
„Ach wo!“ Der kleine Soldat im Bett schüttelte hartnäckig den Kopf und sprach mehr zu sich selbst als zu ihr: „Das bild’ ich mir nur ein ... weil ich zu schwach bin ... da seh’ ich dich ... und die Mama ... dich hab’ ich noch nie so gesehen ... aus der Nähe ... sonst immer nur fern ... in einem weissen Kleid am Fluss ... ich hab’ euch gar nicht schreiben wollen ... hast du denn meinen Brief gekriegt?“
„Gewiss, Gaston, deswegen bin ich ja hier!“ Sie kniete neben seinem Bett auf den Backsteinboden und legte ihren Arm um seine hagere Schulter und lachte ihm herzhaft mit zuckenden Lippen ins Gesicht. „Erkennst du mich denn wirklich nicht, du Dummchen?“
Und nun leuchtete das Verständnis in seinem ängstlich abwehrenden, bedrückten Antlitz auf. Das wurde strahlend klar vor überwältigendem Glück ... „O Gott ... Yvonne!“ schluchzte er hellauf, sich krampfhaft an sie klammernd wie ein Kind an die Mutter. Dann liefen ihm die Tränen über die eingesunkenen Backen. Er stiess in ersticktem Jubel hervor: „Yvonne ... Yvonne ... ach Gott ... Yvonne ... du gute Yvonne ... du Liebste, Bravste ... bist zu mir gekommen ... von so weit her ... bloss weil ich geschrieben hab’, wie krank ich bin ... du bist doch immer derselbe tapfere kleine Kerl ... du bist ein ganz anderer Kerl als ich. Er umhalste sie kraftlos und barg sich weinend und aufatmend an ihrer Brust: „Aber jetzt sterb’ ich auch nicht! Nein! Nein! wenn du nicht gekommen wärst, wär’ ich gestorben! Aber jetzt bleib’ ich am Leben!“
„Ja — das tust du, Gaston!“ sagte sie bekräftigend und mitleidig und streichelte ihm sein ganz kurz geschorenes Stoppelhaar. Ihre Stimme schwankte und klang umflort. Die Rührung des Wiedersehens überwältigte auch sie — nur dass sie mannhafter sein wollte als ihr Bruder und es nicht verraten. Mit all der Willenskraft, die in ihr wohnte, nahm sie sich zusammen, und es gelang ihr auch. Da sah sie, immer noch vor dem Bett kniend, an dessen Rand einen dunklen Punkt ... ein totes Insekt ... und der junge Soldat, der ihren schreckensstarren Blick bemerkte, nickte kummervoll mit dem leidenden Köpfchen: „Ach Gott, ja, Yvonne, Wanzen gibt es hier viel!“
Das war mehr, als Yvonne Roland ertragen konnte! Gegen das grosse Unglück hatte sie sich gewappnet gehabt. Aber dass ihr Bruder in einem Bett mit Wanzen liegen würde, das war zu furchtbar.
Der bleiche kleine Kerl sah angstvoll in das gebräunte, jugendlich schöne Mädchengesicht über ihm, das in diesem Augenblick für ihn etwas von einer Madonna hatte, so liebevoll und mild schaute es, immer noch von dem weissen Schleier im Nacken umrahmt, auf ihn nieder. „Schickt dich die Mama?“ fragte er leise.
„Nein, Gaston! Ich bin heimlich fort und hab’ einen Brief aus Marseille nach Hause geschrieben!“ Yvonne Roland kämpfte mit sich und sagte dann hastig, während ein ganz feines aufsteigendes Rot ihr für eine Sekunde die Wangen färbte: „... ich bin nämlich verlobt ... Gaston ... seit einem Vierteljahr ... und mein Bräutigam ... wir verstehen uns darin nicht ... er ist furchtbar schroff und streng in solchen Dingen — er würde es nie und nimmer dulden, dass ich solch eine abenteuerliche Reise unternähme. Ich bin bei Nacht und Nebel ausgerückt. Und von Tunis mit zwei Engländerinnen weiter, zu Schiff und mit der Bahn und auf dem Wagen, und jetzt allein die Nacht durch, na — und da bin ich ...“
Sie lachte ihn an und schlug mit der flachen Hand auf das Bett. Er musste auch lachen. Dabei hatten die beiden Geschwister noch nasse Wimpern. Da ging die Türe auf. Der lange Sergeant, derselbe, der ihr vorhin den Eintritt verwehrt hatte, kam geschäftig herein, den Krankenrapportzettel und das Fieberthermometer in der Hand und rief: „Roland ... gleich kommt der Arzt!“
Jetzt erst bemerkte er Yvonne und blieb stehen. „Um Gottes willen, Madame, Sie hier? Wie sind Sie denn hier hereingekommen?“
„Ich bin über die Mauer geflogen, Monsieur!“ sagte sie sanftmütig.
„Aber das ist verboten.“
„Ja — das weiss ich!“
„Ich meine, es ist verboten, sich hier bei den Kranken aufzuhalten! Sie müssen sofort weg! Wenn der Arzt Sie sieht ...“
„Ach, er wird schon schrecklichere Dinge im Leben gesehen haben!“
Der Sergeant musste lachen. „Das glaube ich selbst, Madame! Aber mich trifft die Schuld.“
„Ich werde Sie entschuldigen.“
„Gut, Madame! Ich muss Rapport erstatten!“ erklärte der lange Unteroffizier und ging. Dabei zuckte ein verstohlenes Lächeln unter seinem aufgestutzten Schnurrbärtchen.
Ihr Bruder berührte sie am Arm. „Rasch Yvonne ... ehe die alle da ’reinkommen ... am Ende schickt dich der Doktor doch weg ... vielleicht sehen wir uns erst morgen wieder ... erzähle mir doch noch schnell von deinem Bräutigam ... du bist verlobt, sagst du ... wie ist denn das gekommen?“
„Gott“, sagte Yvonne, den Kopf ein wenig abwendend, und ihr schmales, verfinstertes Gesicht zeigte nicht gerade das stille Glück einer Braut. „Er ist ein sehr stattlicher Mensch — überall in der Welt herumgekommen, hat sehr viel gesehen und erlebt — dadurch hat er mir imponiert — er ist auch gut fünfzehn Jahre älter als ich — schon nicht mehr sehr weit von den Vierzig — und ich, in meiner Ahnungslosigkeit, ich sag’ noch: ‚Sie haben’s gut, Hugo Wallot ... Sie sind überall auf der Erde zu Hause. Und unsereins — das steckt in solch einem Winkel und kann nicht heraus!‘ Da sah er mich so merkwürdig an — aber er hat nichts darauf erwidert! Aber ein paar Tage später — da machte er seinen Besuch. Mich hat er dabei eigentlich kaum angesehen ... aber trotzdem, wie er weg war — das Geschrei und Gelaufe von all den Tanten und Basen kannst du dir denken ... ‚Der kommt wieder!‘ trompeteten sie der armen Mama rechts und links ins Ohr! ‚Pass nur auf! Der hält um Yvonne an!‘ Und richtig — nach kaum vierzehn Tagen hat er’s getan!“
„Und da hast du eben ‚Ja‘ gesagt, Yvonne?“
„Zuerst wollt’ ich nicht!“
„Und schliesslich hast du ihn doch genommen?“
Yvonne Roland war aufgesprungen und schritt in dem Zimmer hin und her. „Ach, da haben sie mir in den Ohren gelegen, Gaston — die Persönlichkeit — das viele Geld — die Stellung — die Aussicht auf eine grosse Karriere ... rein verrückt und krank haben sie mich damit gemacht, und da hab’ ich denn eines schönen Tages erst ein Stündchen geweint und dann ‚Ja‘ gesagt ...“
„Aber hör mal, Yvonne“, meinte der kleine Soldat im Bett nachdenklich. „Sosehr scheinst du ihn aber wirklich nicht zu lieben!“
Yvonne Roland zuckte die Schultern. „Ich weiss nicht, Gaston! Später kam dann eine Zeit — da hatt’ ich ihn wirklich gern — da gewöhnte ich mich an ihn und fügte mich ihm — er ist ja auch soviel älter und klüger als ich — da kam dein Brief an mich. Dass er mir da verbieten wollte — das hat ihn mir wieder ganz fremd gemacht. Ich hab’ förmlich Furcht vor seiner Strenge gehabt und behalten.“
Sie schaute vor sich hin. Ihr hübsches Gesicht war sehr ernst, fast traurig. Vom Hof her klangen Fusstritte und Männerstimmen durcheinander.
„Das ist der Doktor!“ sagte Gaston Roland aufgeregt und ein wenig ängstlich. „Das wird schön! Am Ende versteckst du dich doch noch, Yvonne!“
„Wo denn, um Gottes willen?“
„Das Zimmer gegenüber, auf der anderen Seite vom Flur, das ist leer. Es ist für Frauen reserviert — wenn eine von den paar Europäerinnen in der Oase plötzlich krank werden sollte ...“
„Ach — jetzt weiss ich schon, was ich tu’!“ sagte Yvonne Roland. Sie regte sich nicht von der Stelle, bis der Arzt eintrat, gefolgt von einem ganzen Schwarm weisse Schürzen tragender, eifriger, seine Anweisungen mit Bleistift notierender Lazarettgehilfen und Krankenwärter, unter ihnen der lange Sergeant, der seinen Vorgesetzten mit ein paar Flüsterworten auf den Eindringling aufmerksam machte.
Er hatte dabei ein dienstlich ernstes Gesicht, aber es zwinkerte ihm doch merkwürdig in den Augen, und der Doktor, ein kleiner, dicker, strammer Herr mit schwarzem Knebelbärtchen und breiten Schultern, gab sich gar nicht erst Mühe, die Würde seines Berufes zu wahren. Für ihn gewann alles, was irgendwie mit einer hübschen Frau zu tun hatte, sofort einen heiteren Anstrich. Es wäre philiströs gewesen, sich da auf den Strengen hinauszuspielen.
Er wischte sich seine kleine Hand an der Schürze ab und reichte sie dann Yvonne. „Ich gratuliere Ihnen, Madame! Diese Zitadelle, in der wir uns befinden, ist, wie Ihnen vielleicht bekannt, von dem byzantinischen Feldherrn Belisar erbaut. Sie hat seitdem unzähligen Feinden Widerstand geleistet. Sarazenen, Araber, Türken haben sie nicht zu bezwingen vermocht. Sie sind der erste Angreifer, der, noch dazu am hellen Morgen, über die Mauer gestiegen ist!“
„Ja — der Sergeant kann nichts dafür!“ sagte Yvonne Roland schnell. Sie wollte dem gutmütigen, langen Burschen keine Ungelegenheiten bereiten.
„Und darf man fragen, was Sie hier suchen, Madame?“ fuhr der Doktor, komisch finster die buschigen Augenbrauen runzelnd, fort.
„Ärztliche Hilfe — weiter nichts!“
„Wa — was?“
Yvonne Roland legte die Hand in das Genick und sagte dann: „Ich hab’ mir einen furchtbaren Sonnenstich zugezogen. Das brennt so heftig! Und da doch das Zimmer für die Frauen nebenan leer ist, da könnte ich doch gleich dableiben und, wenn es mir wieder besser geht, meinen Bruder pflegen helfen.“
Der rundliche kleine, stämmige Arzt schaute im Kreis seiner Getreuen umher und sagte, vergnügt sich die Hände reibend, als hätte er einen sehr guten Witz gehört: „Sie kennt nicht einmal die Symptome des Sonnenstichs! Sie steht da und flunkert und flunkert — und ... notieren Sie, Sergeant: ‚Die Kranke erhält wegen nervöser Schwindelanfälle bis auf weiteres Aufnahme und die Erlaubnis, ihren Bruder zu besuchen!‘ Es ist doch auch wirklich Ihr Bruder, Madame?“
„Nun, natürlich!“ sagte Yvonne erbittert und wurde ein wenig rot.
„Und da er sich Roland nennt, heissen Sie wohl ebenso?“
Sie nickte. In kurzem war die Tabelle ausgefüllt, wonach Yvonne Roland, zweiundzwanzig Jahre alt, katholisch, ohne Beruf, aus Strassburg gebürtig, sich als Insassin des Militärlazaretts der Oase El-Ariana betrachten durfte.
Nun streckte sie dankbar dem Doktor die Hand hin, und der schüttelte sie und lachte dazu aus voller Kehle dröhnend und schrie zu dem Bett hin: „Roland ... jetzt werden Sie gesund!“
„Jawohl!“ kam es von dort gehorsam zurück, und der Doktor nickte und sagte im Weggehen zu seiner neuen Patientin: „Eigentlich fehlt ihm nichts mehr! Den Typhus hat er glücklich hinter sich. Es ist nur die Schwäche. Wir kriegen ihn nicht hoch. Die Lebenskraft fehlt. Da müssen Sie jetzt helfen und ein bisschen davon hergeben. Mir scheint, Sie haben genug!“
Er lachte noch einmal, trocknete sich den Schweiss von der Stirne, denn es fing schon wieder an, glühend heiss zu werden, und der Himmel draussen zeigte ein tiefes Blau, und rief: „Auf Wiedersehen!“ Er setzte, halb im Trab, seinen Rundgang fort. Die anderen folgten ihm, vergnüglich grinsend und auf Yvonne zurückblickend. Nur ein blasses, zahnlückiges Weib blieb übrig und trat näher. Das war die Wärterin des Frauengemachs. Sie lud Yvonne Roland ein, ihr zu folgen und sich nebenan ein Bett auszusuchen und häuslich einzurichten. Der Kranke brauche jetzt ohnedies etwas Ruhe!
„Ja, ich komme schon!“ sagte Yvonne, blieb aber noch stehen und sagte rasch und gepresst, als habe sie lange mit dem Entschluss, die Frage herauszubringen, gekämpft: „Sag nur noch, Gaston ... kennst du einen Mann ... so eine Art Jäger oder so etwas ... sie nennen ihn Sidi Frank ...“
„Ja, gewiss!“ sagte der kleine Soldat zu seiner Schwester, die auf einmal ihr Gesicht von ihm weggewandt hatte und eifrig zum Fenster hinausblickte, als wäre da etwas sehr Merkwürdiges an den Palmzweigen zu entdecken. Das Stückchen Wange, das unter dem feinen Braunhaar noch sichtbar blieb, war lebhaft gerötet — wie ihm schien, von der darauf flimmernden Sonne. „Gewiss! Er war früher auch Soldat, und wie unser Regiment hierherkam, hab’ ich ihn kennengelernt. Draussen, noch jenseits des grossen Salzmeers — hast du das schon gesehen?“
„Den unheimlichen weissen Schein überall am Horizont ... meinst du das?“
„Ja — also da drüben, ganz im Süden, hat sich ein alter vornehmer Colonel angesiedelt — eigentlich auch kein rechter Franzose, sondern Elsässer wie wir. Der haust da mit seinen Viehherden und seinen Arabern in der Wüste, mitten in einer riesenhaften, verlassenen Römerstadt, deren Namen man nicht einmal mehr kennt. Und Frank lebt bei ihm, halb als Gefährte, halb als Verwalter und Aufseher. Oft liegt er auch wochenlang irgendwo in den Bergen auf der Jagd — wenn er dann hier durchkommt, dann besucht er mich jedesmal ...“
„Aber du weisst nicht, wer es eigentlich ist?“
„Nein. Er spricht nie von sich. Die älteren Soldaten sagten, es sei ein Wunder, dass er noch am Leben sei. Aber ihm ist nie etwas geschehen, und bloss deswegen habe er, wie seine Jahre um waren, den Dienst verlassen und sei zu dem Colonel in die Wüste gezogen.“
„Und dabei muss es doch ein gebildeter Mann sein, nicht wahr?“
„Ja, gewiss! Das merkt man doch!“
Er verstummte, und auch Yvonne fragte nicht weiter.
„So ... solch ein Mensch ist das!“ sagte sie endlich langsam, nickte dem Bruder noch einmal zu und folgte der zahnlückigen Aufwärterin in das Zimmer nebenan.
Drittes Kapitel
Gegen Abend hatte sich Yvonne Roland im Militärlazarett von El-Ariana häuslich eingerichtet und den Hauptteil der Zeit hindurch sich ihrem Bruder gewidmet. Nun sollte der Ruhe haben. Sie hatte ihm für heute gute Nacht gesagt, obwohl es noch heller Tag war und nur das allmähliche Nachlassen der Gluthitze auf das Sinken des Sonnenballes hinter dem schwarzen Palmengefieder der Oase deutete, und schritt dem Ausgang des Spitals zu. Jetzt mussten die beiden Missionarinnen, wenn sie heute früh die Karawanserei in der Steppe verlassen hatten, in El-Ariana eingetroffen sein. Sie wollte einmal sehen, ob sie schon da waren. Sie blieb auf dem Platze vor der Zitadelle, den sie unterdessen erreicht hatte, stehen und schaute um sich. Der weite Raum, den die grauen, zinnengekrönten und von Palmen überragten Römermauern schon zur Hälfte beschatteten und dessen andere Seite Reihen niedriger, fensterloser, blendendweiss getünchter arabischer Häuser abschlossen, war jetzt in der beginnenden Kühle des Feierabends lange nicht mehr so still und menschenleer wie heute früh beim Morgengrauen. Dutzende von braunen Gestalten, die weissen Mäntel malerisch um die Schultern geschlungen, bewegten sich auf ihm, hockten als weiss flimmernde Kreise auf den Fersen im gelben Staub beisammen und schimmerten als ebensolche schneeige, nur durch vereinzelte Farbenflecke der Turbane und Gürtel unterbrochene Massen dichtgedrängt mit gekreuzten Beinen aus dem schwärzlichen Inneren einer nach vorn offenen Kaffeebude. Dazwischen watschelten da und dort als abenteuerliche schwarze Glocken die verhüllten Maurinnen, die ehrbaren Bürgerfrauen der Stadt. Auch rannte unverschleiert, nur mit flatternden, purpurroten Hemden bekleidet, und mit lachenden blau tätowierten Gesichtern ein Trupp Beduinenmädchen, lustige Bauerndirnen aus der Wüste, dahin, dass der Staub hinter ihren mageren flinken Beinen aufwirbelte und die Hunde kläffend sprangen und die blumengeschmückten, lautlos da und dort spielenden und huschenden Kinder aus ihren grossen dunkeln Augen erstaunt hinterher sahen.
Mitten durch diese Gruppen karrte ein kleiner, hinten mit Gepäck beladener Planwagen. Es flimmerte in ihm von zwei blonden Köpfen. Yvonne lief zu dem Fahrzeug und streckte ihre Hände hinein, damit jede der beiden Missionarinnen die ihre bekäme. Sie hörte zwischen all dem Geschüttel und Begrüssen, dass die zwei Missionarinnen nur diese Nacht in El-Ariana, im Hause eines Vetters ihres arabischen Kärrners, rasten und dann gleich weiter nach Süden, nach den heiligen Oasenplätzen Tosêr und Nephta, den letzten Saharastädten am Rand des unwirtlichen und unbewohnten Gebietes der Sanddünen, ziehen wollten.
„Also Sie haben Ihren Bruder gefunden?“ sagte die eine. „Da hätten Sie die Nacht auch noch bei uns in der Karawanserei bleiben können. Dann hätte die Botschaft heute früh Sie dort erreicht!“
„Was für eine Botschaft?“ fragte Yvonne. Ihr wurde unbehaglich zumut.
Die Britinnen wussten nichts Genaues. Sie hatten noch geschlafen und es nur von dem arabischen Hausmeister gehört. Kurz vor Sonnenuntergang sei von Westen her ein Mensch, anscheinend ein Levantiner oder Türke, der sich Ali Stambuli nannte und offenbar die ganze Nacht hindurch geritten war, an der Karawanserei eingetroffen. Er habe einen Brief bei sich gehabt, diesen aber, als er gehört, dass Mademoiselle Roland schon über alle Berge war, nicht abgegeben, sondern sein Pferd gewendet und sei wieder den Weg zurückgetrabt. Er habe den Eindruck erweckt, als sei er der Diener oder Reisebegleiter eines Europäers, der noch weiter zurück sei.
„Grosser Gott!“ sagte Yvonne beklommen. „Was sind da für Leute auf meinen Fersen?“ Ihr war bang zumut, und sie nahm unruhig von den Missionarinnen Abschied, diesmal wahrscheinlich auf Nimmerwiedersehen. Sie schüttelten sich herzlich die Hände und wünschten sich gegenseitig alles Gute in dieser fremden Welt des Landes El-Dscherid. Ehe sich der Wagen wieder in Bewegung setzte, fragte Yvonne schnell, fast ohne zu wissen, was sie tat: „Erinneren Sie sich an den Jäger auf dem Schimmel gestern abend? Haben Sie den vielleicht hier gesehen?“
Jawohl, die beiden Misses hatten den Gentleman bemerkt, im Vorbeifahren an der Kneipe „Zum Seefahrer Sindbad“. Dort habe er vor der Türe gesessen und sich mit dem Mufti, dem einheimischen Koran- und Gesetzeskundigen der Oase, unterhalten.
Damit fuhren sie davon. Yvonne Roland winkte ihnen noch ein paarmal mit ihrem Tuch nach, bis der Reisekarren hinter einem Haufen von eingestürzten Lehmwänden, Römersäulen und üppig darüber wucherndem Schlingwerk und Unkraut verschwand. Dann drehte sie sich um und schritt eilig der Herberge zu. Sie hatte die Richtung vom Morgen her noch wohl im Kopf. Aber ehe sie den „Sindbad“ erreichte, kam ihr der, den sie suchte, entgegen. Sie musste herzlich lachen, als sie ihn sah. Es war so komisch: zu seiner verwetterten und verblichenen Jägerkleidung, den abgeschabten Gamaschen, der vergilbten Schirmmütze — zu diesem ganzen Rüstzeug eines Wüstenreiters, das so ganz zu seinem düsteren, dunkelbraun gebrannten, schönen Antlitz passte, trug er einen weissen Damensonnenschirm in der Hand — ihren Schirm — und schwenkte ihn ihr entgegen. „Eben wollte ich ihn Ihnen in die Zitadelle bringen!“ sagte er. „Die Bande hat ihn heute früh aus dem Karren gerissen. Zufällig sah ich ihn in der Ecke stehen! Nun, Ihren Bruder haben Sie also getroffen und wohnen jetzt neben ihm?“
„Woher wissen Sie das denn schon?“
„Für wie gross halten Sie denn El-Ariana, Mademoiselle Roland“, fragte er, mit ihr den Weg zurückgehend, „dass sich solche Neuigkeiten nicht wie ein Lauffeuer verbreiten sollten? Merken Sie sich nur ein für allemal, dass alle Europäer hier von den Eingeborenen auf Schritt und Tritt belauert werden und sich untereinander ebenso angelegentlich beobachten. Zum Beispiel von dem Fremden, der hinter Ihnen her in die Oase gereist ist, hab’ ich sofort gehört.“
„Von Ali Stambuli oder wie dieser türkische Mensch heisst?“
Er schaute erstaunt auf. „Es ist kein Türke. Der Mann soll aus Strassburg kommen und allerdings solch ein levantinisches Individuum als Dolmetscher mit sich führen. Vor einer Stunde ist er in dem Hof vom ‚Seefahrer Sindbad‘ abgestiegen — das Pferd ganz nass und in den Flanken voll Blut von den Sporen ... der Mufti hat es mir eben mitgeteilt und hinzugefügt, es sei recht traurig, dass wir Ungläubigen doch immer solche Eile hätten! Wir kämen doch alle zusammen — Moslim — Christen — noch zeitig genug zu Tode ...“
„Und wie hat denn dieser Mensch aus Strassburg ausgeschaut?“
„Das hat mir der Mufti nicht mehr verraten können. Er wurde plötzlich abgerufen, zum Kadi, dem Oasenrichter. Wahrscheinlich kann sich das Eingeborenengericht wieder über irgendeine knifflige Koranstelle nicht einigen. Da muss er helfen!“
Sie ging, ohne es zu wissen, immer rascher, als wollte sie so schnell wie möglich der in ihrem Rücken liegenden Schenke und allem, was darin war, entfliehen. Dabei schaute sie zu Boden, in Sorgen und zweifelnde Gedanken verloren. Ein paarmal schüttelte sie, wie um die zu verscheuchen, energisch den hübschen bräunlichen Kopf, dessen Wangen jetzt auffallend blass geworden waren. Aber sie sprach nichts, und auch er drängte sich nicht in ihr Schweigen. Nur einmal fragte er gedämpft: „Wollen Sie vielleicht lieber allein weitergehen?“ Aber sie wehrte erschrocken ab, und so schritten sie zusammen zur Zitadelle und hinter ihr in den Palmenwald.
Da war ein kleiner See. Das tiefe Blau des Abendhimmels spiegelte sich in ihm zurück, das gelbe Lehmgeklüft seiner Ränder verdoppelte sich im Widerschein seiner Flut, die hohen Kronen der Dattelbäume lugten neugierig über die matt schimmernde Fläche, und in ihr lebte und spritzte und lachte und prustete es von badenden Araberjungen. Ihre geschmeidigen braunen Körper hoben sich bronzefarben, von unzähligen feinen Luftbläschen umperlt, in hurtigen Schwimmstössen aus dem Wasser ab. Sie umkreisten ein gewaltsam in die Schwemme gebrachtes Kamel, das jetzt in feierlicher Ergebenheit in dem Schlamm des Bodens kniete und nur den blöden Kopf und den langen Hals, dräuend wie der Anfang einer Urweltschlange, aus den Fluten erhob. Daneben ritten ein paar Burschen ihre Pferde in das kühlende Nass, andere sassen da und spülten sich den Staub ab und tranken dasselbe Wasser aus der hohlen Hand und zogen, reihenweise am Ufer kauernd, die Wäschestücke hin und her. Und wo nur von dem Teich die Wasseradern ausstrahlten und sich in Mengen von grossen und kleinen Bächen im geheimnisvollen Dämmern des Palmenhains verloren, blinkten neue weisse und bunte Gewänder im Schatten und wuschen sich Greis, Mann und Kind und stillten ihren Durst, ehe der Abendgesang der Muezzin drüben von den weissen Türmen zur Moschee und zum Gebet rief. Und über ihnen kräuselte ein leiser Abendhauch die fahlgrünen, von der Glut des Sonnenuntergangs vergoldeten Wipfel, über denen ferne in gespenstischer Öde die kahlen Steinhügel der Wüste grellgelb flammten.
Das waren jetzt nicht mehr, wie bisher, nur die stämmigen, bastreichen und gerippten Palmen, zwischen deren zerschlissenen Blätterhäuptern hoch oben die braunen Dattelbündel in fusslangen Trauben herabhingen — nicht mehr nur das einförmige feine Silbergrau des Ölwalds. Dazwischen sprosste und grünte und blühte es überall, wo das Wasser den toten Stein und Sand belebt hatte, in verschwenderischer, lachender, inmitten der grimmen, ringsum hereingrinsenden Öde doppelt märchenhafter Üppigkeit. Für jeden Tropfen, den die Erde aufgenommen, gab sie einen Halm und unterbrach das satte Schattengrün der Matten mir unzähligen rotflammenden Mohnblumen. Sie umhüllte das Lehmgemäuer mit nicht endenden, blütenübersäten Hecken wilder Rosen, aus denen phantastisches Schlingwerk im Klettergerank und wehenden grünen Schleiern hinauf zu den Bäumen stieg, zu dem rosa Lorbeer, dem gefürchteten Wasservergifter und Fieberbringer, den nur noch hier und dort die Axt der Eingeborenen verschont hatte, zu dem tiefdunklen, über und über von der Pracht scharlachroter Sterne überflammten Granatlaub, zu den haushoch ragenden riesigen Aprikosenbäumen, dem Nuss- und Pfirsichgeäst. Dazwischen breiteten, förmlich kleine Wäldchen für sich, die hundertjährigen Feigenbäume ihre dichtbelaubten, schattenreichen, früchteschweren Äste wie segenspendende Arme über das Zittergelb kleiner, von Agavenhecken umzäunter, von blauen Blumen durchleuchteter Haferfelder am Boden, und über alles andere hin schimmerten in tiefem Dunkel die Orangenhaine, vom untersten Ast bis zum Wipfel mit Hunderten und Taufenden von goldenen Monden ihrer Apfelsinen wie von Lichtern am Weihnachtsbaum besteckt. Im frostigen Hellgelb seiner Blätter und Früchte stand der hochragende Zitronenbaum daneben, beinahe weiss — geisterhaft unter dem blauen Himmel wie ein Gespenst am lichten Tag, um die schwarzen Türme der Zypressen schlang sich wilder Wein und spielte in tändelnden Ranken mit den blutfarbenen Korallen unter ihm, den Fruchtknospen an dem unwirschen, graugrünen Gestachel der mannshohen Kaktushecken, und fächelte über das schwärzliche Schilf der Sumpfstellen, und da, wo die Mittagsglut am heissesten brannte und doch das Laubdach wieder Schatten spendete, da entfalteten sich die mächtigen Büschel der Bananenstauden, und oben aus ihrem langen, schmalen Blattgefieder schauten tellergrosse, himmelblaue Blumensonnen geheimnisvoll wie in einer Märchenwelt auf den Wanderer herab.
Es war eine eigene Luft in dieser schwülen, bunten Wüsteninsel, voll von einer süssen Fäulnis, vom Duft der Blumen und der Ausdünstung des stehenden Wassers. In allen Büschen und Hecken zitterte es von jubilierendem Vogelgezwitscher durch das sanfte Plätschern der rinnenden Bäche, das stärkere Brausen der über Palmstammwehren in kleinen, schäumenden Wellen sich stürzenden Fluten. Überall, von nah und fern, klang halblauter, trällernd langgezogener, seltsam sehnsüchtiger Gesang aus den Kronen der Dattelbäume. Dort schimmerten rote Kopftücher und weisse Hemden. Araber hantierten da noch in luftiger Höhe, Männer und Knaben. Andere, Vornehme, lustwandelten in ihren umzäunten Grundstücken im Innern der Oase unter den Palmen oder lagen plaudernd beisammen im Grase. Weithin schimmerten das Grün und Zimtbraun, das Goldgelb und Taubengrau ihrer kostbaren, seidengestickten Gewänder. Viele hatten ihr Söhnchen, ihr liebstes Spielzeug, auf dem Arm und liebkosten es in träumerischem, leidenschaftslosem Gespräch. Ein jeder war mit frischen Blumen geschmückt bis herab zum Geringsten, der da sein mit Grünfutter beladenes Eselchen vor sich her in die heimische Hütte trieb, bis zu den kleinen braunen Hütekindern, die, flink durch den Staub springend, ihre Rinder, das einzige Vieh, das in der Oase selbst weiden durfte, nach dem Ausgang der Palmenwälder lenkten. Dort draussen, jenseits der finsteren grauen Hochburg, über den schneeigen, vom Abendgold verklärten Dächern, mahnten jetzt die Tempelrufer. Allah ist Allah! Der Abend ist da. Die Sonne sinkt. Die Sorge ruht. Bald glitzern die Sterne. Es naht das Dunkel. Es kommt das Vergessen — die Erlösung von Leid und Not. Überall ist das grosse Schweigen: der Frieden ist da — der heilige Hirtenfrieden der Wüste von Anbeginn und Ewigkeit bis auf unsere Tage ...
Tiefer und tiefer waren Sidi Frank und seine Begleiterin in das Innere der Oase gegangen. Sie sprach fast nichts. Sie wollte nur schauen. Er störte sie nicht. Er blickte nur zuweilen von der Seite mit einem halben Lächeln, das sein düsteres, in Wildnis und Einsamkeit abwehrend streng gewordenes Gesicht seltsam erhellte, auf sie hinüber, während sie da neben ihm ging.
„Ach — das ist ja gar nicht wahr!“ sagte sie endlich, als eben ein kleines Negerbüblein auf einem Esel vorbeigetrabt war und beide durch seinen fröhlichen Gruss: „Bon jour, Sidi!“ aufgeweckt hatte, „— das ist wie ein Wunder so schön!“
Er nickte. In dieser Andacht vor der Natur waren sie beide eins. Und nun fingen sie auch an zu reden. Nicht voneinander. Das wagten sie nicht. Sie kannten ja nicht einmal ihre richtigen Namen. Sie wussten, dass sie Verstecken miteinander spielten und spielen mussten in dem fremden Land und dass das vielleicht ganz gut so war — aber von der Oase erzählte er ihr und sagte ihr: „Nun wissen Sie, warum sie ‚El-Ariana‘ heisst — ‚die Rose‘ — die Rose der Wüste!“
Und dann wies er ihr allerhand Dinge, die sie bisher noch nicht beachtet hatte: die bleichen Tierschädel an den Dattelstämmen, die schwarzen Schildkröten, die sich so flink beim Nahen eines Menschen kopfüber in das hier kaffeebraune Wasser zu kugeln wussten, da einen schönen jungen Araber sinnlos berauscht in einem Blumenbeet, die leere Kognakflasche noch krampfhaft mit der Hand umspannend — das Ergebnis europäischer Zivilisation —, und da scheu als Wilddiebe schleichend ein paar abgerissene Tagelöhner aus der Stadt, das Messer im roten Gurt, einen geblendeten kleinen Lockvogel im Käfig über der Schulter und alle Taschen ihrer schmutzigen Röcke und Hosen voll von gemordeten kleinen Sängern. Die Kerle wussten wohl, warum sie jetzt erst, bei Einbruch der Dunkelheit, sich zurückwagten. Es dämmerte immer stärker, und Sidi Frank drehte endlich auch um. „Wir müssen uns eilen!“ sagte er zu Yvonne. „Bei Nacht findet sich kein Mensch aus diesem Labyrinth mehr hinaus!“
Sie bejahte. Hastig stieg und stolperte sie hinter ihm her — denn der Weg war zu schmal, als dass man nebeneinander gehen konnte — und sah zwischen den Palmwedeln schon die ersten Sterne schimmern und die Zitronenbäume immer unheimlicher im Dunkel leuchten und wunderte sich auf einmal, wie sie dazu kam, hier mit einem unbekannten Mann als sein getreuer Wandergesell bei Nacht und Nebel durch Afrika zu ziehen.
Still, den Kopf nachdenklich gesenkt, folgte sie ihm aus dem Wald hinaus, in das Freie und in die da noch herrschende Helle des Zwielichts.
Die Luft war hier schwül, von Staub gesättigt. Und in diesem Staub kauerten überall Gruppen zimtbrauner Araber aus dem Volke in weissen Mänteln und Kapuzen, die Tintenflecke einiger Negergesichter dazwischen, und machten Feierabend in dem flüsternden, langsamen Gespräch der Wüste, das den an europäischen Lärm gewöhnten Ohren immer wie das Gemurmel einer Verschwörerschar klang. Ab und zu raffte sich einer auf, machte sein Salem — sein Abschiedszeichen mit der Hand von der Stirne zur Brust — und wandelte, in seinen gelben Pantoffeln schlurfend, heimwärts zu Weib und Kind.
Und unter diesen Hausvätern war auch ein vornehmer, überall durch Erheben der anderen aus ihrer Hockstellung, durch einen Zuruf, von Vertrauteren durch einen Kuss auf die rechte Schulter begrüsster Mann, ein jovialer, magerer Weissbart mit einer Brille, die ihm das Aussehen eines gelehrten Mönches gab. In der herabhängenden Linken trug er einen zappelnden Hahn an den Beinen. Den hatte er auf dem Markte gekauft und brachte ihn als Braten den Seinen mit.
„Da ist ja der Mufti!“ sagte Sidi Frank lebhaft. „Nun kann er uns ja Auskunft geben!“
Damit trat er auf den islamitischen Gottesmann zu und begrüsste ihn. Tahar ben Belgassem, der Mufti, blieb wohlwollend lächelnd stehen. Eigentlich hätte er lieber seinen Weg fortgesetzt. Sein Tagwerk war zu Ende. Er hatte dem Kadi Dschilani ben Habib, diesem ewig Unwissenden, diesem weltlichen Araberrichter der Regierung, einen schwierigen Streitfall auf geistliche Art, an der Richtschnur des Korans, erläutert — er hatte sich dann, Mohammeds Vorschrift gemäss, im feigenbaumüberschatteten, brunnensprudelnden, von Tauben durchgurrten Vorhof der Moschee Hände und Füsse gewaschen und dann innen, das Antlitz gen Osten, zu Allah gebetet. Nun wollte er seine Ruhe. Aber Frank war ein Mann, der bei den Eingeborenen besondere Achtung genoss. Und so gab denn auch Tahar ben Belgassem bereitwillig Auskunft auf die arabische Frage des anderen.
„Der Mufti erzählt mir, der Fremde stände vor dem Tor der Zitadelle und warte auf Ihre Rückkehr!“
Man brauchte nur um die Ecke der Römerfeste zu biegen, so war man dort und stand ihm gegenüber. Einen Augenblick nur zauderte Yvonne Roland. Dann sagte sie finster und entschlossen: „Also los!“ Sie nickte dem Mufti leicht dankend zu und schritt so energisch aus, dass ihr Gefährte kaum Zeit hatte, sich mit der umständlichen Höflichkeit des Orients von dem Moslem zu verabschieden.
Aber auf dem Platz vor der Kasbah verlangsamte sie ihre Schritte wieder. Mitten auf ihm harrte ihr Verlobter.
Sie fasste rasch die Hand ihres Begleiters, schüttelte sie im Gehen und bat leise: „Also gute Nacht für heute!“ Er merkte, dass er sie nun allein mit dem Fremden lassen müsse. Sie hatte haltgemacht. Er ging weiter, an dem anderen vorbei, der auf das junge Mädchen zuschritt. Eine Sekunde schauten sich, während sie sich trafen, die beiden Männer gegenseitig, ohne zu grüssen, ins Auge — scharf — prüfend —, und die ersten Funken dumpfer Feindseligkeit sprangen in diesem Blick von einem zum anderen über, wie das Aufblitzen von Plänklerschüssen vor schweren Kämpfen im Feld. Dann setzte der Jäger, ohne sich noch einmal umzudrehen, seinen Weg fort, und Monsieur Wallot näherte sich Yvonne.
„Aber Yvonne!“ sagte er, die ihm willenlos überlassene Hand ergreifend, statt der Vegrüssung in einem Tone schonenden Tadels. „Liebste Yvonne ... ich hatte doch eigentlich auf ein anderes Wiedersehen gehofft! Du machst ja wirklich ein Gesicht, als sähest du irgendein Schreckgespenst statt deines Bräutigams! Nicht einmal Vorwürfe will ich dir machen! Geschehen ist nun einmal geschehen! Jetzt handelt es sich nur darum, vernünftig zu sein — was du bisher nicht warst, liebe Yvonne — im Gegenteil — diese abenteuerliche, gegen meinen ausdrücklichen Wunsch unternommene Reise hierher ... nun, Schwamm drüber ... ich kann das nur mit deiner vollkommenen Weltunkenntnis entschuldigen ... ein Glück, dass dir wenigstens nichts passiert ist und ich dich heil und gesund treffe ... aber mager bist du geworden, Ärmste ... und braun ...“
Seine letzten Worte hatten weicher geklungen. Und nun fand auch sie endlich die Sprache wieder. „Du kannst überhaupt noch gar nicht hier sein!“ stiess sie erbittert und verwirrt heraus. „Es ist ganz unmöglich! Ich habe mir alles genau ausgerechnet! Die Schiffe von Marseille gehen doch nur ...“
„Und über Italien kann man nicht fahren und von Sizilien den Katzensprung nach Tunis herüber und von Susa aus, wo du mit einem Maultierkarren gefahren bist, mit einem Automobil im Hui durch die Steppe?“ fragte er lachend. „Du hast doch nicht Fieber?“ forschte er.
„Nein — ich bin ganz gesund!“
„Ja — aber warum zitterst du dann so?“
Sie schwieg. Die Antwort war für ihn deutlich genug. Sie hiess: Vor dir! Er nahm sich zusammen, um freundlich besorgt zu erscheinen, und sagte lebhaft und bestimmt: „Es liegt doch wirklich gar kein Grund vor, Yvonne ... es ist ja für mich so peinlich — betrübend, ja: direkt betrübend — schon in Strassburg hab’ ich in letzrer Zeit bemerkt, dass du Angst vor mir gehabt hast ... ja — wenn ich noch ein Wüterich wäre — aber ich bin doch ein umgänglicher Mensch — und wenn jemand gegenüber, dann dir, die ich aufrichtig liebe. Das weisst du. Aber deswegen kann man doch nicht zu allen Torheiten durch die Finger sehen! Das spreche ich mit Entschiedenheit aus — auch im Namen deiner Familie, als deren Vertreter ich hier stehe ...“
Die Erwähnung der Familie erbitterte sie. „Die Tanten und Basen daheim gehen mich gar nichts an — nur die Mutter. Der hab’ ich heute früh schon telegraphiert, dass ich hier bin und dass sich Gaston leidlich befindet — und damit gut! And nun gute Nacht! Ich will jetzt in die Zitadelle zurück!“
„Das hat Zeit! Ich hab’ noch vieles mit dir zu sprechen, Yvonne!“
„Morgen ist auch noch ein Tag! ...“
„Nein, morgen wollen wir, wenn irgend möglich, schon die Rückreise antreten. Du und ich! Für deinen Bruder wird bestens gesorgt. Da brauchst du dir keine Angst zu machen.“
„Und ich soll von ihm weg?“
„Yvonne, das musst du doch einsehen, dass dein ganzer Aufenthalt hier — die Lage, in die du dich gesetzt hast, eine Unmöglichkeit ist. Ich will doch schliesslich keine Zigeunerin heiraten, sondern eine junge Dame aus gutem Haus!“
Sie schaute ihn an, und plötzlich lachte sie — halb aus Zorn und Empörung — halb weil er ihr wirklich so unfreiwillig komisch vorkam — hier in der Sahara mit seinen Sorgen und Bedenken, was wohl die Leute daheim zu diesem und jenem sagen würden, wo ihr einziger warmblütiger und jugendstarker Gedanke gewesen war: Da drüben liegt dein Bruder krank! Geh hin und pfleg ihn! ...
Und jählings machte sie ihren Arm frei, drehte sich auf dem Absatz um und rannte, so schnell sie konnte, durch die Torwölbung in das Innere der Zitadelle. Da hinein konnte er ihr nicht folgen. Der lange Sergeant bewachte die Schwelle.
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