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Rudolf Stratz
Der Fluch des Pharao
Saga
Der Fluch des PharaoCoverbild/Illustration: Shutterstock Copyright © 1935, 2019 Rudolf Stratz und SAGA Egmont All rights reserved ISBN: 9788711507384
1. Ebook-Auflage, 2019
Format: EPUB 2.0
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1
Vorbericht des Privatgelehrten Dr. Philipp Bechtold
Ich habe diesen letzten Winter wieder einmal, mit meinen Forschungen beschäftigt, in Ägypten verbracht. Ich tue es alle drei Jahre. Ich kann es tun. Ich bin Privatgelehrter. Ich bin Herr meiner Zeit und meiner Tätigkeit, an keinen Lehrstuhl in Deutschland und an keinen Lehrauftrag gebunden. Ich hätte mich seinerzeit, vor einem Vierteljahrhundert — jetzt zähle ich schon an die Fünfzig —, gern an einer Universität habilitiert. Aber ich fühlte selbst zu gut: ich besitze nicht die Gabe und die Geduld, vom Katheder zu dozieren. Ich bin für die Erforschung des Wissens, nicht für die Weitergabe des Wissens veranlagt und geniesse in ersterer Hinsicht Gott sei Dank einen guten Ruf in der internationalen Gelehrtenwelt.
So habe ich mit meiner getreuen Gehilfin und Begleiterin auf so mancher Reise in das Pharaonenland, meiner lieben Frau Wilburg, und mit meinem langjährigen Faktotum Emil Krause aus Berlin für diesmal mein Hauptquartier in Luxor aufgeschlagen und mich ungesäumt an die Arbeit gemacht.
Freilich: meine privaten Mittel sind bescheiden. Ich kann keine grossen Sprünge machen wie der Lord Carnavon. Ich kann nicht im Tal der Könige das Unterste zuoberst kehren, so gerne ich es auch täte. Ich kann nur einen winzigen Bruchteil des unermesslichen Totenfeldes beackern, das das Pharaonenland heisst, und habe mich für meinen nunmehrigen Aufenthalt auf die Aufhellung einiger dunkler Stellen aus dem siebzehnten Kapitel des altägyptischen Totenbuchs beschränkt und daneben an meinem grossen Lebenswerk: „Der Sinn des Seins“, weitergearbeitet.
So wäre also über meine eigene Tätigkeit am Nil für Nichtfachgelehrte nichts Bemerkenswertes zu berichten. Aber ich war Augenzeuge der die ganze Kulturwelt bewegenden Tragödie, die sich in diesem Winter im Totental von Theben abspielte. Ich war Vertrauensmann der Beteiligten. Ich fühle die Pflicht in mir, als der einzige, der in die ganzen Ereignisse eingeweiht war, Licht auf das unheimliche Dunkel zu werfen, das über der Sprengung des Grabs des Pharao Scheschonk und dessen wirklichem, wie die einen glauben, oder vermeintlichem, wie die andern wollen, Fluch wider die Störer seiner Ruhe lastet.
Ich selber habe in diesem Streit keine Partei ergriffen, um die Darstellung der Ereignisse durch die Beteiligten nicht zu beeinflussen. Ich habe mich damit begnügt, meine eigenen Beobachtungen und die von mir erbetenen schriftlichen und mündlichen Beurkundungen vieler anderer zu einem einheitlichen Bericht zu gestalten. Ich habe — ich betone das nochmals — meine eigenen Zweifel als Mann der Wissenschaft zurückgestellt.
Mögen also in den folgenden Blättern in bunter Folge die junge Deutsche, deren Schicksal für mich und meine Frau im Mittelpunkt des menschlichen Erlebens stand — möge der fahrende Krösus mit Frau und Tross — mögen britische Theosophinnen und schottische Gardeoffiziere, ägyptische Grosse, deutsche Fabrikanten und Schweizer Zimmermädchen, Hoteliers, Missionare und Fellachen, Altertumsfälscher, Dragomane, Schlangenbeschwörer, Geldwechsler — möge der dunkle Gast aus Indien selber uns offenbaren, was sie zu sagen haben oder was über sie zu sagen ist.
2
Bericht des Dr. Philipp Bechtold
Ich habe für meinen Winteraufenthalt ein kleines eigenes Haus in der Schari el Muntazah mit netter Aussicht auf den palmenbepflanzten Platz gemietet. Wir, meine Frau und ich, führen da eigene Wirtschaft mit unserem Berliner Faktotum Emil Krause, einem Hausknecht aus Nubierland und einer alten koptischen Köchin. In den grossen Hotels raubt mir das Fremdentreiben jede Stimmung. Es geht einem auf die Nerven: — dies Getümmel von Schiffsladungen und Schnellzugspackungen von Reisekarawanen aus Old England und U.S., die Cook und Sohn täglich mit einem neuen Schub nilaufwärts und -abwärts verfrachtet — das Gehupe der Mietautos und das Geschrei der Reitesel, die Aufdringlichkeit der Dragomane, der indischen Silberschmiede, der persischen Teppichverkäufer, der eingeborenen Strassenhändler und bettelnden Greise und Kinder, und am Abend noch Smoking, Flirt und Foxtrott.
Ich sass an diesem sonnigen Nachmittag am offenen Fenster an meinem Schreibtisch und grübelte über einer dunklen Stelle in dem altägyptischen Totenbuch. Kein Wunder, dass sie dunkel ist. Denn sie stammt aus dem vierten Jahrtausend vor Christi Geburt. Ich hörte hinter mir ein Geräusch, als sei die Tür aufgegangen. Ich drehte mich um: Ein mir unbekannter Gentleman war eingetreten. Ich hatte wohl bei dem langgezogenen Eselgejammer, dumpfen Kamelgebrüll und heiseren Hundegekläff draussen sein Klopfen überhört.
Die kleine stämmige Gestalt des Fremden stak in einer weissen Leinenjacke und Knickerbockers. Er hatte den Tropenhelm von dem zeitlosen Napoleonkopf genommen. Immerhin schien er der Schätzung nach schon in den Fünfzig.
„Morgen, Professor!“ sagte er leutselig in fliessendem Deutsch mit dem leicht näselnden amerikanischen Anklang. „Ich sah Sie an dem Fenster sitzen und trat ein.“
„Ja, das sehe ich.“
Mein Besucher nahm einen Stuhl und setzte sich. Er hatte das verbindliche Yankeelächeln um die dünnen, glattrasierten Lippen. Er nickte mir bedeutungsvoll zu.
„Ich bin Nothomb!“
Da er an meinem Gesicht merkte, dass mir das nicht viel sagte, wiederholte er:
„Nothomb. Wo leben Sie, Professor, dass Sie nichts von mir gehört haben? Ich bin einer der prominentesten Zeitungsmänner der Welt. Ich versorge mehr als hundert Blätter in den Vereinigten Staaten, in Europa, Asien und Australien mit meinen Berichten!“
„Und was verschafft mir . . . .“
„Ich bekam in Bagdad vorgestern einen Funkspruch aus New York, dass hier in Theben ein gutes Ding für die Weltpresse sei. Ich flog hierher. Ich erkundigte mich nach der Landung auf dem Flugplatz nach dem nächsten Professor, der mit den Pharaonen Bescheid weiss . . . .“
„Ich bin nicht Professor!“
„Well, Professor!“ Mein Gast liess sich nicht stören. „Ich bekam Ihre Adresse. Ich kam hier vorbei. Sah Sie. Da bin ich.“ Er legte sich einen Notizblock auf die Knie, bereit zum Stenographieren. „Es handelt sich, scheint es, um eine grosse wissenschaftliche Entdeckung, die die Aufmerksamkeit des Erdballs erregt?“
„Vorläufig nur um die Möglichkeit einer Entdeckung“, sagte ich. „Die Auffindung des Grabes des Pharao Scheschonk des Ersten.“
,,Scheschonk des Ersten“, verzeichnete gewissenhaft Mr. Nothomb. „Ich bin siebenmal um die Erde gefahren. Aber niemals hörte ich diesen Namen.“
„Es ist der Sesostris, den Sie jedenfalls aus der Bibel kennen“, erklärte ich, unwillkürlich vom Eifer des Fachmanns ergriffen. „Dass dieses Grab existiert, dass es existieren musste, das wussten wir längst. Denn im Berliner Alten Museum steht der kunstvoll geschnitzte Kasten, der in vier zusammenhängenden Erzkrügen die einbalsamierten Eingeweide dieses lybischen Pharao aus der Zeit um 1000 vor Christus barg. Aber wo die Königsmumie selber, mit all dem Prunk, der sicher ihren Sarg umgab, ihren Ruheplatz gefunden hat, das war völlig unbekannt.“
„Unbekannt . . .“ stellte Dr. Nothomb stirnrunzelnd mit seinem Stift fest.
„Es gab Kundige“, fuhr ich fort, „die die These aufstellten, die Lybier hätten den Totenschrein des Pharao weit hinaus gen Westen in die Wüste, nach dem berühmten Ammonstempel der Oase Siwa, verschleppt. Andere vermuteten die Reste des einstigen Bezwingers Jerusalems im Nildelta, in den Trümmern von Bubastis, seiner eigentlichen Residenz. Da durcheilt jetzt eben die wissenschaftlichen Kreise eine verblüffende Kunde: In dem Institut d’Égypte in Kairo hatte man einen anscheinend unwichtigen Papyrus aufgewickelt, der auf der Brust der Mumie des königlichen Wedelträgers Kenamun in Theben gefunden worden war. Eine Stelle des kaum mehr leserlichen Streifens zeigte den eiförmigen Königsring — die Umrahmung der Herrschernamen der Pharaonen — und in der Kartusche die Hieroglyphenzeichen des Pharao Scheschonk. Aus dem begleitenden Text geht klar hervor, dass auch dieser Herrscher Ägyptens im Tal der Könige beigesetzt worden ist!“
„Ah — sehr interessant“, murmelte der Napoleon in Knickerbockers.
„Es gibt also auch heute noch dort ein unentdecktes Königsgrab“, schloss ich, „reicher vielleicht, prunkvoller noch als das des Tutanchamen, dessen Aufdeckung vor zehn Jahren ein Ereignis von Weltbedeutung war. Denn dieser Scheschonk war nicht ein jugendlicher, von den Priestern gegängelter Schwächling wie der jung verstorbene Tutanchamen. Dieser Scherchonk hatte ein Menschenalter hindurch mit starker Faust regiert. Er hatte den Tempel Salomos in Juda zerstört und seine Siegestaten durch mächtige, heute noch sichtbare Wandbilder in den Säulenhallen von Karnak verewigt, auf denen er als brauner Riese mit einer gewaltigen Keule ganze Bündel gefangener Hebräer an den Schöpfen packt und erschlägt, und die Namen von genau hundert eroberten Städten aufgezählt. Sein Grab wäre eine wissenschaftliche Fundgrube von unermesslicher, über die ganze Erde hallender Bedeutung. Mehr kann ich Ihnen nicht sagen!“
„Danke!“ Der Napoleon der Presse vertauschte seinen Notizblock mit einem Scheckbuch. „Wieviel Dollar darf ich Ihnen für Ihre Auskunft gutschreiben?“
„Das kostet nichts und hilft auch nichts!“ sagte ich. „Denn das Grab ist noch nicht entdeckt, und Ihr Landsmann Sanders . . . .“
„Oh nein! Herr Sanders ist Deutscher!“
„Nun — dann hat er eben diese steinreiche Lady, Ihre Landsmännin, geheiratet. Also Herr Sanders, der dieser Tage mit seinem Reisetross eines regierenden Fürsten hier angekommen ist . . .“
„. . . und viele Hunderte von Neugierigen hinter ihm her! Man findet kaum mehr einen Platz in den Hotels!“
„Herr Sanders kann es sich noch so fest vornehmen, koste es, was es wolle, das Grab des Scheschonk zu entdecken — es wird ihm mit all seinen Reichtümern oder denen seiner Gattin nicht gelingen, dies verschleierte Bild von Sais zu enthüllen. Sein Vorhaben ist nichts als die Donquichotterie eines viel zu reichen und, wie es scheint, gelangweilten Mannes, der eine neue Sensation sucht. Er ist ja volkommen Laie!“
„Ich auch!“ sprach Mr. Nothomb offenherzig, „und soll doch vier Erdteile darüber aufklären, was hier in dem fünften vorgeht. Nun — derlei ist mir schon öfters passiert. Ich habe mir ein Telegramm kabeln lassen und daraus heute morgen in Kairo, ehe ich nach dem Frühstück weiterflog, einen vorläufigen Bericht zusammengestellt“.
Er kramte ein paar Blätter hervor.
„Sehen Sie doch das einmal durch, Professor!“ bat er, „und beachten Sie dabei, dass es für Leser über dem Grossen Wasser geschrieben ist, die starke Kost lieben! Vor dem Dinner hole ich mir das Ding bei Ihnen wieder!“
„Ich danke Ihnen!“ Er wartete meine Einwilligung nicht erst ab, sondern schüttelte mir kräftig die Hand. „Leben Sie wohl! Es wäre schön, wenn Herr Sanders diesem Pharao ins Antlitz leuchten könnte!“
3
Weiterer Bericht des Dr. Philipp Bechtold
Es war ein Winternachmittag, wie jeder Wintertag in Ägypten ist: Strahlend blauer Himmel, heisse Sonne, kühler Wind. Mr. Nothomb war gegangen. Vor mir lagen seine Quartblätter, in englischer Sprache mit der Schreibmaschine beschrieben. Ich musste mich wohl oder übel mit ihnen beschäftigen. Aber vorher trat ich, etwas unmutig über die Behelligung, meiner Gewohnheit nach mit blossem Kopf für ein paar Minuten in die grelle Helle unter den Palmen des Platzes hinaus, um etwas die kühle Nilbrise zu geniessen, die in den Mittagsstunden durch das breite Tal flussaufwärts weht.
Eine junge Dame kam da mit dem raschen und flüchtigen Gang der europäischen Touristin vom Nilufer her. Sie war ein grosses, schlankes, lebhaftes Mädchen von etwa vierundzwanzig Jahren mit intelligenten braunen Augen in dem hübschen, heiteren und freimütigen Gesicht, das kein Schleier unter dem weissen Tropenhelm schützte. Es hätte auch nicht mehr viel geholfen. Denn ihre freundlichen Züge waren schon so braun gebrannt, als käme sie eben vom Äquator statt vom Nil. Es stand ihr übrigens ganz gut. Es passte zu ihrem unbekümmerten, offenbar entschlossen zupackenden Wesen.
Sie sah mich — es war sonst niemand in der Nähe —, blieb stehen, lächelte liebenswürdig und frug mit einer frischen und hellen Stimme auf englisch:
„Bitte, Sir, wie komme ich denn am schnellsten hier aus dem Städtchen ’raus?“
Ich erkannte ihre deutsche Aussprache des Englischen und erkundigte mich auf deutsch:
„Ja — wohin wollen Sie denn?“
„Ach — Sie sind Deutscher! Das ist ja famos!“ Sie kam zutraulich näher. Sie hatte, dabei im Wesen völlig Dame, eine grosse Sicherheit des Auftretens. Sie war offenbar schon weit in der Welt herumgekommen. Sie schaute mir vergnüglich ins Gesicht. Sie schien mir immer reizender, wie sie da, die Hände in den Jackentaschen ihres knappen, grauen Reisekleids, im Sonnengeflimmer durch die Palmenzweige fest in ihren derben, hellbraunen Schnürschuhen stand und dabei lachend die weissen Zähne zeigte.
„Wohin? Gott — vorläufig nur ein bisschen bummeln!“
„Allein?“
„Na — mich stiehlt doch keiner!“ sagte die junge Dame mit grosser Gemütsruhe. „Sonst wäre ich da im Südzipfel von Indien längst abhanden gekommen. Da komme ich nämlich her!“
„Auch allein?“
,,Ach nein! Doch mit Mrs. Jane Adams!“
„Der berühmten alten Theosophin?“
„Ja — der! Ich bin ihre Reisebegleiterin! Wir sind eben aus Alexandrien mit dem Schnellzug angekommen. Wir mussten doch plötzlich Hals über Kopf hierher!“ Sie trat unbefangen noch einen Schritt näher, eine Frage in den glänzenden braunen Augen. „Bitte — seien Sie nicht böse — aber vielleicht können Sie mir Auskunft geben und ich kann es Mrs. Adams gleich rapportieren: dieser Deutschamerikaner, der sich in den Kopf gesetzt hat, das Grab des Königs Sche . . . Sche . . . Herrgott — wie heisst der Pharao nun wieder?“
„Sie meinen Scheschonk den Ersten?“
„Ja — des Königs Scheschonk zu entdecken — der wahnsinnig reiche Mensch — der ist doch hoffentlich noch da?“
„Drüben bewohnt Herr Sanders mit Frau, Gefolge und Dienerschaft ein ganzes Stockwerk in dem Luxushotel!“
„Na — Gott sei Dank! Mrs. Adams wird so froh sein! Als sie gestern abend in Alexandrien in der,Egyptian Gazette’ las, Herr Sanders wisse nun den Ort, wo das lang gesuchte Grab des Scheschonk sei, und werde es bald betreten, da war sie nicht zu halten. Sie müsse rechtzeitig zu seinem Begräbnis hierher — sagte sie!“
„Zu seinem Begräbnis?“
„Nun ja. Er muss doch sterben!“
,,Sterben?“
„So sagt Mrs. Adams! Sie ist überzeugt, dass die ersten, die einen Pharao in seiner Ruhe stören — dass die das nun mal mit ihrem Leben bezahlen müssen!“
„Und das glauben Sie? Sie machen doch sonst einen ganz vernünftigen Eindruck?“
„Ich will nicht klüger sein als Mrs. Adams. Wir haben da im dunkelsten Südindien tolle Sachen genug gesehen. Wenn ich die zu Hause erzähle, glaubt es mir kein Mensch, und ich selber würde es nicht glauben, wenn ich es nicht persönlich gesehen und erlebt hätte!“
„Das sind Autosuggestionen!“
„Lassen Sie das bloss nicht Mrs. Adams hören! Sonst wird die alte Lady ungemütlich. Sie sagt: der Fluch des Pharao sei doch über jedem Königsgrab eingemeisselt und müsse sich erfüllen. Das wisse doch jeder vernünftige Mensch ausserhalb Europas. In Europa gäbe es überhaupt keine Vernunft. Wenn Mrs. Adams das sagt, wird es schon so sein. Ich vertrau’ ihr. Sie ist doch meine mütterliche Freundin!“
„Ja. Das scheint ein hoffnungsloser Fall!“ sagte ich. „Die alte Dame ist Theosophin und als solche in allen Erdteilen bekannt. Da sind Sie ja beide hier in Ägypten, im Land der Rätsel, am rechten Ort!“
„Und Sie wohnen hier und haben da Ihr Haus?“ Das Fräulein schüttelte bedauernd den hübschen gebräunten, nur von der Wölbung des Tropenhelms beschatteten Kopf. „Und sind gewiss Direktor einer Baumwollspinnerei oder Rohzuckerfabrikant, weil Sie dabei so ungläubig lächeln!“ Sie wurde lebhafter. „Fabrikanten — die kenn’ ich nämlich! Die lächeln immer, wenn Plus und Minus nicht glatt aufgeht. Eine Rechnung, die stimmt — die ist nämlich falsch, sagt Mrs. Adams!“
„Sehr richtig!“
„Das sagen Sie auch?“
„Ich bin auch nicht des Geldverdienens wegen am Nil!“ sprach ich freundlich. „Ich bin Privatgelehrter! Gelehrter, gnädiges Fräulein — nicht Geisterseher!“
Das junge Mädchen zuckte die Achseln.
„Ach — ohne das wäre die Welt furchtbar langweilig!“ sagte sie. „Da lohnte es sich ja gar nicht erst, aus Europa wegzugehen. Es ist bei mir schon das zweite Mal. Ich war schon einmal in Peru, bei den Inkas. Das war fein. Da war ich Sekretärin und Photographin bei einer ganz kleinen deutschen wissenschaftlichen Expedition. Ich erzähle es Ihnen nur, weil Sie Gelehrter sind!“ Sie schirmte das kluge, junge Augenpaar mit der Hand und reichte sie mir dann mit einem kräftigen Druck. „Also da geht’s hinaus ins Freie? Danke schön! Ich bin ja so wahnsinnig gespannt auf Ägypten. Alexandrien — das war ja noch nichts Rechtes!“
Sie wanderte davon. Sie hatte einen ein wenig wiegenden flotten Gang und trug dabei den Kopf im Nacken. Ich schaute ihr nach, wie sie durch die vor Hitze zitternde Luft gross und schlank dahinschritt. Meine Frau blickte aus dem Fenster und frug lachend: „Na — du alter Schwerenöter — wer war denn das hübsche, dunkeläugige Mädel, wegen der du dir beinahe den Sonnenstich geholt hast?“
„Ja. Ich weiss nicht! Jedenfalls ein abenteuerliches Menschenkind!“ sagte ich. „Da könnte sie sich doch jetzt eine Droschke mit einem Sonnendach nehmen. Nein! Sie schlägt doch wahrhaftig in der prallen Mittagsglut zu Fuss den Weg nach dem Karnaktempel ein! Na — dort kann sie gerade heute was erleben! Heute ist da ja ein ganz besonderer Abend. Da werden alle Nilgeister lebendig!“
4
Bericht Arthur Nothombs an die Weltpresse.
Kein härteres Ding, als augenblicklich in Luxor ein Bett zu finden! Die Ladies übernachten in Badewannen und reihenweise auf dem Bodenteppich des Drawing-Rooms, die Gentlemen auf Matratzenlagern auf den flachen Dächern. Manche schlafen sitzend in Automobilen, andere auf mondscheinbeschienenen Bänken in den Hotelparks. Man erwarte höchstens einen Stehplatz in dem Luxusexpress von Kairo! Ich möchte den Apfel sehen, der auf dem Deck der Nildampfer noch zur Erde fallen kann, wenn sie sich Luxor nähern!
Das alles Herrn Konrad Sanders zu Ehren, der den Pharao Scheschonk aus seinem vieltausendjährigen Schlaf aufrütteln will!
Wer in den kleinen und auserwählten Kreisen, die mit ihrem Geld zu ihrem Teil die Welt kontrollieren, kennt Herrn Sanders nicht, diesen vorbildlichen Gentleman zweier Erdhälften? Vor wenigen Jahren leuchtete plötzlich sein Name wie ein Meteor am Gesellschaftshimmel Amerikas und Europas auf, und man weiss nicht, was man an diesem Löwen der Salons als erstes erwähnen soll: seine glänzende Erscheinung, seinen Ruf als Sportsmann, seine Liebenswürdigkeit, sein Glück in allen Dingen, die er anfasst.
Herr Sanders ist kein Mann der grossen Menge. Aber er wird es jetzt, als der Grüftesprenger der Totenstadt von Theben, werden.
Kirchenmänner mahnen: Lasset die Toten ruhen! Hausväter meinen: Mögen die Toten die Toten begraben! Geschäftsleute fragen: Lohnt es sich, in diese Katakomben einzudringen?
Ja. Es lohnt sich. Denn dies sind keine einfachen Keller, voll von Särgen und moderndem Gebein. Dies sind unterirdische, tausendjährige Museen. Dies sind Schatzkammern aus Tausendundeiner Nacht. Dies sind märchenhafte Fundgruben für die Wissenschaft, in die Aladins Wunderlampe in der Hand des Herrn Konrad Sanders hineinleuchten will.
Der tote Pharao brauchte diesen Prunk. Denn er starb nicht. Von seinem Tod ab begann er erst zu leben. Er und seine Untertanen am Nil.
Dass dem so ist und warum dem so ist — darüber hat mich mein gelehrter hiesiger Freund, der deutsche Professor Philipp Bechtold, aufgeklärt. Er hatte die Güte, in den wenigen noch zur Verfügung stehenden Stunden diese ernstliche Frage an der Hand meiner vorläufigen Aufzeichnungen mit mir durchzusprechen, ohne sich freilich, wie er ausdrücklich bemerken möchte, mit meinen Schlussfolgerungen einverstanden zu erklären. Das ist begreiflich. Denn er ist strenger Fachmann, und wir sind Gott sei Dank leichtgläubige Kinder der Welt. Wo kämen wir hin, wenn wir al das beweisen müssten, was wir für wahr halten?
Wir hören also in meinen nun folgenden Worten eines auf Motor, Morseapparat und Schalltrichter eingestellten Globetrotters der Druckerschwärze die Stimme der vorurteilslosen Wissenschaft, die sich die Geheimnisse Ägyptens zum Ziel gesetzt hat.
Ich kenne Ägypten zu allen Jahreszeiten. Ägypten ist ein glühendes Sonnenland. Man kann Monate dort zubringen, ohne dass ein Wölkchen das flammende Blau des Himmels trübt. In einem satten Blaugrün gleissen zu beiden Seiten die fruchtbaren Niederungen. In violettem Dunst umrahmen kahle Steingerippe die riesige grüne Oasenschlange mit dem Nil als Rückgrat, die Ägypten heisst, oder brennend schwefelgelb wie sonst in dem Innern der Sahara schlägt gleich einem erstarrten Meer der Wellenschlag der Sanddünen. Alles ist ein Rausch von Farben und Feuer.
Man sollte meinen, dass unter dieser ewig heiteren Himmelswölbung ein unbeschwertes Geschlecht sich seines Lebens freuen würde, sorglose Söhne der Sonne, eins mit blauem Himmel, Spiel der Nilwogen, fächelnder Brise, wie der Lazzarone in Neapel. Nein. So lange wir um die Ägypter wissen — und wir wissen von ihnen länger in die Urzeit hinauf als von irgendeinem Volk der Weltgeschichte —, haben sie sich auf dieser schönen Gotteswelt nie recht zu Hause gefühlt. Ihre Koffer waren immer gepackt zur Reise ins Jenseits.
Sie waren ein Geschlecht gigantischer Ameisen, in ihrem praktischen Verstand, ihrer kribbelnden Geschäftigkeit, ihrer Freude an Mammutbauten die Amerikaner ihrer Zeit. Und zugleich so bigott, so weltabgewandt, so daseinsverneinend wie heute etwa noch der Dalai - Lama von Tibet und sein Land voll Mönche und Gebetsmühlen.
Sie errichteten Bauwerke, gegen die unsere Zentralbahnhöfe, Talsperren, Schwimmdocks nur Babyklappern sind. Aber diese Quadergebirge der Pyramiden waren Grabmale über einem einzigen winzigen Königssarg, und in dem Karnaktempel bei Luxor, wahrscheinlich dem grössten Bauwerk, das Menschen je auf Erden geschaffen haben, grüsst überall, wie in einem ungeheuren Vorhof zu einem andern Leben, mit seinem Schakalskopf Anubis, der Tutengott, und raunen die Hieroglyphen: „Er öffnet dir die Strasse, wenn du dich zur Unterwelt begibst!“
Die Unterwelt. Die eigentliche Welt.
Denn nach der düsteren altägyptischen Glaubenslehre ist das Menschenleben nur ein flüssiges Flackerpünktchen zwischen zwei schwarzen Unendlichkeiten. Das Erdendasein ist nur ein kurzer Traum. Man erwacht aus ihm im Sterben. Der Tod ist die Wirklichkeit. Darum heissen in den Rätselstellen der Hieroglyphen die Verstorbenen „die Lebenden“, die Häuser „Herbergen auf der Wanderschaft“, die Gräber „Ewige Wohnungen“, die Särge „Schreine des ewigen Lebens“.
Jenseits des breiten fruchtbaren Überschwemmungsgeländes des linken Flussufers lag damals und liegt heute noch in furchtbarer Einsamkeit einer wildzerklüfteten, baum- und strauchlosen, viele Hunderte von Fuss hohen Berg- und Steinwildnis die Totenstadt Theben. Nicht nur die Pharaonen fanden da ihr neues Heim. Sie hatten nur ihr eigenes „Tal der Könige“ oder eigentlich zwei in den Felsschlünden sich gabelnde, schauerlich öde Wüstenschluchten. Ziemlich entfernt davon besitzen die Königinnen ihr eigenes Schattenreich. Überall im Umkreis gähnen aus gelbem Gestein die schwarzen Pforten zu den in den Felsen gehauenen Gräbern: Massengrüfte thebanischer Priesterfamilien, Friedhöfe der hohen ägyptischen Bürokratie, Grabkammern ehrbarer Bürger, von Bestattungsgesellschaften angelegte Massenkatakomben, mit Reihenstätten rechts und links des Bergtunnels für die weniger bemittelten Mumien. Dazwischen Kapellen, zerfallene Mauern, in den Tälern und in die Ebene hinausgebaute riesige Tempel — das war Theben. Das ist heute noch Theben. Denn seine Totenkammern haben viele Jahrtausende der Lebenden, der Völker Kommen und Gehen, die Schicksale der Weltteile, Kriege, Thronkämpfe, Entdeckungen — alle die Nichtigkeiten des Erdendaseins überdauert.
Die Toten von Theben und ihre Könige.
Konnte man die Königskatakomben, die unermessliche Schätze bargen, in weltverlorener Einsamkeit vor den Hyänen der Grüfte bewahren? Man vermochte es, solange der Staat stark genug war, sie mit seinen Polizeimitteln zu schützen. In der Blüte des Pharaonenreichs war die Totenstadt links des Nils auch von vielen Tausenden von Lebenden bewohnt — von Priestern, Wandmalern, Friedhofbeamten, Aufsehern, Einbalsamierern, Steinmetzen — allem, was zum Betrieb des ungeheuren Bergfriedhofs gehörte.
Aber dann verödete im Verfall des Reiches das lebende Theben, die Hauptstadt am anderen Ufer des Nils, an deren Stelle heute nur noch, mit Ausnahme der Tempel, armselige Dörfer und Weiler stehen. Nur noch die Schatzale winselten nächtens drüben im Tal der Könige! Unbehütet standen die viereckigen, schmalen, vermauerten Pforten, von denen aus Treppenstufen und Gänge mit Seitenkammern und Zwischentoren tief in das Innere des Berges bis zur Mumiengruft führten. Wohl waren diese Tore mit Baststricken versiegelt. Aber was half das gegen Gottlose und Gierige in stundenweiter Wildnis?
So sind diese sechzig und mehr Grüfte im Tal der Könige, in denen an die dreissig Pharaonen ihre ewige Ruhe zu finden wähnten, grösstenteils schon zur Zeit der alten Ägypter selbst erbrochen und ausgeraubt worden. In Theben bestand bereits um das Jahr 1000 vor Christus eine organisierte Gangstergesellschaft, deren sich Chicago nicht zu schämen brauchte, zur Ausplünderung der Königsgrüfte unter Führung des Oberpriesters, zweier Stadtmeister und dreier königlicher Räte. Ganze Bündel von Königsmumien wurden, da man keinen andern Rat mehr wusste, von Getreuen in Felsspalten vor den Grabräubern versteckt und schliesslich doch nach vielen Jahrhunderten 1875 von Fellachen aufgestöbert, denen man sechs Jahre später ihren Raub abnahm. So liegt jetzt der einstige Herr der Welt, Ramses der Grosse, der siebenundsechzig Jahre über Ägypten geherrscht hat, als schwärzliches Bündel im Schaukasten des Salon Septentrional, des grossen Nordsaals, als Nr. 3874 unter Glas und Rahmen im Ägyptischen Museum zu Kairo. Neben ihm drei weitere numerierte Pharaonen, viele einstige Prinzessinnen und Grosse. Man verarge mir meinen Freimut nicht — aber ich habe manchmal den Eindruck, als ob es unserer Zeit ein ganz klein wenig an Feingefühl mangelt.
Was im Tal der Könige zu stehlen war, das wurde fast restlos im Lauf der Zeiten gestohlen. Der Grieche Strabo kannte schon vierzig geöffnete Königsgräber. Die Schlussarbeit besorgte dann der Islam bis gegen das Ende der Kreuzzüge hin. Es schienen von da ab alle die Totenkammern der Herrscher von Räuberfüssen entweiht, von Räuberfäusten kahl ausgebeutelt zu sein.
Von da ab schwieg das Tal der Toten und gab seine Geheimnisse nicht mehr preis. Seit Menschengedenken hatte man keine neue Königsgruft mehr aufgefunden, geschweige denn betreten.
Bis um die Jahrhundertwende Lord Carnavon kam, erst seiner Gesundheit wegen, dann unter dem Zauber des ewigen Nils. Isis und Osiris nahmen den steinreichen Peer von Grossbritannien an der Hand und geleiteten ihn in ihre geheimnisvolle Welt.
Lord Carnavon begann zu graben. Durch Jahrzehnte haben er und Mr. Howard Carter, ein britischer Ägyptologe, samt einem Stab von Mitarbeitern und Scharen von Fellachen das Totental der Pharaonen mit der Geschäftigkeit des zwanzigsten Jahrhunderts erfüllt.
Wenn man in diesem Gespenstertal zwischen niederen, senkrechten Felsmauern wie in einem Kanalschacht durch die trostlose, gelb glühende Bergwildnis reitet und sich nach links wendet, so gab es da eine Stelle, wo hohes Steingeröll aus einem dereinst in halber Berghöhe ausgeschachteten Grab die Talsohle füllte. Die braunen Werkleute der Pharaonenzeit hatten die Massen der Felsbrocken einfach da hinuntergeworfen, ohne sich viel darum zu kümmern, ob sie mit ihnen nicht vielleicht einen schon vorhandenen, tiefer gelegenen Grufteingang für immer verschütteten.
An dieser Stelle, im Tal der Toten, scharrte und schürfte der Gelehrte. Carter unermüdlich sechs Winter hindurch mit seinen Fellachen und war schliesslich doch schon nahe daran, das Rennen aufzugeben. Da stiess am 4. November 1922 der Spaten eines Arbeiters auf eine in den Fels gemeisselte Steinstufe: das Grab des Pharao Tutanchamen war entdeckt. Die Welt hallte davon wider.
Tutanchamen war dabei durchaus keiner der grossen Pharaonen. Er sass nur etwa sechs Jahre auf dem Thron. Er starb, kaum achtzehnjährig, wahrscheinlich eines gewaltsamen Endes. Die allmächtigen Hohenpriester hatten etwas gegen ihn — den Nachfolger des grossen Ketzerkönigs Amenophis.
Und doch: was hat man alles mit seiner Mumie dreifach im Tal der Könige eingemauert! Sein Sarg aus massivem Gold hat allein einen Wert von 300 000 Dollar. Eine goldene Maske deckt sein Angesicht. Die Augen sind aus Lapislazuli. Über und über vergoldete Thronsessel aus Ebenholz. Goldene Diademe und Halskragen, goldene Fingerringe, Sandalen, Fächer und Zepter. Elfenbeinkästen, Alabasterlampen, vergoldete Streitwagen und Pferdegeschirre, Stöcke aus Elfenbein, Truhen aus Zedernholz, Dolchknaufe aus Bergkristall, Skarabäen, Kinderstühle, Amulette, Leuchter, Vasen, Salbenbüchsen, Bogen, Götterfiguren. Die Sammlung umfasst jetzt im Museum von Bulak bei Kairo allein mehr als fünfzig Glasschränke.
Und nun tritt unheimlich das Schicksal in Erscheinung. Die Mumie Tutanchamens wehrt sich mit Mitteln über Menschenmacht gegen ihre Bezwinger des zwanzigsten Jahrhunderts.
Es heisst, dass schon 1914 der Forscher Theodor Davis an derselben Stelle ganz nahe dem grossen Fund gewesen, aber am selben Tag plötzlich gestorben sei. Jedenfalls waren Lord Carnavon und Carter die ersten, die am 26. November 1922 die Gruft öffneten. Nur langsam drang man im Lauf der Wochen durch die mit unermesslichen, nie geahnten Schätzen an Königsgerät gefüllten Räume vor. Dabei steckte der Earl von Carnavon, wie als Augenzeuge der amerikanische Altertumsforscher Tom Terris schildert, seine Hand in eine Alabastervase und zog sie mit einem kleinen blutigen Stich wieder heraus. Aus dem Krug summte, wie der Geist des toten Pharao, eine kleine grüngoldene Fliege. Lord Carnavon starb nach kurzem an Blutvergiftung.
Er hatte fünfzehn Begleiter, die mit ihm zusammen als die ersten Menschen nach Jahrtausenden die Totenkammer des Pharao betraten. Von diesen insgesamt 16 Wissenschaftlern — nach andern wären es sogar 19 gewesen — weilen jetzt, nach wenig mehr als elf Jahren, nur noch zwei unter den Lebenden. Beide von schwerer Krankheit genesen: Carter und Terris.
Laut Terris äusserte Lord Carnavons Halbbruder vor dem Betreten der Gruft: „Ich wünschte, er hätte dieses Grab niemals entdeckt.“ Er starb im Laufe des Jahres. Der bei den Ausgrabungen beteiligte Prinz Ali Bey von Ägypten wurde im Londoner Savon-Hotel ermordet. Der ägyptische Gelehrte Hallah Bey entleibte sich einige Tage darauf. Der Sekretär Howard Carters, Mr. Bethell, ein rüstiger Sportsmann von dreissig Jahren, starb rasch an einer unbekannten Krankheit. Sir Archibald Douglas, aus dem berühmten schottischen Geschlecht, machte im Innern des Grabes, wenige Monate nach der Entdeckung, photographische Aufnahmen und starb ganz plötzlich. Der Ägyptologe Evelyn Whyte, der zugleich mit ihm das Grab betreten, verübte im gleichen Jahr Selbstmord. Als Vertreter der amerikanischen Wissenschaft stand der Professor Lafleur von der McGill-Universität in der Gruft und verschied nach wenigen Tagen in Luxor. Der Konservator der in dem Grab gefundenen Altertümer, Arthur Weigall, wurde in London vor kurzem von einer schleichenden Krankheit dahingerafft. Als letztes Opfer endlich starb jetzt in Boston der berühmte amerikanische Ägyptologe Lythgon, der bei der Öffnung des Grabes hervorragend mittätig gewesen war.
Diese Totenliste, die wiederholt und unwidersprochen durch die Weltpresse ging, zeigt die Unglückszahl dreizehn. Der vierzehnte Eindringling ist spurlos verschollen. Zwei, wie gesagt, genasen nach langem Siechtum.
„Die Göttin der Wolken“, sprechen die Hieroglyphen auf des Pharao Tutanchamen Totenschrein, „breite ihre Flügel über mich, dass ich still ruhe wie unter den unvergänglichen Sternen.“
Und wehe dem, der die Ruhe stört!
Und die Frage ging durch die Welt: Wohnte in dieser Gruft der tausendjährige Tod und harrte — sei es durch unsichtbares Gift, durch mystische Wirkung — der ersten Eindringlinge?
Stand nur als leere Drohung über den Königsgräbern der Fluch eingemeisselt: „Tod wird auf raschen Schwingen den ereilen, der den Grabfrieden des Pharao stört!“?
Oberflächliche Menschen werden vielleicht aus ihrem Klubsessel heraus antworten: „Die früheren Gräber wurden ja auch ausgeplündert!“ Ja: von Nilbauern und Wüstenhirten! Wer hat sich darum gekümmert, was aus ihnen nach der Entdeckung wurde? Das Dasein eines Beduinen wog nicht mehr als das eines Schakals. Sein oder Nichtsein eines Fellachen war dem einer Fliege gleich. Es ist sehr leicht möglich, dass diese ersten Entdecker alle bald darauf gestorben sind. Man hat sie in ihrem Dorf oder im Wüstenfand verscharrt und am nächsten Tag vergessen.
Wer ernstlich an diese vertrackten Dinge herantritt, der sieht der Sphinx und ihren Rätseln ins steinerne Antlitz. Die Ägypter konnten wahrhaftig mehr als Brot essen. Sie galten von alters her als Zauberer. Sie hatten unzweifelhaft geheimes Wissen, das sie mit sich ins Grab nahmen. Ist es wirklich weise, zu glauben, dass einem Volk, das so im Tod lebte, das so am Tod wahrhaft hing, dem nichts zu heilig und zu kostbar für seine Abgeschiedenen war — dass diesem Volk für seinen toten König ein paar Mauern aus Nilschlammziegeln, ein Tor aus Palmenholz, ein versiegelter Kokosstrick als genügender Schutz für die Ewigkeiten schien?
Wir wissen es nicht. Vielleicht werden wir es bald wissen — dank Herrn Sanders. Wir werden sehen, ob er am Leben bleibt.
Noch träumt, irgendwo im schauerlichen Tal der Könige, der Pharao den Traum des Todes oder des Lebens.
Eine starke Faust pocht an die Grabpforte.
„Halloh! Hier die Neue Welt!“
Es ist Herrn Konrads Sanders’ frische, jugendstarke Stimme. Er begehrt Einlass in den unterirdischen Hofhalt. Tutanchamen ist tot! Es lebe Scheschonk!
Ja. Er lebe — lebe wieder mit uns, in dem hellen Tageslicht. Schenke uns seine Schätze! Wir wollen sie nicht stehlen und einschmelzen und heimlich verhökern! Wir wollen sie nur haben!
Wir wollen sie in Glaskästen zur Schau stellen und dicke Bücher darüber schreiben. Wir wollen wissen! Immer mehr wissen, obwohl wir unter der Bürde jahrtausendealten Wissens schon fast zusammenbrechen. Wir können keine Rücksicht auf den Frieden der Gräber nehmen. Wir Söhne Adams halten uns an den Baum der Erkenntnis.
Noch hat uns Herr Sanders nicht verraten, wie er als Laie sein Werk anzugreifen gedenkt. Wer werden sehen, wer stärker ist — er oder der Pharao!
5
Aufzeichnung des Dr. Philipp Bechtold
Ich hatte Mr. Arthur Nothomb den Gefallen getan, seinen Artikel über das Pharaonengrab zu überfliegen, den er jetzt wohl schon als Sturmschwalbe unerhörter kommender Sensationen in drei Erdteile flattern lässt. Ich hatte hinterher Zweifel, ob ich recht getan, ich, der Mann der Wissenschaft, der da, wenn auch unter entschiedener Verwahrung, in den Spuk der Gräber hineingezogen wird.
Aber es ist schwer, diesem beweglichen, redesprudelnden, elektrisch geladenen kleinen Napoleon der Presse zu widerstehen. Seine gebieterische Liebenswürdigkeit entwaffnet. Er hat eine ganz sonderbare Art, nicht die Dinge an sich zu sehen, sondern nur ihre Wirkung auf die Menschen.
„Wenn es keine Gespenster gäbe, müsste man sie erfinden!“ sagte er. „Wenn es keine unerklärlichen Dinge in Ägypten gäbe — ja: um Cook und Sohn zu besichtigen, fährt niemand an den Nil! Halloh — alter Freund — wir brauchen die Gänsehaut den Rücken ’runter! Dann ist uns wohl!“
„Das ist nicht Aufgabe der Wissenschaft!“ sagte ich.
„Wissenschaft ist schädlich!“ entschied Arthur Nothomb. „Das heisst: das sage ich jetzt, weil es mir in meinen Kram passt. Morgen bin ich vielleicht entgegengesetzter Ansicht. Augenblicklich behaupte ich: Nichts macht das Leben langweiliger als die Erkenntnis. Wenn Sie ein Silbenrätsel gelöst haben, werfen Sie das Blatt weg. Es interessiert Sie nicht mehr!“
„Nein — der normale Mensch strebt nach Nichtwissen, um das grosse Geheimnis des Lebens nicht zu entweihen!“ Mr. Nothomb stand schon, die Uhr in der Hand, auf der Schwelle. „Darum rückt er Tische und sieht Zweite Gesichte und glaubt an die Geheimnisse Ägyptens. Und wenn er an sie glaubt — dann sind sie! Der Wille erzeugt die Vorstellung — hat einer Ihrer Philosophen gesagt — oder umgekehrt? Na — so ähnlich! Ich muss auf das Telegraphenamt! Guten Abend, Professor!“
Ich setzte mich wieder an die Arbeit. Aus dem Totenbuch von Theben stieg das Grauen der Unterwelt. Die vierbeinigen Schlangen, die wandelnden Leichen, der Triumphmarsch der Krokodile, die Riesenschlangen — sie alle schienen mir fremde Fratzen. Es war, als riefen die Toten: Rührt nicht an die letzten Dinge! Es sind nie die letzten! Es kommen immer neue nach! Wer mit der Fackel der Erkenntnis durch das tiefe Dunkel schreitet, der erhellt nur so weit vor sich die Finsternis, als sie hinter ihm zusammenschlägt.“
„Ich habe eigentlich ein bisschen Reue“, sagte ich zu meiner Frau, „dass ich dem Humbug des Mr. Nothomb meinen Segen gegeben habe!“
„Wer weiss denn, ob es ein Humbug ist? Die Todesfälle stehen fest!“
„Du bist auch schon angekränkelt, Wilburg!“ versetzte ich. „Du sagst auch: Was wäre das Leben ohne das Unerklärliche?“
„Vielleicht . . . .“
„Und jedenfalls muss, gerade vom Standpunkt der Wissenschaft, alles unterstützt werden, was den Laienplänen dieses Herrn Sanders dient“, schloss ich. „Und darum habe ich es getan. Gelänge es ihm durch ein Wunder des Himmels, den Pharao zu finden, so wäre der Gewinst für uns Fachleute unberechenbar!“
Unser Berliner Faktotum Emil Krause trat ein. Aus einem der Nilhotels habe eine alte Dame geschickt, ob ich nicht wüsste, wo Fräulein Sabine Ritter sei.
„Sabine Ritter?“ frug ich. „Wer ist das?“
„Herr Doktor hätten vor drei oder vier Stunden hier auf der Strasse vor dem Haus mit ihr gesprochen!“
„Sabine Ritter — das ist offenbar das grosse, hübsche, sonnenverbrannte Mädchen, dem du vorhin den Weg nach dem Karnaktempel gewiesen hast, du alter Schwerenöter!“ sagte meine Frau.
„Die alte Dame ist etwas in Unruhe, indem es sachteken dunkel wird!“
„Ja — bitte — ich lasse Mrs. Adams bestellen, das Fräulein fei vor die Stadt hinaus zu Fuss in der Hitze nach dem Karnaktempel abmarschiert!“ versetzte ich. „Hier vorbeigekommen ist sie seitdem nicht wieder. Also muss sie wohl noch draussen sein!“
6
Ein Briefumschlag und ein aufgefangener Brief Sabine Ritters
An Herrn Josef Hilgenstock, Schraubenfabrik A.G. in Schöllnitz (Freistaat Sachsen)
Lieber Freund!
Ja! Ägypten! Da sind wir jetzt! Aus Indien gelandet, wie ich Ihnen schon von Alexandrien schrieb. Mrs. Adams und ich. In diesem Museum. Ägypten ist ein einziges grosses Museum. Nur Steine und Jahrtausende. Die Menschen wimmeln darin unglaublich überflüssig herum. Menschen haben am Nil nur einen Sinn, wenn sie Mumien sind.
Der Tod ist hier der Sinn des Lebens, sagt Mrs. Adams. Das klingt unfreundlich. Ich lebe wahnsinnig gern. Ich passe gar nicht in so ein Totenland. Aber trotzdem: Alles in der Welt ist besser als ein Sonntagnachmittag in Schöllnitz!
Und dort könnten wir beide jetzt so nett spazierengehen als . . . das ist es. Nett wäre das — das finden Sie! Wenn ich vernünftig wäre, wurde ich es auch finden. Denn ich habe Sie wirklich sehr gern. Aber da ist dann wieder der Freiheitsdrang, und ich war wieder einmal unvernünftig. Ich bin fort, ehe es bei uns zum Klappen gekommen ist, und fühle mich hier draussen wie ein Fisch im Wasser.
Das heisst: nicht immer! Das will ich Ihnen gestehen! Manchmal habe ich Anwandlungen von einer ganz sonderbaren Wehmut. Dann wird mir ganz weich zu Sinn. In solch einer Stimmung habe ich dann eine Träumerei, eine Sehnsucht: Du könntest es ja so gut haben daheim — einen, der dich lieb hat — und überhaupt Familie — und bist auf Lebenszeit geborgen, und man ist in Deutschland, das ich doch so treulich liebe und nie mehr, als wenn ich recht weit weg bin — und dann stütze ich den Kopf in die Hand und frage mich: Was hast du denn eigentlich da draussen verloren, du tolle Liese? Und da kann es tatsächlich passieren, dass einem ohne Grund die Tränen kommen.
Und auf einmal ist man wieder ganz fidel und sagt sich: Gott sei Dank — du bist draussen! Du erlebst was draussen! Und das ist doch gerade deutsch! Und es ist doch noch nicht aller Tage Abend, und du findest doch auch wieder mal nach Deutschland zurück, und vorläufig ist es hier draussen doch so wunderschön!
Herrlich: die Hitze — die Fliegen — der Staub — die Welt brennt in Farben. So was gibt’s nicht wie das Rote Meer — es ist nämlich himmelblau, und die Fische fliegen über das Verdeck, und über dem Sinai steht die Fata Morgana, und man kommt aus Indien. Aus dem tiefsten und dunkelsten Indien. Ich erzähle Ihnen nichts davon, wo wir waren — die gute alte Adams und ich — allein unter Tausenden von Eingeborenen, die vor Mrs. Adams einen abergläubischen Respekt haben, und mitten in den Geheimnissen Indiens. So was versteht man in Schöllnitz nicht. Ich will Ihnen nur Nachricht geben, dass ich noch lebe und gesund bin, weil Sie soviel Anteil an mir nehmen. Sagen Sie’s bitte auch meinen Eltern und grüssen Sie alles, was in Schöllnitz kreucht und fleucht.
Nachschrift: Sie ahnen nicht, wo ich Ihnen diese Zeilen schreibe. In den „Thronen der Welt“. Dem Tempel von Karnak, grösser als ganz Schöllnitz und auch interessanter. Ich sie in der riesigen Säulenhalle, durch die die letzte Abendsonne fällt. Zwölf Männer können solche Säule nicht umspannen, und auf den riesigen Säulen und an den riesigen Wänden lebt eine ganze bunte, lebensgrosse gemalte Götterwelt. Das heisst: Götter sind es eigentlich nicht. Es sind mehr Tiere. Oder vielmehr Menschen mit Tierköpfen. Ein krauses Volk: da sind gerade vor mir Frauen mit Löwen- und Raken- und Kuhköpfen und ein Kerl mit einem Krokodilskopf und ein anderer mit einem Falkenkopf, und sie marschieren alle ganz verquer und verwerfen die Schultern im rechten Winkel, und das zwischen sind die Hieroglyphen, die kein Mensch versteht. Immer wieder ein Käfer. Das scheint die Hauptsache. Mrs. Adams sagt: Der Skarabäus ist nämlich die Sonne, und die besseren Mumien tragen diesen Mistkäfer aus Edelsteinen geschnitten als Herz. Das begreife, wer mag!
Ich bin ganz allein in dieser merkwürdigen Gesellschaft. Es geht schon sehr gegen Abend und dämmert schon ganz merklich über dem sonderbaren Land am Nil, und es sind keine Europäer da. Die dressen jetzt alle schon zum Dinner. Und die Eingeborenen werden überhaupt nicht in die Tempel gelassen. Die machen da doch nur Unordnung. Es ist ganz still. Ganz märchenhaft. Mir ist nicht unheimlich zumut unter den vielen Pharaonen und Göttern und Tieren, die zum Glück auch von meiner Anwesenheit nicht die geringste Notiz nehmen. Denn sie schauen ja alle an mir vorbei nach rechts oder links. Eher feierlich. Es ist beklemmend schön. Und immer noch furchtbar heiss. Sobald ich jetzt mit der Epistel an Sie zu Ende bin, will ich auch schauen, dass ich heimstiefele. Ich bin rechtschassen müde. Ich bin, in meiner Wissbegierde, den ganzen Nachmittag, viele Stunden lang, im Sonnenbrand in den Ruinen herumgeklettert. Ich schreibe Ihnen hier wirklich nur noch schnell aus Pflichtgefühl — und so müssen Sie — Gott — die Fliegen machen einen beim Schreiben rein wahnsinnig — das auffassen — nicht wahr? Nicht mehr — verstehen Sie? — und nicht etwa denken, dass ich . . . . . .
7
Eine Seite aus dem Reisetagebuch Sabine Ritters
Ich muss ganz plötzlich über meinem Brief an den guten Hilgenstock eingeschlafen sein. Ein Wunder war es schliesslich nicht — bei der Hitze und so müde, wie ich war. Erst die Nachtfahrt aus Alexandrien und dann tagsüber das Herumgelaufe in dem Tempel.
Der Brief muss mir, als ich einduselte, aus der Hand gefallen sein. Als ich wieder erwachte, lag er, samt dem Umschlag, neben mir am Boden im Mondschein. Denn nun war schon volle Nacht, und der Mond schien beinahe taghell durch den Wald von Säulen, die riesige schwarze Schatten warfen. Und dazwischen war ganz helle bläuliche Luft. Es hatte direkt etwas Geisterhaftes. Es war so klar, dass man weithin die Figuren an den Säulen und Wänden sehen konnte.
Nun kommt das merkwürdigste Ereignis meines Lebens.
Ich habe plötzlich in meiner Einsamkeit beinahe das Weinen gekriegt und die Zähne zusammengebissen und mich am Ohr gezupft und mich gefragt: Sabine — träumst du eigentlich noch? Oder bist du übergeschnappt? Oder was ist eigentlich mir dir los?
Die Göttergestalten in dem Tempel waren, während ich schlief, alle lebendig geworden. Es waren noch genug Bilder von ihnen an den Wänden und Säulen geblieben. Aber viele waren schon heruntergestiegen und wandelten in der Halle des Tempels und begrüssten sich und unterhielten sich miteinander. Das Stimmengewirr hatte mich geweckt.
Ich schluckte vor Angst. Ich bin sonst wirklich nicht so ein Hasenfuss. Aber das war mir doch zu toll, dass mich so die Nerven im Stich liessen und ich Visionen oder so was bekam. Ich suchte mich zu beruhigen. Ich sprach mir gut zu: Da klingt bloss so ein Traum nach. Das ist so ein Zustand zwischen Schlaf und Wachen — das ist ja alles Unsinn. Du musst jetzt ein paar Minuten die Augen zumachen, und wenn du sie wieder aufmachst, ist der ganze Spuk einfach weg!
Also das habe ich getan und dagesessen und dabei immer die Götter schwurbeln gehört, und wie ich die Augen wieder aufgemacht habe, stiess ich einen schwachen Schrei des Schreckens aus. Es waren bloss noch mehr Gottheiten geworden und so Volks inzwischen. Immer wieder kamen neue zwischen den Säulen hervor und mischten sich unter die andern. Sie vertrugen sich miteinander ausgezeichnet. Sie plauderten lebhaft miteinander. Mich sahen sie zum Glück nicht. Ich sass im Schatten der Säule und duckte mich ganz betäubt und verwirrt in mich zusammen. So was war mir doch noch nie passiert.
Ich dachte mir dumpf: Na — schön, Sabine — kurz und gut — du bist verrückt geworden! Aber wird man denn aus heiler Haut verrückt? Abenteuerlich — behaupten sie wenigstens in Schöllnitz — veranlagt bin ich vielleicht — aber doch nicht verdreht im Kopf! Das hat mir auch dort noch niemand nachgesagt! Überhaupt: wenn man weiss, dass man verrückt ist, dann ist man’s gerade nicht! Also das konnte nicht stimmen.
Wenn man nicht in solcher Aufregung gewesen wäre, so wäre es ja ein phantastisches Bild gewesen. Die vielen Götter und Göttinnen mit den verschiedenen Tierköpfen und goldenen Kronen und Sonnenscheiben drauf und Pharaonen mit mächtigen blauen und roten Federn und Krieger mit weissen Schürzen und goldenen Schilden und darauf die Sphinx und Priester und derlei — die trugen Pantherfelle — und braune Tempelmädchen mit Harfen und Flöten.
Das schien denen ganz selbstverständlich, dass sie da nachts geisterten. Nur mir, dem einzigen Menschen, nicht. Ich fühlte mir in meinem Versteck den Puls. Na — der schlug nicht schlecht. Nun wurde mir klar: das war einfach ein ausgewachsener Fieberanfall! Seit wir aus Indien weg waren, hatten Mrs. Adams und ich unsere tägliche gewohnte Prise Chinin nicht mehr genommen. Nun kam das vielleicht nach. Das hatte ich mir nun glücklich aus den Tropen mitgebracht.
Ohne solch eine blödsinnige Fieberphantasie hätte ich es mir gar nicht erklären können, dass dies Volk von vor vieltausend Jahren unter sich englisch und französisch sprach. Ich hörte es ganz deutlich. Es machte mich ganz krank, weil es doch so gar nicht stimmte.
Ich will nicht sagen, dass mir die Zähne klapperten. Das ist wohl nur so eine Redensart. Aber zumut war mir danach. Es war eigentlich schade. Denn so etwas — das fühlte ich dabei — würde ich doch nie wieder in meinem Leben sehen: die ungeheure Halle mit den vielen bunten Zaubergestalten und dem bläulichen Mondschein und den schwarzen Säulenschatten. Es schien, als ob alle auf etwas Besonderes warteten. Es lag so eine Stimmung über ihnen. Sie schauten alle nach der fernen Rückwand des Tempels, als ob dort, von dort, von den Obelisken draussen her, durch das grosse Tor etwas Besonderes kommen müsste.
Das Stimmengewirr und Durcheinander wurde immer lauter und heiterer. Ein Widder mit Menschenleib ordnete seitwärts die musizierenden Tempelmädchen. Braune Sängerinnen hockten da mit gekreuzten Beinen und flirteten ganz heftig mit ein paar jungen Göttern, die Krummstäbe und eine Art Schlüssel in den Händen hielten und hohe, spitze, goldene Blechmützen trugen. Jeden Augenblick konnte hier offenbar ein grosses Geisterfest beginnen.
Mir war ganz weh. Ich hatte nur die Idee, dass das so nicht weiterging. Es musste etwas geschehen — ich sagte mir: Das ist ein ausgewachsener Fiebertraum. Wenn du dem davonläufst, kann die ganze Gesellschaft doch nicht mitlaufen, und du bist sie los . . . . . .
Also nichts wie ’raus! Und daheim in die Klappe! Und Chinin und den Doktor . . . .
Jetzt stimmten sie schon ihre Harfen, und es war allgemeines Gelächter und Getriebe unter den Schatten, und fern am Tor sah man viele Fackeln und hörte neues Stimmengewirr. Was da nun noch kommen würde, wollte ich nicht noch erleben. Ich konnte mir ja mit wahrscheinlich 40 Grad Celsius im Leibe Gott weiss noch was Greuliches einbilden, wenn ich hier noch lange herumtrödelte. Dabei war mir gar nicht nach Fieber zumute. Das war das Komische bei der Sache.
Ich raffte verstohlen den Brief und den Umschlag vom Boden und steckte sie in die Tasche. Gott sei Dank — es hatte niemand etwas von der Bewegung bemerkt. Dann schlug ich mir mit der flachen Hand vor den Kopf. Ich war auch zu dumm. Ich sagte mir: Wie sollten denn diese Gestalten etwas von dir bemerken? Du bist wirklich vorhanden, aber die doch nicht! Die existieren doch nur in deiner Einbildung. In Wirklichkeit ist der Tempel ja ganz leer. Geh du nur dreist und gottesfürchtig mittendurch nach dem Ausgang zu. Du wirft schon sehen, wie die Gesellschaft Platz macht! Oder sich überhaupt in Wohlgefallen auflöst, wenn du sie nur fest anschaust und keine Bange zeigst!
Der Gedanke gab mir Mut, und ich tat’s. Der Schrecken, den ich kriegte, sowie ich zum Vorschein kam! Die Geschöpfe mit Tierköpfen stürzten nur so auf mich zu. Es war ein allgemeines Halloh! Ein Gewinke nach den Gestalten innen im Tempel, doch schnell zu kommen und mich zu besichtigen! Im Augenblick bildete sich um mich ein ganzer Kranz von Tierschädeln und neugierigen braunen Gesichtern. Ich biss die Zähne zusammen. Durch den Spuk musste ich durch!
Auf der Säule waren noch die Bilder der drei Katzenund Löwen- und Kuhgöttinnen. Aber darunter, in der Halle, standen sie auch. Sie waren doppelt da. Die Katze hatte ein langes blaues Gewand, die Löwin ein grünes mit einer Sonnenscheibe auf der Brust, die Kuh trug eine Schlange zwischen den Hörnern. Sie sahen mich, sie bewegten sich, sie schrien, als ich mir Bahn brechen wollte, wieder in dem schrecklichen, ganz unwahrscheinlichen Englisch, das mir als Fiebersymptom auf die Nerven ging: „O haltet die Lady!“ Daraufhin sprang der Krokodilgott mir in den Weg und breitete die Arme aus und fletschte seinen vergnügten langen Rachen voll spitzer Zähne, und der Gott mit dem Falkenhaupt stand dahinter und winkte mir einladend, doch im Tempel zu bleiben und zu tun, als ob ich zu Hause wäre.
Mir war das nachgerade zuviel. Ich setzte mich kummervoll auf den Boden und stemmte trotzig das Kinn in die Hand und sah vor mir hinunter gerade auf die Steinplatte, um die Gespensterwirtschaft um mich herum nicht mehr zu sehen. Da fühlte ich mich an der Schulter berührt. Ich schaute nicht auf. Ich sagte nur matt vor mich hin:
„Ich hab’ genug . . .“
Da klopfte mir zum zweitenmal jemand auf die Schulter. Ich zuckte. Ich murmelte plötzlich:
„Ach — tut mir doch nichts!“
Die Antwort war oben ein kräftiges Lachen. Nun schaute ich doch zweifelvoll wieder hinauf in die Höhe. Da stand über mir allerdings wieder so ein alter Ägypter in einem blau und weiss gewürfelten Schürzrock und ebensolchem Kopftuch und purpurnen Sandalen an den blossen Beinen. Aber er hatte ein freundliches und menschliches, echt deutsches Gesicht, mit einem rötlichen, schon etwas angegrauten Vollbart, und ich erkannte den deutschen Gelehrten, den ich mittags vor seinem Hause nach dem Weg nach Karnak gefragt hatte.
Er redete mich auf deutsch an! Gottlob! Da fiel mir ein Stein vom Herzen. Wenn schon gegeistert werden sollte, dann wenigstens auf gut deutsch! Dann war es sicherlich nicht so bös gemeint!
8
Bericht des Ägyptologen Dr. Philipp Bechtold
„Wie die Blätter im Herbst, so sind die Geschlechter der Menschen.“ Ich habe in einer meiner Schriften die Generationen des Menschengeschlechts mit den Schauspielern eines Stadttheaters verglichen, die an dem einen Abend in Ritterrüstung und Sturzhelm, am andern als Dandies und Mondänen im Salon, am dritten als Räuber und Dirnen agieren, und schliesslich steckt in all den wechselnden Hüllen immer der gleiche arme Komödiant mit all seiner Sorge und Not. Rastlos dreht sich das Rad des Seins und kommt doch nicht vom Fleck, wenn man nicht den tieferen Sinn des Seins erkennt — das, was das Rad bewegt.
Mag man es den Weltwillen nennen, im ewigen Wechsel zwischen Tod und Leben, oder die rastlose Neugeburt der Platonischen Ideen oder die tiefe Sehnsucht nach dem Nichtsein des Nirwana, das wir uns doch gar nicht vorzustellen vermögen — der Dichter lehrt uns, dass alle Dinge dieser Welt nur ein Gleichnis sind. Eine Gleichung mit der Grossen Unbekannten.
Wenn sie Weltbilder dieser Zeitlichkeit oder nur der farbige Abglanz der uns verschlossenen Wirklichkeit sind — warum soll man mit diesem Goldschaum und Silberflitter nicht spielen, wie Kinder zu Weihnachten mit Äpfeln und Nüssen? Wir brauchen ja das äussere Gesicht des Lebens nicht so ernst zu nehmen, weil wir wissen, dass es nur eine Larve ist. Larven auch in dieser mitternächtigen Fastnacht im Tempel von Karnak.
Das sagte ich auch meiner Frau, als sie entrüstet die Einladungskarte zu diesem Abendfest aus der Hand legte.
„Erstens kennen wir diesen Herrn Sanders überhaupt nicht persönlich . . .“
„Das stört ihn nicht! Er stöbert die Leute auf und verschlingt sie, wie er sie findet! Es muss ein hartes Los sein, so in allen Erdteilen chronisch am Menschenhunger zu leiden.“
„. . . . und zweitens ist es eine Blasphemie, in dem Tempel von Karnak einen alltäglichen Kostümball zu veranstalten!“
„Es soll ihn — oder vielmehr seine Frau auch Mühe genug gekostet haben, die Erlaubnis zu erlangen!“
„Na jedenfalls: ich glänze durch Abwesenheit!“
„Ich weiss nicht, ob man so etwas nicht der Kuriosität halber einmal mitnehmen soll!“ sprach ich. „Stelle dir einmal vor: Ein einziges Mal in unserem Leben verwandelt sich das Vorstellungsbild, das wir von dem alten Ägypten mit einer ständigen unbefriedigten Sehnsucht mit uns tragen, in mondbeglänzte Wirklichkeit. Auf viele Stunden in der Runde öffnen sich drüben überm Nil die Gräber. Die Pharaonen treten aus ihren Grüften, die Grossen, die schlanken braunen Prinzessinnen aus ihren Gärgen — die Priester, die Hexenmeister ihrer Zeit, schreiten undurchdringlich, gemessen, in paarweisen Zügen, die Helden fahren auf Sichelwagen, das Volk drängt sich — dies ewige Volk am Nil. Mrs. Meg Sanders soll es sich Unsummen haben kosten lassen, um alles so stilecht wie möglich zu gestalten. Es wird ein Eindruck, den man nicht wieder vergisst!“
„Wenn man es so auffasst . . .“ sprach meine Frau Wilburg. Darauf ich:
„Sei kein Philister, teures Weib! Rüste für uns ein paar Fähnchen bunten Stoff. Wir wollen heut abend bei dem Fest nichts mit den Königen zu tun haben. Wir wollen uns bescheiden im Hintergrund unter die Kärrner mengen!“
Und so geschah es, dass wir an dem Fest im Karnaktempel teilnahmen und zum Glück auch gerade in der Nähe standen, als der verirrte Fremdling aus dem zwanzigsten Jahrhundert, das Fräulein Sabine Ritter, verstört den Ausgang suchte.
Eigentlich hatte ich Mühe, ein Lachen zu unterdrücken, als ich da unter mir das Fräulein von heute mittag auf dem Boden sitzen sah, gar nicht mehr so unternehmungslustig wie damals, sondern mit offenem Mund und grossen braunen Augen und einem blassen und völlig verdatterten, aber immer noch sehr hübschen Gesicht.
„Na — Sie einzige Zivilistin — was machen Sie denn da?“ frug ich munter. Und sie tonlos aus der Tiefe:
„Können Sie mir einen Arzt empfehlen?“
„Warum denn? So einem Springinsfeld wie Sie?“
Ich hob sie auf und stellte sie in ihrer ganzen schlanken und sehr wohlproportionierten Länge auf die Beine. Sie starrte immer noch fassungslos auf mich und ebenso auf meine Frau, die in einem nilgrünen, mit goldener Schärpe gegürteten Gewand herangetreten war, und reichte ihr mechanisch die Hand. Dann strich sie sich mit dieser Hand über die Augen, wie um uns zu verscheuchen, und frug, als wir blieben, mit erstickter Stimme:
„Wer seid ihr denn eigentlich?“
„Augenblicklich der selige Ramose, Vorsteher Thebens zur Zeit des grossen Pharao Amenophis des Vierten, des Ketzerkönigs und Sonnengotts!“ sprach ich wohlgelaunt. „Ich bewohne mit meiner lieben Frau hier, der Hofdame Teje, eine prachtvoll erhaltene Säulenkatakombe drüben in der Ebene überm Nil. Wir sind da abgebildet, wie wir Hand in Hand in das Totenreich hinabsteigen. Aber heute, wo das ganze alte Ägypten aus seinen Grüften aufersteht, haben wir altes Jubelpaar uns auch mal wieder auf den Weg gemacht!“
Das Fräulein rieb sich immer noch ungläubig ihre klugen Augen.
„Sagt mal: bin ich nun eigentlich verrückt oder seid ihr’s?“ frug sie.
„Keines von beiden!“ belehrte ich sie. „Hätten Sie mir heute mittag, als sie mich nach dem Weg nach der Stadt hinaus frugen, verraten, dass Sie nach Karnak wollten, so hätte ich Ihnen gleich sagen können, dass der amerikanische Grüftesprenger drüben in Luxor in dem Palasthotel, wegen dessen Mrs. Adams, wie Sie mir sagten, hierhergereist ist . . .“
„Ja. Sie findet es taktlos, bei seinem Begräbnis zu fehlen . . . .“
„Na ja . . . also dass dieser Nabob oder vielmehr seine Frau — denn er macht, scheint’s, diesen ganzen Gesellschaftsschwindel nur so mit — also dass Mrs. Sanders heute abend ein grosses altägyptisches Kostümfest hier im Ammonstempel gibt und dazu die halbe europäische Fremdenkolonie bis nach Kairo und Heluan und nach Assuan hinauf eingeladen hat, darunter auch mich, als Ägyptologen, und meine Frau hier, obwohl sie uns eigentlich gar nicht kennt. Der Kuriosität halber sind wir hergegangen. So etwas sieht man nicht leicht wieder. Mrs. Sanders lässt sich den Mumienzauber einige Barren Gold aus ihren New-Yorker Stahlkellern kosten. Die gute Frau ist auf der ganzen Welt für ihre exzentrischen Feste berühmt. Sie feiert sie auf ihrer Hetzjagd um die Erde, wie sie fallen. Weil sie augenblicklich wegen des Königsgrabs zufällig in Ägypten ist, müssen diesmal die armen Pharaonen herhalten. Ich glaube, heute drehen sich manche Mumien in ihren Särgen um!“
„Ach so!“ sagte das Fräulein und musste mit blassem Gesicht lachen. Aber allmählich kriegte sie wieder ihre gesunde braune Globetrotterfarbe. „Na — da komme ich mir ja schön dumm vor, hinterher! Aber — Sie glauben ja gar nicht, wieviel Geld ich nicht hab’ — wie soll ich von dem Spleen von Leuten wissen, die offenbar zuviel Geld haben, wie die Mrs. Sanders?“
„Sehen Sie das Wesen mit dem Nilpferdkopf, das geschäftig hin und her rennt“, frug ich, „und die Honneurs des Ammonstempels macht und überall und nirgends ist?“
„Das kleine kugelrunde Geschöpf?“
„Das ist die Nilpferdgöttin Epet, im gewöhnlichen Leben Mrs. Sanders. Die Miss mit dem Kobrakopf, die wie ein Schatten hinter ihr hergleitet, das ist die Schlangengöttin Napret, ihre Privatsekretärin, die die Einladungen zu dem Maskenball verschickt hat.“
Ich wurde ernster, als ich auf das lachende bunte Götter-, Tier- und Menschengewirr im Mondschein blickte.
,,Soll man mit Gespenstern spielen?“ sagte ich. „Für Mrs. Sanders scheint das ganze Leben ein Spiel. Der Dollar ist rund und rollt und die Erde ist rund und dreht sich, weil der Dollar sie in Bewegung hält. Diese ganze steinerne Ewigkeit ist für Mrs. Sanders nur eine Folie für ein Maskenfest. Die Welt ein grosser Lunapark. Die Frau ist eine Athletin in Vergnügungsstrapazen!“
„Und gerade diesmal stimmt es doch nicht!“ sprach meine liebe Frau und Mitarbeiterin. „Jetzt gleich zieht feierlich ihr Mann als der Pharao Amenophis hier ein, der Ägypten statt des düsteren Totenkults als Sohn der Sonne regieren wollte. Schön genug ist er dazu. Ich habe noch selten solch einen blendenden Mann gesehen!“
„Aber seine Gemahlin war die ebenso schöne Nofretete!“ lachte ich.
„. . . und die dicke kleine Mrs. Sanders kann unmöglich an seiner Seite die weltberühmte Nofretete vorstellen. Sie soll es probeweise versucht haben. Aber das Ergebnis war heute vormittag niederschmetternd. Nun hat sie sich, humoristisch wie sie ist, für das Nilpferd entschieden!“
„Für ein höchst quecksilbernes Nilpferd!“ sagte ich. „Und der arme schöne Pharao Amenophis muss als Strohwitwer einziehen!“
Unser Fräulein aus der Fremde hatte geschwiegen und zugehört. Sie musste erst die Überraschungen dieses Abends in sich verarbeiten. Ich merkte, dass ihr die blonde Ruhe meiner Frau wohltat. Meine Frau Wilburg war ja freilich gut anderthalb Jahrzehnte älter als sie, aber sie hatte nichts Mütterliches, sondern eher etwas von einer frischen und freundlichen älteren Schwester zu ihr, und das erzeugte in dem unruhigen Geist dort drüben offenbar Vertrauen. Man sah es an dem weichen, jetzt rein mädchenhaften Ausdruck, mit dem ihre dunklen Augen an der Wilburg hingen. Und diese tauschte mit mir, dem thebanischen Bürgermeister Ramose, als Palastdame Teje einen Blick, und wir kamen uns beide komisch in unserer baumwollenen Antike und unsern Kopftüchern und Sandalen vor, und sie meinte:
„Weisst du, Alter: es ist ja ein grosser Garderobenraum am Eingang, im Sethostempel, eingerichtet. Es ist am besten, ich ziehe mich schnell um und mache mich wieder menschlich und bringe das Fräulein in ihr Hotel zurück!“
„Ach ja bitte — tun Sie das!“ bat unsere kleine verirrte Europäerin stürmisch, die eigentlich gar nicht klein, sondern gross und schlank war und nur jetzt den Eindruck der Hilfsbedürftigkeit machte. „Ich gehöre ja gar nicht hierher! Ich habe ja gar keine Einladung. Ich wirke ja ganz stilwidrig wie eine graue Motte in dem kümmerlichen Reisefähnchen. Der Pharao mich sehen und mich an die Luft setzen lassen ist eins!“
„Kommen Sie!“ Meine Frau nahm sie an der Hand und wollte sie zum nahen Ausgang am zweiten Pylon führen. Aber wir hatten die Rechnung ohne die Götter und ihr Gefolge gemacht. Die waren gastlich gesinnt. Denen gefiel die Miss. Sie liessen sie nicht hinaus.
„Oh — bleiben Sie doch!“ miaute die Katzengöttin Pechet in freundlichem Angelsächsisch, und die Löwengöttin Sachmet grollte liebenswürdig:
„Wir wären so froh!“
Und die Kuhgöttin Hathor sprach dumpf unter ihrem schlangenumwickelten Hörnerkopf aus Papiermaché, den Mrs. Sanders wie alle Kostümstücke des Festes genau nach altägyptischem Muster hatte anfertigen lassen:
„Man wird sich um Sie kümmern!“
„Man wird Sie irgendwie kostümieren!“ versprach ein freundliches Tempelmädchen mit britisch hellblauen Augen und einer pechschwarzen Perücke über dem schokoladebraun angestrichenen Gesichtchen. Ein höchst weltlich schmunzelnder, dicker Hoherpriester ergänzte:
„Sie werden so lieblich aussehen, Madam!“
„Die Dame ist angegriffen und muss nach Hause!“ beharrte meine Frau energisch und wollte sich Platz machen. Ich hielt sie am Arm zurück. Nicht nur, weil ich merkte, dass in unsrem Schützling die Lebenslust erwachte und die Verlockung, das Fest mitzumachen, verstohlen die hübschen jungen, an sich schon nilbräunlichen Züge belebte. Ich deutete auf die Mitte des Tempelsaals.
,,Siehst du dort den Reverend Thomson — ich meine den Krokodilgott Sechos — eigentlich der Gott der Unendlichkeit? Er hat seinen Krokodilskopf ins Genick zurückgeklappt. Das können sie nämlich hier, wenn es not tut, alle, damit sie nachher beim Jazzen Luft haben. Er hat sich durch die Schlange dem Nilpferd vorstellen lassen. Er spricht mit dem Nilpferd und weist auf unser Fräulein. Da — da saust der Hippopotamus schon auf sie los und öffnet sein Visier!“
Auch der nachsichtigste Beobachter wird Mrs. Sanders nicht für eine Schönheit erklären können. Sie ist trotz ihrer noch nicht dreissig Jahre von einer gesunden, man möchte sagen natürlichen Dicke. Ebenso natürlich der Krauskopf über einem humoristischen Mopsgesicht. Sie scheint ein Russe an Gesundheit und unverwüstlich guter Laune. Mit der fasst sie offenbar alle Dinge dieser Welt auf, auch ihr eigenes Äeusseres. Das nimmt sie auch von der vergnüglichen Seite und macht daraus als Nilpferd das Beste. Das vermag nur ein sehr gutmütiger Mensch. Der ist sie offenbar in ihrer atemlosen Amüsiersucht, die wahrscheinlich nur vollkommene innere Leere ist. Es geht etwas von sonniger Barbarei jenseits des Grossen Teiches von ihr aus.
Mich und meine Frau hat sie, wie gesagt, noch nie gesehen. Aber sie bildet sich ein, uns zu kennen, und schüttelt uns herzlich die Hände.
„So froh, Sie einmal wiederzusehen! Trafen wir uns nicht zuletzt vor einem Jahr in Tokio? Nein? Wahrlich schade!“ Ein wohlwollender Blick auf die Dritte im Bunde. „Oh — und wer ist die hübsche Miss?“
„Ja — wenn wir das selber wüssten!“ sagte ich lachend. „Eine Deutsche! Erst heute morgen aus Alexandrien in Luxor eingetroffen. Kommt aus Indien! Mehr ist uns nicht bekannt!“
Aber nun stellte das Fräulein selber sich vor.
„Ich heisse Sabine Ritter, gnädige Frau!“ sagte sie bescheiden und zurückhaltend in ausgezeichnetem Englisch. „Und habe hier leider in den Anfang Ihres Festes hineingeschlafen und bitte um Entschuldigung, dass ich es durch mein unpassendes europäisches Exterieur verunschöne, und will jetzt machen, dass ich wegkomme! Guten Abend!“
Damit wollte sie wirklich gehen. Aber sie rechnete nicht mit Mrs. Sanders’ unersättlichem Menschenhunger. Dieser armen Reichen war alles recht, was in ihrer Welt, der Gesellschaft, wirkte.
„Verunschönen? — sagt die Miss!“ rief sie begeistert. „Wer so aussieht wie Sie, meine Liebe! Nein! Sie sind mein Gast! Sie müssen bleiben!“
9
Niederschrift der Mrs. Meg Sanders
Herr Bechtold hat mich gebeten, das, was ich weiss, ihm aufzuschreiben. Ich habe es diesem prominenten deutschen Gelehrten nicht abschlagen können. Oh — es war mir so schmerzlich! Denn in diesem Augenblick begann ja schon die grausame Tragödie meines Lebens, als ich Fräulein Ritter die Hand drückte und sie neben mich auf einen Schiffsstuhl zwischen den Säulen setzen liess.
Das Fräulein lächelte und setzte sich. Sie war sehr sicher in ihren Formen. Ganz ladylike. Bei ihrer reizenden Erscheinung eine wahre Akquisition für das Fest. Dieser Gedanke beherrschte mich.
„Sie werden Ihre Teilnahme nicht bereuen, meine Liebe!“ sprach ich begeistert. „Bald werden Sie meinen Mann als Pharao sehen. Der Eindruck wird Ihnen unvergesslich bleiben. Er ist ein Landsmann von Ihnen, ein Deutscher von Herkunft. Aber auch in keiner andern Nation findet man einen annähernd so schönen Mann. Er ist der schönste Mann der Welt. Professoren haben es gesagt. Ich bin begeistert von ihm, wenn ich ihn nur im Pyjama sehe. Jetzt als Pharao wird Mr. Sanders sich selber in den Schatten stellen!“
„Und Sie, meine Liebe?“ forschte ich dann neugierig. „Sie sind auch Ägyptologin, weil sie mit Herrn Bechtold erscheinen?“
„Ach Gott nein —“ sagte Fräulein Ritter, „ich habe daheim nur das Abiturientenexamen gemacht und war ein paar Semester auf der Universität. Aber es reichte nicht mit dem Geld und war ja aussichtslos. Da hatte ich Gelegenheit, als Sekretärin und Gehilfin einer kleinen deutschen Forschungsexpedition nach Peru zu kommen. Das war eine schöne Zeit. Aber dann musste ich wieder heim!“
„Wo sind Sie denn zu Hause?“
„In Schöllnitz in Mitteldeutschland, wenn Ihnen der Name etwas sagt, gnädige Frau!“ sprach das Fräulein Ritter wie mit einem unterdrückten Seufzer. Ich frug weiter:
„Ich hoffe ernstlich, dass Ihre Eltern dort noch am Leben sind und sich wohlbefinden?“
„Mein Vater ist in Schöllnitz Postrat. Sein Vater war Oberrechnungsrat. Der Vater meiner Mutter ist dort Stadtrat. Geschwister habe ich auch ganz nett viel. Es ist alles in schönster Ordnung, gnädige Frau! Wilde Sachen kommen in Schöllnitz nicht vor!“
„Oh — das freut mich wahrhaft zu hören!“ versetzte ich, „und weshalb sind Sie nicht dort geblieben?“
„ . . . weil man in Schöllnitz zehn Jahre leben kann, ohne etwas zu erleben!“ erwiderte Fräulein Ritter. „Ich hatte so einen Drang wieder in die Welt hinaus. Ich bildete mir ein, ich müsste nach Indien! Der Inhalt meiner Sparbüchse reichte gerade bis Southampton. Dort fuhr ich heimlich hin und nahm auf einem Steamer der P. and O. eine Stelle als Stewardess nach Kalkutta an!“
Oh — eine Stewardess! Ich lehnte mich zurück. Ich war schockiert. Ich wurde sehr kühl und gemessen. Eine Stewardess — ich warf einen besorgten Blick in die Tempelhalle. Ich hatte da Seine Herrlichkeit den Lord Colum mit der Lady zu Gast, Seine Hoheit den Herzog von Massa-Carrara, den Admiral der Flotte Sir Flower mit seinen Töchtern, Madame Eleazar von der Pariser Bankgruppe, den guten alten Prinzen Tschebykin — wie konnte ich diesem ausgewählten Volk eine Stewardess zumuten?
„Da haben Sie also augenblicklich Urlaub von Ihrem Steamer?“ erkundigte ich mich frostig. Fräulein Ritter musste lachen. Sie schüttelte den Kopf.
„Das war nur eine kurze Episode, auf der Hinfahrt, gnädige Frau! Da hatten wir schon gleich hinter dem Roten Meer grobe See, und die alte Mrs. Adams, die mitreiste, war schwer seekrank, und ich betreute sie und brachte ihr Tee und machte ihr Brotschnittchen mit scharfem Senf zurecht — die behielt sie bei sich. Da gewann sie Gefallen an mir und hiess mich an ihr Bett sitzen und frug mich aus. Wie sie hörte, wer ich war und dass ich drei fremde Sprachen spreche, hat sie mich einfach als Reisebegleiterin weiter mitgenommen, und wir waren ein Vierteljahr in Indien und sind nun hier!“
Gott sei Dank! Ich habe innerlich aufgeatmet und gelächelt und gebeten:
„Erzählen Sie niemandem, meine Liebe, dass Sie Stewardess waren!“
„Ich mache sonst kein Hehl daraus!“ sagte Fräulein Ritter. „Arbeit schändet nicht! Aber ich kann mich ja hier darüber ausschweigen, wenn es Ihnen lieber ist!“
„Dank Ihnen! Und wer ist diese alte Mrs. Adams?“ Ich traute meinen Ohren nicht — ich war entzückt. „Die berühmte Theosophin? Oh — welch ein Gewinn für diesen Abend! Oh — fliegen Sie, meine Teure! Holen Sie sie her! Sagen Sie ihr, ich liesse sie inständig bitten! Ich . . .“
Aber zu meinem Erstaunen stand Fräulein Ritter mit unbehaglichem Antlitz auf und sagte unsicher:
„Das fällt mir leider erst jetzt ein! Es dreht sich mir ja alles im Kopf! Ich muss wirklich um Entschuldigung bitten! Mrs. Adams ist nämlich durchaus, dagegen, dass man die Pharaonen in ihrer Ruhe stört!“
„Oh — warum sollten wir nicht so tun?“ frug ich. „Die Eingeweide des Königs Scheschonk sind ja schon in Berlin. Nun werden wir auch den Rest auffinden und künftig kontrollieren! Es wird ein glorreiches Ding!“
„Mrs. Adams ist da anderer Ansicht, und ich bin natürlich ihrer Ansicht. Ich habe das Gefühl, dass ich mit einer solchen Ansicht nicht an dem Fest teilnehmen kann! Ich komme mir wie eine Art Spion vor!“
„Aber wieso denn?“ frug ich verwundert. „Wer wird sich denn so über einen Pharao aufregen, der einmal zur Zeit Karls des Grossen oder wann gelebt hat? Ich sehe Ihnen ja an, meine Liebste: Sie sind doch ein junges Mädchen! Sie wollen sich doch amüsieren! Sie blieben für Ihr Leben gern!“
„Das schon!“ gestand das hübsche Fräulein Ritter offenherzig. „Aber Mrs. Adams weiss ja gar nicht, wo ich geblieben bin . . .“
„Da die alte Lady Theosophin ist, weiss sie sicher schon durch Hellsehen, was hier mit Ihnen los ist! Aber Sie können es ihr ja noch zum Überfluss schreiben! Ich schicke den Brief durch einen Boten! Und nun kommen Sie, Liebe! Es sind noch Kostüme genug in der Garderobe drüben im Sethostempel. Es trifft sich gut. Eine Lady, die von Karthum herüberfliegen sollte, hat abgesagt. Es fehlt auf ihrer Schussliste noch ein weisser Mähnenaffe, für den sie von dem Generalgouvernement des Sudans die Erlaubnis bekommen hat! Das ist dieser oberflächlichen Frau wichtiger als hier das Fest! Das schöne für sie bestimmte Kleid ist frei! Damit putzen wir Sie jetzt als Königin heraus!“ Ich eilte und winkte dem Schlangenkopf, meiner Sekretärin. „Miss Short — nehmen Sie sich des deutschen Fräuleins an!“
Ich sah, als die beiden weg waren, unter meinen Gästen einen Gentleman, klein und ausdrucksvoll wie Napoleon, der sich nur einen weissen, mit Hieroglyphen bestickten Mantel über Frack und weisse Binde geworfen hatte. Denn Mr. Nothomb, dieser grosse Journalist zweier Erdteile, musste immer wieder mit seinem Wagen hinein nach Luxor zum Telegraphenamt, um seinen Teil der Weltpresse mit Funkspruch und Kabel zu bedienen. Ich stürzte auf ihn zu, ich schüttelte ihm die Hand.
„Oh — machen Sie mir einen schönen Festbericht für England und die Staaten!“ bat ich. Der grosse Mann konnte es mir versprechen. Durch meines Mannes Vorhaben auf das Scheschonk-Grab hatte Ägypten in diesen Tagen Anspruch auf Schlagzeilen auf der ersten Seite in der ganzen angelsächsischen Welt.
So konnte ich mich beruhigt abwenden und hatte nur noch den Brief, den inzwischen das Fräulein Ritter geschrieben, an die berühmte alte Geisterseherin in Luxor zu schicken. Der Bote brachte nach kurzem einen Brief von der alten Lady an das Fräulein als Antwort zurück. Ich schickte ihn hinüber in den Sethostempel, wo sie von einer Anzahl von geschäftigen Händen in aller Eile in irgendeine Pharaonin verwandelt wurde.
10
Ein Zettel der Theosophin Jane Adams an ihre Reisebegleiterin Sabine Ritter
Die Unsichtbaren sehen. Die Ameisen in dem Ameisenhaufen, über dem ich stehe, sehen mich nicht, weil ich für sie zu gross bin. Aber ich sehe sie. Es ist vieles für die Menschen zu gross.
Ich habe mich eben darüber längere Zeit mit meinem seligen Mann unterhalten. Die Klopftöne kommen hier in dem Hotel recht gut und rein.
Als ich hörte, dass Sie in Karnak seien, wusste ich schon, dass Sie da draussen bleiben würden, Kind! Bleiben Sie nur! Rings um uns ist die uns verschlossene erweiterte Welt. Tausend Augen, die wir nicht schauen, beobachten aus anderen Dimensionen unser Tun und Treiben und betrachten augenblicklich euern Totentanz im Tempel und werden schon das Weitere veranlassen.
Nicht gegen Sie! Sie sind durch mich zu der wirklichen Welt bekehrt, die über die dritte Dimension hinausgeht! Also machen Sie mit reinem Herzen das Fest der Frevler mit, in dem festen Glauben, dass das ist, was nicht ist. Dann kann selbst Ägypten Ihnen nichts anhaben!
Aber eines müssen Sie mir versprechen: Sie sind Gast des Herrn Konrad Sanders. Zeigen Sie dieser modernen Hyäne der Grüfte diesen Brief — das heisst das, was ich, eine alte Frau von siebzig Jahren, nur schnell aus dem Stegreif, aus dem Gedächtnis, wie es mir gerade einfällt, als letzte Warnung einer besorgten Geisterfreundin, um ein neues Unglück wie das des Tutanchamen zu verhüten, hier für ihn anfüge:
Dass von den sechzehn Mitgliedern der Expedition Carnavon, die in diese Königsgruft eindrangen, jetzt nach einer kurzen Reihe von Jahren nur noch zwei am Leben sind, das ist eine Tatsache, die jedem Skeptiker bekannt sein muss. Denn sie ist oft genug durch die Presse aller Länder gegangen.
Aber die in Stein gehauene tote Viper, die sich im Innersten des Tutanchamen-Grabs an der linken Seitenwand des letzten Durchgangs um einen erwürgten Menschenvogel — die Hieroglyphe „Seele“ — windet, weist noch auf viele andere Opfer menschlichen Vorwitzes hin.
Der südafrikanische Millionär und Seefahrer Woolf Joel erlag, kurz nachdem er im Grab des Tutanchamen gewesen, einer Gehirnlähmung. Die Gräfin Waddington machte freiwillig ihrem Leben ein Ende. Ebenso Lord Westbury. In den letzten Zeilen, die er vorher niederschrieb, war zu lesen: „Ich kann das Furchtbare nicht mehr aushalten! Ich muss Schluss machen!“
Von sieben französischen Zeitungsmännern, die Berichte über das Grab schrieben, starben sechs im gleichen Jahr.
Oh mein Herr Sanders! Wollen Sie wirklich das Grab des Pharao Scheschonk erbrechen und ihn womöglich nach Europa verschiffen, wo schon sein Inneres ruht? Denken Sie, was sich jetzt eben auf dem Dampfer „Northumberland“ auf der Fahrt von Port Said nach London ereignet hat! Eine Mumie fuhr als Frachtgut mit, ein junger Ägypter als Passagier in der Ersten Klasse. Bei der Ankunft im Hafen waren beide, der Mensch und die Mumie, spurlos verschwunden und sind nie wieder zum Vorschein gekommen. Der Geist der Mumie, vor dem tausend Jahre wie ein Tag sind, hat seine irdischen Überreste wieder heimgeholt. Oh denken Sie an das, was Sie nicht wissen — eine alte Theosophin ruft es Ihnen zu und betet für Sie zu den Mächten, an die Sie nicht glauben, dass Sie den Pharao nicht in seiner Ruhe reizen mögen! Treulich Ihre Jane Adams.
11
Aus dem Bericht des Grossjournalisten Arthur Nothomb an den von ihm bedienten Teil der Weltpresse
Die Posaunen schreien. Die Jahrtausende werden wach. Die einst Gewesenen kehren zurück. Was tot ist, lebt, was lebt, verkörpert die Toten. Wie buntes Ameisengewühl flutet es, harft und flötet, singt mit heller Stimme und Priesterbässen zwischen den vierzig Fuss im Umfang klafternden Säulen, auf denen in vielfacher Lebensgrösse Isis und Osiris, Horis und Hathor und er selber, der gewaltige Ummon-Râ, hoch über den Menschlein ihren ewigen Weg schreiten.
Feierlich ragen vor seinem Tempel die Obelisken zu der goldfunkelnden Sternendecke des nachtblauen Nilhimmels. Wie die Schatten von Kirchtürmen sitzen da draussen als Wächter der Ewigkeit, aus Rosengranit gemeisselt, die Kolosse der Pharaonen, neben ihnen, als schmächtige Steinpuppe ihnen kaum bis zu den Knien reichend, eines jeden Schwester und Frau in der gleichen Königinnengestalt.
Näher und näher die gellen Stösse der Posaunen. Ihre ehernen Stimmen brechen sich fern an den götterbunten Wänden der heiligen Riesenhalle. Näher und näher die silbernen Hymnen der Tempelmädchen, näher und näher der dumpfe Donner der Lanzenschäfte an den Schilden. Der purpurne Glast des Fackelgeflackers kämpft blutig mit dem bläulichen Spinnweb des Mondscheins. Die „Throne der Welt“ scheinen zu beben. Der Pharao Amenophis IV., der grosse Ketzerkönig, der Sohn der Sonne, naht.
„Gebet Ehre Ammon, dem Herrn von Theben, welcher gegeben hat seinem Sohn, dem Pharao, den Sieg! Sein Vater Ammon machte stark seine Hände. Er spricht zu seinen Kriegern:,Euch seien alle Dinge der elenden Feinde, so wahr mich liebt der Sonnengott Râ!‘“
Buntfarbige Negersklaven tanzen brüllend als Läufer voraus. In feierlicher Rangordnung schreiten dahinter in Hieroglyphengewändern aus weissem Leinen und umgeworfenem Pantherfell die Hohenpriester, von den Reinigern der Seele zu den Göttlichen Vätern bis hinauf zu den Propheten. Die Standarte der Sphinx schaukelt über den Kriegshauben der Leibwachen. Ein Gewoge brauner Gestalten in braunen Hüftschürzen, in denen blank, ohne Scheide, die Kriegsmesser stecken, trägt auf hohen Stangen die heiligen, siegbringenden Goldstatuen von Ibis, Katze, Falke und Krokodil. Gefangene in kanariengelben Hemden trotten gedrückt mit ihnen. Das Menschenbrausen steigert sich zum Sturm. Da wandeln schon in taghellem Fackelglanz gemessenen Schritts die beiden Träger des rechten und des linken Königswedels, und dahinter erscheint, unter den Fanfaren und dem heiteren Händeklatschen aus der Halle und unter den lachenden Zurufen der Ladies, er selber, der Pharao.
Wahrlich — die Ladies hatten Grund, begeistert zu sein. Ich habe Herrn Konrad Sanders in den letzten Jahren wiederholt zufällig irgendwo auf der Welt getroffen — im Astor-Haus in Schanghai, im Hawai-Hotel in Honolulu, am Ufer des Guadalquivir auf dem Paseo de las Delicias, dem Abendkorso der schönen Welt von Sevilla. Ich hatte immer von ihm das Bild eines Mannes, von dem die Damen der Alten und der Neuen Welt träumen. Aber die Verwandlung in den Pharao selber setzte erst die Erscheinung dieses vorbildlichen und liebenswürdigen Gentleman in das rechte Licht.
Er stand aufrecht in einem zweiräderigen, blau-gelben Kampfwagen und lenkte mit an den Hüften befestigten Zügeln das Paar milchweisser Rosse mit blau-gelben Straussenfedern an den Köpfen und Mähnen. Alles getreulich nach den viertausendjährigen Bildern an den Tempelwänden. Er trug ein schneeweisses Streitgewand mit rot-blauem Pfeilköcher, in der Rechten den Ebenholzbogen, in der Linken die Geissel. Blau-goldener Kettchenputz glitzerte ihm am Hals und an den blossen Armen. Sein Haupt krönte die weissgesternte, blaue, hochgespitzte
Tiara. Oben auf ihr einten sich die Sonnenscheibe und die Kobraschlange als Zeichen seiner Macht über Leben und Tod.
War das ein Pharao? War das ein Apollo unserer Tage? Der antike Mensch in nordischer Wiedergeburt? Es war erstaunlich, wie sich in ihm die Jahrtausende mischten. Die Züge dieses Gentleman hatten in ihrer klassischen Formung etwas Zeitloses. Auf ihnen verschmolz die Erinnerung an den Geist ferner Zeiten und Erdteile — Asien — Ägypten — mit dem Urbild nordischer Herrenrasse. Diese schmalen, bartlosen Lippen, dieses dunkelblonde Haar, diese grossen hellblauen Augen weisen gebieterisch auf das Europa nördlich der Alpen, vielleicht schon nahe der See, obwohl Herr Konrad Sanders, soweit mir bekannt, aus gutbürgerlichen Verhältnissen im Innern Deutschlands stammt.
Mrs. Meg Sanders’ Gatte ist von mehr als mittelgrosser, schlanker, tadellos ebenmässiger Gestalt. Jede seiner Bewegungen zeigt den geschulten Sportsmann. Man sah es, als der kommende Entdecker des Scherchonk-Grabes — ein Pharao, der nach dem andern fahndet! — elastisch von dem Wagen sprang, um die Stufen zu seinem löwenfüssigen, mit elfenbeinernen Lotosblumen besäten Königsfessel aus vergoldetem Zedernholz emporzusteigen.
Da waren eigentlich zwei Sessel. Neben seinem goldenen Thron noch ein kleinerer und etwas weniger hoher. Dieser Ehrenplatz der Königin war leer, und er wurde leer bleiben. Denn Mrs. Meg Sanders, diese so allgemein beliebte Gastgeberin und für die smarte Welt diesseits und jenseits des Grossen Teichs massgebende Meisterin in gesellschaftlichen Spitzenleistungen, diese prächtige Lady zog es zu allgemeinem Bedauern vor, sich als ein allerdings höchst ergötzliches Nilpferd zwanglos zwischen ihren Gästen zu tummeln.
Sollte wirklich dieser königliche Mann, der da seine goldene Sandale auf die erste Thronstufe setzte, ohne seine Königin bleiben? Dieser Gedanke erzeugte Betrübnis und Bitterkeit in der hier versammelten auserwählten Gesellschaft der verschiedensten Nationen. Wenn es noch eine beliebige Pharaonin gewesen wäre! Aber es handelte sich hier doch um Nofretete selber — die weltberühmte schöne Nofretete!
Neben mir stand in diesem Augenblick der wohlbekannte deutsche Gelehrte, Herr Bechtold, und erläuterte mir: „Der Sonnen- und Ketzerkönig Amenophis, den jener Gentleman verkörpert, legte sich den Herrschernamen,Die Sonne ist zufrieden‘ bei. Er war zufrieden, weil er mit seiner Gemahlin Nofretete und seinen sieben Töchtern das glücklichste Familienleben führte. Oft standen sie beisammen auf dem Balkon und warfen dem Volk unten Geschenke zu, und man kennt noch in Hieroglyphen das alltägliche Morgengebet der Nofretete an die aufgehende Sonne: ‚Du Sonnenscheibe! Du lebendiger Gott! Verleihe dem Herrn des Landes, dem Pharao, dass er lebe mit dir vereint in Ewigkeit und dass ich, sein Weib, die Königin Nofretete, möge leben immerdar und ewiglich an seiner Seite!‘“
Wo bist du, Nofretete?
Dein Thron ist leer!
In den Scharen der Gäste Pharaos entstand ein ungeduldiges Brausen und schwoll an. Sie erinnerten mich an ein Bienenvolk. Sie suchten auch ihre Königin. Der Pharao aus U.S. zuckte die Achseln. Er war nun einmal Strohwitwer. Er wollte zu dem Thron hinauf. Aber der Totengott Anubis stand vor ihm und fletschte die Schakalszähne und faltete bittend die Hände, als wollte er sagen: Ich schaffe dir ja deine Nofretete — irgendwo aus den Jahrtausenden her!
Aus der altägyptischen Menge wurden zurufe laut: „Nofretete!“ und verstärkten sich. Ladies und Gentlemen wetteiferten in ihrem Ungestüm. Sie klatschten taktmässig in die Hände. Sie riefen dazu in demselben eindringlichen, immer wiederholten Gleichmass: „No—fre—te—te! No—fre—te—te!“
Herr Sanders, der Pharao, stutzte. Er begriff, dass dieser Abend eine Königin, eine Königin am Nil, forderte. Er wandte feinen schönen, durch die Sonnen- und Schlangenkrönung seltsam bedeutungsvollen und düsteren Kopf nach seiner Frau. Sein Blick fand sie in einer Gruppe seitwärts um den sekttrinkenden Widdergott Chnum. Mrs. Sanders war keine Spielverderberin. Selbst ihr Nilpferdkopf hatte einen leutseligen Zug um die Backenfalten. Sie nickte mit diesem ungefügen Haupt und klatschte wie die andern in die Hände. Ihr lag vor allem daran, ihre Gäste zufriedenzustellen. Es scholl immer dringlicher und hallte an der Steindecke des Tempels wider: „Nofretete!“
Herr Sanders hörte es immer wieder. Er sah sich suchend um. Er war durch den Mittelhof mit seinem Gefolge eingezogen. In der Haupteingangswölbung, vom Grossen Hof her, erschien jetzt eben eine Göttin mit einem Schlangenkopf. Diese unheimliche Dienerin geleitete einen verspäteten Gast in den Tempel des Ammon. Es war eine junge Lady in der Tracht einer Pharaonin, und ein allgemeines „Oh!“ ging bei ihrem Anblick durch den Saal.
Diese Miss — oder eine Deutsche, wie es hiess —, ein Fräulein Ritter, war gross und schlank und von Kopf bis zu Fuss in ein golddurchwirktes Gewand gehüllt, unter dem die goldenen Schuhe sichtbar waren. Ein Gürtel aus Lapislazuli-Steinen raffte in der Taille die leuchtenden Stoffwellen, die malerisch an ihr herniederflossen. Goldene Spangen schmückten ihre blossen weissen Arme. Sie trug über ihrem auffallend hübschen Antlitz eine Perücke aus unzähligen kleinen, schwarzen Ringellocken, die ein goldenes Stirnband zusammenhielt. Darüber schatteten als Zeichen ihrer Königswürde zwei Fuss hoch die rote und die weisse Straussenfeder Ober- und Unterägyptens und gaben ihren mädchenhaft verwirrten und doch ungläubig-glücklichen Zügen einen strengen Herrscherausdruck.
„Nofretete! — Nofretete!“ Es hallte stürmisch zwischen den Göttersäulen: „Nofretete ist gefunden!“ Es war, als sei sie just für diesen Augenblick aus dem Dunkel altägyptischer Geheimnisse aufgetaucht. Amenophis, dem Strohwitwer, blieb keine Wahl. Man sah auch, dass die Wahl Herrn Sanders nicht schwerfiel. Er schritt auf seine Pharaonin zu.
Sie wusste noch gar nicht, wie ihr geschah. Dann begriff sie. Eine plötzliche Röte färbte ihr hübsches, von der Sonne gebräuntes Gesicht. Sie hob abwehrend die Hände. Sie wollte protestieren. Irgend etwas sagen, dass das zuviel der Ehre für sie sei. Oder was man bei solchen Gelegenheiten sagt. Aber man liess sie gar nicht erst zu Wort kommen. Herr Sanders, der Pharao, nahm ihre Hand in seine und stieg die Stufen hinauf, und sie an seiner Seite, offenbar noch ganz betäubt und verwirrt, und so setzte sie sich in den niedrigen Sessel neben ihm. Es war ein schönes Paar.
Alles jubelte. Die Trompeten bliesen. Die Krieger schlugen an ihre Schilde. Die Götter winkten. Die Hohenpriester lachten. Die Tempelmädchen harften und schrien. Die Halle der Pharaonen leuchtete in Licht und Lärm und Leben. Neben mir sprach der deutsche Gelehrte Bechtold:
„Sehen Sie, wie die beiden sich gleich in die Augen schauen, als hätten sie sich schon lange gekannt! Was sind dreitausend Jahre? Was ist Tod und Leben? Amenophis und Nofretete haben sich wieder einmal gefunden!“
12
Fortsetzung des Berichts Mr. Nothombs
Viel haben gewiss diese Tempel von Karnak im Wandel der Jahrtausende gesehen, aber solch ein Fest vielleicht noch nie. Am Himmel stand geisterhaft und riesig der Vollmond und leuchtete strahlend das Südliche Kreuz vor dem Sternengewimmel. Unten in den heiligen Ruinen waren die Fackeln längst erloschen. Nur Chonsu-Thot, der Mondgott, herrscht und verklärt mit mildem Schimmer ein Bild, das die seit Jahrtausenden durch Querschnitt gespaltene Schöpfung nicht mehr kennt — ein Bild aus den Zeiten, da das Weltall ein grosses Eins war.
Götter und Menschen und Tiere — was lebt und webt —, wo beginnt ihr — wo endet ihr? Ihr borgt voneinander Gestalt und Sinn, ihr schmelzt ineinander und trennt euch, und Hochmut ist euch fern. Was da ist, wandert ewig in immer neuer Form und erkennt sich in jedem Wesen wieder. Die Sonne missachtet den Mistkäfer nicht. Der Pharao, der Herr der Welt, kniet vor dem wiederkäuenden Apisstier, so heilig ist das Ichneumon wie der Hausvater für die Mumienbalsamierer der Totenstadt.
So eint sich auch da in der mondhellen Halle alles in der geheimnisvollen Gleichheit aller Dinge. Das Krokodil tanzt mit der Isispriesterin, Geier und Gans hüpfen als Mutter und Sohn, Ibis, der Geist des Weltalls, wirbelt mit dem heiligen Hundskopfaffen, die Göttermutter Nut gibt dem kriegsgefangenen Hettiterhäuptling den nächsten Foxtrott, und am unermüdlichsten tollt und tummelt sich das quecksilberne Nilpferd, Mrs. Meg Sanders selbst.
Kleinbürgerliche Regungen von Eifersucht sind dieser geborenen Gesellschaftskönigin fern. Sie freut sich, für ihr Fest und für ihre Gäste, dass da oben an ihrer Stelle eine schöne junge Königin sitzt, und läuft mehr als einmal die Thronstufen hinauf und schüttelt dem Fräulein aus der Fremde die Hände und versichert ihr, wie vorteilhaft sie sogar neben einem so schönen Mann wie Mr. Sanders wirke.
In der Tat: die beiden sind, unterstützt durch die Pracht ihrer Gewandungen, eine Augenweide in dieser pfefferundsalzfarbenen Welt, und das um so mehr noch, als ihre Gesichter so warm von innen heraus belebt sind. Sie sprechen eifrig miteinander. Sie haben sich eben erst kennengelernt und doch sofort miteinander als der Pharao und seine Pharaonin gefunden. Sie spielen ihre Rolle des königlichen Paares meisterhaft. Das Gebet der Nofretete schwebt über den beiden Menschengestalten, deren Lippen lächeln, deren Augen glänzen: „Dass ich, sein Weib, die Königin Nofretete, möge leben immerdar und ewiglich an seiner Seite . . .“
Es ist ein Gedränge um die Königsthrone. Jeder will das Herrscherpaar begrüssen. Der Raum reicht nicht. Aber der Grosshofmeister Snophi, der Sohn der Schlange“, morgen wieder unser guter alter indischer Oberst im Ruhestand Bircham, weiss Rat. Die Krieger bringen eine Sänfte. Sie werden Amenophis und Nofretete durch die ganze Länge des Tempels tragen, damit sie die Huldigung ihrer Untertanen, statuenhaft aufrecht sitzend, in feierlicher gnadenstarrer Ruhe, entgegennehmen.
Da nun störte dieser gespenstige Zwischenfall auf kurze Zeit die frohe Festlaune. Es war die Schuld der eingeborenen Torwächter an den Tempeleingängen. Sie hätten keinen Unbefugten hereinlassen dürfen. Sie behaupteten, sie hätten es im guten Glauben getan, dass diese wandelnde Mumie auch zu der Gesellschaft gehöre. Von wo der lebende Leichnam seines Pilgerweges kam, wussten sie nicht. Wer kann zu mitternächtiger Stunde diese ganze meilenweite Trümmerwelt auf Schatzale, Beduinen und Gespenster kontrollieren?
Ich stand neben dem deutschen Gelehrten, Herrn Bechtold. Ich sagte ihm lächelnd:
„Wohl: Ihr hübscher Schützling scheint sich doch die ganze Zeit so gut als Nilkönigin zu amüsieren! Warum macht sie jetzt ein so besorgtes Gesicht? Sie spricht fortwährend eindringlich auf ihren Pharao ein!“
„Ich beobachte es auch!“ erwiderte der deutsche Gentleman. „Er lacht dazu! Er scheint es nicht ernst zu nehmen, was sie ihm sagt!“
„Sie wird immer ängstlicher. Es ist, als ob sie Herrn Sanders vor etwas warnt!“
„Sie zeigt ihm bittend ein Blatt Papier — einen Brief oder derlei . . .“
„Er wirft einen Blick hinein und schüttelt nur belustigt den Kopf!“
„Er winkt jemandem!“ sprach Dr. Bechtold. „Es gilt Ihnen, Mr. Nothomb!“
So war es. Die Sänfte mit dem Königspaar hatte sich schon in Bewegung gesetzt. Aber jetzt stoppte sie in der Halle mitten in dem Gewühl der Tier- und Menschenköpfe, der Straussenfedern und farbigen Nackentücher und spitzen Priestertiaren. Herr Sanders rief mir von seinem Hochthron mit einem knabenhaften Lachen in seinen grossen blauen Augen zu:
„Etwas für Sie, alter Nothomb! Etwas Gruseliges, wie es Ihre Presse liebt!“
„Oh — geben Sie!“ bat ich im Eifer meines Berufes.
„Die Königin Nofretete hat mir soeben einen Handzettel der Mrs. Jane Adams an mich gegeben. Sie hätte es schon früher tun sollen. Sie hat sich, wie sie sagt, in der Verwirrung nicht gleich dazu entschliessen können!“
„Oh — und was steht darin?“
„Lesen Sie selbst! Nichts weiter als ein neuer Streckenrapport von Opfern des Tutanchamen! Mein Gott: was interessiert das mich?“
„Das sagt Herr Sanders, der selbst ein Pharaonengrab öffnen will!“ sprach erregt von oben Fräulein Ritter. Auf ihrem dunkelhäutigen, bräunlichen Gesicht stand ernstliche Sorge um den Gemahl auf Zeit an ihrer Seite geschrieben. Ihre Stimme war beklommen. „Ich versuche die ganze Zeit, Herrn Sanders von seinem Vorhaben abzureden, damit ihm nichts passiert?“
„Nofretete kennt mich noch nicht! Ich bin kein Mann, der über Strohhalme strauchelt!“ sagte Herr Sanders gleichmütig, aber doch mit einem langen und warmen Blick auf seine Königin, und sie, wahrlich jetzt nicht die längst tote und ferne Pharaonin, sondern eine höchst lebendige, höchst stürmisch empfindende Frau unserer Tage, in unterdrückter, aber doch merklicher Unruhe:
„Ich kenne doch Mrs. Adams! Sie warnt nicht umsonst! Sie weiss mehr als wir!“ Die Königin Nofretete beugte sich bang zu mir herab, den sie gar nicht kannte. „Oh — helfen Sie mir doch, Sir!“
Ich zuckte diplomatisch unter meinem Hieroglyphenmantel die Schultern. Solch eine Schlagzeile aus der vierten Dimension, dank einer so prominenten Geisterseherin wie Mrs. Adams, war ein gutes Ding für die Presse dreier Erdteile. Ich hörte schon im Geist das Geschrei der Strassenaraber auf dem Strand Londons und auf dem Broadway.
„Ich bin eine lichtempfindliche Platte!“ versetzte ich lächelnd, während ringsum das Volk der Pharaonen offenen Mundes und gespannten Blicks zuhörte. „Ich bin eine Schallmembran. Ich bin seit zwanzig Jahren ein Registrierapparat für alles, was mir das Schicksal täglich in kleiner Münze von Begebenheiten einwirft. Wenn Mr. Sanders es für weise findet, den Pharao Scheschonk mit einem Schlag auf die Schulter und einem,Halloh — alter Junge!‘ aus seiner Siesta aufzuerwecken — ich pachte eigens ein Kabel, um dies Interview als erster rund um den Äquator zu starten!“
„Ich werde eine Audienz bei dem Pharao Scheschonk erzwingen!“ rief Konrad Sanders. Er stand hochaufgereckt, eine königliche Erscheinung, in seiner Sänfte, während die Lady zu seiner Linken seufzend die Achseln zuckte und sich kummervoll zurücklehnte. Er lachte unternehmend und schwenkte den Brief der guten alten Theosophin so geringschätzig durch die Luft, als sei es eine Hotelrechnung, und warf ihn mir zu.
„Eine Walfischtonne für Sie, Nothomb, und Ihre Blätter! Spielen Sie vorläufig damit! Veröffentlichen Sie die Totenliste des Tutanchamen! Betonen Sie, nichts sei irriger, als in ihr eine schwarze Vorbedeutung für mein Unternehmen zu sehen! Geben Sie allen Ihren Lesern zu verstehen, ich wüsste nicht, ob es einen Fluch des Pharao gibt oder nicht! Aber wenn es einen gibt . . .“ Hier richtete sich dieser unerschrockene Sportsmann in seiner ganzen so wohlgebildeten, herrlich sich unter dem Schlachtgewand des Pharao abzeichnenden Gestalt über der Götter-, Mensch- und Tierwelt empor, die gläubig unten seine Sänfte umringte: „. . . wenn der König Scheschonk sich wehren sollte, so werde ich der Stärkere sein, so wahr das zwanzigste Jahrhundert stärker ist als irgendein altes Jahrtausend am Nil!“
Er blickte durch den Säulenwald kriegerisch in der Richtung nach Westen, wo, eine Viertelstunde entfernt, der Nil durch die Nacht strömte und irgendwo drüben im Tal des Todes noch unentdeckt und ungestört der Pharao Scheschonk seinen ewigen Schlaf schlief. Ein harter Siegeswille strahlte über seinem klassisch geformten Antlitz. Seine Stimme klang wie eine Attackenfanfare durch die heiligen Hallen. Er breitete die Arme aus und rief lachend in die dunkle Weite, dass es dumpf von den Mauermassen der Pylonen widerhallte:
„Scheschonk! Ich komme!“
„Nein! Scheschonk kommt!“
Ich habe selten einen so gellenden Angstschrei einer weiblichen Stimme gehört wie diesen. Die Löwengöttin hatte ihn ausgestossen und strebte im gleichen Augenblick nach Deckung hinter dem nächsten dicken Hohenpriester. Aber auch der wich mit aufgerissenen Augen zurück. Der Widdergott liess sein Sandwich fallen und suchte sein Heil zwischen den aufkreischenden und zurückflatternden Tempelmädchen. Selbst Mrs. Sanders, die kleine, füllige Nilpferdgöttin, wies verblüfft mit zitterndem Zeigefinger nach vorn. Neben ihr hob der Schakal Anubis seinen Arm und rief mit unsicherer Stimme nach der Polizei.
Und doch wäre es gerade seines, des Totengottes, Amtes gewesen, sich mit dem dunklen Gast zu befassen, der da plötzlich, unbemerkt aus der Nacht aufgetaucht, einsam vor den beiden leeren Königsthronen stand, durch eine breite, kahle, mondbeschienene Tempelfläche von den unwillkürlich zurückgewichenen phantastischen Gruppen der Pharaogäste getrennt. Denn es schien wirklich beinahe etwas an dem, was eine angstvolle Frauenstimme durch die Stille schrie:
„Die Mumie des Scheschonk ist gekommen!“
Im hellen, bläulichen Licht stand da oben die gebeugte Gestalt eines kleinen, ältlichen, schwärzlichen Mannes. Er hatte eine dunkle Kappe auf dem Kopf und war so eng in einen dunklen Fellachenmantel gehüllt, dass man aus der Entfernung in der Dämmerung und in der Erregtheit bei einigem guten Willen sich einbilden konnte, Mumienbinden umwickelten seinen Leib. Sein bartloses Antlitz mit den dünnen Lippen und halbgeschlossenen Lidspalten war dunkel-lederbraun, wie von der Tropensonne ausgedörrt. Die Backenknochen sprangen wie bei einer Totenmaske unter der Gesichtshaut vor. Man konnte, wenn man wollte, auch in der grossen gebogenen Nase, dem eingefallenen Mund eine Ähnlichkeit mit einer Mumie finden.
Derjenige, der festen Schrittes, mit verbindlicher Bestimmtheit auf den kleinen schwarzen Schatten da oben zutrat, das war Herr Sanders selber, immer das Vorbild eines Gentleman in allen Lebenslagen.
„Darf ich fragen, was Sie zu uns führt, Sir?“ frug er mit dem liebenswürdigen Lächeln eines höflichen Hausherrn.
„Ich könnte fragen, was Sie zu mir führt“, sprach es mit einer leisen und tonlosen Stimme, aber in gutem Englisch aus dem schmalen Mumienmund. „Denn ich bin hier zu Hause!“
„Nun: dies Fest gebe ich!“
„Sie haben dazu alles geladen, was je im Niltal war. Da bin ich auch gekommen!“
„Von wo?“
„Da, wo Sie hinwollen und nicht hinsollen!“ Es klang blechern, leidenschaftslos-eintönig. „Stören Sie den König Scheschonk nicht! Lassen Sie mir meine Grabesruhe!“
„Sprechen Sie, Sir, in Scheschonks Namen?!“
„Ich war es. Ich bin es! Raubt meine Mumie nicht! Bringt mich nicht in das helle Tageslicht. Wickelt mich nicht aus! Tut mir nicht weh! Ich räche mich!“
Der unbekannte Gentleman hob warnend einen Zeigefinger, der auch wie aus vertrockneten Knöchelchen zusammengesetzt schien. Herr Sanders wahrte sein kaltblütiges, unbefangen-sonniges Gesicht. Er bat:
„Ich bin ernstlich gespannt, wer Sie sind, Sir! Lassen Sie sich näher betrachten! Ich wäre so froh!“
„Es ist nicht nötig! Ich räche mich. Um das zu sagen, bin ich unter Ihrem Gastrecht gekommen. Ich gehe jetzt wieder hinüber nach Theben in das Tal.“
Und Herr Sanders, immer Herr der Situation, hielt die Voreiligen um ihn zurück.
„Rührt ihn nicht an! Lasst ihn ruhig gehn! Gott weiss, wer das ist. Aber alles, nur kein Auftritt, der Mrs. Sanders das Fest stört! So. Nun ist er schon wieder draussen in der Nacht.“
13
Aus dem Tagebuch Sabine Ritters
Als der schwarze, alte Mann glücklich weg war, war mir ganz unheimlich zumute. Es presste mir etwas das Herz zusammen. Es war wie eine unbestimmte, aber schreckliche Angst vor der Zukunft — nicht für mich, sondern für Herrn Sanders, der das Schicksal so ohne Not herausfordert. Es wäre doch wirklich schade um ihn. Er ist doch Millionär. Was gehen ihn die Mumien an? Kein Mensch verlangt von ihm, dass er sich für die ägyptische Wissenschaft opfert, von der er doch gar nichts versteht, und wenn er auch jetzt noch so majestätisch als Pharao an meiner grünen Seite sass.
Ich hätte als die Pharaonin natürlich immer gnädig lächeln müssen. Ich schaute oben von meinem sehr wackeligen Sitz auf der Sänfte bang durch die Halle. Da sah ich überall betroffene Gesichter. Die Ladies und Gentlemen standen wie gelähmt. Es wollte niemand recht reden. Die Feststimmung war gründlich verflogen.
Der Mr. Nothomb mit seiner unverwüstlichen Laune war auch nicht mehr da. Der hatte in aller Eile seinen Priestermantel einem nubischen Krieger zum Aufheben zugeworfen und war in Frack und weisser Binde hinaus nach dem Sethostempel gerannt. Dort in der Garderobe hatte er seinen Zylinder einer lebensgrossen zweiköpfigen Götterstatue auf den einen Kopf gesetzt. Das hatte ich vorhin gesehen. Mit dem Zylinder im Genick fuhr er Hals über Kopf nach dem Telegraphenamt. Man hörte in der Ferne sein Töffen.
Die Mrs. Sanders faltete die Hände vor dem riesigen Skarabäus, den sie auf der Brust eingestickt trug. Sie warf einen verzweifelten Blick auf ihren Mann, er müsse helfen und den Abend retten.
Es ist vielleicht nicht gut, dass ein Pharao raucht. Es stört die Illusion. Nun gar eine kurze englische Pfeife. Aber es wirkte doch sehr gemütlich und beruhigend, als Herr Sanders breitbeinig neben mir in der Sänfte stand und zwischen den ersten Zügen, die er paffte, zu reden anfing.
Er redete so, wie die Engländer nach Tisch reden. Die haben doch so eine trockene und humoristische Art. Sie machen ganz ernste Gesichter und zwinkern nur ein bisschen mit den Augen, dass die andern bei den ernstesten Sätzen lachen müssen. So hatte Sanders nach ganz kurzem die Lacher auf seiner Seite. Nach seiner Auffassung war der alte Gentleman, der da plötzlich aus dem Kasten gesprungen war, eine neue Einrichtung von Cook and Son — eine Gespenster-Company Limited —, um durch eine neue Sensation den Touristenverkehr im Niltal zu heben — wenn nicht etwa betrüblicherweise — das sagte mein Pharao sehr bedenklich — dieser zynische Nothomb den missvergnügten alten Herrn von vorhin ausstaffiert und in Gang gesetzt habe, um seinen Blättern eine vorläufige Kostprobe garantiert echtes altes Ägypten vorzusetzen und sie so auf die kommenden Knalleffekte seiner Berichte vorzubereiten.
Denn er sei allerdings entschlossen, von dem Ritt auf das Scheschonkgrab abzusehen, schloss Sanders traurig und unter einem allgemeinen Gemurmel des Bedauerns, aber erst an dem Tag, an dem die Hölle gefriere. Aber bis dahin, hoffe er ernstlich, habe es noch gute Wege. Des Teufels Grossmutter habe noch Kohlen genug, und diese Zeit wolle er, Sanders, weise im Tal der Könige ausnutzen und seine Arbeit dort weder wie jetzt eben hier bei einem Speech unter Freunden, scherzhaft, noch, einer missvergnügten Mumie zuliebe, tragisch, sondern ganz nüchtern, als eine nützliche und gute Sache betrachten. Auf das Gerede der Mumien dürfe man als moderner Mensch nichts geben. Mumien seien immer unzufrieden. Sie seien schon zu alt. Sie lebten sich nur langsam in die Neuzeit ein. Man müsse ihnen nötigenfalls mit ein wenig Humor begegnen.
Es war ihm natürlich mit all dem Unsinn nicht ernst. Aber seine nachlässigen Worte hatten, weil alles darüber lachen musste, die Stimmung wiederhergestellt. Jetzt gab er der Musik ein Zeichen. Das Saxophon setzte ein, und die Harfen und Flöten und Zimbeln halfen bei dem Tango mit, dass es allen in den Schuhen und Sandalen zuckte. Sanders sprang mit einem Satz wie auf der Olympiade von der Sänfte, packte mich um die Taille, schwenkte mich mit einem Schwung durch die Luft herunter auf den Boden. Er musste athletische Kräfte haben. Denn ich bin bei meiner Länge doch auch kein Federgewicht. Er liess mir kaum Zeit, auf die Füsse zu kommen, legte den Arm um mich und tanzte mit mir los.
Wir tanzten als Pharao und Pharaonin voraus zwischen den riesigen bunt bemalten Säulen. Das gab den andern allen Mut, und sie tanzten hinterher. Da war binnen kurzem wieder das Stimmengewirr von früher, und alles sprang durcheinander, und die gute Laune war wieder da und der komische kleine Mann von vorhin vergessen.
Aber ich konnte ihn nicht vergessen, sondern sagte, während wir tanzten, in einer Angst, die ich nun einmal nicht loswurde, zu Sanders:
„Das Leben hat Ihnen doch so viel gegeben!“
„Meinen Sie?“ sagte er gleichgültig. Ich fuhr halblaut und ein bisschen ausser Atem vom Tanzen fort:
„Das ist doch klar. Jeder Mensch beneidet Sie! Das sehe ich doch hier den ganzen Abend. Das begreife ich auch selber. Sie haben ja einfach alles!“
„Das ist aber sehr wenig!“ meinte er und lachte herzlich. Ich sagte:
„Das ist mir zu hoch! Das verstehe ich nicht!“
„Nun — je weniger man hat, desto mehr hat man!“ sagte Sanders und tanzte mit mir um eine Säule mit einem riesenhaften Sperbergott. Er tanzte ausgezeichnet. Er führte blendend. Er hatte dabei immer noch Zeit, mit seinen Gästen auf englisch, französisch, italienisch ein paar scherzhafte Worte zu tauschen. Er war wirklich ein internationaler Weltmann. Wir beide, er und ich, sprachen miteinander gut deutsch. Ich konnte mir nicht helfen. Ich frug gepresst:
„Warum müssen Sie denn durchaus in dem Pharaograb Ihr Leben aufs Spiel setzen?“
„Es ist nicht so schlimm!“ sagte Sanders zerstreut. Es war, wie wenn man ein Kind beruhigt. Das ärgerte mich. Ich versetzte erbittert:
„Die Mumien können doch sehr ungemütlich sein! Fragen Sie nur Mrs. Adams! Die kann Ihnen von Beschwörungen erzählen, die durch Jahrtausende fortwirken. Die weiss das ganz genau!“ Ich wurde gegen meinen Willen leidenschaftlich. „Warum muss denn ein Mann wie Sie sich solchen unberechenbaren und unnötigen Gefahren aussetzen?“
„Oh — ich bleibe am Leben!“ sagte Sanders beiläufig, wie wenn wir vom Wetter sprächen. „Es würde mir auch gar nicht passen! Ich habe in nächster Zeit dringend in Chicago zu tun!“
„Und wenn Ihnen doch etwas passiert?“ frug ich. Da schaute er mich aus seinen grossen blauen Augen an und sagte ganz ruhig:
„Na — und was ist denn dann weiter gross an mir verloren?“
Das klang so seltsam, dass ich ganz erschrocken war und eine Weile beim Tanzen schwieg und über diese Worte nachdachte. Dann sagte ich:
„Das meinen Sie doch nicht im Ernst?“
Aber jetzt war es ihm ernst. Das sah man an seinem Gesicht. Das war ganz verändert.
„Na — wenn ich morgen nicht mehr bin!“ sagte er. „Diese Lücke in der Welt schliesst sich automatisch ganz schnell. Eine Anzahl Banken und Hoteldirektionen und Automobil- und Jachtfirmen und Londoner Schneider und Kammerdiener und Köche und Bilderhändler werden mir eine Zeitlang nachtrauern. Die übrige Menschheit kann mich wirklich verschmerzen!“
„Wie kann man sich selbst nur so heruntersetzen!“ sagte ich zornig. Ich war ganz erbittert auf ihn. Er erwiderte:
„Was habe ich denn für die Menschheit getan? Antwort!“
Das wusste ich nicht. Darauf er:
„Gar nichts!“
Die Musik hörte auf. Er führte mich zu unseren Thronsesseln zurück. Während wir die Stufen hinaufstiegen, sagte ich:
„Da sind Sie ja ein armer reicher Mann!“
Er antwortete nicht. Als wir uns gesetzt hatten, beugte er den Kopf mit seiner Königstiara zu mir und wiederholte:
„Nofretete: was habe ich denn in meinem Leben getan? Nichts! Deswegen will ich ja jetzt etwas tun und mich an das Grab des Scheschonk wagen!“
Mir war traurig zumute. Wir schauten auf das Getümmel der Tanzenden. Jetzt hatte ich die dumme Vorstellung, als tanzten die alle auf einem Kirchhof und wären nur zu Mitternacht auferstanden. Überall war so ein Grauen. Die Tierköpfe wurden mir unheimlich. Die moderne Jazzmusik quälte mich. Ich hatte immer ein Gefühl: Wir tun da etwas, was wir nicht tun sollen! Das hat vorhin auch die Mumie gemeint. Das hat Mrs. Adams gemeint, wenn sie vorhin wieder von dem Fluch des Tutanchamen geschrieben hat.
Ein bleicher junger Ägypter trat heran und begrüsste mich vertraulich wie eine alte Bekannte. Die furchtbare Uräusschlange auf seinem Haupte passte gar nicht zu seinem etwas faden Gesicht. Er machte einen dürftigen und verlegenen Eindruck und schien doch anzunehmen, dass ich ihn kennte. Ich wusste nicht, was ich mit ihm machen sollte. Sanders lachte. Er hatte schon wieder die wohlgelaunte Gemütsruhe, wie sie die englischen Klubleute haben.
„Oh — Nofretete!“ sagte er. „Sehen Sie nicht Zepter und Lebensschlüssel, Sonne und Säule auf seinem Gewand? Das sind die Hieroglyphen des Pharao Tutanchamen selber! Er will Ihnen als höflicher Schwiegersohn guten Tag sagen!“
„Schwiegersohn?“ frug ich ungläubig. Es entsetzte mich, dass ich auch noch mit diesem Geisterkönig verwandt sein sollte, der den Menschen den Tod brachte. Sanders lachte wieder.
„Sie haben Ihren ganzen Familienstand vergessen! Sie haben sieben Töchter, Nofretete!“ belehrte er mich. „Die dritte — die Anch-nes-atem — haben Sie Tutanchamen zur Frau gegeben. Ich kann Ihnen nicht helfen: Sie sind Schwiegermutter!“
Das verdross mich. Die Nofretete sollte schön und jung sein. Der matte Tutanchamen, der aussah, als ob er wirklich vergiftet worden wäre, ging mir auf meine schon so unruhigen Nerven. Ich war wenig freundlich zu dem Schwiegersohn. Er empfahl sich auch bald. Er war, wie Sanders sagte, ein Beamter bei einem der Gemischten Gerichtshöfe.
In mir blieb eine trübe Stimmung. Das Fest im Tempel dauerte stundenlang. Ich wurde eine quälende Sorge um Sanders nicht los, auch wenn wir als König und Königin miteinander lachten und schwatzten. Ich sagte mir vergebens, dass ich ihn eben erst kennengelernt habe und dass er mich doch rein gar nichts anginge. Aber ich sah immer drohend vor ihm die kleine, böse, schwarze Mumie des Pharao Scheschonk. Das war bei mir die reine Zwangsvorstellung. Ich war ganz wütend auf mich. Ich kannte mich gar nicht wieder, im heissesten Indien hatte ich mich besser in der Gewalt.
„Ich werde mich ungesäumt erkundigen, wer dieser entrüstete alte Gentleman heute nacht eigentlich war!“ sagte Sanders, als kurz vor Morgengrauen endlich der Aufbruch der Gäste erfolgte. Die wenigsten von ihnen nahmen sich die Mühe, sich noch umzuziehen. Sie kehrten in ihren Kostümen nach Luxor zurück. Die Eingeborenen des Landes schliefen ja und konnten keinen Anstoss nehmen.
Draussen, vor den Tempeln, war noch stille, dunkle Nacht, und Sternenhimmel. Die Palmen standen ganz hoch und reglos, schwarz, wie mit der Schere ausgeschnitten. Es wehte eine kühle Luft. Am Eingang sah man die vielen weissen Laternenaugen der Automobile und die roten Zigarettenpünktchen der Chauffeure. Aber Sanders ging mit mir nicht dorthin. Er hatte seinen Streitwagen mit den beiden federgeschmückten Schimmeln vorfahren lassen und stieg hinein und stellte mich einfach neben sich.
„Ich kann doch meine Pharaonin nicht im Stich lassen!“ sagte er in einem ganz sonderbaren Ton, wie um sich zu entschuldigen, dass nicht Mrs. Sanders als Nilpferd mit ihm fuhr. Ich erwiderte nichts.
Wir fuhren los. Die ganze weite Nilebene lebte im Mondschein so wie auf dem Blocksberg, alles in der Richtung nach Luxor. Automobile voll Götter hupten an uns vorüber. Anubis mit seinem Schakalskopf sauste auf dem Kraftrad. Wir überholten eine ganze Droschke mit schlafenden Isispriestern. Dann Mrs. Sanders als Nilpferd auf einem Reiteselchen. Sie hielt es für originell, so nach Hause zu traben. Sie winkte uns vergnüglich zu. Der Krokodilgott und die Löwin wanderten sogar Arm in Arm zu Fuss, weil es sich so besser flirten liess. Es war um uns ein merkwürdiger Nachtspuk, bis mich Sanders am Tor meines Hotels absetzte.
Wir gaben uns zum Abschied die Hand. Er behielt meine in seiner und sagte:
„Ich möchte Sie bald wiedersehen, Nofretete!“
Ich sagte nichts. Er wies über den Nil, der breit und silbern und feierlich ganz nahe von uns dahinströmte.
„Ich will nach dem Frühstück hinüber in das Tal der Könige reiten und den Kriegsschauplatz erkunden!“ sagte er. „Kann ich nicht auf dem Rückweg Sie drüben in der Ebene irgendwo treffen, wo nicht halb Europa und Amerika uns kontrollieren, sondern höchstens einige Büffel und Fellachen? Mrs. Adams wird Ihnen hoffentlich keine Schwierigkeiten machen?“
„Ach — Mrs. Adams ist nicht so!“ sagte ich.
„Gut denn!“ sagte er. „Also sagen wir um zehn Uhr an den Memnonskolossen!“
14
Ein Brief Josef Hilgenstocks, Inhabers der Schraubenfabrik J. Hilgenstock & Co. in Schöllnitz i. Sachsen, an Sabine Ritter
Liebe Sabine! Ich muss Ihnen als „Sabine“ schreiben, Ich kann Sie nicht mit „Fräulein“ und derlei anreden. Sie stehen mir in meinem Innersten zu nahe. Sie werden das nach Ihrer Art unliebenswürdig ablehnen. Aber ich kann es nicht ändern.
Durch die Postkarte, die Sie vor einigen Wochen an Ihre Eltern geschrieben haben, erfuhr ich, dass Sie damals gerade in Alexandrien gelandet waren. Ihre Eltern hatten gehofft, dass Sie nach Europa zurückkehren würden. Ihre Eltern sind in Sorge. Ihre Eltern kennen Sie und fürchten, dass Sie überhaupt einmal da draussen hängenbleiben und gar nicht mehr zurückfinden.
Ich habe Ihren Vater beruhigt. Ich habe dem Herrn Postrat gesagt: Sie ist ja noch so jung und doch schon in ihrer Art ein ganzer tüchtiger Mensch. Die beisst sich schon durch. Ich habe Ihrem Herrn Grossvater, dem alten Herrn Stadtrat, gut zugesprochen, der auch bedenklich den Kopf geschüttelt hat. Ich habe Ihre Frau Mutter beschwichtigt, dass nicht jedes Entlein, das einmal aus Schöllnitz davonschwimmt, gleich zu den verlorenen Töchtern gehört. Ich gehöre nicht zu den Philistern, Sabine! Ich gebe mir alle Mühe, Sie zu verstehen. Ich verstehe, dass es Ihnen da draussen gefällt. Das wäre wirklich, auf nicht zu lange Zeit hin, nicht schlimm. Ich habe nur grosse Sorge wegen des mystischen Einflusses, den offenbar die Mrs. Jane Adams in einem steigenden Masse auf Sie ausübt.
Es muss ja offenbar eine ungewöhnliche alte Dame sein und von grosser Wirkung auf die Menschen. Sonst wäre sie ja nicht auf der ganzen Welt bekannt. Um so gefährlicher für Sie! Sabine — Sie sind an sich gar keine Gespensterseherin. Sie haben einen unruhigen und abenteuerlichen, aber dabei ganz klaren Kopf. Aber auf die Dauer färbt diese krankhafte Marotte, hinter den alltäglichsten Sachen Geheimnisse zu suchen, auch auf gesunde Naturen ab, und sie bekommen eine verschrobene Stellung zum wirklichen Leben und wittern überall nur Wunder, wo es auf Pflichterfüllung ankommt.
Der grosse Krieg, den ich selbst noch im letzten Jahr vorn in der Front mitgemacht habe, hat von uns, draussen und daheim, nur Pflichten verlangt — die ernstesten und furchtbarsten Pflichten, die überhaupt einem Menschen auferlegt werden können. Zu sterben draussen und zu leben daheim, wenn einem das Liebste gestorben ist, zu entbehren, zu opfern, zu helfen, zu hoffen, solange noch zu hoffen war.
Sie waren damals noch ein Kind. Sie wissen nichts mehr von der Furchtbarkeit der Zeit als die Polonaise vor den Butterläden, die kalten Wohnungen, den Bezugsschein für ein Paar Strümpfe, die vielen Feldgrauen auf Krücken.
Ihnen und den Ihnen Gleichaltrigen und Spätergeborenen fehlt das ungeheure Erlebnis des Kriegs. Es wurde Ihnen auch nicht späterhin in den Jahren der Reife vermittelt. Im Gegenteil: Hatte die Kriegsgeneration nur Pflichten — unermessliche und furchtbare Pflichten —, so bescherten die fünfzehn Jahre nach dem Krieg, dem deutschen Menschen aus freigebiger Hand plötzlich nur Rechte.
Rechte so ziemlich auf alles — auf Reisen, auf Lebensgenuss, auf Kameradschaftsehe, auf Niggertänze. Sie selbst, Sabine, lagen mit zwanzig Jahren natürlich als Haustochter Ihrem Vater auf der Tasche und konnten als Minderjährige ohne seine Einwilligung sich nicht einmal einen Kanarienvogel kaufen, aber Sie halfen mit, das Staatsoberhaupt zu wählen, und stimmten dabei womöglich Ihren Vater nieder.
Woher diese Rechte kamen und woher sie auf die Dauer bestritten werden sollten, danach frug niemand. Der Staat war wie eine Speisekammer in der Familienwohnung, in die jeder hineinging, um sich herauszuholen, worauf er Appetit hatte, bis die Speisekammer eines Tages leer war.
Und es gibt doch, in diesem Sinne, nur ein einziges wirkliches Recht: das Recht auf Arbeit! Und gerade das wurde mit Füssen getreten und geflissentlich missachtet, und unsere Plätze in den Städten, unsere Landstrassen bedeckten sich mit den Scharen sich selbst preisgegebener, ziel- und führungsloser Jugend. Und ziel- und führerlos war auch die Jugend, die in den Wohnungen blieb. Auch Sie.
Sie, Sabine, haben ja immer zu den Besseren, zu den Besten gehört. Sie waren, bei aller Munterfeit und Frische, doch immer innerlich ein ernster und suchender Mensch. Sie haben das Ihnen eingeimpfte Recht auf Persönlichkeit niemals zu Spiel und Tanz und Flirt missbraucht, sondern daraus nur Ihre Sehnsucht nach der Ferne gestillt. Daraus ist Ihnen kein Vorwurf zu machen. Das ist ein echt deutscher Drang. Nur darf er nicht Ihren ganzen Lebensplan ausfüllen und beherrschen, sondern muss sich ihm einfügen, so wie der Sonntag in die Woche — als Stärkung nach dem Alltag, der das Wichtigste ist.
Das sage ich Ihnen, der ich ein vernünftiger Mann schon bald Mitte der Dreissiger bin und mit beiden Beinen mitten im praktischen Leben stehe und Erfolge im Leben erzielt habe. Sie können mir nicht mit dem Einwand: „Ja — ihr Männer!“ kommen! In Deutschland hat jetzt jeder Mensch — also auch jede Frau — Gelegenheit, sich nützlich zu bewähren und eine Tätigkeit zu entfalten, wie sie ihm angemessen und erwünscht ist. Überall harren Aufgaben jeder Art. Man braucht nur zu wählen. Es ist gerade das Schönste an diesen Aufgaben, dass sie nicht nur den persönlichen Interessen des einzelnen dienen. Indem man sie erfüllt, wächst man und wächst über sich hinaus. Das ist gut — glauben Sie mir! Das ist besser, als wenn man nach der früheren Art immer nur sich selber erleben will. So interessant sind wir alle durch die Bank nicht. Das hat man uns nur eingeredet.
Ich spreche als ein auch tüchtig herumgekommener, welterfahrener Mann zu Ihnen, Sabine! Verbummeln Sie nicht Ihre jungen Tage! Verlangen Sie nicht zu viel vom Leben! Verzehren Sie sich nicht in unerfüllter Sehnsucht! Lassen Sie sich nicht von dem Wundervogel immer weiter über Länder und Meere locken, bis Sie schliesslich doch die Heimkehr vergessen.
Ich sehe ja Ihr Gesicht vor mir, wenn Sie diese Weisheit aus Schöllnitz im Freistaat Sachsen lesen. Aber Ihre Mienen werden sich noch mehr verdüstern. Es kommt noch besser! Erschrecken Sie nicht: ich habe mich, auch auf dringenden Wunsch Ihrer Eltern, entschlossen, meine Fabrik auf einige Wochen sich selber zu überlassen und selbst nach Ägypten zu fahren und persönlich mit Ihnen zu sprechen und Ihnen ins Gewissen zu reden und Sie, wenn möglich, auf den Pfad zu bringen, der nach Schöllnitz zurückführt. Sie schrieben ja auf der Postkarte, Sie blieben mit Mrs. Adams noch längere Zeit dort. Also finde ich Sie jedenfalls. In den nächsten Tagen reise ich schon ab. Auf Wiedersehen! Ihr
Hilgenstock.
15
Aus Sabine Ritters Tagebuch
Da lag der Brief. Ein Negerboy hatte morgens um acht aussen geklopft und mir ihn durch den Türspalt geschoben. Der Tag fing gut an.
Ich hatte, wie ich vor Morgengrauen von dem Tempelfest nach Hause kam, noch lange Zeit, als Nofretete verkleidet, bei Mrs. Adams auf dem Bettrand gesessen und ihr mit erhitzten Backen von den Sensationen des Abends vorgeschwatzt und namentlich von der redenden und wandelnden Mumie, die da erschienen war. Mrs. Adams hörte atemlos zu. So etwas war ja Wasser auf unsere Mühle. Das heisst auf meine diesmal weniger. Ich teilte nicht so restlos die Begeisterung der Mrs. Adams, wie ich es sonst getan hätte. Ich wurde die dumpfe Angst um Sanders nicht los. Mrs. Adams sprach von ihm immer schon mit ihrer tiefen, sachlichen Stimme ganz leidenschaftslos wie von einem Verstorbenen. Das machte mich ganz wahnsinnig.
Ich bat Mrs. Adams um Urlaub für den nächsten Vormittag und kriegte ihn mit einem Kuss — sonst ist Mrs. Adams mit Zärtlichkeiten nicht so freigebig — und habe dann nur fix ein paar Stunden geschlafen und dann getubt und mich fertig gemacht. Da sass ich nun am Tisch vor meiner Teetasse und schaute auf den Brief und sagte mir: Na — das ist ja eine schöne Geschichte!
Ich rechnete die Zeit, und dabei standen mir vor Schrecken die Haare zu Berge: der Brief war nach Alexandrien adressiert und dort auf der Post herumgebummelt und dann noch nach Luxor nachgeschickt. Er war um mehrere Tage verspätet. Der Unglücksmensch in Schöllnitz hatte sich dort längst auf den Weg gemacht. In Alexandrien sagten sie ihm unsere Adresse. Er konnte jeden Tag hier in Luxor aus dem Schnellzug klettern.
Ein entsetzlicher Gedanke! Ich hatte das Gefühl: Nun mal vor allem weg! Ich nahm meinen Sonnenschirm und fuhr in einen weissen Staubmantel und knüpfte mir einen blauen Nackenschleier um den Tropenhelm und rannte die Treppe hinunter und klatschte vor dem Hotel in die Hände und sagte auf englisch zu dem ersten von den braunen Tagedieben, die in ihren flatternden weissen Burnussen herangestürmt kamen:
„Ali — oder Ibrahim . . . oder wie du heisst . . . Hassan Derwisch? Gut! Hassan Derwisch — bringe mich schleunigst über den Nil zu den Memnonskolossen!“
Wir sind auf einer Fähre über den Nil gefahren, und am andern Ufer bin ich auf ein Kamel gestiegen. Das ist sehr lustig. Wenn das Kamel aufsteht, fällt man immer vorn über den Hals hinunter und sitzt dann auf dem Boden und schaut sich gegenseitig an, und man weiss dann nicht, wer dümmer ausschaut: man selber oder das Kamel. Aber schliesslich bin ich oben geblieben.
Man muss hier reiten oder kutschieren. Das ist das Schöne, dass hier am linken Nilufer keine Automobile fahren dürfen. Die Polizei hat es verboten. Soviel Respekt haben sogar die vor der grossen Totenstadt.
Wenn man durch die Ebene reitet, die voll ist von braunen Fellachen und Schöpfrädern und Taubentürmen und Büffeln und weissen Häusern, dann sieht man nämlich: die Ebene ist hübsch grün. Aber in den wilden Steinbergen gleich dahinter wächst nicht ein Halm. Da brennt nur die Sonne.
Wenn man dorthin sieht, dann sieht man in den grauen Felsen stundenweit da und dort viele Hunderte von schwarzen Löchern, so wie die Waben in einem Bienenstock. Das sind die Tore zu den unzähligen Grabkammern. Da begreift man: dort ist nicht nur das Tal der Könige, mit den Grüften der Pharaonen, sondern da ist eine ganze Totenstadt oder eigentlich viele zerstreute Städte und Tempel, in denen die alten Ägypter ihre Ruhe haben wollten. Aber sie haben ihre Rechnung ohne die Europäer und Amerikaner und Cook and Son gemacht. Es liegen überall leere Konservenbüchsen und Marmeladentöpfe und Lunchkörbe am Weg und Zeitungsnummern von der „Egyptian Mail“, und es ist eine Inschrift da, dass dreimal wöchentlich die Pharaonen bei elektrischem Licht dem Publikum gezeigt werden. Schön finde ich das nicht!
Die Memnonskolosse hocken noch weit von den Totenstädten entfernt mitten in der Ebene. Man schaut an ihnen in die Höhe wie an Kirchtürmen. Vor sich hin auf den Boden werfen sie tüchtig Schatten. Das war sehr angenehm. Denn die Sonne schien schon heiss. Da stieg ich ab. Das heisst: ich umarmte eigentlich den Hals des Kamels und zappelte in der Luft mit den Beinen. Aber schliesslich ging’s, und ich stand und sah mich um und sah von den riesigen Tempeltrümmern am Fuss der Berge her aus weiter Entfernung einen Reiter kommen. Der musste sehr gute Augen haben. Denn offenbar erkannte er mich und setzte sich in Galopp und ritt, was er konnte, auf mich zu.
Sanders stieg ab und gab die Zügel seines prachtvollen englischen Jagdpferds dem Hassan Derwisch. Er sah nach meinem Empfinden in dem knappen Sportdress mit den breiten Breeches und hohen Stiefeln und einer schwarzsamtnen Schirmkappe über seinen blauen Augen noch besser aus als am Abend vorher. Er war jetzt nicht verkleidet. Er war jetzt ganz er selbst. Was das ist, kann man nicht so leicht sagen. Es ist die Verkörperung der augenblicklichen Herrenrasse. Das merkt man, wenn man sich in der Welt umgesehen hat. Angelsächsisches. Und Deutsches. Nordisches überhaupt.
Er gab mir die Hand stumm. Er dankte mir nur mit einem Blick, dass ich gekommen war. Er vermied auch all die dummen üblichen Fragen, wie mir das Fest bekommen sei und so.
Vor dem Sockel des einen Memnonskolosses lag ein heruntergefallener Steinblock. Auf den schwang er sich und zog mich dann zu sich hinauf. Da sassen wir nebeneinander und mit baumelnden Beinen. Wir redeten eine Zeitlang keinen Ton. Das war ganz merkwürdig. Es war ganz still. Man hörte nur den Wind wehen.
Am Abend vorher war das leichter gewesen. Da waren wir einfach miteinander verheiratet. Der Pharao und seine Frau. Aber jetzt waren wir nicht mehr Amenophis und Nofretete, sondern eine Lady und ein Gentleman in Oberägypten, und mussten uns danach benehmen.
An sich war das Schweigen ganz nett, man konnte sich dabei soviel denken. Aber auf die Dauer ging es nicht.
„Reden wir jetzt einmal von etwas anderem!“ sagte ich, „Sind Sie wirklich eben bei dem seligen Scheschonk gewesen?“
Er nickte.
„Wissen Sie denn auch genau wo?“
Er schüttelte den Kopf. Ich wurde hitzig.
,,Na eben!“ sagte ich. „Dabei wollen Sie etwas entdecken, was die gelehrtesten Häuser nicht entdeckt haben! Wie denken Sie sich denn das nur um Gottes willen? Nehmen Sie es mir nicht krumm: aber Sie haben doch sicherlich nicht mehr Ahnung von Ägyptologie als ich!“
„Wahrscheinlich bedeutend weniger!“
„Also! Da geht das doch aus wie das Hornberger Schiessen! Es ist ja ein Glück — für Sie! Aber ich begreife nicht, wie man deswegen die halbe Weltpresse mobil macht!“
Sanders lächelte, gab mir eine Zigarette und zündete sich auch eine an und sagte:
„Glauben Sie, dass der Nothomb, der alte abgebrühte Junge, nicht weiss, was er tut?“
„Dann muss er mehr wissen als wir gewöhnlichen Menschenkinder!“
„Nein. Er weiss nur besser als andere, dass es eine Macht auf der Welt gibt, vor der nichts unmöglich ist. Die habe ich. Gerade ich, im Gegensatz zu andern!“
,,Pah — da meinen Sie natürlich Ihr Geld!“ rief ich.
„Ja!“ sprach er in einem seltsamen düsteren und entschlossenen Ton, der mich unsicher machte.
„Seien Sie doch froh, dass Sie die Moneten haben!“ sagte ich. „Danken Sie Ihrem Schöpfer!“
„Nein!“
Ich fuhr zu ihm herum. Ich starrte ihm ungläubig ins Gesicht. Das war mir zu toll.
„Ja — warum denn nicht?“
„. . . weil ich es nicht verdiene! Das habe ich erst ganz allmählich begriffen. Ich habe das Geld erheiratet. Ich mache nichts vernünftiges damit. Ich gebe damit nur, zusammen mit Mrs. Sanders, der Alten und der Neuen Welt das Bild eines anstössigen Müssiggangs.“
„Sie haben einen solchen Eindruck auf mich gemacht“, fing er wieder an, während ich ganz verblüfft dasass, „dass ich nicht möchte, dass Sie einen falschen Eindruck von mir gewinnen. Sie haben gestern, wie aus Kindermund, zu mir die Wahrheit gesprochen:,Sie sind ein armer reicher Mann!“
„. . . bloss weil ich mich geärgert hab’, dass Sie den Pharao nicht in Ruhe lassen!“ sagte ich. Er fuhrt fort:
„Denken Sie: Ich weiss jetzt noch nicht, wie Sie eigentlich heissen, Nofretete! Es ist auch gleich. Ich habe das Gefühl, Sie verstehen mich mehr als andere Menschen, die in mir nur den Glückspilz sehen!“
„Das sind Sie doch . . . . Herrgott ja . . . .“
„Ja: Nau der alten Redensart, dass es einem nicht an der Wiege gesungen wurde, freilich! Mein Vater hatte ein Speditionsgeschäft. Einfach ein mittleres Speditionsgeschäft in Deutschland, und auch das ging, wie die Inflation kam, nicht mehr glänzend, und ich trat vom Gymnasium weg in ein Bankhaus ein, um dem Vater rasch von der Tasche zu kommen. Damals bescherten ja die Bankstifte ihren Eltern und Geschwister zu Weihnachten. Daran können Sie sich nicht erinnern. Das war vor Ihrer Zeit. Ich bin ja schon Anfang der Dreissiger. Ich bin gewiss zehn Jahre älter als Sie!“
„Nun — und weiter, Sie Methusalem!“ sagte ich.
„Ich blieb auch nach der Inflation auf meinem Posten, und es war alles gut. Da traf es sich, dass die damalige Miss Dodd, meine jetzige Frau, auf einer Reise in Deutschland gerade in meiner Stadt ihren Kreditbrief verloren hatte. An sich war der Fall einfach humoristisch — bei ihren Reichtümern als Waise und Erbin. Aber es gab doch einiges zu telegraphieren und zu kabeln, um Miss Dodd aus der ersten Verlegenheit zu befreien. Ich wurde ihr von der Bank dafür zur Verfügung gestellt. Sie liess mich jeden Tag kommen. Erst einmal. Dann vormittags und nachmittags. Dann alle paar Stunden. Sie fasste eine stürmische Neigung zu mir. Gerade zu mir!“
Na — das ist doch wahrhaftig kein Wunder . . . hätte ich beinahe gesagt. Aber ich schwieg eben noch still.
„Getraut wurden wir dann ein Vierteljahr später in der Trinity Church in New York.“
„Donnerwetter ja . . .“ sagte ich unwillkürlich. Er schloss:
„Und seitdem — seit sechs Jahren — gibt es eben einen der reichsten und, wie Sie richtig sagten, ärmsten Männer auf der Welt mehr! Glauben Sie mir nur: wenn man die äusseren Mittel und die Sprachkenntnisse und die Weltläufigkeit als besserer Bankbeamter mitbringt und von Haus aus Sport getrieben hat, wie ich, ist es gar nicht so schwer, als Exponent von Millionen zu funktionieren und mit Lords und Nabobs aus U.S. und römischen Herzögen seine Tage zu verbringen. Es wird ja so wenig von einem verlangt, ausser offener Hand und Liebenswürdigkeit und einem guten Schneider. Man passt sich schnell an, und die andern lassen einen wegen Mrs. Sanders gelten. Sie ist eine Frau. Sie braucht einen Schlüssel zum Leben, der ihr die Welt, in der man sich langweilt, aufschliesst. Dieser vergoldete Schlüssel — der bin ich. Dazu hat sie mich geheiratet und hat mich sehr gern. Ich bin Mrs. Sanders’ Mann. Mehr nicht!“ Nun verstummte er und zündete sich eine neue Zigarette an.
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