Читать книгу: «Theke, Antitheke, Syntheke»
Inhalt
Impressum 7
Widmung 8
Vorwort 9
Sonntag, 22. Dezember 15
Freitag, 3. Jänner 27
Freitag, 10. Jänner 35
Freitag, 17. Jänner 42
Freitag, 24. Jänner 48
Freitag, 31. Jänner 55
Freitag, 7. Februar 61
Freitag, 14. Februar 67
Freitag, 21. Februar 74
Freitag, 28. Februar 82
Freitag, 6. März 87
Freitag, 13. März 95
Freitag, 20. März 103
Freitag, 27. März 109
Freitag, 3. April 117
Samstag, 11. April (Karsamstag) 124
Freitag, 17. April 134
Freitag, 24. April 140
Freitag, 1. Mai 147
Freitag, 8. Mai 152
Freitag, 15. Mai 164
Freitag, 22. Mai 172
Freitag, 29. Mai 184
Freitag, 5. Juni 194
Freitag, 12. Juni 201
Freitag, 19. Juni 209
Freitag, 26. Juni 214
Freitag, 3. Juli 220
Freitag, 10. Juli 228
Freitag, 17. Juli 235
Freitag, 24. Juli 242
Freitag, 31. Juli 245
Freitag, 7. August 253
Freitag, 14. August 261
Freitag, 21. August 270
Freitag, 28. August 275
Freitag, 4. September 282
Freitag, 11. September 292
Freitag, 18. September 300
Freitag, 25. September 305
Freitag, 2. Oktober 310
Freitag, 9. Oktober 315
Freitag, 16. Oktober 319
Freitag, 23. Oktober 323
Freitag, 30. Oktober 328
Freitag, 6. November 335
Freitag, 13. November 341
Freitag, 20. November 346
Freitag, 27. November 351
Freitag, 4. Dezember 370
Freitag, 11. Dezember 373
Freitag, 18. Dezember 376
Donnerstag, 24. Dezember 386
Impressum
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
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Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.
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© 2021 novum publishing
ISBN Printausgabe: 978-3-99130-025-0
ISBN e-book: 978-3-99130-026-7
Lektorat: Mag. Eva Zahnt
Umschlagfoto: Zdomiter, Leo Lintang, Valeriy Golubev, Phongphan Supphakankamjon, Atipat Chantarak | Dreamstime.com
Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh
Innenabbildungen: Wolfram Öller
www.novumverlag.com
Widmung
Für meinen Kumpel Hans
und in Memoriam Emil

Vorwort
Wir waren eine großartige Bande von Stammtischbrüdern an der deutsch-österreichischen Grenze. Es waren auch zwei Stammtischschwestern dabei, Block Jane recte Jeanine und Dragoner recte Henriette.
Wir trafen uns jeden Freitag, selten auch an anderen Wochentagen, im Gasthaus zur Sauren Wiese. An jedem zweiten Freitag im Monat und gelegentlich auch, wenn wir Lust auf Hardrock-Musik hatten, fuhren wir auch in die Hopfenklause zum Rock-Pater Severin jenseits der Grenze oder in die Kneipe Zum Roten Affen in der Nähe unserer Sauren Wiese. Pasak und andere geile Säcke wechselten manchmal noch in den Nachtclub Stiff Bones, wo sie beim Pokern ihr letztes Geld verloren. Dieses Puff lag sinnvollerweise in der Nähe des Pfarrhofs und nur zehn Minuten zu Fuß von unserer Sauren Wiese entfernt. Unsere Lokale lagen auf österreichischem und deutschem Gebiet. Das war ok, denn wir fühlten uns als Europäer, zumal unsere Truppe ohnehin international war. Vor der Coronakrise wechselten wir mit unseren Fahrzeugen von einer Seite der Grenze zur anderen. Ich verließ mich selten auf die Fahrer, sondern fuhr lieber mit meiner Suzuki V-Strom oder meiner roten Harley. Als Deutschland, Österreich und andere europäische Länder im März 2020 das gesellschaftliche Leben auf null drehten und sogar unsere Lokale offiziell schließen mussten, haben wir Nieten uns zu einer Clique von Rebellen entwickelt. Wir brachten unsere Wirte dazu, für uns heimlich zu öffnen, denn wir ließen uns alles nehmen, nicht aber unseren Stammtisch und unsere Freiheit. Mit linken oder rechten Ideologien hatte das alles nichts zu tun. Unsere Wirte veranlassten während der kritischen Wochen sogar eine Verdunkelung wie im Krieg. Erstaunlicherweise ist keinem der verwegenen Grenzgänger bei unseren Fahrten über eine Forststraße etwas zugestoßen, aber das ist Vergangenheit.
Wir waren zehn. Mit unserem Wirt Blues sogar elf. Hie und da stießen auch der Pfarrer, den wir Kaiphas nannten, und unser Vereinspsychiater Psycho zu uns. Gelegentlich kamen auch einer der Gemeindeärzte und unser Orts-Sheriff Werner. Wenn weniger los war, gesellten sich noch die Wirte zu uns: Blues, der eigentlich Peter hieß, Wirt in der Sauren Wiese, Monk, der in Wahrheit Paul hieß, Wirt in der Hopfenklause, und Pavi, der mit bürgerlichem Namen Götz hieß, war Wirt im Roten Affen. Den Roten Affen nannten Hans und ich „Potex Rubens“, was so viel wie Roter Arsch bedeutet. Daraus leitete sich der Spitzname Pavi – von Pavian – ab. Pavi, ein Witzvogel bestenfalls mittlerer Intelligenzstufe und Meister der geschmacklosen und öden Witze, trägt es mit Humor.
Wir waren eine verschworene Truppe, fast schon ein Dream Team. Drink Team trifft es allerdings besser. Wir starteten voll Hoffnung ins Jahr 2020, am Ende wurde es eine teils fröhliche, teils depressive Reise in den kollektiven Tod.
Wer war mit dabei?
Ernesto vulgo Che war seit Jahren Arbeiter mit angeblich bolivianischen Wurzeln in der Brauerei Pettingerbräu. Er war bis zu der Flucht des Staatspräsidenten Evo Morales ein Fan von ihm. Che träumte gelegentlich von einer gleichgeschlechtlichen Weltrevolution, wusste aber nicht, wie diese ablaufen sollte. Er liebte Jane auf seine Weise und sprach gerne über das Buch der Bücher, die Bibel. Er war ein liebenswerter südamerikanischer Schwuler mit theologischen Kenntnissen und tiefem christlichen Glauben. Nach seiner Einäscherung erfuhren wir über ihn etwas Unerwartetes.
Heinrich vulgo Charly. Charly ist den Schriftstellern Charles Bukowsky und Karl May entnommen. Er war angeblich pensionierter Briefträger und ehrenamtlicher Rettungsfahrer und Sanitäter. Den Briefträger hatte Charly erfunden. Er war nur als Student bei der Post gewesen. In Wahrheit hatte er mehrfach studiert, ohne ein Studium jemals zu beenden. Danach lebte er von Gelegenheitsjobs. Er erzählte uns gerne die wildesten Geschichten aus seinem Blaulichtleben. Charly hat nach eigenen Angaben in seinem ganzen Leben nur ein halbes Dutzend Bücher gelesen, die er immer wieder als seine Lieblingsbücher bezeichnete: „Der Mann mit der Ledertasche“ und „Faktotum“ von Charles Bukowsky und Bücher von Karl May. Erst später bekamen wir mit, dass er eine schillernde und vielseitig begabte Persönlichkeit war und viel mehr Bücher gelesen hatte, als er zugab. Wenn Charly zu viele Bockbiere getrunken hatte, mutierte er zum Sonderling, aber das war er auch ohne Bier. Wir nahmen ihn nicht immer ernst, was sich nach seinem Tod als Fehler herausstellen sollte.
Horst vulgo Pumpe war gebürtiger Berliner, Bodybuilder und selbsternannter Womanizer. Den Namen Pumpe bekam er, weil er gerne „Bölkstoff“ – wie er es nannte – abpumpte und im Fitnessstudio seine Muskeln aufpumpte. Wahrscheinlich nahm er Anabolika, aber darüber sprach er nie. Er war mit sechsundvierzig Jahren in Frührente gegangen, übte Gelegenheitsjobs aus, war belesen und sah wegen seiner Glatze, seiner langen Nackenhaare und seiner Nerd-Brille unverwechselbar komisch aus. Er hatte, so wie Hans und ich, ab und zu etwas zu lesen dabei, darunter auch Illustrierte und Fachzeitschriften über Modelleisenbahnen und Tauchen. Er erschien uns manchmal als Verschwörungssektierer, ein andermal als ernsthafter Gesprächspartner. Er war ein Träumer auf der ständigen Suche nach Anerkennung. Er war der ruhigste und am wenigsten nervige Typ von uns. Wir waren alle geschockt und traurig, als er uns für immer verließ.
Jeanine vulgo Jane war eine dunkelhaarige Schönheit mit einem eigenartigen bayrisch-österreichischen Misch-Akzent und Ansichten, die in Richtung Feminismus gingen. Wir nannten sie scherzhaft unsere jungfräuliche Nymphomanin, was sie nie dementierte. Sie fühlte sich zu uns Männern hingezogen, gleichzeitig wirkte sie blockiert. Sie ließ sich gerne vom schwulen Che, ihrem Arbeitskollegen in der Brauerei, bewundern. „Block Jane“, wie wir sie manchmal nannten, erschien uns etwas simpel gestrickt, aber das war nur vorgetäuscht, wie wir nach ihrem Ableben erkennen mussten. Sie hatte ein Herz aus Gold, trank gerne Weißwein und fuhr nach unseren Treffen viel zu schnell nach Hause. Beides sollte ihr zum Verhängnis werden. Ich weine nie bei Begräbnissen oder Hochzeiten. Als ich von ihrem Tod erfuhr, konnte ich meine Tränen nicht zurückhalten.
Konrad vulgo Knochenbrecher war Physiotherapeut. Sein Name kam von seinen Behandlungsmethoden, die angeblich nur von Masochisten geschätzt wurden, aber das war lediglich ein running gag in unserer Runde. Er verabscheute seinen Spitznamen, fügte sich aber seinem Schicksal. Er fuhr einen roten Ford Mustang mit V8-Motor, den mein Freund Hans nach Konrads Tod erbte. Wir mochten den Knochenbrecher, obwohl er, so wie Pasak und Pumpe, ein Angeber mit Machogehabe war. Was soll ich zu seinem Tod sagen? Er war ein guter Physiotherapeut, der mich vor Jahren in kurzer Zeit von meiner „frozen shoulder“ heilte. Er war jedenfalls einer von uns. Sein Tod war ein herber Verlust.
Henriette vulgo Dragoner war die Frau von Konrad. Sie war gebürtige Wienerin mit breitem Wiener Dialekt, holte Konrad meist um Mitternacht ab, blieb aber manchmal auch etwas länger. Sie beschwerte sich selten über unsere derben Witze, sie war mir also sympathisch. Gelegentlich war sie eine Nervensäge, mit der man aber laut lachen konnte, vor allem wenn sie zu viel Prosecco oder Cuba Libre intus hatte. Die in Wien übliche Bezeichnung Dragoner ist willensstarken Frauen vorbehalten – um es euphemistisch zu sagen. Als wir an ihrer Urne standen, wurde mir klar, dass die Welt für mich weniger bunt, weniger originell und weniger witzig sein würde.
Lothar vulgo Fat Lot war wegen seines enormen Bierkonsums, seines gesegneten Appetits und seiner mangelnden Beweglichkeit übergewichtig. Sein Body-Mass-Index lag nie unter 36. Unter drei Litern Bier pro Abend ging bei ihm nichts, vor allem, wenn er am Pokertisch saß. Er täuschte Bildung durch vordergründigen Gebrauch von Anglizismen und manchmal auch lateinischen Sprüchen vor. Sein Spitzname war eine Folge des Lieblingsspruchs „A fat lot I care“ (ist mir scheißegal). Er versuchte ständig erfolglos, sein Gewicht zu reduzieren, indem er alle paar Wochen eine neue Wunderdiät ausprobierte. Sein Tod war grausam. Im Krematorium mussten sie über eine Stunde länger als üblich brennen, um seine sterblichen Überreste einzuäschern.
Pasak war unter uns Stammtischmachos der lauteste und aufdringlichste. Seinen wahren Namen – genauer: seine vielen Namen – erfuhren wir erst nach seinem Tod. Er versuchte jahrelang vergeblich, Block Janes Beschützer zu sein. Er war der geilste Bock in der Runde und wusste alles besser. Er beleidigte gerne andere, weil er das für witzig hielt und nicht wusste, wo Satire begann oder Ironie aufhörte. Erst spät merkten wir, dass sein Benehmen nur Fassade war. Er hatte verdammt was drauf. Wir waren jedenfalls alle traurig, als er dran glauben musste und als Erster des grandiosen Drink Teams in die Grube fuhr. Das dunkle Geheimnis seines Lebens erfuhren wir erst nach seinem Tod.
Schließlich gab es in der Runde auch noch meinen Freund Hans und mich, die Zwei-Mann-Ibrahim-Loge. Über uns gibt es nicht viel zu erzählen, außer dass wir beide schon in Frührente leben, Musikliebhaber und Leseratten sind und bei jedem Treffen mindestens ein halbes Dutzend Bücher anschleppten, um uns zu unterhalten, manchmal auch, um die anderen zu nerven. Das hat uns eine Menge sensationelle Bezeichnungen beschert, wobei Klugscheißer noch neutral war. Hans hat eine merkwürdig aussehende Rauhaardackelmischung namens Shaasdougn (sprich: Schahsdak’n) und einen Honda-Roller. Ich fahre eine silbergraue Suzuki V-Strom namens Maus und eine dunkelrote Harley-Davidson Road King namens Harry.
Es gibt für mich keine melancholischere Zeit im Jahr als die Zeit der dunklen Tage rund um die Wintersonnenwende. Vor einem Jahr waren wir noch zehn. Jetzt sind wir, Hans und ich, nur noch der traurige Rest. Alle anderen, darunter einer unserer Wirte, haben sich für immer in eine hoffentlich bessere Welt verabschiedet. Zunächst hatten wir geglaubt, es habe sich in allen Fällen um Krankheiten oder Unfälle gehandelt, aber die wahren Hintergründe des Geschehens sind erst am Weihnachtsabend und auch nur durch Zufall ans Tageslicht gelangt.
Wie es zu diesen Ereignissen kam? Das ist eine lange Geschichte, die ich am besten anhand meines Tagebuchs und zahlreichen mit dem Mobiltelefon angefertigten Fotodokumenten im Corona-Jahr 2020 nacherzähle, beginnend mit Weihnachten 2019 und dem ersten Stammtisch dieses verdammten Jahres, an dem wir alle trotz dunkler Ringe unter den Augen noch recht fröhlich feierten.
Es folgten die Tage der Frühjahrs-Coronakrise, ein schöner und biergetränkter Sommer, die vielen Abschiede und das entsetzliche Ende im Dezember. Rückblickend muss ich gestehen, dass uns angesichts der Katastrophen, die wir erlebten, das Virus irgendwann egal war. Wir waren am Ende nur noch zu viert: Hans, unser Freund Psycho, der erst gegen Ende des Drink Teams zu uns stieß, meine Wenigkeit und Shaasdougn, der hässlichste, aber liebenswürdigste Hund in Mitteleuropa. Die Geschichte, die ich zu erzählen habe, begann zu Weihnachten und endete ein Jahr später wiederum zu Weihnachten.
Sonntag, 22. Dezember
im Gasthof zur Sauren Wiese,
4. Adventsonntag, Nachmittag
Ich stand allein an der Theke. Blues putzte wie immer Gläser. Wie feiert man Weihnachten, wenn man allein ist? Ich bestellte einen Weihnachtsbock, ließ meinen Blick in der Unendlichkeit verschwinden und kam ins Grübeln. Ich verbannte alle Gedanken an die Familie, auch an meine geschiedene Frau, und ließ nach einigen Minuten meine Luftschlösser ins Reich von Weihnachten abwandern. Ich musste dabei manchmal Selbstgespräche führen, denn Blues unterbrach mich alle paar Minuten mit „was war das eben?“
Ich ging zum Wurlitzer und drückte „Little Drummer Boy“ von Boney M. Das Lied erzählt die Geschichte eines armen Jungen, der es sich nicht leisten kann, dem neugeborenen Jesus von Nazareth ein Geschenk zu machen und daher auf seiner Trommel spielt.
„Come they told me
Pa rum pum
A new born king to see
Pa rum pum
Our finest gifts we bring
Pa rum pum
To lay before the king
Pa rum pum …“
Ich gestehe, ich bin ein Weihnachtsromantiker. Das Herumstreunen auf Adventmärkten bereitet mir mehr Vergnügen als das Herumschlendern an einem Sandstrand in der Südsee.
Im Neuen Testament heißt es bei Lukas 2, 1: „In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum ersten Mal, damals war Quirinius Stadthalter von Syrien.“
Blues meinte, ich solle ihm nochmals die historischen Details rund um die Weihnachtsgeschichte erzählen. Nochmals ist gut. Ich muss das jedes Jahr zu Weihnachten tun. Ich kannte die Geschichte auswendig und begann zu dozieren.
Rom war nach den langen Bürgerkriegen und der Ermordung Caesars im Jahr 44 v. Chr. angeschlagen. Die nachfolgenden blutigen Machtkämpfe entschied der Großneffe Gaius Octavius für sich. Er war der Adoptivsohn und Erbe Caesars. Octavianus, wie er auch genannt wurde, befehligte mehrere Legionen. Mit einer Kombination aus militärischer Stärke und politischer List putschte er sich an die Macht. Unter dem Vorwand der Wiederherstellung der alten Republik betrieb er die Errichtung einer Monarchie. Das Volk und der Senat von Rom waren froh, endlich in Frieden leben zu können, daher ließen sie den neuen Herrscher gewähren, der damit eine Kaiserdynastie begründete. Seine Autorität festigte er nach außen durch Expansionskriege und nach innen durch eine Friedensphase, die später als „Pax Augusta“ in die Geschichte einging.
Ich stand schon vor dem Wurlitzer und wollte etwas einwerfen, als ich ein Weihnachtslied hörte. Wie sich herausstellte, probte der Männerchor des Nachbarortes im Veranstaltungssaal des Lokals für ihr Nachmittagskonzert am Heiligen Abend. Blues verschwand kurz und brachte mir das Programm. Wir hörten das polnische Weihnachtslied „Als die Welt verloren“ aus dem 19. Jahrhundert:
„Als die Welt verloren, Christus ward geboren …“
Ich dozierte weiter:
Zweiundvierzig Jahre vor der Zeitenwende (atheistische Version), das bedeutet 42 v. Chr. (old Christian school), nannte sich Caesars Adoptivsohn „Gaius Iulius Divi filius Caesar“. 27 v. Chr. erhielt er vom Senat den Ehrennamen Augustus (der Erhabene). Wegen seiner stetig anwachsenden Liste an Titeln wurde er verkürzt auch „Imperator Caesar Augustus“ genannt. Aus dem Namen Caesar entstanden später die Titel Kaiser und Zar.
Caesars und Augustus’ Eroberungskriege hatten Rom in eine Großmacht verwandelt. Niemand hatte damals die geringste Ahnung, wie viele Menschen in diesem Riesenreich lebten. Augustus wollte wissen, wie viele Untertanen er hatte und wie hoch die zu erwartenden Steuereinnahmen waren. Er ordnete folglich eine umfassende Zählung an. Da dies noch zu Lebzeiten von König Herodes stattfand, der 4 v. Chr. starb, liegt offenbar ein Fehler in der Zeitrechnung vor, aber das war mir immer egal.
Jetzt erklang „O Bethlehem, du kleine Stadt“, eine Melodie aus dem 16. Jahrhundert aus England. Es war wunderbar, und ein paar Sekunden vergaß ich meine Weihnachtsgeschichte:
„O Bethlehem, du kleine Stadt,
wie still liegst du hier,
du schläfst und goldne Sternlein
ziehn leise über dir.
Doch in den dunklen Gassen
Das ew’ge Licht heut scheint
Für alle die da traurig sind
Und die zuvor geweint.“
Blues kannte meinen Hang zur Weihnachtsromantik und wartete geduldig, bis ich weitermachte.
Publius Sulpicius Quirinius, ein Günstling des Imperators, war Statthalter in Syrien. Quirinius war loyal, klug und konsequent, somit der richtige Mann in der schwierigsten Provinz des Reiches. Hier lagerten starke römische Legionen zur Abschreckung in Richtung Osten. Vorgänger von Quirinius war Publius Quinctilius Varus, dessen Legionen im Jahr 9 n. Chr. im Teutoburger Wald von Germanenkriegern vernichtet worden waren.
Es ist fraglich, ob Quirinius der gesamten Bevölkerung befahl, in die Stadt ihrer Väter zur Zählung zu wandern. Für Josef und die schwangere Maria muss es ein beschwerlicher Weg von Galiläa im Norden nach Bethlehem im Süden gewesen sein, doch dieser historische Zweifel spielt heute keine Rolle mehr. Überhaupt ist heute vieles egal, was einmal war. Die Wanderung von Maria und Josef von Nazareth nach Süden war vermutlich später ins Evangelium eingefügt worden, um die Prophetenworte, wonach der Messias aus Bethlehem kommt, Wahrheit werden zu lassen.
Blues und ich blickten kurz auf, als „Tochter Zion, freue dich“ von Georg Friedrich Händel erklang. Ich achtete nicht auf den Text, sondern bestellte mir noch ein Glas Weihnachtsbock und grübelte weiter.
Blues sah auf die Krippe mit dem Weihnachtsstern und fragte mich, was ich von dem „Kometen“ über der Krippe halte. Ich begann, meine Gedanken jetzt lauter zu verkünden, denn einige Zechbrüder, die inzwischen eingetroffen waren, hörten zu.
Die Evangelisten Matthäus und Lukas berichten zu Beginn ihrer Aufzeichnungen von der Geburt Jesu. Matthäus erwähnt in seinem Evangelium mehrmals einen Stern. Sterndeuter haben den weiten Weg aus dem Osten auf sich genommen, um dem Stern des neugeborenen Königs der Juden zu folgen.
Astronomen haben sich seit Jahrhunderten den Kopf darüber zerbrochen, ob der Stern von Bethlehem nachweisbar existierte. Große Sterne sterben, indem sie mit gewaltiger Wucht explodieren. Eine solche Supernova wäre, wenn sie in unserer Milchstraße stattgefunden hätte, von den Himmelbeobachtern keinesfalls übersehen worden. Weder in den alten Schriften der Babylonier noch bei den Chinesen findet sich um die Zeitenwende ein Hinweis auf eine leuchtende Supernova.
Kometen erzeugen in Sonnennähe einen Dampfschweif, den man von der Erde aus erkennen kann. Kometen galten immer schon als Unheilsboten, andererseits aber auch als Ankündigung von Königen. Kometen sind nicht so selten, als dass sie als einzigartige Himmelserscheinung gelten könnten. Die Kometentheorie ist also nur teilweise plausibel.
Eine andere Überlegung ist wahrscheinlicher. Im Jahre 7 v. Chr. gab es eine sehr seltene Erscheinung am Himmel. Die beiden gut sichtbaren Planetengötter Jupiter und Saturn trafen sich gleich dreimal. Sie vollführten eine gemeinsame Schleife und kamen sich dabei so nahe, dass sie wie ein einziger großer heller Stern erschienen. Das war in den Monaten Mai, Oktober und Dezember im Jahre 7 v. Chr. Die dreifache Planetenkonjunktion fand zudem im Sternbild der Fische statt. Dieses Sternbild galt bei den Babyloniern als das Symbol für Israel. Für Sterndeuter war dies ein klares Zeichen.
Blues war beeindruckt.
Der Männerchor machte eine Pause. Einige der Sänger kamen an die Theke und bestellten Tee oder Glühwein. Bier wollte keiner, denn das sei schlecht für die Stimme, erklärte mir einer. Als sie gingen, tauchte ich wieder in Richtung Weihnachten ab und bestellte mir ein weiteres Glas Weihnachtsbock.
Ich erzählte weiter.
Unsere Jahreszählung geht auf den römischen Mönch Dionysius Exiguus zurück, welcher diese spät, nämlich erst im 6. Jahrhundert eingeführt hatte. Dionysius muss sich bei seinen Rückrechnungen geirrt haben, denn König Herodes, der Mörder von Bethlehem, starb höchstwahrscheinlich im Jahre 4 v. Chr., und der bei Lukas erwähnte Befehl des Kaiser Augustus, das Land in Steuerlisten zu erfassen, war zuletzt im Jahre 8 v. Chr. ergangen. Somit passen die historischen Eckdaten und das Treffen der Planeten Jupiter und Saturn überein.
Blues unterbrach mein Grübeln. Er fragte mich, wo Hans sei. Ich sagte, er werde mit seiner Shaasdougn schon noch kommen. Blues fragte mich, ob ich die Geschichte über die Fossilien, die ich vor einem Jahr schon vorgelesen hatte, nochmals lesen würde. Zufällig hatte ich das Buch über Weihnachtsbräuche in den Alpen in meiner Tasche. Als ich ihn fragte, was er hören will, meinte er nur: „Lies alles vor!“
Ich blätterte herum, erhob meinen obligaten Zeigefinger und dozierte:
Nicht nur die Saurier sind ausgestorben. Im Laufe der Jahrmillionen kamen und gingen Tier- und Pflanzenarten und hinterließen ihre Spuren in Form von Fossilien. Da man mit den merkwürdigen Fundstücken lange Zeit nichts anfangen konnte, fanden ihre Deutungen Eingang in die Welt der Sagen und Märchen. Ein Großteil der Fossilien wurde mangels natürlicher Interpretation mit Geistern und Dämonen in Verbindung gebracht.
In der Adventszeit ist oft von Raunächten die Rede. Mit rau sind Begriffe wie haarig oder pelzig gemeint. Rau ist auch eine alte Bezeichnung für Rauch. Die erste Deutung steht in Zusammenhang mit den dämonischen Gestalten, die der germanischen Sagenwelt nach in den Raunächten gesehen wurden. Die zweite Deutung entstammt dem uralten Brauch, diese Dämonen auszuräuchern.
Seit dem Mittelalter räuchert man mit geweihtem Rauch, vor allem in den weihnachtlichen Raunächten. In Österreich beginnen die Raunächte mit dem Thomastag, das ist der 21. Dezember, und sie enden in der Silvesternacht.
In den Raunächten ist nach alter Sage die „Wilde Jagd“ unterwegs, ihre Geister besitzen allerlei Tierfüße. Als angeblicher Beweis dient die Kuhtrittmuschel. Diese bis zu zwanzig Zentimeter große Muschel aus dem späten Erdaltertum, welche auf dem Dachstein-Plateau – und nicht nur dort – häufig gefunden wird, hat einen herzförmigen Querschnitt und erinnert an die Trittspuren von Rindern.
Ich erklärte Blues, dass der Dachstein, ein dreitausend Meter hoher Kalkriese, an der Grenze zwischen den Ländern Oberösterreich und Steiermark liegt. Dann las ich weiter.
Als eine weitere Form des Fußabdruckes von Alben, Druden und anderen Geistern galt der fünfzackige Drudenfuß. Die fünfteilige Symmetrie des Drudenfußes enthält nichts Magisches, sondern ist nur auf versteinerte Stachelhäuter, also Seeigel, Seesterne usw. zurückzuführen. Das Skelett dieser Tiere ist fünfstrahlig symmetrisch. Dies ist ungewöhnlich, daher hat man fossile Seeigel schon in der Bronzezeit als magische Grabbeigaben verwendet.
Eine seltene muschelähnliche Tiergruppe, die Brachiopoden, erinnert in ihrer Form an Vögel. Man nannte sie früher auch „Heilig-Geist-Steine“. Die sogenannten Ammoniten waren mit den heutigen Tintenfischen verwandt. Sie trugen schneckenähnliche Schalen und sind vor knapp siebzig Millionen Jahren gleichzeitig mit den Sauriern ausgestorben. Man hielt sie lange Zeit für versteinerte Schlangen. Da manche fossilen Überreste ungewöhnlich groß waren, wucherten in der Folge allerlei Drachengeschichten. So wurden Ammoniten, versteinerte Korallen sowie Knochen des Höhlenbären mit Drachen in Verbindung gebracht. Fossile Haizähne galten als Drachenzähne oder Drachenzungen.
Hans kam mit seinem Shaasdougn bei der Türe herein. Der Männerchor sang jetzt „Je angel gospodov“, ein slowenisches Weihnachtslied. Die Melodie ist wunderschön, da ich aber den Text nicht verstand, blätterte ich herum und gab nach dem Lied noch eine Geschichte zum Besten:
Im Lexikon liest man, dass ein Rentier bis zu zwei Meter lang und einen Meter dreißig hoch werden kann. Es gehört zur Familie der Hirsche. Im Gegensatz zu Reh oder Rothirsch tragen hier beide Geschlechter ein Geweih. Noch vor achttausend bis fünfzehntausend Jahren lebten Rentiere auch in Norddeutschland, wie man anhand von Knochen- und Geweihfunden nachweisen kann. Rentiere schließen sich zu gigantischen Herden zusammen und führen so weite Wanderungen zu neuen Futterplätzen durch. Der Lebensraum der Rentiere erstreckt sich heute über das nördliche Europa und Asien sowie das nördliche Nordamerika und Grönland. In Nordeuropa halten die Samen die Rentiere in Herden.
Auch tiefste Temperaturen fügen den Rentieren keinen Schaden zu. Die langen Außenhaare ihres Pelzes sind hohl wie Makkaroni – eine perfekte Wärmedämmung. Die Natur schenkte auch den Weibchen aller vierundzwanzig Rentier-Unterarten ein mächtiges Geweih, denn damit schaufeln sie ihr Futter aus dem Schnee: Moose, Flechten, Tundragras, manchmal auch einen Pilz. Sie ziehen schwere Schlitten, geben Fleisch und Milch, aus ihrem Fell entstehen Kleidung, Schuhe, Decken und Zelte, und das schon seit mehr als zweitausend Jahren.
Ein einziges der genügsamen Tiere wurde weltberühmt: „Rudolph, the rednosed reindeer“. Das angeblich rotnasige Tier zieht gemeinsam mit Artgenossen den Schlitten des Weihnachtsmannes. Rudolph und seine Rentier-Mannschaft wurden in der Fantasie des US-Dichters Clement Clark Moore geboren. Als dessen kleiner Sohn fragte: „Wie schafft es der Weihnachtsmann, in einer Nacht alle Kinder zu beschenken?“, ersann er den netten Rentier-Burschen mit der rotgefrorenen Nase, der dem Weihnachtsmann so fleißig hilft. Als Buch wurde Rudolph in den USA ein Bestseller, als Weihnachtslied ein Welterfolg. Unzählige Kinder in den angelsächsischen Ländern haben Rudolph, das rotnasige Rentier, ins Herz geschlossen.
Die Sache hat nur einen Haken. Während die Rentierbullen ihr Geweih nach der Brunft im Herbst verlieren, bleibt das Geweih der Kuh noch mehrere Wochen erhalten. So bekommt sie durch diese weise Einrichtung der Natur als trächtiges Weibchen Vorrang an den begehrten Futterplätzen. Wenn nun der Weihnachtsmann im Dezember mit seinen geweihtragenden Rentieren daherkommt, so kann es sich bei den Arbeitstieren nur um Weibchen handeln, denn die Männchen haben ihr Geweih längst abgeworfen. Rudolph ist daher in Wahrheit eine Rudolphine. Dies zeigt wohl, dass zur Weihnachtszeit auch bei den Rentieren die Frauen hart arbeiten.
Blues und Hans lachten.
Jetzt sangen die Männer im Nebenraum das schönste Weihnachtslied „Stille Nacht, Heilige Nacht“. Das Lied ist zu schön, um es durch Gespräche zu stören. Wir waren still, bis die letzte Strophe verklungen war. Ich nutzte die Gelegenheit und las aus dem mitgebrachten Buch „Weihnachten und andere Krisen“ vor:
Der junge Hilfsgeistliche Joseph Mohr war bei Priestern und Bischöfen als aufsässiger Diener Gottes bekannt. Sein Vergehen bestand darin, ständig mit neuen Ideen daherzukommen, was als mangelnde Unterwürfigkeit gedeutet wurde. Als zu Weihnachten 1818 die Orgel in der kleinen Kirche von Oberndorf kaputt war, beschloss Mohr, dass etwas Neues versucht werden müsse. In einem alten Kirchenbuch fand er den etwas holprigen lateinischen Text „Alma nox, tacita nox, omnium silet vox, sola virginum nunc beatum …“ usw. Mohr dachte, dass es wohl für die Gläubigen besser sei, wenn sie in deutscher Sprache mitsingen könnten. Mohr übersetzte vom Lateinischen ins Deutsche und so entstand das berühmteste Weihnachtslied der Welt.
Mohr gab den Text seinem Freund Franz Xaver Gruber, der innerhalb weniger Stunden eine unsterbliche Melodie dazu komponierte. Die Gläubigen, die am Heiligen Abend die Christmette besuchten, staunten, als sie den Kirchenchor zusammen mit den beiden Solisten, dem Tenor Joseph Mohr und dem Bass Franz Gruber, hörten.
Mohr und Gruber zogen bald weg, aber die Oberndorfer vergaßen ihr Weihnachtslied nicht und sangen es jedes Jahr. Als der Zillertaler Orgelbauer Karl Mauracher 1825 die Orgel des kleinen Dorfes reparierte, hörte er zum ersten Mal „Stille Nacht“ und war beeindruckt. Mauracher schrieb das Lied ohne Angabe der Urheber ab, brachte Noten und Text ins Zillertal und übergab alles den singenden Geschwistern Amalie, Karoline, Anna und Josef Strasser. Diese machten das Lied bekannt, es galt von da an als Zillertaler Volkslied unbekannter Herkunft. 1833 erschien das Lied in gedruckter Form als „ächtes Tyroler Volkslied“.
Als sich die königliche Hofkapelle in Berlin 1854 unter anderen beim Stift St. Peter in Salzburg nach der Originalpartitur erkundigte, erfuhr Franz Grubers Sohn Felix von der Sache. Sogleich wurde der Ursprung des Liedes aufgeklärt. Die Berliner wandten sich direkt an Franz Gruber, der die Entstehungsgeschichte des Liedes aufschrieb.
Shaasdougn bekam von Blues ein Stück Wurst, was dieser genussvoll verdrückte. „Es ist nur einmal im Jahr Weihnachten.“
Wir hatten uns schon damit abgefunden, den Rest des Abends zu viert an der Bar zu verbringen, Blues, Hans, Shaasdougn und ich, als Pasak, Fat Lot, Charly und Block Jane mit lautem „Hallooo!“ bei der Tür hereinkamen.
Mir fiel im Moment nichts mehr ein. Ich hatte das Bedürfnis, ein richtiges Weihnachtslied zu hören, das meiner Stimmung entsprach: „Pasak, kannst du im Wurlitzer ein Weihnachtslied finden?“
„Ja“, meinte Blues“, „da ist noch ‚White Christmas‘ und ähnliches amerikanisches Zeug drin. Den ‚little Drummer Boy‘ hast du ja eben gedrückt.“
Pasak ging zum Wurlitzer. Kurz darauf ertönten die Stones: „Sympathy for the Devil“.
„And I was ’round when Jesus Christ
Had his moment of doubt and pain
Made damn sure that Pilate
Washed his hands and sealed his fate.
Pleased to meet you
Hope you guess my name,
But what’s puzzling you
Is the nature of my game …“
In der Sauren Wiese gibt es ein Thekengästebuch. Niemand weiß, wer das vor vielen Jahren eingeführt hatte. Unser Wirt Blues meinte, es sei schon der sechste Band. Die ersten drei sind verschollen, sie lagern weiß Gott wo. Im Grunde stehen ohnehin nur Klosprüche drinnen wie etwa: „Such nicht nach Witzen an der Wand, den größten hältst du in der Hand.“
Ich wollte gerade einen ordinären Spruch und meinen Namen reinschreiben, als mir beim Herumblättern ein loser Zettel mit einem Gedicht auffiel:
Zehn kleine Zecherlein,
die tranken guten Wein.
Einer hatte Gift im Glas,
da waren’s nur noch neun.
Neun kleine Zecherlein,
die plantschten durch die Nacht.
Einer ist dabei ersoffen,
da waren’s nur noch acht.
Acht kleine Zecherlein,
die hat die Trauer aufgerieben;
Bei einer hat das Herz geflattert,
da waren’s nur noch sieben.
Sieben kleine Zecherlein,
die waren voll perplex.
Als einer fiel vom Kirchenturm,
da waren’s nur noch sechs.
Sechs kleine Zecherlein,
die hatten keine Trümpf.
Dead Man’s Hand war nicht genug,
da waren’s nur noch fünf.
Fünf kleine Zecherlein,
die tranken zu viel Bier.
Eine ist zu schnell gefahren,
da waren’s nur noch vier.
Vier kleine Zecherlein,
die gingen in die Brauerei.
Einer plumpste in den Kessel,
da waren’s nur noch drei.
Drei kleine Zecherlein,
die schossen gern mit Blei,
Einer fing ’ne Kugel ein,
da waren’s nur noch zwei.
Zwei kleine Zecherlein,
die fingen an zu weinen.
Einer legt sich auf die Schienen,
da gab es nur noch einen.
Ein kleines Zecherlein,
das litt gar große Not,
es starb am Grab der Freunde,
da waren alle tot.
Ich las es zweimal durch und fragte, wer das verfasst hatte. Es war mit Tuschefeder und in schöner Schrift geschrieben. Fast schon ein kalligraphisches Kunstwerk. Niemand hatte das Gedicht zuvor gelesen.
„Uns betrifft es ja nicht“, meinte Pasak, „wir leben ja alle noch.“
„Wenn ich es mir aussuchen könnte, würde ich gerne bei einer Pokerpartie mit Dead Man’s Hand sterben“, meinte Fat Lot grinsend, „und du, Jane, kommst gleich nach mir dran, weil du mit deiner Karre immer viel zu schnell unterwegs bist.“
Das Gedicht war mit „Teras“ unterschrieben. Ich kannte keinen Teras, auch der Wirt hatte keine Ahnung, wer das sein könnte. Charly, der neben mir stand, bemerkte meine gerunzelte Stirn und klärte mich auf: „Teras ist Griechisch und bedeutet so viel wie Ungeheuer. Schon mal was von einem Teratom gehört? Das ist eine besonders unheimliche Art von Krebs. Auch Terabyte kommt von Teras. Wörtlich übersetzt heißt das nichts anderes als ungeheuer viele Bytes“.
Wir mussten lachen und vergaßen die Sache schnell. Ich überlegte mir einen Spruch. Nach einigem Grübeln schrieb ich ins Gästebuch: „Ein Freund ist jemand, der mich mag, obwohl er mich kennt.“ Hans schrieb drunter: „Es ist ja nicht so, dass ich dich hasse, aber würdest du brennen und ich hätte Wasser, ich würde es trinken.“
Es war 2 Uhr, als wir alle aufbrachen. Blues begann, die Theke abzuwischen, dann löschte er die Lichter. Es hatte Minusgrade, und es schneite etwas.
Meine Harley-Davidson stand in der Garage. Road King Harry hielt Winterschlaf, genauso wie meine silbergraue Suzuki-Maus.
Freitag, 3. Jänner
im Gasthof zur Sauren Wiese
Wir trafen uns am 3. Jänner abends an der Theke in der Sauren Wiese. Die Theke hieß bei uns nur Theke. Die anderen hießen Antitheke, Syntheke oder hatten ordinäre Bezeichnungen. Alle von uns hatten noch von der letzten Silvesterfeier Ringe unter den Augen. Der einzige einigermaßen sportlich und frisch Aussehende war unser Wirt Blues.
Fat Lot klopfte gut gelaunt seine Sprüche, was Hans zu einem Kommentar veranlasste: „Charmant ist er schon“, und Pasak konterte: „Charme ist die Chance der Hässlichen und Dummen.“ Hans und ich gossen uns dunklen Weihnachtsbock ein.
Fat Lot erzählte von seinem Neujahrsvorsatz, seinen Wunderdiäten und schloss Wetten ab, wie viele Kilos er im nächsten Monat verlieren würde. Nachdem Blues unter allgemeinem Gelächter seine Brückenwaage zur Kontrolle zur Verfügung gestellt hatte, wechselte Fat Lot das Thema.
Fat Lot hatte Hans’ Kompliment überhört, redete fast ununterbrochen, und fragte mich gelegentlich etwas, was ich meist mit „Jawohl!“ beantwortete. Ich höre nicht zu, wenn jemand Unsinn redet, und das passiert eigentlich fast immer. Ich blätterte in einem der mitgebrachten Bücher und wurde wieder einmal von einem in der Runde, meinen Stammtischgeschwistern, „Hausautist“ genannt. Wenn die Weiber nicht da sind, haben Hans und ich Stammtischbrüder, aber wenn wenigstens eine anwesend ist, schalten wir um des Friedens willen auf „Geschwister“ um.
Die Stimmung war an diesem Abend etwas gedämpft, einige kämpften noch mit dem Jahreswechsel-Kater. Die Silvesterparty war wie meistens ein voller Erfolg gewesen. Da die meisten schon um 20 Uhr einen Zacken in der Krone hatten, lohnte sich kein Eintrag im Tagebuch.
Der Knochenbrecher schaute erkennbar frustriert in sein abgestandenes Bier, dann auf seine Uhr, wohl wissend, dass ihn der Dragoner in spätestens drei Stunden aus dem Lokal schleifen würde. Hans und ich versprachen ihm, seinen Dragoner in ein längeres Gespräch zu verwickeln, was bis zu einer Stunde Zeitaufschub bringen konnte.
Fat Lot jammerte, weil er seit Weihnachten zwei Kilo zugenommen hat. Hans versuchte ihn zu trösten und gab ihm einen Tipp: „Abnehmen ist ganz einfach. Man muss nur Appetit auf Dinge trainieren, die man nicht mag.“ Fat Lot meinte, das sei nicht so einfach, denn er fresse schließlich alles, wenn er Unterzuckerung spüre. Hans ließ nicht locker. „Schau dir einfach den Film ‚Das große Fressen‘ von Marko Ferreri an, und schon vergeht dir für einen Tag der Appetit.“
„Ja eh“, gab ihm Fat Lot Recht, „aber in dem Film vögeln sie so herrlich, und das macht wieder Appetit.“
Block Jane nippte an ihrem Irish Coffee. Ihren vermeintlich richtigen Namen Jeanine verwendeten wir schon lange nicht mehr. Da sie aber dafür bekannt war, mit ihrem Traumbusen und ihrer Wespentaille manchmal im Minirock und Netzstrümpfen zu erscheinen und dadurch anzügliche Sprüche provozierte, gleichzeitig aber jedes eindeutige Angebot – meist von Pasak – zurückwies, galt sie in der Runde als nymphomanische Jungfrau. Von der „blockierten Jeanine“ zur Block Jane war es nur ein Schritt.
Jane versuchte, Fat Lot aufzuheitern: „Schau mal, mein lieber Lothar, Gewicht zu reduzieren ist nur eine Sache des Willens. Du kannst das. Meine kaputte Kindheit kann ich dagegen nicht abschütteln. Als Kind hat mir meine Mutter immer eine Wurst umgehängt, damit wenigstens der Hund mit mir spielte.“ Fat Lot mochte es nicht, wenn jemand versuchte, ihn mit aufgesetzt dummen Sprüchen aufzuheitern.
Der schwule Ernesto, der von allen nur Che genannt wurde, tat ganz erstaunt und heuchelte Empathie, so als ob er die Kindheitsgeschichte zum ersten Mal gehört hätte. Che stammte nach eigenen Angaben aus Bolivien, machte aus seiner sexuellen Orientierung kein Geheimnis, arbeitete seit Jahren in der Brauerei Pettingerbräu und liebte Block Jane. Platonisch, versteht sich, aber innig. Da er nichts von ihr begehrte, liebte auch sie ihn. „Aber Jane“, sagte er, „du musst lernen, die alten Geschichten loszulassen. Im Übrigen wird Liebe überbewertet. Liebe ist in der Regel ein Wort mit drei Vokalen, zwei Konsonanten und zwei Idioten.“
Pasak hatte mitgehört. Niemand kannte seinen wahren Namen. Er hieß in der Runde nur Pasak. Er hatte einen tschechischen Akzent, zumindest klang das so. Er war der geborene Macho, versuchte ständig bei Block Jane zu landen, wurde aber regelmäßig abgewiesen. Er grinste Che ins Gesicht und sagte für alle hörbar: „Che ist einer von denen, die über ein Dutzend nackte Frauen hinwegsteigen, um zu einer Flasche Bockbier zu kommen.“ Block Jane kannte Pasaks Sprüche und fauchte zurück: „Lieber Bier im Blut als Stroh im Kopf, und wenn Kurt Cobain dich gekannt hätte, dann hätte er sich zweimal erschossen.“
Wir waren alle noch etwas verkatert, es war der Tag der blöden Sprüche. Wer wann was ernst oder humorvoll meinte, war letztlich egal.
Hans und ich blätterten derweil in unseren mitgebrachten Büchern. Die anderen hatten sich daran gewöhnt, manchmal stellten sie Fragen, und dann konnte es zu kleinen Vorträgen kommen. Wir waren für die anderen die Philosophen in der Runde.
Ich bestellte ein zweites Bier, und mein Kater war auf wunderbare Weise aufgewärmt. Es fühlte sich gut an. Das musste Fat Lot natürlich kommentieren: „Two beer or not two beer. That is the question.“ Charly staunte über Fats Literaturkenntnisse, betonte, dass dieses Zitat Charles Bukowsky auch schon verwendet hatte und bestellte ebenfalls ein Bier.
Charly hatte doch tatsächlich ein Buch von Charles Bukowsky mitgebracht. Es enthielt zwei Romane und einige Gedichte. Charly war wegen seiner Rückenprobleme ein vorzeitig pensionierter Briefträger. Zumindest behauptete er das. Trotzdem half er noch gelegentlich in unserer Rettungsstation aus. Da er immer noch eine Lizenz als Rettungssanitäter besaß, wurde er gelegentlich zum Beidienst eingeteilt, wenn es viel zu tun gab. Er kündigte aber an, mit Ende des Jahres endgültig Schluss machen zu wollen. Niemand fragte nach, warum er in seinem Beruf pensionierungswürdige Rückenprobleme hatte, nicht aber im Rettungsdienst. Nur der Knochenbrecher erinnerte ihn manchmal an die Sache, wenn er rief: „Es lebe der Sozialstaat!“ Was Charly beruflich tatsächlich machte, wusste niemand so richtig.
Normalerweise erzählte Charly uns von seinen interessantesten Rettungseinsätzen, aber jetzt blätterte er in seinem Bukowsky, wartete auf eine Pause und las dann laut aus dem Buch „Der Mann mit der Ledertasche“ vor:
„Aber ich sagte mir immer wieder, Herr Gott, als Briefträger braucht man nichts anderes als seine Briefe abzuliefern und mit der Hausfrau ins Bett zu steigen. Genau der richtige Job für mich.“
Pasak grinste und fragte, wie viele Briefe er pro gebumster Hausfrau zustellen musste, aber da startete Hans den Wurlitzer.
Kurz darauf ertönte „Dancing Queen“. Block Jane sang mit:
„You are the dancing queen
Young and sweet
Only seventeen
Dancing queen …“
Che beschäftigte trotz seines Katers eine Frage. Er wandte sich an mich. „Sag mal, wie ist das eigentlich mit den Monatsnamen? Zehn heißt auf Spanisch diez. Auf Italienisch heißt es dieci. Der Dezember hat also wahrscheinlich etwas mit der Zahl zehn zu tun.“ „Richtig“, bestätigte Hans, „denn zehn heißt auf Lateinisch decem. Dezember ist demnach der zehnte Monat.“ Che war verwirrt. „Warum wird dann der zwölfte Monat im Jahr lateinisch als zehnter Monat bezeichnet?“
Ich hob meinen rechten Zeigefinger, daher hat mich die Bande auch „Erklärbär“ genannt. Jetzt war ich wieder ganz der Vortragende, der in der Volkshochschule Vorträge über Philosophie und Geschichte hält. Ich fischte das Buch „Historische Tiefschläge“ aus meinem Stapel, blätterte herum, dann hatte ich die Stelle gefunden und begann zu dozieren.
Bei den alten Römern begann das Jahr nicht im Jänner, sondern im März. Die alten Monatsnamen verraten dies. Septem heißt sieben, decem bedeutet zehn. Der September war der siebte Monat im Jahr, der Dezember der zehnte. Julius Caesar und Augustus stifteten in ihrer Eitelkeit die Monatsnamen Juli und August und gaben ihnen jeweils einen einunddreißigsten Tag. Die beiden Tage entnahmen sie dem Februar, wodurch dieser nur noch achtundzwanzig Tage aufwies. Das ist ein merkwürdiges Erbe, welches die Zeiten überdauerte.
Che war begeistert. „Dann ist der kurze Februar also eine Folge der Eitelkeit zweier Cäsaren?“
„Genau“, sekundierte Hans. Ich fuhr fort und erklärte nun, ohne vorzulesen: „Die Römer wussten, dass ein Jahr nicht genau dreihundertfünfundsechzig Tage hat, sondern dreihundertfünfundsechzig und einen Vierteltag. Aus diesem Grunde hängten sie alle vier Jahre im Februar einen Schalttag an, wodurch der Kalender wieder ins Lot kam. Der Teufel steckt aber im Detail. Ein Jahr dauert, wie die Astronomen herausfanden, nicht dreihundertfünfundsechzig und einen Vierteltag, sondern etwas weniger. Im Zeitraum von einigen Jahrzehnten ist dies ohne Bedeutung, aber im Laufe der Jahrhunderte wurden wegen dieses kleinen Unterschieds zu viele Schalttage eingeschoben. Der Kalender wurde fehlerhaft.“
„Jaja, mit der Zeit ist das so eine Sache“, meinte Fat Lot und nahm einen tiefen Schluck, „Comes time, comes bicycle“, fügte er an.
Che war verwirrt. „Was?“
Hans beruhigte Che. Er meinte nur: „Kommt Zeit, kommt Rad.“
Ich fuhr mit erhobenem Zeigefinger fort:
„Im Jahr 325 hatten die Bischöfe am Konzil von Nizäa beschlossen, dass die Tag- und Nachtgleiche des Frühlings auf den 21. März fallen soll. Daraus folgten alle anderen beweglichen Festtage.“
Nur Che hatte noch zugehört. „Nach dem Silvesterkater und nach zwei Reparaturbieren seid ihr zwei“ – er meinte Hans und mich – „noch gut drauf.“ „Nicht übertreiben“, entgegnete Hans, und ich ergänzte: „Erzählen geht gerade noch.“
„Na“, meinte der Knochenbrecher, „seid ihr gut ins neue Jahr gerutscht?“
„Scheiß-Rutsch“, maulte Pasak, „woher kommt denn der Quatsch? Ich habe mich ins neue Jahr mit Bier und Gin herübergeblödelt. Ist jemand von euch gerutscht? Ich nicht.“
Hans klärte Pasak auf, dass es sich beim Rutsch um einen Ausdruck aus dem Jiddischen handelt. Die Juden sind laut Hans ein erstaunliches Volk. „Obwohl sie innerhalb der gesamten Menschheit zahlenmäßig nur ein Spurenelement bilden, sind ungefähr 20 % der Nobelpreisträger Juden. Kein anderes Volk schafft auch nur näherungsweise so eine Zahl. Wohin man in den Wissenschaften und Künsten auch blickt, die Juden sind bei weitem überrepräsentiert.“
Alle hörten jetzt zu. Ich fuhr fort.
Ein machtvoller Einfluss des Judentums ist im Bereich der Philosophie zu erkennen und hier wiederum in einer Kunstform, die am Verschwinden ist, dem Witz. Amerikanische Juden haben das Wort aus Deutschland sogar in die USA mitgenommen. Der jüdische Witz ist geistvoll und hintergründig, mitunter auch doppelbödig. Da ein guter Witz fast immer auf Kosten von irgendjemandem geht, drängt die dumme political correctness die wunderbare Kultur des Witzes immer mehr ins Private zurück und bringt stattdessen den öffentlichen dummen Klamauk und das seichte Blödeln hervor.
Alle applaudierten. „Toller Vortrag“, meinte Pumpe. Es war uns nicht aufgefallen, dass Pumpe die ganze Zeit auf seinem Smartphone herumgewischt und bisher geschwiegen hatte. Pasak beschwerte sich. „Jetzt weiß ich immer noch nicht, was es mit dem blöden Rutsch auf sich hat.“
Jetzt war ich an der Reihe.
Zum Jahreswechsel wünschen wir uns einen guten Rutsch. Dieser Ausdruck kommt von jiddischen Rosch ha-schana, was Anfang des Jahres bedeutet. Das Wort soll an die Erschaffung der Welt erinnern. Die Juden wünschten sich damit einen guten Jahresanfang. Nichtjuden hörten das, verstanden nicht die Bedeutung und machten daraus unseren neudeutschen Rutsch.
Pasak hatte ausnahmsweise zugehört, bestellte sich noch ein Bockbier und murmelte: „Nach drei Starkbieren erkennt man die Tiefe des Lebens. Nüchtern nur die Abgründe.“
Block Jane hatte ihre Beine übereinandergeschlagen, sodass man ihren feuerroten Slip sehen konnte. Pasak bekam Stielaugen. Che schnappte sich irgendein Buch und blätterte herum. Der Knochenbrecher wurde immer stiller. Fat Lot bestellte sich beim Wirt noch einen Hamburger Spezial, Block Jane warf ihm einen vorwurfsvollen Blick zu, aber Fat Lot meinte nur: „Ich bin gleich zu Hause, und zu Hause ist man dort, wo man den Bauch nicht einziehen muss.“
Sein Neujahrsvorsatz hatte nur achtundvierzig Stunden gehalten.
Die Gespräche verflachten, Block Jane erzählte noch einen Witz:
„Lothar steht nackt vor dem Spiegel und meint: Drei Zentimeter länger, und ich wäre Prinz Karneval. Seine Mama antwortet: Und drei Zentimeter kürzer, und du wärst Kölner Jungfrau.“ Fat Lot lächelte säuerlich. Man sah, dass er versuchte, einen Rachewitz aus seinem Gedächtnis zu holen. Es war vergeblich.
Che spürte langsam seine Promille. „Gott ist nicht tot“, murmelte er lallend, „sondern er lebt in Frankreich, das behauptet sogar Pasak. Er wohnt dort in dieser Villa, die einmal einem Pancho gehört hat, aber der ist längst davongeritten.“ Niemand beachtete das Gefasel.
Um 1 Uhr rauschte der Dragoner herein. Der Knochenbrecher hatte schon vorgesorgt und den Mantel angezogen. Sie gingen beide und wünschten zuvor noch ein gutes Neues Jahr. Aus der Extrastunde für den Knochenbrecher wurde nichts. Charly winkte ihnen nach und blätterte in seinem Bukowsky.
Ich warf eine Münze in den alten Wurlitzer, der nach Jahrzehnten immer noch funktionierte. Einige Platten kratzten, aber das störte niemanden.
„The Wind cries Mary“ war einer meiner Lieblings-Hits.
Hans und ich sangen mit und wurden melancholisch:
„After all jacks are in their boxes
And the clowns have all gone to bed
You can hear happiness
staggering on down the street
Footprints dressed in red
And the wind whispers Mary.“
Und weil ich gerade in einer melancholischen Stimmung war, schickte ich einen alten Song hinterher. Es wurde still in der Runde, denn wir hörten alle andächtig „Nights in White Satin“ von den Moody Blues.
Als der Wurlitzer seinen letzten Ton von sich gab, lag Pasak schlafend auf der Bank, alle anderen waren gegangen.
Ich krallte mir das Thekenbuch und schrieb hinein: „Die Haare, die Zehen- und die Fingernägel sind die einzigen Stellen, an denen Frauen heutzutage noch rot werden.“ Ich wollte das Thekenbuch schon an Hans weitergeben, als mir ein eingeklebter Zettel mit einem merkwürdigen Text auffiel, der mit einer Schreibmaschine getippt war: „Honesta mors turpi vita potior.“ (Ein ehrlicher Tod ist besser als ein schändliches Leben.) Der Zettel war mit „Teras“ unterschrieben. Blues wusste nicht, von wem der Zettel stammte.
Hans und ich klappten unsere Bücher zu, sagten laut „Ibrahim“, tranken aus und verließen als Letzte die Theke.
Freitag, 10. Jänner
in der Hopfenklause
Wir saßen jenseits der Grenze in der Hopfenklause, die intern auch „Antitheke“ genannt wird. Da ich den Fahrkünsten anderer misstraue, fuhr ich mit meiner Suzuki-Maus über die Grenze. Hans folgte mir auf seinem roten Honda-Roller. Die Zeiten, als ich mich über seine fahrende „Klomuschel“ lustig machte, waren vorbei. Jeder Möchtegern-Rocker soll nach seiner Façon selig werden.
Alle waren da. Monk, der Hopfenklausenwirt, war an diesem Abend ausnahmsweise gut drauf. Sonst war er immer eher schweigsam. Charly hatte einen Ordner „Sanitätshilfe“ mit. Er wollte nochmal, „ein allerletztes Mal“, wie er sagte, eine Zweijahreslizenz für den Rettungssanitäter bekommen und musste noch büffeln.
Hans blätterte in einem mitgebrachten Buch über die verschiedenen Typen von Arschlöchern. Nach einiger Zeit schmunzelte er und zeigte mir das Inhaltsverzeichnis. „Alles klar“, meinte er, „wir beide und Charly sind Eigenbrötler, Block Jane ist ein Klammeraffe, du bist zusätzlich auch ein narzisstisches Arschloch, weil du auf jede Art von Kritik mimosenhaft reagierst, Pasak ist ein Riesenarschloch, der Knochenbrecher und sein Dragoner sind …“
„Halte dein blödes Maul!“, brüllte der Dragoner, der heute alles andere als gut drauf war, über die Theke, „ich kann ohne deine Psychoanalyse leben.“ Hans verstummte augenblicklich. Sie ist eine eigensinnige Tussi, dachte ich, sagte aber nichts. Dem Dragoner zu widersprechen war selten ratsam.
„Der Dragoner ist heute aber streng“, meldete sich Pasak zu Wort.
Block Jane warf ihm einen herben Blick zu: „Sie heißt immer noch Henriette. Es heißt die Henriette und nicht der Dragoner.“
Unser Wirt Adrian, den Hans und ich wegen seiner ansonsten schweigsamen und pingeligen Art „Monk“ nannten, grinste hinterhältig: „Man sagt ja auch die Conchita Wurst, obwohl er der Herr Tom Neuwirth ist. Also, lieber Herr Dra …, Frau Henriette, Genderismus ist genauso übrig wie dragonisch.“
Alle lachten, sogar der Dragoner.
Irgendwann kam die Sprache auf Männer und Frauen, und welches Geschlecht dem anderen überlegen wäre. Es flogen die üblichen Allgemeinplätze und Dummheiten durch den Raum, bis jemand die Bemerkung machte, dass eine Welt ohne Männer aus lauter frustrierten und übergewichtigen Frauen bestehen würde.
Für den Dragoner war das ein aufgelegter Elfmeter.
„Es gibt nichts Leichteres als einen Mann zu töten. Man muss nur Hundefutter in sein Essen mischen.“
Jetzt hörten sogar Pasak und die anderen zu. Der Knochenbrecher kannte den Witz schon, ich übrigens auch.
„Wenn du deinem Mann Hundefutter ins Essen gibst, dann bellt er nach einer Woche den Mond an, nach zwei Wochen pinkelt er im Garten im Knien an den Baum, und nach drei Wochen bricht er sich das Genick beim Versuch, an seinem Sack zu lecken.“
Dröhnendes Gelächter. Auch Pasak lachte. Ich blickte mich um, und suchte nach Pater Severin, aber der war zum Glück nicht da. Priester halten bekanntlich viel aus, aber das wollte ich Pater Severin doch nicht zumuten.
Der Dragoner blätterte in den herumliegenden Tageszeitungen und schimpfte lauthals über die Qualität der Medien. „Da schreibt doch einer vom anderen ab“, maulte sie, „und am Morgen können wir in der Zeitung lesen, was am Abend zuvor im Internet gestanden ist.“
Pumpe gab dem Dragoner recht. „Jaja, die Journalisten. Ich war auf dem höchsten Gebäude der Welt, aber die Journalisten haben nie darüber geschrieben.“
Hans fragte: „Was ist denn das höchste Gebäude, lieber Horst?“
Pumpe wissend und mit erhobenen Augenbrauen: „Das ist der CN-Tower in Toronto.“
Hans blätterte in seinem Buch „Wolkenkratzer, Könige der Klaustrophobie“ und meinte nur lapidar: „Falsch. Das ist diese lange Wüstennadel in Dubai.“
Pumpe gab sich nicht geschlagen: „Damals, als ich oben war, war es das höchste Gebäude der Welt, aber das haben die Journalisten ignoriert. Da wurde in der malaysischen Hauptstadt Kuala Lumpur das angeblich höchste Gebäude der Welt eröffnet. Das Doppel-Hochhaus heißt Petronas-Towers und ist mit vierhundertfünfundzwanzig Metern Höhe tatsächlich imposant. Laut Agenturberichten hat damals dieses Doppelding in Südostasien den Sears-Tower in Chicago um wenige Meter geschlagen.“
Pumpe lief zur Hochform auf, als er merkte, dass ihm ausnahmsweise die meisten zuhörten: „Die Meldung hatte nur einen Haken. Sie stimmte nicht. Der Sears-Tower und die Petronas-Towers zählten zu den höchsten Gebäuden mit Wohnungen und Geschäftsräumen. Das höchste Gebäude der Welt war aber nach wie vor der CN-Tower in Toronto, und der ist um mehr als hundert Meter höher als die Petronas-Towers. Der CN-Tower hat fünfhundertsechzig Meter Höhe. Alles klar?“
„Jaja, die Journalisten“, Hans seufzte, „ein weiterer oft auftretender Fehler ist die falsche Übersetzung des Zahlwortes Billion. Die englische Billion ist eine Zahl mit neun Nullen. Das entspricht im Deutschen der Milliarde. One Billion Dollar ist daher nicht eine Billion Dollar, sondern eine Milliarde Dollar. Im Deutschen hat die Billion nicht neun, sondern zwölf Nullen, und das ist immerhin das Tausendfache. Eine Milliarde Sekunden sind knapp zweiunddreißig Jahre, eine Billion Sekunden sind 31.710 Jahre. Die deutschsprachige Billion heißt im Englischen Trillion.“
Ich schnippte mit den Fingern und Monk schaltete den Verstärker ein. In der Hopfenklause gibt es keine Musikbox. Jeder kann sein Smartphone an die Anlage hängen und seine Musik den anderen aufzwingen. Ich hängte das Ding von Hans an, denn er hatte die größte Sammlung drauf.
Ich suchte nach AC/DC und drückte den Knopf. Aus den Boxen röhrte „Back in Black.“
Ich drehte die Lautstärke auf ein erträgliches Maß und erinnerte mich an eine alte Geschichte: „1994 stellte ein New Yorker Kaufmann am Times Square in Manhattan eine makabre Death-Clock auf. Es handelte sich um ein digitales Zählwerk, das die in den USA verkauften Schusswaffen und die damit getöteten Menschen zählte. Eine Nachrichtenagentur übersetzte diese Death-Clock nicht mit Todesuhr, sondern irrtümlich mit Todesglocke, was mehrere deutschsprachige Medien in Deutschland und Österreich übernahmen. Todesglocke hieße im Englischen bekanntlich Death-Bell. Zum Glück hatte der New Yorker Unternehmer seine Uhr nicht so genannt, denn möglicherweise wäre Death-Bell von einer Agentur mit Todeshund übersetzt worden.“
Brüllendes Gelächter, einige klopften sich auf die Schenkel.
Irgendwann klemmte Jane das Telefon von Hans ab und hängte ihr iPhone dran. Aus dem Lautsprecher tönte „Purple Rain“ von Prince.
Seit ein paar Jahren haben fast alle Gasthäuser und Spelunken im Dunstkreis unserer Gang auf meine Anregung hin Gäste- oder Thekenbücher eingeführt. Hans griff sich das Thekenbuch und notierte: „Der Bau von Luftschlössern kostet nichts, aber ihre Zerstörung ist sehr teuer.“
Daraufhin griff Charly, der nach dem dritten Bockbier schon leicht schwankte, nach dem Buch und schrieb hinein: „Das Elend hat viele Gesichter – wie gefällt dir meines?“
Ich hatte die arrogante Angewohnheit, hie und da lateinische Sprüche hinzuschreiben und die Übersetzung erst auf den letzten beiden Seiten des Buches zu hinterlassen: „Virtutem incolumen odimus.“ (Wir hassen vollkommene Tugend.)
Ich winkte Jane heran, machte ihr ein nichtssagendes Kompliment, was sie mit einer Handbewegung abtat, und ersuchte sie, auch etwas ins Thekenbuch zu schreiben. Sie kramte in ihrer Handtasche herum, holte ein kleines Molleskinebüchlein heraus, blätterte herum und schrieb dann: „Come to Lappland for your Honeymoon! The nights last twentyfour hours.“
Als ich sie fragte, ob das sowas wie ein Lyrikbuch von Mädchen aus ihrer Kindheit sei, lächelte sie nur, zwinkerte mir zu und verschwand wieder zu Che, um sich mit ihm zu unterhalten. Ich hasse es, wenn Frauen Signale aussenden und Männer raten lassen, was sie wohl bedeuten. Ich bin nicht geschaffen, um Frauen zu verstehen. Wahrscheinlich teile ich diese Eigenschaft mit fast allen Männern.
Monk raunte mir zu, dass der Dragoner eigentlich ganz nett sei, sogar an ihre ruppige Art könne man sich gewöhnen. An ihren Pferdearsch könne er sich aber nicht gewöhnen. Ich begann wie wild zu blättern und zeigte ihm das Vorwort aus dem Buch „Vom Pferd bis zur Raumfahrt waren es nur drei Schritte“:
Als Norio Ohga, der legendäre Chef des Elektronikkonzerns Sony, die CD entwickeln ließ, ergab sich die Frage nach der Größe. Ohga war ein Liebhaber klassischer europäischer Musik. Er verlangte, dass auf der Scheibe Beethovens 9. Sinfonie Platz haben müsse. Daraus ergab sich der Radius der CD von sechs Zentimetern. DVD und Blu-ray übernahmen später diese Größe.
Die Spurbreite der Eisenbahnen in den USA und in Kanada beträgt 4 Fuß und 8,5 Zoll. Eisenbahnen in England hatten früher diese Spurbreite, sie wurde in Amerika übernommen. Der Grund, warum die Engländer dieses Maß wählten, ist einfach. Sie kopierten die Spur der englischen Straßenbahnen. Die Spurbreite der englischen Straßenbahnen hat ihren Ursprung in den Werkbänken und Werkzeugen, mit denen auch Transportwagen, Karren, Kutschen und andere Transportmittel erzeugt wurden. Es gibt also einen direkten Zusammenhang von Kutschen- und Eisenbahnspuren.
Die Wagenspuren waren den Rillen der englischen Fernstraßen angepasst. Diese Vertiefungen stammen von den Straßen, die auf die Römer zurückgehen. Die Römer waren bekanntlich auch deshalb so erfolgreich, weil sie quer durch ihr großes Reich gut befestigte Straßen gebaut hatten. Die Räderfurchen der römischen Straßen stammten von römischen Streitwagen, deren Spur überall im römischen Reich annähernd gleich war. Die Spurbreite der römischen Wagen stammt – unbestätigten, aber glaubwürdigen Berichten zufolge – von zwei Pferdehintern, die nebeneinander die Breite der Räderspur ergaben.
Das amerikanische Space Shuttle hatte an den Seiten des Haupttanks zwei Hilfsraketen. Es handelte sich um Feststoffraketen, sogenannte „solid rocket boosters“. Diese beiden SRB produzierten den Hauptanteil des Startschubs des Space-Shuttles bis zu einer Höhe von ca. fünfundvierzigtausend Metern, wo sie abgeworfen wurden. Jeder SRB war 45,5 m lang und 3,7 m breit. Die Raketen wurden von der Firma „Thiokol Chemical Corporation“ in Utah hergestellt. Die Ingenieure mussten diese SRB so konzipieren, dass sie auf dem Bahntransport nach Florida in die Tunnels passten, deren Durchmesser natürlich mit der Schienenbreite zusammenhängt.
Die Behauptung, es führe ein gerader Weg von römischen Transportmitteln zu den Abmessungen des amerikanischen Space-Shuttles, erscheint etwas übertrieben, aber ein gewisser Zusammenhang von Raketengrößen und römischen Pferdehintern kann nicht bestritten werden. Die Welt tickt erstaunlich oft traditionell.
Ich habe keine Ahnung, ob die Geschichte mit den Spurbreiten, den Eisenbahnschienen und den Pferdeärschen stimmt, Monk und ich erhoben jedenfalls unser Glas auf alle Pferdeärsche der Welt.
Der Dragoner wurde im Laufe des Abends immer lustiger und blieb diesmal länger als sonst. Um 1 Uhr versuchte Monk, uns rauszuschmeißen, aber nach ein paar Fluchtbieren und hektischem Blättern in einigen Zeitschriften und Büchern wurde es am Ende 2 Uhr.
Die Erste, die mit Vollgas wegbrauste, war Jane. Sie hatte den völlig zugedröhnten Pasak auf den Beifahrersitz gepackt, um ihn zu Hause abzuliefern.
„Die wird sich mit ihrem Fahrstil eines Tages noch umbringen“, meinte Fat Lot, „und Pasak wird sich samt Diabetes noch zu Tode saufen“, ergänzte ich. Pasak arbeitete in einer Schule als Hilfsschulwart. Eine Putzfrau hatte uns schon vor einem Jahr verraten, dass er Diabetiker war. Fat Lot war übrigens auch schwerer Diabetiker, was alle anderen außer mir längst wussten.
Hans und ich bestiegen unsere motorisierten Böcke, der Rest der Gang bestieg den alten „Bulli“ von Che. Der gute Mensch fuhr einen uralten knatternden VW-Bus, aber das war uns egal, solange das Ding fuhr. Das Getriebe der Klapperkiste war zudem so abgenutzt, dass man ohne Kupplung schalten konnte. Das krachte bedenklich, aber die Kiste war nicht umzubringen.
Che hatte die Angewohnheit, alle seine Passagiere zu Hause abzuliefern, daher liebten ihn alle.
Freitag, 17. Jänner
im Roten Affen
Ich mag den Roten Affen vulgo Potex Rubens nicht, obwohl es die einzige Spelunke mit einem lateinischen Untertitel ist. Irgendwann nannte Hans dieses Loch „Syntheke“, was keiner verstand, aber letztlich ist es egal. Die Saure Wiese und die Hopfenklause sind mir jedenfalls lieber. Vor allem sind mir die Wirte Blues und Monk lieber als Götz, der Wirt im Potex, den alle nur „Pavi“ nennen. Er hat tatsächlich etwas von einem Affenarsch. Sein Gesicht ist ständig rot, er ist leicht beschränkt, ständig geil wie Pasak, und er erzählt mit Begeisterung schlechte Witze. Nichts gegen Witze, Gott bewahre, auch nichts gegen Witze aus der unteren Schublade, aber die sollten erst nach Mitternacht und nicht unter 1 Promille Ethanol im Blut erzählt werden.
Schon als wir hereinkamen, legte er los: „Der Weg von der Kabine zum Ring ist aber weit, beschwert sich der Boxer. Der Trainer tröstet ihn: Das macht nichts, zurück wirst du sowieso getragen.“
Ich klinkte mich mit einer Bauernregel ein und unterdrückte dabei meine schlechte Stimmung: „Liegt der Bauer unterm Tisch, war der Karpfen nicht mehr frisch.“ Es dauerte gezählte fünf Sekunden, bis Pavi kapiert hatte, dass das ein Witz war. Danach brüllte er vor Lachen und spendierte mir zum Einstieg ein Honigbier, seine neueste Errungenschaft auf der Bierkarte. Das Honigbier schmeckte komisch, aber immerhin war es Bier.
Auch Hans versuchte sein Glück: „Was ist Männerromantik? … Ein Fußballspiel bei Kerzenlicht.“ Mich erinnerte das nur an ein Zitat von Klaus Kinsky, der einmal meinte, wenn er Romantik wolle, dann zündet er ein Teelicht an – beim Kacken.
Pasak meinte, mein Witz sei etwas besser, aber einen Gin sei das schon wert. Ich bevorzuge Bier und Weißwein. Schnäpse weniger. Außerdem sind Pavis Schnäpse billiges Gesöff aus dem Diskonter. Gewinnspanne geschätzte 1.000 % oder mehr.
Pasak umkreiste wie immer Block Jane, was Che wie immer störte. Hans und ich packten unsere Bücher aus.
Nach einigen anzüglichen Bemerkungen von Pavi, Pasak und dem Knochenbrecher wurde Block Jane äffig. Sie kramte in ihrer Tasche und holte einen Zeitungsartikel vom letzten Wochenende heraus. Sie hielt ihn triumphierend in die Höhe und verkündete, dass jetzt alle Machos, also fast alle im Raum, zuhören sollten. Während ich darüber nachdachte, was sie mit den gedankenlos hingeworfenen Worten „fast alle“ meinte, legte sie los. Niemand wagte es, sie zu unterbrechen.
Manche Leute sind von der unstillbaren Begierde durchdrungen, ihrem Leben oder zumindest ihrer Gesundheit ein rasches und spannendes Ende zu bereiten. Die Supermänner des 20. Jahrhunderts hüpfen – natürlich mit Fallschirmen – von einer Klippe oder springen über dem Südpol aus einem Flugzeug. Andere wiederum stürmen mit Spezialgeräten einen Gebirgsbach hinunter oder springen mit Gummibändern an den Beinen von Brücken oder Staumauern. Diese Tapferkeit vor den feindlichen Naturgesetzen bedarf einer Begründung, und diese ist immer die gleiche. Man müsse eben diesen Kick, diesen unvergleichlichen Adrenalinschub haben. Andere philosophieren von Grenzerfahrungen und Ähnlichem, aber das Destillat der Supermanngesellschaft ist und bleibt das Hormon Adrenalin.
Das Adrenalin wird in den Nebennieren produziert. Diese sind kleine Drüsen, die auf der Niere aufsitzen. 1855 hatte man erstmals von diesen Drüsen gehört, als der britische Arzt Thomas Addison zeigte, dass eine Erkrankung der Nebennierenrinde zu schrecklichen Symptomen führt. Bis heute spricht man von der „Addison-Krankheit“. Zu den Kennzeichen zählen eine Störung des Mineral-, Wasser- und Säurehaushaltes, Kohlenhydrat-Störungen, niedriger Blutzucker und vieles mehr. Die Patienten fühlen sich müde und schwach, es treten Hautverfärbungen, Herzrhythmusstörungen und Muskelkrämpfe auf.
Der britische Physiologe Edward Albert Sharpey-Schafer entdeckte, dass eine in den Nebennieren gebildete Substanz den Blutdruck eines Versuchstieres erhöht, wenn man dieses Sekret injiziert. Diese Eigenschaft erschien so bemerkenswert, dass der amerikanische Pharmakologe John Jacob Abel die von Schafer untersuchte Substanz isolierte und wissenschaftlich genauer überprüfte. 1898 nannte Abel den von Sharpey-Schafer untersuchten Stoff „Epinephrin“. Erst einige Jahre später erhielt das Epinephrin die weitere Bezeichnung Adrenalin. Beide Namen bezeichnen im Wesentlichen das Gleiche und sind heute noch gebräuchlich.
Adrenalin wird durch einen stressbedingten Nervenimpuls ausgeschüttet. Es wirkt sofort auf den sogenannten Sympathicus, einem Teil des autonomen Nervensystems. Die Pulsfrequenz steigt, der Blutdruck steigt und damit auch das Herzminutenvolumen. Die Pupillen erweitern sich, die Bronchien dehnen sich aus, und der Energieumsatz steigt durch höheren Sauerstoffverbrauch. Das zu Beginn des 20. Jahrhunderts isolierte Adrenalin war das erste entdeckte Hormon. Heute ist es unentbehrlich für die modernen Supermänner.
Block Jane lächelte uns triumphierend an.
Pasak grinste schief: „Was ist schon das öde Adrenalin gegen mein Testosteron.“
Jetzt meldete sich Pumpe zu Wort. Für ihn war Testosteron eine Art Religion: „Wenn du, geliebte Jane, jetzt noch einen Artikel über Testosteron bei dir hast, spendiere ich dir ein Glas Rheinriesling und zwanzig Liter Benzin für deinen Boliden.“
Block Jane griff in ihre Tasche, fischte einen zweiten Zettel heraus und lächelte so verführerisch, dass jedem normalen Mann der Testosteronspiegel bis an die Schädeldecke knallte: „Ja, lieber Pumpe. Ich habe da noch was, es passt genau zu dir.“
Jetzt hörten alle zu, sogar Hans und ich.
Block Jane faltete den Zettel auseinander und merkte an, dass sie den Artikel seit Jahren herumschleppte.
Der Chef des größten Währungsfonds der Welt, der immerhin über tausend Milliarden Dollar verwaltet, wurde in New York der Vergewaltigung einer Hotelangestellten beschuldigt. Ein Schweizer Fernsehstar, der jahrelang seinen Wetterbericht im deutschsprachigen Fernsehen präsentiert hat, soll eine seiner zahlreichen Lebensgefährtinnen vergewaltigt haben. Ein österreichischer Hollywoodstar, der einst in eine prominente amerikanische Politikerfamilie eingeheiratet hatte, musste nach seiner Karriere als Gouvernator ungeplanten außerehelichen Nachwuchs zugeben, worauf er prompt den Kosenamen Sperminator erhielt. Das vor allem auch deshalb, weil Insider berichten, dass der nicht minder lebensfrohe Golfchampion mit Spitznamen Tiger vergleichsweise als Jungfrau zu bezeichnen wäre.
Geld, Macht und Sex waren immer schon Folgen eines Phänomens Testosteron. Es handelt sich um ein Sexualhormon, das bei beiden Geschlechtern vorkommt, aber in unterschiedlicher Menge und mit unterschiedlicher Wirkung.
Che konnte sich einen Seitenhieb nicht verkneifen: „Wenn das mit dem Geld, der Macht und dem Sex stimmt, dann liegt der Testosteronspiegel bei Pasak nahe null. Pasak ist ein richtiger Ninja. No income, no job, no assets.“ Pasak wollte gerade zu einem antischwulen Rundumschlag ausholen, da brachte ihn ein Blick von Block Jane zum Verstummen. Sie las weiter:
Hormone sind Substanzen, die an einer Stelle im Körper gebildet werden und an einer anderen Stelle eine Wirkung erzeugen. Am bekanntesten dürfte das Adrenalin sein. Es wird, wenn das Hirn bei Stress Alarm schlägt, in einer Drüse über den Nieren gebildet, um Herzschlag und Atmung zu beschleunigen. Die meisten Hormone in unserem Körper haben auch eine Wirkung auf unser Gehirn und damit auch auf unsere Wahrnehmung. Manche Leute entwickeln sogar eine Sucht. Es gibt sie tatsächlich, die so genannten Hormonjunkies.
Der Begriff Testosteron kommt von Testes (Hoden) und Steroid. Letzteres Wort bezeichnet eine Stoffgruppe, die mit den Fetten verwandt ist. Die Testosteronproduktion nimmt beim Mann in der Pubertät zu und erreicht um das dreißigste Lebensjahr den Höhepunkt.
Pasak machte eine obszöne Handbewegung: „Bei mir hält der Höhepunkt seit zehn Jahren an.“ Er wollte weiterreden, aber Block Jane warf ihm einen strengen Blick zu und fuhr fort:
Dann geht die Produktion zurück, allerdings individuell unterschiedlich. Testosteron ist nicht nur für die Zeugungsfähigkeit, sondern zusätzlich für eine ganze Menge anderer Eigenschaften verantwortlich. Testosteron ist die Antriebsmaschine des Mannes, eine Turbodroge, gegen die das Adrenalin geradezu unschuldig wirkt. Testosteron ist ein hormoneller Übeltäter, der vor allem junge, aber auch ältere Männer einigen Blödsinn machen lässt …“
Pasak hatte sein iPhone an die Stereoanlage angestöpselt. Dann dröhnte „Jump“ von Van Halen aus den Lautsprechern.
Im Potex gibt es auch ein eng beschriebenes Gästebuch, trotzdem sind auch die Klowände so bekritzelt, dass kaum noch etwas zu lesen ist. Pasak schrieb einen seiner blöden Sprüche hin: „Here I sit and meditate, shall I piss or masturbate.“
Fat Lot schrieb hin: „Cave Pasak!“ Pasak dachte, das sei Englisch und grübelte nach, was Fat Lot mit der Höhle gemeint haben könnte. Wir sagten ihm nicht, dass das Latein war und „Hüte dich vor Pasak!“ hieß.
Hans und ich blätterten in unseren Büchern herum, und ein Bier folgte auf das andere.
Es ging schon auf 3 Uhr zu, als die Letzten von uns die Jacken holten, um nach Hause zu gehen. Nur Pasak nicht. Er machte noch einen Abstecher, wie er es nannte, ins Stiff Bones, wo er hoffte, seine Lieblingsnutte Daisy zu treffen. Block Janes Vortrag über das Testosteron habe ihn so richtig schön scharf gemacht.
Auf der Theke lag eine Zeitung. Hans fragte mich, was ich von der Virenkrise in China halte. Ich zuckte mit den Schultern und meinte nur, dass uns das nicht kümmern müsse. Pavi sagte, das sei nur eine verrückte Geschichte, außerdem erwischt es, wenn es hart kommt, eh nur die Chinesen, und von denen gibt es über eine Milliarde. Also, keep cool!
Pavi drehte alle Lichter ab, und wir gingen, obwohl es erst zehn Minuten nach 3 Uhr war.
Freitag, 24. Jänner
in der Sauren Wiese
Hans und ich waren die Ersten. Wir hatten dem Wetter nicht so recht getraut und waren zu Fuß gegangen. Dann kam der Knochenbrecher mit seinem Mustang daher. Seinen Dragoner hatte er diesmal mitgebracht. Im Laufe der nächsten halben Stunde waren wir vollzählig.
Hans hatte in der letzten Woche einen runden Geburtstag gefeiert. Er gab eine Runde für alle aus. Großes Hallo! Der Knochenbrecher ergriff das Wort und sprach ein paar nette Worte über Hans, den er „unseren lieben Opa“ nannte, weil Hans mit seinen weiß-grauen Haaren unübersehbar der Älteste von uns war.
Hans ging zum Wurlitzer. Er war ein Anhänger der Old School. Für ihn hörte gute Musik nach 1969 auf. Uns war das egal, denn in der Musikbox befanden sich seit Jahren nur noch Platten, die wir hören wollten.
Hans startete den Abend mit Brian Highlands „Itsy Bitsy Teenie Weenie“, dann folgten „Cathy’s Clown“ von den Everly Brothers und „Hello Mary Lou“ von Ricky Nelson. Da durfte Jane nicht fehlen mit ihren traurigen Liedern. Sie ließ zum gefühlten hundertsten Mal Roy Orbisons „Only the lonely“ erklingen und sang mit. Sie sang immer mit, wenn es sich um einen Depresso-Text handelte.
„Only the lonely
Know the way I feel tonight
Only the lonely
Know this feeling ain’t right …“
Hans und ich waren an diesem Abend auf dem Ideologietrip. Wir hatten Bücher über Nationalsozialismus, Kommunismus und Islamismus mitgenommen und diskutierten, wer schon was gelesen hat, und welches Buch interessant oder uninteressant sei.
Che, der als braver Katholik, angeblich geläuterter Altkommunist und neugeborener Sozialdemokrat an dem Thema immer interessiert war, kam zu uns. Irgendwann tauchte auch Pasak auf und beteiligte sich an unserem Palaver.
Ich kann mich nicht mehr an alle Gesprächsdetails erinnern, es ging jedenfalls um die Krise der Ideologien.
Ich vertrat die Meinung, dass die westliche Kultur seit Jahren eine Krise ideologischer und dogmatischer Glaubenssysteme erlebt. Das Ansehen von Organisationen, die uns früher Antworten auf die Fragen der Zeit gaben, vor allem aber einen Glauben an einen „neuen Menschen“ und eine neue Gesellschaft, ist bei den intellektuellen Eliten der Industriegesellschaften auf einen Tiefstand gefallen. Utopien handeln in den entwickelten Gesellschaften von individuellem Wohlergehen, nicht von gesellschaftlicher Veränderung: Cash-Flow statt Klassenbewusstsein, Disco statt Diskussion, Feng-Shui statt Mao Tse-tung. Die Wurzeln für diese Veränderungen liegen nicht nur im Versagen der Ideologien der letzten Jahrzehnte, sondern auch in der anhaltenden naturwissenschaftlichen Revolution, in der wir uns seit über drei Jahrhunderten befinden.
Die meisten gaben mir nicht recht. Sie hassten meine Vorliebe für Naturwissenschaften, aber ich ließ nicht locker und holte zu einem Rundumschlag aus.
Ein längst entmutigter Idealismus macht einem modernen Realismus auch deswegen Platz, weil wir durch die Entwicklung der Naturwissenschaften besser als je zuvor über die biologisch fundierten Wesenszüge der Menschheit Bescheid wissen. Ich hatte nebenbei in meinen Büchern herumgesucht und schließlich das Kapitel „Bunte Weltbilder für Blinde“ gefunden. Ich las vor:
Der Siegeszug der Naturwissenschaften, der im 17. Jahrhundert in Italien begann, beseitigte zeitverzögert, aber radikaler als es irgendeine Philosophie jemals vermochte, der Reihe nach alte Weltbilder. Ein Ende der Entwicklung ist noch nicht in Sicht, denn die Biologie dringt zurzeit immer tiefer in das menschliche Erbgut und in die Strukturen unseres Gehirns ein. Nichts wird so sein, wie es früher war. Rückzugsgefechte einiger weniger Geisteskrieger, die unbeirrt gegen die Wissenschaften anzugehen versuchen, erregen nur noch Mitleid.
Wer nun glaubt, diese Entwicklung werde die Menschheit in eine Sinnkrise und damit in die Vernichtung treiben, liegt falsch. Die Menschen werden sich in ihrer Art und Weise, miteinander umzugehen und sich zu lieben und zu hassen, in der Zukunft kaum ändern. Niemand geht ein Risiko ein, wenn er die Voraussage wagt, dass im 21. Jahrhundert neben Eintracht und Versöhnung weiterhin auch Dummheit, Fanatismus, Arroganz und Verbrechen zum Repertoire des menschlichen Verhaltens zählen werden.
Pasak, Pumpe, Che, Fat Lot und der Knochenbrecher verschwanden. Der Text war ihnen zu langweilig geworden. Nur noch Jane und Dragoner, die zu mir an die Theke gekommen waren, hörten zu.
Die Serie geistiger Reformen durch die modernen Naturwissenschaften begann mit der Verdrängung der Erde aus dem Mittelpunkt des Universums und reicht bis zum Sturz des Menschen vom Podest seiner Einzigartigkeit. Die meisten Umwälzungen erfolgten gegen die erfolglosen Proteste der jeweils herrschenden Ideologen, Philosophen und Theologen. Heute wissen wir, dass die Probleme der Zukunft rational und ohne Ideologie gelöst werden müssen. Paradoxerweise geht das nicht ohne den irrationalen Glauben an diese Lösbarkeit.
Ideologien haben genauso ihre Geschichte wie wissenschaftliche Theorien. Theorien müssen grundsätzlich überprüfbar sein. Ideologien sind dagegen nicht beweisbar, sie entspringen erfahrungsgemäß einer Gefühlswelt.
Da der Ursprung der faschistischen Ideologie nur wenigen Jugendlichen bekannt ist, lohnt sich ein Blick in die Vergangenheit. Der Faschismus im engeren Sinn ist die Bezeichnung der politischen Bewegung, die unter Mussolini 1922 in Italien die Macht übernahm. Die „Fasci di combattimento“ waren ursprünglich eine Kampftruppe, wobei der Begriff „fasci“ vom lateinischen Wort „fasces“ abgeleitet ist. Die fasces waren Rutenbündel mit herausragendem Beil. Sie wurden hohen römischen Beamten als Zeichen der Macht vorangetragen. Ab 1926 war das Rutenbündel in Italien offizielles staatliches Symbol.
In Deutschland nahm der Nationalismus, und in der Folge der Nationalsozialismus an Stärke zu, nachdem man das Friedensdiktat von Versailles nach dem Ersten Weltkrieg als tiefe Kränkung empfunden hatte. Die Siegermächte hatten den Fehler begangen, die besiegten Länder unmäßig zu demütigen. In Italien war die Frustration nicht minder gering. Dort hatte man sich nach dem Ersten Weltkrieg ein italienisches Reich rund um die Adria, das „mare nostro“, erhofft. Stattdessen bekam Italien nur kleine Regionen wie Südtirol, Triest, das Kanaltal oder Istrien als Beute.
Dieser magere Ertrag hat dem italienischen Faschismus Nahrung gegeben. Während der Nationalsozialismus das Germanentum und den „rassenreinen“ Menschen zum Mythos erhob, pflegten die Faschisten den Traum vom römischen Weltreich. Der Wahlspruch der italienischen Faschisten beschreibt ihre Geisteshaltung: Credere (glauben), ubbidire (gehorchen) und combattere (kämpfen).
Als Pasak und Che die Worte Nationalsozialismus und Faschismus hörten, kamen sie wieder angetanzt. Auch Pumpe kam an die Theke. Alle drei zeigten immer dann reges Interesse, wenn es um diese Ideologien ging. Ich wusste damals noch nicht, dass das mit ihren dunklen Vergangenheiten zu tun hatte.
Che fragte mich, ob ich auch etwas über den Kommunismus zum Besten geben könnte. Ich blätterte um, nickte kurz und setzte meinen Vortrag fort.
1936 fand in Moskau ein „Komintern“-Kongress statt. Dort setzte sich der Ausdruck „Faschisten“ als Schimpfwort für alle politischen Menschen außerhalb des Kommunismus durch, denn Stalin befürchtete, dass es zu einer allmählichen Verwechslung der Begriffe „Sozialismus“ (als Vorstufe des Kommunismus) und „Nationalsozialismus“ kommen könnte. Außerdem war letztere Bezeichnung für Russen schwer auszusprechen. „Antifaschisten“ sind also – historisch betrachtet – keine Demokraten, sondern Kommunisten.
Es entspann sich eine rege Debatte darüber, welche Ideologie die schlimmere sei. Ich vertrat die Meinung, dass es in einer Zeit, in der uns tagtäglich Polit-Phrasen um die Ohren geschlagen werden, wichtig ist, der Jugend die Prinzipien unserer freien Gesellschaft deutlich darzulegen. Letztlich geht es darum, dass alle Menschen ihren Geschäften in Frieden nachgehen und alles denken, sagen und schreiben dürfen, solange andere nicht geschädigt, beleidigt oder gedemütigt werden. Ich wiederholte auch eine der Regeln unseres Rudels, wonach man Gesetze brechen dürfe, niemals aber die Regeln des Rudels.
Jane und der Knochenbrecherstimmten mir zu. Pasak rang sich immerhin ein „interessant“ ab.
Die Gespräche verflachten, der Lallfaktor nahm zu. Fat Lot versuchte mehrmals, mich vom Sinn oder Unsinn des Lebens zu überzeugen. Was er genau meinte, wusste ich nicht, denn das meiste, was er sagte, ging in einem unverständlichen Gestammel unter.
Jane, Hans, Pumpe und ich waren die Einzigen, die noch halbwegs nüchtern waren. Es war schon weit nach Mitternacht, als Hans zum Wurlitzer ging und John Laytons „Remember me“ herausholte. Es ist ein sehr trauriges Lied aus den Sechzigern, in dem es um einen Kontakt zu einer Toten geht.
Hans holte ein Buch von unten nach oben, blätterte kurz herum und verkündete, dass er nun einen Vortrag zum Thema „Nüchtern betrachtet war es besoffen besser“ halten würde. Er begann zu lesen.
Die Wurzeln der Alkoholsucht liegen nicht nur in unserer Gesellschaft. Sie gehen weiter zurück. Bereits Stammvater Noah, der Erbauer der legendären Arche, war ein Komasäufer (Genesis 9, 21), der sich im Rausch danebenbenommen hat. Auch Alexander der Große war ein Schluckspecht. Nach Meinung einiger Historiker hat er sich zu Tode gesoffen. Bei der Suche nach den ersten Drogensüchtigen und Alkoholikern landen wir aber nicht beim Menschen, sondern im Tierreich.
Auf Madagaskar gibt es eine Halbaffenart, den Mohrenmaki. Diese putzigen Kerle schnappen sich gierig jeden Tausendfüßer, den sie kriegen können und kneten ihn. Das schadet dem Tausendfüßer nicht, aber er versprüht zur Abwehr ein zyanidhaltiges Gift, das sich die Affen ins Fell reiben, um damit Parasiten wie Mücken und Milben zu töten. Gleichzeitig hat das Gift eine berauschende Wirkung. Die Makis beginnen zu torkeln und greifen mit ihren Armen ins Leere. Sie sabbern aus ihrem halb geöffneten Maul, und die geschwollenen Augenlider gehen auf Halbmast. Nach jeder Tausendfüßerdröhnung sehen die Kerle aus, als ob sie tagelang durchgesoffen hätten.
Saint Kitts ist eine kleine Insel, die früher Saint Christopher hieß. Die Vulkaninsel hat fünfundvierzigtausend Einwohner und liegt rund zweitausend Kilometer südöstlich von Miami. In früheren Jahrhunderten kamen mit den Sklavenschiffen auch grüne Meerkatzen an, die in Afrika südlich der Sahara weit verbreitet sind. Seither gibt es auch in der Karibik Kolonien dieser graugrün gefärbten Affenart. Irgendwann machten diese Tiere Bekanntschaft mit dem Alkohol, seither plündern sie regelmäßig die Strandbars. Biologen studierten dieses Verhalten, dabei wurden erstaunliche Parallelen zu den Menschen gefunden. Ein bestimmter Prozentsatz der Affen lehnt Alkohol ab. Diese Abstinenzler trinken nur Wasser und Fruchtsäfte. Andere Affen trinken gelegentlich Alkohol, aber 12 % trinken regelmäßig, und 5 % sind Kampftrinker. Sie schütten am Strand jedes unbewachte Glas Wein oder Rum in sich hinein, bis sie bewusstlos umfallen. Die prozentuellen Verteilungen der äffischen Trinkgewohnheiten entsprechen ungefähr den Zahlen in menschlichen Gesellschaften.
Blues und die anderen, die zugehört hatten, lachten kreischend. Einer rief „Prost, ihr besoffenen Affen“ in die Runde. Und wieder lachten alle.
Es wurde langsam Zeit zu gehen. Ich ließ mir von Blues das Thekenbuch geben und schrieb hinein: „Kein Alkohol am Steuer! Ein kleines Schlagloch, und man verschüttet alles!“
Hans schrieb darunter: „Realität ist nur eine Illusion, die durch Alkoholmangel hervorgerufen wird.“ Die anderen schrieben nichts darunter, aber als ich umblätterte, klebte da schon wieder ein Zettel mit einem Text, der mit einer Schreibmaschine getippt war. Darauf stand in roten Buchstaben: „Mori est felicis, antequam mortem invoces.“ (Glücklich ist, wer stirbt, bevor er den Tod herbeiruft.) Der Zettel war wiederum mit „Teras“ unterschrieben.
Als ich laut in die Runde fragte, ob jemand eine Schreibmaschine besitze, bekam ich nur Sätze zur Antwort wie „Schreibmaschine, was ist das?“ oder „Frag Hans, der hat noch eine aus der Zwischenkriegszeit.“
Ich war müde, holte meinen Mantel, ließ wie immer anschreiben und ging. Hans folgte mir. „Hast du eine Ahnung, wer der Todesfreak ist?“, fragte ich ihn. Hans hatte auch keine Ahnung. Er meinte, es müsse ja keiner von uns sein. Ich grübelte noch eine Zeitlang auf dem Weg nach Hause, aber es ergab keinen Sinn. Wenn es ein Hilferuf einer armen Seele war, war jedes Grübeln sinnlos.
Freitag, 31. Jänner
in der Hopfenklause
Wir waren in die Hopfenklause gefahren. Che mit seinem Bulli, Hans mit dem Honda-Roller, ich mit meiner Suzuki. Die Kälte störte uns nicht, es waren ja weniger als zwanzig Kilometer.
Charly erzählte wieder einmal von seinen Rettungseinsätzen. Kaum jemand hörte zu. Am Ende fragte er so laut, dass es alle hören konnten: „Was mache ich, wenn ich im Urwald eine Schlage sehe? Na? Na? Wenn ich im Urwald eine Schlange sehe, stell ich mich hinten an. HAHAHAA!“
Hans rollte mit den Augen: „In all den Jahren, die ich ihn kenne, hat nie jemand seine Intelligenz in Frage gestellt. Wenn ich es mir recht überlege, hat sie eigentlich nie jemand erwähnt.“
Charly war nicht zu bremsen: „Jetzt, wo ich den Feuerlöscher an der Wand sehe, fällt mir ein irrer Rettungseinsatz ein. Da wollte eine Gruppe Jugendlicher einmal eine Schaumparty machen, und zwar mit Hilfe eines Feuerlöschers. Ein Kerl hat den Löscher aktiviert, aber da kam kein Schaum heraus, sondern ein Pulver, und das mit hohem Druck. Er hat seiner sechzehnjährigen Freundin das Pulver ins Gesicht gejagt. Als wir gekommen sind, hatte die Tussi das Pulver in Mund und Nase und war fast erstickt und ihre Augen haben auch etwas abgekriegt. Ich habe …“
„Jaaa, ist ja gut“, warf ich ein, „wir kennen die Geschichte. Du hast sie schon zweimal erzählt.“ „Dreimal“, korrigierte Hans „Geschwätzigkeit ist keine Schande. Hauptsache man hält den Mund dabei“, ergänzte Hans und fügte an, er werde gleich wieder kommen. „Ich hole nur meine Bücher.“
Pasak, der Meister der sozialen Aufdringlichkeit, wollte mich aufheitern und fragte mich: „Kann es sein, dass du dich in deinem Körper irgendwie unwohl fühlst?“
Ich blätterte weiter.
„Wer, glaubst du, ist von dir enttäuscht?“
Ich blätterte immer noch weiter und wurde langsam ärgerlich: „Ich bin einfach müde. Ich hasse den dunklen Jänner. Kein Advent, kein Weihnachten. Nur Kälte und blöde Sprüche.“
Der Knochenbrecher mischte sich ein und gab Pasak zu verstehen, er solle mich in Ruhe lassen.
Hans kam mit ein paar Büchern unter dem Arm herein und knallte sie auf die Theke. Pasak räumte seinen Gummi weg und machte eine unpassende Bemerkung über Janes Venushügel.
Das war sogar mir zu weit unten: „Bullshit, Jane. Weißt du, das hat der liebe Gott nicht gut gemacht. Allen Dingen hat er Grenzen gesetzt, nur nicht der Geilheit.“
Che gefiel der Ausdruck Bullshit, und er prostete Block Jane zu: „Rudi ist bloß sauer, weil du schön bist, er aber nicht“, meinte er augenzwinkernd.
Ich legte nach: „Schönheit ist nur oberflächlich, aber Geilheit geht durch und durch.“
Irgendwie waren wir an diesem Abend alle nicht gut drauf.
Jane kündigte an, demnächst auch mit Büchern und Zeitschriften erscheinen zu wollen, denn der „Klugschiss der alten weißen Männer“, wie sie es nannte, nervte sie. Junge Themen müssen her. Pasaks Frage, ob es sich um Pornohefte handelt, überhörte Block Jane wie fast alle seiner Anspielungen.
„Die attraktiven Weiber tragen schon schwer an den hässlichen geilen Böcken“, sagte irgendwer. Pasak konterte: „Dafür sind wir Männer für fast 100 % aller Entdeckungen und Erfindungen zuständig.“ Das wiederum passte Jane nicht. „Blödsinn. Die Gentechnik haben die Frauen erfunden. Diese Französin, wie heißt sie doch gleich, hat etwas Gentechnisches erfunden. Es würde mich nicht wundern, wenn die halbe Genetik von Frauen kommt.“
„Charpentier“, sagte ich, „so heißt sie, aber sie hat nicht die Gentechnik erfunden, sondern eine neue Technik namens CRISPR. In ein paar Jahren wird sie dafür den Nobelpreis bekommen, wie ich vermute, aber an der Entwicklung der Genetik und Gentechnik waren wirklich nur Männer beteiligt.“
„Wissenschaft ist langweilig“, sagte Jane mit Augenrollen.
Ich fischte das Buch „Wissensgeschwüre“ aus dem Stapel heraus, den Hans mitgebracht hatte, blätterte herum und sagte, es stimme nicht, dass Wissenschaftler langweilig sind. Ich begann zu dozieren. Alle Umstehenden lachten, als ich meinen Zeigefinger erhob. „Prost auf den Erklärbär!“, rief Fat Lot und mampfte dabei an seinem Hamburger. Es war schon der dritte heute Abend.
Ich las abwechselnd quer und referierte dazwischen frei:
Der Biochemiker James Watson war an der Aufklärung der Struktur der Desoxyribonukleinsäure wesentlich beteiligt. Watson stammt aus Chicago, promovierte an der Universität Indiana und wurde Mitglied der Fakultät der Harvard University in Boston. Später arbeitete er zusammen mit dem englischen Biophysiker Francis Crick am Cavendish-Labor der Universität Cambridge in England.
„Jaja“, warf Pumpe ein, „ist ja gut, aber es wird dir nicht gelingen, einen einzigen Witzbold unter den Wissenschaftlern zu nennen.“
Damit lief er mir ins offene Messer. Ich nahm einen tiefen Schluck. Nur die Hälfte der Anwesenden hörte noch zu, aber das war mir egal.
Der schrägste aller Wissenschaftsvögel war Dick Feynman. Er studierte am Massachusetts Institute of Technology sowie an der Princeton University. Während des Zweiten Weltkrieges arbeitete er in Los Alamos an der Entwicklung der Atombombe. Später wurde er Professor am California Institute of Technology. Feynman erhielt wegen seiner bahnbrechenden Arbeiten zur „Quantenelektrodynamik“ gemeinsam mit zwei anderen Physikern den Nobelpreis für Physik. Feynman spielte auch eine führende Rolle bei der Kommission, welche 1986 die Explosion der Raumfähre Challenger untersuchte.
Noch weniger hörten zu. Hans blätterte in einem seiner Bücher. Der Knochenbrecher kam herüber zur Theke und hörte mir zu. „Aus Mitleid“, wie er trocken anmerkte.
James Watson war auch ein Schlitzohr. Die Nobelpreisträger Watson und Feynman sind immer das geblieben, was man am ehesten als Rotzbuben bezeichnen kann. Die New York Times nannte Feynman den brillantesten, respektlosesten und einflussreichsten Physiker der Nachkriegszeit. Beide Nobelpreisträger haben Bücher geschrieben. In beiden Büchern wird der Betrieb rund um die Forschung in frecher Weise beschrieben. Auf ungewohnt offene Art zertrümmerten beide Männer den Mythos von den vergeistigten Arbeitern im muffigen Labor.
Jane bestellte einen Welschriesling, und Fat Lot spielte den Gelangweilten. Mein Vortrag war ihnen zu fad. Ich blätterte weiter, da hellte sich mein Gesicht auf. Ich fuhr mit erhobener Stimme fort, denn ich hatte jetzt etwas Lustiges gefunden. Als ich verkündete, dass nun eine Geschichte über einen Nobelpreisträger käme, der von der US-Army für geisteskrank erklärt worden war, hörten alle zu.
Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges benötigten die USA zusätzlich Soldaten für die Besatzungsarmeen in Europa. Die US-Army kratzte im Sommer 1945 alles zusammen, was sie bekommen konnte, und holte die jungen Männer zur Musterung. Auch ein gewisser Richard Feynman ging durch die medizinische Diagnosestraße, um am Ende am Schreibtisch eines Psychiaters zu landen.
Nach anfänglich harmlosen Fragen wurde das Gesicht des Seelendoktors ernst: „Haben Sie das Gefühl, dass Leute Sie anstarren?“ Richard bemerkte, dass einige auf einer Bank wartende Burschen zu ihm herüberschauten. „Sicher“, meinte Richard, „da schauen gerade einige zu mir herüber.“ Der Psychiater blickte nicht auf und machte Notizen. Dann fragte er: „Hören Sie manchmal Stimmen in Ihrem Kopf?“ „Sehr selten“, meinte Richard und wollte seine Antwort erläutern, da kam schon die nächste Frage. „Führen Sie Selbstgespräche?“ „Ja“, meinte Richard, „wenn ich mich rasiere und nachdenke, kann das schon passieren.“ Der Psychiater notierte weiter und fuhr fort: „Wie ich sehe, ist Ihre Frau verstorben. Sprechen Sie manchmal mit ihr?“ Richard ärgerte sich wegen dieser Frage, blieb aber ruhig. „Wenn ich in den Bergen wandere und an meine Frau denke, dann spreche ich manchmal mit ihr.“ Der Psychiater kritzelte in seinen Protokollen. „Ist irgendjemand aus Ihrer Familie in einer Nervenheilanstalt?“, fragte der Psychiater. „Yeah, eine Tante ist im Irrenhaus.“ Nun wurde der Psychiater böse, weil ihn der Ausdruck Irrenhaus nervte. Eine Zeitlang ging das Gespräch in dieser Art weiter.
Schließlich fragte der Psychiater: „Welchen Wert messen Sie dem Leben bei?“ Richard sagte spontan: „Vierundsechzig.“ Der Arzt fragte verblüfft: „Warum haben Sie Vierundsechzig gesagt und nicht Dreiundsiebzig?“ „Hätte ich Dreiundsiebzig gesagt, dann hätten Sie mir die gleiche Frage gestellt.“ Damit war das Gespräch beendet. Als Richard seine Papiere heimlich durchblätterte, stand da zu lesen: „Gehörhalluzinationen, glaubt, dass ihn die Leute anstarren, führt Selbstgespräche, spricht mit der verstorbenen Frau, Tante mütterlicherseits in der Nervenheilanstalt.“
Der spätere Professor und Nobelpreisträger Richard Feynman, Mitentwickler der Atombombe in Los Alamos und einer der brillantesten Physiker aller Zeiten, wurde von der US-Army für psychisch instabil und somit untauglich erklärt.
Ich blickte in die Runde. Jane lächelte anerkennend und gähnte. Hans mischte sich ein, weil auch er eine Geschichte über Feynman kannte, aber da hörte niemand mehr zu.
Die Gespräche verflachten jetzt – wie fast immer zu fortgeschrittener Stunde.
Gerade als wir alle einen kollektiven Hänger bekamen, stöpselte der Knochenbrecher sein Smartphone an die Stereoanlage. Es ertönte „I’d Do Anything for Love“ von Meat Loaf. Während der Song lief, kam der Dragoner bei der Türe herein, und alle wurden munter.
Der Dragoner bestellte einen Cuba Libre, und das bedeutete, dass der Abend noch länger dauern würde.
Mir fiel ein, dass ich schon ein halbes Jahr nicht mehr auf dem Schießstand war. Ich kritzelte auf einen Zettel „Shooting mit Blues“ und legte ihn in meine Geldbörse. Jane bemerkte das und sah mich vorwurfsvoll an. Ich hatte ihr schon ein Dutzend Mal erklärt, dass das Schießen nichts mit „Rumballern“ zu tun hat. Es sei eher eine zutiefst kontemplative Sache, denn wenn man schlecht zielt und keine ruhige Hand hat, trifft man nicht einmal die Scheibe.
Es bildeten sich ein paar Grüppchen, die angeregt plauderten. Hans und ich blätterten in unseren Büchern und versanken in einer Melancholie, die ihren Höhepunkt erreichte, als „Heroes“ von David Bowie aus den Boxen schallte.
Hans sagte das Codewort „Ibrahim“, und das bedeutete Aufbruch. Hans und ich bestiegen unsere Zweiräder und fuhren vor allen anderen nach Hause, was selten vorkam.
Freitag, 7. Februar
im Gasthof zur Sauren Wiese
Alle waren da. Die Stimmung war trotz des grauen Wetters gut. Pasak benahm sich ausnahmsweise nicht daneben, der Knochenbrecher hatte seinen Dragoner mitgebracht, der in der letzten Woche Geburtstag gefeiert hatte. Sie verriet aber nicht ihr Alter. Ich wollte schon eine blöde Bemerkung machen, aber Hans hinderte mich mit einem Fußtritt daran.
Pumpe verkündete, dass er diese Woche wegen des Geburtstags von Dragoner und nächste Woche für den runden Geburtstag von Block Jane eine Runde spendieren werde. Jane hörte das nicht gerne, nickte aber freundlich und verbat sich jegliche offizielle Feier. Dass sie nicht mehr dreißig war, wussten wir, und für fünfzig war sie noch zu knackig. Charly ahnte, was Hans und ich dachten. Er grinste und raunte zu uns herüber: „Am geilsten sind die Weiber kurz bevor sie aus dem Leim gehen, hat schon Charly Bukowsky, selig, gesagt. Ich denke, er hatte recht.“ Zum Glück hörte das nur unser Wirt Blues.
Fat Lot bestellte sich ein großes Gulasch mit einem halben Liter Weihnachtsbock. Blues hatte das letzte Fass Bockbier, das er noch hatte, extra für uns zurückgehalten.
Che und Dragoner unterhielten sich angeregt mit Charly, der wieder einmal einen seiner Rettungseinsätze Länge mal Breite zum Besten gab. Mittendrin brüllte Che in die Runde: „Eyy Leute, hört euch das an, das glaubt ihr nicht.“
Charly ließ sich nicht lange bitten und legte los:
„Ihr kennt doch alle den Berggasthof Bruckerbauer. Ich hatte am letzten Samstag Nachtdienst und wollte mich um 1 Uhr schon etwas aufs Ohr legen, als unser Motorola-Piepser meldete, dass sich beim Bruckerbauer eine Tussi die Füße verbrannt hat. Wir sind dann nichts ahnend raufgefahren. Das dauerte eine Weile, denn der Bruckerbauer liegt auf über tausend Metern Seehöhe und bei dem starken Wind, der da gerade wehte, kommt kein Hubschrauber, schon gar nicht in der Nacht.“
„Jaja, wissen wir ja eh“, unterbrach ihn Fat Lot, „komm zum Wesentlichen.“
Charly kam jetzt in Fahrt. „Als wir ankamen, saß die Patientin schon heraußen und lächelte uns ganz lieb an. Die Lampe neben der Türe war zu schwach, also checkte ich ihre Stelzen mit der Taschenlampe. Da hat mich fast der Schlag getroffen. Die Haut an den Fußsohlen war weg. Völlig weg. Der Rest hatte wunderbares Röstaroma. Totales wipe out bis zur Muskulatur. Ich dachte schon den Hubschrauber anzufordern, aber in der Rettungsleitstelle erklärte mir Fredi, dass wegen des Schneefalls und wegen des starken Windes heute kein Pilot da rauffliegen würde. Also haben wir die Lady in den Rettungswagen getragen und ihre Füße in Schnee gepackt. Mir ist nichts Besseres eingefallen.“
Auch ich war früher Rettungsfahrer, ein paar Jahre sogar Ausbildner, besser: Lehrbeauftragter, wie es offiziell heißt, aber ich hatte schon vor zehn Jahren aufgehört.
Ich fragte Charly: „Was ist denn passiert? Hat die Braut auf der Herdplatte beim Bruckerbauer einen Tabledance hingelegt?“
„Nicht ganz, aber nah dran“, sagte Charly, „da lief ein Angstbefreiungsseminar der Volkshochschule, und die Teilnehmer mussten lauter Dinge machen, die eine Selbstüberwindung erfordern. So eine Art Dschungelcamp für Nicht-Promis. Am Samstagnachmittag mussten die Teilnehmer als letzte Übung barfuß über glühende Holzkohlen laufen.“
„Was!?“, Janes Entsetzen war echt. Hans und ich mussten heimlich grinsen, denn wir kannten den Trick.
„Gemach, gemach“, fuhr Charly fort, „der Trick besteht darin, dass es gar keinen Trick gibt und dass das jeder kann. Unsere Fußsohlen sind dick genug, es kostet lediglich etwas Überwindung. Die sind am Nachmittag auch alle drüber gelaufen, und es ist nichts passiert. Am Abend …“
„… haben sie dann zum Abschied zu viel abgepumpt“, warf Hans ein.
„Genau, lieber Hans. Die ganze Bande stand unter Rotweinästhesie, als sie ein Kohlenbingo veranstalteten. Wer am langsamsten über die glühenden Kohlen geht, hat gewonnen.“
„Und deine Patientin hat gewonnen!“, warf Jane ein.
„Richtig. Ich bin froh, dass wir sie mit ihren Grillstelzen lebend im Krankenhaus abliefern konnten.“
Pumpe und Pasak waren etwas blass geworden im Gesicht. Sie mochten Testosteron im Übermaß in der Blutbahn haben, aber Horrorgeschichten waren nicht ihr Ding, vor allem wenn Blut, Gedärme oder etwas in der Art auch nur angedeutet wurden. Pasak und Pumpe waren sich daher einig, als Pasak verlangte, das Thema zu wechseln. Ich verkniff mir jede Bemerkung, denn mir machen solche Gruselgeschichten nichts aus. Hans zwinkerte mir zu.
Irgendwann nach einigen Runden Bier begann Pasak unmotiviert zu stänkern. Er schimpfte auf unseren Staat, der angeblich zu wenig für die verarmten Menschen übrig hatte. Dann maulte er auf ganz Europa, auf die verdammten Kapitalisten, auf die Juden und am Ende auf das ganze westeuropäische Gesindel. Wir wunderten uns alle, denn so eine antikapitalistische Volksansprache hätten wir eher Che zugetraut.
Ausgerechnet Che war es, der Pasak heftig widersprach. Er begann eine Lobrede auf Europa, die uns alle sprachlos machte. Che wurde dabei immer lauter.
„Ich kann dieses saudumme Geschwätz nicht mehr hören. Zeig mir doch eine Weltregion, die es mit Europa aufnehmen kann! He? Na, was ist? Was haben die großen M – Mozart, Mendelsohn, Mahler – gemeinsam? Was vereint die großen B – Bach, Beethoven, Bruckner und Brahms? Worin liegt das Gemeinsame der großen S – Schubert, Strauß, Schumann und Sibelius? Es ist nicht nur die Musik. Es ist europäische Kunst vom Feinsten.“
Pasak war überrumpelt. Er wollte was sagen, aber er merkte wohl, dass ihm nichts Gescheites einfiel. Che fuhr fort und steigerte sich dabei. Er wurde immer lauter.
„Was haben die Dampfmaschine, der Ottomotor und der Dieselmotor gemeinsam? Was vereint den Stromgenerator, den Elektromotor und den Transformator? Worin liegt das Gemeinsame von Fernrohr, Mikroskop und Fotoapparat? Es handelt sich nicht nur um technische Entwicklungen. Es sind europäische Erfindungen, die den Gang der Geschichte verändert haben. Geniales Wissen kommt aus Europa. Was haben moderne Astronomie, Physik, Biochemie und Genetik gemeinsam? Was vereint Gravitationstheorie, Quantentheorie und Relativitätstheorie? Worin liegt das Gemeinsame von Funkgeräten, Röntgenröhren und LASER? Es sind nicht nur wissenschaftliche Revolutionen und bahnbrechende Erfindungen. Es waren Europäer, die diese Entdeckungen begründet und weiterentwickelt haben.
Der lange Arm europäischer Erfinder reicht bis zur Raumfahrt. Die ersten erfolgreichen amerikanischen Satellitenträger und die Mondrakete Saturn V waren Werke des genialen Deutschen Wernher von Braun. Die ersten sowjetischen Raketen einschließlich des Sputniks und der ersten bemannten Raumkapseln stammen vom Ukrainer Sergej Koroljow.“
Das Gesicht von Che hatte sich leicht rot gefärbt, so erregt war er. Da tönte die Stimme des Knochenbrechers dazwischen: „Mussolini.“ Che war aber nicht zu bremsen.
„Ok, da kamen auch Verbrecher wie Hitler, Mussolini und König Leopold von Belgien aus Europa, aber Schwerverbrecher haben alle Kontinente vorzuweisen. Ich könnte euch da etwas über Südamerika, speziell über Kolumbien, erzählen.“
„Ich dachte, du kommst aus Bolivien?“, fragte ich.
Che ging nicht darauf ein und lief zur Hochform auf. Er sprach, nein, er hielt eine Ansprache, die jedem Geschichtsprofessor zur Ehre gereicht hätte.
„Die ersten großen europäischen Philosophen gab es bei den Griechen, die ihre Art des Denkens an die Römer weitergaben. Die Zeit der Völkerwanderung brachte einen Rückschlag, aber dann kam das Mittelalter, wo der Keim für die Renaissance und die Aufklärung gesät wurde. Beides sind europäische Phänomene, die besonders Großbritannien, Frankreich, Niederlande, Deutschland, Österreich-Ungarn und Italien zuzuordnen sind. Das Zeitalter der Aufklärung, für die Namen stehen wie David Hume und Isaac Newton, Johann Wolfgang von Goethe und Immanuel Kant, Baruch Spinoza, Denis Diderot und Jean-Baptiste D’Alembert.“
Alle hörten jetzt zu. Jane saß mit offenem Mund da. Pasak konnte seinen Zorn und seine Scham kaum verbergen, dass ihm ausgerechnet ein schwuler südamerikanischer Brauereiarbeiter die Show stahl. Che fuhr fort:
„In Europa liegt der Ursprung des freien und aufgeklärten Denkens, es ist die Heimat freier Wissenschaften, freier Kunst, freier Gesellschaften und freier Menschen. Niemand wird uns dieses Erbe der Freiheit nehmen können, auch nicht kleinliche Politiker mit ihrem Drang zu immer mehr Vorschriften. Es lebe die Freiheit, es lebe das freie Denken und es lebe auch das Bier! Nieder mit den Feinden Europas!“
Che hatte das Glas erhoben. Donnernder Applaus ertönte, und wir prosteten uns alle zu. Der Einzige, der still in seiner Mappe herumkramte, war Charly.
„Eyy Charly!“, rief ich, „hat dich Ches Vortrag nicht interessiert?“
Charly erschrak, räumte seine Mappe weg und fragte mich, ob er mal zum Schießen mitkommen dürfe. Offenbar hatte er Che nicht zugehört.
„Du willst was?“
„Ich will wissen, ob ich mit einer Pistole umgehen kann. Ich weiß, dass ihr im Faustfeuerwaffenclub Gäste mitnehmen dürft.“
„Ja, das geht. Willst du jemanden umlegen?“
„Nein. Ich will nur einmal im Leben mit einer echten Knarre schießen. Den Knochenbrecher, Pasak und Pumpe habt ihr doch auch schon mal zum Schießen mitgenommen.“
„Ok, ok.“ Ich winkte Blues heran und fragte ihn nach dem nächsten „Ballermann“, wie wir es nannten. Wir vereinbarten mit Charly ein Schießtraining samt Einführung am 21. Februar um 19 Uhr am Schießstand. Anschließend würden wir zum Stammtisch gehen.
Hans hatte sich mit Che unterhalten und einen Buchtitel aufgeschrieben. Es ging um europäische Geschichte.
Hans, Pumpe und ich gingen zum Wurlitzer. Kurz darauf ertönten „Saved by the Bell“ von Robin Gibb, „Put a little love in your heart“ von Jacky de Shannon und „Honky Tonk Women“ von den Stones. Es wurde noch ein lustiger Abend.
Blues und ich vereinbarten, zum Schießen nicht die Artillerie mitzunehmen. So nannten wir unsere großkalibrigen Waffen, wie die „Desert Eagle“ und meine Smith & Wesson. Beide hatten Kaliber 44 und machten ordentliche Löcher. Wir wollten es bei Charly mit Kaliber 9 Millimeter ruhiger angehen lassen.
Bevor ich ging, schrieb ich ins Thekenbuch: „Es gibt Fach- und Mehrfachidioten.“ Ich klopfte Che auf die Schulter, lobte ihn ausdrücklich für seinen sensationellen Europavortrag, betonte mindestens dreimal, dass das nicht ironisch gemeint sei, und bat ihn, ausnahmsweise etwas ins Thekenbuch zu schreiben. Che überlegte mehrere Minuten, dann schrieb er hinein: „Religion wird ihre alte Macht nicht wiedergewinnen, bis sie Änderungen ebenso ins Gesicht sehen kann wie die Wissenschaft.“
Ich war beeindruckt.
Freitag, 14. Februar
in der Hopfenklause
Die Fahrt über die Grenze in die Hopfenklause war keine gute Idee. Überall lagen dicke Äste herum. Das Sturmtief „Sabine“, das vor einigen Tagen gewütet hatte, machte aus der Straße eine Slalompiste. Am Ende schafften wir es aber. Ich tat mir mit dem Motorrad leichter als Che mit seinem Bulli. Alle bis auf Knochenbrechers Dragoner waren mitgekommen.
Kaum waren Hans und ich da, lagen sich die beiden Rivalen Pasak und Charly wegen irgendeiner Kleinigkeit in den Haaren. Pasak nannte Charly ein impotentes Arschloch, was dieser mit „hirnlose Schwanzkröte“ beantwortete. So ging es eine Zeitlang hin und her. Sie ballten die Fäuste, aber zuschlagen traute sich doch keiner der beiden.
Ich versuchte zu schlichten, aber es brachte nichts. Auch der Knochenbrecher mischte sich ein, woraufhin der Streit erst so richtig losging. Jane und Che hielten sich vornehm zurück und beobachten das Getöse. Monk, der Wirt, meinte nur, sie sollten Dampf ablassen, das sei schon ok, solange das Mobiliar nicht in die Brüche ginge.
„Willst du, dass ich unsere Vereinbarung einseitig kündige?“, rief Charly. Daraufhin ebbte der Kampf ab. Die beiden Streithähne warfen sich noch einige böse Blicke zu und bestellten sich ein Bier. Ich trug das meine dazu bei, indem ich mein Smartphone an die Anlage stöpselte und die Sechziger anklickte. Zuerst erklang „Ring of Fire“ von Eric Burdon, daraufhin folgte „Aquarius“ von Fifth Dimension und andere alte Ohrwürmer. Langsam besserte sich die Stimmung.
Immer wenn sich zwei oder mehr von uns Versagern in den Haaren lagen, fiel mir der Dunning-Kruger-Effekt ein. Die Tendenz, sich selbst zu überschätzen, wurde in den Neunzigerjahren an einer US-Universität von David Dunning und Justin Kruger untersucht. Der Dunning-Kruger-Effekt besagt, dass weniger kompetente Personen dazu neigen, ihre eigenen Fähigkeiten zu überschätzen. Das Ausmaß der eigenen Inkompetenz kann nicht erkannt und die Kompetenz anderer Menschen nicht beurteilt werden.
In einer Reihe von Experimenten ließen Dunning und Kruger Versuchspersonen verschiedene Aufgaben aus den Bereichen Logik und Grammatik lösen. Danach wurden die Testpersonen gefragt, wie sie ihre eigene Leistung einschätzten. Die meisten von ihnen lagen daneben. Sogar das schwächste Viertel der Versuchspersonen hielt sich für sehr gut. Personen aus dem besten Viertel schätzten sich zwar auch als gut ein, in Wirklichkeit waren sie jedoch wesentlich besser als sie selbst vermuteten. Wer selbst mangelhaft gebildet ist, kann nicht erkennen, ob andere richtig oder falsch liegen. Man sieht nur die eigene (klägliche) Leistung und überschätzt sie. Wahrscheinlich war das der Grund, warum wir uns alle so gut verstanden.
Die Fähigkeit, andere einschätzen zu können, war bei keinem von uns besonders gut entwickelt. Der wahrscheinlich Einzige, der immer den Durchblick hatte, war Shaasdougn, der Hund von Hans. Ich blickte zu Shaasdougn rüber. Er schaute zu mir herüber und ich wusste, dass er wusste, was ich dachte.
Pumpe und Knochenbrecher haben vor einigen Jahren bei einigen Agenturen und Castingshows versucht, sowas wie eine Karriere als Künstler zu starten. Einer der beiden sang, der andere spielte Gitarre und Mundharmonika.
Herausgekommen ist nichts, die beiden hatten sich überschätzt. Charly sagte man nach, er habe mehrere Anläufe genommen, ein großer Dichter zu werden, aber auch das hatte vermutlich nie funktioniert, zumindest wussten wir nichts davon. Er wich dem Thema beharrlich aus, wenn jemand in der Runde eine Andeutung machte.
Der Dunning-Kruger-Effekt zeigt sich bei Castingshows auf besonders peinliche Weise. Leute wie Pumpe und Knochenbrecher kaufen sich ein Instrument und bemühen sich, ein paar Akkorde zu spielen. Die Begeisterung steigt und früher oder später kommt es zum folgenschweren Fehlschluss, der Schritt zum musikalischen Weltruhm stehe unmittelbar bevor. Laut Dunning und Kruger ist es möglich, durch die individuell richtige Bildung und durch Übung und Selbstdisziplin nicht nur die eigene Kompetenz zu steigern, sondern auch die Fähigkeiten, andere Zeitgenossen besser einschätzen zu können.
Ich prostete Shaasdougn zu, er grüßte mit Schwanzwedeln zurück.
Hans ahnte, was in meinem Kopf vorging. Er holte sein iPhone heraus, tippte ein wenig herum und hielt es mir vor die Nase. Auf YouTube ertönte der Dunning-Kruger-Blues von Tommy Krappweis.
Zwei Gläser Bier später fiel aus irgendeinem Grund das Wort „Ketzer“. Hans und ich waren gerade in unsere Bücher vertieft, als zwischen Charly und Pasak wieder ein Streit losbrach. Jetzt mischte sich auch Fat Lot ein, dadurch wurde die Sache völlig unübersichtlich. Charly hatte schon ordentlich getankt, als er Pasak einen faschistischen Apostaten schimpfte, was dieser mit einer Schimpfkanonade beantwortete. Wörter wie Ketzer, Abtrünniger, Idiot, Versager und noch Schlimmeres flogen über die Antitheke. Später fragte ich Charly, was er mit dem faschistischen Apostaten gemeint hatte, aber Charly wischte das beiseite: „Nix. Hat nix zu bedeuten. Genauso gut könnte ich ihn einen ehemaligen Söldner nennen.“ Ich wusste damals nicht, dass sich Charly da verplappert hatte. Da er schon zu viel getankt hatte, nahm ich ihn nicht mehr ernst.
Als Pasak, der ebenfalls nicht mehr nüchtern war, Charly vorwarf, seine Vergangenheit zu verheimlichen, flogen die ersten Fäuste. Charly rann das Blut aus der Nase und Pasaks Hemd war zerrissen. Hans und ich gingen dazwischen und zogen die beiden Verrückten auseinander. Fat Lot wollte sich einmischen, aber Hans verhinderte das. Um die Situation zu beruhigen, holte ich aus dem Bücherstoß den Schinken „Ketzer und andere Denker“ hervor und begann zu dozieren. Hans, Pumpe und der Knochenbrecher bewachten inzwischen die Streithähne, die wie bei einem Boxkampf grollend in ihrer Ecke saßen.
Ich begann zu lesen:
Ein weniger bekanntes Opfer kirchlicher Gewalt war der Mönch Filippo Giordano Bruno. Filippo Bruno wurde 1548 bei Neapel geboren, studierte Logik und Dialektik und trat mit siebzehn Jahren in den Orden der Dominikaner ein, wo er den Ordensnamen Giordano erhielt und zum Priester geweiht wurde. 1563 war das Konzil von Trient zu Ende gegangen, seither machte die Kirche Ernst mit der Gegenreformation. Die Dominikaner waren vom Papst ausersehen worden, Abweichler vom rechten Glauben gnadenlos zu jagen. Ausgerechnet in diesem Orden lebte und wirkte Giordano Bruno, einer der größten Freigeister seiner Zeit.
Alle waren froh, dass ich die beiden Spinner mit meiner neunmalklugen Rede im Zaum hielt. Ausnahmsweise hörten jetzt alle zu.
Schon im Alter von achtundzwanzig Jahren hatte Bruno durch ungewöhnliche Auslegungen der Heiligen Schrift den Verdacht der Ketzerei erregt. Er wanderte in der Folge nach Norden, wo sich die Reformation bereits durchgesetzt hatte. Auf dem Weg nach Lyon erreichte ihn die Nachricht von seiner Exkommunikation. In Genf fand er einen protestantischen italienischen Gönner und erhielt eine Anstellung als Universitätslehrer. Bereits drei Monate später wurde er wegen einer Streitschrift in den Kerker gebracht, aber nach einigen Debatten wurde er wieder entlassen. Verärgert über die calvinistischen Spießer und „Mucker“ ging Bruno nach Toulouse, wo er an der Universität die Studenten mit seinen packenden Vorlesungen über Philosophie begeisterte.
1581 ging Giordano Bruno an die weltberühmte Universität von Paris. König Heinrich III., ein Gönner der Wissenschaften und Freund italienischer Kultur, verschaffte Bruno eine Professur. Schon ein Jahr später musste Bruno nach England gehen, weil er in Frankreich durch eine Komödie über das sittenlose Leben in italienischen Klöstern Unmut erregt hatte. In London schrieb er sechs philosophische Dialoge, die erneut den Zorn seiner kirchlichen Gegner erregten. Nach Jahren des Wanderns wurde der vagabundierende Philosoph 1592 schließlich von der kirchlichen Inquisition verhaftet und in Rom eingekerkert.
Bruno starb im Februar 1600. Auf dem Campo de’ Fiori, dem Blumenmarkt von Rom, wurde er öffentlich verbrannt.
Es war still geworden. Jane applaudierte. Che war begeistert. „Genau das ist es, was Europa so stark gemacht hat. Immer und immer wieder haben Ketzer die Mächtigen aufgemischt. Galileo Galilei war auch ein großer Ketzer vor dem Herrn, aber er war kein Atheist. Das hat die Kirche offenbar nicht verstanden.“
„Marx und Lenin waren auch grandiose Ketzer“, warf Pasak ein. Das gefiel wiederum Hans und mir nicht. Auch Charly ärgerte sich. „Marx und Lenin waren Verräter der Demokratie“, sagte Hans düster, „sie haben alles Mögliche in Frage gestellt, aber das freie Denken war nicht ihr Ding.“
Pasak scharrte mit den Hufen und wollte schon was sagen, als ihm Jane einen bösen Blick zuwandte und mich fragte, ob ich etwas über Galileo Galilei zum Besten geben könne. „Rede so lange, bis Pasak sich beruhigt“, raunte sie mir zu. Das tat ich schon deshalb, weil ich damals ein wenig in Jane verliebt war und weil Pater Severin, der Dorfpfarrer, während des Vortrags über Giordano Bruno zu uns gestoßen war. Severin ist sein Klostername bei den Zisterziensern. Wie er wirklich heißt, wusste keiner von uns. Es ist auch egal.
Ich blätterte im Buch herum, dann fand ich die Stelle, die ich gesucht hatte. Ich begann zu lesen und bemühte mich dabei, böse Stellen zu umschiffen, denn ich wollte Pater Severin nicht allzu sehr wehtun.
Der italienische Mathematiker und Physiker Galileo Galilei blickte zu Beginn des 17. Jahrhunderts durch sein Fernrohr und staunte: Die Mondoberfläche hatte Gebirge und Täler wie die Erde. Offenbar war die Erde nichts Einzigartiges im Universum, wie man immer geglaubt hatte. Der Planet Jupiter hatte sogar eigene Monde. Damals musste man die Lehre des Philosophen Aristoteles für wahr halten, dass sich ausnahmslos alles um die Erde dreht. Es bewegte sich aber etwas um Jupiter. Aristoteles war damit widerlegt. Der Planet Venus zeigte Phasen wie der Mond. Das war ein Hinweis, dass sich die Venus nicht um die Erde bewegte, sondern um die Sonne. Zu schlechter Letzt zeigte die Sonne Fleckenmuster. Sie war nicht so rein, wie Aristoteles behauptet hatte.
Kopernikus hatte schon hundert Jahre zuvor nicht die Erde, sondern die Sonne im Mittelpunkt des Universums vermutet. Diese These schien nun bestätigt. Einige Dominikanermönche wurden hellhörig und machten ihre Ordensbrüder in der Inquisition darauf aufmerksam, dass die Ideen des Kopernikus von Ketzern unterstützt würden, was auch der Fall war.
„Ketzer“, lallte Pasak und erhob einen Zeigefinger. „Ketzer sind wichtiger als alles andere. Marx war auch ein Ketzer.“ Pater Severin lächelte milde. Pasak sank in sich zusammen. Ich las weiter.
Einige Jahre später publizierte Galileo das Buch „Dialog über die beiden hauptsächlichen Weltsysteme“, in dem zwei Gelehrte die alte aristotelische Lehre der Kirche und die neue Lehre des Kopernikus verteidigten. Galileo nannte den Vertreter der kirchlichen Lehre „Simplicio“, was weder der Inquisition noch Papst Urban VIII. gefiel. Am 22. Juni 1633 wurde Galileo Galilei in der römischen Kirche Santa Maria Sopra Minerva zu lebenslangem Hausarrest verurteilt.
Ich überflog rasch und schweigend einige böse Absätze über die Kirche, dann fuhr ich fort.
Historiker glauben, dass die Kirche damals Angst hatte. Galilei hatte mit dem wissenschaftlichen Experiment einen Weg gefunden, Naturgesetze zu entdecken. Aristoteles und Platon stiegen in die 2. Liga ab. Das war neu und wurde damals als beklemmend empfunden. Galileis Methode, das Experiment zum Prüfstein zu machen, entwickelte sich zu einem Flächenbrand. Forscher späterer Jahre mussten keine Verfolgungen mehr erleiden. Im Herbst 1992, fast dreihundertsechzig Jahre später, wurde Galilei von Papst Johannes Paul II. rehabilitiert.
Pater Severin bedankte sich für den interessanten Vortrag. Der Knochenbrecher und Pumpe drängten zum Aufbruch. Hans und ich packten unsere Bücher weg und Jane blickte völlig entspannt, denn Pasak und Charly waren eingeschlafen.
Ich griff mir das Thekenbuch und schrieb hinein: „Gewalt ist die letzte Zuflucht der Unfähigen.“ Hans schrieb darunter: „Ich sehe schon den Abgrund am Ende des Tunnels.“ Pater Severin war neugierig geworden. Er las unsere Sprüche, lächelte weise und schrieb ebenfalls etwas darunter – natürlich war es in Latein: „Magna tamen spes est in bonitate die.“ (Dennoch besteht große Hoffnung auf die Güte Gottes.)
Nachdem wir schon alle unsere Jacken angezogen hatten, ging Fat Lot nochmals zur Theke und schrieb ins Thekenbuch: „This silly prattle drives me around the bend.“ (Das dumme Geschwätz hier macht mich noch wahnsinnig.)
Hans und ich verabschiedeten uns mit einem lauten „Die Ibrahim-Loge wünscht euch allen was. Euer Friede sei mit uns.“
„Irgendwann müssen wir ihnen den Ibrahim erklären“, sagte Hans, dann starteten wir unsere Maschinen.
Freitag, 21. Februar
im Gasthof zur Sauren Wiese
Charly, Blues und ich trafen uns wie vereinbart am Schießstand des Faustfeuerwaffenclubs. Blues hatte seine HK45 mitgebracht. Er besaß die Kurzversion mit 100 mm Lauflänge. Weiters hatte er seine Walther PPK/S mit, die James Bond-Knarre, wie er stolz verkündete. Ich hatte meine 9 Millimeter-Beretta mitgenommen. Blues besaß das gleiche Modell. Blues hatte seine Desert Eagle Kaliber 44 und ich meine Smith & Wesson 44er-Magnum zu Hause gelassen. Wir wollten es beim ersten Mal noch nicht laut werden lassen. 9 Millimeter und Kaliber 45 reichten für den Anfang.
Zuerst erklärten wir Charly einfache Grundregeln, wie etwa, dass man niemals mit der Waffe herumfuchtelt, auch wenn sie ungeladen ist. Dann schärften wir ihm ein, dass am Schießstand die Waffe leergeschossen oder entladen werden muss, bevor man sie ablegt. Dann ging es um die Benützung des Sicherungshebels, das Füllen der Magazine und das Laden. Charly war hochkonzentriert und wiederholte alle Vorgänge mit eigenen Händen. In Hollywoodfilmen und Krimiserien sieht man nie genau, wie das geht. Das ist Absicht, erklärten wir Charly. Er hatte auch schnell kapiert, dass es Waffen gibt, die auch dann noch feuern können, wenn man das Magazin entfernt hat, im Lauf aber noch eine Patrone steckt. Charly staunte auch darüber, dass der Schlitten nach dem letzten Schuss automatisch arretiert wird. Nach ein paar Minuten hatten wir genug erklärt.
Dann begann das Schießen. Blues und ich passten abwechselnd auf Charly auf, denn Anfänger sind oft nervös und machen Blödsinn, aber Charly benahm sich wie ein alter Hase. Mit dem Zielen klappte es noch nicht. Auf fünfundzwanzig Meter Entfernung brachte er von sechs Kugeln nur drei auf die Scheibe, von Treffern ins Schwarze ganz zu schweigen. Blues und ich lachten und trösteten ihn damit, dass kein Anfänger jemals ein Scharfschütze war. Charly durfte mit allen mitgebrachten Modellen schießen. Nach dem fünften Magazin durchlöcherten immerhin alle seine Kugeln irgendwo die Scheibe. Blues und ich applaudierten.
Charly wollte alles wissen, beispielsweise, was es mit den Zahlen 44 bei meiner Magnum und 45 bei Blues’ Heckler & Koch auf sich hat. Blues erklärte, dass es sich dabei um Zoll handelt. Damit misst man in den USA nicht nur Bildschirmgrößen, sondern auch Kaliber. Ein Zoll hat 2,54 Zentimeter. 44er bedeutet 0,44 Zoll, und das macht dann 11 mm. So ein Ding macht Riesenlöcher, wie ich anmerkte, vor allem, wenn man Halbmantelgeschoße verwendet. Charly war begeistert.
Irgendwann nach über hundert verschossenen Patronen hatten wir genug Pulverdampf eingeatmet. Das Schöne an diesem Pulverrauch ist, dass man einen ordentlichen Durst bekommt.
Nachdem wir in der Sauren Wiese angekommen waren, hatte Charly das Bedürfnis, martialische Musik zu hören. Blues hatte in der Musikbox aber kein Heavy Metal lagernd, also hörten wir zur Einstimmung auf den Stammtisch „Street fighting Men“ von den Rolling Stones, „Fire“ von The Crazy World of Arthur Brown und „Highway to Hell“ von AC/DC. Ich drückte als flankierende Maßnahme noch „Riders On the Storm“ von den Doors.
Als die anderen eintrudelten, hatten Charly und ich schon das erste Bier intus. Blues war längere Zeit Unteroffizier beim Militär gewesen. Er kannte sich mit Waffen aus und konnte Charly mehr erklären als ich. Charlys Wunsch, der nie bei einem Militär gedient hatte, war, er wollte auch mit einer Maschinenpistole und einem Sturmgewehr schießen, aber da müsste er in die USA fliegen und bei einem Schützenverein nachfragen, wie ihm Blues erklärte.
Der Abend verlief ruhig, denn Charly und Pasak gingen sich aus dem Weg. Hie und da hatten die beiden ein Problem miteinander, aber niemand wusste, warum.
Der Dragoner nuckelte an einem Cuba Libre, Jane hatte ein Glas ihres geliebten Rieslings vor sich, und wir, die Schwätzer-Machos, tranken Bier. Fat Lot und Pasak schneller als alle anderen.
Irgendwann entspann sich ein Gespräch zwischen Pasak, Pumpe und Blues. Es ging um „erektile Dysfunktion“. „Das ist halt sowas wie Dyslexie, nur am Pimmel halt“, sagte Blues, „aber das kann man ja dank Viagra, Cialis usw. in den Griff bekommen. Bei Dyslexie geht das nicht.“ Pumpe ärgerte sich über die vielen Fremdwörter. „Könnt ihr bitte auf eure blöden Obergescheitwörter verzichten?“ Blues bescheinigte Pumpe daraufhin eine intellektuelle Dysfunktion, was nicht einmal die anderen verstanden.
Hans hatte das richtige Kapitel im richtigen Buch parat. Er las vor.
Das Kürzel „dys“ klingt so wie sein Inhalt. Es ist etwas Negatives. „Dys“ ist Griechisch und bedeutet so viel wie „schlecht“ oder „von der Norm abweichend“. Dyslexie bedeutet Probleme mit dem Lesen, Dyskalkulie bezeichnet Rechenschwäche, Dyspraxie wird bei Kindern mit Bewegungsproblemen diagnostiziert und erektile Dysfunktion kann man mit Viagra & Co bekämpfen.
Pumpe gab sich damit zufrieden. Der Knochenbrecher war zu uns gestoßen, auch Charly. Der brummte: „Dys-Scientismus wäre eine berechtigte Wortschöpfung. Es geht um einen wissenschaftlichen Analphabetismus, der sich großteils im Bereich der Mathematik und Statistik, aber auch in anderen Bereichen zeigt.“ Charly hatte doch tatsächlich ein technisches Magazin eingesteckt, schlug eine Seite auf und las vor:
In einer Tageszeitung war kürzlich zu lesen, dass es in Wien im Jänner um 337 % zu warm war. Wer zu schnell gelesen hat, sah wahrscheinlich 337 Grad, aber das kann nicht stimmen, denn das liegt über dem Schmelzpunkt von Blei. Bleigießen mit Hilfe der Wintersonne geht nicht. Der Prozentfehler war auf simple Weise zustande gekommen. Die Journalisten hatten einfach wild drauf los gerechnet und dabei danebengegriffen.
Die Durchschnittstemperatur liegt in Mitteleuropa im Jänner um die 0,8 °Celsius. Letztes Jahr war es 2,7 ° zu warm. Die Rechnung 2,7 dividiert durch 0,8 ergibt 3,37 und das sind die erwähnten 337 %. Das ist schon eine Schlagzeile wert. Wenn wir die eher unbekannte Kelvin-Skala verwenden, die bei –273,15 °C beginnt, bekommen wir ein anderes Ergebnis. Die Durchschnittstemperatur im Jänner wäre dann 274 Kelvin. Rechnen wir die Erwärmung (plus 2,7 Kelvin) aus, erhalten wir nur 1 % Zuwachs. Diese kleine Zahl liefert leider keine brauchbare Schlagzeile. Jetzt nehmen wir uns die in Amerika übliche Fahrenheit-Skala vor. Unsere Jänner-Durchschnittstemperatur wäre dann 33,4 °F(ahrenheit). Die Temperatur lag im Jänner um 5,4 °F über dem Durchschnitt. Das ergibt eine Zunahme um 16 %. Wir haben also drei verschiedene Wachstumswerte: 1 % (Kelvin), 16 % (Fahrenheit) und 337 % (Celsius). Keine der Zahlen sagt etwas aus, denn die Verwendung von Prozentzahlen bei Temperaturskalen ist ähnlich sinnvoll wie der Vergleich von Eisenbahnfahrplänen mit Speisekarten. Es wurden, einfach gesagt, Äpfel durch Gurken dividiert.
Es entspann sich eine ausnahmsweise niveauvolle Diskussion über Experten und Dysperten, wie Charly sie nannte. Die mathematischen Kenntnisse unter gewissen „Dysperten“ sind tatsächlich nicht berauschend. Leider sind naturwissenschaftliche Kenntnisse genauso schwach gestreut. Zahlen und Namen kann man nachschlagen, aber mehr nicht. Naturwissenschaftlich-mathematisches Denken kann man dagegen nicht in Büchern finden, wie uns Dysperten weismachen wollen. Analytisches Denken muss genauso wie Musik, Sprachen, Sport und andere Fähigkeiten laufend trainiert werden. Wikipedia ist nutzlos für Dyslektoren, Dysperten und andere Dys-Zeitgenossen.
Jane hatte die letzten Sätze mitgehört und uns daraufhin als „Dys-Erotiker“ bezeichnet. Offenbar fand sie das witzig. Der Dragoner nickte kichernd.
Wir wechselten das Thema. Charly und Pasak kehrten wieder an den runden Tisch mit ihren Gläsern zurück, Fat Lot bestellte eine Bratwurst mit Pommes und Hans holte ein Buch von Noam Chomsky hervor. Wir begannen, uns leise über Chomsky zu unterhalten, weil das niemanden außer uns interessieren würde. Noam Avran Chomsky ist ein amerikanischer Sprachwissenschaftler. Er war Assistenzprofessor für moderne Sprachen und Linguistik am Massachusetts Institute of Technology. 1961 wurde er Professor. Chomsky entwickelte eine Theorie, nach der Sprachkompetenz das Ergebnis einer angeborenen menschlichen Fähigkeit ist. Chomskys Forschungsinteresse galt einer Universal-Grammatik, die den weiten Bereich der menschlichen Sprachen erklärt.
Chomsky wurde nicht nur als Sprachwissenschaftler, sondern auch als politischer Aktivist und Autor bekannt. Er wandte sich gegen die Beteiligung der USA am Vietnamkrieg und ist einer der Kritiker der Globalisierung. „Ich mag diesen Rebellen“, sagte Hans, und ich gab ihm recht. Kaum war das Wort „Rebell“ gefallen, kam Pasak neugierig an die Theke und fragte nach, wen wir da meinten. „Nichts für dich und die anderen“, speiste ihn Hans trocken ab.
Doch da war es schon zu spät. Die ganze Macho-Bande kam daher, denn jeder von uns war ein selbsternannter Rebell. Jane und der Dragoner blieben im Hintergrund und schauten belustigt zu uns herüber.
Ich erklärte den Umstehenden, dass Chomsky ein jüdischer Professor jenseits der Neunzig ist, gleichzeitig aber auch als Anarchist und Rebell gilt. „Sein Intelligenzquotient ist höher als der von Pasak, Che, Fat Lot, Pumpe und Knochenbrecher zusammengerechnet“, sagte Hans. „Das ist leicht“, ergänzte ich, schnappte mir das Buch „Sprache und Verantwortung“ und las vor.
Ich wurde häufig von Universitäten aufgefordert, in Seminaren und Kolloquien über mathematische Linguistik zu sprechen. Keiner hat mich je gefragt, ob ich die angemessenen Legitimationen hätte, um über diese Themen zu reden. … Was sie wissen möchten ist lediglich, was ich zu sagen habe. Keiner hat je Einwände gegen mein Recht zu reden erhoben und gefragt, ob ich einen Doktorgrad in Mathematik habe. … Die Diskussion drehte sich um den Gegenstand, nicht um mein Recht, ihn zu diskutieren. Auf der anderen Seite wird in einer Diskussion oder Debatte über gesellschaftliche Fragen … dieser Einwand ständig erhoben, häufig auf erheblich giftige Weise. Ich wurde wiederholt aufgefordert, meine Qualifikation nachzuweisen, oder gefragt, „was für eine Fachausbildung haben Sie, die Sie berechtigt, über diese Angelegenheit zu reden?“ Es wird vorausgesetzt, dass Leute wie ich, die von einem beruflichen Gesichtspunkt her Außenseiter sind, nicht berechtigt sind, über derartige Dinge zu reden. … In der Mathematik, in der Physik beschäftigen sich die Leute mit dem, was man sagt. Nicht mit den Beglaubigungen, die man hat. … Ganz allgemein gesprochen scheint es gerechtfertigt zu sein, wenn man sagt, je reicher die intellektuelle Substanz eines Gebietes ist, desto weniger besteht Interesse an Qualifikationsnachweisen und desto größer ist das Interesse am Inhalt.
Che hatte wie immer den Durchblick: „Chomsky beschreibt hier eine Binsenweisheit. Je substanzloser die Kritik, desto persönlicher ist sie. Das kennen wir aus Talk-Shows.“
„Conny, was gibt’s?“, schrie der Dragoner mit schmerzhaft schriller Stimme herüber. „Nix, Henry.“ Der Knochenbrecher nannte seinen Dragoner nicht Henriette, sondern Henry, „es geht um Rebellen, also um uns.“ „Alter Angeber!“, rief Dragoner zurück. Jane musste lachen.
Pumpe fand den Text interessant. „Habt ihr noch mehr von der Sorte?“, fragte er. „Kennst du Sir Popper?“, war meine Gegenfrage, „der dachte ähnlich wie Chomsky.“ Popper kannte wiederum der Knochenbrecher. „Ja, das war doch ein Philosoph, oder?“
Hans kramte in beiden Bücherstapeln und holte ein vergilbtes Taschenbuch, „Worthülsen für Anfänger“, hervor. Er suchte eine bestimmte Stelle und fand sie auch. „Leute, das wird euch gefallen!“, verkündete er. Der Dragoner und Jane kamen nun auch an die Theke.
Die dümmsten Bauern haben die größten Erdäpfel. Diese bekannte Redewendung kann man auch geschwollen ausdrücken: „Die Fertilität von solanum tuberosum ist indirekt proportional dem Intelligenzquotienten des Agrarökonomen.“ Dieser Satz klingt intellektuell einschüchternd und besagt im Grunde nichts anderes als der erste. Die Übersetzung: „Die Fruchtbarkeit der Kartoffel verhält sich anders als die Klugheit des Bauern.“ Es geht hier jedoch nicht um das Denkvermögen von Berufsgruppen, sondern um die leidige Sitte, echte oder vermeintliche Bildung durch unmäßigen Gebrauch von Fremdwörtern in den Vordergrund zu stellen. Es geht um das lästige Unvermögen, einfache Dinge verständlich auszudrücken.
Die erste internationale Sprache der Wissenschaft war Griechisch. Eine große Zahl von wissenschaftlichen Fachausdrücken verdanken wir dem Griechischen. Auch bedeutende Schriften, wie etwa die Evangelien, wurden in griechischer Sprache geschrieben. Latein als Informationsträger des Wissens sollte sich erst später durchsetzen.
Untersucht man die geheimnisvolle Ausdrucksweise der Wissenschaft etwas genauer, so stößt man regelmäßig auf die gleichen griechischen und lateinischen Wörter, die einschlägige Lexika gut erläutern. „Hyper“ (griechisch) bedeutet beispielsweise „darüber“ oder auch „mehr als die Hälfte“. „Hypo“ (griechisch) bedeutet „darunter“. „Tonus“ (lateinisch) heißt „Spannung“. Unter Hypertonie und Hypotonie versteht man in der Medizin nichts anderes als hohen und niedrigen Blutdruck. Innerhalb der Wissenschaften sind definierte Fachausdrücke unverzichtbar. Im Umgang mit Patienten oder mit interessierten Laien unterscheidet sich jedoch der gute Arzt oder Vortragende von den Schwadroneuren. Letztere verstecken sich hinter klangvollen Fremdwörtern. Erstere präsentieren ein Thema so umgänglich, dass auch Nichtfachleute das vermittelte Wissen verstehen.
Die Unsitte, mit Fremdwörtern eine Art Schaumsprache zu erzeugen, ist in den Kulturwissenschaften des deutschen Sprachraumes weit verbreitet. Der Philosoph Sir Karl Popper (1902–1994) hat diese Unart in einem erst vor wenigen Jahren veröffentlichten Brief („gegen die großen Worte!“) angeprangert. Popper „übersetzt“ darin unter anderem Sätze der Philosophen Theodor Adorno und Jürgen Habermas vom Fremdwörter-Kauderwelsch ins Deutsche. Popper kommt dabei mit der Hälfte der Wörter aus. Popper meinte dazu sarkastisch: „Das grausame Spiel, Einfaches kompliziert und Triviales schwierig auszudrücken, wird leider traditionell von Soziologen, Philosophen usw. als legitime Aufgabe angesehen.“ Der wahre Philosoph und Wissenschaftler wählt laut Karl Popper seine Worte so, dass allgemein verstanden werden kann, worum es geht.
Den Text hatten alle verstanden, und sofort begannen Hans und ich mit lustigen Blödeleien, und die Kerle machten mit, ohne sich groß zu blamieren. Das hatte ich denen gar nicht zugetraut.
Hans legte los: „Der Geruchskoeffizient gewisser finanzieller Mittel ist permanent gleich null.“ „Geld stinkt nicht“, rief ich. Großer Applaus.
Hans hatte inzwischen die Seite gefunden, auf der einige entsprechende Texte standen.
Jetzt war ich dran: „Schallwellen werden von dicht stehenden Bäumen reflektiert.“
„Wie man in den Wald hineinruft, so tönt’s einem entgegen“, sagte Jane, die unter lautem Hallo jetzt das Buch übernahm. „Bewohner von transparenten Domizilen sollten keine transzendenten Bewegungen mit fester natürlicher Materie durchführen.“ „Wer im Glashaus sitzt, sollte nicht mit Steinen werfen“, platzte Pasak heraus, der jetzt an der Reihe war. So ging es eine Zeitlang weiter.
Es wurde ein selten lustiger und harmonischer Abend. Ich schrieb infolgedessen ausnahmsweise einen netten Spruch ins Thekenbuch: „Bescheidenheit ist deswegen so beliebt, weil sie die Arroganz erleichtert.“ Hans schrieb darunter: „Diskutiere nie mit einem Irren. Die Leute würden den Unterschied nicht merken.“
Es war schon weit nach Mitternacht, als wir alle nach Hause gingen. Pasak kündigte noch einen „Abstecher“ ins Stiff Bones an. Pumpe ging gut gelaunt mit ihm.
Freitag, 28. Februar
in der Sauren Wiese
Vorgestern war Aschermittwoch. Carne vale! Lebt wohl, ihr leiblichen Genüsse! In diesem Jahr war die närrische Zeit lang genug, aber uns war das egal. Wir hatten an jedem Freitag unseren Spaß.
Hans und ich standen wie immer an der Theke und blätterten in unseren mitgebrachten Büchern. Diesmal verzichtete Fat Lot auf die Bestellung eines üppigen Abendessens. „Fastenzeit“, verkündete er. Als Ausgleich trank er zwei Biere mehr als sonst.
Jane blätterte in einer Tageszeitung und erzählte uns ungefragt einige Details, die wir gestern schon im Internet gelesen hatten: „Die letzten Direktflüge von Europa nach China werden eingestellt. Das klingt besorgniserregend.“ Niemand beachtete Janes Sorgen.
Pumpe hatte ein Buch des österreichischen Philosophen Konrad Paul Liessmann mit und blätterte darin herum: „Wenn ich nur wüsste, ob wir tatsächlich eine Bildungsmisere haben“, sagte er nachdenklich. Hans und ich legten unsere Bücher weg und begannen mit Pumpe zu diskutieren. Ich wurde aus diesem Kerl mit seiner Berliner Schnauze nicht klug. Einerseits wirkte er sehr gebildet, andererseits kam er immer wieder mit Verschwörungsgeschichten daher, die zum Teil hanebüchen waren.
Nach einigen Minuten begann ich, auf die Bremse zu steigen. Die ganze Bildungsdebatte war mir von Anfang an viel zu überladen mit Ideologie. Zwischen den Vierziger- und Siebzigerjahren des 20. Jahrhunderts nannte man gewisse Kinos in den USA „Grindhouse“. Zwei Filme wurden zusammen als eine Vorstellung als „Double Feature“ nach dem Motto „zwei zum Preis von einem“ gezeigt. Die Filme „Death Proof“ und „Planet Terror“ liefen vor vier Jahren in unseren Kinos. Sie sollten an Grindhouse erinnern. Das ist ein Synonym für minderwertige Filme, meist Horror- und Slasherflicks der übelsten Sorte. An Grindhouse werde ich erinnert, wenn es um Bildungspolitik geht.
„PISA zeigt es“, sagte Pumpe, „die nachlassende Bildung der Jugend in Deutschland und Österreich ist echt schlimm. Die Kapitalisten brauchen nur eine kleine Elite für Politik, Banken, Medizin und Industrie. Der große Rest soll dumm bleiben. Die Bildungsmisere ist gewollt.“
Hans und ich waren anderer Meinung und verwiesen auf die vielen Ablenkungen elektronischer Natur, die es erst seit den Neunzigerjahren gibt. Internet, Smartphones, iPads, das ist ja erst maximal eine Generation alt. Pumpe sah das anders.
„Die öffentliche Debatte ist schlampig“, ergänzte Hans. „Schau mal, Horst, das kann ich sogar beweisen.“ Hans und ich nannten Pumpe immer bei seinem Vornamen, wenn wir uns ernsthaft unterhielten. „Die erste PISA-Studie aus dem Jahr 2000 zeigte Österreich in allen Bereichen auf den vorderen Plätzen. Das interessierte damals niemanden, weil es nichts zu kritisieren gab. Die zweite PISA-Studie brachte ein schlechteres Ergebnis, und die Grindhouse-Nomenklatura Österreichs sprach unter Umgehung jeglicher Kopfarbeit von einem Absturz. Ein Bildungssystem kann aber innerhalb von drei Jahren nicht abstürzen. Der Absturz war offensichtlich ein Messfehler, wahrscheinlich auch falsche Interpretationen der Ergebnisse. Interpretationsfehler liegen meist dann vor, wenn Ideologien im Spiel sind. Mathematisch-statistisch ist die PISA formal richtig, aber gemessen wird nicht das Schulsystem, sondern nur die Fähigkeit, einen PISA-Test zu bestehen.“
Ich gab Hans recht. Pumpe war immer noch anderer Meinung, daher ergänzte ich: „Die Ursachen für tatsächlich vorliegende Bildungsmängel, großteils Leseschwächen und eine mangelhafte Allgemeinbildung, liegen weniger in der Politik der letzten Zeit, als in den vergangenen Jahrzehnten. Ein leistungsfeindliches Besoldungssystem bei Lehrern, eine seit den Siebzigerjahren latent wachsende öffentliche Bildungsfeindlichkeit, vor allem bei den Naturwissenschaften, eine wachsende Diskriminierung von Leistungsbereitschaft – Stichwort: Streber! – haben unser Schulsystem ins Wanken gebracht.“
Pumpe nahm einen tiefen Schluck und machte mit gestrecktem Arm und ausgeklapptem Zeigefinger eine kreisende Bewegung über unsere Runde. „Aha, und was siehst du hier? Wir gehören alle nicht mehr zur Generation PISA. Wir sind also die vermeintlich Tüchtigen, wir sind die Leistungsträger. Ehrlich? Meinst du das wirklich? Schaut doch genauer hin, ihr zwei Bücherwürmer! Was seht ihr? Lauter Rentner und Versager. Von den meisten hier wissen wir nicht einmal die Vergangenheit.“
„Wir wissen von keinem hier die Vergangenheit“, korrigierte ich, „wir wissen lediglich, dass wir eine Truppe von Spinnern und selbsternannten Rebellen sind, an die sich später niemand mehr erinnern wird.“
„Auch deinen Lebenslauf kennen wir nicht, lieber Horsti“, sagte Hans, und Pumpe antwortete verärgert: „Und das geht auch niemanden etwas an. Ich komme aus Berlin, das genügt.“
„Ost oder West?“, fragte ich, aber Pumpe gab keine Antwort.
Charly kam bei der Türe herein und bestellte noch auf dem Weg zur Theke ein Bier. Wir hatten nicht bemerkt, dass er noch nicht da war. Er schmiss seine Tasche in die Ecke, trank das von Blues im Rekordtempo gefüllte Bierglas innerhalb von drei Sekunden halb leer und setzte es mit Knall auf die Theke: „Scheiße“, sagte er so laut, dass es alle hören konnten, „Scheiße! Irgendwann wird es Tote geben.“
Pumpe, der immer noch bei Hans und mir an der Theke stand, fragte, was denn los sei. „Tote? Jetzt bin ich aber neugierig. Alle herhören! Charly ist noch nüchtern, und daher werden ausnahmsweise ein paar verwertbare und gut verständliche Sätze von ihm kommen.“
Charly trank das Glas aus und erzählte uns, dass er von Sonntag auf Montag Nachtdienst hatte. Autsch! Ich zog den Kopf ein, denn ich wusste, was jetzt gleich kommen würde. Nachtdienste für Rettungssanitäter sind schon nervig genug, aber zu Weihnachten und Neujahr, im Fasching und an Wochenenden in der warmen Jahreszeit erkennt man als Sanitäter das wahre Ausmaß an Alkohol- und Drogenkonsum.
Charly begann zu erzählen: „Der Startschuss fiel schon bei Dienstbeginn. Der Motorola-Pager meldete: r1 15j w v. a. intox. Es war ein Einsatz, der unverzüglich mit Blaulicht durchzuführen war. Ein fünfzehnjähriges Mädchen zeigte Vergiftungserscheinungen. Das ‚v. a.‘ bedeutet ‚ Verdacht auf‘. Die Sache musste sofort abgeklärt werden. Das Mädchen lag bewusstlos am Fluss unten. Laut Auskunft hat sie den ganzen Nachmittag Wodka und ‚irgendwelche Tabletten‘ geschluckt. Als wir kamen, erwachte das Mädchen aus der Bewusstlosigkeit und erbrach sich. Zur gleichen Zeit versorgte die andere Mannschaft einen gestürzten alten Mann mit einer Kopfverletzung. Er war so betrunken, dass er kein klares Wort herausbrachte.
Nach 20 Uhr fuhren wir zu einem Patienten mit Hodenverletzung. Die blutende Wunde, die sich der Mann mittleren Alters beim Sturz vom Fahrrad zugezogen hat, erzeugte schon beim Anblick ein qualvolles Gefühl, doch der Patient spürte wegen seiner Alkoholisierung kaum etwas. Zur gleichen Zeit brachte die zweite Mannschaft einen Dreißigjährigen per Zwangseinweisung ins nächste Schwerpunktkrankenhaus: Selbstgefährdung auf Grund drogenbedingter Psychosen. Um Mitternacht wurde eine Stammkundin transportiert. Die Frau liegt im Koma, weil sie laut Zeugen irgendwelches Zeugs eingeworfen hat. Sie wird zum vierten Mal innerhalb dieses Monats im Krankenhaus versorgt.“
Charly trank sein Glas aus und bestellte Nachschub und einen doppelten Gin.
„Bei elf von vierzehn Einsätzen in einer Nacht waren Alkohol oder illegale Drogen im Spiel. Eine normale Nacht also, und doch nur die Spitze des Eisbergs. Daraus lernt man zweierlei. Erstens sind wissenschaftliche Arbeiten wertlos, wenn das zugrunde liegende Datenmaterial falsch ist. Jede Untersuchung würde Unfälle, Verbrennungen, Depressionen usw. auflisten. Die unbeschönigten Ursachen bleiben aber verborgen, weil C2-abusus, das bedeutet Alkoholmissbrauch, in den Einsatzprotokollen nicht gerne gesehen wird. Zweitens können die Bürger ruhig schlafen, weil ehrenamtliche Rettungssanitäter sowie Ärzte und Krankenschwestern die nächtliche Drecksarbeit für unsere alkohol- und drogenkranke Gesellschaft machen.“
„Wir pumpen aber auch nicht schlecht“, sagte Pasak, der bei den anderen am runden Stammtisch saß.
„Ja, aber wir haben es im Griff. Wir haben nie einen Rettungswagen benötigt. Bis heute zumindest, …“ Jane ergänzte: „… aber was nicht ist, kann ja noch kommen.“ Alle lachten.
„Mir ist heute nicht zum Lachen zumute“, sagte Charly. „Nicht einmal Charles Bukowsky, dieser Schluckspecht, hätte den Wahnsinn mit Humor kommentiert. Um 6 Uhr war Dienstwechsel. Ich genehmigte mir einen Kaffee. Einer aus meiner Mannschaft las aus der Zeitung vor, dass ein Zeitgeistkrieger wieder einmal die Freigabe ‚weicher‘ Drogen gefordert hat. So, jetzt wisst ihr, was wahrer bullshit ist.“
Unser Schweigen dauerte maximal fünf Sekunden, dann wechselten wir das Thema.
Blues meinte augenzwinkernd, dass wir anlässlich des Beginns der Fastenzeit heute etwas Anständiges ins Thekenbuch schreiben sollten.
Ich griff hinüber und schrieb hinein: „Verba puellarum foliis leviora caducis.“ (Die Worte der Mädchen sind leichter als herabfallende Blätter.)
Hans ließ sich nicht lumpen und notierte: „Frankly, I don’t give a damn about this garbage.“ (Ehrlich gesagt ist mir der ganze Müll scheißegal.)
Charly schrieb hinein: „Omnia mors aequat.“ (Der Tod macht alle gleich.)
Dann kamen der Reihe nach die anderen. Da war aber nichts Gescheites dabei. Nur Pasak überraschte Hans und mich mit dem witzigen Spruch: „Ein Gentleman ist ein Herr, der eine Dame so lange beschützt, bis er mit ihr allein ist.“
Es war schon spät, als die meisten gingen. Am Ende standen nur noch Hans, Pumpe, unser Wirt und ich an der Theke. Hans und ich blätterten in unseren Büchern, Blues putzte wie immer Gläser und spendierte eine Runde. Das tat er fast immer, wenn die Uhr nach Mitternacht zeigte und nicht mehr als drei Gäste an der Theke standen. Pumpe holte sein iPad hervor und schaute sich auf YouTube einen Film über eine Modellbahnanlage an.
Blues drohte Hans und mir, irgendwann einmal keine Runde mehr zu spendieren, wenn wir ihm nicht sagten, was es mit unserem geheimnisvollen „Ibrahim“ auf sich hatte. Wir versprachen ihm, die Sache bald aufzuklären.
Freitag, 6. März
im Roten Affen
Fat Lot, Pasak und ihre Pokerbande saßen schon am Tisch, als ich zur Türe hereinkam. Die anderen trudelten nach und nach ein, Hans brachte wieder einmal seinen Hund Shaasdougn mit. Fat Lot und seine Kartenkumpels hatten spontan beschlossen, vom Stiff Bones ins Potex zu wechseln. „Vielleicht kann ich jemanden von euch zum Pokern überreden“, gab Fat Lot freimütig zu.
Charly saß am runden Stammtisch und las die neuesten Dienstanweisungen durch.
„Da kommt was auf uns zu“, murmelte er. Er kam an die Theke und zeigte mir das Rundschreiben des Landesrettungskommandanten:
Mit Stand 5. 3. 2020 18 Uhr sind in Österreich einundvierzig Fälle einer Infektion mit COVID-19 bestätigt. Ein COVID-19-Verdachtsfall ist wie folgt definiert:
Personen mit akuten Symptomen einer respiratorischen Infektion (plötzliches Auftreten von mindestens einem der folgenden Symptome: Husten, Fieber, Kurzatmigkeit) UND in den vierzehn Tagen vor Auftreten der Symptome:
Enger Kontakt mit einem bestätigten oder wahrscheinlichen COVID-19-FallODER
Aufenthalt in einer Region, in der von anhaltender Übertragung von COVID-19 ausgegangen werden muss: China, Italien (Regionen: Piemont, Emilia-Romagna, Lombardei und Venetien), Südkorea, Iran, Hongkong, Japan, Singapur (Stand: 26. 2. 2020).
Es wurden mehrere Hygieneteams im Land stationiert. Die Alarmierung erfolgt durch die Rettungs- und Feuerwehrleitstelle.
Charly fragte mich, was ich von der Entwicklung halte, aber ich wusste auch nicht mehr als alle anderen. „Wenn das Virus leichter übertragbar ist als Influenza, und die Viren tödlich sind, dann werden wir ein größeres Problem bekommen. Hoffen wir das Beste.“
Wir konnten uns nicht weiter unterhalten, denn die Pokerbande wurde immer lauter. Für Jane war das Pokern eine schnöde Sache, auch der Dragoner fand, es handle sich um eine ungebührliche Freizeitbeschäftigung. Jane und Dragoner blieben an ihrem Tisch sitzen, der Rest, also wir Machos, drapierten uns rund um den Pokertisch auf und schauten zu.
Fat Lot ließ sofort den Experten raushängen: „Texas Hold’em wird mit einem Paket französischer oder anglo-amerikanischer Karten zu 52 Blatt von zwei bis zehn Personen gespielt.“
Fat Lot redete fast ununterbrochen. „Der Spieler zur Linken des Dealers muss einen vorgeschriebenen Einsatz, wir nennen das small blind, sein linker Nachbar das big blind auf den Tisch legen. Heute gehen wir es gemütlich an, damit wir niemanden von euch erschrecken. Small blind ist 5 Euro, big blind ist 10 Euro. Big blind kann dann schon mal auf 100 Euro raufgehen. Die erste Runde nennen wir Preflop, die zweite heißt Flop, die dritte Turn Card und die letzte Runde River Card. Wer aussteigt, verliert seinen Einsatz.“
Fat Lot war unglaublich. Er konnte gleichzeitig Bier trinken, mehrere Hamburger hintereinander verdrücken, uns die Regeln erklären und gleichzeitig so gekonnt bluffen, dass er bereits nach zwanzig Minuten dreihundert Euros gewonnen hatte. Nach einer mehrfachen Aufforderung, doch ein paar Runden mitzumachen, setzte sich Charly an den Tisch.
Fat Lot machte munter weiter. Während und nach jedem Spiel erklärte er die Kombinationen. „Ein Royal Flush ist 10 bis As in einer Farbe. Wahrscheinlichkeit 0,003 %. Straight Flush ist eine Reihe aufeinander folgender Karten in einer Farbe, Häufigkeit 0,028 %. Ein Poker, das sind vier Karten des gleichen Wertes, ein As-Poker ist natürlich das Größte. Ein Full House ist ein Drilling und ein Paar, die Wahrscheinlichkeit liegt bereits bei 2,6 % …“
Jetzt regten sich die anderen auf: „Halt’s Maul, Lothar, du bringst uns aus dem Konzept. Lass die anderen zusehen. Irgendwann kapieren sie es von selbst.“ Fat Lot gehorchte und konzentrierte sich auf das Spiel, während er das zweite Bier und den dritten Hamburger in Arbeit hatte. Zwischendurch spendierte jemand eine Runde Gin.
Jeder Spieler hatte sein Pokerface aufgesetzt, einer trug Sonnenbrillen, ein anderer einen so dichten Bart, dass seine Mimik kaum zu entschlüsseln war. Am undurchschaubarsten war Fat Lot, der mit seinem Bier, seinen Fressorgien und einem regelmäßig eingestreuten „Hmmmm, was für ein wunderbarer Hamburger, Pavi, was ist denn da drinnen?“ die anderen immer wieder zu verzweifelten Blicken animierte. Eine Zeitlang passierte wenig, weil alle mit ermüdender Regelmäßigkeit ausstiegen und nur die Blinds die Besitzer wechselten. Ein langweiliges Nullsummenspiel.
Nach ungefähr einer halben Stunde passierte etwas Unerwartetes. Die Einsätze gingen in die Höhe, weil auf dem Tisch lauter Pik-Karten lagen. Charly begann nervös zu werden. Die anderen lächelten überlegen, der Bärtige kratzte sich am Kopf. Auf dem Tisch lagen an die dreihundert Euro. „All in!“, rief Fat Lot und schob seine Scheine in die Mitte. Pasak folgte mit „All in!“ Auch der Bärtige verkündete nach einer Nachdenkpause von drei Sekunden: „All in!“ Alle anderen bis auf Charly stiegen aus. „Na, Charly?“, feixte Pasak, „Flatterarsch?“ Charly zögerte mit starrem Blick, doch nach zehn Sekunden, die wie eine Ewigkeit erschienen, schob auch er seine Scheine in die Mitte: „All in!“
Alle legten ihre Karten auf den Tisch. Ich weiß nicht mehr, was die anderen vorzuweisen hatten, aber Charly hatte doch tatsächlich mit einer Pik-Dame und einem Pik-As ein Royal Flush geschafft. Fat Lot und Pasak schrien auf. Sie hatten so etwas unserem Charly, der nun achthundert Euro einsteckte, niemals zugetraut. „Charly, du Sau, wenn du uns keine Chance gibst, das zurückzugewinnen, hast du in unserer Runde nichts mehr verloren“, schnaubte Fat Lot. Charly erklärte ihnen, dass er gar nicht daran denke, aufzuhören.
Pasak stand auf. „Muss zum Bankomat gehen“, zischte er. „In unserer Pokerrunde wird grundsätzlich bar bezahlt“, erklärte Fat Lot wütend, „wenn jemand kein Geld mehr hat und verliert, werden keine Schuldscheine ausgestellt. Trotzdem vergessen wir keine Schuld. Spielschulden sind Ehrenschulden.“
Pasak kam zurück. Er legte ein paar Scheine auf den Tisch. Als das nächste Spiel begann, schauten alle auf Charly. Keiner wusste, ob er ein Naturtalent oder ein eiskalter Profi war oder einfach nur Glück hatte. Misstrauen lag in der Luft. Hans und ich hatten unsere Bücher völlig vergessen und schauten zu. Auch Jane und Dragoner standen jetzt am Pokertisch. Die Spieler hatten Mühe, ihre Karten vor den neugierigen Blicken zu verdecken.
Wieder begann eine langweilige Serie mit Ausstiegen. Einige Spiele später dauerte das Spiel bis zum River. Diesmal lagen nur rote Karten, also Herz und Karo, auf dem Tisch. Alle erhöhten ihre Einsätze, auch Charly, was die anderen misstrauisch machte. Es war ihnen anzusehen, dass die grauen Zellen kochten. Als die Karten aufgedeckt wurden, tauchten da mehrere Zwillinge auf. Pasak hatte einen Königs-Drilling, Fat Lot einen As-Drilling und Charly einen Zehnerpoker.
Charly sackte wieder alles ein, diesmal waren es an die siebenhundert Euro. Pasak fluchte heftig, nahm seinen Mantel und verschwand. Die Pokerrunde löste sich auf. Fat Lot blieb sitzen und verstand die Welt nicht mehr. Hans, Charly und ich gingen an die Theke.
„Klar, dass ich für den Rest des Abends alle freihalte“, posaunte Charly gut gelaunt hinaus, worauf sogar der Dragoner und Jane ihm zuprosteten.
Ich begann das Gespräch mit einer direkten Frage an Charly: „Sag einmal, du Schlitzohr, was sollte denn das soeben? Das war peinigend. Ja, peinigend ist der richtige Ausdruck. Bist du ein Pokerprofi oder hattest du einfach nur Glück?“
Charly erklärte uns seinen Trick: „Beim Texas Hold’em spielst du in Wahrheit nicht mit den Karten. Du spielst mit deinem eigenen Gesicht und mit den Gesichtern der anderen. Man braucht nur etwas Menschenkenntnis. Vor allem aber braucht man Grundkenntnisse in Statistik. Hier gebe ich unserem Lothar recht.“
Jetzt mischte sich Hans ein: „Statistik? Gesichter? Menschenkenntnis? Sag mal, Charly, was verheimlichst du uns? Du liest doch nur deinen Bukowsky und deinen Karl May.“
„Ich verheimliche euch nichts – naja – fast nichts. Erstens verfüge ich in meiner Tätigkeit als Rettungssanitäter über Menschenkenntnis. So etwas bekommt man im Laufe der Jahre zwangsläufig, und zweitens war Mathematik in der Schule mein Lieblingsfach. Ich konnte mit fünfzehn Jahren quadratische Gleichungen im Kopf lösen. Im Übrigen kann man diese unbedarften Typen leicht hinters Licht führen.“
„Wie das?“, wollte ich wissen.
„Ganz einfach. Als ich zum ersten Mal ein As und einen König in die Hand bekam, bin ich bis zum Schluss mitgegangen und habe ein wichtiges Gesicht gemacht.“
„As-König, also Anna Kurnikowa“, sagte ich grinsend.
„Äh, was?“, Hans schaute verwirrt.
Jetzt war wieder Charly an der Reihe:
„Anna Kurnikowa war eine gutaussehende Tennisspielerin, hat aber sportlich nicht viel erreicht. As-König schaut fesch wie Anna Kurnikowa aus, bringt aber nur selten was. Wer sich mit As-König gut fühlt und beim Bieten hoch geht, ist ein Anfänger, und wer das auch noch zeigt, wird schnell aufs Kreuz gelegt. Ich habe den Pokerfuzzies den Anfänger vorgespielt, sie sind drauf reingefallen, und am Schluss habe ich sie abgezockt. So einfach geht Pokern, wenn man cool bleibt und von den anderen unterschätzt wird.“
Ich musste Charly hinsichtlich Menschenkenntnis recht geben. Wer im Rettungsdienst arbeitet, macht gewisse Erfahrungen.
Was seine mathematischen Kenntnisse betraf, war das für mich überraschend: „Du und Mathematik? Das ist was Neues!“
„Ihr habt mich nie gefragt“, sagte Charly und nahm einen Schluck Bier.
Inzwischen hatte Hans in seinen Büchern gekramt. Nach einigen Minuten hatte er gefunden, was er gesucht hatte: „Charly! Das könntest du geschrieben haben! Das darfst jetzt du vorlesen.“
Alle, auch unser Wirt Pavi, waren an die Theke gekommen. Nur Fat Lot saß noch traumatisiert am Pokertisch. Charly ließ sich nicht zweimal bitten und las laut vor:
Das Zitat des englischen Premiers Winston Churchill, wonach er nur den Statistiken traue, die er selbst gefälscht hat, ist allgemein bekannt. Weniger bekannt ist, dass die Fälschung nicht darin liegen muss, dass man Zahlen manipuliert oder falsche Formeln verwendet, sondern in der Interpretation.
Ein absurdes Beispiel soll verdeutlichen, was man alles „beweisen“ kann. Das „Prinzip des unzureichenden Grundes“ besagt, dass wir für Annahmen, deren Gewissheit wir nicht beurteilen können, eine „Gleichwahrscheinlichkeit“ von 50:50 annehmen dürfen. So meinte der französische Mathematiker Simeon Denise Poisson, jedem Angeklagten dürfe eine A-priori-Schuld von 50 % unterstellt werden. Wir wenden dieses Prinzip auf die Frage an, ob es im Sternsystem Sirius einen Planeten mit Hunden gibt. Die Wahrscheinlichkeit, dass es irgendwo im Weltall, und somit im Sirius-System, einen Planeten mit Hunden gibt, ist nach dem Prinzip des unzureichenden Grundes ½ (= 0,5). Die Wahrscheinlichkeit, dass es sie nicht gibt, ist ebenfalls ½. Das Gleiche gilt für Pudel, Dackel, Leonberger, Dalmatiner, Eurasier und alle anderen Rassen. Insgesamt nehmen wir das für mindestens hundert Hunderassen an. Nun berechnet man die Wahrscheinlichkeit, dass keine dieser Hunderassen eine Zweitausgabe auf Sirius aufweist: p(H) = (0,5)100 und diese Zahl ist so nahe bei null, dass sie problemlos null gesetzt werden kann. Diese Hundeunwahrscheinlichkeit p(H) ist also null. Die Wahrscheinlichkeit, dass es diese Hunderassen doch gibt, ist 1 – (H) und damit 1. Mit anderen Worten: Die Wahrscheinlichkeit, auf Sirius eine Hunderasse zu finden, liegt bei 1, ihre Existenz ist damit statistisch bewiesen.
Mit Statistik kann man, wenn man nur will, alles „beweisen“, indem man Zahlen verwendet, deren Erhebungsmethode nicht nachvollziehbar und somit unbekannt ist. Das Ganze muss nur noch durch einen imposanten mathematischen Fleischwolf gedreht werden. Wer das daraus resultierende Zahlengedröhn für bare Münze nimmt, sollte lieber an des Teufels Großmutter glauben. Das wäre realistischer.
Alle lachten und applaudierten. Auch Charly musste lachen.
„Wahrscheinlich hat Fat Lot die relative Häufigkeit von Charlys Royal Flush falsch berechnet“, ätzte Pumpe. Fat Lot saß immer noch am Tisch und rief herüber: „Deine tausendfünfhundert Euro hole ich mir zurück.“
Jetzt war Charly mit dem Ätzen dran: „Wouw! Ich bekomme nochmals die Chance, so viel Geld zu gewinnen!“
Fat Lot holte seine XXXL-Jacke, zahlte bei Pavi seine Zeche, die wegen seines Appetits und seines Bierkonsums immer beachtlich war, und verließ wortlos das Lokal.
Nach einer halben Stunde, nur Hans, Charly und ich standen noch an der Theke, fragte Hans: „Sag mal, du Zocker, du beobachtest die Leute. Sehr diskret, aber du beobachtest jeden der Spieler sehr genau. Sag nicht, dass du es nicht tust.“
Charly kratzte sich am Kopf, eine klassische Übersprungshandlung, dann wurde er präzise.
„Bei einigen dieser Profis war es schwierig“, gab Charly zu, „echte Profis können die meisten Körpersignale unterdrücken, aber niemals alle. Ich konnte mich auf wenige Signale verlassen, die kein Mensch auf der Welt verbergen kann. Als Rettungssanitäter weiß ich außerdem längst, ob jemand simuliert, oder ob die Situation ernst ist. Der Ausgangspunkt für jedes unbewusste Körpersignal ist das Gefühlszentrum in unserem Gehirn“, erklärte Charly, „hier werden die Gefühle umgewandelt und als Impulse an die Nerven weitergeleitet. Wir können diese Reaktionen unseres Körpers bewusst manipulieren, gänzlich unterdrücken können wir sie nie. Heute Abend waren zwei Signale auffallend, der Atem und die Finger. In dem Moment, als die Karte aufgedeckt wurde, setzte Lothars Atem für den Bruchteil einer Sekunde aus, und seine Finger krümmten sich zwei Zentimeter zum Handinneren“, sagte Charly mit der Mimik eines wahren Experten, „beide Reaktionen stehen für Stress – und befinden sich damit im Gegensatz zu einem scheinbar selbstbewussten Einsatz. Auch die anderen Spieler reagierten ähnlich. Sobald ein Mensch in eine Stresssituation gerät, startet ein physiologisches Notfallprogramm. Die Atmung wird hochgefahren, damit der Körper mehr Sauerstoff aufnehmen kann und der Mensch besser auf einen Kampf oder eine Flucht vorbereitet ist. Pokerprofis spüren es, wenn dieser Mechanismus aktiviert wird, und sie versuchen, die höhere Atemfrequenz zu unterdrücken. Die Folge ist, dass ihr Atem für Sekundenbruchteile stockt. Die gekrümmten Finger sind ein anderes Signal, das durch einen Reflex im Oberkörper entsteht. So ziehen Menschen, die unsicher sind, ihre Schultern hoch. Die Kumpane da drüben sind nicht schlecht. Sie haben gelernt, das zu unterdrücken, aber der Reflex wandert nach unten in die Finger. Diese Bewegung sagt mir das Gleiche wie ein simples Schulterzucken. Die Körpersprache lügt nie. In bestimmten Berufsfeldern werden wichtige Deals nur noch im Beisein von Körpersprache-Experten abgeschlossen“, erklärte Charly, „und das hat seinen Grund.“
Wir waren beeindruckt. Hans nickte anerkennend.
„Wenn ihr mich nicht verratet, dann zocke ich die Bande noch ein paarmal ab, und ihr werdet in Form von Freirunden beteiligt.“ Charly sagte das mit einer erstaunlichen Coolness.
„Warum bist du dann kein Pokerprofi?“, fragte Hans, „du könntest ein Vermögen damit machen.“
„Nein“, Charly winkte ab, „das ist nicht mein Ding. Ich habe andere Interessen. Ich spiele jetzt noch ein paarmal, lasse sie auch gelegentlich gewinnen, aber wenn sie merken, dass ich sie langfristig ausnehme, dann schließen sie mich ohnehin aus.“
Der Rest von uns unterhielt sich noch bis Mitternacht über Statistik. Am Ende schrieb noch jeder etwas ins Thekenbuch. Charly schrieb hinein: „Wenn man kein Glück hat, kommt meistens auch noch Pech dazu.“ Ich schrieb darunter: „Sehr gern würde ich mich mit Lothar geistig duellieren, aber er ist unbewaffnet.“
Ich bekam von Jane dafür eine Rüge.
Freitag, 13. März
in der Sauren Wiese
Nach und nach trudelte die Bande ein. Der Knochenbrecher kam etwas später und teilte uns ungefragt mit, dass seine Henry noch später kommen würde.
Jane ließ gleich zu Beginn des Abends die Welt untergehen und erzählte sofort, dass die Weltgesundheitsorganisation WHO COVID-19 zur Pandemie erklärt hat.
Hans und ich interessierten uns nicht für Weltuntergangsgeschichten und blätterten schweigend in unseren Büchern, zeigten auf die eine oder andere Stelle und lasen leise Textstellen, von denen wir wussten, dass das die anderen Prolos ohnehin nicht verstehen würden. Jane ließ nicht locker und fragte immer wieder, ob jetzt die Menschheit aussterben würde. Irgendwann stieß irgendwer das Thema Nostradamus, Astrologie usw. an.
Das Thema interessierte mich nicht, doch Hans fischte eine Zeitschrift aus seiner Tasche und las laut vor, obwohl ich deutlich meinen Daumen nach unten gedreht hatte.
Die Seher haben für 2019 keine Katastrophe ausgelassen, das Motto lautete, irgendwas werde schon passieren. Neben den üblichen Vulkanausbrüchen, Erdbeben, Tsunamis und Waldbränden schrammten auch realitätsnahe Prognosen am tatsächlichen Geschehen vorbei: Wie zum Beispiel ein harter Brexit, das Ende von Facebook oder der Rücktritt der deutschen Bundesregierung im Frühjahr 2019. Beim US-Präsidenten waren die Prognosen der Seher chaotisch: Trump tritt zurück (Rose Smith), Trump bleibt Präsident (Susan Rowlan), Trump wird Opfer eines Anschlags (Nikki Pezaro, Craig Hamilton-Parker und andere). Die originellsten Vorahnungen waren die Entdeckung eines Riesenaffen à la King Kong, ein ins Weiße Haus einbrechender Papagei und der gleichzeitige Bundesligaabstieg von Bayern München und Borussia Dortmund.
Die in den Regenbogenmedien beliebten Promiprognosen produzierten wie immer Wer-mit-wem-Geschichten. Dabei ist ein wiederkehrendes Muster zu erkennen: Promipaare trennen sich, Singles finden einen Partner, bei Älteren werden Gesundheitsprobleme, bei Frischvermählten eine Schwangerschaft vorhergesagt. Es gab auch Mutmaßungen, die kaum überprüfbar sind. Angela Merkel soll im November laut Astrologin Elizabeth Teissier an Rücktritt gedacht haben und Helene Fischer hat sich laut Astrologin Susy Schädler irgendwann wieder für Florian Silbereisen interessiert.
Echte Prognosen sind langfristig unmöglich, und wenn sie zutreffen, so handelt es sich um Zufallstreffer. Die Mehrzahl der Astrologen wagt sich daher seltener an exakte Ankündigungen.
Nicht alle lachten, denn wir hatten in unserer Runde in paar heimliche Hobby-Esoteriker und Nebenberufs-Astrologen.
Pasak setzte eines drauf: „Jede Religion schlägt in ihrer Unbedarftheit Esoterik und Astrologie um Längen.“ Das wiederum machte Jane wütend. Sie war zwar nicht bigott religiös, über ihr Christentum ließ sie jedoch nichts kommen. „Beim Alten Testament der Bibel kenne ich mich zu wenig aus“, sagte sie zu Pasak, „aber ich glaube an jedes Wort, das im Neuen Testament geschrieben steht.“
Mit dieser Aussage lief sie Pasak ins offene Messer.
„Du glaubst jedes Wort? Ehrlich? Ein wesentlicher Teil des Neuen Testaments ist die Geschichte der Auferstehung. Bei Matthäus kommen zwei Frauen zum Grab von Jesus. Daraufhin erscheint ein Engel, wälzt den Stein weg und setzt sich auf den Stein. Bei Markus kommen drei Frauen zum Grab. Der Stein ist bereits weggewälzt, ein Engel sitzt im Grab drinnen und spricht zu den Frauen. Lukas berichtet, dass mehrere Frauen zum Grab gehen, das Grab leer finden, worauf zwei Männer erscheinen und zu ihnen sprechen. Bei Johannes kommt nur eine Frau zum Grab, findet es leer, geht zu den Jüngern, worauf diese kommen und staunen. Engel oder Männer erscheinen bei Johannes keine mehr.“
Jane war verblüfft. „Wieso weißt du solche Details?“, fragte sie mit erstauntem Gesicht, doch Pasak winkte ab: „Ich kann lesen.“ Dann setzte Pasak nach:
„Manche Bücher, darunter die Bibel, wurden rückblickend geschrieben. Im vorliegenden Fall ging es den Verfassern der Evangelien weniger darum, genaue Fakten zu dokumentieren. Die Autoren wollten Glaubensansichten darstellen. Sie glaubten daran, dass Jesus auferstanden war. Da es keine Augenzeugen gegeben hatte, mussten sie die Geschichte nach ihrer Vorstellung nacherzählen. So entstanden verschiedene Berichte. Welcher von ihnen wortgetreu richtig ist, wissen wir nicht.“
Charly erhob seinen Zeigefinger: „Unser Pasak verschweigt uns da was.“ Charly hatte recht. Pasak redete normalerweise ganz anders. Diesmal klang es so, als ob er Philosophie oder Theologie studiert hätte. Damals wusste ich nicht, wie nahe ich der Wahrheit war. Pasak ahnte unsere Gedankengänge, es schien ihm unangenehm zu sein: „Ein Bier für den oder diejenige, die das Thema wechselt.“
Der Dragoner kam mit lautem „Hallooo!“ herein, bestellte einen Cuba Libre und legte mit einem Witz los: „Neulich habe ich den Polizeinotruf gewählt. Ich verlangte einen Sprengmeister, weil im Bett neben mir ein Blindgänger liegt.“
Wir lachten höflich. Pasak klopfte sich auf die Schenkel. Nur der Knochenbrecher konnte nicht lachen. Stattdessen schaltete er schnell und lieferte seinerseits: „Wenn eine Frau mit ihren unteren Lippen eine Walnuss knacken kann, sollte sie mit dem Bodybuilding aufhören.“ Da der Dragoner eine stämmige Figur hatte, wussten wir, wer gemeint war. Der Dragoner lächelte bemüht, ein paar riefen: „Prost!“
Der Dragoner und Jane unterhielten sich für den Rest des Abends angeregt, wobei sie sich brav mit Jeanine und Henriette anredeten. Der Dragoner pumpte einen Cuba Libre nach dem anderen ab, Jane blieb bei ihrem Weißwein.
Es war schon spät, als sich die Runde allmählich auflöste.
Hans und ich kramten noch in unseren Büchern herum, als Blues mit einer Mappe daherkam und fragte, ob das einem von uns gehörte. Ich erklärte ihm, dass er das früher hätte fragen sollen, als noch alle da waren, aber er meinte nur, dass er nicht immer an alles denken könne. „Das liegt seit zwei Wochen hier, irgendjemand muss es vergessen haben.“
„Wer sagt, dass das einem von uns gehört?“
„Keine Ahnung. Ihr seid doch die Bücherwürmer.“
Hans hatte inzwischen die Mappe geöffnet. Darin lagen lose Blätter vergilbtes Büttenpapier, einige Blätter waren verklebt. Es sah aus wie ein Teil eines kaputten Buches, das darauf wartete, neu gebunden zu werden. Der Titel „Teras“ auf dem ersten Blatt hatte Hans neugierig gemacht.
„Teras?“, fragte ich.
„Ja, Teras ist Griechisch und bedeutet Ungeheuer, wie wir inzwischen wissen. Es geht eventuell um einen Seher.“
„Na sowas! Schon wieder Astrologie. Was hat er denn gesehen?“
Hans blätterte herum. „Weiß ich nicht. Es scheint um den baldigen Weltuntergang zu gehen. Klingt cool.“
„Weltuntergang? Wenn’s nicht mehr ist! Respekt! Wer hat denn das Zeug geschrieben?“
„Ein gewisser Zacharias Amesreiter aus Nürnberg, so steht es auf dem Deckblatt, aber die Hauptperson des Buches scheint ein geiler Wandermönch namens Paolo zu sein.“
Jetzt war ich voll dabei. Endlich einmal etwas richtig Abgefahrenes.
Hans blätterte herum. „Besagter Amesreiter war angeblich Mitglied eines Geheimordens namens Mercurius Trismegistus. Keine Ahnung, wer oder was das ist.“
In der Zwischenzeit hatten Hans und ich zu lesen begonnen, was uns einige Mühe bereitete, denn es handelte sich um eine alte Schrift, wie sie im 17. Jahrhundert oder vielleicht auch früher verwendet wurde. Einige Seiten waren in deutscher Kurrentschrift verfasst. Aus purer Neugier fotografierten wir einen Teil des Buches mit meinem Smartphone.
„Ok“, sagte ich zu Blues, „wir kümmern uns darum. Wir fragen einfach unsere Theken-Prolos der Reihe nach. Das Buch dürfte eine Rarität sein. Sowas ist kein Allerwelts-Schinken.“
Hans und ich waren die Letzten im Lokal. Hans begann vorzulesen.
Die Lektüre erschien uns gleichermaßen blöd wie dämonisch. Es gab kein Impressum, und es fehlte auch eine Jahreszahl. Lediglich dieser Amesreiter, ein geheimnisvoller Mercurius, und dieser Mönch namens Paolo Corvo wurden erwähnt. Ich hatte nie von denen gehört.
DIE ROTE MAGIE von Professor Zacharias Johannes Jakobus Amesreiter aus Nürnberg.
LITERA I
Bruder Paolo schreibt über sein Leben.
Meine Brüder!
Wir haben die Bruderschaft des Mercurius Trismegistus gegründet, und Ihr sollt meine Gründe erfahren, warum ich das getan habe.
Mein Name ist Paolo Filippo Corvo. Meine Mutter nannte mich Filippo. Ich bin in der Nähe von Neapel geboren. An meinem vierzehnten Geburtstag bin ich in den Orden der Dominikaner eingetreten, und dort erhielt ich den Klosternamen Paolo. Meine Mitbrüder nannten mich zu Beginn „Bruder Paolo“, später auch Bruder Corvo. Das bedeutet Rabe. Ich habe mich schon früh der Kunst der Alchemie gewidmet und der Rabe gilt als ein besonderes Tier der Alchemisten. Der Rabe ist das Symbol geheimer Kräfte, ein Bild der Veränderung und Umwandlung.
Wenn mein irdisches Leben zu Ende gehen wird, werden mich die Büttel der Inquisition als „Ouroboros draco“ verspotten – als den Weltendrachen, das Zeichen der ewigen Erneuerung. Der Inquisitor – ein geiler Rattenbock und hemmungsloser Knabenschänder – wird mich beschuldigen, ein „Teras“, ein Monstrum, zu sein. Das Heilige Officium wird auf Befehl des Heiligen Vaters Paulus V. – als Kardinal Camillo Borghese selbst ein ehemaliger Inquisitor – von mir ein Geständnis zu erzwingen versuchen. Ich werde nicht gestehen, ich werde kein Urteil unterschreiben, und ich werde keine Abschwörungsformel lesen, weil ich geheime Essenzen besitze, die meine Seele und meinen Willen stärken und mich von allen Schmerzen befreien. Ich werde der Folter, und sei sie noch so grausam, widerstehen.
Im Kloster las ich die Evangelien, die Philosophie des Aristoteles und die Theologie des Thomas von Aquin. Besonders aber widmete ich mich der Alchemie. Da ich auch heimlich die Philosophien des Heraklit, des Epikur und des Demokrit studierte und zu diesem Zweck verbotene Bücher aus der Bibliothek entwendete, bestrafte mich mein Abt – ein einfältiger und ungebildeter Tor – und ließ mich sechs Monate zur Buße in den Kerker stecken. Nach Verbüßung meiner Strafe verließ ich über Nacht das Kloster und ging auf Wanderschaft in Richtung Norden.
Im Kloster St. Medardi zu Soissons, in dem ich mich ein Jahr lang aufhielt und den Mönchen zeigte, wie man Testamente und Schenkungsurkunden brauchbar verfasst, gab es nach meiner Abreise eine große und bedeutende Werkstatt für falsche Dokumente. Viele Pfaffen verschmähen kein Mittel, um reich zu werden, denn sie hatten es längst erkannt, dass Geld Macht bedeutet. Zudem wollten sie gut leben. Ihre Gelübde wussten sie damit trefflich zu vereinigen, und was die Stifter der Klöster gegeben hatten, wurde von ihren Nachfolgern so eingerichtet, dass es ihnen zu einer Quelle des Erwerbes und Wohllebens wurde.
Die Messe war, wie die Mönche lehrten, die einzige Labung für die armen Seelen im Fegefeuer, die mächtigste Schreckgestalt für den Teufel. Sie war für einen bestimmten Geldbetrag zu haben. Die Bettelmönche, wie ich vor wenigen Jahren einer war, taten es noch wohlfeiler. Wir lasen die Messe für die Hälfte.
So gern wir Mönche auch nahmen, so ungern ließen wir uns etwas nehmen. Jeder, der dies versuchte, wurde von uns kurzerhand verflucht. Ich benützte dazu eine von mir erdachte Formel, die von anderen Mönchen begierig kopiert wurde. „Sein Name sei vertilget aus dem Buche des Lebens; und alle Plagen Pharaons sollen ihn treffen – der Herr werfe ihn aus seinem Eigentum, und gebe solches seinen Feinden. Sein Teil sei bei dem Verräter Judas, seine Äcker werden wie Sodom verderben, sein Haus wie Gomorrha. Die Luft schicke Legionen Teufel über ihn. Er sei verflucht vom Fuße bis zum Haupte, dass ihn die Würmer mit Gestank verzehren und seine Eingeweide ausschütten wie Judas. Sein Leichnam werde verzehrt von den Vögeln und wilden Tieren, und sein Gedächtnis von der Erde verzehrt. Verflucht seien alle seine Werke, verflucht sei er, wenn er aus- und eingeht, verflucht sei er im Tode wie ein stinkender Hund, und wer ihn begräbt, sei vertilgt. Verflucht die Erde, wo er begraben wird, und er bleibe bei den Teufeln im höllischen Feuer!“ Bei diesen Worten verging jedem frommen Christen der Appetit, einen Mönch oder ein Kloster zu besteuern!
Nach meinen Wanderjahren als Bettelmönch besann ich mich meiner philosophischen und theologischen Ausbildung und stellte mich in größeren Städten als Lehrer dieser ehrwürdigen Wissenschaften vor. Ich besuchte Wien, Prag, Toulouse, Paris, London und Frankfurt und andere Orte, wo mir gönnerhafte Menschen, Fürsten, Äbte, Gesandte und Professoren ihre Bibliotheken und Räume für meine Studien zur Verfügung stellten und wo ich berühmte Gelehrte traf, mit denen ich oft heftige Disputationen führte. An den Universitäten in Paris und London durfte ich Philosophie und Theologie lehren. In dieser Zeit verfasste ich Texte über das unendliche All, die Entstehung der Welt und die Gesetze der Natur und die neue Lehre von einem „Deus evolutus“.
Während dieser Jahre lernte ich auch schöne und edle Frauen kennen, die ich mit meinen ungewöhnlichen Gedanken für mich gewinnen konnte. Viele von ihnen liebten zuerst meine sinnlichen Worte, und dann meine Philosophie. Ich fand Zugang zu ihrem Geist, zu ihren Herzen und schließlich zu ihren Körpern, und so durfte ich vielen von ihnen beiwohnen, so oft ich Verlangen danach hatte.
Die Tage gehörten den Büchern und den alchemistischen Forschungen, die Nächte den gebildeten und wollüstigen Frauen und Mätressen der Fürsten, Bischöfe und Kaufleute. Die Zeit war gleichermaßen erfüllt mit den Begierden des Geistes und des Leibes. Ich sage, dass es eine unermessliche Schande ist, die Freuden des Leibes als Sünde zu bezeichnen. Ich spreche daher jedes Mitglied unserer Bruderschaft von den vermeintlichen Sünden des Bauches frei, solange kein Gewaltverbrechen damit verbunden ist.
Meine ars amandi gefiel den Frauenzimmern. Es vergingen die Nächte mit geistreichen Gesprächen und dem lustvollen Geschrei meiner Konkubinen. In vielen Fällen musste ich mich der Schweigsamkeit des Küchenpersonals und der Dienerschaft versichern. Die Diener wurden mit Geld, das weibliche Küchenpersonal mit Liebeskünsten zum Schweigen gebracht. Mein Laster blieb nie für länger als einige Monate geheim. Immer dann, wenn die betrogenen Männer meines wollüstigen Tuns gewahr wurden, musste ich die Flucht ergreifen. Ich wurde auch einige Male gefangen und in den Kerker geworfen, aber es fanden sich stets Frauenzimmer, die mich mit Geld heimlich auslösten. Ich musste zuweilen versprechen, bald wieder zu erscheinen, aber das hätte in vielen Fällen meinen Tod am Galgen zur Folge gehabt.
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