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Roswitha Gruber

Sabine Hehle

Sehnsucht nach Liebe

Eine Heiratsvermittlerin erzählt


In diesem Buch sind authentische Fälle dargestellt. Die Personennamen, die Einzelheiten des Geschehens und die Orte der Handlung sind fiktiv.

Vollständige E-Book-Ausgabe der im Rosenheimer Verlagshaus erschienenen Originalausgabe 2005

© 2021 Rosenheimer Verlagshaus GmbH & Co. KG, Rosenheim

www.rosenheimer.com

Lektorat: Simone Gundi, München

Titelfoto: age/mauritius-images

Satz: Buch-Werkstatt GmbH, Bad Aibling

eISBN 978-3-475-54918-2 (epub)

Inhalt

Eine bedeutsame Begegnung

Wie die Jungfrau zum Kind

Nora und Heiner

Das Gebiss im Nachttisch

Der »Frühsteher«

Auf eigenen Beinen

Der Eilauftrag

Single-Reisen

»Ich schenk’ dir einen Rosengarten«

Geld im Weinberg

Vernissage

Privatgalerie

Trotz Krankheit zum Glück

Briefaktionen

»Herzblattl« oder Die Frau, die nicht Nein sagen kann

Der Familienrat

Der rote Motorroller

Neue Währung: Aktenordner

Der Mensch denkt …

Lehrgeld

Ein warnendes Beispiel

Das »Madonnenbild«

Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt. Gen. 2,18

Eine bedeutsame Begegnung

Jedes Jahr genieße ich es, auf der Frankfurter Buchmesse zu sein. Nicht nur, weil ich Bücher über alles liebe, es reizt mich auch das Flair in den riesigen Hallen. Dort habe ich immer das Gefühl von großer weiter Welt. Von dem Tag an aber, an dem mein erstes eigenes Buch dort präsentiert wurde – ein Ratgeber für Frauen in der Lebensmitte –, besaß die Buchmesse für mich noch viel mehr Anziehungskraft.

Mehrere Jahre später, im Oktober 2003, nachdem in der Zwischenzeit einige Romane von mir in einem anderen Verlag erschienen waren, weilte ich während der gesamten Messezeit mit meiner Verlegerin an deren Stand. Zum einen wollte ich ihr ein bisschen zur Hand gehen, zum anderen genoss ich es, gewissermaßen ein Bestandteil der Messe zu sein und alles von Anfang bis Ende mitzuerleben. Und wer weiß – vielleicht ergab sich ja auch der eine oder andere interessante Kontakt.

Als Blickfang in »unserem« Stand diente eine Schaufensterpuppe. Dieser hatte meine Verlegerin ihr eigenes Brautkleid angezogen und sie mit Schleier und Myrtenkranz geschmückt. Der besondere Gag an dieser Braut war jedoch, dass sie ein Gewehr in Händen hielt. Damit entsprach sie genau dem Titelbild auf meinem Roman »Ehemann ade – aber wie?«.

Viele Leute blieben schmunzelnd stehen, viele Kameras wurden gezückt. Am späten Nachmittag des Besuchersonntags, als die Messe sich schon ihrem Ende zuneigte, beobachtete ich eine Frau, die zielstrebig auf unseren Stand zukam. Mit dem Zeigefinger deutete sie auf einen der Bände von »Ehemann ade« mit den Worten: »Das Buch muss ich haben!«

Lächelnd reichte ich es ihr mit der Bemerkung: »Falls Sie vorhaben sollten, Ihren Mann zu beseitigen, muss ich Sie enttäuschen. Das ist ein Roman und kein Ratgeber.«

»Nein, deswegen brauche ich es nicht. Mit meinem Mann bin ich sehr glücklich. Das Buch interessiert mich aus beruflichen Gründen.«

In welchem Beruf würde einem ein solches Buch von Nutzen sein? Interessiert erkundigte ich mich: »Was machen Sie beruflich?«

»Ich bin Heiratsvermittlerin.«

Diese Aussage ließ mich herzhaft auflachen. Ich hielt sie für einen Scherz.

»Nein, im Ernst, ich war wirklich viele Jahre lang als Heiratsvermittlerin tätig. Aus gesundheitlichen Gründen musste ich den Beruf leider aufgeben.«

Da sie so munter und scheinbar gesund vor mir stand, hätte ich gerne gefragt, an welcher Krankheit sie leide, aber ich traute mich nicht. Stattdessen sagte ich: »Das verstehe ich nicht. Als Heiratsvermittlerin sollte es doch Ihr Bestreben sein, Menschen zusammenzubringen. Deshalb verwundert es mich, dass Sie wissen wollen, wie man einen Ehemann wieder los wird. Das passt doch nicht zusammen!«

Sie schmunzelte: »Wer weiß, vielleicht besteht doch ein Zusammenhang. Dieses Buch muss ich jedenfalls haben.«

Nachdem ich ihr eine Widmung hineingeschrieben hatte, überreichte ich es ihr. Sie gab mir noch ihre Visitenkarte und bat um die meine. Tief befriedigt zog sie mit ihrem Buch unter dem Arm von dannen.

Diesen Vorfall hatte ich bald vergessen. Denn gleich im Anschluss an die Messe unternahm ich in Begleitung meines Mannes eine ausgedehnte Lesereise, von der wir erst Mitte November wieder nach Hause zurückkehrten.

Am Vormittag des 19. Novembers dann meldete sich bei mir am Telefon jemand mit »Sabine Engelhardt«. Der Name sagte mir zunächst nichts. Aber dann beschrieb sie die kleine Szene am Bücherstand auf der Frankfurter Messe: »Ich war diejenige, die den ›Ehemann‹ unbedingt haben musste.«

Da dämmerte es mir. »Und, haben Sie ihn gelesen?«

»Gelesen ist nicht der richtige Ausdruck. Verschlungen habe ich ihn. Er ist super. Die Art, wie Sie schreiben, gefällt mir.«

Artig bedankte ich mich für das Kompliment. Eine solche Rückmeldung tut einem Autor immer gut. Damit, dachte ich, sei das Gespräch beendet. Aber es fing erst richtig an.

Wie sie bereits erwähnt habe, sei sie viele Jahre in der Partnervermittlung tätig gewesen und habe dadurch Einblick in zahlreiche Schicksale gewonnen. Es sei viel zu schade, dass diese interessanten Geschichten nun in ihren Aktenordnern schlummerten. Ob ich sie nicht zum Leben erwecken wolle?

»Wie meinen Sie das?«, fragte ich überrascht.

»Sie könnten ein Buch darüber schreiben.«

Warum sie das nicht selber tue, wunderte ich mich. Denn ich verspürte keine Lust, mich auf ein so fremdes Gebiet zu begeben. Außerdem hatte ich in meinem Schrank noch mehrere Ordner mit meinem gesammelten Stoff stehen, der nur darauf wartete, zu Romanen verarbeitet zu werden.

»Weil ich das nicht kann«, war ihre offene Antwort. »Ich habe es versucht, aber das wird nichts. Ich kann nicht schreiben. Bei mir würde das ein solches Durcheinander, dass kein Mensch es versteht.«

Sie hatte Recht. Sie konnte wirklich nicht schreiben. Das erkannte ich später, als ich ihre ersten Versuche auf diesem Gebiet zu Gesicht bekam. Aber erzählen konnte sie, wunderbar erzählen. Das musste man nutzen.

Aber ehe es so weit war, galt es, einige Hürden zu überwinden. Die erste Hürde war meine immer noch ablehnende Haltung. Nur um das Gespräch mit ihr zu beenden und um die gute Frau nicht zu kränken, versprach ich ihr, ich werde darüber nachdenken.

Das tat ich dann auch, am Nachmittag bei meinem täglichen Spaziergang.

Am Abend rief Frau Engelhardt wieder an. Mein Mann wurde schon brummig: »Was will die denn schon wieder? Die soll dich in Ruhe lassen.«

Wie ich mich entschieden habe, wollte sie wissen.

»Dazu kann ich noch nichts sagen«, wich ich aus. »Ich müsste mir das Material erst mal ansehen.«

»Gut, dann besuchen Sie uns am nächsten Wochenende.«

Das war die zweite Hürde: die große räumliche Entfernung. Sie lebte mittlerweile in Engen, im schönen Hegau, und ich in Reit im Winkl. Das sind mit dem Auto gut und gerne fünf Stunden Fahrt, weil es keine direkte Autobahnverbindung dorthin gibt.

Dennoch versuchte ich, meinem Mann die Fahrt schmackhaft zu machen.

»Das kommt überhaupt nicht in Frage. Ich habe keine Zeit«, lehnte er kategorisch ab.

»Das macht gar nichts. Dann fahre ich eben allein.«

Das wollte er schon gleich gar nicht. Er sehe überhaupt nicht ein, dass er hier allein zu Hause herumsitze. Um mich endgültig abzuschrecken, malte er mir die Gefahren auf der winterlichen Straße in den düstersten Farben aus.

Am folgenden Abend meldete sich die ehemalige Heiratsvermittlerin erneut. Sie reagierte tief enttäuscht auf meine Mitteilung, dass ich nicht komme. Deshalb fügte ich tröstend hinzu: »Im kommenden Juni machen wir eine Lesereise durch Ihre Region. Dann ergibt sich bestimmt die Gelegenheit zu einem Besuch in Engen. Dann schaue ich mir Ihre Unterlagen gerne an.«

»So lange kann ich nicht warten. Die Sache drängt. Ich bin krank.«

Nun wollte ich aber doch wissen, was ihr fehlte. Sie erzählte mir, dass bei ihr vor einigen Jahren im Kopf ein Aneurysma geplatzt sei. Wochenlang hatte sie im Koma gelegen. Durch die Kunst der Ärzte gelang es, sie wieder so weit herzustellen, dass sie ein fast normales Leben führen kann. Nur – ihren Beruf darf sie nicht mehr ausüben. Sie darf sich keiner Belastung mehr aussetzen.

Natürlich könne sie trotzdem uralt werden. Aber sie wolle nichts auf die lange Bank schieben. »Ich werde sehen, was sich machen lässt«, waren ihre Worte am Ende unseres Telefonats.

Nach einer Stunde war sie erneut in der Leitung: »Ich habe die Sache mit meinem Mann besprochen. Wir kommen am Sonntag zu Ihnen.«

Das sei doch viel zu strapaziös, die Hin- und Rückfahrt am selben Tag zu machen, gab ich zu bedenken. Wenn sie schon die weite Fahrt auf sich nehmen wolle, dann solle sie doch schon am Samstag kommen und bei uns übernachten. Dann hätten wir den ganzen langen Abend für ein Gespräch. Am Sonntag könnten sie dann in aller Ruhe zurückfahren.

Leider aber war aus beruflichen Gründen ihr Mann am Samstag noch nicht abkömmlich.

Mein allgegenwärtiger Ehemann, der dieses Gespräch mit angehört hatte, legte sofort los: »Was fällt dir ein, diese Leute einzuladen? Die kenne ich doch überhaupt nicht!«

»Dann lernst du sie eben kennen. Ihn kenne ich ja auch nicht. Aber sie ist sehr nett. Sie ist eine sehr lebhafte, umgängliche Person. Außerdem bin ich nicht an ihr interessiert, sondern an ihren Geschichten.«

»Das kommt überhaupt nicht in Frage, dass du für die ein Buch schreibst.«

»Ich schreibe nicht ›für die‹«, verteidigte ich mich, »sondern wir schreiben gemeinsam. Sie will mir den Stoff liefern, und ich bringe ihn in die richtige Form. Falls er mir zusagt.«

Diesen Nachsatz hatte ich noch angehängt, weil ich merkte, dass er partout gegen dieses Projekt war. Dennoch protestierte er den ganzen Abend weiter.

»Warum bist du eigentlich so dagegen?«, wollte ich schließlich wissen.

»Du hast genug anderes zu tun. Du verzettelst dich nur. Auch hier im Haus gibt es noch viel Arbeit.«

Um des lieben Friedens willen räumte ich schließlich ein: »Wahrscheinlich übernehme ich die Aufgabe eh nicht. Ich schaue mir das Material eigentlich nur an, damit die gute Frau endlich Ruhe gibt.«

Bevor das Ehepaar Engelhardt am frühen Sonntagnachmittag bei uns eintraf, impfte mein Mann mir nochmals ein: »Also, du lehnst auf jeden Fall ab. Sag ihr klipp und klar, dass du so etwas nicht machen willst.« Aber immerhin machte er bei der Begrüßung eine einigermaßen freundliche Miene.

In der Küche hatte ich einen kleinen Imbiss vorbereitet, für den sich Frau Engelhardt aber keine Zeit nahm. Sie wollte mir unbedingt erst ihre Unterlagen zeigen. Das waren mehrere gewichtige Aktenordner, die sie mitschleppte.

»Das ist nur ein Bruchteil von dem, was ich an Material habe«, erklärte sie mir.

Kurz entschlossen schoben wir unsere Männer in die Küche und begaben uns in mein Arbeitszimmer. Dort konnten wir ungestört reden. Sabine legte mir nicht nur ihre Entwürfe zu einem Buch vor, sie zeigte mir auch Erhebungsbögen, Karteikarten und zahlreiche Briefe ihrer ehemaligen Klienten. Das sah alles äußerst interessant aus. Die Sache begann mich zu reizen. Zudem sprudelte es nur so aus ihr heraus.

Ja, das war wirklich ein Stoff, den man nicht brachliegen lassen sollte. Ich war so gefesselt, dass ich Raum und Zeit vergaß. Beim ersten Blick auf meine Uhr stellte ich erschrocken fest, dass über zwei Stunden vergangen waren. O Gott, die armen Männer! Die warteten hungrig in der Küche am gedeckten Tisch.

Inzwischen waren Sabine und ich per Du. Wir hatten in diesen zwei Stunden so viel Seelenverwandtschaft entdeckt, dass wir uns trotz des Altersunterschieds von 17 Jahren wie Schwestern fühlten.

»Sabine, ich mache es«, sicherte ich ihr zu, bevor wir mein Zimmer verließen. »Das soll aber fürs Erste unter uns bleiben. Mein Mann steht dieser Sache sehr ablehnend gegenüber.«

»Warum?«, wollte Sabine wissen.

»Das weiß ich auch nicht so recht. Er meint, ich hätte schon genug Arbeit. Wahrscheinlich hat er Angst, dass ich dann gar keine Zeit mehr für ihn habe!«

Während unserer Mahlzeit in der Küche gab es nur Smalltalk, und wir erwähnten unser Projekt mit keiner Silbe. Nachdem die Gäste sich verabschiedet hatten, wollte mein Mann wissen, wie ich mit Frau Engelhardt verblieben sei.

»Du hattest Recht«, sagte ich diplomatisch. (Es ist immer gut an, Männern Recht zu geben!) »Das ist wirklich keine Aufgabe für mich.«

Damit gab er sich zufrieden.

Da er mir offensichtlich nicht getraut hatte, hatte er die Gelegenheit in der Küche genutzt, um Sabines Ehemann entsprechend zu bearbeiten. Das erfuhr ich aber erst am nächsten Tag per Telefon.

Jetzt wurde mir auch klar, warum er sich so gutwillig mit dem völlig fremden Mann in die Küche hatte abschieben lassen. Während Sabine und ich nämlich in meinem Zimmer den Schlachtplan für unsere Zusammenarbeit entworfen hatten, war mein Mann nicht untätig gewesen. Er hatte Gerd beschworen, seiner Frau dringend von einer Zusammenarbeit mit mir abzuraten. Das wäre nichts für mich, für so ein Thema fehle es mir an Erfahrung.

»Jetzt gerade!«, war Sabines Kommentar. »Ich habe eigens eines deiner Bücher gelesen, um mich davon zu überzeugen, dass du schreiben kannst.«

Nun standen wir vor der nächsten Hürde: Wie sollte ich an meinen Stoff kommen? Schicken durfte sie mir nichts, das wäre meinem Mann aufgefallen. Telefonieren war auch schwierig, weil mein Angetrauter immer als Erster ans Telefon stürzt. Heimliches Anrufen meinerseits kam auch nicht in Frage. Zum einen, weil er meist anwesend ist, zum anderen, weil ihm bei der monatlichen Kontrolle der Telefonrechnung sofort auffallen würde, wenn ich eine gewisse Nummer immer wieder anriefe.

Die Lösung war der Computer! Der ist vor meinem Mann sicher, weil er sich noch nicht mal in die Nähe eines solchen Gerätes traut. Er weiß weder, wie man es anschaltet, geschweige denn, wie man etwas aufruft.

Damit hatten wir ein Medium gefunden, mit dem wir uns unauffällig austauschen konnten. Am späten Abend, wenn mein Mann vor dem Fernseher saß oder bereits schlief, druckte ich die von Sabine fast täglich erscheinenden E-Mails aus.

Bis März des folgenden Jahres arbeiteten wir – mit einigen Unterbrechungen – auf diese Weise, aber irgendwie kamen wir nicht so recht weiter. Zu viele Fragen blieben offen. Das persönliche Gespräch ist eben durch nichts zu ersetzen.

Da fasste Sabine wieder spontan einen Entschluss. Sie wollte im Mai mit ihrem Mann in Reit im Winkl Urlaub machen und bat mich, ihr in meiner Nähe eine kleine Ferienwohnung für vierzehn Tage zu buchen.

Dieses Quartier war schnell gefunden, in einem Bauernhof, nur fünf Minuten zu Fuß von meinem Haus entfernt.

Mitte Mai trafen Sabine und ihr Mann ein. Als Erstes deponierte ich in ihrer Wohnung meinen Kassettenrecorder mit vielen leeren Kassetten sowie Papier und Bleistifte. Ab da marschierte ich jeden Morgen zu dem Bauernhof, während mein Mann noch schlief. Sabine erzählte mir jedes Mal zwei Stunden lang auf Band, und ich machte mir Notizen dazu, damit ich mich später auf den vielen besprochenen Bändern leichter zurechtfinden würde.

Aber nicht nur die beiden Morgenstunden nutzten wir zur Arbeit. Auch am Nachmittag saß ich bei Frau Engelhardt und interviewte sie, statt meinen üblichen Spaziergang von anderthalb Stunden zu absolvieren. Zusätzlich ergab sich noch so manche Abendstunde zur gemeinsamen Arbeit, wenn mein Angetrauter z. B. zur Kirchenchorprobe musste.

So hatte ich nach zwei Wochen alles Wichtige im Kasten. Und mein Mann hatte nicht das Geringste von meinen Aktivitäten mitbekommen.

Nun galt es, das ganze Material zu sichten, das heißt abzuhören und zu ordnen. Das war jedoch nur möglich, wenn mein sehr anhänglicher Gemahl nicht in meinem Arbeitszimmer saß. Das heißt, ich musste die Nacht zum Tage machen. Die Kassetten konnte ich nur abhören, wenn er schlief oder gerade außer Haus war.

Dazwischen waren aber immer wieder Rückfragen bei Sabine nötig, die wir möglichst per E-Mail erledigten. Oder wir telefonierten abends, wenn die Luft »rein« war.

Nachdem alle Seiten handschriftlich verfasst waren, gab ich sie in den Computer ein. Auch das geschah wieder in Nachtarbeit. Und als endlich alles ausgedruckt war, stand mir noch die Aufgabe bevor, das dicke Manuskript unbemerkt zur Post zu schaffen. Das wollte ich bei meinem nächsten Lebensmitteleinkauf bewerkstelligen.

Da tat sich eine neue Schwierigkeit auf: Mein Mann wollte unbedingt mit ins Dorf fahren, weil er plötzlich noch einiges zu erledigen hatte.

Nun ist ein Aktenordner keine Kleinigkeit, den man mal eben in der Handtasche verschwinden lässt. Was tun? Zum Glück hatte ich einige Briefe fertig gemacht, die ebenfalls zur Post mussten. Die Briefe und mein fertiges Paket steckte ich in eine der Baumwolltaschen, die man zum Einkaufen benutzt. Diese verstaute ich in einer Kühlbox und schmuggelte darin mein Manuskript unbemerkt ins Auto. Am Postamt dachte mein Göttergatte aber gar nicht daran, seiner Wege zu gehen und seine Dinge zu erledigen, wie ich gehofft hatte. Nein, er wartete im Auto so vor dem Postgebäude, dass er mich beim Betreten und Verlassen desselben stets sehen konnte. Dabei konnte ich noch froh sein, dass er nicht mit hinein wollte.

Ich konnte schlecht die Kühltasche mit ins Postamt nehmen, ohne Verdacht zu erregen. Nun hieß es »cool« bleiben! Ich stieg aus und machte mich auf dem Rücksitz an der Kühlbox zu schaffen. Das heißt, ich klappte deren Deckel auf, entnahm ihr meine Stofftasche und spazierte wie selbstverständlich damit in die Post. Allerdings zitterte ich innerlich. Erst als die Paketkarte ausgefüllt, der Stempel aufgedruckt und der Abschnitt in meiner Handtasche verstaut war, konnte ich aufatmen.

Auf diese abenteuerliche Weise ist das vorliegende Werk entstanden: Die Erinnerungen der Heiratsvermittlerin Sabine Engelhardt.

Wie die Jungfrau zum Kind

Heiratsvermittler gab es zu allen Zeiten und in allen Kulturen. Wenn man es genau nimmt, gab es Heiratsvermittlung sogar schon im Paradies. »Es ist nicht gut, dass der Mensch allein bleibt«, sagte sich der Herr und führte dem Adam ein Weib zu. Der erste Mensch war also nicht genötigt, sich seine Gefährtin selbst zu suchen. Zugegeben, die Auswahl war damals äußerst gering.

Aber Spaß beiseite! Wir lesen sowohl in der Bibel als auch in weltlichen Schriften, dass Ehen häufig durch Dritte gestiftet wurden. Meist waren es die Eltern, die schon frühzeitig den Lebenspartner für ihr Kind aussuchten. Oft waren es Verwandte, die sich bemühten, zwei junge Menschen zusammenzuführen. Vielfach waren es aber auch fremde Personen, die es sich zur Aufgabe gemacht hatten – gegen Entgelt –, einen Hochzeiter zu besorgen.

Das so genannte Verkuppeln geschah in allen gesellschaftlichen Schichten. Im Bauernstand war es ebenso üblich wie im Bürgertum oder im Adel. Während es in der ärmeren Bevölkerung darum ging, überhaupt einen Partner zu finden, ging es in den besitzenden Schichten hauptsächlich darum, dass Land zu Land, dass Geld zu Geld kam.

Die Form des Heiratsmarktes wandelte sich mit den Möglichkeiten der Kommunikation. Bestand die Vermittlung zunächst nur darin, mündliche Absprachen zu treffen, so kam bald die schriftliche Form hinzu. Es wurden Verträge geschlossen.

Mit Erscheinen der Zeitungen fand man auch bald Heiratsgesuche darin.

1695 erschien in England die erste bekannte Heiratsanzeige in der Zeitung »Sammlung für den Fortschritt in Landwirtschaft und Handel«. Ein junger Mann suchte darin eine Dame, die mindestens 3000 Pfund besitzen sollte. Heiratsannoncen waren zunächst ein Vorrecht der Männer. Suchanzeigen von Frauen tauchten erst einige Jahrzehnte später auf.

Zur damaligen Zeit stand die materielle Ausstattung in den Anzeigen im Vordergrund, während heute doch eher das äußere Erscheinungsbild und romantische Erwartungen beschrieben werden.

Die erste überlieferte Heiratsanzeige in einer deutschen Zeitung erschien im Juli 1732 in den »Frankfurter Wöchentlichen Frag- und Anzeigungsnachrichten« – hier gab allerdings ein Heiratspaar seine Verehelichung bekannt.

Dass später eine Flut von Heiratsanzeigen erschien, dass Eheanbahnungsinstitute wie Pilze aus dem Boden wuchsen, ist wohl jedem bekannt. Und dass heute der Computer und das Internet für die Partnersuche genutzt werden, ist eine logische Folge der technologischen Entwicklung.

Dass aber ich eines Tages dem Gewerbe einer Heiratsvermittlerin nachgehen würde, wurde mir wahrlich nicht an der Wiege gesungen. Es ist sogar fraglich, ob an meiner Wiege jemals gesungen worden ist, falls ich überhaupt in einer solchen gelegen war. Denn dass ich ein ungeliebtes Kind war, bekam ich schon in sehr jungen Jahren zu spüren.

Umso erstaunlicher ist es, dass ich ausgerechnet einen Beruf ergriffen habe, bei dem sich alles um die Liebe dreht. Ja, bei dem man sozusagen von der Liebe lebt.

Vielleicht bin ich ja, weil ich selbst in puncto Liebe so lange Zeit zu kurz gekommen war, für diese Aufgabe prädestiniert. Wie auch immer, zu diesem Beruf kam ich wie die sprichwörtliche Jungfrau zum Kind.

Heute spricht ja kaum noch jemand von »Heiratsvermittlerin«. In unserem modernen Sprachgebrauch hat sich die Bezeichnung Partnervermittlung eingebürgert. Denn vielen Menschen ist nicht mehr der Trauschein wichtig oder eine Hochzeitsfeier, für sie zählt hauptsächlich die harmonische Zweisamkeit.

Durch Zufall – oder war es Fügung? – machte ich die Bekanntschaft einer Frau, die für ein großes Schweizer Partnervermittlungsinstitut tätig war. Sie fragte mich allen Ernstes, ob ich nicht in die Firma einsteigen wolle.

»Partnervermittlung? Ach du liebe Güte!«, äußerte ich mit einer gewissen Verachtung in der Stimme. Das hätten wohl die meisten an meiner Stelle getan, wenn ein solches Ansinnen an sie herangetragen worden wäre.

Nein, Partnervermittlung wäre wahrscheinlich das Letzte, was ich machen würde. Warum sollte ich in einen Beruf einsteigen, der nur belächelt wird, über den man die Nase rümpft oder gar lauthals schimpft? Nein, nein, das war mir alles zu unsolide, zu dubios.

Als die Dame mir aber aufzeigte, dass Partnervermittlung nicht nur eine spannende Angelegenheit war, sondern man damit auch ganz ordentlich Geld verdienen könne, sah ich die Sache plötzlich ganz anders. Für die Summe, die sie mir – bei entsprechendem Engagement – als möglichen Monatsverdienst nannte, hatte ich bisher lange arbeiten müssen. Nun packte mich doch die Neugier.

»Wie läuft das denn ab? Was müsste ich dafür tun?«, wollte ich wissen.

Es gäbe im Institut einen riesigen Pool, beschrieb sie mir, den so genannten Dienstleistungspool. Dieser gab der Agentur ihren Namen: DLP. In diesem Pool befänden sich die Adressen von zurzeit etwa 16 000 Klienten. Meine Aufgabe wäre keine andere, als dem Pool neue Kundenadressen zuzuführen. Das Institut würde sich um alles Weitere kümmern. Von der Aufnahmegebühr, die jeder angeworbene Mann und jede angeworbene Frau an die DLP zahlen müsse, würde ich 45 % erhalten.

Ich rechnete durch, dass ich bereits mit einer nicht besonders großen Zahl von neuen Klienten einen ordentlichen Monatsverdienst erreichen könnte. Ein angeworbener Mann würde mehr bringen als eine angeworbene Frau, da es im Adressenpool offensichtlich einen Männerüberschuss gab. Männer mussten daher für die Aufnahme in die Kartei mehr bezahlen als Frauen.

Meine Gedanken überschlugen sich: Das konnte doch nicht so schwer sein, jeden Tag mindestens einen neuen Kunden zu gewinnen. Bei zwanzig Arbeitstagen ergab das eine geradezu Schwindel erregende Summe! Nun gut, sicher gab es Tage, an denen nichts lief, außerdem hatte man auch mal Urlaub oder war krank.

Dennoch, das Angebot war so verlockend, dass ich den Vertrag stehenden Fußes unterschrieben hätte. Aber es gab einen Pferdefuß bei der Sache. Dieser bestand in einer so genannten Franchise-Gebühr. Ich hätte sofort mehrere tausend Mark auf den Tisch des Hauses legen müssen. Aber wer hat schon eine solche Summe übrig?

Völlig ernüchtert wollte ich schon Abstand von der Idee nehmen, weil ich sie für unsolide hielt. Das äußerte ich auch. Aber man belehrte mich darüber, dass Franchising heutzutage eine ganz normale und solide Form von Geschäftsbeziehung sei. Der Franchise-Geber – also in diesem Fall die Schweizer Agentur – habe schließlich das Geschäft aufgebaut, investiert und trage ein großes Risiko. Daher sei es nicht mehr als recht und billig, dass ein Franchise-Nehmer zu Beginn der Geschäftsbeziehungen eine Einstandsgebühr zahle. Das bringe ihm schließlich ungeheure Vorteile: Er dürfe dafür den Namen des Gebers verwenden, dessen Markenzeichen und sein Know-how. Wenn es zu Rechtsstreitigkeiten käme, würde der Geber diese für den Nehmer austragen. Dennoch bleibe der Franchise-Nehmer sein eigener Herr, handle auf eigenen Namen und eigene Rechnung.

Das leuchtete mir schon alles ein. Dennoch wollte ich das erst mit Gerd, meinem Mann, besprechen. Dem erschien die Sache gut, er war bereit, die Franchise-Gebühr zu zahlen, und ich unterschrieb den Vertrag.

Mit dieser Unterschrift stürzte ich mich in das große Abenteuer, das da heißt: Partnervermittlung.

Ehe ich mich jedoch an die eigentliche Arbeit machen konnte, musste ich dieses »Handwerk« von der Pike auf erlernen. Natürlich ist Partnervermittlung kein anerkannter Lehrberuf, und es gibt keine Lehre im eigentlichen Sinne. Diese Firma hatte aber ihr eigenes, selbst erarbeitetes Konzept, nach welchem sie motivierte Menschen wie mich in einer Art Schnellkurs auf die zukünftige Aufgabe vorbereitete. Auf die Einzelheiten dieser Schulung werde ich in einem späteren Kapitel zu sprechen kommen.

Zunächst möchte ich Ihnen verraten, was mich auf die Idee gebracht hat, dieses Buch zu schreiben:

Über Partnervermittlungsagenturen wird heute im Allgemeinen geschimpft und gelästert. Aber nicht nur mündlich, sondern vor allem schriftlich. Es gibt eine Menge Publikationen, die an diesen Instituten kein gutes Haar lassen. Diesen will ich mit meinem Buch ein Gegengewicht bieten. Das kann ich mir deshalb erlauben, weil ich lange genug in diesem Gewerbe tätig gewesen bin. Dadurch habe ich erlebt, wie notwendig solche Einrichtungen für Menschen ohne Partner sind. Zwischen den Zeilen werde ich Ihnen einiges über die Geschäftspraktiken der Partnervermittlungen im Allgemeinen und über die meinen im Besonderen verraten. Sie sollen erkennen, was ein gutes Institut von einem schlechten unterscheidet. Denn dass es schwarze Schafe unter den Vermittlungsinstituten gibt, steht außer Frage. Es gibt aber ebenso viele grundsolide und engagierte Vermittler.

Betrüger findet man jedoch nicht nur unter den Vermittlern. Auch unter den Klienten gibt es eine ganze Menge davon. Von solchen werde ich ebenfalls berichten. Kurzum, ich habe die Absicht, Ihnen nicht nur Unterhaltsames und Amüsantes aus meiner Arbeit zu erzählen, sondern Sie auch ein wenig über dieses Gebiet aufzuklären, damit Sie im Falle einer Partnersuche ohne Schaden daraus hervorgehen. Ja, mehr noch, ich möchte erreichen, dass Ihre Suche von Erfolg gekrönt sein wird.

Wie bereits dargelegt, stand ich diesem Gewerbe zunächst sehr skeptisch, ja ablehnend gegenüber. Anfänglich überzeugten mich hauptsächlich die versprochenen Einnahmemöglichkeiten. Inzwischen aber ist es für mich der schönste Beruf, den ich mir vorstellen kann – und das sicher nicht des Geldes wegen.

An selbst erlebten Geschichten werde ich aufzeigen, wie wichtig Partnervermittlung ist, wie schön und beglückend sie sein kann und wie viel Gutes sie bewirkt. Wie das wirkliche Leben enthalten meine Berichte Kurioses und Banales, Heiteres und Ernstes, Ermutigendes und Enttäuschendes, Erfreuliches und Trauriges – sowie jede Menge Überraschendes.

Nora und Heiner

Nachdem ich mich bei der Schweizer Partnerschaftsvermittlung DLP eingekauft und das Wichtigste in groben Zügen erlernt hatte, bekam ich von der Agentur sechs Startadressen. Das heißt, man schickte mir sechs Fragebogen zu. Drei davon waren von männlichen, drei von weiblichen Partnersuchenden ausgefüllt worden. Nun war es an mir, aus diesen spärlichen Angaben zündende Anzeigen für die örtliche Zeitung zu formulieren.

Das ist kein Problem, dachte ich. Das war ja eines der ersten Dinge, die wir in unserer Ausbildung gelernt hatten. Voller Optimismus setzte ich mich an meinen Schreibtisch, kaute eine Zeitlang auf meinem Bleistift herum. Schließlich stand auf meinem Blatt folgendes Ergebnis:

Emil, 57, 180, dunkelhaarig, Hobbys:

Briefmarkensammeln u. Radfahren,

sucht nette Frau passenden Alters mit

ähnlichen Interessen.

Stolz las ich mein Werk durch. Alles Quatsch! Das war nicht zündend. Auf eine solche Annonce würde ich mich nicht melden. Und wenn ich das nicht tat, würden es andere Frauen auch nicht tun. Sinn und Zweck dieser Übung aber war es, dass sich viele, viele meldeten. Nur diese würden meinen finanziellen Einsatz lohnen.

Enttäuscht musste ich erkennen, dass Anzeigen zu entwerfen doch ein Problem war. Von dem bisschen, das wir in der Schulung gelernt hatten, war so gut wie nichts hängen geblieben. Es waren einfach zu viele Informationen in zu kurzer Zeit auf uns hernieder geprasselt. Wie also sah eine zündende Anzeige aus?

Kurz entschlossen erstand ich am nächsten Kiosk eine druckfrische Tageszeitung. Glücklicherweise war es Samstag, und samstags sind Tageszeitungen immer gespickt mit einsamen Menschen, die einen Partner suchen. Also vertiefte ich mich in das Studium dieser Annoncen.

Sehr schnell erkannte ich, dass sie von sehr unterschiedlicher Qualität waren. Nur wenige sprachen mich an. Bei diesen machte ich ein Kreuzchen. Dann wagte ich meinen zweiten dichterischen Versuch. Auf jeden Fall musste ich den Namen ändern. Emil – wer will schon einen Emil?

Den wirklichen Namen des Kunden konnte ich natürlich nicht nehmen. Denn es sollte niemand dahinterkommen, dass er auf Partnersuche war. Also schrieb ich:

Heiner, 57, 180, Witwer, ein Mann für

alle Jahreszeiten, sucht eine Frau für

Frühlingsgefühle, Sommernachtsträume,

Herbststürme und eine winterfeste

Partnerschaft. Gib uns eine Chance und

ruf mich gleich an über …

Als Nächstes machte ich mich über den Fragebogen einer gewissen Lina her. Der Name Lina lockt auch niemanden hinter dem Ofen hervor. Ich verwandelte ihn in Nora – Nora klingt gut, ein bisschen romantisch, ein bisschen geheimnisvoll.

Nora, 57, bei 1,62 m eine schlanke

Erscheinung, aufgeschlossen, zärtlich

u. humorvoll, sucht nach großer

Enttäuschung einen aufrichtigen, zuverlässigen

Partner, den sie liebevoll

umsorgen darf.

Nachdem ich vier weitere – meiner Meinung nach – wohlklingende Annoncen gedichtet hatte, gab ich diese per Fax an ein samstags erscheinendes Wochenblatt auf.

Am Samstag ab 10 Uhr saß ich fiebernd am Telefon. Bis Mittag kamen nur vereinzelte Anrufe herein. Ich war schon ziemlich enttäuscht. Waren meine Anzeigen doch nicht so zündend, wie ich geglaubt hatte? Oder war der Partnerschaftsmarkt doch kein so lukratives Geschäft, wie man mich glauben gemacht hatte?

Nach 14 Uhr aber war der Teufel los. Ein wahrer Ansturm. Ich kam kaum noch mit dem Aufschreiben nach, ganz zu schweigen davon, mich mit den einzelnen Anrufern näher zu beschäftigen.

Erst nach 20 Uhr ließ der Sturm nach. Danach hatte ich endlich Zeit, mein Material zu sichten. Ich bildete auf meinem Schreibtisch sechs Stapel: einen für Heiner, einen für Nora, einen für Hilde, einen für Eberhard, einen für Traudl, einen für Anderl. Den mit Abstand dicksten Stapel hatte Heiner, gefolgt von Nora.

Am Sonntag und Montag gesellten sich noch weitere Anfragen dazu, und ab Montag kamen zudem einige Briefe an.

Meine abschließende Bilanz sah folgendermaßen aus: Auf Heiner hatten sich 58 Frauen gemeldet, auf Nora 41 Männer. Auch für jeden anderen Klienten gab es einige Interessenten, aber nicht annähernd so viele. Hatte ich bei diesen nicht den richtigen Ton getroffen? Oder gehörten gerade Nora und Heiner zu der Altersgruppe, in der es die meisten einsamen Menschen gab?

Wie auch immer, ich war höchst zufrieden mit meinem Erfolg und freute mich auf die ersten Einnahmen.

Meine Aufgabe in den nächsten Tagen würde darin bestehen, mit jedem Einzelnen der Interessenten ein persönliches Gespräch zu führen. Dazu war es äußerst wichtig, die Person in ihrer Wohnung zu besuchen. Dadurch lernte man gleich das Umfeld kennen und konnte überprüfen, ob der Anrufer glaubwürdig war. Außerdem würde er sich in seinen eigenen vier Wänden sicher genug fühlen, um seine Vorstellungen über einen zukünftigen Partner darzulegen.

Dass Männer und Frauen so unterschiedlich »gehandelt« werden, liegt daran, dass in der Regel die Männer diejenigen sind, die das Geld haben. Frauen dagegen, egal, ob verwitwet oder geschieden, sind finanziell meist im Nachteil. Von der Rente ihres Mannes erhalten sie nur 60 Prozent als Witwenrente. Und geschiedene Frauen erhalten häufig nur einen geringen Unterhalt. In der Frauengeneration, die damals überwiegend unsere Klientel bildete, gab es nur wenige Frauen, die sich durch Berufstätigkeit eine eigene Rente verdient hatten. Viele von ihnen gehörten zu den so genannte Trümmerfrauen, die nach dem Krieg den Wiederaufbau geleistet und zudem eine Reihe Kinder großgezogen hatten.

Für die ungleiche finanzielle Behandlung von Seiten der Vermittlungsinstitute gibt es noch einen weiteren wichtigen Grund: Männer sind durchwegs schneller darauf aus, wieder eine Partnerin zu finden. Bei jüngeren Männern bildet häufig Wunsch nach einer Familie die treibende Kraft, bei älteren Männern der Wunsch nach Versorgung.

Frauen dagegen finden in der Regel schwerer den Weg zur Partnervermittlung. Haben sie diesen Schritt aber endlich gewagt, darf man sie nicht durch überhöhte Geldforderungen verprellen. Oft muss man sogar noch zusätzliche Zugeständnisse machen. Doch davon später.

Sorgfältig ging ich meine Unterlagen durch, um die Termine zu koordinieren. Ich wollte sie so legen, dass ich die Interessenten der Reihe nach aufsuchen konnte. Das würde mir Zeit und Spritkosten ersparen.

Bald machte ich eine überraschende Entdeckung: Unter den Damen, die sich auf »Heiner« gemeldet hatten, befand sich auch »Nora«. Natürlich unter ihrem wirklichen Namen. Das war für mich interessant. Nora fuhr also zweigleisig. Ihr genügte es nicht, eine Partnervermittlung für sich arbeiten zu lassen, sie meldete sich auch noch auf Zeitungsanzeigen.

Beim Durchsehen der männlichen Bewerber machte ich eine weitere aufregende Beobachtung: »Heiner« hatte sich doch tatsächlich auf das Inserat von »Nora« gemeldet. Auch er fuhr also zweigleisig, um der Liebe auf die Sprünge zu helfen.

Am liebsten wäre ich auf der Stelle zu den beiden gefahren, um mit ihnen ein Gespräch zu führen und um sie einander vorzustellen.

Aber gerade zu diesen beiden brauchte ich nicht. Das wäre vertane Zeit gewesen; sie »schwammen« ja bereits in dem großen Pool. Es waren so viele andere, dass ich gar nicht wusste, wie ich durchkommen sollte. Ich hatte 120 Adressen abzuarbeiten! Selbst wenn ich auf jede nur eine halbe Stunde verwandte – die Fahrtzeiten dazwischen nicht mitgerechnet –, würde ich 60 Stunden brauchen, um mit allen durchzukommen. Wie sollte ich die in einer Woche unterbringen? Denn nächste Woche gab es wieder neue Inserate, neue Adressen.

So schlimm, wie ich mir das vorgestellt hatte, wurde es dann doch nicht. Ja, es wurde für mich sogar ziemlich enttäuschend. Denn von meinen 120 Interessenten fiel schon fast die Hälfte weg, als ich bei ihnen anrief, um einen Besuchstermin zu vereinbaren. Bei den einen hieß es: »Kein Anschluss unter dieser Nummer.« Andere drehten und wanden sich bei dem Wort Hausbesuch. Die Mühe wollten sie mir ersparen. Ich solle ihnen nur die Telefonnummer des Inserierten überlassen. Um den Rest würden sie sich dann selbst kümmern. Oder sie wollten mich irgendwo sonst treffen – aber auf keinen Fall in den eigenen vier Wänden. Da halfen selbst meine zuckersüßesten Worte nichts. Solche Kunden wurden gleich – wie wir das gelernt hatten – als keinen Erfolg versprechend ausgemustert.

Im Laufe meiner Berufspraxis kam ich dann dahinter, dass von diesen Interessenten nicht wenige in Haftanstalten einsaßen, in einem Heim lebten oder verheiratet waren. Ein Hausbesuch kam da nicht in Frage!

Andere sagten klipp und klar Nein. Den Besuch einer Partnervermittlerin lehnten sie ab. Sie hätten sich nur auf die Anzeige einer bestimmten Person gemeldet, von dieser solle ich ihnen die Adresse oder wenigstens die Telefonnummer geben. Nicht mit mir. Damit hätte ich mich ja um meine Vermittlungsgebühr gebracht.

Auch gut, dachte ich, das erspart mir eine Menge Arbeit. Aus meinem ganzen Fundus blieben nur 62 Adressen übrig. Diese in den nächsten Tagen zu besuchen, war gerade Arbeit genug. Sehr schnell musste ich nämlich erkennen, dass ich das alles viel zu blauäugig eingeschätzt hatte. Mit einer halben Stunde pro Person kam ich bei weitem nicht aus. Ich war froh, wenn ich vier bis fünf Leute am Tag schaffte, und kam danach wie erschlagen nach Hause. Natürlich gab es auch keine freien Wochenenden mehr für mich.

Falls Sie nun glauben, jeder der 62 Besuchten habe einen Vertrag unterschrieben und mir bereitwillig die Aufnahmegebühr bezahlt, so ist das weit gefehlt. Trotz all meiner Beredsamkeit gelang es mir nicht immer, die Bedenken gegen Partnervermittlungsinstitute zu zerstreuen, das Misstrauen zu beseitigen.

Dennoch konnte sich meine Bilanz sehen lassen: Nach zwei Wochen harter Arbeit und nach vielen hundert Kilometern Fahrt hatte ich 22 Verträge in der Tasche.

Gar nicht lustig fand ich es, dass ich alle ausgefüllten Fragebogen meiner Klienten abgeben musste, damit sie in den großen Pool kamen. Das störte mich schon irgendwie. Wie sollte der Computer wissen, wer zu wem passte? Er würde die Menschen nach Alter, Größe, Gewicht und Lieblingsfarbe, vielleicht auch noch nach Beruf und Hobby einander zuteilen. Ein Mensch lässt sich jedoch nicht auf diese wenigern Merkmale reduzieren. Jeder bringt seine Vergangenheit mit, sein Milieu, seine Träume, seine Hoffnungen. Dass diese Gegebenheiten zusammenpassen, ist meines Erachtens für das Gelingen einer Partnerschaft von weit größerer Bedeutung als das Gewicht oder die Haarfarbe.

Es tat mir also wahnsinnig Leid, dass diese Menschen wieder aus meinem Gesichtskreis verschwanden und ich nichts für sie tun durfte. Zu gern hätte ich gewusst, was aus den einzelnen Leuten wurde, immerhin hatte ich mich zum Teil sehr ausführlich mit ihnen unterhalten. Sie hatten mir von ihrem Schicksal erzählt, von ihren Nöten und ihren Träumen. Bei einigen hatte ich mir lebhaft vorstellen können, dass dieser sehr gut zu jener passen würde. Und nun sollte ich weder erfahren, wer ihnen vorgestellt würde, noch, ob sich daraus etwas ergäbe.

Aber egal, ich hatte mich auf dieses Geschäft eingelassen, und so waren die Spielregeln. Ich musste mich daran halten. Es kam eine neue Woche, neue Inserate, neue Anrufe. Diese waren jedoch bei weitem nicht so zahlreich wie in der ersten Woche. Woran mochte das liegen? Waren meine Anzeigen schlechter formuliert als die ersten? Hatte ich den richtigen Ton diesmal nicht getroffen?

Erst allmählich verstand ich das Phänomen: In einer Region gibt es nur eine begrenzte Anzahl »Partnersuchender«. Offensichtlich hatten sich die meisten von ihnen bereits auf meine ersten Annoncen gemeldet, als ich der Neuling auf dem Markt war.

Aber das war gar nicht schlimm. Eine neue Erfahrung, die mir nicht einmal unangenehm war. Denn wäre das Geschäft in dem Umfang weitergegangen, wie es begonnen hatte, ich hätte mich kaputt gemacht. So viel Arbeit hätte ich gar nicht bewältigen können. Denn in meiner zweiten Woche musste ich ja auch noch den Überhang von der ersten abarbeiten. In den folgenden Wochen ließen sich die Neueingänge immer spielend erledigen.

Eines Tages hatte ich sogar etwas Zeit übrig, um mich noch einmal mit den Fragebögen von Nora und Heiner, die ich nicht bei der DLP hatte abgeben müssen, zu beschäftigen. Denn trotz meiner Arbeit – und obwohl mich die beiden nichts angingen – gingen sie mir nicht mehr aus dem Kopf.

Warum hatte der Computer der DLP diese beiden nicht zusammengeführt? Sie wiesen doch auffallend viele Gemeinsamkeiten auf. Wohnten die beiden laut Computer vielleicht zu weit auseinander? Aber 50 Kilometer sind doch keine Distanz. Vielleicht hatten beide angegeben, dass sie ortsgebunden waren? Auf den Bögen stand aber nichts dergleichen. Und wenn schon, das ist doch eine Sache, die sich regeln lässt, wenn man sich sonst versteht.

Dass sie sich gegenseitig auf die Inserate gemeldet hatten, die ich aus ihren Fragebögen kreiert hatte, zeigte doch eine gewisse Seelenverwandtschaft an.

Aber was ging das mich an! Das war Sache der DLP und ihres Computers. Ich musste mich neuen Aufgaben zuwenden.

Dennoch blieb das ungute Gefühl in Sachen Nora und Heiner. Schließlich sagte ich mir, du bist den beiden einen Anruf schuldig. Sie haben sich auf deine Inserate gemeldet und erwarten, wie jeder andere, eine Reaktion darauf. Zumindest wollte ich ihnen erklären, warum sich mein Besuch bei ihnen erübrigt hatte. Dass sie trotz ihrer vermeintlich zweigleisigen Strategie wieder auf demselben Gleis gelandet waren.

Als Erstes nahm ich mir also Heiners Bogen vor und wählte seine Nummer, in der Absicht, ihm nur kurz die Situation zu erklären, nichts weiter. Seine angenehme Stimme aber und die geäußerte Freude darüber, dass ich mich endlich meldete, zogen mich sofort in ihren Bann. Ich vergaß völlig, dass ich eigentlich hatte absagen wollen. Stattdessen machte ich bereits für den übernächsten Abend einen Besuchstermin bei ihm aus.

Meine Überraschung war groß. Vor mir stand ein gut aussehender, stattlicher Mann von 1,82 Meter bei nur 75 Kilogramm. Er trug noch volles dunkles Haar mit – bei den Frauen so beliebten – grauen Schläfen.

»Also, ich verstehe gar nicht«, war mein erster Satz nach der Begrüßung, »wieso Sie eine Partnervermittlung bemühen müssen – bei Ihrem Aussehen! Ihnen müssten die Frauen doch scharenweise nachlaufen.«

Er lächelte mehr verlegen als geschmeichelt: »Wahrscheinlich verkehre ich nicht in den richtigen Kreisen. In meinem Beruf habe ich es nur mit Männern zu tun.«

»Und in Ihrer Freizeit?«

»Leider habe ich so gut wie keine – aus beruflichen Gründen.«

Ich erfuhr, dass er als Kraftfahrer für eine Speditionsfirma viel unterwegs war und ihm für die schönen Dinge des Lebens – Natur, Volksmusik, Reisen, Lesen, Schlösser und Burgen besichtigen – zu wenig Zeit blieb. Zwar verbrachte er die Wochenenden zu Hause, aber da war der Haushalt zu erledigen. Nach Waschen, Bügeln, Putzen war er so kaputt, dass er sich nicht mehr aufraffen konnte, gesellige Veranstaltungen zu besuchen.

»Hm«, sagte ich nachdenklich. »Dann stehen die Chancen für eine zukünftige Frau aber auch schlecht.«

»Nicht ganz so schlecht, wie es den Anschein hat. Wenn sie mir den Buckel von häuslichen Pflichten frei hält, könnte ich mich samstags und sonntags völlig ihr widmen. Und Urlaub habe ich ja auch mal.«

»Das ist doch schon was. Aber die Frau müsste es aushalten, dass sie wochentags allein ist.«

»Nun, ganz so schlimm wird es für sie nicht sein. Denn die Frau, die sich bei mir melden würde, ist ja jetzt die ganze Woche über allein. Wenn die sich nun auf ein gemeinsames Wochenende mit mir freuen kann, ist das für sie schon ein gewaltiger Fortschritt.«

Über seine Logik musste ich lachen. Die hatte wirklich etwas Umwerfendes.

»Außerdem«, ergänzte er, »diese Situation bestünde nur noch einige Jahre. Mit Anfang sechzig kann ich bestimmt in Rente gehen.«

Recht hatte er. Für eine Frau würde es sich wirklich lohnen, für diesen Mann ein paar »magere« Jahre in Kauf zu nehmen.

Seine erste Frau, erzählte er mir, war vor einem Jahr tragisch an Krebs gestorben. Seitdem wohnte er allein in einer schönen, geschmackvoll möblierten Eigentumswohnung. Diese zu verkaufen und umzuziehen, sei für ihn kein Problem, wenn die Frau stimme.

Auf meine Frage nach seiner Wunschfrau antwortete er ziemlich spontan: »Sie sollte ruhig sein, anschmiegsam, sparsam, hingebungsvoll und Spaß am Sex haben.«

»Welche Umstände würden eine Partnerschaft ausschließen?«

»Zu viel Geld und zu viel verwandtschaftlicher Anhang.«

»Zu viel Geld? Bis jetzt habe ich nur Menschen getroffen, denen der Partner höchstens zu wenig Geld mitbrachte.«

»Das mag sein. Aber ich befürchte, dass eine Frau, die mehr hat als ich oder die mehr verdient als ich, mich das eines Tages spüren lassen würde.«

Ich musste ihm Recht geben. Auch solche Fälle waren mir bekannt. Zum Thema Verwandtschaft erklärte er mir: »Da wir beide, meine Frau und ich, als Einzelkinder aufgewachsen sind und selbst keine Kinder haben, bin ich den Umgang mit Angehörigen nicht gewöhnt. Das schließt aber nicht aus, dass die Frau ein oder zwei Kinder haben darf, die man zu den Festtagen mal sieht. Sie sollten aber bereits versorgt sein.«

Nachdem ich mir eifrig Notizen gemacht hatte, hielt ich den Zeitpunkt für gekommen, die DLP zu erwähnen.

»Ach, hören Sie mir mit denen auf! Was die mir für einen Schrott geschickt haben! Da hat aber überhaupt nichts gepasst. Entweder war die Frau klein und dick oder eine Bohnenstange. Entweder war sie zu jung oder zu alt, oder es klafften die Interessen meilenweit auseinander. Und die Letzte, die sie mir geschickt haben, war wirklich unglaublich. Gegen die hätte eine Vogelscheuche einen Schönheitswettbewerb gewonnen. Natürlich tat mir die Frau Leid. Sie kann ja nichts für ihr Aussehen. Zu allem Unglück hatte sie sich offenbar spontan in mich verliebt. Immer wieder rief sie bei mir an, und es war – weiß Gott – nicht einfach, ihr auf diplomatische Weise klar zu machen, dass sie nicht die Richtige für mich ist. Ich kann sie doch nicht aus Mitleid heiraten.«

»Nein, das ist wirklich keine gute Basis für eine Ehe«, pflichtete ich ihm bei.

»Ich habe den Verdacht, bei der DLP steckt System dahinter, dass die mir immer so unakzeptable Vorschläge gemacht haben.«

»Wie meinen Sie das?«, fragte ich, unerfahren, wie ich damals war.

»Nun, wie Sie selbst bei unserer Begrüßung äußerten, scheine ich ein ansehnliches Mannsbild zu sein. Aber bei allem, was die mir bisher geschickt haben, konnte ich unmöglich zugreifen. Das legt doch den Verdacht nahe, dass die mich möglichst lange in ihrem Pool behalten wollten, als Vorzeigetypen.«

Dieser Ausspruch machte mich nachdenklich. »Wissen Sie was, da könnten Sie Recht haben. Ich habe mich nämlich schon gewundert, dass man Ihnen eine Frau wie Nora – auf deren Anzeige Sie sich bei mir gemeldet haben – nicht schon längst vorgestellt hat.«

»Ach, ja, Nora«, griff er mein Stichwort auf. »Was ist mit ihr?«

Ich erklärte ihm, dass ich sie noch nicht persönlich kenne. Sie habe sich auf »sein« Inserat gemeldet und habe am Telefon einen sehr sympathischen Eindruck gemacht. Mir seien beim Vergleich der Fragebögen so viele Gemeinsamkeiten aufgefallen, dass es mir keine Ruhe gelassen habe.

»Her mit dieser Nora!«, war sein einziger Kommentar.

»Leider kann ich Ihnen nicht versprechen, dass Sie miteinander harmonieren. Aber zu Ihnen bringen werde ich sie.«

Bei meinem Besuch in Noras Domizil, einer bescheidenen Drei-Zimmer-Mietwohnung in einer Kleinstadt, saß mir eine gepflegte Frau mit graugrünen Augen gegenüber. Das Haar, mittelblond meliert, trug sie als modische Kurzhaarfrisur. Sie hatte sich vor zehn Jahren von ihrem Mann getrennt, weil dieser unüberwindbare Alkoholprobleme hatte. Als Näherin in einer Jeansfabrik verdiente sie gerade so viel, dass ihr Lebensunterhalt gesichert war und sie ihrem Sohn eine anständige Ausbildung ermöglichen konnte. Jetzt, da er auf eigenen Füßen stand, wagte sie es endlich, wieder an sich zu denken.

Zu einem Treffen mit Heiner war sie sofort bereit. Das vermittelte ich, kaum dass ich wieder zu Hause war. Dass ich den beiden für diese Vermittlung kein Geld abnahm, war für mich Ehrensache. Sie hatten bei der DLP schon genug hinlegen müssen.

Zu Weihnachten erhielt ich dann folgenden Brief:

Liebe Frau Engelhardt!

Als glückliches Paar grüßen »Nora und Heiner«. Nora hat längst ihre kleine Wohnung aufgegeben und ist zu mir in die größere Wohnung gezogen. Es tut gut, am Wochenende liebevoll empfangen zu werden in einem gepflegten Heim. Der Hochzeitstermin steht auch schon fest. Wie gut, dass Sie ein bisschen den lieben Gott gespielt und uns zusammengeführt haben. Ohne Sie hätten wir uns bestimmt nie kennen gelernt. Als kleine Anerkennung dafür und als Dank für Ihre intensive Bemühung ohne Honorar legen wir einen Scheck bei. Zum Weihnachtsfest und für das neue Jahr wünschen wir Ihnen alles Gute und weiterhin viel Erfolg.

Herzliche Grüße,

Ihre dankbare Nora, Ihr dankbarer Heiner

Das Gebiss im Nachttisch

Auch Fritz Nebel gehörte zu meinen ersten DLP-Kunden. Er war ein wirklich witziger Typ, der zu allem, was ich sagte, einen Scherz auf den Lippen hatte. Bei dem wird es einer Frau bestimmt nicht langweilig, dachte ich. Das war aber auch so ziemlich das Einzige, was er einer Frau zu bieten hatte.

Das merkte ich sehr schnell, als ich daranging, meinen Fragebogen abzuarbeiten. Mit seinen 60 Jahren war er bereits Rentner, sein Einkommen war gering. Durch seine schlanke Figur mit nur 65 Kilogramm bei einer Größe von doch immerhin 1,73 Meter konnte er allerdings einiges wettmachen.

Dennoch schrieb ich neben das Wort »Aussehen«: schlecht. Das tat ich nicht ohne Grund. Sein schütteres graues Haar wirkte äußerst ungepflegt. Fettig und strähnig hing es viel zu lang herunter. Es schien seit einer Ewigkeit weder gewaschen noch geschnitten worden zu sein. Graue Bartstoppeln verunzierten das eigentlich recht freundliche Gesicht. Vor allem aber waren es die Zähne, die abstoßend wirkten, besser gesagt, die nicht vorhandenen Zähne. Unten klafften einige Lücken, während die oberen Zähne völlig fehlten.

Dass er Raucher war, brauchte er mir nicht eigens zu verraten. Das erkannte ich nicht nur an seinen gelben Fingern und den vergilbten Restzähnen, sondern auch an der Rauchwolke in seiner bescheidenen Mietwohnung. Diese war ausgesprochen einfach – um nicht zu sagen ärmlich – eingerichtet. In der Küche lag ein stark abgetretener Linoleumboden. Statt der fast überall üblichen Einbauküche gab es hier nur ein paar abgenutzte Uraltschränke. Die Spüle war ein vorsintflutliches Metallbecken, das in die Fensternische eingepasst war. Erstaunlicherweise gab es einen Elektroherd, der aber dem Aussehen nach noch ein Vorkriegsmodell war.

Im Wohnzimmer stand ein Esstisch mit zwei Stühlen, an dem wir unsere Unterhaltung führten. Auch hier sah ich mich forschend um: keine Couch, keine Sessel, kein Schrank. Nur eine klapprige Stehlampe, schätzungsweise Baujahr 1950, und zwei kitschige Bilder – eine Zigeunerin, ein Pferdekopf – verliehen dem Raum etwas Wohnlichkeit. Hatte er die übrigen Möbel versetzt?

Er schien meine Gedanken erraten zu haben. Denn unvermittelt sagte er: »Als meine Frau mich vor einigen Jahren verließ, hat sie fast alle Möbel mitgenommen.«

Blieb bei mir die Frage: Warum hatte er sich keine neuen gekauft?

Nach seinen Wünschen für eine neue Partnerin befragt, antwortete er wie aus der Pistole geschossen: »Sie sollte zu mir ziehen, und sie sollte nicht unvermögend sein – wegen der Parität.«

Diese Äußerung verwirrte mich völlig. Nach dem, was ich hier sah, hätte eine Partnerin – wenn er Parität wünschte – mit leeren Händen kommen müssen. Ich enthielt mich jedoch jeglichen Kommentars, und wir unterhielten uns noch recht ausgiebig. Schließlich wollte ich herausfinden, was für eine Art Mensch Herr Nebel war.

Außerdem war ich noch neu in dem Geschäft, sozusagen in der Lernphase, deshalb nahm ich mir Zeit für diesen Kunden. Bevor ich ihn verließ, unterschrieb er ordentlich den vorbereiteten Vertrag und stellte mir über die verlangte Summe anstandslos einen Scheck aus. Das beunruhigte mich denn doch ein wenig. Bei meinem Schnellkurs in Sachen Partnervermittlung hatte ich als eines der wichtigsten Dinge gelernt, dass wir uns in einem Zweifelsfall lieber Bargeld geben lassen sollten.

Noch ehe ich aber meine Besorgnis ausgesprochen hatte, muss er diese wohl an meinem Gesicht abgelesen haben.

»Sie meinen, ich könnte nicht zahlen? Dann kommen Sie mal mit.«

Ich folgte ihm in das ebenfalls dürftig eingerichtete Schlafzimmer. An der Stelle, die mal die Ehebetten eingenommen haben mussten, befand sich ein typisches Junggesellenbett mit einem Nachttisch daneben. Das Bett war aus Metallrohren gefertigt, die wohl mal braun angestrichen gewesen waren. Überall war es abgestoßen, sodass nacktes Metall zum Vorschein kam, und an vielen Stellen hatte es bereits Rost angesetzt. Kleiderschrank konnte ich keinen entdecken. Seine beiden offenbar einzigen Anzüge hingen ordentlich über zwei Kleiderbügeln. Diese wiederum hingen an einem Kleiderhaken an der Wand. Daneben stand eine altertümliche Kommode, die oben zwei Schubladen und unten zwei Türen hatte. Diese enthielt vermutlich seine übrigen Kleidungsstücke.

Er zog die linke Schublade auf und wühlte zwischen seinen Socken. Nach kurzer Zeit hatte er einige Papiere zu Tage gefördert, die er mir stolz unter die Nase hielt. Ich staunte nicht schlecht. Es waren Kontoauszüge. Einige davon zeigten fest angelegte Gelder, andere zeigten frei verfügbares Geld. Donnerwetter! Das überraschte mich doch – bei dieser spärlich möblierten Wohnung!

Bevor ich mich von diesem freundlichen Herrn verabschiedete, dessen finanzielle Situation ich anscheinend total falsch eingeschätzt hatte, wollte ich wieder etwas gutmachen. Das tat ich, indem ich ihm einige Ratschläge gab: »Wenn Sie demnächst die Adresse einer Frau bekommen, sollten Sie ein bisschen was für Ihr Äußeres tun. Wissen Sie, Frauen stehen auf so etwas. Sie sind ja ein ganz patenter Kerl, aber mit den Bartstoppeln im Gesicht erkennt das keine. Und Ihre Haare …«, hier schluckte ich, weil es mir peinlich war, das auszusprechen, »… die könnten Waschen und einen Schnitt auch wieder vertragen.«

Er fasste sich an den Kopf und fragte: »Meinen Sie?«

»Ja, schauen Sie nur mal in den Spiegel. Dann werden Sie’s selbst sehen.«

Suchend schaute ich mich um. Kein Wunder, dass er so aussah. Es war nirgends ein Spiegel zu entdecken. Meinen Blick bemerkend, sagte er: »Im Bad hängt ein Spiegel.«

Er geleitete mich dorthin. Aber – o Schreck – wie sah das hier aus! Die Fliesen zum Teil abgefallen, alle Rohre verrostet, alle Gegenstände total verdreckt. Und einen richtigen Badezimmerspiegel suchte ich vergebens. Über dem Waschbecken hing nur ein kleiner, trüber Standspiegel. In den vermochte ich nur mit Mühe zu blicken, indem ich mich auf Zehenspitzen stellte. Ich hängte ihn ab, wischte mit einem Tempotuch darüber und hielt ihn Fritz so vor, dass er sich darin sehen konnte.

»Und – was sehen Sie?«

»Sie haben Recht«, antwortete er: »Ich muss was für mich tun.«

Mutig geworden, fügte ich hinzu: »Bevor Sie zu Ihrem Rendezvous gehen, sollten Sie ein Vollbad nehmen. Danach ziehen Sie frische Wäsche an, ein ordentliches Hemd und eine Krawatte. Und einen Ihrer Anzüge natürlich. Dann machen Sie was her. Sie sind doch noch ein ansehnliches Mannsbild. Das müssen Sie doch nicht verbergen.«

Er lächelte verlegen. Das machte mir erneut bewusst, wie unvorteilhaft sein Mund aussah. Ich gab mir einen Ruck, um auch dieses heikle Thema anzusprechen: »Die Zahnlücken im Unterkiefer könnte man glatt übersehen. Aber für den Oberkiefer sollten Sie sich umgehend ein Gebiss machen lassen. Dann würden Sie um Jahre jünger aussehen.«

Er lachte verschmitzt, nahm mich vertraulich an die Hand und zog mich hinter sich her. Wir landeten wieder im Schlafzimmer. Er zog die Nachttischschublade auf, kramte darin herum und zog etwas heraus. Stolz hielt er dieses Etwas in die Höhe. Es war nichts anderes als ein Gebiss, das mich anstrahlte.

»Aber warum setzen Sie das nicht ein?«, wollte ich verwundert wissen.

»Es drückt ein bisschen«, gestand er.

»Das kann Ihnen der Zahnarzt doch richten. Außerdem habe ich mir sagen lassen, dass man ein Gebiss fleißig tragen muss, damit es sich richtig anpasst.«

Probehalber setzte er es ein.

»Was habe ich gesagt? Richtig flott sehen Sie damit aus. Schauen Sie nur mal in den Spiegel.«

Wir kehrten zurück ins Badezimmer.

»Tatsächlich«, staunte er. »Wissen Sie, ich habe es seit Jahren nicht mehr angehabt.«

Er bedankte sich herzlich, wobei er mir versicherte, dass er bei seinem Rendezvous alle meine Ratschläge befolgen werde.

Wieder zu Hause angelangt, stürmte sehr viel auf mich ein, sodass ich nicht gleich zur Bank kam. Ich hatte auch keine Eile, den Scheck meines Fritz Nebel zu präsentieren, da ich mich schließlich von der Liquidität meines Kunden mit eigenen Augen überzeugt hatte. Was ich allerdings sofort tat, war, seine Adresse an die DLP weiterzureichen. Die konnten dann schon mal die passende Frau für ihn aus ihrem Pool fischen.

Erst einige Tage danach nahm ich mir Zeit für den Weg zur Bank. Selbstbewusst legte ich den Scheck meines Klienten vor – wir waren Kunden bei der selben Bank.

»Was wollen Sie damit?«, fragte der Schalterbedienstete mit hochgezogenen Augenbrauen. »Der Aussteller dieses Schecks besitzt bei uns kein Konto.«

»Das kann doch wohl nicht sein!«, entfuhr es mir mit fast überschnappender Stimme. »Er hat mir doch seine Kontoauszüge gezeigt.«

»Ja«, gab der Bankangestellte einlenkend zu, »der hatte mal ein Konto bei uns. Aber das ist schon neun Jahre her. Sie haben wohl nicht auf das Datum der Auszüge geachtet?«

»Das habe ich wirklich nicht.«

Bei der Betrachtung der Auszüge war mir ein entscheidender Fehler unterlaufen. Mir waren nur die stattlichen Zahlen ins Auge gesprungen. Auf das Datum jedoch hatte ich keinen Blick verschwendet.

Der alte Knabe hatte also mal Geld besessen, aber das war schon lange her. Demnach hatte seine Frau, als sie ihn verließ, nicht nur die meisten Möbel mitgehen lassen, sondern auch das gesamte Bargeld.

Es hätte mich schon stutzig machen sollen, dass mein Klient bei Nennung des Honorars nicht mit der Wimper gezuckt hatte. Eigentlich hatte ich nämlich erwartet, dass er feilschen würde. Bei diesem lieben Kerl war ich innerlich schon bereit gewesen, meine Ansprüche beträchtlich herunterzuschrauben, nur um ihm zu einer Frau zu verhelfen.

Zu einer Frau verholfen habe ich ihm ja auch. Schon sehr bald war er zu der Frau gezogen, die ihm die DLP als Erste vorgeschlagen hatte. Das hatte erstaunlich gut funktioniert.

Wie die Frau mir später erzählte, hatte Fritz alle meine Ratschläge befolgt. Sogar die Zähne hatte er aus dem Nachttisch genommen und eingesetzt.

Nur bezahlt worden bin ich von ihm nie, von diesem Schlitzohr. Die alten Auszüge so lange aufzuheben, bis man »Kapital« daraus schlagen konnte, war schon äußerst raffiniert.

Als ich das Geld bei ihm eintreiben wollte, lächelte er nur mit seinen strahlenden Oberzähnen und verwies mich auf den so genannten Kuppelparagrafen.

Ja, ja, das leidige Gesetz. Laut dem Bürgerlichen Gesetzbuch von 1900 kann das Honorar für die Vermittlung einer Ehe nicht eingeklagt werden. Der Paragraf 656 besagt:

»Durch das Versprechen eines Lohnes für den Nachweis der Gelegenheit zur Eingehung einer Ehe oder für die Vermittlung des Zustandekommens einer Ehe wird eine Verbindlichkeit nicht begründet. Das auf Grund des Versprechens Geleistete kann nicht deshalb zurückgefordert werden, weil eine Verbindlichkeit nicht bestanden hat.«

Woher Fritz Nebel seine Weisheit hatte, hat er mir nicht verraten. Fest stand nur, dass er für die erfolgreiche Vermittlung seiner Ehe hinterher seine Gebühr nicht zahlen musste. Daher bestand für die Partnervermittlung die einzige Möglichkeit, sich finanziell abzusichern, darin, diese Gebühr vor der Vermittlung zu kassieren. Damit ging das Risiko auf den Kunden über. War er im Nachhinein mit der Leistung nicht zufrieden, konnte er laut Gesetz den entrichteten Betrag auch nicht zurückfordern.

Dennoch war ich Fritz nicht böse. Er hatte mir zwei entscheidende Dinge beigebracht:

Schau auch bei Kontoauszügen auf das Datum; die finanzielle Situation eines Menschen kann sich im Laufe der Jahre stark ändern.

Und: Gehe erst zur Bank, bevor du einem Kunden einen Partner vorstellst oder vorstellen lässt.

Ein bescheidener Trost blieb mir dennoch: Die ihm von der DLP vorgestellte Frau hatte wenigstens voll bei mir bezahlt. Sie war nämlich zufällig eine von den Kundinnen, die ich besucht hatte. Ich war froh, sie unter der »Haube« zu haben, da sie ihrem Äußeren nach keine leicht zu vermittelnde Frau zu sein schien.

Ich wünschte den beiden, dass sie glücklich miteinander werden, denn viel Arbeit hatte ich mit ihnen ja nicht gehabt.

Der »Frühsteher«

Bei der DLP hatte man die Möglichkeit, nach einem Jahr zum Sales Manager, kurz SM genannt, aufzusteigen. Was bedeutete das? Das bedeutete, dass man eigene Mitarbeiter anstellen durfte. Für jeden würde man 25 Prozent der Franchise-Gebühr kassieren, eine ganz ordentliche Summe. Zudem würde man von jedem ihrer Abschlüsse zehn Prozent erhalten.

Das klang ziemlich verlockend. Dennoch dachte ich zu Beginn meiner »Karriere«, dass ich das nicht machen werde. So, wie alles lief, war ich zufrieden und wünschte keine Änderung. Warum sollte ich mir diese zusätzliche Arbeit aufhalsen – Leute anwerben, sie anlernen, sie beaufsichtigen, sie kontrollieren?

Im Laufe meines ersten Jahres änderte sich meine Meinung jedoch zunehmend. Bald sehnte ich den Zeitpunkt geradezu herbei, ab dem ich eigene Angestellte haben durfte. Denn die Arbeit drohte mir über den Kopf zu wachsen. Außerdem würde jeder zusätzliche Mitarbeiter weitere Klienten in den Pool bringen und damit unsere Vermittlungstätigkeit wesentlich effektiver machen. Je mehr Leute im Pool, desto größer die Auswahl, desto mehr glückliche Paare.

Noch vor Ablauf meines ersten Jahres begann ich deshalb mit der Suche nach einer Angestellten. In meiner Grundausbildung hatte ich gelernt, dass man dazu reißerische Anzeigen schalten musste, solche, die jedem ins Auge springen. Also versuchte ich mit folgender Annonce in einem namhaften Blatt mein Glück:

Verdienen Sie, was Sie wert sind?

Was würden Sie tun, wenn Sie das

Doppelte verdienen könnten?

Expandierende Partnervermittlung

sucht haupt- und nebenberufl.

sympathische

Berater/-innen. Bitte melden Sie sich

unter Tel. …

Nur wegen der allgemein geforderten Gleichbehandlung hatte ich »Berater/-innen« geschrieben. In Wirklichkeit war ich fest entschlossen, nur eine weibliche Person anzustellen. Frauen haben mehr Fingerspitzengefühl, war meine vorgefasste Meinung. Sie haben mehr Intuition, sie sind für diesen Job besser geeignet als Männer. Im Laufe der Jahre sollte ich jedoch eines anderen belehrt werden.

Die Resonanz auf meine Anzeige war gewaltig. Den ganzen Tag stand das Telefon nicht still. Es war schon interessant, wer sich da alles bewarb: Hausfrauen, Handelsvertreter, Arbeitslose, Studierte unterschiedlichster Richtung, Studenten, Ungelernte, Junge, Alte, Berufsanfänger ebenso wie Rentner.

Über hundert Leute meldeten sich. Etwa die Hälfte davon waren Männer. Sollte ich die wirklich rundweg streichen? Waren nicht gerade sie dazu angetan, weibliche Kunden einzufangen? Wie aber sollte ich dieser Flut Herr werden? Woher sollte ich die Zeit nehmen, mit jedem Einzelnen zu sprechen? Wie konnte ich aus diesem Berg die geeignetste Persönlichkeit herausfinden?

Da kam mir die famose Idee: Warum sollte ich nur eine Person anstellen? War es nicht viel gescheiter, alle zu nehmen, die mir geeignet erschienen? Denn für jeden Mitarbeiter würde ich meine 25 Prozent Franchise-Gebühr kassieren. Das war eine nicht zu verachtende Zusatzeinnahme. Wenn sich nachher der eine oder andere davon als Niete erweisen sollte, konnte mir das eigentlich egal sein. Und wenn sie blieben – jeder zusätzliche Mitarbeiter würde zusätzliche Adressen in den Pool einbringen. Das konnte unsere Arbeit nur effektiver machen, abgesehen von der Provision, die ich auch für jede Adresse erhalten würde.

Andererseits war die Franchise-Gebühr eine Garantie dafür, dass die Mitarbeiter keine Nieten waren. Denn jeder, der erst einmal den stolzen Betrag von mehreren tausend Mark auf den Tisch gelegt hatte, würde in der Folgezeit mit sehr viel Eifer zu Werk gehen, um diese Investition wieder hereinzuholen.

Meine zeitliche Belastung durch die Bewerberbesuche stellte sich als halb so schlimm heraus, da bereits am Telefon etwa die Hälfte der Kandidaten wegfiel. Dazu gehörten schon mal diejenigen, die mir eine falsche Telefonnummer gegeben hatten. Vielleicht war ihnen das Ganze zu unseriös vorgekommen oder sie hatten sich doch nicht getraut.

Bei einem Viertel stellte sich sehr schnell heraus, dass sie das Geld für die Franchise-Gebühr nicht zusammenbringen würden. Mit dem verbliebenen Viertel Personen wollte ich dann Termine für Einzelgespräche in ihrer Wohnung vereinbaren. Man muss sich ja ein Bild von dem Umfeld des künftigen Mitarbeiters machen. Etwa ein Dutzend meiner »Kandidaten« lehnte meinen Besuch rundweg ab. Also blieb mir nur etwa ein Dutzend, das ich wirklich aufsuchen musste. Die meisten davon konnte ich bereits nach einem kurzen Gespräch ausmustern. Einige sagten mir nämlich geradeheraus, dass sie sich nur aus Neugier gemeldet hätten. Bei anderen merkte ich sehr schnell, dass sie nicht die Eignung besaßen, mit Menschen umzugehen.

Denn obwohl ich ursprünglich wahllos jeden hatte nehmen wollen, entwickelte ich auf einmal den Ehrgeiz, nur solche auszuwählen, die in Bezug auf Partnervermittlung ähnliche Ansichten hatten wie ich. Das engte den Kreis der Aspiranten erheblich ein. Um es genau zu sagen, von den vielen Bewerbern blieben ganze vier übrig. Diese waren auch bereit, die Franchise-Gebühr zu zahlen. Zwei davon konnten die Gebühr in einer Summe entrichten, die beiden anderen zahlten zunächst die Hälfte und stotterten die andere Hälfte ab, verrechneten sie also mit ihren ersten Einnahmen.

Witzigerweise ist einer von denen, der die Summe auf einmal bezahlt hatte, weder zur Schulung erschienen, noch hat er sich jemals wieder bei mir gemeldet. Und sein Geld verlangte er auch nicht zurück.

Zu meinen »Erstlingserwerbungen« gehörten Sieglinde Wachten und Gerda Baum. Von ihnen werden wir später hören. Zunächst aber zu Petra van Straaten.

Schon ihr Domizil imponierte mir. Ihre Familie lebte in einem wunderschönen alten Haus, das sie selbst wieder hergerichtet hatten. Das war nicht allzu verwunderlich, da ihr Mann als Innenarchitekt – sein Büro befand sich in dem zweistöckigen Haus unterm Dach – das nötige Know-how besaß.

Im Parterre hatte Petras Mutter eine abgeschlossene Wohnung für sich. Die van Straatens bewohnten den gesamten ersten Stock und die Räume im zweiten Stock, die nicht Büro waren. Schon der Flur beeindruckte mich mächtig, weil die Wände komplett mit antiken Spiegeln verkleidet waren. Das sah sensationell aus. Dadurch kam richtig Größe in den Raum.

Natürlich waren auch die Schlafzimmer und Bäder vom Feinsten. Sogar eine Sauna gab es in dem Haus. Im Wohnzimmer lag ein großer bordeauxfarbener Teppich, und es gab wunderschöne Einbaumöbel aus Zirbelkiefer. Einige antike Stücke ergänzten das Bild. Dominiert wurde der Raum von einem riesigen Bücherregal, in dem sich viele dekorative Buchrücken präsentierten.

Petra war eine schlanke, sportliche Erscheinung mit einem pfiffigen Kurzhaarschnitt. Sie war sechsundvierzig Jahre alt und – wie bereits erwähnt – mit einem Innenarchitekten verheiratet. Gaby, das einzige Kind, war bereits erwachsen, lebte aber noch im Elternhaus.

Bereits nach den knappen Auskünften am Telefon war für mich ersichtlich gewesen, warum sich diese Frau auf meine Anzeige gemeldet hatte. Sie befand sich in der Lebensmitte. Das Nest würde bald leer sein, und sie würde ohne Aufgabe dastehen. Dieser Leere wollte sie rechtzeitig entgegensteuern, indem sie eine neue Herausforderung suchte. Ihr viel beschäftigter Ehemann würde nämlich auch in Zukunft nicht viel Zeit für sie haben.

Meine Vermutungen sollten in dem Gespräch mit ihr sehr bald bestätigt werden. Ihr Mann war es sogar gewesen, der sie ermuntert hatte, sich auf meine Anzeige zu melden. Denn da Herr van Straaten in seiner knappen Freizeit ein begeisterter Segler war, blieb für seine Frau wirklich nicht viel von ihm. Die Tochter bestärkte die Mutter ebenfalls darin, diesen Job anzunehmen. Dann habe sie doch eine sinnvolle Aufgabe, käme unter Menschen und würde jung bleiben.

Zunächst aber saß ich mit klopfendem Herzen vor ihr. Wie immer, wenn ich etwas Neues anging, war ich äußerst aufgeregt. Was hatte ich ihr denn schon zu bieten? Nichts als die Tatsache, dass ich selbst seit fast einem Jahr die Tätigkeit ausübte, die ich ihr anbot. Allerdings konnte ich ihr versichern, dass es funktionierte. Mit meinen Einkommenszahlen der letzten Monate konnte ich das sogar belegen. Diese erschienen ihr sehr verlockend.

Nun konnte ich darangehen, sie aufzuklären, warum Partnervermittlung nötig ist, so wie man uns das bei dem Schweizer Unternehmen beigebracht hatte. Dazu ließ ich sie einen Kreis zeichnen. Alltagskreis wurde der genannt. Dieser wurde – wie ein Kuchen – in vier Sektoren eingeteilt.

Arbeit – Wohnung – Freizeit – Freunde und Bekannte

Dieser Kreis sollte symbolisieren, dass ein durchschnittlicher Mensch sich immer im gleichen Kreis zwischen seiner Arbeit, seiner Freizeit, seiner Wohnung und den Freunden bzw. Bekannten bewegte. Wenn in diesem doch eng umgrenzten Umfeld der passende Partner nicht dabei war, würde der Mensch früher oder später eine Partnervermittlung brauchen.

Danach erläuterte ich ihr die Verdienstmöglichkeiten. Die konnten natürlich sehr schwanken, je nachdem, wie viel Geschick ein Mitarbeiter mitbrachte und wie viel Zeit er einzusetzen bereit war.

Genau, wie ich es gelernt hatte, ließ ich Petra ihre Anschaffungswünsche für die nächste Zeit aufschreiben: Carport, Kleidung, Reise, Uhr, Tisch.

Diesen Zettel nahm ich an mich. Von Zeit zu Zeit würde ich ihn ihr präsentieren, um ihr zu zeigen, was sie davon schon erreicht hatte. Das würde sie zum Weiterarbeiten motivieren, falls ihr Interesse an der Arbeit erlahmen sollte. Gleichzeitig erklärte ich ihr, dass es ganz von ihrem Arbeitseinsatz abhänge, wie schnell diese Wünsche realisiert würden.

Nachdem es mir so gelungen war, Petra van Straaten für den Job zu begeistern, musste ich sie wieder ernüchtern: »Wie überall«, erklärte ich, »haben auch hier die Götter vor den Erfolg den Schweiß gesetzt.«

Verunsichert schaute sie mich an.

»Sie müssen wissen, dass es nicht sofort mit dem großen Verdienen losgeht. Im Gegenteil, zuerst entstehen Ihnen mal Kosten.« Ich erklärte ihr das mit der Franchise-Gebühr. »Hinzu kommt eine Woche Schulung bei der DLP. Auch die erhalten Sie nicht gratis.«

»Das ist mir klar«, war ihre tapfere Antwort.

»Danach werden Sie einige Zeit bei mir angelernt. Sie müssen mir zuhören, müssen mir auf die Finger schauen, müssen mit mir Kundengespräche üben. Dafür erhebe ich zwar keine Gebühr, aber in dieser Zeit verdienen Sie noch nichts. Aber dann geht es bald los. Als Nächstes müssen Sie Inserate aufgeben und abwarten, was sich tut.«

Sie akzeptierte die Bedingungen. Wir schlossen den Vertrag, und alles nahm seinen Gang.

Petra war wirklich eine gelehrige Schülerin. Nachdem sie in der DLP-Schulung mit Wissen vollgepaukt worden war, musste ich allerdings erst wieder einiges zurechtrücken. Eine Weile lang sollte sie einfach nur zuhören, wenn die Kunden anriefen. Das Telefon war dazu eigens auf »Mithören« geschaltet, damit sie Rede und Gegenrede verfolgen konnte.

Als sie einigermaßen wusste, wie ein Telefonat laufen sollte, überließ ich ihr den Hörer. Natürlich gab es nach den ersten Kundengesprächen noch einiges zu korrigieren. Bald verliefen die Gespräche aber ganz in meinem Sinne.

Die nächste Lektion betraf das Gespräch in der Wohnung des Kunden:

Was sage ich zur Begrüßung?

Was kann ich lobend erwähnen, um einen guten Einstieg zu finden?

Wo setze ich mich mit dem Interessenten am besten hin?

Wie und wann bringe ich das Honorar zur Sprache?

Welche Zugeständnisse kann ich machen? Das ist ein ganz wichtiges Thema.

Dann simulierten wir solche Gespräche in ihrem Haus. Einmal war Petras Mutter, Frau Lenz, zugegen. Ich fragte sie, ob sie mal bei einem Rollenspiel mitmachen würde, und sie erklärte sich dazu sofort bereit. Sie sollte eine Kundin darstellen. Dabei musste sie im Grunde nur sich selbst spielen, nämlich eine verwitwete ältere Dame. Die Heiratsvermittlerin mimte selbstverständlich ich. Petra sollte nur zuschauen, damit sie sah, wie solche Gespräche ablaufen konnten.

Bereitwillig beantwortete Frau Lenz meine Fragen, warum sie allein lebe, seit wann sie verwitwet sei, wie sie sich so allein fühle und ob sie sich nicht wieder einen lieben Partner wünsche. Zum grenzenlosen Erstaunen ihrer Tochter beantwortete sie meine letzte Frage mit »Ja«.

Dieses Ja kam so spontan und so aus tiefstem Herzensgrund, dass wir beide wussten, das war nicht gespielt, das war ein ehrlicher Wunsch.

»Aber Mutter, warum hast du nie etwas gesagt?«

»Ich habe mich nicht getraut.«

Diese kleine »Lektion« schildere ich deshalb in solcher Ausführlichkeit, weil sie ein Beispiel dafür ist, wie gedankenlos Kinder und Eltern oft miteinander umgehen. Sie machen sich nicht die Mühe, zu fragen, was der andere will. Manchmal ist es aber auch ein Sich-nicht-trauen aus falsch verstandener Rücksichtnahme. Vielleicht kann ich mit diesen Zeilen so manche Mutter, so manche Tochter aufrütteln, damit es ihnen nicht so ergeht wie meinen beiden Heldinnen.

Es stellte sich nämlich heraus, dass für Mutter und Tochter – durch ein großes Missverständnis – die letzten Jahre eine Qual gewesen waren. Nach ihres Vaters Tod hatte Petra die Mutter ins Haus genommen, um sie vor der Einsamkeit zu bewahren. Die Mutter war diesem Ruf gefolgt, in der Annahme, die Tochter benötige ihre Hilfe. Beide Frauen hatten sich »aufgeopfert« in der irrigen Annahme, der anderen einen Gefallen zu tun.

In diesem Fall war es die Liebe ihrer Tochter gewesen, welche die Mutter daran gehindert hatte, einen neuen Partner zu suchen und ein selbst bestimmtes Leben zu führen. Die Fälle aber, in denen Kinder aus Egoismus heraus ein eigenständiges Leben eines Elternteils vereiteln, kommen viel häufiger vor. Dafür kenne ich genügend Beispiele.

Aber zurück zu Petras Ausbildung. Nach einiger Zeit hatte ich das Gefühl, ich könne sie nun auf den ersten Kunden loslassen. Ganz allein! Sicher, ich hätte es machen können wie andere Kollegen. Ich hätte sie erst einmal mitnehmen können, damit sie hörte und sah, wie ich das machte. Aber davon versprach ich mir nicht viel. Meiner Meinung nach lernte sie das meiste, wenn sie ihren ersten Kundenbesuch alleine machte, nach dem guten Prinzip »Learning by doing«.

Wen sollte ich ihr als Erstes anvertrauen? Es sollte ein Mann sein, ganz klar. Da sie eine nette Figur hatte und mit ihrem dunklen Haar und den rehbraunen Augen attraktiv aussah, würde das bei einem Mann gleichsam als Bonus wirken.

Sorgfältig wählte ich aus meinen Unterlagen einen Kandidaten aus und hatte schließlich für sie den geeigneten gefunden: Werner L., einen 57-jährigen Arbeiter, seit kurzem verwitwet.

Gespannt wartete ich nach diesem Besuch ihre Rückkehr ab. Freudestrahlend schwenkte sie ihre Mappe, als sie den Raum betrat.

»Sie haben also den Vertrag!?«

Petra nickte so begeistert, dass ich hinzufügte: »Und er hat auch gleich vollständig bezahlt?«

»Hat er!«, bestätigte sie lachend.

»Lassen Sie sehen«, bat ich und griff nach ihren Unterlagen. Aufmerksam studierte ich den Erhebungsbogen und das Beiblatt. Ich musste mich doch vergewissern, ob alle Fragen vollständig beantwortet waren. Zudem wollte ich mir ein Bild davon machen, was für eine Persönlichkeit hinter den spärlichen Angaben steckte, die wir bisher von diesem Kunden hatten.

Auf einmal stutzte ich: »Petra, was ist denn das – ein Frühsteher?«

»Wie bitte?«

Ich schob ihr das Beiblatt hin und deutete mit dem Zeigefinger auf das ominöse Wort. Verdutzt las sie es. Sie schien es selbst nicht zu verstehen. In plötzlicher Erkenntnis schlug sie sich mit der flachen Hand gegen die Stirn, lief rot an und stammelte: »Ach du meine Güte – in der Wohnung von Werner L. war ich so aufgeregt, dass ich aus Versehen Frühsteher statt Frühaufsteher geschrieben habe.«

Schallend lachte ich los, und sie stimmte erleichtert mit ein.

Das war – wie gesagt – Petras erster Auftrag. Fehler können jedem unterlaufen, und dieser war sogar ein lustiger Fehler. Danach war die Frau aber so tüchtig, dass sie mir Auftrag um Auftrag hereinbrachte, meist sogar mit großem Vertrag und dadurch mit vollem Honorar. Deshalb avancierte sie vorzeitig zum Sales Manager, nicht erst nach einem Jahr, sondern bereits nach neun Monaten.

Mit Petra bin ich längst privat befreundet. Wir bringen es heute noch fertig, schallend zu lachen, wenn eine von uns beiden den »Frühsteher« erwähnt.

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9783475549182
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