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Roshani Chokshi

Die silbernene Schlangen

Aus dem amerikanischen Englisch von Hanna Christine Fliedner und Jennifer Michalski


Für Nicolas Cage, die Muse, mit der ich nicht gerechnet habe.

O Faust, leg das verfluchte Buch beiseite,

Sieh nicht hinein, ’s versucht dir deine Seele

Und häuft des Herren schweren Zorn auf dich.

Christopher Marlowe – Doktor Faustus

Prolog

Dreizehn Jahre zuvor …

Die Matriarchin des Hauses Kore umfasste das Weihnachtsgeschenk in ihrem Arm noch ein wenig fester. Das fein gearbeitete Miniaturtheater verfügte über farbenfroh bemalte Schauspieler und winzige Requisiten – Schwerter, Umhänge, ein Karussell, das sich drehte –, und einen roten Samtvorhang, den man mittels einer klitzekleinen Seilwinde öffnen und schließen konnte. Séverin würde begeistert sein. Die Idee dazu war ihr gekommen, nachdem sie in der Woche zuvor mit ihm im Theater gewesen war. Jeder andere Sechsjährige hätte das Geschehen auf der Bühne verfolgt, doch der kleine Séverin hatte unablässig das Publikum beobachtet.

»Du verpasst das ganze Spektakel, mein Schatz«, hatte sie ihn sanft ermahnt.

Woraufhin Séverin mit großen violetten Augen zu ihr aufgesehen hatte. »Meinst du?«

Danach ließ sie ihn in Ruhe schauen, und hinterher erzählte er hellauf entzückt, wie sich die Gesichter der Zuschauer verändert hatten, wenn auf der Bühne etwas passiert war. Einerseits schien ihm die Magie der Aufführung völlig entgangen zu sein. Andererseits hatte er sie möglicherweise vollständig durchschaut.

Die Matriarchin lächelte in sich hinein, als sie die Stufen des Landsitzes von Haus Vanth erklomm, dessen Fenster anlässlich der Winterversammlung einladend leuchteten. Obwohl die Versammlung stets an einem anderen Ort stattfand – dieses Jahr im kalten Schatten der Alpen an der Rhône –, hatte sich der Ablauf seit Jahrhunderten nicht verändert. Jedes Haus des Ordens von Babel brachte neue, ungezeichnete Schmiedekunstschätze aus den Kolonien mit, um sie bei der Mitternachtsauktion zu versteigern. Für viele der Häuser war es eine Herausforderung, zugleich aber auch ein Zeichen ihrer Macht und ihres Wohlstands, nicht nur eigene Schätze beisteuern, sondern ebenso neue ersteigern zu können. Alle Häuser hatten mindestens ein gesondertes Interessengebiet, einige unter ihnen verfügten allerdings über genügend Ressourcen, um mehreren Vorlieben zu frönen.

Das besondere Augenmerk des Hauses Kore lag auf dem Gebiet der Botanik, doch nicht ausschließlich. Die Kammern und Truhen ihres illustren Hauses waren gefüllt mit ebenso vielen Schätzen verschiedenster Art, wie es Sprachen auf der Welt gab. Andere Ordensfraktionen, wie Haus Dažbog in Russland, bezogen nur wenige herkömmliche Reichtümer aus ihren Kolonien, und so hatten sie sich stattdessen auf den Handel mit Schriftstücken und Geheimnissen spezialisiert.

So unterschiedlich die teilnehmenden Häuser auch waren, Sinn und Zweck der Winterversammlung blieb stets derselbe: den Eid zu erneuern, die westliche Zivilisation mit ihren Errungenschaften, vor allem aber die Babelfragmente, zu schützen, und so die göttliche Kunst des Schmiedens zu bewahren.

Allen hehren Zielen zum Trotz handelte es sich jedoch im Grunde um ein gigantisches Fest.

Das Anwesen des Hauses Vanth badete im Licht der frühen Wintersonne. Aus den Schornsteinen quoll Rauch und schlich katzenartig über das Dach. Die Matriarchin sah die Festlichkeiten bereits vor sich: Zimtstangen in Kelchen voll Glühwein, Gebinde aus Tannenzweigen und künstliche Schneeflocken, geschmiedet, um wie eingefangene Sterne zu funkeln … und zwischen alledem: Séverin. Ein entzückendes Kerlchen, ernsthaft und aufgeweckt. Das Kind, das sie sich für sich selbst gewünscht hätte.

Sie strich sich mit der Hand über den flachen Bauch. Manchmal wurde sie sich der Leere in ihrem eigenen Körper nur allzu bewusst. Doch dann fiel ihr Blick auf den Babelring an ihrem Finger und sie reckte das Kinn. Macht besaß einen feinen Sinn für Ironie, dachte sie. Die ureigene Macht der Frauen, die Freuden der Geburt zu erleben, war ihr versagt geblieben. Die Macht allerdings, die ihr aufgrund ihrer Geburt als Frau hätte versagt bleiben müssen, war ihr gewährt worden. Noch immer war ihre Familie empört darüber, wie ausgerechnet sie es geschafft hatte, die Matriarchin von Haus Kore zu werden.

Es musste ihnen ja nicht gefallen.

Sie mussten sich bloß fügen.

Zu beiden Seiten der schmiedeeisernen Eingangstür thronte je eine große, mit tropfenden Kerzen geschmückte Tanne. Auf der obersten Stufe der Freitreppe grüßte sie der Haushofmeister von Vanth.

»Willkommen, Madame, bitte erlauben Sie mir.« Er nahm ihr das Geschenk ab.

»Seien Sie ja vorsichtig«, ermahnte ihn die Matriarchin.

Sie lockerte die Schultern. Seltsamerweise fehlte ihr nun das Gewicht des Pakets. Für einen Moment hatte es sie daran erinnert, wie es sich anfühlte, Séverin zu tragen. Schläfrig hatte er sich mit seinem warmen Körper an sie geschmiegt, als sie ihn im Anschluss an den Theaterbesuch nach Hause gebracht hatte.

»Madame, verzeihen Sie.« Der Haushofmeister verzog bedauernd das Gesicht. »Ich möchte Sie nicht von den Feierlichkeiten fernhalten, aber … sie … ähem, wünscht, mit Ihnen zu sprechen.«

Sie.

Die Tanne zu ihrer Linken raschelte, als eine Frau dahinter hervortrat.

»Lassen Sie uns allein«, befahl die Frau dem Haushofmeister.

Sofort tat er wie geheißen. Die Matriarchin empfand eine widerstrebende Bewunderung für diese Dame, die weder Macht noch Status im Hause Vanth besaß und doch darin herrschte. Lucien Montagnet-Alarie hatte sie von einer archäologischen Exkursion in Algerien mitgebracht und sechs Monate später hatte sie ihm den gemeinsamen Sohn geschenkt: Séverin.

Es gab viele Frauen, die man wie sie mit dem Kind eines weißen Mannes im Bauch in ein fremdes Land verfrachtet hatte. Sie galten weder als Ehefrauen noch als Mätressen, sondern wandelten wie exotische Geister an den Rändern der Gesellschaft. Doch nie zuvor war der Matriarchin eine Person mit derartigen Augen untergekommen. Séverin mochte als Franzose durchgehen, die Augen aber hatte er von seiner Mutter: düster und violett, wie ein in Rauch gehüllter Abendhimmel.

Der Orden von Babel interessierte sich für Séverins Mutter genauso wenig wie für die haitianische Mutter des Erben von Haus Nyx. Dennoch hatte die Algerierin etwas Besonderes an sich. Das konnte daran liegen, dass sie sich nicht um Gepflogenheiten scherte und sich in ihre absurden Tuniken und Tücher hüllte. Oder an den Gerüchten, die sich um sie rankten. Angeblich besaß sie Kräfte jenseits der bekannten Schmiedegaben. Man erzählte sich, der Patriarch des Hauses Vanth habe sie in einer verwunschenen Höhle gefunden, eine Erscheinung mit unergründlichen Augen, aufgetaucht wie aus dem Nichts.

Geheimnisumwoben.

»Woher nehmen Sie das Recht, mir so aufzulauern?«

Kahina ging nicht darauf ein.

»Sie haben ihm etwas mitgebracht«, sagte sie.

Keine Frage, sondern eine Feststellung.

»Und?«

Ein Anflug von Schuldgefühlen durchzuckte die Matriarchin, als sie den Blick der anderen auffing: Hunger. Hunger nach allem, wozu sie als Matriarchin in der Lage war und was Kahina selbst versagt blieb. Kahina hatte die Macht besessen, Séverin zur Welt zu bringen, doch ihn ihren Sohn zu nennen, wurde ihr nicht gestattet.

Macht besaß Sinn für Ironie.

»Warum haben Sie dieses Geschenk gewählt?«

Die Frage brachte die Matriarchin des Hauses Kore aus dem Konzept. War das denn wichtig? Sie hatte schlicht und einfach gedacht, es würde ihm gefallen. Sie sah ihn schon vor sich, wie er hinter dem Miniaturtheater hockte und die Puppen bewegte, den Blick nicht auf die Bühne, sondern auf das imaginäre Publikum gerichtet.

Er hatte ein Gespür für Zusammenhänge und dafür, was in anderen Menschen Staunen hervorrief. Vielleicht würde einmal ein Künstler aus ihm.

»Lieben Sie ihn?«, fragte Kahina weiter.

»Wie bitte?«

»Lieben Sie meinen Sohn?«

Meinen Sohn. Die Worte waren wie ein Schlag ins Gesicht. Die Matriarchin konnte mit Séverin ins Theater gehen und ihn mit Geschenken überhäufen, so viel sie wollte – er gehörte nicht zu ihr. Für ihr Herz machte das jedoch keinen Unterschied.

»Ja«, antwortete sie.

Kahina nickte. Sie schien sich für etwas zu wappnen. Schließlich sagte sie: »Wenn das so ist … bitte … versprechen Sie mir, ihn zu beschützen.«

Teil I

Aus den Archiven des Ordens von Babel

Großmeister Boris Gorjunow, Haus Dažbog der russischen Fraktion

Im Jahre 1871, unter der Herrschaft des Zaren Alexander II.

Am heutigen Tage nahm ich meine Männer mit zum Baikalsee. Wir warteten dort bis nach Einbruch der Dunkelheit. Die Soldaten waren nervös, sprachen von ruhelosen Geistern im Wasser, doch sie sind von schlichtem Gemüt und ließen sich vermutlich zu sehr von den Berichten über Mädchen beeindrucken, die panisch um ihr Leben schrien. Möglicherweise wurden die Einheimischen mittels Geistschmiedekunst in Angst und Schrecken versetzt. Ich stellte einige Nachforschungen an, fand jedoch nichts. Pflichtschuldig habe ich nun beim Orden Verstärkung angefordert, doch bezweifle ich, dass wir etwas entdecken werden. Persönlich vernahm ich keine Todesschreie junger Mädchen, was bedeutet, dass sie entweder niemals zu hören waren oder dass inzwischen jede Hilfe zu spät kommt.

Séverin
Noch zwei Wochen bis zur Winterversammlung …

Séverin Montagnet-Alarie ließ den Blick über das Terrain schweifen, das einst der Garten der Sieben Sünden gewesen war. Seltene, namhafte Pflanzen hatten früher den Boden bedeckt: Aureum mit milchigen Blättern und Chrysanthemum parthenium von hellem Gelbgrün, knochenfarbene Hyazinthen und nachtblühende Fackeldisteln. Und doch waren es die Rosen gewesen, die sein Bruder Tristan am meisten geliebt hatte. Sie waren zuerst gepflanzt worden, und er hatte sie gehegt und gepflegt, bis sie mit ihren tiefroten Blütenblättern und dem betörenden Geruch aussahen und rochen wie der Inbegriff von Sünde.

Jetzt, gegen Ende Dezember, wirkten die Gärten kahl und trostlos. Séverin atmete tief ein, beißende Kälte drang in seine Lunge.

Der Wohlgeruch der Blumen war fast verflogen.

Er hätte natürlich sein Faktotum bitten können, einen Gärtner mit einer Schmiedegabe für Pflanzen zu engagieren. Jemanden, der die Anlage wieder in ihrer ganzen Pracht erstrahlen ließ. Aber er wollte keinen Gärtner. Er wollte Tristan.

Doch Tristan war tot und der Garten der Sieben Sünden war mit ihm gestorben.

An seiner Stelle befanden sich dort nun Hunderte geschmiedeter Illusionsteiche. Die spiegelglatten Oberflächen zeigten Bilder von Wüstenlandschaften oder, sofern sich der Abend bereits über das Anwesen senkte, den Himmel bei Dämmerung. Die Gäste des L’Éden waren von dieser Kunstform äußerst angetan. Sie wussten nicht, dass es Séverins Reue war, die ihn dazu veranlasst hatte – nicht sein Sinn für Ästhetik. Wenn er in die Teiche blickte, wollte er nicht sein eigenes Gesicht darin reflektiert sehen.

»Monsieur?«

Séverin wandte sich um. Eine seiner Wachen kam auf ihn zu.

»Ist alles vorbereitet?«, fragte er.

»Ja, Monsieur. Wir haben den Raum exakt so hergerichtet, wie Sie es verlangt haben. Ihr … Gast … befindet sich nun im Dienstzimmer neben den Stallungen.«

»Und haben wir auch Tee für unseren Gast?«

»Oui.«

»Très bien.«

Séverin atmete tief ein und zog die Nase kraus. Sie hatten die Rosenstöcke an den Wurzeln herausgezogen, sie verbrannt und den Boden versalzen. Trotzdem nahm er jetzt, Monate später, immer noch den Phantomgeruch von Rosen wahr.

SÉVERIN STEUERTE AUF ein kleines Gebäude in der Nähe der Pferdeställe zu. Er berührte das alte Taschenmesser von Tristan, das in seiner Sakkotasche steckte. Ganz gleich, wie oft er die Klinge auch säuberte, er bildete sich nach wie vor ein, die zarten Vogelfedern und Knochensplitter zu fühlen, die es vorher besudelt hatten. Erinnerungen an Tristans Gräueltaten. Der Beweis für seinen Hang zur Gewalt, den sein Bruder so sorgfältig vor ihnen verborgen hatte.

Manchmal wünschte Séverin, er hätte es nie erfahren. Er hätte Laila nicht aufsuchen dürfen. Dabei hatte er sie doch nur von dem irrsinnigen Schwur entbinden wollen, mit dem sie sich selbst dazu zwang, ihn als Mätresse zur Winterversammlung zu begleiten.

Aber er hatte sie nicht angetroffen. Stattdessen fand er Briefe an Tristan und daneben seine Gärtnertasche – von der Laila behauptet hatte, sie wäre verschwunden.

Liebster Tristan, ich dachte, ich würde dir einen Gefallen damit tun, keine Gegenstände von dir zu lesen. Nun aber frage ich mich jeden Tag, ob ich die dunkle Seite in dir früher hätte bemerken können. Vielleicht hättest du dich dann nicht an den armen Vögelchen vergangen. Ich lese alles in der Klinge. Das Töten. Deine Tränen. Auch wenn ich dich nicht in jeder Hinsicht verstanden habe, so habe ich dich doch von Herzen lieb. Bitte vergib mir …

Schon davor hatte Séverin gewusst, dass er sein Versprechen Tristan gegenüber nicht gehalten hatte: Er hatte nicht auf ihn aufgepasst. Doch erst anhand der Briefe erkannte er, wie sehr er tatsächlich versagt hatte. Danach dachte er fortwährend an seine Versäumnisse. Wenn Tristan geweint hatte, war er gegangen, um ihm seinen Freiraum zu lassen. Wenn Tristan wütend ins Gewächshaus gestürmt und tagelang nicht mehr herausgekommen war, hatte er ihn nicht gestört. Er hätte ihm nachlaufen müssen. Stattdessen hatte er ihn einfach seinen Dämonen überlassen.

Beim Lesen der Briefe sah er nicht nur Tristan mit dem todesstarren Blick vor sich, sondern auch die Mienen der anderen, von Enrique, Zofia, Hypnos. Und von Laila. Den glanzlosen Ausdruck in ihren Augen, den der Tod dort hinterlassen hatte. Ein Tod, für den er verantwortlich war, weil er nicht auf sie aufgepasst hatte. Weil er nicht gewusst hatte, wie.

Laila hatte ihn schließlich in ihrem Zimmer erwischt. Er erinnerte sich nicht an jedes einzelne ihrer Worte, aber an die letzten: »Du kannst nicht alle vor allem beschützen. Du bist auch nur ein Mensch, Séverin.«

Er hatte die Augen geschlossen, die Hand schon auf dem Türknauf. Dann muss sich das ändern.

SÉVERIN BETRACHTETE SICH als so etwas wie einen Künstler auf dem Gebiet des Verhörs.

Es kam auf die Kleinigkeiten an und die mussten mehr nach Zufall als nach Kalkül aussehen. Der wackelige Stuhl. Der widerlich süße Blumenduft. Die zu Beginn dargereichten versalzenen Köstlichkeiten. Und das Licht. Es wurde von versteckten Glasscherben reflektiert und warf überall blendend helle Tupfer an Decke und Wände, sodass man nicht anders konnte, als seine Aufmerksamkeit auf den Holztisch zu richten, auf dem soeben warmer, duftender Tee serviert worden war.

»Sitzen Sie bequem?«, fragte Séverin und nahm dem Mann gegenüber Platz.

Der zuckte zusammen. »Ja.«

Séverin lächelte und schenkte sich Tee ein. Der Mann vor ihm war dünn und blass und hatte einen gehetzten Ausdruck in den Augen. Er musterte den Tee misstrauisch. Séverin trank einen großen Schluck.

»Darf ich Ihnen auch etwas anbieten?«

Der Mann zögerte, dann nickte er.

»Warum … warum bin ich hier? Sind Sie …« Er senkte die Stimme zu einem Flüstern. »Gehören Sie zum Orden von Babel?«

»Gewissermaßen.«

Einige Monate nachdem sie bei Haus Kore eingebrochen waren, hatte der Orden Séverin und die anderen damit beauftragt, nach dem verlorenen Schatz des Gefallenen Hauses zu suchen. Angeblich sollte er an einem Ort versteckt sein, den man den Schlafenden Palast nannte. Doch niemand hatte auch nur die geringste Ahnung, wo dieser sich befand. Sollten sie erfolgreich sein, dürfte Séverin im Gegenzug die Kostbarkeiten als Erster genauer untersuchen – ein Privileg, das sonst nur Ordensmitgliedern vorbehalten war. Im Grunde wäre er ja auch längst einer von ihnen geworden, wenn der Wunsch danach nicht verloschen wäre. Nach alledem, was mit Tristan geschehen war.

Der Orden behauptete, er wolle den Schatz in seinen Besitz bringen, um dem Gefallenen Haus auch den letzten Rest Macht zu rauben, aber Séverin wusste es besser. Die Mitglieder des Gefallenen Hauses hatten ihre Karten offengelegt. Sie waren Schlangen, die lange Schatten warfen. Ohne ihre Reichtümer würden sie zwar deutlich schwächer dastehen, das war jedoch nicht der Hauptbeweggrund des Ordens. Die ganze Sache war viel simpler. Durch die Kolonien besaßen die Häuser Kostbarkeiten im Überfluss: Es gab Kautschuk im Kongo, Silber in der Mine von Potosí, Gewürze in Asien. Die verlorenen Wunder aber, die das Gefallene Haus gehortet hatte, stellten eine weitaus größere Verlockung dar. Die Ordensmitglieder würden sich wie die Wölfe darauf stürzen. Deswegen musste er schneller sein. Ihm ging es jedoch nicht um Gold oder Silber. Was er suchte, war wesentlich wertvoller: Die Göttliche Lyrik.

Es war ein Schatz, dessen Fehlen der Orden überhaupt nicht bemerken würde, da er schon seit langer Zeit nicht mehr auffindbar war. Überlieferungen des Ordens zufolge war es mithilfe des Buches möglich, die Babelfragmente zusammenzufügen, daher kannte man es auch unter dem Namen Die Göttliche Fügung. Waren die Fragmente einmal vereinigt, konnte man den Turm von Babel wiedererrichten und so zu göttlicher Macht gelangen. Diesen Plan hatte das Gefallene Haus vor fünfzig Jahren verfolgt und war dafür aus dem Orden ausgestoßen worden. Das Buch galt als verschollen.

Bis Roux-Joubert sich verplappert hatte.

Nach dem Kampf in den Katakomben hatten sich diejenigen Mitglieder des Gefallenen Hauses, die sie noch erwischt hatten, als nutzlose Informationsquellen erwiesen. Nicht nur hatte sich jeder Einzelne von ihnen das Leben genommen. Sie hatten sich auch ihre Gesichter und die Fingerspitzen bis zur Unkenntlichkeit verbrannt. Nur Roux-Joubert hatte es nicht geschafft. Nach dem Mord an Tristan hatte er auf seiner Suizidtablette bloß herumgekaut, statt sie zu schlucken. Und so waren seine Geheimnisse nicht mit ihm ins Grab gewandert. Über mehrere Wochen hinweg war er eines langsamen Todes gestorben und hatte im Wahn zu reden begonnen.

»Der Papa vom Doktor ist ein böser Mensch«, sagte er und lachte hysterisch. »Sie, Monsieur, wissen natürlich alles über böse Väter. Sie haben bestimmt Mitleid … oh, wie gemein er doch ist … lässt den Doktor einfach nicht in den Schlafenden Palast … aber das Buch ist dort, es wartet auf ihn. Er wird es finden. Er wird uns das Leben nach dem Tod schenken …«

Er? Die Ungewissheit darüber, wer das letzte Oberhaupt des Gefallenen Hauses gewesen war, quälte Séverin. Es gab keinerlei Aufzeichnungen über ihn. Und obwohl die Ordensmitglieder enttäuscht waren, weil der Schlafende Palast nicht aufzufinden war, so beruhigte es sie doch, dass es dem Gefallenen Haus ebenfalls nicht gelungen war.

Nur er und Hypnos, der Patriarch von Haus Nyx, hatten nicht aufgegeben, hatten jede Niederschrift, jeden Bericht zweimal gelesen und nach jeder noch so kleinen Ungereimtheit gesucht – was sie schließlich zu dem Mann geführt hatte, der Séverin jetzt gegenübersaß. Ein alter, runzeliger Herr, der sich lange Zeit hatte versteckt halten können.

»Ich habe meine Schuldigkeit doch schon getan«, sagte dieser nun. »Ich war nicht einmal Mitglied des Gefallenen Hauses, nur einer der vielen Rechtsberater. Und ich habe dem Orden bereits gesagt, dass sie mir damals, als man sie stürzte, irgendeinen Trank verabreicht haben. Ich kann mich an keines ihrer Geheimnisse erinnern. Warum bringen Sie mich hierher? Ich besitze keine wertvollen Informationen.«

Séverin stellte seine Teetasse ab. »Ich bin überzeugt, dass Sie mich zum Schlafenden Palast führen können.«

Der Mann setzte einen höhnischen Gesichtsausdruck auf. »Den hat schon ewig niemand mehr gesehen, genau genommen seit …«

»Fünfzig Jahren. Ist mir bekannt«, sagte Séverin. »Soviel ich weiß, ist er gut versteckt. Aber wie mir meine Spitzel berichteten, hat das Gefallene Haus ein spezielles Paar Linsen hergestellt. Eine Tezcat-Brille, um genau zu sein. Sie soll den Standort des Schlafenden Palasts mitsamt seinen verlockenden Schätzen preisgeben.« Séverin lächelte. »Nun ja, jedenfalls haben sie diese Brille einer Person anvertraut, die offenbar gar nicht weiß, was sie da hütet.«

Der Mann starrte ihn mit offenem Mund an.

»W-woher …« Er konnte gerade noch an sich halten und räusperte sich. »Dabei handelt es sich bloß um ein Gerücht. Und ganz sicher befindet sich diese Tezcat-Brille nicht in meinem Besitz. Ich weiß nichts darüber, Monsieur. Das schwöre ich Ihnen bei meinem Leben.«

»Unkluge Wortwahl«, entgegnete Séverin.

Er holte Tristans Taschenmesser hervor und strich über die eingravierten Initialen: T.M.A. Tristan hatte damals keinen Nachnamen und so hatte Séverin den seinen mit ihm geteilt. Unten auf dem Messer war ein Uroboros abgebildet, eine Schlange, die sich in den eigenen Schwanz biss. Einst war sie das Symbol von Haus Vanth gewesen – dem Haus, dessen Patriarch er hätte werden können, wenn alles nach Plan verlaufen wäre. Wenn sein Traum vom Erbe nicht den Tod der Person verschuldet hätte, die ihm auf der Welt am liebsten war. Jetzt stand das Symbol für das, was er ändern wollte.

Selbst wenn sie Die Göttliche Lyrik fanden, würde es nicht reichen, um die anderen zu beschützen. Sie würden bis an ihr Lebensende eine Zielscheibe auf ihrer Brust tragen, und das konnte er nicht zulassen. Deswegen klammerte Séverin sich inzwischen an einen neuen Traum. Er träumte von der Nacht in den Katakomben, als Roux-Joubert sein Gesicht mit goldenem Blut beschmiert hatte, vom Gefühl seiner Wirbelsäule, die sich dehnte, um Platz für Flügel zu schaffen. Er träumte von dem Druck der Hörner, die ihm aus der Stirn sprossen und sich nach hinten bogen, von den glatten Spitzen, die seine Ohren streiften.

Wir könnten zu Göttern werden.

Genau das versprach Die Göttliche Lyrik. Wenn er das Buch besäße, könnte er sich in einen Gott verwandeln. Götter kannten keinen menschlichen Schmerz. Verluste und Schuldgefühle Sterblicher waren ihnen fremd. Und sie verfügten über die Macht der Wiederauferstehung. Er würde seine neuen Kräfte mit den anderen teilen, sie unbesiegbar machen, sie für immer beschützen. Und wenn sie ihn schließlich verließen, wie es von Anfang an ihr Plan gewesen war, würde er nichts fühlen müssen.

Denn dann wäre er kein Mensch mehr.

»Wollen Sie mich damit erstechen?«, fragte der Mann, deutete auf das Messer und stieß sich vom Tisch ab. »Wie alt sind Sie, Monsieur? Um die zwanzig? Denken Sie nicht, Sie sind noch ein bisschen zu jung, um Blut an Ihren Händen kleben zu haben?«

»Ich glaube, dem Blut ist mein Alter egal«, sagte Séverin und klappte die Klinge wieder ein. »Erstechen werde ich Sie trotzdem nicht. Welchen Sinn hätte das, wo ich Sie doch schon vergiftet habe?«

Der Blick des Mannes glitt zu der Teekanne. Über seinen Augenbrauen bildeten sich Schweißtröpfchen. »Sie lügen. Wäre der Tee vergiftet, hätten Sie sich selbst auch vergiftet.«

»Mit ziemlicher Sicherheit«, sagte Séverin. »Aber das Gift war ja nicht im Tee. Ihre Porzellantasse war damit versetzt. Also …« Er zog ein durchsichtiges Fläschchen aus der Tasche und stellte es auf den Tisch. »Hier ist das Gegengift. Gibt es wirklich nichts, was Sie mir gern sagen möchten?«

ZWEI STUNDEN SPÄTER verschloss Séverin einige Briefe mit Siegelwachs. Einen würde er sofort auf den Weg schicken, die anderen erst in zwei Tagen. Kurz zögerte er, doch dann riss er sich zusammen. Schließlich tat er es für sie. Für seine Freunde. Je mehr Rücksicht er auf ihre Gefühle nahm, desto härter würde seine Aufgabe werden. Und so bemühte er sich, nichts zu fühlen.

Laila

Laila starrte auf den Brief, den das Zimmermädchen ihr überreicht hatte. Erst hatte sie gedacht, es handelte sich um eine Nachricht von Zofia, die von ihrer Reise aus Polen zurückgekehrt war. Oder von Enrique, der ihr mitteilte, wie sein Vortrag vor den Ilustrados gelaufen war. Oder von Hypnos, der sie fragte, wann sie mal gemeinsam zu Abend essen könnten. Am allerwenigsten jedoch hatte sie mit diesem Absender und diesen Worten gerechnet:

Ich weiß, wie wir Die Göttliche Lyrik finden.

Treffen um zwölf.

SÉVERIN

Das Rascheln der Decke ließ sie zusammenfahren.

»Komm wieder ins Bett«, ertönte eine schlaftrunkene Stimme.

Kühles Dezemberlicht fiel durch das Erkerfenster ihrer Suite im Palais des Rêves, des Cabarets, in dem sie als Tänzerin L’Énigme auftrat. Mit dem Licht kamen auch die Erinnerungen an den vergangenen Abend. Sie hatte jemanden mit auf ihr Zimmer genommen, was in letzter Zeit nicht unüblich war. Dieses Mal war es der Sohn eines Diplomaten, der ihr nach dem Auftritt Champagner und Erdbeeren spendiert hatte. Er hatte ihr auf Anhieb gefallen. Sein Körper war nicht geschmeidig, sondern kantig, seine Augen waren nicht von sattem Violett, sondern blass wie junger Wein, seine Haare nicht pflaumenschwarz, sondern goldblond.

Sie mochte, wer er nicht war.

Deshalb konnte sie ihm auch das Geheimnis verraten, das sie Tag für Tag von innen heraus auffraß. Ein Geheimnis, dessentwegen ihr eigener Vater sie verabscheute. Ein Geheimnis, das sie selbst ihren engsten Freunden nicht anvertrauen konnte.

»Ich sterbe«, hatte sie gewispert und ihn auf sich gezogen.

»So?« Der Diplomatensohn hatte gegrinst. »Du kannst es wohl nicht abwarten, was?«

Jedes Mal, wenn sie die Worte vor einem ihrer Liebhaber aussprach, schien die Wahrheit zu schrumpfen, und Laila hatte das Gefühl, sie verkleinern zu können, bis sie eines Tages in ihre Hand passte und sie nicht mehr zu überwältigen drohte. Der Jaadugar hatte gesagt, ihr Körper – nicht geboren, sondern geschaffen – würde nur bis zu ihrem neunzehnten Geburtstag bestehen und somit auch sie. Ihr blieb also nur noch rund ein Monat. Die einzige Chance, zu überleben, lag darin, Die Göttliche Lyrik zu finden. Das Buch enthielt das Geheimnis um die Macht des Schmiedens – die Kunst, je nach Begabung, Materie oder Geist zu beherrschen. Vielleicht wäre ihre geschmiedete Hülle damit in der Lage, fortzubestehen. Doch trotz monatelanger Bemühungen waren alle Spuren zum Buch im Sand verlaufen. So hatte sie keine andere Wahl, als die restliche Zeit zu genießen. Und genau das tat sie.

Nun aber breitete sich ein schmerzhaftes Gefühl in ihrer Brust aus. Sie legte den Brief auf den Toilettentisch. Ihre Finger zitterten vom Lesen. Von der Art, ihn zu lesen. Eindrücke durchfluteten sie: Séverin, der Siegelwachs auf das Papier tropfen ließ. Das Leuchten in seinen violetten Augen.

Laila warf einen Blick über die Schulter zu dem jungen Mann auf ihrem Bett.

»Du musst jetzt leider gehen.«

EIN PAAR STUNDEN SPÄTER lief Laila durch die klirrend kalten Straßen von Montmartre. Weihnachten war zwar vorbei, aber der Zauber der winterlichen Feiertage noch nicht ganz verschwunden. Hinter vereisten Fensterscheiben blinkten bunte Lichter. Aus den Bäckereien quoll warmer Dampf, der einen Duft nach pain d’épices verströmte, saftigem Gewürzbrot, das mit bernsteinfarbenem Honig überzogen war. Die Welt verharrte in froher Erwartung auf der Schwelle zum neuen Jahr, und ständig fragte Laila sich, wie viel davon sie wohl noch lebend mitbekommen würde.

In der Morgensonne wirkte das scharlachrote Kleid mit den Onyxen und Rubinen am Kragen, das sie unter dem Mantel trug, ziemlich schrill. Wie in Blut getränkt. Doch damit fühlte sie sich für das gerüstet, was sie im Hotel L’Éden erwartete.

Laila hatte Séverin nicht mehr gesehen, seitdem er ohne Erlaubnis ihre Gemächer betreten und einen Brief gelesen hatte, der nicht für ihn bestimmt gewesen war. Wie anders wären die letzten Wochen verlaufen, wenn er ihn nicht in die Finger bekommen hätte? Wenn sie ihn gar nicht erst verfasst hätte?

Damals hatte sie nicht gewusst, wie sie mit der Situation umgehen sollte. Die rohe Gewalt, mit der Tristan ums Leben gekommen war, schmerzte sie ebenso sehr wie die dunkle Seite in ihm, die er vor ihnen verborgen hatte. Das Geheimnis war eine zu schwere Bürde für sie gewesen. Sie hatte es nicht für sich behalten können. Und so hatte sie ihrem verlorenen Freund geschrieben, ihm erklärt, was sie herausgefunden hatte und dass sie ihn trotz allem liebte. Von Zeit zu Zeit war es ihr ein Bedürfnis, sich an diejenigen zu richten, die nicht mehr antworten konnten. Darin hoffte sie ein wenig Frieden zu finden.

Sie hatte ihre Gemächer nur für ein paar Minuten verlassen, bei ihrer Rückkehr jedoch Séverin dort angetroffen. Kurz setzte ihr Herz einen Schlag aus. Dann fiel ihr Blick auf den Brief in seiner verkrampften Hand, auf die weiß hervortretenden Knöchel und auf seine Augen, vor Schreck weit aufgerissen und unnatürlich schwarz – wie die Finsternis selbst.

»Wie lang hast du gedacht, das vor mir geheim halten zu können?«

»Séverin …«

»Das ist alles meine Schuld«, murmelte er.

»Unsinn«, erwiderte sie und machte einen Schritt auf ihn zu. »Woher hättest du davon wissen sollen? Er hat sich niemandem von uns anvertraut …«

Doch er wich zurück, seine Hände zitterten.

»Majnun.« Ihr versagte die Stimme beim Klang des Namens, den sie schon so lange nicht mehr benutzt hatte. »Quäl dich nicht. Er ist nun an einem besseren Ort und frei von all seinen Dämonen. Und das könntest du auch sein. Ohne zu sterben.«

Laila ergriff sein Handgelenk, ihre Finger streiften die Schwurmale, die ihre Armreife am Abend seines Geburtstags hinterlassen hatten. Sie hatte gewollt, dass er sie zu seiner Mätresse machte und sie über jeden Fortschritt bei der Suche nach der Göttlichen Lyrik in Kenntnis setzte. Doch den Schwur hatte sie ihm noch aus einem anderen Grund abgenommen. Er sollte wieder etwas anderes spüren als diese stete Taubheit. Und für einen kurzen Moment hatte sie angenommen, sie könnte der Schlüssel dazu sein. Seine grausamen Worte konnte sie nicht vergessen, aber da die Grausamkeit nur seinen eigenen Schuldgefühlen entsprungen war, würde sie ihm verzeihen – solange er sich selbst verzeihen konnte.

»Séverin, entscheide dich für das Leben«, hatte sie ihn angefleht.

Entscheide dich für mich.

Er wandte sich ihr zu, aber sein Blick ging geradewegs durch sie hindurch. Weil Laila nicht miterleben wollte, wie er sich wieder in sein Schneckenhaus zurückzog, nahm sie sein Gesicht in beide Hände und zwang ihn, sie richtig anzusehen.

»Du kannst nicht alle vor allem beschützen«, sagte sie. »Du bist auch nur ein Mensch, Séverin.«

Bei diesen Worten loderte es in seinen Augen, und in ihr flackerte ein Hoffnungsschimmer auf, der sogleich wieder erlosch, denn er entzog sich ihrem Griff. Ohne einen Ton zu sagen, verließ er das Zimmer. Das Letzte, was sie von ihm gehört hatte, war, dass er die Suche nach der Göttlichen Lyrik wieder aufgenommen hatte. Als könnte er Tristan damit rächen und sich so von der Schuld befreien, dass er lebte, während sein Bruder gestorben war.

Laila schlang den Mantel enger um ihren Körper. Ihr Granatring blitzte auf. Es war nicht lange her, dass sie Zofia gebeten hatte, ihn für sie anzufertigen. Der Stein wirkte ungeschliffen und feucht, als wäre er kein Juwel, sondern ein in Gold eingefasstes Vogelherz. Obenauf prangte die Zahl 24. Noch vierundzwanzig Tage zu leben.

Zum ersten Mal ließ sie nun Zweifel an dieser Zahl zu.

Bisher war es die Erfüllung kleiner Träume gewesen, die sie aufgemuntert hatte – Nachmittage mit Zofia, Hypnos und Enrique, oder ein letzter Winterabend, an dem frischer Schnee die Straßen von Paris zuckerte und ihr Atem Rauchfahnen in die Luft malte. Manchmal bildete sie sich ein, so würde es aussehen, wenn sie starb. Wenn sich ihre Seele aus der Brust löste. Dann wüsste sie wenigstens, dass sich der Tod zwar kalt anfühlte, aber nicht wehtat.

Séverins Brief änderte alles.

Nach Tristans Tod hatte der Orden sie damit beauftragt, die Schätze des Gefallenen Hauses aufzuspüren. Das wiederum setzte jedoch voraus, dass sie den Schlafenden Palast fanden. Und bisher hatte er sich all ihren Versuchen, ihn ausfindig zu machen, widersetzt. Als Séverins Strom von Berichten schließlich versiegt war, hatte der Orden die Suche selbst in die Hand genommen. Für sie und die anderen hatte es demnach keine Winterversammlung mehr geben sollen. Ihr einziger Trost war gewesen, dass sie so wenigstens nicht Séverins Mätresse mimen musste.

Doch wie es nun aussah, käme sie nicht darum herum.

Mit einem Mal drang ein Geräusch zu Laila durch, das ihr zu folgen schien. Das beständige Klipp-klapp von Pferdehufen. Sie blieb stehen und drehte sich langsam um. Eine indigoblaue Kutsche, versehen mit silbernen Ziselierungen, hielt in etwa anderthalb Meter Entfernung. Ein vertrautes Symbol – ein breiter Halbmond, der aussah wie ein listiges Grinsen – schimmerte auf der Tür, die auch sogleich aufschwang.

»Ich bin enttäuscht, dass du mich zu deinem Stelldichein gestern Abend nicht eingeladen hast«, erklang eine ihr wohlbekannte Stimme.

Aus der Kutsche lehnte sich Hypnos und warf ihr eine Kusshand zu. Laila lächelte, fing den Kuss auf und ging auf ihn zu.

»Dafür ist das Bett zu klein«, sagte sie.

»Ich hoffe, das trifft nicht auch auf deinen Gast zu«, erwiderte er und grinste anzüglich. Er zog einen Brief mit Séverins Siegel aus dem Sakko. »Wie ich vermute, wurdest auch du einbestellt.«

Zur Antwort hielt Laila ihren eigenen Brief hoch. Hypnos grinste und machte Platz für sie.

»Lass uns gemeinsam fahren, ma chère. Wir haben keine Zeit zu verlieren.«

Laila spürte einen Stich in der Brust.

»Wem sagst du das«, gab sie zurück und stieg ein.

Enrique

Zum fünften Mal in dieser Minute strich Enrique Mercado López sich übers Haar und das blütenweiße Hemd. Er räusperte sich. »Meine sehr verehrten Herren Ilustrados, ich danke Ihnen vielmals, dass Sie heute hier erschienen sind, um meinem Vortrag über antike Weltmächte beizuwohnen. Zur Veranschaulichung habe ich Ihnen eine Auswahl von Schmiedekunstobjekten aus aller Welt mitgebracht. Ich bin der Überzeugung, wir sollten uns bei unserem Streben nach der Unabhängigkeit der Philippinen von historischen Erkenntnissen leiten lassen. Formen wir mithilfe unserer Vergangenheit unsere Zukunft!«

Er hielt inne. Blinzelte. »Hmm … mithilfe unserer Vergangenheit … oder … der Vergangenheit?«

Er sah auf seine Unterlagen. Die Hälfte des Vortrags, den er über Wochen vorbereitet hatte, war angestrichen, durchgestrichen, unterstrichen oder komplett umgeschrieben.

»Der Vergangenheit«, entschied er und fügte eine weitere Änderung hinzu.

Dann ließ er den Blick durch den Lesesaal der Bibliothèque nationale de France schweifen.

Mit den runden Bleiglasfenstern in der Kuppeldecke und den geschwungenen Bögen aus filigranem Gitterwerk, die an Rippen riesiger Fabelwesen erinnerten, mit den buchgesäumten Wänden und den geschmiedeten Nachschlagewerken, die auf grazilen goldenen Regalen thronten und stolz ihre Seiten aufplusterten, war dies einer der schönsten Lesesäle, die er je gesehen hatte.

Doch bis auf Enrique war er menschenleer.

In der Mitte des Raumes schwebte eine große leuchtende Kugel und zeigte die Zeit an: halb zwölf.

Die Ilustrados waren zu spät. Viel zu spät. Um zehn hätte die Versammlung beginnen sollen. Hatten sie sich im Datum vertan? Oder waren die Einladungen verloren gegangen? Kaum vorstellbar. Er hatte die Adressen sorgfältig überprüft und sich den Erhalt bestätigen lassen. Aber ihn so mit Nichtachtung zu strafen, das läge ihnen fern … oder? Inzwischen hatte er seinen Wert als Historiker und Kurator doch sicherlich zur Genüge unter Beweis gestellt. Er hatte Artikel für La Solidaridad geschrieben und darin – wie er glaubte – eloquent dargelegt, weshalb die Kolonien ihren Kolonisten ebenbürtig waren. Zudem zählte zu seinen Gönnern nicht nur Hypnos, ein Patriarch des Ordens von Babel, sondern auch Séverin Montagnet-Alarie, der einflussreichste Investor von Paris und Besitzer des elegantesten Hotels in ganz Frankreich.

Enrique ließ seine Notizen sinken und stieg vom Podium hinab. Betrübt lief er zu dem in der Mitte des Raumes aufgebauten Tisch. Er war für die neun Mitglieder des inneren Kreises der Ilustrados gedeckt … zu denen bald ein zehntes gehören würde, wie er hoffte. Der Salabat genannte Ingwertee war abgekühlt und bald müsste er die Warmhalteplatten voll Afritada und Pancit zudecken. Das Eis im Sektkühler war nur mehr eine Pfütze.

Nachdenklich betrachtete Enrique das Arrangement. Dass die Ilustrados nicht erschienen waren, wäre vielleicht weniger schlimm, hätte er noch andere Gäste eingeladen. Er dachte an Hypnos und ihm wurde warm ums Herz. Ihn hatte er einladen wollen, aber beim kleinsten Anzeichen von zu viel Verbindlichkeit zog der gut aussehende Patriarch sich zurück, denn ihm gefiel die Grauzone zwischen Freundschaft und Liebesbeziehung. Das Ende der Tafel zierte ein Blumenstrauß von Laila, die gewiss nicht aufgetaucht wäre. Ein einziges Mal hatte er sie vor zehn Uhr wecken wollen, doch sie hatte ihn angeknurrt und eine Vase nach ihm geworfen, die nur knapp an seinem Kopf vorbeigesegelt war. Als sie schließlich gegen Mittag die Treppe heruntergestolpert kam, hatte sie sich an nichts erinnern können. Daraufhin hatte Enrique beschlossen, der vormittäglichen Laila fortan aus dem Weg zu gehen. Blieb Zofia. Zofia hätte sicher gern teilgenommen und kerzengerade auf ihrem Stuhl gesessen, mit einem wissbegierigen Funkeln in den flammenblauen Augen. Derzeit befand sie sich jedoch auf der Rückreise von einem Familienbesuch in ihrer polnischen Heimatstadt.

In einem Anflug von Verzweiflung hatte er sogar erwogen, Séverin einzuladen, was ihm dann allerdings etwas zu unaufrichtig erschienen war. Zum einen hatte er diesen Vortrag unter anderem deshalb organisiert, weil er nicht für immer Séverins Historiker bleiben konnte. Zum anderen war Séverin … nicht mehr derselbe. Zwar machte Enrique ihm das nicht zum Vorwurf, doch auch ihm reichte es irgendwann, wenn man ihm stets die Tür vor der Nase zuschlug. Sich selbst redete er ein, es ginge nicht darum, Séverin zu verlassen, sondern darum, wieder am Leben teilhaben zu können.

»Ich habe es versucht«, murmelte er zum hundertsten Mal, »ich habe es wirklich versucht.«

Wie oft er das wohl wiederholen musste, bis die Schuldgefühle endlich nachließen? Trotz ausgiebiger Recherchen hatten sie keine Spur zum Schlafenden Palast gefunden, zu dem Ort, an welchem die Schätze des Gefallenen Hauses aufbewahrt wurden, darunter das Artefakt, das Séverin mehr als alles andere zu finden trachtete: Die Göttliche Lyrik. Dieses Werk in die Finger zu bekommen, würde dem Gefallenen Haus den Todesstoß versetzen. Denn dann würde dessen Plan, die Babelfragmente zusammenzufügen, wie ein Kartenhaus in sich zusammenfallen. Sie mussten dieses Buch an sich bringen. Vielleicht hätte Séverin dann das Gefühl, Tristan gebührend gerächt zu haben.

Aber es sollte wohl einfach nicht sein.

Als der Orden beschlossen hatte, sich der Sache selbst anzunehmen, hatte Enrique Erleichterung verspürt. Tristans Tod ging ihm noch immer nah. Nie würde er seinen ersten Atemzug vergessen, sobald das Ableben seines Freundes zur schrecklichen Gewissheit geworden war. Angestrengt und stockend, als hätte er mit der Welt darum ringen müssen. Zu leben war ein Privileg. Und das gedachte er nicht mit dem Durst nach Rache zu vergeuden. Er wollte weitaus Bedeutsameres erreichen.

Nach dem tragischen Vorfall war Laila aus dem L’Éden ausgezogen. Séverin war so kalt und unzugänglich geworden wie ein Stein. Einzig Zofia war mehr oder weniger dieselbe, doch jetzt war sie nach Głowno gereist … geblieben war ihm Hypnos. Hypnos, der Enriques Vergangenheit gut genug verstand, um – vielleicht – Teil seiner Zukunft sein zu wollen.

»Hallo?«, meldete sich plötzlich eine Stimme.

Enrique fuhr herum, zupfte sein Sakko zurecht und setzte ein breites Lächeln auf. Womöglich waren seine Bedenken umsonst gewesen und sie waren tatsächlich alle spät dran … doch als die Gestalt näher kam, sackte er in sich zusammen. Das war kein Mitglied der Ilustrados. Nur ein Kurier, der ihm zwei Umschläge hinstreckte.

»Sind Sie Monsieur Mercado López?«

»Unglücklicherweise ja.«

»Die hier sind für Sie.«

Einer der Briefe kam von Séverin. Der andere von den Ilustrados. Mit klopfendem Herzen öffnete Enrique den zweiten Brief und überflog ihn. Heiße Scham durchflutete ihn.

… wir haben den Eindruck, diese Position liegt ein wenig außerhalb Ihres Kompetenzbereichs, Kuya Enrique. Das Alter erst verleiht uns Weisheit, und so ist uns bereits die Weitsicht gegeben, die Unabhängigkeit voranzutreiben und zu erkennen, wie wir sie erreichen. Sie sind ein Mann von kaum zwanzig Jahren. Woher nehmen Sie die Sicherheit, zu wissen, was Sie wollen? Mag sein, dass wir uns in friedlicheren Zeiten einmal genauer mit Ihnen und Ihren Angelegenheiten beschäftigen werden. Doch für den Moment unterstützen Sie uns von dort, wo Sie jetzt stehen. Genießen Sie Ihre Jugend. Schreiben Sie Ihre inspirierenden historischen Artikel. Tun Sie, worauf Sie sich am besten verstehen …

Enrique wurde schwindelig. Er sank auf einen der Stühle. Seine halben Ersparnisse hatte er darauf verwendet, den Lesesaal zu mieten, Essen und Getränke zu organisieren und einige der Artefakte als Leihgabe aus dem Louvre hierhertransportieren zu lassen. Und wofür?

Die Tür flog auf. Enrique sah hoch – welche Hiobsbotschaft hatte der Kurier wohl noch zu überbringen? Doch es war nicht der Bote. Ganz und gar nicht. Enriques Puls schoss in die Höhe. Mit diesem Mund, der fürs verschmitzte Grinsen gemacht schien, und Augen, so klar wie gefrorene Feenteiche, marschierte Hypnos auf ihn zu.

»Hallo, mon cher.« Er gab ihm zwei Küsschen auf die Wangen.

Wohlige Wärme durchströmte Enrique. Vielleicht waren nicht all seine Träume töricht. Nur ein Mal wollte auch er umworben werden, jemandes erste Wahl sein. Unentbehrlich sein. Und nun stand Hypnos vor ihm.

»Falls du gekommen bist, um mich zu überraschen und dem Vortrag zu lauschen, weiß ich das sehr zu schätzen … du scheinst allerdings der Einzige zu sein.«

Hypnos blinzelte. »Dem Vortrag lauschen? Mais non. Es ist vor zwölf. Da bin ich doch normalerweise kaum Herr meiner Sinne. Ich bin hier, um dich abzuholen.«

Die wohlige Wärme verpuffte und rasch faltete Enrique seine Träume zusammen und verstaute sie wieder tief in seinem Inneren.

»Hast du denn den Brief nicht erhalten?«, fragte Hypnos.

»Ich habe mehr als genug Briefe erhalten«, murrte Enrique.

Hypnos öffnete den von Séverin und hielt ihn ihm vor die Nase.

EIN PAAR AUGENBLICKE später gesellte Enrique sich zu Laila in Hypnos’ Kutsche. Sie schenkte ihm ein aufrichtiges Lächeln. Er lehnte den Kopf an ihre Schulter. Hypnos rutschte zu ihnen auf die Bank, ergriff seine Hand und streichelte sie mit dem Daumen.

»Wie ist es denn gelaufen?«, fragte Laila. »Hast du meine Blumen bekommen?«

Enrique nickte. In seinem Magen brannte noch immer die Scham. Die Ilustrados hatten ihm unmissverständlich mitgeteilt, dass seine Ideen es nicht wert waren, gehört zu werden. Aber den Schatz des Gefallenen Hauses zu finden, dem Orden Die Göttliche Lyrik zurückzubringen … das könnte das Blatt noch einmal wenden. Abgesehen davon fühlte es sich irgendwie richtig an, auf eine letzte gemeinsame Akquisitionsmission zu gehen. Als würde er so nicht nur Tristans Andenken in Ehren halten, sondern auch auf befriedigende Weise mit diesem Kapitel seines Lebens – als Historiker des L’Éden und als Teil von Séverins Mannschaft – abschließen.

»Es ist keiner gekommen«, sagte er, doch seine Worte wurden von dem Geräusch der anfahrenden Kutsche auf dem Schotter verschluckt.

Sie verhallten ungehört.

Zofia

Während des letzten Jahres hatte Zofia Boguska zu lügen gelernt.

Im Dezember hatte sie den anderen erzählt, sie wolle Chanukka in ihrer polnischen Heimatstadt Głowno feiern, wo ihre Schwester Hela als Gouvernante für die Kinder ihres Onkels arbeitete. Doch das war nicht die Wahrheit. In Wahrheit lag Hela im Sterben.

Nun stand Zofia in voller Reisemontur vor der Tür zu Séverins Arbeitszimmer. Weder hatte sie das Gepäck in ihr Gemach gebracht, noch hatte sie den Mantel oder den veilchenfarbenen Hut abgelegt, der – wie Laila gesagt hatte – ihre Augen »hervorhob«, weshalb sie ab und an ängstlich ihre Lider betastete. Sie hatte nicht so bald wiederkommen wollen. Da Séverin keine neuen Akquisitionsmissionen angenommen hatte und ihre Fähigkeiten bei der Suche nach dem Buch Die Göttliche Lyrik bisher keine große Hilfe gewesen waren, war es auch gar nicht notwendig gewesen. Zwei Tage zuvor hatte sie jedoch einen Brief von Séverin erhalten, mit der Aufforderung, umgehend ins L’Éden zurückzukehren. Warum, hatte nicht darin gestanden.

»Fahr ruhig, Zosia, es geht mir schon viel besser«, hatte Hela gesagt und ihr einen Kuss auf den Handrücken gedrückt. »Du musst dich doch auch um dein Studium kümmern. Bekommst du nicht ohnehin Schwierigkeiten, weil du so lange nicht an der Universität warst?«

Zofia wusste nicht mehr, wie viele Lügen sie inzwischen erzählt hatte. Letzten Endes war ihr keine Wahl geblieben. Sie musste zurück, denn ihr Erspartes ging zur Neige. Und Hela hatte recht – ihr Zustand schien sich tatsächlich zu bessern. Vor einigen Tagen noch war sie von Fieberkrämpfen geschüttelt worden. Als sie wieder einmal ins Delirium gefallen war, hatte ihr Onkel nach einem Rabbi geschickt, der die Sterberituale durchführen sollte. Doch stattdessen war ein neuer Arzt gekommen. Er beharrte darauf, Zofia habe für seine Dienste gezahlt, und obwohl sie sich nicht daran erinnern konnte, bat sie ihn herein. Hoffnung ließ sich nicht von Statistiken beeindrucken. Einen Versuch war es wert. An diesem Abend verabreichte der Arzt Hela eine Arznei, von der er behauptete, sie sei nirgends sonst zu bekommen. Und er versprach, dass Hela leben würde.

Und das tat sie.

Am nächsten Tag kam Séverins Brief. Doch auch wenn Hela nun auf dem Weg der Besserung war, entschied Zofia, nicht dauerhaft in Paris zu bleiben. Sie wollte heimkehren und sich um ihre Schwester kümmern … es fehlten ihr lediglich die Mittel. Ihre gesamten Ersparnisse hatte sie für Helas Pflege aufgebraucht. Und für die Zahlungen an ihren Onkel, zum Ausgleich für die Zeit, die Hela seine Kinder nicht unterrichten konnte. Sollte sie sterben, würde er die restlichen Schulden jedoch »großzügig« verfallen lassen.

Schließlich gehörten sie zur Familie.

Und so war Zofia nach Paris zurückgekehrt. Sie wollte sich verabschieden. Außerdem würde sie ihre Laboreinrichtung verkaufen. Mit dem Erlös könnte sie Hela weiter pflegen.

Nun klopfte sie an Séverins Tür. Hinter sich hörte sie die eiligen Schritte seines Faktotums. »Mademoiselle Boguska«, zischte er leise, »sind Sie sicher, dass das nicht warten kann? Monsieur Montagnet-Alarie ist äußerst beschäf–«

Da öffnete sich die Tür und Séverin stand plötzlich vor ihr. Er warf seinem Bediensteten einen kurzen Blick zu und der Mann eilte den Flur hinunter. Zofia fragte sich, wie Séverin es schaffte, ohne Worte Befehle zu erteilen. Diese Art Macht würde sie selbst nie besitzen. Aber – sie umfasste ihr Kündigungsschreiben noch fester – wenigstens würde sie jemanden retten, den sie liebte.

»Wie war deine Reise?«, erkundigte sich Séverin und trat zur Seite, um sie einzulassen.

»Lang.«

Jedoch weit weniger schlimm, als sie hätte sein können. Séverin hatte seinem Brief ein Erste-Klasse-Ticket für ein privates Zugabteil beigelegt, sodass sie unterwegs mit niemandem hatte sprechen müssen. Im Abteil hatte es Lampen mit vielen Fransen gegeben und einen einfarbigen Teppich. Sie hatte beinahe die ganze Fahrt damit verbracht, laut Dinge zu zählen. Nicht nur, um sich zu beruhigen, sondern auch, um sich auf die Aufgabe vorzubereiten, die vor ihr lag.

Abrupt streckte sie Séverin das Schreiben hin. »Ich muss zurück. Meine Schwester braucht mich. Ich kündige. Ich bin nur zurückgekommen, um mich von euch allen zu verabschieden.«

Séverin starrte das Dokument an.

»So wie ich das verstanden habe, wolltest du dir mit dieser Anstellung ein Vermögen aufbauen, mit dem du deiner Schwester das Medizinstudium finanzieren kannst. Ist das nicht länger dein Wunsch?«

»D…doch, aber …«

»Warum solltest du dann kündigen?«

Zofia fehlten die Worte. Sie hatte nicht damit gerechnet, dass er ihr Kündigungsgesuch nicht sofort annehmen würde. Immerhin hatte sie momentan nicht einmal eine richtige Aufgabe im L’Éden. Séverin hatte alle Akquisitionsmissionen auf Eis gelegt, nachdem sich die Suche nach dem Schlafenden Palast als fruchtlos erwiesen hatte. Es gab keine Arbeit für Zofia.

»Meine Schwester liegt im Sterben.«

Séverin verzog keine Miene.

»Und deshalb bist du nach Głowno gereist?«

Sie nickte.

»Warum hast du mich belogen?«

Zofia zögerte. Sie dachte an Tristans letztes Lachen und an Helas fiebrig gemurmelte Erinnerungen, an Chanukka gemeinsam mit der Familie, alle um den Tisch versammelt, während die Mutter mit der Schöpfkelle Eintopf verteilte und es nach Kerzenwachs vom Chanukkaleuchter roch.

»Weil ich es selbst nicht wahrhaben wollte.«

Es gab noch einen weiteren Grund. In Głowno hatte Zofia gerade einen Brief an Laila und Enrique begonnen, da hatte Hela sie zurückgehalten. »Beunruhige sie nicht zu sehr. Nachher machen sie sich nur Sorgen, wer sich um dich kümmern muss, wenn ich nicht mehr da bin.« Was, wenn ihre Schwester recht hatte? Aus Scham, womöglich eine Bürde für die anderen zu sein, hatte sie nicht weitergeschrieben.

In Séverins Gesicht zuckte ein Muskel. Noch immer nahm er das Schreiben nicht entgegen. Zofia dachte daran, wie oft sie ihn Tristans Taschenmesser hatte drehen und wenden sehen, wie oft er vor Tristans Tür verweilte, ohne sie je zu öffnen, oder aus dem Fenster blickte, auf das, was einmal der Garten der Sieben Sünden gewesen war. Und da kam es ihr in den Sinn. »Du verstehst mich.«

Séverin wandte sich abrupt ab. »Deine Schwester wird nicht sterben. Womöglich braucht sie dich trotzdem, aber ich brauche dich dringender. Es gibt einiges zu tun.«

Zofia runzelte die Stirn. Im ersten Moment fragte sie sich, wie Séverin sich Helas Genesung so sicher sein konnte, im nächsten überkam sie eine Woge der Freude. Ohne ihre Arbeit hatte sie sich rastlos gefühlt. Außerdem war sie nicht dafür geschaffen, Helas Stelle im Haus ihres Onkels zu übernehmen, wo ihr gesamter Lohn von den verbleibenden Schulden aufgezehrt würde.

»Ich habe heute Morgen deine Konten überprüft«, fuhr Séverin fort. »Du hast keinerlei Ersparnisse mehr, Zofia.«

Zofia öffnete den Mund. Schloss ihn wieder. Vor Ärger stieg ihr Hitze in die Wangen.

»Du … Dazu hattest du kein Recht. Das ist privat.«

»Nicht für mich. Begleite mich auf diese Mission und ich verdoppele dein Einkommen. Deine Schwester muss nicht weiter als Gouvernante arbeiten, du könntest in den nächsten Jahren bequem für euch beide sorgen. Ich werde sofort veranlassen, dass man ihr Anteile deines Gehalts schickt. Aber nur unter der Bedingung, dass du nicht nach Polen zurückkehrst. Die zusätzliche Summe bekommst du ausgezahlt, sobald der Auftrag erledigt ist.«

»Und ich … darf ich in der Zwischenzeit nichts von meinem Lohn behalten?«

Das gefiel ihr nicht. Sie musste sich ohnehin schon so sehr auf andere verlassen.

»Ich kümmere mich natürlich um deine Lebenshaltungskosten und um die Ausgaben für das Labor.«

»Was ist mit Goliath?«

Séverin wirbelte herum, die Lippen zu einer schmalen Linie zusammengepresst. »Was soll mit ihm sein?«

Zofia reckte das Kinn. Seit Tristans Tod hielt sie die giftige Vogelspinne sicher und geborgen in ihrem Labor. Nur für die Zeit ihrer Reise hatte sie Enrique darum gebeten, auf das Tier aufzupassen. »Eher lasse ich mich bei lebendigem Leibe verbrennen!«, war seine erste Reaktion gewesen. Dies hatte sich jedoch als Übertreibung herausgestellt, denn nach einer kleinen Bedenkzeit hatte er, wenn auch widerwillig, zugestimmt. Sie stellte sich gern vor, wie sehr Tristan sich darüber gefreut hätte.

»Er braucht auch Geld für Kost und Logis.«

Séverin wandte den Blick ab. »Ich kümmere mich darum. Werden wir uns einig?«

Zofia forschte in seinem Gesicht nach bekannten Mustern und Strukturen. Sie war einst in der Lage gewesen, ihn zu entschlüsseln, vielleicht aber auch nur, weil er es zugelassen hatte. Jetzt war er ein Fremder. Ob das eine der Folgen des Todes nahestehender Personen war? Andererseits hatten Hela und sie den Tod ihrer Eltern erlebt, hatten mit angesehen, wie ihr Zuhause und all ihre Besitztümer in Flammen aufgegangen waren. Trotzdem waren sie sich nicht fremd geworden. Zofia schloss die Augen. Hela und sie. Sie hatten einander. Séverin – selbst wenn er mit Blicken Befehle erteilen konnte – hatte niemanden. Ihr Ärger verrauchte.

Als sie die Augen öffnete, dachte sie an Helas mattes Lächeln. Ihretwegen würde ihre Schwester überleben. Zum ersten Mal verspürte Zofia einen Anflug von Stolz. Stets hatte sie sich auf Hela und so viele andere verlassen müssen. Nun würde sie ihre Schuld begleichen. Vielleicht war sie eines Tages auf niemanden mehr angewiesen.

»Ich werde persönlich veranlassen, dass man mir jede Woche mindestens einen Brief von deiner Schwester übermittelt. Auf meine Kosten«, fügte Séverin hinzu.

Zofia dachte an den Handkuss ihrer Schwester. Fahr ruhig, Zosia.

»Einverstanden.«

Séverin nickte und warf einen Blick auf die Uhr. »Dann geh am besten schon mal in die Sternwarte. Die anderen müssten jeden Augenblick hier sein.«

Séverin

Séverin wusste, dass man sich aller Merkmale, die einen Menschen ausmachten, entledigen musste, wenn man ein Gott werden wollte. Im Gespräch mit Zofia hatte er auch den letzten Funken Wärme in seinem Inneren erstickt und sich direkt etwas weniger menschlich gefühlt. Natürlich könnte er ihr das Geld für die erneute Rückreise in ihre Heimat geben. Tat er aber nicht.

Vor ein paar Tagen war ihm durch den Kopf geschossen, dass sie keinen Grund mehr hätte, nach Polen zurückzukehren, wenn ihre Schwester nicht wäre. Doch so kaltblütig war selbst er nicht. Stattdessen hatte er einen Arzt zum Haus ihres Onkels geschickt. Er versuchte sich davon zu überzeugen, dass das auch viel klüger war. Berechnender. Dass es nichts bedeutete. Und noch während er an dieser Sicht festhielt, musste er an ihre erste Begegnung denken.

Etwa zwei Jahre zuvor waren ihm Gerüchte über eine brillante jüdische Studentin zu Ohren gekommen, die man wegen Brandstiftung und Missbrauchs ihrer Schmiedekunstgabe der Universität verwiesen und ins Gefängnis gesperrt hatte. An dieser Geschichte schien ihm jedoch irgendetwas faul und so hatte er sich von seinem Kutscher zum Frauengefängnis bringen lassen. Zofia war scheu wie ein Fohlen, ihre auffallend blauen Augen wirkten eher animalisch als mädchenhaft. Da er es nicht über sich brachte, sie ihrem Schicksal zu überlassen, nahm er sie mit ins L’Éden. Wenige Tage später berichtete ihm das Personal, sie schlafe nachts immer mit einem Bündel Laken auf dem Boden statt in dem Bett mit der Decke aus Schwanendaunen. Als er das hörte, wurde ihm warm ums Herz.

Dasselbe hatte er bei all seinen Ersatzvätern getan. Er und Tristan waren nie lange bei einem von ihnen geblieben, daher war es gefährlich, sich zu sehr an etwas zu gewöhnen. Auch wenn es nur ein Bett war. Séverin hatte daraufhin alles aus Zofias Zimmer entfernen lassen und ihr einen Prospekt in die Hand gedrückt. Er hatte ihr gesagt, sie solle sich aussuchen, was sie davon gern haben wolle. Jedes Stück werde von ihrem Gehalt abgezogen, gehöre jedoch dann ganz allein ihr.

»Ich verstehe dich«, hatte er ihr zugeraunt.

Da hatte Zofia ihm zum ersten Mal ein Lächeln geschenkt.

ALS ER SICH der Sternwarte näherte, hörte er Klavierspiel. Es war ein beflügelnder Klang, voll der Hoffnung. Wie angewurzelt blieb er stehen. Die Musik war überwältigend, und für einen kurzen, wundersamen Moment schien sie geradewegs von den Sternen zu kommen, wie die sagenhafte Sphärenmusik – der majestätische Rhythmus der kreisenden Planeten. Als sie verstummte, ließ er die angehaltene Luft aus seiner bereits schmerzenden Lunge strömen.

»Nicht aufhören, Hypnos!«, kam es von Laila.

Séverin kannte sie gut genug, um zu wissen, dass sie gerade lächelte, obwohl er ihr Gesicht nicht sehen konnte. Sein Pulsschlag übertönte den Nachhall der Melodie. Zu lächeln fiel ihr leicht. Aber sie hatte schließlich auch nichts verloren. Sie mochte ein wenig enttäuscht darüber sein, dass sie Die Göttliche Lyrik nicht gefunden hatten. Jedoch hatte sie mit dem Buch nur die Neugier hinsichtlich ihrer Vergangenheit befriedigen wollen.

»Seit wann kannst du so gut Klavier spielen?«, fragte sie.

»So gut ist er nun auch wieder nicht«, brummelte Enrique.

Vor zwei Jahren hatte Enrique angefangen, das Klavierspiel zu erlernen. Sehr zum Verdruss aller anderen. Denn kurz darauf donnerten seine »Melodien« durch die Flure. Tristan hatte behauptet, ihm gingen die Pflanzen deswegen ein. Irgendwann hatte Zofia dann »aus Versehen« eine holzzersetzende Lösung über das Instrument geschüttet und seine Übungen damit ein für alle Mal beendet.

Wieder setzte die Musik ein und beschwor weitere Erinnerungen herauf. Séverin krallte die Fingernägel in die Handfläche. Lasst mich in Ruhe, flehte er seine Dämonen an. Sie verschwanden, hinterließen aber den vermeintlichen Duft von Tristans Rosen.

Dieser erinnerungsschwere Geruch brachte ihn ins Straucheln. Gerade noch rechtzeitig riss er den Arm hoch, um sich im robusten Türrahmen abzustützen. Abrupt erstarb die Musik.

Er blickte auf. Hypnos war über das Klavier gebeugt und hatte mitten in der Bewegung innegehalten. Laila saß kerzengerade auf ihrem Lieblingsplatz, der grünen Chaiselongue, Zofia auf ihrem Hocker, eine ungeöffnete Streichholzschachtel im Schoß. Und Enrique schritt nicht mehr auf und ab, sondern war vor seinen Aufzeichnungen zur Göttlichen Lyrik, die am Bücherregal hingen, stehen geblieben.

Vor Séverins innerem Auge schoben sich zwei Bilder übereinander.

Früher. Heute.

Früher hätte es Tee und Butterplätzchen gegeben. Gelächter. Langsam richtete er sich auf, ließ den Türrahmen los und zupfte seine Manschetten zurecht. Herausfordernd sah er die anderen an.

Niemand erwiderte seinen Blick. Bis auf Hypnos.

»Wie ich höre, hast du gute Neuigkeiten für uns, mon cher.«

Séverin nickte steif und deutete auf die Notizen am Bücherregal.

»Bevor ich anfange, fassen wir noch einmal zusammen, was wir bereits wissen …«

Hypnos seufzte. »Muss das sein?«

»Das letzte Mal ist lange her«, sagte Séverin.

»Knapp zwei Monate, um genau zu sein«, gab Laila spitz zurück.

Séverin sah sie nicht an. Stattdessen gab er Enrique ein Zeichen. Für einen Moment starrte Enrique ihn ausdruckslos an, dann begriff er. Er räusperte sich und deutete auf eine Skizze, die ein Hexagramm – das Emblem des Gefallenen Hauses – und eine goldene Honigbiene sowie den Turm von Babel zeigte.

»In den letzten Monaten haben wir versucht, Die Göttliche Lyrik ausfindig zu machen, ein uraltes Buch über das Geheimnis der Schmiedekunst. Mit dem darin enthaltenen Wissen soll man die Babelfragmente zusammenfügen können und – laut dem Gefallenen Haus – zu göttlicher Macht gelangen«, sagte Enrique. Er suchte Séverins Blick, als wollte er sichergehen, dass er auch auf dem richtigen Weg war. Séverin hob die Augenbrauen.

»Äh … zum Buch selbst gibt es nur wenige Informationen«, beeilte er sich zu sagen. »Die meisten davon stammen aus Legenden. Der einzig sichtbare Beleg für die Existenz des Buchs ist die verblasste Schrift auf einem Stück Pergament. Ein Tempelritter soll damals den Titel niedergeschrieben haben. Allerdings fehlen einige Buchstaben …«

Enrique zeigte ihnen eine Abbildung:

DIEGÖTTLICHELYR

»Der Überlieferung zufolge gibt es das Buch schon seit der babylonischen Sprachverwirrung«, fuhr er fort. Der altbekannte Glanz der Aufregung trat in Enriques Augen. »Angeblich haben ein paar Frauen die obersten Steine des Turms berührt, wodurch ihnen das Wissen der heiligen Sprache zuteilwurde. Diese Erkenntnisse hielten sie in einem Buch fest und machten es sich und ihren Nachfahren zur Aufgabe, die Geheimnisse darin zu hüten, damit niemand die heilige Sprache dazu missbrauchen könnte, den Turm von Babel wiederzuerrichten. Ist das nicht faszinierend?«

Enrique lächelte, seine Hand flog zur nächsten Skizze, auf der neun Frauen abgebildet waren.

»Man nannte sie die Verlorenen Musen, vermutlich in Anlehnung an die griechischen Göttinnen der Künste und Inspiration. Überaus passend, wenn man bedenkt, dass das Schmieden ebenfalls als göttliche Kunst betrachtet wird. In der Antike hat man den Musen zahlreiche Denkmäler gesetzt.« Er starrte wehmütig auf die Bilder. »Und über Die Göttliche Lyrik wird berichtet, es handele sich dabei nicht bloß um irgendein Buch, das jeder lesen kann, sondern man brauche besondere Fähigkeiten dafür, die ausschließlich an die Nachfahren der Verlorenen Musen vererbt würden.«

»Was für ein Schwachsinn«, spottete Hypnos und schlug wieder und wieder dieselbe Taste auf dem Klavier an. »Die Fähigkeit, ein Buch zu lesen, soll auf eine Blutlinie zurückzuführen sein? So funktioniert Schmiedekunst nicht. Die Gabe wird nicht vererbt. Sonst würde ich eine für die Geistschmiedekunst besitzen.«

»Mythen sollte man nicht rundheraus abtun«, widersprach Enrique leise. »Die meisten Mythen sind nur mit Spinnweben verklebte Wahrheiten.«

Hypnos’ Gesichtszüge wurden weicher. »Oh, aber natürlich, mon cher. Nichts läge mir ferner, als dein Handwerk zu verhöhnen.«

Er warf ihm eine Kusshand zu und Enrique … errötete. Séverin runzelte die Stirn und sah zwischen den beiden hin und her. Hypnos fing seinen Blick auf und grinste schief.

Offenbar hatte er etwas verpasst.

Rasch lenkte Séverin seine Aufmerksamkeit wieder auf Enrique, der eine vergilbte Karte entrollte. Sie zeigte den südlichen Zipfel des indischen Subkontinents. Aus dem Augenwinkel sah er, wie Laila sich beinahe wehmütig vorbeugte. Ein bitterer Geschmack breitete sich auf seiner Zunge aus.

»Zuletzt befand sich Die Göttliche Lyrik in Pondicherry, Indien«, sagte Enrique. »Laut den Dokumenten des Babelordens schickte man damals jemanden aus dem Orden los, um das Buch zu holen, doch als der Bote dort ankam, hatte bereits jemand das Artefakt im Namen des Ordens an sich genommen …«

»… woraufhin der Diebstahl für knapp zwanzig Jahre unter den Teppich gekehrt wurde und man behauptete, es wäre verschwunden«, fügte Hypnos hinzu.

Enrique nickte. »Dank Roux-Joubert wissen wir aber, dass wir Die Göttliche Lyrik am ehesten im Schlafenden Palast finden … und genau dort endet unsere Spur.« Er sah zu Séverin. »Es sei denn, du konntest tatsächlich in Erfahrung bringen, wie wir zum Palast gelangen.«

Früher war dieser Moment immer der beste gewesen – der Moment, in dem er etwas Neues enthüllte und dabei zusah, wie sich die Überraschung auf ihren Gesichtern abzeichnete. Er hatte mit Vorliebe geheimnisvolle Andeutungen auf ihre nächste Akquisition gemacht. Zum Beispiel hatte er Laila einmal eine über und über mit goldenen Rosen verzierte Torte backen lassen, weil sie kurz darauf in Griechenland nach der Hand des Midas gesucht hatten. Diesmal konnte er ihnen nicht einmal in die Augen sehen.

»Ja«, sagte er daher nur und blieb in der Tür stehen. »Die Koordinaten des Schlafenden Palasts werden nur von einer Tezcat-Brille offenbart, und wo die sich befindet, weiß ich.«

Zofia beugte sich interessiert vor. »Eine Brille?«

Da zerschnitt Lailas Stimme die Luft. »Und woher stammt dieses Wissen?«, fragte sie kühl.

Sie sah ihn nicht an, er sah sie nicht an.

»Von einem Informanten«, gab Séverin ebenso kühl zurück. »Noch dazu hat er mir eröffnet, dass sich der Schlafende Palast irgendwo in Sibirien befindet.«

»Sibirien?«, wiederholte Hypnos. »Dort … da soll es vor Geistern nur so wimmeln.« Er ließ den Blick durch den Raum schweifen, als erwartete er, dass ihm sofort jemand beipflichtete. Die anderen starrten ihn jedoch nur mit ausdruckslosen Gesichtern an.

Er setzte nach: »Nun ja, das war noch vor meiner Zeit als Patriarch … Mein Vater erzählte mir, vor Jahren sei dort etwas Eigenartiges vorgefallen. Am Baikalsee soll man schreckliche Laute vernommen haben, geradeso als würden sich einige Mädchen die Seele aus dem Leib schreien. Das nahm derartige Ausmaße an und versetzte die dortigen Einwohner so sehr in Aufruhr, dass die russische Fraktion, Haus Dažbog, den Orden gebeten hat, sich der Sache anzunehmen. Mein Vater sandte daraufhin eine kleine Gruppe von Geistschmiedekünstlern aus. Er wollte herausfinden, ob irgendjemand unter fremdem Einfluss stand. Aber niemand konnte je irgendetwas feststellen.«

»Und dann hörte es einfach auf?«, fragte Laila.

Hypnos nickte. »Letzten Endes ja. Die Ortsansässigen waren überzeugt, dass dort Mädchen ermordet worden seien, aber man fand nie auch nur eine Leiche.« Mit dünner Stimme fügte er hinzu: »Ich hoffe sehr, der Schlafende Palast befindet sich nicht in Sibirien.«

Enrique setzte eine zerknirschte Miene auf. »Ich denke, schon allein der Name bestätigt es uns. Es ist nicht eindeutig geklärt, welchen Ursprung das Wort ›Sibirien‹ hat, aber es klingt verdächtig ähnlich wie das tatarische Wort sib ir für schlafendes Land. Daher auch der Schlafende Palast. Ich kann mich aber auch irren«, sagte er hastig, als er den panischen Ausdruck auf Hypnos’ Gesicht sah. »Wo finden wir diese Brille denn überhaupt? In einer Bank? Einem Museum?«

»Auf einem privaten Anwesen«, sagte Séverin.

Er stupste den Mnemospion an seinem Kragen an. Der Schmiedekunstkäfer erwachte mit einem Zittern zum Leben, surrte mit den juwelenfarbenen Flügeln und klickte mit den Zangen. Er riss den Mund auf und projizierte ein Bild an das Bücherregal, auf dem ein stattlicher Herrensitz an der Newa zu sehen war. Der Straßenname stand am Rand: Anglijskaja Nabereschnaja. Der Englische Kai in Sankt Petersburg in Russland.

»Das nenn ich mal ein … großes Haus«, sagte Enrique.

»Und es liegt in Russland?«, fragte Zofia und kniff die Augen zusammen.

Séverin wechselte zu einer weiteren Außenaufnahme des Anwesens. »Die Tezcat-Brille befindet sich in der privaten Sammlung eines Kunsthändlers, in einem Raum, den man den Göttinnensaal nennt. Allerdings konnte ich keine Informationen …«

Enrique schrie auf. »Von dieser Installation habe ich gehört! Sie ist Hunderte von Jahren alt, und niemand weiß, von welchem Bildhauer sie stammt. Falls sie überhaupt der Bildhauerei zuzuordnen ist. Aber das ist meine Vermutung. Ich wollte sie immer schon mal sehen!« Er strahlte sie alle an und seufzte. »Was sich wohl alles im Göttinnensaal befindet?«

Zofia hob eine Augenbraue. »Göttinnen?«

»Das ist doch nur der Name dieses Meisterwerks«, sagte Enrique missbilligend.

»Der Name lügt also?«

»Nein, der Name soll nur das Wesen der Kunst einfangen, möglicherweise verbirgt sich darin aber etwas ganz anderes.«

Zofia runzelte die Stirn. »Manchmal verstehe ich Kunst einfach nicht.«

Hypnos hob sein Glas. »Hört, hört.«

»Wir müssen also nur in diesen Saal, die Tezcat-Brille finden und wieder raus«, fasste Zofia zusammen.

»Nicht ganz«, erwiderte Séverin. »Die Tezcat-Brille ist ein Gestell mit Ornamenten, aber einen entscheidenden Teil – nämlich eine Linse – trägt der Kunsthändler um den Hals.« Er hielt kurz inne und schaute auf seine Notizen: »Ein gewisser Monsieur Michail Wassiljew.«

»Der Name kommt mir irgendwie bekannt vor …«, sagte Hypnos und rieb sich das Kinn. »Und ihm gehört auch der Göttinnensaal?«

Séverin nickte.

»Aber warum sollte das Gefallene Haus ihm den Schlüssel zu seinem altehrwürdigen Palast und dem Schatz überlassen?«, fragte Hypnos. »Was hat er mit der ganzen Sache zu tun?«

»Und warum sollte er ihn um den Hals tragen?«

»Angeblich hat er keine Ahnung, worum es sich dabei handelt«, antwortete Séverin. »Meinem Informanten zufolge ist die Linse als persönliches Andenken getarnt. Es sieht aus wie der Schlüssel zum einstigen Schlafgemach seiner Geliebten.«

Laila starrte auf ihren Schoß und fummelte an einer Troddel ihres Kleides herum. Dieser blutrote Farbton machte ihn wütend. Er konnte den Anblick nicht ertragen.

»Aber warum ausgerechnet er?« Enrique ließ nicht locker.

»Er ist einflussreich genug, um bestimmte Sicherheitsmaßnahmen für seinen Besitz zu ergreifen, aber nicht bedeutend genug, um viel Aufsehen zu erregen«, erwiderte Séverin. »Ihn verbindet nichts mit dem Orden, sodass man ihn auch nicht verhören würde. Der größte Skandal in seiner Vergangenheit war die Affäre mit einer Primaballerina, die in die Brüche gegangen ist. Er hat sie geschwängert, sich aber geweigert, sie zu heiraten. Das Kind starb bei der Geburt, woraufhin sie sich umgebracht hat.«

Enrique erschauderte und bekreuzigte sich.

»Anschließend tauchte Wassiljew für einige Jahre ab. Zu der Zeit muss er den Göttinnensaal erworben haben. Seine Schuldgefühle trägt er noch heute um den Hals.«

»Jetzt fällt es mir wieder ein … der russische Eremit«, sagte Hypnos und schüttelte den Kopf. »Wie willst du ihn aus dem Haus locken? Was den Klatsch und Tratsch von Sankt Petersburg angeht, bin ich schon länger nicht mehr auf dem neuesten Stand, aber soweit ich weiß, verlässt er sein Haus nur für …«

»Das kaiserliche Ballett«, beendete Séverin den Satz und wechselte zu einem Bild des stattlichen Mariinskij-Theaters in all seinem Glanz und Prunk. Auf den Außenbalkonen drehten geschmiedete Ballerinen ihre Pirouetten im Mondschein, bevor sie sich in Rauch auflösten. »Die nächste Aufführung ist in drei Tagen und er wird dort sein. Ich brauche einen Platz neben seiner privaten Loge.«

Hypnos schnippte mit den Fingern. »Ist so gut wie erledigt. Für Ordensmitglieder ist dort dauerhaft eine Loge reserviert. Ich kann dir eine Karte besorgen.«

»Wie das?«, fragte Enrique.

»So, wie immer.« Hypnos zuckte mit den Schultern. »Mit Geld, Charme et cetera pp.«

»Ich werde mehr als eine benötigen. Eher zwei oder drei«, sagte Séverin und riskierte einen Seitenblick auf Laila. »Laila wird mich als Mätresse auf diese Mission begleiten. Aber es wäre gut, wenn sich noch jemand anschließen würde.«

Schweigen.

Séverin hob die Augenbrauen. »Man sollte doch meinen, dass zwei Leute genügen, um sich Zutritt zu Wassiljews Haus zu verschaffen. Jemand Drittes kommt mit uns.«

Erneutes Schweigen.

Enrique schien auf einmal fasziniert von seinen Fingernägeln. Zofia machte eine finstere Miene. Séverin sah zu Hypnos. Doch von ihm erntete er nur ein »Ts«.

»Für kein Geld der Welt würde ich mich zwischen euch beide in die Zuschauerloge setzen.«

Enrique griff hastig nach einem Glas Wasser und trank so gierig daraus, dass er sich prompt verschluckte. Zofia klopfte ihm auf den Rücken. Séverin versuchte, Lailas Blick zu meiden, aber es war, als wollte er die Sonne ignorieren. Er musste sie nicht sehen, um zu bemerken, dass sie ihn anfunkelte.

»Es gibt noch einige andere Dinge zu beachten«, sagte Séverin schroff. »Wassiljew hat einen eigenen Privatsalon im Theater, den er nur zusammen mit seinen Wachen aufsucht. Zutritt wird nur denjenigen mit einem ganz bestimmten Blutschmiedekunst-Tattoo gewährt …«

»Blutschmiedekunst?«, wiederholte Zofia und wurde blass.

Hypnos pfiff durch die Zähne. »Zweifelsohne ein recht teures Vergnügen.«

»Blutschmiedekunst? Was ist das noch gleich?«, fragte Enrique. »Das habe ich doch schon mal irgendwo gehört.«

»Eine Mischung verschiedener Gaben«, erklärte Zofia. »Für Geist und Materie, für Metall in Flüssigkeiten und Festkörpern.«

»Es ist sehr selten, dass man jemanden findet, der sowohl den Geist als auch das Eisen im Blut manipulieren kann«, fügte Hypnos hinzu. Er grinste verschmitzt. »Aber auch äußerst erquicklich.«

Séverin war derartigen Künstlern im L’Éden schon einige Male begegnet. Viele von ihnen konzentrierten sich bei der Optimierung ihrer Fähigkeiten jedoch lieber auf das Schmieden von Eis. Diejenigen aber, die sich auf Blut spezialisierten, wurden vor allem von Klienten aufgesucht, die es entweder nach Betäubung während schmerzhafter medizinischer Eingriffe verlangte oder nach Entspannung, um die Sinne für gewisse »Vergnüglichkeiten« zu schärfen.

»Wir brauchen etwas, um Wassiljew von seinen Wachen zu trennen«, sagte Séverin. »Etwas, das Menschen entzweien kann …«

»Geld?«, fragte Enrique.

»Liebe!«, steuerte Hypnos bei.

»Magnete«, sagte Zofia.

Laila, Enrique und Hypnos starrten sie an.

»Starke Magnete«, verbesserte sich Zofia.

»Kriegst du das hin?«, fragte Séverin.

Zofia nickte.

»Damit haben wir aber noch nicht geklärt, wie wir in den Salon kommen«, gab Enrique zu bedenken.

»Was das betrifft, habe ich schon eine Idee«, sagte Laila. »Schließlich bin ich L’Énigme, und wenn ich das möchte, eilt mein Ruf mir weit voraus.«

Widerwillig sah Séverin sie nun doch an. Tausend Bilder setzten sich vor seinen Augen zusammen und zerfielen wieder. Er sah ihr zuckerbestäubtes Haar. Ihren Körper – verschwommen am Rande seines Blickfeldes – an dem Abend im Palais des Rêves, an dem er sich auf sie geworfen hatte, weil er dachte, Roux-Joubert hätte es auf sie abgesehen. Er erinnerte sich an die Worte, die sie so sehr verletzt hatten, und wünschte inzwischen, sie wären wahr. Wenn sie doch nur nicht echt wäre!

Fragend sah Laila ihn an. »Ich soll dir doch helfen, oder etwa nicht?«

»Ja.« Séverin tat so, als würde er seine Ärmel zurechtzupfen. »Übermorgen brechen wir auf nach Sankt Petersburg. Bis dahin haben wir noch eine Menge zu tun.«

»Und was machen wir, sobald wir die Tezcat-Brille haben?«, fragte Hypnos. »Informieren wir den Orden und –«

»Nein«, unterbrach Séverin ihn scharf. »Ich will nicht, dass sie sich einmischen. Nicht, bevor wir nicht genau wissen, womit wir es zu tun haben. Bald findet die Winterversammlung in Russland statt. Wenn wir bis dahin mehr in Erfahrung gebracht haben, weihen wir sie ein.«

Hypnos runzelte die Stirn, doch Séverin ging nicht weiter darauf ein. Das hier würde er sich vom Orden nicht nehmen lassen. Nicht nach allem, was passiert war. Séverin wandte sich ab, um zu gehen. Draußen wurde es allmählich dunkel.

Früher hatte ihm dieser Raum zeigen sollen, dass die Sterne in Reichweite waren. Früher hatten sie alle den Kopf in den Nacken gelegt und staunend in den Himmel hinaufgesehen. Nun aber schienen die Sterne sie mit ihrem strahlenden Weiß zu verhöhnen: das spöttische Grinsen des Schicksals. Konstellationen, die sich wie eine überirdische Handschrift über das Firmament zogen und das unabänderliche Los aller Sterblichen festlegten. Jedoch nur, bis sie das Buch fanden, dachte Séverin.

Dann könnten die Sterne ihnen nichts mehr anhaben.

Laila

Laila sah zu, wie Séverin die Sternwarte verließ. Sie wusste nicht, was sie fühlen sollte.

Einerseits wagte sie zum ersten Mal seit Wochen wieder zu hoffen. Sollte Séverins Informant recht behalten, bot sich ihr womöglich doch noch die Chance auf mehr Lebenszeit. Andererseits wurde ihre aufkeimende Euphorie von dem Hass auf Séverin überlagert. Sie verabscheute die Kälte, die aus seinen Augen sprach, und den hämischen Zug um seinen Mund, wenn er lächelte. Und sie verabscheute den Schmerz, der sie bei seinem Anblick durchfuhr und sie daran erinnerte, dass er sie einst in Erstaunen versetzt hatte.

Am schlimmsten aber war die Hoffnung, dass er, sobald er Die Göttliche Lyrik erst einmal gefunden hatte, wieder so werden könnte wie früher. Als würde er nur unter einem Bann stehen. Laila gab sich alle Mühe, diese Illusion im Keim zu ersticken, doch sie hielt sich hartnäckig in ihrem Herzen.

Während Enrique etwas von wegen »Bibliothek« murmelte, sagte Zofia leise: »In meinem Labor –«

»Non«, unterbrach Hypnos sie streng und bedeutete ihnen, sich nicht von der Stelle zu rühren. »Ihr bleibt hier. Ich bin sofort zurück. Ich habe eine Überraschung für euch.«

Er stürzte davon und ließ die drei allein. Laila musterte Zofia von der Seite. Vor der Zusammenkunft hatte sie kaum Zeit gehabt, mit ihr zu sprechen. Jetzt aber fielen ihr einige Sachen an ihr auf. Sie trug noch immer ihre Reisekleidung, hatte geisterhaft violette Schatten unter den Augen, und ihr Gesicht wirkte seltsam dünnhäutig, wie von Kummer gezeichnet. So sollte man nicht aussehen, wenn man gerade Chanukka mit seiner Familie gefeiert hatte.

»Geht’s dir gut, Zofia? Isst du genug?«

Bevor Laila aus dem L’Éden ausgezogen war, hatte sie den Köchen genaue Anweisungen für die Vorbereitung von Zofias Mahlzeiten aufgeschrieben. Zofia mochte es nicht, wenn sich das Essen auf ihrem Teller berührte, sie mochte kein zu buntes oder gemustertes Geschirr und ihr Lieblingsnachtisch waren kreisrunde, helle Butterplätzchen. Früher hatte Laila sich um all das gekümmert. Doch das war vorbei. Daher beschlich sie nun ein noch schlechteres Gewissen, als es sowieso schon der Fall gewesen war. Was gab ihr das Recht, Zofia Löcher in den Bauch zu fragen, wo sie selbst das Hotel verlassen hatte? Sie war diejenige, die sich distanziert hatte.

Laila drehte den Granatring an ihrem Finger. Manchmal fühlte sich ihr Geheimnis an wie ein Gift, das langsam in ihr Blut sickerte. Am liebsten hätte sie es den anderen erzählt, sich von dieser Last befreit. Aber was, wenn die Wahrheit sie abschreckte? Schließlich hatte ihr eigener Vater es kaum ausgehalten, sie anzusehen. Sie wollte die Familie, die ihr blieb, nicht auch noch verlieren.

Zofia zuckte die Achseln. »Also, Goliath hat jedenfalls beunruhigend wenig Appetit.«

»Wenn man bedenkt, dass immerzu nur Grillen auf seiner Speisekarte stehen, kann ich es ihm nicht verdenken«, neckte Laila.

»Er isst nicht so viele Grillen, wie er sollte«, erwiderte Zofia, nahm ein Streichholz aus der Schachtel und steckte es sich zwischen die Zähne. »Ich habe eine Tabelle angelegt und die Menge dokumentiert, die er zu sich nimmt. Die Kurve fällt stetig. Ich könnte sie dir zeigen …«

»Das glaube ich dir auch so«, sagte Laila. »Aber danke.«

Zofia starrte auf ihren Schoß. »Ich weiß einfach nicht, was mit ihm los ist.«

Fast hätte Laila im Reflex Zofias Hand ergriffen. Was für sie ein Zeichen der Zuneigung war, bedeutete für Zofia jedoch nicht zwangsläufig dasselbe. Zofia richtete den Blick auf das schwarze Kissen, auf dem Tristan immer gesessen hatte und das nun unter dem Kaffeetisch lag.

»Vielleicht trauert Goliath«, sagte Laila sanft.

Zofia sah sie an. »Ja, vielleicht.«

Es sah aus, als wollte sie noch etwas hinzufügen, da schlenderte Enrique zu Laila herüber.

»Wir zwei müssen uns mal unterhalten«, murmelte er und setzte sich vor sie.

»Es gibt nicht viel zu erzählen«, erwiderte sie.

Er bedachte sie mit einem Ausdruck, der klar zu sagen schien: »Ich glaube dir kein Wort.« Doch er hakte nicht weiter nach. Sie hatte ihm zwar von dem Jaadugar in ihrem Dorf berichtet, der einst Die Göttliche Lyrik gehütet hatte, mehr aber auch nicht. Enrique und Zofia wussten beide, dass sie das Buch unbedingt finden wollte, nur nicht, warum. Und sie brachte es nicht über sich, ihnen ihr Geheimnis anzuvertrauen.

Leise ächzend drehte Enrique ihr den Rücken zu. Laila begriff sofort, was er damit beabsichtigte, seufzte und kratzte ihn sanft zwischen den Schulterblättern.

»Mich krault sonst niemand«, klagte er und rekelte sich wohlig.

»In Polen gab es mal einen Hund, der etwas Ähnliches gemacht hat«, stellte Zofia fest.

»Mir fehlt gerade die Kraft, auf diese Beleidigung einzugehen«, sagte Enrique amüsiert und zugleich gekränkt.

»Das war keine Beleidigung.«

»Du hast mich quasi als Hund bezeichnet …«

»Ich habe gesagt, dass dein Verhalten mit dem eines Hundes vergleichbar ist.«

»Das ist nicht gerade ein Kompliment.«

»Wäre es denn ein Kompliment, wenn ich dir sagen würde, dass es ein sehr wohlerzogener Hund war?«

»Nein …«

Laila mischte sich nicht ein, genoss aber das stete Gemurmel ihrer zaghaften Zänkereien. Es klang wie ein Echo ferner Tage. Nachdem Tristan gestorben war, hatte sie erst versucht, Abstand zu wahren, jedoch in der Nähe der anderen zu bleiben. Doch nun, bei Séverins Anblick, wurde ihr wieder bewusst, wie sehr dieser Versuch zum Scheitern verurteilt gewesen war. Hätte sie nicht den Entschluss gefasst, das L’Éden zu verlassen, wäre die Wunde jedes Mal von Neuem aufgerissen. Er ließ sie einfach nicht los. Es kam ihr vor, als könnte sie den Duft der Gewürznelken immer noch riechen, obwohl er diese alte Gewohnheit längst abgelegt hatte. Als er gerade den Raum verlassen hatte, waren ungebetene Erinnerungen wach geworden. Erinnerungen, von denen er nicht einmal wusste, dass sie existierten. Zum Beispiel von dem Angriff der geschmiedeten Kreatur in der unterirdischen Bibliothek von Haus Kore. Sie hörte seine Stimme, die als Erstes zu ihr durchgedrungen war, als sie das Bewusstsein wiedererlangt hatte: Laila, ich bin’s, dein Majnun. Du wirst mich wirklich noch in den Wahnsinn treiben, wenn du jetzt nicht aufwachst.

»Voilà!«, rief Hypnos und schob einen mit Leckereien beladenen Servierwagen durch die Tür. Es gab farbenfrohe Plätzchen – die Zofia verabscheute –, Schinkensandwiches – bei denen sich Enrique sicher der Magen umdrehte – und … einen dampfenden Samowar mit warmem Kakao. Den nur Tristan getrunken hatte.

Auf Hypnos’ Gesicht zeigte sich kein unverhohlen katzenhaftes Grinsen wie sonst. Sein Lächeln war flüchtig und schüchtern. Hoffnungsvoll.

»Ich dachte, nun ja, bevor wir mit der Planerei anfangen, könnten wir uns vielleicht … ein wenig stärken?«

Enrique starrte auf den Wagen und brachte letztendlich nur ein verwirrtes »Oh« hervor.

Laila wünschte, sie hätte nicht bemerkt, wie Zofia sich sehnsüchtig vorgebeugt hatte, nur um gleich darauf entsetzt zurückzuweichen. Und jetzt stand Hypnos vor ihnen, das Lächeln wie eingefroren. Schließlich ließ er die Schultern sinken.

»Na, wenn ihr keinen Hunger habt, bleibt mehr für mich«, sagte er, eine Spur zu fröhlich.

Hätte Laila sich wie früher um die Verpflegung gekümmert, wäre das nicht passiert. Mit einem Mal schien der Raum zu schrumpfen und weckte so viele schmerzhafte Erinnerungen in ihr, dass sie kaum noch Luft bekam.

»Entschuldigt mich«, sagte sie und erhob sich.

Zofia runzelte die Stirn. »Gehst du schon?«

»Tut mir leid«, erwiderte Laila.

»Plätzchen?«, fragte Hypnos hoffnungsvoll und hielt ihr eins entgegen, als sie an ihm vorbeiging.

Laila gab ihm einen Kuss auf die Wange und nahm es ihm ab.

»Ich fürchte, die anderen haben gerade gegessen«, flüsterte sie.

»Oh«, machte Hypnos und ließ die Hände sinken. »Verstehe.«

Hastig floh Laila aus der Sternwarte und warf das Plätzchen in eine Topfpflanze auf dem Flur. Sie wollte nur noch hier weg, hinaus auf die Straße. Sie wollte ihr Geheimnis nicht länger für sich behalten. Am liebsten hätte sie es in die Pariser Dunkelheit hinausgeschrien. Sie stürmte um die Ecke.

Und da stand er.

Séverin. Eine seidig glänzende, nachtschwarze Silhouette. Ein Junge mit einem Mund, der wie gemacht schien für Küsse – und Grausamkeiten. Ein Junge, der sie einst das Staunen gelehrt und sich viel zu nah an ihr Herz geschlichen hatte. Laila griff nach ihrem Hass wie nach einer Rüstung, doch er war schneller.

»Laila«, sagte er, so langsam, als würde er sich ihren Namen auf der Zunge zergehen lassen. »Ich war gerade auf der Suche nach dir.«

Im Grunde konnte Laila nicht hassen. Nicht aus tiefstem Herzen. Und manchmal wünschte sie sich, sie würde es auch nie lernen. Wie angewurzelt stand sie da und starrte ihn an. Sie erinnerte sich an seinen Gesichtsausdruck, als er den Brief an Tristan gelesen hatte. Sie hatte den Schmerz darin gesehen, als ihm klar wurde, was für Höllenqualen sein Bruder ausgestanden und ihm vorenthalten haben musste. Vielleicht war es dieses Bild, das sie letztendlich doch dazu veranlasste, zu sprechen.

»Es tut mir leid, dass du auf diese Art und Weise die Wahrheit über Tristan erfahren musstest, aber ich …«

»Mir nicht«, sagte er und legte den Kopf schief. Dunkle Locken fielen ihm in die Stirn. Seine Lippen verzogen sich zu einem kalten Lächeln. »Genau genommen bin ich dir zu Dank verpflichtet. Und da du ja bald meine Mätresse sein wirst, habe ich ein Geschenk für dich. L’Énigme an meinem Arm, ohne ein Zeichen meiner Verbundenheit an ihrem Hals – was würde das für einen Eindruck machen?«

Bis zu diesem Moment hatte Laila die Kassette aus Samt nicht bemerkt, die er bei sich trug. Eine Schmuckschatulle. Er öffnete sie und eine kurze Halskette aus funkelnden Diamanten kam zum Vorschein. Sie waren geschliffen wie Eiszapfen. Allein wenn sie daran dachte, dass sie ihre Haut berühren würden, fing sie an zu zittern.

»Sie sind echt«, sagte er und hielt sie ihr hin.

Laila strich über einen der Edelsteine. Er entzog sich ihren Gedanken. So etwas geschah nur bei geschmiedeten Gegenständen. Séverins Schatten senkte sich über sie.

»Wenn ich dich brauche, wird die Diamantkette warm und legt sich ein ganz klein wenig enger um deinen Hals«, sagte er. »Dann wirst du zu mir kommen und mir Bericht über etwaige Neuigkeiten erstatten. Im Gegenzug werde ich dich über jeden Fortschritt, den wir bei der Suche nach der Göttlichen Lyrik machen, informieren.«

Laila wich zurück.

»Du willst mir ein Halsband anlegen?«

Séverin hob seine Hand. Dort glänzte das Schwur-Tattoo, das ihre eigenen Armreife hinterlassen hatten.

»Ich wollte mich dafür revanchieren. Wir betrachten uns doch als ebenbürtig, oder etwa nicht? Das haben wir einander versprochen.«

Seine Worte waren ein verfälschtes Echo ihrer ersten Begegnung. Sie war sprachlos vor Wut. Séverin trat näher.

»Vergessen wir nicht, dass du diejenige warst, die mich aufgesucht und verlangt hat, meine Mätresse zu sein und mein Bett zu teilen.«

Die geschmiedeten Diamanten schienen wissend zu funkeln, als fragten sie sie höhnisch: Was hast du erwartet?

Er nahm die Kette heraus und ließ sie durch seine Finger gleiten. »Ich gehe davon aus, du hast keine Einwände?«

Eis kroch durch ihre Adern. Einwände? Nein. Sie wollte leben. Ihr Dasein genießen. Und so verspürte sie angesichts dieses Fremden, der dort vor ihr stand, nur Fassungslosigkeit. Je länger sie ihn ansah, desto mehr glich er einem Stück finsterer Nacht, an die sich ihre Augen nur allmählich gewöhnten.

»Nicht im Geringsten«, sagte sie und schnappte ihm das Collier aus der Hand. Dabei ließ sie kaum noch Platz zwischen ihnen und bemerkte mit Genugtuung, wie er zurückzuckte. »Doch an Ihrer Stelle wäre ich vorsichtig, Monsieur. Ob Frauchen mit Diamantkette oder Hündchen mit Diamanthalsband – bissig können sie beide sein!«

Enrique
Sankt Petersburg, Russland

Enrique zurrte seinen Schal fester um den Hals, als könnte er so den russischen Winter fernhalten. Bei jedem Schritt wirbelten Schneeflocken auf und landeten wie kalte Küsse in seinem Nacken.

Sankt Petersburg war eine Stadt in der Schwebe zwischen althergebrachter und moderner Magie. Elektrische Straßenlaternen warfen Kreise goldenen Lichts, Brücken spannten sich wie Engelsflügel. Doch die Schatten wirkten zu scharf, und die Winterluft roch metallisch, wie nach getrocknetem Blut.

Neben Enrique und Zofia glänzte die Newa wie schwarzes Glas. Die Lichter aus den palastartigen Häusern am Englischen Kai – einer der prachtvollsten Straßen der Stadt – hatten ihre Fenster verlassen und sich ins schimmernde Nass gestürzt. Ungestört vom Wind sahen die Spiegelungen auf der Oberfläche aus, als hätte man ein zweites Sankt Petersburg in den Fluss gegossen.

Manchmal glaubte Enrique daran – an andere Welten, erschaffen aus den Wahlmöglichkeiten, die er verworfen, den Wegen, die er nicht eingeschlagen hatte. Er starrte ins Wasser, auf das leicht verschwommene Bild des alternativen Sankt Petersburg. In dieser Parallelwelt war Tristan vielleicht noch am Leben. Vielleicht tranken sie dort Kakao und bastelten eine geschmacklose Krone aus Lametta für Séverin, während sie einen Plan ausheckten, wie sie ein Fass des Champagners für die alljährliche Silvesterfeier im L’Éden für sich abzweigen könnten. Vielleicht hätte Laila das Backen nicht aufgegeben und das Hotel röche noch immer nach süßen Köstlichkeiten und er würde sich mit Zofia um den Kuchen zanken. Vielleicht hätte Séverin dort sein rechtmäßiges Erbe nicht ausgeschlagen und vielleicht war der andere Enrique nicht nur ein Mitglied der Ilustrados, sondern Dreh- und Angelpunkt der Pariser Gesellschaft, umgeben von einer Schar staunender Bewunderer, die an seinen Lippen hingen.

Vielleicht.

Ganz in der Nähe kündigte das schwere Geläut der Sankt Petersburger Uhren die achte Abendstunde an. Enrique lauschte. Und da war es, weit in der Ferne, das silberhelle Läuten der Hochzeitsglocken. In zwei Stunden würde das in der Kasaner Kathedrale frisch vermählte Paar in einer Prozession aus winterlich geschmückten Kutschen diese Straße entlangkommen. Was bedeutete: Noch lagen sie im Zeitplan. Sie wurden erst um Viertel nach acht im Haus des Kunsthändlers an der Uferpromenade erwartet. Doch sie hatten noch ein gutes Stück Weg vor sich. Beim zweiten Glockenläuten erschauderte Enrique. In nur einer Stunde würden Séverin und Laila im Mariinskij-Theater ihre Falle für den Kunsthändler zuschnappen lassen, um an die Tezcat-Linse zu kommen. Gott höchstpersönlich hätte Enrique auf der Stelle ewiges Seelenheil versprechen können – nie und nimmer hätte er dort zwischen den beiden sitzen wollen. Leicht besorgt, weil dieser Gedanke vermutlich an Blasphemie grenzte, bekreuzigte er sich schnell.

Neben ihm hatte Zofia sich seinem Schritt angepasst.

Für diese Mission hatte sie sich als junger Mann verkleidet. Ihr flammenhelles Haar hatte sie unter einen großen Hut gestopft, die zierliche Figur wurde durch einen gepolsterten Mantel und ihre geringe Größe durch geschickt konstruierte Schuhe kaschiert. Ihr eigenes Werk, versteht sich. Aus der Manteltasche lugte ein falscher Bart. Zofia hatte erklärt, er sei viel zu kratzig, um länger getragen zu werden als unbedingt notwendig. Sie zitterte nicht. Wenn überhaupt, so schien sie in der Kälte aufzublühen, als wäre sie in ihrem natürlichen Element.

»Weshalb siehst du mich so an?«, fragte sie.

»Es gefällt mir, dich anzusehen.« Entsetzt darüber, wie sich das anhörte, fügte er hastig hinzu: »Ich meine, deine Maskerade ist beinahe überzeugend. Das weiß ich aus rein ästhetischen Gründen zu schätzen.«

»Beinahe überzeugend«, wiederholte Zofia. »Was stimmt denn nicht?«

Enrique deutete auf seinen Mund. Ihre Stimme verriet sie.

Zofias Miene verdunkelte sich. »Ich wusste es. Das muss eine genetische Veranlagung mütterlicherseits sein.« Sie zog einen Schmollmund. »Ich dachte, die Kälte würde helfen, aber meine Lippen wirken immer etwas zu rot.«

Enrique klappte die Kinnlade herunter.

»Das war es doch, was du meintest, oder?«, fragte Zofia.

»Äh … ja. Genau.«

Nun, da sie ihre Lippen erwähnt hatte, musste er sie natürlich anschauen. Sie waren in der Tat sehr rosig. Einem Winterapfel gleich. Wie sie wohl schmeckten? Plötzlich ging ihm auf, was er da gerade dachte, und er schüttelte sich. Zofia brachte ihn durcheinander. Dieses Gefühl hatte sich schleichend eingestellt und überfiel ihn zu den unmöglichsten Zeiten. Enrique zwang seine Gedanken in andere Bahnen. Zu Hypnos. Hypnos verstand ihn. In Enrique kämpften zwei Seiten um die Vorherrschaft, und er war nie sicher, welche die Oberhand gewinnen würde, die spanische oder die philippinische. Hypnos wusste aus Erfahrung, wie es war, mit einer zwiegespaltenen Seele zu leben, als Sohn eines Kolonisators und einer Kolonisierten. Bislang war ihr Verhältnis zwanglos, was Enrique schon ganz gut gefiel, doch auf lange Sicht wollte er mehr. Er wollte jemanden, der immer zuerst nach ihm Ausschau hielt, wenn er einen Raum betrat. Jemanden, der ihn ansah, als lägen die Geheimnisse dieser Erde in seinem Antlitz verborgen, der ihn gut genug kannte, um seine Sätze zu beenden. Jemanden, mit dem er Kuchen teilen konnte.

Hypnos könnte dieser Jemand für ihn sein.

Ein Partner für ein erfülltes Leben. Eines, wie es auch Tristan hätte haben sollen, dachte Enrique unvermittelt. Er murmelte ein Gebet und berührte sacht die Blume an seinem Revers. Es war eine getrocknete Mondwinde, eine der letzten, die Tristan je geschmiedet hatte. Waren sie frisch, absorbierten sie das Mondlicht und konnten es hinterher über einige Stunden abgeben. Trocken war diese hier nur mehr ein Schatten ihres vormals leuchtenden Selbst.

»Die hast du von Tristan«, stellte Zofia fest.

Enrique ließ den Arm sinken. Er hatte sich unbeobachtet gefühlt. Als er zu ihr hinabblickte, auf ihre Hand in der Tasche, bemerkte er einen nahezu identischen Stängel zwischen ihren Fingern. Und er wusste, Tristan war bei ihnen.

DAS HERRENHAUS MIT Blick auf den Fluss ragte vor ihnen auf wie ein überdimensionales, festlich geschmücktes Puppenhaus. Schnee hatte sich in den Lamettagirlanden an den unzähligen imposanten Säulen verfangen. Der Weg zum Eingang war gesäumt von Tannen, in denen versteckte Glöckchen bimmelten. Bonbonfarbene Mosaiken bedeckten die Kuppeln und die frostverzierten Fenster wirkten wie aus Zucker.

»Erinnerst du dich an unsere Rollen?«, fragte Enrique.

»Du verkörperst einen leicht ablenkbaren, exzentrischen Menschen …«

»Einen Schriftsteller, genau«, unterbrach er Zofia.

»Und ich bin der Fotograf.«

»Ein sehr schweigsamer Fotograf.«

Zofia nickte.

»Lenk den Kammerdiener nur ein paar Minuten ab. Das sollte mir genug Zeit verschaffen, um nach Aufzeichnern Ausschau zu halten, bevor wir den Göttinnensaal betreten.«

Er zupfte den Kragen seines leuchtend smaragdgrünen Samtsakkos zurecht, das er sich von Hypnos geliehen hatte, dann betätigte er den enormen Türklopfer in Form eines brüllenden Löwen. Offenbar war er geschmiedet, denn er verengte die Augen zu Schlitzen, täuschte ein Gähnen vor und ließ daraufhin ein kräftiges, blechernes Gebrüll hören, das die Eiszapfen vom Türrahmen schüttelte. Enrique stieß einen Schrei aus.

Zofia blieb gelassen und hob lediglich eine Augenbraue, sobald er sich wieder gefasst hatte.

»Was?«, fragte er.

»Das war laut.«

»Ja, oder? Dieser Löwe …«

»Ich meinte dich.«

Enrique zog eine Grimasse. In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und der Kammerdiener begrüßte sie mit einem breiten Lächeln. Er hatte helle Haut, einen akkurat gestutzten schwarzen Bart und trug einen bestickten silberblauen Mantel zu bauschigen Hosen.

»Dobryi wetscher«, sagte er herzlich. »Monsieur Wassiljew ist untröstlich, dass er Sie nicht persönlich empfangen kann, doch es freut ihn ungemein, dass man über seine Sammlung berichtet. Insbesondere, wenn es ein so geschätzter Kunstkritiker tut, wie Sie es sind.«

Enrique plusterte sich auf und lächelte ebenso breit zurück. Die falschen Referenzen, die er zusammengestellt hatte, wirkten in der Tat äußerst beeindruckend. Zofia und er traten in das geräumige Vestibül. Bisher schienen die Pläne zu stimmen, die sie sich im Vorfeld besorgt und angesehen hatten. Muster aus Sternen und Rhomben zierten das Mahagoniparkett. Schwebende Laternen erleuchteten die mit Gemälden geschmückten Wände. Sie stellten allesamt Frauen in Bewegung dar. Einige waren mythologisch inspiriert, andere wirkten modern. Enrique erkannte Salomes Tanz der sieben Schleier und eine Darstellung der indischen Nymphe Urvashi, die vor den Hindu-Gottheiten auftrat. Es war jedoch das Porträt einer ihm unbekannten Frau, das die Wand beherrschte. Blutrote Haare kringelten sich an ihrem weißen Hals hinab. Nach den Schuhen zu urteilen, die sie auf dem Schoß hielt, handelte es sich um eine Ballerina.

Der Kammerdiener streckte die Hand aus. »Wir fühlen uns sehr …«

Enrique hob die eigene Hand, zog sie aber zurück, ehe der Mann sie ergreifen konnte, damit er sein Zittern nicht bemerkte. »Unglücklicherweise ertrage ich es kaum, fremde Haut zu berühren. Dies erinnert mich stets an meine Sterblichkeit.«

Der Kammerdiener wirkte ein wenig verstört. »Ich bitte inständig um Verzeihung.«

»Anständig wäre mir lieber«, sagte Enrique blasiert und betrachtete seine Fingernägel. »Nun …«

»Ist die fotografische Ausrüstung angekommen?«, mischte sich Zofia ein.

Enrique brauchte einen Sekundenbruchteil, um seine Gesichtszüge unter Kontrolle zu bringen. Etwas musste Zofia abgelenkt haben. Sie brachte ihre Einsätze sonst nie durcheinander. Jetzt, da er sie ansah, bemerkte er außerdem, dass sich ihr Schnurrbart an den Rändern leicht ablöste.

»Ja, ist sie. In einer äußerst geräumigen, verschlossenen Reisetruhe«, antwortete der Kammerdiener mit gerunzelter Stirn. Sein Blick irrte flüchtig zu Zofias Bart. »Verzeihen Sie, aber … ist alles in Ordnung?«

Enrique stieß ein hysterisches Lachen aus.

»Ah, dieser gute Mann! Wie aufmerksam er doch ist!« Er nahm Zofias Gesicht in die Hände und drückte unauffällig die Bartenden fest. »Welch ein Meisterwerk ist der Mensch! Wie edel durch Vernunft! Wie unbegrenzt an Fähigkeiten … äh …«

Enrique hielt inne. Das war leider alles, was er aus Hamlet behalten hatte. Da setzte Zofia ein: »… in Gestalt und Bewegung, wie bedeutend und wunderwürdig.«

Sprachlos starrte Enrique sie an.

»Sie müssen das exzentrische Gebaren meines Freundes verzeihen«, fuhr sie mit deutlich tieferer Stimme fort, nachdem sie sich offenbar wieder an ihre Rolle erinnert hatte. »Wären Sie so freundlich, mir einige der anderen Räume zu zeigen? Nur ein kurzer Rundgang, mehr wird nicht vonnöten sein. Ich möchte lediglich herausfinden, ob sich weitere Motive für den Artikel eignen.«

Der Kammerdiener machte noch immer große Augen, nickte aber bedächtig. »Hier entlang, bitte …«

Enrique drehte sich langsam um sich selbst, legte die Finger an die Schläfen und atmete tief ein. »Ich werde hier verweilen. Ich muss die Kunst zuerst in mich aufnehmen, sie fühlen, bevor ich mir herausnehme, über sie zu schreiben. Sie verstehen?«

Der Bedienstete schenkte ihm ein angestrengtes Lächeln. »Tun Sie, worauf Sie sich am besten verstehen.«

Und damit führte er Zofia den Flur hinunter.

Sobald sie außer Sicht waren, zog Enrique eine geschmiedete Kugel aus der Tasche, warf sie in die Luft und sah zu, wie sie den Raum nach Aufzeichnern absuchte. Die Worte des Kammerdieners hallten in seinem Kopf nach. Worauf Sie sich am besten verstehen. Er fühlte sich zurückversetzt in den Lesesaal der Nationalbibliothek, als er mit feuchten Fingerspitzen Notizen des Vortrags umklammert hatte, zu dem niemand erschienen war. Und als er den Brief der Ilustrados gelesen hatte.

… Schreiben Sie Ihre inspirierenden historischen Artikel. Tun Sie, worauf Sie sich am besten verstehen …

Noch saß der Schmerz tief. Enriques Referenzen hatten ihm nichts genutzt. Er hatte ohnehin kaum erwartet, dass die Worte seiner Professoren und Mentoren großes Gewicht haben würden, aber dass nicht einmal Séverins Einfluss geholfen hatte … Dessen öffentliche Unterstützung bedeutete einen allerorts gleichermaßen hochgeschätzten Faktor: Geld. Doch womöglich waren seine Ideen so töricht, dass kein Geld der Welt es wert war, seinen Ausführungen zu lauschen. Vielleicht war er einfach nicht genug.

Worauf Sie sich am besten verstehen.

Enrique knirschte mit den Zähnen. Inzwischen war die Aufspürkugel auf dem Boden angelangt. Die Luft war rein. Am anderen Ende des Vestibüls hörte er Schritte. Zofia und der Kammerdiener kamen zurück. In wenigen Augenblicken würden sie den Göttinnensaal betreten, in dem sich die Tezcat-Brille befand, die sie letzten Endes zu der Göttlichen Lyrik führen würde. In den Augen der Ilustrados tat Enrique offenbar nichts weiter, als sich mit toten Sprachen und staubigen Büchern die Zeit zu vertreiben, und seine Ideen erschienen ihnen wertlos. Entdeckte er jedoch Die Göttliche Lyrik, wäre das Beweis genug, dass mehr in ihm steckte. Dann konnten sie nicht länger übersehen, dass seine Fähigkeiten Macht verhießen.

Jetzt musste er das Buch nur noch auftreiben.

DER ANBLICK DES Göttinnensaals ließ Enrique beinahe auf die Knie sinken. Er glich dem Foyer eines verlassenen Tempels. Lebensgroße Göttinnenstatuen lehnten sich aus Wandnischen, und an der reich verzierten himmelblauen Decke drehten sich mechanische Sterne und Planeten wie auf einer unsichtbaren Achse. Angesichts eines solchen Kunstwerks kam er sich klein und unbedeutend vor, allerdings auf eine erhabene Art, als wäre er Teil eines größeren Ganzen, umgeben von göttlicher Liebe. So hatte er früher während der Sonntagsmesse empfunden. Hier, in diesem Raum, durchströmte ihn seit Jahren zum ersten Mal dasselbe Gefühl.

Ehrfurchtsvoll raunte der Kammerdiener: »Der Saal ist wahrlich überwältigend. Wenngleich nur für kurze Zeit.«

Enrique wurde hellhörig. »Wie meinen Sie das?«

»Der Göttinnensaal hat eine einzigartige Eigenschaft. Noch verstehen wir deren Funktion nicht vollständig, aber wir erhoffen uns, dass Ihr Artikel ein wenig Licht in die Sache bringen kann. Sie müssen wissen … die Göttinnen … verschwinden.«

»Wie bitte?«

»Jede Stunde«, bekräftigte der Mann. »Sie verschmelzen mit der Wand und die Goldornamente verblassen.« Er sah auf die Uhr. »Nach meiner Schätzung sollten Sie noch etwa zwanzig Minuten haben, bis alles unsichtbar wird, um erst zur darauffolgenden Stunde wiederzuerscheinen. Doch mir schien es genügend Zeit für Ihre Fotografien und Notizen. Zumal es hier drinnen empfindlich kalt wird, sobald die Tür geschlossen ist. Wir glauben, der Schöpfer dieses Kunstwerks hat einen geschmiedeten Mechanismus zur Temperaturkontrolle eingebaut, möglicherweise um den Stein und die Farbe zu schützen. Wie dem auch sei, lassen Sie es mich wissen, falls ich Ihnen behilflich sein kann.«

Und damit verließ der Diener den Saal und schloss die Tür hinter sich. Enriques Herz klopfte ein stetes Oh nein, oh nein, oh nein.

»Wo ist Hypnos?«, fragte Zofia.

Wie aufs Stichwort drangen gedämpfte Geräusche an ihre Ohren. An einer der vergoldeten Wände, fast verdeckt von einer Säule, lehnte eine als Fotografieausrüstung gekennzeichnete Reisetruhe. Rasch öffnete Zofia die Schlösser. Der Deckel hob sich und mit säuerlicher Miene kletterte Hypnos heraus. Er schüttelte sich. »Das war höchst … unerquicklich.« Er seufzte theatralisch. Die plötzliche Helligkeit und die Schönheit des Zimmers ließen ihn blinzeln. Ein Ausdruck des Staunens huschte über sein Gesicht, war jedoch wie weggewischt, als er sich ihnen zuwandte. »Zofia, du bist zweifellos auch als junger Mann reizend, aber ohne den Bart gefällst du mir wesentlich besser … Warum ist es so kalt hier? Was habe ich verpasst?«

»Wir haben nur zwanzig Minuten, bevor die gesamte Göttinnen-Installation verschwindet.«

»Wie bitte?«

Während Zofia die Situation erläuterte, begutachtete Enrique die Statuen in ihren Nischen. Sie ähnelten sich auf seltsame Art. Seinen Informationen zufolge stammten sie aus verschiedenen Tempeln rund um den Globus … und doch trugen sie alle die fließenden Marmortuniken hellenischer Gottheiten … nur eine nicht. Sonst waren alle nahezu identisch, bis auf die Gegenstände, die sie zierten – Lyren, Masken, Schriftrollen oder Kräuterzweige.

»Merkwürdig. Ich dachte, wir würden auf Parvati und Ischtar, Freya und Isis treffen … aber diese Göttinnen hier … sie wirken alle so austauschbar.«

»Erspar uns die Kunstvorlesung, mon cher«, bat Hypnos. »Konzentrieren wir uns darauf, wo die Tezcat-Brille stecken könnte.«

»Im Inneren einer der Göttinnen«, schlug Zofia vor.

Enrique musterte die Sammlung. »Eher nicht. Ich weiß doch, wie die Geheimverstecke des Gefallenen Hauses funktionieren. Dahinter steckt immer irgendein Rätsel. Und die Mitglieder hätten nichts konstruiert, was die Zerstörung ihres Besitzes zur Folge hätte.«

»Kälte ist die Ausgangslage«, murmelte Zofia.

»Ich w-würde sagen, das ist re-l-lativ of-fensichtlich, ma ch-chère«, antwortete Hypnos mit klappernden Zähnen.

»Verändern wir also diesen Faktor. Fügen Wärme hinzu.«

Zofia schälte sich aus ihrem Sakko und riss mit einem Ruck das Futter heraus.

Hypnos schrie auf. »Das ist Seide!«

»Nicht ganz – das ist Soie de Chardonnet«, verbesserte Zofia und zog ein Streichholz hinter ihrem Ohr hervor. »Eine hoch entzündliche künstliche Seide, die im Mai auf der Weltausstellung präsentiert wurde. Eignet sich nicht für die Massenproduktion. Aber hervorragend für Fackeln.«

Sie entzündete das Hölzchen und hielt es an den Stoff, der sofort aufloderte. Die Luft wurde merklich wärmer. Doch weder an den Wänden noch in den Mienen der Statuen tat sich etwas. Die Chardonnet-Seide brannte wie Zunder, sie würde nicht lange reichen. Eher würde Zofia sich verletzen.

»Zofia, ich glaube, du hast dich getäuscht. Vermutlich bringt Hitze nichts.«

»Da wäre ich mir nicht so sicher …« Hypnos nahm Enriques Gesicht in die Hände und neigte es sanft in Richtung Boden. Die dünne Schicht Reif auf dem Marmor taute, und etwas Silbriges kam darunter zum Vorschein, wie Buchstaben. »Vielleicht«, fuhr Hypnos fort, »hättet ihr euch den Göttinnen einfach zu Füßen werfen sollen.«

»Natürlich«, erwiderte Enrique und sank auf die Knie. »Der Boden.«

Zofia hielt ihre Fackel tiefer und allmählich fügten die Lettern sich zu einem rätselhaften Satz zusammen:

LIEBEVOLL VERSIEGELTE LIPPEN

ZEUGEN VON GEHEIMNISSEN

EINST BEKANNT

Séverin

Séverin hatte sieben Väter, aber nur einen Bruder.

Sein vierter und ihm liebster Vater war Maßlosigkeit. Maßlosigkeit war ein freundlicher Mann mit vielen Schulden – was es gefährlich machte, ihn zu lieben. Tristan zählte stets die Minuten, die er fort war – aus Angst, er könnte sie verlassen –, ganz gleich, was Séverin auch tat, um ihn zu beruhigen. Nach Maßlosigkeits Beerdigung fand Séverin einen dreckverschmierten Brief unter seinem Schreibtisch.

Meine kleinen Goldgruben, es tut mir außerordentlich leid, aber ich werde mein Amt als euer Vormund nicht länger ausüben können. Ich habe um die Hand einer reizenden reichen Witwe angehalten, die nicht wünscht, Kinder um sich zu haben.

Séverin hielt den Brief fest umklammert. Wenn Maßlosigkeit bald heiraten wollte, warum hatte er sich dann mit Rattengift das Leben genommen? Ein Gift, das nur im Gewächshaus aufbewahrt wurde, um Schädlinge fernzuhalten. In einem Gewächshaus, das Maßlosigkeit so gut wie nie betrat, Tristan hingegen liebte.

»Du hast ja noch mich«, hatte Tristan bei der Beerdigung gesagt.

Ja, dachte Séverin. Aber war sein kleiner Bruder wirklich die Person, die er vorgegeben hatte zu sein?

WÄHREND DIE TROIKA durch die Straßen von Sankt Petersburg rumpelte, holte Séverin Tristans Taschenmesser hervor. Eine schimmernde Ader mit Goliaths betäubendem Gift verlief entlang der Schneide. Wenn er das Messer berührte, bildete er sich ein, über weiche Federn zu streichen, über Rückstände von Tristans Gewalttaten. Doch dann erinnerte er sich an Tristans breites Grinsen und seine klugen Witze. Es passte einfach nicht zusammen. Wie konnte jemand so viel Liebe und zugleich so viel Finsternis in seinem Herzen tragen?

Die Troika kam zum Stehen. Durch die zugezogenen Samtvorhänge vernahm er Gelächter, Violinenklänge und das glockenhelle Klirren von Gläsern.

»Wir haben soeben das Mariinskij-Theater erreicht, Monsieur Montagnet-Alarie«, schallte es vom Kutschbock her.

Séverin steckte das Messer in eine Innentasche seines Sakkos. Sie war mit Stahl ausgekleidet, damit er sich nicht aus Versehen verletzte. Bevor er ausstieg, schloss er die Augen und rief sich das Bild von Roux-Joubert in den Katakomben ins Gedächtnis. Ihm tropfte Ichor von den Lippen, das goldene Blut der Götter. Und Séverin spürte abermals, wie die schwarzen Federn aus seinem Rücken sprossen, die Flügel sich an seine Schultern schmiegten, wie ihm Hörner wuchsen. Und er spürte diesen unverkennbaren Rausch der Unbesiegbarkeit. Der Göttlichkeit. Ob gut oder schlecht, kümmerte ihn nicht. Er wollte mehr davon.

Im Inneren des Mariinskij-Theaters stolzierte die ruhmreiche Elite Sankt Petersburgs auf und ab und vertrieb sich die Zeit vor Beginn der Aufführung. Am Eingang drehte sich eine geschmiedete Eisskulptur langsam um sich selbst. Sie sah aus wie Snegurotschka, das Schneemädchen aus den russischen Märchen. Das Kleid mit den Eissternen und Kristallperlen funkelte im Licht und erzeugte Frostmuster auf dem roten Teppichboden. Frauen trugen Kokoschniks mit Goldapplikationen und Schwanenfedern und kicherten hinter vorgehaltenen blassen Händen. Ambradüfte vermischten sich mit Tabakrauch und Salz, gelegentlich versetzt mit einem metallischen Hauch von Schnee. Zwei Frauen in Pelzen aus Hermelin und Zobel gingen an ihm vorüber. Er schnappte Fetzen ihres Geschwätzes auf.

»Ist das der Hotelier aus Paris?«, wisperte die eine. »Wo er wohl sitzen wird?«

»Starr ihn nicht so an, Jekaterina«, ereiferte sich die andere. »Gerüchten zufolge wärmt ihm heute Nacht irgend so eine Cabaret-Diva oder Kurtisane das Bett.«

»Ich für meinen Teil sehe niemanden an seiner Seite«, gab die Erste hochnäsig zurück.

Séverin beachtete sie nicht weiter und wandte den Blick stattdessen zur Eingangstür aus Elfenbein und Gold. Träge schlichen die Sekunden dahin. Séverin drehte an dem diamantenen Siegelring, der an seinem kleinen Finger steckte. Laila würde es ihm übel nehmen, dass er sie so herbeizitierte, aber sie ließ ihm keine Wahl. Sie hatten sich bereits vor fünfzehn Minuten hier treffen wollen. Séverin sah sich im Foyer um. Ein Kellner in einem glänzenden silbernen Sakko trug auf einem Tablett einige aus Eis geformte, verzierte Gläser mit Schwarzpfefferwodka, daneben Porzellantellerchen mit Zakuski: Essiggurken und glasig schimmernder Fischrogen, Fleischhäppchen in Aspik und dicke Scheiben Roggenbrot.

Ein Mann mit einem Hermelinkragen fing seinen Blick auf und sah ebenfalls zum Eingang. Er schenkte ihm ein wissendes Lächeln, nahm zwei Gläser vom Tablett und reichte Séverin eins davon.

»Za ljubow!«, sagte er beschwingt und kippte den Wodka herunter. Dann senkte er die Stimme. »Das bedeutet ›Auf die Liebe‹, mein Freund.« Er zwinkerte und schaute wieder zur Tür. »Auf dass sie bald erscheinen möge.«

Séverin leerte das Getränk in einem Zug. Es brannte sich einen Weg durch seine Kehle. »Oder lieber darauf, dass sie niemals wieder erscheinen möge.«

Verwirrt sah der Mann ihn an, doch ehe er etwas erwidern konnte, verkündete ein Ansager oberhalb der gewundenen goldenen Treppe: »Meine Damen und Herren, darf ich Sie bitten, Ihre Plätze einzunehmen!«

Die Menschenmenge setzte sich in Bewegung und Séverin schlenderte langsam hinterdrein. Laila war noch immer nicht da. Offensichtlich trieb sie ihn aber selbst in ihrer Abwesenheit in den Wahnsinn. Er meinte, sie aus dem kehligen Gelächter anderer Frauen herauszuhören, wähnte sie hinter einem Fächer, den sie niemals bei sich tragen würde. Er dachte, sie durch das verschwommene Gold eines schwebenden Kandelabers dabei ertappt zu haben, wie sie mit der bronzefarbenen Hand über jemandes Sakko strich. Nur handelte es sich kein einziges Mal um sie.

Im Zuschauerraum glitten goldene Champagnerlüster über die Köpfe der Gäste hinweg, die mit einer flinken Handbewegung volle Gläser auf sich zuschweben ließen. Ein Schmiedekünstler hatte die Stickereien auf den roten Seidenvorhängen über der Bühne so bearbeitet, dass die Fäden sich immer neu zu schwimmenden Kois verwoben. In Séverin regte sich ein Drang, den er noch aus seiner Kindheit kannte. Er wollte das Publikum beobachten, dessen Blicken folgen. Das Staunen darin sehen. Doch er unterdrückte den Impuls.

Séverin schaute zu der leeren Loge nebenan. Der Kunsthändler Michail Wassiljew musste jeden Moment auftauchen. Ungeduldig tippte er mit dem Fuß auf den Boden und stieß kurz darauf einen leisen Fluch aus. Etwas von dem Magnetresistenzpuder, mit dem Zofia ihre Schuhe überzogen hatte, hinterließ eine feine Staubspur auf dem Holzboden. Er sah hinunter auf den diamantenen Siegelring an seiner Hand, der mit Lailas Kette verbunden war, und runzelte die Stirn. Entweder funktionierte er nicht, oder sie hatte sich entschieden, ihn einfach zu ignorieren.

Als er hörte, wie eine Tür aufging, setzte Séverin sich aufrechter hin. Er rechnete fest damit, dass es Laila war. Das Geräusch war jedoch nicht aus ihrer Loge gekommen, sondern aus der von Wassiljew. Zwei bewaffnete Männer tauchten nebenan auf. Ihre Ärmelaufschläge waren hochgekrempelt. Darunter leuchtete im Licht der Gaslampen scharlachrot das Blutschmiedetattoo, das ihnen Zutritt zu Wassiljews Privatsalon in der unteren Etage gewährte. Ein kleines Symbol, ein Apfel, blitzte auf, doch da wandten sich die Wachen auch schon wieder ab und sahen sich prüfend um.

»Warum sitzt er heute nicht in der üblichen Loge?«, murmelte der eine.

»Seine wird gerade instand gesetzt«, sagte der Zweite. »Sie haben sogar den Salon unten restauriert. Mussten irgendwelche Metallpfosten in den Ecken anbringen oder so ähnlich.«

Der andere Wachmann nickte. Dann schnaubte er verächtlich und scharrte mit einem Schuh über den Boden. »Machen die hier gar nicht mehr sauber? Sieh dir mal den ganzen Baustaub an. Igitt.«

»Das alles wird Wassiljew gar nicht gefallen. Er ist heute Abend eh ziemlich nervös.«

»Nun ja, theoretisch hat er auch allen Grund dazu. Schließlich wurde der Löwe aus Veritgestein am Eingang gestohlen. Er weiß nur noch nichts davon, also kein Sterbenswörtchen zu ihm.« Der Mann schüttelte sich. »Er ist momentan so schon kaum zu ertragen.«

Séverin lächelte in sein Glas.

Einer der Wachmänner griff nach der Flasche Champagner, die in einem Eiskübel vor sich hin schwitzte.

»Wenigstens hat das Mariinskij-Theater an eine prickelnde Entschädigung gedacht.«

Der Zweite grunzte.

Dann gingen die beiden hinaus, zweifellos um Wassiljew zu versichern, dass alles im Lot war. Derweil verwandelte sich der gestickte Koi auf dem Vorhang in eine kunstvolle 5.

Noch fünf Minuten, bis die Vorstellung begann.

Wieder öffnete sich Wassiljews Tür. Séverin krallte die Finger in die Armlehnen. Erst als sie ins Schloss fiel, wurde ihm klar, dass es dieses Mal nicht die Loge des Kunsthändlers gewesen war, sondern seine. Plötzlich schwängerte der Duft von Rosenwasser und Zucker die Luft.

»Du bist spät dran«, sagte er.

»Verzeih mir, Séverin, dass du so lange in sehnsüchtiger Erwartung ausharren musstest«, erwiderte Laila gelassen.

Früher hätte sie ihn Majnun genannt, doch das schien eine Ewigkeit zurückzuliegen.

Er betrachtete sie. Heute Abend trug sie ein prachtvolles goldenes Abendkleid. Unzählige verlockende Schleifen zierten ihre Taille. Ihr Haar war hochgesteckt und in ihren Locken prangte ein Kopfschmuck mit goldenen Federn, der aussah wie eine kleine Sonne. Sein Blick wanderte über ihr Gesicht weiter hinab zu ihrem Hals. Er war nackt.

»Wo ist deine Kette?«

Sie schnalzte mit der Zunge. »Tss, Diamanten zu einem glänzenden Kleid wären ein bisschen zu viel des Guten. Unsere Abmachung gibt dir vielleicht das Recht, zu bestimmen, wer mein Bett teilt, aber was ich anziehe, bestimme immer noch ich. Abgesehen davon treten wir heute zum ersten Mal zusammen in der Öffentlichkeit auf. Eine protzige Diamantkette schreit doch geradezu, dass ich nach deiner Pfeife tanze, weil ich dafür bezahlt werde. Dabei ist es nun wirklich kein Geheimnis, dass eine Frau wie ich außerhalb des Cabarets nur an der Seite eines wohlhabenden Mannes existieren kann. Dein Halsband wäre für heute Abend reichlich übertrieben.«

Den letzten Teil äußerte sie in einem bitteren Tonfall, denn es stimmte. Frauen wie Laila konnten sich in dieser Welt nicht frei bewegen – was die Welt zu einem tristeren Ort machte.

»Oder bist du der Meinung, ich treibe es mit meiner Garderobe zu weit?«, fragte sie mit hochgezogenen Brauen. »Wäre dir die Diamantkette zu einem weniger auffälligen Gewand lieber gewesen?«

»Es geht nicht um deine Aufmachung. Es geht darum, den Schein zu wahren«, sagte er gepresst. »Ich habe von dir erwartet, dass du die Loge mit mir zusammen betrittst, und ich erwarte von dir, dass du deine Kette stets bei dir trägst, so wie ich meinen Schwur.«

In diesem Moment öffnete sich der Vorhang und Ballerinen in weißem Tüll wirbelten über die Bühne. Die geschmiedeten Lichter erfassten Lailas Kleid und verwandelten den Saum in geschmolzenes Gold. Séverin ließ den Blick über die Zuschauer schweifen und stellte zu seinem Ärger fest, dass einige von ihnen sich ihrer Loge zugewandt hatten und Laila anstarrten. Zu spät bemerkte er, dass Lailas Hand die Lehne zwischen ihnen überwunden hatte und auf seinem Arm ruhte. Er zuckte zurück.

»Reagiert man so etwa auf das Mädchen, das man liebt?«, fragte sie. »Meine Berührung wirst du doch wohl noch erdulden können.«

Laila beugte sich zu ihm herüber, und Séverin blieb nichts anderes übrig, als sie zu betrachten: den eleganten Schwung ihres Halses, die vollen Lippen und die Augen eines jungen Schwans. Früher, als sie einander noch vertraut hatten, hatte sie ihm erzählt, dass sie wie eine Puppe zusammengesetzt worden war. Als wäre sie dadurch weniger echt. Diese Bestandteile – die Lippen, die er nachgezeichnet, ihr Hals, den er geküsst, ihre Narbe, die er berührt hatte – waren von erlesener Schönheit. Aber das war es nicht, was sie ausmachte. Was sie ausmachte, war ihre Wirkung auf andere. Sobald sie einen Raum betrat, richteten sich alle Blicke auf sie, als wäre sie eine Attraktion, die die Welt noch nie gesehen hatte. Was sie ausmachte, waren ihr verständnisvolles Lächeln, die Wärme ihrer Hände, der Zucker in ihrem Haar.

Ebenso unvorhersehbar wie diese Gedanken drängten sich ihm nun die Erinnerungen an gerupfte Flügel und Ichor auf, an den ersterbenden Glanz in Tristans Augen und Lailas rasenden Herzschlag. Taubheit kroch durch seinen Körper und ließ alles gefrieren, bis er nichts mehr fühlte.

»Ich liebe dich nicht«, sagte er knapp.

»Dann tu einfach so«, flüsterte sie, legte ihm die Hände an die Wangen und zog ihn zu sich.

Sie war ihm so nah, dass er dachte, sie würde …

»Ich habe die Mäntel im Foyer gelesen, um Wassiljews Sicherheitsvorkehrungen auf die Spur zu kommen«, wisperte sie. »Wassiljew postiert immer zwei Wachmänner vor dem Privatsalon. Einer davon ist bewaffnet, der andere hat das Blutschmiedetattoo, um den Raum zu betreten. Der mit dem Tattoo ist einer meiner … Bewunderer.« Séverin entging nicht, wie sich ihre Lippen bei diesen Worten angewidert kräuselten. »Hypnos hat einige Wachen von Haus Nyx beauftragt, die Besucher von dort fernzuhalten. Ein paar von ihnen sind als Wassiljews Personal getarnt.«

Séverin nickte und entzog sich ihr. Er hasste es, ihr so nah zu sein.

»Das war noch nicht alles«, zischte sie.

»Wir ziehen zu viel Aufmerksamkeit auf uns. Erzähl’s mir später.«

Laila verstärkte den Griff um seine Hand, und Séverin war, als würde sie ihn verbrennen. Ihm reichte es. Er umfasste Lailas Kopf und spürte den Puls an ihrem warmen Hals, als er sich über sie beugte. Ihr Atem stockte.

»Jetzt treibst du es definitiv zu weit«, sagte er und ließ sie los.

NACH SECHZIG MINUTEN wurde die Pause angekündigt.

Der Vorhang schloss sich. Séverin lauschte, ob Wassiljew in der Loge nebenan sich erheben würde.

»Ich habe genug gesehen.«

Es war das erste Mal, dass Séverin ihn sprechen hörte, und er klang nicht wie erwartet. Wassiljew war ein breitschultriger Mann mit dunklem Haar und angegrauten Schläfen. Er machte einen kräftigen Eindruck, trotzdem war seine Stimme dünn, beinahe zart. Um seinen Hals lag eine Goldkette, an deren Ende die Linse der Tezcat-Brille funkelte.

Laila stand auf, die Hand auf Séverins Schulter. Sie zog das Halsband der L’Énigme aus dem Dekolleté, legte es an und berührte es sacht. Sofort breitete sich der Kopfschmuck aus Pfauenfedern über ihr Gesicht, verdeckte ihre Augen und die Nase und ließ nur den Blick auf ihren Mund frei – eine sinnliche Verheißung.

Ihr kokettes Lächeln schien den Menschen um sie herum Alibi genug, als sie sich kurz darauf aus der Menge lösten, hinunter zu den Dienstbotengängen schlichen und in einen dunklen Flur einbogen, der abseits des Foyers lag.

Den Eingang zu Wassiljews Privatsalon bildeten zwei dreieinhalb Meter große Marmorhände, die zum Gebet aneinandergelegt waren. Wurde jemandem Zutritt gewährt, glitten die Handflächen wie Türflügel auseinander. Séverin betrachtete das Portal. Bei allen Akquisitionen war es das Gleiche. Jedes Versteck enthielt eine geheime Botschaft, von der der Eigentümer hoffte, sie würde ihn überdauern. Der Kniff an der Sache war, den Zusammenhang zu verstehen. Bei Wassiljews Aufenthaltsraum war es nicht anders. Man hätte denken können, die Hände repräsentierten einen Gast, der Wassiljew gegenüber seine Demut zum Ausdruck brachte. Doch Séverin vermutete, das genaue Gegenteil war der Fall. Die Türen ragten so weit hinauf, dass sie jeden Menschen – ungeachtet dessen Statur – klein erscheinen ließen. Die Geste wirkte entschuldigend. Für Séverin glich sie einem öffentlichen Schuldbekenntnis. Womöglich war es die gleiche Schuld, die Wassiljew dazu veranlasste, die Tezcat-Linse des Gefallenen Hauses stets bei sich zu tragen. Als Andenken an seine verstorbene, geliebte Ballerina.

Séverin begutachtete die beiden Wachposten. Der eine hatte ein Bajonett geschultert, und so, wie er das Gewicht auf eine Seite verlagerte, tippte Séverin auf ein verletztes Bein. Der andere hielt die Hände locker vor dem Körper verschränkt. Als er Laila entdeckte, grinste er schmierig.

»Mademoiselle L’Énigme!«, sagte er und neigte den Kopf. »Ich habe gehört, dass Sie heute Abend hier sein würden.«

Er nahm kaum Notiz von Séverin, der hinter Laila stand.

»Was verschafft uns die Ehre?«

Laila lachte. Ein schrilles, falsches Lachen.

»Wie mir mitgeteilt wurde, erwartet mich einer meiner Bewunderer in diesem Salon und wünscht, mir persönlich Guten Abend zu sagen.«

»Ach, Mademoiselle, ich würde ja gern …« Der Wachmann grinste anzüglich. »Aber ohne das hier ist es Ihnen leider nicht gestattet, einzutreten.« Er hob die Hand und offenbarte das apfelförmige Blutschmiedetattoo. »Oder haben Mademoiselle womöglich irgendwo eins versteckt?«

Sein Blick wanderte ihren Körper hinab, und Séverin verspürte das dringende Bedürfnis, ihm das Genick zu brechen.

»Sie dürfen das gern überprüfen«, erwiderte Laila schmeichelnd.

Der Wachmann machte große Augen. Er richtete seinen Kragen und ging auf sie zu. Laila hob den Saum ihres Kleides und streckte ihr bronzefarbenes Bein zur Begutachtung hervor. Séverin zählte von zehn rückwärts.

9 …

Der Mann führte eine Hand an ihren Oberschenkel.

7 …

Die andere steuerte auf ihre Hüfte zu. Laila lachte gekünstelt.

4 …

In dem Moment, als er zupackte, zog Laila ein Messer und setzte es ihm an den Hals. Unnütz stand Séverin mit seinem eigenen dahinter.

»Hilfe!«, rief der Wachmann seinem Kollegen zu.

Doch der machte keinerlei Anstalten, sein Bajonett zu zücken.

»Halt mir dieses Weibsstück vom Leib!«

Mit erhobenem Messer trat Séverin vor. »Ich fürchte, der arbeitet nicht für Sie, sondern für uns.«

Laila presste die Klinge fester an die Haut des Mannes.

»Wenn Sie mich umbringen, kommen Sie nicht hinein.« Er fing an zu schwitzen. »Sie brauchen mich.«

»Falsch«, sagte Laila. »Wir brauchen nur Ihre Hand.«

Seine Augen weiteten sich. »Nicht, bitte …«

Laila sah zu Séverin. Der hob das Messer höher.

»Nein …«

Séverin ließ seine Hand niedersausen, änderte aber im letzten Moment den Winkel und schlug dem Mann mit dem Griff auf den Hinterkopf. Der sackte in sich zusammen.

»Widerlicher Typ«, zischte Laila und steckte ihr Messer wieder ein. Als sie Séverins Blick bemerkte, zuckte sie nur die Achseln. »Ich wollte dir noch sagen, dass ich ihn auch alleine außer Gefecht setzen kann. Aber du wolltest mir ja nicht zuhören.«

Dazu fiel Séverin nichts mehr ein.

Mithilfe der Wache von Haus Nyx schleiften sie den Bewusstlosen zum Eingang und hielten sein Handgelenk mit dem Blutschmiedetattoo an die dafür vorgesehene Stelle. Als sich die Türflügel ruckelnd öffneten, ließ Séverin den Mann auf den Boden plumpsen.

Er warf der anderen Wache einen Blick zu. »Bereite die Hochzeitskutsche vor.«

Der nickte und eilte davon.

Im Inneren des Salons hingen opulente Vorhänge, Porträts einer rothaarigen Ballerina zierten die lakritzschwarzen Wände. Wassiljew saß an einem Schreibtisch und schien zu zeichnen. Beim Anblick von Laila und Séverin stürzten seine Männer vor.

»Ziemlich staubig hier drin, nicht?«, fragte Séverin.

Er drückte auf den mit den Magneten verbundenen Siegelring von Zofia. Sofort flogen die Wachen rücklings in die vier Ecken des Raumes.

Früher an diesem Tag hatten sich einige ihrer Leute als Handwerker ausgegeben, unter Zofias Anleitung ein paar kräftige Magnetpfosten aufgebaut und etwas von dem Resistenzpuder unter dem Schreibtisch verteilt.

Mit blassem Gesicht starrte Wassiljew sie an.

»Aber wie …?«

»Magnete«, sagte Séverin mit einem grimmigen Lächeln. »Faszinierend, nicht wahr? Es reichen winzige magnetische Partikel auf einem Schuh, um der Anziehung standzuhalten. Und jetzt: Ihre Kette samt Linse, wenn ich bitten darf.«

Er hätte erwartet, dass Wassiljew die Forderung verwirrte. Stattdessen jedoch neigte der Mann sein Haupt. Sein gesamter Körper drückte Schuld aus. Ebenjene Schuld, die Séverin zuvor bereits in der Gestaltung des Eingangs erkannt hatte.

»Ich wusste, dass dieser Moment irgendwann kommen würde.«

Séverin runzelte die Stirn und wollte gerade etwas sagen, da griff Wassiljew zu einem Champagnerglas, trank es in einem Zug leer und schüttelte sich. Er wischte sich mit dem Ärmel über den Mund.

»Begnadet der, der seine Bürde kennt«, sagte Wassiljew. Sein Blick wanderte zu dem Champagner. »Sehr freundlich von Ihnen, mit der Geistschmiedekunst veredelten Champagner bereitzustellen. Er befreit von jeglichen Schuldgefühlen, obwohl mir ohnehin wenige Menschen geblieben sind, denen ich heutzutage Rede und Antwort stehen muss.«

Wassiljew löste die Kette von seinem Hals. Seine Bewegungen wirkten fahrig. Die Tezcat-Linse funkelte hell im dunklen Raum. Sie war so groß wie ein gewöhnliches Monokel und eingefasst in etwas, das aussah wie ein Schlüssel. Er legte sie auf die Tischplatte. Allmählich senkten sich seine Lider.

»Sie ist unberechenbar, müssen Sie wissen«, sagte er matt. »Sie wird Sie finden. Und dann wird sie endlich zur Vernunft kommen.«

Das Kinn sackte ihm auf die Brust, als er das Bewusstsein verlor. Laila sah zu Séverin, das Entsetzen stand ihr ins Gesicht geschrieben.

»Von wem redet er?«

Doch darauf wusste auch Séverin keine Antwort.

Zofia

Zofia zog das nun futterlose Sakko wieder an und riss einen der Phosphoranhänger von ihrer Kette.

Während der letzten Monate hatte sie die Formel perfektioniert und musste ihn jetzt lediglich dicht an ein Objekt halten, um herauszufinden, ob sich dahinter ein verborgenes Portal befand. Nacheinander hob sie den Anhänger an alle Statuen, doch nirgendwo leuchtete er auf.

Für das, was hier versteckt war, gab es andere Vorsichtsmaßnahmen. Zofia runzelte die Stirn. Sie zitterte. Arktische Luft umgab sie. Plötzlich erblühte ein weißer Fleck an der Tür, wuchs, übertünchte die Goldverzierungen auf den Fliesen und kroch die Wände hoch. Sobald das Weiß die Göttinnen erreichte, zogen sie sich langsam, aber unaufhaltsam in ihre Nischen zurück. In ein paar Minuten wären sie vollkommen verschwunden. Selbst das Rätsel auf dem Boden verblasste allmählich.

LIEBEVOLL VERSIEGELTE LIPPEN

ZEUGEN VON GEHEIMNISSEN

EINST BEKANNT

Damit konnte Zofia erst einmal nichts anfangen, doch in Enriques Augen bemerkte sie einen neuen Glanz. Rechts neben ihm stand Hypnos und fuhr sich grübelnd über die Lippen. »Darauf kann ich mir wirklich keinen Reim machen«, verkündete er.

»Dann behalte du die Zeit und die Tür im Blick«, antwortete Enrique und näherte sich den Skulpturen. »Der Kammerdiener meinte, wir hätten zwanzig Minuten. Zofia?«

Zofia befestigte ihren Anhänger wieder an der Kette. »Kein Anzeichen für ein Tezcat-Portal. Falls es eins gibt, dann ist es außergewöhnlich gut getarnt.«

Enrique lief langsam auf und ab. Zofia kramte in den Taschen ihres Sakkos und brachte noch mehr Chardonnet-Seide, eine Streichholzschachtel und eine Garnitur kleiner Meißel zum Vorschein, nebst einem geschmiedeten Eisstift, der Wasser aus der Luft sog und gefrieren ließ. Zofia nahm den Raum genauestens unter die Lupe, aber keiner der Gegenstände schien ihr besonders zweckmäßig.

»Ich h-hätte ein Z-Zeichen v-vermutet, einen H-Hinweis auf den Schatz.« Hypnos blies in die Hände, um sich aufzuwärmen.

»Wie ein X auf einer Schatzkarte?«, fragte Enrique.

»Das wäre durchaus hilfreich.« Vor Empörung vergaß Hypnos, mit den Zähnen zu klappern. »Jemand sollte diesem Schatz mitteilen, dass er unsere Geduld auf eine unangemessen harte Probe stellt. Der Einfachheit halber hätte man ihn ja wenigstens in einer der Göttinnen verstecken können. Stattdessen kredenzt man uns hier seltsame Lippenrätsel.«

»Phönix, hattest du schon mehr Glück? Irgendetwas Neues entdeckt?«, wandte Enrique sich an Zofia.

»Glück ist nutzlos.«

»Na schön, dann eben Erfolg?«

»Nein.«

»Mythologisch gesehen suchen wir etwas, das Dinge hüten oder verbergen soll. Wir haben zehn Göttinnen. Vielleicht erzählt man sich über eine von ihnen Geschichten, in denen es darum geht, etwas zu verstecken?«

»Und woran erkennen wir, um welche Göttin es sich handelt?«, fragte Hypnos.

»Ikonografie.« Enrique musterte die Statuen. Für Zofia sahen sie alle gleich aus, bis auf die Gegenstände in ihren Händen.

Plötzlich schnipste Enrique mit den Fingern. »Natürlich! Das sind die neun Musen aus der griechischen Mythologie, die Göttinnen der Künste. Dass ich da nicht gleich drauf gekommen bin! Seht ihr die Lyra?« Er deutete auf eine der Figuren, die eine Art goldene Harfe im Arm hielt. »Das muss Kalliope sein, die Muse der epischen Dichtung. Neben ihr steht Erato, die Muse der Liebeslyrik, mit einer Kithara, und da drüben ist Thalia, die Muse der Komödie, mit ihrer lachenden Theatermaske.«

Zofia betrachtete die Skulpturen mit neuem Interesse. Für sie waren es Meisterleistungen der Schmiedekunst. Marmor, veredelt durch die Gabe der Materie. Doch sonst verrieten sie ihr nichts. Lauschte sie jedoch Enrique, war es, als ginge in ihr ein Licht auf, und sie wollte immer mehr hören.

Vor einer Göttin mit ausgebreiteten Flügeln blieb Enrique stehen. »Seltsam, dass es eine zehnte Statue gibt. Diese hier passt nicht in die Reihe. Warum überhaupt Musen? Vielleicht in Anlehnung an die Sage des Ordens von den Verlorenen Musen?«

»Dieses Kunstwerk stammt aber nicht vom Orden«, erinnerte Zofia ihn.

»Recht hast du.« Enrique nickte nachdenklich. »Und dann ist da diese zehnte Göttin, die keinen Sinn ergibt. Sie ist in der Tat sehr bemerkenswert, seht euch nur die Form –«

»Das ist jetzt nicht der Augenblick, in Verzückung zu geraten«, tadelte Hypnos und deutete auf den Boden. »Wenn ich richtig gezählt habe, sollten wir noch etwa zehn Minuten haben.«

Inzwischen überzog der weiße Hauch fast die Hälfte des Raumes und kroch bereits über die Beine von fünf Statuen.

»Ich glaube, diese hier ist gar keine Göttin«, sagte Enrique. »Ich erkenne keine aussagekräftigen ikonografischen Bezüge. An den Flügeln hat sie etwas Blattgold, aber das will nicht viel heißen. Und ihre Miene ist vollkommen ausdruckslos.«

Zofia rührte sich nicht, doch irgendetwas an der Statue rief ihr die Kindheit mit ihrer Schwester ins Gedächtnis.

»Lasst mich auch mal sehen«, beschwerte sich Hypnos und trat dichter an die Figur heran. Er musterte sie mit gerunzelter Stirn. »Also, wenn ich so aussähe, würde ich mich jedenfalls nicht als Göttin bezeichnen. Nichts an dieser Aufmachung sagt: Kniet nieder, ihr Sterblichen!«

»Das ist auch keine Gottheit … sondern ein Seraph. Ein Engel«, gab Enrique zurück. Er fuhr mit der Hand über Gesicht und Schultern der Statue und dann am Körper hinab.

Hypnos stieß einen Pfiff aus. »Oh, là, là, ganz schön forsch von dir!«

»Ich versuche lediglich, eine Unregelmäßigkeit zu entdecken, einen Mechanismus, der zum Vorschein bringt, was auch immer sie verstecken mag.«

Das Weiß war mittlerweile bis zu der Engelsskulptur vorgedrungen. Es breitete sich zunächst an den Füßen aus und zog den Marmor allmählich zurück in die Wand. Zofias Atem bildete Wölkchen. Je länger sie den Engel betrachtete, desto stärker drängte sich ein Kinderspiel in ihr Bewusstsein, das sie und Hela früher gespielt hatten. Sie hörte ihre Schwester flüstern: Kannst du ein Geheimnis für dich behalten, Zosia?

»Hypnos? Zofia? Irgendwelche Ideen?«, fragte Enrique.

»Liebevoll versiegelte Lippen zeugen von Geheimnissen, einst bekannt«, murmelte Zofia und berührte ihren Mund. Dann trat sie zu den anderen beiden. »Hela und ich hatten früher ein Spiel – es hatte mit einer Geschichte zu tun, die uns unsere Mutter erzählt hat. Sie handelt von Engeln und Kindern: Bevor wir geboren werden, kennen wir alle Geheimnisse des Universums. Doch bei der Geburt legt uns ein Engel einen Finger auf die Lippen, um sie zu versiegeln. Deshalb hat jeder Mensch eine Vertiefung über der Oberlippe.«

Hypnos hob die Brauen. »Hübsche Geschichte …«

Doch Enrique grinste. »Gar nicht so abwegig … es verdeutlicht das Konzept der Anamnesis!«

Zofia blinzelte.

»Klingt wie eine Krankheit«, sagte Hypnos.

»Das ist die Idee des kosmischen Verlusts der Unschuld mit der Geburt. Der Daumenabdruck eines Engels passt doch perfekt zum Rätsel, da die Lippen noch von den Geheimnissen zeugen, die der Engel in uns versiegelt hat. Und zwar buchstäblich liebevoll: Gemeint sind der Amorbogen, nach dem römischen Gott der Liebe, und das Philtrum, von griechisch Liebeszauber. Diese Vertiefung direkt unter der Nase … und über den Lippen! Tatsächlich gibt es in der philippinischen Mythologie Diwata, die –«

»Halt, Enrique, für Vorträge haben wir jetzt wirklich keine Zeit!«, unterbrach Hypnos.

»Ach so, klar, entschuldigt!«

Der weiße Hauch hatte sich inzwischen bis zur Taille des Engels ausgebreitet und die Hände verloren bereits ihre Form. Hastig drückte Enrique seinen Daumen auf die Oberlippe der Statue. Im Inneren des Engels ertönte ein Plätschern wie von Wasser. In der Körpermitte bildete sich ein Spalt und mit einem Mal schwangen die beiden Hälften auf wie eine Geheimtür. Dahinter thronte auf einem schlanken Onyxsockel eine kleine, glänzende Metallkiste, nicht größer als die Spanne von Zofias Hand. Über die Oberfläche zogen sich feine Risse, als wäre das Kästchen vor langer Zeit einmal aus verschiedenen Teilen zusammengeschweißt worden.

»Wir haben es gefunden!«, rief Hypnos triumphierend.

Enrique griff nach der Schatulle, zog … doch sie gab keinen Millimeter nach.

»Warte«, sagte Zofia. Sie hielt ein Pendellicht hoch und beleuchtete das Metall. Winzige Dellen zeigten sich dort, wo Enrique es berührt hatte. Als sie es selbst vorsichtig befühlte, spürte sie das Prickeln ihrer Schmiedegabe in den Fingerkuppen. »Das Kästchen ist aus geschmiedetem, mit Stahl verstärktem Zinn.«

»Ist das etwas Schlechtes?«, fragte Enrique.

Zofia nickte und verzog das Gesicht. »Es bedeutet, meine Zündwerkzeuge sind wirkungslos dagegen. Es ist feuerfest.« Sie besah sich das hohle Innere der Statue genauer. »Interessant. Schalldämmung.« Sie betastete mehrere Schichten Schwamm, Kork und Wolle, mit denen die Skulptur ausgekleidet war. Weshalb musste in dem Engel Stille herrschen?

Ein feines Läuten ertönte aus Hypnos’ Uhr. Er hob den Blick. »Noch fünf Minuten.«

Zofia schnürte sich die Kehle zu. Der Raum wirkte zu klein, zu hell, und er erinnerte zu sehr an das Labor in der Universität, worin man sie eingesperrt hatte –

»Phönix.« Enriques Stimme drang sanft an ihr Ohr. »Bleib bei mir. Was haben wir? Du hast immer irgendetwas Brauchbares dabei.«

Sie überlegte. Chardonnet-Seide war hier fehl am Platz. Neben den übrigen Werkzeugen und Streichhölzern blieb nur noch der Eisstift, ursprünglich dafür gedacht, notfalls die Scharniere der Tür einzufrieren.

»Einen Eisstift«, sagte sie.

»In einem Raum, in dem es bereits eiskalt ist?«, fragte Hypnos. »Fassen wir zusammen: Feuer ist also nutzlos … Eis ist nutzlos … Ich bin nutzlos, wenn wir schon dabei sind …«

»Wir können es nicht einmal vom Sockel entfernen, wie sollen wir es dann zerstören?« Zofia wollte nichts einfallen. Doch in Enriques Augen stahl sich ein irrwitziges Funkeln. »Zerstören!«, wiederholte er.

»Und da geht er hin, der Verstand.« Hypnos seufzte.

»Zofia, gib mir mal diesen Eisstift. Er entzieht der Luft Wasser, richtig?«

Sie nickte und reichte Enrique den Stift. Er zog damit jeden der Risse auf dem Kästchen nach. »Wusstet ihr …«

»Oh nein, jetzt legt er los«, murmelte Hypnos.

»… dass der karthagische Feldherr Hannibal im Jahre 218 vor Christus mit seiner riesigen Armee inklusive fast vierzig Elefanten die Alpen überquerte, um das Herz des Römischen Reiches zu vernichten?« Enrique schüttete das Wasser aus, das der Stift aus der Luft gesammelt hatte. Es versickerte in den Ritzen auf der Oberfläche der Schatulle. »Damals mussten steinerne Hindernisse auf quälende, zeitraubende Art aus dem Weg geräumt werden. Man errichtete Feuer, um die Felsbrocken langsam zu erhitzen, und begoss sie dann plötzlich mit eiskaltem Wasser …«

Er hielt den Stift an die Kiste. Das Metall ächzte. Knacken und Klirren hallte laut durch die stille Kammer. Eis quoll durch die Fugen.

»… wodurch sie gesprengt wurden!«, beendete Enrique seinen Satz.

Da barst die Kiste entzwei. Die scharfen Ränder glänzten feucht.

Enrique griff hinein und zog die Tezcat-Brille hervor. In Größe und Form ähnelte sie ganz gewöhnlichen Sehhilfen, nur war sie deutlich aufwendiger gestaltet. Das Gestell war schießpulvergrau und besaß ein verschlungenes Muster aus Linien, Kugeln und Symbolen. Man konnte es wie ein Diadem um den Kopf legen. Von den eckigen Gläsern war nur eines vorhanden, das andere fehlte.

Hypnos grinste und applaudierte. »Sehr gut, ihr beiden! Obwohl ich persönlich es höchst bemerkenswert finde, dass diesmal die Ingenieurin eine Geschichte erzählt und der Geschichtenerzähler den Ingenieur gespielt hat.«

»Geschichtswissenschaftler, nicht Geschichtenerzähler.«

»Geschichte, Geschichten erzählen …« Hypnos wedelte mit der Hand. »Quelle est la différence?«

Erneut bimmelte seine Uhr. Zeitgleich verschmolz die Engelsstatue vollständig mit der Wand. Nun standen sie in einem leeren Raum aus reinstem weißen Marmor. Zofia sah sich gründlich um, doch die Wände in den Nischen waren vollkommen glatt. Keine Spur mehr von den Musen.

»Tja, die Zeit ist um«, sagte Hypnos. »Außerdem sollte man zu einer Hochzeit nicht zu spät zu kommen. Das wäre unhöflich.«

»Du musst zurück in die Reisetruhe.«

»Uff.«

»Entweder das, oder –«

Da öffnete sich die Tür. Herein kam der Kammerdiener mit einem Tablett voller Erfrischungen.

»Ich nahm an, Sie hätten vielleicht …« Er hielt inne, als er Hypnos und den geöffneten Schrankkoffer bemerkte.

»Ich habe dir doch gesagt, du sollst die Tür im Auge behalten!«, zischte Enrique.

»Das habe ich ganz vergessen!«

»Wer in drei Teufels Namen ist das?«, herrschte der Mann. »Wachen!«

»Lauft!«, schrie Enrique.

Die drei sprinteten aus dem Göttinnensaal. Hinter sich hörte Zofia das Tablett klirrend zu Boden stürzen und den Kammerdiener fluchen. In Windeseile rannten sie durch das Herrenhaus, und für einen kurzen Moment war Zofia wie in einem Rausch, in dem alles möglich schien.

Enrique warf ihr einen Blick zu. Seine Wangen waren gerötet und er zog einen Mundwinkel hoch. Zofia erkannte den Ausdruck – so lächelte Laila, wenn sie ihr ein extra Plätzchen zusteckte. Verschwörerisch, als teilten sie ein Geheimnis. Es erfüllte sie mit Dankbarkeit … und gleichzeitig verwirrte es sie. Denn ihr war nicht klar, um welche Art Geheimnis es sich hier handelte.

Am Ende des Flurs winkte die Freiheit, jenseits der breiten Eingangstür. Hypnos erreichte sie als Erster, legte die Hand auf den Griff. Draußen hörte Zofia Hochzeitsgeläut und Hufgetrappel und das Schrammen von Kutschenrädern auf den vereisten Straßen.

Hinter ihr ertönte ein Poltern, dann ein Schlittern und Kratzen. Enrique, der vor ihr lief, warf einen Blick über die Schulter und wurde blass. Hypnos rüttelte an der Klinke. »Verdammt.«

»Hunde! Scheiße!«, rief Enrique.

»Nicht der Fluch, den ich für diese Situation gewählt hätte, aber –«

»Nein, echte Hunde! Beeil dich!«

Zofia sah sich nun ebenfalls um. Ihr Gehirn brauchte eine Millisekunde, um den Anblick zu verarbeiten, bevor die Angst einsetzte: Vier gigantische weiße Tiere jagten auf sie zu.

»Geschafft!«, jubelte Hypnos.

Die Tür schwang auf. Vage spürte Zofia Hypnos’ Hand, die sie am Arm packte. Mit einem kräftigen Ruck zog er sie in die eisige Sankt Petersburger Nacht. Hinter ihnen fiel die Tür ins Schloss, während die Kälte sie traf wie ein Faustschlag.

Auf der Anglijskaja Nabereschnaja erklangen die Hochzeitsglöckchen an fünfzehn weißen Troikas, die von je drei Apfelschimmeln gezogen wurden. Geschmiedetes Feuerwerk schwirrte in den Himmel, explodierte und formte Bilder von Braut und Bräutigam, brüllenden Bären und eleganten Schwänen, die in der Dunkelheit verglühten.

»Da vorne«, sagte Enrique.

Eine der Kutschen wies einen schwarzen Streifen in der Mitte auf. Gerade als sie vor ihnen um die Ecke bog, öffnete sich die Tür des Herrenhauses. Enrique fluchte lauthals. Er hatte das Trottoir erreicht und winkte wie verrückt der Troika, doch sie wurde nicht langsamer. Lautes Knurren drang an Zofias Ohren.

»Wir schaffen es nicht rechtzeitig!«, japste Hypnos. Sein Gesicht glänzte vor Anstrengung.

Blitzschnell riss Zofia einen der Phosphoranhänger von ihrer Kette und schleuderte ihn den Hunden entgegen. Gleichzeitig zwang sie dem metallischen Objekt ihren Willen auf: Entzünde dich.

Flammen züngelten empor und die Wachhunde winselten. Eine Feuersäule schnitt ihnen den Weg ab. Die riesigen Pfoten kratzen über den Boden, als die Tiere panisch kehrtmachten.

Am Ende des Grundstücks kam die Troika endlich schlitternd zum Stehen, während die restlichen Kutschen sie umfuhren und überholten. Zeitgleich mit dem Wagenschlag öffnete sich erneut die Haustür. Hastig kletterten Hypnos und Enrique ins dunkle Innere des Gefährts. Zofia ergriff das Geländer, spürte Lailas warme Hände und ließ sich auf die Sitzbank ziehen.

Etwas abseits saß Séverin. Er mied ihre Blicke, klopfte zweimal gegen das Wagendach und schon rasten sie davon. Zofia schaute aus dem Fenster. Die Flammen erloschen. Der Kammerdiener und einige Wachen waren nach draußen gerannt. Doch ihre Troika hatte aufgeholt und war nun wieder Teil der Hochzeitsprozession.

Hypnos legte sich quer über die Bank, den Kopf in Lailas Schoß, die Beine auf Enriques Oberschenkeln. Aus irgendeinem Grund war Zofia neugierig, wie Enrique sich verhielt, wenn Hypnos ihm so nah war. Sie hatte die Szene nicht vergessen, deren Zeugin sie vor ein paar Monaten geworden war. Die Erinnerung beunruhigte sie, drängte sich ihr auf: der Kuss, Berührungen ohne jede Eile, wie bei einer Zündschnur, die zuerst langsam abbrannte, um schließlich in einer Explosion zu gipfeln, allerdings in einer, die sie nicht verstand, nicht hervorrufen konnte. Sie empfand ein schmerzliches Ziehen in der Brust, doch sie vermochte sich nicht zu erklären, woher es rührte.

»Zofia hätte sich fast von Hunden zerfleischen lassen«, verkündete Hypnos. »Natürlich ist sie ein Genie und hat Enrique darauf gebracht, wie wir an die Brille kommen, aber danach musste ich sie retten. Ernsthaft, Phönix, was würdest du nur ohne uns tun?«

Er grinste breit. Zofia war jedoch nicht zum Lächeln zumute. Sie dachte an Hela, die ihr davon abgeraten hatte, den Brief an ihre Freunde zu schreiben. Beunruhige sie nicht zu sehr. Nachher machen sie sich nur Sorgen, wer sich um dich kümmern muss, wenn ich nicht mehr da bin. Selbst wenn der Lohn für ihre Arbeit Helas Leben gerettet hatte, selbst wenn die anderen ohne ihre Erfindungen nicht weit kamen – es gefiel ihr nicht, jemandem eine Last zu sein, weil sie so war, wie sie war. Und doch war ihr schmerzlich bewusst, dass sie oft Hilfe brauchte, wo andere Leute sich allein zurechtfanden. Dieses Wissen saß in ihrem Bauch wie ein unförmiges und grellbuntes Plätzchen.

»Ich weiß es nicht«, antwortete sie leise.

Laila

Laila stieg aus der Hochzeitskutsche und blickte in das tiefe Dunkel eines Geschäfts. Unauffällig schmiegte es sich in einen verschlafenen Winkel von Sankt Petersburg. Sanft rieselte der Schnee über den hölzernen Dachvorsprung. Doch auch wenn die Stadt wie mit Puderzucker bestäubt vor ihnen lag, war die eisige Kälte Russlands schneidend. Sie schlüpfte unter Mantelkragen, ließ Finger blau anlaufen und verätzte einem die Nase, sobald man es wagte einzuatmen.

»Kommt mit!«, rief Hypnos und lief geradezu tänzelnd voraus. »Und du …«

Er hielt inne und sah die Gestalt an, die als letzte aus der Kutsche getreten war. Laila unterdrückte einen Schauder. Sie hatte sich noch immer nicht an den Anblick der Sphinxe, der Wächter des Ordens, gewöhnt. Sie trugen bizarre Krokodilmasken und rochen stets dezent nach Blut.

»Du weißt ja, wie und wo wir uns wiedertreffen. Halte die Kutsche bereit.«

Die Sphinx antwortete nicht. Womöglich waren sie nicht in der Lage zu sprechen, überlegte Laila mit einem Anflug von Mitleid. In ihrem Rücken standen vier weitere Wachen von Haus Nyx, noch immer gekleidet in die Uniformen von Wassiljews Männern. Obwohl sie in Besitz der fehlenden Tezcat-Linse gekommen waren, bereitete ihr das Unterfangen im Mariinskij-Theater nach wie vor Unbehagen. Sie konnte nicht aufhören, über Wassiljews letzte Worte nachzudenken. Sie wird Sie finden. Wen hatte er mit sie gemeint? Séverin, der es auch nicht wusste, tat es als das wirre Geschwätz eines Mannes mit einem schwachen Nervenkostüm ab. Doch in Lailas Gedanken hallte das Echo dieser Worte unheilvoll nach.

Als sie das Geschäft betraten, entdeckte sie eine Reihe seltsamer Gegenstände. Glänzende, kalebassenförmige Puppen, kaum handgroß, standen wie eine kleine Armee in den Regalen. Halb ausgepackt in mit Stroh ausgelegten Holzkisten lagen blaue Kannen und Tassen aus feinem Porzellan, Samoware aus Sterlingsilber und Schachteln mit importiertem Tee und Tabak. An einer anderen Wand hingen exquisite Pelze von geflecktem Luchs und samtenem Zobel. Daneben frostfarbene Nerze und Fuchsfelle von einem so satten Orange und Scharlachrot, dass man meinen konnte, jemand hätte sie in einen Sonnenuntergang getaucht. Im hinteren Teil des Raumes sah Laila zwei Glastüren. Frost zog sich spinnennetzartig über das Glas und doch erkannte sie in der linken Tür die Silhouette einer Stadt. Allerdings nicht die von Sankt Petersburg.

Hypnos folgte ihrem Blick und grinste.

»Eines der interessanteren Geheimnisse des Ordens von Babel«, sagte er. »Das sind alte Tezcat-Portale, die sich der Methode des Gefallenen Hauses bedienen und große Entfernungen überwinden. Das Tor zur Linken führt geradewegs nach Moskau.«

»Und das zur Rechten?«, fragte Zofia.

Hypnos runzelte die Stirn. »Das habe ich nie geöffnet, nachdem ich einmal gesehen habe, wie sich davor eine Blutlache ausgebreitet hat.«

»Oh mein Gott. Wie bitte?«, mischte sich Enrique ein. »Und warum gibt es hier in Russland überhaupt so viele Portale?«

»Es ist das Zentrum des Wissens innerhalb des Ordens, mon cher«, sagte Hypnos und ging weiter nach hinten durch. »Es gibt nur ein Haus in ganz Russland: Haus Dažbog. Könnt ihr euch das vorstellen? Ein einziges Haus, das sämtliche Feierlichkeiten abhält. Beim bloßen Gedanken daran wird einem schwindelig! Nun ja, jedenfalls besitzt Russland, abgesehen von einigen Pelzhandel treibenden Gebieten, keine nennenswerten Kolonien. Womöglich lassen sie sich zu sehr vom ständigen Geplänkel mit China und dergleichen ablenken. Daher hat Haus Dažbog sich sein eigenes Zahlungsmittel geschaffen: Wissen. Was uns auf die Tezcat-Portale zurückbringt, denn sie ermöglichen, auf sicherem Weg an Informationen zu gelangen oder geheime Treffen abzuhalten. Deswegen befinden sich die meisten hier in Russland.«

Laila hörte nur mit halbem Ohr zu. Sie war an die Regalreihe mit den bemalten Puppen herangetreten. Ein Kloß bildete sich in ihrem Hals. In ihrer Kindheit hatte sie nur eine einzige besessen, und sie erinnerte sich ungern daran, was aus ihr geworden war.

»Das sind Matrjoschkas.« Hypnos trat zu ihr und nahm eine aus dem Regal.

Er schraubte die obere und untere Hälfte auseinander. Darunter kam eine kleinere Figur zum Vorschein. Er wiederholte den Vorgang ein paarmal, bis er schließlich eine perfekte Reihe immer kleiner werdender Puppen vor sich hatte.

»Sie sind wunderschön«, sagte Laila.

»Das ist die neueste Erfindung von Wassili Petrowitsch Zwjozdotschkin und Sergei Wassiljewitsch Maljutin«, erklärte Hypnos.

Laila betrachtete die Puppe mit dem eisblauen Mäntelchen, der muschelfarbenen Haut und der aufgemalten Schneeflocke an der Stelle über dem Herzen.

»Wen stellt sie dar?«, fragte Laila.

Hypnos zuckte mit den Achseln. Doch inzwischen war auch Enrique zu ihnen herübergekommen. Er schaute Laila über die Schulter.

»Snegurotschka«, sagte er.

»Gesundheit«, erwiderte Hypnos mit feierlichem Ernst.

Enrique verdrehte die Augen, aber ein feines Lächeln umspielte seine Lippen. »Die Schneejungfrau aus den russischen Märchen«, führte er weiter aus. »Der Legende zufolge besteht sie aus Schnee, und obwohl man sie ihr ganzes Leben lang davor warnt, sich zu verlieben, kann sie es schließlich doch nicht verhindern. Und schmilzt in der Folge buchstäblich dahin.«

Lailas Hände begannen vor Verärgerung zu kribbeln. Am liebsten hätte sie Snegurotschka geschüttelt, weil sie nicht besser auf sich achtgegeben hatte. Letzten Endes jedoch unterschieden sie sich kaum voneinander. Lailas Existenz beruhte auf wiederverwerteten Knochen, die des Schneemädchens auf zusammengepresstem Schnee. Die Liebe war es nicht wert, dass einem ihretwegen der Verstand zerrann und das Herz zu Staub zerfiel.

»Läuft alles nach Plan?«, erklang eine vertraute dunkle Stimme.

Ein verräterisch heißer Schauer durchfuhr Laila. Abrupt wandte sie sich von den Puppen ab.

»Ja, ja, alles ist bereit«, sagte Hypnos, hakte sich bei Enrique unter und ging mit ihm hinüber zu einer Holzkiste, die mit Stroh bedeckt war.

Hinter ihnen kam Séverin zum Vorschein. Er sah sie an, dann glitt sein Blick langsam über die Matrjoschkas auf dem Regal. Erhobenen Hauptes gesellte Laila sich zu Zofia, die an einem niedrigen Tisch saß und mit einer Streichholzschachtel herumspielte.

»Möchte jemand ein Glas?«, fragte Hypnos und zog eine Flasche Wodka hervor, die von einem Netz aus Eis überzogen war.

»Ein Augenglas?«, fragte Zofia, ohne aufzusehen.

»Daraus habe ich noch nie jemanden trinken sehen.«

»Ich dachte, wir setzen die Tezcat-Brille zusammen«, schaltete sich nun auch Enrique ein.

»Nicht hier«, gab Séverin zurück und sah zur Tür. »Zu gefährlich. Wassiljews Männer könnten immer noch dort draußen sein. Zuerst durchqueren wir das Portal nach Moskau.«

»Es bringt Unglück, eine Reise nüchtern anzutreten«, sagte Hypnos. Er hielt die Flasche Wodka und ein paar Gläser hoch. »Also: Auf Fortuna?«

»Warum sollte man auf die Göttin des Glücks anstoßen?«, fragte Zofia. »Dadurch erhöht sich die Wahrscheinlichkeit seines Eintretens auch nicht.«

»Ich glaube, du könntest auch zwei vertragen«, erwiderte Hypnos. »Ach, und seid vorsichtig, wenn ihr euch auf diese Holzkisten setzt. Sie sind schon alt und verfügen über eine nicht unbeträchtliche Anzahl tückischer Splitter.«

Bedächtig ließ Laila sich auf einer nieder und rang sich ein Lächeln ab. Die Matrjoschkas hatten sie aus dem Gleichgewicht gebracht. Sie drehte den Granatring an ihrem Finger: noch 21 Tage.

Wir haben die Tezcat-Brille, versuchte sie sich gut zuzureden. Doch die Sorgen überschatteten ihre Hoffnung. Was, wenn es nicht klappte? Konnte sie überhaupt mit Sicherheit sagen, dass Die Göttliche Lyrik der Schlüssel zu einem längeren Leben war? Was, wenn sich das Buch inzwischen gar nicht mehr im Schlafenden Palast befand?

»Laila?«, fragte Hypnos.

Sie hob den Blick und sah ihn verwirrt an.

»Wir trinken in der Reihenfolge unserer Geburtstage. Wann ist deiner?«

»In einundzwanzig Tagen«, erwiderte sie.

Ihr drehte sich der Magen um, als sie es laut aussprach.

»So bald schon, ma chère! Warum hast du denn nichts gesagt? Planst du ein Fest?«

Eher eine Beerdigung, dachte sie. Sie schüttelte den Kopf, als Hypnos erst ihr, dann Enrique und schließlich Zofia – obgleich sie misstrauisch die Stirn runzelte – ein kaltes Glas in die Hand drückte. Séverin lehnte ab. Er stand etwas abseits von ihnen an einem Kamin. Das Wechselspiel von Schatten und Feuer ließ ihn unmenschlich erscheinen. Sie verspürte ein Kribbeln am Hals, als sie sich daran erinnerte, wie seine Lippen ihre Haut gestreift hatten. Jetzt treibst du es definitiv zu weit. Jäh schaute Séverin auf und sah sie an. Einen Augenblick zu spät wandte sie das Gesicht ab.

»Auf dass wir dem ganzen Spuk bald ein Ende bereiten«, sprach Hypnos.

Jedes Mal, wenn Laila das Wort »Ende« hörte, musste sie an Tristans quicklebendiges Lachen denken. Ihr Herz wurde schwer. »Auf Tristan«, murmelte sie und stürzte den eiskalten Wodka hinunter. Wie ein Geist verweilte der bittere Geschmack des Alkohols auf ihrer Zunge.

»L’Chaim«, sagte Zofia leise und tat es ihr nach.

Als Enrique seinen trank, prustete er und griff sich an die Kehle. »Das ist ja widerlich.«

»Hier, nimm noch was«, sagte Hypnos und hielt ihm die Flasche hin. »Noch ein paar davon und du schmeckst rein gar nichts mehr.«

»Ich würde mich gern kurz mit meiner Truppe besprechen«, kam es auf einmal seelenruhig von Séverin. »Überprüf du doch schon mal, ob die Luft im Portal rein ist, Hypnos.«

Langsam ließ Hypnos die Flasche sinken und stellte sie auf den Boden. Sein Lächeln erlosch.

»Wie du wünschst«, sagte er.

Als er aufstand, ergriff Enrique seine Hand und drückte sie flüchtig. Laila bemerkte den sehnsüchtigen Ausdruck in Enriques Augen. Sie stutzte. So sah er immer aus, wenn ihn die Leidenschaft mal wieder gepackt hatte – wie damals beim Klavierspiel oder während seiner kurzlebigen Obsession mit Bonsai-Bäumen, die Tristan zur Weißglut gebracht hatte. Hypnos lächelte ihn abwesend an, bevor er sich zu einer seiner Wachen umdrehte und auf das Portal zuschritt. Selbstverständlich freute Laila sich für die beiden, trotzdem schwante ihr Böses. Hypnos verliebte sich oft und schnell neu, es war so etwas wie seine liebste Freizeitbeschäftigung. Und Laila wusste nicht, ob er sich darum scheren würde, wenn bei alledem jemand auf der Strecke blieb.

Enrique warf Séverin einen vernichtenden Blick zu. »Mittlerweile hat er sich einen Platz in unserer Mitte doch wohl redlich verdient.«

»Er hat sich vielleicht einen Platz in deinem Bett verdient«, erwiderte Séverin. »Aber keinen an meiner Seite.«

Enriques Wangen röteten sich. Falls Séverin es merkte, interessierte es ihn nicht.

»Er gehört schließlich immer noch dem Orden an.«

Laila dachte daran, wie sorgfältig Hypnos in der Sternwarte die Häppchen für sie zusammengestellt hatte, wie er angesichts seiner Überraschung übers ganze Gesicht gestrahlt und letzten Endes die Schultern hatte hängen lassen, weil sie nicht die gewünschte Wirkung erzielt hatte. Wütend funkelte sie Séverin an.

»Hypnos ist genauso vertrauenswürdig wie wir auch.« Sie schlug mit der flachen Hand aufs Holz.

Damit hatte sie bloß ihren Standpunkt verdeutlichen wollen. Jetzt aber durchzuckte sie plötzlich ein rasender Schmerz. Zu spät fiel ihr Hypnos’ Warnung wieder ein: Seid vorsichtig. Blut floss über ihre Handfläche. Sie hatte auf einen hervorstehenden Nagel gehauen.

»Um Gottes willen, Laila, alles in Ordnung?«, fragte Enrique und stürzte zu ihr.

Ohne Rücksicht auf den Stoff drückte Laila die pochende Wunde an ihr Kleid. Sie achtete sonst penibel darauf, sich nicht zu verletzen. Das letzte Mal war ihr so etwas mit zwölf Jahren passiert. Damals hatte der Monsun ihr Dorf geflutet, und die Rinde des Lindenbaumes, an dem sie immer hochgeklettert war, hatte der Regen ganz glatt gewaschen. Nachdem sie abgerutscht war und sich die Hand aufgeschürft hatte, rannte sie, blutend und mit erschüttertem Selbstvertrauen, zu ihrem Vater. Sie wollte nur, dass er sich um sie kümmerte und sie beruhigte. Stattdessen war er vor ihr zurückgewichen.

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30 июля 2024
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9783038801276
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