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Rose Marie Gasser Rist

TRUDE

Band I der Bernstein Saga

1908 - 1998

Roman


Rose Marie Gasser Rist

TRUDE

Band I der Bernstein Saga

1908 - 1998

Roman

Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek

Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen

Nationalbibliothek; detaillierte Daten sind im Internet über

http://dnb.ddb.de abrufbar.

1. Auflage 2017

Originalausgabe

Copyright © 2017 Sheema Medien Verlag,

Inh.: Cornelia Linder, Hirnsbergerstr. 52, D - 83093 Antwort

Tel.: +49 (0)8053 – 7992952, Fax: +49 (0)8053 – 7992953

http://www.sheema-verlag.de

Copyright © 2017 Rose Marie Gasser Rist

Ebook ISBN 978-3-931560-92-8

EPDF ISBN 978-3-931560-93-5

ISBN Buch-Ausgabe 978-3-931560-54-6

Coverabbildung: © 2017 Gutsch Verlag (mit freundlicher Genehmigung)

Buchrückseite: © JulietPhotography – Fotolia.com

Foto der Autorin: © 2017 Giulia Nina Gasser

Lektorat: Monika Stolina-Wolf

Umschlaggestaltung: Sheema Medien Verlag, Schmucker-digital,

Gesamtkonzeption: Sheema Medien Verlag, Cornelia Linder

E-Book-Herstellung und Auslieferung: Brockhaus Commission, Kornwestheim – www.brocom.de

Alle Rechte vorbehalten. Das gesamte Werk ist im Rahmen des Urheberrechts geschützt. Jegliche von Autorin und Verlag nicht genehmigte Verwertung ist unzulässig. Dies gilt auch für die Verbreitung durch Film, Funk, Fernsehen, fotomechanische und digitalisierte Wiedergabe, Tonträger jeder Art, elektronische Medien, Internet, sowie auszugsweisen Nachdruck und Übersetzungen. Anfragen für Genehmigungen im obigen Sinn sind zu richten an den Sheema Verlag unter Angabe des gewünschten Materials, des vorgeschlagenen Mediums, gegebenenfalls der Anzahl der Kopien und des Zweckes, für den das Material gewünscht wird. Haftungsausschluss: Dieses Buch dient keinem rechtlichen, medizinischen oder sonstigen berufsorientierten Zweck, sondern ausschließlich Unterhaltungs- und Bildungszwecken. Die hier gegebenen Informationen ersetzen keine fachspezifische Beratung oder Behandlung. Wer rechtlichen, medizinischen oder sonstigen speziellen Rat oder Hilfe sucht, sollte sich an einen geeigneten Spezialisten wenden. Autorin und Verlag übernehmen keine Haftung für vermeintliche oder tatsächliche Schäden irgendeiner Art, die in Verbindung mit dem Gebrauch oder dem Vertrauen auf irgendwelche in diesem Buch enthaltenen Informationen auftreten könnten.

Für Matthias – my Valentine

Und unsere Musik

„All the stones in my way

Will be covered with flowers and green“

(Zeilen aus dem Lied Morning Star von Matthias Rist)

INHALT

TARTU 1908 – 1929

1908 Karge Kindheit

1922 Frauenfreundschaft

1925 Die Liebe

1929 Eine zweite Chance

LENINGRAD 1929 – 1938

1929 Das tägliche Brot

1930 Die Kinder

1938 Vorzeichen

DARWIN 1938 – 1974

1938 Rote Erde

1939 Die Rückkehr des Glücks

1940 Am Billabong

1941 Der Pazifikkrieg

1942 Der Abschied

1945 Zurück in die Stadt

1946 Der Bernstein

1954 Familienzuwachs

1957 Das erste Mal danach

1958 Ein halbes Jahrhundert

1961 Ein Mädchen

1966 New York

1970 Auf Touren

1974 Tracy you Bitch

BRISBANE 1980 – 1998

1980 Kuranda

1986 Roter Flaum

1988 Bibeln und moderne Maschinen

1993 Kookaburra Sits in The Old Gum Tree

1998 Zwischen den Welten

Herzensdank

Vita

TARTU

1908 – 1929

1908 Karge Kindheit

Das Neugeborene zitterte zwischen den Schenkeln seiner Mutter, seine Nabelschnur pulsierte noch. Seine Haut schimmerte bläulich-rosa unter der Käseschmiere und machte die Verletzlichkeit des jungen Lebens im Kontrast zu dem grellen Rot, auf dem es lag, deutlich. Die Laken, in denen Mutter und Kind gebettet waren, waren von Blut durchtränkt. Als der Säugling seinen ersten Atemzug nahm, hauchte die entkräftete Mutter ihren letzten aus. Trudes Patenonkel war der Tod. Von der ersten Lebensminute an machte er deutlich, dass er nicht von der Seite des Mädchens weichen würde.

Mutter Marthe konnte das ersehnte Mädchen nicht in die Arme nehmen, es nicht mit nährender Wärme in der Welt willkommen heißen. Es war nicht Trudes Schuld, dass die Mutter unter der Geburt verblutete. Vielmehr war es die Erschöpfung, vielleicht sogar eine Erlösung nach einer Dekade Dauerschwangerschaft, die die ergebene Gattin dahinraffte. Seit der Vermählung hatte sie in regelmäßigen Abständen sechs Söhne zur Welt gebracht. Eine Tante, eine Patin, eine ältere Schwester hätte vielleicht Trudes Ankommen sanfter betten können. Eine Frau auf dem Hof hätte vielleicht die folgenden Jahre mit etwas Fürsorge milder gestalten können. Doch es war, wie es war: Das schutzlose Trudekind betrat eine männliche, herbe Wirklichkeit.

Marthes Tod versteinerte Vater Heinrich. Sieben Kinder verloren ihre Mutter und mit einem Schlag auch die Zuwendung ihres Vaters. Mit dem Verlust der Lebensgefährtin und Arbeitskraft schwand Heinrichs Lebensfreude. Sein Gram überlagerte alles. Für die Trauer seiner Söhne, die ihre Mutter ebenso schmerzlich vermissten, und das Vakuum, in das seine Tochter hineingeboren wurde, war er blind. Er flüchtete vor dem Trauerbrand im Herzen und wurde ein missionarischer Kirchgänger.

Trude wuchs in einem Männerhaushalt auf. An Essen und Kleidung mangelte es nie. Vater Heinrich war ein tüchtiger Mann. Er konnte mit dem Käsereibetrieb für die Familie aufkommen und manchmal beschäftigte er Wandergesellen. Den Haushalt organisierte er militärisch diszipliniert und leitete die Kinder zu Reinlichkeit und Disziplin an. Je älter das Mädchen wurde, desto mehr musste es mithelfen. Und als heranwachsende junge Frau fand sie sich für die Männer kochend, putzend und Wäsche versorgend wieder, während die Brüder mehr und mehr einem Erwerb nachgingen.

Es war in Fels gemeißelt, dass Trude als Frau nie einen eigenen Beruf erlernen, geschweige denn einem Studium nachgehen würde. Es war vorausbestimmt, dass ihr Vater Trude, sobald sie alt genug wäre, einem Burschen aus der Täufergemeinde zur Gattin überlassen würde. Sie würde dessen Kinder großziehen, ihm den Haushalt führen und bis ans Lebensende von seiner Gunst und Existenz abhängig sein. Dafür reichten Grundschule und Kirchgang am Sonntag vollends aus.

In der Kirchenbank fand Trude Abwechslung zum grauen Dasein. Wenn die Gemeinde sang und sie mitten im mehrstimmigen Klangbad saß, schloss sie die Augen und war für wenige Augenblicke glücklich. Im Schmelztiegel des Gesangs gab es keine Moral, keine Schuld, keine Last – nur Wohlklang und Verbundenheit. Unterricht und Kirchgang schenkten ihr Bildung und Seelennahrung, wenn auch nicht befriedigende Antworten auf ihre Fragen. Trude taumelte durch ihre Kindheit wie eine Außerirdische. Zu Tisch wurde geschwiegen, aus der Bibel zitiert oder über die Arbeit der jungen Männer gesprochen. Das Wohl des Mädchens stand nie im Mittelpunkt des Interesses. Sie war als kleines Kind ein geduldeter Schatten und als Heranwachsende eine willkommene Dienstmagd.

Sie nahm ihr Schicksal an, verrichtete die aufgetragenen Aufgaben, ohne aufzubegehren, doch in ihrem Kopf stritten widerspenstige Gedanken. Die Schuld an Mutters Tod hatte sie nie angezweifelt. Doch warum konnte sie den Gott, den der Pfarrer lobpreiste, nicht spüren? Innen und Außen standen in ständigem Widerstreit. Sie tat, was von ihr erwartet wurde, während etwas, wofür sie keinen Namen hatte, rebellierte. Trude spürte in ihrem Herzen ein aufblitzendes Feuer, eine Sehnsucht, die, sobald sie versehentlich nach außen entschlüpfte, an der Eiseskälte erstarb. Es mangelte ihr an lieben Worten und Zuwendung, auch wenn sie das nicht ausdrücken konnte. Sie spürte Vaters seelische Not sehr wohl und wollte ihn nicht durch Aufbegehren in Zorn versetzen. Trude war der Männergesellschaft und der baptistischen Gemeinde auf Gedeih und Verderb ausgeliefert. Sie hatte keine Macht, irgendetwas zu ändern.

Die Brüder waren nicht gemein zu Trude. Sie teilten sich die Hänseleien gegenseitig aus, wenn der Vater nicht zugegen war, ließen die kleine Schwester aber in Ruhe. Alle Kinder teilten sich ein Schlaflager in einer Kammer oberhalb der Wohnstube. Um zu ihr zu gelangen, musste man eine schmale Stiege zum Giebelzimmer hochklettern. Trude gelang es erst mit sieben Jahren, die schwere Falltür nach oben aufzudrücken und war auf die Hilfe einer der Brüder angewiesen. Ein schlichter Holzrahmen war auf den groben Riemenboden genagelt und diente als Umrandung für Schlafplätze. Der Ordnung halber, teilten sich die Kinder nach dem Alter das Lager. Der älteste Bruder schlief an der Außenwand der Kammer. Trudes Platz war am anderen Ende neben der Falltür.

Einmal im Jahr nach der Ernte wurde ein Fuder frisches Stroh eingestreut und die Flachstücher wurden ausgewechselt. In den ersten Nächten, wenn die Schlafstatt nach gesundem Getreide roch und die Unterlage wieder dick genug war, um nicht auf den blanken Boden abzusacken, lag eine feierliche Stimmung in der Kammer. Überschwänglich Freude zu zeigen, war keinem der Burschen gegeben. Aber Trude spürte, dass ihre Brüder das aufgefrischte Nachtlager als willkommenen Unterschied schätzten. Im Winter, wenn Eisblumen die Luke bedeckten, rückten die Kinder enger zusammen, um sich gegenseitig zu wärmen.

Das Mädchen lag manchmal lange wach, während ihre Geschwister schon längst selig träumten. Trude lauschte den tiefen Atemzügen, versuchte die Laute den Brüdern zuzuordnen. Manchmal lullte sie diese selbst auferlegte Aufgabe ein, doch oft gelang das Einschlafen nicht auf Anhieb und Trude ging in ihren Gedanken auf Wanderschaft. Es war die einzige Zeit des Tages, die ihr alleine gehörte, in der sie sich eine schöne, heile Welt erschaffen konnte. In den endlosen Nächten erkannte sie bereits als kleines Mädchen, dass einige Gedanken zuträglicher waren als andere. Es tat ihrem Gemüt nicht gut, wenn sie sich die Annahme erlaubte, vom Leben vergessen worden zu sein. Danach fühlte sie sich tagelang niedergeschlagen. Sie spornte sich an, sich schöne Dinge auszudenken. Manchmal faltete sie die Hände und sprach in die Schwärze der Kammer zu dem Gott ihres Vaters.

„Lieber Gott im Himmel. Vater hat mich heute nicht gescholten. Dann ist es ein guter Tag. Kannst du mir bitte helfen, dass er nicht immer so finster dreinschaut? Manchmal stelle ich mir vor, dass er eine neue Frau findet. Alle Männer in der Kirche haben eine Frau. Die sehen glücklicher aus. Ich stelle mir vor, wie er dann in seinen Holzpantoffeln über den Hof zum Stall schlurft und ihr zum Küchenfenster zuwinkt und lächelt. Und wenn Vater lächelt, sind auch die Brüder fröhlicher. Wenn ich daran denke, hüpft mein Herz.“

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Mit dem Ersten Weltkrieg streiften Turbulenzen den Hof. Heinrich war als Exilschweizer von der Wehrpflicht befreit, stand jedoch in der Pflicht, mit der Käserei zur Versorgung der Bevölkerung und Armee beizutragen. Zwischen 1914 und 1920 war Estland von wechselnden Herrschern besetzt. Die Menschen waren angehalten, die jeweilige Sprache der Machthaber zu sprechen. Trude wuchs mit Berndeutsch und Deutsch auf. Mit der Okkupation des Hofes durch sowjetische Truppen lernte sie Russisch. Bei der Befreiung durch die estnischen Widerstreiter 1920 – mit dem Frieden von Dorpat – wurde Estnisch Alltagssprache. So hatte der Krieg für Trudes persönliche Belange eine positive Begleiterscheinung: Sie lernte schnell und konnte sich flink in den Sprachen ausdrücken.

Über die Kriegsjahre quartierte sich jeweils die Kavallerie der Vorherrscher auf dem Hof ein. Die Pferde und Soldaten brachten Leben aufs Gehöft, ihnen hing aber auch Kampfgeruch an. Die Reiter scharten sich um die Feuer und sangen von Ehre und Heimat. Trude gingen die Gesänge durch Mark und Bein. In ihrer kindlichen Unschuld wusste sie nicht, was auf den Schlachtfeldern passierte. Doch mit den Liedern bekam sie eine Ahnung vom Heldentum, von Heimweh und der nackten Angst vor dem Feind und dem Tod. Trude fürchtete die Soldaten ebenso wie sie deren Kameradschaft und Geselligkeit bestaunte. Diese Männer strotzten vor Lebenslust.

Manchmal schlich Trude nach dem Abendessen hinaus mit dem Vorwand, am Brunnen Wasser zu holen, huschte zu den lärmenden Kameraden, versteckte sich hinter einem Fass oder Wagenrad und lauschte den Erzählungen. Die Soldaten schwärmten von ihrer Heimat, von gewonnenen Schlachten und wilden Liebschaften. Trude nahm die Geschichten mit und wenn sie nachts auf ihrem Lager lag, ließ sie ihrer Fantasie freien Lauf.

„Was gäbe ich darum, ein Mann zu sein! Nicht um des Kriegstaumels willen, sondern um die Welt zu sehen. Ich würde mir ein Pferd satteln, Proviant in ein Bündel packen, auf und davon Richtung Meer reiten!“

1922 Frauenfreundschaft

An ihrem dreizehnten Geburtstag schenkte der Vater Trude zu ihrer großen Überraschung ein gebrauchtes Rad. Es fiel ihr leicht, das Fahren zu erlernen. Wenn sie den Sattel tief stellte, konnte sie den Boden im Sitzen mit den Zehenspitzen gerade erreichen. Im Vorjahr war sie in die Höhe geschossen und hatte an ihrem Körper Veränderungen festgestellt. Sie trug ihre blonden langen Haare jetzt immer zu Zöpfen geflochten unter einem Kopftuch. Unter den Armen und zwischen den Beinen sprießten Härchen, wo vorher keine waren, und ihre Brüste hatten kleine Knospen bekommen. Trude beobachtete ihre körperlichen Veränderungen mit Unbehagen. Die Frauen in der Kirche hatten größere oder kleinere Brüste und manchmal wölbte ein Kind den Bauch einer Mutter. Das war mit bloßen Augen zu erkennen. Trude ahnte, dass ihrem Körper das später auch widerfahren werden würde und fragte sich, wie wohl die schwangeren Frauen unter den Kleidern aussahen.

Trude liebte es, mit dem Rad über Feldwege zu brausen oder durch die lichtdurchfluteten Birkenwäldchen zu fliegen. Sie hielt die Lenkstange fest im Griff und reckte ihren Kopf in die Luft. Wenn Trude fest in die Pedale trat, flatterte der Rock im Fahrtwind. Bergab streckte sie übermütig die Beine in die Luft und flog dem Weg vor sich entgegen. Das Mädchen liebte ihre kleinen Fluchten, die ihr ein unermessliches Freiheitsgefühl schenkten. Je größer der Aktionsradius wurde, desto unbeschwerter konnte sie sich außerhalb der Familie bewegen und desto mehr wurde sie sich aber auch der Beklommenheit zu Hause bewusst.

Nach Tartu brauchte sie etwa eine halbe Stunde mit dem Rad. Sie suchte die Stadt bei jeder sich bietenden Gelegenheit auf. Trude liebte das Pulsieren, die selbstbewusste Würde, welche die Universitätsstadt ausstrahlte. Wissen und Schöngeist schwebten über allem. Im Frühling stolzierten die Studenten wichtig durch die Alleen. Sie trugen die Uniform und Schärpe ihrer Verbindung mit Würde. Zu viert, zu fünft versammelten sie sich auf den pittoresken Steinbrücken zum Kolloquium. Die Gassen selber protzten über die herangezüchtete Denkerelite.

Trude mischte sich gerne unauffällig unter das akademische Volk. Einmal wurde sie Zeugin des jährlich stattfindenden Wettsingens. Studentenchöre schritten Lieder singend vom Domberg über Engelsbrücke und Teufelsbrücke zum Kussberg. Eine Jury verlieh der lautesten Verbindung einen Preis, doch einem Mädchen auf dem Kussberg einen Kuss zu entlocken, war den Sängerburschen der größere Ansporn. Trude beobachtete das Balzen der Burschen und Kokettieren der Mädchen mit einer Mischung aus Neugierde und Resignation.

Mit offenem Mund bestaunte Trude die Linde im Stadtpark, als sie zum ersten Mal auf sie stieß. Sie war über und über mit weißen Taschentüchern behangen. Es kostete Trude große Überwindung, doch am Ende war ihre Neugierde stärker und sie fragte einen älteren Passanten, was der Sinn hinter diesem ungewöhnlichen Baumschmuck war.

„Guten Tag, Fräulein. Ach, den Geheimnisbaum meinen Sie! Ich persönlich finde ja, das ist Mumpitz. Aber es gibt ja Leute, die an alles glauben. Man munkelt, dass er Wünsche erfüllt. Man spricht seine Bitte in ein Taschentuch und hängt dieses dann in die Wipfel des Baumes. Je höher es hängt, desto wahrscheinlicher sei es, dass der Wind den Wunsch mitträgt und er in Erfüllung geht. Es gibt Mädchen, die feuern ihre Burschen richtiggehend an, sich so waghalsig und weit hinauf wie möglich zu schwingen für ihren gemeinsamen Ehe- oder Kinderwunsch. Ob es sinnvoll ist, das eigene Leben zu riskieren, wage ich zu bezweifeln. Nun ja, jedem das Seine. Ich wünsche Ihnen einen guten Tag, junges Fräulein!“, sprach der Mann, zupfte den Kragen seines Anzuges zurecht und ging weiter.

Trude besaß kein Taschentuch. Aber als sie sich unbeobachtet wähnte, stellte sie sich mit dem Rücken an den Stamm der Linde, blickte durch das Blätterdach zum Himmel empor und sprach in die Wipfel: „Lieber Baum, du bist so prächtig und schön. Ist es wahr, dass du Wünsche erfüllst? Darf ich dir mein tiefstes Verlangen anvertrauen, auch wenn ich das Ritual nicht befolgen kann? Ich wünsche mir so sehr, aus meinem Gefängnis zu entkommen. Ich wünsche mir eine Schwester, mit der ich mich unterhalten und spielen kann. Ich wünsche mir, dass mich kein Ehemann ans Haus fesselt und mir anordnet, was ich zu tun habe. Ich wünsche mir, die Welt zu bereisen. Ich möchte lernen und ich möchte frei sein, wie die Vögel in deiner Krone!“

Trude strahlte über das ganze Gesicht wie schon lange nicht mehr. Sie hatte sich selber zugehört und freute sich ungemein, Worte für ihr Sehnen gefunden zu haben, und über die ungewohnte Leichtigkeit in ihrem Innern. Der Klumpen in der Brust war verschwunden. Überschwänglich umarmte sie den Baumstamm und schaute grinsend weg, als ein Paar vorbeiflanierte und ihr unschickliches Gebaren entdeckte.

Einmal belauschte Trude zwei Studenten, die im Park des Universitätsgeländes auf einer Bank über einen Wiener Neurologen diskutierten. Sie hörte, dass Sigmund Freud auf dem Gebiet der menschlichen Psyche Forschungen betrieb. Die jungen Akademiker ereiferten sich über die neuen philosophischen und psychologischen Erkenntnisse. Dafür bewunderte und beneidete Trude die Studenten. Für sie als Frau war die Tür zu diesem geheimnisvollen Wissen verriegelt. Der Baptistenpriester schalt diese modernen Geisteswissenschaften Gotteslästerung. Hätte der Vater von ihren realen und geistigen Reisen erfahren, hätte er Trude windelweich geprügelt und zum einzig richtigen Pfad, dem absoluten Gehorsam gegenüber Gott, zurück gezüchtigt.

Die junge Frau vermied es tunlichst, ein Wort über die Fluchten zur Universität zu verlieren, und berichtete, wenn der Vater nachfragte, dass sie sich am Ufer der Embach aufhielt, um sich die Zeit zu vertreiben. Dies stimmte an sich auch. Es gab eine Trauerweide an der Uferpromenade, wo sie sich am allerliebsten aufhielt, um ihre Gedanken zu ordnen. An den Stamm gelehnt, behütet von den überhängenden Ästen blickte sie auf den Strom und kam zur Ruhe. Hier vergaß Trude Zeit und Raum. Hier vergaß sie die unabänderliche Bestimmung. Das sanfte Fließen des Wassers zog sie mit in andere Welten. Ihre Fantasie beförderte sie ins Land der unbegrenzten Möglichkeiten. Sie malte sich ein liebevolles Elternhaus, Schwestern und Reisen in andere Länder aus. In ihrer Vorstellung studierte sie an der Universität und wurde selber Professorin. In ihren Gedanken war alles erlaubt. In ihren Gedanken war alles möglich.

Im Sommer vor Trudes vierzehnten Geburtstag ging ihr erster Wunsch in Erfüllung. Lena trat in ihr Leben. Es war ein milder Samstagabend im Juni. Trude hatte nach Erfüllung der Pflichten ihr Rad genommen und war nach Tartu gefahren. An ihrem Lieblingsplatz spielte sie mit Kieseln. Sie versuchte auf dem Wasser treibende Blätter oder Hölzchen zu treffen. Diese Woche war Vater schlecht gelaunt gewesen und hatte seinen Missmut über die karge Heuernte wie gewohnt an ihr ausgelassen. Es tat Trude wohl, mit den Steinen die Anspannung zu entladen. Noch lieber hätte sie ihre ungeordneten Gedanken auf einem Stück Papier aufgeräumt. Sie hatte gesehen, dass die Studenten ständig Notizbüchlein und Stifte mit sich trugen, um eine Beobachtung festzuhalten. Doch für solchen Firlefanz hatte der Vater kein Gehör. Schiefertafel und Kreide genügten für den Schulbedarf.

Als sich Trude für einen kurzen Augenblick aus ihrem Grübeln herausriss und den Kopf hob, sah sie ein Mädchen in ihrem Alter in ein Buch vertieft auf sie zu gehen. Am zielstrebigen Schritt erkannte Trude, dass es ihren Platz anpeilte. Die Unbekannte war jedoch so in die Seiten vertieft, dass sie beinahe über die Wurzeln der Weide stolperte und womöglich sogar ins Wasser gefallen wäre. Trude rief ihr zu, achtzugeben. Der Backfisch blickte Trude verblüfft an, so als hätte sie nicht erwartet, jemanden unter ihrem Baum vorzufinden. Sie hielt ihr offenes Buch vor der Brust und schaute sich suchend nach einem anderen Ort um. Sie machte bereits auf dem Absatz kehrt, als Trude aus einer spontanen Eingebung herausplatzte: „Ist das dein Platz? Ich bin Trude.“

Trude war Gesellschaft willkommen, das Mädchen sah sympathisch aus und sie war neugierig, worin das Mädchen vertieft war. „Hallo. Ich heiße Lena. Ja, das ist mein Lieblingsplatz in der Stadt. Ich komme hierher, um zu lesen“, antwortete das Mädchen mit einem verlegenen Lächeln.

Trude lud Lena mit einer ausladenden Handbewegung ein, neben ihr Platz zu nehmen und den Baumstamm mit ihr zu teilen. Er wäre ja breit genug für ihre hageren Rücken. Darüber mussten beide lachen. Lena und Trude verstanden sich auf Anhieb. Lena verriet, dass sie an diesem Ort heimlich lesen würde, weil es zu Hause nicht gerne gesehen war. Ihr Vater wäre zwar Geschichtsgelehrter an der Universität, er untersagte aber Lena, anderes zu lernen als den Stoff, den die Mädchenschule vorgab. Seine Gunst und sein ganzer Stolz galt ihrem älteren Bruder Karel. Karel liebte seine kleinere Schwester und erkannte ihren Wissensdurst. Er war ihr Verbündeter und er gab ihr heimlich seine Bücher zu lesen.

Lena und Trude entdeckten schnell einen Berührungspunkt. Beide waren neugierig und lebenshungrig. Beide erduldeten das Schicksal, als intelligente Frauen in einer patriarchalischen Gesellschaft geboren zu sein. Sie verfluchten die Ungerechtigkeit, als Mädchen keinen Zugang zu einer höheren Bildung zu haben. Ihre Perspektiven als Frauen waren voraussehbar. Sie waren auf Gedeih und Verderb einem zukünftigen Mann ausgeliefert. Jegliche selbstbestimmte und von einem Mann unabhängige Lebensausrichtung lag jenseits der Konventionen. Die Notwendigkeit, sich der Gesellschaft unterzuordnen, ließ sie jede auf ihre Art Strategien entwickeln, heimlich Zugang zum verschlossenen Himmel zu finden.

Abgesehen von ihrem Wissensdurst unterschieden sich die beiden Mädchen durchaus. Ihre Herkunft war am Äußeren unverkennbar abzulesen. Trude war als Bauernmädchen in schlichten erdfarbenen Leinenstoffen gekleidet. Sie war meist barfuß oder trug die geflickten, abgetragenen Stiefel der Brüder auf. Ihr war die Aufmachung nicht wichtig oder sie hatte es nie gelernt, sich um ihr Äußeres zu kümmern. Das blonde widerspenstige Haar trug Trude zu Zöpfen gebunden oder bändigte es unter einem Stofftuch.

Lena hingegen war stets elegant und adrett gekleidet. Ihre Kleidung war farblich auf die Jahreszeit perfekt abgestimmt. Das braune, schulterlange Haar trug sie gepflegt mal mit Seitenscheitel, mal mit Schleifen oder zu einer Frisur geflochten. Mit den Accessoires (Hut, Taschentuch, Schmuck) wirkte Lenas Erscheinung wie aus einem Guss. Man konnte die Handschrift einer geschmackvollen Komponistin im Hintergrund erkennen: einer Mutter, welche die Tochter nie ohne strengen Kontrollblick das Haus verlassen ließ. Trude mochte am liebsten Lenas feuerrote Baskenmütze. An ihr konnte sie ihre neue Freundin schon von Weitem erkennen.

Trude war dankbar, dass Lena sie nicht nach ihrem Äußeren bewertete, es schien sie auch nie zu stören. Das Mädchen kam zweifellos aus gutem Haus. Doch das gemeinsame Los, als Frau kein frei bestimmtes Leben führen zu können, schweißte die beiden trotz der großen Unterschiede ihrer Herkunft zusammen. Trude hatte es geschafft, obwohl sie nur über eine spartanische Schulbildung verfügte, sich ein ansehnliches Allgemeinwissen und Schlagfertigkeit anzueignen. Dank ihrer schnellen Auffassungsgabe schnappte sie jegliche Information auf und speicherte diese zuverlässig ab. Sie konnte Lena das Wasser reichen. Diese bemerkte einmal: „Trude, du hast ein Gedächtnis wie ein Elefant!“

Sie trafen sich immer samstags am Fluss möglichst unter der Trauerweide, wenn es regnete unter der Flussbrücke. Trude freute sich die ganze Woche auf den spannenden und inspirierenden Austausch mit ihrer Freundin und ließ sich von keiner Witterung abhalten. Sie lasen sich gegenseitig aus den verbotenen Büchern vor. Als sich im September die kühle Jahreszeit ankündete, war es Karel, der ihnen eine Lösung anbot. Er wusste auf dem Unigelände von dem ausgedienten Schuppen neben der Sternwarte. Kommilitonen verschanzten sich dort, um heimlich zu rauchen oder Mädchen zu treffen. Lena schleppte Wolldecken und eine Funzel aus dem Gartenhaus sowie eine Blechdose mit Keksen an.

Für die beiden Mädchen war es der Höhepunkt der Woche, eingemummt in den Decken im fahlen Schein der Lampe eng aneinandergeschmiegt in den Büchern zu schmökern. Lena rückte an einem Samstag mit einer Pappschachtel an. Darin zauberte sie einen Spiegel, eine Haarbürste und Schleifen hervor. Sie zeigte Trude Kniffe, wie sie ihr Haar schöner frisieren konnte. Zu Trudes Verblüffung kamen aus dem Karton zwei Kleider zum Vorschein, die Lena hinterrücks trotz der wachen Mutteraugen wegschmuggeln konnte und Trude schenkte.

Die zwei, drei Stunden verflogen immer viel zu schnell und es wurde den beiden Freundinnen nie langweilig. Das kühne Geheimnis stärkte Trude von innen und trug sie durch die mühselige Arbeitswoche.

Einmal lud Lena ihre Freundin in ein Studentencafé zu einer warmen Schokolade ein. Für Trude, die noch kaum Zucker und Schleckwaren gekostet hatte, war dieses süße Getränk eine Initiation. Sie löffelte das Getränk in ihren Mund, ließ die braune, schwere Flüssigkeit und die geschlagene Sahne auf der Zunge schmelzen und beherrschte sich, Lena nicht mit unanständigen Wohllauten in Verlegenheit zu führen. Trude kicherte stattdessen zu ihrer Freundin: „Das ist so unglaublich köstlich! Ich wette, ein Kuss schmeckt nicht so gut!“

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Der Herbst brachte eisige Winde nach Estland. Mit den Stürmen bahnte sich eine unheilvolle Wende an. Bis weit über den Spätsommer hinaus gelangen die Ausflüge nach Tartu, ohne Aufmerksamkeit zu erregen. Es war leicht, einfach zu verschwinden, weil Vater Trudes An- oder Abwesenheit in der Betriebsamkeit des Hofes nicht aufzufallen schien. Doch das Mädchen wog sich in falscher Sicherheit. Denn einmal stellte Vater seine Tochter unerwartet zur Rede. Verraten haben sie bestimmt nicht Lenas Kleider. Diese trug sie nie zu Hause. In einem Waldstück auf dem Weg nach Tartu tauschte sie jeweils die bescheidenden Röcke gegen die feinen Stoffe aus. Sie hütete die geschenkten Kleider wie einen Schatz und bunkerte sie unter einer losen Bodendiele im Heustock.

Häufigkeit und Regelmäßigkeit der Ausflüge hatten Vater stutzig gemacht. Es hatte bereits eingedunkelt, als er sie am Brunnen im Hof abpasste. Trude bog pfeifend um die Stallecke in den Hof, bremste erschrocken ab, sprang vom Rad und schritt geknickt ihrem finster dreinblickenden Vater entgegen. Er knurrte: „Trude, du hast dich verändert. Du kommst jetzt in das gefährliche Alter. Ich lasse es nicht mehr zu, dass du mit dem Rad ein bisschen in der Gegend herumfährst! Ich werde dich mit Argusaugen beobachten, Trude!“

Mehr sagte er nicht und wartete auch nicht auf Trudes Antwort. Als sie Luft holte, um ihm etwas zu entgegnen, hatte er sich bereits abgewandt und schlurfte zum Haus. Er ging den Kopf nach vorn gebeugt, ein Buckel zeichnete sich deutlich unter dem dunkelbraunen Kittel ab. Trude sah ihm konsterniert nach, während sie Atemluft durch den offenen Mund ausstieß und mit den Tränen kämpfte. Der Vater hatte es nicht ausgesprochen, aber Trude war sich sicher, dass er überzeugt war, dass sie sich heimlich mit einem Jungen traf. Trude unterdrückte ihre Verzweiflung und folgte ihrem Vater ins Haus. Den Abenddienst verrichtete sie wie immer stoisch und schweigsam. Sie kochte, deckte den Tisch und widmete sich dem Abwasch, während ihre Brüder und der Vater sich im Wohnzimmer um den Holzofen versammelten und sich einer Beschäftigung widmeten. Der Vater las laut aus der Bibel, zwei Brüder schnitzten an ihren Figuren, die jüngeren spielten Schach oder Karten. Trude kniete auf dem Küchenboden und war im Begriff, mit der Bürste die Planken zu schrubben, als sie ihren Namen vernahm. Sie horchte auf, unterbrach ihre Arbeit und lauschte, wie sich Vater und der Älteste über Trudes Zukunft und die künftige Haushaltsführung auf dem Hof berieten. Es war beschlossene Sache, dass der älteste Bruder im Frühjahr seine Braut heiraten und den Hof übernehmen würde. Trude würde dann unter die Obhut der neuen Hausherrin kommen.

„Ich werde dafür sorgen, dass Trude rechtzeitig unter die Haube kommt. Ich möchte nicht, dass sie uns Schande über den Hof bringt! Auf dem Birkenhof gibt es einen Burschen in Trudes Alter. Ich werde morgen in der Kirche seinen Eltern auf den Zahn fühlen, welche Pläne sie mit ihrem Stammeshalter haben“, hörte Trude ihren Vater noch anmerken. Sie tauchte die Scheuerbürste in den Wassereimer und schmetterte sie wütend auf den Boden, dass es in alle Richtungen spritzte.

Später wälzte sich Trude auf ihrem Lager. Sie hatte eine Bettstatt in der Vorratskammer neben der Küche erhalten, als sie vor einem Jahr darum gebeten hatte, nicht mehr mit ihren Brüdern im selben Raum zu nächtigen. Die Kammer war winzig, kalt und finster. Für die Kartoffeln, Getreidesäcke und Schmalztiegel ideal, für ein Schlafzimmer wenig behaglich. Doch sie schlief lieber hier alleine, im behelfsmäßig gezimmerten Nachtlager, als im Schlag mit den sechs Brüdern, die nachts schnarchten und ihren körperlichen Bedürfnissen freien Lauf ließen.

Trude lag lange wach und starrte in die Schwärze. Es musste dringend ein sattelfestes Alibi her! Sie bangte um die kostbare Freundschaft mit Lena. Auf dem Hof konnte sich Trude niemandem anvertrauen. Sie musste eine Lüge erfinden, damit sie sich weiterhin mit Lena treffen konnte. Je länger sie sich wand und Auswege suchte, desto größer wurde ihr Zorn auf die Gefangenschaft, auf die männlichen Wächter und deren obersten Befehlshaber: auf Gott!

Trudes Wut loderte auch am nächsten Morgen weiter. Des Predigers Worte gossen ihr Öl in Zornesfeuer. Nach dem Kirchgang, als der Vater den Gaul vor den Wagen spannte und die Brüder noch mit den anderen der Gemeinde einen Schwatz hielten, büxte sie aus. Kopflos hastete sie in das Waldstück davon, das in der entgegengesetzten Richtung ihres Hofes lag. Sie rannte, bis ihre Lungen brannten, das Herz bis zum Hals hämmerte und die Füße sie nicht mehr trugen.

Sie hielt inne, um nach Atem zu ringen. Danach schritt sie weiter immer mehr in das Holz hinein, ziellos, aber wild entschlossen, Brüder und Vater abzuhängen, falls die ihre Verfolgung aufgenommen haben sollten. Was Trude jedoch bezweifelte. Der feuchte Waldboden war glitschig unter ihren Füßen. Plötzlich ballten sich ihre Fäuste und ihre Augen suchten in den Wipfeln nach einem Adressaten für ihre kochende Wut.

Sollte sich der Allmächtige dort oben verstecken? Sie hatte wenig Erfahrung mit ihm, hatte auf ihre Gebete keine Antwort erhalten. Sie stand nicht in seiner Gunst. Er war in Trudes Augen ein Gott der Männer, der die Frauen nicht liebte. Sollte sich der Schöpfer hier in der Natur verbergen, war es Zeit, Tacheles mit ihm zu reden.

„Du da oben, zeig Dich, wenn es Dich wirklich gibt! Du ungerechter, launischer Geselle! Einen Deut scherst Du Dich um meine Mädchenseele! Wo bleibt Deine Menschenliebe? Gib mir ein Zeichen, was ich tun soll, um Lenas Freundschaft zu behalten! Oder erschlage mich auf der Stelle mit einem Blitz, wenn ich Dir so wenig wert bin!“

Dem Zornesausbruch folgten Tränen. Der über Jahre zurückgehaltene Kummer bahnte sich mit der brachialen Kraft der Wut seinen Weg. Hemmungslos weinend sackte die junge Frau auf den herbstnassen Waldboden. Die jahrelange Selbstbeherrschung fiel in sich zusammen wie die Hülle eines entleerten Getreidesackes. Trude drehte sich auf den Rücken. Sie wand und krümmte sich, immer wieder erfassten sie Tränenwellen und ihre Hände krampften im modrigen Laub nach Halt. Irgendwann, leer geweint, übermannte Trude die Erschöpfung und sie schlief ein.

Es war eine Bäuerin, die das regungslose Mädchen fand. Die junge Frau suchte Pilze, um das bescheidene Abendbrot für sich und ihre Mädchenschar aufzuwerten. Der Anblick des regungslosen Körpers erschreckte die Bäuerin zutiefst. Sie wappnete sich für das Schlimmste und stürzte herbei. Die Lippen des Mädchens, das blass und klamm dalag, waren blau wie Pflaumen. „Mädchen, nun steh doch auf, du holst dir den Tod in dieser Kälte!“

Ihre Stimme überschlug sich, als sie am leblosen Körper rüttelte und mit der flachen Hand sachte die Wangen abklopfte. Die Frau war erleichtert, als Trude endlich die Augen aufschlug. Trude ließ sich von der fremden Frau aufrichten und hing schlaff in ihren Armen. Langsam kehrte Farbe in das Gesicht des Mädchens zurück. Als die Unbekannte ihr half, auf die Füße zu kommen, sackten ihre Beine ein. Als sie sich selber aufrecht halten konnte, ließ sich Trude noch ganz benommen von der Frau an der Hand mitschleifen. Nach einem kurzen Fußmarsch erreichten sie einen Hof auf einer Waldlichtung.

Die Unbekannte führte Trude in ihr Haus. Mitten in der Küche prangte ein stolzer Ofen, aus dem die Geräusche von knisterndem Holz und flackernden Flammen drangen. Die immer noch matte Trude ließ es geschehen, dass sie auf dem Schemel davor platziert wurde. Sie wehrte sich auch nicht, als ihr die Fremde die feuchten Kleider vom Leib schälte und sie nackt in Wolldecken hüllte. Während der ganzen Zeit sprachen weder Trude noch die Frau. Trude war verwirrt und hätte kein vernünftiges Wort zustande gebracht. Ihr war jedoch nicht unwohl. Seltsamerweise fühlte sie sich hüllenlos vor dieser Frau geborgener als in ihrer gewohnten Umgebung.

Die wiederkehrende Wärme stach wie Nadeln unter der Haut. Doch dies brachte Leben zurück in ihren Körper. Trude konnte langsam wieder klare Gedanken fassen und begann ihre Umgebung wahrzunehmen. Vier Mädchen zwischen sechs und zwölf saßen um einen kargen Holztisch, unterbrachen immer wieder ihr Handwerk und betrachteten den Gast mit neugierigen Augen. Alle hielten ein Flick- oder Flechtzeug im Schoß. Ihre Mutter wirbelte inzwischen in der Küche herum und bereitete eine Mahlzeit zu. Mit dem ältesten Mädchen hatte sie eine Zeitlang in derselben Schulstube gesessen. Jetzt erkannte Trude, wo sie untergekommen war: bei Olga.

Olga war eine Witfrau aus dem Nachbarsdorf. Trude kannte sie vom Hörensagen. Ihrer Leistung, die vier Töchter alleine großzuziehen und einen Hof zu bewirtschaften, nachdem ihr Mann an der Front gefallen war, trug man respektvolle Anerkennung entgegen. Doch ihre Weigerung, am Sonntag zur Kirche zu gehen, wurde missbilligt. Olga war Anfang dreißig und trug ihre blonden Haare stets zu einem Zopfkranz hochgesteckt, was ihre klaren grünen, Augen zum Leuchten brachte. Die harte Arbeit in Haus und Hof hat ihrem gut gebauten, mittelgroßen Körper nichts anhaben können. Olga war eine klassische, strahlende Schönheit. Manche Buhler hatte sie versetzt. Kein Mann hatte es geschafft, den Platz ihres Liebsten neu zu besetzen. Dies brachte ihr den Ruf einer Unbeugsamen ein. Manche munkelten gar, sie sei eine Hexe mit ihrer Brut. Aber da sich Olga nicht unter das Volk mischte, sich nichts zuschulden kommen ließ, konnte man ihr auch nichts anhaben.

Olga war das Zeichen.

Es war der Holzherd und es war Olga, die so viel Herzenswärme abstrahlten, dass Trude rasch zu Kräften kam. Es waren die kichernden, herzlichen Mädchen, die eine Leichtigkeit im Raum versprühten, die Trude betörte. Olgas Heim war so unbeschwert anders. Was hätte Trude darum gegeben, in so einem besonnten Umfeld zu leben.

Doch als ihre Kleider trocken waren und die Suppe sie gestärkt hatte, drängte es sie, heimzukehren. Sie sah ihren Vater mit einem Riemen in der Tür stehen. Es wäre nicht das erste Mal, dass er sie mit dem Leder züchtigte. Vor dem Schmerz hatte Trude Angst. Aber mehr noch fürchtete sie Vaters Moralpredigt. Er verstand es meisterhaft, die junge Frau vor ihren Brüdern zu demütigen.

Olga kannte die Zustände in der Käserei und erahnte die innere Not der jungen Frau. Sie bot sich an, Trude nach Hause zu begleiten. Es dämmerte, als sie mit dem Einspänner im Elternhof einfuhren. Der Vater unterbrach seine Arbeit, rammte das Beil in den Holzstumpf und verzog seine Augen zu Schlitzen, als er die Bäuerin und seine Tochter neben ihr sitzend erkannte.

Während Olga das Pferd anband, sprang Trude vom Kutscherbock. Heinrich eilte herbei, fasste seine Tochter am Oberarm und holte aus, um eine Tirade über seine Tochter zu ergießen. Trude hob ihre Hände zum Schutz vor das Gesicht. Olga trat dazwischen und überraschte sowohl Vater als auch Tochter mit ihrer Unerschrockenheit. Klug, wie Olga war, hatte sie sich auf dem Wege eine Erklärung ausgedacht und trat mutig vor Trudes Vater. Sie schnitt ihm das Wort ab und sagte ihm ins Gesicht: „Ich habe Trude auf dem Waldboden aufgelesen. Deine Tochter hat ihre Frauentage und viel Blut verloren. Es ist offensichtlich, dass sie zu wenig Speck auf den Rippen hat. Ich vermute, sie hat Anämie und hat wohl deswegen das Bewusstsein verloren. Du als Vater solltest darum besorgt sein, was eine junge Frau in ihrem Alter braucht!“

Trude bewunderte die Dreistigkeit ihrer Retterin. Tatsächlich hatte sie in diesem Sommer Blutungen bekommen und wusste nicht genau, was ihr jeden Monat geschah. Sie stopfte sich Lumpen zwischen die Beine, bis der rote Ausfluss nach drei Tagen wieder verklang. Sie hütete sich, ein einziges Wort darüber zu verlieren. Sogar Lena gegenüber schämte sie sich. Die Blutung war vor Olgas Augen beim Kleiderwechsel nicht verborgen geblieben. Doch statt unangenehme Fragen zu stellen, hatte die Mutter der Mädchen für das Blut an den Unterkleidern offensichtlich eine plausible Erklärung parat. Im Disput zwischen Olga und ihrem Vater davon zu erfahren, berührte Trude peinlich und machte ihr noch deutlicher, wie einsam sie auf diesem Männerhof war.

Es folgte ein heftiger Wortwechsel zwischen Vater und Olga, welche die Freiheit besaß, alles anzusprechen, was für die Klärung nötig war, weil Vater keine Macht über sie hatte. Es drohten ihr keine unangenehmen Konsequenzen. Olga setzte sich vehement für Trude und ihre existenziellen Bedürfnisse ein wie noch nie ein Mensch zuvor in ihrem Leben. Wie schmerzlich wurde ihr in diesem Augenblick die fehlende Mutter bewusst – die starke weibliche Instanz im Rücken einer Tochter. So gelang es Olga an diesem für Trude schicksalhaften Tag, Vater zu überzeugen, dass das Mädchen eine weibliche Ziehmutter bräuchte, um sie zu einer rechtschaffenen Frau zu erziehen. Sie selber könnte mit ihren vier Kindern eine helfende Hand dringend brauchen und würde diese Aufgabe gerne übernehmen. Heinrich und Olga kamen überein, dass Trude fortan zwei-, dreimal die Woche und immer samstags, wenn auf dem Käsereibetrieb die Hilfe des Mädchen abdingbar war, auf Olgas Hof anpacken sollte.

Bis zum nächsten Samstag blieben Trude ein paar Tage Zeit, Olgas Vertrauen zu gewinnen. Trude weihte sie in ihre geheimen Treffen mit Lena ein und bat sie, ihr das Beisammensein mit ihrer Freundin zu ermöglichen. Olga erbat sich als Bedingung für das Alibi, Bücher mitzubringen und ihr daraus vorzulesen. Trude erschauderte. Olga war Analphabetin. Sie teilte das Schicksal mit vielen Frauen ihrer Generation, denen der Zugang zur Schulbildung noch rigoroser verschlossen und denen das Erlernen von Lesen und Schreiben versagt geblieben war. Diese Tatsache machte Olga zu Trudes und Lenas Komplizin.

Trude konnte es jeweils kaum erwarten, in Olgas Haus, in dem es fröhlich zu- und herging, zu entschwinden. Den Weg zwischen der Käserei und dem Birkenhof legte Trude auf dem Rad zurück. Jedes Mal, wenn sie über den Waldweg holperte, erinnerte sie sich an den Glückstag, an dem Olga sie gefunden hatte. Trude bewunderte Olga.

Mit ihren zweiunddreißig Jahren war sie eigentlich viel zu jung für eine Witwe. Sie hatte sich biegsam und geschmeidig wie Bambus ihrem Schicksal ergeben, sich aber nie brechen lassen. Olga war eine Kämpferin, eine Überlebenskämpferin. Und Olga hatte ein großes Herz. Sie schien eine natürliche Gabe zu besitzen, trotz aller widrigen Umstände, trotz ihrem resoluten Überlebenskampf, sich eine versöhnliche Haltung bewahren zu können. Sie begegnete ihren Mädchen und Trude stets mild und voller Güte. Trude staunte dann und wann: „Was oder wer hatte Olga zum Pilzesammeln in den Wald geschickt? Hast Du da oben meinen Hilfeschrei erhört? Ich gebe Dir noch einmal eine Chance, Gott!“

Es kam, dass Trude gar bei Olga übernachtete und von dort zur Schule ging. Heinrich, der zu Beginn jeden Schritt seiner Tochter mit Argwohn beobachtete, schien sich allmählich daran zu gewöhnen und sich sogar mit den neuen Umständen anzufreunden. Ihm war die Erziehung von jungen Männern geläufig geworden, doch er fühlte sich unbeholfen und unbehaglich, seine Heranwachsende schadlos und keusch für einen zukünftigen Bräutigam durch die Pubertät zu schleusen. Auch wenn er das nie zugegeben hätte, kam ihm Olga insgeheim gelegen. Deshalb ließ ihr Heinrich freie Hand.

Trudes vierzehnter Geburtstag im Oktober 1922 wurde zum schönsten ihres bisherigen Lebens. Olgas Mädchen führten das Geburtstagskind mit verbundenen Augen in die mit Girlanden dekorierte Wohnküche. Sie flochten Trudes Haar und schmückten es mit einem Blumenkranz, dazu sangen sie Lieder. Olga buk ihr einen Geburtstagskuchen, den ersten in ihrem Leben, einen Mohnstollen. Dazu gab es warme Schokolade. Olga hatte aus den Gesprächen herausgehört, dass sich Trude schon immer ein Tagebuch gewünscht hatte, und überraschte sie mit einer schwarzen Kladde und einem Bleistift. Trude war gerührt und konnte ihr Glück kaum fassen.

Später stieß Lena zu der Frauenrunde. Endlich lernten sich Olga und Lena kennen. Lena überreichte ihrer Freundin ihr Geschenk in ein schwarzes Seidentuch gewickelt. Trude tastete durch den Stoff die Konturen eines Buches ab. Es kam eine Ausgabe von Der Glöckner von Notre Dame von Victor Hugo zutage. Der Einband war schon etwas speckig und Trude schloss daraus, dass das Buch aus zweiter Hand war. Dies schmälerte ihre Begeisterung jedoch in keiner Weise. Es war gut möglich, dass Lena es gestohlen hatte, war es doch auch für sie nur unter großer Heimlichtuerei möglich, an Literatur zu kommen. Sie fragte ihre Freundin nie, woher sie „den Glöckner“ hatte.

Übermütig schob Trude den rechten Daumen zwischen zwei Seiten, schlug das Buch auf und las laut: „Die Esmeralda war nach Gringoires Urteil ein unschädliches und liebliches Geschöpf; hübsch, und zwar hübsch trotz eines Schmolllippchens, das ihr eigen war; ein harmloses und leidenschaftliches Mädchen, das nichts wusste und für alles sich schwärmerisch begeisterte; dem der Unterschied zwischen einer Frau und einem Manne noch nicht bekannt war, dem dieser Unterschied auch selbst im Traum nicht zum Bewusstsein gedrungen war – das gebaut und geschaffen war wie ein Traum, das vernarrt war vor allem in Tanz, in Geräusch und Getöse, in frische, freie Luft, eine Art Mittelding zwischen Weib und Biene, das an den Füßen unsichtbare Beine hatte und in einem kreisenden Wirbel lebte.“

Trude lachte laut auf. Der Text passte und klang wie ein Weckruf. Sie war doch auch so ein Mittelding zwischen Kind und Frau. Tanz, Geräusch und Getöse! In Trude geriet eine Saite in Schwingung. Sie beschloss an ihrem Geburtstag, wie Esmeralda zu werden: frei und ungebunden, leicht und leidenschaftlich. Ihr Geburtstag sollte das gute Vorzeichen eines neuen Lebensabschnittes werden.

Sie saß zusammen mit den zwei Menschen, die ihr das Leben plötzlich so reich gemacht hatten, am gedeckten Tisch. So etwas Schönes hatte Trude bisher noch nie erlebt. Sie fühlte sich mit einem Mal zugehörig, geliebt und willkommen, sie hätte platzen können vor Glück. Unvorbereitet war es in ihr Leben gekommen. Plötzlich begann Trude wie ein Derwisch um den Tisch herumzutanzen. Sie drehte sich mit ausgebreiteten Armen um ihre eigene Achse, bis sie umfiel und sich mit einem irren Lachen auf den Dielen wälzte. Lena und Olga stürzten sich spaßend auf das Geburtstagskind, kitzelten es. Die Frauen balgten sich wie Welpen auf dem blanken Boden der Bauernküche.

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Lange trug Trude das Bild von Esmeralda mit sich herum. Die Tänzerin von Victor Hugos wurde ihr eine Schwester im Geist. Wie Trude, war auch die Zigeunerin früh ihrer Mutter entrissen worden. Das Buch fand Worte für ihre ungestillte Sehnsucht nach der mütterlichen Geborgenheit. Trude träumte davon, so leichtfüssig zu tanzen und so schön zu sein wie Esmeralda. Es war keine Sache, Olgas Einverständnis zu bekommen, als Trude sie darum bat, dem Folkloreverein Livonia beizutreten. Lena hatte von der fröhlichen Tanzgruppe geschwärmt, die sie besuchte, um aus ihrem goldenen Käfig auszubrechen, und Trude, die stets das Bild von Esmeralda in sich trug, ließ sich nicht zweimal bitten.

Längst hatte Trude sich der Autorität des Vaters entzogen. Am Abend des letzten Schultages band sie ihr kleines Bündel um, schwang sich auf ihr Fahrrad und zog im Birkenhof ein. Olga und die Mädchen rückten zusammen und teilten fortan ihre Schlafkammer mit Trude, die für die Kinder wie eine große Schwester wurde.

Es muss im Hochsommer gewesen sein, denn es war noch taghell und die Erde strahlte spätabends noch Wärme ab, als Trude von ihrem ersten Tanzen am Samstagabend nach Hause radelte, ihr Fahrrad im Schuppen verstaute und zu Olga eilte. Die Älteste saß am Boden und lockte die Katze mit einem Halm aus ihrem Versteck, während die anderen Himmel und Hölle auf dem Gehweg spielten. Trude trippelte und tänzelte vor Olga auf und ab, die auf der Bank an die Hauswand gelehnt dem Abendfrieden frönte, und schwärmte: „Es war großartig! Ich bin so glücklich Olga! Wenn du die Musik hörst, fangen die Beine wie von selbst an zu zucken. Die Kapelle besteht aus Bassgeige, Rahmentrommel, Geige und einer Laute. Der Gesang geht unter die Haut. Die Tanztruppe besteht aus etwa dreißig jungen Männern und Frauen. Sie waren alle sehr freundlich zu mir. Ich bin ja eine der Jüngsten. Lenas Bruder Karel war mein Tanzpartner. Er hat nur gelacht, wenn ich ihm aus Versehen auf die Füße gestiegen bin. Ich habe die Schritte aber schnell erlernt. Karel hat mich am Schluss ganz eng an sich geschlungen und mich herumgewirbelt. Was haben wir gekichert. Wenn ich mich mit den anderen im Kreis drehe, habe ich das Gefühl zu fliegen. Die Trachtengruppe hält die livische Tradition aufrecht. Das erfüllt mich mit Würde und Stolz. Ich habe das erste Mal das Gefühl, zugehörig zu sein und Wurzeln zu spüren.“

Olga folgte der Begeisterung der jungen Frau schmunzelnd. Trude umarmte Olga überschwänglich und setzte sich zu ihr auf die Bank. Olga erzählte von den Liven, was ihr die Eltern weitergegeben hatten. Trude ergänzte Olgas Ausführungen mit ihrem neu erworbenen Wissen über die baltische Kultur. Neugierig kamen die Mädchen näher und hockten sich auf den Boden zu Olgas und Trudes Füßen und lauschten den alten Mythen. Als die Nacht hereinbrach, war die Kleinste, Malena, mit dem Kopf im Schoß der ältesten Schwester eingeschlafen.

Die Trachtengruppe wurde Ende des 19. Jahrhunderts gegründet, um die baltisch-livische Kultur zu pflegen. Trotz ethnischer Zusammengehörigkeit hatte das Volk der Liven keinen eigenen Staat. Ihre Heimat lag im Baltikum zwischen dem Peipus See und der Bucht von Riga. Durch alle Jahrhunderte wurden die Ländereien immer wieder neu verteilt. Wie bei einem Spiel zockten die jeweiligen Machthaber aus Polen, Dänemark, Schweden, Deutschland, Finnland oder Russland beliebig um die Siedlungen. Das Volk arrangierte sich jeweils mit den Herrschern im Wissen, dass sie eines Tages sowieso wieder den Platz räumen würden.

Das einfache Bauernvolk war vielmehr darauf bedacht, den in ihren Augen wahren Mächten Tribut zu zollen. Eisige Winter, kurze intensive Sonnenmonate, karge Böden und ein launisches Meer lehrten die Menschen seit Anbeginn, sich mit den Naturgesetzen zu verbünden, statt sie zu bezwingen. Daraus entwickelte sich eine tiefe Verwurzelung in einem uralten Erdenbewusstsein. Die Liven haben sich politisch nicht formiert und nie mit der Faust gegen die Obrigkeiten aufbegehrt. Wohl deshalb ist diese Völkergruppe fast in Vergessenheit geraten.

Die Wurzeln der Liven reichen weit zurück in das Jahrtausend vor der christlichen Zeitrechnung, als die Menschen noch an die Natur und ihre Götter glaubten. Vermutlich hat sich die livische Naturreligion parallel zur keltischen langsam durch die Jahrhunderte entwickelt. Sie hatte einst eine Blütezeit erlebt und sollte dann mit dem Kreuzrittertum ausgerottet werden. Dieses düstere Kapitel der Kirche ist bekannt. Doch sind die Traditionen von Generation zu Generation im Geheimen weitergereicht worden. Ausgestorben sind sie nie ganz. Und als Ende des 19. Jahrhunderts die Gefahr der Inquisition gebannt war, war es möglich, die alten Gebräuche unter dem Deckmantel der Folklore wieder öffentlich auszuleben.

Trude lernte im Folkloreensemble nicht nur die Bräuche und die Tänze der Liven, sondern auch das Nähen und Besticken der Trachten. Trude stellte sich jedoch nicht sehr geschickt an. Auf ihrem schwarzen Schultertuch waren die krummen Kreuzstiche zum Glück nur von Nahem zu erkennen.

Nach und nach blickte Trude hinter die äußere Fassade der Folkloregruppe. Getanzt wurde nicht nur zu Kirchweih oder zur Wiederwahl des Bürgermeisters, sondern im Geheimen zu sogenannten „hohen Zeiten“. Geweihte Tage, wie beispielsweise die Sonnenwenden, regelten den Jahreskreis in heidnischen Traditionen. Livonia hielt heilige Messen von Tanz und Gesang umrahmt ab. Trudes Nackenhaare stellten sich auf, als sie davon hörte. Sie wollte doch nur tanzen und mit Gottes- oder Naturanbetung nichts zu tun haben. Denn sie war mit Gott immer noch nicht im Reinen und die Vorstellung, in die Fänge eines Geheimbundes geraten zu sein, war ihr zuwider. Doch Lena, die ihr wie immer einen Schritt voraus war, überredete Trude, an einer Zeremonie teilzunehmen und sich ihr eigenes Bild zu machen.

Es kostete Trude viel Überwindung, sich in den Kreis der Menschen einzureihen, die sich Hände haltend um einen Baum versammelten. So wie lauter Trommelwirbel vom Spieler als ekstatisch und von außen unerträglich erlebt wird, kam ihr dieser religiöse Kreis suspekt vor. Dieselben Freunde, die ihr sonst vergnügt bei Tanz und Musik begegneten, erkannte Trude jetzt in Stille mit geschlossenen Augen dastehen. Es passte nicht mit dem Bild zusammen, das sie von ihnen hatte.

Die Auffassung, dass die prächtige Linde, um die der Menschenkreis gebildet wurde, eine eigene Seele haben sollte, fand Trude absurd. Der Zeremonienmeister sprach: „Himmel und Erde haben ein eigenes Bewusstsein. Der Baum verbindet sich nun durch Krone und Wurzeln mit diesem göttlichen Sein. Lasst uns unsere Herzen und unseren Geist füreinander und den heiligen Geist der Schöpfung öffnen und uns in Liebe mit ihm verbinden. Wir sind nicht getrennt.“

Trude fand albern, was sie hörte. Doch Lena und dem Tanzen zuliebe ließ sie sich auf das Kinderspiel ein.

„Hüpfen wir halt um einen Baum herum“, dachte sie spöttisch. Sie reihte sich in den Kreis ein, ergriff die Hände der Nachbarn und schloss die Augen wie alle andern. Trude zügelte ihre Ungeduld und zwang sich, entspannt zu atmen. Das gleichmäßige Ein- und Ausatmen, die stoische Ruhe, die nur vom Säuseln der Blätter unterbrochen wurde, beruhigten Trudes inneres Gezappel. Dann spürte sie ein sanftes Kribbeln in den Handinnenflächen, das immer stärker wurde und über die Arme aufstieg und ihren Körper mit einer warmen Welle kitzelte. Es fühlte sich für Trude nicht bedrohlich, im Gegenteil beglückend an. Sie streckte sich, die Augen immer noch geschlossen, durch und öffnete ihren Brustraum, damit sie noch freier atmen konnte. Die Wärme breitete sich in der Herzgegend aus und schien aus ihr herauszuströmen. Die Grenze zwischen ihr und den anderen löste sich auf, Trude fühlte sich in einem schwerelosen, schwebenden Zustand, der sie mit unbändiger Glückseligkeit erfüllte.

Es war wie ein kurzer Moment der Erleuchtung. Sie wurde wie von einem Blitz getroffen. Trude wurde von einer starken Kraft erfasst. Eine Energie von Liebe, Verbundenheit und Einssein mit allem. Es gab kein sie und die andern mehr. Sie befand sich in einem Zustand von allem und nichts. Sie wurde zum Baum und zum Himmel, sie war der Grashalm und die Nachbarin. Alles gleichzeitig. Es war, als hätte sich ihre Schädeldecke zum Himmel geöffnet und alles Wissen dieser Welt strömte durch sie hindurch und könnte von ihr jederzeit abgerufen werden. Es gab keinen Anfang und kein Ende. Und es fühlte sich an, als sei sie Schöpfer und Schöpfung in einem. Trude fühlte sich allmächtig und nichts. In dem Moment erkannte Trude, dass sie und alle Schöpfung aus dieser Quelle entsprungen waren. Trude konnte die Tränen vor Überwältigung nicht zurückhalten.

„Das musste GOTT sein!“

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Nach dieser Initiation nahm Trude regelmäßig an den Naturzeremonien teil. Es gab keine priesterliche Hierarchie. Abwechselnd gestalteten die Teilnehmer die Andachten selbst. Jedem wurde die Fähigkeit, einen feierlichen Rahmen zu gestalten, zugetraut. Der Kreis, der immer am Anfang und Schluss gebildet wurde, symbolisierte die Gleichheit aller Anwesenden. Es wurde großer Wert darauf gelegt, denn im Kreis konnte die spirituelle Energie besser gehalten werden.

Der Inhalt der Messe wurde den Jahreszeiten oder anderen Themen angepasst. Immer wurden vom jeweiligen Zeremonienmeister die Elementarkräfte (Wasser, Erde, Luft, Feuer und Äther) gewürdigt und eingeladen, die feierliche Handlung zu unterstützen. Mit den Elementen wurden Gebete, Opfer, Wünsche zum göttlichen Empfänger transportiert. Sie übten sich darin, die Wesenheiten der Erdgeister zu erspüren und mit ihnen zu kommunizieren.

Trude erkannte, dass der Kirchengott des Vaters zwar ihren Kopf beschäftigte, aber nie ihre Seele berührte. Nach einem Kirchenbesuch fühlte sie sich stets getadelt und zurechtgewiesen. Der Gott der Kirche hatte sie als Frau geduldet, zweifellos aber als Schande der Schöpfung betrachtet. Mit dieser neuen, sinnlichen Annäherung an die Schöpfung und deren Ausdruck über die Natur bekam Trude ein Verständnis für das Zeitlose. Sie liebte es, sich bei einem Ritual zu sammeln und zur Ruhe zu kommen. Sie liebte das Eingebundensein in der Gruppe. Das Unspektakuläre und die Schlichtheit der Treffen fühlten sich gut an. In der Gemeinschaft Livonia war Trude willkommen. Sie war ein Kind der Schöpfung wie alle andern. Es war ein spirituelles Heimkommen. Ein Heimkommen in den Schoß von Mutter Natur, Vater Himmel und zu Geschwistern – den Tanzfreunden. Trude fühlte sich zugehörig.

1925 Die Liebe

T rudes Leben war rund und ganz. In Olgas Obhut hatte sie Arbeit, Schutz und Nahrung. Bei Livonia bekam sie Spiel, Zugehörigkeit und Spiritualität. Der Vater und sein Gott hatten keine Macht mehr über sie. Trude war mit ihrem Leben im Reinen und konnte sich nicht im Entferntesten vorstellen, dass ihr Leben noch reicher werden könnte.

Am Samstag, dem 4. Juli 1925, warteten alle gespannt auf den neuen Geigenspieler, der in der Kapelle die Lücke schließen sollte. Valentin betrat das Lokal, schaute sich im Raum um und schritt selbstbewusst auf die Musiker zu. Seine gepflegte Erscheinung, seine wohlgeformten Gesichtszüge und die schlanken Hände gefielen Trude auf Anhieb. Im Schutz der Gruppe beobachtete sie ihn und spürte, dass der Neue ihren Herzschlag beschleunigte. Nachdem die Musiker ihn mit einem Handschlag begrüßt hatten, nahm Valentin auf dem zugewiesenen Stuhl Platz, sortierte die Noten und blickte sich abwartend im Raum um. Seine Augen streiften die Tänzer. Seine und Trudes Augen trafen sich und in dem Moment war es besiegelt. Es war ein Wiedererkennen eines vor langer Zeit an einem vergessenen Ort gegebenen Versprechens. Eine innere Stimme sagte Trude, dass sie ihn kannte und dass sie und Valentin zusammengehörten.

Nach der Probe wartete sie auf Valentin. Sie war nicht aufgeregt, sie fühlte auch keine Scham. Es schien folgerichtig, auch wenn sie bis dahin kein einziges Wort gewechselt hatten. Er gesellte sich zu der wartenden jungen Frau, als sei es das Selbstverständlichste auf der Welt. Von Beginn an waren sie sich vertraut. Sie redeten, sie vergaßen alles um sich herum.

Trude erfuhr, dass Valentin aus Berlin stammte. Er war angehender Ingenieur und beabsichtigte, an einer ausländischen Fakultät sein Studium zu vertiefen. Zur Wahl hatten Danzig, Tartu oder Leningrad gestanden. In Polen und Russland hätte er Schiffsbau belegen können, was sein Vater ihm nahegelegt hatte. Tartu war der Bauchentscheid von Valentin, den er gegen den Wunsch seines autoritären Vaters gefällt hatte.

„Ich weiß jetzt, warum meine innere Stimme gegen alle Argumente für Tartu sprach. Ich weiß jetzt, dass ich richtig entschieden habe. Der einzige Grund, warum ich nach Tartu gekommen bin, ist, dich hier wiederzutreffen“, kokettierte Valentin.

Eine Woche später küssten sie sich unter einem blühenden Bauernjasmin. Zwei Wochen später verlobten sie sich. Die beiden waren sich ihrer Sache sicher. Trude war mit siebzehn noch nicht volljährig und so planten sie, ein Jahr später, im Sommer 1926, zu heiraten. Trudes Vater war heilfroh, dass sie so schnell unter die Haube kam. Vater sah in Valentin einen unerwarteten Glücksfall und gab seinen Segen, bevor der Bräutigam oder seine Familie es sich anders überlegen würden.

Mit einem Telegramm kündigte Valentin seinen Eltern die Verlobung und den bevorstehenden Besuch an. Er wollte, wie es sich gehörte, seine Braut vorstellen. Trude konnte nächtelang kaum schlafen. Das Leben überwältigte sie und übertraf ihre kühnsten Zukunftsträume. Erst die Verlobung, dann auch noch eine große Reise! Sie würde Deutschland und Berlin kennenlernen. Die Weltstadt war die populärste Kulturmetropole der Zwanzigerjahre. Und noch nicht einmal Lena, für die alles möglich war, hatte Berlin gesehen.

Lena borgte ihrer Freundin zwei feine Kleider und gab ihr wertvolle Instruktionen, worauf Trude achten sollte. Valentin kam aus gutem Haus. Der erste Eindruck in der feinen Gesellschaft musste sitzen. Während der beschwerlichen Reise war Trude ständig darauf bedacht, ihre Röcke nicht zu beschmutzen. Sie reisten in einer Kutsche auf staubigen Straßen bis Riga und mit der Eisenbahn bis nach Berlin.

Valentin unterwies sie während der langen Fahrt in die Gepflogenheiten der gehobenen Kreise. Insgeheim war Trude der deutschen Wehrmacht dankbar, dass sie während der Besetzung Deutsch gelernt hatte. Sie würde sich mit den zukünftigen Schwiegereltern in deren Muttersprache unterhalten können. Trude fühlte sich gerüstet.

Doch die Verlobten blieben keine Nacht.

Valentins Vater und Mutter empfingen sie zum Nachmittagstee. Vom Dienstpersonal wurden sie zu den Herrschaften geführt, die sie distanziert und förmlich begrüßten. Valentin hatte seine Eltern mehrere Monate nicht gesehen und küsste Mutters Hand und siezte die Eltern, was Trude befremdete.

„Was für eine Gefühlsarmut! Wenn ich meinen einzigen Sohn so lange nicht gesehen hätte, würde ich ihn ans Herz drücken und abküssen!“

Trude wurde in die Teestube gebeten, während Valentin von seinem Vater zu einem Männergespräch unter vier Augen in ein angrenzendes Zimmer geführt wurde. Die Mutter richtete keine einzige Frage an Trude. Das Gespräch erstarb, als Anreise und Wetter durchgenommen waren und die Gastgeberin erkannte, dass das Bauernmädchen von weiteren Konversationsthemen der Damengesellschaft keine Ahnung hatte. Trude begriff, dass die Schwiegermutter ihr nur aus Höflichkeit Gesellschaft leistete, bis die Herren ihre Unterredung beendet hatten. Oft schaute sie an der jungen Frau vorbei auf die Pendeluhr in ihrem Rücken, räusperte sich und stellte die Teetasse mit einem abgespreizten kleinen Finger sorgsam auf den Unterteller zurück.

Aus dem Nebenraum drang kein hörbares Wort. Es war unheimlich still und Trude schwante, dass sich die Audienz beim Vater nicht zu ihren Gunsten entwickelte. Es fiel dem Mädchen schwer, die ihrem Naturell entsprechend zappeligen Beine ruhig zu halten. Sie biss sich unentwegt auf die Unterlippe, wohlbedacht, nichts Unschickliches aus ihrem Mund zu entlassen. Wenn sie mit Olga beim Kartoffelschälen saß oder sie miteinander im Garten Unkraut zupften, plapperte sie frei von der Leber über Valentin. Auf jede kleine Anekdote von den Frischverliebten antwortete Olga mit einem herzhaften Lachen oder mitfühlenden Nicken. Bei ihr musste sie kein Wort abwägen.

Bei seiner Mutter riss sie sich zusammen. Nichts wollte sie von Valentin und sich preisgeben. In dieser bangen Stunde, in der ihre gemeinsame Zukunft mit Valentin ausgehandelt wurde und sie sich vor dem steifen Richter in Gestalt seiner Mutter um Form bemühen musste, war ihre Vorstellungskraft wie so oft die Rettung. Als alles gesagt war, klinkte sie sich im Geiste aus. Der Körper schützte Präsenz vor, doch sie ging in Gedanken auf Wanderschaft.

Sie schwelgte in der Erinnerung an den ersten innigen Kuss, an seine forschen Hände auf ihrem Busen und zwischen ihren Beinen. An ihre Verwegenheit, als sie seinen behaarten Schoß und seine Männlichkeit zum ersten Mal erforschte. Trude dachte daran, wie Valentin von seinen Zukunftsplänen erzählte, in denen sie neben ihm die Hauptrolle bekam. Sie wusste um seinen Ekel vor Spinnen oder seinen Tick, sich ständig die Augenbrauen mit Spucke glatt zu streichen. Ihr Liebster wusste, dass sie gerne las, und belieferte sie mit Büchern aus der Universitätsbibliothek. Valentin war längst nicht mehr Mutters Söhnchen, er war bereits zum feindlichen Lager, seiner neuen Verbündeten, übergelaufen. Trude wusste mehr über ihn, als seiner Mutter lieb war.

Siegesgewiss sah Trude dann Valentins Rückkehr in den Salon entgegen. Die Tür zum Nebenzimmer öffnete sich. Der Qualm verriet, es war viel geraucht worden. Die Verlobte hatte Valentin noch nie mit einer Pfeife oder Zigarre gesehen. Schon daran hätte sie erkennen müssen, dass sich das Blatt gewendet hatte. Vater rief das Dienstmädchen und bat es, Valentin und Trude hinauszugeleiten. Valentin hielt den Kopf gesenkt und vermied es, Trude anzuschauen. Das Unheil war zu erahnen.

Reserviert verabschiedeten sich Valentins Eltern von dem jungen Paar.

Trude betrat dieses Haus nie mehr.

Vor der Eichentür bat Valentin Trude, umgehend nach Tartu zurückzureisen, und überreichte ihr das Geld für die Fahrt. Er küsste sie flüchtig auf die Wange und wandte sich ab, um ins Haus zurückzugehen. Trude fiel aus allen Wolken. Sie wollten doch vier Tage in Berlin bleiben! Alle Sehenswürdigkeiten standen auf dem Programm: das Brandenburger Tor, der Reichstag, der Botanische Garten! Und er wollte ihr einen großen Wunsch erfüllen: mit Straßenbahn quer durch die Stadt zu fahren. Jetzt schickte er sie einfach weg. Trude ergriff Valentins Hände, suchte seine Augen. Er drehte den Kopf weg, doch Trude blieb nicht verborgen, dass er mit den Tränen kämpfte.

„Valentin, was ist vorgefallen?“, bettelte Trude.

Ihr Verlobter richtete sich auf, wurde steif, nahm eine Haltung an, die sie an ihm noch nie erlebt hatte. „Es ist einfach so!“, fuhr Valentin sie barsch an, machte auf dem Absatz kehrt, schritt fluchtartig durch die Tür, die mit einem dumpfen Schlag ins Schloss fiel.

Trudes Welt stürzte zusammen. Sie waren auf dem Sprung, die Welt zu erobern. Sie wollten nach Valentins Studium in Deutschland wohnen, später Europa bereisen. Sie waren hoffnungsvoll, dass Trude auch als Frau eine weiterführende Schule besuchen konnte. Sie hatten Amerika in Betracht gezogen. Als Ingenieur stand ihm die Welt offen. Und nun war Trude mit einem Schlag die Tür zur Freiheit vor der Nase zugeschlagen worden. Sie hatte an diesem unheilvollen Nachmittag in Berlin nicht nur ihre große Liebe, sondern auch die Eintrittskarte in eine verheißungsvolle Zukunft verloren. Ein Fiaker kutschierte Trude zum Bahnhof. Die Eisenbahn brachte sie nach Riga. Sie kehrte als leere Hülle, als hätte sie ihre Seele auf dem Weg verloren, nach zwei Tagen und zwei Nächten Odyssee in Olgas Schoß zurück. Doch weder Olga noch Lena vermochten Trude zu trösten. Sie verstanden Valentins Wandlung genauso wenig wie Trude. Denn was immer auch sein Vater zu ihm gesagt haben mochte, zumindest hätte er den Anstand haben müssen, sich zu erklären.

Erst wollte Trude nicht mehr leben. Sie hatte sich alle Varianten ausgemalt, wie es am schmerzfreisten vonstatten gehen könnte. Dann baumelte sie zwischen blinder Wut und bodenloser Traurigkeit. Aber das Schlimmste kam danach: eine graue Gleichgültigkeit. Sie ging nie mehr zum Tanzen, nahm an keiner Zeremonie mehr teil. Sie mied die gemeinsamen Freunde. Ihre Lebensfreude und ihr Glück hatten sich davongeschlichen. Nur Olga und Lena ließ Trude manchmal zu sich durchdringen. Und Olgas Kleinste. Mit Malena hatte sie schon immer eine besondere Zuneigung verbunden. Das Mädchen fand Trude überall. Wenn sie sich zwischen dem Vieh ins Stroh setzte, weil sie von einer Welle der Sinnlosigkeit übermannt wurde, hüpfte die Kleine leichtfüßig zu ihr und schob ihre kleinen Finger zwischen ihre, die sich zu einer bitteren Faust gekrümmt hatten. Wortlos saßen sie so zwischen den warmen Leibern der Tiere. Dies tröstete Trude mehr als alle gut gemeinten Worte der Erwachsenen.

Es war die kleine Malena, die Trude vor dem leisen Sterben bewahrte.

Nach einem Jahr gab es Tage, an denen Trude es schaffte, nicht an Valentin zu denken. Mit der Zeit verflüchtigte sich die Frage nach dem Warum. Doch was sie weder wegreden, wegschließen noch verfluchen konnte, war diese starke Emotion, die sofort im Brustraum entbrannte, sobald sie nur einen Gedanken an Valentin verlor. Das Herz liebte einfach weiter. Und jedes Mal, wenn sie es zuließ, klaffte unmittelbar auch diese hässliche, wütende Trauer um die betrogene Zukunft auf. Trude wurde müde vom ständigen Aufbäumen der heftigen Gefühle und sie begann erfolgreiche Strategien zu entwickeln, alles zu umschiffen, was sie an ihren ehemaligen Verlobten erinnern konnte.

Trude schickte sich in ihr Leben und verrichtete die Arbeit. Antriebslos. Bei der Morgentoilette sah ihr aus dem Spiegel eine verhärmte, ausgemergelte Jungfer entgegen. Unerträglich wurde sie sich. Einmal schleuderte sie den Spiegel zornig an die Wand. Die Erleichterung war allerdings nur von kurzer Dauer.

Von Livonia wandte sie sich auch ab. Unerträglich wurde ihr das Gegurre und Gebalze der jungen Menschen. Mit Männern wollte sie sowieso nie mehr etwas zu tun haben. Lena hatte zu Beginn Versuche angestellt, Trudes Mauer von Gram zu durchbrechen. Doch irgendwann gab sie auf. Sie hatte, wie Trude zu Ohren kam, einen Jeronim geheiratet. Die Enttäuschung, dass sie nicht eingeladen war, hielt nur kurz. Auch diese lästige Emotion schüttelte Trude mit einem müden Achselzucken ab.

Ganz nach Olgas Vorbild verinnerlichte Trude, dass es keinen Mann für eine gute Existenz brauchte. Olga, die Mädchen und sie waren eine eingeschworene, fast klösterliche Frauengesellschaft. Was sie vom Kloster unterschied, war, dass sie ihr Dasein keinem Gott zollten. Die Naturzeremonien, die Trude die Jahre davor so viel bedeutet hatten, hatte sie ersatzlos aus dem Leben gestrichen. Sie traute weder einem autoritären Kirchengott noch Naturgeistern mehr über den Weg. Die einzige verlässliche Konstante in ihrem Leben war Olga. Sie gab Trude Nahrung, Arbeit und Schutz. Olga wusste im richtigen Moment zu schweigen und wann es Zeit war, zu feiern und zu lachen.

Olga war das Flaggschiff für ihre Mädchen und Trude. In ihrem Kielwasser war es möglich, allem die Stirn zu bieten. Der Hof warf genug ab, um alle zu ernähren. Trudes Anwesenheit und tatkräftige Hilfe war willkommen und damit war ihre Existenz auf Jahre hinaus garantiert. An dieser Sicherheit begann sie ihr Leben auszurichten. Und allmählich Valentin zu vergessen.

1929 Eine zweite Chance

Es lag sehr viel Schnee im März 1929. In anderen Jahren war zur gleichen Zeit schon das eine oder andere Schneeglöcklein auszumachen. Wie jeden Morgen in der Früh schickte sich Trude an, das Vieh zu versorgen und zu melken. Der Pfad zum Stall zwischen den kniehohen Schneemauern war schmal. Das hungrige, fordernde Rufen der Tiere mahnte sie zur Eile. Bei jedem Schritt knirschte es unter ihren schweren Stiefeln. Sie rechnete aus, ob das Heu bis zum ersten Weidegang ausreichen würde oder ob sie zukaufen müssten. Da der Winter hart und lang war, würde es nicht einfach sein, Tierfutter bei den umliegenden Bauern zu beschaffen. Also würde Trude sparsamer füttern müssen.

Nach dieser Schlussfolgerung blickte Trude auf und erschrak. Valentin lehnte sich seitlich an den Rahmen der Stalltür, schaute verlegen abwartend in Trudes Richtung. In seinen Augen blitzte etwas Schelmisches. Er wirkte gereift und attraktiver denn je. Trude glitt der hölzerne Melkkübel aus den Händen.

Als wäre nichts vorgefallen, erfrechte er sich, hier einfach aufzutauchen. Mit dieser Möglichkeit hatte Trude nie gerechnet. Alle anderen Optionen eines Wiedersehens hatte sie sich ausgemalt. Als die Wut noch ganz frisch gewesen war, hatte sie in Erwägung gezogen, nach Berlin zurückzufahren, ihn zur Rede zu stellen. Dann hatte sie gehofft, dass sie sich in Tartu über den Weg laufen würden, was naheliegend schien. Von Karel erfuhr sie jedoch, dass Valentin nach Leningrad umgezogen war, um dort sein Studium zu beenden. Er hatte sich seine Habseligkeiten nachsenden lassen. Damit wurde ein zufälliges Aufeinandertreffen unwahrscheinlich. So sehr sich Trude eine Aussprache wünschte, so sehr fürchtete sie sich davor und demzufolge war sie erleichtert, sich in Tartu frei bewegen zu können.

Trude rang um Fassung. Den ersten Impuls, ihm vor Freude um den Hals zu fallen, unterdrückte sie. Sie tastete nach einem Gegenstand, den sie ihm entgegenschleudern konnte, um ihn ihre plötzlich in der Brust explodierende Wut spüren zu lassen. Zum Glück hatte sie den Melkkübel nicht im Blickfeld.

„Was fällt dir ein, mein Leben erneut über den Haufen zu werfen!“, dachte Trude, brachte aber keinen Laut heraus.

Sie hatte keinen Schimmer, was sie tun sollte. Sie hatte keinerlei Erfahrung mit solchen Situationen. Trude wusste nur, dass sie um keinen Preis wieder in den Abgrund, den sie gerade erst überwunden hatte, zurückwollte. Nein! Sie wollte nicht mehr lieben, nicht mehr hassen und auch nicht mehr trauern. Sie wollte einfach nur ihren hart erkämpften Seelenfrieden bewahren.

Das anhaltende Geplärre des Viehs lockte Olga aus dem Haus. Sie kam, um nach dem Rechten zu sehen, und fand Valentin und Trude in der Morgenkälte regungslos verharren. „Dass du dich hertraust, Valentin! Ich dachte, der Teufel hätte dich längst geholt! Wenn du jetzt nicht eine anständige Erklärung zuwege bringst, sollst du für immer in der Hölle schmoren! Was hast du dir dabei gedacht, Trude so sitzen zu lassen? Weißt du, ich hatte einmal eine hohe Meinung von dir!“

Olga sah Trude aufmerksam an, versuchte, in ihrem Blick zu ergründen, ob sie weiblichen Schutz oder eine Ermutigung zur Aussprache bräuchte. Als sie bei ihrem Schützling kein klares Signal erkennen konnte, weil Trude immer noch erstarrt dastand, dachte sie einen Moment lang nach, was als Nächstes zu tun wäre. Sie schien in jeder Lebenslage in ihrem unsichtbaren Kompendium Rat nachzuschlagen und zu finden. „Ich schau nach den Kühen. Geht und redet, ihr zwei!“

Wenn Olga das vorschlug, wird es wohl seine Richtigkeit haben. Einmal mehr war Trude froh um Olgas Pragmatismus. Und sie war sich ihrer Rückendeckung gewiss, wie auch immer die Unterredung mit Valentin ausgehen würde.

Trudes Herz hämmerte. Es war kaum auszuhalten. Doch verlieh ihr das wilde Herzgetöse neuen Mut, der ihre erstarrten Glieder zum Leben erweckte. Plötzlich wusste sie, was zu tun war. Mit einer Kopfbewegung deutete sie Valentin an, ihr ins Haus zu folgen. In der warmen Küche bat sie die Mädchen, ihrer Mutter im Stall zu helfen, damit Valentin und sie ungestört reden konnten. Die Kinder betrachteten den schönen Fremden neugierig und erfassten rasch die Bedeutsamkeit des Moments. Sie folgten Trudes Bitte anstandslos.

Valentin setzte sich erleichtert. Trude fiel erst jetzt auf, dass er völlig durchgefroren war. Offensichtlich hatte er lange in der Kälte auf sie gewartet. Die junge Frau goss ihm heißen Getreidekaffee ein und hielt ihm ein Stück Brot hin. Valentin tunkte das Brot und schlürfte das Getränk behutsam. Das Schmatzen füllte den Raum. Seltsamerweise entspannten Trude die Laute, sie empfand Zärtlichkeit für diese einfache, menschliche Geste. In dem Moment wusste sie, dass sie Valentin vergeben würde. Ihre Liebe für ihn war stärker als die Demütigung, als die vielen Fragen, als alle Wut und Bitterkeit.

„Danke, Trude!“, durchbrach Valentin das Schweigen. Er sprach, während Trude ihm ohne Unterbrechung zuhörte. Sie erfuhr, dass Valentins Vater ihn gezwungen hatte, den Kontakt zu seiner Verlobten sofort abzubrechen, wenn er die Unterstützung seiner Eltern nicht verlieren wollte. In ihren Augen entsprach Trude nicht dem Bild einer standesgemäßen Ehefrau. Sie setzten ihm das Messer an den Hals. Hätte er sich für Trude entschieden, hätte er sein ganzes Erbe, das Studium und die beruflichen Perspektiven verloren. In wenigen Augenblicken musste er in der verrauchten Stube in Berlin über sein und auch Trudes Schicksal befinden.

Valentin hatte beschlossen, ein allerletztes Mal seinem Vater zu gehorchen. Die Argumente lagen auf der Hand: Ohne finanzielle Unterstützung hätte er sein Studium nicht beenden können. Ohne Ausbildung hätte er den gewünschten Beruf nicht ausüben und ohne Mittel hätten er und Trude nicht die Welt bereisen können. Wissend, dass er fürs Handwerk nicht geschaffen war, sah er nur in seinem eingeschlagenen Berufsweg eine lukrative Zukunft. Für ihn – wie auch für seine zukünftige Frau. Er wog ab und nahm das Risiko, Trude zu verlieren, in Kauf. Als er sich von Trude verabschiedete, wusste er seinen Vater hinter der Gardine zuschauen. Zu diesem Zeitpunkt war er noch überzeugt gewesen, heimliche Weg zu Trude zu finden, um die Situation zu klären. Doch die Einhaltung von Vaters rigoroser Forderung wurde mit Argusaugen überwacht. Der Patriarch hatte seine Kanäle und Hintermänner. In den ersten Wochen nach Berlin hatte Valentin Briefe zu schreiben begonnen, hatte versucht, seine Situation in Worte zu fassen. Doch was hätte er ihr versprechen können? Valentin durfte Trude nicht wiedersehen und musste sein Studium in Leningrad weiterführen. Er hatte alle unvollendeten Briefe zerknüllt und resigniert ins Kaminfeuer geworfen. Valentins Vater beschlagnahmte seine Violine und verbat seinem Sohn zu musizieren. Dieses weibische Gehabe brächte ihn nur in schlechte Gesellschaft, befand die Autorität.

Valentins Vater war ein politischer Wendehals. Er hatte ein Gespür, zur richtigen Zeit die richtigen Verbindungen zu knüpfen. Nach dem Zerfall des Deutschen Kaiserreiches hatte er schnell herausgefunden, welche Geschäftspartner ihm dienlich waren, um bei der gesellschaftlichen Elite vorne mit dabei zu sein. Er war in engem Kontakt mit den Männern an den Schalthebeln der Macht. Es war die Zeit der Weimarer Republik und der Weltwirtschaftskrise. Während die dekadente Oberschicht Tanzpartys veranstaltete, trieben Hungersnöte und Arbeitslosigkeit die Menschen auf die Straße.

Valentins berufliche wie auch private Laufbahn war von Vaters langer Hand geplant und eingefädelt. Der Sohn war eine strategische Figur in seinem Gefüge. Der Patriarch war sich seiner Durchschnittlichkeit bewusst. Er anerkannte, dass Valentin ihn längst menschlich und geistig überflügelt hatte. So war der Sohn der Trumpf im Ärmel. Valentin war Vaters Stolz und ein Versprechen für seine Machtgelüste. Mit Scharfsinn durchschaute der Sohn die Pläne seines Vaters. Solange er wirtschaftlich abhängig war, spielte der Student mit. Er ließ sich auf Veranstaltungen präsentieren und loben. Valentin wusste, wann es galt, wem die Hand zu schütteln. Er lernte, den Damen der Gesellschaft wirkungsvoll Komplimente zu machen. Sein Vater plusterte sich im Hintergrund wie ein Pfau auf und war hochzufrieden mit der Entwicklung seiner Pläne.

Nach dem Studium nahm er eine Stelle als Ingenieur in einer russischen Marinewerft an. Der Moment der Unabhängigkeit war gekommen. Sein eigenes Einkommen erlaubte Valentin, sich abzuseilen. In Leningrad baute er sich jenseits der Einflüsse seines Vaters ein eigenes Beziehungsnetz auf. Die Abkehr beleidigte seine Eltern. Valentin war zum Feind übergelaufen. Für die russische Armee zu arbeiten, war noch schlimmer, als eine Frau zu heiraten, die unter ihrem Stand war. Valentin wurde nicht nur enterbt, sondern auch als Hochverräter verstoßen. Alle Brücken zur Heimatstadt Berlin waren eingestürzt. Dies wurde Valentins Freiheit.

Er war schon seit Tagen um den Hof geschlichen und hatte Trude in ihrem Tagwerk beobachtet. Valentin hatte mit sich gerungen, ob er das Risiko einer Abfuhr auf sich nehmen wollte, hatte geprüft, ob er sich selber sicher war, wollte herausfinden, ob Trude noch frei war, und hatte auf den richtigen Moment gewartet. Das gesicherte Einkommen, eine leise Hoffnung, dass Trude ihn immer noch liebte und sie in der Lage wäre, seinen Bruch irgendwann zu verstehen, gaben ihm Mut, sich seiner Verlobten zu stellen.

Als Valentin seine Schilderung abgeschlossen hatte, glitt er vom Stuhl und kniete sich vor Trude hin. Er fasste nach ihren Händen und sprach: „Trude, du bist die Frau, die ich liebe und begehre. Ich bitte dich um Verzeihung, dass ich dich verletzt habe. Doch ich hoffe, du kannst jetzt verstehen, dass es mir nicht anders möglich war. Ich möchte dich hier und jetzt noch einmal um deine Hand bitten! Wenn du mich nicht willst, werde ich für immer verschwinden.“

Trude hatte ihm die ganze Zeit schweigend zugehört. Sie konnte weder einen klaren Gedanken fassen, noch etwas sagen. Der Gefühlssturm nahm sie völlig in Beschlag und schnürte ihr die Kehle zu. Trude begehrte Valentin, sie war wütend auf ihn und zugleich fühlte sie sich zutiefst verletzt. Mitten im Sturm ruhte jedoch wie ein ruhiger See eine sanfte Instanz, die Valentin bereits verziehen hatte, ihn einfach liebte, nie aufgehört hatte, ihn zu lieben. Trude räumte sich einen Tag Bedenkzeit ein, um in Ruhe alle Gedanken und Gefühle ordnen zu können.

„Auf diesen Tag kommt es nun auch nicht mehr an“, sagte Trude mit belegter Stimme.

Sie verbrachte, von Olga beurlaubt, den Tag in Tartu am Fluss unter ihrer Weide. Stundenlang warf sie Kiesel in den Strom. Mit jedem Wurf wurden Trudes Gedanken klarer. Die lange zurückgehaltenen Tränen konnten sich endlich einen Weg bahnen und frei fließen. Trude seufzte tief und pausenlos, entließ alle Anspannung aus ihrem Körper. Bis es ruhig wurde in ihrer Mitte.

Am Abend erbat sich Valentin ein Nachtquartier. Olga bot ihm ein Lager im Stall an. Mitten in der Nacht schlich sich Trude an den schlafenden Frauen vorbei aus dem Haus. Sie legte sich zu Valentin ins Stroh, rückte eng an seinen Körper. Erst ruhten sie lange Zeit wortlos innig aneinandergeschmiegt. Als hielten sie sich fest, um sich nie mehr loszulassen. In der Morgendämmerung liebten sie sich zum ersten Mal.

Zwischen einer Kuh und einem Ochsen.

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Bis zur Hochzeit im Juli verstrichen fünf Monate. In der Wartezeit nähte Trude die Aussteuer. Sie war nie sonderlich geschickt in Handarbeit. Doch die Aussicht, mit ihrem Liebsten einen Hausstand zu gründen, beflügelte sie zu Höchstleistungen. Mit Bettwäsche und Tischtüchern kamen auch Strampler für ein erstes Kind zur Aussteuer. Der Weidekorb war bis zum Sommer prall mit bestickten Leinen und Wolltüchern gefüllt. Die Metalllaschen am geflochtenen Deckel ließen sich nur mit Einsatz des ganzen Körpergewichts an den Beschlägen festmachen.

Am vierten Juli heirateten Trude und Valentin auf Olgas Anwesen. Es war ein heißer Sommertag. Blumengirlanden, weiße lange Tafeln und herausgeputzte Menschen schmückten die Feier. Am meisten strahlte jedoch das Brautpaar. Neu erblüht sprühte Trude neben ihrem feschen Bräutigam voller Lebensfreude. Und sie freute sich zu tanzen.

Die Kummerjahre waren vorbei, abgehakt wie eine hartnäckige Grippe, die endlich überwunden war und um die jedes Wort zu viel vergeudet wäre. Das Paar knüpfte dort an, wo es vier Jahre zuvor aufgehört hatte. Die Freude allerseits war groß. Valentin wurde herzlich zurückgenommen.

Alle waren sie gekommen: die Tanzfreunde, die Musiker, Trudes Vater, alle Brüder, die ältesten mit Ehefrauen und einer Schar Nachkommen. Auch Lena kam. Sie führte an jeder Hand ein Kleinkind. Ein Drittes zeichnete sich deutlich unter dem Kleid ab. In Lenas Gesicht lag ein Ausdruck von müder Schicksalsergebenheit. Jeronim, Lenas Gemahl, den Trude an ihrer Hochzeit zum ersten Mal sah, trat großkotzig auf. Er war ihr auf Anhieb unsympathisch. Trude bemitleidete Lena, die sich jetzt genau in den Lebensumständen wiederfand, vor denen sie sich immer gefürchtet hatten – als dauerschwangerer Schatten eines Gecken. Wie um alles in der Welt war ihre intelligente Freundin an den geraten?

Ein Schleier legte sich über Trudes Festlaune. Sie fragte sich: „Wo werde ich in zehn Jahren stehen? Begehe ich nicht soeben denselben Fehler, mich mit meinem Jawort von Valentin abhängig zu machen? Als Frau werde ich außerhalb von Olgas Territorium nie meine Autonomie bewahren können!“

Trude führte ihre Gedanken weiter und erkannte, dass sie dank den unwirtlichen Umständen, unter denen sie aufgewachsen war, einen starken Durchhaltewillen entwickelt hatte. Und in der Folge wurde sie alles andere als eine geschmeidige, gefügige Frau. Darin lag der wesentliche Unterschied zwischen ihr und ihrer einmal so nahen Freundin. Lena hatte zeitlebens nie üben können, eigene Willenskräfte zu entwickeln, immer hatten andere für sie entschieden. Von Geburt an war sie erzogen worden, attraktiv und manierlich zu sein, mit dem einzigen Ziel, eine anpassungsfähige Ehefrau zu werden. Abgesehen von den kleinen Fluchten zur Weide oder zu Livonia stand sie immer unter der Kontrolle von Eltern oder Bruder. Und nun hatte Jeronim das Zepter über ihr Leben übernommen. In Lenas Augen funkelten einst ein Glanz von Zuversicht und Jugendlichkeit. Doch jetzt war ihr mit der bitteren Alltagsrealität alle Hoffnung auf Selbstbestimmung genommen worden. Es gab zu Lena kein Durchkommen mehr. Ihre Augen waren matt und distanziert.

„Warum ist der Wert einer Frau auf die Gebärfähigkeit reduziert? Wofür all das geistige Potenzial, der Lebensantrieb, die körperliche Kraft? Mir widerstrebt es zu akzeptieren, dass eine Frau ihre einzige Existenzberechtigung darin hat, für die Gesellschaft Nachkommen zu produzieren oder keusch einem autoritären Gott zu dienen. Es muss doch möglich sein, sowohl Kindern das Leben zu schenken als auch die eigene Souveränität zu bewahren. Mein Körper möchte empfangen und gebären. Das spüre ich instinktiv. Ich glaube, es ist die Erfüllung eines angelegten Plans. Doch auch der Geist will sich erfüllen. Er hat den Drang, sich weiterzuentwickeln und zu erweitern. Und die Seele will fühlen, will genährt werden, will in den Austausch mit anderen erwachsenen Menschen.“

Auf ihrer Hochzeit führte Trude philosophische Selbstgespräche. Sie begann zu erfassen, dass das Menschsein ein spannendes Zusammenspiel von körperlichen, geistigen und seelischen Bausteinen ist, die nicht voneinander getrennt werden können. Sie verspürte die Sehnsucht nach Herausforderungen, die ihren geistigen Horizont erweiterten. Auch als Frau. Widerspenstigkeit regte sich in ihr und noch vor der Trauungszeremonie gab sie sich selber das Versprechen, das Leben mit Valentin an der Seite in allen Zügen zu genießen, aber nie ihre Würde, Eigenständigkeit von ihm abhängig machen zu lassen. Und nie mehr würde sie sich brechen lassen, wenn er noch einmal gehen sollte.

„Na, eigensinniges Weib, komm, es ist Zeit zum Heiraten, nicht zum Grübeln!“ Valentin holte seine Liebste mit einem neckischen Zwicken in die Seite aus dem Sinnieren und führte sie danach zum Trauungsplatz. Seine Worte ließen Trudes Zweifel an der Vermählung verpuffen. Valentin war ein Glückstreffer. Einen Besseren hätte sie nicht abbekommen können. Kein anderer hätte sie mit ihren unbequemen Fragen durchs Leben begleiten können.

Die feierliche Handlung war kurz und schlicht. Unter dem rauschenden Blätterdach der Ulme nahm ein Freund dem Paar das Eheversprechen ab. Sie gelobten sich, in guten wie in schlechten Zeiten füreinander da zu sein, bis dass der Tod sie scheide.

LENINGRAD

1929 – 1938

1929 Das tägliche Brot

Wenige Tage nach der Hochzeit brachen die Neuvermählten nach Leningrad auf. Olga, die Mädchen und Freunde begleiteten das Paar zum Bahnhof. Auch Lena. Es war ein feierlicher Moment. Und gleichzeitig war es ein wehmütiger Abschied von den Menschen, die Trude durch all die Jahre getragen und begleitet hatten. Sie sah ihre Lieben dem wegfahrenden Zug mit Taschentüchern nachwinken, bis eine Kurve den Blickkontakt abbrach. Ihre Wangen glänzten tränennass.

So schwer es ihr fiel, Olgas sicheren Hafen zu verlassen, so sehr freute sie sich auf die neue Zukunft. Es war ihr einerlei, wo sie diese gestalten würden. Hauptsache Valentin und sie waren zusammen. Die beiden verband vom ersten Augenblick an ein entspanntes Wohlbefinden in der Gegenwart des andern, das nur durch den Bruch in Berlin erschüttert worden war. Wie Valentin sich am Ende gegen alle Konventionen und Autoritäten für sie entschieden hatte, zeigte seine Entschlossenheit. Einen größeren Liebesbeweis gab es für Trude nicht.

Mit großem Behagen an der Seite ihres frisch angetrauten Mannes machte sie sich auf nach Leningrad. Das Paar richtete sich die lange Fahrt auf den harten Holzbänken so bequem wie möglich ein. Die meiste Zeit saßen die beiden schweigend, die eine Hand entspannt in der des anderen ruhend. Mit Blick auf die vorbeifliegende Landschaft ließen sie sich von der russischen Eisenbahn in die Zukunft fahren.

Leningrad war Trude bis zu diesem Zeitpunkt nur eine Idee auf der Landkarte und würde nun zu ihrem Lebensmittelpunkt werden. Valentin an seinen Arbeitsort zu folgen bedeutete eine trittsichere Ausgangsposition für alle zukünftigen Schritte.

Trude trat ihren neuen Lebensabschnitt selbstbewusst an. Ihre russischen Sprachkenntnisse würden ihr helfen, Kontakte zu knüpfen. Sie würde die Wohnung ausstatten, die Valentin im Vorfeld gefunden hatte. Irgendwann würde sie einem Kind das Leben schenken – und in den folgenden Jahren eine weiterführende Schule besuchen, studieren und Arbeit finden. Trudes Kopf war voller Pläne, ihr Herz voller Zuversicht.

Nach Tartu und Berlin war Leningrad erst ihre dritte Stadt. Da sie an Berlin keine guten Erinnerungen knüpfte, war Trude einfach zu begeistern. Es war eine prächtige Metropole. Mit den imposanten Palästen und goldenen Kuppeln hatte Leningrad für sie etwas Märchenhaftes. Die Lage am Meer verlieh ihr wie allen Hafenstädten Weltoffenheit. Trude erforschte die Stadt zu Fuß und mit Straßenbahn. Ein in schwarzes Leinen gebundenes Tagebuch, mittlerweile schon das fünfte, war ihr ständiger Begleiter. In ihm hielt sie alle Eindrücke in Worten und Skizzen fest.

Die ersten Monate verflogen wie im Flug. Sie nahm alle neuen Eindrücke durch eine rosarote Brille wahr. Im Rausch der Begeisterung übersah sie die unschönen Flecken der Stadt großzügig. Trude vermied es zu Beginn, genauer hinzusehen. Erst nach und nach schärfte sich ihr Blick und sie konnte die Arbeitslosen, die sich in den Gassen an offenen Feuern die Finger wärmten, und die schmutzigen Kinder, die barfuß und in Lumpen gekleidet für ihre Familien bettelten, nicht mehr ignorieren.

Trude und Valentin standen auf der Sonnenseite des Lebens und brauchten sich keine existenziellen Sorgen zu machen. In den Häfen wurden emsig Schiffe gebaut, um Weltmeere und Überseeländer zu zivilen und militärischen Zwecken zu erobern. Valentin war als Schiffsingenieur ein gefragter und gut bezahlter Mann.

Tagsüber war Valentin weg, verschluckt von einer Arbeitswelt, zu der Trude keinen Zugang hatte. Die Werft lag dreißig Minuten mit der Straßenbahn von der Zweizimmerwohnung entfernt. Am Abend berichtete er, dass er gerade an einem Eisbrecher arbeitete. Trude hörte zu, viel mehr als die technischen Details interessierte sie, mit wem er seine Mittagspause verbrachte, worüber er mit seinen Kollegen sprach, was kulturell in der Stadt passierte, welche politischen Ereignisse die Menschen umtrieben. Valentin war Trudes Informationsbrücke zur Welt.

Ihre selbst auferlegte Aufgabe war, sich ihr neues Territorium zu erobern. Wo und in welchen Entfernungen waren Brot und andere Lebensmittel zu beschaffen? Trude hätte selber backen können, doch sie erachtete es als wichtig, sich mit dem täglichen Gang zum Bäcker eine Dosis Menschenkontakt zu sichern. So wurde Einkaufen zur Forschungsreise. Aus drei Möglichkeiten, die in Fußdistanz lagen, wählte sie die Bäckerei Schmitz für das tägliche Brot. Der Schriftzug über der Markise verriet deutsche Herkunft. Fast eine Bürgschaft für gute Qualität. Trude erfuhr, dass Bäckermeister Schmitz mit seiner Familie im Zug der antideutschen Hatz bereits im Ersten Weltkrieg vertrieben worden war. Nur der Name blieb auf der Markise. Ob aus Kalkül – auch Trude ließ sich ja vom Versprechen auf deutsches Backgut ködern – oder Achtlosigkeit, erfuhr Trude nie.

Hinter „Schmitz“ verbarg sich ein netter russischer Familienbetrieb. Richtig hießen die Leute Dowski. Es waren Vadim und Svetlana mit ihren fünf Kindern. Trude konnte sie nicht auseinanderhalten und machte sich deshalb auch nicht die Mühe, sich deren Namen zu merken. Allesamt waren sie gemütliche Menschen mit rundlichem Körperbau. Die Gesichtsbacken waren weich wie Semmeln und verrieten, dass kein Mangel herrschte.

Die Dowskis hielten nicht viel von der Politik. Vadim und Svetlana hatten für alle und jeden immer ein nettes Wort. Wozu politisieren? Wer satt ist, braucht nicht missgünstig zu sein. Ein zufriedener Mensch hat keine Feindbilder und keinen narzisstischen Ehrgeiz, sich öffentlich zu profilieren. Wer bei Schmitz eintrat, streifte die Gesinnung an der Fußmatte ab. Der Verkaufsraum war eine kleine heile Welt. So war schon beim ersten Besuch besiegelt, dass sich Trude die Mühe ersparen konnte, eine andere Bäckerei zu suchen. Sie blieb Schmitz alle Jahre treu.

In Leningrad lernte Trude, aus der Brotauslage den Wohlstand der Bevölkerung zu lesen. In den ersten Jahren von 1929 bis 1930 war die Vitrine dürftig mit wenigen Brotlaiben bestückt, welche von der Kundschaft im Nu leer gekauft war. Wie alle Großstädter in Europa hatten auch die Leningrader unter der Wirtschaftskrise Ende der Zwanzigerjahre zu leiden. Später kamen neue Brotsorten hinzu und nach und nach füllte sich das Schaufenster mit bunter Konditoreikunst. Zuckerzeug demonstrierte protzig: „Es geht uns gut!“

Manchmal ließ sich Trude von den süßen Leckereien verlocken, doch meist wählte sie Brot für sich und Valentin. Am Anfang gab es nur das eine dunkle Roggenbrot. Als die Auswahl größer wurde, kosteten sie sich durch das Sortiment. Doch allmählich kristallisierte sich ihr tägliches Brot heraus.

An den Abenden und Wochenenden zu zweit arbeiteten sie sich zum anderen durch. Da sie bis dahin kaum geteilte Zeit verbracht hatten, wurden sie sich nicht überdrüssig, aus ihrer Vergangenheit zu erzählen. Abendfüllend waren die Geschichten der Kindheit, von Freundschaften und von Entbehrungen. Valentin brachte seinen Bücherfundus mit in die Ehe, aus dem sie sich gegenseitig vorlasen.

Neugierig erforschten sie auch ihre Körper. Fern aller Konvention waren sie frei, sich ohne Scham kennenzulernen. Sie kannten keinen gültigen Maßstab, wie man sich als Mann und Frau sittlich zu verhalten hatte. Für sie war es das Natürlichste der Welt, sich gegenseitig bei der Morgentoilette zuzuschauen. Es wurde ihr allabendliches Ritual, sich gegenseitig die Kleider abzustreifen, herumzualbern und sich wie Welpen zu balgen. Sie jagten sich durch die Wohnung bis ins kalte Schlafzimmer, um sich dort unter der klammen Decke aneinander zu wärmen. Manchmal hatte das Spiel eine Fortsetzung und manchmal schliefen sie einfach geborgen ineinander verschlungen ein.

Jeder Abend an Valentins Seite war für Trude ein Heimkommen. Über alle Jahre. Wie sehr auch die Welt draußen tobte und sich ihnen Widrigkeiten in den Weg stellten, die Kindersorgen ihnen über den Kopf wuchsen oder sie sich heftig zankten. Beim Hinübergleiten vom Alltag in den Schlaf, wenn die Körper einander wärmten, wenn sich Gedanken langsam verflüchtigten und sich die Emotionen zur Ruhe legten, kam Trude an, bei sich, bei Valentin, beim stillen Glück.

Mit ihrer Ehe verhielt es sich so wie mit dem Gang zum Bäcker. Unerfahren kostete sich das Paar langsam durch die Auslagen des anderen. Es gab üppige und karge Zeiten. Sie ließen sich vom Zuckerguss des anderen verführen. Manchmal betrieben sie Völlerei. Und mit der Zeit wurde offenbar, was im Zusammenleben taugte und was nicht. Allmählich erkoren sie sich wie von selbst die Lieblinge: die Lieblingsmahlzeiten, der Lieblingsplatz am Tisch, die Lieblingsseife, die Lieblingsredewendungen und die Lieblingsliebesstellung.

1930 Die Kinder

Im Juli 1930 wurde Juri geboren. Ein pflegeleichtes Kind. Die Schwangerschaft verlief beschwerdefrei. Die Eheleute verfolgten die Veränderungen von Trudes Körper wie ein spannendes Forschungsprojekt. Die werdende Mutter war Objekt und Beobachtende gleichzeitig.

Eine unzimperliche Hebamme begleitete die Gebärende durch die Niederkunft. Männer waren im Kreissaal nicht erwünscht und so war Trude ohne Valentin dem Ereignis ausgeliefert. Ludmilla, eine unerschütterliche Matrone, die schon Tausende wimmernde, klagende, schreiende Frauen durch das Entbinden gelotst hatte, ging überhaupt nicht auf Trudes Ängste und Befindlichkeiten ein. Auf ihre Erfahrung und Souveränität war Verlass. Sie begleitete Trude durch alle Phasen der Wehen und spornte sie an, bis der kleine Junge aus ihrer weit gedehnten Öffnung herausflutschte.

Ludmilla legte ihr das schmierige, rosa Bündel in die Arme. Trude griff nach den winzigen Fingerchen, strich über das flaumige Köpfchen und als Juri die verklebten Lider aufschlug und seiner Mutter mit tiefblauen Augen zublinzelte, begann Trude zu schluchzen. Noch wund von der Entbindung, glückselig über das kleine Wunder in ihren Armen, erinnerte sie sich an ihre Mutter. Die vollbrachte Leistung, einem Kind trotz bestialischer Schmerzen ins Leben verholfen zu haben, schenkte Trude große Selbstachtung. Sie war unbeschreiblich stolz auf sich.

Wie gerne hätte Trude ihren Sohn Marthe gezeigt. In den Stunden nach der Entbindung fehlte ihr die Mutter wie nie zuvor. Selber Mutter geworden, wurde sie ihr ebenbürtig. Auf einmal konnte Trude nachempfinden, was sieben Kinder Marthes Leib abverlangt hatten. Wie wenn ein Hebel umgekippt wurde, betrachtete Trude Mutters Tod mit einem Mal mit anderen Augen. Der Körper hatte schlicht keine Kraft mehr gehabt. Die Schwangerschaften, das Stillen, die schwere körperliche Haus- und Feldarbeit hatten ihren Zoll gefordert. Nicht Trude war schuld an ihrem Tod! Sondern die harten Lebensbedingungen und die Geringschätzung der Frau in dieser patriarchalen Gesellschaft! Plötzlich verflüchtigte sich der schwere Schatten.

Die frischgebackene Mutter hatte keine Vergleichsmöglichkeiten mit anderen Säuglingen. Doch Juri machte ihr den Einstieg in die Mutterschaft sehr leicht. Er trank gut, gönnte ihr nachts erholsamen Schlaf und gedieh prächtig. Es war schön, mit diesem zufriedenen Kind die Tage zu verbringen. Trude dachte sich, wenn Muttersein so ein Spaziergang ist, wäre es ein Leichtes, nebenher ein Dolmetscherdiplom zu erwerben. Sie schmiedete an ihrem Zukunftsplan. Wenn Juri schlief und später, wenn er zur Schule gehen würde, wollte sie als Übersetzerin arbeiten. Trude war überzeugt, dass ihre Sprachfertigkeiten ihr den Einstieg in die Berufswelt ebnen würden.

Im Mai 1931, kurz nachdem sie sich bei der staatlichen Sprachakademie für den Lehrgang eingeschrieben hatte, stellte Trude fest, dass sie erneut schwanger war. Dieses Mal waren die Zeichen nicht die ausbleibenden Tage, sondern die Morgenübelkeit, von der sie bisher nur vom Hörensagen wusste. Trude konnte keinen Bissen halten. Bestimmte Gerüche, wie zum Beispiel Kaffee, wurden ihr unerträglich. Valentin musste sich eine geruchsneutrale Seife zulegen, sonst hätte ihn Trude nur auf Distanz ertragen können. Während dreier Monate war Trudes Radius sehr beschränkt. Sie pendelte zwischen Bett, Küche und Kinderzimmer hin und her mit einem Emailbecken als ständiger Begleiter.

Bei Sergejs Geburt im November verlor Trude viel Blut. Das Viereinhalbkilokind hatte sich zu schnell und zu heftig herauskatapultiert, als hätte es nicht abwarten können, die Welt zu erobern. Der Junge riss alles mit, was im Unterleib seiner Mutter auf seinem Feldzug in die Freiheit im Weg stand. Zum einen war es wohl die enorme Verausgabung, aber auch die Kälte außerhalb der geschützten Höhle, die dem kleinen Kerl den Atem verschlugen. Sergej bekam nach der Geburt keine Luft in seine Lungen, lief blau an und die Hebamme machte sich schon auf das Schlimmste gefasst. Doch sie unterschätzte den Lebenswillen des Jungen.

An ein Studium oder an Arbeit war nicht mehr zu denken. Trude musste ihre Pläne begraben. Juri übte sich in seinen Gehversuchen und dehnte allmählich seinen kleinen Radius in der Wohnung aus. Sergej trug sie praktisch immer im Arm, weil er so am wenigsten schrie. Sie brachte es nicht übers Herz, wie es damals üblich war, die Kinder in ihren Betten anzubinden und stundenlang schreien zu lassen.

So wie Sergej die Welt betrat, so führte er sich auch als Kind auf. Mit Pauken und Trompeten ging er etwas an. Nie böse oder berechnend. Er war sich schlicht seiner körperlichen Kräfte und Grenzen nicht gewahr. Tollpatschig stieß er manch kleinen Spielkameraden einfach im Vorbeigehen um. So ungestüm sein Auftritt bei Menschen auch war, so sanft war seine versteckte Seele. Dies zeigte sich insbesondere daran, wie er mit Tieren umging.

Jedem herrenlosen Streuner näherte er sich furchtlos, kniete vor ihm nieder und streckte dem Hund die Hand zum Lecken hin. Trude beobachtete, wie das Herz des Jungen für die verwahrlosten Kreaturen überfloss. Sergej hatte eine besondere Gabe, wortlos mit Tieren zu kommunizieren. Seine Gesichtszüge wurden sanft, wenn eine Schnecke über seinen Handrücken kroch. Aus unerfindlichen Gründen konnte er diese zärtliche Seite den Menschen selten schenken. Anderen Kindern gegenüber war er meistens ruppig und abweisend.

Sergej bereitete seinen Eltern manchen Kummer. Er war oft krank und fügte sich beim Spiel unbeabsichtigt Verletzungen zu. Er trieb die Mutter mit seiner Aufmüpfigkeit, die ihrer nicht unähnlich war, manchmal zur Weißglut. Er forderte seinen älteren Bruder und seine Eltern heraus. Trude wusste jedoch um seine sanfte Seele unter der ruppigen Schale und konnte ihm nie lange böse sein. Sie sprach seinen Namen am liebsten auf Französisch aus, weil Serge mit weichem „sch“ am Ende sie weicher machte für ihn.

Der Winter 1931/1932 war unbarmherzig kalt. Minus dreißig Grad waren die Spitze. Trude verlangte dem kleinen Kohleofen alles ab, um die Wohnung einigermaßen warm zu halten. Kälte, Schlafmangel, das Schleppen von Kohle, Besorgungen und zwei Kleinkinder erschöpften sie. Seit Ankunft in Leningrad hatte Trude gegen zehn Kilogramm Gewicht verloren. Sie beklagte sich nie und dachte auch nicht daran, eine Hilfe einzustellen, die sie sich mit Valentins Gehalt hätte leisten können.

Im Vergleich zu anderen Müttern in der Straße, mit denen sie lose Kontakte geknüpft hatte, erging es ihr gut. Die junge Familie hatte weder materielle Sorgen noch Eltern, Schwiegereltern oder Geschwister, die sich mit an den Tisch setzten. Trude musste nicht arbeiten und zuverdienen. Nicht wie die anderen Frauen, die ihre Kinder tagsüber in der Wohnung einschlossen oder der Obhut der älteren Geschwister überließen, während sie selber in der Munitionsfabrik Patronenhülsen drehten.

Im Frühjahr 1932, nach dem zweiten Leningrader Winter, war Trude ausgemergelt und am Ende ihrer Kräfte. Die Ehe verkam zu einer Hülle, die weder Trude noch Valentin mit Leben und Freude zu füllen vermochten. Der junge Vater war tagsüber von der Arbeitswelt absorbiert und kehrte abends müde nach Hause. Dort erwartete ihn eine ermattete Gattin mit zwei plärrenden Kleinkindern.

Die Unbeschwertheit und schwirrende Verliebtheit waren verflogen. Trott und Anstrengungen lagen bleiern über dem Paar. Es gab zwischen Valentin und Trude kein fröhliches Turteln mehr. Nicht selten begleitet von Sergejs Wimmern, das aus dem Kinderbettchen drang, gab sie dem Drängen ihres Mannes nach. Sie konnte bald nicht mehr unterscheiden, ob sie das monotone Kindergeschrei oder Valentins ernsthafte Bemühungen, ihr Freude zu bereiten, mehr abstumpfte.

Der Körper der Mutter hatte alle Vitalität und Lust verloren. Der Liebesakt verkam zum verzweifelten Versuch, die verlorene Nähe wiederherzustellen. Trude verscheuchte den lästigen Gedanken, dass Valentin sie als Ventil missbrauchte. Sie war einfach nur froh, wenn er schnell fertig war, sie sich nicht zu sehr verkrampft hatte und es nicht zu sehr schmerzte. Inständig hoffte Trude jedes Mal, von einer dritten Schwangerschaft verschont zu werden.

Trude bekam Heimweh nach Olga. Nach ihrer Ordnung, Zuverlässigkeit und Herzlichkeit. Der Gedanke an sie wärmte die müde Mutter. Olga hatte ihren Mann früh verloren und sich alleine mit ihren Töchtern durchgekämpft. Sie hätte allen Grund gehabt, eine griesgrämige Alte zu werden. Doch Olga hatte sich ein warmes Herz bewahrt und war eine Sonne für ihre Mitmenschen, wenn ihr niemand zu nahe trat. Es hatte schnell die Runde gemacht, als sie einem Nachbarsburschen mit dem Knie in dessen Gemächt getreten hatte, nachdem er ihr vor den Mädchen unflätig den Busen begrabscht hatte. Trude hatte sie nie über ihr Schicksal klagen hören. Es blieb immer ein Geheimnis, wie sich Olga ihre Frohnatur bewahren konnte.

Besonders in den kalten Wintertagen wünschte sich Trude zurück auf Olgas Hof. Es war ihr nach frischer, kuhwarmer Milch oder nach dem Biss von einer am Kraut aus guter Erde gezogenen süßen Karotte. Auf Olgas Hof hatte es nie an Nahrung gemangelt. Auch wenn sich manchmal Gäste an die Tafel setzten: Alles, was Boden und Stall hergab, wurde geteilt. Alle wurden satt an Leib und Seele.

Trude fehlte in Leningrad eine gute Freundin, mit der sie die langen Tage unterbrechen konnte. Die Frauen im Quartier waren freundlich. Doch sie lebten in ihrer eigenen Welt. Die meisten arbeiteten sowieso tagsüber. Und mit denjenigen, die sie beim Einkaufen in der Warteschlange antraf, erschöpften sich die Gespräche sehr bald nach den Höflichkeitsfloskeln. Gebildete oder kulturell interessierte Frauen und Männer verkehrten nicht auf dieser Straße. Für Einkäufe sandten sie ihre Dienstboten. Zu den interessanten Kreisen der Gesellschaft hatte Trude mit zwei Kindern an der Hand keinen Zugang.

Die ersten beiden Leningrader Winter waren eisig und einsam.

Mildere Temperaturen Ende April brachten Regen und lösten die Schneedecken in den Straßen in Matsch auf. Inzwischen wusste Trude, dass sich der Frost noch einmal hämisch zurückmelden konnte, bevor er endgültig das Feld räumen würde. Doch sie war froh um die ersten Zeichen des Frühlings, die ein Ende des Winters ankündigten. Mit dem Regen kommt der Machtwechsel der Jahreszeiten.

Beim Tauwetter hatte sie die Wahl zwischen zwei Möglichkeiten. Sie verbrachte den langen Tag mit zwei Kerlchen mit Bewegungsdrang in der kleinen Wohnung. Oder sie ging bei kühlen Frühlingstemperaturen im Regenmatsch in den Park. Da Lederstiefel, Kleider und Wollmäntel keinen ausdauernden Schutz vor der Nässe boten, war die Wahrscheinlichkeit groß, dass sich die Buben erkälteten und Trude dies in der Folge mit Nachtschichten wieder auszubaden hatte. Vom langwierigen Trocknen von Kleidern und Schuhen auf engem Raum ganz zu schweigen. Doch Trudes Bedürfnis nach frischer Luft war größer als die Vernunft. Sie verweilten den ganzen Nachmittag im Freien.

Am Tag darauf bekamen Juri, Sergej und sie selber Fieber. Schwitzend versorgte sie die beiden Buben, die apathisch und glühend in ihren Bettchen lagen. Sie erinnerte sich noch daran, wie sie von Schüttelfrost gebeutelt in der Fleischbrühe auf dem Herd rührte und Valentins Ankunft herbeisehnte, damit er sie ablösen und sie sich endlich ins Bett legen konnte.

Viel später wachte Trude im Schlafzimmer auf. Sie erkannte durch einen Schleier die vertraute, sich ablösende grüne Tapete im Eck ihrer Kammer und wie Valentin auf der Bettkante sitzend die matte Hand seiner Frau streichelte. Und wieder später – wie viele Tage mochten vergangen sein? – tauchte Olga in Trudes Gesichtsfeld auf. Olga!

Trude wollte sich aufrichten, um nachzuprüfen, ob sie ihren Augen trauen konnte. Doch starke Gliederschmerzen hielten sie in den Laken zurück. Olga war nach Leningrad gekommen, nachdem Valentin ihr telegrafiert hatte. Er hatte seine Frau ohnmächtig auf dem Küchenboden vorgefunden. Von der Suppe klebte noch eine schwarze Kruste in der Pfanne. Valentin dankte der Fügung, dass er die frühere Tram erwischt und die Küche betreten hatte, bevor die Gasflammen den Topf zum Glühen bringen konnten. Nicht auszudenken, wenn er die Wohnung abgefackelt und die verkohlten Körper seiner Liebsten vorgefunden hätte.

Später erfuhr Trude, dass sie sieben Tage und Nächte zwischen Leben und Tod geschwebt hatte. Der Körper brauchte eine Weile, sich zu entscheiden, ob er kämpfen oder aufgeben wollte. Ihr Hausarzt Medwedew war täglich dreimal vorbeigekommen, um nach der Patientin und der Familie zu schauen. Medwedew heißt Bär auf Russisch. Kein anderer Name hätte besser gepasst zu ihm.

Der Bär war Valentin während der Tage, als die Zukunft seiner Familie in der Schwebe lag, der Fels in der Brandung. Der gute Doktor war eine Seele von einem Menschen, mehr Seelsorger als Mediziner. Der Arzt war es denn auch, der Valentin auf die Idee brachte, Trude die Medizin zu besorgen, die sie ins Leben zurückholen konnte: Olga. Medwedews scharfer Verstand zog schnell Schlüsse aus Valentins Schilderungen. Wenn überhaupt, so konnten nur die Wärme und Fürsorge ihrer Ziehmutter Trude wieder zu Kräften kommen lassen.

Olga folgte Valentins Notruf umgehend. Ihre Töchter waren inzwischen selbstständig genug, sie für eine Weile zu entbehren und den Hof zu führen. Sie traf am fünften Tag nach Trudes Zusammenbruch ein und übernahm das Zepter. Die Erleichterung und Zuversicht reihum war groß. Und in der Tat – Trude genas.

Vier Wochen später fuhr Trude mit den beiden Buben in Olgas Begleitung nach Tartu.

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Trude blieb den ganzen Sommer auf Olgas Hof, zu ihrem, aber auch dem Segen der Jungen. Mühelos hatte sich Trude wieder in den Tagesrhythmus eingefügt. Die Handgriffe waren nicht vergessen. Körperliches Zupacken und der rege Austausch mit den anderen waren für Trude die Kur, die ihr Ausgeglichenheit und Lebensfreude zurückbrachten. Ständig war irgendjemand zugegen. Beim Melken, Rübenziehen oder Kochen schwatzten die Frauen rege oder schwiegen einvernehmlich.

Getreide, Gemüse und Schmalz führten dazu, dass die junge Mutter bald wieder im Besitz ihrer alten Kräfte war. Aus ihren dürren Gliedern formten sich ansehnliche muskulöse Arme und Beine. Es gefiel ihr, dass über dem Gerippe der Busen wieder Rundungen und sich an den Hüftknochen ein kleines Fettpölsterchen ansetzte. Sonne und Arbeit in der freien Natur schenkten ihr eine gesunde Gesichtsfarbe. Nach und nach fühlte sie sich wieder gesund und vital.

Olga bemerkte einmal: „Du kommst mir vor wie ein Spatz, der immer wieder aus dem Nest fällt und den ich immer wieder aufs Neue aufpäppeln muss. Damit uns das erspart bleibt, verbringst du von nun an die Sommer bei uns und lässt dich durchfüttern, damit du die Winter in der Stadt überstehst. Ich kann eine zusätzliche Erntehelferin gebrauchen. Jetzt, wo meine Ältesten bald flügge sind und es nur eine Frage der Zeit ist, bis sie von Männern abgeworben werden. Ich werde das mit Valentin schon regeln.“

Die Jungs liebten die Monate auf dem Land. Endlich war ausreichend Platz für ihren Bewegungs- und Erforschungsdrang. Das Hofleben wirkte sich ausgezeichnet auf die Entwicklung der Buben aus. Und auf das Wohlbefinden der ganzen Familie. Sergej machte seine ersten Schritte auf dem Hofplatz und Juri tapste brav den arbeitenden Frauen nach. Mit Stolz und Staunen beobachtete Trude, wie sich geballte Kraft in den kleinen Bubenkörpern entfaltete. Die rohe Energie wollte sich in Taten ausdrücken. Was in der kleinen Leningrader Wohnung stets gezähmt werden musste, konnte sich auf dem Land entladen und austoben.

Trude und Olga lehrten sie dem Alter entsprechend mit Werkzeug umzugehen. Jede Verantwortung, die den Buben übertragen wurde, ließ sie innerlich wachsen. Die Kinder lernten, dass ein offenes Knie vom Umfallen gut wegzustecken ist, dass ein Aufrappeln und Weiterennen wie ein kleiner Sieg über die eigene Grenze ist. Ein Holzsplint in der Haut war halb so schlimm, wenn der Holzstapel erklommen und das Ziel erreicht ist.

Für Trude war es eine unermessliche Entlastung, die Knaben nicht ständig alleine beaufsichtigen zu müssen. Andere Augen teilten die Aufmerksamkeit, andere Hände trösteten. Für die Hofgemeinschaft waren die Ankömmlinge aus der Stadt eine willkommene Abwechslung. Olgas Töchter liebten es, die Buben zu versorgen, ihnen Geschichten zu erzählen und Lieder vorzusingen. Vielleicht dachten sie dabei schon an ihre eigenen Kinder. Die Zeit auf dem Hof war kurzweilig und verflog im Nu. Der Herbst und damit die Rückkehr in die Stadt nahten viel zu schnell für Trudes Empfinden.

Die Freude über ihr Aufblühen wurde von einem Schatten getrübt, den sie nicht wegstecken konnte. Sie vermisste Valentin nicht. Es erging ihr sehr gut ohne ihn. Ihr Leben war prall. Ganz anders als in Leningrad. Und sie fühlte sich schuldig deswegen. Es war ja nicht so, dass Valentin ihr Leid zugefügt hatte oder fremdgegangen war. Sie hatte da ganz andere Geschichten von Ehemännern gehört. Ihr Mann ließ sich nichts zuschulden kommen. Pflichtbewusst verrichtete er seine Arbeit. Seinen Söhnen war er immer ein fürsorglicher Papa. Trude gegenüber hatte er sich stets bemüht, die Unbeschwertheit der Anfänge wiederherzustellen. Er war sich bewusst, dass die Geburten und Leningrad seiner Frau zusetzten und hatte sich angestrengt, Trudes Leben zu erleichtern.

Valentin hatte alles gegeben, seiner kleinen Familie ein gutes Leben in der Stadt zu ermöglichen. Und doch war es nicht genug. Trude realisierte: Sie liebte ihn nicht mehr. In ihr war kein Platz für ihn. Wenn sie an seine nächtlichen Anstrengungen dachte, schnürte sich ihr Unterleib zusammen. Sein Pflichtbewusstsein war lobenswert, doch es erstickte sie. Valentin war in Leningrad die einzige konstante erwachsene Person. Trude erkannte, dass es zwischen ihnen nichts Neues mehr zu entdecken gab. Die Einsicht, dass ihr Valentin im Gegenteil lästig und überdrüssig geworden war, erschreckte Trude, als sie darüber nachdachte.

Die Distanz war Trude mehr als recht und sie hätte diesen Zustand gerne so aufrechterhalten. Zu kläglich waren die Überreste ihrer Ehe. Ganz heimlich, nach einem langen Arbeitstag auf dem Hof, wenn niemand mehr Ansprüche an sie stellte, wenn sie nachts alleine lag, ging sie in Gedanken und mit ihren Händen auf Entdeckungsreise. In ihrem Körper, von Sommersonne und Lebensfreude erwärmt, keimte leise verloren geglaubtes Lustgefühl auf. Sie entdeckte, dass sie sich selber guttun konnte. Mehr Glück brauchte sie nicht.

Eines Nachts, nachdem sich Trude erfüllt im Federbett einrollte, ploppte ein Gedanke auf, der ihr unangenehm war und den sie dennoch mit einem Mal in Betracht zog: Eine Scheidung war auf einmal eine mögliche Option. Während vieler Wochen war die räumliche Trennung ein Schutzschild und ersparte ihr, eine folgenschwere Erwägung auszusprechen. Doch der Tag würde kommen, der Tatsache ins Auge zu sehen, Valentin ins Gesicht zu sagen, dass es ihr ohne ihn besser ging.

Valentin kündigte sich mit einem Telegramm an: „Ankunft: 16.7.33 in Tartu. Freue mich auf Dich und Kinder.“

Trude wusste, sie hätte sich freuen müssen. Jede andere an ihrer Stelle hätte ihren Geliebten ersehnt. Die knappen Worte wirkten auf die Gattin wie eine turmhohe Erwartung und sie sah der Begegnung mit Angst entgegen. Sein Wunsch, seine Frau und die Kinder zu sehen, forderte Trude heraus, Stellung zu beziehen. Er würde sich mit ihr unterhalten wollen, er würde mit ihr schlafen wollen, er würde mit den Buben und ihr Familie sein wollen.

In den Nächten vor Valentins Ankunft zerbrach sich Trude den Kopf und fand kaum Schlaf: „Was hat uns nur entzweit? Leningrad? Die Kinder? Die zerplatzten Träume? Was hat mir meine Unbeschwertheit geraubt? Welche Macht war stärker als unsere Liebe, die wir einst füreinander empfanden? Gibt es noch eine Chance für uns?“

Mit je einem Buben an der Hand wartete sie am Bahnsteig von Tartu auf Valentins Ankunft. Juri und Sergej waren außergewöhnlich brav. Sie bemerkten die Spannung in der Luft und ahnten, dass ihre Mutter ihnen heute keine Aufmerksamkeit schenken würde, so sehr sie sich auch anstrengten. So ließen sie es bleiben, sich wie sonst zu hänseln.

Die Buben trugen ihre Sonntagsanzüge. Die Mutter hatte ihnen das braune Haar am Vortag kurz geschnitten, die wilden Locken waren anders nicht zu bändigen. Trude hatte sich hübsch, aber nicht übertrieben herausgeputzt. Sie trug ein schlichtes weißes Sommerkleid, das mit blauen Kornblumen und grünen Ranken verziert war und das sie sich erst kürzlich hatte anfertigen lassen. Die Kleider, die sie in den ersten Monaten in Leningrad getragen hatte, passten immer noch nicht, so sehr hatte sie abgenommen. Die schönen Stoffe hingen nur schlaff an Trude herunter.

Valentin stieg aus dem Zug, suchte den Bahnsteig nach seiner Familie ab. Er ließ den Koffer stehen und eilte seinen Liebsten entgegen. Er umschloss alle drei mit seinen Armen. Den Buben wurde es rasch zu eng und sie befreiten sich aus dem Griff. Die Kinder plapperten und fragten, sie zerrten und stupsten. Es machte den Anfang einfacher. So still die Buben vor der Zugseinfahrt standen, so aufgeregt tanzten sie jetzt um ihren Vater herum, den sie zu Trudes Erleichterung in Beschlag nahmen. Der dreijährige Juri hatte sich im Vorfeld viele Gedanken gemacht, ob der Vater derselbe war, wie der in der Stadt, ob der Papa ihn noch gernhaben würde und ob er ihnen etwas mitbringen würde.

Valentin setzte sich auf deren Wunsch zu seinen Söhnen hinten auf den Pferdewagen. Sie forderten seine ganze Aufmerksamkeit. Er musste von Leningrad und der Wohnung erzählen, von den großen Schiffen und den Kindern der Straße. Der Vater lauschte den Heldentaten seines Ältesten. Die Eheleute hatten wenig Gelegenheit, sich zu unterhalten. Und es war Trude recht. Sie saß auf dem Kutschbock und hielt die Zügel des Zweispänners in den Händen. Sie hatte keine Eile, den Hof zu erreichen. Ab und an drehte sie sich kurz um, um nach den Kindern zu schauen und Valentin aus dem Augenwinkel zu beobachten. Valentin versuchte dabei immer wieder, ihren Blick zu erhaschen, um mit ihr Kontakt aufzunehmen. Doch Trude wich ihm aus und richtete sich wieder auf den Weg aus. Sie spürte den Blick ihres Mannes in ihrem Rücken.

Trude hatte es ausgeblendet, doch sie anerkannte: Valentin war ein attraktiver Mann mit seinen ebenmäßigen Zügen. Seine Haut war makellos wie eh und je. Er würde mit Leichtigkeit eine neue Frau gewinnen. Dieser Gedanke versetzte Trude einen eifersüchtigen Stich. Würde sie ihn einfach so an eine andere loslassen können?

Abgesehen von ein paar einzelnen grauen Haaren im dichten Braun hatte sich Valentin äußerlich nicht verändert. Ob und was die Wochen ohne seine Familie in seinem Inneren für Spuren hinterlassen hatten, war mit bloßem Auge nicht erkennbar. Trotz Furcht vor dem nächsten und übernächsten Schritt, dem Gespräch unter vier Augen und der unweigerlichen intimen Annäherung wurde Trude neugierig, wie es ihm ergangen war.

Es stimmte Trude milde, den Vater mit den Kindern herumalbern zu sehen, im gestandenen Mann den kleinen Jungen zu finden, der sich im Spiel vergaß. Wie sie auf dem Kutschbock ihre drei Männer in ihrem Rücken beim Schwatzen belauschte, musste sie unverhofft lächeln. Mit einem Mal wurde es ihr leichter ums Herz. Irgendwie würden sie es hinkriegen. Sie anerkannte seine Größe, wie er aufrichtig an den Räubergeschichten der Jungen Anteil nahm und ihnen ungeniert seinen Vaterstolz und seine Liebe bezeugte. Es ebnete einen gangbaren Weg zwischen ihm und ihr, wo sie vorher nur Dickicht und Abgründe gesehen hatte.

Nach dem Abendessen rückte der Moment unausweichlich näher. Olga brachte die Buben ins Bett. Valentin fasste seine Frau am Arm und führte sie ins Freie. Damit wollte er verhindern, dass sie ihm erneut auswich. Doch sie wusste ja selber, dass ein weiteres Hinauszögern keinen Sinn ergab. Nach dem heißen Sommertag strahlte die Erde immer noch Wärme ab und ein angenehmer Abendwind zog auf.

Sie zogen einfach aufs Geratewohl los. Schweigend. Valentin hatte schon immer ein sicheres Gespür für die Stimmungen seiner Mitmenschen, für den richtigen Zeitpunkt. Es war ihm nicht entgangen, dass Trude ihn den ganzen Tag auf Abstand gehalten hatte. Er signalisierte ihr mit seinem Schweigen, dass er seiner Frau den ersten Schritt überließ.

Trude hatte von anderen Frauen gehört, wie deren Ehemänner die eheliche Pflicht einforderten. Es war gang und gäbe, dass die Angetraute als Eigentum eines Gatten betrachtet wurde. Somit durfte ein Mann zu jeder Tages- und Nachtzeit über sie und ihren Körper verfügen. Ungeachtet, ob die Frau selber Lust empfand, in guter Verfassung, schwanger oder gar krank war. Trude wusste, Valentin hätte sie auf der Stelle irgendwo im Gehölz oder auf dem freien Feld vergewaltigen können, ohne dass er zu Rechenschaft gezogen worden wäre. Dazu gab ihm nicht nur die Tradition des Patriarchats, sondern auch die Kirche den Segen.

Aber er tat es nicht.

Sie schritten, jeder in sich versunken, die Gedanken ordnend, nebeneinander her. Sie berührten sich nicht einmal an den Händen. Von Weitem betrachtet bummelten zwei Menschen wort- und ziellos nebeneinander durch die Gegend.

Jeder spürte das Ringen des andern. Jeder versuchte zu ergründen, was sie voneinander trennte, wie die Lücke zu schließen war. Weder Valentin noch Trude fanden den richtigen Einstieg ins Gespräch. Jedes falsche Wort wäre ein Wort zu viel gewesen. Und darum war Schweigen die bessere Wahl. Augenscheinlich passierte nichts, rein gar nichts. Und doch genau darin geschah das Wesentliche. Im Abwarten, im Aushalten, im Nichts-erzwingen-Wollen, indem sie sich mit gut gemeinten, aber falschen Gesten und Worten verschonten, in dieser Aussparung wurde der Keim spürbar. Da war es wieder! Das vertraute Behagen. Wie wohl es Trude fühlen konnte in seiner Gegenwart, wenn der Druck wegfiel! Valentins unaufdringliche Anwesenheit ließ sie gänzlich entspannen.

Und plötzlich begriff Trude in aller Klarheit: Sie hatten für ihre Ehe viel zu wenig Sorge getragen. Sie war ein zarter, hoffnungsvoller Trieb, der in sich das Versprechen eines prächtigen Baumes trug. In den ersten Monaten hatten die Frischverliebten die Pflanze genährt und versorgt. Doch eines Tages hatten sie ihr keine Beachtung mehr geschenkt. Allem anderen hatten sie Aufmerksamkeit gegeben: den Kindern, Valentins Arbeit, der Bewältigung von Kälte und Alltag. Doch ihnen als Paar, dem Stamm der Familie, hatten sie nicht die gebührende Wichtigkeit eingeräumt. Und alles war aus dem Lot gekommen. Mit dieser Einsicht übermannte Trude der dringende Wunsch, ihren Mann ganz zurückzugewinnen, nicht nur den physisch anwesenden Mann neben sich. Sie hielt abrupt im Gehen inne und wandte sich ihm zu. Erst zögerte sie einen Augenblick, suchte sein Einverständnis in den Augen. Dann schlossen sie sich in die Arme. Der Bann war gebrochen. Eine Welle von Erleichterung, Liebe und Dankbarkeit spülte über sie hinweg. Wie zwei Gestrandete nach einem Schiffbruch hielten sie sich aneinander fest, als wollten sie sich nie mehr loslassen.

Dem Juliabend folgten sorglose Sommertage in Tartu. Es wurde der erste Familienurlaub. Sie machten Ausflüge, badeten im See und Valentin zeigte Juri das Angeln. Bei der Getreideernte packten alle mit an. Und des Abends wurde an Olgas langer Tafel verspeist, was Hof und Garten abwarfen. Valentin und Trude hatten die Sprache wieder gefunden. In langen Gesprächen erörterten sie, wie es dazu gekommen war, wie die Umstände in Leningrad ihre Kräfte geraubt hatten und wie sie es nicht mehr so weit kommen lassen wollten. Das Paar legte seine Wünsche und Lebenspläne auf den Tisch.

Trudes Körper strotzte dank regelmäßiger, körperlicher Arbeit in freier Natur und gesunder Ernährung vor Vitalität. Es war wieder ein Leichtes, sich ihrem Liebsten zu öffnen und hinzugeben. Sie freute sich an der Wiederentdeckung, dass Brüste und Schoß noch anderes vermochten, als Kinder zu gebären und zu stillen. Nicht nur die schwülen Sommertemperaturen brachten das Paar zum Schwitzen.

Nach drei Wochen kehrte Valentin in die Stadt zurück. Trude folgte ihm mit den Buben im September voller Zuversicht. Die Familie bezog eine geräumigere Wohnung und sie stellten eine Hilfe ein, die Trude im Haushalt und der Kinderbetreuung zur Hand gehen sollte. Dies ermöglichte ihr, ohne Kinder aus dem Haus zu gehen, Arbeit zu suchen und Freundschaften zu knüpfen, was ihrem Gemüt zugutekommen sollte.

Im Oktober 1933 trat die zwanzigjährige Marija bei der Familie in den Dienst. Sie bezog das kleine Gästezimmer. Marija war eine Perle! Sergeij himmelte die junge Frau an und sie wurde den Kindern eine geliebte große Spielkameradin. Trude gewann in Marija eine unbekümmerte Gesprächspartnerin. Die alltäglichen Verrichtungen erledigten sich in ihrer angenehmen Gesellschaft wie fast von selbst. Was Trude auf Olgas Hof schätzte, stets einen Gesprächspartner zu haben, hatte sie nun auch in der Stadtwohnung. Sie erkannte, dass sie den Austausch mit anderen Erwachsenen brauchte. Trude war nicht dazu geschaffen, alleine zu sein.

Den Eltern kam Marija am meisten zugute. Die Kinder in ihrer guten Obhut wissend, konnten sie unbekümmert ausgehen. Sie gingen ins Theater oder zu Kinovorführungen, die als neue technische Errungenschaft besonders aufregend und gefeiert waren. Endlich konnte Trude Valentin auf seine Geschäftsessen begleiten. Daraus erfolgte auch für sie immer mehr Zutritt zu interessanten Kreisen. Es gefiel Trude, sich schön zu kleiden, sich zu pflegen. Sie entdeckte wieder ihre kindliche Freude am Tanzen. Wenn sich das Paar ins Schlafzimmer zurückzog, sich vergaß und etwas lauter herumalberte, als es sich schickte, ließ sich Marija am nächsten Tag nichts anmerken.

Mit Doktor Medwedew und seiner Frau entwickelte sich allmählich eine herzliche Freundschaft. Medwedew besaß einen köstlichen Humor. Er schaffte es, die Menschen mit seinen Episoden aus der Arztpraxis und von seinen Reisen abendfüllend zu unterhalten. Rita Katarina Medwedew wirkte auf den ersten Eindruck schüchtern, doch half ihr ein Gläschen Champagner stets auf die Sprünge. Sie stand ihrem Mann in Sachen Wissen, Kultur und Witz in nichts nach. Es war ein Vergnügen, mit den beiden auszugehen.

Das Familienleben fügte sich in die Rhythmen der Jahreszeiten ein. Die Winter verbrachte die Familie in der Stadt. Von Juni bis September lebte sie auf dem Land. Die drei Wochen, die Valentin jeweils mit Trude und den Buben auf Olgas Gut verbrachte, waren ein Glückskonzentrat. Jedes Jahr erneuerten Trude und Valentin ihr Eheversprechen.

Rita Medwedews Beziehungen und ihren Sprachkenntnissen verdankte sie, dass sie im Januar 1934 an erste Übersetzungsaufträge kam. Zu Beginn übersetzte sie einfache Korrespondenz für kleinere Exportunternehmen vom Russischen ins Deutsche und umgekehrt. Die Auftraggeber waren zufrieden mit ihrer Arbeit und sie wurde weiterempfohlen. Bald hatte Trude einen festen Kundenstamm. In der Folge wurde sie zu Essen und Vertragsabschlüssen mit deutschen Geschäftspartnern zugezogen. Und es ergaben sich gelegentliche Aufträge vom Militär.

Trude liebte ihre Arbeit. Es war die Ausgewogenheit zwischen stiller Schreibarbeit und regem Menschenkontakt, die sie so spannend machte. In der Auseinandersetzung mit den Sprachen lernte Trude, die Zusammenhänge zwischen Kultur, Geschichte und Sprachentwicklung zu verstehen. Sie machte sich ein Spiel daraus, hinter der Sprache den Geist eines Landes zu erforschen. Die deutsche Grammatik war in ihren Augen ein Gerüst aus Struktur und Disziplin. In ihr findet der Deutsche Klarheit. Trude erinnerte sich an Vaters breites und gemächliches Berner Schweizerdeutsch. Wenn er sprach, klang seine Stimme weich und wohlklingend. In Gedanken reiste Trude in die ferne Schweiz und sie stellte sich die Heimat ihrer Eltern mit lieblichen, hügeligen Landschaften und die Menschen als gemütliche Zeitgenossen vor. Bei Estnisch schwang immer etwas Humorvolles mit, als hätten die Trolle unter der Erde die Sprache erfunden. Und im Russischen schwangen die Schwermut, Poesie und die unergründliche Weite des Landes mit. Es bereitete Trude Freude, mit den Bausteinen der Sprachen zu spielen.

Ein ebensolches Vergnügen war es für Trude, sich in Männerrunden zu bewegen. Sie wurde in ihrer geistigen und sprachlichen Kompetenz geachtet und war nicht zur Dekoration reduziert, wie andere Damen der Gesellschaft. Der Status als verheiratete Frau und Mutter verlieh ihr bei den Herren eine gewisse Unantastbarkeit. Es kam nur einmal vor, dass ein hanseatischer Geschäftsmann nach mehreren Gläsern seinen Anstand vergaß und sie mit aufs Hotelzimmer bat.

Die Kinder wohl versorgt zu wissen, war es ein Einfaches, das Haus zu verlassen und nach getaner Arbeit wieder heimzukehren. Trude war geistig ausgeglichen und erfüllt. Hausarbeit und Kindererziehung gingen ihr nun leicht von der Hand, weil sie zufrieden und vor allem ausgeschlafen war. Es war wirklich ein Privileg, Marija in der Familie zu haben. Für Trude, sie als helfende Hand und mitdenkende Person im Haus zu haben. Für Marija war es ein Glück, weil sie mit dem Einkommen ihre Eltern und die sieben jüngeren Geschwister unterstützen konnte.

Die folgenden Jahre flossen dahin wie ein ruhiger Strom. Auch Philips Geburt im April 1935 brachte niemanden mehr aus der Ruhe. Der Säugling reihte sich reibungslos in die Kinderschar ein. Trude erholte sich schnell von Geburt und Wochenbett. Ihren Beruf übte sie weiter aus. Die Aufträge ließen sich gut mit dem Stillen koordinieren. Sergej hatte unter Marijas sanftem Einfluss seine Borstigkeit abgelegt und Vertrauen in seine Mitmenschen gewonnen. Mit dem Eintritt in Kindergarten und Schule bekamen die Großen einen neuen Rhythmus, dem sie sich mühelos anpassten. Und mit den neuen Spielkameraden wurde das Haus der Familie noch lebendiger.

Trudes Leben war rund. Bis 1938.

1938 Vorzeichen

Es gab kein einschneidendes Ereignis, das man als Wendepunkt hätte benennen können. Die Veränderung hatte sich langsam eingeschlichen. So wie der kurze Augenblick der Virusübertragung nicht erkannt wird, die Inkubationszeit einer Grippe unbemerkt erfolgt und man sich plötzlich mit hohem Fieber im Bett wiederfindet.

Im Juni 1938 wurde Trude stutzig. Sie fand sich einmal mehr in Medwedews Wartezimmer mit einem Jungen auf dem Schoß. Dieses Mal hatte Juri bei einer Rauferei eine Platzwunde am Kopf abgekriegt. Es war bereits das fünfte Mal in diesem Jahr, dass einer der Buben ärztliche Hilfe brauchte. Die Kinder benahmen sich seit einiger Zeit auffällig daneben. Häufigkeit und Rohheit der Prügeleien überstiegen bei Weitem das Maß von alltäglichem Geplänkel. Schnittwunden, Brüche, Quetschungen, Bisse wurden bei den acht-, sieben- und dreijährigen Knaben zur bedenklichen Tagesordnung. Sie kehrten mit Blessuren aus Schule und Kindergarten zurück oder fügten sie sich gegenseitig zu. Wie nie zuvor musste die Mutter ihre Kinder an die Kandare nehmen. Regelmäßig schickten die Eltern einen der Knaben ohne Abendessen ins Bett oder maßregelten sie mit einer anderen Strafe.

Was hatte sich verändert? War es das hitzige Temperament der Buben, die zunehmenden körperlichen Kräfte, die sie an den Geschwistern auslassen mussten? Reichten die Hinterhofspiele nicht mehr aus, sich leer zu toben? Fußballspiele und Wettrennen schienen den Jungs nicht mehr genug Ventil für die Testosteronschübe. Irgendetwas musste die kleinen Kerle streitsüchtiger machen.

Auch bei Trudes Arbeit begann sich eine Veränderung abzuzeichnen. Lange Zeit waren ihre Übersetzungsdienste sehr gefragt. Sie musste sich nie um Arbeit bemühen. Und plötzlich fand sie sich vor einem leeren Schreibtisch wieder.

Es lag etwas in der Luft.

Trude musste dem nachgehen. Außer ihrem Gang zu Dowskis Bäckerei hatte sie bis zu diesem Zeitpunkt alle Besorgungen Marija überlassen. Das Mädchen hatte die Kinder zum Unterricht begleitet und war die Ansprechperson bei den Lehrern. Trude beschloss, sie nun zu begleiten. In keiner Weise, um sie zu kontrollieren, sie genoss zurecht das ganze Vertrauen der Eltern. Nein, Trude drängte eine große Unruhe unter das Volk. Sie musste herausfinden, was los war. Sie begann die Menschen auf der Straße zu beobachten, schenkte den Gesprächen in der Straßenbahn mehr Beachtung und fing an, bis dahin politisch gänzlich desinteressiert, den Zeitungsaushang zu lesen.

Lange hatten die Entwicklungen in Europa Valentins und Trudes Familie nicht betroffen. Es ging ihnen existenziell gut. Sie fühlten sich vogelfrei, hatten keine Lust, sich mit Parteien und staatspolitischen Geschäften auseinanderzusetzen. Valentin war von den Ambitionen seines Vaters, ihn in die Politik zu drängen, derart angewidert, dass er sich all die Jahre gänzlich von ihr abgewandt hatte. Trude lauschte, las, beobachtete und zählte eins und eins zusammen: Valentins deutsche Herkunft könnte ihrem beschaulichen Leben ein Fallstrick werden. Bei Valentins Arbeit war es bisher nie relevant gewesen, welche Nationalität er hatte. Den Menschen, mit denen Trude zu tun hatte, war es egal, ob ihr Mann Deutscher war, oder sie wussten es nicht. Und Trude wurde in erster Linie als Estin wahrgenommen.

In diesem Jahr kristallisierte sich heraus, dass Valentins Herkunft verhängnisvoller war, als ihnen bewusst war. Die Buben spürten es mit Ausgrenzung und Prügeleien in der Schule. Trude blieben als Übersetzerin die Aufträge aus. Am 7. Juli 1938 traf es Valentin. An diesem unheilvollen Tag kehrte er am frühen Nachmittag nach Hause zurück. Er wurde nach elf Jahren mit der fadenscheinigen Begründung, dass seine Arbeitsstelle ersatzlos gestrichen wurde, entlassen.

Als gar die unerschütterlichen Bäckersleute Dowski den deutschen Schriftzug von der Markise verschwinden ließen, wusste Trude, dass es ernst wurde. Nach Jahren großzügigen Gleichmuts wurde Deutschtum für den Familienbetrieb plötzlich existenzbedrohend.

Der Stimmungsumschwung und die Kündigung bescherten Valentin und Trude schlaflose Nächte. Was war geschehen? Wie sollte es weitergehen? Valentin kontaktierte alte Freunde in Berlin. Er schöpfte alle Möglichkeiten aus, um eine neue Anstellung zu finden. Die Bekannten telegrafierten zurück und berichteten von den Entwicklungen in Deutschland. Es wurde ihm zugetragen, dass Valentins Eltern in Hitlers Entourage verkehrten. Valentin zog es nicht eine Sekunde in Erwägung, seinen Vater um Hilfe zu bitten.

Später, als Trude auf diese Leningrader Jahre zurückblickte, wären die Vorzeichen schon immer zu erkennen gewesen, hätte sie nur einen Blick dafür gehabt. Doch sie hatte kaum Berührungspunkte mit dem einfachen Volk. Sie kümmerte sich um ihre Kinder, ging in ihrer Arbeit auf, bewegte sich in Künstlerkreisen oder in der besseren Gesellschaft. So war Trude lange blind dafür, dass die einfachen Menschen auf der Straße hungerten. In den Schaufenstern war die Ware weniger geworden und die Arbeitslosigkeit angestiegen. Waren die Deutschen bis dahin geduldet, begannen die Leningrader in ihrer Armut den Fremden am Tisch zu hassen.

Trude begriff, dass man die politischen Zusammenhänge verstehen muss, um den Alltag in einem ethnischen Minenfeld zu meistern, und studierte die russisch-deutsche Geschichte.

Was die europäischen Metropolen ausgangs des 19. Jahrhunderts im Eifer der Industrialisierung verband, hat der Weltkrieg zunichtegemacht. Vorher wetteiferten die Staaten um die neusten Errungenschaften und spornten sich gegenseitig zu neuen geistigen Höhenflügen und Erfindungen an. Europa stand in Hochblüte. Der Eiffelturm wurde zum Symbol der modernen Architektur. Die ersten waghalsigen Flüge von Lilienthal und den Gebrüder Wright demonstrierten die kühnen Fortschritte in der Luftfahrt. Freud revolutionierte die Psychiatrie. Doch der Krieg 1914 setzte der enthusiastischen Entwicklung abrupt ein Ende. Und das aufstrebende Europa wurde zutiefst in seiner Seele gespalten.

Trude war neun, als die russischen Bauern 1917 demonstrierten und den Zaren stürzten. Sie erinnerte sich an die Aufregung und die Sensation, die auf den Hof drangen. Die Russische Revolution war wochenlang Gesprächsstoff der Erwachsenen. Doch sie verstand damals die Zusammenhänge nicht. Vor und während des Krieges hatte Russland im Inneren und im Außen an vielen Fronten zu kämpfen und war als Nation geschwächt. Russland und Deutschland waren die Verlierer des Krieges. Sie mussten zusehen, wie die Gewinnerstaaten die neuen Spielregeln bestimmten. In der Demütigung suchten die Regierungen beider Staaten die Verbündung, die durch den Berliner Vertrag 1926 besiegelt wurde. Daraus erfolgte eine langjährige, unheilvolle Allianz. Unverhohlen missbilligte das Fußvolk die Bemühungen der politischen Elite.

Mit der Weltwirtschaftskrise und der hohen Arbeitslosigkeit in Europa bekam Valentin wie alle Deutschen in Leningrad blanke Feindseligkeit zu spüren. Im Kampf um den Arbeitsplatz und das tägliche Brot ist sich jeder selber am nächsten. Feindbilder helfen die Existenzangst zu bewältigen. Alte Sündenböcke müssen herhalten, wenn man den Grund für die eigene Not nicht versteht. Als Estin war Trude eine geduldete Migrantin. Als Frau eines Deutschen jedoch nicht. Sehr schnell lernte sie, jedes Wort auf die Goldwaage zu legen. Obwohl sie immer ein und dieselbe Person war, wurde sie, je nachdem, welche Sprache sie benutzte, von den Mitmenschen anders behandelt. Von nun an war es überlebensnotwendig, alles, was annähernd nach Deutsch klang, aus dem Wortschatz zu streichen. Wenn sie über ihre Herkunft befragt wurde, vermied sie tunlichst, die verschwägerte deutsche Verwandtschaft zu erwähnen. Je nach Bildungsstand eines Gegenübers, die Schweiz wurde öfters salopp zum Großreich Deutschland gezählt, war sie sogar mit Schweizer Abstammung unerwünscht.

Trude begann, sich wie nie zuvor mit dem Begriff Heimat auseinanderzusetzen. Wo waren ihre eigentlichen Wurzeln? War sie nun Schweizerin? Estin? Deutsche? Oder mittlerweile Russin? Wo war sie zugehörig? Prägten Wohnort oder Land das eigene Wohlbefinden? Oder kam es ausschließlich auf die Menschen an, mit denen sie das Leben teilte?

Trude kam zur Einsicht, dass sie überall würde wohnen können, wenn sie Valentin und die Kinder bei sich hätte. Diese bedeutungsvolle Erkenntnis trug zur Lösung ihrer Überlebensfrage bei. Sie waren nicht an Leningrad gebunden. Sie könnten mit den Kindern überall auf der Welt leben, sofern sie in einem Land willkommen waren.

Den Sommer verbrachte die Familie bei Olga. Und zum ersten Mal war Valentin die ganze Zeit mit Trude und den Buben. Bis September hatten die Eltern Schonfrist. Es gelang Valentin und Trude, zeitweise die Not der Situation zu vergessen, weil das Glück, als vollzählige Familie den Sommer zusammen zu verbringen, überwog. Sie brachten eine reiche Ernte ein. Das Land warf dieses Jahr einen besonders hohen Ertrag ab. Wie nie zuvor wurde Trude der Wert der Landwirtschaft bewusst. Während in der Stadt Entbehrung in den Gesichtern der Menschen abzulesen war, fuhren sie auf dem Land volle Getreidesäcke ein. Die Keller füllten sich mit Kartoffeln, Gemüse und Obst für den langen Winter.

Es mangelte der Familie auch nicht an Geld. Sie waren ziemlich vermögend. In den Jahren hatten sie dank Valentins gutem Einkommen einiges ansparen können. Doch wenn es nichts mehr zu kaufen gibt, macht auch Geld nicht satt. Eine akademische Bildung mag Ansehen, geistige Erfüllung und ein pralles Portemonnaie einbringen. Doch in den Hörsälen wird kein Weizen gepflanzt und auf Pflastersteinen gedeihen keine Kartoffeln. Der Mensch wird immer fruchtbaren Boden brauchen, ihn mit Fleiß und Ausdauer bearbeiten müssen, wenn er satt sein will. Beherzter denn je packte Trude in diesen Monaten auf dem Feld mit an. Das Kriegsgerassel in Europa mahnte sie, den Augenblick mit aller Intensität zu leben.

Valentin lotete währenddessen in Tallin, Riga, Helsinki und anderen Hafenstädten Arbeitsmöglichkeiten aus. Er kontaktierte in Finnland und Russland Werften. Ohne Erfolg. Und je näher der Herbst kam, die Kinder wieder zurück zur Schule sollten, und Klarheit über ihre Zukunft gefordert war, desto mehr freundeten sie sich mit dem Gedanken an, ein Gut in Estland zu kaufen. Die Idee, sich mit eigenem Land und Vieh zu versorgen, schien nicht mehr abwegig, wenn auch in Anbetracht von Valentins Beruf und Geschick nicht die Lieblingsvariante. Valentin bereiste von da an Estland, um ein Zuhause für die Familie zu finden.

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Trude kehrte Ende August nach Leningrad zurück, während die Buben in Olgas Obhut blieben. Es gab einiges zu regeln. Die Wohnung, die Schule der Kinder, ihr verwaistes Büro, Marijas Zukunft. Trude wollte sie mit nach Estland nehmen, sobald sie den Wohnsitz geregelt hatten. Marija verbrachte während der Abwesenheit ihrer Arbeitgeber den Urlaub bei ihrer Familie in der Datscha am Stadtrand und schaute gelegentlich nach der Wohnung.

Trude freute sich darauf, sich eine Woche lang ohne Kinder an der Hand in Leningrad zu bewegen. Ausgehen! Ausschlafen! Sie nahm sich vor, nur dann zu essen, wenn sie hungrig war, nicht wenn die Uhr, die den Familientakt bestimmte, es vorgab. Das gab es noch nie, dass sie ganz alleine in der Stadtwohnung war. Wenn nicht Kinderlärm die Räume füllte, dann Marijas, Valentins oder der der Gäste.

Beim ersten Rundgang durch die Zimmer vergewisserte sie sich, ob alles am angestammten Platz war. Nicht aus Misstrauen zu Marija, mehr um die Gegenstände, die ihren Alltag zierten, wie alte Freunde zu begrüßen. Trude riss die Fenster auf, um die abgestandene Luft entweichen zu lassen und die spätsommerliche Sonne hereinzulassen. Sie zog ihre Schuhe aus, schleuderte sie lustvoll, weil kein Zwang zur Vorbildlichkeit da war, durch den Raum, fläzte sich auf das grüne Sofa und streckte die Beine über die Seitenlehne. Auf dem Gehsteig hörte sie hektische Schritte von Stöckelschuhen vorbeitrippeln. Von weiter weg schnappte sie barsche Gesprächsfetzen von einem Geschäftsmann auf, der seinem Laufburschen die Leviten las. Ein Automobilist trat quietschend auf die Bremse und eine Fahrradklingel ertönte. Sonst war es still. Aus der Wohnung drang kein Laut. Obschon Trude diesen Augenblick der Ruhe genoss, verkrampfte sich ihr Herz. Sie sehnte sich bereits innerhalb weniger Stunden nach ihren vier Männern! Sie wusste ganz genau, wohin sie gehörte.

Am anderen Tag suchte sie die Praxis des Bären auf. Sie wollte sich von ihm bestätigen lassen, dass die dumpfen Bauchschmerzen und die gelegentliche Übelkeit, die sie schon eine Weile plagten, nur die letzten Zuckungen einer lästigen sommerlichen Darmgrippe waren. Auch wollte sie sich mit ihm und seiner Frau verabreden. Die Sprechstundenhilfe kannte Trude wegen der häufigen Arztbesuche mit den Kindern bestens und schleuste sie, einen Notfall vortäuschend, an den wartenden Patienten vorbei ins Sprechzimmer. Die Wiedersehensfreude war groß. Die Diagnose weniger. Natürlich wusste Trude nach drei Kindern die frühen Anzeichen zu deuten. Erfolgreich hatte sie die Möglichkeit einer Schwangerschaft weggedrängt und hoffte, von Medwedew einen anderen Befund zu bekommen. Sollte er doch Menopause, Anämie und weiß der Geier was diagnostizieren. Doch der Arzt tat ihr den Gefallen nicht, sondern verkündete mit einem breiten Grinsen, dass ihr viertes Kind voraussichtlich im Januar 1939 zur Welt kommen würde. Als guter Freund durfte er sich die Bemerkung erlauben: „Ihr müsst halt, wenn ihr schon die ganze Zeit über einander herfallt, aufpassen!“

Trude konnte es ihm nicht übel nehmen. Er hatte ja recht. Sie war körperlich und seelisch in bester Verfassung, sie wurde im Oktober ja erst dreißig. Und dennoch war dies so ziemlich der schlechtmöglichste Zeitpunkt für ein weiteres Kind. Die Bestätigung des Arztes überwältigte Trude und sie brach in Tränen aus. Der Bär drückte sie als Arzt und Freund wortlos an seinen fülligen Körper und ließ sie, wissend, dass seine Patienten in der Sprechstunde warteten, leer weinen. Seiner Meinung nach war Trude ein begründeter Notfall. Die werdende Mutter schilderte ihm schließlich in wenigen Worten den Stand der Dinge und die beiden verabredeten sich zum Nachtessen.

Rita Katarina war bereits in alles eingeweiht, als Trude am Abend bei Familie Medwedew eintraf. Sie schloss die Freundin mit einer langen wortlosen Umarmung in die Arme. Darin drückte sie Wiedersehensfreude, Anteilnahme, Solidarität und auch den berechtigten Anteil Freude am neuen Menschlein aus. Bei Tisch schwatzten sie über Belangloses, über Dinge, die geschahen, gesehen wurden, einen nicht wirklich tangierten, aber einen unterhielten. Trude fühlte sich federleicht in Rita Katarinas Gesellschaft. Der Bär, der inzwischen zu ihnen gestoßen war, hörte ihrem Gezwitscher belustigt zu, bis ihm der Zeitpunkt gekommen schien, den Nichtigkeiten Einhalt zu gebieten und Wichtigerem Gehör zu verschaffen. Er räusperte sich, hielt einen kurzen Moment inne, was die Stimmung im Raum bedeutungsvoll anhob. Dann sprach er mit seiner ruhigen, tiefen Stimme: „Ich habe nach deinem Besuch in der Praxis mit meinem Vetter telegrafiert. Mikhail Petrowitsch ist Ende der Zwanzigerjahre nach Darwin ausgewandert und hat sich eine kleine Werft aufgebaut. Er hat mir postwendend geantwortet, er könnte Hilfe gebrauchen. Valentin kann im Herbst bei ihm als Schiffsbauer anfangen.“

Wie ein Felssturz den Verlauf eines Flusses umlenkt, brachte das Angebot aus Australien eine neue, unerwartete Wende für die Familie. Als Trude zum Birkenhof zurückgekehrt war, von der Schwangerschaft und Petrowitschs Option berichtete, riss Valentin wie ein Sportler beim Zieleinlauf die Arme hoch. Er stieß sogar einen Jubelschrei aus. Seine spontane Reaktion war eindeutig.

Valentin legte sich ins Zeug, Ausreisepapiere und Schiffskarten zu beschaffen und den Hausrat aufzulösen. In dieser Aufbruchphase lernte Trude eine neue Seite ihres Mannes kennen. Er, der nüchterne Pragmatiker, wenn es um Existenzielles, der Romantiker, wenn es um künstlerisch-ästhetische Belange ging, verwandelte sich in einen ungestümen Abenteurer.

Während Trude der Auswanderung nach Australien der Kinderschar wegen mit gemischten Gefühlen entgegenblickte, sah Valentin darin den großen Gewinn seines Lebens. Für ihn bedeutete sie die einmalige Gelegenheit, in die neue Welt zu reisen. Diese Chance würde nie mehr kommen. Also war seiner Ansicht nach keine Zeit und Energie mit zögerlichem Abwägen zu verschwenden und es galt, nur noch die Koffer zu packen.

DARWIN

1938 – 1974

1938 Rote Erde

Das Schiff, auf dem die Familie übersiedelte, hieß Minerva. Für die Kinder war es ein spektakuläres Abenteuer. Die Reise war kurzweilig und verlief zum Glück ohne Zwischenfälle. Ende November 1938 fuhren Trude, Valentin und ihre Kinder in Darwins Hafen ein.

Valentin ging als Erster von Bord und schritt zügig über den hölzernen Landesteg. Als er den ersten Fuß auf australischen Boden gesetzt hatte, bückte er sich, griff mit beiden Händen in die rote Erde und ließ sie bedeutungsvoll durch die Finger rinnen. Dann richtete er sich auf, drückte die Schulter durch und rückte seinen Strohhut zurecht. Mit beiden Händen bürstete sich Valentin unsichtbaren Staub von den Schultern. Als würde er Europa und damit alle alten Konventionen abwischen. Als wäre er ab jetzt ein freier Mann. Dann kehrte er noch einmal um, schickte sich an, seine hochschwangere Frau, die in der schwülen Hitze schwer atmete, über den Pier zu geleiten. Ihnen folgten drei wirbelnde Buben, die sich förmlich in das neue Abenteuer stürzten.

Valentin trat bereits eine Woche nach der Immigration seine Stelle bei Mikhail Petrowitsch an.

Petrowitsch war ein ungehobelter Kerl mit beeindruckenden Oberarmen. Als gelernter Schiffsbauer hatte er in den späten Zwanzigern als Seemann nach Australien angeheuert. Er trat laut und derb auf. Dadurch verschaffte er sich nicht Anerkennung, aber Respekt. Ihm entsprach Darwin, wie es anzufinden war – schwül, roh und unzivilisiert. Die Stadt war spärlich besiedelt. Es war das Revier für einen wilden Russen.

Petrowitsch war, als Trude und Valentin ihn kennenlernten, eine stadtbekannte Persönlichkeit. Er hatte sich vom Matrosen und Schiffsbauer zum Werftbesitzer hochgearbeitet. Zupacken konnte er und zuverlässig war er. Er konnte am Vorabend noch so betrunken in irgendeinem Bett landen, anderntags stand er pünktlich in seinem Betrieb. Petrowitsch war als Chef respektiert, jedoch mehr gefürchtet als beliebt. Als Vorgesetzter hatte er ein lautes Mundwerk, hatte ständig ein derbes Wort auf den Lippen. Selbst nach vielen Jahren war sein russischer Akzent immer noch unüberhörbar.

Man munkelte hinter vorgehaltener Hand, dass einige Mischlingskinder der Stadt seinem Schoß entsprungen seien. Laut durfte dies aber nie ausgesprochen werden, denn es war ja bei Gefängnisstrafe verboten, sich mit Aborigines einzulassen. An die Apartheid konnte sich Trude nie gewöhnen. Die Doppelmoral der Weißen war ihr zuwider. Trude musste zugeben, dass ihr die Ureinwohner zu Beginn Angst einflößten. Fremd und finster erschienen sie ihr mit ihrer Sprache und ihrem Auftreten. Trotzdem fand sie es unerträglich, wie die meisten Einwanderer über die Aborigines sprachen und sie behandelten. Als wären sie Vieh. Respektlos spotteten sie über die minderwertige Rasse, über Aussehen und Geruch der Schwarzen. Sie missbrauchten sie als billige Arbeitskräfte in Haus und Hof und hielten sie wie Sklaven. Die weißen Männer bedienten sich der schutzlosen Frauen. Trude musste die Bilder, die vor ihrem inneren Auge entstanden, vehement wegwischen. Sie wollte sich nicht vorstellen, was die geilen Säcke mit den eingeborenen Mädchen anstellten. Jedermann wusste um das Treiben, doch kein Gesetz schützte die indigenen Menschen. Setzten sich Aboriginesfrauen oder ihre Angehörigen zur Wehr, wurden sie wie wilde Tiere abgeknallt.

Mikhail Petrowitsch hatte Arbeit und er bezahlte gut und pünktlich. Petrowitsch kam die Anfrage von Medwedew wie gerufen, da ihm selbst das Know-how fehlte, anspruchsvolle Schiffe zu konstruieren. Er hatte ehrgeizige Pläne mit Valentin. Mit dessen Erfahrung und Talent wollte Petrowitsch aus seiner Fischkutterschreinerei eine lukrative Werft für Hochseeschiffe machen. Valentin krempelte die Arme hoch und machte sich an die Arbeit. Er liebte seinen Beruf und war sehr motiviert, Petrowitschs hochfliegende Ideen zu realisieren. Valentin war sich seines Wertes bewusst und sagte sich, dass, wenn er gute Arbeit verrichtete, Petrowitsch ihm bald aus der Hand fressen würde.

Trude kümmerte sich derweil um das Haus, das Petrowitsch in der Nähe des Hafens für die Familie gemietet hatte. Ihr neues Zuhause war ein einfacher Holzbau, der auf Pfosten einen Meter über dem Boden errichtet war. Eine überdachte Veranda entlang der Frontseite wurde zu einem beliebten Schattenplatz. Wie alle anderen Häuser hatte es ein Wellblechdach. Die breite Holztreppe erkoren die Buben zu ihrem Lieblingsort. Sie war Ausguck, Treffpunkt und Rampe für Sprung- und Spuckwettbewerbe in einem. Sie hatten drei Zimmer und eine Küche. Möbel aus der alten Wohnung, auf die unabkömmlichen Lieblingsstücke reduziert, waren mit dem Schiff verfrachtet worden. Das kunstvoll gedrechselte Handwerk passte überhaupt nicht zu den rohen Holzdielen, doch füllten die Möbel die Räume mit Vertrautheit. Trude hatte vorher nie auf Spitzendecken und Vorhänge Wert gelegt, doch hier klammerte sie sich an alles aus der alten Heimat. Fieberhaft versuchte sie, sich einen neuen Alltag einzurichten.

Das beißende Heimweh behielt sie für sich. Denn Valentin war begeistert von seinem neuen Leben. Wenn er zu den Mahlzeiten heimkam, sprang er mit Schwung die Treppen empor, riss die Tür auf, konnte es kaum erwarten, seine Lebensfreude mit seiner Familie zu teilen. Doch die gedrückte Stimmung, die ihm dort von seiner Frau entgegenschlug, bremste ihn aus. Bei Tisch streifte Trude sein vorwurfsvoller Blick. Er konnte es nicht begreifen, wie sie sich innerlich gegen die einzigartige Chance aufbäumte. Ein mächtiger Graben tat sich zwischen ihnen auf, was Trudes Kummer und Einsamkeit noch verstärkte

Valentin legte ihr nahe, eine Eingeborene als Haushaltshilfe einzustellen, wie alle anderen Siedler. Doch sie wollte nicht. Trude fürchtete sich zu sehr vor den Aborigines, als dass sie eine in ihre vier Wände lassen wollte. Sie würde es schon irgendwie schaffen. Trudes Erschöpfung in Leningrad steckte Valentin noch tief in den Knochen. Er befürchtete, dass seine Frau mit Ankunft des vierten Kindes wieder zusammenbrechen würde. Er drängte Trude: „Zier dich doch nicht so. Alle Zuwanderer stellen Eingeborene ein!“ Darüber stritten sie sich jeden Abend, bis Trude nach Russland schrieb und Marija bat, der Familie nach Australien zu folgen.

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Die feuchte Hitze machte Trude fertig. Die Regenzeit hatte wenige Tage nach der Ankunft eingesetzt und verwandelte die staubige Erde in eine rote Schlammsuppe. Trude erkannte jetzt den Sinn der Stützen, auf die die Häuser aufgebaut waren. Sie boten Schutz vor Tieren und dienten zur Luftzirkulation in der Hitze. Trude war froh, dass die intensiven Niederschläge, die zu Fluten anschwollen, nicht in den Wohnbereich flossen, sondern unter dem Haus durchströmten.

In den Tagen vor Weihnachten drapierte Trude Eukalyptuszweige statt eines Tannenbaums in einem Eimer und schmückte sie mit Papiergirlanden. Der Regen prasselte ununterbrochen auf das Wellblechdach. Die Dekoration war ein Versuch, weihnachtliche Stimmung herzustellen. Doch es erschien absurd, bei den tropischen Temperaturen und dem Lärm des Regens Leise rieselt der Schnee zu singen.

Es gelang über die Mission, Zutaten für die Lieblingsplätzchen der Kinder zu bekommen. Doch weder die noch die Weihnachtsgans vermochten es, die Familie am Heiligen Abend feierlich zu stimmen. Die Knaben in ihre schicken Feiertagsanzüge zu stecken, war ein Ding der Unmöglichkeit. Es war Hochsommer, heiß und schwül. Jedes Stück Stoff zu viel auf der Haut grenzte an Folter. Trude sah ein, dass die zugeknöpfte, europäische Mode hier nicht diente, und begann es den Bewohnern der Stadt gleichzutun und sich an saloppe Bekleidung zu gewöhnen.

Sechs Wochen nach der Immigration hatte sie sich jedoch immer noch nicht mit dem Schweißfilm auf der Haut abgefunden. Schwangerschaft und Luftfeuchtigkeit pressten alle Säfte aus ihrem Körper. Die Flüssigkeitsdepots verlangten umgehend Nachschub. Reinster Sisyphus. Trude schwitzte und tankte sofort Wasser nach. Sie fühlte sich wie ein rinnendes Sieb. Des Nachts fand sie keinen Schlaf. Die Temperatur sank nie unter fünfundzwanzig Grad. Die Moskitos fraßen Eltern und Kinder in den ersten Nächten fast auf. Sie schafften Moskitonetze für die Betten an, doch vor dem nervtötenden, bis in alle Gehirnwindungen dringenden Gesurre der Plagegeister schützten auch die Netze nicht.

Die Kinder und Valentin hatten keine Mühe. Für sie war Australien ein Abenteuer, in das sie sich vom Fleck weg mit Begeisterung stürzten. Kein Zögern beim Aufbruch aus Estland, kein Heimweh während der Überfahrt. Von Beschwerden mit der Umstellung auf die neuen tropischen Lebensumstände keine Spur. Valentin war der Motor, die treibende Kraft. Er glaubte unerschütterlich an ihre gute Zukunft. Mit Hilfe der Arbeitskollegen und dank seines Ehrgeizes eignete er sich schnell einen ansehnlichen Wortschatz in der neuen Sprache an. Die Jungen spürten sein Feuer und ließen sich von ihm anstecken und nicht von der Mutter dämpfen. Es machte die Sache leichter. Trude teilte die Begeisterung für das exotische Australien überhaupt nicht. Ihr jugendlicher Abenteuergeist war mit der zunehmenden Kinderschar erloschen. Sie war einfach froh, dass ihnen zum richtigen Zeitpunkt eine Lösung in den Schoß gefallen war. Es war unumstritten, dass Leningrad keine Perspektiven mehr für die Familie bot. Doch Trude hätte die näher liegende Lösung, Estland, vollauf genügt.

In ihrer vierten Schwangerschaft war sie so froh wie nie um einen Nistplatz. In dieser fremden Umgebung verlor sie alle Ambitionen, außer Haus arbeiten zu wollen. Sie freundete sich mit dem Gedanken an, dass Frauen Brüterinnen und Männer Pioniere sind. Trudes Fokus war, sich häuslich einzurichten, für den Säugling ein Nest zu bauen und Valentin und die Buben um sich zu scharen. Sie vermisste Marija und Olga schmerzlich. Wieder war Trude ohne Hilfe einer Schwesternschaft auf sich alleine gestellt, musste sich neu ausrichten, sich wieder mit Ungewissem auseinandersetzen. Wieder ausfindig machen, wo Milch und Brot zu beschaffen waren, wie mit Nachbarn umzugehen war. Sie musste ihren Alltag und die Sprache wieder neu erlernen und eine Brücke zu den Mitmenschen schlagen. Und dessen war sie müde. Australien war für sie wie eine Expedition zum Mond ohne Rückfahrkarte. Und so tat sie sich schwer. Hitze, Feuchtigkeit, das schüttere Holzhaus, die Furcht einflößenden Eingeborenen mit ihren finsteren Gesichtern machten ihr zu schaffen. Sie klammerte sich an alles, was in entferntester Form europäisch war. So auch an Weihnachtsbaum, Gans und Plätzchen.

1939 Die Rückkehr des Glücks

Anne kam am siebten Februar 1939 am frühen Morgen zur Welt. Sie schlüpfte einfach heraus, legte sich zur Familie ins gemachte Nest und sagte: „Hallo ich bin jetzt da!“ Eine Missionsschwester versorgte Mutter und Kind bei der Hausgeburt. Valentin wollte unbedingt der Ankunft seines vierten Kindes beiwohnen. Rohheit und Schönheit des Aktes übermannten ihn. Er weinte hemmungslos, als er die winzige Schwester den Brüdern, die aufgewühlt an der Schlafzimmertür gelauscht hatten, vorführte. Alle waren vom Fleck weg in das Mädchen vernarrt, hübsch, wie sie war. Nach drei kleinen Kerlen, Trude konnte es nicht leugnen, war sie überglücklich, eine Tochter geschenkt bekommen zu haben. Sie hätte ihr Mädchen gerne Esmeralda genannt, doch bei der demokratischen Abstimmung setzte sich Valentins Vorschlag Anne durch. Den Buben lag Esmeralda zu sperrig im Mund. Und schon am zweiten Tag kam Trude wie von selbst ein zärtliches Annie über die Lippen, wenn sie ihre Tochter liebkoste.

Marijas Antwort traf wenige Tage nach Annes Geburt ein.

„Liebe Trude, liebe Familie!

Euer Angebot freut und ehrt mich. So gern ich folgen würde, ist es mir unmöglich, aus Russland auszureisen. Alles ist unübersichtlich und chaotisch geworden. Wir müssen Beamte bestechen, um an Nahrungsmittelmarken zu kommen. Unser Geld ist kaum noch etwas wert. Die Zeitungen schaukeln sich im Kriegsgerassel hoch. Es ist schwierig, Propaganda von der Wahrheit zu unterscheiden. Es liegt in der Luft, man sieht es an den Gesichtern der Menschen: In Europa bahnt sich Ungutes an!

Ich beglückwünsche euch, dass ihr es noch rechtzeitig geschafft habt, aufzubrechen. Es gibt kaum noch zivile Passagierschiffe. Die meisten Ozeanriesen wurden in der allgemeinen Mobilmachung zu Kriegsschiffen umgerüstet. Die Preise für die wenigen Fahrkarten sind ins Unermessliche gestiegen und sind unerschwinglich geworden. Bitte schickt kein Geld! Es würde nie bei mir ankommen.

Ist das Kleine schon geboren? Alle Glücks- und Segenswünsche für Mutter und Kind! Ich wünsche mir so sehr, euch irgendwann wiederzusehen und das Kleine einmal im Leben kennenzulernen!

In Liebe, Marija“

Trude spürte zwischen den Zeilen die leise Angst und das klamme Bedauern, dass Marija nicht mit ihnen übersiedelt war, deutlich heraus. Sie machte sich Sorgen: „Was wird wohl aus Olga, Marija und den Medwedews werden?“

Trude und Valentin verfolgten die Entwicklungen in Europa mit Sorge. Hitler, Stalin, die Alliierten – die Namen waren in aller Munde. Die Wochenschau im Freiluftkino von Darwin wurde jeden Freitag zum Magneten. Jeder Platz, jede Treppenstufe war belegt. Es gab zeitlich getrennte Vorführungen für Weiße und Schwarze. Jeder Einwanderer, der abkömmlich war, kam. Jeder hatte Wurzeln irgendwo in Europa. Als Schicksalsgemeinschaft vereint, starrten sie auf die große Leinwand und verfolgten die Spaltung Europas, Hitlers Propagandareden, die Rotoren der startbereiten Flugzeuge, Militärparaden und siegessichere Männergesichter.

Bis zu diesem Zeitpunkt hatte sich Trude nicht um Kontakte in Darwin bemüht und kaum am öffentlichen Leben teilgenommen. Körperlich anwesend reiste sie oft in Gedanken zurück. Sie malte sich Kaffeekränzchen mit Rita Medwedew aus. Sich Olgas Lachen zu vergegenwärtigen, richtete Trude auf. Mit dem sich anbahnenden Unheil in Europa wurde es endgültig: Es gab keine Umkehr mehr. Der Krieg zog einen Schlussstrich unter ihre Vergangenheit. Australien war nun die neue Heimat der Familie. Der Kontinent lag fernab der alten Welt. Der Krieg würde sie physisch nie treffen. Trude dämmerte, welch Glück sie hatten, und sie war dankbar, mit den Kindern in Sicherheit zu sein.

Mit Marijas Brief knallte die Hintertür, die Trude sich insgeheim offen gehalten hatte, für immer zu. Es war besiegelt, es gab kein Zurück und Trude wurde gezwungen, den Blick nach vorn zu richten. Sie begann, sich endlich in die klimatischen Bedingungen zu schicken und ihr Herz für die neue Heimat zu öffnen.

Von dem Moment an wurde alles einfacher.

Annie war ein Geschenk. Juri und Serge besuchten morgens die Schule, die von christlichen Missionaren gegründet worden war. Der Lehrer war ein katholischer Priester italienischer Abstammung. Pater Angelo war sowohl bei Kindern wie auch Eltern sehr beliebt. Er war ein blutjunger frommer Mann. Das Charmanteste an ihm war, dass er sich selbst nicht bewusst war, welch Adonis er war. So sagten manche hinter vorgehaltener Hand, es sei eine Verschwendung, diese Schönheit alleine Gott zu überlassen. Jungs und Mädchen liebten ihn, weil er spannende Geschichten erzählen konnte. Die Mütter vergötterten ihn und widmeten ihm nachts ihre Träume. Pater Angelo war es auch, der das jüngste Kind der Familie in einer schlichten Feier auf Anne Esmeralda segnete, doch weder die Eltern noch die Brüder riefen sie je bei ihrem Taufnamen.

Die Buben legten sich ins Zeug mit der Sprache. Spielend leicht lernten die Naturtalente Englisch. Es war für sie von Bedeutung, die anderen Kinder zu verstehen. Sie verbrachten jede freie Minute mit ihren Spielkameraden. Darwin war für sie ein Eldorado. Es war ein Vergnügen, barfuß auf den Straßen aus planierter Erde herumzutollen. Sie waren glücklich, der europäischen Etikette, die ihren Bewegungsdrang stets eingezwängt hatte, entkommen zu sein. Für sie war Australien die Steigerung der glücklichen Sommermonate auf Olgas Hof. Denn jetzt war es ein Dauerzustand.

Valentin nannte seinen zweiten Sohn Sergej. Der Vater wollte die russische Anrede unbedingt bewahren. In seinen Ohren tönte es männlich, stolz und passend für einen heranwachsenden Jungen. Trude nannte ihn weiterhin Serge mit französischer Aussprache, sie pflegte immer noch dieselben zärtlichen Muttergefühle für den tollpatschigen Jungen. Seine neuen Freunde riefen ihn: Sartsch, weil keiner seinen russischen Namen aussprechen konnte. So kam es, dass er im Spiel oft die Rolle des Seargents, des Polizisten oder Militärchefs bekam. Als ewiger Zweiter in der Geburtsreihe fand er es toll, von den Spielkameraden den Boss zugeteilt zu bekommen. Denn zu Hause blieb Juri der Thronfolger.

Trude lernte mit den Buben die wichtigsten englischen Ausdrücke, viel Nützliches über Darwin und das Buschland vom Northern Territory. Sie schwatzten durcheinander, wenn sie vom Unterricht nach Hause stürmten und sich an den Mittagstisch setzten. Die Mutter ließ sich anstecken.

Nach der Regenzeit machte sich Trude auf Entdeckungsrundgänge. Mit Annie im Kinderwagen und Philip an der Hand streifte sie durch Darwin. Juri und Sergej begleiteten sie, wenn sie grad Lust dazu hatten und keine Murmelmeisterschaft zu bestreiten hatten oder nicht auf imaginärer Kängurujagd waren mit ihren Freunden. Im Meer zu baden war wegen der Krokodile und Quallen unmöglich. Trude lernte auch, dass Mangrovenbuchten wegen der gefährlichen Reptilien zu vermeiden waren.

Sie liebte es, an der Esplanade und im Botanischen Garten spazieren zu gehen. An sicheren Strandabschnitten zog sie die Schuhe aus und ließ ihre Zehen in den weichen Sand sinken. Im Schatten ausladender Pandanabäume setzte sie sich zum Ausruhen in den warmen Sand, während die Kinder herumalberten und Sandburgen bauten. Nach und nach bekam sie einen Blick für die Schönheit der Gegend. Sie konnte sich kaum sattsehen an den leuchtenden Farben. Insbesondere hatte es ihr das leuchtende Türkis des Meeres angetan, das ihre Seele nährte und nach und nach die Sehnsucht nach der alten Heimat verblassen ließ.

Am liebsten flanierte Trude auf der langen Pier auf und ab. Ihr gefiel die solide Holzkonstruktion, die die stolzen Schiffe, die im Hafen vor Anker lagen, vor der offenen See schützte. Wenige Gehminuten entfernt lag Petrowitschs Werft. Der Höhepunkt des Ausflugs bestand jeweils darin, zu fünft Valentins Büro zu stürmen. Trude und die Kinder fanden ihn über seine Pläne gebeugt. Die Jungs stürzten sich mit Gebrüll auf ihn und rissen ihn aus der Konzentration.

Es wurde zu einem lieb gewordenen Brauch: Im ersten Moment setzte er eine verärgerte Miene auf, nahm einen Sohn in die Zange und hob zum Schein den Arm, um ihm den Hintern zu versohlen. Die andern kamen dem Bruder zu Hilfe, zwangen den Vater zu dritt zu Boden. Dieser bettelte um Gnade und bestach die Bande mit Süßigkeiten, die er zufälligerweise immer im Hosensack hatte. Trude verabschiedete sich bei Valentin mit einem Kuss, er kniff ihr als Antwort in den Hintern. Valentin blickte seiner Familie stolz nach, wie sie aus seinem Büro entschwand, und genoss es, wenn wieder Ruhe einkehrte.

Trudes seelisches Ankommen belebte auch die Eheleute wieder. Valentin und Trude fanden nach der Zerreißprobe wieder zueinander. Rückblickend erkannten sie, dass die Schwierigkeit darin lag, dass ihre Kräfte in verschiedene Richtungen zogen. Valentin wollte nach vorn und Trude zurück. In dieser Spannung hatten sie sich streckenweise verloren. Mit Trudes „Ja“ zu Australien hatten sie wieder dasselbe Ziel, nämlich, in diesem Land Fuß zu fassen. Wie jede andere überstandene Krise vorher, festigte auch diese das Fundament ihrer Ehe noch mehr.

Nach zehn Jahren Ehe fielen sie nicht mehr übereinander her. Nach vier Schwangerschaften und unendlich vielen ruhelosen Nächten ist erholsamer Schlaf längst kostbarer als Liebesleben. In diesem Einverständnis legten sie sich zueinander ins Bett, hielten sich die Hand und ließen den Tag zur Ruhe kommen. Mit einem Kuss wünschten sie sich eine gute Nacht. Es war kein außergewöhnlicher Tag, es war nichts vorgefallen, das sich besonders eingeprägt hatte. Trude konnte nicht einmal mehr sagen, wann es genau war. Sie trug ihr hellblaues Trägerhemdchen. Valentin zog es vor, am Oberkörper nackt und in kurzen Shorts zu schlafen. Das Bild von diesem einen Abend, wie Valentin und sie nebeneinander im Bett lagen in Vertrautheit und Zärtlichkeit, was im simplen Händchenhalten zum Ausdruck kam, brannte sich fest in ihre Erinnerung. In dieser simplen Geste lag ihr Glück, in Valentin einen treuen Gefährten und Freund zu haben. Seit ihrer Hochzeit hatte er ihre Hand nie losgelassen und war an ihrer Seite geblieben. Dies erfüllte sie mit unendlicher Dankbarkeit.

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