Читать книгу: «So gewinnen Sie mehr Selbstvertrauen»
DR. ROLF MERKLE
So gewinnen Sie mehr Selbstvertrauen
Sich annehmen, Freundschaft mit sich schließen, den inneren Kritiker zähmen

Eine positive
Selbstachtung
ist das wertvollste,
das du besitzen
kannst.
Mach dir dieses
Geschenk.
PAL Verlagsgesellschaft mbH
Seit 35 Jahren der Verlag für praktisch anwendbare Lebenshilfen erfahrener Psychotherapeuten
Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie, abrufbar im Internet über http://dnb.d-nb.de
© PAL Verlagsgesellschaft, München
www.palverlag.de
ISBN 978-3-923614-34-9
eISBN 978-3-923614-87-9
33. Auflage 2019
Alle Rechte vorbehalten
Bild Umschlag: ©Adobe Stock: Kletr
Bilder Innenteil: ©www.unsplash.com: S. 2 Bekir Donmez, S. 58 Karim-Manjra, S. 72 Mark Fletcher-Brown, S. 84 Aziz-Acharki, S. 96 W. R.; www.pixabay.com: S.6 Silvia Rita; Adobe Stock: S. 10 Stockfoto Mania, S. 140 Laura Pashkevich
Dr. Rolf Merkle arbeitet zusammen mit seiner Partnerin und Kollegin Dr. Doris Wolf seit 35 Jahren als Psychotherapeut in eigener Praxis.
Die Internetseite des Autors: www.rolfmerkle.de
Die Ratschläge dieses Buches sind vom Autor und vom Verlag sorgfältig geprüft. Autor und Verlag können jedoch keine Garantie geben und schließen jede Haftung für Personen-, Sach- und Vermögensschäden aus.
Inhalt
Unvollkommen liebenswert sein
1Wie du am meisten von diesem Buch profitierst
2Die Folgen einer geringen Selbstachtung
3Die Ursachen einer geringen Selbstachtung
4Von Selbstachtung zu Selbstliebe
5Dein Kritiker – ein Freund oder ein Feind?
6Das Wunder der Selbstachtung – drei Menschen berichten
7Den inneren Kritiker zähmen – seine Selbstachtung und sein Selbstvertrauen stärken
8Nobody is perfect Versöhn dich mit deinem Körper
Schlusswort
Unvollkommen liebenswert sein
Liebe Leserin, lieber Leser,
wir sind uns noch nicht vorgestellt worden, dennoch wähle ich in diesem Buch die persönliche Anrede in der Du-Form.
Ich tue das, weil ich hoffe, dass ich dich mit dem, was ich dir zu sagen habe, besser erreichen und in deinem Herzen berühren kann. Was ich dir nämlich mitteilen möchte, ist so wichtig, dass es dein Leben retten kann.
Es geht in diesem Buch um eine besondere Form von Selbstvertrauen – dem Vertrauen darauf, dass nichts an dir verkehrt ist, dass du in Ordnung bist, so wie du bist, dass du liebenswert bist.
Wenn es dir wie den meisten Menschen geht, dann glaubst du, dass eher das Gegenteil der Fall ist.
Eine innere Stimme sagt dir nämlich ständig, dass du unzulänglich, verkehrt und minderwertig bist. Diese Stimme ist belehrend, vorwurfsvoll, kontrollierend, abwertend, pedantisch, seziererisch und begleitet dich auf Schritt und Tritt. Diese Stimme ist so überzeugend, dass du ihr jedes Wort glaubst.
Ich nenne diese Stimme den inneren Kritiker, weil sie nie ein gutes Wort für dich übrig hat. Deinem Kritiker liegt nur daran, dich bei einem Fehler oder einer Schwäche zu ertappen, um dich dann aufs Schärfste zu verurteilen und dich mit dem quälenden Gefühl zurückzulassen, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Durch tausende von Gesprächen mit meinen Patienten weiß ich, dass diese nörgelnde Stimme dein und mein größter Feind ist. So gut wie alle seelischen und viele körperliche Probleme sind nämlich auf die vernichtenden Urteile des Kritikers zurückzuführen.
Wenn es dir gelingt, an die Stelle deines Kritikers eine aufbauende, warmherzige und verständnisvolle Stimme zu setzen, dann werden sich viele deiner seelischen und zwischenmenschlichen Probleme in Luft auflösen.
Dann verfügst du über genügend innere Stärke, Gelassenheit und Selbstvertrauen, um die persönlichen und beruflichen Hürden in deinem Leben erfolgreich zu meistern. Dann erkennst du die Wahrheit über dich, nämlich:
An dir ist nichts verkehrt, auch wenn du das Gefühl hast, mit dir stimme etwas nicht.
Du bist liebenswert – auch wenn du nicht perfekt bist.
Diese Erkenntnis will dir mein Buch vermitteln.
Am Ende dieses Buches wirst du einen neuen Freund gefunden haben. Das Schöne an diesem Freund ist, dass er dich nie verlassen wird und immer für dich da ist, wenn du ihn brauchst. Dieser gute Freund wirst DU sein. Freue dich darauf, seine Bekanntschaft zu machen.
Wenn du beim Lesen den Eindruck hast, ich wiederhole manches immer wieder, dann hast du völlig Recht. Ich tue das bewusst, wenn etwas besonders wichtig ist. Du weißt ja: Steter Tropfen …
So, nun wünsche ich dir eine spannende Reise, auf der du viel Neues über dich erfährst und auf der du Seiten von dir kennenlernen wirst, von denen du noch gar nichts wusstest.
Alles Gute für deine Reise wünscht dir dein Reisebegleiter
Rolf Merkle
1Wie du am meisten von diesem Buch profitierst
Dieses Buch ist keine Urlaubslektüre, die du zum Zeitvertreib lesen und dann für immer beiseite legen solltest. Du wirst von meinem Ratgeber nur profitieren, wenn du immer wieder in ihm liest, die Übungen machst und beherzigst, was ich dir vorschlage.
Ich weiß, das klingt nach Arbeit, aber das ist es auch. Dein Kritiker – diese Stimme in dir, die dir das Gefühl gibt, unvollkommen und nicht liebenswert zu sein – ist so sehr ein Teil von dir geworden, er ist vermutlich so mächtig, dass er sich nicht einfach vor die Tür setzen lässt. So leicht gibt er nicht auf. Sollte es dir tatsächlich an einem Tag gelingen, ihn vor die Tür zu setzen, dann kannst du sicher sein, dass er irgendwann durch die Hintertür zurückkommt.
Alte und eingefahrene Denk- und Verhaltensweisen zu verändern braucht Zeit. Machen wir uns nichts vor. Es liegt ein ganz schönes Stück Arbeit vor dir, wenn du lernen möchtest, dich anzunehmen und dein Selbstvertrauen zu stärken.
Du kannst dir jedoch Frust und Umwege ersparen, wenn du den folgenden Empfehlungen folgst.
Anleitung für das Lesen meines Selbsthilferatgebers
1.Nimm dir für die nächsten drei Monate täglich mindestens 30 Minuten Zeit, um in diesem Buch zu lesen und zu arbeiten. Höre ich dich gerade stöhnen? Höre ich dich gerade sagen, das sei zu viel verlangt? Dann möchte ich dich etwas fragen: Wie viel Zeit bist du dir wert? Dies ist ein erster Test, der dir zeigt, wie ernst es dir ist, mit dir selbst Freundschaft zu schließen. Wenn du nicht bereit bist, diese Zeit für dich aufzubringen, dann schenke dieses Buch einem Freund.
2.Wenn du dich entschieden hast, dir die Zeit zu nehmen, dann gratuliere ich dir zu dieser Entscheidung. Du wirst es nicht bereuen. Mach dieses Buch in den nächsten Wochen zu deinem ständigen Begleiter. Es genügt nicht, dass du die einzelnen Kapitel ein- oder zweimal liest. Auch wenn du glaubst, den Inhalt bereits auswendig zu kennen, lies darin immer wieder. Du wirst stets neue Textstellen entdecken, die du zuvor überlesen hast oder die dir nicht so wichtig schienen. Wiederholung ist die beste Straße zum Erfolg. Es genügt nicht, etwas zu wissen. Es muss dir auch einfallen, wenn du es benötigst – dann, wenn dein Kritiker zuschlägt und dir das Leben schwer macht. Dies wird dir jedoch nur gelingen, wenn dir meine Hilfestellungen zur Aneignung einer positiven Selbstachtung in Fleisch und Blut übergegangen sind.
3.Lies das Buch zunächst einmal im Schnelldurchlauf, um dich auf das Thema einzustimmen. Danach lies es in aller Ruhe. Am Ende mancher Kapitel findest du Übungen. Diese sollen dir einerseits helfen, das Gelesene zu vertiefen. Andererseits sollen sie dich Schritt für Schritt zu mehr Selbstachtung führen. Lass keine der Übungen aus, bitte! Es sind wichtige und notwendige Übungen auf dem Weg zu einem Leben mit mehr Selbstachtung und Selbstvertrauen. Versprochen?
4.Hab beim Lesen immer einen Bleistift oder Textmarker zur Hand. Streiche Textstellen an, die dir wichtig erscheinen. Auf diese Weise vermeidest du unnötiges Suchen, wenn du etwas noch einmal nachlesen möchtest. Andererseits bleibt dir das Gelesene besser haften.
5.Kauf dir ein kleines Notizbuch – eines, das du immer bei dir tragen kannst. Notiere darin wichtige Gedanken aus diesem Buch, und mach darin die schriftlichen Übungen. Kauf dir ein richtig schönes, eines, das wertvoll aussieht – und es vielleicht auch ist. Vielleicht mit einem schicken Ledereinband. Goldprägung? Wichtig ist, dass du bei seinem Anblick ein gutes Gefühl hast und dich freust, es aufzuschlagen und darin Notizen zu machen.
6.Am Ende mancher Kapitel findest du die Überschrift Was möchte ich mir merken? Notiere hier bitte, welche Feststellungen in diesem Kapitel für dich persönlich wichtig waren. Wenn du mit deinen Worten das für dich Wichtige zusammenfasst, dann wirst du es besser in Erinnerung behalten.
Außerdem ist es für dich eine Überprüfung des Gelernten, wenn du dich nach dem Lesen fragst: „Was habe ich behalten und was war für mich wichtig?“ Mach bitte diese kleine „Hausaufgabe“.
7.Im Kapitel „Tipps für mehr Selbstliebe“ findest du 26 Übungen. Diejenigen, die dir schwerfallen, solltest du so lange und so oft machen, bis du ein gutes Gefühl bei ihnen hast. Die Strategien für den Umgang mit deinem Kritiker solltest du so oft und so lange benutzen, bis sie dir in Fleisch und Blut übergegangen sind und du merkst, dass sie Wirkung zeigen.
Von all meinen Büchern ist dieses das wichtigste. Alle seelischen und viele körperliche Probleme haben nur eine einzige Ursache: Selbstablehnung.
Sich annehmen und akzeptieren können ist die Voraussetzung für ein zufriedenes und erfülltes Leben.
Bist du bereit, den wichtigsten Schritt in deinem Leben zu wagen – dich selbst anzunehmen?
Habe ich dich gerade „ja“ sagen hören? Dann lass uns keine Zeit verlieren und beginnen. Schauen wir uns zunächst an, welche Folgen es haben kann, wenn du dich ablehnst oder gar hasst.
2Die Folgen einer geringen Selbstachtung
In tausenden von Gesprächen mit meinen Patienten habe ich die Erfahrung gemacht, dass Selbstablehnung oder gar Selbsthass vielfältige negative Auswirkungen auf unsere Gefühle, unser Verhalten, unser körperliches Befinden und unsere zwischenmenschlichen Beziehungen haben.
Nicht alle der folgenden Auswirkungen finden sich bei allen Menschen mit Selbstwertproblemen. Je nach Stärke der Selbstablehnung sind die Auswirkungen vielfältiger und/oder stärker oder weniger ausgeprägt.
Die Auswirkungen einer geringen Selbstachtung auf die Gefühle
Angst- und Panikgefühle
Menschen, die sich ablehnen, können vielfältige Ängste verspüren. Die häufigsten sind: Angst vor Ablehnung, Angst vor Kritik, Angst vor Nähe, Angst zu versagen, Angst, Fehler zu machen, Angst vor Misserfolg, Angst vor Erfolg, soziale Ängste, Angst, (falsche) Entscheidungen zu treffen, Angst, sich lächerlich zu machen, Angst, die Beherrschung zu verlieren, Angst, seine wahren Gefühle zu zeigen, Angst, andere könnten das wahre – vermeintlich – Schlechte in einem entdecken, Angst, nicht gut genug zu sein, Angst vor Neuem, Verlustangst. Hast du solche Ängste?
Depressionen, Hilflosigkeit, Hoffnungslosigkeit, Scham- und Schuldgefühle, Selbstmitleid, Ärger über sich und andere
Selbstzweifel und erst Recht Selbsthass führen zwangsläufig zu Depressionen. Wenn man sich für Fehler verurteilt und denkt, man sei wertlos, und sieht keine Chance, sich zu ändern, dann fühlt man sich hilflos, dann bemitleidet man sich vielleicht, dann macht man sich Schuldgefühle und Vorwürfe, dass man so wenig aus sich macht, dann ärgert man sich über sich selbst, dass man so schwach ist. Die Folge: Depressionen.
Und je deprimierter man ist, umso weniger man auf die Reihe kriegt, umso wertloser fühlt man sich, umso mehr geht die Selbstachtung in den Keller und umso tiefer fällt man in ein schwarzes Loch, aus dem es scheinbar kein Entrinnen gibt.
Torsten hat immer wieder depressive Phasen. Er sagt: „Mein Problem ist meine ständige Unzufriedenheit mit mir selbst. Ich genüge meinen eigenen Ansprüchen nicht. Wenn ich im Urlaub nur rumhänge und nichts unternehme, dann ärgere ich mich hinterher, dass ich so wenig auf die Reihe gekriegt und so wenig erledigt habe. Ich denke immer, ich müsste noch mehr schaffen, was mich gleichzeitig aber auch wieder lähmt, weil ich es blöd finde, immer nur zu arbeiten. Man sollte doch auch mal nichts tun dürfen, ohne gleich ein schlechtes Gewissen zu haben und sich nutzlos zu fühlen. Ich kann es mir einfach nicht recht machen.“
Überempfindlichkeit, sich verletzt, beleidigt, angegriffen und gekränkt fühlen
Menschen, die schlecht von sich denken, fassen vieles, was andere tun oder sagen, als Ablehnung und Kritik auf, weil sie ihren Mitmenschen unterstellen, dass diese auch negativ über sie denken. Wieso – so denkt man – sollen andere das Nicht-Liebenswerte und das Nicht-Perfekte lieben? Das hat zur Folge, dass Menschen, die sich ablehnen, sich ständig bedroht, in Gefahr, angegriffen und verletzt fühlen. Dadurch, dass sie sich schnell persönlich angegriffen und verletzt fühlen, sind sie schnell beleidigt und gekränkt. Ihr Nervenkostüm ist sehr labil.
Die Arbeitskollegen und Freunde von Vanessa sagen, sie verstehe überhaupt keinen Spaß und sie sei empfindlich wie eine Mimose. Was andere auch immer in ihrer Gegenwart sagen, bezieht sie sofort auf sich und fühlt sich verletzt oder auf den Arm genommen. Dann reagiert sie entweder sehr aggressiv oder ist deprimiert.
Tina könnte sich manchmal selbst eine runterhauen. Wenn sie vergisst, die Kaffeemaschine auszumachen, dann ärgert sie sich maßlos über sich und denkt: „Nie kannst du etwas richtig machen, du blöde Kuh.“ Wenn andere sie auf einen Fehler aufmerksam machen, dann reagiert sie sehr aufgebracht und denkt sich: „Er sagt das nur, um mich zu demütigen. Er will mich als dumme Gans hinstellen.“
Markus ist sehr abhängig von der Meinung seiner Mitmenschen. Wenn ihn ein Arbeitskollege kritisiert, nimmt er sich dessen Urteil sehr zu Herzen. Er fühlt sich dann persönlich angegriffen und ärgert sich über sich selbst, dass er so ein „Trottel“ ist, den die Worte der anderen nicht kalt lassen, und der es nicht schafft, über der Kritik zu stehen. Und eine einzige Kritik raubt ihm oft viele Nächte den Schlaf, da er lange darüber nachgrübelt. Warum nimmt er sich die Worte anderer so zu Herzen und ist so abhängig vom Urteil der anderen? Weil er selbst von sich und seiner Arbeit geringschätzig denkt. Er glaubt selbst, keine gute Arbeit zu leisten, und ist von sich und seinen Fähigkeiten nicht überzeugt. Deshalb hat er ständig Angst, andere könnten über ihn genauso denken und ihn ebenso ablehnen, wie er sich selbst ablehnt.
Simone legt die Worte anderer immer auf eine Goldwaage. Ständig hat sie das Gefühl, andere würden sie aufziehen und lächerlich machen. Auf die vermeintlichen Angriffe der anderen reagiert sie mit spitzen Bemerkungen oder sie wendet sich schroff ab. Dieses Verhalten führt dazu, dass die anderen sie für zickig halten und ihr vorwerfen, sie verstehe keinen Spaß.
Mangel an Selbstbewusstsein und Selbstvertrauen, Schüchternheit
Menschen mit geringer Selbstachtung haben Angst, andere könnten sie ablehnen, wenn sie selbstbewusst auftreten, Nein sagen oder ausdrücken, was sie möchten. Deshalb sind sie eher schüchtern und halten sich im Hintergrund. Sie schlucken ihren Ärger über sich und andere hinunter, bis sich so viel Ärger in ihnen angestaut hat, dass sie vor Wut platzen und sie aggressiv, sarkastisch oder gewalttätig reagieren, was sie dann natürlich wieder an sich verurteilen und was in ihnen noch mehr das Gefühl erzeugt, nicht in Ordnung zu sein.
Manche Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl reagieren passiv-aggressiv, das heißt drücken ihren Ärger nicht direkt aus, sondern eher indirekt. Sie reden schlecht über andere, sie manipulieren andere, machen anderen Schuldgefühle. Es gibt aber auch Menschen mit einem geringen Selbstwertgefühl, die betont selbstsicher, ja geradezu aggressiv auftreten und so den Eindruck erwecken, eine starke Persönlichkeit zu sein. Ihr Motto lautet: Angriff ist die beste Verteidigung.
Jan ist in Gegenwart anderer sehr gehemmt. Er weiß nicht so recht, wie er sich verhalten und was er sagen soll. Er kommt sich in Gesellschaft immer isoliert und überflüssig vor. Bei Gesprächen ist er sehr angespannt und verkrampft, da er Angst hat, es könnte eine Gesprächspause eintreten. Das wäre ihm ziemlich peinlich. Also hört er kaum hin, was der andere erzählt, sondern überlegt ständig krampfhaft, was er als Nächstes sagen könnte, um das Gespräch am Laufen zu halten.
Daniel fühlt sich sehr oft einsam. Er hat große Probleme, andere Menschen kennenzulernen. Er sagt: „Ich habe ein sehr positives Bild von mir in Bezug auf das, was ich bisher erreicht habe. Abi und Ausbildung mit 1er Abschluss, früh selbstständig gemacht, großes Allgemeinwissen, großes Fachwissen. All das zählt für mich jedoch überhaupt nicht. Andere sind offen, selbstbewusst, lernen Leute kennen, gehen feiern, leben ihr Leben. Ich würde gerne die Hälfte von meinem Wissen und meinem Erfolg gegen mehr Selbstbewusstsein und Selbstachtung tauschen! Ich hasse mich, dass ich so wenig aus mir herausgehen und auf andere zugehen kann.“
Eifersucht, Verlustangst, Klammern
Eifersucht ist immer die Folge einer geringen Selbstachtung. Wenn man denkt, nicht gut genug und nicht attraktiv genug zu sein, dann ist es verständlich, wenn man Angst hat, der Partner könne jemand anderen attraktiver finden und einen verlassen.
Es sind die Zweifel an der eigenen Attraktivität, die einen ständig zweifeln lassen, für den Partner anziehend zu sein. Die Angst, nicht mehr attraktiv zu sein, führt zu Verlustangst und all den Begleiterscheinungen der Eifersucht: klammern und kontrollieren.
Tobias ist sehr eifersüchtig. Wenn er mit seiner Frau ausgeht, dann leidet er Todesqualen. Er lässt sie keine Sekunde aus den Augen. Wenn sie einem Mann ein Kompliment macht oder diesem lange Aufmerksamkeit schenkt, dann sieht Tobias in seiner Phantasie seine Frau, wie sie ihn verlässt oder ihn betrügt.
Die Auswirkungen einer geringen Selbstachtung auf das Verhalten
Perfektionsstreben, krankhaftes Streben nach Erfolg
Manche Menschen mit einer geringen Selbstachtung wollen sich und anderen stets beweisen, dass sie nicht minderwertig sind, indem sie sich bemühen, alles perfekt zu machen und Fehler zu vermeiden. Sie wollen Erfolg um jeden Preis, sind aber nie oder nur kurz mit dem Erreichten zufrieden.
Der Gedanke, noch nicht genügend geleistet zu haben, kehrt schnell zurück. Ihr Hunger nach Bestätigung wird durch keinen noch so großen Erfolg gestillt.
Michael ist beruflich sehr erfolgreich, tritt selbstbewusst und selbstsicher auf, hat viele soziale Kontakte auf der ganzen Welt. Trotz seines großen finanziellen Erfolges kommt er jedoch nicht zur Ruhe, da er nie das Gefühl los wird, es noch nicht zu etwas gebracht zu haben, noch nicht in Ordnung zu sein, es noch nicht verdient zu haben, dass es ihm gutgeht.
Lernt man ihn kennen, käme man nie und nimmer auf die Idee, dass er eine geringe Selbstachtung hat, ja, sich geradezu hasst. In seinem Äußeren und in seinem Auftreten deutet nichts auf seine Minderwertigkeitsgefühle hin.
Er ist das Paradebeispiel eines erfolgreichen Menschen, der sich alles leisten kann, emotional jedoch ein total unglückliches Leben mit vielen gescheiterten Beziehungen führt.
Nach nun fast 30 Jahren vergeblichen Ankämpfens gegen seine Minderwertigkeitsgefühle hat er sich selbst und die Hoffnung auf ein erfülltes Leben aufgegeben.
Immer Recht haben wollen, alles besser wissen, auf andere herabschauen, andere geringschätzig behandeln, sich für etwas Besseres halten Diese Verhaltensweisen dienen dem Selbstschutz. Indem man sich selbst erhöht und sich für klüger und besser hält als die anderen, hat man das Gefühl, diesen überlegen zu sein. Dieses Verhalten soll verhindern, dass man allzu häufig und zu stark mit seinen Minderwertigkeitsgefühlen in Berührung kommt.
Fabian wirkt auf andere sehr arrogant. Er zieht ständig über andere her, weist diese auf ihre Fehler hin und versucht, die anderen „klein“ zu machen. Bei seinen Kollegen ist er als rechthaberischer Mensch verschrien.
Unzufriedenheit mit dem Äußeren
Angeblich sind nur etwa zehn Prozent der deutschen Frauen mit ihrem Körper zufrieden. Die anderen 90 Prozent, neuerdings immer mehr Männer, haben Probleme mit ihrem Körper und ihrem Aussehen. Der Blick in den Spiegel ist für sie eine Qual. Zwanghaft fällt ihr Blick auf vermeintliche Problemzonen und sie hassen sich und ihren Körper.
Andere wollen/können nicht altern und wollen nicht ihrem Alter entsprechend aussehen. Sie reden sich und anderen ein, man müsse frisch und jung auftreten, um Erfolg zu haben und bei anderen anzukommen.
Die Schönheits- und Kosmetikindustrie freuen sich, dass immer mehr Menschen ihren Wert und ihre Attraktivität am Äußeren und an Äußerlichkeiten festmachen. Keine Salbe und keine Operation können jedoch ein angeschlagenes Selbstwertgefühl heilen, und deshalb sitzt diesen Menschen immer die Angst im Nacken, eines Tages ihre Attraktivität doch noch zu verlieren.
Sabrina findet sich bzw. ihren Körper total hässlich und unattraktiv. Wenn sie in den Spiegel schaut, findet sie sich zum Kotzen. Sie macht eine Diät nach der anderen und besucht wegen ihrer vermeintlichen Problemzonen regelmäßig ein Fitnessstudio. In ihren Augen bleibt sie jedoch ein hässliches Entlein. Also versteckt sie sich und ihren Körper unter weiten Kleidern und geht als graue Maus durchs Leben, damit niemand auf sie aufmerksam wird.
Corinna hat panische Angst, sich in der Gesellschaft anderer daneben zu benehmen, ein falsches Wort zu sagen oder sich ungeschickt zu verhalten. Wenn sie jemanden sieht, den sie für hübscher hält, dann ist sie todunglücklich und kommt sich hässlich vor. Sie hat Angst, in hell erleuchtete Räume zu gehen, da sie befürchtet, die anderen könnten dann bei ihr einen Makel entdecken. Sie findet es furchtbar blöd und doof, unsicher zu sein oder zu erröten. Nur wenn sie perfekt geschminkt und gestylt ist, dann fühlt sie sich einigermaßen sicher. Infolgedessen legt sie übertrieben viel Wert auf Kleidung und ihr Äußeres. Ist sie mit anderen zusammen, kommt sie sich wie auf dem Prüfstand vor und ist deshalb sehr angespannt und verkrampft.
Essstörungen, Kontrollzwänge, Süchte, selbstverletzendes Verhalten, sexuelle Probleme
Viele Kontrollzwänge, viele stoffliche und nichtstoffliche Süchte (Alkohol, Drogen, Spielsucht, Kaufsucht, Sexsucht) nehmen ihren Anfang bei Minderwertigkeitsgefühlen und den daraus resultierenden Ängsten.
Kontrollzwänge wie etwa der Zwang, überprüfen zu müssen, ob man den Herd oder das Licht ausgeschaltet hat, entstehen, wenn Betroffene als Kinder starke Ängste haben, einen Fehler zu machen und dafür bestraft zu werden. Um Fehler zu vermeiden und der Bestrafung aus dem Weg zu gehen, beginnen manche Menschen, ihre Umgebung zu kontrollieren und daraufhin zu überprüfen, ob alles in Ordnung ist. Diese Kontrolle reduziert kurzfristig ihre Angst. Mit der Zeit entsteht daraus ein Kontrollzwang.
Lisa hatte den Zwang, jede ihrer Handlungsweisen im Voraus mehrmals daraufhin zu überprüfen, ob sie richtig ist. Bei der Arbeit überlegte sie sich fortwährend, ob sie alles richtig machte, nichts vergessen oder übersehen hatte. Warum tat sie das? Als kleines Mädchen war sie häufig dafür bestraft worden, wenn sie etwas falsch machte. Ihre Eltern ließen ihr nichts durchgehen, beschimpften sie als dumm und unfähig und bestraften sie körperlich. In dieser Zeit lernte Lisa, dass es schlimme Folgen hat, wenn man im Leben einen Fehler macht. Sie begann, an sich und ihren Fähigkeiten zu zweifeln, und aus Angst vor den schlimmen Folgen gewöhnte sie sich an, im Voraus alles, was sie tat, daraufhin zu überprüfen, ob es auch richtig war.
Die Sexsucht bei Frauen hat ihren Ursprung darin, dass manche Frauen mit starken Selbstzweifeln ihren Selbstwert fast ausschließlich an ihrer sexuellen Attraktivität festmachen – nach dem Motto: Solange attraktive Männer mit mir schlafen und mich begehren, solange bin ich begehrenswert und wertvoll. Deshalb müssen/wollen sie ihren Marktwert immer wieder testen. Kurzfristig fühlen sie sich nach einem sexuellen Abenteuer bestätigt, hassen sich aber danach. Wenn ihre Attraktivität im Alter schwindet, begehen viele dieser Frauen Selbstmord.
Thomas hat Potenzprobleme. Entweder wird sein Penis nicht steif, wenn er mit seiner Freundin schlafen will, oder er ist so erregt, dass er schon nach ganz kurzer Zeit „kommt“. Seine sexuellen Probleme rühren daher, dass er Angst hat, zu versagen bzw. von seiner Freundin als schlechter Liebhaber abgestempelt zu werden. Auch fühlt er sich seiner Freundin gegenüber unterlegen und hat Angst, sie zu verlieren.
Die Auswirkungen einer geringen Selbstachtung auf das körperliche Befinden
Wenn man ständig Angst hat, einen Fehler zu machen oder abgelehnt zu werden, dann steht man ständig unter Strom, ist angespannt und nervös. Der Körper ist dann in einem permanenten Alarm- und Stresszustand und reagiert mit den bekannten Stresssymptomen wie zum Beispiel hohem Blutdruck, Herz-Kreislauf-Beschwerden, Magen- und Darmbeschwerden, Schlafstörungen.
Menschen, die ihre geringe Selbstachtung durch besondere und herausragende Leistungen und Erfolge kompensieren wollen, fühlen sich ständig getrieben und rastlos, achten meist wenig auf ihre Gesundheit, überfordern sich leicht und erkranken deshalb nicht selten an einem Burnout.
Die Auswirkungen einer geringen Selbstachtung auf den Beruf
Menschen mit einer geringen Selbstachtung bringen es im Leben entweder sehr weit oder sie bleiben weit hinter ihren Möglichkeiten zurück. Aufgrund der Angst, zu versagen, oder der Angst, nicht zu genügen, nehmen sie keine Herausforderungen an und engagieren sich kaum. Wieder andere versuchen verbissen, sich und anderen durch ihre Erfolge und Leistungen zu beweisen, dass sie wer sind und es zu etwas bringen können. Sie sind besonders gefährdet, ein Workaholic zu werden.
Patrick ist Sachbearbeiter bei einer Versicherung. Er sollte schon mehrmals zum Abteilungsleiter befördert werden. Jedes Mal jedoch hatte er sich davor gedrückt. Er begründete seine Entscheidung damit, dass er lieber nicht so viel Verantwortung haben wolle und überhaupt sei er mit seiner Arbeit ganz zufrieden. Mir erzählte er jedoch, dass er im Grunde nur Angst habe, er könnte den Aufgaben, die an ihn als Abteilungsleiter gestellt würden, nicht gerecht werden und er könnte versagen. Also mache er lieber das, was er kenne, und verzichte auf die Beförderung. Sein Vorgesetzter wertete seinen Wunsch, nicht befördert zu werden, als sehr negativ, und nun hatte Patrick Angst, dass er Schwierigkeiten bekommen oder entlassen werden könnte.
Bei Sarah wirkte sich das Gefühl, nutzlos und überflüssig zu sein, auf ihre Berufswahl aus. Sie wählte den Beruf der Altenpflegerin, um das Gefühl zu haben, gebraucht zu werden und wichtig zu sein. Wenn sie frei hat oder im Urlaub ist, dann kommt sie sich nutzlos und überflüssig vor und verfällt in depressive Verstimmungen.
Annika ist Sekretärin in einer Spedition. Sie kommt in Therapie, da sie infolge beruflicher Überlastung seelisch und körperlich am Ende sei. Sie ist in ihrer Firma, in der überwiegend Männer arbeiten, Mädchen für alles. Da sie sich nicht durchsetzen und nicht Nein sagen kann, erlaubt sie den Kollegen, ihr Arbeit auf den Tisch zu legen, die gar nicht in ihren Aufgabenbereich gehört. Dadurch ist sie immer im Verzug mit ihrer eigentlichen Arbeit. Folglich macht sie eine Menge Überstunden und kommt auch an den Wochenenden ins Büro, um Liegengebliebenes aufzuarbeiten. Sie getraut sich nicht, sich gegen ihre männlichen Kollegen durchzusetzen und denen zu sagen, sie sollten ihre Arbeit selbst erledigen.
Die Auswirkungen einer geringen Selbstachtung auf Beziehungen
Wenn wir Beziehungsprobleme haben – egal ob mit Freunden oder dem Partner – dann ist die Hauptursache dafür meist ein geringes Selbstwertgefühl.
Wir fühlen uns nämlich nur in dem Maße von anderen akzeptiert und geliebt, wie wir uns selbst annehmen und lieben.
Lehnen wir uns selbst ab, dann interpretieren wir viele Äußerungen und Verhaltensweisen von Freunden und dem Partner als Ablehnung und Kritik.
Und dies führt dann zu Vorwürfen, Streitereien und Partnerschaftsproblemen.
Hinzu kommt: Wenn wir gering von uns denken, dann versuchen wir vielleicht sehr stark, dem anderen zu gefallen, und tun Vieles nur, um ihn nicht zu verlieren und von ihm geliebt zu werden. Honoriert der andere unsere Bemühungen nicht (ausreichend), dann fühlen wir uns ausgenutzt, ärgern uns über unsere Blödheit, dass wir dem anderen so viel geben, ärgern uns über den Partner, dass er unseren Einsatz so wenig honoriert und wir von ihm so wenig zurückbekommen.
Menschen mit einer geringen Selbstachtung neigen dazu, sich emotional und körperlich missbrauchen zu lassen. Wenn man sich für wertlos hält, dann denkt man, man habe es verdient, schlecht behandelt zu werden.
Yvonne lässt sich von ihrem Partner herumstoßen, beschimpfen und körperlich misshandeln. Sie sagt: „Wenn man sich für nicht liebenswert hält, dann braucht man die Bestätigung durch den Partner. Dann ist man total abhängig vom anderen. Auch wenn dieser einem schadet und einen schlecht behandelt, man kann sich nicht trennen. Ohne meinen Partner käme ich mir total verloren vor. Am schlimmsten ist dieser Selbsthass. Ich verabscheue mich, dass ich mir all das antun lasse. Er benutzt mich, ich weiß es und lasse es mir gefallen. Wie blöd kann man eigentlich sein? Ich kann mir selbst nicht in die Augen schauen, weil ich mich dafür verabscheue, dass ich nicht stark genug bin, mich zu befreien.“
Hans-Jürgen geht schnell an die Decke, wenn er das Gefühl hat, seine Frau halte ihn für dumm, – und dies kommt sehr häufig vor. Erinnert ihn seine Frau daran, dass er noch etwas erledigen muss oder dass sie beide mit Freunden verabredet sind, platzt ihm der Kragen. Er macht seiner Frau dann heftige Vorwürfe, sie behandle ihn wie ein kleines Baby und überhaupt, wenn sie ihn lieben würde, dann würde sie ihm mehr zutrauen. Die Folgen solcher Auseinandersetzungen sind tagelanges eisiges Schweigen und Sich-aus-dem-Weg-Gehen.
Alex rastet schnell aus, wenn seine Frau ihm widerspricht. Er bekommt einen Tobsuchtsanfall und verprügelt seine Frau, vor allem wenn er getrunken hat. In der Therapie weint er häufig. Er will seine Frau nicht so mies behandeln, aber manchmal „gehe es mit ihm eben durch“. Wenn seine Frau ihm widerspreche, habe er das Gefühl, sie nehme ihn nicht für „voll“, und dann wisse er sich nicht anders zu helfen, als zu schreien und zu schlagen.
Cornelia fühlt sich sehr häufig einsam und ist deprimiert. Wenn sie eingeladen wird, dann glaubt sie, sie werde nur deshalb eingeladen, weil der andere gerade nichts Besseres vorhabe. Sie kommt sich als Lückenbüßer vor. An ihr sei schließlich nichts Besonderes, weswegen man sie einladen sollte. Sie habe nichts zu bieten. Wenn sie jemand um ihre Meinung fragt, dann denkt sie, der andere tue nur so interessiert, um ihr zu schmeicheln.
Jennifer ist 25 Jahre alt. Sie ist Single, fühlt sich sehr einsam und ist „todunglücklich“. Wenn sie sich zu einem Mann hingezogen fühlt, hat sie große Angst, diesem ihre Sympathie zu zeigen. Will sich ein Mann mit ihr verabreden, dann zieht sie sich sofort in ihr Schneckenhaus zurück und flüchtet sich in Ausreden, warum sie sich nicht mit ihm treffen und keine Beziehung mit ihm eingehen könne. Sie reagiert so, weil sie Angst hat, der andere könnte ihr vermeintlich wahres „minderwertiges“ Ich entdecken, wenn sie nur lange genug zusammen wären. Diese Angst rührt von ihrem Vater her, der zu ihr früher oft sagte: „Kein Mann wird es lange bei dir aushalten. Wenn der erst einmal merkt, dass mit dir nichts los ist, dann bist du ihn schnell los.“ Um sich diese Enttäuschung zu ersparen, geht sie erst gar keine enge Beziehung ein.
Connie fühlt sich immer ungeliebt und unverstanden. Sie ist sehr attraktiv und bekommt viele Einladungen. Gleichgültig aber, wie nett andere zu ihr sind und wie oft diese ihr sagen, dass sie sie sehr gerne haben, Connie fühlt sich immer „verarscht“. Sie glaubt nämlich genau zu wissen, dass sie „unmöglich“ und absolut wertlos ist, und deshalb könne sie niemand wirklich lieben.
Angelika wünscht sich sehnlichst einen Partner, hat jedoch immer „wahnsinnige Angst“, zurückgewiesen zu werden. Deshalb hält sie alle Männer auf Distanz und geht keine enge Bindung ein, obwohl es ihr an Angeboten nicht mangelt. Sie hält sich selbst nicht für liebenswert und denkt deshalb, die Männer wollten sie lediglich benutzen.
Genug der schlechten Nachrichten. Wie sehr du auch unter den Folgen deiner geringen Selbstachtung leidest, du kannst lernen, dich mehr anzunehmen, und so deinen Problemen und deinem Unglücklichsein ein Ende bereiten.
Schauen wir uns im nächsten Kapitel an, woher es kommen kann, dass du diese negative Stimme in dir hast, die dich ständig kritisiert, verurteilt und mit dem Gefühl zurücklässt, dass mit dir etwas nicht stimmt.
Kein Urteil hat weitreichendere Folgen als das, das du über dich selbst fällst.
Deshalb ist es wichtig, dass du die Wahrheit über dich kennst.
3Die Ursachen einer geringen Selbstachtung
Du bist nicht mit einer geringen Selbstachtung und Minderwertigkeitsgefühlen auf die Welt gekommen.
Diese hast du dir angeeignet.
Du hast gelernt, geringschätzig von dir zu denken.
Wie kam es dazu? Es waren deine Erfahrungen im Elternhaus in den ersten sieben Lebensjahren und später vielleicht Erfahrungen mit Gleichaltrigen, die dazu geführt haben, dass du den Eindruck hast, nicht in Ordnung zu sein. Was für Erfahrungen waren das, die in dir das Gefühl entstehen ließen, nicht in Ordnung zu sein?
Erfahrungen im Elternhaus
Wenn wir klein sind, glauben wir unseren Eltern alles, was diese sagen. Eltern sind für Kinder das, was der Papst für viele Gläubigen ist: unfehlbar. Was die Eltern sagen und tun, sie wissen es besser. Wenn diese sagen, etwas sei schlecht, dann ist es schlecht. Wie sollen kleine Kinder auch wissen, was gut und schlecht, richtig und falsch ist? Das lernen sie erst durch die Eltern.
Weil Kinder in den ersten Lebensjahren es nicht besser wissen und die Eltern für unfehlbar halten, nehmen Kinder grundsätzlich an, sie hätten etwas falsch gemacht und hätten es verdient, wenn sie durch Worte oder abweisendes und missbilligendes Verhalten bestraft und getadelt werden.
Hinzu kommt, dass Kinder instinktiv wissen, nicht ohne ihre Eltern leben und überleben zu können. Deshalb ist es für sie besonders wichtig, es sich nicht mit den Eltern zu verscherzen.
Haben Kinder das Gefühl, aufgrund ihres Verhaltens nicht mehr gemocht zu werden, dann erleben sie die emotionale Ablehnung ihrer Eltern als lebensbedrohlich. Sie nehmen sich deshalb die Worte der Eltern zu Herzen und übernehmen deren Regeln als vorbeugende Maßnahme gegen weitere Ablehnung.
Dies ist die Geburtsstunde des inneren Kritikers. Um der Ablehnung und der Bestrafung durch die Eltern zu entgehen, verinnerlichen Kinder die Gebote, Verbote und Regeln. Sie sagen sich selbst: Das tut man nicht. Das sagt man nicht. Das ist schlecht.
So wie die Eltern uns verbal bestraften, lernen wir, uns selbst zu bestrafen, wenn wir uns falsch verhalten oder schlecht benehmen. Das bedeutet:
Unser Kritiker ist in den ersten Lebensjahren eine sinnvolle Einrichtung.
Er sichert die Zuneigung der Eltern und damit unser Überleben.
Diese Verinnerlichung der Regeln und Verbote ist nicht das eigentliche Problem. Regeln führen nicht zu Selbstablehnung und Minderwertigkeitsgefühlen.
Zum Problem wurde die Beurteilung unseres Verhaltens als richtig und falsch, gut und schlecht, erst, als wir und unsere Eltern einen folgenschweren Fehler begingen.
Du bist, was du tust
Dieser Fehler bestand darin, unser Verhalten mit unserer Person und unserem Wert als Mensch gleichzusetzen. Tue ich etwas Schlechtes, dann bin ich als Mensch schlecht. Tue ich etwas Verwerfliches, dann bin ich als Mensch verwerflich. Tue ich etwas Unmoralisches, dann bin ich ein unmoralischer Mensch. Tue ich etwas Blödes oder Dummes, dann bin ich blöd und dumm. Mache ich etwas verkehrt, dann bin ich als Mensch nicht in Ordnung. Bin ich ängstlich, dann bin ich ein Feigling. Mache ich etwas falsch, dann bin ich als Mensch fehler- und mangelhaft.
Wir setzten unser Verhalten also mit unserer Person gleich:
Ich bin gut, wenn ich etwas Gutes tue. Ich bin schlecht, wenn ich etwas Schlechtes tue – dachten wir.
An dieser unglücklichen Schlussfolgerung waren unsere Eltern maßgeblich beteiligt. Wir gelangten zu dieser Schlussfolgerung aufgrund von Worten wie den folgenden: „Was hast du dir nur dabei gedacht?“, „Aus dir wird nie etwas werden.“, „Mit dir hat man nichts als Ärger.“, „Dumme Gans.“, „Mit dir muss man sich schämen.“, „Du bist ein Tollpatsch.“, „Du bist ein Versager.“, „Du bist wohl nicht ganz bei Verstand.“, „Du bist stinkfaul.“, „Wie kann man nur …?“, „Kannst du auch mal zur Abwechslung was richtig machen?“, „Du machst mich verrückt.“, „Wie kann man nur so blöd sein?“ „Was soll nur aus dir werden?“ „Du bist undankbar.“ „Du bringst mich noch ins Grab.“ „Ja, spinnst du jetzt?“ „Ich fass es nicht; du bist wohl nicht ganz bei Verstand. Du bist ein böses Kind.“
Wenn du als Kind in den ersten sieben Lebensjahren häufig mit solchen Worten kritisiert wurdest, dann hast du daraus gefolgert, als Junge oder Mädchen nicht in Ordnung zu sein. Du dachtest dir: „Etwas muss mit mir nicht in Ordnung sein. Warum sonst sollten meine Eltern so mit mir reden? Wäre ich in Ordnung und liebenswert, dann würden sie mich doch lieb haben. Folglich bin ich nicht gut genug und nicht liebenswert.“
Diese falsche Schlussfolgerung ist die Grundlage der Selbstablehnung unserer gesamten Person und damit unserer Minderwertigkeitsgefühle. Es ist diese Verknüpfung unseres Verhaltens mit dem Wert unserer Person, die dazu führte, dass der Kritiker in uns heute einen so großen Schaden in unserem Leben anrichtet.
Wir haben gelernt, dass bestimmte Bedürfnisse, Verhaltensweisen oder Gefühle schlecht sind und wir schlecht sind, wenn wir diese Bedürfnisse, Verhaltensweisen und Gefühle haben.
Wenn du überzeugt bist, schlecht zu sein – und schlecht sein gleichbedeutend ist mit unvollkommen sein –, dann kannst du dich erst annehmen und akzeptieren, wenn du vollkommen bist. Solange du unvollkommen bist, bist du minderwertig. Klingt logisch, oder?
Dein Kritiker hat diese Regel verinnerlicht. Da du nie vollkommen bist und es nie sein wirst, gleichgültig, wie sehr du dich anstrengst, ist er deshalb auch nie mit dir zufrieden. Und deshalb gibt er dir ständig das Gefühl, nicht in Ordnung und minderwertig zu sein. Was deinen Selbsthass verstärken kann:
Du willst nicht wie deine Eltern sein
Du willst vielleicht gar nicht so sein, wie dich deine Eltern haben wollten. Du teilst nicht deren Auffassungen vom „richtigen“ Leben. Du hast andere Bedürfnisse und Wünsche als deine Eltern. Du setzt andere Prioritäten als deine Eltern. Du hast andere Moralvorstellungen als deine Eltern. Du willst kein Abziehbild deiner Eltern sein. Und überhaupt: Jetzt bist du erwachsen und darfst selbst entscheiden, was richtig und falsch, gut und schlecht für dich ist.
Das Problem dabei: Dein Kritiker zeigt dir sofort die rote Karte, wenn du nach deinen eigenen Regeln lebst und gegen die Regeln der Eltern verstößt. Er macht dir ein schlechtes Gewissen, wenn du eigene Regeln aufstellst und dein Leben so lebst, wie du es für richtig hältst. Er sagt dir: „Du solltest nicht … Du solltest stattdessen …“ und gibt dir das Gefühl, etwas Unrechtes zu tun.
Dein Kritiker denkt immer noch, er müsse dich beschützen und vor Unheil – sprich Ablehnung und Liebesentzug – bewahren.
Irgendjemand hat es offensichtlich versäumt, deinem Kritiker klarzumachen, dass er heute – im Gegensatz zu früher, als du noch klein warst – nicht mehr hilfreich ist.
Es wird also höchste Zeit, dass du ihm das klarmachst.
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