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Für die Mütter, Väter und Kinder, deren Familien

in der DDR durch staatliche Willkür zerrissen wurden.

Der Roman spielt hauptsächlich in bekannten Regionen, doch bleiben die Geschehnisse reine Fiktion. Die Figuren dieses Romans sind frei erfunden. Ähnlichkeiten mit lebenden oder verstorbenen Personen sind nicht beabsichtigt und wären rein zufällig.

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der

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Roland Lange

Harzkinder



Über den Autor:

Roland Lange, Jahrgang 1954, lebt in der Nähe des Harzes in Kat­lenburg-Lindau. Er studierte in Hamburg Vermessungskunde und arbeitete als Vermessungsingenieur in den Katasterämtern in Göttingen und Osterode am Harz. Nebenher begann er zu schreiben: Romane, Liedtexte und Theaterstücke, seit 2010 auch Kriminalromane. 2014 beendete er seine Tätigkeit als Ingenieur und widmete sich ganz dem Schreiben. Roland Lange ist so etwas wie ein krimineller Botschafter des Harzes, denn auf seine Initiative fand 2011 das erste Mordsharz-Krimifestival statt. Seither gehört er zu den Organisatoren, die jedes Jahr im September hochkarätige deutsche und internationale Krimi-Autorinnen und -Autoren in den Harz einladen.

Lange ist Mitglied im Verband deutscher Schriftsteller (VS), bei den 42erAutoren e.V. und im SYNDIKAT, Autorengruppe deutschsprachige Kriminalliteratur.

On and on the rain will fall

Like tears from a star

On and on the rain will say

How fragile we are

(aus dem Song „Fragile“ von Sting)

Prolog

August 1980

Es war der vorletzte Tag ihres Urlaubs im FDGB-Ferienheim „Hermann Danz“ in Friedrichroda im Thüringer Wald.

Das Ehepaar Hanka und Ulrich Bartko war zusammen mit seinen Kindern Kerstin und Sascha zum Nachbarort Georgenthal gefahren und vom Ortsrand aus die gut drei Kilometer zur Waldgaststätte Wechmarer Hütte, einem bekannten Ausflugsziel, gewandert. Nach einer Rast an der Hütte wollten sie den Rückweg antreten.

Als die Familie das Lokal am späten Vormittag erreichte, herrschte dort bereits reger Betrieb. Sowohl in der Gaststube als auch vor dem Haus waren fast alle Plätze besetzt. Am Rand des abgegrenzten Außenbereichs fand sich noch ein freier Tisch. Eilig steuerten die beiden Kinder darauf zu, gefolgt von ihren Eltern.

Erleichtert seufzend ließen sie sich auf den Bänken nieder und packten ihren mitgebrachten Proviant aus. Als nach einer gefühlten Ewigkeit endlich eine gehetzt wirkende Bedienung zu ihnen kam und missmutig die Bestellung entgegennahm, hatten die Kinder ihre Brote bereits verschlungen und rutschten unruhig auf ihren Sitzplätzen herum.

„Mama, Durst!“, quengelte der vierjährige Sascha. „Ich will trinken!“

„Einen Moment wirst du dich wohl noch gedulden müssen.“ Vater Ulrich warf der Kellnerin einen zweifelnden Blick hinterher.

„Dürfen wir spielen?“ Kerstin, Saschas knapp sechs Jahre alte Schwester, hatte keine Lust, am Tisch auf ihre Limonade zu warten.

„Von mir aus.“ Hanka Bartko seufzte. „Aber bleibt in der Nähe, damit ich euch sehen kann.“

Kerstin nickte und forderte ihren Bruder auf, mitzukommen. Gemeinsam liefen sie über die freie Fläche hin zum Waldrand.

Ein Paar näherte sich dem Tisch der Bartkos. Die elegant-luftige Sommergarderobe der beiden deutete darauf hin, dass sie den Weg vermutlich mit dem Auto und nicht zu Fuß bewältigt hatten. Der Mann mochte um die Dreißig sein, seine Begleiterin schien einige Jahre jünger. Mit ihrem auffallend gepflegten Äußeren wirkten sie ein wenig fehl am Platz zwischen all den anderen Gästen, hauptsächlich Wanderern. Hanka blickte ihnen skeptisch entgegen, ahnte bereits die Frage, die der Mann auch gleich darauf stellte: „Entschuldigen Sie bitte, sind hier noch zwei Plätze frei?“ Er zuckte hilflos mit den Schultern. „Ist ja ordentlich was los.“

Hanka drehte sich zu ihren Kindern um, die ein Stück entfernt irgendeiner Spur auf dem Waldboden nachgingen und die Welt um sich herum vergessen zu haben schienen.

„Aber natürlich, setzen Sie sich ruhig“, hörte sie ihren Mann sagen. Sie unterdrücke ihren Einwand, dass die freien Plätze auf der Bank ja für ihre Kinder reserviert seien, nickte den Fremden stattdessen nur stumm zu.

„Vielen Dank“, entgegnete der Mann erleichtert. Er stellte sich als Joachim Aschoff und seine Begleiterin als seine Ehefrau Renate vor.

„Angenehm. Ich heiße Ulrich Bartko, das ist meine Frau.“ Er deutete auf Hanka, die freundlich nickend ihren Namen nannte.

„Sie stammen nicht aus der Gegend“, stellte Renate Aschoff lächelnd fest. „Ihr Zungenschlag ...“

Sie wurde von der Kellnerin unterbrochen, die mit den Getränken kam und sie auf dem Tisch abstellte. Ehe sie wieder verschwand, orderte Joachim Aschoff zwei Tassen Kaffee.

„Kerstin, Sascha! Eure Limonade!“ Hanka Bartko winkte ihren Kindern zu. Schmunzelnd sah sie ihnen entgegen, als sie im Sturmlauf auf den Tisch zugerannt kamen. Außer Atem griffen sie nach den Gläsern und tranken gierig.

„Langsam, langsam“, mahnte Hanka, „oder wollt ihr euch verschlucken?“

Die Kinder schielten kurz über die Glasränder hinweg zu ihrer Mutter, tranken aber bis zum letzten Tropfen weiter. Sascha musste von der Kohlensäure aufstoßen. Laut, und ohne dass er sich die Hand vor den Mund hielt, rutschte ihm der Rülpser heraus.

„Sascha! Kannst du dich nicht benehmen?“

Der Junge reagierte nicht auf die Ermahnung seiner Mutter. Stattdessen deutete er auf das Ehepaar Aschoff. „Wer sind die?“, fragte er.

„Man zeigt nicht mit dem Finger auf andere Leute“, entgegnete Hanka energisch. Das Verhalten ihres Sohnes war ihr sichtlich unangenehm.

„Lassen Sie nur, ist doch nicht schlimm“, beschwichtigte Joachim Aschoff und stellte sich und seine Frau erneut vor. Diesmal den Kindern.

„Aha“, antwortete Sascha knapp, dann war sein Interesse an den Fremden erloschen. Er zupfte seine Schwester am Arm. „Komm, weiterspielen.“

„Nette Kinder haben Sie“, sagte Renate Aschoff und sah den Geschwistern nach, die sich wieder Richtung Wald­rand entfernten.

Ulrich Bartko nickte. „Ja, aber manchmal sind sie auch ganz schön anstrengend. Na ja, kleine Wildlinge eben. Das ist übrigens unser erster richtiger Urlaub, den wir als Familie zusammen machen. Drüben, in Friedrichroda im Ferienheim. Morgen reisen wir ab. Dann ist die schöne Zeit wieder vorbei.“ Er seufzte.

„Ihr allererster Urlaub mit den Kindern?“ Renate Aschoff zog verwundert die Augenbrauen hoch.

Hanka zuckte mit den Schultern. „Wir dachten schon, es würde nie etwas werden. Doch dann haben wir aus heiterem Himmel den Ferienscheck erhalten. Nachdem wir Jahr für Jahr vergeblich unsere Anträge gestellt haben.“ Sie lächelte verlegen.

„Da sind Sie den Genossen in der Betriebsleitung wohl hin und wieder mal kräftig auf die Füße getreten, wenn man Sie so lange hat zappeln lassen, wie?“ Joachim Aschoff lachte und drohte scherzhaft mit dem Finger.

Ulrich und Hanka Bartko lächelten verlegen zurück, wollten sich aber nicht näher dazu äußern. Der Mann hatte, ohne es zu wissen, ihre wunde Stelle getroffen. Es fiel ihnen beiden schwer, in den Chor der vorgegebenen, hohlen Phrasen einzustimmen und ein Hohelied auf Partei und Staat zu singen. Schon immer. Sie gehörten nicht unbedingt zu den Menschen, die man als linientreu bezeichnen konnte. Besonders Ulrich war in der Vergangenheit des Öfteren auf der Arbeit durch das eine oder andere falsche Wort unangenehm aufgefallen. Hanka und ihr Mann waren im selben Betrieb beschäftigt, sie als Freizeitpädagogin, er als Fahrer. Also durfte sie die Konsequenzen von Ulrichs unvorsichtigem Verhalten mit ihm gemeinsam ausbaden. Ganz sicher war es seinem vorlauten Mundwerk zu verdanken, dass ihre Urlaubsanträge immer wieder abgelehnt wurden. Aber einmal hatte es ja klappen müssen. Hanka und Ulrich hatten sich keine Gedanken darüber gemacht, woher der plötzliche Sinneswandel rührte. Sie hatten endlich den begehrten Scheck und einen Platz im Ferienheim erhalten! Nur das hatte gezählt!

Joachim Aschoff, der zu spüren schien, dass die Bartkos nur ein geringes Interesse zeigten, das Gespräch richtig in Gang zu bringen, übernahm das Wort und plauderte munter drauf los. Er sei Facharzt für innere Medizin an der Poliklinik Eisenach, sagte er, und Renate, seine Frau, sei Lektorin in einem kleinen Kinderbuchverlag. Eigene Kinder hatte das Ehepaar noch nicht.

Die Aschoffs zog es immer wieder mal auf einen Kaffee zur Wechmarer Hütte. Es sei mit dem Auto ja nur ein Katzensprung von Eisenach, wo sie in einem kleinen Eigenheim wohnten. Auch heute habe sie das herrliche Sommerwetter nach draußen gelockt. Und wo könne man einen der seltenen freien Tage besser genießen als hier, in der Natur, fernab vom städtischen Trubel?

Joachim Aschoff sog tief die würzige Waldluft ein und breitete die Arme aus. Er schien den ganzen Wald umfassen und an sich drücken zu wollen. Seine Frau warf ihm ein flüchtiges Lächeln zu, vielleicht war es aber auch ein geheimes Signal unter Eheleuten, jedenfalls erhob sie sich gleich darauf und verschwand mit einer knappen Entschuldigung in Richtung Toiletten. Ulrich Bartko sah ihr hinterher. Mit einem Blick, der seiner Frau nicht verborgen blieb. Hanka kannte diesen Blick. Die Lektorin gefiel ihm. Zugegeben, sie war attraktiv und man musste als Mann schon blind sein, um das nicht zu bemerken. Trotzdem brauchte Ulrich ihr nicht so ungeniert auf den Hintern zu starren! Mehr, um sich von ihrer aufsteigenden Eifersucht abzulenken als aus Sorge, drehte sie sich nach ihren Kindern um.

Kerstin und Sascha tauchten gerade in den Wald ein, drohten aus ihrem Blickfeld zu verschwinden. Sie rief nach ihnen, wollte, dass sie zurückkamen.

„Lassen Sie die zwei doch“, wurde sie von Joachim Aschoff unterbrochen, „was soll ihnen schon passieren? Der Wald da hinten ist ein idealer Spielplatz. Keine Gefahrenstellen, weder Klippen, ein reißender Bach oder eine viel befahrene Straße.“

Hanka nickte. Der Mann hatte ja recht. Ihre Angst um die Kinder war zuweilen etwas übertrieben.

Zehn Minuten später war die Frau des Mediziners immer noch nicht zurück. Joachim Aschoff hatte ununterbrochen geplaudert und die Bartkos mit amüsanten Anekdoten in seinen Bann gezogen. Jetzt unterbrach er sich selbst in seinem Erzählfluss, schaute auf die Armbanduhr. Abrupt erhob er sich von seinem Platz.

„Ich denke, ich sehe mal nach meiner Renate. Sie wird ja wohl nicht in die Toilette gefallen sein.“ Er lachte glucksend. „Und dann müssen wir auch schon wieder fahren. Es wird höchste Zeit für uns. Schön, dass wir uns kennengelernt haben.“ Mit einem flüchtigen Abschiedsgruß wendete er sich ab und entfernte sich mit schnellen Schritten.

„Nette Leute“, sagte Ulrich Bartko zu seiner Frau gewandt.

„Vor allen Dingen sie“, entgegnete Hanka giftig. „Mit ihrem prallen Hintern!“ Sie konnte sich die Bemerkung nicht verkneifen.

„Hanka, bitte!“, brauste Ulrich auf. „Nicht schon wieder!“

Sie hörte nicht hin, wandte sich zu ihren Kindern um. Kerstin und Sascha waren nirgends zu sehen. Sie kniff die Augen zusammen, versuchte, die bunten Jacken der beiden zwischen den Bäumen zu entdecken. Nichts.

„Uli, siehst du sie?“

„Wen?“, fragte ihr Mann begriffsstutzig.

„Die Kinder! Sie sind verschwunden!“

„Blödsinn! Sie können doch nicht weg sein! Wahrscheinlich spielen sie nur Verstecken.“

Hanka sprang auf. „Los, komm. Wir müssen sie suchen.“ Ihre Stimme klang schrill.

„Jetzt beruhig dich mal. Sie werden gleich wieder auftauchen.“ Ulrich Bartko konnte die Sorge seiner Frau nicht verstehen.

„Dann bleib doch sitzen! Ich suche sie allein“, fauchte Hanka und rannte los. Seufzend erhob sich ihr Mann und lief ihr hinterher. Er hatte Mühe, ihr zu folgen.

Sie erreichten den Waldrand. Von den Kindern keine Spur. Hanka rief ihre Namen, Ulrich stimmte lautstark in das Rufen ein, hatte sich von Hankas Angst anstecken lassen. Auf dem Platz vor dem Ausflugslokal waren etliche Gäste auf sie aufmerksam geworden und beobachteten ihr Treiben. Niemand machte Anstalten, ihnen zu helfen.

„Mami!“

Endlich! Es war Kerstins helle Stimme, die sie hörten, noch bevor sie das Mädchen sahen. Aufgeregt kam die Kleine zwischen den Fichten hindurch auf sie zugestolpert.

„Kind, da bist du ja!“, rief Hanka erleichtert und fing ihre Tochter auf, die sich in ihre Arme stürzte.

„Mami, Mami, da hinten gibt es Rehe und Hasen und einen Fuchs und ...“

„Wo ist dein Bruder? Wo ist Sascha?“, unterbrach Ulrich Bartko das aufgeregte Plappern des Mädchens.

Hanka warf ihrem Mann einen irritierten Blick zu, schien erst in diesem Moment zu begreifen, dass ihre Tochter allein zurückgekommen war. Ohne ihren Bruder. Sie schob das Mädchen auf Armlänge von sich weg, blickte ihr fest in die Augen. „Wo ist Sascha?“, fragte sie ernst.

„Die ... die Frau“, stammelte Kerstin verschüchtert, „die wollte uns die Tiere zeigen.“

„Welche Frau? Los, sag schon!“ Hanka schüttelte ihre Tochter unsanft an der Schulter.

„Die Frau von unserem Tisch“, greinte das Mädchen, „die mit dem Mann da gesessen hat. Ich durfte nicht mit. Weil die Tiere Angst kriegen, wenn zu viele Leute kommen, hat die Frau gesagt. Erst sollte Sascha die Rehe sehen, dann ich. Ich sollte warten. Da hinten.“ Kerstin drehte sich um, deutete auf einen unbestimmten Punkt zwischen den Bäumen.

„Sascha!“ Hanka stürzte, von plötzlicher Panik getrieben, vorwärts. „Sascha!“ Ihre Verzweiflung wurde vom Wald verschluckt.

„Komm!“ Ulrich Bartko schnappte sich seine Tochter, nahm sie auf den Arm, stolperte mit ihr seiner Frau hinterher.

Hanka stoppte abrupt. „Wo lang?“, fragte sie keuchend. Sie drehte sich um, blickte ihre Tochter an. Verzweiflung in den Augen. „Wo habt ihr mit der Frau gesprochen?“

„Da ...“ Kerstin deutete zögernd in eine Richtung, dann in eine andere. „Ich weiß nicht mehr.“

Sie liefen weiter. Ziellos. Rufend. „Sascha! Sascha ...!“

Dann, plötzlich, ein leises Motorengeräusch. Nicht das helle Zweitakt-Hämmern eines Trabbis. Mehr ein Brummen, voller und dunkler. Irgendein größeres Fahrzeug. Sie änderten ihre Richtung, liefen dem Geräusch entgegen. Genau in dem Moment, als sie den Waldweg erreichten, fuhr die dunkelblaue Limousine an ihnen vorbei. Ein Moskwitsch. Am Steuer saß eine Frau. Die Lektorin? Und hinten auf der Rückbank ein Kindergesicht, das ihnen durch die Scheibe entgegenblickte. Das Gesicht eines kleinen Jungen? Dann war der Wagen um eine Biegung aus ihrem Blickfeld verschwunden. Es war alles so schnell gegangen.

„Sascha! Das war Sascha!“ Hanka sah sich panisch nach ihrem Mann um. Der stand nur da, wie zur Salzsäule erstarrt. Kerstin, seine Tochter, rutschte durch seine Arme langsam zu Boden. „Ich weiß nicht“, murmelte er tonlos, „ich habe kaum etwas erkannt. Vielleicht war das jemand anderes. Ein anderes Kind.“

Sie schüttelte den Kopf, kroch auf allen vieren hastig die kleine, steile Böschung zum Weg hinauf, rannte wie eine Verrückte dem Auto hinterher. Zwanzig, dreißig Meter vielleicht, dann wurde sie langsamer, torkelte noch ein paar Schritte vorwärts, blieb stehen. Sie hielt sich die Arme vor den Bauch, beugte sich krampfhaft vor. Ihr Gesicht war schmerzhaft verzerrt, sie hatte Tränen in den Augen. „Der Junge in dem Auto ...“, keuchte sie. „Das war Sascha!“

1. Kapitel

Ende August 2018

Der Spätsommer trug diesen besonderen Duft in sich, den sie so sehr liebte. Überfluss, Süße, Reife und auch ein wenig Trägheit und Melancholie angesichts des nahen Sterbens und Abschiednehmens.

Hanka Altmann blickte in den Rückspiegel und ließ ihre Augen eine Sekunde lang auf den Kisten im Laderaum ihres Škoda Yeti ruhen, ehe sie sich wieder auf den Verkehr konzentrierte. Zufrieden lauschte sie dem leisen Klicken der Einweckgläser, die das Vibrieren und Schwingen der Karosserie aufnahmen und, dem Rhythmus des welligen Straßenbelags folgend, aneinanderschlugen.

Ein Lächeln huschte über ihr Gesicht. Immer, wenn sie, wie jetzt, unterwegs war, um ihre Waren auszuliefern, verspürte sie diese seltenen Glücksgefühle. Ihre Marmeladen und ihr Eingemachtes waren heiß begehrt. In den nahe gelegenen Städten Braunschweig und Wolfsburg sowieso, aber auch etwas weiter entfernt, im Harz. Gaststätten, Hotels und Supermärkte gehörten zu ihren Hauptabnehmern. Doch es waren auch ein paar Privatkunden darunter, vornehmlich in den etwas abgelegeneren Ecken des Mittelgebirges.

Sie verkaufte nur sehr kleine Mengen, so viel, wie sie zusammen mit ihren drei Helferinnen aus der Nachbarschaft eben ernten und verarbeiten konnte. Doch das war immer noch weit mehr als das, was sie damals, vor ihrem Renteneintritt, hergestellt hatte. Gelegentlich packte auch ihr Mann mit zu, wenn es sein Gesund­heitszustand erlaubte. Aber eine wirkliche Hilfe war er nicht.

Hankas Produkte zeichneten sich dadurch aus, dass sie echt und natürlich waren, eingekocht zu Hause in der geräumigen Kellerküche. Nach den alten sorbischen Rezepten ihrer Mutter. In die Gläser kam nur das, was der Garten hinter dem Haus und die Obstbäume auf der gepachteten Wiese hergaben. Sie kaufte kein importiertes Obst und Gemüse ein, um es zu verarbeiten. Sie warb mit Echtheit, Ehrlichkeit und Natürlichkeit – keine Chemie, keine industrielle Massenware. Und es steckte ein Stück Erinnerung in jedem einzelnen Glas, Erinnerung an die gute alte DDR-Zeit, die bei Licht betrachtet alles andere als gut gewesen war – zumindest für sie. Aber den Kunden gefiel es, sie mochten die Ostalgie, diese rosaroten Träume von einer untergegangenen Republik, die sie mit den Aufklebern auf ihren Produkten verkaufte – das Emblem mit Hammer, Zirkel und Ährenkranz und darunter die Aufschrift „Natur im Glas – so schmeckt der Osten!“ Solche Sachen gingen weg wie warme Semmeln. Wurden gehandelt wie Andenken, standen für Bodenständigkeit und Zusammenhalt der kleinen Leute in der ehemaligen DDR. Auch jetzt noch, knapp drei Jahrzehnte nach dem Mauerfall.

Zusammenhalt – oh ja! Gepaart mit der Angst vor Verrat. Misstrauen. Lügen. Wem konnte man glauben, wem nicht? Sie konnte ein Lied davon singen, hatte am eigenen Leib die Konsequenzen ihrer vermeintlichen Fehltritte erfahren, wusste nur zu gut, zu welchen niederträchtigen Schandtaten die Handlanger eines durch und durch verdorbenen Staatsapparates fähig gewesen waren. Und dennoch betrieb sie mit ihren Einmachgläsern diese absurde Schönfärberei. Eigentlich müsste sie sich vor sich selbst und vor allen, die ebenfalls Opfer des Systems geworden waren, in Grund und Boden schämen! Galle stieg in ihrer Speiseröhre auf. Bitterer Geschmack im Mund. Sie schluckte heftig. Nicht schon wieder. Nicht jetzt! Der Tag war so schön verlaufen. Warum ihn zum Schluss mit düsteren Gedanken verderben?

Der Edeka-Markt in Elbingerode war die letzte Station auf Hankas heutiger Harz-Tour. Sie hatte die Bestellung, Kirsch- und Erdbeermarmelade, Pflaumenmus, Mixed Pickles und Gurken nach Spreewälder Art, in der Waren­annahme abgeliefert, jeweils zehn Gläser, von den Marmeladen die doppelte Anzahl. Danach hatte sie noch ein paar schnelle Worte mit dem Marktleiter, Dietmar Knoche, gewechselt, hinten, vor seinem Büro. Knoche war ein gutmütiger, kleiner Mann, Mitte vierzig, korpulent und mit schwammigem, rosafarbenem Gesicht. Um seine Glatze lag ein Kranz dünnen, hellblonden Haares. Seit Knoche den Supermarkt vor einem Jahr übernommen hatte, war sie schon öfter mit ihm zusammengetroffen. Für gewöhnlich hatte Knoche reichlich Zeit für sie übrig. Immer war er begierig, mit ihr über die alten Zeiten zu sprechen. Auch er war ein Kind der DDR und schien ein wohlbehütetes Zuhause gehabt zu haben. Obwohl die Wende ihn, nach allem, was sie von ihm wusste, nicht ins soziale Abseits gespült und er sich im kapitalistischen System durchaus seinen Platz erobert hatte, schien seine Sehnsucht nach der guten alten DDR-Zeit nicht abklingen zu wollen. In Hanka und ihren Einweck-Produkten fand er ein Stück dieser Zeit wieder.

Sie nahm ihm seine Schwärmereien nicht übel, hatte durchaus Verständnis. Auch sie kannte die Zeiten, als sie ein beschauliches, zufriedenes Leben geführt hatte. Mit ihrem Mann und den beiden Kindern. Bis zu jenem Tag, an dem sich alles binnen weniger Minuten geändert hatte. Aber das konnte Dietmar Knoche nicht wissen und sie hatte nicht vor, es ihm jemals zu sagen. Deshalb ließ sie sich auf seine schwärmerischen Erinnerungen ein, plauderte nett mit ihm und hielt ihre wahren Empfindungen verborgen.

Heute hatte sie sich nicht verstellen müssen. Knoche hatte keine Zeit für alte Geschichten gehabt, hatte irgendwie unter Druck gestanden. Zumindest war es ihr so vorgekommen. Na ja, er war der Marktleiter, trug Verantwortung. Hatte vielleicht die Konzernleitung im Nacken. Wer wusste das schon?

Sie war nach vorn und durch den Haupteingang in den Verkaufsraum gegangen, um die Einkäufe für das bevorstehende Wochenende zu erledigen. Wenn sie schon hier war, konnte sie das eine gleich mit dem anderen verbinden.

Zielstrebig schob sie den Einkaufswagen durch die Gänge, sammelte alles ein, was sie an Lebensmitteln und anderen Haushaltswaren benötigte. Dann steuerte sie auf die Spirituosenabteilung zu. Sie gönnte sich nur selten einen guten Tropfen. Aber heute war ihr danach.

Unentschlossen ließ sie ihre Augen über die Reihen mit Hochprozentigem gleiten, griff sich hier und da eine Flasche, nur um sie nach kurzem Zögern wieder ins Regal zurückzustellen. Vielleicht sollte sie es mit einem der Weine versuchen, die ein Stück weiter rechts in unüberschaubarer Vielfalt aufgereiht waren. Eine Spätlese von der Mosel, gut temperiert, wäre nicht schlecht.

Sie machte einige energische, schnelle Schritte in die entsprechende Richtung, die Augen fest an die aufgereihten Flaschen geheftet, als sie mit dem Wagen gegen einen Mann prallte, der plötzlich wie aus dem Nichts vor dem Regal aufgetaucht war. Sie sah den Mann straucheln und dann zu Boden gehen. Reflexartig versuchte er, sich an einem kreisförmig aufgebauten Display mit einem Sonderangebot spanischer Weine festzuhalten. Der Griff ging ins Leere, seine Hand streifte lediglich ein paar der Flaschen, die ins Schwanken gerieten, aber nicht herunterfielen. Einen Moment lag der Mann da auf dem Rücken und starrte seine Unfallgegnerin mit weit aufgerissenen Augen an.

Hanka klammerte sich erschrocken mit einer Hand an den Griff des Wagens, fasste sich mit der anderen an ihr Herz.

„Mein Gott! Entschuldigen Sie bitte!“, rief sie aus. „Ich habe Sie gar nicht kommen sehen!“

Der Mann erwiderte nichts. Ein, zwei Sekunden hing sein Blick noch an Hanka, lange genug, um eine Erinnerung in ihr wachzurufen. Dann rappelte er sich umständlich auf, wobei er sich mit der rechten Hand am Boden abstützte – die Anomalie war für einen Augenblick deutlich zu erkennen. Er brummte etwas Unverständliches in seinen schwarzen Vollbart und drückte sich an ihr vorbei.

Hanka sah ihm nach, die Augen auf seine Strickmütze geheftet, unter der drahtige Haare hervorquollen, die, von einem Gummiband zusammengehalten, bis auf den Kragen seines hellgrauen Overalls reichten. Dann war der Mann hinter einer der Regalwände verschwunden.

Die Augen, dachte sie, diese hellen blauen Augen, die passten nicht. Sie standen in einem merkwürdigen, leuchtenden Kontrast zu den schwarzen Haaren, die sein Gesicht einrahmten und seinen Kopf bedeckten. Sie passten auch nicht zu den Augenbrauen, zwei dicken, dunklen Balken, die seinen ohnehin düsteren Gesichtsausdruck zusätzlich verstärkten. Die Augen des Mannes erinnerten sie vielmehr an den kleinen vierjährigen Jungen mit seinem strohblonden Schopf, dem von Geburt an der kleine Finger der rechten Hand fehlte. An ihren Sohn, den sie vor fast vier Jahrzehnten verloren hatte. Ihr kleiner Sascha, den alle Welt für tot hielt. Aber er lebte! Sie hatte es immer gewusst. Sie war seine Mutter! Sie hatte die Suche nie aufgegeben. Und jetzt dieser Mann. Seine Augen, der fehlende Finger. Sie hatte doch richtig gesehen? Der kleine Finger an seiner Hand hatte gefehlt, ganz sicher! Oder doch nicht? Es war alles so schnell gegangen.

Sie wendete ihren Einkaufswagen, schob ihn eilig vor sich her, blickte links und rechts in die Regalgänge, bog in einen der Gänge ab, rempelte Kunden an, die ihr im Weg standen, drückte sich mit einer flüchtigen Entschuldigung an ihnen vorbei. Den Mann mit den blauen Augen konnte sie nirgends entdecken.

Dann sah sie ihn doch. Vorn an einer der Kassen. Hinter ihm hatte sich eine beträchtliche Schlange gebildet, sodass sie ihn erst bemerkte, als er sich zur Kassiererin vorbeugte und mit ihr sprach. Er nahm etwas in Empfang, vermutlich Wechselgeld, und steuerte mit einem kleinen Stoffbeutel in der Hand auf den Ausgang zu.

Hanka wollte ihm hinterherrufen, seinen Namen – Sascha, ihn zum Warten bewegen. Im letzten Moment begriff sie, wie aussichtslos das war. Stattdessen ließ sie ihren Einkaufswagen einfach stehen, hetzte zur Kasse und drängelte sich, ohne Rücksicht zu nehmen, an den Kunden in der Schlange vorbei. Die verärgerten Proteste überhörte sie. Es interessierte sie nicht, was die Leute ihr zuriefen. Sie musste dem Mann hinterher, ihn aufhalten, mit ihm sprechen!

Vor dem Eingang stoppte sie ab, sah sich suchend um, ließ ihre Augen über den Parkplatz gleiten. Weg! Er war weg! Sie konnte ihn nirgends entdecken. Hinten links stieß ein klappriger silbergrauer Kastenwagen rückwärts aus der Reihe der parkenden Autos, der Vorwärtsgang wurde eingelegt und der Wagen rollte auf sie zu. Langsam fuhr er an ihr vorbei. Die tief stehende Sonne blendete sie und so erkannte sie die Person hinter dem Steuer erst im letzten Moment. Es war der Mann!

„Halt! Stopp!“, rief sie dem Kastenwagen hinterher, hob die Arme, winkte verzweifelt. Zwecklos. Der Fahrer machte keine Anstalten zu bremsen oder gar zu halten. Vielleicht hatte er sie nicht gesehen oder er wollte sich nicht von ihr aufhalten lassen. Der Wagen verließ den Parkplatz, bog in die Straße ein, beschleunigte und war wenige Sekunden später aus ihrem Blickfeld verschwunden.

Hanka senkte den Kopf, drehte sich um und schlich enttäuscht in den Markt zurück. Nein, es war vermutlich eines ihrer Hirngespinste gewesen, gestand sie sich ein. Wieder einmal. Und dennoch – bei allem, was dagegen sprach, so eine starke innere Gewissheit hatte sie noch nie gehabt, in all den Jahren nicht, in denen sie nach Sascha suchte. Oder hatten diejenigen doch recht, die ihr eine massive psychische Instabilität bescheinigten und sie am liebsten aus dem Verkehr ziehen würden? Diejenigen, die ihr klarzumachen versuchten, dass sie mit ihrer Pene­tranz und ihrem neurotischen Verhalten eine Zumutung für ihre Mitmenschen war? Wurde sie langsam tatsächlich verrückt?

2. Kapitel

Hanka erreichte unversehrt ihr Zuhause, was an ein kleines Wunder grenzte. Hätte sie an Gott geglaubt, wäre sie ihm ein Dankeschön schuldig gewesen dafür, dass seine Engel sie auf der Rückfahrt von Elbingerode bis vor ihre Haustür in Königslutter vor einem Unfall bewahrt hatten.

Etwa anderthalb Stunden waren vergangen, seit sie in den Edeka-Markt zurückgelaufen war, zu ihrem Einkaufswagen, der immer noch dort stand, wo sie ihn hatte stehen lassen. Sie hatte den Wagen zur Kasse geschoben, sich in die Schlange der Kunden eingereiht und vom zähen Strom mitziehen lassen. Wie paralysiert war sie gewesen, der Kopf wie leer gefegt, zu keinem klaren Gedanken fähig. Sie hatte die Frau an der Kasse nach dem Mann mit dem fehlenden Finger gefragt, hatte wissen wollen, ob sie ihn kenne, ihr hastig zu erklären versucht, dass es sich möglicherweise um ihren vermissten Sohn handele. Doch die Kassiererin hatte nur mit halbem Ohr zugehört, dabei stoisch die Waren über den Scanner gezogen und ihr bei der Herausgabe des Wechselgeldes mit knappen Worten zu verstehen gegeben, dass sie keine Ahnung habe, wer der Mann gewesen sei. Dann hatte sie sich auch schon der nachfolgenden Kundin zugewandt gehabt.

Hanka war in ihr Auto gestiegen und mit ihr der Mann aus dem Markt. Sein Bild war ihr einfach nicht aus dem Kopf gegangen, hatte Erinnerungen in ihr wachgerufen, sie in einen Strudel sich widersprechender Gefühle hineingezogen, gepaart mit unangenehmen körperlichen Missempfindungen. Sie hätte irgendwo anhalten und ihre Fahrt unterbrechen müssen, bis Herzrasen, Atemnot und das heftige Zittern abgeklungen gewesen wären. Stattdessen war sie weitergefahren. Streckenweise wie im Blindflug hatte sie einige brenzlige Situationen heraufbeschworen und war jedes Mal nur knapp einer Kollision entgangen.

Umständlich fummelte Hanka den Schlüssel aus der Tasche und öffnete die Haustür. Je einen prallvollen Einkaufsbeutel in jeder Hand, trat sie in den düsteren Flur und schloss die Tür hinter sich, indem sie ihr mit dem Hacken des rechten Fußes einen Tritt versetzte.

„Rudi ...! Hallo, bist du da?“, rief sie. Eine überflüssige Frage, reine Gewohnheit. Ihr Mann verließ seit einiger Zeit kaum mehr das Haus. Seine Knochenschmerzen ließen es nur noch selten zu, dass er sich allein für längere Zeit aus seinem häuslichen Umfeld entfernte.

Sie stellte die Beutel in der Küche auf dem Tisch ab und ging ins Wohnzimmer. Die Stimmen, die sie bereits leise im Flur vernommen hatte, kamen aus dem Fernseher, gehörten zu den aufgeregt plappernden Personen einer Vorabend-Serie. Rudolf saß in seinem geliebten Fernsehsessel. Einige Haare seines grauen Schopfes ragten wirr über die Rückenlehne hinaus. Mehr war nicht von ihm

zu sehen. Sie ging hinüber, stellte sich seitlich neben den Sessel.

„Ich bin wieder zurück“, sagte sie.

„Hmhm ...“, brummte er, ohne seinen Blick vom Bildschirm abzuwenden.

Hanka sah sofort, dass es ihm schlecht ging. Sein Gesicht war grau vor Schmerzen, seine ganze Haltung starr und verkrampft. Sein Blick ging ins Leere. Schwer zu sagen, ob er überhaupt wahrnahm, was sich vor seinen Augen abspielte.

„Es hat sich gelohnt heute. Ich bin fast alle meine Gläser losgeworden“, versuchte sie, Rudolf für sich zu interessieren. Seine Antwort war ein mürrisches Grunzen, die Augen hielt er weiter geradeaus gerichtet, ohne jede Reaktion.

„Ich habe Sascha gesehen!“, platzte es aus ihr heraus. Hanka hatte die Neuigkeit für sich behalten, Rudolf nicht damit überfallen wollen angesichts seines Zustandes. Es gelang ihr nicht. „Im Edeka-Markt in Elbingerode!“

Ihr Mann verharrte in seiner starren Haltung. „Ach ...“, presste er nur hervor.

Hanka erkannte das plötzliche nervöse Zucken in seinen Mundwinkeln. Es hätte ihr eine Warnung sein müssen. Doch sie konnte sich nicht zurückhalten. Sie musste darüber reden, um den Druck loszuwerden, der sich in ihr aufgestaut hatte. „Diesmal war er es wirklich. Keine Einbildung. Seine Augen. Diese hellen blauen Augen. Und die Hand, weißt du. Der Finger! Der kleine Finger hat gefehlt! Ich habe das zu spät kapiert, habe ihn nicht aufgehalten! Ich ...“

„Sei doch mal ruhig, verdammt!“, unterbrach Rudolf sie schroff. „Ich kann nicht verstehen, was die im Fernseher sagen, wenn du dazwischenquatschst.“

„Hast du nicht verstanden? Ich habe Sascha gesehen! Meinen Sohn!“

In den scheinbar leblosen Körper kam plötzlich Bewegung. Rudolf stemmte seine Hände auf die Sessellehnen, drückte sich hoch und wandte sich Hanka ächzend und mit schmerzverzerrtem Gesicht zu. „Mal wieder, ja? Hast deinen Sascha mal wieder gesehen?“ Er legte eine verächtliche Betonung auf das Wort „deinen“ und schnaubte wütend. „Du bist ja verrückt! Wie lange willst du mich eigentlich noch mit deinen Halluzinationen nerven, hä? Das ist doch nicht mehr normal!“

Hanka ignorierte seine Worte. Zu oft hatte sie schon hören müssen, dass sie verrückt sei und mit ihren Wahnvorstellungen in die Hände von Psychologen gehöre, nicht nur von Rudolf. In der Vergangenheit hatte sie sehr unter derartigen Bezichtigungen gelitten, hatte sich verkrochen und sich manche Nacht die Augen ausgeheult. Mittlerweile gelang es ihr immer besser, mit den Angriffen und Unterstellungen umzugehen, sie an sich abtropfen zu lassen.

„Glaub es oder nicht! Dieses Mal habe ich mich nicht getäuscht“, beharrte sie. „Eine Mutter spürt es, wenn sie ihrem Sohn gegenübersteht!“

„Ach? Tut sie das?“

„Allerdings! Aber davon hast du natürlich keine Ahnung! Du weißt ja nicht, wie das ist, eigene Kinder zu haben! Sonst würdest du dich mit mir freuen, dass ich Sascha endlich wiedergefunden habe!“

„Oh ja, natürlich! Und was ist mit deinem Ex? Dem Erzeuger deines Bengels? Warum hat der dich sitzenlassen? Der hätte dann ja auch überall nach seinem verschollenen Sohn Ausschau halten und irgendwann halluzinieren müssen! Hat er aber nicht! Er hat im Gegensatz zu dir nämlich akzeptiert, dass der Junge tot ist. Und er ist geflüchtet vor dir. Weil er deine Psychomacke nicht mehr ertragen konnte!“ Rudolf schnappte nach Luft, ließ sich stöhnend in seinen Sessel zurücksinken.

Hanka stemmte ihre Fäuste in die Hüften. „Und du? Warum hast du mich überhaupt geheiratet?“ Ihre Stimme bebte. „Du wusstest von Sascha. Du wusstest, dass ich ihn nie aufgeben werde, solange mir keiner seine Leiche bringt. Wenn ich dir so zuwider bin, warum bist du dann immer noch bei mir?“

„Das frage ich mich auch“, brummte Rudolf erschöpft.

„Ich sage dir, warum“, ging Hanka zum Angriff über, „du bist ein Wrack, brauchst meine Fürsorge mit deinem scheiß Rheuma, kommst alleine nicht mehr klar. Du weißt, dass du langsam zum Krüppel wirst. Darum bist du noch bei mir!“ Sie wollte ihn verletzen, es ihm mit gleicher Münze heimzahlen. Das hatte er verdient.

„Halt den Mund, verdammt!“, fauchte er mit letzter Kraft. „Verschwinde! Ich kann dein blödes Geplärre nicht mehr hören!“

Hanka drehte sich um, stapfte wütend aus dem Wohnzimmer, knallte die Tür mit voller Wucht hinter sich zu. In der Küche blieb sie vor dem Tisch stehen, stützte sich auf der Lehne des Stuhls ab, der ihr am nächsten stand. Sie atmete tief durch, starrte auf die vollen Einkaufstüten. Rudolfs Abfuhr tat weh, bereitete ihr körperliche Schmerzen. Sie zog den Stuhl vom Tisch ab, setzte sich, vergrub ihr Gesicht in den Händen. Dann kamen die Tränen. Sie ließ ihnen freien Lauf, wehrte sich nicht dagegen. Unter heftigen Zuckungen ihres gekrümmten Oberkörpers flossen ihr ganzes Leid, die Enttäuschungen, die erlittenen Beleidigungen und Demütigungen aus ihr heraus.

Zehn, fünfzehn Minuten mochten vergangen sein, als ihr Tränenstrom versiegte, sie sich aufrichtete, sich schnäuzte, dann aufstand und sich daran machte, ihre Einkäufe hinter Schranktüren und in Schubläden zu verstauen. Ohne nachzudenken, erledigte sie die gewohnten Handgriffe, ließ damit ein klein wenig Normalität zurückkehren. Sie spürte, wie sich ihr Inneres allmählich beruhigte. Die Wut auf Rudolf legte sich. Es waren die Schmerzen. Nur deshalb war er so ekelhaft zu ihr gewesen, rechtfertigte sie sein Verhalten vor sich selbst. Rudolf war kein Tyrann. Im Grunde seines Herzens war er ein gutmütiger, verständiger Mensch. Wäre es anders gewesen, sie hätte ihn nie geheiratet. Aber als irgendwann die Krankheit anfing, veränderte sich sein Wesen. Ganz allmählich. Dieses elende Rheuma!

Die Bilder aus dem Supermarkt verschafften sich wieder Raum und drängten die Auseinandersetzung mit ihrem Mann in den Hintergrund. Sie musste etwas unternehmen, konnte nicht tatenlos bleiben. Die Begegnung dort am Weinregal einfach vergessen? Unmöglich! Dieses Mal war es etwas anderes. Sie hatte Sascha gesehen! Leibhaftig hatte er vor ihr gestanden, war nicht mehr nur das Phantom gewesen, dem sie nachjagte.

Was immer sie bisher unternommen hatte, ihren Sohn wiederzufinden – und es gab kaum etwas, das sie unversucht gelassen hatte – es war ohne Erfolg geblieben. Nicht den geringsten konkreten Anhaltspunkt hatte es gegeben, dass er noch lebte. Die Zahl derer, die mit ihr geglaubt, geträumt und gebangt hatten, war stetig geschrumpft, bis ihr irgendwann niemand mehr hatte Beistand leisten und Mut machen wollen. Wie oft war sie nahe daran gewesen, aufzugeben, den Stimmen Glauben zu schenken, die ihr einflüstern wollten, dass es keinen Sinn habe, sich an ein Hirngespinst zu klammern. Doch sie war standhaft geblieben, aller Schwarzmalerei und Widerstände zum Trotz. Dafür war sie jetzt belohnt worden. Für ihr unbeirrtes Festhalten an einem Strohhalm.

Er war es gewesen! Sascha, ihr Sohn! Sie spürte eine Gewissheit in sich, die sich durch nichts würde ins Wanken bringen lassen. Himmel und Hölle würde sie in Bewegung setzen, den Mann aufzuspüren, den sie im Supermarkt noch hatte entwischen lassen. Weil die Überraschung zu groß gewesen war und sie gelähmt hatte.

Sie verließ die Küche, ging energischen Schrittes durch den Flur, verließ das Haus. Das Auto musste noch in die Garage gefahren, die leeren Kisten aus dem Laderaum in den Schuppen getragen werden.

Während sie mechanisch die gewohnten Arbeiten erledigte, dachte sie über ihre Möglichkeiten nach. Diejenigen, denen sie schon in der Vergangenheit die Türen eingerannt hatte, brauchte sie nicht mehr um Hilfe bitten. Zu vielen war sie auf die Nerven gegangen, ohne dass etwas Zählbares dabei herausgekommen wäre.

Welche Mittel und Wege blieben ihr also? Wieder zur Polizei gehen, die missbilligenden Blicke der Beamten ignorieren, ihre ablehnende Haltung aufbrechen und sie dafür gewinnen, nach dem Mann aus dem Supermarkt zu suchen? Sinnlos! Niemand von denen würde noch einen Finger für sie krumm machen.

Die letzten Kisten waren verstaut, als sie sich plötzlich wieder an ein Gespräch erinnerte, das schon ein paar Jahre zurücklag. Kerstin, ihre Tochter, hatte damals ebenfalls noch daran geglaubt, ihren Bruder Sascha eines Tages lebend wiederzusehen. Sie hatte irgendeinen Privatdetektiv erwähnt, den man möglicherweise mit der Suche nach dem Vermissten beauftragen könne. Ein Vorschlag, den sie, Hanka, jedoch abgelehnt hatte. So ein Privatdetektiv kostete viel Geld – Geld, das sie damals nicht hatte ausgeben wollen.

Heute war es ihr egal. Und wenn sie den letzten Cent in die Suche nach Sascha investieren musste, sie würde es tun.

Es behagte ihr nicht, sich an Kerstin zu wenden. Ganz und gar nicht! Ihre Tochter hatte sich längst denen angeschlossen, die vom Tod ihres Bruders überzeugt waren. Darüber war es seinerzeit zwischen ihnen beiden zum Bruch gekommen und sie hatten nie wieder ein Wort über Sascha verloren. In letzter Zeit hatte sich ihr Verhältnis zum Glück ein wenig zu normalisieren begonnen. Da war es vielleicht nicht sonderlich klug, Kerstin wieder mit den alten Geschichten zu konfrontieren. Und doch sah sie keine andere Möglichkeit. Sie musste es wagen!

3. Kapitel

Knapp zehn Minuten mit der S-Bahn hatte Hanka vom Hauptbahnhof gebraucht, um zu der Adresse zu gelangen, die Kerstin ihr nach einer fruchtlosen und anfangs ziemlich lautstarken Diskussion schließlich gegeben hatte.

Hier, in diesem Haus in der Scheidestraße, sollte der Mann seine Detektei betreiben? Aber wo, bitteschön? Sie starrte auf das Schaufenster, das vollgestopft war mit gebrauchten elektrischen Apparaten aller Art, angefangen von Rasierern über diverse Haarföhne, Bügeleisen, Toaster und Handmixer bis hin zu Kofferradios, CD-Spielern und Uralt-PCs. Auch verschiedene Steinzeit-Handys lagen ganz vorn in der Auslage aufgereiht.

„Elektrogeräte aller Art“ stand in großen, geschwungenen Buchstaben auf dem Schild über dem Schaufenster, und etwas kleiner darunter „Reparaturen, An- und Verkauf“. Das Schild, dessen scharfer Schwarz-Weiß-Kontrast zwischen Schrift und Hintergrund sich über die Jahre unter einer schmierigen Schicht aus Straßenschmutz verkrochen hatte, sah ebenso heruntergekommen aus wie die gesamte Fassade in ihrem tristen Grau und mit den Graffiti-Kritzeleien. Links, direkt neben der Ladentür endete die Häuserfront. Eine schmale Hofeinfahrt schloss sich an, darauf folgte ein frei stehendes baufälliges Fachwerkhaus. Es war von Buschwerk überwuchert. Ein Bauzaun und Absperrplanken deuteten auf den baldigen Abriss des maroden Gebäudes hin.

Wo bin ich hier nur gelandet?, fragte sich Hanka. Die Gegend machte keinen sehr vertrauenerweckenden Eindruck. Irritiert suchend blickte sie den Straßenzug hinunter, an den wenig verlockenden Ladengeschäften entlang, fummelte den Zettel mit der Adresse aus ihrer Tasche, vergewisserte sich noch einmal. Kein Zweifel, die Straße stimmte und die Nummer des Hauses, vor dem sie stand, ebenso. Sie machte ein paar Schritte

zur Seite, sah die nackte Wand am Ende der Hofeinfahrt. Ein Steintritt an der Wand führte zu einer Tür hinauf. Vielleicht dort, dachte sie und ging hinüber. Die Tür war verschlossen. Weder gab es eine Klingel noch eine andere Möglichkeit, sich Gehör zu verschaffen. Ein Firmenschild, das ihr weiterhalf, war auch nirgends zu sehen.

Zurück an der Straße trat Hanka durch die schmale Glastür in das Elektrogeschäft. Warum noch lange herumsuchen? Sie konnte doch einfach den Ladeninhaber nach der Detektei fragen.

Im Verkaufsraum, einem schmalen Schlauch, roch es muffig. Ein schäbiger Teppichboden über knarrenden Dielen, links Regale bis zur Decke, vollgestopft mit Elek­trogeräten der Art wie sie im Schaufenster standen. Rechts der Tresen, dessen abgegriffene Holzplatte schon bessere Tage gesehen hatte. Darauf eine vorsintflutliche Regis­trierkasse zwischen Elektro-Kleinkram. Die Schubläden an der Wand hinter dem Tresen waren vermutlich voll davon.

Hanka machte einige Schritte in den Raum hinein, schaute sich um, schwankte zwischen Faszination und Ablehnung. Der Laden kam ihr vor wie ein Widerstandsnest gegen die Wegwerfgesellschaft. Hier wurde gesammelt, aufgepäppelt und wieder verkauft, was in der Welt draußen vor der Tür schon nach kurzer Zeit als überholt und unbrauchbar galt und entsorgt wurde. Das Sammelsurium um sie herum weckte plötzlich einen sentimentalen Gedanken an die DDR in ihr. Sie schluckte, wollte keine Erinnerungen zulassen, heftete ihren Blick an eine Spieluhr, die wie ein Fremdkörper zwischen all den anderen Sachen wirkte. Neugierig betrachtete sie das Kleinod, spielte für einen Moment mit dem Gedanken, die Uhr zu kaufen. Sie war nicht teuer. Dann wandte sie sich ab, sah zum Vorhang an der rückwärtigen Wand. Noch immer war niemand aufgetaucht. Gab es nirgendwo eine Klingel? Hatte überhaupt jemand ihr Kommen bemerkt?

„Hallo!“, rief sie, und gleich darauf noch einmal: „Hallo, ist da jemand?“

Nichts passierte. Die Spieluhr zog sie wieder in ihren Bann.

„Guten Tag. Entschuldigen Sie bitte, dass Sie warten mussten.“ Hanka fuhr erschrocken herum. Ein Mann tauchte aus einem Raum hinter dem Vorhang auf. „Ich habe gerade eine Platine zusammengelötet. Das konnte ich nicht einfach unterbrechen.“

Er steuerte auf sie zu, deutete auf die Spieluhr. „Ein wirklich schönes Stück, nicht wahr? Und gar nicht teuer. Ich kann Sie Ihnen gern einmal vorführen.“

„Äh ja ... nein, nein, ich ...“ Hanka räusperte sich. „Ich bin nicht wegen der Spieluhr ... also, ich möchte nichts kaufen oder reparieren lassen.“

„Sondern? Haben Sie etwas zu verkaufen?“

„Das auch nicht. Ich suche einen Privatdetektiv, der hier sein Büro haben soll. Stefan Blume. Wissen Sie, wo ich den finde?“

Der Mann zog ein wenig die Augenbrauen hoch, blickte Hanka aus freundlichen braunen Augen an. Sie ahnte seine Überraschung mehr, als dass sie sich in seinem von einem eisgrauen Vollbart eingerahmten Gesicht bemerkbar machte. Seine Mimik wirkte eigenartig starr.

„Tut mir leid“, sagte er dann, „ich kenne keinen Privatdetektiv namens Stefan Blume.“

„Aber er müsste hier irgendwo sein Büro haben. Sehen Sie, ich habe es mir aufgeschrieben.“ Sie hielt ihm den Zettel mit der Adresse hin. „Vielleicht habe ich mich ja nur in der Hausnummer vertan.“

Der Mann fuhr sich mit der Hand durch die dichten Haare, die ebenso grau waren wie sein Bart. „Wie ich schon sagte, ein Privatdetektiv Stefan Blume ist mir nicht bekannt.“ Er versuchte ein Lächeln. Es gelang ihm jedoch nur im Ansatz, verfing sich irgendwo in seinem starren Gesicht. „Wer hat Sie denn auf die Idee gebracht, hier so jemanden finden zu können?“

„Meine Tochter“, entgegnete Hanka. „Sie hat mir die Adresse gegeben. Ich ...“

„Tatsächlich?“, fiel ihr der Mann ins Wort. „Na ja, nichts für ungut. Vielleicht möchten Sie die Spieluhr ja doch ... Ich kann Ihnen auf den Preis noch einen kleinen Nachlass geben. Dann haben Sie den Weg wenigstens nicht ganz umsonst gemacht. Sie kommen nicht aus Hannover, vermute ich.“

„Sieht man mir das an?“ Hanka grinste verlegen, winkte ab. „Lassen Sie mal. Zugegeben, die Uhr ist schön, aber einen weiteren Staubfänger kann ich zu Hause nicht gebrauchen. Vielen Dank.“ Sie ging zur Tür. „Ich verschwinde besser wieder. Entschuldigen Sie die Störung. Auf Wiedersehen.“

„Keine Ursache“, rief der Mann ihr nach.

Auf halbem Weg zur S-Bahn-Haltestelle blieb Hanka stehen. Hatte sie den Weg nach Hannover wirklich umsonst gemacht? Hatte sich Kerstin mit der Adresse vertan? Sie vielleicht sogar bewusst in die Irre geführt? Nein, bei allem, was sie in der Vergangenheit auseinandergetrieben hatte und das bei ihrem Zusammentreffen gestern wieder hochgekommen war, so niederträchtig wäre Kerstin nie gewesen. Vielleicht ermittelte dieser Stefan Blume ja längst nicht mehr. Oder er war umgezogen. Möglicherweise war er auch tot. Seit dem Tag, als Kerstin den Mann das erste Mal ins Spiel gebracht hatte, waren einige Jahre vergangen.

Hanka hatte die Haltestelle erreicht, zögerte jedoch, in die einfahrende S-Bahn einzusteigen. Sie trat vom Bahnsteig zurück, zog ihr Handy aus der Tasche, wählte Kers­tins Nummer. Es war nur ein kurzes Gespräch, dann setzte sie sich auf eine der Bänke an der Haltestelle und wartete. Etwa zehn Minuten dauerte es, bis Kerstin sie zurückrief. Sie solle noch einmal in den Laden gehen, dem Mann erklären, wer sie an ihn vermittelt hatte. Sie solle ihm den Namen ihres Bekannten nennen: Daniel Kettler. Das würde helfen.

Dieses Mal musste sie nicht warten, bis der Mann wieder hinter seinem Vorhang hervortrat.

„Sie?“, rief er verwundert aus. „Haben Sie sich das mit der Spieluhr doch noch mal überlegt?“

„Nein, ich ...“ Sie trat unsicher von einem Fuß auf den anderen. „Ich bin zurückgekommen wegen Stefan Blume, dem Privatdetektiv.“

Der Mann schnaubte ungehalten. „Hören Sie, ich wiederhole mich ungern, aber ...“

„Ich weiß“, unterbrach Hanka ihn. „Es ist nur so, ich habe meine Tochter angerufen und sie meinte, ich soll Ihnen den Namen Daniel Kettler nennen. Dann würden Sie schon verstehen.“

Der Mann erwiderte nichts. Er starrte sie nur mit seinen braunen Augen an. In seinem Gesicht keine Regung. Es schien, als wolle er Hanka mit seinem Blick durchdringen. Unmöglich, zu erkennen, was sich hinter seiner Stirn abspielte. Sie wurde nervös, spürte, wie sich ihr Hals zuzog.

„Kommen Sie“, sagte der Mann plötzlich und ging ihr voran zum Vorhang. Hanka folgte ihm in den Raum dahinter.

Eine vollgestopfte Werkstatt tat sich vor ihr auf. Mattes Licht aus einer Leuchtstoffröhre unter der Decke erhellte den Raum nur notdürftig. Die Tischlampe auf der Werkbank zu ihrer Rechten ergoss dafür umso helleres Licht über die Arbeitsplatte. Werkzeuge, wohin man sah. Dazu die reparaturbedürftigen Elektrogeräte, teils geöffnet, sodass man ihr Inneres erkennen konnte. Hinten, in einer Ecke des Raumes, zwischen all dem Gerümpel kaum zu sehen, stand ein weiterer Tisch. Darauf steuerte der Mann zu, bediente den Schalter einer Wandlampe und bot ihr an, sich auf einen der beiden Stühle zu setzen. Sie nahm Platz, er setzte sich zu ihr.

„Daniel Kettler hat Ihnen also die Adresse verraten?“, fragte er.

„Meiner Tochter. Er ist ein Freund von ihr. Und meine Tochter hat mir den Rat gegeben, Sie um Hilfe zu bitten. Sie sind doch Stefan Blume, der Privatdetektiv?“

Er wiegte leicht den Kopf, sein Lächeln blieb erneut an seiner starren Gesichtsmaske hängen. „Ja, so heiße ich. Aber in erster Linie mache ich das, was Sie hier sehen. Ich repariere, kaufe und verkaufe Elektrogeräte, die sonst als Schrott auf einer Müllhalde gelandet wären. Die andere Sache, na ja, das ist eher ein Hobby von mir, wissen Sie? Nichts, das ich in die Welt hinausposaune. Ab und zu helfe ich mal jemandem, den ich kenne und dem ich vertraue. Wie Daniel Kettler. Und da er mich Ihnen empfohlen hat ... schön, dann erzählen Sie mal.“

Hobbydetektiv? Hanka überkamen plötzlich Zweifel. Für so einen war ihre Sache vermutlich viel zu groß. Daran waren schon die Fachleute von Polizei und diversen Hilfsorganisationen gescheitert. Wenn dieser Stefan Blume nur ab und zu mal einer treulosen Ehefrau oder einem fremdgehenden Ehegatten hinterherspionierte, war das eine Sache. Aber ihren Sascha finden? Egal, es war ohnehin zu spät. Jetzt einen Rückzieher zu machen, wäre blamabel.

„Ich suche meinen Sohn“, begann sie. „Er wird vermisst.“

„Ihren Sohn, aha.“ Sie sah die Zweifel in Blumes Augen. „Entschuldigen Sie bitte, wenn ich frage, aber wie alt sind Sie?“

Hanka nannte ihm ihr Alter.

„Fünfundsechzig. Schön. Und Ihr Sohn?“

„Sascha ist zweiundvierzig.“

„Also ein erwachsener Mann im besten Alter. Und er ist verschwunden, wenn ich Sie richtig verstehe. Was sagt denn die Polizei? Vielleicht ist er nur untergetaucht, weil er es so wollte. Oder ist er krank, geistig behindert vielleicht? Ist er verheiratet, hat er Kinder, oder lebt er allein? Wohnt er bei Ihnen zu Hause? Wie genau ist seine familiäre Situation?“

So viele Fragen! Und es gab nur eine Antwort: „Ich weiß es nicht.“

Blume riss überrascht die Augen auf. „Was heißt das, Sie wissen es nicht?“

„Er ist verschwunden, als er vier Jahre alt war.“

„Vier Jahre?“ Der Detektiv beugte sich ruckartig vor, kam ihrem Gesicht ganz nahe. „Entschuldigen Sie bitte, ich glaube, das verstehe ich jetzt nicht so ganz.“

„Es war am zweiundzwanzigsten August neunzehnhundertachtzig“, begann Hanka. „Ein Freitag. Ich erinnere mich noch genau. Mein damaliger Mann und ich waren mit unseren Kindern in Urlaub, im FDGB-Heim ,Hermann Danz‘ in Friedrichroda. Es war unser vorletzter Urlaubstag. Wir haben eine Wanderung zur Wechmarer Hütte gemacht. Ein Ausflugslokal mitten im Wald ...“ Sie erzählte Blume von Saschas Verschwinden, ließ kein Detail unerwähnt. Sie konnte sich nach beinahe vierzig Jahren an jede Kleinigkeit erinnern. Als wäre es gestern geschehen. „Und vor ein paar Tagen habe ich ihn gesehen! In einem Supermarkt. In Elbingerode, im Harz“, sprang sie unvermittelt in die Gegenwart.

„Moment, Moment.“ Blume hob abwehrend die Hände. „Ich will die ganze Geschichte hören. Schön der Reihe nach. Was ist in den Jahren dazwischen passiert? Was haben Sie unternommen?“

„Oh, das ist eine ganze Menge. Wenn Sie alles hören wollen, dann dauert das.“

„Egal. Ich habe Zeit.“

Hanka sah ihn an. Auch wenn sein Gesicht keine Regung zeigte, so signalisierten zumindest seine Augen, dass er neugierig geworden war. Seine sonore Stimme und sein offensichtliches Interesse beruhigten sie wieder ein wenig, ließen die Anspannung weichen, die sich in den zurückliegenden Minuten in ihr aufgebaut hatte. Sie schilderte dem Detektiv ihren Leidensweg in den Jahren nach Saschas Verschwinden in allen Einzelheiten. Der Detektiv lauschte aufmerksam. Er ließ sie reden, unterbrach sie nicht.

„Und jetzt glauben Sie also, ihn gesehen zu haben“, beendete Blume schließlich ihren Monolog. „Im Harz. Im Edeka-Markt in Elbingerode.“

„Genau. Das sagte ich ja schon.“ Sie schilderte ihm das Zusammentreffen mit Sascha und wie sie ihn wieder aus den Augen verloren hatte.

„Und allein dieser fehlende Finger hat Ihnen ausgereicht, um zu wissen, dass es sich um Ihren Sohn handelt?“

„Vergessen Sie nicht seine Augen! So leuchtend blau habe ich sie noch nie bei jemandem gesehen.“

„Trotzdem, ein bisschen wenig, um sich nach so langer Zeit gewiss zu sein, finden Sie nicht?“

„Hören Sie, ich bin seine Mutter!“, entrüstete sich Hanka.

„Schon gut. Ich verstehe“, beschwichtigte Blume. Dann sagte er nichts mehr, sah sie nur an, schien nachzudenken.

„Was ist jetzt? Helfen Sie mir?“, fragte Hanka nach einigen Augenblicken ungeduldig.

Blume seufzte, drückte sich gegen die Stuhllehne. „Also gut“, entgegnete er gedehnt, „ich werde versuchen, etwas über den Verbleib Ihres Sohnes herauszufinden. Wird nicht ganz leicht, allein mit Ihrer Beschreibung des Mannes aus dem Supermarkt.“

„Hören Sie, am Geld soll es nicht scheitern, falls Sie darauf anspielen.“ Sie dachte an ihr über die Jahre Erspartes. Für ihre Verhältnisse eine mittlerweile beträchtliche Summe. Eigentlich hatte sie das Geld anders verwenden wollen. Aber ihre Pläne waren mit Rudolfs zunehmend schlechter werdendem Gesundheitszustand ohnehin zur Makulatur geworden. Was sollte ihr also noch wichtig sein, außer, dass sie Sascha wieder in die Arme schließen konnte?

Später, als sie wieder in den Zug zurück nach Hause einstieg, hatte sie dem Detektiv einen Vorschuss in bar zurückgelassen und mit ihm weitere Treffen an noch zu bestimmenden Orten vereinbart, um dort über Ermittlungsergebnisse zu reden und, falls nötig, weitere Vorauszahlungen zu übergeben. Jetzt ruhte ihre ganze Hoffnung auf den Fähigkeiten des Mannes, der ihr so undurchdringlich erschienen war und der aus seiner Detektivtätigkeit ein ihr unerklärliches Geheimnis machte.

Kurz nachdem der Zug aus dem Hauptbahnhof gerollt war, schlug Hanka die Tageszeitung auf, die sie sich am Bahnhofskiosk gekauft hatte. Ihr Blick fiel auf eine Nachricht, die sie vor Schreck erstarren ließ:

Dietmar Knoche, der Leiter des Edeka-Marktes in El­bingerode war ermordet worden! Einen Tag, nachdem sie ihre Marmeladen bei ihm abgeliefert hatte und ihr Sascha über den Weg gelaufen war, hatte eine Angestellte seine Leiche gefunden – morgens, in seinem Büro. Knoche sei auf bestialische Weise umgebracht worden. Details zum Tathergang könne die Polizei aus ermittlungstaktischen Gründen zum jetzigen Zeitpunkt nicht preisgeben, hieß es in dem Zeitungsartikel und weiter, es gebe noch keine Erkenntnisse zu Täter und Motiv. Man ermittle in alle Richtungen.

4. Kapitel

Nachdem Hanka Altmann seinen Laden verlassen hatte, war Stefan Blume durch eine Tür in der Werkstatt verschwunden, von deren Existenz nur er allein wusste. Die kleine Butze, die sich hinter dieser Tür verbarg, war fensterlos und vollgestopft mit Computern und elektronischem Überwachungsgerät. Vier Monitore an der Wand links der Tür verschafften ihm einen genauen Überblick über alles, was sich auf der Straße vor seinem Laden abspielte und über jedermann, der seine Geschäftsräume betrat und sich darin umsah. Nichts, was sein unmittelbares und weitergehendes Umfeld betraf, blieb ihm verborgen. Über eine Konsole mit Aufnahmegeräten, Tastaturen und Steuersticks konnte er die Kameras dirigieren, die außen am Gebäude und in seinem Laden angebracht waren. Gut getarnt, war es Uneingeweihten kaum möglich, sie zu entdecken.

Auch die Ankunft dieser Frau war Blume nicht verborgen geblieben. Er hatte ihr interessiert, aber ohne Argwohn zugesehen, wie sie sich unschlüssig umgeblickt und gezögert hatte, einzutreten. Das war typisch für viele seiner Kunden, die spätestens, wenn sie vor dem Schaufenster standen, eine gewisse Scheu entwickelten, hereinzukommen. Ein defektes Gerät reparieren zu lassen anstatt es wegzuwerfen, oder ein gebrauchtes zu erwerben, mochte ihnen in der Theorie reizvoll erschienen sein. Aber den Schritt tatsächlich zu tun, bedeutete möglicherweise, dass sie später als Verlierer wahrgenommen wurden, sich ihren Freunden und Bekannten gegenüber erklären mussten. Second-Hand-Artikel waren etwas für Menschen zweiter Klasse, die es sich nicht leisten konnten, jedes Jahr einen neuen Fernseher, ein Smartphone der neuesten Generation oder einen noch intelligenteren Kaffeevollautomaten zu kaufen.

Erst als die Frau nach hinten über den Hof gegangen, dann die Außentreppe hinaufgestiegen war und versucht hatte, durch die Tür zu gelangen, waren Blume Zweifel an ihren Absichten gekommen. Bestimmt hatte sie etwas anderes erwartet, sicher kein Geschäft mit elektronischem Klüngelkram. Als sie kurz darauf in seinen Laden getreten war, hatte er bereits geahnt, nach wem sie suchte.

Wenn jemand wie diese Frau dann tatsächlich nach dem Privatdetektiv Stefan Blume fragte, musste er vorsichtig sein. Nicht umsonst versteckte er seine Detektei hinter der Fassade eines unscheinbaren Elektroladens. Es gab genügend Gründe für ihn, sich die Leute genau anzusehen, die seine Dienste als Ermittler in Anspruch nehmen wollten. Und er hatte Hanka Altmann sehr gründlich in Augenschein genommen. Gut, ohne den Namen Daniel Kettler wäre die Detektei für sie auch bei ihrem zweiten Anlauf verschlossen geblieben. Wenn Daniel seine Adresse weitergab, dann nur an vertrauenswürdige Menschen. Dennoch, ein gewisses Restrisiko blieb immer und es war an ihm, es mit seiner Menschenkenntnis auszuschalten. Und darin war er richtig gut, war es schon immer gewesen – Menschen zu beobachten, ihnen zuzuhören, die richtigen Fragen zu stellen und am Ende zu wissen, mit wem er es zu tun hatte. Einer der Gründe, warum er noch lebte, davon war er überzeugt.

Hanka Altmann war eine harmlose Frau, so viel stand für ihn fest. Eine Mutter, die seit einer halben Ewigkeit nach ihrem vermissten Sohn suchte. Sie hatte ihm eine Geschichte aufgetischt, so absurd, als sei sie einem fantasiebegabten, aber kranken Hirn entsprungen. Er hatte ihr trotzdem bis zum Ende zugehört. Und er glaubte ihr, weil er nur zu gut wusste, nichts von dem, was sie erlebt hatte, war erfunden. So etwas konnte sich ein normaler Mensch nicht ausdenken. Und mit genau diesem Wissen saß er jetzt da und stierte auf seine Monitore. Hanka Altmann hatte ihn in einen verdammten Zwiespalt gebracht.

Ja, er hatte zugesagt, ihr zu helfen. Er hatte ihr Geld angenommen. Was aber nicht bedeutete, dass er den Auftrag, ihren Sohn zu finden, auch wirklich ausführen würde. Denn wenn er das tat, darüber war er sich im Klaren, dann musste er sich möglicherweise den alten Geistern stellen, seine Deckung, zumindest ein kleines Stück, aufgeben. Er wusste nicht, ob er dazu bereit war.

Die fünfhundert Euro Vorschuss hatten ihm erst einmal etwas Zeit verschafft. Genug, um über seine nächsten Schritte nachzudenken. Vielleicht würde er einen Rückzieher machen, ihr einen Teil des Geldes zurückgeben, ihr zu verstehen geben, dass sie ihre Hoffnungen in einen unfähigen Mann gesetzt habe. Immer noch besser, als den eigenen Kopf zu riskieren. Andererseits, wollte er wirklich für den Rest seines Lebens weglaufen, ständig Angst haben müssen, dass sie ihn irgendwann enttarnten? Musste er das Auftauchen dieser Frau nicht vielleicht als Wink des Schicksals verstehen, selbst aktiv zu werden, anstatt das Heft des Handelns anderen zu überlassen?

Blume seufzte und ließ das Geld in einem Wandtresor verschwinden. Das nächste Treffen mit Hanka Altmann würde nicht hier in seinem Laden stattfinden, sondern an einem Ort, den er noch bestimmen und ihr mitteilen würde. Sie selbst durfte sich nur im äußersten Notfall bei ihm melden, das hatte er ihr eindringlich klargemacht. Diese Art von Kommunikation ließ er ausschließlich über Handys mit Prepaidkarten laufen, von denen er etliche auf Vorrat hortete und die er beliebig wechseln konnte. Nichts war schlimmer, als in der digitalen Welt Spuren zu hinterlassen. Wenn jemand das wusste, dann er.

Im Grunde war es ein einfacher Auftrag, den ihm Hanka Altmann erteilt hatte. Sie wollte nicht mehr von ihm, als dass er einen Mann ausfindig machte, der ihr in einem Supermarkt im Harz über den Weg gelaufen war. Und mit der Beschreibung und den hervorstechenden Merkmalen des Mannes – strahlend blaue Augen und ein fehlender Finger – konnte man durchaus etwas anfangen, auch wenn ihm lieber gewesen wäre, Hanka Altmann hätte ihm den Namen der Firma nennen können, für die der Mann arbeitete. Leider hatte sie dem Schriftzug auf dessen Overall und später auf dem Kastenwagen keine Beachtung geschenkt. Aber auch ohne dieses Detail hätte er den Job relativ schnell erledigen können. Doch das würde nicht gehen, denn wenn es sich tatsächlich um den verschollenen Sohn der Frau handeln sollte, dann spielte die Zeit, die seit dessen Verschwinden vergangen war, eine wichtige Rolle, ebenso wie die Frage, was mit dem Mann in dieser Zeitspanne geschehen war. Niemand, der in der damaligen DDR auf derart mysteriöse Weise vom Erdboden verschluckt oder, wenn seine Auftraggeberin recht hatte, gekidnappt wurde, tauchte nach beinahe vierzig Jahren in irgendeinem Kaff im Harz wieder auf, wo er ein einfaches, unauffälliges Leben führte. So etwas gab es nicht. Oder etwa doch?

Je länger er darüber nachdachte, desto weniger Zweifel hatte er daran, dass die Dinge komplizierter lagen, als sie auf den ersten Blick schienen. Zumal er heute Morgen in den Nachrichten von einem Mord gehört hatte. Vom Mord am Marktleiter eben jenes Supermarktes, in dem Hanka Altmann glaubte, ihrem Sohn begegnet zu sein. Das musste, für sich genommen, erst einmal nichts bedeuten. Er konnte auf Anhieb keine Zusammenhänge erkennen. Allerdings lehrte ihn seine Erfahrung, dass der erste Eindruck zumeist täuschte. Er spürte, dass es auch in diesem Fall so war. Sollte er sich tatsächlich auf die Suche nach dem Vermissten machen, dann konnte er nicht nur an der Oberfläche kratzen. Dann musste er tiefer graben. In einer Vergangenheit, die auch seine war. Zu seiner eigenen Sicherheit. Und außerdem würde er Hilfe brauchen.

In Gedanken ging Blume all jene Personen durch, die ihm bei seiner Suche nützlich sein konnten, vor allen Dingen aber, denen er vertraute. Viele waren es nicht. Im Grunde hätte er sich die Überlegungen sparen können, denn von der ersten Sekunde an hatte sich ein Name in seinem Kopf festgebissen. Es war der Name einer Person, die ihm näherstand, als jeder andere Mensch auf der Welt. Und das, obwohl er sie schon seit den Tagen kurz nach der Grenzöffnung nicht mehr gesehen hatte. Heimlich, ohne Abschied, ohne ein Wort der Erklärung war er damals aus ihrem Leben verschwunden. Von einer Minute auf die andere. Sie waren sich danach nie wieder begegnet, hatten nichts mehr voneinander gehört. Vergessen hatte er sie dennoch nicht. Er wusste nicht, wo sie sich aufhielt, wie sie lebte und was sie trieb, wie sie die zurückliegenden Jahre verbracht hatte. Er würde sie suchen müssen. Und wenn er sie gefunden hatte, würde er sie erst um Verzeihung und dann um Hilfe bitten. Von ihr wollte er es abhängig machen, ob er Hanka Altmanns Auftrag ausführte oder nicht. Sollte sie ihm vergeben und helfen wollen, war er zu allem bereit. Er hatte eine Heidenangst, ihr unter die Augen zu treten. Trotzdem beschloss er, genau diesen Weg zu gehen.

5. Kapitel

Erik Galland betrat das voll besetzte Café am Goslarer Marktplatz. Er brauchte einen Moment, ehe er Frank Neudeck, seinen Kontaktmann, entdeckte. Natürlich saß der wie immer an einem strategisch günstig gelegenen Platz. Von da hinten konnte er den Eingang im Auge behalten und den gesamten Raum überblicken, ohne selbst sofort gesehen zu werden. Vermutlich war es von Neudecks Tisch aus auch nur wenige Schritte bis zu den Toiletten. Solche Details waren ihm wichtig bei der Wahl des Tisches.

Der Mann fand immer wieder neue Orte für ihre Besprechungen, wählte nur äußerst selten einen Treffpunkt zweimal. Erik blieb kurz am Eingang stehen und ließ seine Augen durch das Café wandern. Dann schlängelte er sich zwischen den Gästen hindurch, steuerte auf Neudeck zu.

„Hallo Frank. Nett hier“, sagte er zur Begrüßung.

„Setz dich“, entgegnete Neudeck schroff, ohne den Gruß zu erwidern.

Erik zog überrascht die Augenbrauen hoch und quetschte sich auf den Stuhl in der engen Nische zwischen Tisch und Wand. „Schlechte Laune?“, fragte er

bissig. Er mochte es nicht, herumkommandiert zu werden.

„Was ist mit Knoche passiert?“, kam Neudeck sofort zur Sache. „Wer hat ihn ausgeknipst, verdammt? Habt ihr ihn liquidiert? Du und deine Kameraden?“

„Das Gleiche wollte ich von dir wissen. Lag ja nahe, dass du mich deswegen hast kommen lassen. Also, ich war’s nicht. Und dein Verein?“

„Nein, verdammt!“, fauchte Neudeck. „Würde ich dich sonst fragen?“

Der Mann wirkte nervös, wich seinem Blick aus, sah an ihm vorbei in den Gastraum.

„Ist ja gut“, beschwichtigte Erik. „Ich hab ihn jedenfalls nicht plattgemacht.“

„Sagt keiner, dass du das warst. Ich will wissen, ob ein anderer von euch dahintersteckt. Und wenn ja, warum?“

„Wer denn? Für die Jungs aus der regionalen Szene war er ein unbeschriebenes Blatt. Ein Zugereister, der nicht groß aufgefallen und keinem in die Quere gekommen ist.“

„Und was hört man von seinen beiden speziellen Freunden?“

„Keine Ahnung. Ich hatte mit denen bisher nichts weiter zu tun. War allein mit Dietmar beschäftigt.“

„Haben die Typen sich vielleicht bei Monas Mädchen ausgeheult? Weißt du davon irgendwas?“

„Nein! Aber ich renne auch nicht jeden Tag in ihren Puff! Ich habe Frau und Kind!“

Ach ja, Mona! Was würde er ohne sie machen! Ihr Bordell war Anlaufstation für die sexuell notleidenden und bedürftigen Kameraden der rechten Szene und außerdem ein Sammelbecken für alle möglichen Gerüchte und In­trigen, aber auch für handfeste Tipps. Erik kannte Mona schon etliche Jahre, hatte selbst in ihrem Etablissement immer mal Dampf abgelassen, wenn ihm danach war – bevor er Rike kennengelernt hatte. Jetzt waren er und die Bordellchefin nur noch beste Freunde und weiter, als bis an die Bar im Foyer ihres Hauses zog es ihn kaum noch. Er wusste, dass Monas Ohren für Mitteilungsbedürftige weit geöffnet waren, ebenso wie ihr Mund für Außenstehende fest verschlossen blieb. Innerhalb ihres hermetisch abgeriegelten Refugiums bekam man jedoch gelegentlich die eine oder andere brauchbare Information, wenn man ihr Vertrauen genoss. Und Erik gehörte zum Glück zu diesem erlauchten Kreis. Gelegentlich tat es ihm leid, dass er die Bordellchefin für seine Spitzeltätigkeiten missbrauchte. Das hatte sie nicht verdient, die gute Seele. Aber sie war nun mal fest im rechten Lager verwurzelt und kämpfte auf ihre Art für die rechtsnationale Sache. Nun, jeder Mensch musste sich irgendwann entscheiden. Er, Erik, hatte es getan – zu ihrem Pech für die Gegenseite.

Mona war es auch gewesen, die ihm das mit dem angeblich so großen Unternehmen gesteckt hatte. Die drei Kerle waren eines Tages bei ihr aufgekreuzt. Dietmar, Oliver und Patrick. Niemand kannte sie näher. Immerhin, sie waren stramm rechts orientiert, wären ansonsten auch nicht eingelassen worden. Erik hatte seine Informationen sofort an Neudeck weitergegeben, der für seine Verhältnisse ungewöhnlich nervös und hektisch auf die Nachricht reagiert hatte. Er war von ihm umgehend auf Dietmar Knoche angesetzt worden. Einfach, weil es sich anbot. Knoche hatte wenige Wochen zuvor den Marktleiterposten im Elbingeröder Edeka-Markt übernommen, dem Markt, der zu den Kunden des Kurierdienstes gehörte, bei dem er, Erik, arbeitete.

„Vielleicht solltest du dich trotzdem etwas öfter bei Mona blicken lassen“, meinte Neudeck.

Der Mann war echt lustig! Wie sollte er solche zusätzlichen „Überstunden“ Rike erklären? Sein Kontingent an Ausreden war allmählich erschöpft.

„Was soll das bringen? Ich bin mir sicher, die drei haben die ganze Verschwörungsscheiße sowieso nur erfunden, um vor Mona und ihren Mädchen auf dicke Hose zu machen.“

Neudeck sah das anders. „Glaube ich nicht. Ich bin mir sicher, die haben irgendein großes Ding am Laufen. Dietmar ja jetzt nicht mehr, aber Oliver und der dritte, dieser ...“

„Patrick.“

„Richtig, Patrick. Und ich wette mir dir, das sind nicht alle. Da gehören noch weitere dazu. Okay, die drei haben einfach gequatscht, vage Andeutungen gemacht, nichts Genaues, das ist klar. Aber eben genug, um Interesse zu wecken. Weil du manchmal irgendwo hinmusst mit den ganzen Geheimnissen, die auf dir lasten und die du nicht ausplaudern darfst. Monas Bordell ist ja wohl ein Ort der Verschwiegenheit, dazu sind die Chefin und ihre Mädchen im besten Sinne linientreu. Hast du jedenfalls gesagt. War das nicht so, dass bei ihr keiner über die Schwelle treten darf, der keinen Ariernachweis vorlegen kann?“

Erik nickte. „Nicht ganz so streng, aber so ungefähr.“

„Also, ich denke, die drei haben keine Märchen erzählt. Deshalb wirst du auch weiter versuchen, in den inneren Zirkel einzudringen.“ Neudeck klang nicht so, als wolle er mit sich verhandeln lassen. „Musst du dich eben an die anderen beiden halten, jetzt, wo der Marktleiter ausfällt.“

Die Kellnerin kam und brachte Kaffee. Neudeck hatte in weiser Voraussicht zwei große Tassen bestellt, dazu für jeden ein Stück Käsetorte.

„Ich hoffe, ich habe deinen Geschmack getroffen.“

„Ja. Danke.“ Erik nickte und stach mit der Gabel etwas vom Kuchen ab. Dann schwiegen sie eine Weile.

„Hat der Marktleiter vor seinem Dahinscheiden vielleicht doch noch irgendwas von sich gegeben, was für uns von Belang ist?“, nahm Neudeck das Gespräch wieder auf. „Du warst schließlich am Nachmittag vor seinem Tod bei ihm, hast vermutlich als einer der Letzten mit ihm gesprochen. Erinnere dich. Jede Kleinigkeit ist wichtig.“

Erik verdrehte die Augen. „Nein, verdammt. Sonst wüsstest du es längst. Gesetzt den Fall, er gehörte so einer Art Geheimarmee an, dann war er vermutlich nur ein kleiner Soldat. Einer, der nicht wirklich wusste, worum es geht. Nur bemüht, brav seine Befehle auszuführen und die Klappe zu halten.“

„Hm. Ja, kann sein. Aber auch kleine Soldaten wissen manchmal überraschend viele Dinge. Zu viele Dinge. Und dann müssen sie plötzlich sterben.“

„Nicht Dietmar. Sein Tod muss andere Gründe haben.“

„Wenn du das sagst ...“

Neudeck traute ihm nicht. Nach wie vor. Erik nahm es ihm nicht übel. Dieser Argwohn beruhte auf Gegenseitigkeit. Wahrscheinlich gab es in Verbindungen, wie sie beide sie pflegten, so etwas nicht – Vertrauen. Man war aufeinander angewiesen, ja. Vielleicht sogar voneinander abhängig. Aber Vertrauen? Besser nicht.

„Na schön“, fuhr Neudeck nach kurzem Zögern fort, „dann sieh zu, dass du über die anderen zwei endlich an brauchbares Material gelangst. Und das möglichst schnell.“

„Mann, ich muss vorsichtig sein, das weißt du. Es ist kompliziert. Ich brauche Zeit.“

„Zeit, die wir nicht haben“, entgegnete Neudeck fordernd. „Wir müssen herauskriegen, wer noch zu der Truppe gehört und was sie planen. Also, riskier was. Mach dich interessant für den Verein. Vielleicht nehmen sie noch Leute bei sich auf.“

„Ausgerechnet du sagst mir, ich soll auf Risiko gehen? War nicht genau das Gegenteil bisher deine Maxime?“

„Ist es immer noch. Aber die Informationen unserer anderen Quellen deuten darauf hin, dass irgendwas im Busch ist. Wir wissen aber weder was, noch wo und wann. Dazu möchte ich von dir etwas hören.“

Erik stöhnte auf. „Verdammt, Frank, das geht nicht so hopp-hopp! Ich muss mich bedeckt halten, wenn ich nicht auffliegen will.“

„So, wie in diesem Edeka-Markt?“, ätzte Neudeck. „Was ist dir eigentlich in den Kopf gekommen, ausgerechnet da durch Knoches Laden zu latschen und einzukaufen? Hättest du nicht woanders hingehen können?“

Erik zuckte zusammen. „Du lässt mich überwachen?“, fauchte er. „Was soll das?“

Neudeck antwortete nicht auf die Frage. Stattdessen sagte er: „Wenn wir schon von Risikominimierung sprechen, dann sieh du erst einmal zu, dass du dich nicht selber unnötig in die Schusslinie bringst. Was glaubst du eigentlich, was die Damen und Herren von der Kripo nach dem Mord an Knoche als Erstes gemacht haben? Schon mal was von den Überwachungskameras gehört, die überall in dem Laden herumhängen und die garantiert auch jeden deiner Schritte verfolgt haben? Dazu deine Kurierdienstmontur. Das Firmenlogo ist bestimmt auf irgendeinem der Bilder zu sehen gewesen.“

„Ja und?“ Erik konnte kein Problem erkennen. „Ich war nur einer von vielen Kunden. Knoche wurde erst später ermordet. Nach Ladenschluss, soweit ich weiß.“

„Genau. Nach Ladenschluss. In seinem Büro. Was hätte also eine wichtigere Rolle bei der Recherche gespielt als die Videos? Hast du schon mal darüber nachgedacht, dass sowohl Knoche als auch du als Aktivisten der rechten Szene vermutlich registriert seid? Ihr seid alle keine unbeschriebenen Blätter. Hätte man dich erkannt, wäre eine Verbindung schneller hergestellt worden, als du denkst. Du kannst dich freuen, dass die von der Kriminaltechnik keine verräterischen Spuren von dir in der ganzen Sauerei gefunden haben. Wäre ja durchaus möglich gewesen, so oft, wie du bei ihm ein und aus gegangen bist.“

„Ich hatte geschäftlich mit ihm zu tun. Als Kurierfahrer. Was heißt überhaupt Sauerei?“

Neudeck winkte ab. „Nicht so wichtig. Mein Kontakt bei der Kripo hat mir nur was von Folter gesagt. Mit viel mehr wollte er nicht rausrücken. Jetzt fragen die sich natürlich, wer ihn so zugerichtet hat. Und warum. Es muss jemand sein, der wusste, an welchem Tag im Monat Knoche nach Ladenschluss immer in seinem Büro bleibt und die Buchführung erledigt.“

„Da kommen einige zusammen. Seine Angestellten zum Beispiel. Du übrigens auch.“

Neudeck lachte auf. „Mich schließen wir doch wohl aus dem Kreis der Verdächtigen aus, oder? Und seine Angestellten kannst du auch vergessen. Wenn, dann gerät die rechte Szene sehr schnell in den Fokus, das kann ich dir garantieren. Sobald die Knoches Lebenslauf gecheckt haben, steht die Ermittlungsrichtung fest. Ich bin mir sicher, die gehen von einer internen Abrechnung aus.“

Erik schluckte nervös. „Dann wäre es wohl besser, ich gehe erst mal ganz auf Tauchstation.“

„Keine Bange, mein Lieber. Die Herrschaften sind auf einer anderen Spur. Vorerst. Bei Knoche zu Hause wurde, oh Wunder, einiges an Rauschgift gefunden. Weit über den Eigenbedarf hinausgehend. Dazu hat die Soko einen kleinen Hinweis bekommen, der sie eine Weile von deinen alten Kameraden ablenken wird. Und dich kriegen die so schnell auch nicht auf den Schirm. Ich werde auch weiterhin dafür sorgen, dass sie uns nicht in die Quere kommen und ins Handwerk pfuschen.“ Neudeck stand unvermittelt auf. „Für dich ändert sich also erst einmal nichts. Du bleibst an diesem komischen Geheimbund dran“, sagte er scharf. „Finde raus, was da gespielt wird.“ Er kramte sein Portemonnaie hervor, ließ es aber gleich wieder in der Tasche verschwinden. „Weißt du was? Heute zahlst du.“ Er deutete auf Eriks Vollbart. „Und kratz dir endlich diese elende Wolle aus dem Gesicht. Sonst kommt irgendwann einer auf die Idee, du könntest was mit unseren islamistischen Freunden zu tun haben. Obwohl ... so groß ist der Unterschied zwischen deinen rechten Frontkämpfern und denen ja auch wieder nicht. Trotzdem, schon komisch, dass deine Kameraden diesen IS-Look bei dir dulden.“ Er tippte sich kurz an die Schläfe. „Ich melde mich.“ Damit drehte er sich um und verschwand.

Erik hatte es nicht eilig zu zahlen. Er blieb noch eine Weile sitzen, starrte in seinen halb leeren Kaffeepott. Vor den Beamten der Mordkommission musste er sich also nicht fürchten, wenn er Neudeck richtig verstanden hatte. Aber wie war das mit den Kameraden aus den eigenen Reihen? Ganz offensichtlich vermutete Neudeck dort den Mörder. Was war nur geschehen, dass Knoche beseitigt werden musste? Hatte es irgendetwas mit ihm und mit seiner Verbindung zu dem Marktleiter zu tun? War jemand dahinter­gekommen, dass er für Neudeck arbeitete? Doch wenn, wäre dann nicht eher er, Erik, das Opfer gewesen anstelle von Knoche? Nein, so ging die Gleichung nicht auf. Dietmar musste auf andere Weise zur Bedrohung für die Kameraden geworden sein.

Eine Begebenheit drängte sich plötzlich wieder in seine Gedanken, der er bislang keine Bedeutung beigemessen hatte. Er hatte die Frau längst wieder vergessen gehabt, nachdem sie ihn mit ihrem Einkaufswagen im Markt über den Haufen gefahren hatte. In der Abteilung mit den Weinen. War sie eine von Franks Leuten gewesen? Eine alte Frau? Hatte sie ihn absichtlich angerempelt? Sie hatte ihn so merkwürdig angesehen, als er sich umständlich aufgerappelt hatte. Besonders sein fehlender Finger schien ihr Interesse geweckt zu haben. Ein seltsamer Blick, der in dem Moment etwas in ihm ausgelöst hatte, was er nicht hätte beschreiben können.

Später, auf dem Parkplatz hatte er die Frau noch einmal bemerkt, als sie am Eingang gestanden und ihm aufgeregt hinterhergewunken hatte. Er hatte nicht gewusst, was sie von ihm wollte, war einfach weitergefahren. Sie verwechselt dich mit jemandem, hatte er da noch gedacht. Jetzt, nach dem Gespräch mit Frank, war er sich nicht mehr so sicher.

Er fuhr sich mit den Fingern durch die drahtigen Haare, die ihm von seinem Kinn fast bis hinunter auf die Brust reichten. Seine Haarpracht war das Überbleibsel eines Anschlagplanes, den er und die Kameraden vor langer Zeit einmal ausgetüftelt hatten. Mit ihm, Erik, in der Hauptrolle. Den Plan hatten sie später wieder verworfen, die Haare waren geblieben. Neudeck hatte recht. Es wurde langsam Zeit, dass er sich den Bart abnahm und die Haare stutzte. Am besten heute noch.

6. Kapitel

Nur zwei Tage hatte Stefan Blume benötigt, um Katja Ortlepp aufzuspüren. „Jenny“ nannte sie sich jetzt, und sie war Mitinhaberin eines Western-Saloons. Als er das herausgefunden hatte, war er unvermittelt in herzhaftes Lachen ausgebrochen. Katja und ihre Vorliebe für Cowboys und Indianer. Geradezu vernarrt war sie in alles gewesen, was mit dem Wilden Westen zusammenhing. Damals, als sie noch über das Berufliche hinaus miteinander verbunden waren. Daran hatte sich seit jener Zeit offensichtlich nichts geändert.

In Neustadt am Südharzrand hatte sich Katja also verkrochen, im nördlichsten Zipfel Thüringens. Blume fragte sich, was sie ausgerechnet hierher verschlagen hatte, fernab jeglichen urbanen Lebens. Andererseits, Wilder Westen und Harz-Einöde, das passte schon.

Knapp drei Kilometer Reststrecke zeigte sein Navigationsgerät an, als er am frühen Abend die Ortsmitte von Neustadt passierte. Wenig später befand er sich auf einer befestigten Forststraße, die nach Osten direkt in das Mittelgebirge hineinführte. Er fürchtete bereits, sein Navi habe ihn in die Irre geleitet, in eine menschenleere Wildnis, als links, an einer abzweigenden Stichstraße ein lang gestrecktes Blockhaus auftauchte, das im Licht mehrerer Außenscheinwerfer hell erstrahlte. Das beleuchtete Hinweisschild vorn an der Straße, aus einer robusten Holzplanke gefertigt und zwischen zwei knorrigen Baumstämmen aufgehängt, zeigte ihm, dass er sein Ziel erreicht hatte. „Ponytail Saloon“ stand schwarz auf der Planke eingebrannt und etwas kleiner darunter „Restaurant, Bar, Dance-Hall“.

Blume bog von der Straße ab und fuhr auf die weitläufige, zum großen Teil geschotterte Stellfläche, die sich rund um das Blockhaus zog. Eine Handvoll Autos parkte nebeneinander aufgereiht in der Nähe des Eingangs. Er steuerte seinen Wagen ans Ende der Reihe, hielt an und stieg aus. Einen Moment blieb er neben der Fahrertür stehen, sog tief die würzige Waldluft ein, die vom leichten Abendwind herübergeweht wurde, ehe er sich eine Zigarette ansteckte. Er machte einen Zug, stieß den Qualm aus. Dann ging er ein Stück vom Auto weg, blickte dabei nachdenklich über den nahezu verwaisten Parkplatz. Alles, sowohl der Platz als auch das Blockhaus, wirkten auf ihn völlig überdimensioniert. Wie sollten sich denn so viele Besucher auf einen Schlag hierher verirren? In diese Einöde? Das konnte er sich nicht vorstellen. Beim besten Willen nicht! Andererseits machte der Saloon keinen heruntergekommenen Eindruck, sah nicht so aus, als stünde er kurz vor der Schließung. Gut, das Geld, um solch ein Lokal zu führen und instand zu halten, konnte von sonst woher stammen, musste nicht unbedingt erwirtschaftet worden sein. Vielleicht hatte Katja zahlungskräftige Western-Fans im Rücken, die sich den Fortbestand dieses Saloons etwas kosten ließen.

Er zog ein letztes Mal an der Zigarette, dann warf er die Kippe zu Boden, trat sie mit der Schuhspitze aus. Mit schnellen Schritten steuerte er auf den Eingang zu, öffnete die Tür und trat ein.

Das rustikale, naturbelassen wirkende Ambiente, das die Außenansicht des Saloons prägte, setzte sich im Inneren mit der Einrichtung fort. Glänzende, dunkel gemaserte Holzdielen bildeten den Fußboden, die

Deckenbretter waren rauchgeschwärzt und rau. Mehrere nahezu unbearbeitete Baumstämme, vermutlich Eiche, dienten als Stützpfeiler und markierten darüber hinaus die einzelnen Bereiche in dem weitläufigen Raum. Bleiche Totenschädel von Rindern und indianische Masken zierten die Pfeiler. An den Wänden zogen sich mit Fellen bedeckte Bänke entlang, darüber hingen unzählige gerahmte Schwarz-Weiß-Fotografien aus

den goldenen Zeiten des Wilden Westens, aber auch solche neueren Datums und in Farbe. Auf ihnen posierten Freizeit-Cowboys in Wildwest-Kostümen, saßen auf ihren Pferden oder präsentierten stehend ihre Waffen – Colts, Vorderlader, Winchester-Gewehre. Andere mimten Indianer, entsprechend gekleidet und ausstaffiert, mit Pfeil und Bogen oder Tomahawk in der Hand. Die Bar wiederum entsprach bis ins letzte Detail dem Bild, das man aus unzähligen Westernfilmen kannte – der lange Tresen mit den Barhockern davor und den beiden authentischen Zapfanlagen. Dahinter eine reich verzierte Regalwand, in der sich unzählige Flaschen unterschiedlicher Whiskysorten und andere harte Getränke aneinanderreihten. Über allem prangte der Schriftzug „Ponytail Saloon“ und daneben eine riesige Südstaatenflagge.

Blume blieb an der Tür stehen, ließ den Raum und seine Menschen auf sich wirken. An den Tischen saßen verstreut einige Gäste, denen vermutlich die draußen geparkten Autos gehörten. Zwei weibliche Bedienungen, stilecht gekleidet mit Stetson, Jeans, Karohemd und Cowboystiefeln, huschten zwischen den Gästen herum, eine andere kam durch eine Schwingtür, balancierte mehrere Teller mit Essen zu einem der Tische. In den Nacken der Bedienungen wippten Pferdeschwänze. Einen Pferdeschwanz trug auch die Frau hinter dem Tresen, die mit einem mürrisch wirkenden Barkeeper sprach und ihm, Blume, in diesem Moment einen flüchtigen Blick zuwarf. Etwas in ihm verkrampfte sich. Katja! Sie war es tatsächlich. Trotz der albernen Pferdeschwanzfrisur und ihrer weit über zwei Jahrzehnte zurückliegenden letzten Begegnung hatte er sie sofort wiedererkannt.

In Blumes Rücken öffnete sich die Tür und eine Gruppe Männer und Frauen drängte herein. Einer der Männer, wie die anderen vollständig in ein Cowboy-Kostüm gekleidet, rempelte ihn an. Unabsichtlich, das zeigte er durch eine entschuldigende Geste. Blume stolperte ein, zwei Schritte in den Raum hinein, fing sich und sah der Gruppe nach, die laut plappernd an ihm vorbeizog und sich im hinteren Bereich des Saloons verdrückte. Er grunzte einen leisen Fluch, streckte sich und ging zur Bar hinüber. Dort setzte er sich auf einen der Hocker.

Katja bemerkte ihn, kam zu ihm herüber. „’n Abend, Cowboy“, sagte sie lässig, „was darf’s sein? Whisky? Gin?“

„Ein Bier wäre mir lieber“, entgegnete Blume.

„Wet Bread?“

Blume runzelte fragend die Stirn.

„Unsere Spezialität“, erklärte sie. „Findest du in jedem Saloon diesseits und jenseits des Atlantiks. Oder Big Moose. Harzer Spezialität. Auch nicht schlecht. Ansonsten kann ich dir unser Schwarzbier empfehlen. Oder unser Weizen.“

„Haben Sie auch ein ganz normales Pils?“

Sie stutzte, wirkte für eine Sekunde, als habe er ihr ein unmoralisches Angebot gemacht. „Pils ... äh ... ja, natürlich.“ Sie wandte sich dem Barkeeper zu. „Sam, mach mal ein Altenauer Pils klar!“, rief sie, dann konzentrierte sie sich wieder auf ihn. „Du bist das erste Mal hier, oder? Hab dich noch nie gesehen.“

Blume fragte sich, ob sie jeden neuen Gast auf diese misstrauische Art taxierte oder ob es an seinem scheinbar exotischen Getränkewunsch lag. Oder war ihr vielleicht etwas an ihm aufgefallen, das irgendwo in ihr eine Erinnerung weckte?

„Stimmt. War noch nie zuvor in der Gegend.“

„Und was hat dich hierher verschlagen?“

Er lächelte sein maskenhaftes Lächeln. „Der Beruf.“

„Lass mich raten. Du bist in der Tourismusbranche tätig. Suchst interessante neue Highlights, richtig?“ Sie zwinkerte ihm neckisch zu. „Na ja, mein Saloon läuft zwar wie geschmiert, kann nicht klagen. Ist aber trotzdem immer noch ein Geheimtipp. Ein bisschen zusätzliche Werbung wäre nicht schlecht.“

„Da liegen Sie leider komplett falsch“, erwiderte Blume, „mit Tourismus habe ich nichts am Hut ... also Ihnen gehört der Laden? Donnerwetter!“

Sie nickte stolz. „Kannst ruhig Jenny zu mir sagen. Wir duzen uns alle hier. Personal, Gäste, meine Musiker, eben alle. Wie eine große Familie. Wie heißt du eigentlich?“

„Mich nennen die Leute Stefan“, raunte er ihr zu. „Aber eigentlich heiße ich Matthias. Erinnerst du dich nicht ... Katja?“

Sie zuckte zusammen. Wich einen Schritt vom Tresen zurück. Ihre Gesichtszüge verhärteten sich. „Was soll das?“, schnappte sie. „Willst du mich verarschen, Mann?“

Blume beugte sich vor. „Hör zu, Katja, ich will niemanden verarschen“, raunte er, in der Hoffnung, keinen unliebsamen Zuhörer zu haben. „Ich bin’s, Matthias Wagenfeld. Ich habe nach dir gesucht.“

Katja wandte sich dem Barkeeper zu. „Sam!“ Sie schnippte mit den Fingern, ließ sich von dem Mann am Zapfhahn das Bier herüberreichen, knallte es vor Blume auf den Tresen. „Ihr Pils! Macht zweifuffzig. Trinken Sie aus und dann verschwinden Sie.“

„Katja, bitte“, flehte Blume leise, „ich bin es wirklich.“

Sie kniff die Augen zusammen. „Ich kenne keinen Matthias Wagenfeld.“

„Natürlich kennst du mich. Komm, jetzt tu doch nicht so!“

Sie hielt ihm drohend den Finger unter die Nase. „Wer immer Sie auch sein mögen. Matthias Wagenfeld sind Sie jedenfalls nicht! Der Matthias Wagenfeld, den ich kannte, ist tot. Schon sehr lange.“ Dann öffnete sie die Hand. „Und jetzt zahlen Sie endlich und hauen ab!“

Blitzartig griff er nach ihrem Handgelenk, umklammerte es. „Katja, hör mir doch erst mal zu, verdammt!“

Sie versuchte, sich aus seinem eisernen Griff zu befreien. Es gelang ihr nicht. „Sam!“, rief sie und sah zu ihrem Barkeeper hinüber. Der erkannte die Situation sofort und kam hinter seinem Tresen hervor. Sekunden später stand er in Blumes Rücken, legte ihm den Arm um den Hals und drückte zu.

„Ribanna ...“, keuchte Blume, ehe er Katja losließ und sich vom Hocker zerren ließ.

„Warte!“

Für einen kurzen Augenblick glich die Szene einem Standbild. Dann bedeutete Katja ihrem Barkeeper mit einer Handbewegung, Blume freizugeben. Der Mann grunzte unwirsch und ließ von seinem Opfer ab.

„Was hast du eben gesagt?“

Blume rieb sich den Hals, hustete und trat wieder an den Tresen. „Katja Ortlepp alias IM Ribanna, erinnerst du dich?“, flüsterte er Katja ins Ohr.

„Das können Sie überall herhaben.“ Plötzlich begannen ihre Augenlider zu flackern. „Die Akten konnte ja jeder einsehen.“ Von ihrem forschen Auftreten war nichts mehr zu spüren. Nervosität dominierte ihre Mimik. Und Angst. Blume kannte diesen Gesichtsausdruck nur zu genau.

„Nicht alle“, entgegnete er. „Vieles ist im Reißwolf gelandet. Bevor es jemand zu sehen bekam.“

„Was genau wollen Sie von mir? Erpressung? Das können Sie vergessen!“ Sie bemühte sich, ihre alte Selbstsicherheit zurückzugewinnen.

Blume schüttelte den Kopf. „Mein Gott, du erkennst mich ja tatsächlich nicht“, murmelte er. „Vor dir steht Matthias Wagenfeld. Wirklich ... Na gut, dann noch ein Beweis.“

„Ach ja?“ Sie schwankte zwischen Ablehnung und Neugier. „Was für ein Beweis sollte das sein?“

Blume verzog seine Mundwinkel. „Och-Och ... Erinnerst du dich? Immer, kurz bevor du ...“

„Schon gut, verdammt!“, fuhr sie ihm giftig ins Wort.

Er ließ sich nicht beirren. „Ich habe dich danach immer damit aufgezogen, weil es sich anhörte wie der Schlachtruf dieser Kinder vom Indianer-Club. Die Serie hat uns bis ins Bett verfolgt. Eine Kindersendung vom Klassenfeind! So was hast du dir angesehen! War dir völlig egal, hatte ja schließlich was mit Wildwest zu tun. Kapiert habe ich das nie. Na ja, lustig war’s trotzdem.“

Katja blickte ihn schweigend an. Musterte ihn, schien jeden Millimeter seines Gesichtes abzuscannen. Zweifel, Erschrecken, aber auch ein schwacher Funken Freude schimmerten in ihren Augen.

„Nur lustig?“, fragte sie plötzlich leise.

Er schüttelte langsam den Kopf. „Nein“, sagte er. „Vor allen Dingen schön.“

„Warum bist du dann einfach so verschwunden?“, brauste sie plötzlich auf, nahm sich aber sofort wieder zurück. „Ohne ein Abschiedswort? Auf Nimmerwiedersehen abgetaucht?“ Sie presste die Worte in unterdrückter Wut hervor. „Kannst du dir vorstellen, wie mir zumute war, als ich hörte, dass du tot bist? Und jetzt tauchst du einfach hier wieder auf, du Arschloch! Keine Ankündigung, nichts. Lässt mich unvorbereitet in die Falle tappen.“

„Tut mir leid, das wollte ich nicht.“ Blume starrte auf sein Bierglas. „Aber ich dachte, wenn ich mich anmelde, wimmelst du mich ab und ich habe keine Chance.“

„Dachtest du!“ Sie stemmte sich mit beiden Händen an der Tresenkante ab, blitzte ihn herausfordernd an. „Vermutlich hast du recht. Wie siehst du überhaupt aus? Ich hätte dich nie im Leben wiedererkannt.“

„Doch, hättest du. Du kennst mich besser als jeder andere. Hättest nur genauer hinhören und hinsehen müssen.“

„Was ist mit dir passiert?“

Blume blickte sich um. Der Barkeeper hantierte wieder am Zapfhahn herum. Scheinbar desinteressiert, spitzte er dennoch die Ohren, war bemüht, etwas von dem Gespräch zwischen seiner Chefin und dem merkwürdigen Mann mitzubekommen. Der Saloon hatte sich in den vergangenen Minuten weiter mit neuen Gästen gefüllt. Die Geräuschkulisse war merklich angeschwollen. Irgendjemand hatte sich an das alte Honkytonk-Piano hinten in der Ecke gesetzt und klimperte darauf herum.

„Können wir das irgendwo an einem ruhigeren Ort besprechen?“, fragte Blume. „Wo es leiser ist und nicht so viele Ohren mithören.“

Katjas gedehntes „Okay“ war mehr Frage als Zustimmung, begleitet von einem argwöhnischen Blick. Nach kurzem Zögern redete sie weiter. „Wir schließen um Mitternacht. Vielleicht komme ich früher weg. Du kannst unterdessen bei mir zu Hause warten, wenn du willst. Ich wohne ein Stück die Straße rauf, in der Feriensiedlung.“ Sie nannte ihm die Hausnummer und zog einen Schlüssel vom Schlüsselbund. Den drückte sie ihm in die Hand. „Willst du vorher hier noch was essen?“

„Nein, ich bin satt. Habe mir vor Kurzem erst an einem Schnellimbiss den Bauch vollgeschlagen.“

Sie grinste. „Fastfood – du schreckst wohl vor nichts zurück.“ Dann zuckte sie mit den Schultern. „Na egal. Bis später also. Mach es dir so lange bequem bei mir.“

„Danke.“

„Wieso bist du eigentlich hier?“, fragte sie schnell, ehe er sich abwenden konnte. „Du musst doch einen besonderen Grund haben, wenn du nach so vielen Jahren ...“

Er nickte. „Stimmt. Ich brauche deine Hilfe, Katja. Und du bist der einzige Mensch, dem ich vertraue.“

7. Kapitel

Warum meldete er sich nur nicht? Konnte es wirklich so schwer sein, einen Menschen aufzuspüren? Für einen Privatdetektiv sollte es doch kein Problem sein, den Wohnsitz eines Menschen herauszubekommen. Oder zumindest eine Spur von ihm zu finden! Wenn es schon einen ersten kleinen Ermittlungserfolg gab, hätte er es ihr doch sagen können! So eine Information hätte ihr für den Anfang schon ausgereicht – ein wenig Hoffnung nach all den Jahren voller Niederlagen und Misserfolge. Aber dieser Blume rührte sich einfach nicht. Nach vier Tagen immer noch kein Lebenszeichen von ihm. Und sie durfte ihn nicht anrufen. Die Nummer, die er ihr gegeben hatte, war nur für den äußersten Notfall gedacht. Er hatte es ihr erklärt, trotzdem war ihr seine Vorsicht völlig übertrieben vorgekommen.

Unruhig lief Hanka durch ihre Wohnung, schon den ganzen Nachmittag. In immer kürzeren Abständen

warf sie einen Blick auf die Displays von Smartphone und Haustelefon. Als könne sie seinen Anruf herbeizwingen. Und es gab nichts, womit sie es schaffte, sich abzulenken. Seit sie den Detektiv angeheuert hatte, geriet ihr Leben aus den Fugen. Nein, nicht erst seitdem. Es hatte schon im Supermarkt angefangen. Als sie Sascha gesehen

hatte.

Herrgott noch mal, es musste sich doch endlich etwas tun! Oder war sie einem Betrüger aufgesessen, waren die fünfhundert Euro Vorschuss verloren? Ihr war die ganze Sache ohnehin ziemlich suspekt gewesen. Dieses schäbige Stadtviertel, der heruntergekommene Laden mit dem ganzen Elektroschrott, die düstere Werkstatt hinter dem Vorhang, der kleine Tisch, an dem sie gesessen und ihm ihre Geschichte erzählt hatte. Was hatte das mit dem Büro einer seriösen Detektei zu tun gehabt? Wäre ihre Tochter nicht gewesen, sie wäre nicht noch einmal dorthin zurückgekehrt. Wenigstens hätte sie dann noch ihr Geld gehabt. Es war eine unsinnige Idee gewesen, einen Detektiv einzuspannen. Schon damals, als Kerstin das erste Mal diesen Blume ins Gespräch gebracht hatte. Was sollte so einer mehr ausrichten als all die Menschen bei der Polizei, dem Roten Kreuz, Politiker mit Einfluss und weiß der Kuckuck, wem sie noch alles bei ihrer Suche nach Sascha auf die Nerven gegangen war.

Hätte sie wenigstens darauf bestanden, diesen Blume zu jeder Zeit von sich aus kontaktieren zu können. Aber dann wäre ihr Deal nicht zustande gekommen. Er allein bestimmte die Regeln und wäre nicht bereit gewesen, davon abzurücken. Also hatte sie seine Bedingungen akzeptiert. Wie dumm von ihr!

„Kannst du dich nicht mal hinsetzen? Du machst mich noch ganz verrückt mit deinem ewigen Rumgerenne!“

Hanka hatte nicht gemerkt, dass ihr Mann in die Küche gekommen war. Plötzlich stand er hinter ihr.

„Ich ... ich dachte, du siehst fern“, stammelte sie erschrocken.

„Ich hocke nicht den ganzen Tag vor der Glotze. Aber das scheint dir gar nicht mehr aufzufallen. Seit du diese Erscheinung hattest, bist du wie weggetreten, behandelst mich, als wäre ich Luft. Du merkst gar nicht mehr, was um dich herum passiert. Machst alles nur noch wie in Trance.“

„Ich hatte keine Erscheinung“, wehrte sie sich. „Der Mann war real. Und es war Sascha!“

„Komm mal her.“ Rudolf legte seine Arme um sie

und drückte sie an sich. Sie spürte seine Wärme, seinen ruhigen Atem. Wie lange hatte er das nicht mehr getan – sie umarmt? Wie sehr hatte sie sich manchmal danach gesehnt. Wenn er so war wie jetzt, nicht abweisend oder aggressiv, sondern zugänglich und liebevoll, weil er

keine Schmerzen verspürte, dann fühlte sie sich geborgen und verstanden. „Ich weiß ja, wie sehr dich der Verlust deines Sohnes schmerzt. Ich weiß, was du mitgemacht hast. Aber versteh doch, du darfst dich nicht wieder an eine Illusion klammern. Das macht dich fertig ... und mich auch. Du warst auf so einem guten Weg, hast nicht mehr an ihn gedacht und endlich wieder angefangen, das Leben zu genießen. Willst du das alles aufs Spiel setzen?“

Wie sehr Rudolf sich doch täuschte, dachte Hanka. Natürlich hatte sie an Sascha gedacht! Jeden Tag, den Gott werden ließ. Und nie würde sie aufhören, an ihren Sohn zu denken. Aber darin wollte sie ihrem Mann nicht widersprechen. Nicht jetzt. Ihn bloß nicht vor den Kopf stoßen. Seine Nähe noch ein wenig genießen. Nur einen kleinen Moment. Seine Umarmung tat so gut. So standen sie da, schweigend, während im Hintergrund die Küchenuhr leise tickte.

„Ich habe einen Detektiv engagiert“, sagte Hanka plötzlich. Sie wollte es ihm nicht verraten. Es war ihr einfach rausgerutscht. Vielleicht, weil mit Rudis tröstender Umarmung auch ihr Vertrauen zu ihm zurückgekehrt war.

„Du hast was?“ Er löste sich von ihr, schob sie ein Stück von sich weg.

„Der Detektiv, von dem Kerstin mal vor langer Zeit gesprochen hat. Ich hab mir von ihr seine Adresse geben lassen und bin zu ihm gefahren. Nach Hannover.“

„Warum hast du mir das nicht gesagt?“ Rudolfs Blick verdüsterte sich, seine Stimme bekam einen bedrohlichen Unterton. Auf einen Schlag war die innige Atmosphäre wieder zerstört. „Warum machst du so was hinter meinem Rücken, redest nicht mit mir?“

„Du hattest Schmerzen und warst ungenießbar“, entgegnete sie.

„Ach! Heißt das, ich bin schuld daran, dass du dich nicht mit mir absprichst und Entscheidungen fällst, die auch mich betreffen?“

„Ich wollte dich nicht damit belasten. Du hattest mit deinem Rheuma zu tun.“

„Hör doch auf! Das ist Quatsch und du weißt es“, empörte sich Rudolf. „Außerdem kostet so ein Detektiv bestimmt ’ne ganze Stange. Da hättest du mich unbedingt fragen müssen, ehe du unser Geld für deine verrückten Ideen verpulverst!“

„Mit dem Geld hast du gar nichts zu tun“, giftete

Hanka zurück. „Es ist mein Erspartes. Das habe ich mir über Jahre zurückgelegt. Damit kann ich machen, was ich will.“

Rudolf riss die Augen auf, starrte sie entgeistert an. Ein, zwei Sekunden hing bleierne Stille wie ein drohendes Schwert über ihnen. „So ist das also“, sagte er plötzlich mit hohler Stimme. Er sackte leicht in sich zusammen. „Und ich habe immer gedacht, wir können einander vertrauen, uns alles sagen. Und dann bunkerst du heimlich irgendwo Geld. Glaubst du, ich hätte dir dein Erspartes weggenommen, dass du es mir verheimlichen musstest? Denkst du, ich bin so ein schlechter Mensch? Schade ... wirklich schade.“

Er drehte sich um, schlurfte gebeugt zur Küchentür. Jede Faser seines Körpers zeigte seine Enttäuschung.

„Rudi, warte! Geh nicht weg!“ Sie machte zwei schnelle Schritte hinter ihm her, hielt ihn am Arm fest, zog ihn zu sich herum. „Entschuldige bitte“, bettelte sie. „Es tut mir leid.“ Sein Blick aus unendlich traurigen Augen tat ihr weh. „Natürlich vertraue ich dir. Aber Sascha ... er ist mein Sohn!“

Rudolf seufzte. „Ich weiß“, sagte er. „Und ich habe dir auch immer zur Seite gestanden. Sogar gegen Kerstin und besonders gegen ihren Mann, als der alles daran gesetzt hat, dir eine Psychose anzudichten und dir deine Enkelin vorzuenthalten.“ Er holte tief Luft. „Aber irgendwann musste es doch mal gut sein. Mir ist es auch zu viel geworden. Ich hatte keine Kraft mehr.“

Hanka nickte. Sie wusste nur zu genau, was sie ihrer Familie und besonders Rudolf zugemutet hatte. „Du hast ja recht“, sagte sie.

„Ich war so froh, als du dann allmählich Ruhe gegeben hast. Ich habe gedacht, du würdest endlich akzeptieren, dass dein Sohn ... dass Sascha nicht mehr lebt und wir endlich nach vorn blicken können. Auf uns. Und dann kommst du plötzlich und behauptest, Sascha sei dir über den Weg gelaufen. Wie willst du ihn denn erkannt haben? Wen immer du gesehen hast, er war es bestimmt nicht! Du ... du bist doch ... ach!“ Er schluckte das Wort, das ihm auf der Zunge lag, herunter, machte eine wegwerfende Handbewegung.

Hanka wusste auch so, was er sagen wollte. Er hielt sie für verrückt. Wie alle anderen auch. Sie hatte sich längst damit abgefunden.

„Und doch war er es“, erwiderte sie trotzig. „Dieses Mal ganz sicher. Eine Mutter spürt das.“

„Das heißt, du lässt dich nicht umstimmen. Du lässt dich nicht davon abbringen, diesen Mann zu finden.“ Es war mehr eine resignierte Feststellung als eine Frage.

„Nein, davon bringt mich niemand ab.“ Entschlossen schüttelte sie den Kopf.

Rudolf holte tief Luft. „Na schön“, sagte er nickend. Über sein Gesicht huschte ein flüchtiges Lächeln. „Dann ist es wohl das Beste, ich unterstütze dich – soweit ich kann.“

Hanka blickte ihn zweifelnd an. Sie wusste nicht, was sie von seinem plötzlichen Sinneswandel halten sollte. „Wirklich?“

„Herrgott, ja! Was bleibt mir denn übrig? Ich lasse dich nicht im Stich. Vielleicht können wir deinem Detektiv

ein bisschen helfen und deine alte Facebook-Seite ‚Sascha lebt‘ wieder aktivieren.“

„Ja klar!“, stimmte Hanka ihm zu. „Ich könnte alle Hinweise, die ich dem Detektiv gegeben habe, auch auf der Seite posten.“

„Schade, dass wir kein Bild von dem Mann haben. Man müsste ein Phantombild erstellen lassen. Aber zur Polizei gehst du mit der Sache lieber nicht mehr.“

Hanka ging durch die Küche. Ihr war plötzlich ein Gedanke gekommen, der sie einen Moment beschäftigte.

„Ich glaube, ich habe eine bessere Idee“, sagte sie dann.

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0+
Дата выхода на Литрес:
22 декабря 2023
Объем:
321 стр. 2 иллюстрации
ISBN:
9783827183897
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