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Roland Kaehlbrandt
Logbuch Deutsch
Wie wir sprechen,
wie wir schreiben

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Originalausgabe
© Vittorio Klostermann GmbH · Frankfurt am Main · 2016
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
ISSN 1865-7095
ISBN 978-3-465-24255-0
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Vorwort
Kapitel 1 Das Wunder Deutsch
Mühelose Wortbildung – Quengelware und fremdschämen – Leichter als im Französischen – Schöne Wortkombinationen – Flexible Wortstellung – Es lebe der lange Satz! – Genauigkeit im Raum – Ausdrucksstärke durch feine Abtönung – In einem Wort
Kapitel 2 Imponierdeutsch
Die Ursprünge – Von Wandel, Struktur und Strategie – Von Visionen, Innovationen und Zukunftsfähigkeit – Philosophie und Kultur – Jenseitiges und Diesseitiges – Wegwerfwörter – Semantischer Drahtverhau
Kapitel 3 Englisch im Deutschen, Englisch statt Deutsch
Greifen die Anglizismen unsere Sprache an? – Wortschöpfungen – Wortschrott – English only? – Domänenverlust und seine Folgen – Wozu verschiedene Sprachen? – Die feinen Unterschiede – Sprache und Persönlichkeit – Ist Kultur von Sprachen unabhängig?
Kapitel 4 Abgehoben und schwer verständlich – Wissenschaftsdeutsch
Der steinige Weg zur Wissenschaftssprache – Tradition der schweren Verständlichkeit – Internationalisierung – Nowhere Island – Exzellenz – Sprachlich verflochten – Bologna-Jargon – Was verloren geht – Gegenwind und Nachbesserung
Kapitel 5 Im Dienste der Moral – Sprachregulierung
Geschlechtergerechte Sprache – Lehrer/-innen und SuS – Das Geschlecht neutralisieren – von Studierenden und Kursteilnehmenden – Das Gott und die Apostelinnen – Die Sprache regulieren – die Menschen bevormunden
Kapitel 6 Zwanghafte Zwanglosigkeit – Lockerdeutsch
Abstreifen der Konventionen – Im Per-Du-Center – Sprachliche Umgangsformen in der Defensive – Hallo! Haalo! Aber hallo! – Norm unter Verdacht – Ich sag mal: „Kein Thema!“ – Zurück zu Sonja ins Hauptstadtstudio – Neue Mündlichkeit im Schriftlichen – Kiezdeutsch gerne, aber für alle?
Kapitel 7 Sprachliche Bildung
Deutsch als Bildungsgut – Wie viel Deutsch in der Schule? – Deutsch als Zweitsprache – Eklatante Lücken bei Studienanfängern – Sprachentwicklungsstörungen, eine Zivilisationskrankheit?
Kapitel 8 Sprache und Norm
Kurios: Staat und Sprachnorm in Deutschland – Allgemeine Verunsicherung: die Rechtschreibreform – Wer aber soll es richten? – Ebenfalls kurios: Sprache und Gesetz – Sprachnorm in Bewegung
Kapitel 9 Die deutsche Sprache in Europa
Sprachnationen und Kultursprachen – Europäische Regierungssprache? – Deutsch: Ein paar Zahlen – Sprachverbreitung – Deutsch in den Institutionen der Europäischen Union – Deutsche Reaktionen? – Wie kann es gehen?
Kapitel 10 Die Zukunft der deutschen Sprache
Errungenschaften – Sprachpflege aus der Mitte der Gesellschaft – Lebendige Sprachkritik – Institutionen verbinden und stärken – Sprachbildungspolitik – Zum Schluss
Dank
Literatur
Der Autor
Buchempfehlungen
Fußnoten
Vorwort
Das Deutsche zählt unter den rund 6.000 Sprachen der Welt zu den wenigen überregional gesprochenen Sprachen. Es wurde aus dem Freiheitsgeist von Späthumanismus und Aufklärung im Widerstand gegen die französisch sprechenden Fürstenhöfe und gegen die lateinisch dominierten Wissenschaften zu einer verständlichen Sprache für alle Bürger ausgebaut. Unsere heutige deutsche Sprache mit Grammatik, Hochlautung und einem reichen Wortschatz von rund fünf Millionen Wörtern verdankt diesen Zustand weder einer rein naturwüchsigen Entwicklung noch einer staatlichen Verordnung, sondern einer beherzten sprachkultivierenden Arbeit engagierter Vorkämpfer. Es war ein langer und steiniger Weg dahin, immer wieder behindert durch Geringschätzung vor der eigenen Haustür.
Diese Geringschätzung ist auch heute wieder am Werk. Sie führt dazu, dass das Deutsche inzwischen in seinem Gebrauch eingeschränkt, mehr noch, verdrängt wird:
– Entscheidende gesellschaftliche Bereiche wie Wissenschaft, Wirtschaft und europäische Politik werden aus eigener Initiative zunehmend ans Englische abgegeben.
– Und wo noch deutsch gesprochen wird, ist es oft nicht besser bestellt. Zum führenden Jargon unserer Zeit ist ein aufgeblähtes und schwer verständliches Imponierdeutsch aus dem Bereich des Managements aufgestiegen. Es ist gekennzeichnet durch zusammengezimmerte Wortschöpfungen wie Investmentphilosophie oder intermodulare Potenziale.
– Das sprachliche Handwerk der unermüdlichen Gerechtigkeitssemantiker überzieht den öffentlichen Sprachgebrauch mit einer Kunstsprache. Es gebiert Wortungetüme wie StaatsanwältInnen oder Testamentsvollstreckende.
– Auch die Hallogesellschaft ist nicht untätig. Sie hat die Sprache mit ihrer bemühten Lockerheit und Schnöseligkeit beschädigt. Ein langgezogenes okee! markiert in diesem Jargon der Tiefenentspannung das höchste der Gefühle. Die Ursachen dieser Entwicklung sind tief in der westlichen Zivilisation verankert; es ist der Drang nach wirtschaftlicher Effizienz durch kulturelle Vereinheitlichung und Vereinfachung, hin zu einer niedrigschwelligen Massengesellschaft. Er schlägt in Deutschland sprachlich unmittelbar durch. Denn anders als in europäischen Nachbarländern wirkt hierzulande kaum ein widerspenstiges sprachliches Selbstbewusstsein den vereinheitlichenden und nivellierenden Einflüssen entgegen.
Das hat auch drastische Folgen für die Sprachbeherrschung: Sie ist in einem jämmerlichen Zustand. Deutschland leistet sich eine beängstigend hohe Quote von Analphabeten. Die Rechtschreibfertigkeit geht seit Jahren dramatisch zurück. Ein differenzierter Wortschatz kann auch in gymnasialen Oberstufen nicht mehr vorausgesetzt werden. Immer mehr Studienanfänger haben zudem große Lücken in der Kenntnis der deutschen Grammatik. Sprachlicher Ausdruck wird immer häufiger als Nebensache abgetan. Eine weitverbreitete Skepsis gegenüber Normen aller Art behindert die Verankerung der Sprachnorm. Die Beeinflussung der Schreibgewohnheiten durch die Mündlichkeit digitaler Spontanmedien tut das Ihre. Und – auch nach Jahrzehnten der Einwanderung ist das Deutsche als Sprache der Integration weder unstrittig noch verankert.
Große Teile der Sprachgemeinschaft aber haben sich an diese Mängel gewöhnt. Es herrscht ein durch Gleichgültigkeit gekennzeichneter sprachlicher Dämmerzustand.
Das birgt Risiken für die künftige Einsatzfähigkeit der deutschen Sprache. Wenn sie von dynamischen und prägenden Bereichen wie Wissenschaft, Wirtschaft und Politik abgeschnitten wird, versiegen wichtige Quellen ihrer Weiterentwicklung. Die damit verbundene Funktionseinschränkung droht zu einer Gefahr für den Status der deutschen Sprache zu werden. Teile der Eliten sind im Begriff, diesen Prozess aktiv zu fördern.
Soll die deutsche Sprache auch in Zukunft als voll ausgebaute Kultursprache verwendet werden können, oder will sich die Sprachgemeinschaft über kurz oder lang mit einer Alltags- oder Haussprache Deutsch zufriedengeben? Einer Debatte über dieses Medium unserer alten Kultur sollten wir nicht ausweichen. Die Sprachgemeinschaft – von den Liebhabern der deutschen Sprache über die Gleichgültigen bis hin zu den Verächtern – täte dabei gut daran, sich der Ausdrucksmöglichkeiten ihrer Sprache bewusst zu werden, ihrer Elastizität in Wortschatz und Satzbau, ihrer kulturellen Hervorbringungen und auch ihrer immer noch relativ starken Verbreitung – mit den Vorteilen, die diese mit sich bringt.
Dazu möchte ich mit dem vorliegenden Buch beitragen.
Frankfurt am Main, November 2015
Kapitel 1 Das Wunder Deutsch
Mühelose Wortbildung – Quengelware und fremdschämen – Leichter als im Französischen – Schöne Wortkombinationen – Flexible Wortstellung – Es lebe der lange Satz! – Genauigkeit im Raum – Ausdrucksstärke durch feine Abtönung – In einem Wort
Mühelose Wortbildung
Beginnen möchte ich mit etwas Erfreulichem, mit einem Lob der deutschen Sprache. Ein großer Vorzug ist ihr Wortschatz. Bleiben wir einen Moment bei diesem Begriff, Wortschatz. Wir nennen unser Vokabular nicht umsonst so, auch wenn wir kaum an die eigentliche Bedeutung von Wortschatz denken. Die Metapher Schatz ist verblichen. Schade eigentlich. Der Romanist Hans-Martin Gauger führt sie uns vor Augen: „Zur Sprachkultur gehört auch und vor allem das ‚Gefühl‘ oder das erlebte Wissen, dass wir in unserer Sprache einen Reichtum vor oder eigentlich hinter uns, hinter unserem Sprechen nämlich, haben […].“1
Der deutsche Wortschatz ist sehr umfangreich. Bei den Standardwörterbüchern großer europäischer Sprachen liegt das Deutsche mit 200.000 Wörtern (im Großen Wörterbuch der deutschen Sprache des Duden) hinter dem Oxford English Dictionary mit 620.000 Wörtern (das allerdings die englische Sprache der letzten 1000 Jahre dokumentiert), aber vor dem französischen Grand Robert mit 100.000 Wörtern. Der Bericht zur Lage der deutschen Sprache aus dem Jahr 2013 ermittelte aus einem Korpus von Presseartikeln, Belletristik und wissenschaftlichen Texten eine deutlich höhere Zahl: 5,3 Millionen Wörter. Wenn man alle Sondersprachen und Wissenschaftssprachen hinzuzählt, dürften es noch einmal deutlich mehr sein; die Schätzungen gehen bis zu 30 Millionen.
Warum ist der deutsche Wortschatz so umfangreich? Wegen einer Besonderheit, die man nicht genug rühmen kann: die seiner fast unbegrenzten Kombinierbarkeit. Das Deutsche erlaubt es, ja lädt geradezu dazu ein, neue Wörter aus bestehenden zusammenzusetzen, und zwar so, dass man aus den zusammengesetzten Wörtern meist die neue Bedeutung gleich schon herauslesen kann. Man muss also nicht wie zum Beispiel im Spanischen erst einmal das aus dem Griechischen stammende Wort pediatra lernen, das keinerlei Beziehung zum romanischen Wortschatz hat, um zu wissen, dass es sich um einen Kinderarzt handelt; im Deutschen erkennt man aufgrund des Wissens um die Bedeutung von Arzt und Kind auf einen Blick die Bedeutung des neuen Begriffs Kinderarzt. Das mag dem einen oder anderen schlicht und naiv vorkommen. Die deutsche Wortbildung ist aber vor allem eines: leicht verständlich.
Und dann ist diese Mechanik des Kombinierens noch etwas anderes: leicht handhabbar und deshalb unglaublich produktiv. Hat man die Kombination von Kind und Arzt einmal gefunden, kann man alle anderen Bezeichnungen für die Arztberufe genauso konstruieren und verstehen: Frauenarzt, Zahnarzt, Tierarzt, ja sogar bis zum komplexen Hals-, Nasen-, Ohrenarzt reicht die Spannweite. Durch Kombinationen kann der deutsche Wortschatz aus vertrauten Elementen beliebig erweitert werden.
Quengelware und fremdschämen
An den Kassen der Supermärkte hat man gezielt verführerische Waren auf der Augenhöhe von Kindern ausgestellt, damit diese sie sogleich erblicken und so lange quengeln, bis die Mutter oder der Vater sie ihnen kauft. Die in den Neunzigerjahren aufgekommene Bezeichnung dafür lautet denn auch kurz: Quengelware. Braucht man einen neuen Begriff für Leitungen, die riesige Datenmengen quer durchs Land transportieren können, so kombiniert man das Wort für diesen ebenfalls recht neuen Gegenstand mit zwei bestehenden: Datenautobahn.
Diese Fähigkeit der deutschen Sprache, mühelos Wörter zu kombinieren, macht sie wendig: Man kann zwei Substantive kombinieren wie in Autobahn. Man kann Adverb und Verb kombinieren wie in fremdschämen, das das bekannte Gefühl übersetzt, welches wir empfinden, wenn wir uns einer anderen Person schämen und nicht unserer selbst – eine gelungene Neuschöpfung der letzten Jahre. Zwar konnte man sich auch schon vorher für jemanden schämen, aber diese Empfindung konnte man nur in direktem Bezug auf eine Person äußern, nicht als Empfindung an sich. Nun aber kann man sich schämen und sich fremdschämen, und schon ist dieser Unterschied in einem Wort gemacht.
Durch Vor- oder Nachsilben können wir aus Substantiven jederzeit ein Adjektiv machen wie bei schnurlos. Und wir können durch diese Silben (Lexeme oder Phoneme) die Bedeutungen unserer Verben weiter präzisieren, wie bei dem in den Neunzigerjahren entstandenen andenken in Sätzen wie es ist angedacht, das Produkt erst später zu lancieren. Andenken heißt hier, dass wir uns auf etwas noch nicht festlegen wollen, sondern dass wir es zur Diskussion stellen. Eine ähnliche Wortschöpfung ist sich hineindenken: „Er hat sich in die Sache hineingedacht“, er hat begonnen, sich mit der Sache gedanklich vertraut zu machen.
Allerdings ist nicht jede dieser Kombinationen logisch abzuleiten, wie überhaupt die Wortfelder einer Sprache nicht den strikten Anforderungen einer Formelsprache genügen, und es kann deshalb auch immer wieder zu Missverständnissen kommen wie bei der wichtigen Frage, ob jemand den Mann umgefahren hat oder ob er ihn umfahren hat, was aus dem Verb in seiner ungebeugten Schriftform allein nicht zu erkennen ist (umfahren), sondern nur in der mündlichen Rede durch die Betonung (úmfahren oder umfáhren).
Es ist auch nicht zu bestreiten, dass die Leichtigkeit, mit der das Deutsche zur Wortschöpfung durch Kombination bestehender Wörter einlädt, zu Wortungetümen verführt wie beim Finanzmarktstabilisierungsfondsgesetz aus dem Jahre 2008, mit dessen Hilfe die Zahlungsfähigkeit der Kreditinstitute in Deutschland sichergestellt werden sollte. Immerhin wird in diesem Wortungetüm eine komplexe Information gebündelt – nicht schön, aber wenigstens genau. Für den Hausgebrauch reichen einfache Abkürzungen – natürlich auch wieder Wortkombinationen wie Rettungspaket, Rettungsfonds oder auch Rettungsschirm.
Eine weitere Quelle des reichen Wortschatzes im Deutschen sind die Ableitungen. Man hängt einfach eine Endsilbe an ein Substantiv, und schon hat man ein Adjektiv zur Hand: Gefühl wird zu gefühlvoll, gefühlsarm oder gefühlig. Oder umgekehrt: einsam wird zu Einsamkeit, Vereinsamung. Auf diese Weise entstehen ganze Wortfamilien aus einem einzigen Wort. Wer das Ausgangswort kennt, kann sich das Wortfeld erschließen.
Leichter als im Französischen
Bei der Kombination von Wörtern können andere Sprachen durchaus widerstrebend sein: Das Französische belässt Substantivkombinationen bevorzugt auseinandergefaltet wie papier de verre (Sandpapier), wobei das Zeichenpapier dann papier à dessin heißt, weil das Zeichnen der Zweck des Papiers ist, was durch à ausgedrückt wird (warum aber heißt der Minzesirup dann menthe à l’eau, wo doch das Wasser nicht der Zweck des Sirups ist?) Auch aus stilistischer Tradition heraus sucht man im Französischen oft eher einen eigenen Begriff, als bestehende zu kombinieren, wie dies an den vielen Fachbezeichnungen aus dem Griechischen und Lateinischen zu erkennen ist, die schon im 16. Jahrhundert als sogenannte gelehrte Wörter (mots savants) in großer Zahl ins Französische eingeführt wurden. Das Englische ist offener für Zusammensetzungen, hier aber steht der Lernende vor den Schwierigkeiten einer komplizierteren und oft nicht nachvollziehbaren unterschiedlichen Schreibweise (small talk, softdrink, well-being)2. Dazu kommt, dass das Englische keine Fugenelemente benutzt (vgl. hingegen deutsch „Arbeitsamt“). So entstehen Ungetüme aus der Management- und Wissenschaftssprache, deren Bestandteile sich erst nach mehrmaligem Lesen zuordnen lassen, wie z. B. Global Mindset Development in Leadership and Management Conference. Mark Twain hätte beim Phänomen der Wortungetüme auch in seiner eigenen Sprache fündig werden können.
Schöne Wortkombinationen
Nicht zu vergessen ist in der deutschen Wortbildung neben dem Vorzug ihrer Leichtigkeit die Schönheit vieler Wörter, die aus Kombinationen hervorgegangen sind und in ihrer Synthese oder Verschmelzung nicht nur eine Addition aus den Bedeutungsbestandteilen der beiden kombinierten Wörter bilden, sondern eine neue und sehr präzise Bedeutung schaffen. Meine beiden Lieblingswörter sind in ihrer Bedeutung gegensätzlich: anschmiegsam und unnahbar. Es sind regelrechte Sprachkunstwerke. Aus drei einfachen Wörtern ist anschmiegsam gebaut: im Wortkern das Verb sich anschmiegen, dann das Adjektivsuffix -sam, das es uns ermöglicht, ein Verb in ein Adjektiv umzuformen, und im Verb selbst die Vorsilbe -an, die die räumliche Nähe zwischen zwei Personen zusätzlich unterstreicht (im Gegensatz zu anderen denkbaren Vorsilben wie auf-, oder ab-). Anschmiegsam ist nicht nur in der Geste schön, die das Wort bezeichnet (bezeichnet ist hier nicht ganz richtig: Wir bezeichnen mit Wörtern eine geistige Vorstellung, nicht den Sachverhalt direkt), sondern auch im Klangbild. Und in dieser Parallelität wirkt das Wort besonders intensiv. Hinzu kommt die Abgrenzung in der Bedeutung gegenüber formverwandten Verben wie z. B. anlehnen). Anschmiegen ist eben nicht nur anlehnen, sondern es bringt eine größere Nähe, fast schon Intimität zum Ausdruck.
Das unscheinbare Wort unnahbar ist ein ebensolches Kunstwerk. Aus drei Elementen gebildet, bringt es uns eine ganze Vorstellungswelt vor Augen. Mit der Unnahbarkeit (das Substantiv ist im Deutschen auch gleich zur Hand) hat es eine schwierige Bewandtnis, denn einerseits will der Unnahbare nicht, dass sich ihm jemand nähert, und andererseits nimmt er sich selbst die Möglichkeit der Nähe anderer. Noch dazu kann es sein, dass der Betreffende nicht einmal willentlich unnahbar wirkt, sondern unwillkürlich und unabsichtlich. Ein so komplizierter Charakterzug steckt allein in jenen drei harmlosen Elementen, aus denen das Wort gebaut ist.
Es sind Zusammensetzungen dieser Art, die es im Deutschen möglich machen, so viele feine Unterschiede zu benennen und damit letztlich auch zu schaffen. Es sind sprachlich-geistige Schöpfungen, die wir in der Wortbildung hervorbringen. Sie sind keineswegs trivial, auch wenn sie uns so leicht fallen. Die Wortbildung ist ein elementarer Vorgang. Denn in den Wörtern erfahren wir die Welt, in ihnen bestimmen wir unsere Welt, und mit ihnen sprechen wir über unsere Welt.
Flexible Wortstellung
Zu den Vorzügen unserer Sprache rechne ich auch den Satzbau. Das mag manchen Leser überraschen, wird doch gerade der deutsche Satz von Kritikern als Zumutung empfunden. Natürlich gibt es sie, die Bandwurmsätze, bei denen sich erst am Ende mehrerer voneinander abhängiger Nebensätze durch das Verb erschließt, was ihre Gesamtbedeutung ist. Aber auch das muss nicht immer ein Nachteil sein, wie wir sehen werden.
Der Satzbau im Deutschen ist sehr flexibel – eine Folge des von Mark Twain so ungeliebten ausgeprägten deutschen Kasussystems.3 Es ist einleuchtend, dass eine Sprache mit ausgeprägtem Kasussystem in der Wortstellung mehr Freiheit geben kann. Den Vorteil einer leicht zu bildenden Wortgruppe ohne Kasusmarkierung bezahlt der Sprecher des Französischen mit einer Einschränkung in der Wortstellung. Man kann eben nicht alles haben. Im Deutschen kann man den Satz Ich habe ihm das Buch geschenkt mehrfach drehen und wenden und ihn damit in einer immer wieder anderen Bedeutung verwenden: Ihm habe ich das Buch geschenkt; wenn es darum geht, den Empfänger stark zu betonen. Ich habe das Buch ihm geschenkt, hier wird der Empfänger etwas schwächer betont als im Satz zuvor, weil er sich die Aufmerksamkeit des Hörers mit dem Buch teilen muss. Das Buch habe ich ihm geschenkt, wenn das Geschenk selbst betont werden soll; Geschenkt habe ich ihm das Buch, wenn man verdeutlichen will, dass man das Buch nicht verkauft oder verliehen hat. Nur die Wortstellung Ich ihm habe das Buch geschenkt wird im Deutschen nicht akzeptiert.4
Wenn man nun noch Umstandsbestimmungen der Zeit, des Ortes oder etwa des Grundes oder der Art und Weise hinzufügt (Heute Morgen, im Restaurant, wegen seiner Mithilfe, mit großer Freude), ergeben sich noch mehr Möglichkeiten der Wortstellung und ebenso viele Nuancen, im Satzinhalt eine andere Betonung des Wichtigen vorzunehmen.5 Elastizität und Nuancenreichtum, das sind Vorzüge des deutschen Satzbaus.
Eine weitere Besonderheit des deutschen Satzbaus rührt von der Teilung des Prädikats her, von der Verb- oder Satzklammer. Sie betrifft einmal die Hilfs- und Modalverben, die ein Hauptverb in seiner Bedeutung spezifizieren wie in dem Satz: Paul hat Gaby auch am letzten Abend gegen 19.00 Uhr auf dem Bahnsteig von Köln-Ehrenfeld nicht gesehen. Die Klammer wird hier von hat bis nicht gesehen gebildet, und mancher Nicht-Muttersprachler stöhnt über die lange Strecke, die er zurücklegen muss, bis er den wahren Sinn des Satzes verstanden hat, denn dieser erschließt sich ja erst ganz am Ende.6 Ebenso hört man Klagen von Nicht-Muttersprachlern, die einen Satz in korrekter Satzklammer formulieren wollen und dabei den Überblick verlieren (wobei dies den Muttersprachlern ja auch häufig widerfährt). Man kann aber die Satzklammer umgehen.7 Den obigen Satz kann man problemlos so umformen, dass die möglicherweise wichtigste Nachricht am Anfang des Satzes steht und der Rest in einen Nebensatz ausgelagert wird: Paul hat Gaby nicht gesehen, als er am letzten Abend gegen 19.00 Uhr auf dem Bahnsteig von Köln-Ehrenfeld war. Man kann sogar das Gesehen-Haben noch stärker betonen, indem man es an den Anfang des Satzes stellt: Gesehen hat er sie nicht …
Aber die Verbklammer hat auch ihr Gutes. Nehmen wir den Satz: Sie gibt ihre anspruchsvolle und interessante Tätigkeit auf. Am Ende könnte es auch heißen: … nicht auf. Oder: … an eine Kollegin ab. Oder: … nicht an eine Bekannte, sondern an einen neuen Kollegen ab. Dadurch dass die Inhalte des Satzes erst am Ende durch den Verbbestandteil (auf ab) richtig eingeordnet werden, bekommen wir eine synthetische Vorstellung der Lage: Der Satzinhalt wird zu einer Vorstellung zusammengedrängt. Die Bedeutung des Satzes ist so lange in der Schwebe, bis wir ihn ganz gehört haben, und erst am Ende verstehen wir ihn richtig. Man muss durch die Verbklammer alle Bestandteile des Satzes im Gedächtnis behalten, um am Ende des Satzes mithilfe des Verbs oder seiner Vorsilbe oder auch seiner Verneinung die Bedeutung richtig interpretieren zu können. Das kann in Satzgefügen oder auch in einfachen Sätzen mit komplexen Substantivgruppen eine anspruchsvolle Übung sein, und für den Nicht-Muttersprachler, der dies nicht gewohnt ist, muss eine solche Wortstellung sowohl beim Hören als auch beim Sprechen anfangs recht schwierig erscheinen. Aber im Gegenzug bildet der deutsche Satz mit seiner Eigenart der Verbklammer eben jene synthetische Vorstellung, die es einem ermöglicht, alle Elemente des Satzes in ihrer gegenseitigen Beziehung zueinander als ein Ganzes zu erfassen. Ein weiterer Vorzug der Verbklammer ist ihre Gliederungsfunktion in einem Satzgefüge. Sie markiert nämlich unmissverständlich das Ende eines Satzes, an das nun ein Nebensatz angeschlossen werden kann: Sie gibt ihre anspruchsvolle und interessante Tätigkeit auf, weil sie ein Erbe antreten kann.
Einige Sprachwissenschaftler aus dem romanischen Sprachraum deuten den Satzbau der französischen Sprache als das Gegenteil der sogenannten „regressiven“ (= rückwärtsgewandten oder rückbezüglichen) Wortstellung des Deutschen. Der französische Satz, so ihre These, gehorche einer natürlichen Wortstellung („ordre naturel“ oder „ordre direct“), indem er alles stets der Abfolge Subjekt, Prädikat, Objekt unterwerfe;8 im Deutschen sei diese Ordnung auf den Kopf gestellt; das gelte auch für Wortgruppen wie zum Beispiel ein zwei Meter langer Tisch oder ein auf den Stuhl gelegter Mantel; das Französische stelle hier ganz logisch das Substantiv an den Anfang, gefolgt von den Wörtern, die es weiter bestimmen (une table longue de deux mètres; un manteau posé sur une chaise); der Leser oder Hörer könne bequem der Ordnung der Wörter folgen, weil sie sich eins nach dem andern und vom Wichtigsten ausgehend erschlössen; im Deutschen könne der Sprecher nach Belieben alles umstellen und hin- und herrücken, ohne sich beim Sprechen um die natürliche Ordnung der Dinge zu kümmern; im Französischen werde er hingegen zur sachlich richtigen Wortstellung gezwungen; das Deutsche sei eine Sprache für Sprecher, das Französische eine für Hörer.9
Aber was ist eine „natürliche“ Wortstellung? Für die Franzosen der Aufklärung war es die Folge Subjekt – Verb – Objekt, an die sie selbst sich so wenig hielten wie andere Sprachgemeinschaften. Noch schwerer sind mentalitätsbezogene Weltbildthesen zu beurteilen, die aus den genannten sprachlichen Unterschieden abgeleitet worden sind (Rationalität im Gegensatz zum Gefühl, Objektivität im Gegensatz zur Subjektivität).
Es gibt immerhin einiges, was für die im Deutschen mögliche vorangestellte Attribuierung (ein auf den Stuhl gelegter Mantel) spricht. Denn das Deutsche eröffnet dadurch die Ausbaufähigkeit des Nomens nach beiden Seiten, nämlich durch vorangestellte Attribute und durch nachfolgenden Relativsatz (ein auf den Stuhl gelegter Mantel, den ich beim Hinausgehen vergessen hatte).10 Auf diese Weise können auch komplexe Informationen gut aufgeteilt werden. Das vorangestellte Attribut ist weniger hervorgehoben als ein Relativsatz. Dadurch gelingt eine differenzierte „Perspektivierung“, also eine feine Dosierung der Gewichte, die man den präzisierenden Satzteilen oder Sätzen zuweist. Und wenn man bedenkt, was sonst noch möglich ist, beispielsweise auch in der Nachstellung des Adjektivs, kann man von der großen Elastizität der Wortstellung nur beeindruckt sein: Röslein rot, Forelle blau, Henkell trocken oder auch diese nachgestellte Konstruktion: Salat kauft er nur frischen.11
Zurück zum Sprachvergleich zwischen dem Deutschen und dem Französischen, der erhellend ist, weil er zeigt, dass die beiden Sprachen in ihrem System und in ihren Stilidealen die Aufmerksamkeit auf verschiedene Weise „steuern und fixieren“, so der Kölner Romanist Peter Blumenthal in einer scharfsinnigen Arbeit zu diesem Thema.12 Hier die Aufmerksamkeit sozusagen Schritt für Schritt und Stück für Stück, da die Aufmerksamkeit in einer Gesamtsicht.
Bei aller Faszination für sprachliche Unterschiede ist anzumerken, dass das Deutsche auch den geradlinigen Satz mit Subjekt, Prädikat und Objekt kennt: Er gibt ihr das Buch. Erst in den Sätzen mit zusammengesetzten Prädikaten und in Nebensätzen werden Satzklammern gebildet. Und schließlich muss das Deutsche auch in Substantivgruppen eine Ansammlung von bestimmenden Wörtern nicht voranstellen, sondern kann sie durch einen Relativsatz oder eine Apposition nach dem Substantiv gruppieren: Wem die Wortgruppe ein im Wohnzimmer zwischen dem Kamin und dem Fenster stehender Schrank zu schwierig ist, der kann ebenso gut sagen: ein Schrank, der im Wohnzimmer zwischen dem Kamin und dem Fenster steht oder ein Schrank im Wohnzimmer, zwischen dem Kamin und dem Fenster.13 Es gibt sprachliche Zwänge, aber es gibt auch Auswege aus ihnen.
Es lebe der lange Satz!
Ich möchte eine Lanze brechen für den langen Satz, ja sogar für den Schachtelsatz, den das Deutsche ermöglicht, der aber gern als Überforderung des Lesers und Hörers missbilligt wird. Gerade im langen Schachtelsatz zeigen sich die wunderbaren Stellungsfreiheiten des deutschen Satzbaus – allerdings nur dann, wenn jemand mit diesen Freiheiten vernünftig umzugehen versteht. Wenige konnten damit so virtuos umgehen wie Thomas Mann. Der Bau des langen, dabei gut verständlichen Satzes, ist eine seiner Sprachkünste. Wenn man sich dem Rhythmus seiner Sätze anvertraut und sich von ihnen in die Gedankenwelt des Autors einführen lässt, stellt sich ein Hochgenuss ein: ein Sprach- und Denkkunstwerk zugleich.
Der Doktor Faustus beginnt mit einem solchen Satz, mit dem der Erzähler Gelehrsamkeit, Bescheidenheit und Vornehmheit vermittelt: „Mit aller Bestimmtheit will ich versichern, dass es keineswegs aus dem Wunsche geschieht, meine Person in den Vordergrund zu schieben, wenn ich diesen Mitteilungen über das Leben des verewigten Adrian Leverkühn, dieser ersten und gewiß sehr vorläufigen Biographie des teuren, vom Schicksal so furchtbar heimgesuchten, erhobenen und gestürzten Mannes und genialen Musikers einige Worte über mich selbst und meine Bewandtnisse vorausschicke.“
Erst am Ende des Satzes erfährt man, was der Autor ankündigen will: dass er zunächst einiges über sich selbst berichten wird. Aber durch die eingefügten Nebensätze entsteht gerade jener langsame, fast schon zögerliche Rhythmus, der die bedächtige Wesensart des Erzählers, eines zurückgezogen lebenden Gelehrten, erkennbar werden lässt. Dieser lange Satz lenkt unsere Aufmerksamkeit in einem Wurf und Guss auf den Erzähler und auf die dramatische Persönlichkeit des Tonsetzers Adrian Leverkühn, dessen Schicksal sogleich angedeutet wird. Die Anfänge eines Romans sind ja stets besonders wichtig, denn hier muss der Autor den Leser packen. Dieser Romananfang führt uns vor Augen, was uns erwartet: eine dramatische Erzählung, vorgetragen von einem glaubwürdigen, besonnenen, aber auch aufgewühlten Zeugen.
Der Doktor Faustus ist ein großes Zeugnis deutscher Sprachkunst, und man kann nur hoffen, aber auch erwarten, ja einfordern, dass unsere Schulen nicht unter der Maxime einer sich anbiedernden „Niedrigschwelligkeit“ lieber im Tal der sprachlich Ahnungslosen verweilen, als ihre Schüler zum Erlebnis solcher Höhepunkte zu führen. Es wäre ein großer Verlust, wenn selbst Gymnasiasten, also Absolventen „höherer Bildung“, nicht mehr an solche Sprachkunstwerke herangeführt würden, weil sich unsere Sprache in ihrer allgegenwärtigen Trivialisierung in so großen Schritten von dem hohen Niveau unserer großen Schriftsteller entfernte, dass schon die kommende Generation sich diese Sprachzeugnisse allenfalls noch im germanistischen Studium erschließen könnte, so als handelte es sich beim „Doktor Faustus“ um das althochdeutsche Ludwigslied aus der Zeit Ludwigs des Stammlers.
Der Satzbau im Deutschen kann auch Kürze und Länge wirkungsvoll kombinieren. Ein Meister dieser Abwechslung zwischen lang und kurz ist Stefan Zweig. Der elegante Schwung seines Sprachstils rührt von dieser Abwechslung her, und er war gerade deswegen manch altfränkisch gesinnten Sprachliebhabern nahezu suspekt, so als wäre der deutschen Sprache Eleganz wesensfremd. Aber im Gegenteil: Wer meint, die Satzbauregeln des Deutschen zwängen zu holprigen Konstruktionen, dem sei die Lektüre Stefan Zweigs empfohlen. Der erste Satz seines historischen Romans über den Weltumsegler Magellan lautet: „Im Anfang war das Gewürz.“ So beginnt in Abwandlung des bekannten Bibelsatzes die Erzählung. Diesem prägnanten Satz, der den geschichtlichen Zusammenhang und den wirtschaftlichen Zweck der Entdeckungsreisen auf den Punkt bringt, folgt ein komplexer Satz mit mehreren illustrierenden Einschüben, die mit leichter Hand aneinandergereiht sind, sodass sie sich dem Leser mühelos erschließen:
„Seit die Römer bei ihren Fahrten und Kriegen zum erstenmal an den brennenden oder betäubenden, den beizenden oder berauschenden Ingredienzien des Morgenlandes Geschmack gefunden, kann und will das Abendland die „especeria“, die indischen Spezereien, in Küche und Keller nicht mehr missen.“14
Wer Zweig liest, hat den Eindruck, Französisch im Deutschen zu lesen. Das zeigt, wie vielseitig der deutsche Satzbau sein kann.
Genauigkeit im Raum
Nun zu einem weiteren Vorzug der deutschen Sprache, ihrer Präzision im Raum. Durch die Fälle Dativ und Akkusativ gibt das Deutsche mit den entsprechenden Fragen Wo? und Wohin? einen klaren Unterschied zwischen Richtung und Ort vor und zwingt den Sprecher zu einer Entscheidung, von der auch der Hörer profitiert. Denn er weiß unmittelbar – und nicht erst aus dem Zusammenhang – worum es geht: Geht es darum, dass jemand in den Garten läuft oder im Garten läuft?15
Auch in den Präpositionen zeigt sich dieser Druck in Richtung räumlicher Genauigkeit, zum Beispiel in den von Nicht-Muttersprachlern so gefürchteten Wechselpräpositionen, die sowohl Richtung wie auch Ort anzeigen können und, dementsprechend, mit dem Dativ oder dem Akkusativ verbunden sind: Sie steht auf dem Stuhl (Wo? also Dativ) und Sie stellt sich auf den Stuhl (Wohin? also Akkusativ). Man muss nur überlegen, ob es um eine Richtung oder um einen Ort geht. Diese Unterschiede sind mit zweierlei Kasus belegt. Eigentlich ganz logisch! Nur muss in anderen Sprachen der Kontext diese Unterscheidung gewährleisten.
Die Neigung des Deutschen zur Präzision im Raum zeigt sich auch an seinen Verben, zum Beispiel an den trennbaren Verben mit Vorsilben, die für das Deutsche so typisch sind. Nehmen wir das Verb gehen: angehen, ausgehen, weggehen, aufgehen, abgehen, entgegengehen, untergehen, hinaufgehen: hinuntergehen. Die Leichtigkeit der Kombination von Wörtern verbindet sich hier mit der Neigung zur räumlichen Genauigkeit. Als Deutscher braucht man eine gewisse Zeit, um im Französischen zu lernen, dass ausgehen sortir heißt und weggehen partir, also zwei ganz unterschiedliche Verben, die nicht wie im Deutschen die ähnliche Raumbeziehung erkennen lassen.
Das Wortfeld der Bewegungsverben und der Verben der Bewegungsart ist im Deutschen riesig und bietet viele Unterscheidungsmöglichkeiten, siehe beim Verb laufen die Ableitungen anlaufen, entlaufen, verlaufen, überlaufen, entgegenlaufen usw. Ein Sprachvergleich mit dem Französischen zeigt in diesem Bereich bei Übersetzungen einen Informationsverlust von einem Drittel.16 Das Deutsche neigt dermaßen zur Genauigkeit im Raum, dass es die Bewegung durch manche Verben übergenau angeben lässt, z. B. in dem Satz Der Apfel fällt vom Baum herunter. Zwar kann man im Deutschen auch eine Treppe hinauffallen, aber nur wortspielerich. Es kennzeichnet eine besondere Bewegung, während das Fallen des Apfels durch die Präposition herunter keine zusätzliche Information vermittelt. Man kann unserer Sprache deshalb, wenn man will, eine gewisse Neigung zur Pedanterie nachsagen. Man kann ihre Übergenauigkeit fürchten, belächeln – oder bewundern.
Ausdrucksstärke durch feine Abtönung
Früher nannte man sie verächtlich „Füllwörter“: jene kleinen, unscheinbaren Wörter, von denen es immer wieder heißt, sie seien nur eine Verlegenheitslösung. Zum Beispiel denn. Wir verwenden es zunächst vor allem als Konjunktion, und zwar dann, wenn wir einen auf der Hand liegenden Grund anzeigen wollen: Die Wasserrohre sind geplatzt, denn es hat Frost gegeben.17 Aber wir können denn auch in einem ganz anderen Sinne gebrauchen: Wir sehen zum ersten Mal das Kind des neuen Nachbarn. Wie fragen wir nach seinem Namen? „Wie heißt Du?“ Das wäre ziemlich brüsk. Und so fragen wir: „Wie heißt du denn?“ Auf diese Weise ist die Frage vermittelnder, abgeschwächt, abgefedert. Wir fragen, aber wir entschuldigen uns zugleich ein wenig dafür, dass wir fragen. Es ist eine feine Zusatzbedeutung, die uns die deutsche Sprache da an die Hand gibt und die es uns erleichtert, unsere Mitteilungsabsicht auf den Anderen und auf den Mitteilungsinhalt abzustimmen. Man nennt diese kleinen Wörter deshalb auch „Abtönungspartikel“. Der Sprachwissenschaftler Peter Eisenberg nennt sie bewundernd „Zaunkönige im Pelz der Sprache“.18 Sie geben unserer Frage oder unserer Äußerung einen bestimmten Ton, sie helfen uns, nicht gleich mit einer kruden Behauptung oder mit der direkten Frage ins Haus zu fallen. Diese Abtönungspartikel haben keine gegenständliche Bedeutung, sondern sie haben eine kommunikative Funktion. Aber diese ist sehr nützlich. Glücklicherweise haben wir die kleinen Wörter zur Hand wie aber, auch, bloß, doch, eben, etwa, halt, ja, schon, vielleicht, wohl.19
„Mach’s halt!“, sagt der Vater zum Sohn, der zum dritten Mal der Aufforderung der Mutter nicht nachkommt, endlich sein Zimmer aufzuräumen. In diesem halt liegt etwas Kameradschaftliches. Es benennt einen guten Rat; ganz anders, als wenn der schlichte und grobe Befehl „mach’s!“ geäußert würde. Die kleinen Partikeln sorgen dafür, dass unsere Aussagen geschmeidiger werden: In dem Satz „Er weiß schon, was er tut“ hat das schon eine beschwichtigende Funktion. Das schon sagt uns: Komm, mach dir nicht solche Sorgen, hab‘ ein wenig Vertrauen, alles wird gut. Ohne das schon ist der Satz pure Behauptung. Das schon aber relativiert die Behauptung hin zu einer wohlwollenden Vermutung. Diese Abmilderung des Wahrheitsanspruchs macht die Aussage akzeptabler.
„Du weißt ja, dass ich das nicht mag“, sagt die Mutter zum Sohn, der gerade wieder einmal alle Türen offenstehen lässt. Und das kleine ja hebt die Bekanntheit der mütterlichen Aversion hervor. Eigentlich, so lässt die Mutter zwischen den Zeilen erkennen, müsste sie den Satz gar nicht mehr sagen, so genau weiß der Sohn, dass sein Verhalten unerwünscht ist. Aber sie sagt es zur Sicherheit doch, und das ja zeigt an, dass sie es nur tut, weil sonst wohl nichts fruchtet.
Ähnlich ist es mit mal in dem Satz: „Gib mir das mal.“ Das mal zeigt einen vertrauten Umgang an. Höflicher wäre gewiss „Könntest du mir das bitte geben?“ Aber wenn die Zeit drängt und die Sprache kurz ausfällt, rettet das mal die Verbindlichkeit der Ansprache. Noch ist es eine Bitte, die hier geäußert wird, und keine direkte Anweisung.
Ein schönes Beispiel für Abtönung ist auch das gell? des Bundespräsidenten Joachim Gauck beim Besuch des italienischen Staatspräsidenten Giorgio Napolitano im März 2013 in Berlin. Der damalige Oppositionsführer Peer Steinbrück hatte zuvor italienische Politiker als Clowns bezeichnet, was Napolitano unpassend fand. Dazu Gauck: „Manches kommentiert sich eben von selbst, gell?“. Diese dialektale Form des Fragens war überaus geschickt, denn dadurch wurde die vorherige kritische Äußerung zu einer leicht schelmischen Nebenbemerkung abgewandelt. Das Gauck‘sche gell? war auch insoweit auffällig, als der Bundespräsident bekanntlich keine Neigungen zu süddeutscher Sprachfärbung hat. Sein blitzschnelles Ausweichen in eine Abtönungspartikel, die anders als das förmliche nicht wahr? eine gewisse Gemütlichkeit ausstrahlt, zeugt von rhetorischer Meisterschaft. – Die Besonderheiten des Deutschen auch in diesem scheinbar nebensächlichen Kapitel erhellen sich im Kontrast mit anderen Sprachen. Das Französische beispielsweise verwendet solche Partikel viel seltener und hat auch weniger davon. Die Folge ist, dass bei einem Übersetzungsvergleich rund 60 Prozent der deutschen Abtönungspartikel im Französischen entfallen. Ich erinnere mich deutlich, wie ich in meinen ersten zwei Jahren in Frankreich nach Ausdrücken von Spontaneität und Abtönung in der wörtlichen Rede suchte und wie oft ich einsehen musste, dass es auf die deutsche Art im Französischen nicht ging.20
Die von Nicht-Muttersprachlern so empfundene Distanziertheit des Französischen führt der rebellische Sprachkritiker Claude Duneton übrigens auf eine künstliche Vornehmheit seiner Muttersprache zurück. Sie sei eine Sprache des Hofes, der Pariser Aristokratie, geprägt von kalten und mittelmäßigen Dichtern und erstarrt unter dem volksfernen Diktat logischer Strenge, grammatischer Starrheit und exzessiver Sprachreinigung.21 Diese ideologische Sicht ist gewiss überzogen und einseitig. Nicht zuletzt übersieht sie, dass in der französischen Sprache auch die große Revolution stattgefunden hat und dass dieser bedeutende sprachliche Werke, darunter auch die brillanten und zugleich höchst respektlosen eines Diderot, zugrundelagen. Aber vielleicht ist doch etwas an Dunetons Kritik und damit auch an der These, dass das Deutsche sich als Sprache des Bürgertums gegen das an deutschen Fürstenhöfen bevorzugte Französisch herausgebildet hat: als eine Sprache, die den reichen Ausdruck der Gefühle und Regungen eher fördert.
In einem Wort
Großer Wortschatz, geschmeidige und durchsichtige Wortbildung, hochdifferenzierter Satzbau mit elastischer Wortstellung zum Ausdruck feiner Bedeutungsunterschiede und ein großes Angebot an Abtönungen zum Ausdruck vielfältiger Sprecherhaltungen – so kann das Urteil über die Vorzüge unserer Sprache als System ausfallen.
Kapitel 2 Imponierdeutsch
Die Ursprünge – Von Wandel, Struktur und Strategie – Von Visionen, Innovationen und Zukunftsfähigkeit – Philosophie und Kultur – Jenseitiges und Diesseitiges – Wegwerfwörter – Semantischer Drahtverhau
Die Ursprünge
In den Neunzigerjahren des zwanzigsten Jahrhunderts wurde die sozialtechnologische Betrachtung und Behandlung vieler gesellschaftlicher Bereiche modern. Die in der Wirtschaft üblichen quantitativen Verfahren und das Vertrauen in die Machbarkeit schienen unangreifbar. Dabei war es durchaus berechtigt, Bereiche wie Bildung, Wissenschaft und Kultur auch wirtschaftlich zu betrachten. Aber diese Sichtweise rückte derart in den Vordergrund, dass andere Perspektiven in die Defensive gerieten.
Dabei kam der Sprache eine besondere Bedeutung zu. „Die Manager, Ingenieure, zunehmend die Sozialingenieure, haben das Sagen“, schreibt der österreichische Germanist Klaus Kastberger im Rahmen eines Selbstversuchs in einem „Assessment-Center“. „Sie fordern ständig ein besseres Funktionieren der Individuen und Gruppen im Sinne wirtschaftlicher Erfolge und Profite. (…) Alle Bildungs-, Sozialisations-, Schul-, Universitäts- und Gesellschaftsprojekte stellen immer deutlicher eine Zielsetzung in den Vordergrund: Wie kann man das Handeln der Individuen wirtschaftlich noch effizienter machen?“22
Der „Gleichklang in der utopiegeladenen Sprache der großen Unternehmensberatungsagenturen wie der Experten aus Wissenschaft und Wirtschaft, der internationalen Institutionen wie der politischen Akteure auf europäischer und nationaler Ebene war bemerkenswert“, schreibt seinerseits der Europa-Historiker Andreas Wirsching über diese managementorientierte Aufbruchzeit.23 Deregulierung, Dezentralisierung, Flexibilisierung, Modularisierung, Evaluation – das waren große, vielversprechende Wörter der Epoche, die den flexiblen Menschen im Visier hatten, den Manager der eigenen Biographie, den vollständigen homo oeconomicus.
Manche Begriffe haben ihre Allzuständigkeit für die verschiedenen gesellschaftlichen Bereiche bis heute bewahrt. Das Bemerkenswerte an ihnen ist zweierlei: Zum einen transportieren sie eine bestimmte Sichtweise. Es ist die Überzeugung, dass die Prinzipien des Wirtschaftslebens und die Methoden des Managements auch in Bildung, Wissenschaft und Kultur zur Leitschnur werden sollten, um diese Bereiche für den globalisierten Wettbewerb zu ertüchtigen. Zum andern entwickeln diese Begriffe aber ein Eigenleben über ihren rationalen Gehalt hinaus. Sie gehören inzwischen einem Jargon an, der sich über alle Fachsprachen hinweg zum übergreifenden Imponier-Deutsch gewisser Eliten und jener, die dazugehören wollen, entwickelt hat.
Mit diesem Jargon wurde die behäbige deutsche Verwaltungssprache früherer Zeiten abgestreift. Was Verwaltung war, sollte Management werden. Die Betriebswirtschaftslehre hielt Einzug. Mit dem Versprechen, dass unter dem Einfluss moderner Managementmethoden gesellschaftliche Entwicklungen aller Art rein sachorientiert, das heißt funktional und effizient, also unideologisch, gestaltet werden könnten, schaffte der zunächst rein instrumentelle fachliche Jargon den Sprung in viele gesellschaftlichen Bereiche. Seine Wörter wurden zu Zauberworten.
In ihrer Abstraktheit sind Wörter dieses Jargons jedoch ohne Substanz. Ihre Bedeutung ist zur Imponiergeste verkommen. Der Politikwissenschaftler Franz Walter bezeichnet diese „Sprache des politischen und ökonomischen Establishments“ als „Distinktionsjargon“, der „abgehoben, technokratisch, herrisch“ sei.24 Manche Wörter haben zwar infolge der Krisen von 2001, 2007 und 2011 an Unanfechtbarkeit durchaus eingebüßt; dennoch prägen sie nach wie vor die öffentlichen Debatten, stellen sie das Wortmaterial, aus dem Pläne, Programme und Rechtfertigungen sind.
Von Wandel, Struktur und Strategie
Die Wörter des Imponierdeutschen sind keine Zusammenfassung einer komplexen Wirklichkeit wie z. B. wissenschaftliche Fachbegriffe. Ihre Bedeutung liegt mehr in der Geste als in der Beschreibung oder Einordnung der Wirklichkeit.25
Einer der Kernbegriffe ist der Wandel. Der Wandel versteht sich für das Imponier-Deutsche von selbst. Es geht nicht um die Frage, ob der Wandel, der gerade im Gange ist, eine Verbesserung der Verhältnisse bringt; sondern persönliche wie auch institutionelle Fitness zeigt sich daran, dass man den Wandel überhaupt als Herausforderung annimmt, ganz gleich wie er sich darstellt. Diese Haltung ist weder reaktionär noch revolutionär – sie ist paradoxerweise entschieden fatalistisch. Der Einzelne muss sich dem Wandel stellen, er muss ihn annehmen. Dementsprechend sind Anpassungsfähigkeit und Flexibilität gefragt. Mit anderen Worten: Der Einzelne muss den Wandel umstandslos bejahen und ihm blindlings folgen. Tut er das, darf er, wenn er einst an die Spitze gelangt ist, noch etwas mehr: Er darf den Wandel mitgestalten, aber nur als Agent des Wandels, nicht als autonom handelndes Subjekt.
Ein weiteres Schlagwort ist das Wort Struktur. Für Sprach- und Naturwissenschaftler ist der Begriff klar definiert. In der Sprachwissenschaft bezieht er sich auf die Systemhaftigkeit der Sprache und wurde zum Explikandum des Strukturalismus. In der Naturwissenschaft beschreibt er die räumliche Anordnung von Atomen und Molekülen, so wie man sie aus der Röntgenstrukturanalyse erhält. Dazu braucht man Kenntnisse aus der höheren Mathematik – um aus den Beugungsbildern die Strukturdaten zu erhalten. Wie aber wird der Begriff gebraucht? Kaum noch gibt es Diskussionen ohne Verweis auf Strukturen. Gemeint sind zwar meistens Institutionen, Organisationen oder Ordnungsgefüge. Aber besser bleibt man im Ungefähren und verweist auf Strukturen. Das tun auch gern Institutionen, die bei angemahnten Verbesserungen selbst wiederum auf Strukturen verweisen. Das klingt nach Fachwissen und intimer Kenntnis der Lage. Als sogenanntes Hochwertwort eignet sich Struktur bestens als Ausflucht, zur Beschönigung, zur Vermeidung oder Umgehung konkreter Aussagen. Sie passt in jeden Zusammenhang und macht zugleich Eindruck. Und wer Struktur schon hinreichend eingesetzt hat, kann jederzeit auf Rahmenbedingungen verweisen.
Das Verführerische an den Begriffen des Imponierdeutschen ist ihre leichte Handhabbarkeit. Sie sind leicht abrufbar, klingen immer gewählt und sorgen mit dem Anschein von Evidenz für Glaubwürdigkeit. Denn der Mitdiskutant muss ja zuerst darüber nachdenken, was sein Gegenüber mit Struktur gemeint hat. Wenn er nachfragt, ist er bereits in der Defensive, weil er seine Reaktion von der Antwort des Anderen abhängig macht. Nachfragen ist für den Fragenden immer unbequem. Denn er verlässt die Ebene des unmittelbaren Austausches über Sachen, um die Ebene der Verständigung selbst anzusprechen und damit auch infrage zu stellen. Das ist auffällig, lästig und wirkt pedantisch. Schließlich gerät er auch leicht in den Verdacht, den geltenden Jargon nicht zu beherrschen oder gar aufsässig zu sein. Wer ist schon gern Oberlehrer oder Außenseiter?
Doch zurück zur Struktur. Auf die Frage, warum sie eine wichtige Unterlage für eine Sitzung vergessen habe, hörte ich einmal eine Dame sagen: „Das war strukturbedingt.“26 Damit war sie selbst entschuldigt, ohne dass man weiter nach der schuldigen Struktur gefragt hätte.
Ein anderer Klassiker des Imponierdeutschen ist die Strategie. Einst aus der Sprache des Militärs übernommen, hat der Begriff eine Karriere in der Betriebswirtschaftslehre absolviert, bevor er zu einem Begriff des Imponierdeutschen wurde. Strategie klingt immer gut. Strategisches Vorgehen beeindruckt schon als Anspruch: kein Management, das nicht strategisch wäre. Strategisches Management ist das, was man in der Sprachwissenschaft eine Kollokation nennt, einen festgefügten Ausdruck, ein sprachliches Klischee wie smaragdgrünes Meer oder kristallklares Wasser. Ohne Strategien kommt inzwischen keine Institution aus. Der Begriff hat sich in allen gesellschaftlichen Bereichen festgesetzt: in Vereinen, Bürgerinitiativen, Museen, Ministerien. Geplantes Vorgehen auf lange Sicht allein reicht nicht mehr. Der Handel, der mit der inflationären Verwendung von Strategie verbunden ist, ist allerdings durchaus riskant: Indem man den Begriff aus dem wirtschaftlichen Bereich in andere Bereiche überführt, nimmt man – bei aller semantischer Aushöhlung – doch einen Teil seines Inhalts und der diesem zugrundeliegenden Denkungsart unweigerlich mit.
Von Visionen, Innovationen und Zukunftsfähigkeit
In der scheinbar durchrationalisierten Welt des betriebswirtschaftlich geprägten Imponierdeutschen muss nun doch auch Platz für Phantasie sein. Diesen Platz nimmt die Vision ein. Visionen waren einst die Gesichter, die Gott den Propheten eingab oder die Götter ausgesuchten Menschen. Was heute bleibt, sind Visionen für das Marktgeschehen: Visionen für das Marketing, für neue Produkte.
Wem die Strategie nicht genügt, der greift zur Vision. Sie hat den Vorzug, weit in die Zukunft reichen zu dürfen, ohne die Überprüfbarkeit einzufordern, die die Strategie im Schlepptau hat. Deshalb ist die Vision beliebt. Visionen sind im modernen Imponierdeutschen genialische Vorwegnahmen künftiger gesellschaftlicher Verhältnisse, möglichst unter Bezugnahme auf Gewinn- und Erfolgversprechen. Visionen sind deshalb grundsätzlich nicht negativer Art, sondern ausschließlich positiv besetzt. Ein Stichwortgeber der Zeit, der die Zukunft in düsteren Farben malte, erhielte wohl kaum das Etikett des Visionärs, im Unterschied etwa zu antiken Gestalten wie Teiresias oder Kassandra.
Das Imponierdeutsche an der Vision ist der Heiligenschein ohne Risiko. Während der Schamane durchaus auf unangenehme Weise für falsche Prognosen haftbar gemacht werden kann, kann sich der Visionär bei anders verlaufender Zukunft mit dem „Tentativen des Versuchs“ – wie ein neuhochdeutscher Pleonasmus lautet – herausreden. Die Vision ist letztlich eben doch nur von dieser Welt. So blieb von manchen Visionen der späten Neunzigerjahre wenig übrig, wie zum Beispiel vom Heilsversprechen der „Laptops im Schulranzen“, die ein „lebenslanges Lernen“ erleichtern würden.
Ein weiterer imponierdeutscher Leitbegriff ist die Innovation. Ursprünglich dem Bereich der Technik entliehen, bezeichnen Innovationen anstehende und berechtigte Veränderungen, die nicht von selbst geschehen, sondern aktiv (besser noch: proaktiv) herbeigeführt werden, gern übrigens auch von Visionären, die sich damit zu Agenten des Wandels mausern. Die Innovation versteht sich von selbst. Sie steht an, ob sie gefällt oder nicht. Mit ihr wird einem Naturgesetz Geltung verschafft. Sie nennt sich bewusst nicht Verbesserung. Denn damit müsste sie sagen, für wen. Ähnlich einer technischen Weiterentwicklung ist sie rein sachlich und versteht sich als sachgerecht. Innovationen haben sich daher auch nicht moralisch zu rechtfertigen. Im Gegenteil: Ihre quasi naturgesetzliche Autorität kann unter moralischem Diktat nur leiden. Gesellschaftliche Innovationen sind daher als strukturelle Notwendigkeiten zu verstehen. Der Innovator macht sich nur zum Werkzeug einer ohnehin und unabwendbar eintretenden Zukunft. Indem er ihr aber möglicherweise noch vor der Zeit zum Durchbruch verhilft, darf er einen Mitgestaltungsanspruch geltend machen. In jedem Falle aber ist er Wegbereiter einer höheren Gewalt, nämlich jener des Wandels, den wir freudig annehmen sollten, wenn wir uns nicht als Bedenkenträger oder Strukturreaktionäre selbst ins Abseits stellen wollen.
Diese dürre Geschichtsphilosophie, die in ihrem mechanistischen Denken kurioserweise an die unerbittliche und irrige Zwangsläufigkeit des Vulgärmarxismus denken lässt, läuft auf eine politisch und kulturell kaum zu beeinflussende Wettbewerbsgeschichte hinaus, in der vor allem die Innovationsbereitschaft des Einzelnen zählt. Neuerungen sind aus dieser Sicht grundsätzlich bestehenden Traditionen überlegen und verdienen den Vorzug vor Bewährtem, ohne sich rechtfertigen zu müssen.
Ihre Berechtigung leiten die Innovationen nicht aus dem Blick auf die Vergangenheit, sondern auf die Zukunft ab, nämlich aus der Forderung nach Zukunftsfähigkeit. Dabei wird vergessen, dass wir uns prinzipiell auf eine Zukunft vorbereiten, die wir nicht kennen. Es gilt dennoch, sich fit für die Zukunft zu machen. Fitness in diesem Sinne bezeichnet nicht nur die Instandhaltung des Körpers, seine Optimierung, sondern auch die laufende Aktualisierung der Managementfähigkeiten. Zukunftsfähigkeit ist ein vermeintlich ideologiefreier Begriff, weil er keine konkrete Utopie verkörpert, sondern sich auf das Management gesellschaftlichen Überlebens konzentriert, mit der Wettbewerbsfähigkeit als Maßstab. Der Begriff breitet sich inzwischen in allen politischen Lagern aus, sodass er seinen sozialdarwinistischen Beiklang verliert und damit vollends sinnentleert ist.
Philosophie und Kultur
Während Begriffe aus dem Wirtschaftsbereich andere gesellschaftliche Bereiche unterwandern, dringen umgekehrt Begriffe in den Sprachgebrauch des Managements ein, die seinem Denken eigentlich entgegengesetzt sind. Gern wird das (zwar sinnvolle und nötige) Wirtschaftsgebaren gleich zu einer ganzen Welterklärung aufgebläht. „Meine Philosophie ist …“ – so bekennen Referenten häufig, die es sich sonst eigentlich verbitten würden, in einem Atemzug ausgerechnet mit philosophischen Fakultäten genannt zu werden. Ihr Begriff der Philosophie hat mit der ursprünglichen Bedeutung als ein in jahrtausendealter Denktradition stehendes System der Weltdeutung nichts mehr zu tun. Im Managementjargon bedeutet er noch so viel wie grundsätzliche Überlegungen oder auch Überzeugungen und Einstellungen. Das aber wäre dem Redner zu schlicht. Er nutzt die Aura des Begriffs, weidet sie aus für die Aufwertung eines deutlich einfacheren Inhalts. Während die zweckfreie und rein erkenntnisorientierte Denkweise der Philosophie aus Sicht des Effizienzdenkens in den Verdacht sinnfreier und entbehrlicher Tätigkeit gerät, muss der Begriff Philosophie andererseits aufgrund seines geistigen Anspruchs zur Bemäntelung einfacher Gedanken aus dem Wirtschaftsbereich herhalten. Die aus dem englischen Sprachraum stammende Ummünzung von Philosophie für derartige Zwecke ruft allerdings längst nicht mehr das Erstaunen oder gar die Irritation des Publikums hervor, so sehr hat man sich bereits daran gewöhnt.
Ähnlich verhält es sich mit dem Begriff der Kultur in seiner imponierdeutschen Verwendung. Eine durchgängige Hochleistungskultur schreibt sich ein Unternehmen auf die Fahnen. Was soll hier die Kultur? Hat das Unternehmen etwa Neigung, sich mit dem sonst eher belächelten Kulturbetrieb gemein zu machen? Reicht es nicht, dass man sich Hochleistungen auf die Fahnen schreibt (was ja allein schon ziemlich ehrgeizig klingt)? Ohne eine Unternehmenskultur geht es nicht. Dabei ist es ja gar nicht schlecht, dass Unternehmen sich dazu verpflichten, mit ihren Mitarbeitern und Kunden anständig umzugehen. Aber muss man diese Selbstverständlichkeit gleich mit dem Hochwertwort Kultur verbrämen?
Jenseitiges und Diesseitiges
Da bietet sich in der Spirale der Eitelkeiten und Beschönigungen glücklicherweise ein weiteres Hochwertwort als Ersatz an: die Mission, womit wir endgültig im Reich der Transzendenz angekommen sind. Und wem die Mission nicht reicht, dem bietet sich der Mythos an.
Auch die Gabe des Sehens steht in hohem Kurs. „Ich sehe …“ ist eine beliebte Formel von Volkswirten in Kreditinstituten: „Ich sehe eine niedrige Zinslage bei volatilen Aktienmärkten.“ Oder: „Wir sehen sehr schwache englische Banken.“
Fachlich klingt auch eine eigenwillige Verwendung von Präpositionen, zum Beispiel wenn sich ein Produkt am Markt bewährt. Dass nur ja nicht der Eindruck entsteht, man habe es hier mit dem schlichten Wochenmarkt zu tun! Auch arbeitet man nicht an einem Projekt, sondern man ist auf einem Projekt. Gern werden auch Neuschöpfungen verwendet, die missverständlich sind und deshalb Eingeweihtsein voraussetzen: zeitkritisch hat nichts mit dem bekannten Substantiv Zeitkritik zu tun (also mit der Kritik an den gegenwärtigen Zuständen), sondern bedeutet schlicht, dass eine bestimmte Maßnahme in einer bestimmten Zeit, also rechtzeitig, umgesetzt werden muss, weil sie sonst nicht wirkt. Ähnlich wie zeitkritisch wird auch das gebräuchliche opportunistisch umgedeutet: Bezeichnet der Opportunismus an und für sich eine charakterlich fragwürdige Haltung, so ist ein opportunistisches Investment gerade nichts Verwerfliches. „Wir gehen opportunistisch ran“, meint im Imponierdeutschen schlicht, dass günstige Gelegenheiten genutzt werden. Beliebt sind auch Verben aus dem Beraterjargon wie skalieren (eine Sache größer und kleiner machen können), kalibrieren (sie in das rechte Maß bringen) und kannibalisieren (ein Unternehmen sich selbst zerlegen lassen) – eine hübsche Metapher!
Das Beraterdeutsch ist als Zulieferer des Imponierdeutschen einerseits an fachlicher Bedeutsamkeit, andererseits aber auch an Kürze interessiert. Das Opfer ist die Grammatik. Kommunikationsmedium der Berater ist der Chart. In der Kommunikation im Querformat entstehen grobe Verkürzungen, die mit deutscher Grammatik nicht mehr viel gemein haben. „Auswahl Standort“, „Verbreiterung Wirkungsgrad“, „Entscheidung Führung“ lauten gängige Überschriften in Präsentationen. Der Genitiv hätte eigentlich mühelos Platz gehabt. Aber Zeit ist Geld, und so übt sich die Beratersprache in absoluter Shortform. Durch die Verbreitung der PowerPoint-Präsentationen bei allen Anlässen bis hin zu Hochzeiten und runden Geburtstagen dringt die genannte absolute Shortform in die Gesellschaft vor – vielleicht als Vorreiterin einer kasusfreien Sprache.
Wegwerfwörter
Die Leichtigkeit, mit der wir in der deutschen Sprache Wörter zusammensetzen können, ist Segen und Fluch zugleich. Sie verführt zur Bildung von Wörtern, die für den kurzen Gebrauch zurechtgezimmert werden, um dann wieder in Vergessenheit zu geraten. Das Imponierdeutsche ist besonders hemmungslos beim Erfinden von Gelegenheitskonstruktionen, die den Anschein gehobener Fachlichkeit vermitteln. So heißt es in einem Zeitungsbeitrag, Unternehmen brauchten heutzutage den multifunktionalen Servicemitarbeiter. Dass man Mitarbeiter im Dienstleistungsbereich eines Unternehmens braucht, die vielseitig sind, ist leicht vorstellbar. Aber es klingt nicht fachlich genug. Der multifunktionale Servicemitarbeiter dagegen klingt durch seine Verknüpfung verschiedener Fremdwörter fachlich-technisch, er erweckt den Eindruck eines etablierten Berufsbilds.
Ähnlich ist es mit der Aufforderung, ein Unternehmen solle intermodulare Potenziale realisieren. Gemeint ist, dass ein Unternehmen die Produktion verschiedener Bauteile aufeinander abstimmen und dadurch effizienter machen soll. Diese einfache Tatsache muss sich aber in des Kaisers neue Kleider gewanden. Der technische Begriff des Moduls (eigentlich ein Bauteil) wird verbunden mit dem aus der Physik stammenden Begriff des Potenzials, um die Autorität eines Gesetzes aus den Naturwissenschaften zu entleihen. Das inter (= zwischen, das meist nicht unterschieden wird von intra = innerhalb) sorgt für weitere Bedeutsamkeitssteigerung.
Derartige Konstruktionen sind auch im politischen Sprachgebrauch beliebt. Geht es um den demographischen Wandel, so muss das Alterspatchwork sinnvoll gemanagt werden. Arbeitet ein Referent an einem Strategiepapier, so müht er sich zunächst an vorschattierten Themenfeldern ab, bevor er dazu aufgefordert wird, das Eckpunktepapier zu arrondieren. Eine geschmackvolle Neuschöpfung sind auch die Leerungsgebiete. So heißen seit neustem nicht etwa Bedürfnisanstalten, sondern die Regionen, aus denen Menschen fortziehen.
Das Imponierdeutsche ist zwar seiner Natur nach nicht gerade originell, es bringt gleichwohl Kuriosa hervor. Dazu gehört die Neigung, die Dinge gleich doppelt zu benennen, weil sie dann bedeutender klingen. Dagegen hat auch der Effizienzgedanke keine Chance. Einige Dopplungen aus meiner Sprachmüllsammlung:
Fachexperte
kooperative Zusammenarbeit
individueller Einzelservice
sektorieller Bereich
eingeschwungener Endzustand
intuitive Eingebung
Begriffskonzept
emotionale Betroffenheit
Entscheidungsalternative
konkreter Einzelfall
paradigmatisches Beispiel
selbstidentischer Markenkern
weltweite Internationalisierung
gefühlte Stimmung
Gegenreaktion
Beliebt ist auch das Gegenteil von Tautologie, die Verbindung sich widersprechender Begriffe, was die klassische Rhetorik als Oxymoron bezeichnet: der negative Aktienkursgewinn, das wachsende Desinteresse oder die partielle Vollverkabelung.
Semantischer Drahtverhau
Das Imponierdeutsch schadet unserer Sprache durch seine verkappte einseitige Wirtschaftsbezogenheit, durch seine hohle Allgemeinheit sowie schließlich durch den sozialen Abstand, den es schafft. Seine aufgeblähte, schwer verständliche Ausdrucksweise steht weitab von der Präzision einer echten Fachsprache und weitab von der Deftigkeit und Griffigkeit einer volksnahen Alltagssprache. Als Idiom der Eliten müsste es eigentlich das beste Deutsch sein: das differenzierteste, klarste, zugänglichste und zugleich stilistisch eleganteste.
Jargons sind sprachliche Besonderheiten, die eine soziale Zugehörigkeit markieren. Sie sollen und wollen sich von der Alltagssprache abheben, streben keine Allgemeinverständlichkeit an. Jargons sind aus Fachwortschätzen abgeleitet. Jedes Handwerk hat seinen umfangreichen Fachwortschatz für die verschiedenen Werkzeuge, Werkstoffe, die zu bearbeitenden Gegenstände und Bearbeitungstechniken. Auch der Jargon des Imponierdeutschen führt ein solches Eigenleben, als Sprache einer sozialen Schicht. Ihm liegt eine Haltung zugrunde, die Einfachheit mit Primitivität verwechselt und Unanschaulichkeit mit geistigem Anspruch.
Ein kurzer Blick über den Zaun: Es ist interessant, dass in Frankreich, welches uns als das Mutterland einer feinen, höfisch geprägten Sprache erscheint, gerade die Einfachheit in der Sprache besonders viel gilt. Die simplicité ist aber nicht geistige Schlichtheit, sondern die Kunst, aus dem Wortschatz das angemessene Wort zu wählen und einzusetzen. Die französische Sprachtradition legt keinen besonderen Wert auf einen großen Wortschatz und neue Wortschöpfungen. Die Kunst verständlicher Rede liegt in der richtigen Auswahl aus einem vorgegebenen Reservoir. Gewiss gibt es auch in Frankreich eine geschraubte Sprache, die mehr verhüllt als sie preisgibt. Nicht umsonst wird die Sprache der Politik „langue de bois“ genannt, hölzerne Sprache. Aber es wirkt doch eine rhetorische Tradition fort, an der sich die Redner messen lassen müssen und gemessen werden. Sie steht im Zeichen der Einfachheit, der Klarheit, der clarté. Das ist immer noch ein wirksames Korrektiv. Verständlich zu sprechen heißt, sich darum zu bemühen, dass man das treffende Wort findet und dass dieses Wort möglichst vielen Menschen zugänglich ist. Der Griff zum Wörterbuch, um sich eines Wortes zu vergewissern, gehört in Frankreich zum Alltag. Andere Sprachkulturen verfügen denn auch über einen Reichtum an Wörterbüchern, von denen wir nur träumen können.
Verständlich zu sprechen ist eine Kunst. Sie wird z. B. auch in England gepflegt: Das allgemeinverständliche Sachbuch genießt dort hohes Ansehen. In Deutschland dagegen steht populärwissenschaftliche Literatur immer noch unter dem Verdacht mangelnder Seriosität. Wissenschaftler, die Bestseller schreiben, werden hierzulande in ihrer eigenen Zunft eher beargwöhnt, als dass man sie als Mittler lobte.
Imponierdeutsch lähmt das Denken, statt es zu beflügeln. Offenbar gibt es bei uns kein gesellschaftlich anerkanntes Korrektiv, das ein Stilideal wie Einfachheit und Klarheit durchsetzen könnte und das die Verständlichkeit zur Leitschnur im allgemeingesellschaftlichen Umgang machte.
In unserem Land fehlt der Kompass für richtiges und gutes Deutsch. Gesprochen und geschrieben wird in einem wilden Durcheinander verschiedener Sprachstile. Natürlich sind wir ein freies Land, und jeder soll frei sprechen und schreiben dürfen. Aber wir sollten doch wissen, was angemessen ist, so dass wir mit der Sprache unser Denken schärfen, statt es zu vernebeln. Das sollte uns wichtig sein.
Kapitel 3 Englisch im Deutschen, Englisch statt Deutsch
Greifen die Anglizismen unsere Sprache an? – Wortschöpfungen – Wortschrott – English only? – Domänenverlust und seine Folgen – Wozu verschiedene Sprachen? – Die feinen Unterschiede – Sprache und Persönlichkeit – Ist Kultur von Sprachen unabhängig?
Anglizismen sind ein Aufreger. Sie wecken die Leidenschaften wie sonst nur die Rechtschreibreform. Ein einflussreicher Verein mit inzwischen über 30.000 Mitgliedern, der „Verein Deutsche Sprache“, rückt der „Sprachpanscherei“ öffentlichkeitswirksam zu Leibe. Hinter der Kritik an den Anglizismen steht die Sorge, dass die deutsche Sprache nicht mehr zuerst als Quelle für neue Wörter genutzt wird und dadurch verarmt; und dass die Übernahme von Wörtern aus dem Englischen die deutsche Sprache in ihrer Substanz angreift.
Es kommt eine neue Sportart auf? Wir übernehmen die Bezeichnung aus dem Englischen: Jogging oder Nordic Walking. Es entstehen neue Formen der Zusammenarbeit von jungen Unternehmern in gemeinsamen Büros? Wir nennen sie Co-Working. Die Medien verbreiten das Wort, und schon ist es in der Welt, und wer Professionalität ausstrahlen will, wird gar nicht erst ein deutsches Wort suchen. Es soll einen Vegetarier-Tag pro Woche geben? Die Grünen nennen ihn Veggie-Day, wobei die Aussprache unklar ist. Sicher, sie orientieren sich am Vorhandenen: girl’s day, social day. Hieß es früher „gleicher Lohn für gleiche Arbeit“, so heißt es heute abgewandelt Equal Pay Day. Man nennt das ein Paradigma: Die sprachliche Form ist bereits da. Und so wird das Neue eingepasst.
Einen ähnlichen Weg nimmt das Haus, mit dem nur noch das biedere deutsche Eigenheim bezeichnet wird, während das House der neusten Kreation der Wissenschafts- und Wirtschaftspolitik vorbehalten ist: hochkarätigen Wissenspools wie dem House of Law and Finance, dem ein House of Logistics and Mobility auf dem Fuße folgte. Auf weitere Houses darf man gespannt sein. Muss da nicht das Hohe Haus auch aufgewertet werden?
Eine Landesmusikakademie will zeigen, dass sie auf der Höhe der Zeit ist? Schon heißt ihr Musikförderprojekt Youth Classics in Concert, und die gute alte Meisterklasse ist sowieso längst in Master Class umbenannt.27 Der Hautarzt lädt zur Behandlung ein? Willkommen in der Derma lounge. Wie sagt ein Finanzdienstleister, der mit etwas einverstanden war? „Für mich ist es fein, am Ende des Tages.“
Was sind die Motive für diese Übernahmen im Blindflug? Eine Spur Eitelkeit, etwas Angeberei, aber auch Beschönigung, Verbrämung: „Controlling klingt besser als Disziplinierung und Verbesserung der Anpassungsfähigkeit, Monitoring besser als Überwachung, Flexibility besser als verordnete Rückgratlosigkeit, Wissensmanagement besser als schrankenlose Aneignung aller Qualifikationen und Fähigkeiten“, schreibt der Österreicher Hubert Christian Ehalt bissig.28 Besser klingen als die Wirklichkeit, mehr scheinen als sein: Das steckt offenbar hinter vielen Anglizismen.
Ein weiteres Beispiel ist der Facility Manager. Er hat den schlichten Hausmeister abgelöst. Der Hausmeister nervte durch ständige Anwesenheit und Kontrolle. Der Facility Manager ist nur über Handy zu erreichen, und das ist gewöhnlich besetzt. Das Zauberwort Manager macht auch vor dem Jenseits nicht halt. Der Bestatter seligen Angedenkens erhält Konkurrenz durch den Funeral Manager.
Mittlerweile sind auch Ortsbezeichnungen nicht mehr sicher vor einer Anglisierung. Am 19. März 2014 vermeldete die Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Offiziell gefeiert werden soll am 3. Juni. Doch bezogen worden ist das Gebäude an der Bessie-Coleman-Straße im Frankfurter Stadtteil Gateway Gardens unweit des Flughafens schon am vergangenen Wochenende. So wird das House of Logistics and Mobility nun seinem Namen gerecht.“29 Wenn da bei den Frankfurtern keine Heimatgefühle aufkommen!
Ein Kuriosum ist der halb englische, halb französische Begriff Entrepreneurship, wobei man Entrepreneur (also Unternehmer) halb französisch, halb englisch aussprechen muss, also mit Nasal, aber englischem „r“. Trotz dieser Unaussprechlichkeit geht das Wort hierzulande seinen Weg, gern auch im gemeinnützigen Bereich als Social Entrepreneurship. Was gegen soziales Unternehmertum spricht oder gegen unternehmerisches gemeinnütziges Engagement, ist mir unerfindlich. Aber Engagement ist als Gallizismus ohnehin auf dem Rückzug. Das gesellschaftliche Engagement von Unternehmen heißt jetzt Corporate Social Responsibility, für Eingeweihte abgekürzt CSR.
Doch wie häufig sind Anglizismen überhaupt? Das Institut für Deutsche Sprache in Mannheim beobachtet die Entwicklung des deutschen Wortschatzes mit Blick auf Neuschöpfungen. Unter den Neuwörtern (dazu zählen nur Wörter mit einem allgemeinen Bekanntheitsgrad, also keine reinen Fachtermini) der Neunzigerjahre machten die Anglizismen immerhin 40 Prozent aus.30 „Es ist eine Tatsache, dass die Zahl der Anglizismen, die ins Deutsche eindringen, stetig gestiegen ist und dass das Deutsche die europäische Sprache ist, die den größten Zuwachs aufweist“, schreibt Doris Steffen vom Institut für Deutsche Sprache.31 Auslöser dieser Übernahmen war die digitale Revolution mit neuen Erfindungen, maßgeblich aus den USA. Weitere Herkunftsbereiche waren Erlebnisgesellschaft, Medien und Sport. Ein paar allgemein bekannte Beispiele: chat group, cyber sex, burn out. 20 Prozent der Neuwörter waren Mischformen aus Deutsch und Englisch, zum Beispiel: Sound-Karte, wegzappen, Kuschel-Rock, Push-up-BH. Nur 60 Prozent der Neuschöpfungen hatten einen deutschsprachigen Ursprung, zum Beispiel: Elchtest, Hüpfburg, Drohkulisse, Quengelware, Datenautobahn, Zickenalarm.
Allerdings sanken die Anglizismen in den Nullerjahren im Vergleich zu den Neunzigerjahren. Im letzten Jahrzehnt, so die Erklärung des Instituts für Deutsche Sprache, wurden Neuwörter vor allem in Bereichen geschaffen, die weniger international, sondern national geprägt sind: zum Beispiel Arbeitslosengeld II, Eineurojob, Praxisgebühr, Riesterrente. Englische Neologismen sind zum Beispiel Anti-Aging, Best-Ager, ups, yep.32 Über die Zehnerjahre liegen noch keine gesicherten Daten vor. Jedoch zeigt ein Blick auf die in der Datenbank des Instituts für Deutsche Sprache erfassten aktuellen Neuschöpfungen einen erheblichen Anteil an Anglizismen, nämlich 13 von 18 Einträgen.33 Es sind Begriffe aus der Technik wie Fracking, vor allem aber wieder aus dem Computerbereich wie Shitstorm, Crowdfunding, leaken (nach Wikileaks) oder Glancing (Betrugskontakte auf Partnerbörsen). Es dürfte noch liken hinzukommen. Auch Mischformen mit deutschsprachigem Anteil sind dabei, z. B. Bestellbutton oder Button-Lösung (gesetzliche Regelung zur Information über die Auslösung einer zahlungspflichtigen Bestellung). Deutsche Neuprägungen sind Netzpartei, Schlagwortwolke (bildliche Darstellung gewichteter Schlagwortlisten im Netz) und vertrauliche Geburt (Gegenstand eines Gesetzes, nach dem eine werdende Mutter ihr Kind in einem Krankenhaus zur Welt bringen kann, ohne ihre Identität preiszugeben).
Der „Erste Bericht zur Lage der deutschen Sprache“ hat interessante Zahlen zutage gefördert. Einige seien genannt: Die Anglizismen sind von rund 1.000 zu Beginn des 20. Jahrhunderts auf 11.000 zu Beginn des 21. Jahrhunderts gestiegen. In derselben Zeit sei der Wortschatz der deutschen Sprache von 3,7 auf 5,3 Millionen Wörter angewachsen. 80 Prozent der Anglizismen seien Zusammensetzungen, davon überwiegend sogenannte Hybridformen, also Zusammensetzungen aus englischen und deutschen Wortbestandteilen zu einem neuen Wort (Babystuhl, Riesenbaby).34 Kernaussage des Lageberichts zu den Anglizismen ist die Feststellung, diese seien gut in die deutsche Sprache integriert, ja sogar überwiegend in ihr selbst gebildet worden.
Greifen die Anglizismen unsere Sprache an?
Es ist strittig, ob Anglizismen unsere Sprache im Kern angreifen, sie also in ihrer grammatikalisch-morphologischen und auch phonetisch-phonologischen Struktur verändern, oder ob sie flüchtige Phänome sind, die durch die Eingemeindungsfähigkeiten der deutschen Wortbildung problemlos in unsere Sprache eingepasst werden. Dieter E. Zimmer, der frühere Feuilletonchef der ZEIT, hat den Angriff auf die Konjugationsregeln des Deutschen zum Thema gemacht. Er fragt, wie wir es mit der Konjugation folgender Anglizismen halten:
– Sie sightseete? Sie sightsaw? Sie sightsah?
– Wir haben das Material recycled? Gerecycelt?
– Wer hat das gelayoutet? Outgelayed? Outlayed?
– Hast du das backuped? Gebackupt? Upgebackt? Aufgebacken?35
Wie lautet das Partizip von downloaden? Downgeloaded? Gedownloaded?36 Oder wie handhaben wir es mit dem Verb biken? Du bikest? Du bikst? Du beikst? Üblich ist die Form Du bikst. Woher aber soll man wissen, dass hier die englische Ausspracheregel gilt? Und welche Schreibregel gilt? Diese Fragen stellen sich bei vielen Wörtern, denn „orthographische Einbürgerungsakte“ finden, so Zimmer, kaum noch statt. Wenn aber einmal die deutsche und einmal die englische Aussprache- oder Schreibregel gilt, wird das Sprachgefühl verunsichert. Wie deklinieren wir easy oder sexy? Eine easye Klassenarbeit? Oder analog zu lila: eine easy Sache? Es bleibt unklar. Eigentlich kann man solche Entlehnungen nur prädikativ gebrauchen: Die Sache ist easy, wodurch die Satzbildung eingeschränkt wird. Wie ist es mit der Steigerungsform? Sagen wir eine sexyere Werbekampagne? Oder wie seit neustem mit der deutschen Endung -ig, also rockig, peacig, funnig und, eben, sexig?
Um bei den Adjektiven zu bleiben: Wie passt die Form trocken hardboiled Scheibe in unsere Sprache hinein? Was ist das grammatische Geschlecht von E-Mail, Event, Laptop?37 Wie lautet der Plural von Modem? Die Modems oder die Modeme? Auch Zusammensetzungen von Substantiven werden, so Zimmer, aus dem Englischen in einer Weise übertragen, die weder deutscher Wortbildung noch deutscher Schreibweise entspricht: der Geschicktes Entfernen Abschnitt oder die Alle Löschvorgänge bestätigen Checkbox.38
„Es gibt (…) nicht mehr die eine Folie sprachlicher Richtigkeit, sondern mehrere“, schreibt Zimmer weiter. Seine Schlussfolgerung: „Langsam wird zweifelhaft, welcher Tiefencode eigentlich gilt. Dann ist die Sprache tatsächlich irreparabel beschädigt.“39
Der Linguist Peter Eisenberg gibt hingegen in einer Kurzfassung des Berichts zur Lage der deutschen Sprache Entwarnung: „Die weitaus meisten Anglizismen sind nicht entlehnt, sondern im Deutschen gebildet.“, schreibt er und fährt fort: „Ihre interne Struktur ist zu einem guten Teil unabhängig vom Englischen und den Verhältnissen im Deutschen angepasst.“40 In diesem Sinne äußert sich auch Gisela Zifonun vom Institut für Deutsche Sprache.41 Und der Kölner Linguist Karl-Heinz Göttert verweist darauf, dass es sich bei 80 Prozent der Anglizismen in Wirklichkeit um „Eurolatein“ handele.42 Gleichwohl ist nicht von der Hand zu weisen, dass die vielen Beispiele von Zimmer in unsere Sprache nicht eingepasst sind. Sprachwissenschaft, Sprachkritik und Schule stehen hier in der Pflicht, die Aufmerksamkeit für solche Entwicklungen zu schärfen und gegebenenfalls Alternativen anzubieten.
Auch in früheren Zeiten hat es massiven Wortimport aus anderen Sprachen gegeben. Nicht umsonst haben Sprachschöpfer seit dem 17. Jahrhundert mit eigenen Vorschlägen, von denen sich eine ganze Reihe durchgesetzt hat, der massenhaften Übernahme von französischen Wörtern entgegengewirkt. Die Leidenschaft für Passion oder die Wehmut und die Sehnsucht für Nostalgie und Melancholie waren schon recht gelungen.
Deshalb ist es zu begrüßen, wenn die „Aktion lebendiges Deutsch“ des Vereins Deutsche Sprache sich um Vorschläge zur Eindeutschung bemüht. Es geht nicht um eine sprachliche „Säuberung“ – schon der Begriff ist grauenerregend und unsinnig, denn eine Sprache muss offen für Einflüsse von außen sein. Wohl aber geht es um die Fähigkeit einer Sprachgemeinschaft, für neue Sachen oder Begriffe sprachkonforme Bezeichnungen zu finden.
Wortschöpfungen
Gebräuchliche Neuprägungen wie Rechner, herunterladen, Schnittstelle oder Datenautobahn, die gerade von Profis verwendet werden, zeigen, dass es im Prinzip möglich ist. Sogar Bezahlfernsehen für das viel kürzere Pay-TV findet Eingang in den Sprachgebrauch. Populäre Neuprägungen sind allerdings selten. Sie müssen die Idee und den Ton des Ausgangsbegriffs treffen, und bei neuen Modeströmungen müssen sie das Lebensgefühl übersetzen, das mitschwingt. Am besten haben sie die Qualität eines Gassenhauers: in Klang und Schreibweise eingängig, in der Bedeutung genau, manchmal auch mit ironischem Unterton, wie die Untertreibung, die in Rechner steckt. Und gewiss in der Geschwindigkeit, in der sie sich verbreiten müssen: nämlich bevor der Importbegriff sich festgesetzt hat. Manchmal aber erobert sich ein deutsches Wort sogar den Platz wieder zurück, den es schon geräumt hatte. Während der Song gegenüber dem Lied bereits eine eigene Bedeutung als Musikstück aus der Rock-, Pop-, Rapp- und Hiphop-Szene angenommen hatte, ist derzeit bei Jugendlichen zu beobachten, dass sie ganz natürlich davon sprechen, sich „Lieder runterzuladen“. Damit meinen sie nicht Schubert-Lieder. – Eindeutschen ist heikel und immer strittig, dennoch ist es den Versuch wert. Es mögen ja nicht alle Anglizismen, die der „Verein Deutsche Sprache“ in seiner Wortliste als überflüssig bezeichnet, eins zu eins übersetzbar sein. Aber z. B. Anglizismen wie checken durch prüfen oder klären zu ersetzen oder auch durch verstehen, jugendsprachlich raffen und schnallen,43 neuerdings auch blicken, ist in der Sache richtig. Es geht nicht darum, Anglizismen zu verbieten, wohl aber darum, zu zeigen, dass man eigene Wörter erfinden kann oder dass es sogar Wörter dafür gibt. Warum Berater von Milestones sprechen anstatt von Meilensteinen oder Wegmarken, ist sachlich nicht zu begründen. Es fehlt ihnen schlicht der Reflex, es einmal in der eigenen Sprache zu versuchen.
Wenn wir die englischsprachigen Importe in den meisten Fällen in die deutsche Grammatik einpassen und sie mit deutschen Wörtern kombinieren können, so spricht das für die Integrationsfähigkeit und Elastizität der deutschen Wortbildung. Aber sprechen die Importe für die Sprecher? Sind sie nicht Zeichen für Bequemlichkeit, Gedankenlosigkeit und auch übertriebene Anpassung an alles Englischsprachige?
Sehr zurückhaltend formuliert der Linguist Wolfgang Klein im Kurzbericht zur Lage der deutschen Sprache den Unterschied zwischen Sprachsystem und dessen Nutzung durch die Sprecher: „Wenn uns bisweilen so scheint, als würde unsere Sprache verarmen, dann liegt das nicht an der deutschen Sprache der Gegenwart, deren Reichtum schier unerschöpflich ist. Es liegt an jenen, die diesen Reichtum nicht ausnutzen. Es reicht natürlich nicht, einen Bösendorfer in der Stube stehen zu haben; man muss ihn auch spielen können.“44 Ziemlich grantig kommentiert der Journalist Dankwart Guratzsch daher die Entwarnung der Autoren des Berichts zur Lage der deutschen Sprache: „Für den Sprachwissenschaftler ist ja das Faszinosum an seinem Orchideenfach gerade der Wandel, ein „Richtig“ oder „Falsch“, ein „Gut“ oder „Böse“, ein „Schön“ oder „Unschön“ gibt es für ihn nicht. Für den Normalbürger aber geht es um Fülle, Farbigkeit, Feinheit im Ausdruck. Sein Leiden am Sprachwandel ist ein Leiden am Verlust.“45 Aber leidet er denn wirklich?
Wortschrott
Zu den Anglizismen gehört ein sprachliches Phänomen, das man mit Wortschrott bezeichnen kann. Der Schriftsteller Eckhart Nickel hat Wortschrott in der Werbung und in Produktbezeichnungen der Schönheitsindustrie gesammelt. Was bedeutet Advanced Night Repair Synchrozed Recovery Complex Serum? Das Englische eignet sich nicht besonders zur Wortverknüpfung, weil es die Wörter nur nebeneinander stellt, ohne sie miteinander verfugen zu können. Trotzdem werden in unserem Beispiel sieben Wörter in eine Reihe gestellt. Dass es sich um ein Serum handelt (welches man eher in der Medizin vermuten würde), erfährt man erst am Ende. Die Wörter advanced und complex bergen keine Informationen. Es bleibt eine vage Idee davon, dass es bei dem Produkt um eine Art Nachtcreme geht, die vermutlich unserer Haut guttut. Aber welches Wort sich genau auf welches andere und welches sich auf die ganze Wortgruppe bezieht, ist nicht zu erkennen. Entweder wurde es nicht bedacht, oder diese Bezüge sollten im Ungefähren bleiben. Was kann der Grund für eine solche sprachliche Unschärfe sein? Wollen die Werbetexter nicht verstanden werden? Als Botschaft genügt ihnen offenbar die Suggestion von Weltläufigkeit und der pharmazeutisch-wissenschaftliche Eindruck.
Wortschrott missachtet das Informationsbedürfnis des Kunden. Wer versteht folgende Information eines Autoherstellers: „Das Blue&Me System wurde auf der Telematics Detroit mit dem Best Telematics Solution Award ausgezeichnet und ist damit die ideale Automotive-Plattform für In-Car-Kommunikations- und Infotainment-Lösungen.“46 Verständlichkeit war eines der Ziele des französischen Sprachgesetzes, die Loi Toubon aus dem Jahre 1994: Der Kunde sollte die Produktinformation in der Sprache seines Landes verstehen können.
Wortschrott lässt mangelndes Sprachgefühl erkennen. Sprachliche Regeln der Wortbildung spielen keine Rolle. Vorzüge der einzelnen Sprachen werden nicht genutzt. Sprache ist wertloses Material, das bedenkenlos verarbeitet wird. Der mehrfach zitierte Dieter E. Zimmer hat einen ganzen Wortschrottplatz gefunden.47 Einige Beispiele aus seiner Sammlung: Sick Buildung Syndrom, Prêt-à-porter Showdown, Moisture On-Call. Tatsächlich finden sich auch englisch-deutsche Kombinationen, was den Wortschrott nicht edler macht: Bike Fit Aktion, EasyFit-Zuschlag, Summer Oldies Gala, OsterIntensivWorkshop. Auch Regeln der Rechtschreibung sind hier außer Kraft gesetzt. In unzähligen Werbeanzeigen, Werbetexten, Werbesendungen, Unternehmensbezeichnungen, Produktbezeichnungen, Produktbeschreibungen, Gebrauchsanweisungen springt der überwiegend aus dem Englischen genommene und zusammengezimmerte Wortschrott ins Auge. Gewiss sind diese Wortschöpfungen nicht von Dauer. Ihre Masse aber und ihre öffentliche Präsenz sind der Sprachkultur nicht förderlich.
English only?
Die deutsche Sprache als System können die Anglizismen zwar stören, aber nicht zerstören. Riskanter ist ein anderes Phänomen, nämlich die Einführung des Englischen als vollständige Sprache vor der eigenen Haustür, und nicht mehr nur die Verwendung des Englischen als Steinbruch für Entlehnungen. Eine ganze Reihe von wissenschaftlichen Disziplinen hat diesen Weg bereits beschritten, und ein weiterer Kernbereich unserer Gesellschaft ist ein Vorreiter bei der Einführung des Englischen als allgemeiner Verkehrssprache: die Wirtschaft. Noch gibt es zwar keinen vollständigen Überblick über die Sprachregimes in deutschen Unternehmen; verschiedene Erhebungen erlauben gleichwohl eine Trendaussage.48 Es sind vor allem die international operierenden deutschen Unternehmen, darunter Banken und Anwaltskanzleien, die Englisch als Geschäftssprache eingeführt haben. Die meisten Unternehmen wenden in Deutschland selbst zwar noch Deutsch in unterschiedlichem Umfang an, im Kundengeschäft sowie betriebsintern, sofern kein ausländischer Mitarbeiter anwesend ist, aber in ausländischen Niederlassungen und in grenzüberschreitenden Geschäften wird grundsätzlich in Englisch kommuniziert. Im Allgemeinen werden also Deutsch und Englisch in unterschiedlicher Rangfolge verwendet, wobei das Großunternehmen Siemens das Englische als erste Unternehmenssprache gewählt hat, Deutsch hat nur noch den zweiten Platz. Zwei Unternehmen stechen dabei heraus: die Lufthansa kommuniziert ausschließlich in Englisch, auch in Deutschland.49 Der Autohersteller Porsche hat hingegen als Konzernsprache Deutsch beibehalten, wobei Englisch im internationalen Geschäft verwendet wird, nicht aber in Deutschland.50 Viele Traditionsunternehmen haben auch ihren alten Namen anglisiert, beispielsweise BMW Group, Munich Re, Linde Group, Deutsche Bahn Mobility Network Logistics oder BASF The Chemical Company.51 Das Gesamtbild zeigt bei großen Unternehmen eine starke Stellung der englischen Sprache auf den Führungsebenen, im wichtigen Bereich Forschung und Entwicklung52, im grenzüberschreitenden Handel, in ausländischen Niederlassungen oder ausländischen Tochterfirmen, aber auch, bis auf wenige Ausnahmen, in den Betrieben in Deutschland selbst, sobald ausländische Mitarbeiter einbezogen sind oder sofern es um grenzüberschreitende Arbeits- oder Kundenbeziehungen geht. Deutsch ist oft nur noch Standortsprache. „Das Gros der Firmen folgt der Verenglischung“, schreibt die Süddeutsche Zeitung,53 auch wenn die Erfahrungen von Porsche mit Deutsch als Konzernsprache positiv sind, weil „der Einfallsreichtum der Ingenieure in ihrer Muttersprache am größten ist“.54 Der Trend zum Englischen als dominanter Sprache in Großunternehmen wird auch von der ELAN-Studie der Europäischen Kommission bestätigt.55
Im Bildungswesen ist das Englische ebenfalls auf dem Vormarsch. Englischsprachige Bildungsverläufe sind inzwischen in Deutschland ohne weiteres möglich. Mehrere Hundert englischsprachige Kindergärten sind erste Vorboten einer starken Neigung von Teilen der Elite, Englisch von Anfang an als Zweitsprache ihres Nachwuchses zu verankern, und in Ballungsräumen florieren englischsprachige Privatschulen. Private Business Schools, aber auch internationale Studiengänge an öffentlich-rechtlichen Hochschulen ermöglichen eine bruchlose Fortsetzung des englischsprachigen Bildungswegs. Englisch ist die am meisten gelernte Fremdsprache in Deutschland, Österreich, Liechtenstein, der Schweiz, Luxemburg, Ostbelgien, Südtirol. „Englisch gewinnt auch innerhalb der deutschsprachigen Staaten an Boden“, so Ulrich Ammon.56
Ich sitze am Tisch mit mehreren Paaren in einer offiziellen Runde. Die ausländische Gattin eines hohen Beamten spricht nur Englisch mit mir. Seit wann sie in Deutschland wohne? Seit acht Jahren; aber es sei fantastisch, dass man in Deutschland problemlos mit Englisch überall durchkomme; sie habe Deutsch immer noch nicht lernen müssen; die Kinder gingen in einen englischsprachigen Kindergarten, der älteste sei auf einem englischsprachigen Gymnasium. So sprechen wir also Englisch und auch etwas Französisch miteinander. Ich muss länger über das Gespräch nachdenken, und so kommen mir Fragen: Was sie wohl zu den afghanischen, pakistanischen und türkischen Zuwandererkindern in unseren öffentlichen Schulen sagen würde, in Schulen, vor denen sie ihre Kinder bewahren zu müssen meinte? Sollen sie auch kein Deutsch lernen?
Domänenverlust und seine Folgen
Dass sich das Englische weltweit als Verkehrssprache immer stärker verankert, steht jedem vor Augen. Im internationalen Austausch, im Handel, in den politischen Organisationen, in der Diplomatie, im Tourismus, in den Wissenschaften, in der Populärkultur – überall verdrängt das Englische die wenigen Konkurrenzsprachen, die noch grenzüberschreitend gesprochen werden. Unter den international verbreiteten Sprachen nimmt das Englische nach der Zahl der Sprecher den dritten Platz ein, hinter Mandarin und Spanisch – wenn man die 320 Millionen Muttersprachler zugrundelegt. Hinzu kommen aber noch 600 Millionen Menschen, die Englisch als Fremdsprache sprechen, sowie eine Milliarde Englischlerner.57
Uns interessiert hier vor allem, wie sich diese weltweite Dominanz des Englischen als lingua franca auf die deutsche Sprache in ihrem Gebrauchswert im eigenen Land auswirkt. Die Sogkraft der lingua franca ist nicht nur in den internationalen Beziehungen, sondern auch in „innerdeutschen“ Angelegenheiten spürbar. Ist sie eine echte Gefahr für die deutsche Sprache?
Der Wert einer Sprache bemisst sich rein praktisch nach ihren Verwendungsmöglichkeiten. Je mehr man an Inhalten in ihr ausdrücken kann, desto nützlicher ist sie. Wenn eine Sprache nicht für alle wichtigen Gegenstandsbereiche taugt, weil ihr die Worte dafür fehlen, spricht man von Gebrauchseinschränkung oder Domänenverlust. Dieser kann sich auf unterschiedliche Weise zeigen. Er tritt ein, wenn ein Gegenstandsbereich gar nicht erst in der Muttersprache vorhanden ist. Oder er tritt ein, wenn die Muttersprache im betreffenden Bereich verdrängt wird, weil eine andere Sprache sich dort durchsetzt. Domänenverlust, Pidginisierung bis hin zum „Sprachentod“, der vor allem viele kleine der rund 6.000 Sprachen bedroht – das sind mögliche Phasen der Veränderung bis hin zum potentiellen Untergang einer Sprache. Das mag übertrieben klingen. Aber durchschnittlich sterben jährlich 25 Sprachen aus.58 Einer Studie der Volkswagen-Stiftung zufolge existiert in hundert Jahren schätzungsweise nur noch die Hälfte der derzeit gesprochenen Sprachen, der Rest wird von den großen Sprachen verdrängt werden.59 Florian Coulmas, der sich als Linguist mit ökonomischen Aspekten der Sprachen befasst hat, beschreibt den Sprachenrückgang ganz nüchtern: „Es geht um Situationen, in denen der Gebrauchswert einer Sprache abnimmt, sodass ihre Sprecher für die Erfüllung ihrer Kommunikationbedürfnisse zusätzlich eine andere, ihnen ursprünglich fremde Sprache heranziehen, deren Verwendungsbereich sie sukzessive auf immer mehr Kommunikationsdomänen ausdehnen, um schließlich ihre ursprüngliche Sprache durch sie zu ersetzen.“60 Historische Beispiele verschiedener Phasen eines solchen Prozesses sind zahlreich, von den Kreolsprachen der karibischen Inseln, die die Kolonialsprachen mit afrikanischen Herkunftssprachen mischen und daraus eine neue Sprache formen, über die der allmählichen Verdrängung der Herkunftssprachen durch die Sprache des Aufnahmelandes bei Auswanderern bis hin zum Sprachentod beispielsweise infolge der „Entdeckung“ Amerikas. In Deutschland selbst, das beispielsweise das Sorbische als Minderheitensprache schützt, haben gleichwohl „viele junge Sorben ohne Zwang, ja gegen die Zweisprachigkeitspolitik, den Wechsel zum Deutschen (…) vollzogen.“61 Andererseits gibt es auch das Gegenteil, nämlich die Revitalisierung einer alten Kultsprache, wie dies beim Hebräischen der Fall war.
Der Begriff des Sprachverfalls hat in der Sprachwissenschaft keinen guten Klang, weil in der öffentlichen Wahrnehmung allzu leicht Sprachwandel mit Sprachverfall gleichgesetzt wird. Wenn also die Konjunktion weil im mündlichen Gebrauch nicht mehr die Endstellung des Verbs nach sich zieht, fürchtet der eine oder andere, das sei das Ende des deutschen Nebensatzes. In offiziellen Texten wird aber nach wie vor die Endstellung des Verbs nach weil verlangt, und in der Schule wird sie auch so gelehrt. Insofern ist die Regel nach der unterordnenden Konjunktion noch in Kraft.
Sprachverfall als Prozess des Niedergangs einer Sprache ist aber nicht grundsätzlich eine Schimäre sprachkritischer Eiferer, sondern Sprachverfall kommt vor. Nüchtern formuliert tritt Sprachverfall erfahrungsgemäß dann ein, wenn die Sprache in immer weniger Bereichen gebraucht wird. Dann kommt es zu „systematischem Verfall von Grammatik und Lexikon.“62 In großen Schriftsprachen, die in Regelwerken festgeschrieben sind, unterrichtet werden und auch überregional verbreitet sind, setzt ein solcher Prozess nur sehr langsam und auch nur in gewissen Bereichen ein, und es ist ungewiss, ob sich daraus langfristig eine Dynamik zur Pidginisierung oder gar Sprachaufgabe entwickelt. Riskant wird es aber, wenn die Sprachgemeinschaft die eigene Sprache nicht mehr in den Bereichen verwenden will, die sie selbst für zukunftsentscheidend hält. Das zeigen die Lebenszyklen kleiner Sprachen. Die selbst herbeigeführte Gebrauchseinschränkung beschleunigt den Prozess des Wechsels zu einer anderen Sprache.
Ein weiteres Maß für den Nutzen einer Sprache ist ihre Verbreitung. Das Gesetz der Sprachverbreitung lautet nach Coulmas sinngemäß so: Je mehr Menschen eine Sprache lernen, desto nützlicher ist sie. Und je nützlicher sie ist, desto mehr Menschen wollen sie lernen. Da das Erlernen einer Sprache etwa 10.000 Stunden Einsatz erfordert, also eine echte Investition ist, sind die überregionalen Sprachen Konkurrenten auf dem Sprachenmarkt. Das Deutsche hat auf diesem Markt in den letzten Jahren bedeutende Anteile an Lernern verloren: von 20 Millionen im Jahr 2000 waren 2010 noch 14 Millionen übriggeblieben – auch wenn sich in der Folge der Staatsschuldenkrise der Trend seit 2012 wieder leicht zugunsten des Deutschen dreht, sodass die Deutsch-Lerner im Jahr 2015 bei 15,4 Millionen liegen.63 Die Verbreitung des Deutschen bleibt also eine drängende Aufgabe, wenn die Sprache ihren Nutzen nicht verlieren soll.
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