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Rödiger Voss
Studi-Coach:Studieren für Anfänger
2., überarbeitete Auflage
UVK Verlagsgesellschaft mbH
Konstanz und München
Über den Autor
Dr. Rödiger Voss ist Wissenschafts- und Karrierecoach sowie Professor für Betriebswirtschaftslehre und Lern- management in Zürich.
Online-Angebote oder elektronische Ausgaben sind erhältlich unter www.utb-shop.de.
Bibliografische Information der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über <http://dnb.ddb.de> abrufbar.
Das Werk einschließlich aller seiner Teile ist urheberrechtlich geschützt. Jede Verwertung außerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlages unzulässig und strafbar. Das gilt insbesondere für Vervielfältigungen, Übersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen.
© UVK Verlagsgesellschaft mbH, Konstanz und München 2016
Lektorat: Rainer Berger
UVK Verlagsgesellschaft mbH
Schützenstraße 24 · 78462 Konstanz
Tel. 07531-9053-0 · Fax 07531-9053-98
www.uvk.de
UTB-Nr. 3773
ISBN 978-3-8252-4499-6
E-ISBN 978-3-8463-3773-8
eBook-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
www.brocom.de
Vorwort
Ein Blick zurück
Die Studienzeit ist eine ganz besondere Zeit im Leben, an die ich mich noch gerne zurückerinnere. Auf der einen Seite genießt man eine Reihe von Freiheiten, auf der anderen Seite übernimmt man mehr Verantwortung als zu Schulzeiten. Viele Studierende ziehen aus dem „Hotel Mama“ aus und stehen auf eigenen Füßen. Aufgrund der zahlreichen Freiheiten und frischen Ansprüche ist es wichtig, Struktur und Pläne zu haben, um den richtigen Studienund auch Lebensweg zu finden. Aus dem Grund habe ich während meiner Studienzeit ausführlich Literatur zu den Themengebieten Lernen und Lerntechniken, Zeitmanagement und Lebensplanung studiert. Ein angemessener Studienratgeber existierte zu dieser Zeit leider nicht. Es standen zwar sehr viele Werke zum wissenschaftlichen Arbeiten, die mich freilich auch sehr interessierten, zur Verfügung, aber eben kein Studi-Coach-Buch. Heutzutage ist diese Lücke zwar weit weniger groß, da ein paar Werke zur Auswahl stehen.
Der Nutzen des Buches
Meiner Analyse nach deckt jedoch keines dieser Werke das ganze Spektrum eines Studi-Coaches in allen relevanten Bereichen ab. Womit ein zentraler Vorteil dieses Werkes angesprochen wird: Hier finden Sie eine besondere Schwerpunktsetzung, die sich von bestehenden Büchern zum Studienerfolg abgrenzt. In komprimierter Form werden Themengebiete wie Selbstmarketing, Lerntechniken, Ernährung angesprochen – mit ihren wichtigsten Aspekten. Auf das Anschaffen von mehreren Büchern kann also getrost verzichtet werden – es sei denn, Sie wollen Ihr Wissen weiter vertiefen. Wenn Sie darauf verzichten, sparen Sie sich viel Lebenszeit, die oft zu spezialisierten Inhalte zu lesen und zu verstehen. Ein Randthema in diesem Buch bleibt lediglich das wissenschaftliche Arbeiten. Dieser Thematik habe ich aufgrund deren Komplexitätsgrades ein eigenes Buch gewidmet (Voss 2014), in dem von der Themenfindung bis zur -präsentation deren ganzer Prozess abgehandelt wird.
Die Lesbarkeit steht im Zentrum
Auf Lesbarkeit und Anwendungsbezug der dargebotenen Sachzusammenhänge wurde hier besonderer Wert gelegt, eine leichte Verständlichkeit steht eindeutig im Mittelpunkt. Daher unterstützen zahlreiche Beispiele, Merkhilfen und Abbildungen das Lesen. Am Anfang eines jeden Kapitels ist zudem noch ein Überblick zu den folgenden Ausführungen und elementaren Lernziele zu finden.
Was mach das Buch zu einem Studi-Coach?
Werfen wir einen kurzen Blick zurück: Seinen Ursprung findet das Wort „Coach“ im Ungarischen, wo im 15. Jahrhundert gut gefederte Kutschen als „kosci“ bezeichnet wurden – also ein Transportmittel, das einen Fahrgast von einem Ort zu einem anderen beförderte. Von Ungarn aus breitete sich der Begriff „Kutsche“ in ganz Europa aus. Im Englischen wurde daraus das Wort „coach“. Englische Studenten übertrugen das Wort „coach“ auf ihre Tutoren, denn diese waren schlicht ein der Kutsche vergleichbares „Fortbewegungsmittel“, um Studierende erfolgreich durch ihr Studium zu befördern. Deshalb taucht der Begriff „Coach“ auch im Sport auf, wo er den Trainer bezeichnet. Bei letzteren Tätigkeiten spielt weniger das örtliche als vielmehr das persönliche Veränderungsinteresse eine Rolle. Genau hier setzt auch das vorliegende Buch an: Sie sollen eine Hilfe für Ihren persönlichen Veränderungsprozess im neuen Lebensabschnitt „Studium“ haben. Auf Ihrem herausfordernden Abenteuer wird dieses Buch zu einem wichtigen Reiseführer.
Das Buch basiert auf Erfahrungen und Schilderungen
Die Erfahrungen und Tipps, die ich Ihnen an die Hand geben will, speisen sich aus meinen eigenen Studienerfahrungen. Es geht zudem meine langjährige Lehr- und Forschungspraxis an Hochschulen (u.a. Universität zu Köln, Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Pädagogische Hochschule Ludwigsburg) und aktuell an der HWZ – Hochschule für Wirtschaft Zürich ein. Im Rahmen der genannten Tätigkeiten habe ich immer wieder aktives Coaching von Studierenden betrieben und eine Reihe von wissenschaftlichen Projekten zu „Anspruchsdenken“, „Problemen“ und „Motivation“ der Studierenden erhoben. In der Lehre unterrichte ich aufgrund meiner Spezialisierung das Fach Lern- und Arbeitstechnik sowie weitere Eingangsinstruktionen für Studierende. Die im Studi-Coach vermittelten Inhalte sind also in der Hochschulpraxis sowohl in der Lehre als auch im Coachingprozess bewährt. Die typischen Probleme und Wünsche der Studierenden wurden mir während der Arbeit mit Studierenden als Dozent und Studiengangleiter besonders bewusst. Um meine Beratungskompetenz zu optimieren, habe ich selbst noch eine entsprechende Coaching-Ausbildung absolviert.
Die Zielgruppe
Alle Studierenden, die ein wissenschaftliches Studium an einer Hochschule beginnen und erfolgreich absolvieren wollen, zählen zur zentralen Zielgruppe dieses Werkes. Sämtliche Themengebiete wurden speziell für Studierende und alle, die es werden wollen, aufbereitet. Die Inhalte und Problemlagen sind auf zahlreiche Studiengänge übertragbar, da sich vergleichbare Situationen in den Studiendisziplinen finden.
Danksagungen
Mein Dank gilt den vielen Studierenden, die durch sinnvolle Tipps und ihre Fragen in Lehrveranstaltungen und Beratungssituationen das Niveau des Werkes steigern konnten. Diese Anregungen sind selbstverständlich auch weiterhin herzlich willkommen. Über die Mitteilung von Erfahrungen und kritischen Hinweisen von Leserinnen und Lesern dieses Werkes würde ich mich ebenso freuen. Schreiben Sie einfach an meine Adresse studi-coach@uvk.de.
Prof. Dr. Rödiger Voss, Zürich im Sommer 2015
Was kommt auf Sie zu?
Der Aufbau des Studi-Coachs
Nach diesem Eingangskapitel werden Eigenschaften und Verhaltensweisen von erfolgreichen Studierenden dargestellt, die aus zahlreichen persönlichen Interviews und wissenschaftlichen Studien abgeleitet wurden. Prüfen Sie also in Form einer Situationsanalyse genau, welche dieser Merkmale Sie aktuell erfüllen: Nur wer sich selbst und vor allem seine Fähigkeiten und Möglichkeiten kennt, weiß auch um seine Studienkompetenz. Kein Problem, wenn Sie nicht alle Kriterien erfüllen. Dafür gibt es ja schließlich den vorliegenden Studi-Coach. Im Anschluss wird das Zeitmanagement thematisiert. Sie werden merken, dass gerade im Studium ein gelungenes Zeitmanagement sehr wichtig ist. In den darauf folgenden Kapiteln geht es um Lern- und Lesestrategien. Seien Sie nicht abgeschreckt von den vielen alternativen Methoden: Studienerfolg bedeutet nicht, alle anwenden zu müssen, sondern die richtige Verbesserungsoption für sich zu wählen. Erfolgreiche Studierende wissen aber über zahlreiche Alternativen Bescheid und können sie bei Bedarf anwenden – ein Zusammenhang, der vielfach bewiesen wurde, wie etwa bei mathematischen Lernstrategien in der Studie von Montaque & Bos (1990). Nicht zu vergessen ist auch der Aspekt der Ordnung, der im Teil der Lern- und Arbeitstechnik integriert ist. Im Volksmund heißt es nicht zu Unrecht „Ordnung ist das halbe Leben“. Im Studium ist dieser Anteil nicht minder hoch. Greifen wir auf eine weitere Weisheit mit lateinischem Ursprung zurück: „In einem gesunden Körper wohnt ein gesunder Geist“. Viele Studierende beherzigen diese Tugend nicht, was sich bereits im Studium negativ auswirken kann. Zudem ist die Gesundheit auch für das zukünftige Wohlbefinden ein wichtiges Gut. Aus dem Grunde wird den Themen Ernährung, Ergonomik, Entspannung sowie Sport und Fitness ein eigenes Kapitel zugestanden. Sämtliche im Studium gewonnenen Kompetenzen bringen Ihnen wenig, wenn Sie diese nicht richtig „verkaufen“ können. Im letzten Kapitel geht es deshalb um die Vermarktung Ihrer Fähigkeiten: Um Marketing und Social Media. Im Anhang des Buches wird auf die Literatur verwiesen. Ist Ihnen im Text ein Wort unklar, dann hilft ein Blick in das Glossar, welches sich ebenfalls am Ende des Buches befindet.
Die Beispiele und Hilfen im Studi-Coach
Sie finden zweierlei Beispieltypen in diesem Werk: Studienbeispiele und Beispiele aus der Forschung. Studienbeispiele sind direkte Praxisfälle aus dem Studienleben. Es handelt sich um selbst erlebte Erfahrungen, von Studenten berichtete Fälle oder allgemeine Praxisproblemlagen. Beispiele aus der Forschung beziehen sich auf Studienergebnisse aus wissenschaftlicher Forschung rund um das Studentenleben sowie auf Forschungsansätze, die direkt darauf zu übertragen sind. Der Punkt Studi-Tipp betitelt Hilfsprogramme (Internetseiten, Software), die Studierende für das Lernen nutzen können. Zudem finden Sie unter diesem Punkt eine Reihe von erprobten Ratschlägen, um Ihr Studienverhalten zu optimieren.
Wie lese ich den Studi-Coach?
Teilweise finden sich Klammern hinter einigen Aussagen. Das bedeutet, dass auf wissenschaftliche Erkenntnisse aus Fachartikeln zurückgegriffen wird, um die entsprechende Aussage zu untermauern. Beispiel: Gerade das Positive zu finden und dadurch Motivation zu gewinnen unterscheidet die erfolgreichen von den erfolglosen Studierenden (Çetingöza & Özkal 2009). Das heißt, Çetingöza & Özkal sind Autoren einer Studie zu der Thematik „Motivation im Studium“, die im Jahr 2009 veröffentlicht wurde. Um dann Genaueres über die Quelle zu erfahren, müssen Sie nur ein paar Seiten weiter hinten zum Literaturverzeichnis blättern. Dort finden sich Informationen zum genauen Titel der Veröffentlichung und zum Erscheinungsort. Wenn Sie die Studie lesen wollen, können Sie sich diese nun leicht besorgen.
Die Lesbarkeit soll durch eine Visualisierung der Inhalte eines jeden Kapitels am Beginn des Kapitels vereinfacht werden. Schauen Sie sich diese Grafik vor dem Lesen und nach dem Lesen des Kapitels an, damit Sie durch diese Eingangsinformation noch besser sensibilisiert für die Inhalte sind. Dem gleichen Zweck dienen die Zielformulierungen am Anfang des Kapitels.
Inhalt
Vorwort
Was kommt auf Sie zu?
1 Mit vorteilhaften Fähigkeiten und Eigenschaften auf die Studienrallye
1.1 Das neue Leben als Studierender
1.2 Nötige Fähigkeiten und Eigenschaften
1.2.1 Proaktiv sein
1.2.2 Selbstkritisch denken
1.2.3 Positiv sehen
1.2.4 Achtung zeigen
1.2.5 Angstfrei agieren
1.2.6 Geplant vorgehen
2 Sich selbst als Mensch und Studierender erkennen
2.1 Ebenen der Selbstfindung
2.2 Lebensaussage ableiten
2.3 Persönliche Vision formulieren
2.4 Persönliche Mission fixieren
2.4.1 Inhalt der Mission
2.4.2 SWOT-Analyse
2.4.3 Fotoalbum der persönlichen Stärken und Schwächen
2.5 Ziele planen
2.5.1 Kriterien bei der Zielformulierung
2.5.2 Stakeholder als Orientierungspunkte
2.5.3 Ziele überprüfen
3 Mit der Zeit und ihrem Management klarkommen
3.1 Informationen zum Zeitmanagement
3.2 Mit Zeitfressern umgehen
3.3 Störungen minimieren
3.3.1 Musik
3.3.2 Raumklima
3.3.3 Beleuchtung
3.4 Mit Methodik die Zeit managen
3.4.1 ALPEN-Methode
3.4.2 Eisenhower-Prinzip
3.4.3 Terminmanagement
3.4.4 Tagesrhythmus managen
4 Mit dem richtigen Lernverhalten zum optimalen Studienerfolg gelangen
4.1 Informationen zur Lernforschung
4.2 Lern- und Arbeitstechniken
4.2.1 Mind-Mapping
4.2.2 Loci-Methode
4.2.3 KaWa©-Technik
4.2.4 Fishbone-Analyse
4.2.5 Wiederholung
4.3 Buchführen
4.3.1 Mitschrift führen
4.3.2 Lerntagebücher anlegen
4.3.3 Ideensammlung gebrauchen
4.4 Arbeit in Lerngruppen
4.4.1 Gruppenorganisation
4.4.2 Arbeitsmethoden in Lerngruppen
4.5 Motivation
4.5.1 Belohnungen setzen
4.5.2 Lächeln
4.5.3 Tiefen managen
4.6 Ordnung
4.6.1 Grundlagen zur Ordnung im Studium
4.6.2 Ablagesysteme
4.6.3 Personal Computer
5 Mit zweckmäßigen Strategien zum erfolgreichen Lesen
5.1 Informationen zum Lesen im Studium
5.2 Lesearten
5.2.1 Kursorisches Lesen
5.2.2 Selektives Lesen
5.2.3 Studierendes Lesen
5.3 Gelesenes festhalten
5.3.1 Textkennzeichnungen
5.3.2 Zusammenfassungen
5.4 Lesebedingungen
5.5 Prüfungen richtig lesen
6 Mit guter Ernährung, Erholung und Fitness die Gesundheit bewusst gestalten
6.1 Informationen zur Ernährung
6.2 Ernährungstipps
6.2.1 Essen und Trinken
6.2.2 Body-Mass-Index
6.2.3 Essverhalten
6.2.4 Trinkverhalten
6.3 Ergonomik
6.4 Entspannung
6.4.1 Pausen
6.4.2 Schlaf
6.5 Sport und Fitness
6.6 Hirndoping
7 Das Selbstmarketing und Image optimal steuern
7.1 Informationen zum Selbstmarketing
7.2 Kontaktmanagement
7.2.1 Das Gegenüber verstehen und wertschätzen
7.2.2 E-Mail-Kommunikation
7.2.3 Umgang mit Kontakten
7.2.4 Kontaktmanagement in mündlichen Prüfungen
7.3 Social-Media-Marketing
7.3.1 Imagepflege
7.3.2 Auswahl der Community
7.3.3 Gesundheitsgefahren
7.4 Qualifikationsbasis erweitern
7.4.1 Praktika
7.4.2 Auslandsstudium
7.4.3 Weiterbildung
7.4.4 Reisen
Glossar und Abkürzungsverzeichnis
Quellen
Internetquellen
Stichwortverzeichnis
1 Mit vorteilhaften Fähigkeiten und Eigenschaften auf die Studienrallye

Zentrale Ziele dieses Kapitels
Ihre Rolle als Studierender einer Hochschule erkennen
Notwendige Fähigkeiten und Eigenschaften für den Studienerfolg kennenlernen
Zum eigenen Study-Leader durch proaktives Verhalten werden
1.1 Das neue Leben als Studierender
Die Hochschule – eine unbekannte Welt
Auf den ersten Blick wirkt eine Hochschule wie eine normale Schule mit viel mehr Schülerinnen und Schülern. Zudem bietet sich die schöne Möglichkeit, sich auf eher wenige Fächer zu begrenzen und diese auch noch relativ frei wählen zu können. Lassen Sie sich davon nicht blenden, Sie kommen in eine veränderte Welt. Es existieren eine Reihe von Unterschieden zwischen Schul- und Hochschulzeit hinsichtlich Stundenplan, Lernstoff, Betreuung und Selbstverantwortung. Fangen wir beim Stundenplan an.
Der Stundenplan ist doch nicht so frei zu gestalten
An Fachhochschulen oder Dualen Hochschulen ist der Stundenplan in der Regel ziemlich genau vorgegeben. Aber auch an Universitäten können Sie nicht alle Fachveranstaltungen beliebig nach Ihren Vorstellungen belegen: Fast alle Studienfächer geben besonders für den Bachelor-Studiengang mehr oder weniger verbindliche Stundenplan-Empfehlungen heraus. Dieser Unterschied zwischen Schule und Hochschule ist aus der Perspektive folglich gar nicht so groß. Nun aber zu sichtbaren Unterschieden: Vergessen Sie den Umfang des Stundenplan von ca. 25–30 Wochenstunden zu Schulzeiten. Lernen an der Hochschule findet zwar auch in den Veranstaltungen statt, aber etwa nur zur Hälfte der Zeit. In der anderen Zeithälfte ist Selbststudium gefragt, d.h. in Bibliotheken oder zu Hause am Schreibtisch.
Es ist viel zu lernen
Der Lernstoff ist zwar im Wesentlichen auf ein Fachgebiet zentriert, aber dieses ist sehr breit angelegt. Des Weiteren bietet sich eine viel größere Stofffülle, weshalb die Prüfungen viel umfangreicher als zu Schulzeiten sind. Um den Einsatz innovativer oder um eine Optimierung alter Lernstrategien kommen Sie als Studierender fast nicht umhin.
Die Betreuung wird minimiert
Klassenlehrer oder Stufenleiter gehören der Vergangenheit an. Viele Informationen werden Ihnen auch nicht wie selbstverständlich von der Hochschule zugestellt, Selbstbeschaffung ist gefragt. An vielen Hochschulen bestehen jedoch Mentoren-Systeme, die Studierenden einen Ansprechpartner zuweisen. Daneben gibt es oft spezielle Studienfachberater, die über die Studienfächer informieren. Der Studierende ist freilich gefragt, deren Meinung auch selbst einzuholen. Die Selbstständigkeit zeigt sich auch in dem eingeschränkten Kontakt zu den Dozierenden. Der Dozent ist eher ein Berater, der nur eingeschränkt zur Verfügung steht. Auf seinem Lehrgebiet ist er in der Regel ein absoluter Experte und weit tiefer spezialisiert als ein Lehrer in der Schule. Dozierende werden Sie in der Regel aber nicht fragen oder kontrollieren, ob Sie in der Vorlesung gewesen sind, ob Sie Ihre Aufgaben gemacht oder ob Sie gelernt haben. Wenn Sie Ihre Leistung in der Prüfung nicht erfüllen, werden Sie eben schlecht benotet.
Noch mehr zur Selbstverantwortung
Der Grad der Selbstständigkeit und Eigenverantwortung ist auch in anderen Bereichen weit höher als zu Schulzeiten. Dazu gehört etwa die sorgsame Vor- und Nachbereitungszeit von Lehrveranstaltungen, wobei Fachbücher und Artikel in Fachzeitschriften gelesen und Übungsaufgaben gelöst werden müssen. Sie scheinen auch sehr viel Ferien (vorlesungsfreie Zeit) an einer Hochschule zu haben. Diese Zeit ist jedoch reserviert für Berufspraktika bzw. Schulpraktika, Prüfungsvorbereitungen, Ferienjobs zur Finanzierung des Studiums oder für die Vorbereitung des nächsten Semesters. Für das Lesen wissenschaftlicher Bücher und Aufsätze benötigt man Zeit und Ruhe, die man während der Vorlesungszeit kaum findet. Studierende, die die vorlesungsfreie Zeit als reine Ferienzeit nutzen, werden im Studium eher schlechter abschneiden und wenige Zusatzqualifikationen (vgl. Kap. 7.4) erwerben. Sie können es schon deutlich herauslesen: Eine umfangreichere, professionellere Arbeitsorganisation ist zum Überleben in der Hochschullandschaft vonnöten.
| Hochschule | breites Fachstudium |
| große Stofffülle | |
| umfangreiches Lernen für Prüfungen | |
| hoher Grad an Selbstständigkeit | |
| großer Anteil des Eigenstudiums | |
| eingeschränkter Kontakt zu Dozenten | |
| viele Informationen müssen selbst beschafft werden |
Tab. 1: Neues Rollenprofil für Studierende an der Hochschule im Überblick
Über den Sinn eines Studiums
Ziel eines Studiums ist nicht die reine Wissensaneignung, sondern die Entwicklung von persönlichen Fähigkeiten wie analytischem und logischem Denken oder mündlicher und schriftlicher Kommunikation. Man verwendet in diesem Zusammenhang auch das Wort Kompetenz. Eine Kompetenz eignet man sich z.B. durch intensives Training an. Mit einem Studium erweitert man seine Handlungskompetenz (vgl. Abb. 1), indem man seine Fach-, Methoden-, Human- und Sozialkompetenz verbessert. Während in früheren Zeiten ein besonderes Augenmerk auf fachliche Kompetenzen gelegt wurde, ist heutzutage unumstritten, dass Wissen in vielen Studiengängen sehr kurzlebig ist. Es ist durch Training on the job oder durch Weiterbildung situationsentsprechend zu aktualisieren. Ein Studium ist keine pure Fachausbildung, sondern führt zur Bildung einer sozial kompetenten, erfahrenen und gefestigten Persönlichkeit. Die erworbene Handlungskompetenz befähigt zur Ausfüllung eines Jobs sowie zur Lebensführung.

Abb. 1: Im Studium angesprochene Kompetenzen
Kompetenzen Schritt für Schritt ausbauen
Man kommt nicht ganz ungerüstet an eine Hochschule. Sie haben bereits eine Schullaufbahn absolviert und eine Reihe von Kompetenzen erworben, die im Studium reaktiviert werden müssen. Im Erststudium und den darauf folgenden Aus- und Weiterbildungen werden die Kompetenzen Schritt für Schritt angereichert, das eigene Handlungsspektrum wird infolgedessen wesentlich erhöht (vgl. Abb. 2). Selbstverständlich geht im Studienprozess auch einiges wieder verloren, wie ein Teil des tiefen Fachwissens. Vor allem die Methoden- und Persönlichkeitskompetenz werden jedoch stetig erweitert.

Abb. 2: Ausbau der Handlungskompetenz im Studienverlauf
1.2 Nötige Fähigkeiten und Eigenschaften
1.2.1 Proaktiv sein
Was macht proaktives Denken aus?
Proaktiv sein bedeutet, selbst die Verantwortung für sein Leben zu tragen. Dahinter steckt die Erkenntnis, dass unsere Gedanken über all unsere Aktionen, unsere Fähigkeiten, unsere Beziehungen zu anderen Menschen und unsere Motivation bestimmen. Wir haben glücklicherweise die Freiheit, Dinge zu tun oder zu lassen, solange wir nicht grob gegen rechtliche oder moralische Regeln verstoßen.
Study-Leader durch proaktives Verhalten
Proaktive Studierende konzentrieren sich auf Momente im Studium, die sie beeinflussen können, sowie darauf, sich an gewissen Vorgaben der Hochschule zu orientieren und diese pflichtgemäß einzuhalten und kreativ auszufüllen. Sie werden zu ihrem eigenen Study-Leader und entwickeln ihre „studentische Identität“ – sie designen ihr eigenes Studium. Das schließt eine lebendige, selbst forschende und erkundigende Lebenseinstellung ein. Sie sind kein passiver Konsument in einer Lehrveranstaltung, sondern hinterfragen die Lehrinhalte und arbeiten diese aktiv nach. Aktives Mitarbeiten in Lehrveranstaltungen steigert die Aufmerksamkeit und damit den Lernerfolg. Eine proaktive Einstellung umfasst auch die Offenheit, neue Lern- und Lesemethoden (vgl. Kap. 4 und 5) auszuprobieren und diese genau auf die Anwendbarkeit im eigenen Studienleben zu bewerten, um für kommende Aufgaben gut gerüstet zu sein.

Abb. 3: Proaktives versus reaktives Verhalten
Herausforderungen suchen, heißt proaktiv sein
Ein Studium sollte nicht als bloße Pflichtaufgabe angesehen werden. Vielmehr sollte es als Herausforderung, mit der man persönlich reift, betrachtet werden. Durch diese Sichtweise kann Ihr Selbstbewusstsein Schritt für Schritt weiter wachsen: Reaktive Formulierungen wie „hätte ich nur“, „ich kann nicht“ oder „so bin ich eben“ sind in dieser proaktiven Sichtweise hinderlich. Stattdessen werden Sie selbst tätig, um die Herausforderungen im Studium und Leben allgemein zu bewältigen und dabei für weitere, noch an-spruchsvollere Aufgaben zu lernen. Dieser Zusammenhang sollte auch in Sätzen ausgedrückt werden: „ich will…“ oder „ich kann…“. Nicht ein potenzielles Versagen sollte also Bezugspunkt des Denkens sein, sondern ein erfolgreiches Erledigen der Aufgaben. Proaktive Studierende verbessern mit Durchhaltewillen, auch in Motivationstiefs, ihre Leistung, z.B. durch umfangreiche Wiederholungen des Lernstoffs.
Studi-Tipp: Glauben Sie an sich selbst
Zeigen Sie immer wieder Ihre Hartnäckigkeit und den Glauben an sich selbst und Ihr Studium. Das bedeutet, nach einem eher erfolglosen Tag den nächsten Tag mit Elan anzugehen. Beantworten Sie die Frage, wie Sie den Tag optimal gestalten können und was Sie an diesem Tag konkret weiterbringt. Falls Sie sich dazu temporär zu schwach fühlen, suchen Sie sich Hilfe, um aus einem etwaigen Stimmungstief zu kommen.
Studi-Tipp: Aufschieberitis nicht zulassen
Sie sind mit dem linken Fuß aufgestanden und das Wetter ist ach so schön. Aus dem Grund haben Sie im Gefühl: „lernen bringt heute eh nichts“. Vorsicht: Infizieren Sie sich nicht mit der Krankheit Aufschieberitis. Gerade ab dem zweiten Studiensemester kommen solche oder vergleichbare Gedanken immer mal wieder vor, da der Einstiegselan des ersten Semesters etwas verflogen ist. Üben Sie sich dennoch in Selbstdisziplin und setzen Sie sich trotz der offensichtlichen Demotivation an Ihren Schreibtisch oder gehen Sie in die Bibliothek. Kurbeln Sie dann mit einer leichten Aufgabe den Lernprozess an, um in den Lernstoff reinzukommen. Eine weniger produktive ist besser als gar keine Lernstunde. Mit der Zeit wird Ihre Selbstdisziplin immer weiter perfektioniert und Sie finden immer besser die Motivation zum Lernen.
Studi-Tipp: Motivation steigern
Wenn Sie einmal nicht richtig in den Gang kommen, können Sie mit Freunden wetten, dass Sie die eine oder andere Aufgabe erfolgreich angehen und lösen werden. Den Wetteinsatz kann man mit einer Belohnung für sich selbst verbinden, dann ist die Motivation optimal angeregt.
Abb. 4: Proaktive und reaktive Sprachmuster
1.2.2 Selbstkritisch denken
Die Schuld nicht immer bei anderen suchen
Sie gestalten Ihre Umwelt weitest möglich mit. Statt die Verantwortung immer nur bei anderen zu suchen oder sich zu beklagen, fangen Sie bei sich selbst an. Weist man die Schuld immer einseitig einem anderen zu, z.B. einem Dozierenden wegen einer schlechten Note, vergibt man ein Stück Kontrolle über sich. Schwächere Studierende machen oft den Fehler, zu wenig kritisch mit ihrer eigenen Leistung zu sein (Halbach 2000). Bessere Studierende sehen ihre guten Leistungen kritisch und versuchen stetig, Verbesserungspotenziale abzuleiten. Das heißt nicht, dass man alles schlecht oder überkritisch sehen sollte. Vielmehr ist eine normal kritische Selbstanalyse angesprochen. Auch offensichtliche Fehler bei der Notengebung (z.B. fehlerhafte Addition von Punkten) eines Dozierenden sollen selbstverständlich reklamiert werden.
Fehler als Reflexionsanreiz
Fehler sollten als Ansporn zur Verbesserung gesehen werden, denn Irren ist menschlich. Das perfekte Studium und der perfekte, fehlerlose Studienweg, bei dem nichts schief geht, existiert schließlich nicht. Sich einer solchen Illusion hinzugeben, bindet nur unnötig Energie und Kraft. Studieren trägt, wie das reale Leben, immer ein Stück Unvollkommenheit und Probleme in sich. Wo wäre sonst der Reiz? Ecken und Kanten gilt es zu akzeptieren und bestmöglich damit umzugehen, indem man daraus lernt und vermeidet, den gleichen Fehler mehrfach zu wiederholen. Wichtig ist es also, die Schwachstellen zu identifizieren und anzugehen.
1.2.3 Positiv sehen
Negative Sichtweisen schränken ein
Es bringt wenig, negativ über das Studium und die sich daraus ergebenden Möglichkeiten zu denken. Gerade das Positive zu finden und dadurch Motivation zu gewinnen, unterscheidet die erfolgreichen von den erfolglosen Studierenden (Çetingöza & Özkal 2009). Emotionen wie Ärger und Frust sind Hauptgründe für Versagen und Unzufriedenheit und rauben die Studienfreude. Aversionen gegen bestimmte Fächer („Statistik habe ich schon immer gehasst“) oder Dozierende („Der Idiot kritisiert immer nur“) sind kontraproduktiv. Auch im Beruf und übrigen Leben muss man mit Dingen umgehen, die einem auf den ersten Blick weniger sympathisch erscheinen. Von Bedeutung ist also, eine positive Grundstimmung zu gewinnen.
Nutzen identifizieren
Es ist sinnvoll, selbst in den „unbeliebten“ Fächern einen Nutzen zu identifizieren und sich ihnen emotional zu öffnen. Stellen Sie sich z.B. die Frage: „Was kann dieses Fach für meinen aktuellen oder potenziellen Beruf bringen?“ oder „Welche neue Kompetenzen kann ich durch das Fach erlangen?“ Anregungen eines Dozierenden können Sie gut als Chance für Ihre persönliche Entwicklung interpretieren. Schreiben Sie seine Kritik nieder und leiten Sie sofort Verbesserungsmaßnahmen daraus ab. Das positive Element kann auch indirekt gesucht werden: „Freunden imponieren“, „Dozierende für sich begeistern“ oder „ein Fach und seine Prüfung für seinen späteren Traumjob bestehen“. Wenn Sie nicht sofort für jedes Fach einen Nutzen herausfinden, schalten Sie Ihre Gefühle am besten in eine Art Standby-Modus, bevor eine Abneigung aufkommt. Ein Nutzen kristallisiert sich in vielen Fällen erst heraus, wenn Sie das Fach näher kennengelernt und verstanden haben.
Studi-Tipp: Positiven Nutzen suchen
Sie sind kein Fan des Fachs „Wissenschaftliches Arbeiten“, weil Zitierregeln und Literaturangaben einfach nur langweilen. Auch für ein kleines Forschungsprojekt in einer Arbeitsgruppe finden Sie kein großes Interesse. Suchen Sie einen positiven Nutzen. Denken Sie z.B. daran, dass in vielen Jobs das Arbeiten in Projektgruppen ein wichtiger Bestandteil ist. Denken Sie auch daran, dass eben diese Genauigkeit bei vielen Tätigkeiten strikt gefordert ist und man durch wissenschaftliches Arbeiten (z.B. exakte Zitierweise oder Literaturangaben) darin trainiert wird.
Studi-Tipp: Einen motivierenden Ansatz suchen
Sie hassen die Mathematik, die Sie für Ihr Studium brauchen. Alle Formeln sind für Sie böhmische Dörfer. Leider ist das Bestehen der Prüfung für den weiteren Studienweg entscheidend. Suchen Sie einen motivierenden Ansatz: Im Studium ist es wichtig, die Konzentration zu schulen und dies können Sie durch das Lernen und Analysieren der Formeln sicher. Zugleich trainieren Sie logisches und abstraktes Denken – auch eine elementare Voraussetzung für einen erfolgreichen Studien- und Berufsweg.
Wie finde ich das Positive sonst noch?
Suchen Sie bei anderen: Beobachten und befragen Sie z.B. Ihre Kommilitonen und Dozierenden, um das positive Element in den Fächern zu identifizieren und lassen Sie sich gegebenenfalls von deren Begeisterung anstecken. Durch deren positive Sichtweise schwört man auch keine bösen Geister herauf. Man umgeht, negative, sich selbst erfüllende Prophezeiungen hervorzurufen. Bei Letzteren handelt es sich um Annahmen oder Vorurteile, die rein aus der Gegebenheit heraus, dass sie gesetzt wurden, das vorhergesagte Ereignis zur Wirklichkeit werden lassen. Die Richtigkeit der negativen Grundannahme wird somit bestätigt (Merton 1948).
Studienbeispiel
Sie sind fest davon überzeugt, dass ein Dozierender Sie nicht besonders schätzt. Aus dem Grund werden Sie ihm gegenüber misstrauisch und respektlos, was sich in einem schlech-ten Verhalten (z.B. ins Wort fallen) zeigt. Durch Ihre Taten rufen Sie beim Dozierenden eventuell jene Geringschätzung hervor, die Ihrer im Vorhinein getroffenen Annahme entspricht. Er denkt über Sie „Mensch, hat der eine schlechte Kinderstube“.
1.2.4 Achtung zeigen
Fehlende Achtung kostet Kontakte
Mangelnde Achtung vor anderen Meinungen und Personen schränkt die eigene mentale Freiheit ein. Urteilen Sie im Studium z.B. nicht immer kritisch über Kommilitonen („Der hat die gute Note nicht verdient, weil der dumm ist“) oder Dozierende („Der sollte einmal richtig sprechen lernen“). Die Urteile rufen bei Ihnen negative Gefühle hervor und verursachen Stress. Zudem beeinträchtigen Sie Ihre Fähigkeit zum sozialen Kontakt, weil man mit jemandem, den man gedanklich herabwürdigt, wenig oder nichts zu tun haben will. Man mindert also seine eigene Kontaktfähigkeit durch sein negatives Denken.
Urteilsfreie Individuen sind glücklicher
Sinnvoller ist es, mit anderen auch in seinen eigenen Werturteilen achtsam umzugehen. Ein solcher Ansatz entspricht nicht nur dem Kontext buddhistischer Lehre von Befreiung und Erleuchtung, sondern wird auch von einer Reihe westlicher Psychologen verfolgt. Kabat-Zinn (2003) spricht in diesem Zusammenhang von einer „nicht-urteilenden Qualität“ beim Umgang mit ablehnenden Gedanken: Nicht-urteilende Individuen treffen Entscheidungen mit größerer Klarheit, sind effektiver im Handeln und fühlen sich glücklicher als urteilende. Negative Gefühle werden durch die Würdigung von anderen Leistungen vermieden. Wer Achtsamkeit praktiziert, lernt auch, Erlebnisse mit anderen zu erleben, ohne sie unmittelbar in existierende negative Eindrücke einzufügen und mit früheren Erfahrungen zu verknüpfen. Dies eröffnet eine größere Offenheit gegenüber neuen Situationen und positiven Erlebnissen.
1.2.5 Angstfrei agieren
Angst macht im Kopf unfrei
Angst wirkt negativ auf das Leistungsverhalten, z.B. wenn Sie sich vor Prüfungssituationen zu viele Gedanken hinsichtlich der späteren Leistungsbewertung oder eines möglichen Versagens machen. Die Angst wird schnell zu Ihrem stetigen Begleiter – auf dem Weg zum Hörsaal, mittags in der Mensa oder abends im Bett. Infolge dieser Besorgtheit wird ein beträchtlicher Anteil Ihrer Aufmerksamkeit gebunden. Ihre Denkprozesse konzentrieren sich darauf, Alternativen zu suchen, um der Angst zu entkommen. Diese Aufmerksamkeit kann dann nicht für die Aufnahme von neuem Lernstoff verwendet werden. Daher kommt es zu einer Einschränkung der Leistungsaufnahme und einer schlechteren Speicherung der Eindrücke im Gedächtnis.
Angst führt zum Aufschieben
Angst ist ebenfalls ein Auslöser der bereits genannten Aufschieberitis (vgl. Kap. 1.2.1), also dem Verschieben von Abgabeterminen. Durch Versagens- und Bewertungsangst traut man sich nicht, eine Prüfung abzugeben. Hinter den negativen Gefühlen steckt in vielen Fällen die Angst vor den Folgen des Versagens, wie z.B. Gesichtsverlust oder Spott. Das Wichtigste ist, dass Sie sich klarmachen, dass es immer wieder Optionen im Studien- und im ganzen Leben gibt und nichts endgültig ist.
Studi-Tipp: Ohne Angst in Prüfungen gehen
Nehmen Sie sich selbst Ängste vor dem Durchfallen bei Prüfungen. Sagen Sie sich, dass Sie es schaffen und wenn Sie es nicht schaffen, dann wiederholen Sie die Prüfung zu einem späteren Zeitpunkt mit besseren Kenntnissen. Lernen Sie noch etwas intensiver, vielleicht haben Sie sich einfach nur überschätzt.
Studi-Tipp: Sag nein zu Kaffee und Co
Schränken Sie den Konsum von „Aufputschmitteln“ wie Kaffee, Energydrinks usw. am Tag der Prüfung und den Tagen davor etwas ein. Diese Mittel können die Nervosität und damit auch die Angst steigern, weil sie den Kreislauf in Schwung bringen. Trinken Sie an den Tagen lieber Mineralwasser, ungezuckerten Kräutertee oder einen Fruchtsaftmix.
Studi-Tipp: Inneres Schnattermaul zum Schweigen bringen
Auch bei der Angstüberwindung heißt es wieder „proaktiv sein“. Sobald Sie spüren, dass das innere Schnattermaul im Kopf sich bemerkbar macht und versucht, negative Stimmung und daraus folgend Prüfungsangst zu verbreiten, schreien Sie in Ihren Gedanken: „Halt Ruhe! Du nervst!“. Ein solches Vorgehen ist ein erster Schritt in Richtung einer „Gedankenumkehr“ von dekonstruktiven in konstruktive Gedanken.
Negative Verbindung bleibt
Ein weiteres Problem ist, dass beim Lernen unter Angst das negative Gefühl automatisch von unserem Gehirn mitgespeichert wird (Spitzer 2006) und bei späterem Erinnern wieder hervortritt. Den gleichen Effekt wie Angst hat übrigens Ärger und speziell aufgestauter Ärger. Erneut wird die Aufmerksamkeit durch den direkt verspürten Ärger und das hartnäckige Erinnern daran gebunden. Es ist also sinnvoll, seine negativen Gefühle zu erfassen und Maßnahmen einzuleiten, um sie zu eliminieren. Um z.B. Ärger und auch Angst zu verarbeiten, empfiehlt sich Ablenkung, die in Sport oder Relaxen liegen kann (vgl. Kap. 6.5). In besonders extremen Fällen von Angst und Ärger, die die ganze Studienleistung negativ beeinflussen, reicht dies aber nicht mehr aus. Bei diesen Gegebenheiten können ein Arzt oder Psychologe sowie psychologische Beratungsstellen der Hochschule helfen und durch empfohlene Maßnahmen den Umgang mit den negativen und sehr belastenden Emotionen verbessern.
1.2.6 Geplant vorgehen
Ziele als Erfolgsfaktoren
Zielformulierungen und Planung des Studiums sind wichtige Erfolgsgaranten für ein Studium, denn sie bringen den inneren Antrieb in Schwung. Voraussetzung für das Ableiten von Zielen und Zeitplänen ist die Erfassung seiner Fähigkeiten sowie die Abschätzung der Umweltfaktoren (Meltzer, Katzir-Cohen & Miller 2001). Mit wenigen Minuten täglicher Planung sind schnell viele Stunden Zeit zu sparen. Vergessen Sie nicht, dass erneut Hartnäckigkeit und Selbstdisziplin Wegbegleiter sein müssen, denn die Ziele müssen im positiven Sinn abgearbeitet werden. Aufgrund der besonderen Relevanz des Zeitmanagements (vgl. Kap. 3) und der Persönlichkeitseinschätzung und Zielplanung (vgl. Kap. 2) ist den beiden Themenbereichen jeweils ein eigenes Kapitel in diesem Buch gewidmet.
Ordnung ist unverzichtbar im Studienleben
Ein effizientes Studium ist alles andere als ungeordnet. Zur Ordnung gehören aber nicht nur Ziele oder Zeitmanagement, sondern auch Maßnahmen wie richtiges Abheften und eine sinnvolle Struktur auf dem PC. Lesen Sie das Kapitel 4.6, um dazu einen umfassenderen Einblick zu erlangen.
2 Sich selbst als Mensch und Studierender erkennen

Zentrale Ziele dieses Kapitels
Sich seiner selbst als Studierender bewusst werden
Eine Vision und Mission schriftlich fixieren
Faktoren des Glücks vergegenwärtigen
Stärken und Schwächen formulieren und reflektieren
Studienziele ausarbeiten
2.1 Ebenen der Selbstfindung
Das Glück steht im Zentrum
Ziel eines jeden Menschen ist es letztendlich, sein persönliches Lebensglück und seine innere Zufriedenheit zu finden. Diese Gründe bewegen dazu, ein Studium zu beginnen: Man hält sich für qualifiziert und möchte seine Qualifikationsbasis weiter ausbauen, um das zu erreichen, was man für sich erwartet und für sich angemessen hält. Man versucht, Stück für Stück sein Glück zu finden und zu erhalten. In dem Fall kann man richtig genießen, was man bekommt. Die Amerikaner hielten das Streben nach Glück sogar für so unverzichtbar, dass sie es am 4. Juli 1776 als Menschenrecht in ihrer Unabhängigkeitserklärung verankerten. Nun aber zurück zum Studium: Glücksempfinden ist auch im Studium etwas sehr persönliches; jedes Individuum versteht darunter etwas anderes. Der eine empfindet ein starkes Glücksgefühl, wenn er an einem schönen Morgen durch den Park zur Hochschule fährt und dabei die frische Luft einatmet. Andere mögen bei solchen Fahrten eher indifferent sein und das A und O für ihr Glück im Studienerfolg – sprich guten Noten – spüren. Vergessen Sie bei all dem Erfolgsstreben und den materiellen Zielen nicht, dass diese lediglich ein Teil des großen „Glückskuchen“ sind. Werfen wir einen Blick auf die Forschung.
Beispiel aus der Forschung
Die Glücksforschung (Layard 2005) hat sechs zentrale Glücksfaktoren identifiziert:
familiäres und soziales Umfeld (teils auch als einzelne Faktoren aufgeführt)
befriedigende Arbeit (auch Studium)
Gesundheit
persönliche Freiheit
Lebensphilosophie (Religion) und
finanzielle Lage (Einkommen).
Die materielle Lage und ein befriedigendes Studium wurden ja bereits oben angesprochen. Vor allem zwischenmenschliche Beziehungen zu Familienmitgliedern oder zu Studienkollegen sind sehr wertvoll für unser Glücksempfinden. Die Kontakte geben uns Austausch, Abwechslung und Lebensfreude. Dem Entwurf einer Lebensaussage, die sich neben persönlichen Wünschen auch am Gemeinwohl orientiert, wird ebenfalls eine starke Wirkung auf das Glücksempfinden attestiert. Es bringt uns einfach Sinn in das Leben. Aus dem Grund können Sie sich gleich anschließend in Kapitel 2.2 an diese Aufgabe machen. Die Gesundheit (vgl. Kap. 6) rückt besonders in älteren Jahren oder bei eigenen nachhaltig erlebten Krankheitsfällen ins Zentrum. Die persönliche Freiheit ist wesentlich für unser Selbstwertgefühl. Jeder Mensch erfährt zwar immer einen Grad der Fremdbestimmung, die Einengung darf jedoch nicht als zu groß wahrgenommen werden.

Abb. 5: Glücksfaktoren während der Studienzeit
Die eigene Lebensperspektive finden
In einer Lebensphilosophie steht das Glück in der Regel an oberster Stelle. Es ist aber ein grobes, wenig exakt umschriebenes Element. Auch sagt es wenig über die Lebensaussage allgemein aus. Es sind also Vorstellungen und Wünsche zu benennen, die man erreichen will. Um diese zu identifizieren, muss man sein Leben, seine Wünsche und das, was dahinter steckt, genau analysieren. Nur, wer ein Verständnis für seine eigene Persönlichkeit gewinnt, d.h. sich selbst und seine Werte erkennt, kann ein Persönlichkeitsmanagement entwickeln, indem er Ziele definiert, die ihn wirklich motivieren. Aus der Analyse seiner Werte erfolgt eine Vergabe von Lebensprioritäten.
2.2 Lebensaussage ableiten
Die Bezugspunkte finden
Jeder Mensch hat im Leben seine eigene spezifische Lebensaufgabe oder Berufung, auch wenn er sich dieser nicht zu jedem Zeitpunkt 100-prozentig bewusst ist. Die Grundidee wäre, schon am Anfang des Handelns das Ende im Sinn zu haben, indem Sie eine Aussage über das persönliche Leben oder eine eigene Philosophie schaffen. Diese Aussage legt fest, was Sie sein wollen und auf welchen Prinzipien Ihr Handeln beruht. Entwerfen Sie Ihre Lebensaussage spätestens anfangs Ihres Studiums, wenn Sie bis dahin noch nicht existiert. Am besten können Sie die Aussage formulieren, wenn Sie aus einer imaginären späteren Lebensposition einen Blick zurück werfen würden. Im Extremen wäre das Ende Ihres Lebens der Ausgangspunkt für den Entwurf der Aussage. Wem dies zu weit geht und Sie keinen Bezug zu dieser Situation finden oder sich unwohl fühlen, dann wählen Sie z.B. Ihre Studienabschlussfeier als Bezugspunkt oder schreiben Sie einen Lebenslauf zu einem fiktiven Zeitpunkt, der in der Ferne liegt. Wenn Sie eine dieser Situationen durchgehen, schaffen Sie eine gute Grundlage, um einen Schritt weiterzugehen und eine fixierte Vision und Mission abzuleiten. Wählen Sie einen der drei folgenden Bezugspunkte aus:
Bezugspunkt 1: Die Beerdigung
Es ist ganz einfach, klingt aber gleichzeitig etwas makaber: Stellen Sie sich Ihre eigene Beerdigung vor, die Sie beobachten können. Dabei sollen ein Studien-, ein Arbeitskollege, ein Vorgesetzter und Ihr Partner etwas über Ihr Leben aussagen. Welche Persönlichkeit und Eigenschaften sollen die Redner charakterisieren? An welche zentralen Leistungen soll in den Reden erinnert werden? Arbeiten Sie Ihre Lebensaussage aus den gewünschten Formulierungen heraus. Was soll Sie am Ende Ihres Lebens im Kern ausgemacht haben?
Bezugspunkt 2: Die Abschlussfeier
Denken Sie an Ihre potenzielle Studienabschlussfeier. An diesem Abend soll ein Dozierender, ein Studienkollege, Ihre Eltern und Ihr Lebenspartner das Wort kurz ergreifen. Die Fragen werden ganz ähnlich wie im obigen Fall der Beerdigung sein: Über welche Erlebnisse werden Sie berichten? Was werden die Anwesenden über Ihre Fähigkeiten und Ihren potenziellen Arbeitgeber sagen? Worauf werden Ihre Eltern besonders stolz sein? Über welche lustigen Ereignisse soll berichtet werden? Wie schätzen Sie sich an diesem Tag ein, worauf wollen Sie gerne zurückblicken? Was wollen Sie bis dahin unbedingt im Studium erlebt haben?
Bezugspunkt 3: Lebenslauf im Jahr 20XX
Sie wählen ein Jahr, das weit in der Zukunft liegt, und schreiben auf, was Sie in dieser Zeit erreicht haben wollen. Problematisch ist bei dieser Betrachtung, dass Sie sich etwas zu sehr auf die Karriere orientieren und das Soziale etwas aus dem Auge verlieren könnten. Beachten Sie, dass Sie nicht den ganzen Lebenslauf füllen müssen, sondern auch einzelne Fragen ausschließen können. Füllen Sie Tabelle 2 nach Ihren Wünschen aus.
Lebenslauf im Jahr 20XX
Wohnort, Familienstand, Kinder
Wo wollen Sie einmal leben?
Wollen Sie dort in einer Partnerschaft leben?
Wie viele Kinder wünschen Sie sich?
Studium
Was wollen Sie studiert haben?
Ist ein Auslandsstudium vorhanden? Wo?
Welche Studienschwerpunkte waren vorhanden?
In welchem Zeitraum lag das Studium?
Berufliche Daten
Welche Arbeitgeber stehen dort?
Wie lange war man bei einzelnen Arbeitgebern beschäftigt?
Zusatzqualifikationen
Welche Sprachen sprechen Sie? Und wie gut?
Welche Ausbildungen haben Sie gemacht?
Welche Weiterbildungen haben Sie neben dem Studium erlangt?
Engagement und Hobbys
Welche Vereinsmitgliedschaften bestehen?
Was sind Ihre zentralen Freizeitaktivitäten?
Führen Sie ein Ehrenamt aus?
Tab. 2: Fiktiver Lebenslauf im Jahr 20XX
2.3 Persönliche Vision formulieren
Die Visionen weisen den Weg
Eine Vision bildet die stabile Basis für Ihr Studienleben und steht in enger Verbindung zu Ihrer Lebensaussage (vgl. Kap. 2.2). Sie ist eine schriftlich fixierte intensive Vorstellung davon, wie es am Ziel sein soll – zur Zeit der Formulierung also ein Traum. Damit liefert die Vision Orientierung, Kraft, Energie, Freude im Studium und ist ein roter Faden, an dem man sich orientieren kann. Sie wird zum Wegweiser in bewegten Studienzeiten und bei der Ausarbeitung von Studienzielen. Die persönliche Vision ist absolut individuell und begleitet Sie Ihr ganzes Studium und überdauert auch die Zeit danach. Sie ist der große Überbau und damit auch von Bedeutung für unser Gehirn, das nach Vernetzung und Struktur sucht (vgl. Kap. 4.1). Um die Vision kann gut ein Strukturnetz gesponnen werden. Im Gegensatz zur Lebensaussage ist die Vision weniger weitreichend und umfasst meist einen Zeitraum von höchstens zehn Jahren. Aus diesem Grund ist eine Lebensaussage eine gute Basis für die weniger weitgehende Formulierung einer Vision.

Abb. 6: Formulierung einer Vision
Studienbeispiel
Ich möchte als Berufsschullehrer Jugendliche auf ihrem weiteren beruflichen und privaten Lebensweg unterstützen, in-dem ich ihnen Wissen und gesellschaftliche Werte vermittle.
Durch diese Tätigkeit leiste ich einen Beitrag für das Fortkommen der Gesellschaft.
Was hält von der Formulierung einer Vision ab?
Gerne wird das Zeitargument als beliebter Entschuldigungsgrund vorgeschoben: „So viel Nachdenken kostet doch Unmengen meiner wichtigen Zeit.“ Oder man hält den Ansatz von vornherein für Unfug, der so oder so nicht oder nur sehr schwer erreichbar ist. Durch solch eine Verhaltensweise ist man primär reaktiv und verkennt die Kraft, die eine Vision vermittelt. Ein gerne aufkommendes Problem ist auch, dass man nach einiger Zeit erkennt, dass die Vision sehr „weit weg ist“ und nicht erreichbar erscheint. In diesem Fall ist die Lösung einfach: Wenn Sie eine sehr ambitionierte Vision formuliert haben, betrachten Sie diese einfach als Stern. Man kann diesen wohl nicht erreichen, aber man kann sich an ihm gut orientieren. Notfalls können Sie selbstverständlich auch Ihre Vision umformulieren. Machen Sie sich immer deutlich: Eine Vision ist als Vorgabe für Ihre Studienmission und Ihre Studienziele wichtig.

Abb. 7: Die Vision steht im Zentrum
2.4 Persönliche Mission fixieren
2.4.1 Inhalt der Mission
Eine Mission dient der Veranschaulichung
Eine Mission beleuchtet den Studien- und Lebenszweck, d.h. die aktuelle und zukünftige Fokussierung, das Selbstverständnis, Stärken und Schwächen. Darüber haben Sie sich teils bereits bei der Formulierung Ihrer Lebensaussage Gedanken gemacht. Beantworten Sie nun in der schriftlich fixierten Mission folgende Fragen:
Was könnte ich tun? (Umwelt)
Was kann ich tun? (Know-how)
Was will ich tun? (Motivation)
Welche Anspruchsgruppe erwartet, dass ich es tue?
Das tiefere Ich erkennen
Aus der Verbindung von Vision und Mission ergibt sich eine Handlungsrichtung für die weitere Studienplanung und eine Leitlinie für die Studienorganisation. Die Vorgaben konkretisieren sich in den Zielen (vgl. Kap. 2.5). Um Klarheit für eine Formulierung einer Mission zu gewinnen, ist es ratsam, sich seiner Selbst bewusst zu werden. Es sollte noch ein Blick über Ihre eher allgemein gehaltene Lebensaussage hinaus sein. Um diese Erkenntnis zu erlangen, kann man eine SWOT-Analyse (vgl. Abb. 8) oder ein Fotoalbum der persönlichen Stärken und Schwächen als Instrument einsetzen. Wenn Sie nach dieser Analyse einen Kontrast zwischen Ihrer Vision und Ihrer Mission erkennen, sollten Sie Ihre Vision u.U. nochmals durchdenken.

Abb. 8: Mit der SWOT-Analyse zur Mission
2.4.2 SWOT-Analyse
Was genau ist eine SWOT-Analyse?
Die SWOT-Analyse ist ursprünglich ein Management-Werkzeug, wird aber auch für formative Evaluationen und zur Qualitätsentwicklung von Programmen (z.B. im Bildungsbereich) und eben für die Selbstanalyse eingesetzt. Ausgangspunkt für eine persönliche SWOT-Analyse ist eine (selbst-)kritische Interpretation Ihrer jetzigen Situation unter Berücksichtigung der eigenen Fähigkeiten und der Umwelt. Mit dieser einfachen und flexiblen Methode werden die eigenen Stärken (engl. Strength) und Schwächen (engl. Weakness) analysiert. Es wird die Frage beantwortet: „Welche Stärken und Schwächen bringe ich für die erfolgreiche Bewältigung meines Studiums ein?“ Zudem werden externe Chancen (engl. Opportunities) und Gefahren (engl. Threats) betrachtet, welche den Studienerfolg fördern bzw. einschränken könnten. Die SWOT-Analyse ist damit eine Standortanalyse.
Leite Deine Stärken und Schwächen ab
Bei dem Notieren der Stärken sind Fertigkeiten im Sinne von Fachund Methodenkenntnissen sowie Fähigkeiten und Eigenschaften im Sinne von persönlichen Charaktermerkmalen zu erfassen. Gleiches gilt für das Formulieren konkreter Schwächen. Bei den Chancen gilt es, sowohl auf fiktive berufliche als auch persönliche Entwicklungsmöglichkeiten einzugehen. Häufig leiten sich Chancen aus den Stärken und Risiken aus den Schwächen ab. Mit Hilfe dieser Methode kann die Selbstkenntnis wesentlich gesteigert werden. Selbstkenntnis wiederum ist eine essentielle Voraussetzung für den Studienerfolg. Wer genau weiß, was er mag und was er gut kann, kann dieses Wissen auch glaubwürdig und authentisch anderen gegenüber kommunizieren. Nur wenn Sie ihre Defizite erkennen, können Sie an diesen arbeiten und sie minimieren. Sie können Ihre Individualität entdecken und zeigen, was in Ihnen steckt. Gleichzeitig ist anzuraten, durch die Kenntnis der eigenen Schwächen mit sich selbst respektvoll umzugehen. Es nutzt nichts, sich selbst abzuwerten und als unqualifiziert zu empfinden. Stärken sollte man hingegen entsprechend würdigen und stolz darauf sein, denn diese kann man gut für das Studium nutzen.
Erfasse Umweltfaktoren
Eine SWOT-Analyse umfasst eine intensive Recherche, damit möglichst viele Daten über Chancen und Risiken in Erfahrung gebracht werden und so die spätere Entscheidungsfähigkeit positiv beeinflussen. Es kann sich etwa um Informationen über Ihre Traumhochschule oder Ihren Traumberuf handeln:
Hochschule: Image, Studien- und Beratungsangebote
Studiengang: Studien- und Prüfungsordnungen
Erfahrungen von Absolventen Ihres gewünschten Studienganges
Entwicklungen der Branche Ihres Traumberufes
Studien mit Vorhersagen über Jobs der Zukunft
Nachfragen bei einem Berufsberater
Beratung eines qualifizierten Wissenschafts-Coachs
Stelle Fragen
Tabelle 3 illustriert einige Fragen, die Studierende sich bei der Konzeption einer SWOT-Analyse stellen können. Aus der Kombination der Stärken/Schwächen-Analyse und der Chancen/Gefahren-Analyse wird die Situation in ihrer Gesamtheit gut erfasst.
| S | Strengths Stärken | Welche fachlichen Kenntnisse habe ich bisher aus Schule, Studium und Beruf erworben? Was kann ich besonders gut? Warum sind andere gerne mit mir zusammen? Wofür wurde ich bisher gelobt? Was hat mich erfolgreich gemacht? Was macht mich stolz auf meine Person? Was gehe ich besonders gerne an? Was macht mir wirklich Spaß? Welche Werte können mich treiben? |
| W | Weaknesses Schwächen | Wo fühle ich mich beim Erledigen von Aufgaben unsicher? Was kann ich nicht so gut? Welche Rückschläge habe ich gehabt? Warum? Was mögen andere weniger an mir? Was macht mir keinen Spaß? Was stimmt mich unzufrieden? |
| O | Opportunities Chancen | Wer kann mich am besten bei meinem Studienweg unterstützen? Wie sieht es mit den Arbeitsmöglichkeiten in meinem Berufsfeld aus? Welche Berufsfelder werden wachsen? Welcher Studiengang respektive welche Fächerkombinationen werden gefragt sein? Gibt es positive Trends, denen man sich anschließen könnte? |
| T | Threats Risiken | Welche gesellschaftlichen Entwicklungen könnten meinen Studienerfolg einschränken? Welche negativen Veränderungen könnten sich in meinem Studium oder auf meinem angestrebten Berufsfeld ergeben? Gibt es jemanden oder etwas, der/das meinem Studienerfolg besonders gefährlich werden könnte? |
Tab. 3: SWOT-Analyse zum Studium
Dritte helfen bei der Einschätzung
Um das Analyseergebnis zu objektivieren, ist ein Selbstbild/Fremdbild-Abgleich ein gutes Hilfsmittel. Dabei setzen Sie sich mit einer weiteren, Ihnen vertrauten, aber auch kritischen Person zur gemeinsamen SWOT-Analyse zusammen. Der oder die Auserwählte führt eine ähnliche Analyse für Sie durch. Danach liegen zwei SWOT-Analysen vor – eine als Selbstbild, die andere als Fremdbild. Im Gegenzug könnten Sie Ihrem Ratgeber bei einer SWOT-Analyse zur Seite stehen. Anschließend können die ausformulierten SWOT-Ergebnisse abgeglichen, diskutiert oder zusammengefasst werden. Vergleichen Sie nun Ihre Ergebnisse mit den im vergangenen Kapitel vorgestellten Fähigkeiten und Eigenschaften eines Studierenden sowie mit dem Anforderungsprofil Ihres Wunschstudienganges (die Informationen finden sich meist leicht auf einer Hochschul-Homepage).
Die Handlungsschritte ableiten
Im letzten Schritt werden konkrete Handlungsansätze formuliert:
Wie kann ich meine wesentlichsten Stärken für mein Studium noch verstärken?
Wie kann ich meine wesentlichsten Schwächen für mein Studium vermeiden?
Wie kann ich meine größten Chancen für mein Studium nutzen?
Wie kann ich meinen bedrohlichsten Risiken für mein Studium begegnen?
Die Verbesserungsanalyse zu den Stärken und Schwächen lässt sich gut tabellarisch erfassen:

Tab. 4: Verbesserungsanalyse
Und damit ist auch schon der nächste wichtige Planungspunkt erreicht. Die angedachten Maßnahmen und Ergebnisse aus der SWOT-Analyse und Ihrer Mission müssen nun noch in eine klare Form gebracht werden: die Zielformulierung (vgl. Kap. 2.5).

Abb. 9: Schritte einer persönlichen SWOT-Analyse
2.4.3 Fotoalbum der persönlichen Stärken und Schwächen
Mit Bildern arbeiten
Falls Ihnen die SWOT-Analyse zu abstrakt erscheint, kann ein imaginäres Fotoalbum der Stärken und Schwächen vielleicht Ihre Kreativität steigern. Diese Methode wird ursprünglich in der psychotherapeutischen Praxis eingesetzt (Kämmerer 2009) und lässt sich perfekt zur Selbstanalyse verwenden. Durch die Kreation von Bildern erhalten Sie eine gewisse Selbstdistanz, die Ihnen eine Außensicht auf sich selbst ermöglicht.
So sieht die Anwendung konkret aus
In der Hochschulpraxis wende ich das Instrument gerne im Coachingprozess mit Studierenden in folgender Form an: Ihre Aufgabe ist es, in Ihrer Vergangenheit nach besonderen Beispielen oder Situationen zu suchen, die Sie als positive Ressource (Stärke) oder Schwäche erleben. Diese Momente sollen in einer konkreten Situation bildlich vorgestellt werden. Im Anschluss sollten Sie analysieren, wie das Bild im Nachhinein auf Sie und andere wirkt. Wenn Sie zeichnerisch begabt sind, können Sie sich auch gerne an die Zeichnung der Situationen machen.
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