Читать книгу: «Die Grump-Affäre»

Шрифт:

Inhalt

Impressum 3

Prolog – New York, Sommer 2015 4

Die Hölle 8

Der Verdacht 11

Oval Office, Washington, D.C., Januar 2017 14

Ungewissheit 19

Weisses Haus, Washington, D.C., Januar 2017 22

der Zorn, New York, Sommer 2015 27

GESCHÄFTE, NEW YORK, ANFANG 2015 31

DIe Suche, New York, Sommer 2015 34

Der Kontakt, New York, Frühling 2015 43

Die Beschattung, New York, Sommer 2015 49

Die Kampagne, Sommer 2015 52

Riskantes Unterfangen 56

DIe Kandidatur, Sommer 2015 63

Das Verhör, New York, Sommer 2015 65

DIe Vorwahlen, Anfang 2016 70

Belaqua, New York, Sommer 2015 74

Der Hauptwahlkampf, Sommer 2016 80

Das Geständnis, New York, Sommer 2015 87

Der Sieg, Herbst 2016 92

Erleichterung, New York, Sommer 2015 96

Unschuld, Sommer 2015 100

TEIL 2 - Das Angebot 103

Anfänge, St. PETERSBURG 1988 113

Neue Aufgaben 118

Medusa, MOSKAU 2016 123

Der Plan 125

Medusa, Moskau, 2016 130

Möglichkeiten 132

Medusa-Hauptquartier, Moskau 137

Das erste Treffen 139

Der Zwischenbericht, Moskau 144

Indizien 147

Medusa-Hauptquartier, Moskau 152

Der Maulwurf 154

Medusa-Hauptquartier, Moskau 168

Der tägliche Wahnsinn 170

Medusa-Hauptquartier, Moskau 178

Letzte Tage, New York 181

Medusa-Hauptquartier, Moskau 189

Washington 192

Medusa-Hauptquartier, Moskau 197

Das Treffen, Weisses Haus, Washington, D.C. 199

Medusa-Hauptquartier, Moskau 207

Weisses Haus, Washington, D.C. 210

TEIL 3 - Erkenntnis, New York 219

Medusa-Hauptquartier, Moskau 223

Kontakte, New York 225

Medusa-Hauptquartier, Moskau 230

Wharton State Forest 233

Medusa-Hauptquartier, Moskau 241

Flucht, Philadelphia 243

Medusa-Hauptquartier, Moskau 252

Lichtblicke, zwischen Baltimore und Miami 254

Die Veröffentlichung, New York 258

Medusa-Hauptquartier, Moskau 262

Hoffnung, kurz vor Miami 264

Medusa-Hauptquartier, Moskau 274

Die Wahrheit 275

Weisses Haus, Washington, D.C. 281

Moskau 283

Sardinien 284

Danksagung 285

Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie­.

Detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://www.d-nb.de abrufbar.

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Funk und Fern­sehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und ­auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

© 2022 novum publishing

ISBN Printausgabe: 978-3-99131-260-4

ISBN e-book: 978-3-99131-261-1

Lektorat: Dagmar Heißler

Umschlagfoto: Valeriy Kachaev, Alexander Kovalenko, Zelenayaj, Tarasdubov | Dreamstime.com

Umschlaggestaltung, Layout & Satz: novum publishing gmbh

www.novumverlag.com

Prolog – New York, Sommer 2015

Als John in der Nähe seiner Straße ankam, biss er unwillkürlich die Zähne zusammen. Überall Feuerwehr und Krankenwagen. Sein Kiefer schmerzte und sein Puls ging schneller mit jedem Schritt, den er sich seinem Haus näherte. Menschen liefen aufgeregt durcheinander. Etliche hatten aschfarbenen Staub auf ihren Mänteln und Gesichtern. Einige lagen sich weinend in den Armen. John sah eine Frau, die sich den Kopf hielt. Zwischen ihren Fingern quoll Blut hervor. Der Verkehr staute sich. Ungeduldige Fahrer hupten rhythmisch, lehnten sich aus den Wagenfenstern und fluchten lauthals. John ließ seinen olivgrünen Explorer stehen. Völlig außer Atem rannte er an der Baustelle vorbei, auf der ein paar Investoren ein neues Wahrzeichen der Stadt aus dem Boden stampfen wollten. Es herrschte Chaos. Er schlängelte sich durch einen Wall von Rettungsfahrzeugen mit hektisch blinkenden Blaulichtern, bis er gegen einen Polizisten prallte, der ihn mit ausgebreiteten Armen aufhalten wollte. Er rannte weiter und blieb nach wenigen Schritten unvermittelt stehen.

Dann sah er, was sein Verstand nicht aufnehmen, geschweige denn verarbeiten konnte.

Sein Elternhaus war weg! Es stand nicht mehr da! Da war ein großes Nichts!

Man konnte noch Teile des Nachbargebäudes erkennen, das den alten Quinns gehörte. Wo einst eine gepflegte kleine Villa gestanden hatte, war nur noch ein großer Haufen rußgeschwärzter Ziegelsteine. Es roch nach brennendem Holz und stank nach Rauch und Qualm. Reste des jetzt erbärmlich verbogenen gusseisernen Vorgartenzaunes ließen erahnen, dass hier einst sein Haus gestanden hatte.

John rannte weiter und fühlte sich auf einmal unsanft an den Schultern gepackt. Er hatte das Absperrband nicht registriert. Ein junger Polizist in Uniform hielt ihn auf.

„Hey, Mann, wohin wollen Sie? Sehen Sie nicht, was hier los ist? Das ist gefährlich, niemand geht hinter die Absperrung!“

„Ich muss da rein, meine Frau und mein Sohn sind in dem Haus!“, schrie John den Beamten an und versuchte, sich loszumachen.

„Okay, okay. Ich bringe Sie zur Einsatzleitung, die wird entscheiden, was man machen kann“, sagte der Police Officer und schob ihn – immer noch an den Schultern haltend – durch die Menschenmenge. Staub lag in der Luft, und feine Rußflocken tanzten um ihn her. Funken sprühten aus den offen liegenden Stromleitungen, und er nahm den süßlichen Geruch von Gas wahr. John ließ sich von dem Beamten willenlos führen. In seinem Kopf war nichts als Leere. Die Bilder, die er sah, konnte sein Verstand, so sehr er sich mühte, einfach nicht verarbeiten.

Unvermittelt stand er vor einem provisorischen Zelt und wurde unsanft zum Stehen gebracht.

„Sie warten hier!“, sagte der Officer. „Wie ist Ihr Name?“

„John Brockmann, wohnhaft in der Baker Street 13.“

John hatte keine Ahnung, wie viel Zeit vergangen war, bis er erneut angesprochen wurde. Er reagierte nicht, sondern sah wie in Hypnose zu der Ruine, die einmal sein Zuhause gewesen war.

„Sind Sie der Besitzer des Hauses Nummer 13, Baker Street?“

Eine tiefe Stimme weckte John und setzte seinen Verstand halbwegs wieder in Kraft. Er musste nach oben schauen und sah in schwarze, blutunterlaufene Augen, die zu einem dunkelhäutigen Mann gehörten. Ein riesiger Mann stand John gegenüber.

„Ich bin Chief Inspector Banks, Spezialeinheit, ich muss wissen, ob Sie der Besitzer des Hauses Baker Street 13 sind!“

John wurde etwas wackelig in den Knien, aber er antwortete mit fester Stimme. „Das bin ich. Ich suche meine Frau Emma und meinen Sohn Felix, die beide in dem Haus waren, als ich heute Morgen ins Büro gefahren bin!“

Der Chief Inspector musterte ihn eingehend von oben bis unten: „Hören Sie, wir sind noch dabei, die betroffenen Gebäude zu durchsuchen. Die Suchhunde und unsere Spezialisten sind vor Ort, Bombenräumkommando, Minensuchgeräte und alles, was wir während Nine Eleven gelernt haben, bringen wir zum Einsatz, okay? Bislang wurde niemand gefunden, und niemand sonst geht dort rein. Sie bleiben hier und halten sich zu unserer Verfügung, haben wir uns verstanden?“

Banks bemerkte, dass John immer noch unter Schock stand, und fügte deshalb nachdrücklich hinzu: „Haben wir uns definitiv verstanden, Mr. Brockmann?“

John nickte stumm.

Die Zeit schien stillzustehen. In diesem Moment spürte John, wie sich ein Arm auf seine Schultern legte. Als er sich umdrehte, stand sein Freund Marco da und zog ihn schweigend zu sich heran. Als hätte diese Geste einen Damm gebrochen, stürzten die Tränen ungehemmt aus John heraus. Umgeben von gestikulierenden Polizisten, Menschen in Schutzanzügen, Feuerwehrleuten, Sanitätern und Notärzten, die sich aufgeregt Kommandos zuriefen, standen die beiden Freunde für einen Herzschlag lang wie unter einer Glasglocke.

Dann sah John in Marcos Augen. „Was zur Hölle ist hier los? Wo ist Emma? Wo ist Felix? Was ist passiert?“

Marco hielt seinem Blick stand. „Es gab eine riesige Explosion, bei uns sind die Fenster aus dem Haus geflogen. Die Bilder fielen von den Wänden, hörst du? Es war wie bei einem Anschlag in Bagdad! Ich rannte auf die Straße. Die Explosion musste aus deinem Haus gekommen sein! Ich habe sofort bei euch angerufen, weil ich dachte, du wärst womöglich im Homeoffice!“

Sie blieben schweigend eine ganze Weile so nebeneinander stehen.

In John arbeitete es und er versuchte, das Gehörte zu verstehen. Eine Woge neuer Energie fing an, sich in seinem Körper auszubreiten. Er drehte sich um und ging mit schnellen Schritten zum Zelt der Einsatzleitung. John sah den Chief Inspector in einer Ecke des Zeltes mit zwei weiteren Uniformierten. Er steuerte direkt auf ihn zu. „Sie sagen mir jetzt sofort, was hier passiert ist, und lassen mich zu meinem Haus rübergehen. Ich stehe seit einer halben Stunde vor diesem verfluchten Zelt und will endlich wissen, was hier verdammt noch mal los ist!“

Banks’ Blick verfinsterte sich, aber er antwortete mit völlig ruhiger Stimme: „Wir haben geräumt und die wichtigsten Strukturen gesichert. Sie können mit einem meiner Officers zu Ihrem Haus gehen. Sie betreten es auf gar keinen Fall oder turnen mir auf dem Schutt rum! Habe ich mich klar ausgedrückt? Wir haben bisher keine Personen in den Trümmern aufgefunden.“

John nickte und verließ wortlos das Zelt. Erneut knirschte er mit den Zähnen. Eine alte Angewohnheit aus Studienzeiten, wenn er unter Druck stand.

Vor dem Zelt stand der junge Police Officer und deutete mit einer Armbewegung an, dass John ihm folgen solle. Langsam realisierte John, was er eben gehört hatte: keine Personen gefunden! Wo waren Emma und sein Sohn?

Die Explosion hatte sich am Mittag ereignet, gewöhnlich waren beide zu Hause. Emma kochte häufig für Felix das Mittagessen. Vielleicht hatte er Glück, und sie waren auswärts essen gegangen oder Felix war bei einem Freund und Emma hatte ihn gefahren.

Er musste über Mauerreste steigen und lief gegen einen Balken, der Teil seiner alten Dachkonstruktion gewesen war.

Sie waren an den Überresten seines Elternhauses angekommen. John blickte auf den Rauch und die Asche, die überall, wie feiner Schneefall, durch den kalten Januarwind aufgewirbelt wurde. Marco trat neben ihn.

„Ich habe eben die gute Nachricht gehört, keine Menschen im Haus während der Explosion! Hast du eine Ahnung, wo Emma und Felix sein könnten?“

John packte Marco unsanft an der Schulter: „Hier stimmt etwas ganz und gar nicht!“

Die Hölle

John saß in seinem Büro im 17. Stock und sah müde aus dem Fenster. Heute hätte eigentlich sein großer Tag werden sollen. Er fühlte sich alt, gerädert und kraftlos. Monatelang hatte er darauf hingearbeitet und dafür sogar seine Familie vernachlässigt, eine große Chance für seine Karriere.

Die Ankündigung, dass Ronald Grump sich als Kandidat für die Wahl zum nächsten Präsidenten der Vereinigten Staaten bewerben würde, lief auf sämtlichen Bildschirmen im Büro. Die meisten Kollegen hatten sich vor den Fernsehern versammelt und verfolgten gebannt die gerade stattfindende Pressekonferenz. Nur John saß allein in seinem trendig eingerichteten Einzelbüro für leitende Angestellte des Kurznachrichtendienstes Twitter. Aus seinen dunkel umrandeten Augen, deren Weiß sich ungesund verfärbt hatte, nahm er eine Bewegung an der Scheibe wahr, als seine Assistentin winkte, um ihn nach draußen zu den anderen einzuladen.

Er trug seit Tagen die gleichen Sachen am Leib und verströmte einen aufdringlichen Geruch. Solche Dinge störten ihn zu normalen Zeiten empfindlich. Seit Tagen hatte er nicht mehr richtig geschlafen, war zu kraftlos gewesen, um eine Dusche zu nehmen. In Gedanken sah er seine Frau und seinen Sohn vor sich, die zum morgendlichen Abschied am Fenster winkten, als er in den Wagen stieg und zu Arbeit fuhr. Dieses Bild kam immer wieder in John auf. Alles weg. Alles vergangen. Alles genommen.

Er hatte in den letzten Tagen viel Zeit auf dem Polizeipräsidium zugebracht. Stundenlang war er von Inspector Tenner befragt worden. Die Pausen zwischen den Verhören waren kurz, Tenner bemühte sich um Mitgefühl, aber er musste die Geschichte wieder und wieder erzählen. Am Ende beschlich ihn das Gefühl, dass er der Einzige war, der seine Version für wahr hielt.

Wie konnte es sein, dass alle an einen Unfall glaubten?

Die explodierte Gasleitung, die sein Elternhaus dem Erdboden gleichgemacht hatte, war noch vor wenigen Monaten im Zusammenhang mit dem Neubau des Towers direkt neben seinem Grundstück überprüft worden. Es musste Dokumente geben, die das belegten. Nicht nur, dass ihm keiner auf dem Revier glaubte. Mehr noch: Er war der Tatverdächtige Nummer eins.

Mit dem Anruf von Marco vor einigen Tagen hatte alles begonnen. Johns Leben wurde innerhalb von wenigen Minuten auf den Kopf gestellt. Marco war sein bester und ältester Freund seit Kindertagen. Sie wohnten in derselben Straße und gingen auf dieselbe Schule. Die gesamte Freizeit verbrachten sie zusammen, sie stahlen Fahrräder, die sie verkauften, brachen nachts in Keller ein und wurden zu den unumstrittenen Anführern ihrer kleinen Bande. Alle Kinder der Nachbarschaft wollten dazugehören, sie beide hatten das Kommando. Es gab keinen Jugendlichen in der Nachbarschaft, der sich mit ihnen anlegte. Marco und John hatten in dieser Gegend das Sagen. Es bestand ein Band zwischen ihnen für den Rest des Lebens. Das spürten sie schon im Alter von zehn Jahren. Es ging so weit, dass Marcos Mutter eines Tages John auf Italienisch verfluchte und auf Englisch weiterschimpfte, dass er einen schlechten Einfluss auf ihren braven, süßen Figlio habe. John konnte Marco wochenlang nicht von zu Hause abholen, ohne Sorge, von dessen Eltern erwischt zu werden und eine kräftige Tracht Prügel zu beziehen.

Doch ihre Freundschaft beruhte nicht nur auf einer gemeinsamen Vergangenheit, beide genossen die Gesellschaft des anderen. Sie trafen sich so oft wie möglich, wenn Marco von seinen Einsätzen wieder zu Hause war, über die er nie sprach. Manchmal sahen sie sich monatelang nicht, und dann, wenn Marco wieder zurückkam, war es, als wären sie nie länger als einen Tag getrennt gewesen. Tiefe, alte Freundschaft. Ein Fundament.

Das Leben hielt unterschiedliche Wege für sie bereit, Marco ging zu einer Spezialeinheit der Marines, und John, der lange nichts mit seinem Leben anzufangen wusste, heuerte bei einer neumodischen Firma an, die vor allem Kurznachrichten von prominenten und weniger prominenten Menschen an Tausende von Neugierigen verteilte.

Das Internet und diese kleinen IT-Firmen waren zu Beginn etwas völlig Neues. John gefiel die Atmosphäre, die jungen und hippen Leute um ihn herum. John war älter als die meisten seiner Kollegen, doch er galt als versierter IT-Spezialist und hatte mit seinen neuen Algorithmen schnell für Aufsehen gesorgt, was ihm die Stelle als Ressortleiter im IT-Bereich einbrachte und damit gutes Geld für ein Leben in New York. Ursprünglich hatte John Politikwissenschaften studiert und Informatik nur in den Nebenfächern belegt, aber es zog ihn mehr und mehr zu IT-Themen als zur Politik, für die er sich in letzter Zeit nicht mehr großartig interessierte.

John hielt nicht viel von dem amerikanischen Parteiensystem, der Politik im Allgemeinen, wenn Milliarden von Spendengeldern in Kampagnen investiert wurden und gleichzeitig alle brennenden Probleme, die mit dem Geld behoben werden könnten, konsequent vernachlässigt wurden. Den aktuellen Kandidaten konnte er nichts abgewinnen. Grump hatte seinen Account seit Jahren bei Twitter, er wurde aber wie von den meisten Prominenten ausschließlich für geschäftliche Zwecke verwendet und ab und zu wurde ein Bild von einer Gala oder einer Party eingestreut. Man blieb so im Gespräch. John hatte eine Vielzahl von Prominenten-Accounts zu betreuen, der von Ronald Grump würde sich bald von allen anderen unterscheiden. Es war klar, dass John hier künftig in seiner Eigenschaft als Administrator gefordert werden würde.

Er konnte sich noch gut an Marcos Worte bei seinem Anruf erinnern: „Es ist furchtbar, John! Eine Katastrophe! Es gab eine riesige Explosion, die ganze Straße sieht aus wie nach einem Anschlag der Taliban! Dein Haus steht nicht mehr! Komm her!“

So hatte es angefangen.

Der Verdacht

John ging zusammen mit Marco zum Zelt, wo er dem Officer, der sie zu der Ruine begleitet hatte, seine Mobilfunknummer und Marcos Adresse gab. Marco lebte allein in dem Haus direkt die Straße runter, seit seine Eltern vor Jahren gestorben waren. Er hatte seinem Freund angeboten, fürs Erste in seinem alten Kinderzimmer zu übernachten. Sie gingen in die Küche, und Marco machte für beide einen starken Kaffee mit der altersschwachen Bialetti.

Marco liebte es, zu kochen, und immer, wenn er nachdenken wollte, fing er an, egal ob hungrig oder nicht, die leckersten Gerichte zu zaubern mit allem, was gerade im Haus war. Marco stammte aus Neapel, hatte einen Bruder und war das älteste Kind einer Auswandererfamilie, die stolz auf ihre Wurzeln war und nun schon in der dritten Generation in den Staaten lebte. Sein Vater hatte ein italienisches Restaurant betrieben und die Kunst des Kochens an seinen Sohn weitergegeben.

„Was ist los, John, was glaubst du, was geschehen ist?“

John blickte auf, holte tief Luft: „Im Frühling fing das alles an. Ich habe dem erst keine Bedeutung beigemessen. Morgens auf dem Weg zur Arbeit sprach mich ein Mann an, als ich gerade ins Auto steigen wollte. Er sagte, er habe großes Interesse, mein Haus zu kaufen, und möchte mir ein einmaliges Angebot unterbreiten. Ich lachte laut, sagte ‚Danke‘, stieg ins Auto und fuhr los.“

„Klingt wie in einem schlechten Mafiafilm“, sagte Marco mit einem grimmigen Lächeln und füllte frisch gemahlenes Kaffeepulver in die Espressokanne.

John, dem nicht nach Späßen zumute war, fuhr fort: „Zwei Tage später stand derselbe Mann wieder morgens da. Wir müssten dringend sprechen, er müsse mir das Angebot erklären. Ich ließ ihn wieder stehen und sagte, ich hätte kein Interesse an einem Verkauf. Mir gehöre das Haus seit 15 Jahren, es sei mein Elternhaus. So etwas verkaufe man nicht. Er ließ nicht locker und sagte, wenn wir uns nicht unterhielten, werde etwas Schlimmes passieren. Das ließ mich aufhorchen, aber ich glaubte dem Typen nicht, er war kein Geschäftsmann, dazu war er zu schlecht gekleidet. Eine Woche später stand er wieder da und sagte, dass er mich heute Abend in dem Irish Pub an der Ecke erwarte, und wenn ich nicht käme, passiere etwas.“

Marco hatte aufmerksam zugehört. Jetzt setzte er die sorgfältig befüllte Bialetti nachdenklich auf die Herdplatte. „Warum hast du mir nichts gesagt, ich hätte dich begleitet und mal unter Männern mit dem Kerl geredet.“ Er ballte seine Faust.

John winkte ab. „Ich willigte jedenfalls ein und ging nach der Arbeit direkt in den Pub. Ich habe niemandem etwas davon erzählt, weil ich dem Ganzen keine wahnsinnige Bedeutung beigemessen habe. Ein Spekulant, den ich in die Schranken weisen musste. Eine unmittelbare Bedrohung, daran habe ich nicht gedacht. Ich wollte den Kerl einfach nur loswerden.“

„Na ja, es klingt auf jeden Fall so, als ob es ernst gemeint war“, sagte Marco.

John zuckte vage mit den Schultern. „Als ich nach der Arbeit in die Kneipe ging, sah ich den fremden Mann in der Ecke des Pubs sitzen, und obwohl es voll war, schienen alle anderen Gäste Abstand zu dem Tisch zu halten. Ohne Umschweife begann der Typ und sagte: ‚Mein Name ist Gianluca, und ich komme als Vermittler meines Mandanten auf Sie zu, um Ihnen ein wirklich gutes und einmaliges Angebot zu machen, das Sie auch annehmen sollten. Wir werden expandieren und wollen in Ihrer Straße einige weitere Grundstücke erwerben. Wir zahlen Ihnen eine Million Dollar, wenn Sie bis Mai ausgezogen sind. Sie haben exakt drei Wochen Zeit, um sich zu entscheiden!‘

Wieder unterbrach Marco. „Eine Million, das ist ja lächerlich.“

„Ich konnte es erst gar nicht fassen. Ich hatte grob im Kopf überschlagen, was das Haus samt Grundstück wirklich wert ist, und kam bei ungefähr dem Doppelten an!“

„Was passierte dann?“, fragte Marco.

„Ich habe ihm gesagt, dass dieses Gespräch hier für mich beendet ist, doch er erwiderte, das sei ein Angebot, das man nicht einfach ablehnen könne. Entweder ich nähme es an, oder es würden viele schlimme Dinge geschehen.“

„Schlimme Dinge?! Und jetzt haben wir den Salat“, meinte Marco.

„Ich habe die Kneipe verlassen und nichts mehr von dem Typen gehört, die ganze nächste Zeit nichts. Jeden Morgen habe ich mich umgeschaut, aber da war kein Gianluca.“

„Und wie ging es weiter?“, fragte Marco.

„Nach zwei Wochen, in denen ich die morgendliche Begegnung mit Gianluca bereits wieder verdrängt hatte, stand er auf einmal vor mir und meinte, dass die Zeit laufen würde. Nächste Woche bräuchte er meine Entscheidung.“

Marco blickte erstaunt auf.

„Du meinst, die Sachen gehören zusammen? Erst der Typ mit dem Angebot, und nun das Verschwinden deiner Familie?“

„Ja, natürlich! Ich habe Gianluca nur noch ein Mal gesehen, und ich lehnte wieder ab und sagte ihm, dass ich nicht daran denken würde, zu verkaufen. Danach habe ich nichts mehr von ihm oder seinen Auftraggebern gehört.“

Beide schwiegen nachdenklich.

John war ein Mann, der schon unter normalen Umständen immer leicht übermüdet aussah. Seine dunklen Haare hingen ihm ungepflegt, in langen Strähnen, ins Gesicht. Die Sorge um seine Familie vertiefte seine Falten, er sah mit einem Schlag noch erschöpfter und niedergeschlagener aus als sonst. Hilflosigkeit war sein Empfinden.

Trostlos der Tag.

Oval Office, Washington, D.C., Januar 2017

Er saß allein an seinem neuen Schreibtisch und ließ den riesigen Raum auf sich wirken. Hatte er es tatsächlich geschafft? Er, der selbst nicht daran geglaubt hatte. Er war im Weißen Haus. Und nicht als Besucher: Er war der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Unvorstellbar, noch bis vor wenigen Wochen. Seine Gedanken schweiften zurück ins Jahr 2011. Da war er noch Immobilientycoon, Unternehmer, Produzent von Miss-Wahlen und der Star einer Reality-TV-Show. International bekannt und berühmt für seine Deals. Ein wahres Genie und Multitalent. Aber Präsident? Daran hatte er nie gedacht, die Idee schien ihm völlig absurd. Bis zu diesem schicksalhaften Abend.

Er hatte sich über Beziehungen Karten für das Präsidentendinner besorgt. Man war erst in der Society richtig angekommen, wenn man an diesem Event teilnahm oder eingeladen wurde. Die Fernsehkameras liefen. Ronald wollte hier einige Geschäftsfreunde aus der Baubranche treffen, einige Details der Finanzierung seines neuen Casinos besprechen, vor allem aber gesehen werden und feiern.

Die Lust zum Feiern verging ihm jedoch schnell, als der amtierende Präsident ihn vor allen Leuten im Saal und bei laufenden TV-Kameras der Lächerlichkeit preisgab, ja Witze über ihn riss. Er kannte den Grund nicht, aber über fünf Minuten lang machte der Präsident eine Bemerkung nach der anderen über ihn, und alle trafen ihn bis ins Mark. Er wurde vor aller Welt vorgeführt. War blamiert worden bis auf die Knochen.

Das war der alles entscheidende Moment, der Augenblick, der alles verändern sollte.

Wie konnte dieser illegale Einwanderer aus Afrika sich über ihn lustig machen. Es war eine Erniedrigung, wie er sie in seinem ganzen Leben noch nicht aushalten musste. Der Präsident saß auf der Bühne mit dem Mikrofon, redete und witzelte über ihn, und er konnte nichts tun. Saß an seinem Tisch, für den er Tausende von Dollar bezahlt hatte, und konnte nichts machen, außer zu hoffen, dass all die Beleidigungen und Erniedrigungen endlich aufhörten.

Ein Feuer begann in ihm zu lodern. Ein Feuer gespeist aus Wut und Zorn.

Vergeltung für diese Qual; sein sorgfältig gepflegtes Image war angekratzt. Dafür hatte er Ehen geschlossen, Interviews gegeben und sein Leben der Öffentlichkeit preisgegeben. Er war seine eigene Marke. Von nun an wollte er selbst auf der Bühne stehen, keinen neben sich, allein am Mikrofon, und den Leuten sagen, was er über sie dachte, sich über all die Leute lustig machen, die heute gelacht hatten, und alle sollten auf ihn schauen. Keiner könnte widersprechen. Keiner würde sich trauen.

Ja, das war verdammt lang her, viele Jahre, und das waren die härtesten Jahre in seinem Leben gewesen. Er erinnerte sich noch genau, wie nach dem Dinner ein Freund zu ihm kam und ihn mit einigen Leuten bekannt machen wollte. Er verspürte keine Lust mehr nach diesem grauenvollen Abend und dachte, nur noch weg von hier. Sich aus diesem korrupten Washington so schnell es ging in sein geliebtes New York zurückziehen, doch der Freund blieb hartnäckig, und so kam er letztlich der Bitte nach.

Diese Begegnung verlief völlig anders, als er es sich ausgemalt hatte, kein Händeschütteln, kein Small Talk, keine Häppchen. Selbst der Ort war mehr als ungewöhnlich. Er wurde aus dem Hotel begleitet, von einer Limousine abgeholt und aus der Stadt herausgefahren. Sie fuhren mindestens eine Stunde. Allein im Wagen begann Ronald, sich allmählich Sorgen zu machen, bis sie endlich an einem See hielten. Man konnte das Schild „Burke Lake“ noch gut erkennen, obwohl es schon weit nach Mitternacht war, als sie mit einem kleinen Boot auf den See hinausfuhren. Was für Leute wollten sich um die Uhrzeit hier draußen mit ihm treffen? Eine Feier mit gut aussehenden, leicht bekleideten Damen würde das sicher nicht werden.

Das Boot hielt in der Mitte des Sees. Die Nacht war finster, und eine unangenehme Kühle stieg vom Wasser auf. Ronald begann zu frieren, er war unpassend gekleidet.

Die Sterne leuchteten hell am Himmel. Er fragte den Skipper, was hier los sei, doch der knurrte nur: „Geduld, die anderen werden schon kommen!“

Plötzlich, wie aus dem Nichts, tauchten drei weitere Boote auf, alle ohne Positionslichter, alle ohne Motorengeräusche. Die Boote wurden von leisen Elektromotoren angetrieben.

Drei Männer stiegen zu ihm an Bord. Der Skipper verließ das Boot, ohne sich umzublicken. Keiner stellte sich vor. Ronald verkniff sich ein Grinsen, als sich die drei, wie die Orgelpfeifen vor ihm aufbauten. Der Kleinste von ihnen mit einem grauen Trenchcoat, in seinem Gesicht leuchtete nur das Helle seiner Augen, als er ansetzte: „Sie fragen sich bestimmt, was das hier alles soll, und ich versichere Ihnen, das hier dient alles nur Ihrem und unserem Schutz. Wir sind eine Organisation, die nicht gern in der Öffentlichkeit arbeitet und – ganz im Gegensatz zu Ihnen und Ihren sonstigen Gewohnheiten – keine Interviews gibt. Wir verfügen auch über keine Presseabteilung. Allerdings verfolgen wir genau, was in diesem Land geschieht, und wir sind mit den aktuellen Entwicklungen nicht sehr glücklich.“

Der zweite, etwas größere Mann ergänzte: „Nun, lassen Sie es mich so ausdrücken: Wir haben Sie seit geraumer Zeit beobachtet und möchten Ihnen heute Abend ein Angebot unterbreiten, das Sie hier und heute annehmen können. Damit würden Sie Erfolg, Macht und Einfluss bekommen, wie Sie es sich nicht erträumen könnten, und Ihre Probleme in New York und alle Geldsorgen wären für immer vorbei. Oder wir sehen uns nach diesem Abend niemals wieder.“

Nun trat der dritte Mann einen Schritt auf ihn zu. Ronald, selbst nicht gerade klein, musste zu ihm aufschauen. Was er sah, gefiel ihm nicht. Ein überheblicher Wichtigtuer mit eisgrauen, militärisch geschorenen Stoppelhaaren, dazu ein Blick aus ebenfalls eisigen Augen.

„Wir haben die Möglichkeiten und den Einfluss, Sie zum Präsidenten der Vereinigten Staaten zu machen. Sie erhalten unsere volle Unterstützung. Wenn Sie sich nach unseren Spielregeln verhalten, werden Sie bald der mächtigste Mann der Welt sein. Einen Abend wie den heutigen, an dem Sie der Lächerlichkeit preisgegeben wurden, wird es nie wieder geben. Sie erhalten Zugang zu sämtlichen Ressourcen dieses Landes, und wir sorgen dafür, dass alles reibungslos verläuft.“

Er hatte aufmerksam zugehört, und sein erster Gedanke war: „Was für überhebliche Arschlöcher! Schleppen mich mitten in der Nacht auf einen See, um mir solch einen infantilen Mist aufzutischen.“ Nach kurzer Überlegung und der reinen Neugier folgend fragte er:

„Wie wollen Sie das anstellen? Wer sind Sie überhaupt?“

Der erste Mann trat einen Schritt näher. „Das tut nichts zur Sache, und Namen sind nicht wichtig. Wichtig ist, dass Sie verstehen, was wir für Sie möglich machen können! Wir garantieren Ihnen die Präsidentschaft! Alles ist seit langer Zeit geplant, Milliarden an Dollar stehen zur Verfügung, Heerscharen von Leuten arbeiten seit Jahren an diesem Plan. Was uns noch fehlt, ist der richtige Kandidat. Ronald, Sie sind der geeignete Mann. Doch es gibt da noch eine Bedingung!“

Der zweite Mann flüsterte fast. Fehlte nur noch, dass er sich verschwörerisch umschaute, obwohl nun wirklich niemand anders in der Nähe sein konnte.

„Wir werden Gefallen einfordern, und wir werden Leute von uns in Ihrer Nähe platzieren, die Sie offiziell ernennen werden. Dafür übernehmen wir alle Kosten des Wahlkampfes und sorgen dafür, dass die Probleme, die Sie bereits haben, und alle zukünftigen Probleme, die Sie verursachen werden, sich allesamt in Luft auflösen. Wir meinen nicht nur die Immobiliengeschäfte, die Steuer, die Sie nicht zahlen können, und die drohenden Prozesse um Insolvenzverschleppung, Sex mit minderjährigen Prostituierten oder das Verschwindenlassen von unliebsamen Grundstücksbesitzern. Das alles können wir für Sie regeln. Eines Tages werden Sie sogar in der Lage sein, sich selbst zu begnadigen. Bis dahin sorgen wir für Sie.“

Was waren das für Typen? Hatten sie so viel Einfluss und Macht? Ungläubig wägte Ronald seine Chancen ab. Waren das Ermittler vom FBI oder der Finanzbehörde, die ihm hier Aussagen abringen wollten? Woher zum Teufel wussten diese Typen von der Entführung in New York und all den anderen Dingen? Das waren Informationen, die im kleinsten Kreis getuschelt und nicht einmal da laut ausgesprochen wurden. Diese Fragen schossen ihm alle gleichzeitig durch den Kopf. Doch dann kam sein Überlebensinstinkt in ihm auf. Er war Ronnie, der Dealmaker, er bestimmte die Deals. Gleichzeitig war er besorgt darüber, wie viel die Typen über ihn wussten. Er entschloss sich zur Attacke. Er würde „all-in“ gehen: „Nun gut, Sie haben gründlich recherchiert, Sie haben einiges ausgegraben, okay, aber ich kenne euch nicht und mache nur Deals mit Leuten, die ich kenne! Woher soll ich wissen, ob ihr nicht vom FBI seid oder vom Finanzministerium?“

Der kleine Mann reichte ihm ein Handy und sagte fast tonlos: „Schau mal, Ronnie!“

Er traute seinen Augen nicht. Sie hatten alles! Sex-Tapes, seine Scheinverträge, seine gefälschten Steuerunterlagen, seinen nachträglich veränderten Ehevertrag, seine Abmachungen mit den Chinesen zum Bau eines neuen Casinos, einfach alles. Sie hatten ihn in der Hand, so viel war klar.

Er musste daran denken, wie viel Glück er in seinem Leben bereits gehabt hatte. Für die Dinge, die er getan hatte, wären alle anderen längst im Knast gelandet. Ihm blieb eigentlich keine Option. Kein Deal möglich bei dem er die Bedingungen stellen konnte. Er hoffte, dass ihm das Glück weiter gewogen blieb.

Man konnte die Stille förmlich greifen, als die drei Männer auf seine Antwort warteten.

Sein Verstand raste, suchte nach Optionen und Möglichkeiten das Ganze aufzuschieben.

Die Frage, „Wie lautet Ihre Antwort?“, riss Ihn aus seinen Überlegungen.

„Okay, ich stimme zu. Wie geht’s weiter? Was muss ich tun?“

Die drei Männer gingen einen weiteren Schritt auf ihn zu, und der Kleinste von ihnen raunte: „Wir melden uns bei Ihnen in vier bis sechs Wochen, so lange brauchen wir, um die Vorbereitungen abzuschließen: Vorbereitungen, die bereits seit vielen Jahren laufen!“

An all das musste er denken, als er allein im Zentrum der Macht saß. An diesem Abend hatte seine Entwicklung vom Geschäftsmann zum Politiker begonnen. Er hätte nie auch nur im mindesten geahnt, wie ähnlich sich das Geschäftemachen und die hohe Politik waren. Er war für beides wie geschaffen. Es würden fantastische Zeiten anbrechen. Bessere Zeiten. Der Tag würde kommen, und zwar bald, an dem er sich bei allen dafür revanchieren würde, dass sie ihn derart mit Dreck überschüttet hatten. Er musste lächeln. Er konnte das schon heute tun! Er hatte gewonnen!

Ungewissheit

Marco und John saßen in der Küche von Marcos Elternhaus. Sie hatten stundenlang diskutiert, was als Nächstes zu tun sei.

John galt als Hauptverdächtiger bei der Polizei. Der Officer hatte es ihm auf den Kopf zugesagt, es sei eine ungewöhnliche Häufung von Zufällen, dass sein Haus explodiert, seine Familie nicht auffindbar und die Lebensversicherung seiner Frau vier Wochen zuvor erhöht worden sei. Seine Geschichte von dem „italienisch aussehenden Gianluca“ sei unglaubwürdig und frei erfunden. Es war eindeutig. Aus dieser Ecke würde keine Hilfe oder Unterstützung bei der Suche nach dem Italiener kommen. Wie er sich von dem Verdacht befreien könnte, keine Idee. Alle Indizien sprachen gegen ihn.

Irgendwer hatte hier ganze Arbeit geleistet, um den Verdacht auf ihn zu lenken. Indizien derart zu fälschen war kein leichtes Unterfangen. Es mussten Profis mit enormen Geldmitteln sein. Wie sonst erhöhte man schnell mal eine fremde Lebensversicherungspolice?

Plötzlich klingelte sein Handy.

„Buongiorno, Mr. Brockmann! Wir hatten Sie gewarnt! Sollten Sie Interesse haben, Ihre Familie lebend wiederzusehen, so unterschreiben Sie den Vertrag, den Sie in Ihrer Mailbox finden, und geben Sie das Dokument bis heute, 18 Uhr, beim Barmann im Irish Pub ab, in dem wir uns letztens getroffen haben.“

John wollte noch etwas sagen, aber der Anrufer hatte bereits aufgelegt.

Marco sah ihn fragend an, und John erzählte, was er gehört hatte.

„Du kannst solchen Typen nicht vertrauen, John. Wenn du verkaufst, hast du nichts mehr in der Hand!“

„Ich weiß! Trotzdem muss ich es versuchen, es ist die einzige Chance, Emma und Felix lebend wiederzusehen. Oder hast du eine andere Idee?“

Marco schüttelte den Kopf: „Wahrscheinlich wirklich deine einzige Chance. Die Bullen wirst du sonst nicht mehr los, die haben ihren Täter längst gefunden. Wenn wir mehr Zeit hätten, könnten wir versuchen, eine Falle zu stellen. Aber so haben die alle Trümpfe in der Hand. Weil die Typen aber kein Geld wollen, sondern die Verkaufsurkunde, wirst du hoffen müssen, dass sie fair spielen.“

Pünktlich um 18 Uhr betrat er den Pub und übergab dem Barkeeper den Umschlag mit dem Vertrag. Er wusste, dass es keinen Sinn haben würde, hier auf den Italiener zu warten oder gar Fragen zu stellen. Ein Fremder würde den Vertrag abholen und das Dokument wieder einem anderen Fremden geben. Selbst der Barmann wusste nicht, dass er als stiller Briefkasten herhalten musste.

Zurück bei Marco in der Küche passierte stundenlang nichts. Niemand meldete sich.

Es gab Kaninchen auf ligurische Art, geschmort im Ofen mit Wurzelgemüse, schwarzen Oliven und Rosmarin in einer Sauce von Weißwein aus Apulien, den Marco augenzwinkernd auch als Aperitif sowie als Tischwein kredenzte.

In John breitete sich Verzweiflung aus. Der Wein schmeckte schal, und das lag sicher nicht an dem preisgekrönten Tropfen. Er musste etwas unternehmen!

„Marco, du kennst dich doch bei euch in der Community aus. Kannst du dich nicht mal umhören? Vielleicht kennt jemand diesen Gianluca?“

Marco schaute vom Zwiebelschneiden auf. Er wischte sich mit dem Ärmel die Tränen ab und sagte schniefend: „Schon erledigt. Ich habe meinen Onkel darauf angesetzt und treffe mich in einer Stunde mit ein paar alten Freunden. Wenn die nicht wissen, für wen der Kerl arbeitet, dann weiß es in ganz New York niemand.“

Es wurde dunkel. John saß allein in der Küche und dachte bei einem schönen Single Malt, den der gute Marco ihm zum Abschluss angeboten hatte, angestrengt nach. Er war noch nie in solch einer Situation gewesen. Gewalt, Entführung oder gar Mord kamen in seiner Welt nicht vor. Er zog die verbale Auseinandersetzung der körperlichen vor. Jetzt hatte er das Gefühl, zu versagen, er wurde in eine andere Welt hineingezogen. Eine dunkle, kalte Welt, von der er nichts verstand.

Er musste etwas unternehmen. Dieses Warten, dass sein Handy klingelte und man ihm endlich den Ort verriet, an dem seine Familie gefangen gehalten wurde, konnte er nicht mehr länger ertragen. Er hatte alles getan, was von ihm verlangt wurde, er hatte nur noch einen Wunsch und Gedanken: Er wollte seine Frau und seinen Sohn endlich wieder in den Armen halten, wissen, dass es ihnen gut ging. Er musste sich bewegen und nachdenken. Er ging auf die Straße und lief einfach los, er hatte kein Ziel, er musste nachdenken und brauchte eine Lösung. Er lief die Baker Street hinunter an seinem alten Haus vorbei, blieb kurz stehen, um die Ruinen, die wie Stalagmiten aus dem Boden ragten, zu betrachten, und lief dann ziellos weiter.

Nachdem er das Gefühl für die Zeit verloren hatte und schon den Hudson River sehen konnte, vibrierte das Handy in seiner Manteltasche. Sein Herz blieb kurz stehen.

Weisses Haus, Washington, D.C., Januar 2017

Steve Bacon betrat geschmeidig das Oval Office durch eine Seitentür.

Wie immer war Steve leger gekleidet, trug ein einfaches Hemd mit rotem Schlips, darüber ein kariertes Sakko und Jeans. Er hatte sein Aussehen stets beibehalten; neuerdings rasierte er sich allerdings täglich. Das einzige Zugeständnis an seine neue Position. Er legte bei der Auswahl seiner Kleidung keinen gesteigerten Wert auf Äußerlichkeiten, das karierte Sakko trug er schon etliche Jahre. Es war zu einer Art Markenzeichen von ihm geworden.

Er war der persönliche Assistent von Ronald Grump. So zumindest seine offizielle Bezeichnung, jeder wusste aber, welche Macht Steve innehatte. Er allein entschied, welche Dinge mit Ronald besprochen werden durften. Einen Termin bei Ronald ohne die Freigabe von Steve war undenkbar. Die beiden Männer verband keine Freundschaft, aber durch die zahlreichen Schlachten, die sie in den letzten Jahren gemeinsam gefochten und allesamt gewonnen hatten, war so etwas wie Vertrauen und Zuneigung, aber auch Abhängigkeit entstanden. Steve Bacon war der Kontaktmann zu der geheimnisvollen Organisation. Ronald hatte gehört, dass man sie „Medusa“ nannte. Er kannte sich mit griechischer Mythologie nicht aus, hatte aber nachgelesen und herausgefunden, dass es sich um ein weibliches Ungeheuer handelte, die ihre Gegner beim bloßen Anblick versteinern und töten konnte. Ziemlich treffsichere Namensgebung, wie er fand. Er wusste immer noch nicht, um wen und welche Personen es sich bei „Medusa“ handelte.

Steve schien in der Organisation weit oben zu stehen, da er direkten Kontakt zur Führungsriege hatte und weitgehend selbst entscheiden konnte. Jedes Gespräch, in dem Ronald mehr über „Medusa“ herausfinden wollte, endete immer auf die gleiche Art und Weise: Steve setzte ein Lächeln auf, neigte den Kopf zur Seite und antwortete:

„Es ist besser, wenn Sie das nicht wissen. Besser für ein glaubwürdiges Dementi, Ronald.“

Steve war der Steuermann der Kampagne, der Kopf dahinter. „Medusa“ selber blieb im Dunkeln. Die Männer vom Burke Lake hatte Ronald nie wiedergesehen und nichts mehr von ihnen gehört. Der einzige Kontakt war Steve.

„Mr. President, Sir, ich störe Sie nur sehr ungern, aber es gibt einige wichtige Entscheidungen, die jetzt getroffen werden müssen.“

Steve überreichte dem Präsidenten einen Umschlag, der nicht beschriftet war; dies war insofern sehr außergewöhnlich, da sämtliche Korrespondenz des Präsidenten erst im Security Office geprüft werden musste und dann vom Postal Service geöffnet wurde. Dies geschah aus rein praktischen Überlegungen: Es gab kaum Post, die an den Präsidenten gerichtet war und von ihm persönlich beantwortet wurde. Für jedes Thema gab es Spezialisten. Jede dieser Stellen versah das Dokument gewöhnlich mit einem Stempel und einem Bearbeitungsvermerk. Alles wurde elektronisch dokumentiert, somit war jederzeit nachvollziehbar, wo sich welches Dokument in der Bearbeitung befand.

Dieser Umschlag war nicht gestempelt.

Der Präsident öffnete den nicht beschrifteten Umschlag, holte mehrere Blätter Papier hervor und begann zu lesen.

Es handelte sich um eine Liste, die im Großen und Ganzen die gesamte Besetzung der neuen Administration betraf. Für jeden Ministerposten und jede wichtige Funktion stand darauf ein Kandidat beziehungsweise ein Name: Namen, die Ronald noch nie gehört hatte und Namen, mit denen er weniger als ein Gesicht verband. Er kannte diese Leute nicht. Er verstand allerdings, dass die erste Gegenleistung von ihm eingefordert wurde. Man hatte ihn erwartungsgemäß kontaktiert, und nun sollte er wichtige Posten seines Kabinetts und des Executive Office des Präsidenten der Vereinigten Staaten mit Leuten besetzen, die er nicht kannte. Das war Teil des Deals, dem er vor Jahren am Burke Lake zugestimmt hatte. Bis heute hatte er keine Aufforderung bekommen, irgendetwas anders zu machen, als er es ohnehin getan hätte. Doch nun hatte „Medusa“ zum ersten Mal ihr Haupt erhoben.

Die Liste schien lang: Mike Price, mit dem er die meiste Zeit den Wahlkampf bestritten hatte, stand ganz oben weiterhin als sein Vize auf der Liste. Er mochte Mike nicht, man hatte ihn ausgesucht, weil er neben Steve der Verbindungsmann zur Organisation war, aber hauptsächlich fühlte er sich von Mike beobachtet und wusste, dass, wenn er nicht auf Linie blieb, Mike übernehmen würde. Allein schon deswegen mochte Ronald ihn nicht. Mike war ein Speichellecker, wie er schon viel zu viele getroffen hatte: Menschen, die sich gern im Schatten großer Persönlichkeiten tummelten und sich von den Brotkrumen ernährten, die Titanen wie er vom Esstisch fallen ließen. Ganz bewusst fallen ließen.

Außenminister Rik Tillman war der Nächste auf der Liste. Er kannte ihn nicht gut, nur auf einigen Veranstaltungen und Spendengalas hatte er ihm beiläufig die Hand geschüttelt. Welche Qualifikationen er hatte, wusste Ronald nicht, aber er sollte Außenminister werden. Jetzt hatte er ein Problem. Tomas Scharon sollte eigentlich den Posten übernehmen – Ronald hatte viel Geld aus dessen Heimatbezirk erhalten, und er fand den Jungen gut. Vor allem machte er alles genau so, wie man es ihm sagte. Dieser Charakterzug gefiel Ronald an Menschen: Wenn sie wussten, wann und wem sie zu folgen hatten. Nun, er würde mit ihm sprechen müssen und sicher einen anderen Posten für ihn finden. Was zählte schon das Wort von gestern, gerade bei Politikern.

Finanzminister: Steve Munic. Er hatte noch nie etwas von dem Mann gehört, fand aber, dass man mit so einem Nachnamen nicht in die Politik gehen sollte. Wieder das gleiche Problem, eigentlich wollte er Adam Scott auf diesem Posten, einen ausgewiesenen Experten. Adam hatte ihm schon unzählige Male schwierige Finanzkonstrukte mit einfachen Worten erklärt, das gefiel ihm. Gut, auch dafür würde er wohl oder übel eine Lösung finden müssen. Die Liste setzte sich endlos fort, Verteidigung, Justiz, Innenministerium, er überflog all die Namen und schaute ratlos zu Steve auf, der nach wie vor lässig dastand und auf eine Reaktion wartete.

„Ich soll alle Leute auf dieser Liste ernennen?“, versicherte sich Ronald bei ihm.

Steve nahm die Liste wieder an sich. „Ja, Mister President, das wird Ihr Kabinett sein und das Executive Office. Es freut mich, dass wir hier nicht diskutieren müssen, wir haben für Ihre designierten Kandidaten eine jeweils passende Story, und glauben Sie mir, wenn ich sage, das wird eine schlagkräftige Regierung, die Amerika wirklich ‚wieder groß‘ machen wird! Die Ernennungsurkunden sind schon in der Erstellung, wir werden die Kandidatenliste zur Abstimmung dem Senat zuleiten.“

Damit verließ Steve das Oval Office und ließ den Präsidenten allein an seinem Schreibtisch zurück. Die Papiere hatte er wieder eingesteckt. Alles musste vernichtet werden. Ronald hatte darauf bestanden, einige Dokumente, die vertraulich waren und die nur Steve und ihn betrafen, auf USB-Stick zu erhalten. Steve war dagegen, aus Sicherheitsbedenken. Ronald ließ nicht mit sich reden, er wollte auf geheime Dokumente zugreifen können, wenn er abends im Bett lag, fernsah und nebenbei an seinem Laptop arbeitete. Steve kopierte dann immer die letzten Anweisungen von „Medusa“ auf einen extra gesicherten Stick, den ihm sein Auftraggeber hatte zukommen lassen.

„Sie hatten sich also gemeldet“, dachte Ronald. Nach Jahren der Funkstille waren die Männer aus dem Dunkel zurückgekehrt und forderten nun die Gefälligkeiten ein, die vor Jahren angekündigt worden waren. Er wusste nicht, wie viele Forderungen sie noch stellen würden, das wurde nicht verhandelt. Bislang konnte er gut damit leben. Ein paar Posten, die von Leuten besetzt wurden, die er nicht kannte. Kein Problem, solange er die Macht hatte, alles und jeden wieder zu ersetzen. Vielleicht sollte er die CIA oder das FBI auf die Typen ansetzen, dachte er kurz, verwarf diesen Gedanken aber schnell wieder, als er an die Liste dachte, auf der er auch irgendwo CIA gelesen hatte. Diese Organisation hatte ihre Leute überall platziert. Er war umgeben von Aufpassern. Ja, er war der Präsident, aber die Menschen um ihn herum gehörten fast alle zu „Medusa“. Er musste auf der Hut sein.

Die einzigen Menschen, denen er wirklich vorbehaltlos vertrauen konnte, waren Mitglieder seiner Familie, und nur seiner Familie. Seine Tochter, die bildhübsch war und so klug. Ihr Ehemann, dem er zwei Mal aus der Patsche geholfen hatte, als seine Geschäfte wirklich schlecht liefen. Sein Sohn und natürlich dessen Frau, das waren die Menschen, denen er vorbehaltlos vertraute. Sie glaubten an ihn und an seine Mission. ‚Blut ist dicker als Wasser‘ war einer der Lieblingssprüche seines Vaters, den er über alles verehrt hatte. Ein Mann, der wusste, was er wollte und wie man es bekam. Ein Macher. Von ihm hatte er alles gelernt, auch, dass es keine Niederlagen gibt für einen Grump. Die Geschichte musste in solch einem Fall nur anders erzählt werden. Am Anfang hatte seine Familie ihn für verrückt erklärt, aber als es dann losging, hatten sie ihn vorbehaltlos unterstützt. So musste es sein.

Er ging zum Sofa und nahm sich ein Sandwich, das sichtlich nur für den Präsidenten bestimmt war. Er musste schmunzeln. „Viel zu viel Grünzeug“, dachte er und wünschte sich einen großen, fettigen Burger.

Mit dem Koch würde er reden müssen.

der Zorn, New York, Sommer 2015

John nahm das Handy ans Ohr, als es vibrierte. Marco war in der Leitung. Er hatte sich bei seinen Leuten umgehört. „John, wo bist du? Hier kennt keiner so einen Mann, auf den die Beschreibung passen würde, niemand weiß etwas von einer Entführung. Sie hätten mir gegenüber eine Andeutung gemacht, wenn es jemand von hier gewesen wäre. Also eine Sackgasse.“

John ließ die Worte auf sich wirken, er fühlte sich leer und ausgebrannt, die Hoffnung, über die Kontakte von Marco an die Leute heranzukommen, war das Einzige, was ihm ein wenig Halt gegeben hatte. Er hatte keinen Ansatzpunkt mehr, keine Idee, und ihm wurde klar, dass er entweder weiter warten musste oder etwas weitaus Schlimmeres passiert war. Wut stieg in ihm auf. Hilflosigkeit.

„Ich komme zu dir“, sagte John und legte auf.

Auf dem Heimweg dachte er an Emma. Sie war eine großartige Frau, selbstständig, Architektin, und ständig mit neuen Ideen, was und wie man etwas zu Hause verändern sollte, wen man unbedingt mal wieder einladen müsste. Und wohin man unbedingt als Nächstes verreisen müsste. Ihr geschultes Auge hatte ständig etwas gefunden, über das sie sich freuen konnte, eine Biene auf einer Blüte, einen Sonnenstrahl, der sich im Fenster brach und Spiegelungen erzeugte. All das liebte er so an ihr, sie hatte ihn für diese Art, die Welt zu betrachten, empfindsam gemacht. Dinge, die er früher nicht einmal wahrgenommen hatte, waren für ihn mit einem Mal spannend und interessant, und er begann, die Welt mit ihren Augen zu sehen. Sie waren nun schon seit über zwölf Jahren ein Paar, und obwohl sich ihre Lebenswege schon mehrfach gekreuzt hatten, waren sie erst mit Ende 30 ein Paar geworden. Er liebte sie und konnte sich ein Leben ohne sie überhaupt nicht mehr vorstellen. Ihr Lachen im Haus war allgegenwärtig gewesen, es herrschte immer Trubel, und Freunde gingen ein und aus. Sie waren definitiv das soziale Zentrum der Gegend, und eine Einladung bei den Brockmanns war für die meisten wie eine Einladung zum Dinner beim Präsidenten: Lustig, kurzweilig, unterhaltsam, meist informativ, und man traf viele Gleichgesinnte. Es wurde viel getrunken, die Männer standen im Garten und rauchten, und die Kinder spielten Fangen oder Verstecken.

Als John aufsah, merkte er, dass er schon wieder kurz vor Marcos Haus angekommen war, die Gedanken an seine Frau und seinen Sohn hatten ihn völlig die Zeit vergessen lassen.

Als John durch das Gartentor gehen wollte, hörte er, wie ein Streifenwagen mit hoher Geschwindigkeit die Straße entlanggerauscht kam und mit quietschenden Reifen vor dem Haus anhielt. Ein junger Polizist sprang aus dem Wagen und ging auf John zu.

„Entschuldigen Sie, sind Sie John Brockmann?“

„Ja“, antwortete John, „was kann ich für Sie tun?“

„Sie können einsteigen und mich auf das Revier begleiten. Wir haben Neuigkeiten!“

John stieg in den Wagen ein und rief noch schnell Marco an, um ihm Bescheid zu geben.

Auf dem Revier herrschte hektisches Treiben. Überall klingelten Telefone. Beamte rannten hin und her, es wimmelte wie in einem Bienenstock. John wurde von dem Polizisten in einen weiß getünchten Raum mit einem Tisch und vier Stühlen begleitet, in der Wand an der Stirnseite war der typische einseitige Spiegel eingelassen. An jeder Ecke der Decke war eine Kamera montiert, und der rote Punkt signalisierte John, dass aufgezeichnet wurde.

Als die Tür sich öffnete, kam ein uniformierter Polizist herein und stellte seinen Kaffeebecher vor ihm auf den Tisch.

„John Brockmann?“, fragte er. „Inspector Tenner von der Mordkommission.“

Bei John zog sich sofort der Magen zusammen. Mordkommission, hatte er das richtig gehört?

„Wir müssen ihnen leider eine traurige Nachricht überbringen, wir haben heute Morgen in einem verlassenen Haus in Queens die Leichen einer Frau und eines Kindes aufgefunden. Wir vermuten, dass es sich um Ihre Frau und Ihr Kind handelt.“

Der Raum begann sich um John zu drehen. Alles verschwamm um ihn herum.

„Mister Brockmann? Haben Sie verstanden, was ich gerade gesagt habe?“

„Ja, ja“, antwortete John fahrig.

„Ich muss Sie das jetzt fragen, John, hatten Sie Streit, oder können Sie sich erklären, was hier vorgefallen ist?“

John verstand die Frage nicht. Als er langsam wieder zu sich kam und die Tragweite der Frage verstand, stiegen Wut und Entsetzen in ihm auf.

„Sie, Sie glauben tatsächlich, dass ich etwas damit zu tun habe? Ich habe meine Frau und meinen Sohn geliebt. Sie waren alles, was ich noch auf dieser Welt hatte, und sie waren der Inhalt meines Lebens, der Grund, warum ich am Leben bin! Um auf Ihre Frage zu antworten: Nein, wir hatten keinen Streit! Es gab allerdings schon einige sehr eigenartige Dinge, die in letzter Zeit vorgefallen sind.“ Die Tränen begannen John die Wangen hinabzulaufen, er konnte sie einfach nicht länger unterdrücken. Stockend und immer wieder von Aussetzern begleitet, wenn die Bilder von seiner Familie in ihm hochkamen, erzählte er detailliert, was sich mit dem Italiener zugetragen hatte, den er nur als Gianluca kannte, und was seither geschehen war.

Inspector Tenner machte sich Notizen und nickte immer wieder mit dem Kopf.

„Okay, John, eine unglaubliche Geschichte, für die Sie leider keinen einzigen Beweis haben. Was wir allerdings haben, ist eine Bestätigung der Versicherungsgesellschaft, dass die Prämie der Lebensversicherung Ihrer Frau vor Kurzem erhöht wurde. Die Indizien sind eindeutig. Ihr Konto ist überzogen, Sie haben Schulden, und plötzlich so etwas. Ehrlich, Mann, das passt zu gut zusammen.“

Die Information, dass sein Konto überzogen sein sollte, war gänzlich neu für John. Er verdiente gut, und über Geld machten sie sich schon seit Jahren keine Gedanken mehr. Die Lebensversicherung von Emma hatten sie vor zwölf Jahren nach ihrer Hochzeit gemeinsam abgeschlossen, um Felix abzusichern für den Fall, dass einmal etwas passieren sollte. Nichts von all dem, was Tenner ihm erzählte, ergab für John einen Sinn. Seine Trauer wurde von Wut weggespült, er fühlte sich wie ein in die Enge getriebenes Tier.

„Wie geht es jetzt weiter?“, wollte er von Tenner wissen.

„Sie kommen morgen nach der Autopsie noch einmal vorbei. Sagen wir, gegen acht Uhr früh. Wir brauchen Sie, um die Frau und den Jungen zu identifizieren.“

John war müde und fühlte sich schwach auf den Beinen.

„Gut, dann bis morgen, Inspector Tenner.“

Er stand auf und verließ das Revier auf schnellstem Weg.

John beschloss, zu Fuß zu Marco zurückzugehen, er musste seinen Kopf freibekommen, er musste nachdenken, auch wenn er gerade das Gefühl hatte, nicht bis drei zählen zu können. Je länger John lief, desto mehr spürte er in sich einen Zorn aufsteigen, den er so in seinem ganzen Leben noch nie gespürt hatte. Aber der Zorn schärfte seinen Verstand, und mit einem Mal war ihm klar, was er als Nächstes zu tun hatte.

GESCHÄFTE, NEW YORK, ANFANG 2015

Ronald saß in seinem Büro im 44. Stock des Grump Towers. Das Büro war so eingerichtet, wie er es sich gewünscht hatte. Vielleicht ein wenig protzig, aber ihm gefiel es. Es war ein riesiger Raum, damit die Kameras für seine Show genügend Platz hatten.

Hier wurde unter normalen Umständen nicht gedreht, aber einige Szenen hatten ihn bei Arbeitsmeetings gezeigt, und er liebte es, dass alle Welt sah, wie und wo er arbeitete. Etliche Geschäftsabschlüsse ließen sich darauf zurückführen, dass Partner sich in diesem Filmset sehr wohlfühlten und sich als Teil der Show verstanden.

Wehmütig dachte er an die ersten Folgen seiner TV-Show. Wieder einmal so eine glückliche Fügung. Ronald war rechtlich gesehen bankrott. Er hatte über 350 Millionen Dollar Schulden allein bei der Finanzbehörde, die Schulden bei seinen Geschäftspartnern nicht mitgerechnet, die summierten sich leicht auf das Doppelte.

Aber er hatte dieses untrügliche Gefühl im Bauch, das nur wahre Hasardeure und wirklich erfolgreiche Geschäftsmänner haben: Da war viel mehr drin als nur eine Gage.

Er hatte die Show in eine wahre Geldmaschine umgewandelt; das eigentliche Konzept sah vor, dass er nach einer Staffel aussteigen würde und der nächste Prominente übernahm, aber er sah das Potenzial und schuf etwas wirklich Großes.

Pro Jahr kam er mit der Show leicht auf 50 Millionen Dollar Gewinn, nicht nur als Produzent und Moderator. Er machte eine Marketing-Show aus seiner Sendung, zeigte Produkte von Waschmittel bis Pizza und kassierte dabei mit ab. Nebenbei wurde er immer berühmter, sodass die Werbefirmen Schlange standen, um Krawatten, Hemden, ja sogar Unterwäsche mit seinem Namen zu verkaufen. Manche Ideen waren weit hergeholt und funktionierten trotzdem prächtig. Steaks mit seinem Namen wurden verkauft, Wasserflaschen und allerlei anderes Zeug wurden mit dem Grump-Logo versehen, und es verkaufte sich. Es war eine glückliche Zeit, nur einige Probleme oder, besser gesagt, Ärgernisse blieben.

Den Respekt, den er sich vom „alten Geldadel“ versprochen hatte, bekam er nicht. Nicht einmal, nachdem er gegen alle Widerstände den Grump Tower hochgezogen hatte. Eine wahre Heldentat, die niemand außer ihm geschafft hätte.

Zuerst erwarb er gegen eine 50-prozentige Beteiligung an dem Bauprojekt von einer Versicherungsfirma das Grundstück. Als Nächstes ließ er das alte Kaufhaus abreißen, kaufte dem benachbarten Tiffany die Rechte ab, in die Höhe bauen zu dürfen. Offiziell war es untersagt, Hochhäuser zu bauen, aber durch den Kniff, alte, bestehende Rechte zu nutzen, umging er die Regeln. Hauptsächlich wurden jede Menge illegaler Arbeiter auf seiner Baustelle beschäftigt, das drückte die Kosten, und diese irrsinnigen Arbeitszeitregeln konnten vernachlässigt werden. Man behauptete, dass er über die einzige Baustelle in New York verfügte, auf der Tag und Nacht gearbeitet wurde.

Er verbündete sich mit allen im Zement- und Baugeschäft tätigen Mafiafamilien; ohne deren Beteiligung entstand in New York kein Gebäude. Er konnte nicht verstehen, was man gegen diese Leute haben konnte. Klare Regeln, das Geschäft ging immer vor, und man hielt sich an Absprachen. Mehr, als man von jedem Politiker aus diesem verlogenen Washington jemals bekommen würde.

Seine Idee, Boni in Anspruch zu nehmen für Gebäude mit gemischter Nutzung für Läden, Wohnungen und Büros, war brillant, damit konnte er noch weiter in die Höhe bauen, und als er dann auch noch ein öffentlich zugängliches Atrium plante, erlaubte ihm die Stadt sogar, noch höher zu bauen. Leider bekam er nicht seine gewünschte Anzahl von 63 Stockwerken, aber die 58 genehmigten waren weit mehr, als er sich erhofft hatte, mit jedem weiteren Stockwerk vervielfachte sich sein Gewinn.

Aber wurden diese Leistungen anerkannt? Nein!

Er wäre zu laut, zu glamourös, zu oft im Fernsehen, sein Geld würde stinken, weil er mit der Mafia zusammenarbeitete, was sich natürlich nicht beweisen ließ. Alles Nonsens. Er hatte aus dem, was sein Vater ihm hinterlassen hatte, ein Imperium aufgebaut. Eine Marke, er war die Marke.

Casinos, Golfplätze, Hotels – alles das trug seinen Namen. Er hatte es geschafft, zu den ganz Großen im amerikanischen Geschäft aufzusteigen. Er allein.

Ein Problem blieb: Das Geld durch die Fernsehshow war nicht genug. Die Zahlungen an die Mafia, die Pleite seines Casinos in Atlantic City, die Schulden und Beteiligungen bei Geschäftspartnern und diese verflixte Steuer, all das ließ sich mit den Einkünften aus einer Show nicht begleichen. Was er aber bei alldem gelernt hatte: Bauen bringt Geld, Eigentümer von Grundstücken zu sein, bringt richtig Geld und dazu noch Macht. Und diese beiden Dinge liebte Ronald mehr, als er jemals überhaupt einen Menschen lieben könnte. Es war nicht vergleichbar mit dieser platten Liebe zu anderen Menschen, die vergänglich ist und erneuert werden muss. Geld und Macht blieben und wurden zu einem Begleiter, der Schutz und Distanz schuf.

Wie gerne hätte er jetzt seinen alten Mentor angerufen. Nun musste er selbst sehen, wie er mit diesem Problem fertigwurde. Sein Mentor hatte ihn unauffällig in diese gewissen Kreise eingeführt, in denen beiläufig Geschäfte gemacht wurden und man sich doch nur über Mittelsmänner kannte. Nichts nachvollziehbar, keine Spuren hinterlassen. Immer auf der Hut vor den staatlichen Behörden.

Er ging zum Telefon und rief einen seiner alten Kontakte an. Er hatte diese Nummer schon lange nicht mehr gewählt und musste das kleine Büchlein aus seinem Wandtresor holen. Die Zahlenkombination war sein Geburtsdatum rückwärts eingegeben. Brillant!

Es klingelte nur einmal in der Leitung, bevor eine Stimme zu hören war. Man stellte sich nicht vor, sondern kam gleich zur Sache.

„Ich benötige Ihre Unterstützung, ich suche in Manhattan Baugrund, idealerweise in der Nähe meines Towers, und würde zu den üblichen Konditionen die Regulierung der Verbindlichkeiten übernehmen.“

Schweigen in der Leitung. Dann die leise, ein wenig kratzende Stimme.

„Ich melde mich morgen wieder bei Ihnen.“ Damit war das Gespräch beendet.

Ronald ging in die Küche und machte sich ein riesiges Sandwich. Mit Bedacht vermied er dabei alles, was nur ansatzweise nach Salat aussah. Hippies und Vegetarier aßen so etwas, er verachtete beide Spezies.

DIe Suche, New York, Sommer 2015

John saß in Marcos Küche und starrte an die Wand mit der Küchenuhr.

Diese Uhr kannte John schon seit Kindheitstagen. Wenn sie nach dem Spielen bei Marco zum Essen waren, schaute John immer auf die Uhr, um ja nicht zu spät nach Hause zu kommen. Es war ein altes Modell, mit römischen Ziffern und einem leicht verbogenen Zeiger für die Stunden.

Heute war es anders. Er fürchtete sich vor diesem Tag. Die Beerdigung sollte als kleine Zeremonie ohne Gäste stattfinden. Er hatte keine Einladungen und keine Karten versendet, er wollte allein Abschied nehmen. Nicht einmal Marco sollte kommen, so war sein Wunsch.

Er allein mit seiner Frau und seinem Sohn, das letzte Mal, für immer.

Die Identifizierung der beiden Toten war das Schlimmste, was John jemals erlebt hatte. Man hatte ihm zwar nur die Gesichter gezeigt und nur für einen kurzen Augenblick, der allerdings hatte genügt, um sich zu übergeben. Die starren Augen und der halb geöffnete Mund von Felix waren seither in sein Gedächtnis eingebrannt.

John zog seine Jacke an und fuhr zum Marble Cemetery, hier wurden seit langer Zeit alle Brockmanns bestattet. Er hatte eine Trauerrede vorbereitet, verbunden mit zwei Versprechen. Er wollte, wenn die Zeit gekommen war, neben ihnen liegen, und er gab das Versprechen, die Leute zur Rechenschaft zu ziehen, die zwei Leben auf so furchtbare Art genommen hatten.

Als John aus dem Taxi ausstieg, begann es leicht zu regen. „Auch der Himmel weint“, dachte sich John und ging zu den Gräbern, wo der Bestatter bereits auf ihn wartete.

Marco war erneut zu Nachforschungen bei seinen alten Freunden unterwegs, um mehr über die Hintermänner in Erfahrung zu bringen und vielleicht doch etwas über den unbekannten Italiener herauszufinden.

John hatte in der Zwischenzeit im Büro angerufen. Seine Assistentin Katie Lopez war voller Mitgefühl und Mitleid, als sie das Gespräch entgegennahm. Sie ließ ihm von seinem Chef ausrichten, er solle zuerst einmal freinehmen, um seine Angelegenheiten zu regeln. Niemand würde erwarten, dass er in den nächsten zwei Wochen im Büro vorbeischaue. Sein Abteilungsleiter für Nutzer mit Prominentenstatus könne die schwierigen Accounts so lange übernehmen.

Ja, es war kein guter Zeitpunkt, die Amtseinführung des Präsidenten war aktuell der News Hotspot, aber jeder hatte Verständnis.

Eine weitere Schlagzeile in der New Yorker Presse war eine mysteriöse Explosion. Die Nähe zu dem bekannten Gebäude des möglichen zukünftigen Präsidenten, dessen Namen es trug, wurden als schlechtes Omen für die Präsidentschaft gewertet. Viele Anwohner der Straße hatten ihre Häuser verkauft, entweder weil sie plötzlich Angst vor Gasleitungen hatten oder weil ihnen gute Angebote gemacht wurden. In den Zeitungen wurde über ein weiteres Großprojekt spekuliert.

John stand auf und packte seine Sachen, er wollte zum Grundbuchamt gehen und herausfinden, wer jetzt als Eigentümer für sein Grundstück eingetragen war. Vielleicht war das eine Spur, der man folgen konnte.

Die Dame im grauen Zweiteiler hinter dem Tresen schaute über die Ränder ihrer Brille, als John an der Reihe war.

„Hallo, ich hätte gern Einsicht in das Grundbuch von Manhattan, Baker Street 13. Wer ist als Eigentümer eingetragen?“, fragte John im süßesten Tonfall, zu dem er angesichts seiner aktuellen Lage im Stande war.

„Das kann ich Ihnen beim besten Willen nicht einfach so sagen, junger Mann. Nur berechtigte Personen dürfen Einblick nehmen“, antwortete die Dame.

„Sehen Sie hier, ich bin dort wohnhaft.“ John zeigte seinen Ausweis. „Und ich bin der eigentliche Eigentümer.“

Die Dame schaute kurz auf. „Das ist eine ungewöhnliche Anfrage, Mr. Brockmann. Wenn Sie selbst der Eigentümer sind, was erwarten Sie, wer im Grundbuch eingetragen ist? Mickey Mouse?“

Mit einem Mal musste die Dame herzhaft lachen, was im völligen Kontrast zu der Umgebung, ihrem Outfit und vor allem zu ihren Gesichtszügen stand. John wusste erst einmal gar nicht, wie er reagieren sollte. Da ihm nichts Besseres einfiel, stimmte er in ihr Gelächter ein. Das zeigte Wirkung. Die Dame bewegte die Maus ihres Rechners und fing an zu klicken. Der Drucker hinter ihr begann zu rattern, und mit einem Schwung, den man ihr nicht zugetraut hätte, reichte sie John ein Blatt Papier mit den Eintragungen der Baker Street Nummer 13 der letzten Jahre.

„Kann ich sonst noch etwas für Sie tun?“, fragte die Dame sichtlich immer noch amüsiert. John sah sie lächelnd an. „Danke nein, Sie haben mir sehr weitergeholfen!“ Er strahlte, drehte sich um und verließ das Gebäude.

Er blieb auf dem Fußweg stehen und nahm das Papier in die Hand, das er nur flüchtig beim Rausgehen in seine Jackentasche gestopft hatte.

„Bridgewater and Partner“ stand in der Zeile für den aktuellen Eigentümer, Brooklyn Tillary Street. Eingetragen gestern. Als Verweis ein Dokument mit dem Titel „Kaufvertrag Brockmann/Bridgewater“.

John sprang auf die Straße und hielt wild gestikulierend das erstbeste Taxi an.

„Tillary Street, Ecke Jay Street!“

Der Taxifahrer sagte kein Wort, legte den Gang ein, und sie fuhren über die Brooklyn Bridge direkt nach Downtown Brooklyn.

Als das Taxi anhielt, sah John lediglich ein älteres Geschäftsgebäude mit einem Supermarkt, einem Laden für Hobbybedarf und einen Friseursalon. Dazwischen versteckte sich ein kleiner Eingang mit einigen Klingeln für Wohnungen im Hinterhaus und zwei kleinen Messingtafeln, die alt und schon leicht verfärbt aussahen.

Auf der Obersten stand „Bridgewater and Partner Inc.“

John versuchte die Tür zu öffnen, konnte den Knauf aber nicht drehen. Er drückte auf eine Klingel, an der „Miller“ stand, und hörte kurz darauf ein Summen. Die Tür sprang auf. Durch einen schmalen Gang kam man in ein enges Treppenhaus. Die Treppe teilte sich, und man musste sich entscheiden, welchen Gang man weitergehen wollte. Links hörte John ein „Hallo?“. Das musste Familie Miller sein, also entschied sich John für den rechten Treppenaufgang. Es gab keine Fenster, nur diffuses Licht, einen Schalter konnte er nicht finden. Das alles sah nicht nach einer Firma aus, die mal eben so eine Million Dollar für ein Grundstück hinblättern konnte.

Egal, er stieg bis ganz nach oben. Ein wenig außer Atem stand er vor einer dieser typischen Büroeingangstüren mit Fensterscheibe und der Firmenaufschrift ins Glas geätzt.

Eine Klingel gab es nicht, daher klopfte John an. Nachdem niemand öffnete, rüttelte er an der Tür, als plötzlich ein älterer Mann mit abgetragenem Anzug vor ihm stand.

„Sì, che cosa vuole?“

Völlig überrascht, zum einen, weil die Tür so plötzlich aufging, und zum anderen, weil er auf Italienisch angesprochen wurde, antwortete John:

„Ähm, ja, sorry, ich suche den Inhaber der Firma Bridgewater.“

Der Mann sah ihn von oben bis unten an und sagte: „Sono il proprietario della compagnia. Come la posso aiutare?“

John verstand kein Wort, glaubte aber, einen unfreundlichen Unterton herauszuhören. „Okay. Danke, es scheint sich um ein Versehen zu handeln. Ich habe mich wohl einfach in der Adresse geirrt.“

John drehte auf dem Absatz um und ging zügigen Schrittes die Treppe hinunter. Er hörte er noch, wie ihm jemand hinterherrief:

„Blöde Amerikaner, verstehen nicht mal eine zivilisierte Sprache!“

„Mist! Scheiße! Ich Idiot“, dachte John. Ein wenig mehr Recherche vorher, und mir wäre diese Peinlichkeit erspart geblieben. Er hoffte inständig, dass dieser Typ nicht irgendwen anrief, um Alarm zu schlagen, weil sich Fremde plötzlich für diese bedeutungslose Firma interessierten.

Er sprang in das nächste freie Taxi und fuhr zurück zu Marcos Haus.

Es brannte Licht in der Küche. Von außen konnte man sehen, dass Marco mit einem weiteren Mann am Küchentisch saß und gestikulierte.

Als John klingelte, sprang Marco sofort auf und lächelte John erleichtert an, als er öffnete.

„Mann, ich dachte schon, die Bullen haben dich einkassiert oder Schlimmeres.“

„Nein, das nicht, aber ich habe interessante Neuigkeiten, und danke der Nachfrage, die Beerdigung war würdevoll.“

Marco und John gingen in die Küche, und Marco stellte den anderen Mann vor.

„Das ist Toni. Er war mit mir bei den Special Forces, und er hat ein paar Fähigkeiten, die uns vielleicht nützlich sein könnten. Ich habe ihm von dir erzählt, und aus alter Verbundenheit hat er zugesagt, uns zu helfen. Toni war unser Nachrichtenoffizier in – sagen wir mal in Ländern, in denen sich die USA nicht offiziell engagieren. Wenn es einen Menschen auf der Welt gibt, dem ich sofort mein Leben anvertrauen würde, wäre das Toni.“

John reichte Toni die Hand, während Marco an den Herd ging um, Pasta alla diavola zuzubereiten.

„Toni, zeig John doch mal, was du so alles draufhast“, sagte Marco, während er anfing, Zwiebeln und Knoblauch zu schneiden, Pfannen auf den Herd stellte und den Wein öffnete. John war sich nicht sicher, er hätte auf eine Minestrone als ersten Gang getippt.

Die meisten Gemüsesorten konnte er nicht sicher bestimmen, Cipolla konnte er nicht von Bärlauch unterscheiden.

„Nein, das werden wir schon noch sehen, was wir aus der IT-Zauberkiste wirklich benötigen“, entgegnete Toni.

„Nur so viel, wenn wir Menschen mal durchleuchten müssen oder sowas in der Art, habe ich noch alle Zugänge sowohl zum FBI, zur CIA und zur National Security Agency. Ich bin zwar nicht mehr offiziell aktiv, aber als Berater könnte es jederzeit zu einem Einsatz kommen, in dem ich dann die Datenbanken bräuchte.“

„Mit Datenbanken kenne ich mich auch ein bisschen aus. Was genau benutzt ihr so bei der Regierung?“, fragte John.

Ein Gespräch über Cluster, Zugriffspunkte und Serverstrukturen entspann sich. Marco verstand von all dem nichts und bereitete in der Zwischenzeit die Hauptspeise zu. Es wurden Chilis gehackt und Tomaten geschält.

Beim Essen erzählte John den beiden, was er über das Grundbuchamt und den Besuch bei Bridgewater and Partner herausgefunden und wie dilettantisch er sich angestellt hatte, in seiner Hoffnung, den unbekannten Italiener ausfindig zu machen.

Beide hörten aufmerksam zu. Als John geendet hatte, sagte Toni:

„Okay, ich glaube, ich muss mich um ein paar Geräte kümmern und ein wenig recherchieren. Ich baue das alles in deinem Gästezimmer auf, Marco, wenn ich dort wieder einziehen kann.“

Marco klopfte Toni auf die Schulter. Beide schienen sich lange zu kennen, alles, was sie taten, strahlte eine enge Verbundenheit und blindes Vertrauen zueinander aus.

John bezog das andere Gästezimmer, Marcos altes Kinderzimmer. In dem Moment, als er einschlafen wollte, klopfte es an der Tür. Toni stand davor und winkte John zu, ihm zu folgen. In der Küche saß Marco mit einem Drink in der Hand und wartete bereits auf die beiden. Marco hatte ein paar Cantuccini gebacken, das Aroma von gerösteten Mandeln war köstlich. Die Küche hatte sich völlig verändert. Überall standen technisches Gerät und Monitore. Vor dem Küchenregal stand ein Flipchart, und die beiden hatten schon einige Mindmaps gezeichnet. Nur der Herd musste frei bleiben, damit Marco „denken“ konnte.

Toni begann, auf einem der Laptops Befehle einzugeben, und über einen Beamer, den John nicht einmal bemerkt hatte, wurde eine Projektion an die gegenüberliegende Küchenwand geworfen. Als Erstes tauchte Johns Auszug aus dem Grundbuchamt auf.

„Das war unser Ausgangspunkt“, führte Toni aus. „Wir haben uns die Firma etwas näher angesehen. Eigentümer, Historie, Beteiligungen und die letzten Steuerunterlagen sowie Geschäftsberichte und Konten, in diesem Fall gab es nur eines. Auf den ersten Blick alles unauffällig, würde man meinen. Wir haben solche Untersuchungen schon oft gemacht. Wenn man weiß, wo man suchen muss, findet man aber Erstaunliches. Das Grundkapital besteht aus lediglich 50 000 Dollar, der Eigentümer ist seit 30 Jahren der gleiche, und die letzten Steuerzahlungen gehen nahe null. Die Umsätze der letzten Jahre lagen im niedrigen sechsstelligen Bereich. Der Geschäftszweck ist die Beratung von Transportfirmen im Baugewerbe. Alle Aufträge kommen von nur zwei Firmen, die wiederum alle beide einer der großen Mafiafamilien in New York zugeschrieben werden. Alles gut verschleiert über Zwischenhändler. Wir sind den Geldströmen gefolgt und konnten daher genau herausfinden, wie die Firma das Geld für den Hauskauf zusammenbekommen hat. Sechs Transaktionen je 80 000 Dollar und der Rest in vielen kleinen Chargen. Alle am selben Tag auf dem Geschäftskonto angekommen. Ergeben ziemlich genau die eine Million Dollar. Einfach war es nicht, aber auch nicht zu schwer, weil vier Wochen vorher nichts auf dem Konto passiert ist.“

John war verblüfft, in welcher Geschwindigkeit Toni die Fakten zusammengetragen hatte.

„Absender des Geldes waren eine kleine Baufirma in Jersey und zwei Betonfirmen, ebenfalls in Jersey beheimatet. Beide Firmen gehören der Mafia, würde ich vermuten, angeblich für Beratungsleistungen im letzten Jahr.“

John ließ das auf sich wirken.

„Ihr meint also, Bridgewater and Partner ist nur eine Tarnfirma?“

Marco ging an den Laptop, und nach wenigen Klicks erschien auf der Leinwand ein neues Bild. Es zeigte drei Männer. Einen davon erkannte John sofort, den unfreundlichen, italienischsprechenden Mann aus dem Büro von Bridgewater. Die anderen beiden kannte John nicht, die Namen sagten ihm auch nichts.

„Darf ich vorstellen?“, begann Toni, „Signor Giovanni Botazzo sowie der ehrenwerte Andrea Botazzo, beide gehören dem Belaqua Clan an. Sie sind in Dutzenden Firmen als Geschäftsführer eingetragen, und es gilt als offenes Geheimnis, dass sie exklusiv für Giancarlo Maria Belaqua arbeiten. Man ist ihnen schon seit Jahren auf den Fersen, aber beide sind blütenweiß, selbst die Steuerbehörde hat nichts finden können. Ich schlage vor, wir überspringen die zwei und konzentrieren uns auf das Oberhaupt der Familie, Giancarlo Belaqua.“

Marco schaute John an.

„Wir haben schon darüber diskutiert. Wenn wir uns an die zwei Strohmänner heranmachen, wirbeln wir jede Menge Staub auf, wir müssten einen von beiden entführen und verhören, damit wir einen Schritt weiterkommen. Dann haben wir immer noch eine 50-prozentige Chance, dass wir den Falschen erwischt haben – und im schlimmsten Fall wissen wir danach nicht mehr als vorher. Wer sicher etwas weiß über die Hintergründe, ist immer der Kopf der Familie.“

John versuchte, das Gehörte zu verarbeiten.

„Leute, mir sitzt die Polizei im Nacken, keine Ahnung, wie lange ich hier noch frei herumlaufen kann, für die ist der Fall längst geklärt. Je schneller wir Antworten bekommen, umso besser, dann können wir der Polizei einen neuen Verdächtigen liefern oder wenigstens neue Indizien“, sagte John.

John musste an seine Familie denken und bleierne Schwere befiel ihn.

Toni, der aufmerksam zugehört und die Gemütsveränderung bei John bemerkt hatte, legte die Arme auf den Tisch, wobei jede Menge Tätowierungen zum Vorschein kamen, und sprach ruhig und sachlich wie ein Profi.

„Lass den Kopf nicht hängen, wir helfen dir. Das heißt, wir schnappen uns Giancarlo!“

Alle nickten. John fühlte sich unwohl in seiner Haut und hatte das Empfinden, sein altes Leben endgültig hinter sich zu lassen.

Er hatte keinen Grund mehr, so weiterzumachen wie bisher, alles, wofür er gelebt hatte, war weg. Seine Familie, sein einziger, wirklicher Lebensinhalt war ihm genommen worden, sein Sohn, sein Erbe und der Mensch, für den er alles aufgebaut hatte, war nicht mehr auf dieser Welt. Seine Frau, die ihn immer wieder aufs Neue begeistert hatte mit ihren Ideen und ihrer erfrischenden Sichtweise selbst auf Alltäglichkeiten, würde ihn nicht mehr inspirieren können.

John spürte, dass die beiden anderen ihn beobachteten und eine Entscheidung erwarteten. Schließlich war er es, der ihre Hilfe benötigte, und wenn Marco und Toni den nächsten Schritt unternahmen, war klar, man begab sich in die Dunkelheit und verließ den Pfad ehrlicher Bürger.

Beide würden nicht zögern, zu foltern oder zu töten, beide waren schon häufig in Situationen gewesen, in die normale Menschen niemals kommen würden. Marco und Toni waren sich darüber im Klaren, dass es von jetzt an keinen Weg zurück geben würde. John kam aus einer anderen Welt, ohne Gewalt, ohne Mord und ohne die Gefahr, täglich sein Leben aufs Spiel zu setzen. Alle drei würden zu gesuchten Verbrechern, und nicht nur die Polizei würde sie jagen – das gesamte organisierte Verbrechen von New York würde sich an ihre Fersen heften. Für John begann mit dieser Entscheidung ein neuer Abschnitt seines Lebens, ein dunkler Teil, er wusste, es gab von nun an kein Zurück mehr. Konnte er von seinen beiden Freunden verlangen, diesen Weg mitzugehen?

„Ich weiß das wirklich sehr zu schätzten, was ihr für mich tun wollt. Ich kann euch da aber nicht mit reinziehen. Wenn was schiefgeht und ihr geschnappt werdet, könnte ich mir das nicht verzeihen. Sorry, Jungs, aber ich muss das allein durchziehen!“

Toni und Marco schienen sichtlich überrascht.

„Mach dir mal keine Sorgen um uns, wenn es hart auf hart geht, laufen wir erst zu Höchstform auf. Du weißt, when the going gets tough, the tough get going. Und falls wider Erwarten etwas nicht funktionieren sollte: Wir sind für solche Fälle bestens vorbereitet. Berufsbegleitende Vorsicht.“

John stellte sich vor die Leinwand und sagte: „Vielen Dank, es bedeutet mir sehr viel, ich weiß gerade wirklich nicht, wo mir der Kopf steht, ohne Hilfe bin ich verloren, fürchte ich. Wie gehen wir vor, habt ihr euch da auch schon was ausgedacht?“

„Die Jagd kann beginnen, noch heute Abend legen wir los! Wir müssen unseren Freund nur noch ein paar Tage beobachten, dann schlagen wir zu!“

John ging auf die beiden zu und schloss sie kurzerhand in seine Arme.

Kurz darauf servierte Marco mit einem zufriedenen Lächeln die Panna cotta mit Himbeerpüree und stellte wortlos eine Flasche Grappa auf den Tisch.

Der Kontakt, New York, Frühling 2015

Die finanziellen Sorgen ließen Ronald an diesem Morgen früher als gewöhnlich aufstehen: Er hatte schlecht geschlafen und schlecht geträumt. Seine letzte große Hoffnung war der Kontaktmann in die Unterwelt. Den Anruf wollte er auf keinen Fall verpassen, und so saß er bereits gegen neun Uhr an seinem Schreibtisch.

Seine Assistentin, die ihm gewöhnlich gegen zehn den ersten Kaffee ins Büro brachte, war so überrascht, ihn um diese Uhrzeit am Schreibtisch zu sehen, dass sie vergaß, ihren Lippenstift frisch nachzuziehen und die ersten zwei Knöpfe an ihrer Bluse zu öffnen. Man sah ihr die Verwunderung an.

„Sir, habe ich einen Termin übersehen?“

Ronald blickte amüsiert auf. „Nein, Christine, ich wollte nur ein paar alte Aufträge durchgehen und mir die letzten Stadtratsbeschlüsse durchlesen. Vielleicht geben die Idioten ja noch nach und wir dürfen höher bauen.“

Christine schien erleichtert, dass ihr kein Versäumnis unterlaufen war und fing an, die beiden Knöpfe ihrer Bluse zu öffnen, was Ronald sehr genoss. Sie wusste aus Erfahrung, dass Verfehlungen bei Assistentinnen nicht ohne Folgen blieben. Sie hatte den Job erst seit einem Jahr und stellte damit einen einsamen Rekord auf. Normal waren wenige Monate, bevor man wegen Belanglosigkeiten rausflog. Dieser Umstand war bekannt und machte den wenigsten etwas aus, da man keine bessere Referenz haben konnte, als private Assistentin von Ronald Grump gewesen zu sein. Sie waren auf dem Markt für Assistentinnen gesucht, jeder wusste, dass Ronald nur Models einstellte, deren IQ über 120 lag und die über Körpermaße verfügten, die Hugh Hefner in Ekstase versetzten würden. Seine Nähe zu den Miss-Wahlen sorgte stets für ausreichend Nachschub und Abwechslung.

„Ach, bitte sagen Sie meinem Junior, er soll bis elf Uhr hier sein.“

Christine nickte und fragte: „Darf ich etwas ausrichten?“

Das Bild von Ronald Grump junior tauchte in ihr auf, ein gutaussehender Mann Ende 30, viel liebenswürdiger als der Vater, jedoch unerreichbar für sie. Ach, wie gern hätte sie sich ihm hingegeben, wusste aber, dass er in einer anderen Liga spielte. Ein Grump würde sich niemals mit dem Personal einlassen.

In dem Moment klingelte das Telefon. Ronald machte eine wedelnde Handbewegung, die so viel bedeutete wie „Hinaus mit dir!“ und nahm den Hörer ab.

Es meldete sich die kratzige Stimme von gestern.

„Ein Treffen, heute, 16 Uhr, Central Park, die gleiche Bank wie immer.“ Damit war die Verbindung beendet.

„Gut“, dachte sich Ronald, „sie haben etwas für mich, wenn daraus ein großes Projekt entstünde, könnte ich auf jeden Fall weitermachen, Verlustvorträge, neue Kredite und neue Partner.“ Er lächelte, seine Sorgen begannen sich zu verflüchtigen, bald würde er auch wieder gut schlafen. Vielleicht könnte er die alten Schulden begleichen und sogar noch etwas für sich und seine Familie auf die Seite schaffen. Der Tag schien besser zu werden, als er erhofft hatte.

Gegen 11:30 Uhr kam sein ältester Sohn Ronald junior in sein Büro. Er hatte ein gebräuntes Gesicht, eine sportliche Figur und trug einen Anzug von Armani. Auf eine Krawatte verzichtete er und gewann damit jenes joviale Auftreten, das ihm die Damenwelt zu Füßen liegen ließ.

„Dad, was kann ich für dich tun?“ Ohne lange Umschweife hockte er sich halb auf die Schreibtischkante, halb wandte er sich seinem Vater zu.

„Du weißt, dass ich bei bestimmten Geschäften nur auf die Familie vertraue. Aus diesem Grund möchte ich dich um einen Gefallen bitten. Geh heute um 16 Uhr in den Central Park. Du wirst dort einen Kontaktmann treffen, der uns ein Angebot übermitteln wird. Nichts Schriftliches, also pass gut auf, unser finanzielles Überleben hängt von dem Treffen ab. Sag denen, sie bekommen morgen Antwort auf dem üblichen Weg. Wir treffen uns danach hier im Büro. Ich warte auf dich!“

Ronald junior wirkte nicht sonderlich überrascht, da er schon häufiger den Mittelsmann gespielt hatte. Die Vorteile lagen auf der Hand. Kein direkter Kontakt zwischen den Parteien, und als Sohn konnte er immer leugnen: Familienmitglieder ersten Grades konnten nicht zur Aussage gegen Angehörige gezwungen werden.

„Okay, Dad, dann bis später“, sagte Ronald junior, bediente sich herzhaft aus der Schale mit den Marshmallows auf dem Schreibtisch und verließ das Büro.

Er war froh, wieder etwas für den alten Herrn erledigen zu können, seine Frau und ihre Wünsche trieben ihn fast in den Wahnsinn. Aus diesem Grund war er mit seinen zwei besten Freunden zumeist abends allein unterwegs. Man traf sich in privaten Häusern, bestellte exklusive und sehr diskrete Escort-Damen, nahm die ein oder andere Nase voll Kokain und verabredete sich zu Männerurlauben.

Jetzt hatte er das Gefühl, endlich einmal wieder gebraucht zu werden. Er wollte gern mehr Verantwortung im Familiengeschäft. Vater testete ihn und seine Fähigkeiten. Er würde ihn nicht enttäuschen. Er nahm wie jedes Mal den East Drive bis zum South Gate House und ging die letzten Meter zu Fuß. 30 Minuten vor 16 Uhr traf Ronald Grump junior an der Parkbank im Central Park ein, von der man einen wunderbaren Blick auf das Jacqueline Kennedy Onassis Reservoir hatte. Obwohl ihn normalerweise Naturschönheiten nicht näher berührten, strahlte dieser Ort eine gewisse Ruhe und Weite aus.

Unvermittelt wurde er aus seinen Gedanken gerissen, als sich ein älterer Mann neben ihn setzte. Sie schauten sich nicht an, der Mann nahm eine Zeitung, schlug sie auf und begann zu lesen.

„Ich hätte zwei Grundstücke für Ihren Vater, sie grenzen direkt an Ihr bestehendes Gebäude in der Baker Street an. Um bauen zu können, benötigt man noch zwei weitere Grundstücke, an denen sind wir bereits dran. Wenn Ihr Vater Interesse hat, soll er mir auf dem üblichen Weg Bescheid geben, dann besorgen wir ihm die fehlenden Grundstücke. Charmant ist, dass man dort in die Höhe bauen dürfte, aktuell nur 30 Stockwerke, aber wir haben unsere Verbindung zum Stadtrat. 60 sollten am Ende kein Problem sein.“ Ronald junior schaute auf seine Uhr.

„Zu welchen Konditionen können wir die vier Grundstücke erwerben?“

Der ältere Mann tat so, als ob er weiterlesen würde.

„Etwas teurer als normalerweise, da wir das offizielle Ausschreibungsverfahren noch zu unseren Gunsten gestalten müssen, das kostet … Und weil wir für die Räumung der letzten zwei Gebäude Spezialisten von der Westküste einfliegen müssen, um keine Spuren zu hinterlassen.“

Jetzt konnte Ronald junior nicht anders und drehte den Kopf zu dem Mann hinüber, er erkannte Giancarlo Maria Belaqua.

„Wie viel teurer?“, fragte Ronald junior.

„Zehn Prozent“, war die knappe Antwort. Der Mann stand auf, faltete seine Zeitung in aller Ruhe zusammen und ging.

Zurück im Büro seines Vaters beendete dieser sofort sein Meeting und ging in die Lounge-Ecke des Arbeitsraums. Er goss sich und Ronald junior einen großen Whiskey ein und setzte sich an die vordere Kante des Sessels. Das ganze Verhalten seines Vaters signalisierte Junior, dass es wirklich wichtig sein musste. Er genoss den Augenblick, nahm den angebotenen Drink dankend an, setzte sich und begann zu erzählen.

Nachdem er von den speziellen Konditionen berichtet hatte, fragte Ronald Grump senior nach: „Wenn er von Räumung spricht und Spezialisten einfliegen lassen will, klingt das nach einer Menge Ärger. Hat er was zum zeitlichen Verlauf gesagt? Ab wann könnten wir loslegen und wenigstens die Verträge aufsetzen? Dann und erst dann fließt das Geld, und wir können die steuerlichen Dinge zu unseren Gunsten beeinflussen.“

Junior sah seinen Vater überrascht an.

„Darüber haben wir nicht gesprochen, ich denke, du solltest ihn das direkt fragen. Was meinte er, als er zehn Prozent mehr sagte? Wie viel Prozent müssen wir denn zahlen?“

Ronald schaute nicht auf. „Üblich ist: 50 Prozent aller Aufträge gehen an die einschlägigen Firmen, die natürlich weit über Marktpreisen abrechnen. Dann kommen noch Bargeldtransaktionen für die Gewerkschaft dazu, und wir zahlen das Doppelte für die Grundstücke, als sie eigentlich wert sind. Dafür bekommen wir die Garantie, in die Höhe bauen zu dürfen, wobei wir schon gut verdienen werden. Wir können von legalen Firmen die Grundstücke erwerben, das ist sehr wichtig für uns, so bleibt die Marke Grump sauber. Über die Steuer- und Verlustvorträge gelingt es uns, mindestens für fünf Jahre weiterexistieren zu können. Ohne dieses Projekt ist das Fortbestehen unserer ganzen Holding gefährdet.“

Ronald junior sah seinen Vater erschrocken an. „Du hast nie angedeutet, wie schlecht es um die Firma bestellt ist. Wer weiß sonst davon?“

Mit einem Mal sprang Ronald Grump auf und schrie. „Nur ich und unser Buchhaltungsleiter wissen Bescheid, und das muss so bleiben. Ich schaffe es auch aus dieser Krise wieder heraus, allein, und jetzt verschwinde!“

Der plötzliche Ausbruch wirkte verstörend auf seinen Sohn, anderseits kannte er das schon bei seinem Vater. Er ging wortlos aus dem Büro.

Ronald schaute seinem Sohn hinterher. Ein guter Junge, aber viel zu verweichlicht. Er traute ihm, aber er wollte ihn noch nicht in die dunkle Seite seiner Geschäfte einführen, dafür war er noch nicht reif. Er selbst hatte viele Jahre für seinen Vater arbeiten, die ganzen Drecksjobs machen müssen, aber das Geschäft verstanden hatte er erst in den letzten Jahren seiner Lehre. Das war die Zeit, in der ihn sein Vater mit der Mafia bekannt machte.

In dieser Nacht schlief Ronald schon wesentlich besser. Er konnte förmlich spüren, wie sich alles zum Guten wendete.

Am nächsten Morgen im Büro klingelte das Telefon, und die bekannte, krächzende Stimme meldete sich.

„Mein Freund, wie haben Sie sich entschieden?“

Ronald ließ einige Zeit verstreichen, ehe er antwortete.

„Das Angebot ist gut, und die Sonderkonditionen sind akzeptabel. Was ich brauche, ist ein schneller Deal. In spätestens vier Wochen muss alles unter Dach und Fach sein. Die Verträge müssen bis dahin unterschriftsreif sein, das beinhaltet die Genehmigungen des Stadtrats und der Baubehörde.“

Diesmal war längeres Schweigen an dem anderen Ende der Leitung.

„Gut, wir bekommen das hin. Die Verträge unterzeichnen wir in zehn Tagen, beim selben Notar wie immer.“

Damit war die Verbindung beendet. Man hatte sich geeinigt. Ronald konnte die Erleichterung körperlich spüren, ein riesiger Druck fiel von ihm ab. Kurz dachte er daran, seine Geliebte spontan zu besuchen, entschied sich dann aber dagegen. Er wollte zuerst mit der Familie feiern und sich danach verwöhnen lassen, so war es richtig.

Er hatte wieder einmal Glück im Geschäft gehabt. Durch eine erfreuliche Wendung konnte er die finanziellen Probleme beseitigen und sich gleichzeitig ein Denkmal errichten. Niemand in der Stadt besaß zwei Wolkenkratzer. Sichtlich zufrieden ging Ronald zu dem Buffet, das eigens für ihn mittags angerichtet wurde. Er bediente sich bei den Chickenwings und nahm sich zwei Cheeseburger, die extra für ihn bei einer Fast-Food-Kette bestellt worden waren. Er liebte den Geschmack von allem in Öl Frittiertem.

Die Beschattung, New York, Sommer 2015

Marco erklärte den Plan noch einmal, den sie sich zurechtgelegt hatten. Zum einen wollten sie ein letztes Mal alles durchgehen, um Fehler zu vermeiden, zum anderen gab ihnen die Zusammenfassung die nötige Sicherheit für ihr Unterfangen. Sie wollten sich tatsächlich mit einem Paten aus der New Yorker Unterwelt anlegen.

John fühlte sich allein schon bei dem Gedanken unwohl, in diese Welt einzutauchen.

Aufgrund Tonis gründlicher Recherche kannten sie viele Details über Giancarlo Belaqua.

John war verwundert, über welche Fähigkeiten und Zugriffsmöglichkeiten auf streng geheime Unterlagen Toni verfügte. Da waren Regierungsbehörden wie ein offenes Buch, selbst Steuerunterlagen waren einsehbar, und Daten aus den Archiven des FBI wurden wie von Zauberhand auf den Beamer gezaubert. Es wurde mit militärischer Spionagetechnik gearbeitet, das wurde schnell klar. John fragte nicht, woher die ganze Technik stammte, war allerdings tief beeindruckt. Als IT-Spezialist konnte er sich ausmalen, welche Datenmengen durchsucht werden mussten, um in der Kürze solch ein Exposé zusammenzustellen.

Zuerst erschien das Foto des Mafiabosses Belaqua an der Wand. Ein älterer Mann Ende 60; graue Haare, eisgraue Augen und eine spitze, falkenähnliche Nase kennzeichneten das Gesicht. Als Nächstes wurde ein Organisationsdiagramm projiziert.

Ganz oben erschien erneut das Bild von Belaqua, in einem gesonderten Kreis unter der Überschrift „Familie“ wurde das Foto einer älteren Dame eingeblendet: seine Frau Maria. Dann die Kinder Francesca und Matteo. In einem weiteren Kreis erschienen die Bilder der Mafiafamilie. Auf Ebene drei waren die bereits bekannten Fotos der beiden Geschäftsführer von Bridgewater and Partner zu sehen, Giovanni und Andrea Botazzo. Oben in der Ecke wurde ersichtlich, dass dieses Dokument eindeutig aus einer FBI-Akte stammen musste. Das Emblem des FBI war klar zu erkennen, und der Schriftzug „Confidential“ lief quer über die ganze Seite. Auf der nächsten Ebene wurden die Firmen und Beteiligungen eingeblendet, die dem Clan zugerechnet wurden. Bridgewater tauchte wieder auf, aber auch eine ganze Reihe von weiteren Firmennamen, darunter viele Baufirmen, Transportgeschäfte, Spielhallen und Restaurants. Einige Namen erkannte John wieder, zumindest waren ihm die Aufschriften auf den Baustellenfahrzeugen bekannt. Die Seite verschwand von der Leinwand, und eine neue Projektion begann, wieder war das FBI-Logo zu erkennen. „Gewohnheiten“ stand als Überschrift in der Mitte.

Toni ergänzte: „Wir sollten das noch mal überprüfen, die Informationen scheinen schon einige Monate alt zu sein, aber ich denke, wir können uns damit viel Aufwand bei der Beschattung ersparen. Trotzdem sollten wir uns sicher sein und die Orte überprüfen.“

Es erschien ein Tagesablauf und daneben ein Wochenplan mit Angabe von Ort und Personen.

Montag, 09:00 Uhr: Friseur, The Barber, 387 Atlantic Avenue.

Montag, 11:30 Uhr: Hillstone Restaurant, 888 Third Avenue.

Montag, 13:30 Uhr: Grump Golf Links at Ferry Point, 500 Hutchinson River Parkway, Bronx.

Montag, 17:30 Uhr: Ankunft Wohnhaus.

In dieser Art setzte sich der Tagesplan über die ganze Woche fort, man konnte detailliert nachvollziehen, wann und wo sich Mr. Belaqua regelmäßig aufhielt, und es war schnell ersichtlich, dass der Mann eine Vorliebe für Golf hatte. Drei Mal die Woche stand Golf im Kalender. Belaqua musste über lange Zeit von der Regierung überwacht worden sein, anders waren all die Details nicht zu erklären. Die Frage, die sich John stellte: Warum lief dieser Mann noch frei herum? Hatte das Material nicht ausgereicht? War man immer noch an Belaqua dran, und was würde passieren, wenn er und seine beiden Freunde nun Belaqua beschatteten? Im schlimmsten Fall tauchten sie selbst in den Datenbanken auf und wurden in Beziehung zur Mafia gesetzt. Man musste höllisch aufpassen, so viel war klar. Es folgte eine Seite mit Besonderheiten, hier wurde eine Reihe von Aktivitäten gezeigt, die von der Wochenroutine abwichen. Eine kurze Liste erschien auf der Leinwand. Geliebte, Jacqueline de Santos Brooklyn, 58th Street, Etage 4, stand als erster Eintrag ganz oben. Treffen ein bis zwei Mal die Woche, unregelmäßig, zwei bis drei Stunden lang. Als Nächstes zeigte der Beamer einige Events, bei denen Belaqua aufgetaucht oder selbst Gastgeber gewesen war. Hunderennen, Boxkämpfe, Opernbesuche und diverse andere Veranstaltungen in Museen und Ausstellungen standen auf der Liste. Auffällig war, dass er nie von seiner Frau begleitet wurde und stets von den zwei selben Sicherheitsleuten bewacht wurde. Beide kamen aus Sizilien und waren Brüder, die über etliche Verbindungen ebenfalls dem Belaqua-Clan zugerechnet werden konnten. Sie kamen aus dem gleichen Ort wie Belaqua selbst.

„Wie gehen wir jetzt vor?“, fragte John.

„Wir teilen uns auf, und jeder übernimmt eine Position. Ich schaue mir das Haus und wenn möglich die Wohnung der Geliebten an, du, John, den Golfplatz, und Toni übernimmt das Restaurant“, sagte Marco.

„Okay, und dann treffen wir uns wieder hier und entscheiden, wie wir weiter vorgehen.“

Die drei Männer nickten stumm und gaben sich die Hand, um den Beginn ihrer gemeinsamen Jagd nach den Hintermännern des Verbrechens zu besiegeln.

Ein Zeichen, das John mit großer Genugtuung erfüllte. Er war nicht allein.

Marco begann zu kochen, heute sollte es Scaloppine di vitello al pistacchio geben.

Toni packte seine Technik zusammen und ging nach oben, während John hingebungsvoll die Schnitzel klopfte.

Draußen war es kühl, und ein leichter Regen hatte eingesetzt. Keiner von ihnen bemerkte das Polizeifahrzeug, das zivil getarnt vor ihrem Haus stand.

Die Kampagne, Sommer 2015

Als Ronald von dem Treffen auf dem See zurück in sein Hotelzimmer fuhr, hatte er ein unglaublich gutes Gefühl. Die Schmach und die Peinlichkeit des Dinners mit dem amtierenden Präsidenten waren fast vergessen.

Neue Möglichkeiten taten sich auf. Wieder einmal war durch eine glückliche Wendung in seinem Leben, das bereits voller Wendungen war, alles besser gekommen, als er es sich erträumt hatte. Zuversicht breitete sich in ihm aus, Vorfreude. Man hatte ihn wissen lassen, dass er in den nächsten Tagen in New York kontaktiert werden würde. Die notwendigen Details würden zu gegebener Zeit besprochen, die nächsten Schritte abgestimmt. Genauso kam es.

Er war mitten in einem Meeting, bei dem es um das neue große Projekt – er nannte es „Grump Tower 2“ – ging, als seine attraktive Assistentin hereinkam und ihm ins Ohr flüsterte. Ein Mann sei an der Rezeption, der sich auf keinen Fall abweisen lassen wollte. Er verlangte, sofort mit ihm persönlich zu sprechen. Das allein war nicht ungewöhnlich, doch die kleine Nachricht, die er mitgegeben hatte, auf der nur „Burke Lake“ stand, veranlasste Ronald, das Meeting zu beenden und den Gast zu empfangen.

Ein mittelgroß gewachsener Mann mit Bart und legerer Kleidung betrat, begleitet von seiner Assistentin, das Büro. Ronald musste laut lachen, als er den Besucher sah.

Er kannte ihn bereits seit vielen Jahren, sie hatten oft die Bekanntschaft gemacht. Nie aus einem speziellen Anlass, aber man kannte sich und war sich auf keinen Fall abgeneigt. Umso überraschender kam es für Ronald, dass er ein ihm vertrautes Gesicht als Kontaktmann zu dieser ominösen Organisation vor sich hatte: Steve Bacon.

Steve kam aus Norfork, Virginia, und machte auf Ronald einen sehr aufgeweckten Eindruck, ein vor Energie strotzender Mann, der wusste, wie man Dinge anging. Er hatte eine lange Karriere als politischer Aktivist des rechten Flügels in Amerika hinter sich. Er war als Chef der Meinungs- und Nachrichten-Webseite Brightdark News Network bekannt geworden. Privat hatten beide Männer ähnliche Wege beschritten und viele Ehen hinter sich gebracht, was zumindest darin gipfelte, ähnliche Ansichten über das weibliche Geschlecht zu haben.

„Nun Steve, was kann ich für Sie tun?“, begann Ronald das Gespräch.

Steve setzte sich in die Lounge-Ecke. „Ronald, es freut mich, dass Sie sich entschieden haben, mit uns zusammenzuarbeiten. Ich bin ab sofort Ihr persönlicher Berater und zuständig für Ihre Kampagne für die Präsidentschaftswahl 2016. Ich repräsentiere die Organisation. Wir haben es uns zum Ziel gesetzt, Amerika größer und stärker zu machen als jemals zuvor, wir werden es den Chinesen und Europäern noch einmal so richtig zeigen, und wir werden Amerika wieder zu alter Stärke führen. Wir arbeiten an diesem Plan seit vielen Jahren, wir haben unbegrenzte finanzielle Mittel, wir haben eine klare Vision von Führerschaft. Was uns gefehlt hat, war ein geeigneter Kandidat, mit dem man diese Ziele erreichen kann. Ronald, dieser Kandidat sind Sie. Mit Ihnen als zukünftigem Präsidenten können wir Amerika als Supermacht über die gesamte Welt neu erfinden und auf Jahre hinaus festigen.“

Ronald fühlte sich geschmeichelt und nickte leicht mit dem Kopf, wie zum Einverständnis.

Steve, der spürte, wie aufmerksam Ronald zuhörte, fuhr fort.

„Wir haben die Technologiekonzerne auf unserer Seite, wir werden vollkommen neue Energien erschließen und die fortschrittlichste Waffentechnologie besitzen. Eine Technologie, die uns die anderen Länder inklusive China untertan werden lässt.

Technologische Abschreckung wird die nukleare ersetzen.“

Ronald ließ die Worte auf sich wirken. Es fühlte sich gut an, Teil von so etwas Großem zu sein.

„Danke, Steve, das ehrt mich sehr. Wie Sie sicherlich wissen, bin ich finanziell nicht in der Lage, einen Wahlkampf zu führen, und das würde für mich auch bedeuten, nicht mehr Teil der Grump-Organisation zu sein, die meinen Namen trägt und die ich aufgebaut habe. Ich bin bereit, aber muss gestehen, dass es selbst für mich als Produzenten von TV-Shows schwer vorzustellen ist, einen Geschäftsmann wie mich zum Präsidenten aufzubauen.“

Steve blickte Ronald direkt in die Augen.

„Ronald, das ist jetzt ganz wichtig, was ich sage, und ich möchte, dass Sie es verstehen. Unsere Kampagne wurde Ihnen auf den Leib geschrieben, wir wissen genau, was wann etwas getan werden muss. Wir können nicht scheitern. Das Drehbuch steht, und das Einzige, was Sie zu tun haben, ist, genau meine Anweisungen zu befolgen. Egal, was passieren wird, Sie halten sich an mich, geben keine Interviews, ohne dass ich sie abgesegnet habe, veröffentlichen keine Statements ohne mein Wissen und halten Ihr Privatleben die nächsten Jahre sauber, also keine Nutten, keine Freundinnen, keine ausschweifenden Partys ohne mein Wissen, dann werden Sie sicher der nächste Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika. Wir haben das Geld, wir haben die Beziehungen und wir haben den besten Plan, den man haben kann, und noch einmal, die Planungen laufen seit vielen Jahren und haben schon Hunderte von Millionen Dollar verschlungen. Das ist kein Projekt, bei dem man sich ein Scheitern leisten kann. Deswegen werde ich die Kampagne persönlich leiten. Sie müssen nur auf meinen Rat hören, dann kann Ihnen niemand diesen Sieg nehmen.“

Erleichterung machte sich in Ronald breit, die Typen schienen etwas von ihrem Handwerk zu verstehen, und er war ihr fehlendes Puzzleteil zum Sieg. Das gefiel ihm. Er fühlte sich geschmeichelt. Er liebte es, mit Profis zusammenzuarbeiten.

„Okay, wie geht es jetzt weiter?“

Steve rückte weit vor in seinem Sessel, blickte Ronald fest an und sagte:

„Nun, zuerst müssen wir herausfinden, wie stark die von uns geplante Kampagne mit Ihren Vorstellungen übereinstimmt. Ich schlage vor, wir treffen uns morgen gegen zehn wieder hier und besprechen alles Weitere. Ich weiß, dass Sie ungern früh aufstehen.“

Er erhob sich und wollte sich verabschieden, als Ronald noch einmal nachhakte.

„Wie genau sieht der Zeitplan aus, Steve?“

Steve drehte sich um.

„Ach so. Nun gut, wir werden in den nächsten Wochen die Kandidatur bekannt geben. Bis dahin müssen wir ein Team aufstellen, das nebenbei bemerkt schon fast komplett ist und nur noch auf das ‚Go‘ wartet. Als Nächstes werden wir in den verbleibenden Wochen alle Schwachstellen aus Ihrer Vergangenheit eliminieren. Das heißt in diesem Fall, plausible Gegendarstellungen für jeden Fehltritt erarbeiten, und zu guter Letzt werden wir die Republikanische Partei davon überzeugen, dass Sie der Mann mit den besten Chancen für die Nominierung sind und beste Voraussetzungen haben, die Wahl zu gewinnen. Details, lieber Ronald, besprechen wir ab morgen. Sonst noch Fragen?“ Mit diesen Worten wandte sich Steve Bacon zum Gehen und verließ das Büro im 44. Stock.

Ronald ging zum bereitgestellten Buffet und nahm sich einen Hamburger vom silbern glänzenden Tablett. Während er aß, musste er schmunzeln: Ob die ominöse Organisation auch wusste, dass er sein berühmtes Buch gar nicht selbst geschrieben hatte? Er war gespannt, auf welche Fehltritte aus seiner Vergangenheit Steve das nächste Mal zu sprechen kommen würde. Sie konnten unmöglich alles über ihn wissen.

Riskantes Unterfangen

Am nächsten Morgen saßen die drei Männer bereits um sieben Uhr gemeinsam am Küchentisch und frühstückten. Es gab Espresso aus der kleinen Bialetti und gefüllte Brioches. Keiner sprach ein Wort, jeder hing seinen Gedanken nach. Was der Tag wohl bringen würde?

Für Toni und Marco stellte das Ausspionieren von Menschen sowohl in ethischer als auch in praktischer Hinsicht kein Problem dar. Offenbar hatten beide so etwas schon häufiger getan. Johns Zuversicht stieg, gleichzeitig machte er sich Sorgen, als Laie grundlegende Fehler zu begehen.

„Brauche ich irgendwelche spezielle Ausrüstung, oder muss ich auf bestimmte Dinge achtgeben?“, durchbrach er die Stille.

„Nun, es wäre gut, wenn man dich nicht sehen würde. Besser noch, wenn man dich nicht erwischte“, sagte Toni lachend.

„Nein, John, bleibe unauffällig und beobachte nur, ob die Zielperson sich so verhält, wie in dem FBI-Bericht geschrieben steht. Wir wollen auf Nummer sicher gehen, das ist alles. Notiere dir die wichtigsten Zeiten, wie Ankunft und Abfahrt, und wenn möglich mache ein paar Fotos mit deinem Handy, damit wir unbekannte Leute noch identifizieren können, vielleicht hat er ja seine Sicherheit erhöht. Wir treffen uns dann spätestens heute Abend wieder hier. Ich mache eine vorzügliche Pasta mit Thunfisch und Kapern, und wir bringen uns auf den neuesten Stand. Das Ziel von heute ist lediglich eine Überprüfung der Angaben aus dem FBI-Bericht. Hält sich Belaqua an den Zeitplan, oder haben wir mit massiven Abweichungen zu rechnen?“

Als die Männer das Haus verließen, bemerkte keiner von ihnen das zivile Polizeifahrzeug auf der anderen Straßenseite.

John fuhr mit dem Taxi zum Golfplatz. Der Weg über die Washington Bridge, vorbei am Crotona Park über den Westchester Creek war eine angenehme Gelegenheit, über die nächsten Schritte nachzudenken. Er beschloss, sich im Clubhaus an die Bar zu setzen und auf die Ankunft seiner Zielperson zu warten. Johns Plan war, Belaqua in einem Golf-Cart zu folgen und möglichst wie ein Golfspieler zu wirken, der sich die Anlage vor dem ersten Abschlag genau anschaut. Während der Fahrt überprüfte er erneut, ob das Handy ausreichend geladen war und ob er etwas zu schreiben dabeihatte. Alles war vorbereitet, die erste Überwachung seines Lebens konnte beginnen.

John stieg aus dem Taxi, überlegte kurz, ob er in das Restaurant Waterfront gehen sollte oder doch direkt ins Clubhaus. Am Ende entschied er sich, mit einem Blick auf die Uhr, hier auf dem Parkplatz zu warten. Er bestellte für 13:45 Uhr online ein Golf-Cart.

Fünf Minuten nach halb eins fuhr ein Cadillac Escalade vor dem Clubhaus vor.

Tatsächlich stiegen der Mafiaboss und zwei Bodyguards aus dem SUV. John folgte den drei Männern ins Clubhaus und ging an die Bar, um die Beobachtung unentdeckt fortsetzen zu können. Er bestellte sich ein Bier und schlenderte auf die Terrasse, um auf die Abfahrt des Flight zu warten. Er wollte die Verfolgung erst aufnehmen, wenn die Männer mindestens an Loch zwei angekommen waren. John musste nicht lange warten, und Belaqua und ein weiterer ihm unbekannter Mann stiegen in ein Golf-Cart. Die beiden hatten sich im Clubhaus getroffen, in einem Bereich, der nur für Mitglieder reserviert war.

Sofort machte John einige Aufnahmen mit seinem Handy, wobei er versuchte, möglichst nahe an das Gesicht des unbekannten Mannes heranzuzoomen. Ein Basecap und der schlechte Winkel verhinderten Fotos, die zur Identifizierung hätten benutzt werden können. Die beiden Bodyguards stiegen in ein eigenes Cart. Belaqua fuhr mit dem Fremden an Bord los, und der ganze Tross setzte sich in Bewegung. Zu seiner Überraschung startete ein weiteres Golf-Cart, besetzt mit zwei Männern im Anzug, das den beiden ersten folgte. Aufgrund der Statur vermutete John ebenfalls Bodyguards. Drei Carts für zwei Golfer, viel Schutz für einen Mafiapaten. Sie wirkten wie Fremdkörper. Alle Spieler und Gäste liefen in weißer oder bunter Spielkleidung von Loch zu Loch. Bei den Männern in dunklen Anzügen war schnell klar, dass sie nicht des Golfes wegen hier waren. Sie bewachten Belaqua und seinen Begleiter.

John wartete noch ein wenig ab, er wollte keinen Verdacht erregen. Mit einer Zeitverzögerung von fünf Minuten fuhr er mit seinem Golf-Cart der Fahrzeugkolonne hinterher.

An Loch drei hatte er endlich Blickkontakt zu Belaqua und seinen Beschützern herstellen können. John blieb mindestens 50 Meter entfernt und wünschte sich, ein anderes Handy mit besserer Kamera gekauft zu haben.

Der Versuch, Fotos zu machen, endete immer wieder mit verwackelten Bildern des fremden Mannes, die allesamt unscharf waren. Dabei möglichst nicht aufzufallen, war wesentlich schwerer, als er es sich vorgestellt hatte. Mit einem Mal hatte John die Idee, er würde sich vor die Gruppe setzen und an einem Loch seiner Wahl, bei dem er eine gute Kameraposition hatte, den Fremden fotografieren. So sprang John in das Cart und fuhr bis zu Loch fünf, immer Ausschau haltend nach Stellen, an denen er zum einen sein Gefährt stehen lassen konnte, ohne Aufsehen zu erregen, und zum anderen eine gute Perspektive hatte. Er fand lange nicht, was er suchte.

Endlich, bei Loch sieben, kam er an eine passende Stelle.

Hinter einem Abhang konnte er das Fahrzeug so im Dickicht verschwinden lassen, dass es nur noch sichtbar war, wenn man direkt davorstand. Ein paar Zweige und dichtes Unterholz verdeckten das Gefährt fast vollständig. Über einen Hügel hatte er eine gute Möglichkeit gefunden, den Weg zu fotografieren; die Fahne, die das Loch markierte, wehte gute 80 Meter hinter ihm auf dem Green.

John kniete sich hin und versuchte, ein Bild von dem Mann im Golf-Cart zu machen, das auf ihn zufuhr, als er mit einem Mal das Gefühl hatte, das Fahrzeug steure genau auf ihn zu.

Er sprang auf, als das Cart nur noch wenige Meter von ihm entfernt war, und musste zu seiner Bestürzung feststellen, dass die beiden anderen Carts dem ersten mit Belaqua am Steuer folgten.

Mist, jetzt haben sie mich entdeckt, schoss es John durch den Kopf. Das erste Golf-Cart fuhr keinen Meter an ihm vorbei und kam direkt vor dem Dickicht zum Stehen, in dem John sein eigenes Cart versteckt hatte. Belaqua stieg aus, und auch die beiden anderen Carts stoppten nur wenige Meter entfernt. John war wie umzingelt. Alle Männer stiegen aus und begannen sich umzusehen. John fühlte sich ertappt, und sein Herz schlug bis zum Hals. War er entdeckt worden? In dem Moment hörte er eine Stimme.

„Hier, Capo!“ Belaqua und der Fremde gingen zu der Stelle und fanden den gesuchten Ball vor dem Hinterreifen von Johns Golf-Cart.

John hatte keine Wahl, er kam aus seiner Deckung und ging auf sein Fahrzeug zu.

„Zum Glück habe ich ein paar starke Männer gefunden, ich bin mit meinem Drecksding in dieses Gestrüpp geraten. Ich hatte einen Streit mit meiner Frau, und während ich telefoniert habe, war ich so abgelenkt, dass ich mitten in das Dickicht gefahren bin. Könnten die Herren mir vielleicht helfen, das Cart wieder auf den Weg zu schieben? Es scheint festzustecken.“

Die Männer schauten John erstaunt an. Belaqua wies seine beiden Bodyguards mit einem Kopfnicken dazu an, das Cart zurück auf den Weg zu schieben.

Jetzt konnte John den Mann zum ersten Mal richtig sehen. Er traute seinen Augen nicht. Das Gesicht kannte in New York jeder.

Es war Ronald Grump, der berühmte Baulöwe, Immobilienmogul, Veranstalter von Miss-Wahlen, bekannt aus dem Fernsehen und der Klatschpresse.

John nahm allen Mut zusammen.

„Mr. Grump, es ist mir eine Ehre, Sie kennenzulernen.“

Ronald antwortete nicht, sondern erwiderte Johns Worte nur mit einem Kopfnicken.

„Entschuldigen Sie, Mr. Grump, wäre es vielleicht möglich, ein Selfie mit Ihnen zu machen?“, fragte John.

Ronald nickte jovial.

Als die Bodyguards Johns Cart wieder auf den Weg zurückgeschoben hatten, warteten alle, bis Belaqua seinen Ball geschlagen hatte, und John klatschte Applaus für einen Hook, der ganz sicher nicht Richtung Fahne unterwegs war. Die Gruppe stieg wieder in ihre Fahrzeuge. Im Vorbeifahren reichte Ronald Grump John eine Autogrammkarte aus dem fahrenden Cart und rief in bester Laune:

„Für meine Fans bin ich immer da!“

Mit zitternden Knien stieg John wieder auf sein Gefährt und fuhr direkt zurück zum Clubhaus. Er wollte unter keinen Umständen noch einmal gesehen werden. John ging auf die Terrasse, bestellte ein Bier und positionierte sich so, dass er zwar alle ankommenden Personen sehen konnte, er aber selbst außer Sichtweite war. Vorsicht war oberstes Gebot, zweimal am selben Tag würde er nicht so unverschämtes Glück haben.

Er musste über eineinhalb Stunden warten, bis die gesuchten Personen in ihren Carts auftauchten. Ein Blick auf die Uhr sagte kurz nach vier. Die Notizen wurden vervollständigt. John ging zurück an die Bar, zahlte das Bier und ließ sich ein Taxi rufen.

Völlig erschöpft von der Aufregung, die langsam abflaute, erreichte er eine Stunde später Marcos Haus. Als er in die Küche kam, waren Marco und Toni bereits dabei, die Pasta vorzubereiten. Marco marinierte den Thunfisch und übergoss den Fisch mit Orangensaft. Beide schauten John an, der einigermaßen konfus wirkte, und Marco flötete: „Na, Schatz, wie war dein Tag?“ Alle drei mussten grinsen.

Während Marco und Toni sich weiter um die Zubereitung des Abendessens kümmerten, fing Toni an, von seiner Beschattung zu berichten.

Alles verlief, wie in dem FBI-Bericht vermerkt. Wenig Außergewöhnliches, außer dass es kleine Abweichungen im Zeitplan gab, aber sonst nichts Erwähnenswertes. Belaqua aß allein an einem speziellen Tisch, der immer für ihn reserviert war. Seine Bodyguards saßen am Nachbartisch und nahmen nur Vor- und Nachspeise zu sich. Kurz nach 12:30 Uhr verließen sie wieder das Restaurant und fuhren mit einem Cadillac-SUV davon.

John öffnete eine Flasche Weißwein und setzte sich an den Küchentisch, während Marco über seine Observierung berichtete.

Die Geschichte von Marco war schon spannender als die von Toni, natürlich, es kam ja auch eine schöne junge Frau darin vor: Belaquas Geliebte Jacqueline de Santos stellte sich als gebürtige Mexikanerin heraus und war nicht nur mit Belaqua liiert. Gegen zwölf Uhr wurde sie von einem älteren Mann mit einer gewaltigen europäischen Limousine abgeholt. Marco zeigte ein Foto, auf dem eindeutig ein Bentley Mulsanne abgebildet war. Das Nummernschild war perfekt zu erkennen.

„Daniel Harbour ist der Halter des Fahrzeugs, seines Zeichens Schauspieler in allerlei Hollywoodstreifen und offiziell mit Beatrice Harper, ebenfalls Schauspielerin, verheiratet. Sonst keine Auffälligkeiten, in keinem der Suchprogramme oder der FBI-Datenbank taucht der Name auf. Sie ist einfach eine Edelnutte.“ Marco fuhr fort.

„Nun, die Chance habe ich mir nicht entgehen lassen wollen und habe mich ein wenig in ihrer Wohnung umgesehen. Einrichtung und Geschmack wirklich erste Liga. Alles vom Feinsten. Allein der Fernseher so groß wie meine ganze Schrankwand. Esstisch aus Kristall, und Teppiche so tief, da versinkt man bis zu den Knöcheln. Ich hatte ein wenig Ausrüstung mit dabei und habe drei Kameras platziert, eine im Wohnzimmer, eine im linken Schlafzimmer und die letzte im rechten hinteren Schlafzimmer der Wohnung. Es sind die kleinen HD-Knopfkameras mit Bewegungssensor und Tonaufzeichnung.“

Marco musste lächeln, als er von seiner Ausrüstung sprach, und John wunderte sich, über welche Fähigkeiten sein Freund verfügte.

„Die Fenster sind alle mit Riegeln verschlossen und können von außen nicht geöffnet werden. In Summe war die Wohnung ganz gut gesichert, keine High-End-Anlage, aber doch so gut, dass ich fast drei Minuten gebraucht habe, um reinzukommen. Zahlenschloss an der Tür. Na ja, und eine Schwachstelle ist mir sofort aufgefallen. Vor dem Küchenfenster gibt es eine Feuerleiter, hier habe ich an dem Riegel ein wenig gearbeitet, sodass er bis zur nächsten Reparatur nicht mehr richtig schließt. Wir haben nun zwei Möglichkeiten reinzukommen, über die Tür und über das Küchenfenster. Egal wie, wir brauchen dann noch einen Plan, wie man die Gorillas ablenken will, wenn wir an Belaqua rankommen wollen.“

John und Toni nickten zustimmend.

Nun waren die Augen auf John gerichtet.

„Ähm, nun ja, bei mir lief es ein wenig anders, als ich es geplant hatte.“

John berichtete ausführlich, was passiert war und wie es zu dem unbeabsichtigten Treffen mit Ronald Grump kam. Als John von dem Selfie erzählte und wie es zustande kam, brach lautes Lachen in der Küche aus. Was für ein Zufall und welch glückliche Wendung, dass sie nicht aufgeflogen waren.

„Anfängerglück“, sagte Toni und klopfte John auf die Schulter.

Es wurde spät, Marco servierte seine berühmte Pasta mit Thunfisch, und die Männer sprachen über die nächsten Schritte, während eine Flasche Wein nach der anderen geöffnet wurde.

Nach wie vor bemerkte keiner von ihnen das zivile Polizeifahrzeug, das vor ihrer Haustür parkte.

DIe Kandidatur, Sommer 2015

Ronald traf sich wie verabredet am nächsten Tag mit Steve Bacon, um die Kampagne zu besprechen und den Zeitplan für die nächsten Wochen seiner Kandidatur abzustimmen.

Außer ihnen beiden wusste niemand von diesem Treffen. Das würden Breaking News, die den ganzen Erdball erschütterten: Ronald Grump steigt in das Rennen um das Präsidentenamt ein! Steve stellte den Plan so vor, dass anzunehmen war, Ronald könne ihm folgen. Er wusste genau, sein Kandidat verfügte über eine extrem kurze Aufmerksamkeitsspanne.

„Ronald, wir wollen die einfachen Leute aktivieren, die Leute, die sonst nicht zur Wahl gehen. Weiße, unterprivilegierte Arbeiter, einfache Büroangestellte und am besten noch ein paar religiöse Randgruppen, die noch nie einem Kandidaten getraut haben. Menschen, die Washington hassen und alles, wofür es steht.“

Steve ließ die Worte auf Ronald wirken, der aber weder eine Reaktion zeigte noch sich irgendwie angesprochen fühlte. Ronald verzog sogar die Mundwinkel leicht nach unten. Okay, Runde eins war kein Treffer.

„Weiter, wir wollen einen Handelskrieg mit China und Europa anzetteln, damit wir besser in deren Märkte kommen und wir dort einfach und besser bauen können, um Immobilien, zum Beispiel in China, erwerben zu können oder ganze Firmen.“

Ronalds Miene hellte sich merklich auf. Runde zwei. Treffer!

„Wir wollen die Zuwanderung begrenzen und die illegalen Einwanderer aus den USA wieder rauswerfen, egal ob Kubaner oder Leute aus Puerto Rico, aber vor allem aus Mexiko, um diese Jobs dann den weißen Amerikanern zu geben.“

Ronald hatte fast ein Lächeln auf den Lippen.

Runde drei. Treffer!

„Ronald, wir wollen in Washington aufräumen und die korrupten Politiker vernichten, nach Hause schicken und durch unsere Leute ersetzen, die hart für Amerika arbeiten. Solche Leute wie Sie, Ronald, das sind die Leute, die wir in Washington sehen wollen. Leute, die Deals machen zum Besten für Amerika!“

Ronald hatte eindeutig ein fettes Grinsen aufgesetzt. Runde vier. Volltreffer, versenkt!

„Das klingt gut, Steve, ich sehe es schon vor mir, wie wir die Massen mobilisieren können. Ich bin kein Politiker, und ich hasse die Illegalen, und ja, ich will nach China expandieren.“

Steve applaudierte und nickte mit dem Kopf, wobei er hinzufügte:

„Wir streben die Kandidatur bei den Republikanern an, die Partei ist bekannt für ihre Nähe zu den großen Konzernen und ihre konservativen Ansichten, da punkten wir am schnellsten und können die anderen Kandidaten sofort schlagen, erst dann wenden wir uns gegen die Demokraten. Wenn uns das aus irgendeinem mir nicht vorstellbaren Grund nicht gelingen sollte, können wir Sie als unabhängigen Kandidaten ins Ziel bringen.“

Ronald war sichtlich erfreut, er sprang auf, nahm ein großes Glas Scotch in die Hand und fing an, wie wild im Büro auf und ab zu laufen. Dies war seine Art, sich zu sammeln. „Gut, Steve, und was sind jetzt die ganz konkreten nächsten Schritte?“

„Kurz gesagt, wir werden Sie Ende der Woche offiziell als Kandidaten um das Rennen ins Weiße Haus vorstellen. Die Vorwahlen beginnen in gut sieben Monaten, bis dahin müssen wir die anderen Kandidaten vernichten und eine Stimmung des Aufbruchs erzeugen. Sie sehen, es geht schnell zur Sache. Ich richte mir hier in der Nähe ein Büro ein, und wir treffen uns täglich zu einem Briefing. Das Wichtigste ist jetzt, wir müssen für all Ihre Fehltritte, so nenne ich sie mal, Gegendarstellungen erarbeiten. Damit fangen wir sofort an, unser Rechtsbeistand steht draußen vor der Tür und wird uns unterstützen.“

Das Verhör, New York, Sommer 2015

Johns Handy klingelte ungewöhnlich früh. Inspector Tenner war am Apparat. Er bat John, gegen Mittag aufs Revier zu kommen, es hätten sich noch einige Fragen ergeben, die man schnell klären wollte. Johns Magen zog sich zusammen, ihm war klar, dass er einer der Hauptverdächtigen war, der Tonfall seines Gegenübers ließ nichts anderes vermuten.

Man hatte es so aussehen lassen, als sei er der einzige Begünstigte dieses Dramas. Das Konto, das leer war, die Lebensversicherung von Emma und dann noch der Hausverkauf, alles deutete auf ihn – wie ein großer Finger. Er konnte gut nachvollziehen, wie er zum Verdächtigen Nummer eins wurde, zumindest für einen Außenstehenden.

Mit diesem unguten Gefühl fuhr John zum Revier.

Eine Dame in Uniform verwies ihn in den Wartebereich. Hier schien die Luft zu stehen, jede Menge Leute. Das Publikum bestand aus Vertretern aller Hautfarben, wobei Weiß eindeutig in der Unterzahl war. Ein Sprachengewirr ging durch den Raum. Es war laut und stickig. Einige Leute warteten schon lange auf ihren Termin und wirkten genervt oder gehetzt, zwei Asiaten waren mit Handschellen an Stühle fixiert. Ein Geschäftsmann hielt ein Telefon ans Ohr, lief die ganze Zeit auf und ab, wobei er immer wiederholte:

„Das kann doch nicht wahr sein, diese Schweine!“

Es roch nach Desinfektionsmittel. Durch das Neonlicht hatten alle Personen im Raum eine unnatürliche Gesichtsfarbe – wie Wachsfiguren.

John musste eine halbe Stunde warten, bevor Inspector Banks im Wartesaal erschien und seinen Namen aufrief. Er folgte ihm durch eine ganze Reihe von Gängen und fuhr schließlich mit dem Aufzug in die vierte und letzte Etage. „Mordkommission“ stand an der Wand. Er hatte sich einen großen Raum mit vielen Schreibtischen und enormer Hektik vorgestellt, doch es herrschte völlige Stille. Ein langer Flur war alles, was man sehen konnte. Vor einer Tür mit der Beschriftung „Vernehmung drei“ blieb Tenner stehen. „Hereinspaziert und machen Sie es sich bequem“, eröffnete Tenner, fast schon gut gelaunt für seine Verhältnisse. „Darf ich Ihnen etwas zu trinken anbieten?“

„Ja, ein Glas Wasser wäre angenehm“, antwortete John.

Er zog seine Jacke aus und setzte sich auf den ihm zugewiesenen Stuhl. Tenner verließ den Raum, um Wasser zu holen. Nach ungefähr zwei Minuten standen das Wasser sowie einen großen Aktenstapel vor John.

„John, ich darf doch John sagen, wir haben noch einige offen Fragen und hoffen, dass wir mit Ihrer Unterstützung die letzten Lücken schließen können. Aber fangen wir doch bitte ganz am Anfang an. Die Kameras sind eingeschaltet, und wir zeichnen das Gespräch auf, das ist Standard bei uns. Wir sind gesetzlich verpflichtet, so zu verfahren. Alles, was Sie hier sagen, kann vor Gericht gegen Sie verwendet werden. Sie erhalten ein Protokoll, das Sie bitte am Schluss unterschreiben. Haben Sie noch Fragen, bevor wir beginnen?“

John wurde wieder flau im Magen.

„Nein, keine Einwände.“

„Gut, dann sagen Sie bitte Ihren Namen und Wohnort und antworten Sie auf meine Fragen bitte möglichst konkret und vollständig wahrheitsgemäß.“

„John Brockmann, wohnhaft in der Baker Street 13, NY, Manhattan.“

„Mr. Brockmann, Sie wohnen aktuell nicht in der Baker Street 13, ich hatte Sie darum gebeten, wahrheitsgemäß zu antworten“, unterbrach ihn Inspector Tenner. John wirkte irritiert und hatte das Gefühl, die Temperatur im Raum fiele um gute zehn Grad.

„John Brockmann, aktuell ohne festen Wohnsitz. Ich lebe zurzeit bei einem Freund in der gleichen Straße, die Hausnummer kann ich Ihnen aus dem Kopf nicht sagen.“

„Gut, das hätten wir. Nun, wie ich hier sehe, waren Sie seit zwölf Jahren mit Ihrer Frau Emma verheiratet“, sagte Tenner und blätterte in den Akten.

„Ja“, antwortete John.

„Und wie würden Sie Ihre Ehe beschreiben?“

„Als sehr glücklich und inspirierend, auch nach über zehn Jahren noch“, antwortete John wahrheitsgemäß.

„Aber Sie wurden in letzter Zeit von finanziellen Sorgen geplagt?“

„Nein, ganz und gar nicht!“, schrie John fast. „Ich habe einen guten Job bei Twitter und bin seit vielen Jahren finanziell abgesichert, es gibt und es gab nie Engpässe bei uns. Meine Frau hat mit ihrem Job als Architektin noch dazuverdient, das Haus war abbezahlt, und wir haben keine finanziellen Verpflichtungen mehr. Ich habe Ihnen schon bei unserem letzten Gespräch gesagt, dass ich in den letzten Wochen unter Druck gesetzt wurde, das Haus zu verkaufen. Ich habe aber dankend abgelehnt.“

„Sie tischen hier eine ganz wilde Geschichte auf. Ich sage Ihnen mal, wie wir das sehen. Sie haben sich mit Ihren Aktienspekulationen verzockt. Sie waren bankrott. Wir haben uns unter anderem Ihr Aktiendepot angeschaut. Mit den Optionen, die Sie gekauft haben, werter Mister Brockmann, und die bald fällig werden, schulden Sie der Bank weitere eineinhalb Millionen Dollar. Sie mussten das Haus verkaufen, um Ihre Schulden zu tilgen. Doch das allein reichte nicht. Ohne die Lebensversicherung Ihrer Frau wären Sie immer noch nicht aus dem Schneider. Aber warum in Gottes Namen haben Sie auch noch Ihr Kind getötet? Oder war das so nicht geplant?“

In John stiegen die Tränen auf, als er an Felix dachte, er hatte die Bilder in seinem Kopf immer wieder zur Seite geschoben. Gleichzeitig machte sich unendliche Wut in ihm breit.

„Sind Sie eigentlich wahnsinnig, ich habe Ihnen die Wahrheit gesagt. Ich liebe meine Frau und meinen einzigen Sohn. Ich hatte nie finanzielle Sorgen, und wenn Sie richtig recherchieren würden, kämen Sie drauf, wer einen wirklichen Nutzen aus dem Verkauf des Hauses ziehen würde. Ich bin heute hierhergekommen, weil ich gehofft hatte, Sie haben eine neue Spur. Jetzt merke ich, worauf das hinausläuft. Wir sollten hier abbrechen, und ich möchte einen Anwalt hinzuziehen.“

Tenner blätterte weiter in der Akte, ohne auf Johns Forderung einzugehen.

„Wir haben den abschließenden Bericht der Unfallermittler und der Feuerwehr vorliegen. Es war eindeutig kein Unfall. An der Gasleitung wurde manipuliert. Wir konnten Reste von Brandbeschleunigern im Keller finden. Was sagen Sie dazu?“

John sah Tenner direkt in die Augen und zischte: „Ich sage Ihnen, dass hier nicht der Täter sitzt und Sie auf der falschen Spur sind! Sie haben nichts unternommen, um meine Schilderung zu überprüfen. Sie wissen, dass ich ein Alibi habe und zur Tatzeit im Büro war. Sie haben sich weder die Grundbuchauszüge besorgt noch die Käuferfirma und deren Hintermänner untersucht. Sie haben nichts gemacht, außer weitere Indizien gegen mich zusammenzutragen. Noch einmal, ich möchte jetzt meinen Anwalt sprechen.“

Tenner hatte mit dieser Reaktion offensichtlich nicht gerechnet und erwiderte, nun deutlich freundlicher: „Sie haben insofern recht, als dass wir Ihr Alibi überprüft haben und es tatsächlich wasserdicht zu sein scheint. Was wir Ihnen aber aus ermittlungstaktischen Erwägungen noch nicht mitgeteilt haben, ist, dass die Explosion durch eine Vorrichtung mit Zeitzünder hervorgerufen wurde, also per Fernzündung ausgelöst wurde. Es ist somit unerheblich, wo Sie sich aufgehalten haben, da man die Explosion von jedem Ort aus mit einem handelsüblichen Handy auslösen konnte.“

John schien wie vor den Kopf gestoßen. Er brauchte Zeit, um das Gehörte zu verarbeiten. Sein Alibi war nichts mehr wert, und er war tatverdächtig, nur er. Wer immer dahintersteckte, diese Leute hatten sehr gründlich gearbeitet.

Das Verhör zog sich weitere zwei Stunden hin, und alle Kontaktpersonen von John wurden mit genauer Uhrzeit und Ortsangabe notiert, sein Tagesablauf mehrmals durchgegangen und alle noch so kleinen Geschehnisse des Tages immer wieder aufs Neue durchgekaut.

Völlig erschöpft verließ John am Nachmittag das Revier. Er hatte das Gefühl, beobachtet zu werden, und beschloss, nicht zu Marco zu gehen. Er sah eine Kneipe. Er brauchte jetzt ein paar Drinks, wollte vergessen. Vor der Tür der Bar entschied er sich dagegen, seinen Verstand zu vernebeln. John hatte nur noch eine Chance. Er musste Belaqua der Polizei liefern, am besten mit einem Geständnis. Viel Zeit blieb ihm nicht mehr, Inspector Tenner hatte seinen Täter schon gefunden.

Er ging zu Fuß zu Marcos Elternhaus zurück. Das Laufen tat ihm gut.

Als er eintrat, stand sein Freund bereits in der Küche und kochte. Tagliatelle mit Blattspinat und Lachs in einer köstlichen Weißwein-Sahnesauce.

Der graue zivile Polizeiwagen war ihm unbemerkt gefolgt.

Бесплатный фрагмент закончился.

1 344,01 ₽
Возрастное ограничение:
0+
Объем:
320 стр. 1 иллюстрация
ISBN:
9783991312611
Издатель:
Правообладатель:
Bookwire
Формат скачивания:

Похожие книги