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Buddhas Mittlerer Weg
1 Titelblatt
2 Danksagungen
3 Vorwort zur deutschen Ausgabe von „The Buddha’s Middle Way“
4 Vorwort
5 Einführung
6 a. Die Geschichte von Siddhartha Gautama
7 b. Der Palast
8 c. Die Vier Zeichen und sein Fortgehen
9 d. Der Wald: Spirituelle Lehrer
10 e. Der Wald: Askese
11 f. Die Entdeckung des Mittleren Wegs
12 g. Maras Versuchungen
13 h. Erwachen: Bedeutung versus Glauben
14 a. Die Entscheidung zu lehren
15 b. Die erste Lehrrede und die Vier Aufgaben
16 c. Buddhas didaktischer Ansatz
17 d. Buddhas Lehrreden
18 e. Buddhas Politik
19 f. Buddhas Tod
20 a. Jenseits von Allegorie
21 b. Der Mittlere Weg als Metapher
22 c. Vorläufigkeit: Das Floß und die Lautensaiten
23 d. Verabsolutierung: Die Pfeile
24 e. Allmählichkeit: Der Ozean
25 f. Agnostizismus: Der Elefant und die Schlange
26 g. Integration: Das nasse Stück Holz
27 a. Die Verkennung der Skepsis
28 b. Die ontologische Besessenheit
29 c. Die Bandbreite der Verabsolutierungen
30 d. Das Clustern der Verabsolutierungen: „Eternalismus“ und „Nihilismus“
31 e. Ausgewogenheit und die Bevorzugung des Eternalismus
32 a. Der Achtfache Pfad und Integration
33 b. Der Mittlere Weg in der Meditation
34 c. Der Mittlere Weg in der Ethischen Praxis
35 d. Der Mittlere Weg der Weisheit
36 a. Bedingtheit
37 b. Die Drei Daseinsmerkmale
38 c. Verlangen und Verabsolutierung
39 d. Karma und Wiedergeburt
40 e. Buddhas Autorität und Status
41 f. Die Bedeutung von „Dharma“
42 g. Die Gemeinschaft und Ordenstradition
43 h. Glaube und Zufluchtnahme
44 a. Nochmals die Blinden und der Elefant
45 b. Pyrrhonische Skepsis
46 c. Christliche Inkarnation
47 d. Jungs Individuation
48 e. Wissenschaftlicher Falsifikationismus
49 f. Systemtheorie und Biologie
50 g. Verkörperte Bedeutung
51 h. Lateralisation des Gehirns und Verabsolutierung
52 i. Kognitive Verzerrungen und Verabsolutierung
53 j. Ellen Langers Achtsamkeit
54 k. Das Authentische Individuum
55 8. Zusammenfassung
56 9. Literaturverzeichnis
57 10. Der Verlag Mittlerer Weg und die Buddha-Stiftung
Titelblatt
Danksagungen
Ich möchte folgenden Personen für Ihre wertvollen Korrekturen und Kommentare zum Manuskript im Vorfeld der Veröffentlichung danken: Jim Champion, Barry Daniel, Susan Averbach, Viryanaya Ellis, Eric Hoogcarspel, Mark Leonard, Kamalashila Matthews, Francis Gastmans, Winton Higgins und Stephen Batchelor. Ich möchte außerdem Tony Morris für seine Unterstützung, die Veröffentlichung zu ermöglichen, danken. Jochen Weber und Saskia Graf von der Buddha-Stiftung danke ich für die Übersetzung und Veröffentlichung der deutschen Ausgabe.
Robert M. Ellis
Vorwort zur deutschen Ausgabe von „The Buddha’s Middle Way“
Ich möchte Saskia Graf und der Buddha-Stiftung meine große Dankbarkeit dafür aussprechen, dass sie die langwierige und komplexe Aufgabe der Übersetzung meines Buchs ins Deutsche übernommen haben. Es ist schon schwierig genug zu versuchen, den Mittleren Weg präzise in einer Sprache auszudrücken, noch viel schwieriger ist es, all die komplexen Unterschiede zwischen zwei Sprachen zu berücksichtigen. Dank ihrer Arbeit ist es nun möglich, dass deutschsprachige Leser in ihrer Muttersprache über den Mittleren Weg lesen können – über den derzeit leider niemand sonst als eigenständiges Gestaltungsprinzip (und nicht als ein anderen Prioritäten untergeordnetes) zu schreiben scheint. Ich hoffe, dass diese Übersetzung dazu beiträgt, mehr Diskussionen über den Mittleren Weg in deutschsprachigen Ländern anzuregen und mehr Menschen dazu zu bewegen, ihn als Beurteilungsprinzip zu nutzen, wobei die Ideen direkt auf Deutsch weitergegeben werden.
Mein Buch wurde Ende 2017 bis Anfang 2018 geschrieben und 2019 in englischer Sprache veröffentlicht. Nun ist es Ende 2020 und in diesem Zeitraum hat sich das Ausmaß an Polarisierung im Weltgeschehen immer weiter verschärft. Die Notwendigkeit eines konsequenten Verständnisses dessen, was hinter Dogma, Unterdrückung, Konflikten und Raubbau an der Umwelt steht, und wie man mit einer wirkungsvollen und ausgewogenen Praxis (anstelle eines gut gemeinten Gegendogmas) Abhilfe schaffen kann, ist umso vordringlicher geworden. Der Buddha bietet einen möglichen und gleichermaßen hilfreichen und gut entwickelten Weg hin zu dieser wirkungsvollen und ausgewogenen Praxis, aber er darf nicht einfach zu einem weiteren fruchtlosen, konkurrierenden „Ismus“ werden. Ich ermutige Sie nachdrücklich, den Mittleren Weg zu einem Teil Ihrer Praxis zu machen, solange uns noch Zeit bleibt.
Robert M. Ellis, Malvern Großbritannien, Oktober 2020.
Vorwort
Während der letzten 20 Jahre hat Robert M. Ellis seine Philosophie des Mittleren Wegs stetig weiterentwickelt. Seine Gedanken finden sich in seinen bekannteren Büchern wie Migglism und Truth on the Edge sowie im kürzlich erschienenen Sammelband Middle Way Philosophy, der mehr als 700 Seiten mit anspruchsvollen Ausführungen und Überlegungen umfasst. Um seine Gedanken in Formen der Praxis umzusetzen, die den Herausforderungen des Lebens in der gegenwärtigen Welt gerecht werden, hat Ellis auch die Middle Way Society gegründet, die Podcasts, Online-Diskussionen, Retreats und andere Aktivitäten anbietet:
http://www.middlewaysociety.org
Ellis ist ein eigenständiger, konsequenter Denker. Obgleich er anerkennt, dass er dem Buddha als erstem Verfechter des Mittleren Wegs zu Dank verpflichtet ist, hat er sich vom Buddhismus distanziert und bezeichnet sich nicht mehr als Buddhisten. Er hat versucht, die Prinzipien des Mittleren Wegs offenzulegen, wie sie überall in der menschlichen Kultur zu finden sind: im Christentum und Judentum, in zahlreichen säkularen Philosophien sowie in der Psychologie und in den Naturwissenschaften. Da der Mittlere Weg darüber hinaus im Rahmen unseres täglichen Lebens als ethische Wesen praktiziert werden soll, wendet Ellis dessen Prinzipien auf unsere politische und wirtschaftliche Lebensweise, unser Geschichtsverständnis und unsere Beschäftigung mit den Künsten an.
In Buddhas Mittlerer Weg kehrt Ellis zu buddhistischen Quellen zurück und liefert uns einen überzeugenden Bericht darüber, wie der Buddhismus in seiner derzeit gelehrten Form sowohl dazu dienen kann, den Mittleren Weg zu verdunkeln als auch dazu, ihn zu erhellen. Indem er zu einer Weltreligion wurde, die sich auf metaphysische Glaubensinhalte stützt, hat der Buddhismus aus Ellis‘ Sicht oftmals den Kontakt zum Prinzip des Mittleren Wegs, das er zu verkörpern beansprucht, verloren. Indem er sich auf die pragmatische und skeptische Dimension buddhistischen Denkens konzentriert, die Kraft seiner klassischen Gleichnisse wiederherstellt und hervorhebt, wie Gotama mit seinen Zeitgenossen interagierte, enthüllt Ellis, wie das Prinzip des Mittleren Wegs die Gesamtheit dessen durchdringt, was der Buddha gelehrt hat.
Den Mittleren Weg zu praktizieren bedeutet weit mehr als nur die Extreme von Genusssucht und Selbstkasteiung zu vermeiden, wie sie in Buddhas erster Lehrrede im Hirschpark von Sarnath beschrieben werden. Solche Extreme zu vermeiden, dient lediglich als nützliches Beispiel, um ein weit umfassenderes Prinzip zu veranschaulichen. Für Ellis ist der Mittlere Weg eine Metapher für eine ganzheitliche Lebensweise, die auf alle metaphysischen Verabsolutierungen verzichtet. In Ellis‘ Worten ist er „ein Bewertungsprinzip, das sich darauf konzentriert, wie wir auf unsere Erfahrungen reagieren, und keine Aussage darüber, wie Dinge letztendlich sind.“ Als solches entfaltet sich der Mittlere Weg vollständig innerhalb der vorläufigen, mehrdeutigen Welt unseres Lebens als unsichere und doch ethische Lebewesen.
Ich hoffe, dass dieses provokante Buch Buddhisten dazu ermutigen wird, den Mittleren Weg, der den Kern ihrer Tradition verkörpert, neu zu überdenken, und wertzuschätzen, wie dieses Prinzip ihre Tradition mit vielen anderen antiken und modernen, säkularen und religiösen verbindet. Buddhas Mittlerer Weg bietet gleichzeitig auch eine ausgezeichnete kritische Einführung in Buddhas Leben und Lehren für diejenigen, die mit dem Buddhismus weniger vertraut sind. Dank Ellis' bahnbrechender Arbeit wird der Mittlere Weg möglicherweise nicht mehr als eine ausschließlich buddhistische Leitidee betrachtet werden, sondern stattdessen als ein universelles Vermächtnis des Menschseins verstanden werden.
Stephen Batchelor
Aquitaine, September 2018
Einführung
Soweit wir wissen, wurde der Mittlere Weg wohl erstmals explizit vom Buddha gelehrt. Der Buddha war ein Mensch, der vor etwa 2.500 Jahren auf dem nordöstlichen indischen Subkontinent gelebt haben soll. Es ist jedoch wichtig, den Mittleren Weg in Hinblick auf die Probleme unserer und nicht seiner Zeit zu verstehen und zu praktizieren. Der Mittlere Weg kann einen wesentlichen Beitrag dazu leisten, unser Leben in allen Erfahrungsbereichen angemessener zu leben.
Wie können wir mit Stress fertig werden und indes unsere Leistungsfähigkeit für eine anstrengende Arbeit bewahren? Indem man den Mittleren Weg in der Meditation praktiziert, bewahrt man ein Zeitfenster wirkungsvoller Erholung zwischen starren, willentlichen Handlungsweisen und unangemessener Hingabe. Wie können wir in einer Welt, in der sich alte Gewissheiten aufgelöst haben, moralische Urteile fällen? Indem wir den Mittleren Weg finden, in dem kein moralisches Prinzip absolut ist, sondern alle moralischen Prinzipien uns mögliche Denkanstöße geben können, um moralische Angemessenheit zu fördern. Wie gehen wir mit einer polarisierten politischen Debatte um? Indem wir einem Mittleren Weg der kritischen Reflexion folgen, von dem wir erwarten, dass gewisse Sachverhalte aus allen Perspektiven beleuchtet werden. Nichtsdestotrotz müssen wir die die Notwendigkeit eines entschiedenen Urteils erkennen, um den gegenwärtigen Bedingungen möglichst gut gerecht zu werden. In der persönlichen Praxis, in der Wissenschaft, in Beziehungen und in unserer Reaktion auf Umweltkrisen brauchen wir heute den Mittleren Weg.
Lange Zeit habe ich über den Mittleren Weg an sich geschrieben, aber vermieden, über den Buddha zu schreiben. Warum? Weil zu viele Menschen an ersteren nur in Abhängigkeit von letzterem denken. Der Buddha hat den Mittleren Weg nicht erschaffen, genauso wenig wie Newton die Schwerkraft erschaffen hat. Dem Mittleren Weg an sich muss die Hauptaufmerksamkeit gelten. Dieser Punkt wird auch allzu leicht in voreingenommenen Debatten zwischen buddhistischen Gelehrten oder Schulen vergessen. Über den Buddha zu schreiben, bedeutet oft, sich belanglosen, voreingenommenen Reaktionen auszusetzen.
Es gibt jedoch auch ausgesprochen gute Gründe, über den Buddha zu schreiben. Als Menschen sind wir geschichtenerzählende Wesen und brauchen Geschichten, die uns inspirieren. Der Buddha liefert nicht nur eine großartige, archetypische Geschichte, durch die man beginnt, den Mittleren Weg zu verstehen, viele Menschen werden vom Mittleren Weg überhaupt erst gehört haben, weil sie von Buddha und vom Buddhismus gehört haben. Trotz all der komplexen Fragen, die der Buddhismus als Tradition aufwirft, bleibt er weiterhin eine wichtige Quelle für das Verständnis des Mittleren Wegs. Erst durch den Buddhismus habe ich selbst überhaupt angefangen, ihn zu verstehen. Menschen, die sich dem Mittleren Weg aus dieser Richtung nähern, benötigen oft eine Klärung von Sachverhalten.
In diesem Geiste möchte ich über den Mittleren Weg in Verbindung mit dem Buddha schreiben. Obwohl es an vielen Stellen kritische Aspekte gibt, besteht mein Hauptanliegen darin, eine klare und positive Darstellung des Mittleren Wegs zu vermitteln, indem ich ihn durch die beispielhaften Erzählungen über den Buddha und seine Lehren veranschauliche. Mit dem, was der Buddha getan und gesagt hat zu beginnen, ist eine Möglichkeit, eine grundlegende Wertschätzung des Mittleren Wegs zu erlangen. Dann können wir dazu übergehen, andere mögliche Ansätze zu betrachten, aus denen heraus wir den Mittleren Weg verstehen können. Ich werde das frühe Leben des Buddha schildern, um den Prozess der Entdeckung des Mittleren Wegs zu veranschaulichen, bis ich dann in Kapitel 1.f eine erste detaillierte Darstellung seiner Bedeutung gebe.
Dank der Arbeit mehrerer westlicher und säkularer buddhistischer Lehrer und Autoren hat die nützliche Neuinterpretation des Buddha und des Buddhismus für die heutige Zeit in den letzten Jahren beträchtliche Fortschritte gemacht. Diese haben sich zu einem klareren und hilfreicheren Verständnis der Lehren des Buddha, frei von dogmatischen Beifügungen, vorgearbeitet. An erster Stelle ist hier Stephen Batchelor zu nennen. Batchelors neustes Buch „Jenseits des Buddhismus“ bietet, meiner Ansicht nach, den bisher besten Ansatz, den hilfreichen Pfad von traditionellen Dogmen zu befreien.
Allerdings scheint es keinem dieser Autoren gelungen zu sein, sich von der letzten Last der Buddha-Debatte zu befreien – dem Rückgriff auf historische Autorität. Der Buddha, für den sie eintreten, soll der wahre Buddha sein, der maßgebend ist, weil er in den frühesten (oder kanonischsten) Texten zu finden ist. Alle derartigen Argumente sind Geiseln des Schicksals, abhängig von wechselnden historischen oder textuellen Aussagen. So begründet diese Aussagen jetzt auch erscheinen mögen, sie sind Gegenstand widersprüchlicher Beweise und endloser wissenschaftlicher Auseinandersetzungen über deren Interpretation. Darüber hinaus sind sie ohne Belang für den Inhalt der Einsichten des Buddha, welche – sofern sie von Wert sind – sehr wohl für sich selbst stehen können sollten. Deshalb möchte ich mit diesem Buch etwas anbieten, von dem ich wünschte, dass es schon zuvor jemand anderes geschrieben hätte: eine Interpretation der überlieferten Lehren des Buddha, die nur auf praktischen Erwägungen fußt und nicht auf umstrittenen Annahmen über den „wahren“ historischen Buddha.
Warum geht es mir in erster Linie um den Mittleren Weg und nicht so sehr um die anderen Lehren des Buddha? In buddhistischen Darstellungen kommt allgemein den Vier Edlen Wahrheiten, dem Achtfachen Pfad, der Dreifachen Zuflucht, Abhängigem Entstehen, usw. mehr Bedeutung zu. Die Begründung dieser Schwerpunktsetzung wird im weiteren Verlauf des Buchs immer deutlicher hervortreten. Das Schlüsselargument ist, dass all diese anderen Lehren eine hilfreiche Interpretation des Mittleren Wegs erfordern. Beginnen wir mit diesen und interpretieren den Mittleren Weg in ihren Begriffen, mündet dies möglicherweise in einem Dogma, das ungeeignet ist, um den Menschen in ihren sich verändernden Lebensbedingungen hilfreich zu sein. Der Mittlere Weg ist jedoch eine wahrhaft universelle Lehre, die sich auf menschliches Urteilsvermögen und nicht auf Behauptungen über die Wirklichkeit stützt. Er bietet somit einen Ausgangspunkt, um jede andere Lehre auf hilfreiche Weise zu interpretieren.
Der Mittlere Weg, so wie ich in hier verstehe und darstelle, ist eine Metapher für eine praktische Methode zur Verbesserung unseres Urteilsvermögens in allen Lebenslagen. Der Weg beginnt genau jetzt, an welchem Ausgangspunkt Sie auch immer stehen mögen, und er erstreckt sich unbeschränkt auf zukünftige Entscheidungen. Dieser Weg ist nicht deshalb der „mittlere“ Weg, weil er notwendigerweise gemäßigt oder vermittelnd im herkömmlichen Sinne ist. Vielmehr vermeidet er sowohl positive als auch negative Absolutheitsansprüche. Wie wir sehen werden, bieten das Leben und die Lehren des Buddha viele inspirierende Demonstrationen dieses grundlegenden, praktischen, universellen Mittleren Wegs. Der Mittlere Weg wurde jedoch auch auf weniger hilfreiche Weise dargestellt. Auf vergleichende Aspekte verschiedener Modelle des Mittleren Wegs im Buddhismus wird später in diesem Buch eingegangen (Abschnitt 4).
Dieses Buch möchte daher zunächst eine Darstellung des Mittleren Wegs durch den Buddha geben. Es gibt jedoch verschiedene andere Dinge, auf die ich eingangs hinweisen sollte, um mögliche Missverständnisse zu vermeiden. Es ist weder eine Fürsprache für den noch eine Rechtfertigung des Buddhismus. Ich habe viel vom Buddhismus gelernt und war in einer früheren Phase meines Lebens offizieller Anhänger, bin es aber nicht mehr. Mein Ziel ist es, einige Dinge, die ich aus der buddhistischen Praxis gelernt habe, zu vermitteln und sie mit anderen Quellen der Inspiration in Beziehung zu setzen, und nicht, buddhistische Tradition an sich zu fördern.
Andererseits handelt es sich auch nicht um ein wissenschaftliches Buch in der Tradition buddhistischer Studien, auch wenn es eine ernsthafte akademische Argumentation liefert. Wie bereits erwähnt, will ich nicht den „wahren“ oder „historischen“ Buddha durch Textanalyse oder irgendeine andere Methode enthüllen. Ich beziehe mich auf Texte über Leben und Lehren des Buddha (hauptsächlich die aus dem Pali-Kanon), um Quellen der Inspiration zu erschließen. Ich versuche nicht, irgendetwas mittels Autorität zu beweisen, sei es explizit oder implizit. Dieser Punkt sollte zu Beginn betont werden, da er von Lesenden, die mit dem traditionellen Buddhismus und seiner Gelehrsamkeit vertraut sind, beim Lesen dieses Buchs leicht vergessen zu werden scheint. An keiner Stelle sollte in meine Argumente ein Berufen auf Autorität hineininterpretiert werden und aus meiner Textauswahl sollte nicht gefolgert werden, dass ich diesen mehr historische Autorität bemesse als anderen.
Im Allgemeinen wähle ich aus, was gemeinhin als frühere Texte angesehen wird, weil diese meist eine klarere, konsistentere und ausgewogenere Sicht auf den Buddha bieten, nicht wegen ihres Alters an sich. Statt nach einem „Beweis“ im Sinne der Tradition oder ihrer akademischen Interpretation suche ich nach einer praktisch hilfreichen Interpretation dessen, was uns die Traditionen über den Buddha berichten. Kulturelle Akzeptanz ist daher auch ein Faktor bei meiner Auswahl von Texten, weil ich hilfreiche Interpretationen von Texten, die bereits eine tiefe Bedeutung für Menschen haben, fördern möchte.
Daher werde ich meist mit übersetzten Texten arbeiten, die englischen Lesenden zur Verfügung stehen. Ich werde mich nicht allzu sehr auf Fragen zur Herkunft oder zu den Übersetzungen dieser Texte einlassen. Der Grund dafür ist nicht, dass ich mir der sprachlichen und textuellen Fragestellungen, die die Texte begleiten, nicht bewusst wäre (ich habe Pali in Cambridge beim großen Gelehrten K.R. Norman studiert). Vielmehr bin ich der Meinung, dass diese Fragestellungen in den meisten Fällen wenig praktische Bedeutung haben. Nur wenn wir die Autorität religiöser Texte verabsolutieren und unterstellen, sie seien die unumstößliche Quelle der Wahrheit, müssen wir uns unangemessene Sorgen um ihre Authentizität machen. Wie ich darlegen werde, schließt die konkret praktisch hilfreiche Botschaft des Mittleren Wegs an sich eine solch absolute Autorität von Texten aus.
Ich bin in erster Linie ein praxisorientierter Philosoph und weniger ein Gelehrter. Ich bin für die bisherigen Arbeiten der Gelehrten bei der Übersetzung der buddhistischen Schriften dankbar. Dennoch führte mich meine Erfahrung mit buddhistischer Gelehrsamkeit zur Einsicht, dass ihre übliche Wirkung oft unnötig konservativ ist. Indem sie die Aufmerksamkeit der Menschen ständig auf Fragen der Sprache und historischen Autorität von Texten lenkt, bestärkt sie den wenig hilfreichen Glauben, wir sollten diesen Texten als Quellen des Glaubens eine übergeordnete Autorität verleihen. Meiner Erfahrung nach vermeiden es Gelehrte gewöhnlich, den praktischen Inhalt von Texten kritisch zu untersuchen oder ihn gar symbolisch zu würdigen.
Ich interessiere mich für den praktischen Inhalt der Texte in Hinblick darauf, was sie uns sagen können, was uns helfen wird, unser Leben zu entwickeln und zu verbessern. Auf viele andere Materialien zu Texten kann und sollte verzichtet werden – nicht erst, wenn die Texte als Quellen anerkannt wurden, sondern schon lange bevor die Auseinandersetzung mit ihnen zum Selbstzweck wird. Natürlich ist es immer möglich, dass wir uns bei der Interpretation alter Texte irren (was uns übrigens auch bei modernen Texten passieren könnte). Ein nachvollziehbarer Ansatz, den Bedeutungsumfang entscheidender Pali-, Sanskrit- oder anderer Wörter zu verstehen, reicht jedoch aus, ehe es zum Selbstzweck wird. Wir sollten einen Punkt erreichen, an dem es anerkanntermaßen weit wichtiger ist, eine praktisch hilfreiche Interpretation zu finden als eine, die bloß durch eine wie auch immer gerechtfertigte „Genauigkeit“ bestimmt wird.
Ich mache mich an diese Aufgabe, kurz nachdem ich etwas Ähnliches in Bezug auf das Christentum fertiggestellt habe (Der christliche Mittlere Weg{1}). Sollten Sie glauben, der Mittlere Weg sei im Wesentlichen buddhistisch, sehen Sie sich bitte meine Ausführungen über das Christentum an, um durch Gegenbeispiele widerlegt zu werden. Dort habe ich in ähnlicher Weise eine Interpretation der Evangelien und der Schöpfungsgeschichte der Genesis dargeboten, die sich an der praktisch hilfreichen Bedeutung, die wir daraus gewinnen können, orientiert. Ich habe den Kontext in ausreichendem Maße berücksichtigt, um eine kohärente Interpretation des Texts zu liefern, aber ohne in irrelevante wissenschaftliche oder sektiererische Dispute hineingezogen zu werden. Der Mittlere Weg kann in Hinblick auf jegliche Tradition dargelegt werden, unabhängig davon, ob es sich um eine religiöse, philosophische, politische oder künstlerische handelt, er ist nicht die alleinige Domäne oder das Monopol irgendeiner Tradition. Allerdings befassen sich Traditionen in sehr unterschiedlichem Ausmaß mit ihm („Der Mittlere Weg im Nationalsozialismus“ wäre wohl eine ziemlich überschaubare Untersuchung).
In diesem Buch ziele ich also darauf ab, die Elemente des Mittleren Wegs, die ich in den Traditionen über den Buddha finde, zu untersuchen und nicht unkritisch irgendeinen buddhistischen Standpunkt zum Mittleren Weg zu übernehmen. Wie jede Tradition wartet der Buddhismus mit Elementen des Mittleren Wegs auf, mit deren Hilfe er Bedingungen, auf die er trifft, gerecht wird, fällt aber andererseits in Dogmen zurück. Um diese Elemente in einer Tradition zu unterscheiden, ist ein kritischer Prozess unabdingbar. Dennoch ist bei der Betrachtung des Buddhismus eine besondere Wertschätzung, wie weit und wie explizit die buddhistische Tradition den Mittleren Weg befördert hat, angebracht.
An wen richtet sich also dieses Buch? Ich erwarte, dass hauptsächlich Buddhisten es lesen werden. Diese Buddhisten müssen offen dafür sein, den Buddha auf am Mittleren Weg ausgerichtete Weise zu verstehen. Das heißt, geleitet vom praktischen Wert der Lehren und der Notwendigkeit, abstrakte Absolute zu vermeiden. Ich hoffe, dass Sie dann in der Lage sein werden, solch eine praktische Lesart der Bedeutung des Buddha zu übernehmen oder sich zumindest davon beeinflussen zu lassen. Dabei wird ihnen eine neue Ressource an die Hand gegeben, um einerseits traditionalistischem Dogma und andererseits wissenschaftlicher Zerstreuung entgegenzuwirken. Es ist durchaus möglich, sich von Buddhas Mittlerem Weg in einer Weise inspirieren zu lassen, die wir mit allen Menschen, ob Buddhisten oder nicht, gemeinsam haben. Auf diese Weise können wir auch die Bedeutung dieser Inspiration auf eine Weise verstehen, die über den Mittleren Weg mit der Inspiration und Ausrichtung anderer diskursiver Traditionen kompatibel ist.
Dieses Buch könnte aber auch für Menschen von Interesse sein, die keine Buddhisten sind, die von der Vorherrschaft traditioneller Autorität und Dogmen im Buddhismus abgeschreckt wurden. Ich hoffe, dieses Buch kann diesen Menschen helfen herauszufiltern, was für ihr Leben in der buddhistischen Tradition am hilfreichsten und relevantesten ist, und dessen Beziehung zu dem, was in anderen Traditionen zu finden ist, besser zu erfassen. Auch hier sollte Menschlichkeit an erster Stelle stehen und buddhistische Tradition dahinter. Dinge auf diese Weise anzugehen kann Menschen helfen, sich mit der buddhistischen Tradition auseinanderzusetzen, die dies sonst nicht tun würden.
Das Buch beginnt daher mit den grundlegenden Erzählungen über das Leben und die Lehren des Buddha. Diese werden aus ihrem ursprünglichen Kontext entnommen mit besonderem Augenmerk auf ihre praktischen Einsichten in Hinblick auf den Mittleren Weg. Die Erörterung einiger der bekanntesten Analogien des Buddha und des Achtfachen Pfads soll ebenfalls dazu beitragen, eine vom Mittleren Weg geleitete Interpretation einiger anderer buddhistischer Schlüssellehren zu bieten. In diesem Zusammenhang muss ich mich dann unweigerlich eingehender und kritischer mit den Beschränkungen der traditionellen buddhistischen Lehre befassen und der Art und Weise, wie sie sich entwickelt hat, was offensichtlich im Widerspruch zum Mittleren Weg steht. Sehr oft ist dies eine Frage der Interpretation, aber dennoch muss klar anerkannt werden, dass einige sehr verbreitete Interpretationen buddhistischer Lehre mit dem Mittleren Weg unvereinbar sind. Diese Kritikpunkte waren das Thema meines früheren Buchs, The Trouble with Buddhism{2}. In diesem Buch versuche ich jedoch, diese Kritikpunkte viel umfassender in den breiteren Kontext einer konstruktiven Darstellung der wertvollen Ressourcen zu setzen, die buddhistische Lehren bieten.
Der letzte Teil des Buches zieht Parallelen zwischen Buddhas Mittlerem Weg und einer Reihe anderer möglicher Modelle für den Mittleren Weg. Einige von ihnen gehen auf die antike Philosophie und Religion zurück, aber die meisten gründen sich auf neuere Erkenntnisse wissenschaftlicher Theorie. Selbst diejenigen, die sich anfangs hauptsächlich ausschließlich für den Buddha interessierten, sollten das Buch dann im Bewusstsein der vielfältigen Formen, die der Mittlere Weg annehmen kann, und seiner vielfältigen Ausdrucksformen menschlicher Erfahrung zu Ende lesen.
a. Die Geschichte von Siddhartha Gautama
1. Der Mittlere Weg in Buddhas frühem Leben
a. Die Geschichte von Siddhartha Gautama
In diesem ersten Abschnitt dieses Buchs werde ich mich mit der überlieferten Lebensgeschichte des Mannes auseinandersetzen, der bekannt wurde als der „Buddha“ oder Erwachte – Siddhartha, bis zum Augenblick, den die Buddhisten als seine Erleuchtung oder sein Erwachen bezeichnen. Meine Hauptquelle für diese Schilderung ist der Pali-Kanon, mit gelegentlichen Verweisen auf die spätere und viel ausführlichere Darstellung in Ashvaghoshas „Taten des Buddha“ aus dem 1. Jahrhundert{3}. Der nordöstliche Teil des indischen Subkontinents vor etwa 2.500 Jahren bildet den Handlungsrahmen.
Es ist eine Geschichte, wenn auch eine symbolisch bedeutungsvolle Geschichte. Die Geschichte wuchs beim Erzählen, aber ich habe versucht, bei ihren einfacheren und grundlegenderen Elementen zu bleiben, wie sie im Pali-Kanon zu finden sind. Im Großen und Ganzen handelt die Geschichte von einem Prinzen, der ein überbehütetes Leben führte, der mit diesem Leben unzufrieden wurde, ausstieg und im Wald nach religiöser Wahrheit suchte. Im Wald wurde er jedoch auch unzufrieden mit den Antworten, die ihm gegeben wurden. Er fand dann nur noch einen weiteren Weg vorwärts, nämlich indem er sich zwischen den Extremen, symbolisiert durch Palast und Wald, bewegte.
Ich möchte hier nur die Bedeutung dieser Erzählung untersuchen, nicht ihre Historizität. Zur Untersuchung dieser Bedeutung skizziere ich die Ähnlichkeiten zwischen der Situation Siddhartha Gautamas und der jedes anderen Menschen. Ich werde auch Parallelen zwischen der damaligen Situation und der heutigen ziehen, in der Buddhas Mittlerer Weg nunmehr verstanden und angewandt werden soll. Die Dinge, die ich über die Bedeutung der Erzählung zu sagen habe, wären von genauso großem Wert, wenn sich die ganze Geschichte als reine Fiktion erweisen würde.
Die Universalität dieser Erzählung wird in der buddhistischen Tradition dadurch unterstrichen, dass sie nur als eine von zahlreichen, sich wiederholenden Geschichten betrachtet wird. Diese Geschichten handeln von der Entwicklung aufeinanderfolgender Buddhas in aufeinanderfolgenden vergangenen Äonen. Diese vergangenen Buddhas sollen in ihren Grundzügen die gleiche Geschichte haben, die nur in geringfügigen Details abweicht. Tatsächlich finden sich viele Details der weitverbreiteten Erzählung über Siddhartha Gautama nur im Pali-Kanon als Teil einer Erzählung über einen früheren Buddha, Vipassi{4}. Lassen wir hier die Glaubensinhalte über Geschichte und Kosmologie beiseite und betrachten wir, was diese Wiederholung der Geschichte uns heutzutage sagt. Es geht in erster Linie darum, dass der von einem Buddha gewählte Entwicklungspfad für jeden zu jeder Zeit und an jedem Ort zugänglich ist. Wir sollten daher nicht davon ausgehen, dass Siddhartha Gautamas eigener Pfad einzigartig ist oder an die spezifischen Vorgaben einer Kultur oder Religion gebunden ist.
Dieser Erzählung wurde von Buddhisten zu Recht eine besondere (aber nicht einzigartige) Bedeutung beigemessen. Dies begründet sich darin, was sie uns über das Menschsein und die beste Art und Weise, auf diesen Umstand zu reagieren, zu sagen hat, obgleich es wohl auch andere Wege gibt, dieselben Punkte zu vermitteln. Lassen Sie also bitte nicht zu, dass irrelevante kulturelle Vorgaben Ihr Verständnis dieser universell bedeutsamen Geschichte beeinträchtigen.
Stellen Sie sie sich an einer Schwelle stehend vor. An der Schwelle könnten Sie Ihre schmutzigen Stiefel ausziehen. Bitte entledigen Sie sich zusammen mit Ihren matschigen Stiefeln jeglicher Besessenheit von einer unerreichbaren historischen „Wahrheit“ (die Sie ermutigen würde, sich Siddharta als einzigartig bedeutsam zu widmen, was er nicht ist). Befreien Sie sich auch von der Abhängigkeit gegenüber der Autorität der buddhistischen Tradition oder ihrer Lehrer (was Ihren Geist gegenüber der Universalität der Geschichte verschließen würde – eine Geschichte, nicht nur für Buddhisten). Wenn Sie diese Dinge einstweilen am Eingang ablegen, können Sie sie auf dem Weg nach draußen jederzeit wieder mitnehmen, wenn Sie möchten, aber im Haus wären sie nur störend. Sie betreten jetzt das Haus der Bedeutung, in dem es uns einzig und allein um die praktische Bedeutung der Erzählung für unser Leben geht.
b. Der Palast
Siddhartha Gautama soll ein Prinz gewesen sein, der in einem Palast im Land der Shakya, nördlich des Ganges-Tals, wohlbehütet aufwuchs. Ashvaghosha berichtet ausführlich über den Luxus und Komfort dieser Umgebung. Der Pali-Kanon gibt zwar eine wesentlich kürzere Darstellung, die jedoch ausreicht, um uns einen tiefen Eindruck davon zu vermitteln:
Ich wurde fein erzogen, ihr Mönche; höchst fein, überaus fein war meine Erziehung. Im Haus meines Vaters wurden Lotosteiche angelegt: in einem blühten blaue Lotosblumen, in einem anderen weiße Lotosblumen und in einem dritten, rote Lotosblumen, nur zu meinem Vergnügen. Ich verwendete nur Sandelsalbe aus Benares und meine Kopfbedeckung, meine Jacke, mein Untergewand und meine Tunika waren aus Benares Musselin. Tag und Nacht wurde ein weißer Schirm über mich gehalten, damit mich Kälte und Hitze, Schmutz oder Tau nicht bekümmerten. Ich hatte drei Paläste: einen für den Sommer, einen für den Winter und einen für die Regenzeit. Während der vier Monate des Regens wurde ich im Palast für die Regenzeit von Musikerinnen unterhalten und ich verließ in diesen Monaten nicht den Palast. Während in den Häusern anderer Leute Diener und Sklaven eine Mahlzeit aus Bruchreis und saurem Haferbrei erhielten, wurde ihnen im Haus meines Vaters Reis und Fleisch nach Belieben angeboten.{5}
Die Lotosteiche und Paläste suggerieren überbordenden Reichtum, die Kleidung Luxus und Komfort, der Schirm Überbehütung, die Tatsache, dass er den Palast während der Regenzeit nicht verließ, Isolation. Es gibt ein Anklingen sexueller Schwelgerei bei den „Musikerinnen“, das bei Ashvaghosha{6} zu einem ganzen Kapitel sexueller Versuchung exzessiv ausgearbeitet wurde. Es gibt auch Großzügigkeit oder zumindest Freigiebigkeit bei der Behandlung der Dienerschaft im Vergleich zur gesellschaftlichen Norm der damaligen Zeit.
Auch wir sind Siddhartha Gautama. Wenn wir die volle Bedeutung einer Geschichte erfassen wollen, die aus einem zeitlich und räumlich entfernten Kontext stammt, müssen wir ihre Bedeutung in Bezug auf unsere eigene Erfahrung in jeder Phase untersuchen. Was ist in diesem Zusammenhang unser Palast?
Der augenscheinlichste Aspekt des Palastes ist Reichtum und Luxus, was Buddhisten über Jahrhunderte hinweg mit Maßlosigkeit in Verbindung gebracht haben. Wir könnten diese Maßlosigkeit mit dem konsumorientierten Lebensstil all derer vergleichen, die es in der heutigen Welt zumindest bequem oder es besser haben. Wir mögen keine drei Paläste haben, aber wir können uns zerstreuen, indem wir an verschiedene Orte in Urlaub fahren, an denen es neue Vergnügungen gibt. Wir mögen keine Bediensteten haben, aber Maschinen erledigen einen Großteil der Arbeit, die diese in der damaligen Zeit geleistet hätten. Wir mögen keine drei Lotosteiche haben, aber wir haben maßgeblichen Einfluss auf unsere häusliche Umgebung, können sie gestalten, wie wir es wünschen. Wir können diesen Einfluss auf unsere konkrete Umgebung auch zunehmend auf virtuelle Umgebungen ausdehnen, in denen es quasi unbegrenzte Möglichkeiten zur Wunscherfüllung gibt. Wir mögen keine „Musikerinnen“ haben, aber wir haben Musik, Dating-Apps, sinnliche Filme und sogar Pornografie zur Verfügung, wann immer wir wollen.
Gleichwohl ist es nicht die physische Umgebung des Palastes an sich, die dessen umfassende Bedeutung ausmacht. Vielmehr sind es die kulturellen Prägungen und gewohnheitsmäßigen psychischen Zustände, die sie begleiten. Diejenigen, die in einer armen Gesellschaft reich sind, müssen ihren Reichtum in besonderem Maße schützen. Da sich ihr Leben so sehr von anderen in ihrer Umgebung unterscheidet, entwickeln sie auch ideologische Mittel, um diese Werte zu verteidigen. Wie Marx herausstellte, werden die sozialen und wirtschaftlichen Interessen derer, die Reichtum und Ressourcen kontrollieren, oft durch die Kontrolle über Lehren aufrechterhalten, die dem Rest der Gesellschaft durch soziale Konditionierung von Kindesbeinen an eingebläut werden.
Es gibt zwei leicht unterschiedliche Vorgehensweisen, um solch eine herrschende Ideologie aufrechterhalten zu können. Eine Methode besteht darin, seine privilegierte Position mit einer universellen Quelle von absolutem Wert zu legitimieren – Gott hat sie verliehen, sie ist „natürlich“ oder „unumgänglich“. Eine andere besteht darin, seine Position als eine nur für sich und seine Gruppe in einzigartiger Weise gerechtfertigte darzustellen. Das bedeutet, unterschiedliche Werte anzuführen, die unterschiedliche Positionen für verschiedene Gruppen festlegen („es ist unsere gewohnte Praxis, derartige Dinge zu tun, auch wenn die Gewohnheiten anderer sich davon unterscheiden“). Diese beiden Ansätze sind nicht immer völlig voneinander zu trennen, weil natürlich unterschiedliche Werte als Teil eines größeren letztendlichen Werts beansprucht werden können. Wie dem auch sei, die Ideologie verhindert, das unangenehme Fragen, hinsichtlich möglicher Veränderung der Gesellschaftsordnung aufgeworfen werden.
In Siddhartha Gautamas Umfeld scheint es in der Gesellschaft bereits konkurrierende Werte gegeben zu haben. Wir wissen dies schlicht aufgrund der zahlreichen Debatten, die der Buddha später mit Vertretern verschiedener anderer Sichtweisen führte, die alle im Pali-Kanon niedergeschrieben sind. Wo es unterschiedliche Werte gibt, ist es für die herrschenden Klassen schwieriger, einfach zu behaupten, dass ihre Position gottgegeben, natürlich und notwendig sei. Die Alternative besteht jedoch darin, sich überhaupt nicht mit universellen Fragen zu beschäftigen, sondern die eigenen Werte auf einen bestimmten, begrenzten Kontext zu gründen. Je isolierter oder abgeschirmter dieser Kontext ist, desto leichter ist es, diese begrenzten Werte als die einzig denkbaren aufrechtzuerhalten. Die abgeschirmte Lebensweise von Siddhartha im Palast stellt eine Möglichkeit dar, Überzeugungen gegen Kritik zu immunisieren.
Eine moderne Analogie dazu ist vermutlich weniger geographische Isolation, sondern vielmehr der „Echokammer“-Effekt in sozialen Medien. Dieser Effekt entsteht dadurch, dass Menschen in sozialen Medien nur die Inhalte sehen, die für sie ausgewählt wurden – entweder gezielte Werbung oder Freunde, die sie ausgewählt haben, weil sie wie sie sind, oder ihre Interessen teilen. Wenn Menschen nicht mit gegensätzlichen Ansichten in Kontakt kommen und sich mit diesen auseinandersetzen müssen, sehen sie ihre Annahmen als die einzig möglichen und vernünftigen an. Einmal mehr scheint der Palast Kernelemente des modernen Lebens zu repräsentieren: nicht nur konsumorientierte Bequemlichkeit, sondern auch intellektuelle Isolation.
Als Produkt dieser Umstände repräsentiert der Palast auch die Überzeugung, dass es keinen besseren oder universelleren, über den spezifischen Kontext hinausgehenden Wert gibt, an dem man arbeiten kann. Der Palast ist somit ein tief konventioneller Ort, an dem die Werte der königlichen Familie absoluten Vorrang haben. Diese Konventionalität ist möglicherweise sehr stark mit Pflichten verbunden und ritualisiert, wie es bei der britischen Königsfamilie oft dargestellt wird. Dennoch könnte sie auch ein hohes Maß an hedonistischer Genusssucht befördern, wie sie in Ashvaghoshas weiterentwickelter Version von Buddhas Lebensgeschichte dargestellt wird.
Der Glaube, es gebe keine berechtigten Werte, die höher als Konvention sind, ist Relativismus, den ich als eine Ansicht verstehe, dass kein bestimmter Wert besser gerechtfertigt ist als irgendein anderer. Man kann sich vorstellen, dass Siddhartha von seinen Eltern, anderen Verwandten oder sogar treuen Dienen gedrängt wird, „ein anständiger Prinz“ zu sein. Das würde bedeuten, die Werte seiner Vorväter allein auf Grund seiner Position aufrechtzuerhalten. Sie würden sagen, ein Priester oder religiös Suchender zu sein, mag für andere das Richtige sein, aber nicht für dich. Es gibt kein allgemeineres moralisches Ziel, das alle Menschen einschließen sollte, würden sie unterstellen, es gibt nichts Höheres, das man anstreben kann.
Wiederum ist dieser Relativismus ein Standardmerkmal modernen Lebens. Um Konflikte zu entschärfen, greifen wir nur allzu gerne darauf zurück, wenn wir Menschen mit anderen Wertvorstellungen treffen: „Es ist OK für dich, aber nicht für mich.“ Hindus können arrangierte Ehen eingehen, Muslime Halal-Fleisch essen und Vietnamesen Hunde – nicht meine Gepflogenheit, aber jedem das Seine. Solch eine Haltung mag oft nur in angemessener Toleranz gegenüber harmlosen Unterschieden bestehen, aber sie kann auch eine weitere Bewertung oder Beurteilung unterbinden, wenn diese vonnöten sind. Relativismus mag weniger selbstverständlich gegenüber Nazis sein, die Juden massakrieren oder gegenüber Verstümmlern weiblicher Genitalien in vielen Teilen des heutigen Nordafrikas. Wir können es uns nicht leisten, die Möglichkeit, zu urteilen, zu unterbinden.
Wir stellen nun fest, dass der Palast nicht für einen einzelnen Glauben oder eine Glaubensrichtung steht, sondern für eine ganze Reihe voneinander abhängiger. Es gibt Maßlosigkeit, aber diese Maßlosigkeit braucht die Unterstützung einer isolierten Konventionalität. Diese Konventionalität ist auch in der Lage, jeglichen Konflikt mit anderen Werten durch Relativismus abzuwehren.
Vielleicht haben Sie auch bemerkt, dass diese Werte in recht enger Beziehung zu dem stehen, was oft als ihr Gegenteil angesehen wird. Gerade die Tatsache, dass diese Werte und ihre Gegenteile voneinander getrennt werden und nicht hinterfragbar sind, ist das Bedeutsamste an ihnen. Es wäre überhaupt nicht schwer, sich Siddhartha in Folge der Isolation als streng und pflichtbewusst vorzustellen, wie es viele Palastbewohner tatsächlich waren. Die Konventionalität könnte auch genauso gut mit Absolutismus wie mit Relativismus in Verbindung gebracht werden. Die Palastbewohner könnten also davon überzeugt sein, im Besitz universeller Wahrheit (über Gottes Gebote oder die Natur oder was auch immer) zu sein und, dass dies ihnen ihre erhabene gesellschaftliche Stellung verleiht.
Letztlich ist das Bedeutsamste am Palast dessen Verhältnis zur Macht. Die Machthaber werden eine Ideologie aufrechterhalten, mit deren Hilfe sie ihre gesellschaftliche Stellung behaupten können. Macht wird erhalten, indem alternative Ansprüche derer, die sie anfechten könnten, nicht mehr gelten. Wir erhalten Macht über andere oder unterdrückte Teile unserer selbst, indem wir uns weigern, alternative Werte anzuerkennen, die diese Macht angreifen könnten. Der Palast ist an der Macht und er bleibt es, indem er sich isoliert und den Glauben aufrechterhält, das müsse so sein.
c. Die Vier Zeichen und sein Fortgehen
Solange wir uns sicher fühlen, gibt es nur wenig Beweggründe, unsere Einstellungen zu ändern. Wir neigen dazu, die Welt im Sinne der willfährigen Weltanschauung zu interpretieren, die diese Sicherheit aufrechterhält. Es braucht schon etwas, das zumindest unbequem und herausfordernd, vielleicht sogar traumatisch ist, um diese Selbstgefälligkeit zu erschüttern und uns zu zwingen, unsere Annahmen zu überdenken. So war es auch bei Siddhartha Gautama. Sein Leben im Palast war solide und sicher, solange es nicht durch von außen einwirkende Bedingungen in Frage gestellt wurde. Aber es wurde in Frage gestellt – in Form der sog. „Drei Erkenntnisse“ oder „Vier Zeichen“.
Die „Drei Erkenntnisse“ werden im Pali-Kanon als Teil der Erzählung über Siddhartha dargelegt. Die „Vier Zeichen“ hingegen finden sich nur als Teil der Erzählung über Vipassi, den früheren Buddha eines vergangenen Zeitalters. Die „Drei Erkenntnisse“ bestehen nur in neuen Gedanken, die Siddhartha in Form einer Einsicht kommen, dass seine Standpunkte zu Altern, Krankheit und Tod unangemessen sind. Es gibt einige wichtige Gegebenheiten, die sein Leben im Palast ausblendet, und ihm eröffnen sich, möglicherweise im Eiltempo, unterdrückte Erkenntnisse.
Inmitten solcher Pracht und eines völlig unbeschwerten Lebens, ihr Mönche, kam mir dieser Gedanke: „Ein unkundiger Weltling, obwohl selbst dem Alter unterworfen, ohne dem Alter entrinnen zu können, fühlt sich abgestoßen, beschämt oder angewidert, wenn er einen alten oder gebrechlichen Menschen sieht, lässt seine eigene Situation dabei außer Acht. Doch auch ich bin dem Altern unterworfen, kann dem Altern nicht entgehen. Wenn ich beim Anblick eines alten und gebrechlichen Menschen abgestoßen, beschämt oder angewidert wäre, wäre dies nicht angemessen für jemanden wie mich.“ Als ich so dachte, Mönche, schwand all mein Stolz auf meine Jugendlichkeit.{7}
Genau das gleiche wird dann über die Einstellungen zu Krankheit (beseitigt Siddharthas „Stolz auf seine Gesundheit“) und Tod (beseitigt seinen „Stolz auf sein Leben“) gesagt. Besonders interessant an dieser Fassung ist, dass sie sich nur auf die Erkenntnis Siddharthas konzentriert, dass er sich nur wegen begrenzter Bewusstheit vom Alter abgestoßen, beschämt und angewidert fühlt. Er hat Jugendlichkeit, neben Gesundheit, Alter und Leben als gegeben angenommen und seine gegenwärtige Annahme, diese seien dauerhaft, verabsolutiert.
Die „Vier Zeichen“ ist eine alternative Fassung derselben Erkenntnisse. Sie inszeniert die „Drei Erkenntnisse“ so, wie sie Menschen in der Welt jenseits des Palastes erleben. Sie fügt auch eine vierte Person hinzu – einen Shramana oder Hauslosen, religiös Suchenden, der ein neues Modell alternativer Denk- und Lebensweise bietet. Diese Fassung der Geschichte wird im Pali-Kanon über den früheren Buddha Vipassi erzählt{8}. Hier wird die Begegnung des Protagonisten mit Alter, Krankheit und Tod zu einer neuen Erkenntnis, indem sie auf diese Weise nach außen hin in Szene gesetzt wird. Er wird als auf naive Weise damit nicht vertraut dargestellt. Er macht seinen ersten Ausflug mit dem Wagen aus einem Palastmilieu heraus, wo er in völliger Unkenntnis darüber gehalten wurde, dass so etwas wie Altern, Krankheit und Tod überhaupt vorkommt.
Diese Geschichte wird bei Ashvaghosha noch weiter ausgearbeitet. Hier veranlassen die Götter das Erscheinen eines alten Mannes, eines kranken Mannes und eines Leichnams, Siddhartha begegnet ihnen nicht wirklich{9}. In Ashvaghoshas Fassung ist alles eine theatralische Inszenierung oder bloße Scheinwelt, um Siddharthas Gedanken zu manipulieren. Während Siddharthas Eltern alles versuchen, um die gefällige Sicherheit im Palast nicht zu erschüttern, arrangieren die Götter, die das Wohl der Welt anstreben, Gegendarstellungen, um ihn daraus aufzurütteln. Seine Eltern sind entschlossen, Siddhartha wegen einer bei seiner Geburt gemachten Prophezeiung abzuschirmen. Diese Prophezeiung besagte, er würde entweder ein großer König werden oder, wenn er das königliche Leben verließe, stattdessen eine große, erleuchtete Persönlichkeit. Ihr Motiv ist offensichtlich, ihn zu einem großen König zu machen, und auf diese Weise die unkonventionelle und störende Gefahr zu bannen, dass ihr Sohn sich auf eine persönliche spirituelle Suche begibt.
Sehr leicht wird man durch diese Ausgestaltung der Geschichte dazu verleitet, Siddharthas Einsichten hier als Teil einer scheinbar vorbestimmten Entwicklung für die ganze Welt zu betrachten. Aber das große Kino betont lediglich die Bedeutung von Siddharthas Einsichten. Man könnte leicht annehmen, dass sie wichtig sind, weil sie die Grundlage einzigartiger Offenbarungsansprüche in der buddhistischen Tradition bilden. Wenn wir uns jedoch auf die eigentlichen Einsichten konzentrieren, gewinnen sie weit mehr Einfachheit und Universalität. Sie sind wegen dieser Universalität wichtig. Wenn wir anfangen, sie nur in Hinblick auf die Behauptungen einer Tradition zu betrachten, verlieren sie sogar an Bedeutung. Sie werden dann bloß zu entfernten historischen Ereignissen von anthropologischem Interesse innerhalb spezifischer Kulturen.
Die buddhistische Tradition neigt zudem dazu, Siddhartha hier als die Wahrheit des „Leidens“ (Dukkha) erkennend darzustellen, verkörpert durch Vergänglichkeit (Annica). Alter, Krankheit und Tod sind letztlich Veränderungen, die Leiden verursachen, und sie zu verleugnen könnte dazu führen, die Tatsache des Wandels zu ignorieren. Wäre dies tatsächlich alles, hätte die Geschichte immer noch eine universelle Bedeutung. Wahrscheinlich haben wir alle schon einmal den Rausch der Jugend, Gesundheit oder des Lebens empfunden, über den Siddharthas „Erkenntnisse“ ihn hinausführen. Das Versäumnis, das Leid des Wandels zu erkennen, ist jedoch nur eine mögliche Form des umfassenderen Täuschungsmusters, über das Siddhartha hier hinausgeht. Wäre das nicht der Fall, wäre seine Geschichte nicht relevant für diejenigen, die sich konsequent mit Alter, Krankheit und Tod auseinandergesetzt haben, statt ihre Auswirkungen auf uns zu verdrängen. Siddhartha erkennt nicht nur das „Leiden“ – die Bedeutung seiner Erkenntnis hat einen breiteren Geltungsbereich als das. Es ist vielmehr ein Erkennen der Begrenztheit von Verabsolutierung und der Notwendigkeit, eine kritische Haltung einzunehmen, die darüber hinausgeht, unabhängig von der Annahme, die wir verabsolutiert haben. Wir könnten durchaus denken, dass Jugend, Gesundheit oder Leben alles sei. Wir könnten auch denken, dass unsere Nation oder unser geliebter Partner oder katholisches Dogma oder der Sturz des Kapitalismus oder sogar Buddhismus alles sei. Jedes Mal können wir ein böses Erwachen erleben, in dem die Begrenztheit dessen, was wir für das Ganze hielten, plötzlich offenbar wird. Nur wenn wir Siddharthas Drei Erkenntnisse so interpretieren, erhalten wir ein Bild von universeller Relevanz und vollständiger Flexibilität.
Das vierte Zeichen fügt auch ein Element hinzu, das in den Drei Erkenntnissen nicht vorhanden ist – eine Alternative. Nur wenn wir eine Alternative zu den begrenzten zuvor erwogenen Optionen haben, können wir darüber hinausgehen. Wenn wir uns vorstellen, Siddhartha nähme nur die Begrenztheit seiner Annahmen über Jugend, Gesundheit und Leben wahr, ohne eine Alternative Sichtweise zu haben, könnte das Ergebnis lediglich ein Gefühl sein, in der Falle zu sitzen. Negative Gefühle gegenüber unseren Annahmen zu haben, ohne einen Ausweg daraus, könnte quälend sein. In genau diesem Zustand sind wir oft gefangen, wenn wir mit einer Sichtweise unzufrieden sind, die unseren Bedürfnissen nicht mehr gerecht wird. Unsere Erfahrung oder Vorstellungskraft kann dann zu begrenzt sein, um uns über die bloße Verneinung dieser Sichtweise hinauszuführen. Denken Sie an einen religiösen Gläubigen, dessen ganzes Leben auf absoluten Überzeugungen gründete, der dann aber „seinen Glauben verliert“, nicht mehr länger in der Lage ist, diese Überzeugungen aufrechtzuerhalten. Er könnte zu denken anfangen, Gott sei theoretisch unmöglich und absurd. Gleichzeitig aber kann er ohne Gott nur Nichtigkeit sehen – ein Leben ohne die einzige Art von Bedeutung, die er bisher erfahren konnte. Infolgedessen fühlt er sich vor die Wahl gestellt, entweder an einem Glauben festzuhalten, den er intellektuell betrachtet für bankrott hält, oder ihn für eine Welt der Sinnlosigkeit aufzugeben. Welch grausames Los! Aber eins, das nur durch unsere falsche Beschränkung auf zwei gegensätzliche Möglichkeiten (eine Sichtweise und ihre Verneinung) und das Unvermögen, die Möglichkeit der Existenz dritter Optionen auch nur in Betracht zu ziehen, verursacht ist.
Glücklicherweise hat der Buddha eine dritte Option zwischen einem Weiterleben in den allseitigen Zwängen der Palast-Sichtweise und der potenziellen Nichtigkeit, die jenseits des Palastes liegen könnte. Diese dritte Option wird durch die vierte Sichtweise offengelegt:
Als er in den Lustgarten gefahren wurde, sah Prinz Vipassi einen kahlköpfigen Mann, einen, der fortgegangen war, in einer gelben Robe. Und er sagte zum Wagenlenker: „Was ist mit diesem Mann los? Sein Kopf ist nicht wie der anderer Männer und seine Kleidung ist nicht wie die anderer Männer.“
„Prinz, man nennt ihn einen, der fortgegangen ist.“ „Warum nennt man ihn einen, der fortgegangen ist?“
„Prinz, mit einem, der fortgegangen ist, meinen wir einen, der wahrhaft dem Dhamma folgt, wahrhaft Gelassenheit lebt, gute Handlungen ausführt, verdienstvolle Taten vollbringt, harmlos ist und wahrhaft Mitgefühl für lebende Wesen hat.{10}
Es ist der bloße Unterschied zwischen dem Shramana und dem ihm zuvor Bekannten, der das Interesse des Prinzen weckt. Er sieht anders aus und sein andersartiges Aussehen deutet auf einen abweichenden Lebensstil mit abweichenden Annahmen hin. Im alten Indien dürfte dieser Unterschied weit mehr als nur eine andere Berufswahl gewesen sein, vielmehr ist es ein grundlegender Unterschied in Tradition und Kultur. Die Tradition, als hausloser Wanderer fortzugehen, wurde oft mit Urvölkern im alten Indien in Verbindung gebracht – denjenigen, die den dominanten Eindringlingen vorausgingen, von deren Nachkommen Siddhartha Gautama möglicherweise abstammt. Was auch immer die historische Erklärung für kulturelle Unterschiede zwischen Siddharthas Hintergrund und dem des Shramana sein mag, was zählt ist die erstaunliche Tiefe der kulturellen Kluft. Heute wäre möglicherweise die naheliegendste Analogie der Spross eines Mitglieds der sozioökonomischen Elite, der aus Oxford oder Harvard „aussteigt“ und sich einer Gemeinschaft schäbiger Landstreicher anschließt.
Neben der kulturellen Kluft gibt es jedoch auch eine Idealisierung der Shramanas. Was immer dieser Mann macht, er macht es „wahrhaft“. Er wird nicht als eine Person gesehen, die einen Entwicklungsprozess durchläuft, der darauf abzielt, besser und argloser zu sein, sondern einfach als eine absolute Verkörperung von Tugend und Mitgefühl. Die Idealisierung findet sich nicht nur in den Worten des Wagenlenkers, sondern auch in der Eilfertigkeit, mit der Siddhartha hierauf beschließt, denselben alternativen Lebensstil anzunehmen. Obwohl also der Shramana eine echte Alternative bietet, ist es eine idealisierte Alternative. Im Fortgang der Geschichte werden wir sehen, welche weiteren Beschränkungen durch diese Idealisierung entstehen und wie Siddhartha sie überwindet.
Während Siddhartha dieses alternative Leben wählt, indem er aus dem Palast in den Wald „fortgeht“, entwirft er bereits implizit die Vorstufen zur Auseinandersetzung mit dem Mittleren Weg. Er tut dies, obwohl der Mittlere Weg noch nicht explizit Teil seines Denkens ist. Denn der Mittlere Weg beginnt, wo auch immer wir anfangen, und er ist der hilfreichste Pfad, der vor uns liegt. Es mag unmöglich sein, direkt vom Erkennen der Begrenzungen einer Reihe von Annahmen zu einer ausgewogenen Position zu gelangen, in der wir auch die Begrenzungen des Gegenentwurfs sehen. Wir müssen uns von der ersten Palette absoluter Annahmen befreien, bevor wir die zweite mit gegensätzlichen überhaupt klar genug verstehen können. Um uns auf den Mittleren Weg einzulassen, müssen wir also vermutlich damit beginnen, vom anfänglichen Kontext mit all seinem Ballast absoluter Annahmen „fortzugehen“. Dabei ist es schwierig, die Alternative nicht zu idealisieren, weil alle Erwartungen auf ihr lasten.
In Ashvaghoshas erweiterter Fassung des „Fortgehens“ wird der Konflikt auf Grund absoluter Annahmen auf beiden Seiten durch einen zusätzlichen moralischen Konflikt betont. Es wird verdeutlicht, dass Siddhartha durch sein „Fortgehen“ seine Frau und seinen kleinen Sohn im Stich ließ sowie seine Eltern und zukünftige Pflichten. Siddharthas Wagenlenker, Chanda, erinnert ihn an diese sozialen Verantwortlichkeiten und versucht erfolglos, ihn davon abzuhalten, dem weltlichen Leben zu entsagen.{11} Dies bringt heutige Lesende, die sich voll und ganz mit Siddhartha als Helden identifizieren wollen, oft in moralische Konflikte, da er ein für viele heutige Lesende zentrales moralisches Tabu gebrochen hat. Die alten Inder mögen seine Familie zu verlassen, nachsichtiger beurteilt haben (vorausgesetzt, sie wurden von anderen Verwandten versorgt), vor allem, weil sie „Fortgehen“ demgegenüber idealisierten. Für heutige Lesende, die sich schwertun, den universellen, spirituellen Helden zu finden, den sie in solch einer präfeministischen Figur suchen – offensichtlich konsultiert er nicht einmal seine Frau, um ihre Unterstützung und Zustimmung zu erhalten, bevor er sie verlässt - dürfte dies jedoch ein schwacher Trost sein
Es gibt aber eine weitere Lesart des Fortgehens, die diesen Wunsch, Siddhartha zu idealisieren, loslässt. Bei dieser Lesart muss Siddhartha nicht perfekt sein und somit müssen wir seine Fehler nicht wegrationalisieren. Er findet Wege nach vorn, die unweigerlich verworren und unbefriedigend sind, und die Opfer vielerlei Art erfordern. Aber genau in der Verworrenheit dieses Prozesses liegt die Universalität des Mittleren Wegs. Siddhartha stellt in Frage, was er bisher für absolut hielt – die Werte des Palastes. Er hat sein ganzes Leben lang auf diese Werte gesetzt. Um sich von der absoluten Macht dieser Werte zu befreien, muss er das Extrem der Loslösung wählen. Vielleicht können wir uns andere mögliche Wege vorstellen, die er hätte einschlagen können, die kompromissorientierter gewesen wären. Wäre es so schwierig gewesen, vorerst im Palst zu bleiben, während er Alternativen kennenlernt und sogar seine Macht im Palast nutzt, um schrittweise seine Werte zu verändern? Aber wahrscheinlich hätte Siddhartha dies nicht praktisch umsetzen können. Stattdessen würde seine psychische Gewöhnung an die Werte des Palastes ihn weiterhin beherrschen. Nur durch seine Flucht und zunächst, indem er das Extrem gegensätzlicher Werte ausprobiert, kann er verhindern, in die alles verzehrende, absolute Umgebung, die ihn umgibt, hineingezogen zu werden. Um wegzukommen, muss er Opfer bringen, selbst solche, die sich auf andere auswirken, und es kann sich durchaus als Fehler erweisen oder als etwas, das man später bereut. Alles, was wir also tun können, ist zu versuchen, die Gesamtheit der Bedingungen zum Zeitpunkt unseres Urteils zu berücksichtigen. Wenn wir nur einer starren moralischen oder sonstigen Regel folgen, könnten wir wichtige Bedingungen außer Acht lassen.
Ein universeller Wert, den die Vier Zeichen vermitteln, ist Vorläufigkeit. Wenn unsere Urteile nur vorläufig sind, können wir eine kritische Sichtweise auf unsere gewohnheitsmäßigen Annahmen einnehmen (wie durch die Drei Erkenntnisse verdeutlicht). Entscheidend ist jedoch, dass wir auch neue Alternativen erkennen und in Betracht ziehen können (wie durch das Vierte Zeichen verdeutlicht).
Indem Siddhartha über einen verabsolutierenden Kontext hinausgeht, in dem er gezwungen wäre, in der alten Weise zu denken, schließt sein „Fortgehen“ auch den ersten Schritt anderer grundlegender Prinzipien ein, die ich (im weiteren Verlauf) als Aspekte des Mittleren Wegs erörtern werde. Dazu gehört Skepsis, mit der wir unseren fehlbaren, menschlichen Status anerkennen und so die Gewissheiten in Frage stellen, die wir nur übernommen haben, weil wir diese Fehlbarkeit in der Vergangenheit ignoriert haben. Dazu gehört auch die Integration, die eigentliche Konfliktbewältigung, indem wir über festgefahrene Positionen hinausgehen, entweder bei uns oder anderen. Fest verwurzelte Spaltungen zu beseitigen ist relativ einfach, wenn wir bereits zivilisierte Bedingungen für Dialog und Reflexion geschaffen haben. Es ist sehr viel schwieriger, wenn wir durch die Macht einer Gruppe gefangen sind, die enormen Druck auf uns ausübt, damit wir weiterhin in einer bestimmten absoluten Weise, in Übereinstimmung mit ihren Werten denken. Der erste Schritt zur Integration muss darin bestehen, uns von den Werten dieser Gruppe so weit zu trennen, dass ein breiteres Bewusstsein entstehen kann. In dieser Phase hat Siddhartha sowohl in Hinblick auf seine Skepsis als auch auf seine Integration noch Wegstrecke vor sich, aber er beginnt, sie implizit zu erkennen und anzuwenden.
Dieser erste Schritt ist wahrscheinlich der schwierigste und riskanteste des Mittleren Wegs. Er macht uns anfällig für Frustration, Ablehnung, Spott, moralische Ächtung oder fast jede Strafe, die uns die Gruppe auferlegen kann. Es ist zugleich der schwierigste Schritt, sich sicher oder gelassen zu fühlen, wenn wir ihn gehen, weil wir immer noch von absolutem Denken herumgeschubst werden. Wir haben vielleicht nur ein schwaches und vorläufiges Bewusstsein unserer umfassenderen Erfahrung.
Es gibt aber immer einige Mutige, die bereit sind, diese ersten Schritte zu gehen. Denken Sie an den Whistleblower, der Korruption in einer großen und mächtigen Organisation aufdeckt. Denken Sie an den Priester, der die Grundannahmen seiner Kirche zu überprüfen beginnt und riskiert, seinen Gläubigenstatus zu verlieren, den er sich während seines ganzen Lebens und seiner Karriere aufgebaut hat. Denken Sie an den Junioroffizier, der beschließt, Befehle zu missachten, auf die Gefahr hin, wegen Hochverrats hingerichtet zu werden. Diese Menschen sind sich weder bewusst, Helden zu sein, noch wissen sie, dass es gut ausgehen wird. Dennoch gehen sie Risiken ein – sie blicken über den eigenen Tellerrand hinaus und wagen es, anders zu denken. Auf diese Weise bleiben sie mit dem Kern moralischer Motivation verbunden, auch wenn sie Regeln missachten. „Fortgehen“ kann für all das stehen, wenn wir unseren Geist für diese Inhalte öffnen, und sie nicht nur für Handlungen des zur Erleuchtung vorbestimmten Buddhas halten. Man sollte das „Fortgehen“ lieber als Fehler betrachten, als es im Nachhinein zu rechtfertigen, denn seine Hauptbedeutung liegt in der Bereitschaft, Fehler zu machen.
d. Der Wald: Spirituelle Lehrer
Der „Wald“ repräsentiert die unkultivierten, unzivilisierten Gebiete, die im alten Indien offensichtlich wesentlich ausgedehnter waren als heute. Wenn man sich nun im Wald aufhält, beginnt man, sich jenen Erfahrungsbereichen zu stellen, die zuvor von kultivierten Konventionen und Annahmen verdrängt wurden. Der Wald wird oft mit Angst assoziiert – vor wilden Tieren, Verhungern, Orientierungslosigkeit. Daher ist er auch der beste Ort, um seinen Ängsten zu begegnen sowie zu beginnen, diese zu integrieren{12}. Diejenigen, die „fortgehen“ in die „Hauslosigkeit“, sollten die Möglichkeit schaffen, die üblichen Annahmen der menschlichen Gesellschaft hinter sich zu lassen. Zusammen mit diesen schwinden Sicherheit und Schutz der von der Gesellschaft geschaffenen Umwelt, auch wenn sie de facto nahe genug bei menschlichen Behausungen bleiben müssen, um Nahrung zu erhalten.
Es gibt heutzutage vielfältige Möglichkeiten, wie Menschen in den „Wald“ „fortgehen“, um gleichermaßen Befreiung von sozialen Vorgaben zu erlangen und dadurch ihr Bewusstsein über die Grenzen ihres sozialen Kontexts hinaus zu erweitern. So gibt es Wildnis-Erfahrungen und -Entdeckungsreisen, individuelle und gemeinschaftliche Retreats, Wanderungen und Pilgerreisen – ob lang oder kurz, „religiös“ oder „säkular“. Religiöse Gebäude wie Kirchen, Moscheen und Tempel erinnern in ihrer Konstruktion und Raumnutzung oft an den Wald. Sie bieten Inseln der Besinnung inmitten der obsessiven Atmosphäre moderner Städte. In gewisser Weise können Museen, Kunstgalerien, Gärten und Parks die gleichen Möglichkeiten bieten. Sogar Zuhause kann ein Meditations- oder Gebetsraum, ein Arbeits- oder Schlafzimmer einen Raum schaffen, in dem der Druck sozialer Erwartung und Glaubensvorstellungen vorrübergehend aufgehoben werden kann. Wir können in größerem oder kleinerem Rahmen fortgehen, anfangs vielleicht zur Entspannung. Durch Entspannung wird jedoch die Vorstellungskraft wiederhergestellt und wieder geöffnet und es können alternative Sinngehalte entstehen, so dass wiederum alternative Überzeugungen möglich werden.
Siddhartha Gautama ging jedoch sehr entschlossen und idealistisch in den Wald fort. Anstatt sich vorübergehend dorthin zu begeben, um eine andere Perspektive auf sein übliches Leben zu gewinnen, gab er dieses frühere Leben vollständig auf:
… Obwohl meine Mutter und mein Vater es sich anders wünschten und heftig weinten, rasierte ich mir Haare und Bart ab, zog die gelbe Robe an und ging fort aus dem häuslichen Leben in die Hauslosigkeit.{13}
Dabei übernahm er eine Reihe kultureller Konventionen, die damals im alten Indien üblich waren: die der Shramanas. Die Shramanas eröffneten der übrigen Gesellschaft einen wertvollen Zugang zur sonst unterdrückten alternativen Perspektive jenseits der Normen, Konventionen und Verantwortlichkeiten des Haushaltslebens. Innerhalb der indischen Kultur stand (und steht) diese umfassende Sicht religiösen Lebens in einem Spannungsfeld zum brahmanischen Modell. Ein Brahmane ist ein Priester, der aus einer gesellschaftlichen Führungsposition heraus rituelle Dienste leistet. Das brahmanische Modell muss sich auf dogmatische Gewissheiten über eine natürliche Ordnung berufen, wobei passende hinduistische Rituale durchgeführt werden. Der Shramana ist hingegen in der Position, all diese Gewissheiten in Frage zu stellen. Zur Zeit Buddhas gab es offensichtlich eine große Vielfalt an Shramana-Schulen, die sehr unterschiedliche Theorien über religiöses Leben boten{14}. Dennoch ist es der Kontrast zwischen dem Lebensstil des Shramanas und des Haushälters an sich, der eine starke Dichotomie geschaffen hat. Diese Dichotomie zeigte sich sowohl im Umfeld des Buddha als auch im Modell religiösen Lebens, dass sich im frühen Buddhismus etablierte{15}. Indem Siddhartha in den Wald fortgeht, überwindet er die gewaltige Kluft zu einem alternativen und sehr viel offeneren religiösen Lebensstil.
In diesem offenen Lebensstil, der nur durch eine individuelle Suche bestimmt war, stand es jedem Shramana frei, allein zu meditieren und zu reflektieren oder sich Gruppen anderer Shramanas anzuschließen. Unerfahrene Shramanas fühlten sich jedoch offensichtlich davon angezogen, die relative Sicherheit eines spirituellen Lehrers zu suchen. Ein Lehrer konnte dem frischgebackenen Aussteiger helfen, sich erfolgreich mit diesen neuen Bedingungen auseinanderzusetzen. Der Unterrichtsrahmen (und die Solidarität mit anderen Schülern) konnte aber auch im Kleinen die gleichen Bedingungen schaffen, die sie gerade in der Mehrheitsgesellschaft aufgegeben hatten, die in allen vergleichbaren menschlichen Lebenswelten anzutreffen sind: feste Führungs- und Gesellschaftsrollen, Annahmen und Konventionen, die von der Gruppe geteilt werden, und Fragen der Abgrenzung, wer in die Gruppe aufgenommen werden sollte. Diejenigen, die ihren ursprünglichen sozialen Kontext auf so entschiedene Weise verlassen, sind anfällig für neue Formen der Ausbeutung durch etwas, was wir heute „religiöse Sekte“ nennen würden. Das liegt daran, dass sie noch keine hinreichend verwurzelten alternativen Wege gefunden haben, um ihre menschlichen Bedürfnisse nach sozialer Unterstützung zu befriedigen.
Dies ist der Handlungsrahmen, in dem wir die nächste Phase von Siddharthas Geschichte interpretieren müssen. Hier gibt es aufeinanderfolgende Begegnungen mit zwei spirituellen Lehrern, die (in den Pali-Fassungen) Alara Kalama und Udaka Ramaputta heißen. In der Darstellung des Pali-Kanons{16} werden die beiden Begegnungen in exakt den gleichen Worten beschrieben, der einzige Unterschied ist die von den Lehrern vertretene „Basis“: „Nicht-Sein“ bei Alara Kalama und „weder Wahrnehmung noch Nicht-Wahrnehmung“ bei Udaka Ramaputta. In beiden Fällen kommt Siddhartha zum betreffenden Lehrer auf der Suche nach Unterweisung darüber, wie man „das heilige Leben in diesem Dhamma und dieser Disziplin“ führt. Er lernt schnell über die jeweils vermittelten Lehren „aus dem Wissen und der Gewissheit heraus zu sprechen“. Dann erkennt er, dass die Lehrer mehr als das erreicht haben, sie haben „direktes Wissen“ der „Basis“, die sie lehren. Siddhartha erlernt dann auch dieses „direkte Wissen“ auf gleichhohem Niveau wie seine Lehrer. In beiden Fällen erkennt der Lehrer dies an und ehrt daraufhin Siddhartha, indem er anbietet, die Führung seiner Gemeinschaft mit ihm zu teilen. Jedes Mal ist Siddhartha aber mit dem Ergebnis unzufrieden und geht auf der Suche nach weiterführender Weisheit fort.
Die „Basis“, auf die sich jeder Lehrer beruft, muss in Beziehung zum Schema der vier „immateriellen Zustände“ oder „höheren Jhanas“ (oder Dhyanas, Stufen meditativer Vertiefung) verstanden werden, die in der buddhistischen Lehre zu finden sind. Die vier niederen Jhanas bestehen aus Vertiefungsstufen, die durch ausdauernde Meditation unter guten Bedingungen erreicht werden können. Sie weisen bestimmte, definierbare Merkmale auf (Einspitzigkeit, anfängliches und fortgesetztes Denken, Verzückung, Glückseligkeit und Gleichmut), die zunehmend präsent sind. Die höheren Jhanas werden dann in der frühen buddhistischen Literatur als höhere und subtilere Errungenschaften dargestellt. Sie können von Mönchen erreicht werden, die auch über das vierte Jhana hinaus, weiterhin Fertigkeiten und Anstrengungen auf die Meditation verwenden. Diese höheren Jhanas werden als „die Basis, die aus grenzenlosem Raum besteht“, „die Basis, die aus grenzenlosem Bewusstsein besteht“, „die Basis, die aus dem Nicht-Sein besteht“ und „die Basis, die aus weder Wahrnehmung noch Nicht-Wahrnehmung“{17} besteht, beschrieben. Nichtsdestotrotz werden diese höheren Jhanas als nicht zum Ziel letztendlichen Erwachens führend wahrgenommen. Ihre traditionelle Bedeutung in der Geschichte von Siddharthas Begegnungen mit seinen Lehrern besteht darin, zu zeigen, dass sie Siddhartha zu äußerst subtilen Ebenen meditativer Verwirklichung führen, aber nicht darüber hinaus. Traditionell war also die Erklärung für Siddharthas Weiterziehen, dass seine Lehrer nicht weit genug gegangen waren und nicht in der Lage waren, ihm den vollständigen Pfad zu letztendlichem Erwachen zu lehren.
Solche Darstellungen des Pfades beginnen jedoch mit Annahmen über die letztendliche Verwirklichung des Erwachens und leiten daraus umgekehrt ein Verständnis des Pfads ab. Dabei besteht die Gefahr, die Universalität des Mittleren Wegs zu untergraben. Sie verwandeln ihn bestenfalls in eine technische Beschreibung der Errungenschaften, die im begrenzten kulturellen Rahmen buddhistischen Klosterlebens anzustreben sind. Schlimmstenfalls verwandeln sie ihn in ein Dogma, das den Mittleren Weg an sich untergräbt. Ich möchte behaupten, dass aus den Begebenheiten mit Alara Kalama und Udaka Ramaputta eine ganz andere und viel universellere Bedeutung abgeleitet werden kann, und nicht nur, dass Siddhartha sie bloß übertroffen hat, weil sie noch nicht erleuchtet waren. Beim Mittleren Weg geht es nicht darum, was erreicht wird, sondern vielmehr darum, wie wir es beurteilen. Die Art und Weise, wie wir über die Schlussfolgerungen urteilen, die wir aus meditativer Erfahrung ziehen können, ist hier weitaus bedeutsamer als die Frage, welche Kategorie von meditativer Erfahrung sie angehören.
Alara Kalama und Udaka Ramaputta hatten beide tiefgreifende Erfahrungen, die, wie man annehmen muss, ihr Leben positiv verändert und sie vielleicht in die Lage versetzt haben, neue Ebenen der Weisheit und des Mitgefühls zu entwickeln. Nichtsdestotrotz besteht das Scheitern beim Urteil in jedem Fall darin, dass sie zu dem Schluss kamen, dass diese Erfahrungen schon alles waren. Jede Erfahrung eines endlichen Wesens ist zwangsläufig sowohl hinsichtlich der Informationen, die sie liefert, als auch hinsichtlich des Ausmaßes, in dem sie psychische Zustände angemessen und verlässlich macht, begrenzt. Diese Erfahrungen, so tiefgründig sie auch sein mögen, können keine Ausnahme sein. Die buddhistische Tradition neigt zur Schlussfolgerung, die Unterweisungen dieser beiden Lehrer seien nur deshalb unzureichend gewesen, weil sie das wahre und letztendliche Ziel noch nicht erreicht hatten. Eine fundiertere und universellere Schlussfolgerung wäre jedoch, dass sie nur deshalb unzureichend waren, weil sie glaubten, das wahre und letztendliche Ziel schon erreicht zu haben.
Zweifellos muss derselbe Einwand auch gegenüber Siddhartha vorgebracht werden, so nützlich, positiv und ehrfurchtgebietend seine Erfahrungen auch sein mögen. Da er menschlich und begrenzt ist, müssen alle Erfahrungen, die er macht, denselben Kriterien unterworfen werden, die Siddhartha auf Alara Kalama und Udaka Ramaputta angewandt haben soll. Wir müssen die Schlussfolgerung ziehen, dass sie nicht perfekt, absolut oder endgültig sind. Damit schmälern wir weder ihn noch seine Verdienste in irgendeiner Weise, sondern erkennen einfach an, dass es sich um große menschliche Errungenschaften handelt. Um dem Mittleren Weg zu folgen, müssen wir dem Beispiel Siddharthas folgen, statt ihn zu idealisieren.
Als Siddhartha die einzelnen Lehrer verlässt, sagt er:
Dieser Dhamma führt nicht zu Ernüchterung, zu Leidenschaftslosigkeit, zu Aufhören, zu Frieden, zu direktem Wissen, zu Erleuchtung, zu Nibbana, sondern nur zu Wiedererscheinen auf der Basis von Nicht-Sein [oder Weder-Wahrnehmung-Noch-Nichtwahrnehmung]. Weil ich mit jenem Dhamma nicht zufrieden war, ließ ich ihn zurück und ging fort.{18}
Dies wirft eine zentrale konzeptionelle Frage auf, die für das Verständnis des Mittleren Wegs wichtig ist. Stellen wir eine negative Behauptung auf, herrscht eine grundlegende Ambivalenz. Diese Behauptung kann entweder als Bekräftigung eines negativen Gegenteils verstanden werden oder einfach so, dass etwas Positives nicht bejaht wird. Zum Beispiel kann „ich glaube nicht, dass Hunde immer Fleisch essen“ entweder bedeuten, dass ich glaube, dass Hunde nicht immer Fleisch essen, oder, dass ich nicht genug Informationen zu diesem Thema habe, um definitiv daraus schließen zu können, dass sie es tun. Im obigen, dem Buddha zugeschriebenen Zitat kann sein Glaube, dass die Lehre (Dhamma oder Dharma) von Alara Kalama und Udaka Ramaputta nicht zu Ernüchterung, etc. führt, einerseits dahingehend interpretiert werden, dass es einen Dhamma gibt, der zu Ernüchterung, etc. führt, diese aber nicht. Andererseits kann es so gelesen werden, dass er einfach nicht abschließend erkennen kann, dass dieser Dhamma nicht zu Ernüchterung, etc. führt, wobei er unsicher bleibt, ob es eine Alternative gibt, die zu Ernüchterung, etc. führt.
Siddhartha ist auf einer Suche. Er hat ein Ziel vor Augen, das für ihn von Bedeutung ist. Das setzt aber nicht voraus, dass die Erfüllung seines Strebens darin besteht, dieses Ziel zu erreichen, wie er es sich ursprünglich vorgestellt hat. Es bedeutet auch nicht notwendigerweise, dass ein Scheitern darin, Erleuchtung zu erreichen, ein vollständiges Scheitern in diesem Streben wäre. Gerade in den Erfahrungen mit Alara Kalama und Udaka Ramaputta muss er die Natur dieses Strebens erneut überdenken. Sollte er sich ausgemalt haben, es würde ihn im Wald zu einer vollständigen Antwort führen, die im Palast nicht verfügbar war, wäre er nicht nur einmal, sondern zweimal enttäuscht worden. Dies bedeutet aber nicht, dass er auf seiner Suche nicht weiter vorangekommen ist. Es bedeutet vielmehr, dass er beginnt, sich vom Streben nach absoluten Antworten abzuwenden, und stattdessen versucht, Verblendungen zu überwinden, die er durch Erfahrung erkennen kann. Wie mir hier scheint, beginnt sich die Bedeutung dieses Strebens bereits in eine zu verwandeln, die durch den Mittleren Weg bestimmt wird, statt durch das Positiv-Absolute, das durch die Idee des Erwachens repräsentiert wird.
Siddharthas Enttäuschung über religiöse Lehrer spiegelt sich in der Erfahrung jedes anderen Menschen wider, der jemals eine Autoritätsperson idealisiert hat und desillusioniert wurde. Die meisten von uns wählen Stellvertreter, um sich von der Autorität der Eltern zu lösen, aber auch diese werden dann als unzulänglich empfunden. Das kann der Fall sein, wenn wir die Begrenztheit eines Lehrers oder Hochschulprofessors erkennen, den wir in unserer Jugend gekannt oder idealisiert haben. Es kann passieren, sexuellem Missbrauch durch einen Guru zum Opfer zu fallen. Möglicherweise führt die kritische Perspektive, die Geschichtswissenschaft und Philosophie in Bezug auf fundamentalistische Überzeugungen über Jesus oder den Buddha bieten dazu, dass sie nicht mehr als die absolut makellosen Persönlichkeiten erscheinen, als die wir sie idealisiert hatten.
Dennoch bleibt der Archetyp bestehen. Wir müssen nicht aufhören, Erwachen bedeutungsvoll zu finden, oder uns von ihm inspirieren zu lassen oder in die Richtung zu streben, die es repräsentiert, nur weil wir erkennen, dass es uns an Begründungen für den Glauben an dessen Verwirklichung mangelt. Idealisierungen fallen, aber sie müssen keine Ideale mitreißen. In vielerlei Hinsicht werden Ideale stärker, wenn sie nicht mehr projiziert werden, wenn sie aufhören, Perfektion in Personen oder Dingen anzunehmen, die nicht perfekt sind. Dann sind wir besser in der Lage, ihre verworrenen und unvollkommenen Teile zu erkennen, die wir eher durch Erfahrung finden.
e. Der Wald: Askese
Die Episode von Siddharthas Verweilen mit den beiden Lehrern schließt die Waldphase noch nicht ab. Siddhartha hat den Mittleren Weg noch nicht explizit entdeckt, auch wenn er sich auf ihn zubewegt. Indem er über die absolute Autorität der beiden Lehrer hinausgegangen ist und seine eigene authentische und autonome Antwort entwickelt hat, ist er in gewisser Hinsicht dem Mittleren Weg nähergekommen. Er muss ihn jedoch noch in Hinblick auf seine Praxis anwenden. In der Phase, in der er seine asketischen Praktiken übt und diese aufgibt, muss Siddhartha nicht nur über die Autorität seiner Lehrer hinausgehen, sondern auch die Tendenz überwinden, den Willen einer inneren Stimme einer anderen aufzuzwingen.
So wie ein starker Mann einen schwächeren Mann am Kopf oder an den Schultern packen und ihn niederschlagen, fesseln und zermalmen könnte, so schlug ich auch mit zusammengebissenen Zähnen und gegen den Gaumen gepresster Zunge meinen Geist nieder, fesselte und zermalmte ihn mit dem Geist, und Schweiß rann mir aus den Achselhöhlen. Aber obwohl unermüdliche Energie in mir geweckt wurde und sich eine unaufhörliche Achtsamkeit einstellte, war mein Körper überreizt und unruhig, weil ich vom schmerzhaften Streben erschöpft war.{19}
Askese beinhaltet üblicherweise einen „Willensakt“: den Versuch, die Überzeugungen eines „höheren“ oder „wahren“ Selbst, das man als richtig beurteilt, einem niederen Selbst aufzuzwingen, das zurückgewiesenen Eigenschaften wie Gier, Hass und Unwissenheit verfallen ist. Dies ist ein Prozess, der auch als Repression bezeichnet werden kann, und Konfliktpflege innerhalb der eigenen Psyche bedingt. Repression kann im Sinne von bewussten Wünschen gegenüber unbewussten Wünschen verstanden werden. Alternativ kann sie einfach als ein Aufeinanderprallen zwischen Wünschen verstanden werden, die zu einem Zeitpunkt stärker hervortreten, und solchen, die zu einem anderen stärker aufkommen. Wie der obige Auszug verdeutlicht, ist ein Konflikt zwischen Teilen der Psyche auch ein körperlicher Konflikt, der den Körper über Gebühr belastet. Wenn wir unser Nervensystem dazu anregen, auf eine Gefahr zu reagieren, die uns nicht äußerlich, sondern nur innerlich bedroht, gibt es möglicherweise keine Auszeit vom imaginären Kampf mit den eigenen Schwächen. Es ist kaum verwunderlich, wenn wir diesen Kampf nicht sehr lange durchhalten können.
Der Standpunkt der Askese ist zugleich Ausdruck einer Gewissheit, die wir nicht rechtfertigen können: die Gewissheit, dass das willentliche und repressive Selbst das rechte und „wahre“ Selbst ist. Angesichts der Veränderlichkeit unserer Erfahrung können wir nie sicher sein, dass wir eine solche Gewissheit nicht bereuen und revidieren werden. Diese ungerechtfertigte Gewissheit wird oft durch voneinander abhängige Annahmen einer ganzen Reihe von rechtfertigenden absoluten Überzeugungen verstärkt. Für moderne Asketen beinhaltet das wahrscheinlich Überzeugungen über den überragenden Wert ihrer Arbeit oder ihrer Pflicht, sie zu verrichten, ungeachtet der Kosten für ihren Geist und Körper. Zu Buddhas Zeiten war es eine Ideologie persönlichen Verdienstes, die aus der Praxis von Entbehrungen erwuchs und zu einer besseren Wiedergeburt in der Zukunft führen sollte. Verabsolutierte Vorstellungen über endlos aufgeschobene Belohnung bilden oft den gemeinsamen Nenner der Askese. Für Asketen ist das Vergnügen in der Zukunft immer wichtiger als Vergnügen im Jetzt, auch wenn die Vorstellung von Vergnügen genauso dominant sein mag wie für ausschweifendste Hedonisten.
Siddhartha wird von fünf Gefährten begleitet, die ihn zu immer drastischeren Entbehrungen drängen. Diese Gefährten verkörpern die ihn umgebende asketische Kultur dieser Shramanas, ihre Erlösungsideologie{20}. Die Darstellung im Pali-Kanon konzentriert sich indes viel mehr auf seine scheinbar isolierten Versuche, den Willen eines Teils von ihm dem anderen Teil aufzuzwingen.
Zu den im Pali-Kanon beschriebenen asketischen Praktiken von Siddhartha gehören „Meditation des Atemhaltens“ und sich aushungern, die jeweils auf verschiedenen Ebenen erprobt werden. Er hält mit verbissener Beharrlichkeit wieder und wieder seinen Atem an, aber er erlebt dadurch nur ein zunehmendes Maß an Leiden und Stress, von „einem lauten Geräusch des Windes, der aus meinen Ohren austritt“, über „ungestüme Winde, die meinen Bauch aufschlitzen“, bis hin zu „einem heftigen Brennen in meinem Körper“.{21} Was das Sich-Aushungern angeht, so versucht Siddhartha, nachdem er den Versuch, überhaupt nicht zu essen, aufgegeben hat, nur „sehr wenig zu essen, jedes Mal eine Handvoll“, was zu extremer Auszehrung führt, die plastisch beschrieben wird:
Weil ich so wenig aß, wurde mein Gesäß wie ein Kamelhuf. Weil ich so wenig aß, standen meine Wirbelfortsätze hervor wie aufgereihte Perlen. Weil ich so wenig aß, ragten meine Rippen heraus, so hager wie die baufälligen Dachsparren einer alten, ungedeckten Scheune. Weil ich so wenig aß, sank der Glanz meiner Augen tief in die Augenhöhlen zurück und sah aus, wie der Glanz des Wasserspiegels, der in einem tiefen Brunnen tief abgesunken ist.{22}
Der Asket ist gefangen in einem zwanghaften und abstrakten, zielorientierten Glaubenssystem. Doch jedes Mal, wenn er versucht, seinem Körper seinen Willen aufzuzwingen, wird sein widerspenstiges, verkörpertes Wesen durch den damit verbundenen Schmerz erneut unterstrichen. Allerdings ist der Irrglaube eines getrennten, vom Willen getriebenen Selbst so tief verwurzelt, dass der Asket aus dieser Erfahrung nichts lernen wird, sondern lediglich annimmt, er habe sich noch nicht hinreichend angestrengt. Der Irrglaube eines Selbst, das sich vom Körper unabhängig glaubt, oder der völlig fruchtlose Konflikt, der aus diesem Irrglauben entsteht, kann kaum plastischer illustriert werden. Diese Reaktionsweise beinhaltet eine geschlossene Rückkopplungsschleife, in der zwanghaftes Verlangen starren Glauben nährt, der dann ein zwanghaftes Verlangen nährt, dass immer auf denselben Annahmen beruht. Dieser Konflikt entsteht durch die Überdominanz der sprachlichen und zielorientierten Zentren der linken Gehirnhälfte (siehe Kapitel 7.h), die das Individuum in einem vermeintlichen Gefüge hält und es endlos bestätigt.
Es ist nun in zweifacher Hinsicht klar geworden, dass der „Wald“ genau den gleichen verabsolutierenden Verblendungen unterliegt, wie der „Palast“, denn Siddhartha hat diese Verblendungen mitgebracht. Um über die Macht der Anschauungen des Palasts, mit seiner Konventionalität und seinem Hedonismus hinauszugehen, hat er sich die Gegenteile zu eigen gemacht: religiösen Absolutismus und Askese. Nichts davon hat sich als geeignet erwiesen, nicht weil die Überzeugungen und Praktiken im jeweiligen Kontext nicht einigen Bedingungen gerecht werden, sondern weil sie nicht alle Bedingungen in der von ihm gewünschten Weise gerecht werden. Der Palast befasst sich mit den Bedingungen sozialer Organisation. Die Sekten seiner spirituellen Lehrer im Wald befassen sich mit den Bedingungen des Erlernens spiritueller Praktiken. Die Askese im Wald befasst sich mit den Bedingungen zeitweiser Selbstbeherrschung – gegenwärtige Wünsche für den Augenblick unterdrücken zu können, um die Energie auf jeweils eine Handlung zu konzentrieren. Allerdings befasst sich nichts davon mit allen Bedingungen, die mit der Entwicklung des Menschen zusammenhängen, einschließlich der Fähigkeit, Leiden zu vermeiden. Der Mensch hat eine komplexe Vielfalt miteinander verbundener Bedürfnisse und Ziele, die nicht einfach durch ein Patentrezept erfüllt werden können.
Die Art und Weise, wie Siddhartha den Weg aus der geschlossenen asketischen Schleife findet, ist bezeichnend für einige der grundlegendsten dieser Bedingungen:
Ich überlegte: „Ich erinnere mich daran, dass ich, als mein Vater, der Sakyer, arbeitete, während ich im kühlen Schatten eines Rosenapfelbaums saß, ganz abgeschieden von sinnlichen Genüssen, abgeschieden von unheilsamen Zuständen, in das erste Jhana eintrat und darin verweilte, was von angeregten und anhaltenden Gedanken begleitet war, mit Verzückung und Vergnügen, das aus Abgeschiedenheit erwächst.“ {23}
Die auf Achtsamkeit basierende Meditationserfahrung beruht im Gegensatz zu asketischen Praktiken nicht auf Ablehnung des Körpers, sondern auf mitfühlender Wahrnehmung. Jeder, der je das erste Jhana (Versenkungszustand) in der Meditation erlebt hat (was ich von mir glaube), wird sich bewusst sein, dass die grundlegendste Bedingung volle Akzeptanz des Körpers als Teil der eigenen Erfahrung ist. Unsere Körpererfahrung als Grundlage aller Bedeutung und Gedanken unterscheidet sich deutlich von Überzeugungen über den Körper und seine Veränderlichkeit als Objekt. In der Tat könnte Jhana als ein vorübergehend integrierter Zustand des Körpers definiert werden, in dem alle Energien, die wir von irgendeinem Teil unseres Körpers erfahren, vereint werden. Die Vereinigung der Energien erzeugt die im Text erwähnte Verzückung. Barrieren und Konflikte schmelzen vorübergehend dahin, so dass andere widerspenstige Wünsche, die nicht zum vorherrschenden Wunsch passen, nicht mehr als innere Feinde behandelt werden können. In solch einem Zustand der Integration wird es grotesk, zu der Art konflikthafter und selbstzerstörerischer Annahmen zurückzukehren, wie man sie in der Askese findet.
Es gibt auch andere Aspekte der Rosenapfelbaum-Erfahrung, die einen Weg jenseits der geschlossenen Schleife asketischer Annahmen bieten. Die Tatsache, dass sie abgeschieden, weit weg von allen Pflichten und Ablenkungen stattfand, macht sie zu einem potenziellen Kontext, für ein breiteres Bewusstsein, das jenseits der Annahmen des Kontexts entsteht. Dennoch ereignete sich die Episode nicht im Wald, sondern im Palast. Es wird deutlich, dass der Palast nicht mehr ganz so absolut abzulehnen ist, wie zuvor. In gewisser Weise erlaubte Siddharthas Leben dort zeitweise eine Auseinandersetzung mit Bedingungen, mit denen er sich während seines Lebens im Wald nicht auseinandersetzte. Die Rosenapfelbaum-Episode wird so zu einem einenden Moment, jenseits der Annanahmen, die entweder mit dem Palast oder dem Wald verbunden sind. Dort können breitere Erfahrungen gesammelt werden, um neuen Bedingungen gerecht zu werden. Dieses vereinende Moment wird zum Tor der Erkenntnis des Mittleren Wegs.
f. Die Entdeckung des Mittleren Wegs
Das konkrete Entdecken des Mittleren Wegs lässt sich möglicherweise nicht einfach auf einen Moment des Erkennens reduzieren. Wenn es einen guten Kandidaten für einen solchen Moment im Pali-Kanon gibt, folgt er unmittelbar auf Siddharthas Erinnerung der Jhana-Erfahrung unter dem Rosenapfelbaum. Der Text geht dann weiter:
„Könnte das der Pfad zur Erleuchtung sein?“ Dann, im Anschluss an diese Erinnerung, kam die Erkenntnis: „Das ist der Pfad zur Erleuchtung.“{24}
In Hinblick auf den universellen Wert der Geschichte ist dies der wichtigste Punkt, nicht die Erleuchtung selbst. Sie bietet ein Erkennen der Natur des Pfades und weniger eine Behauptung über das Ziel. Der Pfad ist etwas, das wir alle in jedem Augenblick beurteilen und neu beurteilen müssen, das Ziel lediglich eine abstrakte Vorstellung des Zwecks, ihn zu beschreiten. Entscheidend ist, dass Siddhartha den Pfad erkennt, bevor er behauptet, das Ziel erreicht zu haben. Das macht deutlich, dass der Pfad nur insofern vom Ziel abhängig ist, als das Ziel zu einem Symbol für den Pfad wird. Das Ziel sagt uns nicht, in welcher Richtung der Pfad verlaufen soll. Der Pfad kann auf Grund seines universellen Charakters in der Erfahrung jedes Einzelnen immer nur darin bestehen, die Umstände zu beurteilen, in denen wir uns befinden, wie auch immer sie sind. Dieser Pfad kann auch dann beschritten werden, wenn das betreffende Individuum noch keine abschließenden Vorstellungen des Ziels hat. Alles, was man braucht, sind praktische Vorstellungen über den Weg selbst.
Oberflächlich betrachtet klingt die obige Passage jedoch so, als bestehe der Weg nur in der Jhana-Erfahrung. Würde man dies annehmen, wäre es leicht, den Schluss zu ziehen, der Pfad bestehe nur aus Aufstieg durch Jhanas bis man das Erwachen als eine Art Super-Jhana erlangt. Die Rolle der „höheren Jhanas“ in Bezug auf Alara Kalama und Udaka Ramaputta zu Beginn der Geschichte, könnte diese Art der Interpretation ebenfalls gefördert haben. Man könnte sich vorstellen, dass Siddhartha an seinen Lehrern (die nur die höheren Jhanas erreicht haben) vorbeisauste, um das Rennen zum endgültigen Ziel vor ihnen zu gewinnen. Doch all dies würde dazu führen, bestimmte Elemente der Geschichte zu verabsolutieren, während ihre universellere Bedeutung verloren ginge. Der Pfad ist jedem zugänglich und bietet einen Weg vorwärts, wo auch immer man sich befindet. Nicht jeder ist in der Lage, auch nur die niederen Jhanas zu erreichen, geschweige denn die höheren zu übertreffen. Wir dürfen die spezifischen Merkmale des Pfads von Siddhartha nicht mit dem Pfad an sich verwechseln, den die Geschichte auf breiterer Ebene symbolisiert.
Ich habe bereits erörtert, dass die Art und Weise, in der Siddhartha seine beiden spirituellen Lehrer übertrifft, vielmehr in der Art und Weise begründet liegt, wie sie ihre Errungenschaften verabsolutieren. Sie glauben, diese seien schon alles oder die Gesamtheit des Pfades. Die Erinnerung an die frühere Jhana-Erfahrung unter dem Rosenapfelbaum ist folglich in anderer Weise bedeutsam, denn sie verschafft Siddhartha ein breiteres, fundierteres Bewusstsein. Dieses Bewusstsein ermöglicht es ihm, damit aufzuhören, die Annahmen der Askese zu verabsolutieren. Er hat nun erkannt, dass es das Bewusstsein ist, das uns befähigt, über Verabsolutierung hinauszugehen. Jhana ist eine Quelle zunehmend integrierten Bewusstseins, aber es ist kein dauerhafter Zustand: Vielmehr wird es in der Meditation erlangt und geht danach verloren, sobald man sich wieder mit anderen Aktivitäten außerhalb der Meditation beschäftigt. Jhana ist also ein sehr nützlicher Zustand für Siddhartha, den es zu kultivieren gilt, um Verabsolutierung zu vermeiden – aber es ist nicht der einzig mögliche Weg, Verabsolutierung zu vermeiden. Nicht einmal das Erreichen des allerhöchsten Jhana-Zustands garantiert, dass er nie wieder verabsolutieren wird. Jhana ist wichtig für seinen individuellen Pfad und es mag für viele andere wichtig sein, aber es ist kein wesenhaftes Kennzeichen des Pfads im Allgemeinen und nicht bestimmend für den Pfad.
Siddharthas Erkennen des Pfads ist zugleich ein Erkennen des Mittleren Wegs angesichts der Wesensart der ihm vorangegangenen Geschichte. Der eingeschlagene Pfad besteht nicht in einer Rückkehr zu den Werten des Palasts. Dennoch übernimmt dieser eine Erfahrung, die er im Palastumfeld gemacht hat, als wertvoll, ebenso wie dessen positive Bewertung des Vergnügens. Der Pfad, den er gefunden hat, vermeidet zudem die Verabsolutierung der Werte des Waldes, sowohl die seiner spirituellen Lehrer als auch die der Askese, behält aber dennoch den umfassenderen Wert der spirituellen Suche bei, die der zentrale Wert des Waldes ist. Der Mittlere Weg besteht hier also im Kern darin, Verabsolutierung auf beiden Seiten zu vermeiden. Er sucht einen Pfad, der eine differenzierte Haltung gegenüber dem einnimmt, was bei widerstreitenden Glaubensinhalten hilfreich ist, ohne sie gänzlich zu übernehmen.
Der Gegensatz zwischen dem Palast und dem Wald mag eine symbolische Tragweite haben, die weit über den Kontext des Buddha hinausreicht. Er bietet jedoch keine vollständige Lösung für alle verabsolutierenden Gegensätze, die im menschlichen Leben möglicherweise auftreten, sondern ist vielmehr ein Beispiel für einen solchen Gegensatz. Er trägt auch dazu bei, einige Strukturelemente verabsolutierender Gegensätze darzulegen und zu zeigen, wie man sie vermeiden kann. Das Beispiel darf nicht als universelle Aussage über den Mittleren Weg missverstanden werden. Dies wird nicht nur aufgrund der Abhängigkeit vom besonderen Kontext des Buddha deutlich, sondern auch aufgrund der Interpretationsprobleme, die durch den Palast und den Wald aufgeworfen werden. Steht der Palast für soziale Konventionen oder für individualistische Genusssucht? Diese könnten in einem anderen Kontext, in dem Askese zur allgemeinen Pflicht geworden ist, leicht miteinander in Konflikt geraten. Steht der Wald für die Verabsolutierung bestimmter religiöser Erfahrungen oder für die Autorität religiöser Lehrer oder für Askese? Wiederum könnten diese miteinander in Konflikt stehen, z.B. wenn ein einflussreicher religiöser Führer ein wortgläubiger Fundamentalist wäre, der es verböte, Erfahrungen Vertrauen zu schenken. Es ist nicht immer klar, wofür Palast und Wald stehen und auch nicht, dass sie wirklich voneinander abhängig sind. Es wäre sehr einfach, dem Palast religiöse Motive zuzuschreiben oder eine königliche Förderung einzuführen, um den Wald zu korrumpieren.
Was hingegen klar ist, ist, dass in Siddharthas Bewusstsein zum Zeitpunkt, als er seine Urteile fällte, Palast und Wald Werte repräsentierten, die miteinander in Konflikt standen. Er entwickelte ein Modell, sich an den Mittleren Weg anzunähern, das jeder andere Mensch in einer ähnlichen, von absoluten Werten verschlungenen Lage anwenden könnte. Zuerst löste er sich von diesem Kontext, um das Gegenteil offen anzunehmen, aber er blieb sich andererseits auch der Grenzen jenes Gegenteils kritisch bewusst und nutzte dies, um auf eine hilfreichere und adäquatere dritte Option hinzuarbeiten. Um sich der Grenzen des Gegenteils bewusst zu werden, erwies sich zudem eine Rückbesinnung auf die Stärken der ersten Werteordnung als entscheidend.
Solch eine Strategie, die auf diese Weise entwickelt wurde, kann auf alle möglichen, offensichtlich sehr unterschiedlichen Szenarien übertragen werden, über die gesamte Bandbreite menschlicher Erfahrung hinweg. Lassen Sie mich einige Beispiele anführen:
Ein Alkoholiker kämpft mit einer Sucht, in der der absolute Wert Alkohol den Lebenssinn übernimmt. Er geht fort in ein Reha-Zentrum, wo er „trocken wird“ und eine andere Sichtweise auf die Motive seiner Sucht gewinnt. Das Reha-Zentrum ist für ihn hilfreich, aber es stützt sich auf ein medizinisches Modell. Erst wenn er aufhört, von diesem Modell abhängig zu sein und mehr Eigenverantwortung für seine Genesung übernimmt, beginnt er, auf lange Sicht Wege aus dem Alkoholismus zu finden.
Ein Mädchen, das in einer konservativen muslimischen Familie aufgewachsen ist, läuft weg und stürzt sich in ein Leben, in dem sie alles durch ihre Erziehung Verbotene genießt: allein leben, trinken, in Nachtclubs gehen, eine Vielzahl sexueller Beziehungen, atheistische Bücher lesen, usw. Nach einigen Jahren ist sie jedoch ausgebrannt und beginnt, die Sicherheit und Disziplin ihrer Herkunftsfamilie zu vermissen. Dann besucht sie einen Achtsamkeitskurs und fängt an zu meditieren, wobei sie beginnt, dieses Gefühl der Sinnhaftigkeit wiederzuentdecken, obwohl ihre Familie sie verstoßen hat.
Ein Wissenschaftler hat sein ganzes Leben lang Beweise für eine bestimmte Art von Theorie erforscht, ist auf diesem Gebiet bekannt geworden und hat sie zur Grundlage seiner Karriere und seines Renommees gemacht. Ein jüngerer Kollege erzielt jedoch einen Durchbruch, der eine völlig andere Art von Theorie liefert. Die neue Theorie erklärt die gleichen Phänomene, beseitigt zudem zahlreiche rätselhafte Diskrepanzen und eröffnet eine ganz neue Forschungsrichtung. Ein Großteil der Arbeit des älteren Wissenschaftlers sieht jetzt wie Zeitverschwendung aus. Verbittert klammert er sich an seine alte Theorie und versucht sie zu verteidigen, aber seine Position wird zunehmend unhaltbar. So verkündet er schließlich in einer dramatischen öffentlichen Erklärung, dass sein jüngerer Kollege Recht hat, und dass er die alte Forschungsrichtung aufgeben wird. Beschämt spielt er eine untergeordnete Rolle in einem Forschungsprogramm, dass nun von seinem jüngeren Kollegen geleitet wird. Nach einigen Jahren gelingt es ihm jedoch durch seine weiterhin kritische Sicht auf die neue Forschungsrichtung, einige Schwächen der neuen Theorie zu identifizieren, so dass sie zweckdienlich modifiziert werden kann.
Bei all diesen grundverschiedenen Beispielen handelt es sich um Gegensatzpaare absoluter Überzeugungen. In einigen Fällen können diese Überzeugungen einen bestimmten sozialen Kontext zusammen mit einer Reihe anderer, voneinander abhängiger Überzeugungen vollständig dominieren (z.B. konservativer Islam). In anderen kann es sich nur um eine relativ losgelöste Überzeugung handeln, die in einem Kontext, in dem viele andere Überzeugungen vorläufig sind, eine Blockade schafft (z.B. Festhalten an einer wissenschaftlichen Theorie). Die Überzeugungen können sich auf vermutete Fakten oder Werte oder beides beziehen. Sie können wissenschaftlicher, ethischer oder ästhetischer Natur sein (oder eher eine Kombination aus allen). Die Gruppen, die diese absoluten Überzeugungen bestärken, können groß oder klein, formell oder informell und ihre Überzeugungen stark systematisiert oder völlig inkohärent sein. Die absoluten Überzeugungen können stark von obsessiven Wünschen und Ängsten untermauert werden, die Ursachen in der Vergangenheit haben können (z.B. Alkoholismus). Andererseits können sie relativ abstrakt und kontextabhängig sein (z.B. Festhalten an einer Theorie). Der Ansatz des Mittleren Wegs ermöglicht es, diese aufzulösen, da er sich über die Begrenzungen dieses Gegensatzpaars absoluter Werte hinausbewegt, wobei keine der beiden Annahmen vollständig akzeptiert wird. Auch wenn er als recht grobe Bewegung von einer Position in Richtung der entgegengesetzten beginnen mag, wird er doch zunehmend subtiler und im weiteren Verlauf weniger abhängig von einer Seite.
Der so verstandene Mittlere Weg ist ein Urteilsprinzip, keine metaphysische Behauptung oder ein Naturgesetz des Universums. Er zeichnet sich eher durch strukturelle Merkmale unserer Urteilsweise aus, weniger durch bestimmte Urteilsinhalte. Er garantiert keine bestimmten Ergebnisse durch diese Urteilsweise, sondern ermöglicht eine größere Angemessenheit des Urteils selbst. Er bewirkt dies, indem er sicherstellt, dass wir uns von Verabsolutierungen lösen, die leicht dieses Urteil blockieren können und uns in starren Reaktionsmustern gegenüber unserer Umwelt verharren lassen. Dieses Konzept einer größeren Angemessenheit des Urteils durch Vermeiden Verabsolutierungen kann auf viele weitere Arten gerechtfertigt werden, wie wir insbesondere in Abschnitt 7 sehen werden. Mir ist klar, dass dies nicht die herkömmliche buddhistische Darstellung dessen ist, worin der Mittlere Weg besteht. Ich werde in Abschnitt 4 aber Argumente gegen die Begrenztheit dieser traditionellen buddhistischen Darstellungen vorbringen. Vorerst möchte ich mich nur auf eine konstruktive Schilderung des Mittleren Wegs im Zusammenhang mit dem Buddha konzentrieren.
Die Elemente des Mittleren Wegs sind einer genauen Analyse wert, um klarer zu zeigen, wie er wirkt, sowohl im Leben des Buddha als auch in der allgemeinen Praxis. Ich habe fünf Schlüsselelemente des Mittleren Wegs herausgearbeitet, die ich nun auflisten und zur Geschichte des Buddha in Beziehung setzen möchte:
1 Skepsis Dies ist die grundsätzliche Anerkennung von Unsicherheit (nicht als eine in jeglicher Hinsicht negative Haltung misszuverstehen – s. Kapitel 4.a) Sie ergibt sich aus unserer endlichen verkörperten Erfahrung. Im frühen Leben des Buddha zeigt sich diese Skepsis in der Art und Weise, wie er weder die Dogmen des Palasts noch die des Waldes annimmt, sondern sie weiterhin als unsicher ansieht.
2 Vorläufigkeit Dies ist die Fähigkeit, sich nicht nur der Begrenztheit einer bestimmten Überzeugung kritisch bewusst zu sein, sondern auch Alternativen dazu zur Hand zu haben (was Fantasie erfordert). In Buddhas frühem Leben wird dies insbesondere durch das Vierte Zeichen verkörpert, das eine Alternative zum Palast bot, und die Jhana-Erfahrung unter dem Rosenapfelbaum, die eine Alternative zur Askese bot.
3 Agnostizismus Dies ist die Fähigkeit, unseren Glauben an eine der einander entgegengesetzten Verabsolutierungen aufzugeben. Wir beteiligen uns nicht an den gegenseitigen Schuldzuweisungen dieser beiden. Wir vermeiden standhaft absolute Überzeugungen, von denen wir wissen, dass sie nur innere oder äußere Konflikte verursachen werden. Diese Qualität kann sich nur entwickeln, sobald wir über die anfängliche Ablehnung des ersten Extrems hinausgegangen sind. Dann beginnen wir, dessen Verabsolutierungen in gleicher Weise wie die des zweiten Extrems abzuwägen, anstatt eine Verabsolutierung der anderen vorzuziehen. In Buddhas frühem Leben beginnt sich dieser Agnostizismus zu zeigen, als Siddhartha entschieden über die Askese hinausgeht, ohne die Werte des Palasts wieder anzunehmen.
4 Allmählichkeit Dies ist die Priorisierung einer graduellen Beurteilung von Qualitäten gegenüber absoluten Beurteilungen, die wahr oder falsch sein müssen. Vielleicht ist ihnen dies bereits in der Vorstellung begegnet, Grauschattierungen im Gegensatz zu „Schwarz-Weiß-Denken“, Dualismus oder Dichotomie anzuerkennen. Siddhartha begrüßt allmähliche Entwicklung hinsichtlich der Jhanas, als er Alara Kalama und Udaka Ramaputta hinter sich lässt. Was er ablehnt sind ihre verabsolutierenden Interpretationen ihrer Errungenschaften. Implizit sieht er diese Errungenschaften nur als Stationen innerhalb eines Spektrums meditativer Errungenschaften. Als er die Askese aufgibt, beginnt er auch allmählich eine Vorstellung von Genuss zuzulassen. Genuss ist dann nicht mehr etwas, was vollständig vermieden werden muss, sondern vielmehr als eine Erfahrung angesehen werden sollte, die Zustände der Verbundenheit schaffen kann.
5 Integration Während die skeptischen und agnostischen Prinzipien des Mittleren Wegs das Vermeiden von Absolutem betont, ist Integration das positive Gegenstück dazu. Sie besteht aus dem Prozess, zuvor gegensätzliche Wünsche, Bedeutungen und Überzeugungen zu vereinen. Integration wird durch das Vermeiden von Absolutem und von dadurch verursachten Konflikten ermöglicht. In Abhängigkeit der gewohnheitsmäßigen psychologischen Zustände des Individuums kann ein bestimmtes Urteil stärker integriert und damit angemessener werden. Diese Zustände werden wiederum durch den Grad der Integration zwischen Individuen im sozialen und politischen Kontext beeinflusst. Siddharthas Jhana-Erfahrung gibt ein Beispiel für Integration und zeigt die zentrale Bedeutung der Integration als psychologischen Effekt der Praxis des Mittleren Wegs. Ich werde in Abschnitt 5 ausführlich darauf eingehen, wie die vom Buddha gelehrten Praktiken die Entwicklung der Integration fördern können. Wie wir sehen werden, spiegelt Siddharthas weitere Entwicklung, nachdem er den Mittleren Weg entdeckt hat, weiterhin den Integrationsprozess wider.
Alle fünf dieser Elemente des Mittleren Wegs werden in der Beschreibung seiner Bedeutung und Praxis, die im weiteren Verlauf dieses Buchs zu finden ist, einen zentralen Platz einnehmen. Diese sind weniger durch ihre explizite Erwähnung in irgendeinem maßgeblichen Text legitimiert, sondern durch ihren praktischen Wert: einen, der von Menschen genutzt werden kann, ohne sich auf metaphysische Annahmen zu berufen. Aber man kann nach Inspirationsquellen für ihre Praxis suchen, vielleicht auch nach anerkannten Informationsquellen, um ihre Glaubwürdigkeit zu steigern. Man kann diese Inspiration oder Glaubwürdigkeit in der buddhistischen Tradition finden und die Erzählung, die ich hier über ihren Platz im Leben des Buddha schildere, kann Ihnen helfen, sie zu erkennen. Ebenso können es die Dinge, die ich im weiteren Verlauf dieses Buchs zu ihrem Platz in den Lehren des Buddha ausführen werde.
Um auf den Pali-Kanon zurückzukommen, es ist auch erwähnenswert, dass Siddharthas Entdeckung des Mittleren Wegs unmittelbar durch eine Handlung von symbolischer und praktischer Bedeutung erlangt wird:
Ich überlegte: "Es ist nicht leicht, dieses Glück mit einem so übermäßig ausgezehrten Körper zu erreichen. Angenommen, ich nähme feste Nahrung zu mir... Und ich aß etwas feste Nahrung - gekochten Reis und Brei. Nun warteten zu dieser Zeit fünf Bhikkhus auf mich und dachten: „Wenn unser Einsiedler Gotama einen höheren Zustand erreicht, wird er uns informieren. Aber als ich den gekochten Reis und den Brei aß, waren die fünf Bhikkhus angewidert und verließen mich mit dem Gedanken: „Der Einsiedler Gotama lebt jetzt luxuriös; er hat sein Streben aufgegeben und ist zum Luxus zurückgekehrt“.{25}
In Ashvaghosas Fassung nimmt diese Nahrung die zierlichere Form von „Milchreis“ an und wird von der Tochter eines Kuhhirten namens Nandabala offeriert.{26} Welche Version man auch immer im Sinn hat, diese Akzeptanz der Nahrung ist bedeutsam als Zeichen der Anerkennung der Bedürfnisse des Körpers. Sie markiert eine Rückkehr zu den Grundbedingungen unserer Erfahrungen, nach einem fruchtlosen Streben nach verabsolutierten Abstraktionen. Erkennt man an, dass die Entdeckung des Mittleren Wegs das bei weitem bedeutendste Ereignis im Leben des Buddha ist, scheint es, als ob dieses Ereignis viel umfassender rituell gefeiert werden sollte, als es der Fall ist. Man könnte sich eine Art buddhistischer Eucharistie vorstellen, bei der kleine Mengen von gekochtem Reis und Brei achtsam verzehrt werden, in Erinnerung an Buddhas bedeutendste und universellste Errungenschaft.
g. Maras Versuchungen
Die explizite Entdeckung des Mittleren Wegs, so groß seine Bedeutung auch sein mag, ist natürlich nicht das Ende der Geschichte. Die Praxis des Mittleren Wegs bleibt dann eine ständige Herausforderung für den Rest unseres Lebens. In den traditionellen Berichten über das Leben des Buddha wird die Zeitspanne zwischen der Entdeckung des Mittleren Wegs und dem Erreichen des Erwachens normalerweise als relativ kurz dargestellt. In dieser Zeit sitzt Siddhartha unerschütterlich in Meditation, entschlossen, sich nicht zu bewegen, bis er das Erwachen erlangt hat. An diesem Punkt treten jedoch die dunkelsten Kräfte in Erscheinung, um ihn abzulenken, und nur indem er standhaft bleibt, wird er nicht abgelenkt.
Siddharthas Praxis des Mittleren Wegs wird nun durch die Angriffe von Mara auf die Probe gestellt. Mara ist das buddhistische Äquivalent zu Satan, der Siddhartha angreift und versucht, um zu verhindern, dass er das Erwachen erlangt. Maras Prüfungen symbolisieren die Prüfungen, denen wir alle ständig ausgesetzt sind, wenn wir versuchen, den Mittleren Weg zu praktizieren, unabhängig davon, welchen Entwicklungsstand wir persönlich erreicht haben mögen. Im Pali-Kanon sind die Berichte über diese Übergriffe in Bezug auf die Chronologie in Buddhas Leben zweideutig: Es ist nicht ganz klar, ob sie vor oder nach dem Erwachen geschehen sein sollen. Die Tatsache, dass dies kaum eine Rolle spielt, sollte uns darauf aufmerksam machen, dass Erwachen die grundlegenden Bedingungen der Praxis des Mittleren Wegs, nämlich die der menschlichen Erfahrung, nicht ändern kann.
Mara versucht zunächst, Siddharthas Vertrauen zu untergraben, indem er ihn warnt, dass er sterben könnte, wenn er sich überanstrengt, solange er sich noch in einem so ausgezehrten Zustand durch seine früheren Entbehrungen befindet.{27} Damit scheint er die für uns alle erfahrbare Neigung zu repräsentieren, die wirkliche Beschäftigung mit dem Pfad aufzuschieben, weil der Zeitpunkt noch nicht optimal ist. Der Mittlere Weg kann jedoch jederzeit praktiziert werden, dort beginnend, wo Sie sich jetzt befinden.
Als dies nicht gelingt, greift Mara Siddhartha mit seiner Armee an, die eine Verkörperung seiner Ängste ist.{28} In einer Fassung greifen sie ihn passenderweise von hinten an,{29} was die Angst symbolisiert, die unerwartet aus dem Unbewussten hervorbrechen kann. Ashvaghosha berichtet ausführlich über diese furchterregenden Angriffe, die er sich als Horden von Unholden mit Tiergesichtern vorstellt, die Siddhartha umringen, während er unter dem Bodhi-Baum sitzt.{30} Diese Unholde schleudern heiße Kohlen auf ihn, aber sie verwandeln sich in rote Lotosblüten.{31} Entscheidend ist, dass Siddhartha diese Angriffe nicht besiegt, indem er zurückschlägt, sondern durch seinen Gleichmut, wodurch er sich nicht vor ihnen fürchtet.
Zu guter Letzt wird beschrieben, wie Mara Siddhartha in Versuchung führt, indem er seine Töchter – Tanha, Arati und Ragha – benutzt, die auf alle möglichen Arten versuchen, Siddhartha mit Wollust zu verführen.{32} Siddharthas potenzielle sexuelle Fantasien erhalten eine externalisierte Form. Selbstverständlich scheitern sie: Sie haben „versucht, einen Berg mit Stängeln von Lotosblumen zu zerschmettern“.{33} Siddharthas ausbleibende Reaktion wird darauf zurückgeführt, dass er „seine Begierde abgeschnitten hat“.{34} Solche Begriffe vermitteln allerdings nicht unbedingt die ausgewogene (und nicht repressive) Natur des Gleichmuts, der nötig ist, um einer solchen „Versuchung“ zu widerstehen.
Mara steht für die verabsolutierenden Kräfte in uns, die uns überwältigen, wenn wir mit Angst oder Verlangen konfrontiert werden. Einerseits lassen sie uns implizit oder explizit glauben, dass unsere projizierten Ängste (im Gegensatz zu den Bedingungen dahinter) uns verletzen können. Andererseits lassen sie uns glauben, dass unsere Projektionsobjekte der Begierde (im Gegensatz zu den Bedingungen dahinter) besessen werden können. Unsere Neigung, über Dinge in entgegengesetzten Absoluten zu denken, wird ständig durch die mächtigen Motive Angst und Begierde verstärkt, die aus der Amygdala und dem Striatum im hinteren Teil unseres Gehirns kommen. Diese Triebkräfte können uns in Extremsituationen davor bewahren, gefressen zu werden oder zu verhungern. Unter stabileren und zivilisierteren Bedingungen ist es jedoch viel wahrscheinlicher, dass sie unnötige Konflikte und Stress verursachen. Werden wir etwa mit dem unerwarteten Brüllen eines Tigers oder bewusst verführerischem Entblößen einer Brust konfrontiert, haben wir Urinstinkte, die gerne die Oberhand gewinnen. Aber es ist das ständige Wiedererinnern solcher Ereignisse, solange sie nicht auftreten, das unsere Fähigkeit stört, angemessen auf die viel häufigeren gewöhnlichen und vieldeutigen Ereignisse menschlichen Lebens zu reagieren: das harmlos herausfordernde Gerede eines Fremden, das harmlose Dröhnen eines Flugzeugs über uns oder der nicht aufreizende Blickkontakt, den ein Mann mit einer Frau auf der Straße bei ihren Alltagsbeschäftigungen aufnehmen mag. Es sind unsere Überreaktionen, die den Gleichmut bedrohen, der Teil der Praxis des Mittleren Wegs sein muss.
Daher müssen wir Maras Prüfungen in Hinblick auf die Notwendigkeit interpretieren, Verabsolutierungen auf praktisch und emotional begründete Weise zu vermeiden. Wir werden uns dann über diese extremen, emotionalen Reaktionen nicht aufregen. Gemäß dem Grundsatz des Agnostizismus können wir weder mit Angst noch mit zwanghaftem Verlangen allein durch Unterdrücken wirksam umgehen. Stattdessen müssen wir sie als Teil unserer verkörperten Situation anerkennen, während wir sie aufnehmen und sie in einem weiteren, im Körper verankerten Gewahrsein kontextualisieren. Unterdrücken funktioniert nicht, weil es uns nur in einen vorübergehenden Zustand erzwungener Selbstkontrolle führt, in dem wir weiterhin Energien aufwenden müssen, um die unerwünschten Emotionen in Schach zu halten. Unter diesen Umständen ist es nur eine Frage der Zeit, bis wir die die Energie zum Unterdrücken verlieren, die erforderlich ist, um Mara in Schach zu halten. Wenn er sich also weiter an uns abarbeitet und unsere einzige Antwort Unterdrücken ist, wird er uns schließlich in Begierde oder Hass treiben.
Siddharthas Errungenschaft beruht nicht auf gewaltsamer Unterdrückung, sondern vielmehr auf Integration. Die durch Maras Armee geworfenen heißen Kohlen verwandeln sich in Blütenblätter, die nicht mehr die Wucht haben, neue Konflikte anzuregen, und somit harmlos für Siddhartha sind. Solange er sich auf eine integrative Praxis konzentriert, die sich auf seinen Körper als vereinende Grundlage des Bewusstseins stützt, kann Siddhartha die Reaktionen von Angst und Verlangen vermeiden. Auf diese Weise wird er zu einem starken Symbol der potenziellen Kraft unseres eigenen Gleichmuts. Es ist keineswegs so, dass er sich überhaupt nicht anstrengen braucht, oder, dass er die störenden Emotionen einfach so akzeptieren kann. Unterdrückung im Sinne bewusster Entschlossenheit, diese Emotionen nicht zu erwidern oder auf sie zu reagieren und gleichzeitig ihre Gegenwart zu akzeptieren, ist in der Tat notwendig. Andererseits ist es auch nicht einfach eine Frage des Mutes und der Standhaftigkeit im üblichen Sinne, denn er hat es nicht mit einem üblichen Feind zu tun. Sein Erfolg bei der Integration seiner störenden Emotionen hängt davon ab, ob er in der Lage ist, sie als Teil seiner selbst anzunehmen, ohne ihre trennende und störende Form zu akzeptieren. Dies hängt sowohl von seiner Weisheit und seinem Mitgefühl als auch von seinem Mut ab.
h. Erwachen: Bedeutung versus Glauben
Das Erwachen oder die Erleuchtung des Buddha ist ein höchst vielschichtiges Ereignis, das sehr unterschiedlichen Interpretationen zugänglich ist und dennoch als grundlegend für die Identität des Buddhismus angesehen wird. Ich vertrete die Ansicht, dass es eine schlichte Frage der Prioritäten ist, wie wir das Erwachen verstehen wollen. Einerseits können wir es auf eine Weise erklären, die mit dem Mittleren Weg, als grundlegendste und universellste Einsicht, die man aus Buddhas Leben und Lehren gewinnen kann, vereinbar ist. Andererseits könnten wir auf Grundlage einer anderen, traditionelleren Interpretation des Erwachens beginnen und diese dann auf den Mittleren Weg anwenden.
Aus den bereits in diesem Buch dargelegten Gründen, ist erstere Schwerpunktsetzung aus rein praktischen Gründen zu bevorzugen. Erwachen sollte in Begriffen interpretiert werden, die mit dem Mittleren Weg vereinbar sind, nicht nur, weil der Mittlere Weg das charakteristische Beurteilungsprinzip ist, das der Buddha anbietet, sondern, weil es für jeden, überall die beste Möglichkeit schafft, die Angemessenheit der eigenen Reaktionen auf Erfahrungen zu verbessern. Das Erwachen in einer Weise zu interpretieren, die mit dem Mittleren Weg vereinbar ist, bedeutet, dass das Erwachen nicht als ein absoluter oder diskontinuierlicher Zustand verstanden werden kann, der Zugang zu irgendeiner Form von absoluter Wahrheit gewährt. Es impliziert, dass wir, wenn wir die Leistung des Buddha beachten, der Methode des Buddha in seinen Begegnungen mit Alara Kalama und Udaka Ramaputta folgen sollten. Diese Methode besteht darin, von den Methoden und Errungenschaften eines spirituellen Lehrers zu lernen, sie aber nicht notwendigerweise als letztendliche Verwirklichung oder letztes Wort zu nehmen.
Andererseits könnten Sie sich dafür entscheiden, das Erwachen so zu interpretieren, dass die Autorität der Tradition dem praktischen Wert des Mittleren Wegs übergeordnet wird. Wenn Sie dies nur um der Tradition willen tun und nicht, weil es irgendwelche praktischen Vorteile in den von der Tradition vertretenen Ansichten gibt, dann machen Sie den Denkfehler, sich ohne Bedeutung auf Tradition zu berufen. Eine bestimmte Herangehensweise ist nicht auf Grund der Anzahl oder der Autorität der Menschen richtig, die sie in der Vergangenheit verfolgt haben, sondern wegen ihrer generellen Eignung für die menschliche Erfahrung. Unser Verständnis dessen, was für die menschliche Erfahrung am geeignetsten ist, muss unseren Grad der Unwissenheit berücksichtigen. Der wirksamste Weg, die gegenwärtige Unwissenheit zu berücksichtigen, besteht jedoch nicht darin, einer traditionellen Quelle absolute Autorität zu verleihen. Diese Quelle haben wir unweigerlich selbst gewählt und interpretiert und sie kann sich später als die falsche erweisen. Ein sinnvoller Weg besteht vielmehr darin, unsere Urteile vorläufig und schrittweise zu fällen, solange wir höhere Integrationsgrade entwickeln.
Eine Entschlossenheit, das Erwachen in einer Weise zu interpretieren, die mit dem Mittleren Weg vereinbar ist, bedeutet jedoch nicht, dass wir uns nicht tief von der Geschichte über das Erwachen des Buddha inspirieren lassen können. Wie bei jeder Geschichte, reicht ihre Bedeutung für uns weiter als die Überzeugungen, die durch sie möglicherweise hervorgerufen werden. Das Erwachen liefert ein bedeutungsvolles Symbol für das Ziel am Ende des Mittleren Wegs und der Buddha selbst kann dieses Symbol ebenfalls darstellen (s. Kapitel 6.e). Die Vorstellung, dass auch wir erwachen könnten, gibt einen Einblick in unser eigenes Integrationspotenzial. Die Schilderungen der Verwirklichungen des Buddha zur Zeit seines Erwachens geben uns auch eine vorläufige Vorstellung davon, welche Art von Einsichten wir durch eine stärkere Integration erlangen könnten.
Die Erkenntnis, dass wir Erwachen sinnhaft finden können, ohne absolute Überzeugungen darüber zu haben, ist für den Mittleren Weg von zentraler Bedeutung. Das liegt daran, dass die Rolle des Körpers, uns mit Sinn zu versorgen, unser Ausgangspunkt ist, um Verabsolutierung zu vermeiden. Wir haben bereits festgestellt, dass Siddharthas Rückbesinnung auf seine Erfahrung unter dem Rosenapfelbaum ihm eine Alternative zur Askese bot, eben weil Jhana eine Erfahrung ist, die im Bewusstsein, den Körper anzunehmen wurzelt. Der Körper ist nicht nur wesentlich, um unser Leben aufrechtzuerhalten, sondern auch damit wir in der Lage sind, Symbole über Assoziationen mit Erfahrungen zu verknüpfen. Die Symbole können sowohl Worte als auch andere Sinneserfahrungen einschließen und die Assoziationen sind auch synaptische Verknüpfungen im Gehirn. Seit den 1980er Jahren wurden verkörperte Darstellungen von Bedeutung entwickelt.{35} In diesen kann die Bedeutung selbst abstraktester Sprache als metaphorische Entwicklung sehr grundlegender Assoziationserfahrungen verstanden werden, die oft im Kindesalter begonnen haben. Zum Beispiel ist die Idee des Mittleren Wegs selbst eine metaphorische, die von unseren Assoziationen zwischen diesem Begriff und unseren Erfahrungen, irgendeine Art Pfad zwischen Zielen auf beiden Seiten entlang zu gehen, abhängt (s. Kapitel 3.b). Bei dieser Art des Nachdenkens über Bedeutung, wie sie in unseren Körpern begründet ist (weiter ausgeführt in Kapitel 3.a und 7.g), haben Bedeutungen Vorrang vor Überzeugungen. Das liegt daran, dass Überzeugungen aus Bedeutungen aufgebaut sind und nicht umgekehrt.
Was bedeutet „Erwachen“ oder „Erleuchtung“ für uns? Es kann eine Extrapolation unserer begrenzten Integrationserfahrungen sein – vielleicht meditativer, religiöser oder ästhetischer Erfahrungen – bis hin zu ihrer äußersten möglichen Schlussfolgerung. Wir betrachten dies als die tiefe, klare, ekstatische Erfahrung, die wir gemacht haben, aber noch viel intensiver. Da unsere Energien oft miteinander in Konflikt stehen, kann es auch einen Blick auf ein potenziell größeres Selbst ohne diesen Konflikt bedeuten, den wir in uns selbst intuitiv wahrnehmen. Dies könnte wie ein Blitz wirken, der uns einer ganzen Landschaft gewahr werden lässt, an einer Stelle, von der wir vorher dachten, es gäbe nichts, aber nur für einen Augenblick. In unserer Erfahrung kann Erwachen also in engem Zusammenhang mit tatsächlicher oder potenzieller Integration stehen. Es kann die Überwindung von Konflikten in uns selbst sein, die uns besser in die Lage versetzt, all unsere Energien zu bündeln und die Welt um uns herum mit größtmöglicher Weisheit anzupacken. Unser Verständnis von Erwachen kann sich auch hauptsächlich aus Geschichten wie der des Buddha ergeben: aber das ist auch ein Bedeutungsverständnis, das in unserem Körper gründet, da wir eine inspirierte Reaktion auf die Person zeigen, der wir begegnen. Da diese Integration mit einer gewissen Skepsis einhergehen muss, können wir nie davon ausgehen, dass die Integration vollständig ist, weder unsere eigene noch die des Buddha. Dennoch macht der Umstand, dass sie unserer Erfahrung zugänglich ist, sie bedeutungsvoll.
Wenn Erwachen eines dieser Dinge (und vielleicht auch viele andere Dinge) bedeutet, dann besteht es in Bedeutung. Das bedeutet nicht nur, dass „Erwachen“ ein Wort ist, das wir in der Kommunikation verwenden können (was auch immer es, wenn überhaupt, anderen mitteilt), sondern auch eines, das eine emotionale Wirkung auf uns hat, das uns bewegt. Diese Wirkung ist unabhängig von irgendwelchen Überzeugungen, die wir darüber haben. Tatsächlich sind die Überzeugungen, denen wir anhaften, wahrscheinlich eine Folgereaktion darauf, dass wir sie mit einem Netz konzeptueller Informationen in Verbindung bringen. Wir können sie verwenden, um vorläufige, nicht-absolute Überzeugungen zu formulieren, die durch Erfahrung einfach überprüft werden können, wie etwa, dass „Buddhisten Erwachen mit dem Buddha assoziieren“. Dennoch verwenden Buddhisten und andere es auch häufig, um absolute Überzeugungen zu formulieren, die sich nicht unbedingt in gleicher Weise mit Erfahrungen in Verbindung bringen lassen, wie etwa „Der Buddha erkannte die höchste Wahrheit“ oder „Der Buddha sah die Dinge, wie sie wirklich sind“ oder „Der Buddha befreite sich aus dem Kreislauf der Wiedergeburten“. Diese Überzeugungen sind kein notwendiger Aspekt, um das Erwachen inspirierend zu finden – sie sind ein Nebengedanke, der von einer Reihe abstrakter Annahmen abhängt, denen wir die unmittelbare Bedeutung von „Erwachen“ zugeordnet haben. Häufig sind sie ein Weg, um in eine Gruppe aufgenommen zu werden, die solche Überzeugungen als Abkürzung zu gesellschaftlicher Akzeptanz nutzt. Sie haben in der Währung dieser Gruppe wesentlich mehr Bedeutung als in der persönlichen Erfahrung spiritueller Praxis.
Absolute Überzeugungen über Erwachen sind eindeutig unvereinbar mit dem Mittleren Weg, wie Siddhartha ihn entdeckt hat. Siddhartha ging gerade wegen der Verabsolutierung von Annahmen in diesem traditionellen Umfeld aus dem Palast fort. Er erkannte, dass dies seine Fähigkeit, auf die Bedingungen um ihn herum einzugehen, stark einschränkte. Aus den gleichen Gründen lehnte Siddhartha die absoluten Annahmen der spirituellen Lehrer und der Askese ab. Werden wir wirklich das frühe Leben des Buddha durcharbeiten, diese Punkte vor dem Erwachen würdigen und sie dann gegen ein Paar Ad-hoc-Rationalisierungen eintauschen, wenn wir zum Erwachen gelangen? Werden wir das Erwachen wirklich in einer völlig inkonsistenten Weise behandeln, verglichen mit dem Rest der Geschichte?
Mit diesem Gedanken im Hinterkopf wollen wir uns die Passagen im Pali-Kanon ansehen, die Buddhas Erfahrung des Erwachens beschreiben. Lassen Sie uns dies tun, während wir darüber nachdenken, was sie zur Bedeutung des Erwachens für uns beitragen könnten, und vielleicht auch, welche vorläufigen Überzeugungen sie rechtfertigen könnten.
Die Ausführlichste Beschreibung des Erwachens im Pali-Kanon findet sich in der Mahasaccaka Sutta.{36} Sie beginnt mit Buddhas Aufstieg durch die vier niederen Jhanas, wobei er auf jeder Stufe hinzufügt: „Aber jenes angenehme Gefühl, das in mir aufstieg, drang nicht in meinen Geist ein und blieb nicht dort“.{37} Dies lässt vermuten, dass die zunehmend verfeinerten und angenehmen Erfahrungen nicht verabsolutiert wurden, und der Buddha seine ausgeglichene und forschende Herangehensweise an seine Erfahrungen beibehielt. Seine Verwirklichungen begannen erst dann, als „mein konzentrierter Geist auf solche Weise geläutert, klar, makellos, von Unvollkommenheit befreit, formbar, geschmeidig, beständig und zur Unerschütterlichkeit gelangt war“{38}: eindeutig ein hochgradig integrierter Zustand.
Die Verwirklichungen des Buddha werden dann in Form der „drei Schauungen“ erläutert, die jeweils einer von drei Nachtwachen zugeordnet sind. Diese bestehen aus „Wissen von der Erinnerung an frühere Leben“, „Wissen vom Sterben und Wiedererscheinen der Wesen“ und „Wissen von der Auslöschung der Befleckungen“.
„Frühere Leben“ werden natürlich normalerweise kosmologisch interpretiert: als Buddhas Erinnerung an alle früheren biologischen Leben in einer Folge von Wiedergeburten. Doch genau wie das Leben des Buddha als solches nicht historisch sein muss, um wertvoll für die Entwicklung von Einsicht zu sein, ist es auch ohne Belang, wann diese früheren Leben stattgefunden haben. Es ist auch unerheblich, ob es sich um biologische Wiedergeburten oder psychische Erfahrungen zyklischer Prozesse innerhalb eines Lebens handelt. Wichtig ist, dass der Buddha aus seinen früheren Erfahrungen gelernt hat. Jhana kann einen durchaus unerwartet mit Erfahrungen aus der Vergangenheit in Kontakt bringen, vielleicht, weil über bisher nicht genutzte synaptische Verbindungen ein neuer Zugang für Energie entsteht. Der Buddha konnte seine vergangenen Erfahrungen Revue passierten lassen und das bot ihm eine großartige Reflexionsquelle (wie ein Wissenschaftler es ausdrücken könnte, eine große Datenmenge). Über diese Informationen nachzudenken half ihm zu erkennen, in welcher Weise das Verharren in begrenzten Anschauungen ihn in einem Kontext sich verändernder Bedingungen einschränkte oder schädigte. Es zeigte auch, wie er in der Lage gewesen war, auf dem Pfad einen Schritt voranzugehen, indem er die Verabsolutierung von Annahmen in diesen vergangenen Situationen vermieden hatte und in der Lage war, seine Reaktion in die Rahmenbedingungen zu integrieren. Über unsere früheren Erfahrungen nachzudenken kann uns in ähnlicher Weise dabei helfen, den Mittleren Weg zu verstehen.
Natürlich hatte er nicht nur die Erfahrungen aus seinem eigenen früheren Leben, sondern auch die aus denen anderer. Es ist nicht notwendig, Siddhartha Allwissenheit zuzuschreiben, die es ihm ermöglichen würde, „das Sterben und Wiedererscheinen aller Wesen“ zu sehen, um die Bedeutung der zweiten Nachtwache für uns zu erkennen. Alles, was der Buddha tun musste, war zu erkennen, wie die ihm bereits bekannten Personen, in größerem oder kleinerem Umfang, auf dem Pfad vorangekommen zu sein schienen. Wenn sie sich voran bewegten, erkannte er, dass dies auf die Überwindung von Verabsolutierung und das sich Beschäftigen mit Rahmenbedingungen zurückzuführen war. Der Mittlere Weg gab ihm einen neuen Schlüssel zur Geschichte, versetzte ihn (und uns) in die Lage, über eine Beziehung zur Geschichte in Form von leidenschaftslos zusammengetragenen oder ideologisch angeeigneten Fakten hinauszugehen. Stattdessen war er in der Lage, vergangene Ereignisse als reichhaltige Datenquelle über die Art von Zuständen und Überzeugungen zu erkennen, die dazu beitragen, den Bedingungen gerecht zu werden und solche, die dies nicht tun.{39} Wenn wir zudem unseren Unsicherheitsgrad in Bezug auf vergangene Ereignisse anerkennen, können wir daraus niemals die Art von Gewissheit über ein Karma-Gesetz herleiten, die die bisherige buddhistische Tradition zu besitzen vorgegeben hat. Wir können aber die Leben aller Wesen nutzen, um sowohl ein sich entwickelndes Verständnis der besten Wege wie Menschen im Allgemeinen mit Bedingungen umgehen können zu prägen und auch zu bestärken.
Die „Befleckungen“ (Asavas), auf die im Zusammenhang mit Buddhas drittem „Wissen“ in der dritten Nachtwache Bezug genommen wird, sind Genusssucht, Gier nach Existenz und Ansichten.{40} Diese stehen in engem Zusammenhang mit den bereits besprochenen Merkmalen des Mittleren Wegs. „Begierde“ (Kamsava) als eine Befleckung kann leicht als die Verabsolutierung des Begehrens (einschließlich Hass und Angst, die umgekehrtes Begehren sind) verstanden werden. Die Begierde nach uns selbst oder nach anderen Menschen oder Dingen, „zu existieren“ oder „nicht zu existieren“ (Bhavasava) kann als die grundlegendste Form von Verabsolutierung angesehen werden. „Ansichten“ (Ditthasava) können leicht als verabsolutierte Überzeugungen interpretiert werden.
Die eigentliche Idee des „Wissens“ kann vorläufig oder absolut formuliert werden. Ist „Wissen“ eine Darstellung dessen, wie die Dinge wirklich sind (in diesem Fall wäre es absolut), oder ist es lediglich eine vorläufige Darstellung? Eine vorläufige Darstellung unterliegt anerkanntermaßen begrenzenden Annahmen, Modellen und Metaphern, die zu einer bestimmten Zeit und an einem bestimmten Ort entwickelt wurden, wobei allerdings Universalität angestrebt wird, soweit sie nachvollziehbar ist. Im allgemeinen Sprachgebraucht wird „Wissen“ manchmal als vorläufig verstanden, häufiger jedoch als absolut angenommen. In seiner gebräuchlichsten philosophischen Definition als „gerechtfertigte wahre Überzeugung“ bekräftigt es die allgemeine Annahme, dass „Wissen“ als wahr bestätigt. In Hinblick auf unser Verständnis des Mittleren Wegs ist es jedoch von entscheidender Wichtigkeit, eine Unterscheidung zu treffen, damit allgemeine, aber vorläufige Ansprüche nicht zu absoluten abgleiten. Sie haben dies zu oft getan, auch in der buddhistischen Tradition. In meiner Entwicklung der Philosophie des Mittleren Wegs habe ich es aus diesem Grund vermieden, den Begriff „Wissen“ in der Bedeutung von vorläufiger Überzeugung zu verwenden.{41} Ich würde behaupten, dass die Einsichten des Buddha beim Erwachen am besten als gerechtfertigte allgemeine Überzeugungen beschrieben werden können. Alles, darüber hinaus noch Stärkere, beginnt die Einsichten an sich zu untergraben.
Die entscheidende Einsicht des Buddha beim Erwachen ist also die der Bedingungen und der Notwendigkeit, ihnen entgegenzutreten. Dies spiegelt sich auch in der alternativen Darstellung von Buddhas Erwachen wider, die sich auf seine Erkenntnis der zwölf Nidanas oder Glieder des abhängigen Entstehens konzentriert.{42} Auf die Interpretation der buddhistischen Lehren zum abhängigen Entstehen werde ich in Kapitel 6.a näher eingehen. Für den Moment ist es jedoch am wichtigsten, die Beziehung zwischen dem Mittleren Weg und den Bedingungen gerecht zu werden zu verstehen, ohne einen absoluten Glauben an die Bedingtheit als kosmisches Gesetz.
Wir setzen uns am wirksamsten mit den Bedingungen auseinander, indem wir Verabsolutierungen vermeiden, einschließlich – als wichtiges Beispiel – des Selbst (Thema einer dritten kanonischen Darstellung des Erwachens{43}). Wir werden allgemein bessere Ergebnisse erzielen, indem wir uns mit diesen Bedingungen auseinandersetzen, als wenn wir in Illusionen verharren. Wir kreieren Illusionen, indem wir einen bestimmten, begrenzten Zustand verabsolutieren und davon ausgehen, dass sei schon alles. Eine pauschale Behauptung über die menschliche Situation kann jedoch immer als vorläufig interpretiert werden. Wir erkennen an, dass dies bisher der Fall zu sein scheint, aber, dass wir nicht über alle möglichen Informationen über alle menschlichen Lebenslagen verfügen und daher keine Gewissheit darüber haben.
Auf der anderen Seite wird Bedingtheit oft absolut interpretiert, was zu Konflikten mit der eigentlichen Handlungsweise auf dem Pfad führt, auf den uns die Doktrin drängt. Absolute Interpretationen der Bedingtheit sind meist deduktiv. Sie beginnen mit einer allgemeinen Behauptung darüber, wie Bedingtheit funktioniert, wobei sie diese auf Grund der Autorität buddhistischer Tradition akzeptieren, aber unsere Rolle bei der Interpretation der Tradition ignorieren. Daraus leiten sie dann andere allgemeine Behauptungen darüber ab, was wir glauben oder wie wir handeln sollten. Der Glaube an ein Karma-Gesetz, das sicherstellt, dass Menschen immer von guten Taten profitieren oder für schlechte leiden werden, ist ein Beispiel für solch eine absolute Ableitung aus einem Verständnis von Bedingtheit. Die Wiedergeburt ist wiederum eine weitere Ableitung aus dem Karma, die erforderlich ist, um karmische Wirkungen konsistent zu halten, wenn sie nicht innerhalb eines Lebens eingetreten sind.
Angenommen, Sie übernehmen die allgemeine Behauptung, dass sich mit den Bedingungen auseinanderzusetzen zu besseren Ergebnissen führt, als es nicht zu tun. Angenommen, Sie folgern dann daraus, dass es ein Karma-Gesetz gibt, demzufolge alle schlechten Handlungen (einschließlich geistiger Handlungen), die ich jetzt ausführe, in Zukunft zwangsläufig negativ auf mich zurückfallen werden. Dies ist eine absolute Schlussfolgerung, die deutlich über die Grenzen gerechtfertigten Glaubens eines verkörperten Menschen hinausgeht. Wir können nicht jeden Fall hinreichend verstehen, insbesondere nicht die Fälle, die weit von unserem eigenen Kontext entfernt sind, um irgendeine derartige Schlussfolgerung ziehen zu können. Noch wichtiger, bei jeder Gelegenheit, bei der ich versuchen könnte, solch ein absolutes Karma-Gesetz auf einen spezifischen Fall anzuwenden, wird es zu Unklarheiten bei der Interpretation kommen. Diese Unklarheiten machen es in der Praxis als Handlungsleitfaden nutzlos. Bedeutet das Karma-Gesetz, dass ich freundlich handeln, die Wahrheit sagen, nicht töten oder lügen sollte? Ja, aber nur, wenn ich weitere Annahmen über die Auswirkungen dieser Art von Handlungen treffe, die nicht allein durch das Karma-Gesetz ersichtlich sind.
Dennoch kann alternativ dieselbe allgemeine These über Bedingungen als eine sinnvolle Behauptung angesehen werden, die ich für den Augenblick akzeptiere, wobei ich für alternative Möglichkeiten offen bin. Wenn ich beispielsweise jemanden belüge, dürfte sich wahrscheinlich ein Unverständnis von Bedingungen, die ich selbst sehr wohl verstehe, verbreiten und in diesem Prozess zu Konflikten mit der Person, die ich belogen habe, führen. Es mag Ausnahmefälle geben, in denen Lügen die Bedingungen tatsächlich besser berücksichtigt. Ich muss die spezifischen Bedingungen jeweils sorgfältig interpretieren, um dies beurteilen zu können. Wenn ich jedoch grundsätzlich davon ausgehe, dass Lügen, vorläufig betrachtet, negative Auswirkungen hat, dann ist dies eine potenziell nützliche Anwendung allgemeiner Anerkennung von Bedingtheit.
Die Interpretation buddhistischer Lehren über Karma und Wiedergeburt sowie Bedingtheit auf eine mit dem Mittleren Weg vereinbare Weise wird in Abschnitt 6 ausführlicher erörtert. Zum jetzigen Zeitpunkt gibt es indes zwei wichtige Punkte. Erstens sollte Erwachen in Begriffen, die mit dem Mittleren Weg vereinbar sind, interpretiert werden. Zweitens erfordert eine solche Interpretation, dass Bedingtheit und Karma eine allgemeine Erwartung bieten, die unsere Erwartungen eher zu einem Provisorium macht, statt zu einem kosmischen Gesetz. Es ist eine Sache, immer die Möglichkeit in Betracht zu ziehen, dass unsere guten Taten belohnt werden und unsere schlechten Taten bestraft werden könnten. Dies gibt uns die Chance, durch umfassenderes Bewusstsein von destruktiven Handlungen Abstand zu nehmen. Es ist aber eine ganz andere Sache, grundsätzlich diesen Anspruch bei unserer Interpretation von Anhaltspunkten aufzuerlegen, was unser Gewahrsein einengt. Das „Wissen“ des Buddha (d.h. gerechtfertigte, allgemeine Annahmen), dass das Beseitigen von Befleckungen erforderlich ist, um auf dem Pfad voranzukommen, ist mit einem klaren Vertrauen in den Mittleren Weg gleichzusetzen. Das „Wissen“ über Karma und Wiedergeburt, das oft damit verbunden wird, muss jedoch als eine kulturell bedingte und nicht notwendige Folgerung aus einer als absolut interpretierten Bedingtheit verstanden werden.
Wenn wir nach Buddhas Erwachen weitergehen in die Zeit seines Wirkens, wird eines unserer Hauptanliegen nicht nur darin liegen, was der Buddha gelehrt hat, sondern auch, wie er seine Lehren umgesetzt hat. Das wird uns auch einen Hinweis auf ihre praktische Bedeutung für ihn geben. Ist der Mittlere Weg die offensichtliche Grundlage für die Urteile Buddhas? Oder vermittelt uns sein Wirken stattdessen ein Bild von jemandem, der dazu neigt, andere durch Rückgriff auf absolute Lehren als Machtinstrument zu kontrollieren? Ich werde darlegen, dass eine nicht-absolute Interpretation des Erwachens nicht nur ein praktisch nützlicher Ansatz für uns ist, sondern viel mehr im Einklang mit den späteren Handlungen des Buddha steht.
a. Die Entscheidung zu lehren
2. Der Mittlere Weg im Wirken des Buddha
a. Die Entscheidung zu lehren
Erwachen bedeutete nicht das Ende von Buddhas Problemen, sondern nur die Einleitung der nächsten Phase, in der er mehr denn je den Mittleren Weg praktizieren musste. Im Pali-Kanon wird der Buddha beschrieben, wie er sich mit der gleichen Art von Zweifeln konfrontiert sieht, als er glaubt, einen Durchbruch erzielt zu haben, wie es bei uns allen der Fall wäre. Sollte er versuchen, mit einer bestehenden Gruppe gemeinsam zu wirken oder den viel schwierigeren Weg gehen, seine eigene zu gründen? Kann er wirklich die Einsicht vermitteln, die er gefunden zu haben glaubt? Wie viel Ablehnung kann er verkraften, bevor er an seiner eigenen Sichtweise zweifelt? Diese Zweifel verlagern den Schwerpunkt der Geschichte von einem bisher sehr individuellen Kampf hin zu einem, sozialer Beziehungen. Selbst wenn es sich als wahr erweisen sollte, dass Siddhartha mit seinem Erwachen einen Zustand vollständiger Integration erreicht hat, wäre dieser weiterhin noch nicht im Einklang mit der fehlenden Integration aller anderen. Kann er selbst wirklich integriert sein, wenn er vom Integrationsgrad seiner Umgebung abgekoppelt ist? Das sollte zu einem Dauerthema in der Geschichte des Buddhismus werden und wesentlich zur Zersplitterung in Theravada- und Mahayana-Interpretationen des Buddhismus beitragen.
In einer Episode kurz nach dem Erwachen wird der Buddha beschrieben, wie er über die Notwendigkeit von Vorbildern für seine weitere Entwicklung nachdenkt:
Während der Erhabene allein in Abgeschiedenheit weilte, entstand in seinem Geist der Gedanke: „Man ergeht sich in Leiden, wenn man ohne Ehrfurcht und Ehrerbietung ist. Welchen Asketen oder Brahmanen könnte ich nun ehren und achten und mich auf ihn stützend leben?“
Dann kam dem Erhabenen in den Sinn: „Ich würde um der Erfüllung dessen willen, was noch nicht erfüllt ist an Anhäufung von Tugend einen anderen Asketen oder Brahmanen ehren, achten und mich auf ihn stützend leben. Doch in dieser Welt… sehe ich keinen anderen Asketen oder Brahmanen, der vollkommener an Tugend ist als ich, den ich ehren, achten und auf den mich stützend, ich leben könnte.“{44}
Diese Reflexion wird dann in Bezug auf Konzentration, Weisheit, Befreiung und Wissen sowie Schauung von der Befreiung als Ausdruck von Tugend wiederholt. Hier scheint der Buddha klar die Notwendigkeit anzuerkennen, uns als soziale Wesen von den Modellen, die andere vorleben, beeinflussen zu lassen, um spirituellen Fortschritt erzielen zu können. Wenn wir dies in einer wohlwollenden Geisteshaltung der Vorläufigkeit interpretieren, sollten wir die Aussage des Buddha, er sehe keinen anderen Menschen, der vollkommener ist als er selbst, nicht als Einbildung oder Sich-Aufplustern auffassen. Vielmehr sollten wir sie als eine angemessen zutreffende Zusammenfassung seiner Erfahrung betrachten, die falsche Bescheidenheit vermeidet. Er leugnet nicht die Möglichkeit größerer Vorbilder, aber er sieht keine. Wie soll er also sein menschliches Bedürfnis nach Vorbildern mit seiner Wahrnehmung, das würdige Vorbilder fehlen, in Einklang bringen?
Dies ist eine Lage, in der sich viele Menschen heute befinden, ob dies nun auf den Irrglauben zurückzuführen ist, es gäbe keine würdigeren Vorbilder als sie selbst, oder nicht. Wenn wir keine bedeutenderen Vorbilder wahrnehmen oder anerkennen, können wir ihnen nicht vertrauen. Wir können aus einer Vielzahl von Gründen daran scheitern, würdige Vorbilder wahrzunehmen. Möglicherweise gibt es keine in Reichweite. Möglicherweise haben wir einen unangebrachten Relativismus, der uns daran hindert anzuerkennen, dass irgendein anderer moralisch oder spirituell nachahmenswert ist. Oder wir haben möglicherweise auf Grund ihrer Fehler begründete Zweifel an der Zuverlässigkeit jeglichen möglichen Vorbilds. Die Entwicklung des investigativen Journalismus und der einfache Informationsaustausch in der heutigen Zeit bringen es mit sich, dass die Fehler jeglichen möglichen Vorbilds vermutlich mühelos aufgedeckt werden. Es gibt nur wenige Gurus ohne den ein oder anderen Sexskandal. Somit sind also mehr von uns in Buddhas Lage als es auf den ersten Blick erscheinen mag.
Buddhas Antwort auf seine eigene Frage (später bekräftigt durch die Symbolfigur Brahma Sahampati, den wir als weitere Stimme in Buddhas Geist verstehen können) lautet:
„Lasst mich also genau diesen Dhamma, zu dem ich vollständig erwacht bin, ehren, achten und in Abhängig von ihm leben.“{45}
Das Wort Dhamma wirft jedoch eine Reihe von Problemen auf, obwohl es allgemein üblich ist, dass sich Buddhisten auf die Lehren ihrer Tradition beziehen. Es kann sowohl, wie die Dinge sind, als auch die Lehre über sie bezeichnen. Daher kann seine Verwendung ohne weitere Bedeutungsanalyse Buddhisten auf Schritt und Tritt dazu ermutigen, den buddhistischen Weg zu verabsolutieren, indem sie ihn als vollständige Darstellung der Wirklichkeit betrachtet (dieser Punkt wird in Kapitel 6.f. ausführlicher erörtert). In diesem Zusammenhang können wir ihn jedoch so interpretieren, dass er Buddhas Methode – den Mittleren Weg – bezeichnet. Der Buddha erkennt die Art und Weise, in der dieser Mittlere Weg aufgrund seiner Universalität eigenständig und jenseits seiner selbst existiert. Er erkennt auch an, dass er in Ermangelung menschlicher Vorbilder seine Inspiration im eigentlichen Prozess finden muss, diesem Mittleren Weg zu folgen. Der Buddha verfügt nicht über die letztendliche Wahrheit, sonst würde er nicht mehr lernen und dem Mittleren Weg folgen. Er kann sich allerdings auch nicht der Autorität eines anderen unterordnen, was bedeuten würde, diese Autorität zu verabsolutieren und den Mittleren Weg zu verlassen. Hier haben wir also eine weitere Reflexion über die Herangehensweise, die ihn dazu gebracht hat, von Alara Kalama und Udaka Ramaputta wegzugehen. Wir finden darin auch ein anschauliches Beispiel für den Mittleren Weg, bei dem sowohl die Verabsolutierung seiner eigenen Überzeugungen als auch der Autorität eines anderen vermieden wird.
Diese Episode zeichnet nach, wie der Buddha das Selbstvertrauen entwickelte, um eigenständig zu lehren, statt sich einer etablierten spirituellen Gruppe irgendeiner Art anzuschließen. Wenn die kulturellen Veränderungen, die in der modernen Gesellschaft vor sich gehen, Anzeichen für irgendetwas sind, dann für eine Ausgewogenheit, in der viele Menschen ihm heutzutage folgen. Es gibt einen Trend dazu, dass immer weniger Menschen etablierten Religionen oder politischen Parteien angehören. Es gibt allerdings auch immer mehr Menschen, die ihre eigenen Blogs schreiben oder Videos auf
YouTube einstellen, um ihre Ideen und Standpunkte zu propagieren. Es gibt, so scheint es, eine wachsende Zahl von Anführern, aber immer weniger Anhänger. Nicht alle diese Führungspersönlichkeiten werden ausgewogene Gründe dafür haben, eine intellektuelle Führungsrolle anzustreben, und nicht alle von ihnen sind es wert, dass man ihnen zuhört. Wir sollten jedoch den Umstand begrüßen, dass immer mehr Menschen so handeln, wie es der Buddha hier getan hat. Sie denken autonom und nutzen kreative Möglichkeiten, sich auszudrücken als aktive Form von Entwicklung.
Wie viele andere, die sich um eine kreative Führungsrolle bemühen, stößt allerdings auch der Buddha auf Bedenken hinsichtlich der Schwierigkeit, seine Botschaft zu vermitteln. Diese Bedenken werden durch die Komplexität dessen, was er zu vermitteln hat – den Mittleren Weg – noch vergrößert.
Ich überlegte: „Dieser Dhamma, den ich verwirklicht habe, ist tiefgründig, schwer zu erkennen und schwer zu verstehen, friedvoll und erhaben, durch bloßes Nachdenken nicht zu erlangen, subtil, von den Weisen zu erfahren. Aber diese Generation ergötzt sich an Bindung [oder Anhaftung], hat Freude an der Bindung, genießt die Bindung. Es ist schwer für so eine Generation, diese Wahrheit zu erkennen, nämlich die zugrundeliegende Bedingtheit, das abhängig Entstehen... Wenn ich den Dhamma lehren würde, würden andere mich nicht verstehen, und das wäre ermüdend und beschwerlich für mich“… Indem ich dies erwog, neigte mein Geist eher zur Untätigkeit als zum Lehren des Dhamma.{46}
Aber wieder einmal erhebt sich seine Stimme des Einspruchs in Form von Brahma Sahampati, der ihn anfleht, den Dhamma zu lehren. Der Buddha denkt noch einmal darüber nach.
Als ich die Welt mit dem Auge eines Buddha betrachtete, sah ich Wesen mit wenig Staub auf den Augen und mit viel Staub auf den Augen, mit scharfen geistigen Fähigkeiten und mit dumpfen geistigen Fähigkeiten, mit guten Eigenschaften und mit schlechten Eigenschaften, leicht zu unterrichten und schwer zu unterrichten, und einige, die weilten, indem sie Furcht und Schuld in der anderen Welt sahen.{47}
Dies ist eine hervorragende Demonstration sowohl der Vorläufigkeit als auch der allmählichen Entwicklung. Zunächst einmal hat der Buddha die Angelegenheit nur aus dem Blickwinkel von Verabsolutierungen betrachtet. Er begriff die Menschen als eine einheitliche Masse, die fest in Verabsolutierungen verwurzelt ist, so dass er beim Versuch, den Mittleren Weg zu vermitteln, nicht verstanden würde. Er hat lediglich zwei Möglichkeiten in Betracht gezogen: eine sehr beschwerliche Zeit zu durchleben, in der er versucht, die Unempfänglichen zu unterrichten, oder überhaupt nicht zu lehren. Dieser Dualismus von Verabsolutierungen ist ein weiterer Hinweis darauf, falls man ihn benötigt, dass der Buddha nicht allwissend ist und nicht immer und unter allen Umständen augenblicklich die richtige Antwort „weiß“. Vielmehr besteht sein entscheidender Beitrag in der Richtung, die er einschlägt, eine, die es ihm ermöglicht, seine vorherigen Irrtümer im Licht umfassenderen Bewusstseins zu überdenken und zu korrigieren. Die Stimme von Brahma Sahampati bietet dieses weitergehende Gewahrwerden. Die Vorläufigkeit beim Buddha besteht sowohl darin, dass ihm diese Stimme zur Verfügung steht (vielleicht unterstützt durch seine bisherige Praxis), als auch darin, dass er sie nicht ablehnt. Stattdessen erkennt er ihre umfassendere Angemessenheit dank des Gewahrswerdens, mit dem er in der Lage ist, die Alternativen abzuwägen. Der Buddha räumt hier ausdrücklich seinen Irrtum im Lichte weitergehenden Gewahrswerdens ein:
Durch die Vorstellung, es wäre beschwerlich, oh Brahma,
Sprach ich nicht den Dhamma, der feinsinnig und erhaben ist.{48}
Auch dieses Urteil ist inkrementell. Während er anfangs die Menschen, die er möglicherweise unterrichten könnte, als eine einzige Masse mit einheitlichen Eigenschaften betrachtete, betrachtet er sie beim erneuten Nachdenken differenzierter als Menschen mit unterschiedlichen Eigenschaften, entlang mehrerer Achsen von Spektren:
Der Menge an Staub, die sie auf ihren Augen haben (d.h. in welchem Umfang die Lebensbedingungen bei ihnen verabsolutierende Verblendungen bewirkt haben), wie intelligent sie sind, wie moralisch sie sind und wie empfänglich sie sind. Dieser schrittweise Entwicklungsprozess ermöglicht ihm einen Zugang zu Mitgefühl, zu dem er zuvor keinen Zugang hatte. Er beginnt, sich seine potenziellen Zuhörer als individuelle Persönlichkeiten vorzustellen und sie nicht einfach als eine abstrakte, unempfängliche Masse zu betrachten.
Die neu gewonnene Zuversicht und Entschlossenheit des Buddha, den Mittleren Weg zu vermitteln, wird sofort auf die Probe gestellt. Zunächst denkt er darüber nach, dass seine beiden früheren Lehrer, Alara Kalama und Udaka Ramaputta, nun tot sind und macht sich stattdessen auf die Suche nach seinen früheren fünf Gefährten aus der Zeit der Askese.{49} Unterwegs begegnet er einem Shramana namens Upaka, der das selbstbewusste Auftreten des Buddha zu bewundern scheint und ihn nach seinen religiösen Zugehörigkeiten fragt. Doch der Buddha legt sich gleich mächtig ins Zeug:
„Ich bin derjenige, der alles transzendiert hat, ein Wissender von allem…
Ich habe keinen Lehrer und einer wie ich
Existiert nirgendwo auf der ganzen Welt…
Ich allein bin ein Vollkommen Erleuchteter.
Die Reaktion, die dies hervorruft, ist reichlich komisch. Wie reagieren wir höflich auf jemanden, der sich derart verblendet zeigt?
Nach diesen Worten sagte der Ajivaka Upaka: „Möge es so sein, mein Freund.“ Kopfschüttelnd nahm er einen Seitenweg und ging davon.{50}
1) Man kann diese Episode auf die Unerfahrenheit des Buddha zurückführen, angemessen zu Menschen zu sprechen. Allerdings ist die Art und Weise, wie er hier von sich spricht, nicht außergewöhnlich im Pali-Kanon, und erst recht nicht außergewöhnlich in Bezug auf die Art und Weise, wie die buddhistische Tradition von ihm spricht. Was hier wiederum vermittelt wird, sind die Gefahren, das Erwachen zu verabsolutieren, und es wird nahegelegt, dass der Buddha selbst möglicherweise in diese Falle getappt ist. Er scheint sich verabsolutiert zu haben, indem er das, was wahrscheinlich eine hochgradig integrierte und transformative Erfahrung war, im Sinne einer absoluten Offenbarung interpretiert hat. Hätte der Buddha mit Upaka über seine Methode und nicht über seinen mutmaßlichen Status gesprochen, wäre er sicherlich wesentlich überzeugender gewesen? Es wäre auch zielgerechter und damit hilfreicher für Upaka in dessen eigenen Streben gewesen.
Welchen Integrationsgrad der Buddha als Individuum auch immer erreicht haben mag, aus seinem späteren Verhalten ist klar ersichtlich, dass es sich um eine wichtige Errungenschaft handelte. Möglicherweise stand sie verschiedenen Teilen von ihm in verschiedenen Kontexten auch nicht ausgewogen zur Verfügung. Seine Entscheidung zu lehren und seine ersten Versuche, dies zu tun, verdeutlichen die wechselseitige Abhängigkeit zwischen der Art oder dem Grad an Integration, den er erreicht hat, und dem der ihn umgebenden Gesellschaft. Er konnte nicht einfach weiterhin einsame Glückseligkeit genießen, ohne mit der Gesellschaft zu interagieren. Sobald er jedoch begann, andere zu unterrichten, wurde die umfassendere Integration sowohl anderer Individuen als auch der Gesellschaft als Ganzes implizit Teil seines Ziels. So wurde gesellschaftliche Integration zu einer weiteren Implikation des Mittleren Wegs. Gesellschaftliche und politische Konflikte finden ihre Gegenstücke innerhalb des Individuums und individuelle Konflikte können auch stark in gesellschaftlichen Konflikten zum Ausdruck kommen. Buddhas Mittlerer Weg wurde unweigerlich zu einer Möglichkeit, sich mit einem ganz neuen und breiteren Spektrum an Bedingungen auseinanderzusetzen.
b. Die erste Lehrrede und die Vier Aufgaben
Der erste schriftlich niedergelegte Beleg dafür, dass der Buddha tatsächlich lehrte, ist die Begegnung mit seinen fünf einstigen Gefährten in Sarnath bei Benares und sein Vortrag, der oft als „Erste Lehrrede“ bezeichnet wird. Bei dieser Gelegenheit wird eine Vorlage für Buddhas späteres niedergeschriebenes Lehren geschaffen, indem die zentralen Formulierungen festgelegt werden. Wir müssen jedoch bedenken, dass sie die Art und Weise zeigt, in der er dieser Zuhörerschaft an diesem Ort und zu dieser Zeit den Mittleren Weg vermittelt. Das ist nicht unbedingt die Art und Weise, in der er Menschen zu anderen Zeiten und Orten vermittelt werden sollte. Wir sehen Buddhas Unerfahrenheit als Lehrer, aber wir sehen auch, wie wichtig es ist, das Vertrauen und die Zuversicht der Menschen zu gewinnen und auf eine Weise zu lehren, die sie verstehen können. Auf diese Weise ist es möglich, ihnen dabei zu helfen, sich mit jedweden Bedingungen auseinanderzusetzen, die sie angehen müssen, um zu einer ausgewogenen Praxis zu gelangen.
Als der Buddha zum ersten Mal auftaucht, betrachten ihn die fünf Asketen als einen Luxus-Rückfälligen. Als er sich nähert, verständigen sie sich untereinander drauf, ihm „weder zu huldigen noch sich für ihn zu erheben oder seine Schale entgegenzunehmen oder seine äußere Robe“{51} – mit anderen Worten, ihm nicht die Höflichkeit und den Respekt zu erweisen, die er möglicherweise erwartet hat, sondern ihm lediglich einen Sitzplatz anzubieten. Als er sich jedoch „diesen Bhikkhus näherte, sahen sie sich außerstande, ihren Pakt einzuhalten“{52} und erwiesen ihm genau die Höflichkeiten, die sie ihm vereinbarungsgemäß nicht entgegenbringen wollten. Wir sollen dies offensichtlich der Wirkmächtigkeit der Präsenz des Buddha zuschreiben. Traditionell würde man dies den transformierenden Wirkungen des Erwachens zuschreiben. Allerdings musste er keinen abgehobenen Zustand erreicht haben, damit die Wirkungen seiner Praxis sogar bereits, bevor er sprach aus seinen Körperbewegungen und seinem Auftreten klar ersichtlich waren. Andere dürften dies dann ohne weiteres intuitiv erkennen und darauf reagieren.
Nichtsdestotrotz sprechen die Asketen den Buddha als „Freund“ an. Der Buddha lehnt dies ab und beansprucht, dass „ein Vollendeter, ein vollständig Erleuchteter“ wesentlich respektvoller angesprochen werden sollte. Selbst wenn man die weit ausgeprägtere Förmlichkeit im Umfeld des Buddha gegenüber der im heutigen Westen üblichen berücksichtigt, scheint dieses Insistieren ein Anzeichen für die Unerfahrenheit des Buddha als Lehrer zu sein. Warum sollte er so großen Wert darauf legen, wie er angesprochen wird? Beabsichtigt er wirklich, so viel Nachdruck auf seinen eigenen Status zu legen, möglicherweise auf Kosten einer möglichen Förderung des Verständnisses für den Weg bei seiner Zuhörerschaft? Es gibt Einwände der Asketen, die nicht verstehen, warum sie ihn so respektvoll behandeln sollten. Er bereinigt diese Angelegenheit letztendlich lediglich, indem er sagt: „Bhikkhus, habt ihr mich jemals auf solche Weise sprechen gehört?“{53} Dies würde ihre Aufmerksamkeit auf ihre früheren persönlichen Erfahrungen mit ihm richten und nicht auf Verabsolutierungen seines Status. Auf diese Weise gelingt es ihm, die negativen Auswirkungen seiner früheren Fehler zu überwinden, indem er schlichtweg eine Atmosphäre des Vertrauens schafft.
Als der Buddha seine erste Lehrrede hält, ist es allerdings bemerkenswert, dass er als allererstes über den Mittleren Weg spricht. Tatsächlich beschreibt er den Mittleren Weg sogar als das, zu dem er erwacht ist:
„Bhikkhus, diesen beiden Extremen sollte niemand folgen, der sich in die Hauslosigkeit begeben hat. Welchen beiden? Dem Streben nach sinnlichem Glück in sinnlichen Vergnügungen, welches niedrig, ordinär, der Weg der Weltlinge, unedel, unheilsam ist; und dem Streben nach Selbstkasteiung, welches schmerzhaft, unedel, unheilsam ist. Indem er sich keinem dieser Extreme zugewandt hat, ist der Tathagata [Buddha] zum mittleren Weg erwacht, der sehend und wissend macht, der zu Frieden, unmittelbarem Wissen, zur Erleuchtung, zum Nibbana führt.“{54}
Indem er auf diese Weise in dieser Ausgangssituation lehrt, begründet er die buddhistische Tradition (auf die ich in Abschnitt 4 näher eingehen werde), indem er lediglich den Mittleren Weg anhand konkreter Beispiele verabsolutierender Extreme darlegt, die es zu vermeiden gilt. In diesen Begriffen zu sprechen, statt vom Vermeiden von Verabsolutierung im Allgemeinen, verschleiert unglücklicherweise (durch Selektivität) die möglichen Konflikte zwischen dem Mittleren Weg und den Verabsolutierungen, die sich innerhalb der buddhistischen Tradition entwickelt haben. In dieser Situation, in der er sich ausdrücklich an „einen, der in die Hauslosigkeit gegangen ist“ wendet, ist es sicherlich verständlich, warum der Buddha dies getan hat. Er wandte sich an eine Gruppe von Menschen, die zuvor von Selbstkasteiung besessen war. Seine oberste Priorität bestand darin, sie in die Lage zu versetzen, über diese spezielle Verabsolutierung hinauszugehen, und weniger darin, sie mit dem umfassenderen Problem von Verabsolutierung im Allgemeinen zu konfrontieren.
Der Buddha fährt dann fort:
„Und was, Bhikkhus, ist dieser mittlere Weg, zu dem der Tathagata erwacht ist, der sehend macht, der wissend macht, der zu Frieden führt, zu unmittelbarem Wissen, zu Erleuchtung, zu Nibbana? Es ist dieser Edle Achtfache Pfad; das heißt, rechte Ansicht, rechte Absicht, rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenserwerb, rechte Anstrengung, rechte Achtsamkeit, rechte Konzentration“{55}
Den Edlen Achtfachen Pfads mit dem Mittleren Weg zu identifizieren, scheint hier oft dazu geführt zu haben, dass Buddhisten davon ausgehen, letzterer könne in den Begriffen des ersteren verstanden werden. Der Achtfache Pfad ist jedoch eher eine Beschreibung dessen, wie man dem Mittleren Weg folgen kann und kein Ersatz für das Verständnis des Mittleren Wegs an sich.
Der Achtfache Pfad bietet eine Analyse der verschiedenen Arten integrativer Praktiken, die helfen können, Verabsolutierung zu vermeiden. Seine acht Glieder lassen sich grob in drei Praxisfelder gruppieren, die als Drei Übungsgebiete angesehen werden: Weisheit (rechte Ansicht und Absicht), Ethik (rechte Rede, rechtes Handeln, rechter Lebenserwerb) und Meditation (rechte Anstrengung, Achtsamkeit und Konzentration). Weisheit ermöglicht es, Verabsolutierung zu vermeiden, indem man sich seiner Annahmen und ihrer Grenzen bewusst wird: das Praktizieren von Skepsis und Agnostizismus gegenüber positiven und negativen Absolutismen. Ethik ermöglicht das Vermeiden von Urteilen über Handlungen, die verabsolutierte Überzeugungen voraussetzen (und damit auch dazu neigen, sie zu verstärken). „Meditation“ (in einem weitgefassten Sinn des Begriffs) ermöglicht das Vermeiden von Verabsolutierungen, indem sie unseren Geist für Alternativen öffnet und dadurch Vorläufigkeit zulässt. Noch erfreulicher ist jedoch, dass all diese Praktiken auch integrativ sind. Sie unterstützen im Allgemeinen ein angemessenes Bewusstsein der Welt, individuelles Glück und gesellschaftliche Harmonie, indem sie Konflikte und Projektionen überwindbar machen.
Der Achtfache Pfad ist nicht der einzig mögliche Weg, um den Pfad zu konkretisieren, aber er ist ein äußerst nützlicher und an sich schon eine ausführlichere Erörterung wert. Ich werde den gesamten Abschnitt 5 der Erläuterung des Achtfachen Pfads in Hinblick auf den Mittleren Weg widmen. Nachdem Buddha den Achtfachen Pfad dargelegt hat, wendet sich seine Erste Lehrrede der Erläuterung der Vier Edlen Wahrheiten zu. Wiederum ermuntert uns die Art und Weise, wie diese nach dem Pfad eingebracht werden, dazu, ihr Erkennen als Teil des Pfads zu sehen und sie auf eine Weise zu interpretieren, die mit dem Mittleren Weg vereinbar ist.
In der traditionellen Übersetzung, die Bhikkhu Bodhi verwendet, sind die Vier Edlen Wahrheiten Leiden, der Ursprung des Leidens, die Beendigung des Leidens und der Weg, der zur Beendigung des Leidens führt.{56} Angesichts dessen, wie unzulänglich „Leiden“ als Übersetzung von „Dukkha“ ist, bin ich jedoch überrascht darüber, wie häufig buddhistische Übersetzer und Lehrer weiterhin diesen Begriff verwenden. Dukkha bezieht sich nicht nur auf Leiden im herkömmlichen Sinne, sondern auch auf die Art und Weise, wie unsere Wünsche und Erwartungen im Großen und Ganzen unerfüllt bleiben. Alternative Übersetzungen sind Unzulänglichkeit, Frustration oder (mein Vorschlag hier) Unangemessenheit. Dennoch werde ich der Versuchung widerstehen, an der Übersetzung von Bodhi herumzubasteln, die dessen ungeachtet viel dazu beiträgt, die Vielschichtigkeit dessen, was gemeint ist, zu veranschaulichen:
„Dies nun, Bhikkhus, ist die edle Wahrheit vom Leiden: Geburt ist Leiden, Altern ist Leiden, Krankheit ist Leiden, Tod ist Leiden; Vereintsein mit Unangenehmem ist Leiden; Getrenntsein von Angenehmem ist Leiden; nicht zu bekommen, was man will, ist Leiden; kurz gesagt, die fünf Aggregate, an denen man anhaftet, sind Leiden.“{57}
Wenn wir dies mit Blick auf den Mittleren Weg lesen, dann wird deutlich, dass wir auf die allgemeinen Auswirkungen der Verabsolutierung hingewiesen werden. Es gibt viel „Leiden“ in der menschlichen Erfahrung, an dem keine Praxis etwas ändern kann (darunter Altern, Krankheit und Tod). Es gibt jedoch auch eine Menge unangemessener Beurteilungen die unsere Erfahrung, nicht zu bekommen, was wir wollen, schlimmer werden lässt, als sie eigentlich sein müsste. Der Buddha bedient sich einer speziellen Analyse der Faktoren, die uns dazu verleiten, Überzeugungen über das Selbst (die fünf Aggregate) zu verabsolutieren, um diesen Umstand zu verdeutlichen: Wir haben diese Erfahrungen der Unzulänglichkeit, weil sich unsere Beurteilungen ständig verändern und ein nicht integrierter Zustand die Ziele eines anderen untergräbt. Wenn wir dies in Einklang mit dem Mittleren Weg interpretieren, dann ist es kein kosmisches Gesetz, das erkannt worden ist. Es ist nicht einmal eine „Wahrheit“. Es ist jedoch eine eindringliche Bekräftigung dessen, dass wir uns den sich ständig verändernden Bedingungen für unsere Annahmen über „Realität“ und „Wert“ stellen müssen.
Die zweite Wahrheit betrifft den Ursprung des Leidens:
Es ist diese Begierde, die zu neuer Existenz führt, begleitet von Vergnügen und Lust, auf der Suche nach Vergnügen im Hier und Dort; das bedeutet, Durst nach Sinnesfreuden, Durst nach Existenz, Durst nach Vernichtung.“{58}
Durst (Tanha) ist ein anderer Begriff für Verabsolutierung, sollte aber nicht mit dem Begehren in seiner Gesamtheit gleichgesetzt werden (s. Kapitel 6.c.). Wir haben bereits gesehen, wie der Buddha Begierden begegnete, die „nicht in meinen Geist eindrangen und blieben“. Es geht also um die Art von Begierden, die mit Verabsolutierung verbunden sind, solche, die obsessiv (Lust) und nicht integriert („hier und dort nach Vergnügen suchend“) sind. Bei diesen nicht integrierten Obsessionen kann es sich um Sinnesfreuden handeln (beispielsweise abhängig machende). Es kann auch um Lebensumstände gehen, in denen wir uns in der Zukunft wiederfinden möchten (enge Zielsetzungen). Oder es kann sich um Dinge handeln, die wir zerstören möchten, unabhängig davon, ob sie in uns selbst liegen oder außerhalb.
Verabsolutierung ist hierbei ein entscheidendes Konzept, das uns in die Lage versetzt, ohne weiteres unterscheiden zu können, was Begierden nützlich oder hinderlich macht. Ohne sie kommt es wahrscheinlich zu einem von zwei Missverständnissen. Das eine ist, dass der Buddhismus alles Begehren missbilligt, was es schwierig macht, zu verstehen, wie er mit dem Leben und seinen Genüssen vereinbar ist. Das andere ist der Versuch, zwischen Begierden zu unterscheiden, die dem Erwachen zuträglich sind, und solchen, die nur zur Fortsetzung hinderlicher Kreisläufe fixer Ideen führen. Uns zu sagen, dass eine Kategorie zum Erwachen führt und eine andere nicht, hilft uns nicht, aus Erfahrung zu erkennen, welche hilfreich sind und welche nicht – ein Punkt, den ich in Kapitel 6.c. noch einmal aufgreifen werde. Es handelt sich auch nicht nur um bestimmte Formen des Begehrens, die problematisch sind: Es gibt einen umfassenderen Kontext umgebender Überzeugungen.
Wir können generell geltend machen, dass Begierden zu verabsolutieren häufig zu Unzulänglichkeit oder Frustration führt, aber inwieweit und auf welche Weise dies im Einzelfall geschieht, kann nur durch Erfahrung genauer beurteilt werden. Wenn wir aus einem absoluten Karma-Gesetz ableiten, dass dies in einem bestimmten Fall geschehen muss, werden wir wahrscheinlich die Komplexität der Bedingungen, die dabei eine Rolle spielen, falsch einschätzen. Auch werden wir unseren eigenen Grad der Unwissenheit darüber nicht hinreichend berücksichtigen. Wenn ich z.B. besitzergreifende Gefühle gegenüber meiner Partnerin hege, nur weil sie fröhlich mit einem anderen Mann spricht, wird wahrscheinlich die gewohnheitsmäßige Eifersucht, die dadurch befördert wird, nur dazu führen, dass sich mein eigenes Bewusstsein verengt und mich unglücklich macht (und auch andere, wenn ich solche Gedanken äußere oder entsprechend handele). Aber es besteht immer Ungewissheit über jegliche derartige Wirkung, nicht nur darüber, worin sie besteht und wann sie eintritt, sondern auch darüber, ob sie überhaupt eintritt.
Die dritte edle Wahrheit besteht in der Beendigung des Leidens:
„Es ist das rückstandslose Erlöschen und die Beendigung eben dieses Begehrens, das Aufgeben und Loslassen dessen, die Freiheit davon, die Unabhängigkeit davon.“{59}
Diese Beendigung wird gemeinhin mit Erwachen identifiziert, aber der Buddha nimmt diese Zuordnung hier nicht vor. Tatsächlich muss die Beendigung des Begehrens überhaupt nicht absolut gesehen werden. Ein bestimmtes Begehren hört auf, wenn wir es integrieren und es steht nicht mehr mit seinem Gegenpart in Konflikt, weder in uns noch außerhalb von uns. Dies ist keine schonungslose Vernichtung dieses Begehrens, sondern nur ein Wassertropfen, der in einen größeren Strom eintritt. Das „Erlöschen“ ist folglich ein angemessen gradueller Begriff, den wir entsprechend verwenden sollten. Unsere Obsession loszulassen ist kein Verdrängen, sondern ein Einordnen dieser Obsession in einen umfassenderen Kontext, der uns von der Ausschließlichkeit ihrer Zwänge befreit. Die Beendigung geschieht somit jedes Mal, wenn wir den Mittleren Weg praktizieren, um ein absolutes Urteil zu vermeiden und gegensätzliche Überzeugungen zu integrieren.
Die vierte edle Wahrheit, die Beendigung des Leidens, wird wiederum mit dem Achtfachen Pfad gleichgesetzt, wodurch sich der Kreis schließt. Dies erinnert uns auch daran, dass der Weg, um das Erlöschen der Verabsolutierung in jedem Augenblick zu bewirken, darin besteht, den Mittleren Weg zu praktizieren. Allzu oft werden die Vier Edlen Wahrheiten als Schlussfolgerungen aus einer ursprünglichen kosmischen Wahrheit dargestellt, aber die Erste Lehrrede des Buddha stellt sie überhaupt nicht auf diese Weise dar. Wir werden erst im Anschluss an den Mittleren Weg in die Vier Edlen Wahrheiten eingeführt, und zwar in einer Weise, die auf ihre wechselseitige Abhängigkeit hinweist.
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