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Über den Autor
Robert E. Peary (1856 bis 1920) entstammte einer alten Holzhändlerfamilie und begab sich schon früh auf die Suche nach dem Unbekannten und opferte jede freie Minute für seine Expeditionstrips in unerforschte Gebiete. Ein Forschertraum erfüllte sich bereits zu Jugendzeiten: Er entdeckte Eagle Island in der Casco Bay an der Küste von Maine. Nachdem er 1877 vom College abging, erfüllte er sich seinen Wunsch und kaufte Eagle Island von seinen Ersparnissen, um sich anschließend ganz der Erforschung Grönlands und des Pols zu widmen. Im April des Jahres 1909 erreichte Peary nach einer gefährlichen Expedition durchs ewige Eis endlich sein großes Ziel: „The Pole at last!!!” notierte Robert E. Peary am Morgen des 6. April in sein Tagebuch. Wie kein anderer war Peary geradezu besessen, den Nordpol als Erster zu erreichen. Dank Unterstützung konnte er sich seinen langgehegten Traum erfüllen und die amerikanische Flagge am nördlichsten Punkt der Erde aufstellen. Die Welt feierte ihn als den ersten Menschen am Nordpol.
Zum Buch
100. Jahrestag der Entdeckung des Nordpols
Fürchterliche Schneestürme, zu Bergen getürmtes Eis, arktische Kälte mit Temperaturen bis zu-50 Grad, plötzlich aufreißende Wasserarme, hastig zusammengebaute Iglus als Unterkünfte und Schutz gegen die Naturgewalten – all dies bildet den äußeren Rahmen zur sechsten Arktisreise des amerikanischen Marine-Ingenieurs Robert Edwin Peary 1908/1909. Er war bereits fünfmal im hohen Norden gewesen, hatte Grönland erforscht und war schon einmal bei dem Versuch gescheitert, auf unsicherem Eis zum Nordpol zu gelangen. Dieses Mal sollte er sein Lebensziel erreichen: Auf einer waghalsigen Fahrt durch die Passage zwischen Grönland und der 850 km langen Ellesmere-Insel kämpft sich Peary’s kleines Schiff „Roosevelt“ nach Norden, stets auf der Fluent vor treibenden Eisbergen, die es zu zerschlagen drohen. Ende Februar 1909 bricht er zum Marsch durch die mörderische Eiswiiste auf, und am 6. April stehen er und seine Begleiter als erste Menschen am nordlichsten Punkt der Erde.
ALTE ABENTEUERLICHE REISEBERICHTE

Robert Edwin Peary
DIE ENTDECKUNG DES NORDPOLS
1908 – 1909
Herausgegeben von Detlef Brennecke
Mit 31 Abbildungen

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INHALT
Vorwort des Herausgebers
Homo Ludens
Traumwandrer
»Ich habe den Wunsch, mir einen Namen zu machen«
»Inveniam viam aut faciam« – oder: Wie man sich in Erfolgszwang bringt
Das Basta eines Süchtigen
Das Werk, »für das mich Gott der Allmächtige auserwählt hat«
Was ist Die Eroberung des Nordpols?
Robert E. Peary:Die Entdeckung des Nordpols
Der Plan
Vorbereitungen
Die Abfahrt
Zum Kap York
Willkommen bei den Eskimos
Eine arktische Oase
Seltsame Bräuche eines seltsamen Volkes
Auf Rekrutierung
Eine Walross-Jagd
Wir klopfen an das Tor des Pols
Wir haben das Eis dicht neben uns
Die Eisschlacht beginnt
Endlich Kap Sheridan
Im Winterquartier
Die Herbstarbeit
Die lange Nacht
Die »Roosevelt« in höchster Gefahr
Weihnachten auf der »Roosevelt«
Wie eine Schlittenreise über das arktische Eis aussieht
Marschtabellen und Ausrüstung
Aufbruch zum Pol
Das erste offene Wasser
Die Eskimos verlieren den Mut
Borups fernster Nordpunkt
Marvins Abschied
Wir brechen alle Rekorde
Bartlett erreicht 87° 47’
Der letzte Gewaltmarsch beginnt
Nur einen Tag vom Pol entfernt
Am Pol
Abschied vom Pol
Zurück zum Land
Die letzten Tage am Kap Sheridan
Anhang
Weiterführende Literatur
Empfehlungen für Leser, die mehr über Robert Edwin Peary wissen wollen
Editorische Notiz
Lebensdaten
VORWORT DES HERAUSGEBERS
»Ich habe schließlich doch gewonnen!«
Robert Edwin Peary – als Erster in Utopia?
HOMO LUDENS
Es gibt viele Gründe für Entdeckungsreisen ...
Um sich die Gewalt über sein Reich am Fuße des Olymps zu sichern, ging der Fürstensohn Iason einst auf die Mutprobe ein, das Goldene Vlies heimzuholen. Er ließ daher ein Schiff bauen, »Argo, die allbesungne«, und segelte mit erlauchter Besatzung – darunter Heraides, Orpheus und Theseus – zu den schaurigen Stätten der Barbaren: nach Lemnos, wo die Frauen in radikaler Emanzipation ihre Männer totgeschlagen hatten; nach Phrygien, wo sechsarmige Riesen tobten; und schließlich nach Kolchis, vor dessen Hafen zwei felsige Inseln bisher jeden Ankömmling zwischen sich zerschmettert hatten.
Was im antiken Mythos dem Erhalt von Macht diente, kehrte im wirklichen Leben – nur geringfügig verändert – als deren Erweiterung wieder: Das Ausfindig-Machen geriet in den Sog des Eroberns. Und so begab sich Alexander der Große von 327 bis 325 vor der Zeitenwende auf eine Kampagne nach Indien. Er wollte die Grenzen der griechischen Einflusssphäre um ein überschaubares Maß von Parasangen an den Rand der Oikumene vorschieben. Hatte nicht bereits sein Lehrer Aristoteles in den Meteorologika (um 341 v. Chr.) erklärt, der Okeanos sei vom Hindukusch aus mit bloßem Auge erkennbar? Dass dem nicht so ist, gehörte zu den ersten erdkundlichen Befunden jenes Feldzugs; zu den letzten zählte die Überzeugung, tatsächlich ans Ende der bewohnten Welt gelangt zu sein: Als Alexander im Delta des Indus in See stach, um zu prüfen, »ob« – wie es im Alexanderzug (2. Jh. n. Chr.) des Flavius Arrianus heißt – »irgendein Land in der Nähe auftauchte«, sah er lediglich die Fläche des Wassers und das Gewölbe des Himmels.
Während Belehrung über die Fremde bei den Operationen des Makedonenherrschers nur eine nebensächliche Kriegsbeute war, hatte sie nach Auffassung von Mohammed zur Wanderschaft ins Unbekannte der eigentliche Antrieb zu sein. »Suchet Wissen und Wissenschaft«, lehrte der Prophet, »und wenn es in China wäre.« Diese Maxime erzog die Karawanenführer – unter ihnen Ibn Chordadhbeh, al-Biru-ni, al-Idrisi und Ibn Battuta – zu Augenzeugen par excellence. Fridtjof Nansen, einer der gelehrtesten Abenteurer überhaupt, rühmte in seinem Handbuch über die Erforschung des Nordens, Nebelheim (1911), neidlos: »Die arabischen Geografen haben besonders Sinn für das Sammeln konkreter Aufklärungen über Länder und Verhältnisse und über die Sitten und Gebräuche der Völker, und sie können darin als Muster gelten.«
Ein Pionier ganz anderer Art war Christoph Kolumbus. Ihm ging es nicht um Wissen-, sondern um Wirtschaftlichkeit. Da er es wie Alexander der Große für wahr hielt, dass Indien den Abschluss des eurasischen Kontinents gen Morgen bildete, und da er es – wie sogar der französische Bischof Pierre d’Ailly in seiner Ymago Mundi (1410) – als gegeben annahm, dass unser Planet kugelförmig sei, folgerte der Genueser, dass zwischen Europa und Indien nur mehr der Atlantik liege – wobei zu »las Indias« seit Marco Polos Il Milione (1298/99) auch »Cathay« gezählt wurde, China, und das diesem vorgelagerte »Zipangu«, Japan. So verfiel der Admiral darauf, »den Osten vom Westen her zu suchen«, sprich: eine Route zu eröffnen, über die der Handel mit jenen pittoresken Provenienzen von Gewürzen und Geweben bequemer zu treiben wäre als über die Seidenstraße.
Addiert man zum Aspekt der Gewinnsucht die These diverser Biografen des Kolumbus, er habe ursprünglich den Großkhan christianisieren wollen, im Grunde einen späten Kreuzzug zu den Wilden geplant, gar hinterm Horizont ein neues Jerusalem gewittert, dann hat man summa summarum eine gute Hand voll einleuchtender Anlässe zum Aufbruch »in terram incognitam«: mancherlei Heilsbringerei, überdies Besitzgier, Wissensdurst und Machthunger sowie auch einen Befähigungsnachweis.
Freilich, welches dieser Motive wurde an Absonderlichkeit überboten von jenem, das in nichts anderem bestand als im Gang durchs bisher nie Betretene ... im Vorstoß dorthin, wo kein Ort ist ... in der Erstürmung des Nordpols?
Dieser Reckentat rühmte sich ein Mann, der in Utopia biwakiert haben wollte. Damit wäre er auf einer Position gewesen, die es nur als Abstraktum gibt: als mathematische Hypothese. Denn der obere Schnittpunkt aller Meridiane des Globus befindet sich auf einer Kappe aus schwimmendem Eis, das von einem Tiefdruckwirbel über der Arktis unaufhörlich in Bewegung gehalten wird und demzufolge jedwedes Da-Sein relativiert.
Das Rennen mit einem oder mehreren Konkurrenten zu einem solchen Ziel war das Nutzlose schlechthin, ein Egotrip und Zeitvertreib – einzig aufs Siegen erpicht. Der holländische Kulturhistoriker Johan Huizinga schrieb diesbezüglich in seiner Monografie Homo Ludens (1938): »Die Hauptsache ist, ›gewonnen zu haben‹.« Und dann fügte er zur Bekräftigung des Gesagten hinzu: »Das reinste Beispiel für einen Triumph, der sich in nichts Sichtbares oder Genießbares umsetzt und nur im Gewinnen selbst besteht, bietet das Schachspiel.«
Wen wundert’s deshalb, dass der Bericht über Die Eroberung des Nordpols mit den Sätzen anfängt: »Man könnte wohl die Erreichung des Nordpols mit dem Gewinnen eines Schachspiels vergleichen, in dem alle die verschiedenen Züge, welche zu dem günstigen Schluss führten, lange, ehe das gegenwärtige Spiel begann, im Voraus überlegt worden waren. Es war für mich ein altes Spiel, ein Spiel, das ich dreiundzwanzig Jahre mit wechselndem Glück gespielt hatte.« Der Name des ausdauernden Teilnehmers: Robert Edwin Peary.
TRAUMWANDRER*
Die Partie, von der die Rede war, hatte de facto im Altertum begonnen und wurde seit dieser Zeit zwischen Menschen und Elementen um ein Inferno ausgetragen. Viele haben es beschrieben.
»Gleich über uns lagert der arktische Pol Und selten besucht ihn der strahlmilde Sol, Zu grimmig ist dieser Erd-Flecken. Saturnus, angeblich, steht dort auf der Wacht Und hütet den Schatz, den in finsterer Nacht Die Sterblichen nimmer entdecken. Du wirst es kaum glauben, und doch ist es wahr: Man findet im Nord-Land nicht einmal im Jahr Den Tag, wie er südwärts normal ist! Im Winter, da gibt es hier nirgendwo Licht, Im Sommer, da gibt es hier Dunkelheit nicht, Sodass jeder Tag eine Qual ist.«
Was der Norweger Petter Dass am Ende des 17. Jahrhunderts in seinem Gedichtzyklus Die Trompete des Nordlandes über jene Zone zusammengereimt (und teilweise dem griechischen Philosophen und Historiker Plutarch entnommen) hatte, stellte im Wesentlichen das dar, was man seit der explorativen Epoche Alexanders des Großen hierüber wusste.
Nachdem sich Pytheas, der Grieche aus Massalia, um 330 vor Christus an der Küste Norwegens bis zum Polarkreis hinaufgetastet hatte, lenkten die Europäer unermüdlich ihre Schiffe zu den hohen Breiten des Erdballs und fabulierten alsdann vom Regime des Saturn über ein Gefilde, in dem jede Erscheinung gemäß dem Weihemonat jenes Gottes – Dezember – frostig, feucht und feindselig ist.
Zu diesem grausigen Dunstkreis des Orcus zog es Wagehälse mit einer solchen anhaltenden Heftigkeit, dass sich im 13. Jahrhundert nach Christus der Verfasser des altnorwegischen Königsspiegels aufgerufen sah, den Wikingern diesen Drang unter Hinweis auf eine Reihe von Triebkräften der Erdensöhne zu erklären (von Bedürfnissen nebenbei, die selbstverständlich denen ähneln, mit deren Aufzählung dereinst das Vorwort des Herausgebers zu einem Text von Robert Edwin Peary einsetzen sollte ...): »Das Erste ist die Lust an Kampf und Ruhm, denn das ist menschliche Art, dorthin sich zu begeben, wo große Gefahr zu erwarten ist, und sich dadurch berühmt zu machen. Das Zweite ist die Wissbegierde, denn das liegt gleichfalls in der Natur des Menschen, die Dinge zu erkunden und zu untersuchen, von denen ihm erzählt wird, und zu erfahren, ob sie so sind, wie ihm gesagt wurde, oder nicht. Das Dritte ist die Aussicht des Gewinns, denn überall suchen die Menschen nach Gut, wenn sie hören, dass sich irgendwo Aussicht auf Gewinn darbietet, mag auch anderseits große Gefahr damit verbunden sein.«
Dieses Syndrom von Faktoren wurde achterlastig ... bis Profitjägerei das A und O bei Expeditionen ins Namenlose war und ihre Leiter dem Nordpol in einer verschlungenen Folge von Begebenheiten immer näher rückten. Im selben Augenblick nämlich, in dem der spanische Conquistador Vasco Nunez de Balboa am 25. September 1513 im Westen der Neuen Welt noch einen Ozean gesichtet hatte, war klar, dass sich der Strand, auf den Kolumbus inzwischen seinen Fuß gesetzt haben wollte, jenseits der Südsee erstreckte. Darum rüsteten die Piloten ihre Karavellen, um nach der Nordwestpassage zu fahnden ... mochten andere Skipper ihre Schaluppen wappnen, um nach der Nordostpassage zu forschen (wenn sie nicht gar wie Fernao de Magalhaes im Jahre 1520 um die Südspitze Amerikas segelten)! Während die einen ergo das Ruder nach Steuerbord legten, rissen es die anderen nach Backbord – jeder aus Raffgier darauf bedacht, entweder Sibirien oder die Landmasse des »Mundus Novus« gen Indien zu umfahren.
»So erwachten sie zum Leben«, vermerkte Fridtjof Nansen, »die beiden großen Illusionen, welche jahrhundertelang den Sinn der Entdecker im Zauberbanne hielten. Wert als Handelsstraßen konnten sie nie erhalten, diese schwierigen Durchfahrten durch das Eis. Mehr als Traumbilder wurden sie nicht, aber Traumbilder von größerem Wert als wirkliche Kenntnis: Sie lockten die Entdecker immer weiter in die unbekannte Eiswelt hinein.«
Auf diese Weise wurden sie Vorkämpfer, deren Andenken in der geografischen Nomenklatur bewahrt ist wie zum Beispiel jenes eine in »Barentsburg«, »Barentsinsel«, »Barentssee«.
Willem Barents, seines Zeichens Cheflotse der Vereinigten Niederlande, war angewiesen worden, »die Meere des Nordens zu befahren«, und hatte tapfer schon zweimal, 1594 und 1595, den Circulus Arcticus überschritten, als er sich nunmehr 1596 in Amsterdam zum dritten Mal einschiffte.
Unter dem eher formalen Kommando Jacob van Heemskercks schaffte er zunächst eine Höhe von 79° 49’, ließ nachher jedoch ostwärts schwenken und erspähte daraufhin die Bäreninsel und den Südzipfel von Spitzbergen: 80° 11’! Zuletzt aber, als er im August bei den Oranje-Inseln lavierte, wurde seine Nussschale von treibenden Schollen gestoppt, auf der Stelle umschlossen und wie von Geisterhand zermalmt. Da war er mit seinen Leuten gezwungen, bis zum Winter »ein Haus zu bauen, um uns vor der Kälte und den wilden Tieren zu schützen, uns darin so gut wie möglich einzurichten und uns unter Gottes Schutz zu stellen«.
Diese Frömmigkeit wurde belohnt. Zwar litten die sechzehn unter dem Frost und der bleiernen Nacht, aber sie verstanden es einfallsreich, sich bei Gesundheit zu halten. Sie gingen auf die Robbenpirsch, richteten ein Schwitzbad ein, feierten allerlei Feste und verloren nie die Zuversicht, sodass sie, als die Sonne das Meer erneut verflüssigte, hoffnungsfroh am 14. Juni 1597 mit zwei Jollen unterhalb des »Behouden Huys« ablegten: der Heimat entgegen.
Barents, der sich physisch wie psychisch längst erschöpft hatte, starb am 20. Juni. Seine Mannschaft indessen traf bei der Halbinsel Kola wie durch ein Wunder auf den Segler, der ihre Ausfahrt vor einem Jahr begleitet hatte und jetzt die Geretteten nach Amsterdam zurückbrachte.
Sie hatten etliches bewiesen, vor allem aber eines: dass Überleben im White Out bei planvollem Verhalten möglich ist – wenn sich Fortuna einschaltet...
Dieses Quäntchen Optimismus ermunterte von nun an viele zur Fahndung nach einem nördlichen Schleichweg: 1615 den Engländer William Baffin, 1619 den Dänen Jens Munk und 1773 abermals einen Engländer: Constantine John Phipps. Zum Angriff auf Saturn, den König in dem Turnier, ermutigte es einstweilen nur Henry Hudson, auch er ein Engländer.
Ihm hatte mit der Einfalt der Unbedarften die britische Muscovy Company 1607 auferlegt, »den Pol zu entdecken«, worauf Henry Hudson gehorsamst den Anker lichten ließ und nach Norden segelte, bis er sich auf 80° 23’ am Packeiswall abgewiesen fand. Da drehte er bei und meldete zu Hause die Wahrnehmung einer vulkanischen Insel (die später »Jan Mayen« getauft ward). »You have done well by water ...«
Und weil das alles war, blieb Saturn ohne Niederlage.
Walfänger durchpflügten bis auf weiteres die Gewässer um seine Bastion. Und zwei Dänen pflanzten quer zur allgemeinen Stoßrichtung Wegmarken auf: Der eine, Hans Egede, gründete seit 1724 Siedlungen auf Grönland und ließ in Kopenhagen eine Perlustration (1742) der Gebiete und Bräuche der Eskimos drucken; der andere, Vitus Jonassen Bering, setzte mit einer Abteilung der Großen Nordischen Expedition von Asien zu den Ufern Amerikas über und näherte sich am 18. Juli 1741 Alaska so dicht, »dass man die schönen hart an der See gelegenen Waldungen wie nicht minder die großen Ebenen unter dem Gebirge landeinwärts mit größtem Vergnügen betrachten konnte«.
Niemand vermochte Saturn zu schlagen.
Auch dann nicht, als Daines Barrington 1773 die Royal Society in London überredet hatte, einen Verband in das Ringen um den Nordpol zu entsenden. Denn die »Racehorse« und die »Carcasse« mussten vor demselben Hindernis kapitulieren, vor dem Henry Hudson zurückgewichen war.
VERSCHMÄHTE LIEBHABER
Während demnach rund um den Saum der Arktis navigiert und rekognosziert und trianguliert und kartografiert wurde, verharrte sein Zentrum fernab und unerreichbar – für Poeten wie für Philosophen ein Reservat, mit dessen Erschließung die Selbstzerstörung des Menschen einhergehen würde.
So besang der schwedische Lyriker Esaias Tegner in seiner Ballade Die Polarreise (1817) den Prototyp des Verblendeten, der sich soeben auf den Nordpol zubewegt:
»Endlich kommt der Erde Wipfel. Siegend auf der Achse Gipfel Steht er. Horche, welch ein Brausen Aus der Tiefe! Welch ein Sausen Macht die Masse, die sich schwer Schwingt um ihre Achs’ umher!
Nun erschrickt er, und verlegen Sinnt er nach der Rückkehr Wegen. Zaubermacht verwirrt den Festen: Wo ist Osten? Wo ist Westen? Wo ist Süden? Wo der Nord? Keine Spur, kein Ausweg dort!
Aus der Tiefe tönt ein Rufen: ›Thor, auf deiner Weisheit Stufen! Himmelsstrich nicht, wie die andern, Hat der Punkt, drum Welten wandern. Auf schließt ihn der Tod allein. Kamst du dorthin, bleibst du sein.‹
Stündlich wird der Schatten länger, Stündlich wird der Cirkel enger, Den die Sonn’ am Himmel malet, Bis kein Lichtatom mehr strahlet Doch das Ich des Stolzen friert, Bis die Welt sich neu gebiert.«
Was als Warnung davor gedacht war, die letzten Geheimnisse der Schöpfung zu entweihen – und was sich am Anfang des 21. Jahrhunderts durchaus als ökologisches Menetekel deuten lässt –, korrespondierte nun für kurze Frist mit dem Zögern von Abenteurern, den Nordpol direkt zu attackieren.
Stattdessen befestigten sie den Belagerungsgürtel um das ebenso abstoßende wie anziehende Nichts: Der Russe Ferdinand Petrowitsch Baron von Wrangel sondierte 1821 sechsundvierzig Tagesmärsche oberhalb der Bäreninsel; die Österreicher Julius Ritter von Payer und Karl Weyprecht entdeckten 1873 Franz-Joseph-Land; und der Amerikaner George Washington De Long sah 1881 als Erster die Neusibirischen Inseln.
Immerhin wurde, während die »Parts Unknown« peu ä peu von den Atlanten verschwanden, – vorrangig von Engländern – das Match fortgesetzt, wer »Farthest North« erklimmt: 1827 kam William Edward Parry von Spitzbergen aus auf 82° 45’; 1875 – ein halbes Jahrhundert später – gelangte George Strong Nares vom Smith-Sund her auf 82° 48’; und 1876 erreichte Albert Hastings Markham via Grönland 83° 20’, was zwei Gefährten des Amerikaners Adolphus Washington Greely auf einer parallelen Route 1882 um ganze sieben Kilometer überboten.
Sie alle aber deklassierte das Experiment, das Fridtjof Nansen am 14. März 1895 begann. Er hatte sich nordwestlich der Neusibirischen Inseln mit der »Fram« vom Eis Huckepack nehmen lassen und war bei dessen Drift auf einer Position von 102° östlicher Länge und 84° nördlicher Breite gemeinsam mit seinem meteorologischen Assistenten Fredrik Hjalmar Johansen aus dem Unternehmen ausgeschert und zum Nordpol aufgebrochen. Doch nach wenigen Kilometern hatten sie ein Geröllfeld vor sich, in dem es kein Vorwärtskommen mehr gab. »Es ist ein wahres Chaos von Eisblöcken, das sich bis an den Horizont ausdehnt. Es hat keinen Sinn, noch weiter vorzudringen, wir opfern die kostbare Zeit und erreichen nichts.«
Geleitet von der Klugheit des Pragmatikers – und nicht von der Hybris des Tegner’schen Wallers im Schnee –, kehrte Nansen bei 86° 04’ dem »Großen Nagel« den Rücken und fand nach einem tolldreisten Marsch, der unter dem guten Stern der Barents-Crew stand, 1896 wohlbehalten nach Norwegen zurück.
Dort war er noch nicht eingetroffen, da tüftelte in Stockholm Salomon August Andree an einem Ballon, der seinen Erfinder samt zwei Kameraden von Spitzbergen aus über den Nordpol tragen sollte. Andree hatte eine Technik ersonnen, seine »Luftkugel«, die normalerweise in derselben Strömung und Geschwindigkeit wie der Wind treiben würde und somit in ihrem Kurs nicht zu beeinflussen war, steuerbar zu machen: Er beschwerte sie mit mehreren Trossen, die – solange man in mäßiger Höhe dahinglitt – über die Erdoberfläche schleiften. Hierdurch wurde das Gerät gebremst, die Brise war wieder spürbar, und der »Adler« konnte mithilfe von aufgespannten Tüchern manövriert werden wie ein Segelboot.
Weil Andree jedoch die Glanzleistung des Norwegers Nansen als nationale Herausforderung ansah, brachte er sich selbst in einen Handlungszwang, der jedes rationale Agieren lähmte. Als er am 11. Juli 1897 von Spitzbergen aufstieg, entwanden sich die unteren zwei Drittel der Seile ihrer Verschraubung und »aus dem halb gefesselten Ballon war«, wie ein Chronist konstatierte, »ein Freiballon geworden«. Anstatt nach diesem Malheur das Projekt unverzüglich abzubrechen, überließ sich Andree in der Thermik der Ehrenmänner-Regel »aber gesagt ist gesagt« drei Tage lang der Willkür des Wetters ... Dann, bei 82° 56’, sank das Gefährt unter dem Ballast des Reifs auf seiner Außenhaut und die Hasardeure schlugen am Boden jener Tatsachen auf, gegen die sie sich bald ebenso vergeblich stemmten wie alle ihre Vorgänger.
»Ich glaube«, ließ der schwedische Autor Per Olof Sundman in seinem Dokumentarroman Ingenieur Andrees Luftfahrt (1967) einen der todgeweihten Schwärmer zwar seufzen, »der Nordpol ist eine schlechte Geliebte«. Doch sind dessen ungeachtet (laut Goethe) nicht »Lust und Liebe die Fittiche zu großen Taten«?
In cerca d’amore, das heißt: aus Sehnsucht nach Aneignung und Hingabe drang Umberto Cagni, ein Mitglied der »Stella-Polaris«-Mission des Herzogs der Abruzzen, am 25. April 1900 von Franz-Joseph-Land her bis auf 86° 34’ vor. Das war noch einmal Rekord! Dann wurde das Endspiel angegangen.
Und während derweil ein neues, dynamisches Säkulum nahte, wartete alle Welt darauf, dass Saturn matt gesetzt wurde.
Am Zug war Robert Edwin Peary.
»ICH HABE DEN WUNSCH, MIR EINEN NAMEN ZU MACHEN«
Robert Edwin Peary wurde am 6. Mai 1856 in Cresson unweit von Pittsburgh im amerikanischen Bundesstaat Pennsylvania als einziges Kind des Küfers Charles Peary und dessen Ehefrau Mary geboren. Die Eltern waren 1858 kaum in das ebenfalls in Pennsylvania liegende Gallitzin umgesiedelt, da starb der Vater im Januar 1859. Seine Witwe kehrte daraufhin mit ihrem noch nicht dreijährigen Sohn in die nordöstlichste Ecke der USA zurück, nach Maine, woher sie stammte. Erst in Cape Elizabeth bei Portland, dann in dieser Hafenstadt selbst sowie im nahen Gorham wuchs Robert Edwin Peary nun heran. Er besuchte die Elementary School, als Nächstes eine private Boarding School und hinterher die High School, die er 1873 verließ, um am Bowdoin College in Brunswick, Maine, zu studieren. Nachdem er dort sein Examen als Zivilingenieur abgelegt hatte, schrieb er seiner Freundin Mary Kilby am 10. Oktober 1877 einen Brief, in dem es hieß: »Ich möchte gerne eine so anziehende Wesensart entwickeln, dass die Leute, wenn ich einmal mit ihnen zusammen war, immerfort Gefallen an mir finden – ob sie wollen oder nicht.«
Er selbst freilich behielt sich vor, seine Gunst nach Gutdünken zu gewähren oder zu entziehen. Und so versprach er Mary Kilby 1878 noch die Ehe, löste das Verlöbnis aber schon im folgenden Jahr wieder auf. »Die Vergangenheit ist tot!«, jubelte er: »Vive la future!«
Er hatte eine Anstellung als Landvermesser beim United States Coast and Geodetic Survey in Washington gefunden, von seinem ersten Gehalt eine der dreihundertfünfundsechzig Inseln in der Casco-Bai vor Portland erworben und im Was-kostet-die-Welt-Überschwang den Entschluss gefasst, sich zu Vorarbeiten für einen Kanal zwischen dem Atlantischen und Pazifischen Ozean nach Nicaragua versetzen zu lassen. Er wollte ein Bahnbrecher werden, ein Wegbereiter ... Southward Ho! »Ich habe den Wunsch«, gestand er seiner Mutter am 16. August 1880, »mir einen Namen zu machen, der überall in Kreisen der Kultur und Bildung als Sesam-öffne-dich wirkt.« Obwohl er trotz des hämmernden Einsatzes von Begriffen wie »glory«, »pride« und »fame« nicht das Plazet Mary Pearys bekam, reiste er – nunmehr in Diensten der United States Navy – Ende 1884 von New York ab, um bis April 1885 das Terrain für den Durchstich im Dschungel zu sondieren. Ein Weltwunder war auf den Messtischblättern zu entwerfen, ein Denkmal des menschlichen Gestaltungswillens. Goethe hatte bereits ein halbes Jahrhundert zuvor darüber sinniert, dass derlei »einem großen Unternehmungsgeiste vorbehalten« sei.
Einen solchen wollte Peary verkörpern. Dass Ereignisse in Mittelamerika dabei zum zweiten Mal Aktivitäten in der Arktis evozierten, gehört zu den Quantensprüngen der Evolution. Denn so wie einst die Nachricht davon, dass Balboa auf der anderen Flanke des Isthmus in ein fremdes Meer hinausgewatet war, letztlich die Suche nach der Nordwestpassage ausgelöst hatte, so pflanzte jetzt die Erinnerung daran, dass Kolumbus durch seine Ankunft in der Karibik Unsterblichkeit erlangt hat, den Keim zur Sehnsucht Pearys nach dem Nordpol, wo gleicher Ruhm zu ernten sei.
Am 28. Dezember 1884 schilderte der Zweiunddreißigjährige seiner Mutter die Vorbeifahrt an San Salvador: »Die Insel blieb im Südwesten zurück, später ging die Sonne prachtvoll dahinter unter. Die lange niedrige Küste mit ihren einzelnen Klippen und Kaps trat deutlich hervor – ein purpurnes Relief vor dem gelben Himmel: die Wiege der Neuen Welt, das Eiland, das als Erstes die Augen von Kolumbus erfreut hat, purpurn gegen den gelben Sonnenuntergang, so wie vor fast vierhundert Jahren, als es lächelnd jenen Mann willkommen hieß, dem in seinem Nimbus alleinig der noch ebenbürtig sein kann, welcher eines Tages dasteht und dreihundertsechzig Längengrade unter seinem ruhenden Fuß hält... Ost und West werden für ihn nicht mehr existieren: für den Entdecker des Nordpols.«
Dieses Dokument, so beiläufig es daherkommt, liefert den Schlüssel für Pearys ganzes Wirken. Hervorgegangen ist es aus dem Traum, ein Heros zu werden – an American Hero –, kein Humboldt und kein Lesseps, kein Weltbaumeister und kein Forscher, sondern ein Held-an-sich, ein Macher – entwachsen aus betörender Rede ... eine Fleisch gewordene Sagengestalt.
Nein, Nicaragua bot trotz seines martialischen Ambientes kein Vorfeld zur Vergötterung! Das Aufmarschrevier lag dort, wohin der Polarstern im Wappen von Maine wie ein Lockmittel weist: im Norden. Also tat Peary zwar fürs Erste seinen Job im Urwald und kehrte sogar im November 1887 für mehrere Monate dahin zurück; doch was ihn seit jenem Abend vor San Salvador bewegte und beherrschte, besessen und verrückt machte, das war der Trieb, das Reich des Saturn aufzusuchen.
Der Grönland-Trip von 1886 auf der »Eagle« wurde ein Testlauf: der Prolog zu einem rätselvollen Abenteuer – und vorausdeutend! Denn nachdem Peary heimgekehrt war und 1887 im Bulletin of the American Geographical Society geschildert hatte, wie er mit dem Dänen Kristian Maigaard oberhalb der Disko-Bai einhundertsechzig Kilometer ins Inlandeis gewandert war, ergab die Überprüfung der Auskünfte des Landvermessers a. D. durch Fridtjof Nansen, dass die relevanten Informationen durchweg nicht stimmten. Im zweiten Band seines Berichts Auf Schneeschuhen durch Grönland (1890) bemängelte er, dass Pearys Längenberechnungen – die sage und schreibe lediglich an einem einzigen Tag gemacht worden waren! – wohl »nur auf einigen Höhenobservationen« beruhten; dass die benutzten Fachausdrücke »nicht ganz deutlich« waren; dass – als Pearys Chronometer stehen geblieben war – die Messungen nicht mit einer Ersatzuhr abgeglichen worden waren; dass ergo die Daten über die zurückgelegte Strecke »nicht als ganz genau betrachtet werden« können. Fazit: »Pearys Angaben in Bezug auf Entfernungen und Höhen sind leider mangelhaft.«
Peary war auf Nansen nicht mehr gut zu sprechen – zumal der Norweger seine Kompetenz bei der Durchquerung Grönlands gewonnen hatte: bei einer Unternehmung, mit der er einem Vorhaben des Amerikaners zuvorgekommen war ... um nicht zu sagen: mit dem er in Pearys Domäne gewildert hatte!
Denn das war nun entschieden: dass Robert Edwin Peary das Podium gefunden hatte, auf dem er das einspielen wollte, was ihn wie nichts im Leben sonst bewegte. An Mary Peary schrieb er am 27. Februar 1887 – als ob sie’s nicht schon oft genug gelesen hätte: »Denke daran, Mutter, ich muss Ruhm erringen.«
Wenig später teilte er der alten Dame im Übrigen mit, dass er seine Zukünftige gefunden hätte, Josephine Diebitsch, eine Professorentochter aus Washington: »Dass sie mich liebt, weiß ich; dass sie mich glücklich machen kann, denke ich schon; außerdem vertraue ich darauf, dass sie mir weniger hinderlich sein wird als jede andere Frau, die ich bisher kannte oder die ich künftig kennen lernen dürfte.«
Das Paar heiratete am 11. August 1888.
»INVENIAM VIAM AUT FACIAM« – ODER: WIE MAN SICH IN ERFOLGSZWANG BRINGT
Und Mrs Peary machte sich nützlich. Denn als ihr Gatte am 6. Juni 1891 zu seiner zweiten Grönland-Reise aufbrach, stand sie ebenso auf der Teilnehmerliste wie der Farbige Matthew Alexander Henson, Pearys Faktotum auf Jahre hinaus, und der New Yorker Arzt Dr. Frederick Albert Cook. Aber mochte an diesem Nachmittag um fünf, als die »Kite« in Brooklyn die Leinen kappte, seine Gemütsverfassung noch so heiter und das vielstimmige »Farewell thee well« noch so ermutigend sein: Zur selbigen Stunde begann ein Katz-und-Maus-Spiel zwischen Cook und Peary, dessen Ausgang bis heute unbekannt ist.
Wer konnte es ahnen? Verlief doch die Expedition äußerst erfolgreich. Peary und seine Crew errichteten eine Hütte am McCormick-Fjord am oberen Zipfel der Baffin-Bai, »Red Cliff House«; sie befreundeten sich mit einigen Eskimos, die in der Nähe siedelten; und lernten, in der Arktis zu überstehen und sich zu bewegen – vor allem Hunde-Schlitten zu führen. Gut vorbereitet gelang Peary mit dem Norweger Eivind Astrup zwischen dem 3. Mai und dem 6. August 1892 eine mehr als zweitausend Kilometer lange Hin- und-Rücktour bis zu der – von ihnen so getauften – Independence-Bai, einer Bucht im Nordwesten Grönlands, die als solche ein Argument für den Inselcharakter von dessen Landmasse liefert.
Als die Depeschen im September Pearys Heimkunft meldeten, setzte sich in Kristiania – dem heutigen Oslo – Fridtjof Nansen an den Schreibtisch und gratulierte dem Kollegen zu seinem Erfolg. Er selbst sei schließlich »einer von denen, die ein bisschen vom Inlandeis gesehen haben«. Daher könne er die Leistungen Pearys beurteilen und ihn mit Fug und Recht als sein »Bewunderer« grüßen.
Nach diesem Ritterschlag durch einen der prominentesten Polarexperten seiner Zeit fühlte sich Peary umso mehr dazu befähigt, der von ihm selbst an sich ergangenen Berufung zu folgen. Das Marineministerium stellte ihn abermals unter voller Beibehaltung seiner Bezüge von seinen Dienstpflichten frei. Was gleichwohl fehlte, war Geld zur Finanzierung der nächsten Expedition. Die Mitwirkung an George Eastmans etwas verwegen betitelter Werbebroschüre The Kodak at the North Pole (»Die Kodak [-kamera] am Nordpol«, 1892) brachte nicht allzu viel ein. Daher ging Peary zusammen mit Henson ein Engagement als Showstar ein. Windmaschine an! Und Vorhang auf! Eingemummelt in einen dicken Pelz arbeitete sich Peary wie durch einen Schneesturm zur Mitte der Bühne vor, woraufhin Henson unter Peitschenknallen mit einem Hundegespann folgte. Dann legten sich die Huskys vor die Füße des immer ärger ins Schwitzen geratenden Vortragskünstlers, bis sie auf ein verstohlenes Zeichen zum Eisberg- oder Steinerweichen ein gespenstisches Geheul anstimmten. Vorhang zu! Und Windmaschine aus! There’s no business like snowbusiness ...
Denn es lohnte sich: Als Peary am 23. Juni 1893 auf der »Falcon« zu seiner dritten Grönland-Fahrt von Philadelphia abdampfte, war er vorbereitet, zwei Jahre auszubleiben. Trotzdem stand das Ganze vom Anfang bis zum Ende unter einem fatalen Omen – nicht zuletzt, weil Dr. Cook es abgelehnt hatte, sich erneut dem monomanen Habitus des Chefs zu unterwerfen. Er, dessen »Professionalität« noch vor einem Jahr nach Pearys Zeugnis maßgeblich zum Gelingen der zweiten Grönland-Mission beigetragen hatte, fehlte nun in einem Trupp, dem einfach nichts mehr glücken wollte.
Die neuerliche Rekognoszierung der Nordkante von Grönland scheiterte zunächst; und als sie dann 1895 gelang, brachte sie nichts anderes als das Wiedersehen mit etwas Bekanntem. Ein Lichtblick war zwar die Geburt von Pearys Tochter Marie Ahnighito am 11. September 1893 in der »Anniversary Lodge« oberhalb des 77. Breitengrades gewesen – nur: Musste man für dergleichen eine Expedition ins Polarmeer abhalten? »Dieses Satanszeug arktische Forschung«, das Peary jetzt verfluchte, wurde auch dadurch bloß geringfügig aufgewertet, dass er bei seiner Heimkehr im Sommer 1895 zwei vermeintliche Meteoriten präsentieren konnte, die er in Grönland ausgegraben hatte.
Den dritten und massigsten Eisenklumpen zu bergen gelang ihm erst 1897. Da hatte Peary schon zwei weitere Exkursionen nach Grönland unternommen, die so belanglos waren, dass sie sein penibler Biograf Wally Herbert in The Noose of Laureis (»Die Lorbeerschlinge«, 1989) in einem Halbsatz abtut.
Robert Edwin Peary war jetzt einundvierzig Jahre alt, ein Medienstar, zweifellos, »The Hero of Heroes«, als der er vor jedem Auftritt angekündigt wurde – und gestresst. Denn seine Zugkraft schwand: Vier der sechs Eskimos, die er – Menschen, Iglus, Sensationen! – exportiert hatte, waren in New York an Lungenentzündung gestorben, die ›Meteoriten‹ hatte »Jo« dem American Museum of Natural History verkauft, im eigentlichen Sinne entdeckt hatte er nichts (nicht einmal die himmlischen Gesteinsbrocken: die kannte schon John Ross 1818) und keinen Rekord aufgestellt; vom Skandal seines Ehebruchs mit der Eingeborenen Aleqasina war noch nichts verlautet. Kurzum: Das hoch geschätzte Publikum erwartete eine neue Attraktion.
Also gab der Äquilibrist – die Wendung sei erlaubt – dem Affen Zucker, indem er kundtat, dass der Hauptzweck aller seiner Anstrengung die Einnahme des Nordpols sei. Und damit auch jeder, Yankee oder Südstaatler, den Stellenwert ermaß, den er der Sache zuschrieb, verließ er 1898 den Hafen von New York am 4. Juli, dem amerikanischen Nationalfeiertag.
Die Parole für das Bevorstehende hatte er – in Abwandlung auf die eigene Person – der Tragödie Hercules furens (um 50 n. Chr.) des römischen Dramatikers Lucius Annaeus Seneca entnommen: »Inveniam viam aut faciam« ... »Ich werde einen Weg finden oder mir einen bahnen.«
Der Ausspruch sollte in einer Weise bedeutsam werden, die niemand in ihrer Zweideutigkeit voraussehen konnte.
DAS BASTA EINES SÜCHTIGEN
Sein Basisdepot legte Peary diesmal circa vier Breitengrade nördlich von »Red Cliff House« und »Anniversary Lodge« an. Denn nachdem er mit der »Windward« Mitte August am Westufer des Smith-Sunds festgemacht und dort die ersten Monate tatenlos verbracht hatte, war er im Dezember mit seinem »Negerdiener«, seinem treuen Sancho Pansa, und vier Eskimos – »Jo« nannte sie in handfestem Rassismus seine »Huskys« – an der Ostseite der Ellesmere-Insel nach »Fort Conger« marschiert, in jenes Camp, das Adolphus Washington Greely 1881 angelegt hatte. Peary zerstörte es und benutzte die dabei gewonnenen Vorräte zur Bestückung des eigenen Lagers.
Zum einen war er da vierhundertfünfzig Kilometer näher am Pol. Zum anderen hatte er die nervös machende Nachbarschaft Otto Sverdrups, des alten Gefährten Fridtjof Nansens, hinter sich gelassen, der mit der »Fram« im Smith-Sund so dicht bei Pearys Quartier ankerte, dass sich die beiden Teams eines Tages zufällig begegnet waren.
Das Opfer, das Peary für den gewonnenen Abstand sowie den Vorsprung vor einem imaginären Rivalen bringen musste – tatsächlich wollte Sverdrup das Kartenmaterial der Arktis präzisieren –, war hoch: Er hatte sich auf dem Weg nach »Fort Conger« die Füße erfroren und war daher gezwungen, zur »Windward« zurückzukehren. Dort wurden ihm am 13. März 1899 alle Zehen amputiert. Zu Henson sagte er: »Na und – was sind schon ein paar Zehen als Preis dafür, zum Pol zu kommen?«
Aber er kam nicht zum Pol. Weder in diesem Jahr noch im nächsten noch im übernächsten. Und als er es dann am 6. April 1902 energisch wieder versuchte, wieder mit Henson und wieder mit vier Eskimos, geriet er in ein solches Labyrinth von tiefen Waken und verkeilten Schollen, dass er das Ganze am 21. April bei 84° 17’ abbrach. Achtzig Meilen waren sie in sechzehn Tagen gegangen, einhundertfünfzig Kilometer – das heißt: nicht einmal zehn Kilometer pro Tag. Da gab sich der ausgebremste Berserker geschlagen und retirierte im August 1902 nach Hause. »Das Spiel ist aus«, erklärte er.
Es war das Basta eines Süchtigen.
Seinen Einsatz hatte er verloren ... Er war verstümmelt; hatte mit Aleqasina, der Mutter seines im Mai 1900 geborenen Sohnes Anaukak (1906 schenkte sie ihm noch den Sohn Kaie), die stets loyale »Jo« betrogen; sich mit Dr. Dedrick, seinem Schiffsarzt und Lebensretter, überworfen – und nicht einmal ein »Farthest North« erreicht: Verglichen mit Umberto Cagnis 86° 34’ waren seine 84° 17’, unter Brüdern, eine Stümperei.
Dass man das durchaus anders sehen konnte, bewies der virulente Nationalismus in den USA. Er interpretierte Pearys sechsmaliges Anrennen gegen die Stellungen des Saturn als Ausdruck eines Pioniergeists, der alles, aber auch alles daransetzen würde, das Sternenbanner am Pol einzurammen.
Folgerichtig wurde Peary daheim nicht etwa als Maniac von der traurigen Gestalt geschmäht, sondern als Ausbund von vaterländischem Kämpfertum auf den Schild gehoben: Ein 1899 gegründeter Peary Arctic Club trug ihm seine Hilfe an. Er wurde in absentia 1901 zum Kapitänleutnant und 1902 zum Fregattenkapitän der United States Navy ernannt. Und am 5. September 1903 beauftragte ihn sein Dienstherr ganz im Stil der Muscovy Society von 1607 kurz und bündig, den Pol zu erreichen: »Unser Nationalstolz ist an dieser Unternehmung beteiligt, und das Ministerium erwartet, dass Sie deren Zweck erfüllen und einer Armee, die auf leuchtende Großtaten zurückblicken kann, eine weitere Glanzleistung bescheren.«
Damit war Pearys fixe Idee sanktioniert. Das Schiff, das er eiligst bauen ließ, erhielt den Namen »Roosevelt« (oder liebevoll »Teddy«). Und als es am 16. Juli 1905 von Manhattan auslief– mit an Bord waren auf der ersten Etappe seine Frau »Jo«, seine Tochter Marie und sein zweijähriger Sohn Robert Edwin jr. –, dürfte dem Explorer in den Ohren geklungen haben, was der Minister als Sprachrohr des Präsidenten der Vereinigten Staaten seiner Sieges-Order noch angefügt hatte: »Nothing short will suffice« ... »Weniger tut’s nicht.«
Durch persönliche Exaltiertheit und kollektive Hybris hatte sich Peary vor seiner siebten Arktis-Fahrt in einem Dilemma verfangen, dessen Knoten er nur als Bezwinger des Nordpols entzweihauen konnte. »Nothing short will suffice.«
Diese ideologische Disposition muss man kennen, um zu verstehen, was hernach passierte ...
Peary fuhr – er hatte es längst »die amerikanische Route zum Pol« getauft – wieder durch den Smith-Sund, das Kane-Becken und den Kennedy-Kanal, vorbei an »Fort Conger« bis Kap Sheridan im Nordosten der Ellesmere-Insel. Doch weil das Eis stark nach Osten driftete, ging er, um direkt auf den Pol zuzuhalten, zuerst einhundertzehn Kilometer nach Westen zum Point Moss und brach dann am 6. März 1906 nordwärts auf.
Es wird immer zu den offenen Fragen um Robert Edwin Peary gehören, warum er – der seit zwanzig Jahren den arktischen Ozean kannte – auf seinem Zug über das Eis keine Kajaks mit sich führte. So geschah es, dass er ständig gezwungen war, vor kleineren und größeren Wasserrinnen auszuharren, bis sie sich schlössen ... oder dass er Umwege um den »Hudson River« oder gar den »Styx« machen musste – mit einem Wort: dass er nicht wie geplant vorankam. Da ihm zudem ein Fehler bei der Berechnung seines Kurses unterlaufen war – er hatte einen falschen Winkel zwischen dem magnetischen und geografischen Pol zugrunde gelegt –, da überdies der Proviant dahinschwand und zu allem Übel das Wetter immer schlechter wurde, blieb ihm nichts anderes übrig, als das, was einmal ein Triumphzug werden sollte, am 21. April 1906 aufzugeben.
Doch niemand weiß, wo er das tat.
Am letzten Spalt hatte er den Heizer Ryan zurückgeschickt und damit allein Henson und sechs Eskimos bei sich. Die aber waren samt und sonders außerstande, mit einem Sextanten zu hantieren. Daher sahen sie lediglich ein Irgendwo, als Peary verkündete: »Wir haben 87° 06’ nördlicher Breite erreicht, und ich habe endlich den Rekord gebrochen.«
Gestern hatte er noch 86° 30’ festgestellt – siebeneinhalb Kilometer unterhalb von Cagnis Marke. Und heute wollte er über eine Distanz von siebenundsechzig Kilometern ohne jeden Schlenker nach rechts oder links dahingeflogen sein ... über das Packeis, den Schnee und die Priele ... auf 87° 06’ ...
Das Original seines Reisejournals ist verloren. Angaben seiner täglichen Marschleistung gibt es nicht. An exakten Daten seiner Positionen auf den Meridianen mangelt es. An verlässlichen Gewährsleuten fehlt es. Ergebnisse von Lotungen liegen nicht vor. Der Zeitpunkt seiner Heimkehr zum Schiff ist unbekannt. Daher blieb jeder Versuch, sein »Farthest North« zu verifizieren, von vornherein Spekulation.
»Nothing less will suffice.« Mochte Peary auch befürchtet haben, als Versager empfangen zu werden, dann hatte er die Rechnung ohne den Peary Arctic Club, ohne die National Geographic Society und ohne den Präsidenten gemacht. Sie alle ließen den amerikanischen Champion von 87° 06’ hochleben und verliehen ihm Ehrentitel und -medaillen. Und je länger bei den Festakten, Festmahlen und Festreden die Scheinwerfer auf ihn gerichtet waren, desto mehr lichtete sich das Clair-obscur um seine Person, bis er als der immer tatendurstige Überwinder dastand und der SUNDAY HERALD am 16. Dezember 1906 mit der Schlagzeile aufmachen konnte: »Peary versichert, der Pol ist bei Anwendung seiner Methoden erreichbar.«
Und hatte er gerade noch die Beendigung seiner »arktischen Tätigkeit« erwogen, so begann das jetzt alles von neuem: das Geldgeber-Suchen, Bemannung-Ernennen, »Roosevelt«-Rüsten – da platzte am 1. Oktober 1907 die Nachricht herein, dass Dr. Frederick Albert Cook, Pearys alter Arzt und Weggenosse, auf dem Marsch zum Nordpol sei.
DAS WERK, »FÜR DAS MICH GOTT DER ALLMÄCHTIGE AUSERWÄHLT HAT«
Peary war wie gelähmt. Über Nacht musste er befürchten, dass ein Mitbewerber um das Endziel ihm, dessen Name – beinahe – »überall in Kreisen der Kultur und Bildung als Sesam-öffne-dich« wirkte, den Rang ablaufen könnte. Im Nu stünde er im Schatten Dr. Cooks, sein Image würde verblassen und demnächst vergessen sein, zwanzig Jahre Schinderei wären für nichts darangegeben, sein Leben verpfuscht – ja, vom Schöpfer selbst um den Erfolg gebracht. Denn hatte Peary nicht seinem Gönner im White House offenbart: »Ich glaube daran, dass ich diesmal siegen werde; wie ich daran glaube, dass dieses das Werk ist, für das mich Gott der Allmächtige auserwählt hat«?
Dann besann sich Peary auf das, was ihn »bei Anwendung seiner Methoden« auf 87° 06’ gebracht hatte, und fuhr noch einmal hinaus. Am 6. Juli 1908. Vom Pier an der vierundzwanzigsten Straße in New York. »Es war dies für mich die letzte Möglichkeit, den Traum meines Lebens in die Wirklichkeit umzusetzen.«
Er schlug den gewohnten »Imperial Highway« ein. Und als er in Etah, am Ostufer des Smith-Sunds, auf eine Kate stieß, von der die Eskimos erzählten, sie gehöre Dr. Cook, nagelte er einen Zettel an die Tür, und der besagte: »Dr. Cook ist lange tot.« Danach ging es weiter, wie vor drei Jahren, bis er am 5. September Kap Sheridan auf der Ellesmere-Insel erreichte. Die »Roosevelt« wurde winterfest gemacht und anschließend wurde – diesmal noch fünfzig Kilometer hinter Point Moss – bei Kap Columbia Verpflegung gebunkert, am »nördlichsten Ende von Nordamerika«. Dann kam Weihnachten, kam Silvester. Und als die bärtige Runde in Robert Burns’ traditionellem Lied zum Jahresausklang Auld Lang Syne (1797) die Verse sang, mit denen alter Gefährten gedacht wird – »Should auld acquaintance be forgot,/And never brought to mind?« –, dürfte nicht einmal der inbrünstigste Todeswunsch Peary von der Angst befreit haben zu wissen, dass hier oben irgendwo Dr. Cook herumspukte. Deshalb war Eile geboten.

Im Nebel sind alle Pole weiß ... oder: Das Hauen und Stechen zwischen Peary und Cook um den ersten Nordpolbesuch wird auf dieser französischen Karikatur aus dem Jahre 1909 von Pinguinen verfolgt, die es nur am Südpol gibt
Am 15. Februar 1909 ging es los. Sechsundzwanzig Nordpolstürmer, achtundzwanzig Schlitten und einhundertvierzig Hunde und kein Kajak. Im steten Schrittmachen, Depot-Anlegen und Aufrücken entstand ein Rhythmus des Avancements, aus dem indessen immer öfter Teilnehmer ausscheiden mussten. Entweder hatten sie sich verletzt oder waren erschöpft oder wiesen Erfrierungen auf. Als sie am Ende auf eine Höhe von 87° 47’ geklommen waren und Peary und Henson nur noch vom Kapitän der »Roosevelt« Robert Abram Bartlett und dessen Tross begleitet wurden, schickte Peary den Letzten, der außer ihm Observationen vornehmen konnte – eben Bartlett – zurück. Er wollte die via triumphalis allein betreten (dass der Schwarze sowie die vier Eskimos Etschingwäh, Sieglu, Uquiäh und Utäh für ihn dabei nicht zählten, gab er später unumwunden zu).
Vor ihm lagen zweihundertvierzig Kilometer. Und hatte er bisher im Durchschnitt pro Tag an die zwanzig Kilometer über Packeisblöcke und um Rinnsale herum geschafft – wobei es schon einmal zu einem Maximum von sechsunddreißig Kilometern kommen konnte –, wuchs seine Leistung im selben Augenblick auf über das Doppelte an, als er keinen fachkundigen Zeugen mehr hatte. Und das, obwohl er stellenweise Barrieren von fünfzehn Metern Höhe überklettern musste, mehrfach ins Wasser stürzte, sich am Fuß verletzte, daher zeitweilig auf einen Schlitten gelegt ward und sich am 3. April seinen Weg nur mit Spitzhacken freihauen konnte. Eine Magical MysteryTour!
Sie endete nach Pearys Auskunft am 6. April 1909 damit – dass er ein Nickerchen machte.
Er hatte in der Frühe 89° 57’ gemessen. Dann war er so ermattet, dass er in ein von Henson und den Eskimos gebautes Iglu kroch, um zu schlafen. Noch fehlten fünfeinhalb Kilometer bis zum Ende des Weges. Aber was war das für eine lächerliche Entfernung angesichts der bisherigen Distanzen! »Das Erste, was ich nach dem Erwachen tat, war, folgende Worte in mein Tagebuch zu schreiben: ›Endlich der Pol. Der Preis von drei Jahrhunderten. Mein Traum und Ziel seit zwanzig Jahren. Endlich mein! Ich kann es noch nicht begreifen. Es scheint alles so einfach und selbstverständlich.‹«
Das Einzige, das sich bei Pearys »Eroberung des Nordpols« hieb- und stichfest beweisen lässt, wirklich das Einzige ist: dass der hier gedruckte Wortlaut nicht mit dem ursprünglichen übereinstimmt. Der war länger gewesen und hatte zum Beispiel statt von »Ziel« von »Ehrgeiz« gesprochen. Obendrein war er nicht in das Tagebuch eingetragen, sondern stand auf einem losen Blatt, das zwischen die leeren Seiten vom 6. und 7. April gelegt – aber dort auch nicht herausgerissen – war.
Die sonstigen Umstände seiner Aneignung der »Welttrophäe« liegen nicht nur im Zwielicht, sondern in Stockfinsternis.
Räumt man ihm die Steigerung seines Marschtempos ein, so besagt dies noch gar nichts über das Einlaufen im Ziel, weil Pearys Positionsbestimmung willkürlich war. Genauso wenig wie irgendjemand die von ihm publizierten Daten bestätigen kann, ist es möglich nachzuweisen, dass er sie ermittelt hat und wo die präsentierten Notizen angefertigt wurden. Eine Posse sondergleichen ist es zudem, dass Peary die Nachwelt glauben machen wollte, er sei die ganze Zeit über unbeirrt von jeglicher Drift, von Fehlgängen und Umwegen um Schneeklüfte und Eisschroffen – und ohne eine Missweisungstabelle – mit nachtwandlerischer Sicherheit auf 70° westlicher Länge, das heißt: aufjenem Meridian nach Norden gelaufen, der von Kap Columbia zum Pol geht. Gefragt, was er sich dabei gedacht habe, gab er zur Antwort: »Meiner Meinung nach waren wir imstande, unsern Kurs zu halten. Unter den Bedingungen, die dort herrschten, wäre jeder Versuch, Longitudinal-observationen vorzunehmen, eine Zeitverschwendung gewesen.«
Es war halt ein Wettlauf. Aber im Freestyle ...
Von »Camp Jessup« aus zog Peary kreuz und quer umher, um sicher zu sein, den Nordpol auch berührt zu haben. Dann ging es südwärts, wobei er den Runway, auf dem er sein Tempo beim Anrücken verdoppelt hatte, nicht mehr nur in fünf, sondern in drei Tagen bewältigte. »Kein Mensch in der Geschichte der Polarforschung«, schreibt Theon Wright in seiner Analyse The Big Nail. The Story of the Cook-Peary Feud (»Der Große Nagel. Die Story der Cook-Peary-Fehde«; 1970) »hat jemals auf Dauer vergleichbare Schnelligkeiten erreicht, noch dazu über Meereis.« Kein Mensch vor Peary und kein Mensch nach ihm!

Ende oder Ente? Der New York Herald verkündete jedenfalls am 7. September 1909 Pearys Triumph.
Am 23. April waren die sechs wieder am Kap Columbia und nach weiteren vier Tagen auf der »Roosevelt«. Dort machte Peary eine merkwürdige Aufzeichnung: »Der Captain [Bartlett] kam von 87° 47’ in vierundzwanzig Tagen hierher. Ich kam von -- -- in zwanzig Tagen (achtzehn Märschen) hierher.« Das deckte sich mit der Beschriftung von Pearys Logbuch für das Jahr 1909. Sie lautet: »Nr. 1, von der ›Roosevelt‹ bis -- -- und zurück, 22. Februar bis 27. April, R. E. Peary, United States Navy.«
Mochte Peary also vorläufig offen lassen, woher er von seiner letzten Expedition heimkehren würde – am 5. September 1909 musste er sich entscheiden. Da lief die »Roosevelt« in Indian Harbour auf Labrador ein, und er erfuhr, dass Dr. Cook behauptete, am 21. April 1908 am Nordpol gewesen zu sein. Verzweifelt kabelte Peary daraufhin seiner Frau: »I have the D. 0. P. [damned old Pole].« Ich! Ich! Ich!
Peary? Oder Cook? Oder beide? Oder keiner? Das ist bis heute das Rätsel, obwohl sich Peary bemühte, die Lösung in seinem Buch Die Entdeckung des Nordpols zu geben. In seinem?
Verfasst hat es im Wesentlichen der New Yorker Journalist Albert Ellsworth Thomas, der jüngst ein Drama mit dem Titel Her Husband’s Wife (»Die Frau ihres Gatten«; 1910) zur Aufführung gebracht hatte und sich später mit Stücken wie Come out of the Kitchen (»Komm raus aus der Küche«; 1916) einen bescheidenen Ruf erwerben sollte. Im Todesjahr Pearys, 1920, veröffentlichte er das Schauspiel The Champion.
WAS IST »DIE EROBERUNG DES NORDPOLS«?
»Thomas’ Tätigkeit«, beschwor Peary am 12. Juli 1910 seinen Verleger Frederick Stokes, »muss absolut geheim bleiben.« Er sprach das Problem an, das einer hat, der Mitwisser besitzt.
Infolgedessen wurde aufgedeckt, dass ›seine‹ Reportage The Discovery of the North Pole (»Die Entdeckung des Nordpols«) in HAMPTON’S MAGAZINE vom Sommer 1910 von der Ghostwriterin Elsa Barker geschrieben war. Und so kam zu guter Letzt auch Thomas’ Manuskript zu ›seinem‹ Buch zum Vorschein.
Wally Herbert hat in seiner grandiosen Peary-Biografie eine Passage aus jener Druckvorlage wiedergegeben, die die Arbeitsweise von Albert Ellsworth Thomas illustriert.
Da der »ganz und gar nicht zufrieden« war mit dem, was ihm Peary an Informationen über seine Rast am Pol geliefert hatte, setzte er zeilenschindend zu einem Kitsch an, in dem die in der Eiswüste verlassen baumelnden Stars and Stripes das Letzte sind, was Peary bei der Umkehr vom Nordpol sehen kann. Das kam, wie eine Anmerkung des Lektors demonstriert, dem Verlag nun doch zu bunt vor, weshalb Peary es tilgte. Genauso wie er – allerdings ohne Anstoß seines Publishers – aus Thomas’ Resümee, am 6. April 1909 sei ein Unterfangen vollendet worden, an dem »ich und andere« viele Jahre gearbeitet haben, die Wörter »und andere« strich.
Die Entdeckung des Nordpols verdankt ihre Entstehung der Vorstellungskraft von Albert Ellsworth Thomas. Die war zwar aufgebaut worden mit Hilfe der Skizzen und Korrekturen ihres vorgeblichen Urhebers, bleibt jedoch als nomineller Text aus der Feder von Robert Edwin Peary eine Fälschung – und just deshalb authentisch und ihrem Thema adäquat.
Gibt doch die Aura des Fiktiven, welche die Taten jenes Hercules redivivus umweht, auf subtile Weise Erfahrungen von dort wieder, wo alles diffus ist und vage und fließend ... wo jede Wahrnehmung zu einer Großen Impression verschmilzt. Der deutsche Arktis-Reisende Freddy Langer schrieb einmal nach der Rückkehr aus dem ewigen Eis: »Der Nordpol [...] ist die Phantasie in ihrem festen Aggregatzustand, die einzige überzeugende Verkörperung des Begriffs Idee.« Dem entspricht Die Entdeckung des Nordpols. Sie ist ein moderner Mythos und als solcher ein Appell an unsere Imagination.
Daher spannen wir jetzt die Schlittenhunde an und brechen mutig auf, um im Reiche des Saturn den Schatz zu heben, den
»Die Sterblichen nimmer entdecken«.
Detlef Brennecke
* Die beiden folgenden Abschnitte orientieren sich an dem Kapitel »›Das Erste ist die Lust an Kampf und Ruhm‹ oder: Eine kleine Vorgeschichte der Erforschung der Arktis« in meiner Biografie über Roald Amundsen (Reinbek bei Hamburg 1995) [Anmerkung des Herausgebers].
ROBERT E. PEARY
DIE ENTDECKUNG DES NORDPOLS

DER PLAN
Man könnte wohl die Erreichung des Nordpols mit dem Gewinnen eines Schachspiels vergleichen, in dem alle die verschiedenen Züge, welche zu dem günstigen Schluss führten, lange, ehe das gegenwärtige Spiel begann, im Voraus überlegt worden waren. Es war für mich ein altes Spiel, ein Spiel, das ich dreiundzwanzig Jahre mit wechselndem Glück gespielt hatte. Immer war ich freilich geschlagen worden; aber mit jeder Niederlage erhielt ich neue Kenntnis von dem Spiel, seinen Verwicklungen, seinen Schwierigkeiten, seinen Feinheiten, und mit jedem neuen Versuch kam der Erfolg etwas näher. Was früher unmöglich oder im besten Falle äußerst zweifelhaft erschienen war, begann den Anschein von Möglichkeit anzunehmen und zuletzt gar von Wahrscheinlichkeit. Alle Niederlagen wurden in jeder Beziehung auf ihre Ursachen hin untersucht, bis es möglich wurde zu glauben, dass diese Ursachen in Zukunft vermieden werden könnten und dass bei etwas gutem Glück das verlorene Spiel von fast einem Vierteljahrhundert in einen endlichen vollkommenen Erfolg verwandelt werden könnte.
Aber wenn es auch wahr ist, dass man die Entdeckung des Nordpols mit einem Schachspiel vergleichen kann, soweit Plan und Methode in Betracht kommen, so gibt es doch natürlich einen offensichtlichen Unterschied. Beim Schach kämpft Geist gegen Geist; bei der Eroberung des Pols aber war es ein Kampf von menschlichem Geist und menschlicher Ausdauer gegen die blinden, wilden Gewalten der Elemente, die oft unter fast unbekannten oder nur wenig von uns verstandenen Gesetzen und Impulsen handelten, die uns deshalb vielfach launisch und grillenhaft und nicht mit einiger Sicherheit vorherzusehen erschienen. Während ich also wohl die Hauptzüge meines Angriffes auf den eisigen Norden planen konnte, ehe wir von New York abfuhren, war es nicht möglich, alle Züge der Gegenseite vorherzusehen. Wäre dies möglich gewesen, dann hätte schon meine Expedition von 1905 bis 1906, die bis zu dem damals fernsten Nordpunkt von 87° 06’ gelangte, den Pol erreicht. Aber jeder, der mit den Ereignissen jener Expedition vertraut ist, weiß, dass ihr völliger Erfolg durch einen von jenen nicht vorherzusehenden Zügen unseres großen Gegners vereitelt wurde. Ungewöhnlich heftige und anhaltende Winde zerbrachen das polare Packeis, trennten mich mit ungenügenden Nahrungsmitteln von meinen Hilfsabteilungen, sodass ich umkehren musste, weil die Gefahr des Verhungerns drohte, gerade als das Ziel in erreichbare Nähe kam.
In Anbetracht der Art und Weise, in welcher der endliche Erfolg meine Prophezeiungen rechtfertigte, mag es vielleicht von Interesse sein, in einiger Ausführlichkeit den Feldzugsplan in Vergleich zu ziehen, den ich mehr als zwei Monate vor der Abreise der »Roosevelt« aus New York auf ihrer letzten Reise nach dem Norden bekannt gemacht hatte, mit der Art und Weise, in der dieser Feldzug nun auch wirklich ausgeführt wurde.
Anfang Mai 1908 skizzierte ich in einem veröffentlichten Rechenschaftsbericht den folgenden Plan:
»Ich werde dasselbe Schiff, die ›Roosevelt‹, benutzen, werde New York Anfang Juli verlassen, werde die gleiche Route einschlagen, Sydney (Kap Breton-Insel), Belle-Isle-Straße, Davis-Straße, Baffin-Bai und Smith-Sund, werde dieselben Methoden, Ausrüstungsgegenstände und Nahrungsmittel benutzen, werde eine kleine Anzahl von weißen Männern haben, die wir durch Eskimos ergänzen, werde diese Eskimos und Hunde wie früher in der Gegend des Walfischsundes aufnehmen und werde versuchen mein Schiff bis zu denselben oder doch ähnlichen Winterquartieren an der Nordküste von Grant-Land hinaufzuzwingen, alles gerade so wie im Winter 1905/06.
Der Schlittenmarsch wird wie zuvor im Februar beginnen, aber meine Marschroute wird folgendermaßen abgeändert werden: Zuerst werde ich der nördlichen Küste nach Westen bis zum Kap Columbia, möglicherweise auch noch weiter folgen, statt das Land schon bei Point Moß zu verlassen, wie ich es ehemals getan hatte.
Zweitens: Sobald wir das Land verlassen haben, wird mein Kurs mehr nach Nordwesten gehen als früher, um zu vermeiden oder, wenn man will, in Anschlag zu bringen den östlichen Bruch des Eises zwischen der Nordküste des Grant-Landes und dem Pole, den ich auf meiner letzten Expedition entdeckt hatte. Eine andere wesentliche Änderung wird eine energische Beisammenhaltung meiner Schlittenabteilungen auf dem Marsche sein, um zu verhindern, dass ein Teil der Expedition von den Übrigen abgetrennt wird und dann ungenügende Nahrungsmittel hat, um einen lang ausgedehnten Vorstoß zu machen – wie es mir ja bei der letzten Expedition ging.
Ich hege keinen Zweifel, dass jene Große Rinne (eine Straße von offenem Wasser), die ich bei meiner letzten Expedition auf dem Hinmarsch und dem Rückmarsch traf, ein wesentliches und dauerndes Merkmal von diesem Teil des arktischen Ozeans ist. Ich habe wenig Zweifel, dass ich diese Rinne anstatt der Nordküste des Grant-Landes mit voll beladenen Schlitten werde zum Ausgangspunkt wählen können. Ist dies geschehen, so wird es den Weg nach dem Pol um einhundertfünfzig Kilometer abkürzen und die Sache entschieden vereinfachen.
Bei dem Rückmarsch werde ich bei der nächsten Expedition voraussichtlich das freiwillig tun, was ich das letzte Mal unfreiwillig tat, d. h. ich werde mich auf die Nordküste von Grönland zurückziehen, anstatt zu versuchen an die Küste des Grant-Landes zurückzukommen. Ein Zusatz zu diesem Programm wird voraussichtlich die Errichtung eines Depots auf der Nordküste Grönlands sein, das die erste Hilfsabteilung, welche zum Schiff zurückkehrt, anzulegen hat.«
Die hauptsächlichsten Charakteristika dieses Programms fasste ich folgendermaßen zusammen:
»Erstens die Benutzung des Weges durch den Smith-Sund, der so genannten ›Amerika-Route‹. Diese Route muss heute als der beste von allen möglichen Wegen für einen ernsthaften Angriff auf den Pol bezeichnet werden. Ihre Vorteile liegen in einer Festlandbasis, die einhundertfünfzig Kilometer näher an den Pol heranreicht, als es an irgendeinem anderen Punkte der ganzen Peripherie des arktischen Ozeans vorkommt, einer langen Strecke Küstenlinie, auf der man seinen Rückmarsch nehmen kann, und eine sichere und (mir wenigstens) wohl bekannte Rückzugslinie, die von jeder Hilfe unabhängig macht, falls dem Schiff ein Unglück zustoßen sollte.
Zweitens die Wahl einer Winterbasis, die einen größeren Bezirk des inneren Polarmeeres und seiner umgebenden Küsten beherrscht. Kap Sheridan ist tatsächlich ebenso weit entfernt vom Crockerland als von dem bis jetzt noch unbekannten Teil der nördlichsten Küste von Grönland und von dem von mir im Jahre 1906 erreichten äußersten Nordpunkte.
Drittens die Benutzung von Schlitten und Eskimohunden. Männer und Eskimohunde sind nämlich die einzigen so anpassungsfähigen Maschinen, dass sie die großen Anforderungen und Zufälligkeiten arktischer Arbeit ertragen. Luftschiffe, Kraftwagen, abgerichtete Eisbären usw. sind alle ungeeignet, ausgenommen als Mittel, die öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen.
Viertens die Benutzung der hyperboräischen Eingeborenen, der Eskimos des Walfischsundes für die Schlittenarbeit. Es erscheint unnötig, die Tatsache besonders hervorzuheben, dass Männer, deren Erbschaft, Leben und Arbeit gerade in jener Gegend ist, das beste Material für das Personal einer ernsthaften arktischen Expedition sein müssen. Dies ist mein Programm. Der Gegenstand des Werkes ist die Aufklärung oder wenigstens die Festlegung in den allgemeinen Zügen der noch übrigen großen Probleme in dem amerikanischen Teil der Polargegenden und die Eroberung jener großen Welttrophäe, welche während der letzten drei Jahrhunderte der Gegenstand von Anstrengung und Wetteifer unter tatsächlich allen zivilisierten Nationen der Welt gewesen ist, für die Vereinigten Staaten.«
Und nun vergleiche man diesen Plan mit der Ausführung. Wie es geplant worden war, reiste die Expedition von New York Anfang Juli 1908, genau am 6. Juli, ab. Sie fuhr von Sydney am 17. Juli, von Etah am 18. August ab und kam in Kap Sheridan, dem Winterquartier der »Roosevelt«, am 5. September an. Bis auf eine Viertelstunde genau waren wir an derselben Stelle drei Jahre vorher angekommen. Der Winter wurde angewendet zu Jagden, zu verschiedenen Ausflügen, zur Herstellung der Ausrüstung für unsere Schlittenreise und zum Transportieren von Nahrungsmitteln von der »Roosevelt« längs der nördlichen Küste des Grant-Landes nach Kap Columbia, das unser Ausgangspunkt vom Lande auf unserer Polarreise selbst sein sollte.
Die Schlittenabteilungen verließen die »Roosevelt« vom 15. bis 22. Februar 1909, trafen sich in Kap Columbia, und am 1. März verließ die Expedition dies Kap und marschierte über das Polarmeer dem Pole zu. Der 84. Breitengrad wurde am 18. März überschritten, der 86. am 23. März: den italienischen Rekord schlugen wir am nächsten Tag. Den 88. Breitengrad erreichten wir am 2. April, den 89. am 4. April, und am Nordpol war ich am 6. April zehn Uhr morgens. Hier am Pol blieb ich dreißig Stunden mit Matt Henson, Utäh, dem treuen Eskimo, der im Jahre 1906 mit mir bis auf 87° 06’, damals dem fernsten Nordpunkte, gegangen war, und drei anderen Eskimos, die ebenfalls auf früheren Expeditionen bei mir gewesen waren. Wir sechs verließen auf der Rückreise den so viel ersehnten Pol am 7. April und erreichten das Land in Kap Columbia wieder am 23. April.
Die außerordentliche Schnelligkeit der Rückreise muss der Tatsache zugeschrieben werden, dass wir nur unsere alte Spur wieder aufzunehmen und keine neue zu machen hatten, und weil wir so glücklich waren nicht aufgehalten zu werden. Ausgezeichnete Bedingungen von Eis und Wetter trugen ebenfalls dazu bei, nicht zu erwähnen die Tatsache, dass die Freude des Erfolges unseren rot gelaufenen Füßen Flügel verlieh. Freilich, Utäh, der Eskimo, hatte seine eigene Erklärung. Er sagte: »Der Böse Geist schläft oder hat mit seinem Weibe Ärger, sonst würden wir nicht so leicht zurückgekommen sein.«
Bei dieser Zusammenstellung fällt auf, dass tatsächlich nur in einem einzigen Punkte von dem Plan wesentlich abgewichen wurde, und zwar, indem wir nach Kap Columbia an der Küste des Grant-Landes zurückkehrten, statt weiter östlich nach der Nordküste von Grönland zu gehen, wie ich es im Jahre 1906 getan hatte. Diese Änderung wurde aus guten Gründen, die später klargelegt werden sollen, vorgenommen. Auf meiner Reise liegt nur ein Schatten, und zwar ein recht tragischer. Ich denke dabei an den beklagenswerten Tod von Prof. Ross G. Marvin, der am 10. April, vier Tage, nachdem der Pol erreicht worden war, auf der Rückkehr 86° 38’ nördlicher Breite als Führer einer der Hilfsabteilungen zweiundsiebzig Kilometer nördlich von Columbia ertrunken ist. Mit dieser traurigen Ausnahme ist die Geschichte der Expedition ohne Flecken. Wir kehrten in unser Schiff zurück, zerschlagen, aber unverletzt, in ausgezeichneter Gesundheit und mit dem Protokoll eines völligen Erfolges.
Ohne die Hilfe unserer treuen Eskimos hätten wir schwerlich Erfolg gehabt; und auch mit ihnen würden wir ihn nicht gehabt haben ohne unsere Kenntnis ihrer Fähigkeiten in Bezug auf Arbeit und Ausdauer und ohne das Vertrauen, das jahrelange Bekanntschaft sie gelehrt hatte in mich zu setzen. Ganz gewiss hätten wir auch ohne die Eskimohunde keinen Erfolg gehabt, welche die Zugkraft für unsere Schlitten lieferten und uns so in den Stand setzten, unsere Nahrungsmittel dahin zu schaffen, wohin keine andere Kraft der Erde sie mit der nötigen Eile und Sicherheit geschafft haben könnte. Es kann auch sein, dass wir nicht erfolgreich gewesen wären ohne den verbesserten Schlitten, den ich konstruieren konnte, der in seinem Bau Kraft, Leichtigkeit und bequemes Fortbringen vereinigte und die schwere Aufgabe der Hunde sehr viel leichter machte, als sie ohne das gewesen wäre. Es kann auch sein, dass es uns misslungen wäre, hätten wir nicht solch ein einfaches Ding wie einen verbesserten Wasserkocher gehabt, den ich glücklich genug war auszudenken. Durch seine Hilfe waren wir in der Lage, in zehn Minuten Eis zu schmelzen und Tee zu machen. Auf unseren früheren Reisen hatte dies eine Stunde in Anspruch genommen. Tee aber ist eine absolute Notwendigkeit auf solch einer Schlittenreise, und diese kleine Erfindung sparte jeden Tag eineinhalb Stunden, während wir auf jener Reise dem Pol zustrebten, wo Zeit die Vorbedingung des Erfolges war.

Eskimo mit Schlittengespann
Jede nur mögliche Zufälligkeit, die mich Jahre von Erfahrungen zu erwarten gelehrt hatten, war vorgesehen worden, jeder schwache Punkt wurde bewacht, jede Vorsicht geübt. Ich hatte ein Vierteljahrhundert das arktische Spiel Eskimo mit Schlittengespann gespielt. Ich war dreiundfünfzig Jahre alt, ein Alter, über das hinaus vielleicht, mit einziger Ausnahme von Sir John Franklin, kein Mann je versucht hatte im Gebiet der Arktis zu arbeiten. Ich war ein wenig über den Höhepunkt meiner Kraft hinaus, es fehlte mir vielleicht ein wenig an der überschäumenden Elastizität und dem Elan jüngerer Jahre; aber diese Beeinträchtigungen wurden vielleicht völlig ausgeglichen durch eine geübte und abgehärtete Ausdauer, eine vollkommene Kenntnis meiner selbst und wie ich meine Kraft bewahren konnte. Ich wusste, es war mein letztes Spiel auf dem großen arktischen Schachbrett. Es hieß diesmal gewinnen oder für immer geschlagen sein.
Der Reiz des Nordens! Er ist ein sonderbares und mächtiges Ding. Mehr als einmal bin ich von den großen Eisgefilden zurückgekommen, zerschlagen und verbraucht und verspottet, zuweilen zum Krüppel gemacht, sodass ich mir selbst sagte, ich hätte meine letzte Reise hierher gemacht, begierig nach der Gesellschaft der Menschen, den Annehmlichkeiten der Zivilisation, dem Frieden und der Heiterkeit der Heimat. Aber es vergingen immer nur wenige Monate, bis das alte Gefühl ungeschwächt wieder über mich kam. Die Zivilisation begann für mich ihren Reiz zu verlieren.
Ich sehnte mich nach der großen weiten Wüste, den Kämpfen mit dem Eis und dem Sturm, der langen, langen arktischen Nacht, dem langen, langen arktischen Tag, der Hand voll von seltsamen, aber treuen Eskimos, die jahrelang meine Freunde gewesen waren, dem Schweigen und der Unermesslichkeit des großen, weißen, einsamen Nordens. Und ich ging also zurück. Einmal nach dem andern, bis zuletzt mein jahrelanger Traum Wirklichkeit wurde.
VORBEREITUNGEN
Ich bin sehr oft gefragt worden, wann ich zuerst den Gedanken gefasst hätte zu versuchen, den Pol zu erreichen. Aber diese Frage ist schwer zu beantworten. Es ist nicht möglich, dabei genau einen Tag oder Monat anzugeben und zu sagen: »Dann und dann kam mir der Gedanke zum ersten Mal.« Der Nordpoltraum war ein stufenweiser und fast unfreiwilliger Ausfluss meiner früheren Arbeit, die damit nichts zu tun hatte. Mein Interesse für arktische Arbeit geht zurück bis 1885, wo meine Phantasie als junger Mann beim Lesen der Erzählungen von Nordenskiölds Forschungsreisen in das Innere Grönlands angeregt wurde. Diese Studien nahmen mich völlig gefangen und brachten mich dazu, im folgenden Jahre ganz allein eine Sommerreise nach Grönland zu unternehmen. Irgendwo in meinem Unterbewusstsein mag ebenso lange eine dämmernde Hoffnung gewesen sein, einst den Pol selbst zu erreichen. Wie dem auch sei, der Magnet des Nordens, das »arktische Fieber«, wie man es genannt hat, war über mich gekommen und ich fühlte, dass mein Schicksal zwischen den eisigen Gefilden der arktischen Welt lag, ich fühlte, dass Wesen und Ziel meines Seins die Lösung der Geheimnisse der eisigen Wildnisse der Arktis war. Aber der Nordpol selbst als Ziel einer Expedition verwirklichte sich erst 1898, als die erste Expedition des Peary Arctic Club nach Norden ging mit der offen ausgesprochenen Absicht, den 90. Breitengrad zu erreichen – wenn es möglich wäre. Seit dieser Zeit habe ich sechs verschiedene Versuche in sechs verschiedenen Jahren gemacht, den ersehnten Punkt zu erreichen. Die Schlittensaison, in der solch ein Unternehmen möglich ist, reicht etwa von Mitte Februar bis Mitte Juni. Vor Mitte Februar ist nicht hinreichendes Tageslicht und nach Mitte Juni ist es wahrscheinlich, dass zu viel offenes Wasser hindert.
Während dieser sechs früheren Versuche, den Preis zu gewinnen, wurden nach und nach die Breiten von 83° 52’, 84° 17’ und 87° 06’ erreicht; Letztere gab den Vereinigten Staaten den Rekord des »weitesten Nordens« wieder, der ihnen für eine Zeit zuerst von Nansen, dann vom Herzog der Abruzzen entrissen worden war.
Bei der Schilderung dieser letzten und erfolgreichen Expedition ist es nötig, auf meine Rückkehr von der früheren Expedition (1905 bis 1906) zurückzugehen. Ehe die »Roosevelt« in den Hafen fuhr und ehe ich New York erreichte, plante ich eine neue Reise nach dem Norden, die ich, wenn ich die nötigen Gelder sicherstellen konnte – und meine Gesundheit wiedererlangte –, sobald als möglich anzutreten gedachte. Es ist ein Grundsatz der Physik, dass ein schwerer Körper sich in der Linie des geringsten Widerstandes fortbewegt. Aber dieses Prinzip scheint auf den Willen eines Mannes nicht anwendbar. Jedes Hindernis, das mir in den Weg trat, ob physisch oder geistig, ob Strecken offenen Wassers in den Eiswüsten des Polarmeers oder der Widerstand menschlicher Umstände, hat nur als Antrieb zu meinem Entschluss gedient, das festgesetzte Ziel meines Lebens zu erreichen, wenn ich lange genug lebte.
Bei meiner Rückkehr 1906 wurde ich sehr durch Herrn Jesup, den Präsidenten des Peary Arctic Club, ermutigt, der in so edelmütiger Weise zu meinen früheren Expeditionen beigesteuert hatte und zu dessen Ehren ich den nördlichsten Landpunkt der Welt, Breite 83° 39’, Kap Morris K. Jesup nannte. Er sagte in bedeutungsvollen Worten, dass er uns auf einer weiteren Nordreise durchhelfen würde. Sein Versprechen deutete an, dass ich all das Geld nicht in kleinen Summen von der mehr oder weniger widerstrebenden Welt erbitten sollte.
Der Winter von 1906/1907 und der Frühling von 1907 wurden dazu benutzt, der Welt die Ergebnisse der vorigen Expedition bekannt zu geben und der Arbeit so weit als möglich zu einer anderen Expedition neue Freunde zu gewinnen. Wir besaßen das Schiff, das im Jahre 1905 vierhundertwanzigtausend Mark gekostet hatte. Aber dreihunderttausend Mark waren nötig für neue Kessel und bauliche Veränderungen in der »Roosevelt«, für Ausrüstung und Betriebskosten. Während der Grundstock der nötigen Fonds von Mitgliedern und persönlichen Freunden des Peary Arctic Club geliefert wurde, kam ein sehr erheblicher Zuschuss aus allen Teilen des Landes in Zahlungen von vierhundert bis zwanzig Mark, ja herab bis zu einem Dollar. Diese kleineren Schenkungen wurden nicht weniger hoch geschätzt als die großen, weil sie die Freundlichkeit und das Interesse der Geber zeigten und mir die allgemeine Anerkennung der Tatsache bewiesen, dass, während die Expedition von Privatpersonen finanziert wurde, sie doch tatsächlich eine nationale Sache war.
Schließlich waren die Gelder – eingezahlte und versprochene – in solcher Menge vorhanden, dass wir die Verträge über neue Kessel für die »Roosevelt« aufsetzen und gewisse Abänderungen in ihrem Bau in Auftrag geben konnten, die sie für die nächste Reise geeigneter machen sollten, so die Vergrößerung der vorausliegenden Quartiere für die Mannschaft, dazu ein Loggersegel am Vormast und Umbauten bei der inneren Einrichtung. Die allgemeine Gestalt des Schiffes hatte sich schon für den Zweck, für den es beabsichtigt war, als gut bewährt, sodass also bei ihm keine Änderung erforderlich war.
Erfahrung hatte mich gelehrt, wie man im Norden bei offenem Wasser mit Verzögerungen zu rechnen hat, aber die ärgerlichen Verzögerungen von Schiffsbauern in der Heimat waren noch nicht in meinen Berechnungsplan aufgenommen. Die Verträge über die Arbeiten an der »Roosevelt« waren im Winter unterzeichnet worden, mit Erfüllung zum 1. Juli 1907. Wiederholte mündliche Versprechungen kamen zu diesem Vertrag, dass die Arbeit ganz bestimmt an diesem Tage fertig sein würde. Aber tatsächlich waren die neuen Kessel erst im September fertig gestellt und eingesetzt, und somit war jede Möglichkeit, im Sommer 1907 nach dem Norden zu gehen, ausgeschlossen.
Dieser Kontraktbruch der Unternehmer und die daraus folgende Verzögerung von einem Jahr waren ein harter Schlag für mich: Das wollte sagen, dass ich wieder um ein Jahr älter geworden war, ehe ich mein Problem in Angriff nehmen konnte. Es rückte den Anfang der Expedition weit hinaus in die Zukunft, mit all den möglichen Zufälligkeiten, die innerhalb eines Jahres vorkommen können, und bedeutete die Bitterkeit einer verschobenen Hoffnung.
An dem Tage, an dem ich mir jammernd darüber klar wurde, dass ich wirklich dieses Jahr nicht nordwärts segeln konnte, fühlte ich Ähnliches wie damals, als ich gezwungen war von 87° 06’ zurückzukehren, nur mit dem kleinen Trost des »am weitesten nördlich« anstatt des großen Preises, den zu erreichen ich mich ein Leben lang abgearbeitet hatte. Glücklicherweise wusste ich nicht, dass das Schicksal gerade dabei war, seine Faust zu einem anderen und noch schwereren Schlag gegen mich zu ballen.
Während ich mich trotz der ungerechtfertigten Verzögerung in Geduld zu fassen versuchte, kam das schwerste Unglück, das ich in all meiner arktischen Arbeit erlitten habe: der Tod meines Freundes Morris K. Jesup. Ohne seine versprochene Hilfe schien die neue Expedition unmöglich. Es muss hier der Wahrheit gemäß hervorgehoben werden, dass ihm, mehr als irgendeinem, die Gründung und Fortführung des Peary Arctic Club und der Erfolg der bisherigen Arbeit zu verdanken war. In ihm verlor ich nicht nur einen Mann, der finanziell ein Grundpfeiler der Arbeit war, ich verlor auch einen vertrauten persönlichen Freund, in den ich volles Vertrauen setzte. Zeitweise glaubte ich, dass dies das Ende von allem wäre, dass Anstrengung und Geld, das in das Unternehmen gesteckt war, vergeblich aufgewendet wäre.
Und doch, als ich mein Gleichgewicht wieder fand und die Lage recht ansah, stellte ich fest, dass das Unternehmen doch viel zu groß sei, um unterzugehen, dass es in dem großen Plan der Dinge nie würde durchfallen dürfen. Dieses Gefühl brachte mich über so manchen toten Punkt von Müdigkeit und die völlige Ratlosigkeit, wo das noch erforderliche Geld für die Expedition herkommen sollte. Das Ende des Winters und der Anfang des Frühlings 1908 brachten mehr als einen blauen Tag für alle, die an dem Erfolge der Expedition beteiligt waren.
Die Reparaturen und Änderungen an der »Roosevelt« hatten die Kasse des Klubs völlig erschöpft. Wir brauchten noch Geld, um Nahrungsmittel und Ausrüstungsgegenstände kaufen, die Mannschaft besolden und die laufenden Ausgaben bestreiten zu können. Mr Jesup war gestorben, das Land hatte sich noch nicht von dem letzten finanziellen Krach erholt; jeder war arm. Dies war die tiefste Ebbe. Aber nun trat die Flut wieder ein. Mrs Jesup sandte trotz ihres tiefen Kummers einen freigebigen Scheck, der uns in die Lage setzte, unbedingt nötige Posten von Nahrungsmitteln und Ausrüstungsgegenständen zu bestellen, deren Herstellung Zeit erforderte.
General Thomas H. Hubbard nahm die Präsidentschaft des Klubs an und fügte seinem schon recht großmütigen Beitrag noch einen weiteren großen Scheck hinzu. Henry Parish, Anton A. Raven, Herbert L. Bridgman, die mit Mr Jesup seit Beginn der Organisation Schulter an Schulter gestanden hatten, standen auch jetzt fest, um die Organisation des Klubs unversehrt zu erhalten; andere Männer traten hervor, und die Krise wurde überwunden. Aber das Geld kam noch schwer. Dies war der Gegenstand jedes meiner wachen Gedanken, und selbst im Schlaf ließ es mich nicht ruhen, sondern verfolgte mich mit spottenden und ausweichenden Träumen. Es war eine grausame, trübe, verzweifelte Zeit, da die Hoffnungen meines ganzen Lebens Tag für Tag stiegen und fielen.
Da kam ein unerwarteter Riss in diese Wolken: Ich erhielt einen sehr freundlichen Brief von Mr Zenas Crane, Papierfabrikant aus Dalton, Massachusetts, der zu einer früheren Expedition beigesteuert hatte, dem ich aber nie begegnet war.
Mr Crane schrieb, er habe ein lebhaftes Interesse an der Sache und halte es für erforderlich, dass der Plan von jedermann unterstützt werde, der sich um große Werke und das Ansehen des Landes kümmere, und er forderte mich auf, ihn zu besuchen, wenn ich es möglich machen könne. Natürlich konnte ich dies. Und ich tat es. Er gab mir einen Scheck über zehntausend Dollar und versprach mir, mehr zu geben, wenn es nötig sein sollte. Das Versprechen wurde gehalten und etwas später nahm er die Vizepräsidentschaft des Klubs an.
Von dieser Zeit kamen die Beiträge langsam aber ständig ein, und zwar in solcher Höhe, dass wir bei äußerster Sparsamkeit und völliger Kenntnis des für uns Nötigen und nicht Nötigen an den Einkauf der Nahrungsmittel und Ausrüstungsgegenstände gehen konnten.
Während dieser ganzen Wartezeit strömte eine kleine Sintflut von verdrehten Briefen aus allen Landesteilen auf mich ein. Es gab eine unglaublich große Anzahl von Menschen, die einfach überflossen von Erfindungen und Plänen, die in der Meinung der Schreiber das Erreichen des Pols absolut sicherstellen würden. Natürlich nahmen im Hinblick auf die zeitgenössische Richtung der Erfindergedanken Flugmaschinen den obersten Platz in der Liste ein. Autos, für die garantiert wurde, dass sie über jede Art von Eis liefen, kamen zunächst. Ein Herr hatte auch ein Unterseeboot, von dem er sicher war, dass es die Sache machen würde; aber er sagte nicht, wie wir dort am Pole durch das Eis auftauchen könnten, wenn wir unter Wasser hingefahren waren.
Noch ein anderer wunderlicher Kunde wünschte uns eine transportable Sägemühle zu verkaufen. Es war seine unternehmende Idee, sie sollte am Ufer des Inneren Polarmeers aufgestellt werden und ich sollte sie benutzen, um Hölzer zu schneiden zum Bau eines Holztunnels über das Eis des Polarmeeres auf dem ganzen Wege bis zum Pol. Ein anderer Kunde schlug vor, es sollte dort eine Zentral-Suppenstation eingerichtet werden, wo der andere Mann seine Sägemühle hingestellt haben wollte, und dass eine Reihe von Schlauchleitungen von dort aus über das Eis gelegt werden sollten, sodass die Reisenden, die sich über das Eis zum Pole durchkämpften, von der Zentralstation mit heißer Suppe erwärmt und gestärkt werden könnten. Das Hauptstück in dieser ganzen Sammlung wurde aber vielleicht von einem Erfinder geliefert, der wünschte, ich sollte die Rolle der »Menschlichen Kanonenkugel« spielen. Er wollte die Einzelheiten seiner Erfindung nicht darlegen, offenbar damit ich sie nicht stehlen könnte: aber es lief auf Folgendes hinaus: Wenn ich die Maschine in den hohen Norden hinaufbringen könnte und sie ganz genau in die richtige Richtung einstellte und lange genug durchhalten könnte, so würde sie mich unfehlbar an den Pol schießen. Er war so versessen darauf, mich nach dem Pol zu schießen, dass er ohne jede Sorge zu sein schien, was aus mir werden würde, wenn das mich tragende Geschoss schließlich niederfiele und – wie ich wieder zurückkommen könnte.
Viele Freunde der Expedition, die nicht bares Geld schicken konnten, sandten nützliche Gegenstände zur Ausrüstung, für die Bequemlichkeit und Unterhaltung der Leute. Unter diesen Sachen waren ein Billardtisch, verschiedene Spiele und zahllose Bücher. Ein Mitglied der Expedition hatte kurz vor dem Auslaufen der »Roosevelt« einem Journalisten gesagt, dass wir nicht viel zu lesen hätten. Nun wurde das Schiff mit Büchern, Zeitschriften, Zeitungen überschwemmt, die buchstäblich in Waggonladungen ankamen; sie wurden in allen Kabinen verstaut, in jedem Kasten, auf den Tischen der Messe, an Deck, überall. Aber die Freigebigkeit des Publikums war doch sehr erfreulich und unter den Büchern und Zeitschriften war viel guter Lesestoff.
Als für die »Roosevelt« die Zeit der Abfahrt kam, hatten wir alles, was wir brauchten an Ausrüstung, einschließlich Kisten mit Weihnachtssüßigkeiten für jeden Mann – ein Geschenk meiner Frau.
Ich hatte großes Glück mit dem Personal dieser letzten und erfolgreichen Expedition, denn bei der Auswahl konnte ich auf Teilnehmer früherer Expeditionen zurückgreifen. Eine gemeinsame Reise in der Arktis ist eine große Charakterprobe. Man kennt jemand nach sechsmonatigem Zusammensein jenseits des Polarkreises besser und genauer als bei lebenslanger Bekanntschaft in Städten. Da ist etwas, ich weiß nicht, wie ich es nennen soll, in diesen ruhigen Gefilden, das einen Mann sich selbst und seinen Gefährten Aug’ in Auge bringt; wenn er ein Mann ist, so kommt der Mann heraus; und wenn er ein Hundsfott ist, so zeigt sich der Hundsfott bald.
Der Erste und Wertvollste von allen war Bartlett, der Kapitän der »Roosevelt«, dessen Geschicklichkeit in der Expedition von 1905 bis 1906 erprobt worden war. Robert A. Bartlett, »Captain Bob«, wie wir ihn freundschaftlich nennen, stammt aus einer Familie kühner Neufundland-Fahrer, die lange mit arktischer Arbeit vertraut sind. Er zählte dreiunddreißig Jahre, als wir zuletzt nordwärts fuhren. Blauäugig, braunhaarig, mit Muskeln von Stahl, blieb sich Bartlett, ob er am Rade der »Roosevelt« einen Weg durch die Eisschollen suchte oder mit dem Schlitten über das Packeis tapste und stolperte oder Unstimmigkeiten unter der Mannschaft ausglich, immer gleich: unermüdlich, redlich, enthusiastisch, verlässlich wie ein Kompass.
Matthew A. Henson, mein Negerdiener, war in dieser oder jener Stellung bei mir seit meiner zweiten Fahrt nach Nicaragua im Jahre 1887. Ich habe ihn auf all und jeder von meinen Fahrten in die Arktis außer der ersten im Jahre 1886 mitgehabt und fast ohne Ausnahme auf jeder von meinen fernsten Schlittenfahrten. Diese Stellung habe ich ihm eingeräumt hauptsächlich wegen seiner Anstelligkeit und weil er sich für das Werk eignete, in zweiter Linie aber auch wegen seiner Anhänglichkeit an mich. Er hat alle physischen Leiden meiner arktischen Arbeit mit mir geteilt. Er zählt jetzt vierzig Jahre und ist wahrscheinlich der beste Hundefahrer, ausgenommen vielleicht einige der geschicktesten Eskimojäger selbst.
Ross G. Marvin, mein Sekretär und Assistent, der sein Leben bei der Expedition verlor, George A. Wardwell, der Chefingenieur, Percy, der Steward, Murphy, der Bootsmann, waren auch früher mit mir. Dr. Wolf, der Arzt auf der Expedition 1905 bis 1906, war leider beruflich verhindert wieder gen Norden zu gehen und seine Stelle wurde von Dr. J. W. Goodsell aus New Kensington eingenommen.
Da der Gesichtskreis dieser Expedition weiter war als der der früheren, da er ausgedehntere Flutbeobachtungen für die United States Coast and Geodetic Survey und, wenn die Umstände es erlaubten, nach den Seiten führende Schlittenreisen ostwärts bis Kap Morris K. Jesup und westwärts bis Kap Thomas Hubbard umfasste, so erweiterte ich meinen Stab, wie man wohl sagen kann, und fügte der Expedition noch die Herren Donald B. MacMillan von der Worcester Academy und George Borup von New York City bei.
Die Auswahl seiner Offiziere und Leute überließ ich Kapitän Bartlett mit der einzigen Ausnahme des Chefingenieurs.
Das Personal der Expedition war vollzählig, als die »Roosevelt« Sydney am 17. Juli 1908 verließ. Es bestand aus einundzwanzig Mann wie folgt: Robert E. Peary, der Befehlshaber der Expedition; Robert A. Bartlett, Kapitän der »Roosevelt«; George A. Wardwell, Chefingenieur; Dr. J. W. Goodsell, Arzt; Professor Ross G. Marvin, Assistent; Donald B. MacMillan, Assistent; George Borup, Assistent; Matthew A. Henson, Assistent; Thomas Gushue, Maat; John Murphy, Bootsmann; Banks Scott, Zweiter Ingenieur; Charles Percy, Steward; William Pritchard, Kabinendiener; John Connors, John Coadey, John Barnes, Dennis Murphy, George Percy, Matrosen; James Bently, Patrick Joyce, Patrick Skeans, John Wiseman, Heizer.

Kapitän Bartlett, Marie A. Peary, Ehepaar Peary und Robert E. Peary jr. an Bord der »Roosevelt«
Die Nahrungsmittel für die Expedition waren, was die Menge anbetrifft, reichlich vorhanden; aber sie waren nicht sehr abwechslungsreich. Jahre von Erfahrung hatten mir genaueste Kenntnis gegeben, was ich brauchte und wie viel von jedem. Die absolut notwendigen Nahrungsmittel für eine ernsthafte arktische Expedition sind an Zahl gering; aber sie sollten von bester Beschaffenheit sein. Leckerbissen haben keinen Raum in arktischer Arbeit.
Die Hilfsmittel für eine arktische Expedition teilen sich in zwei Klassen ein: die für die Schlittenreise, also für Arbeit im Felde; die für das Schiff, also für die Fahrt hin und zurück und die Winterquartiere. Die Hilfsmittel für die Schlittenreisen sind von besonderem Charakter und müssen so vorbereitet und gepackt werden, dass sie das Maximum an Nährstoff bei möglichst geringem Gewicht, Umfang und Gewicht der Verpackung sicherstellen. Notwendig, und zwar nur notwendig, sind für eine ernsthafte arktische Schlittenreise, unabhängig von der Jahreszeit, der Temperatur oder der Dauer dieser Reise – ob ein Monat oder sechs – nur vier: Pemmikan, Tee, Schiffszwieback, kondensierte Milch! Pemmikan ist ein präpariertes und kondensiertes Nahrungsmittel aus Ochsenfleisch, Fett und getrockneten Früchten. Es kann als das konzentrierteste und nahrhafteste von allen Nahrungsmitteln betrachtet werden und ist für arktische Schlittenreisen, die sich lange hinziehen, absolut unentbehrlich.
Die Nahrung zum Gebrauch an Bord und im Winterquartier besteht aus vorzüglicher Handelsware. Meine Expeditionen führten einen Artikel niemals mit, nämlich Fleisch. Für diesen wichtigen Zusatz zu arktischer Nahrung habe ich immer in der Gegend selbst gesorgt. Fleisch ist das Ziel der Jagdexpeditionen in den Wintermonaten, die nicht einen Sport darstellten, wie manche sich einbilden.
Hier seien einige von den Artikeln aus unserer Vorratsliste für die letzte Expedition angeführt: siebentausendzweihundertfünfzig Kilogramm Mehl, vierhundertfünfzig Kilogramm Kaffee, dreihundertsechzig Kilogramm Tee, viertausendfünfhundertdreißig Kilogramm Zucker, einhundertzweiunddreißig Hektoliter Petroleum, dreitausendeinhundertfünfundsiebzig Kilogramm Speck, viertausendfünfhundertdreißig Kilogramm Schiffszwieback, einhundert Kisten kondensierte Milch, dreizehntausendsechshundert Kilogramm Pemmikan, eintausenddreihundertsechzig Kilogramm getrockneter Fisch, vierhundertfünfzig Kilogramm Rauchtabak.
DIE ABFAHRT
Von ihrem Lagerplatz am Erholungspier, am Ende der 24. Straße von New York Ost, dampfte die »Roosevelt« bei der letzten Expedition nach Norden ab, ungefähr um ein Uhr nachmittags am 6. Juli 1908. Als das Schiff in den Fluss hinausfuhr, schallte ein Hoch über Blackwells Island von den tausenden, die sich an den Landungsstegen versammelt hatten, um uns abfahren zu sehen. Während die Jacht dahinrauschte, tuteten die Schlepper und Fährboote ihre guten Wünsche. Wir fuhren mit fast einhundert Gästen vom Peary Arctic Club an Bord der »Roosevelt«; außerdem waren zugegen: mehrere Mitglieder des Klubs mit seinem neuen Präsidenten, General Thomas H. Hubbard, der Vizepräsident Zenas Crane und der Sekretär und Schatzmeister Herbert L. Bridgman.
Als wir den Strom abwärts dampften, wurde der Lärm lauter und lauter. Die Pfeifen der Motorenhäuser und der Fabriken vereinigten ihre Grüße mit dem Tuten der Flussdampfer. An der Blackwell-Insel waren die Insassen draußen, um uns ihre Abschiedsgrüße zuzuwinken, und ihre Lebewohls wurden nicht am geringsten eingeschätzt, weil sie von Männern ausgingen, welche die Gesellschaft zum Besten der Gesellschaft hinter Schloss und Riegel gebracht hatte. Irgendwie wünschten sie uns Gutes. Ich hoffe, sie erfreuen sich jetzt alle der Freiheit und, was besser ist, sie verdienen dies. Bei Fort Totten passierten wir Präsident Roosevelts Jacht »Morgenstern« und ihr kleines Geschütz donnerte einen Abschiedssalut, während die Offiziere und Mannschaften winkten und Hurra schrien.
Die »Roosevelt« hielt bei New Bedford wegen der Walfischboote und machte auch einen kurzen Halt bei Eagle-Island, meinem Sommerheim an der Küste von Maine, um ein eisenbeschlagenes Reserveruder an Bord zu nehmen, das wir mitnahmen als Vorsichtsmaßregel gegen Unglücksfälle bei dem bevorstehenden Hauptkampf gegen das Eis. Bei der früheren Expedition, als wir kein Ersatzruder hatten, hätten wir gut zwei gebrauchen können. Aber diesmal, wo wir eins an Bord hatten, brachten es die Ereignisse mit sich, dass wir keine Gelegenheit hatten, es zu benutzen.
Ich richtete meine Abreise von Eagle-Island so ein, dass meine Frau und ich mit der Bahn fuhren und in Sydney bei Kap Breton am selben Tage wie das Schiff ankamen.
Ich liebe die malerische kleine Stadt Sydney sehr. Achtmal habe ich bei meinen arktischen Forschungen von da meinen Kurs nordwärts genommen. Meine Erinnerungen an die Stadt beginnen im Jahre 1886, als ich mit Kapitän Jackman in dem Walfischboot »Eagle« dorthin kam, ein oder zwei Tage an den Kohlen-Kais lag und Kohlen für meine erste Nordreise einnahm, die Sommerfahrt nach Grönland, während der ich das »arktische Fieber« bekam, das ich nie wieder losgeworden bin. Seit dieser Zeit ist der Ort aus einer kleinen Niederlassung, bestehend aus einem winzigen Gasthaus und wenigen Häusern, zu einer blühenden Stadt von siebzehntausend Einwohnern mit viel Industrie und einem der größten Stahlwerke der westlichen Halbkugel herangewachsen. Der Grund, weshalb ich Sydney als Ausgangspunkt wählte, war, weil sich dort Kohlengruben befinden. Die Stadt ist also der den arktischen Regionen nächste Ort, an dem ein Schiff Kohlen nehmen kann.
Meine Gefühle beim Verlassen Sydneys waren diesmal ganz andere als bei der Abreise zu den früheren Forschungsreisen. Dies ist freilich schwer zu beschreiben. Ich fühlte nach dem Lichten der Anker kein Unbehagen, denn ich wusste, dass ich alles getan hatte, was getan werden konnte, um den Erfolg zu sichern, dass vor allem alle wesentlichen Einzelheiten von Vorräten an Bord waren. Bei früheren Reisen hatte ich manchmal Besorgnis empfunden, aber während der ganzen letzten Expedition ließ ich mich durch nichts beunruhigen. Vielleicht hatte ich dies Gefühl der Sicherheit deshalb, weil ich jede mögliche Zufälligkeit berechnet zu haben glaubte, vielleicht auch, weil die niederschmetternden Schläge, die ich in der Vergangenheit erfahren, meinen Sinn für Gefahr abgestumpft hatten.
Nachdem die »Roosevelt« in Sydney Kohlen an Bord genommen hatte, gingen wir quer über die Bai nach Nord-Sydney, um dort das allerletzte Gepäck aufzunehmen. Als wir dann abfahren wollten, mussten wir bemerken, dass wir auf Grund festsaßen und etwa eine Stunde auf die Flut zu warten hatten, um loszukommen. Bei unseren Anstrengungen, das Schiff von der Stelle zu bringen, wurde eins von den Walfischbooten zwischen den Davits und der Mauer des Hafendammes zermalmt. Aber nach acht arktischen Feldzügen hält man einen kleinen Unfall wie diesen nicht mehr für ein schlechtes Vorzeichen.
Wir fuhren von Nord-Sydney am 17. Juli, ungefähr um halb vier Uhr nachmittags, in glänzend goldenem Sonnenschein ab. Als wir an der Signalstation vorbeifuhren, signalisierten sie uns »Lebewohl und glückliche Reise«. Wir antworteten »Danke sehr« und dippten unsere Flagge.
Ein kleiner Schlepper, den wir gemietet hatten, um unsere Gäste nach Sydney zurückzubringen, folgte der »Roosevelt« bis zum Low-Point-Licht außerhalb des Hafens. Dann kam er längsseits, und meine Frau, die Kinder, Oberst Borup mit zwei oder drei anderen Freunden wurden übergeschifft. Als mein fünfjähriger Sohn Robert mich zum Abschied küsste, sagte er: »Komm bald wieder, Papa«. Ungern sah ich den Schlepper in blauer Entfernung kleiner und kleiner werden. Noch ein Lebewohl: Brave, edle kleine Frau! Du hast mit mir am meisten unter all meinen arktischen Arbeiten gelitten. Aber diese Abreise war im Ganzen doch weniger traurig als die früheren. Ich glaube, wir fühlten beide, dass es die letzte war.
Als die Sterne aufleuchteten, waren auch die letzten Posten der Vorräte, die in Sydney an Bord genommen waren, verstaut und die Decks waren, wenigstens für ein arktisches Schiff, das auf der Ausreise nach dem Norden ist, ungewöhnlich frei bis auf das ganze Achterdeck, das hoch mit Kohlensäcken bepackt war.
Im Innern der Kabinen war freilich eitel Unordnung und Konfusion. Mein Zimmer war so voll von Sachen: Instrumenten, Büchern, Mobiliar, Geschenken von Freunden, dass kein Raum für mich war.
Nach meiner Rückkehr hat man mich gefragt, ob ich an diesem ersten Tag auf See in meiner Kabine auf dem Pianola gespielt hätte. Ich habe es nicht getan, und zwar hauptsächlich aus dem Grunde, weil ich nicht herankonnte. Die schaudererregenden Experimente dieser paar ersten Stunden bestanden hauptsächlich darin, einen zwei Meter langen und einen halben Meter breiten Raum in der Richtung auf meine Schlafkoje auszugraben, damit ich mich schlafen legen konnte, wenn die Zeit kam.
Ich habe eine besondere Vorliebe für meine kleine Kabine auf der »Roosevelt«. Ihre Geräumigkeit und das daran stoßende Badezimmer waren der einzige Luxus, den ich mir erlaubte. Die Kabine ist glatt, mit gelbem Fichtenholz getäfelt, weiß gestrichen. Ihre behagliche Einrichtung war das Ergebnis langer Erfahrungen in arktischen Gegenden. Sie enthält eine große eingebaute Schlafkoje, ein gewöhnliches Schreibpult, einige Bücherständer, einen Korbstuhl, einen Kontorstuhl, eine Kommode, letztere von meiner Frau meiner Bequemlichkeit gewidmet. Über dem Pianola hängt eine Fotografie von Mr Jesup und an der Seitenwand eine von Präsident Roosevelt mit Autogramm. Daneben die Flaggen: die seidene, von meiner Frau gearbeitete, die ich seit Jahren geführt habe, die Flagge der Delta-Kappa-Epsilon Alumni Association, die Flagge des Flottenvereins und die Friedensflagge der Töchter der amerikanischen Revolution. Weiter hängt dort eine Fotografie unseres Heims auf Eagle-Island und ein »wohlriechendes« Kissen, das meine Tochter Marie aus den Tannennadeln dieser Insel gemacht hat.
Das Pianola, ein Geschenk meines Freundes H. H. Benedict, war ein recht angenehmer Gefährte auf der letzten Reise und auf dieser bewährte es sich wieder als eine der größten Quellen unseres Vergnügens. Es müssen in meiner Sammlung wenigstens zweihundert Musikstücke sein, aber die Töne aus »Faust« rollten öfter über den Arktischen Ozean als alle anderen. Märsche und Lieder waren auch beliebt, ebenso wie »Die blaue Donau«. Und manchmal, wenn die Stimmung meiner Gefährten sehr gesunken war, spielte ich Gassenhauer.
Ich hatte in meiner Kabine auch eine ziemlich vollständige arktische Bibliothek, ganz vollständig wenigstens in Hinsicht auf alle letzten Reisen. Diese Bücher, mit einem großen Vorrat von Romanen und Zeitschriften, konnten dazu beitragen, die Langeweile der langen arktischen Nacht zu erleichtern, und sie zeigten sich auch sehr nützlich für diesen Zweck. In der Nacht spät aufsitzen will etwas besagen, wenn diese Nacht einige Monate lang ist.
Am zweiten Tag der Ausreise begann der Zimmermann die Reparatur des zerdrückten Walboots, unter Benutzung von Holz, das wir zu diesem Zwecke mitführten. Die See ging hoch und das Mitteldeck wurde fast täglich überspült. Meine Gefährten hatten sich allmählich in ihren Kabinen eingerichtet, und wenn einer Heimweh hatte, behielt er das Geheimnis für sich.
Unsere Wohnräume befanden sich im hinteren Deckhaus, das sich in voller Breite der »Roosevelt« von etwas achtern des Hauptmastes zum Besanmast erstreckt. Im Zentrum liegt der Maschinenraum mit dem Deckfenster und dem Feuerkanal von den Kesseln und an beiden Seiten die Kabinen und die Messen. Meine eigene Kabine ist die hinterste auf Steuerbord, weiter nach vorn liegen Hensons Zimmer, die Steuerbordmesse und in der vorderen Steuerbordecke die Kabine unseres Arztes Goodsell. Auf der Backbordseite liegt nach hinten Kapitän Bartletts Zimmer, das er mit Marvin teilt, und weiter nach vorn der Reihe nach die Kabinen des ersten Ingenieurs und seines Assistenten, die von dem Steward Percy und die von MacMillan und Borup. Dann waren der Maat und der Bootsmann in dem vorderen Backbordwinkel des Deckhauses und die Backbordmesse der jüngeren Offiziere. Zur Steuerbordmesse gehörten Bartlett, Dr. Goodsell, Marvin, MacMillan, Borup und ich.
Ich werde auf den Anfang unserer Reise von Sydney nach Kap York auf Grönland nicht in großer Breite eingehen, weil dies bei der jetzigen Jahreszeit eigentlich nur eine amüsante Sommerfahrt ist, wie sie jede seetüchtige Jacht ohne Gefahr oder Abenteuer unternehmen könnte; und ich habe wirklich interessantere und nicht alltägliche Dinge, über die ich schreiben kann.
Beim Passieren der Meerenge von Belle-Isle, »dem Kirchhof der Schiffe«, blieb ich die ganze Nacht auf, wie es jeder tut, der für sein Schiff sorgt. Dort droht immer die Gefahr, im Nebel Eisbergen zu begegnen oder durch die starken und launischen Strömungen auf die Küste geworfen zu werden. Ich musste dabei diese leichte Sommerdurchfahrt mit unserer Rückkehr im November 1906 vergleichen, als die »Roosevelt« die halbe Zeit mit einem Ende festsaß und die übrige Zeit, mit der Reling unter Wasser, rollte, zwei Ruder verlor, von der See gepeitscht, in der Eisbergzeit längs der Labradorküste dahinkroch, ohne dass wir wussten, wo wir in dem dichten Nebel waren. Den Point-Amour-Leuchtturm sahen wir erst in Steinwurfweite von der Küste und ließen uns nur durch die Sirenensignale von Point Amour und Bald Head und die Pfiffe der großen Dampfer leiten, die am Eingang der Enge lagen, zu vorsichtig, um die Durchfahrt zu wagen.
ZUM KAP YORK
Am Sonntag, den 29. Juli, schickten wir bei dem Point-Amour-Leuchtturm ein Boot an Land mit Heimtelegrammen – den letzten. Ich hätte gern gewusst, wie meine erste Depesche im nächsten Jahre lauten würde! Beim St.-Charles-Kap gingen wir gegenüber der Walfischstation vor Anker.
Zwei Wale waren dort am Tage vorher gefangen worden, und ich kaufte sofort einen als Futter für die Hunde. Dieses Fleisch wurde auf dem Hinterdeck der »Roosevelt« verstaut. Es gibt mehrere solche Walfisch-Faktoreien an der Labradorküste. Sie schicken einen schnell laufenden Stahldampfer mit einer Harpunierkanone am Bug hinaus. Wenn der Wal gesichtet ist, jagen sie drauflos, und sind sie nah genug, so schießen sie eine Harpune mit einer Explosionsbombe in das Riesentier. Die Explosion tötet es. Dann wird es längsseit festgemacht, an die Station geschleppt, auf einer Balkenbahn heraufgezogen, dann aufgeschnitten und jeder Teil des Riesenkadavers für irgendeinen Handelszweck nutzbar gemacht.
Wir hielten noch einmal bei Hawks-Hafen, wo die »Erik«, unser Hilfsdampfer, uns mit etwa fünfundzwanzig Tonnen Walfischfleisch an Bord erwartete.
Dann legten wir bei Turnavik-Island an, einer Fischstation, die Kapitän Bartletts Vater gehört, und nahmen eine Ladung von Labrador-Fellschuhen, die wir im Norden brauchen würden. Kurz ehe wir die Insel erreichten, hatten wir ein furchtbares Gewitter. Es war das nördlichste Gewitter, das ich erlebt habe.
Ich erinnere mich freilich, dass wir auf unserer Hinreise im Jahre 1905 in sehr schwere Gewitter kamen; die elektrischen Entladungen waren ebenso bedeutend, als man sie nur in Golfstürmen bei Reisen in südlichen Gewässern antrifft. Aber diese Gewitterstürme von 1905 fanden wir in der Gegend der Cabot-Meerenge, also weit südlich von denjenigen von 1908.
Unsere Reise nach Kap York war friedlich und ermangelte selbst der kleinen Aufregung dieser selben Reise drei Jahre vorher. Damals wurden nicht weit von Kap St. George alle Mann durch einen Alarm aufgeschreckt. Ein Deckbalken war durch den Feuerkanal der Kessel in Brand geraten. Auch wurden wir im ersten Teil unserer Reise nicht so viel von Nebel geplagt als im Jahre 1905. Tatsächlich war eigentlich jedes Vorzeichen glückbedeutend von der Abfahrt an, und zwar dermaßen Glück verheißend, dass die abergläubischen Matrosen wohl dachten, wir hätten zu viel Glück, als dass es dauern könnte. Ein Mitglied unserer Expedition klopfte immer auf Holz, zur Vorsicht, wie er es nannte. Es würde übereilt sein zu sagen, dass diese Vorsicht viel mit unserem Erfolge zu tun hatte, aber auf alle Fälle beruhigte sie ihn selbst.
Als wir stetig nordwärts dampften, wurden die Nächte kürzer und kürzer und immer heller, und als wir den Polarkreis überschritten – es war bald nach Mitternacht des 26. Juli –, waren wir im Gebiete der Mitternachtssonne. Ich habe den Polarkreis einige zwanzig Mal gekreuzt, hin und zurück, sodass sich der schöne, volle Eindruck dieses Erlebnisses bei mir etwas abgestumpft hat. Aber die arktisch »Grünen« meiner Gesellschaft, Dr. Goodsell, MacMillan und Borup, waren eigen ergriffen. Sie fühlten ähnlich, wie man beim ersten Überschreiten des Äquators fühlt. Es ist ein Ereignis.
Die »Roosevelt« war jetzt, nordwärts dampfend, auf dem Wege zu einer der interessantesten Örtlichkeiten. Es ist eine kleine Oase zwischen Wildnissen von Eis und Schnee und liegt an der Westküste von Nord-Grönland halbwegs zwischen dem Kane-Becken im Norden und Melville-Bai im Süden. Hier findet sich im schneidenden Gegensatz zum umgebenden Lande tierisches und vegetabiles Leben in Fülle, und im Laufe der letzten einhundert Jahre haben wohl ein halbes Dutzend arktische Expeditionen hier überwintert. Und hier ist auch die Heimat eines kleinen Eskimostammes.
Dieser kleine Zufluchtsort ist von New York etwa fünftausend Kilometer – etwa dreitausendfünfhundert Kilometer Luftlinie – entfernt. Vom Polarkreis liegt er rund neunhundertfünfzig Kilometer nordwärts, d. h. etwa halbwegs von dieser großen Breitenmarke bis zum Pole selbst. Hier dauert die große Polarnacht im Winter einhundertzehn Tage, und während dieser Zeit fällt kein Lichtstrahl ins Auge, wenn nicht Mond und Sterne scheinen. Im Sommer dagegen steht die Sonne eine gleiche Anzahl von Tagen immer am Himmel. Im Bezirk dieses kleinen Landes ist ein Lieblingsaufenthalt der Rentiere, die hier genügende Weide finden. Aber wir interessieren uns im Augenblick für dies einzigartige Fleckchen nur im Vorübergehen, und weil wir von hier die kleinen Bewohner der kalten Zone mitnahmen, die uns in unserem Kampfe weiter nordwärts helfen sollten.
Ehe wir diese einsame kleine Oase erreichten, die nur wenige einhundert Kilometer jenseits des Polarkreises liegt, kamen wir zu einem überaus merkwürdigen Punkte in unserer Ausreise, der uns die ganze Schrecklichkeit der vor uns liegenden Aufgabe klar machte. Kein zivilisierter Mann kann in diesem wilden Nordland sterben, ohne dass sein Grab eine tiefe Bedeutung hat für die, welche nach ihm kommen; und wie wir weiter fuhren, erzählten diese stummen Mahner an Heldengebeine ihre stille aber ergreifende Geschichte.
An der Südküste der Melville-Bai passierten wir die Enteninseln. Hier ist der kleine Kirchhof der schottischen Walfänger. Sie waren die Pioniere bei der Bezwingung der Passage von Melville-Bai und starben dort in der Hoffnung, dass das Eis aufgehen möchte. Diese Gräber weisen in den Anfang des 19. Jahrhunderts zurück. Von hier an ist die arktische Straße durch Gräber von unerschrockenen Männern bezeichnet, die in dem schrecklichen Kampfe mit Hunger und Kälte fielen. Diese Grabhügel machen jedem nachdenklichen Menschen die Bedeutung der arktischen Forschung klar. Die Männer, die dort liegen, waren nicht weniger mutig, nicht weniger klug als die Mitglieder meiner eigenen Expedition; sie waren nur unglücklicher.
Wir wollen einen Augenblick auf diese Hauptstraße hinblicken und ihre Erinnerungszeichen betrachten. An der Nordstern-Bai z. B. sind ein oder zwei Gräber von der Besatzung des englischen Schiffes »North Star«, das dort 1850 überwinterte. An den Cary-Inseln ist das namenlose Grab eines Mannes der vom Unglück verfolgten Kalstenius-Expedition. Etwas weiter nach Norden, bei Etah, sieht man das Grab von Sonntag, dem Astronomen von Hayes’ Expedition, und noch ein wenig mehr nördlich das von Ohlsen von Kanes Leuten. An der entgegengesetzten Seite sind die nicht gekennzeichneten Stellen, wo sechzehn von Greelys unglücklicher Mannschaft starben. Noch nördlicher, und zwar ostwärts oder nach der Grönlandseite, liegt das Grab von Hall, dem amerikanischen Führer der »Polaris«-Expedition. Westlich oder an der Seite von Grant-Land befinden sich die Gräber von zwei oder drei Matrosen der englischen Polar-Expedition von 1876. Und gerade an der Küste des Zentral-Eismeeres, bei Kap Sheridan, grüßt uns das Grab des Dänen Petersen, des Dolmetschers der englischen Polar-Expedition von 1876. Diese Gräber liegen da als stumme Zeugen früherer Bemühungen um den Preis; sie geben eine traurige Kunde von der großen Zahl tapferer Männer, die im Kampf um den Nordpol ihr Leben dahingegeben haben.
Wir erreichten Kap York am 1. August. Kap York ist ein steil aufsteigendes Vorgebirge und der südlichste Punkt des arktischen Küstengebiets, das von meinen Eskimos bewohnt wird, den nördlichsten menschlichen Wesen der Welt. Es ist das Vorgebirge, dessen weiß funkelnden Gletscher ich so manches Mal in der Ferne der Horizontlinie der Melville-Bai habe aufsteigen sehen, wenn meine Schiffe nordwärts dampften. Am Fuße des Vorgebirges liegt das südlichste aller Eskimodörfer wie ein Nest und hier fand stets Jahr um Jahr zwischen mir und diesem Stamm die erste Begegnung statt.
Bei Kap York standen wir auf der Schwelle unseres gegenwärtigen Arbeitsfeldes. Als ich dort ankam, hatte ich an Bord meines Schiffes all die Ausrüstungsgegenstände und alle Hilfsmittel, welche die zivilisierte Welt liefern konnte. Hier aber musste ich die Geräte, das Material, die Personen einnehmen, die die arktischen Gefilde selbst zu ihrer eigenen Eroberung zu liefern hatten. Kap York oder die Melville-Bai ist die Trennungslinie zwischen der zivilisierten Welt auf der einen Seite und der arktischen auf der anderen – der arktischen Welt mit ihren Eskimos, Hunden, Walrossen, Robben, mit ihrer Pelzkleidung und ihrer Eingeborenen-Erfahrung.
Hinter mir lag die zivilisierte Welt, die mir jetzt nicht mehr von Nutzen sein und mir nichts mehr geben konnte. Vor mir lag die pfadlose Wüste, durch die ich meinen Weg zum Ziel buchstäblich bahnen musste. Schon die Schiffsreise von Kap York zu den Winterquartieren auf der Nordküste des Grant-Landes ist nichts weniger als volle Fahrt; tatsächlich ist es während des letzten Teils überhaupt keine Fahrt, sondern ein Drücken und Stoßen und Ausweichen und Hämmern des Eises.
Würde ich Erfolg haben? Und würde ich zurückkehren?
Denn bei der Erreichung des 90. Grades brauchte der Erfolg nicht unter allen Umständen eine glückliche Rückkehr mit sich zu bringen. Im Polarlande sind die Chancen immer gegen den Forscher. Die unerforschlichen Wächter des Geheimnisses scheinen einen unerschöpflichen Vorrat von Trümpfen in der Hand zu haben gegen den Eindringling, der sich darauf versteift, sich an dem Spiel zu beteiligen. Das Leben dort ist ein Hundeleben – aber die Arbeit ist Männerarbeit.
Als wir am 1. August 1908 von Kap York nordwärts dampften, fühlte ich, dass ich jetzt in Wahrheit Auge in Auge dem endgültigen Kampfe gegenübertrat, alles in meinem Leben schien auf diesen Tag hingestrebt zu haben. Ich fühlte, dass alle meine Arbeitsjahre und früheren Expeditionen lediglich Vorbereitungen für diese letzte und höchste Anstrengung waren.
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