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ROBERT BRACK
DAMM
EIN STURMFLUT-THRILLER
BRUCH

Gebt mir nur einen Teufel auf einmal, so fecht ich ihre Legionen durch! Shakespeare, Der Sturm
Inhalt
Kapitel 1
Kapitel 2
Kapitel 3
Kapitel 4
Kapitel 5
Kapitel 6
Kapitel 7
Kapitel 8
Kapitel 9
Kapitel 10
Kapitel 11
Kapitel 12
Kapitel 13
Kapitel 14
Kapitel 15
Kapitel 16
Kapitel 17
Kapitel 18
Kapitel 19
Kapitel 20
Kapitel 21
Kapitel 22
Kapitel 23
Kapitel 24
Kapitel 25
Kapitel 26
Kapitel 27
Kapitel 28
Kapitel 29
Kapitel 30
Kapitel 31
Kapitel 32
Kapitel 33
Kapitel 34
Kapitel 35
Die Personen
Der Autor
1
Betty stand unter der knorrigen Weide am Vogelhüttendeich in Wilhelmsburg und schaute über den Ernst-August-Kanal. Um sie herum rauschte es. Der Wind zerrte an Kleid und Mantel, wollte ihr das Tuch vom Kopf reißen. Und warum auch nicht? Sie zog es ab und ließ die kastanienbraunen Locken im kalten Wind flattern.
Aber das Rauschen kam nicht vom Wind, der durch die Bäume am Kanalufer fegte, die hängenden Zweige der Trauerweiden zum Flattern brachte und über die Wasseroberfläche peitschte, dass es spritzte. Das Rauschen hatte nichts mit dem Baum und seinen Ästen zu tun, denn der hatte keine Blätter, es war Winter, Mitte Februar. Nein, das Rauschen hing in der Luft. Überall. Seit Tagen schon. Es war allgegenwärtig und wollte nicht aufhören. Ihrem Gefühl nach lag es über der ganzen Stadt, über dem ganzen Land, über der ganzen Welt. Vom Wind gemacht, der unsichtbare Saiten in der Luft zum Klingen brachte und eine tosende Musik erzeugte. Eine Sturmsinfonie. Nicht gerade harmonisch, aber bombastisch. Ein vielstimmiges dröhnendes Brausen.
Das Großartige daran war: Man konnte diese Musik nicht nur hören, sondern sogar spüren. Es war ein handfester Missklang, der sie packte und schüttelte, der an ihr riss und zerrte, der sich ihr entgegenschleuderte und versuchte, sie umzuwerfen, hochzuheben, fortzuwehen. „Wo der Wind mich hingetragen“, dachte Betty, „ja, das weiß kein Mensch zu sagen.“
Sie drehte sich um, wandte sich ab von den kleinen Hütten, die hinter ihr geduckt in einer Kuhle lagen, schaute über den Kanal in die Ferne, in jene Richtung, in die der Wind sie zu drängen versuchte. Aber nach Osten? Wieder nach Osten? Niemals!
„Du kannst mich in den Kanal werfen, du brüllendes Ungeheuer“, dachte Betty, „aber du wirst mich niemals wieder in den Osten schaffen, nicht dorthin. Nicht auf diese blutgetränkte Erde. Ich habe der Erde dort zu viel Blut gespendet!“
Und jetzt schrie sie es: „Niemals! Niemals, ihr verfluchten Dreckschweine, ihr Hundesöhne, ihr Mistkerle! Niemals werdet ihr mich wieder treten, mich in den Schmutz werfen und mich quälen. Nein! Nein! Nein!“
Der Sturm schluckte ihre Schreie, als hätte ihr Mund lautlose Worte geformt. Wie oft hatte sie diese Beschimpfungen heimlich geflüstert, nachts unter der Bettdecke? Aber heute ganz laut! Ach, wie tut es gut, alles herausschreien zu können, es wegzuschreien. Der Welt die eigene Wut entgegenzuschleudern, ohne dass es falsche Ohren hören. Die richtigen Ohren, das sind die Ohren der Natur. Die falschen, das sind die Ohren der Menschen. Mit der Natur kann man nicht einfach kurzen Prozess machen, mit den Menschen schon. Ja, so ist das. Trau dich, Betty! Die Zeit des Großreinemachens ist gekommen, des rücksichtslosen Aufräumens. Sei ein Sturm, Betty, fahre hinein in das Dasein dieser Elenden und fege sie hinweg mit harter Hand. Zack!
Sie lachte. Schüttelte sich. Mehr noch als der Sturm wurde sie von der in ihrer Brust aufwallenden Freude geschüttelt. Sie krümmte sich vor Lachen, richtete sich wieder auf und breitete die Arme aus, um sich dem Wind zu ergeben. Und wirkte mit ihren flatternden Haaren und dem weit geöffneten Mund wie eine rachsüchtige Medusa.
Klatsch, traf sie ein Peitschenhieb am Hinterkopf. Das hast du nun davon, du dummes Mädchen! Die Weide trauert nicht, sie schlägt zurück. Der Wind beansprucht die Vorherrschaft. Du bist kein Sturm, kein Orkan, du bist nur ein kleiner Mensch.
Ach was! Besser du wirst vom Wind gepeitscht als von einem Folterknecht.
Betty drehte sich um und stapfte in ihren Gummistiefeln durch den Morast der Gartenkolonie zurück zu ihrer Bude.
2
Der Junge stemmte sich gegen den Wind. Lag schräg darauf wie auf einem Luftkissen, das verhinderte, dass er auf die Schnauze fiel. Alberner Kerl, dachte Rinke, während eine vorbeifahrende Straßenbahn ihm die Sicht nahm. Dann war der Bursche wieder zu sehen. Gleiche Haltung, immer noch schräg und mit ausdrucksloser Miene.
Auch wenn er nicht so grotesk schief gelegen hätte, sah er in Rinkes Augen lächerlich aus. Und er war zu jung. Trug Blue Jeans und eine Lederjacke, Tolle mit Entenschwanz, Rollkragenpullover und – immerhin – Wildlederschuhe mit Kreppsohlen. Ein Leisetreter im Stil der Halbstarken, die Rock’n’Roll hörten, der seit einiger Zeit auch auf dem Kiez Furore machte. Die Stern-Lichtspiele in der Großen Freiheit wurden gerade zu einem Musikklub umgebaut. Damit noch mehr Lärm produziert werden konnte. Wirklich gute Musik wurde systematisch abgeschafft. Ein Trauerspiel, wie Rinke fand, aber er war in dieser Hinsicht auch sehr altmodisch.
Dabei war Rinke erst siebenundzwanzig Jahre alt. Er trug einen schwarzen Trenchcoat, eine Schiebermütze und ebenfalls Wildlederschuhe mit Kreppsohlen. Auch er war ein Leisetreter, aus gutem Grund. Dass er altmodisch war, lag vielleicht daran, dass er einen nicht unerheblichen Teil seines noch jungen Lebens hinter Gittern verbracht hatte, wodurch seine Verbindung zum Alltag immer wieder unterbrochen worden war.
Eine Windböe attackierte seine Mütze. Rinke zog sie noch tiefer ins Gesicht, stellte den Mantelkragen hoch und überquerte die Reeperbahn. Ein VW Käfer hupte ihn frech an, ein vorbeifahrender Opel Kapitän spritzte Wasser gegen seine Hosenbeine. Die Straßenbahn klingelte.
Rinke ließ sich nicht beirren, ging schnurstracks auf den Jungen zu, der an der Ecke zur Talstraße im Wind herumalberte. Wenn der mir jetzt komisch kommt, kriegt er einen Tritt in den Arsch und tschüs, nahm er sich vor.
Der Junge sah ihn kommen und erkannte sofort, dass dies seine Verabredung war. Er stellte sich gerade hin, stramm und ordentlich, als wollte er bei der Bundeswehr anheuern. Ich weiß ja nicht, dachte Rinke, der ist doch noch feucht hinter den Ohren. Aber in der Not frisst der Teufel Fliegen. Wenn dein Kumpel plötzlich und unerwartet aus dem Verkehr gezogen wird, brauchst du einen Ersatzmann. Und wenn die Zeit drängt, nimmst du fast jeden. Na, schauen wir ihn uns mal an.
Er blieb vor ihm stehen und tippte sich an die Mütze.
„Tach.“
„Tach auch“, nickte der Junge und fuhr sich mit beiden Händen über die Frisur, als fürchtete er, sie könnte in Unordnung geraten sein. Dabei war sie mit einem halben Pfund Pomade beschwert. Fehlte nur noch, dass er einen Kamm aus der Gesäßtasche zog, um sich zu frisieren.
„Und sonst?“
„Würd gern ‘ne Zigarette rauchen, dick und rund.“
Rinke nickte, zog eine Packung „Juno“ aus der Manteltasche und bot dem Jungen eine an. Der griff zu. Rinke gab ihm Feuer, was gar nicht so einfach war bei dem Wind. Sie mussten dazu ganz dicht an das Eckhaus treten.
„Wir sind also verabredet“, stellte Rinke fest.
Der Junge grinste. „Stimmt.“
Rinke nahm sich die Zeit, seine eigene Zigarette anzuzünden, und nickte knapp.
„Na, dann gehen wir mal los.“
Rinke schritt aus. Der Junge kam gerade so mit und fragte schräg von der Seite: „Äh, stellen wir uns nicht vor? Du heißt Lucius, oder?
„Sag einfach Lou, das genügt. Lou wie das Raubtier.“
Der Junge sah ihn leicht irritiert an. „Löwe?“
„Wolf!“
„Ah … ähm, mein Name ist Peter Kummerfelt. Mit t hinten.“
Rinke blieb stehen und schaute ihn mit gespielter Empörung an: „Im Ernst? Das ist ja wirklich erstaunlich!“
Der Junge ballte die Fäuste.
Rinke gab ihm grinsend einen Klaps auf die Schulter und sagte: „Ich nenne dich Piet, das ist kürzer.“
„Meinetwegen.“
Sie gingen weiter. Der Wind fauchte um die Hosenbeine der Passanten, als wollte er sie fesseln und zu Fall bringen.
Eine Matrone in der Uniform der Heilsarmee brachte ihre Tuba vor dem Sturm in Sicherheit. Ihr älterer Kollege wurde mit seiner Basstrommel in den Hauseingang neben dem Backsteingebäude gedrückt, direkt gegen das verführerische Lächeln einer halbnackten Frau in Strapsen auf der Reklametafel des Tag- und Nachtklubs „Rote Katze“. Der Musikant ging in die Knie.
Rinke blieb stehen und half ihm wieder hoch, schob ihn aus dem Eingang in Richtung des „Jesus lebt“-Schriftzugs. Dann musterte er interessiert die üppige, barbusige Schönheit auf dem Plakat. Sein Blick fiel in das mit rotem Samt ausgeschlagene Schaufenster, in dem neben einer Sektflasche, einer schwarzen Maske und langen Handschuhen ein fein säuberlich drapiertes Negligé lag. Dazu eine kleine Statuette aus Plastik: die Venus von Milo mit ausgestreckten Armen! „Frohsinn und Glück rund um die Uhr“ stand in goldenen Buchstaben gestickt auf einem Band aus rotem Samt. Auf einem hässlichen, vergilbten Schild am Rand der Hinweis: „Kein Zutritt unter 21!“
„Wie alt bist du denn?“, fragte Rinke.
„Wieso?“
„Wie alt!“
„Na ja, einundzwanzig.“
„Dass ich nicht lache.“
„Achtzehn.“
„Pah!“
„Doch! Fast achtzehn.“
Rinke schüttelte den Kopf. „Egal, wir gehen trotzdem rein.“
Der Junge schaute beinahe bestürzt auf das Plakat mit der Nackten und stolperte hinter Rinke in die Rotlichtbar. Ein kalter Windstoß fuhr ihm über den Nacken, als wollte er ihn zurückhalten. Sie duckten sich durch einen schweren filzigen Vorhang.
Drinnen konnte man zunächst kaum etwas erkennen.
Die Augen mussten sich erst an den roten Samt, die roten Lämpchen, den schwarzen Tresen und Tische gewöhnen. Die nackte Haut der Damen auf den Sofas hob sich grell von der Umgebung ab. Kaltes Fleisch notdürftig in enges Korsett oder knappes Kleid geschnürt. Piets Blick blieb an bläulichen Adern auf prallen Oberschenkeln und wulstigen Brüsten hängen.
Rinke trat an den Tresen. Die Frau dahinter sah aus wie ein in die Jahre gekommenes Saloon-Girl aus einem Western mit grotesk rotgefärbten Haaren. Sie trug ein grünes Kleid, unter dem nicht viel von ihr zu erkennen war bis auf das Dekolleté, das dem Grand Canyon Konkurrenz machen konnte. Sie beugte sich nach unten und brachte eine Flasche Faber-Sekt zum Vorschein: „Champagner für die Herren?“ Gefälschtes Lächeln, bröckelnder Lippenstift, die hochtoupierten blonden Haare schwankten hin und her.
„Nein, danke“, sagte Rinke.
Sie stutzte, als sie den Jungen genauer musterte. „Eine Dame zur Gesellschaft?“
„Nein“, sagte Rinke.
Sie kniff die Augen zusammen. „Schüler haben keinen Zutritt.“ Sie machte eine Handbewegung, als wollte sie Piet nach draußen scheuchen.
„Wir sind verabredet“, sagte Rinke stoisch.
„Verabredungen finden hier erst ab einundzwanzig statt.“
„Mit Ullmann.“
„Kenn ich nicht. Hier sind nur Frauen, wie man sieht.“
„Onkel Otto ausm Bambi.“
„Na schön“, lenkte die Bardame ein. „Ich schau mal nach, was sich machen lässt.“ Sie hob eine Klappe und kam hinter dem Tresen hervor. Unter ihrem wallenden Kleid trug sie Holzsandalen. Sie öffnete eine Tapetentür mit kleinem, schwarzem Knauf und verschwand.
Rinke ließ seinen Blick durch die Bar schweifen und nickte den beiden Frauen auf dem Sofa zu. „Ihr habt ja gar keine Musik hier“, stellte er fest.
Die Blonde in Korsett und Strapsen sagte: „Kostet Geld“, und deutete auf eine Musikbox weiter hinten in dem schlauchartigen Raum.
„Und ihr habt keins?“, fragte Rinke betont ungläubig. „Bei den Preisen hier?“
„Sackt alles die Chefin ein“, sagte die Schwarzhaarige in dem knappen grünen Kleid und streckte ein schlankes Bein aus. Netzstrümpfe endeten in glänzenden Pumps, die so eng waren, dass Aschenputtel sie in allen Lebenslagen garantiert nicht verlor.
Rinke ging an den beiden vorbei und beugte sich über die Wurlitzer. Suchte die Songtitel ab, fand einen, den er kannte, zog sein Portemonnaie aus der Innentasche des Mantels und warf zwei Groschen in den Schlitz. Dann drückte er L14. Die Mechanik setzte sich in Bewegung. Rinke ging zurück zum Tresen.
Eine Bläserfanfare ertönte. Piet zuckte zusammen. Die beiden Frauen runzelten die Stirn. Eine Streicherkaskade ergoss sich wie eine Flutwelle aus den Lautsprechern, dann eine helle klare Stimme, eine spanische Melodie: „Malagueña“. Gesungen von Caterina Valente. Rinke atmete tief durch.
Piet warf ihm einen ungläubigen Blick zu.
Rinke holte die Zigaretten hervor und bot dem Jungen eine an. Bläser, Streicher und Gesang überschlugen sich vor Begeisterung und das Stück mündete in einen Flamenco-Rhythmus. Rinke deutete Tanzbewegungen an, wiegte Hüften und Schultern. Piet rauchte verbissen.
Die Tapetentür ging wieder auf, die Bardame steuerte auf sie zu, blieb dicht vor Rinke stehen und sagte: „Mir könntest du auch mal eine anbieten.“
Rinke hielt ihr die Packung hin und gab ihr Feuer. „Die Marke passt zu dir.“
„Na klar.“ Sie blies den Rauch über ihn hinweg. Sie war größer als er, obwohl sie nur Sandalen trug.
„Kommt mal mit. Aber fass bloß nichts an“, sagte sie zu Piet, dessen Blick immer wieder klammheimlich zu den Animiermädchen schweifte. „Sonst kriegen wir noch Ärger von wegen Sitte und Moral.“ Die Mädchen kicherten.
Hinter der Tapetentür führte eine schmale steile Treppe nach oben. Die Bardame ging mit klappernden Sandalen voran, das Kleid leicht geschürzt. Die trällernde Stimme von Caterina Valente folgte ihnen.
Oben ein Flur mit gelb-grün gestreifter Tapete und eine Reihe Türen mit Nummern, die allerdings keine Reihenfolge ergaben. Sie trat vor eine, die halb geöffnet war, und deutete mit dem Daumen hinein: „Bitte.“
„Herzlichen Dank für Ihre Mühe“, sagte Rinke, was sie wohl als Frechheit interpretierte, denn sie verzog abweisend das Gesicht. Rinke grinste und trat ein. Der Junge folgte, schloss die Tür und baute sich dahinter auf, breitbeinig, Arme verschränkt.
„Guten Tag, Otto.“
„Entschuldigung.“ Ein kleiner Mann in braunem Anzug mit gepunkteter Krawatte, weiß-braunen Budapestern und einem dünnen, schwarzen Oberlippenbart unter einer prominenten Hakennase stand von einem Doppelbett auf, das den größten Teil des Raumes einnahm. Darauf lag eine üppige Brünette in Lederkostüm mit vielen Schnüren und begutachtete sich im Spiegel hinter dem Bett.
„Du kannst gehen, Eva“, sagte der kleine Mann.
Sie verschwand nach draußen, auf hohen, dünnen Absätzen balancierend. Ihr linkes Auge umrahmte ein tiefdunkles Veilchen.
„Entschuldigung, wir hatten eine Besprechung.“
Rinke deutete auf sein Auge und sagte: „Hatte sie das schon vor der Besprechung?“
„Hör mal, für wen hältst du mich? Ich bin doch kein Unmensch. Im Gegenteil, ich musste sie trösten. Das gehört zum Geschäft.“ Ob er das Veilchen meinte oder das Trösten, blieb offen.
Die beiden Männer gaben sich die Hand.
Ullmanns Blick fiel auf Piet, der dastand wie Pik Sieben. „Wer ist das denn?“
„Mein Lehrling.“
„Wie heißt du?“, blaffte Ullmann.
„Peter Kummerfelt“, stieß der Junge hervor wie beim Appell.
Ullmann schaute Rinke an. „Der muss ja noch viel lernen.“
„Er heißt Piet“, sagte Rinke. „Mit einem t hinten.“
„Wie lange kennt ihr euch?“
„Seit eben.“
„Und den willst du mitnehmen?“
„Er ist mir empfohlen worden.“
„Von wem?“
„Erwin aus dem Hippodrom.“
„Der hat ein Herz für Trebegänger.“
„Und ein Auge für junge Talente.“
Beide lachten. Piet schaute sie irritiert an. Er hatte das Gefühl, dass dieser Witz, den er nicht verstand, auf seine Kosten ging.
„Ich arbeite da!“, stieß er zornig hervor.
„So?“ Ullmann hob eine Augenbraue.
„Er fegt das Sägemehl zusammen“, erklärte Rinke.
Ullmann grinste. „Da hat er ja zu tun. Und ein paar Äppel springen auch noch dabei raus.“
Piet warf ihm einen finsteren Blick zu.
„Na schön“, sagte Ullmann. „Dann gehen wir mal in den Keller und schauen uns die Folterwerkzeuge an.“ Er zog die Schublade des Nachtschränkchens auf und nahm einen Eisenring heraus, an dem mindestens zwanzig Schlüssel hingen.
3
Sie stiegen die Treppe ins Erdgeschoss hinab, liefen einen kurzen Gang entlang und gelangten zu einer Tür, die ziemlich morsch aussah, leicht schief hing und vier Schlösser hatte. Ullmann wählte nacheinander vier Schlüssel aus und schloss auf. Die Tür schwenkte langsam auf, sie war sehr schwer wegen der Stahlplatten auf der Innenseite. Sie folgten Ullmann in den Keller, wo er einen Verschlag öffnete, in dem ein paar Kohlen, Briketts und Reste von Feuerholz lagen. Eine weitere Tür mit weiteren zwei Schlössern, dann standen sie in einem Raum, der wie das Büro eines Buchhalters aussah. Mit Schreibtisch, Aktenregal und Rollschrank. Ungewöhnlich waren nur das Gemälde von einem röhrenden Hirsch im Wald, auf dem eine nackte Diana saß, und das „Micky Maus“-Heft auf dem Tisch. Das Titelbild zeigte Donald, wie er mit einem Regenschirm von einer Skischanze springt. In einer Ecke stand ein kleiner Tresor, dessen Schloss herausgebrannt worden war. Daneben lehnten ein Schneidbrenner an der schimmeligen Wand sowie zwei Gasflaschen, die eine rot, die andere blau. Außerdem lagen da noch ein Paar Handschuhe und eine Schutzbrille.
„Bitte schön“, Ullmann deutete auf die Geräte. „Zinser, made in Germany. Mit dem haben schon die Gebrüder Sass gearbeitet! Brennt gut und schneidet gut, wie du siehst. Wir haben das Ding spaßeshalber mal ausprobiert. Wir dachten schon, du kommst gar nicht mehr.“
„Hat sich was verzögert.“ Rinke ließ offen was. Ullmann schien das zu akzeptieren.
Rinke griff nach dem Schneidbrenner und inspizierte ihn gründlich. Am Griff war eine kleine Plakette angebracht: schwarzer Adler auf gelbem Untergrund, umrundet von dem Schriftzug „Deutsche Reichsbahn“.
„Ist der aus der Zone?“
„Quatsch. Das ist noch bewährtes Handwerkszeug aus der guten alten Zeit. Damit haben die Nazis Eisenbahnschienen im Osten zusammengeschweißt.“
„Na, vielen Dank auch. Und meine Vorfahren und ihre Genossen ins KZ transportiert.“ Rinke verzog das Gesicht.
„Tu nicht so empfindlich“, sagte Ullmann. „Du revanchierst dich ja jetzt.“
„Ich muss das Ding erst mal ausprobieren.“
„Bitte, tu dir keinen Zwang an.“ Ullmann trat hinter den Schreibtisch, setzte sich in einen quietschenden Drehstuhl, griff nach dem Comicheft und schlug es auf.
Rinke drehte Acetylen und Sauerstoff an und zündete die Flamme. Probierte kurz am Tresor herum, nickte vor sich hin und schien zufrieden. Er schaltete das Gerät aus.
„Wenn ich mich recht erinnere, hat mein Vater auch eine Weile mit so einem Gerät gearbeitet.“
„Also bitte, Familientradition“, sagte Ullmann, ohne aufzuschauen. „Was willst du mehr.“
Piet stand wieder herum wie Pik Sieben.
Ullmann lachte über eine lustige Comicszene mit dem Großen Bösen Wolf. Betont desinteressiert fragte er: „Seit wann bist du raus?“
„Knapper Monat“, sagte Rinke, während er das Gas abdrehte und die Schläuche abschraubte.
„Und schon geht’s wieder los“, sagte Ullmann. „Tja, der Mensch muss arbeiten.“
„Ich hab Pläne.“
„So?“
„Ja.“
„Und zwar?“
„Diese Sache und dann dampfe ich ab nach Spanien. In Marbella scheint die Sonne sogar im Winter und auch nachts.“
„Hab davon gehört. Wirst ganz schön ins Schwitzen kommen.“
„Genau das ist meine Absicht“, sagte Rinke halb ironisch, halb ernsthaft.
Ullmann grinste. „Zum Schweißen braucht man Hitze.“ Er legte das Heftchen beiseite und schwang die Beine vom Tisch. „Die Leihgebühr krieg ich dann von Eier-Meier, nehme ich an. Kaution hat er ja schon gestellt. “
„Gut. Dem gebe ich auch das Werkzeug zurück.“ Das war nur so dahingesagt. Beide wussten, dass ein Schneidbrenner in der Regel am Tatort zurückblieb.
„Hast wohl immer noch einen Stein bei ihm im Brett.“
„Er war gut mit meinem Vater befreundet“, sagte Rinke schulterzuckend.
„Na schön, dann los.“ Ullmann griff unter den Schreibtisch und holte zwei Rucksäcke hervor. Den einen warf er dem verdutzten Piet ins Gesicht, den anderen fing Rinke mit lässiger Geste auf.
„Los einpacken“, kommandierte Rinke, und Piet setzte sich endlich in Bewegung.
Sie hoben die Gasflaschen in die Rucksäcke und Rinke schob das Doppelrohrgestänge mit der Düse dazu.
Ullmann schaute zu. Offenbar gefiel es ihm, anderen bei der Arbeit zuzusehen. „Fährst du auch nach Marbella?“, fragte er den Jungen.
„Nee.“
„Solltest du aber mal tun. Weiß du, was die Flamenco-Tänzerinnen dort machen, wenn sie fertig getanzt haben?“
„Nee.“
„Sie packen den Stier bei den Hörnern.“ Ullmann lachte. Niemand sonst fand das witzig.
Als die Rucksäcke zugeschnürt waren und Rinke ihn fragend ansah, sagte er: „Na dann, adieu.“
„Halt!“, sagte Rinke alarmiert. „Was ist mit den Papieren?“
Ullmann schlug sich mit der Hand gegen die Stirn. „Ach Gott, wo hab ich nur meinen Kopf! Ja, klar, aber klar. Lasst das Zeug erst mal stehen und kommt mit, wir gehen nach nebenan.“
Sie folgten Ullmann nach oben, durch die Bar, hinaus in den peitschenden Regen. Drei Häuser weiter traten sie in das „Foto Atelier Schwan“, in dessen Schaufenster neben Hochzeitsfotos und Kinderporträts auch Bilder von Striptease-Künstlerinnen ausgestellt waren.
Zwischen Fotoapparaten, Blitzgeräten, Objektiven, Belichtungsmessern, Super-8-Kameras, Projektoren und Vergrößerungsgeräten sowie Regalen mit Roll- und Kleinbildfilmen, in Schwarzweiß und Farbe, akribisch geordnet nach Lichtempfindlichkeit, stand ein rundlicher Mann mit glattem Schädel, spitzer Nase und Nickelbrille. Weißes Hemd, gestreifte Hosenträger. Ullmann begrüßte ihn spöttisch-herzlich, nannte ihn „mein lieber Schwan“ und erklärte: „Das sind die Herren, von denen ich dir erzählt habe. Künstlerporträts für den Außendienst. Die Papierchen hast du bereit, wie besprochen?“
„Sicher“, sagte Schwan.
Er führte die beiden Einbrecher in sein Fotostudio und setzte erst Piet und dann Rinke auf einen Hocker vor einer weißen Leinwand. Bevor es blitzte, sagte er jedes Mal: „Lächeln nicht nötig.“
Die Bilder wurden mit einer Sofortbildkamera der Marke Polaroid aufgenommen, mithilfe eines Schwamms mit einer Klarlack-Schutzschicht überzogen und anschließend von dem Fotografen an einem Schneidetisch beschnitten und jeweils in eine bräunliche Arbeitskarte für Hafenarbeiter geklebt. Der Kreis des Stempels der „Hamburger Stauerei Gesellschaft“ wurde über das neue Foto hinweg vervollständigt. Rinke war Schweißer, Piet musste sich mit dem Rang eines Schweißer-Gehilfen zufriedengeben. Auf der Einteilungskarte für Zusatzkräfte waren Einsatzort und der Name des Frachters vermerkt: Veddel-Kanal/Brandenburger Ufer, „Tameio“.
Als sie wieder in den Verkaufsraum traten, wurde die Vordertür aufgestoßen und die beiden leichtbekleideten Damen aus der „Roten Katze“ stolperten herein. Sie hatten sich Regenmäntel übergeworfen und schleppten jede einen von den schweren Rucksäcken.
„Lasst euch bloß nicht mehr bei uns blicken, ihr Faulpelze“, zischte die Blonde.
Und die Schwarzhaarige stöhnte: „Ihr seid wirklich eine Zumutung!“
„Zieht doch Bambi das Fell über die Ohren“, brummte Rinke abweisend. Aber er zwinkerte der Dunkelhaarigen zu, die das sehr wohl bemerkte.
Die Frauen drehten sich auf ihren hohen Absätzen um und staksten hinaus in den Regen.
„Hasta luego!“, rief Rinke ihnen nach.
Kurz bevor die Tür zuschlug, wehte der Wind der Schwarzhaarigen beinahe den Mantel vom Leib und Piet konnte einen Blick auf ihren kurvigen Körper erhaschen. Im Tageslicht sah man, dass sie fast so jung war wie er. Diese kurze Szene spannte die Saite der Sehnsucht in seinem Herzen beinahe bis zum Zerreißen.
„Virginia Peng“, sagte Rinke grinsend. Piet zuckte zusammen.
„Musst du noch irgendwohin?“
„Was?“
Rinke deutete auf die Rucksäcke. „Wir müssen die abstellen.“
„Ich muss nirgendwohin.“ So wie er es sagte, klang es, als hätte er noch nie ein Ziel gehabt.
Rinke zog die Zigarettenpackung aus der Manteltasche und steckte sich eine in den Mund, hielt Piet die Packung hin.
„Rauchen verboten!“, rief Foto-Schwan. „Feuergefahr!“
Rinke hob den schweren Rucksack hoch und schnallte ihn sich vorsichtig auf den Rücken. Piet tat es ihm nach.
„Ist nicht weit“, sagte Rinke. „Gleich um die Ecke.“
Als sie an der „Roten Katze“ vorbeikamen, war drinnen schon deutlich mehr los. Musik schallte aus dem offenstehenden Eingang: „Tu mir nicht weh, my darling, lass mich nie allein.“
Der Filzvorhang war aufgezogen. Piet schaute hinein. Ein fetter Kerl legte seine Arme um die Rundungen der Sehnsucht.
„Tu mir nicht weh, my darling, ich bin so gern bei dir.“
Der Wind schleuderte ihm einen Schwall Regen ins Gesicht. Das Leben war seiner Ansicht nach eine abgeschmackte Sache.
4
Polizeiobermeister Mattei schaute aus dem Fenster der Polizeidienststelle an der Georg-Wilhelm-Straße in Wilhelmsburg, spürte den Luftzug, der durch die alten Fensterflügel hereinströmte und schüttelte unzufrieden den Kopf. Der Wind schleuderte Regentropfen gegen die wellige Fensterscheibe, dahinter lag die Welt leicht verzerrt in traurigem Zwielicht. Ein paar Bäume reckten ihre Äste gen Himmel und wirkten hilflos in diesem schauderhaften Sturm, der ihre morschen Äste hin und her schleuderte, manchmal sogar einen abbrach und fortwehte. Das Prasseln der Regentropfen ließ ihn frösteln. Eine Woche Spätdienst erwartete ihn. Keine angenehme Aussicht.
Das Gerücht ging um, sie würden bald eine neue Dienststelle bekommen. Wer’s glaubt, wird selig, dachte Mattei. Er spähte nach links, dorthin, wo neue Wohnhäuser hochgezogen wurden. Einige Rohbauten waren schon fertig. Aus Beton, nicht aus diesem morschen Backstein, den sie vor ewigen Zeiten beim Bau des Polizeigebäudes verwendet hatten. Eine feste Burg war diese Polizeiwache bestimmt nicht. Und sowieso viel zu klein. Die Beamten hockten in kleinen Zimmern eng beieinander, sogar die höheren Dienstgrade mussten sich ihre Schreibpulte teilen. Manchmal gab es Streit, wenn die Männer zum Dienstschluss rasch ihre Berichte fertigmachen wollten und nicht genug Platz hatten. „Gnade euch Gott, wenn meine Bratkartoffeln verbrannt sind, wenn ich nach Hause komme!“, war ein geflügeltes Wort unter den Beamten. Es war schon so oft ausgesprochen worden, dass keiner mehr lachte, wenn der Spruch mal wieder fiel.
Polizeiobermeister Adrian Mattei hatte den Satz noch nie von sich gegeben. Zum einen, weil da niemand war, der ihm zu Hause Bratkartoffeln machte, zum anderen, weil er Bratkartoffeln sowieso nicht mochte. Sie waren ihm zu fettig und er achtete auf seine Linie. Heutzutage reichte es nicht mehr, eine Uniform zu tragen, man musste schon gut aussehen, um den Mädchen zu gefallen. Bratkartoffeln und Bier waren da wenig hilfreich. Wenn ich nicht bald eine abkriege, überlegte er, fahre ich nach St. Pauli und schaue mich da um, in Zivil natürlich. Das war eine Drohung, die er ab und zu in Gedanken formulierte, sie aber nie wahr werden ließ aus Angst vor möglichen Konsequenzen.
POM Mattei war ein Mann, der grundsätzlich Angst vor Konsequenzen hatte. Der Sturm da draußen zum Beispiel könnte ihm eine schlimme Erkältung bescheren. Und dann müsste er in seiner Einzimmerbude im Bett liegen bleiben und den Pfefferminztee seiner Vermieterin trinken. Pfui Spinne! Dann lieber Spätdienst schieben. Und sich vorsorglich einen Schal umbinden, weil die Fenster so schrecklich undicht waren.
Die Tür ging auf und mit einem unangenehmen Lufthauch kam der Kollege Danner herein. Polizeimeister Danner, stets diensteifrig, aber seltsamerweise immer ein klein wenig zu spät. Was er auch jetzt auf seine typische Art überspielte, indem er so tat, als sei jemand anderes schuld: „Wo bleibst du denn?“, fragte er.
Sie duzten sich seit Kurzem. Seit der Abschiedsfeier für den alten Eberhardt, den früheren Revierleiter. Zu spät war Mattei aufgegangen, dass es ein Fehler war, sich mit einem Untergebenen zu duzen. Aber wie machte man so was rückgängig? Der blonde, sportliche Danner war ihm kurzzeitig sympathisch erschienen. Das hatte wahrscheinlich am Bier und am Schnaps gelegen und daran, dass dieser Danner, der zwei Jahre jünger war als er, seine hübsche Verlobte bei sich gehabt hatte. Mit der konnte man es aushalten, mit ihrem Verlobten nicht so.
„Hab auf dich gewartet“, sagte Mattei knapp. „Und guten Tag übrigens.“
„Moin Moin. Ich hab mir noch die Fahndungsmeldungen angeschaut.“
Immer eifrig, der Danner, beim Kaschieren eigener Versäumnisse.
„Hier, frisch eingetroffen.“ Danner wedelte mit einem Blatt herum. „Das solltest du dir anschauen, bevor wir die Runde drehen. Wir kriegen den Taunus.“ Danner hatte ein Faible für neue Autos. Und tatsächlich, das musste Mattei zugeben, war der neue Ford Taunus 17-Peterwagen ein toller Schlitten. Bei dem konnte man ordentlich Gas geben, wenn es drauf ankam. Nur das Funkgerät funktionierte nicht immer so, wie es sollte. Ursache dafür war angeblich, dass ihr Einsatzgebiet südlich der Elbe in einer Senke lag.
Mattei nahm das Blatt Papier und warf einen Blick darauf. Ein Phantombild. Na ja. Er hatte so seine eigene Meinung zu Phantombildern. Die waren mitunter recht kunstvoll gezeichnet, nützten aber niemandem etwas, weil sie ja ein Phantom zeigten und keine echte Person. Das Phantom war eine Vermutung, eine Annäherung an die Fantasie eines Zeugen, der diese Person irgendwann einmal zu sehen geglaubt hatte. Aber wie beschreibt man einen Menschen, wenn man das nie gelernt hat? Wie erklärt man einem Zeichner, dass die Schablonen, die er als Hilfestellung benutzt, gar nicht zutreffen können, weil kein Mensch eine Schablone ist? Früher hieß es, Verbrecher hätten eine bestimmte Physiognomie, weil das Kriminelle angeboren sei. Heute durfte ein Verbrecher aussehen wie du und ich. Manchmal sogar wie ein Engel. So wie in diesem Fall.
Mattei starrte das Porträt einer schönen jungen Frau an. Zweifellos hatte der Zeichner hier eine ungewöhnlich künstlerische Leidenschaft entwickelt: Dunkle Locken umrahmten ein ebenmäßiges Gesicht mit sinnlichen Lippen und dunklen leidenschaftlichen Augen unter dichten, wohlgeformten Brauen. Hohe Wangenknochen und eine gerade Nase verliehen dieser Verbrecherin ein wenig Noblesse. Sie hätte Schauspielerin sein können. Oder so eine aus St. Pauli, eine wie die Nitribitt vielleicht, aber mit vornehmen römischen Gesichtszügen. Meine Güte, warum musste das eine Verbrecherin sein?
„Was hat die …?“
„Mord.“
„Im Ernst?“
„Schönheit schützt vor Bosheit nicht“, sagte Danner. „Die hat eine Leidenschaft für Soldaten.“
„Tatsächlich?“
„Mordet sich quer durch die alte Wehrmacht. Vielleicht ist sie ja eine Spionin.“
Mattei war sprachlos. Seine Fantasie ging mit ihm durch. Mata Hari? Kurz glaubte er, die Lippen der schönen Frau würden sich bewegen, mit kokettem Schalk das Wort „Adrian“ formen. Es ihm ins Ohr hauchen. Er hatte durchaus manchmal erlebt, dass Frauen seinen Vornamen interessant fanden. Früher hatte er dann noch einen draufgelegt und erklärt, sein Nachname Mattei sei italienischen Ursprungs. Was ja stimmte. Seine Vorfahren waren vor langer Zeit, noch vor dem Krieg, nach Deutschland gekommen. Damals, als ein Italiener noch was Besonderes gewesen war. Das war heute leider anders. Heute dachte jeder gleich an Gastarbeiter, nicht an Opernsänger oder Eisverkäufer. Einmal hatte eine ihn gefragt, ob er ein Messer bei sich trüge. Da hatte er empört erklärt, er sei Polizist. Woraufhin die Dame sich abgewendet hatte mit dem Wort: „Hochstapler!“
Kurzum, Polizeiobermeister Mattei hatte bislang vor allem Pech bei den Frauen gehabt. Weshalb das Porträt einer leidenschaftlichen Schönheit ihn zu allerlei Assoziationen anregte. Wer so schön ist, kann doch nie und nimmer böse sein, oder?
„Alles klar?“, fragte Danner. „Wir müssen.“
„Ja, ja. Ich will mir nur das Gesicht einprägen.“
„Falls wir ihr zufällig begegnen“, spottete Danner.
„Ja, genau. Damit wir sie identifizieren können.“
„Identifikation einer Frau“, sagte Danner mit anzüglichem Grinsen. „Das tue ich am liebsten.“
Mattei schaute zur Wanduhr: „Oh, wir müssen los!“ Es kotzte ihn an, wie Danner immer wieder mit seinen Frauengeschichten prahlte. „Du fährst“, fügte er hinzu.
Sie waren schon fast zur Tür raus, als Mattei bemerkte, dass er das Phantombild noch immer in der Hand hielt. Er brachte es dem Wachhabenden zurück.
Draußen ließ Danner den Motor des Ford Taunus aufheulen. Mattei taumelte kurz, als eine Windböe ihn erfasste. Später muss er mich ans Steuer lassen, nahm er sich vor, ich bin immerhin sein Chef.
5
Das „Hotel Seepferdchen“ in der Seilerstraße auf St. Pauli war eine Absteige für alle, die nicht gesehen werden wollten, jedenfalls nicht tagsüber. Es befand sich in den drei Etagen eines schmalen Backsteinhauses, das den Feuersturm 1943 nur knapp überlebt hatte, im Gegensatz zu den Gebäuden rechts und links neben ihm. Die drei Etagen lagen über einer Bar im Souterrain, die auch als „Hotellobby“ diente. 1941 war hier ein inoffizieller Klub der Swing-Jugend ausgehoben worden. 1942 hatten Nazi-Bonzen den Besitzer gezwungen, in den Stockwerken eins bis drei ein Spezial-Bordell für „besonders verdienstvolle Offiziere der Schutzstaffel“ einzurichten. Das hatte den Vorteil gehabt, dass das Haus nicht mehr von Razzien heimgesucht wurde. Da die verklemmten SS-Offiziere nie gewagt hatten zu fragen, was denn im vierten Stockwerk und im Dachgeschoss vor sich ging, blieben die dorthin geflüchteten knapp vierzig Juden unbehelligt. Ihre Verpflegung war bis zum August 1943 problemlos über die beiden Nachbarhäuser erfolgt. Danach waren waghalsige Kletteraktionen durch die ausgebrannten Ruinen nötig gewesen, um die Untergetauchten zu versorgen. Ab Oktober 1944 war dann eine Beherbergung der SS-Männer nicht mehr möglich gewesen, weil die jungen Männer, die zu ihrer Betreuung bereitgestanden hatten, zum Volkssturm abkommandiert worden waren. Und die Juden hatten nun mehr Platz zum Überleben gehabt.
Lucius Rinke wusste von der Vergangenheit dieses Hauses. Er fand, dieses Haus passte zu ihm. Schließlich waren seine Eltern auch von den Nazis verfolgt worden, wenn auch aus politischen Gründen.
Er schob die klapprige Souterrain-Tür auf und eine Glocke ertönte wie bei einem Laden. Nach dem Eintreten gelangte man zunächst in einen Vorraum mit einer Garderobe auf der linken und einer Rezeption auf der rechten Seite. Die Garderobe war leer, hinter dem Pult saß ein kleiner knorriger Mann mit Ärmelschonern und großer Hornbrille. Er rauchte einen Zigarillo und nickte Rinke zu wie einem Stammgast. Mit der linken Hand schob er ihm einen Schlüssel zu, mit der rechten drückte er unter dem Pult auf einen Knopf. Ein Summer ertönte, das Türschloss klickte. Rinke musste einige Kraft aufwenden, um die Tür aufzuschieben.
Der Gastraum nahm das gesamte Souterrain ein und war auf der einen Seite eine Biedermeier-Kneipe, auf der anderen eine Cocktailbar. Schummrige Beleuchtung. In der Mitte befand sich die halbrunde Theke. Rechts wurden die Getränke auf Bierdeckeln serviert, links auf Spitzendeckchen.
Piet folgte Rinke ins Treppenhaus, das hinter der Theke nach oben führte. Zimmer 31 im dritten Stock. Zwei einzelne Betten. Sie stellten ihre Rucksäcke ab.
„Hast du ‘ne Bleibe in der Nähe?“, fragte Rinke.
„Gar keine.“
„Dann pennst du halt auch hier.“
Piet ließ sich rückwärts auf das Bett fallen, auf das Rinke deutete. Er seufzte und breitete die Arme aus, ein Lächeln umspielte seine Lippen.
„Bequem?“, fragte Rinke.
Piet rollte auf die rechte Seite, dann auf die linke, als wüsste er gar nicht, wie man es sich bequem macht.
„Scheint so“, meinte Rinke trocken. Er warf seinen Mantel auf den einen Stuhl, setzte sich auf den anderen und zündete sich eine „Juno“ an. Dann dachte er nach. Der Junge starrte zur Decke. Draußen heulte der Wind, der Fensterkasten klapperte leise.
„Na schön.“ Rinke drückte die Kippe in den Aschenbecher mit der „Bill-Bräu“-Reklame und stand auf. „Du gehst besser nicht mehr weg. Unten in der Kneipe kriegst du ‘ne Wiener oder so was. Ich muss noch ein paar Sachen erledigen. Wir trinken dann später ein Bier zusammen.“
Dem Jungen fielen sowieso schon die Augen zu.
Rinke schloss leise die Tür hinter sich und stieg die knarzenden Treppen hinunter. Er dachte an seine Eltern, die 1934 nach einer waghalsigen Befreiungsaktion mit knapper Not aus St. Pauli flüchten konnten. Die waren total verrückt, dachte Rinke, wenn man mal ernsthaft drüber nachdenkt … meine Güte. Er kam an einem halbblinden ovalen Spiegel vorbei und betrachtete sein kantiges Gesicht. „Und da siehst du, was dabei herauskommt.“ Er zog sich die Schirmmütze leicht schräg in die Stirn und grinste: „Verbrechervisage.“
An der Rezeption sagte er zu dem alten Mann: „Der Junge soll nicht mehr raus. Wenn er doch geht, lass ihn nicht mehr rein.“
„Ist recht.“ Der erloschene Zigarillo wanderte in seinem Gesicht von links nach rechts. „Gehst du zu Dimitrios?“
„Wieso?“
Der Alte beugte sich nach unten und brachte ein paar Gummistiefel zum Vorschein: „Hier.“
„Was soll ich denn damit?“
„Wirst schon sehen. Kannst sie hier reintun.“ Er hielt ihm eine Sporttasche mit Reißverschluss hin.
„Scheiß Fürsorge“, sagte Rinke.
Der Alte grinste schief. „Bedanken kannst du dich an Weihnachten.“
Mit hochgestelltem Mantelkragen, die Mütze noch tiefer ins Gesicht gezogen und gegen den Sturm gestemmt, machte Rinke sich auf den Weg runter zur Großen Elbstraße.
Dort angekommen, stellte er fest, dass der Alte, wie immer, recht gehabt hatte. Das Wasser stand hier zwanzig Zentimeter hoch und schwappte gegen die Hauswände der diversen Frischfisch-, Räucherfisch- und Konservenhandlungen. Zwar gab es viele Gebäude mit Laderampen über die man steigen konnte, aber dazwischen lagen breite Überschwemmungszonen. Hier und da hatte jemand versucht, mit Kisten und Brettern Wege zu bauen, aber die waren zum Teil schon wieder weggeschwemmt worden.
Also tauschte Rinke seine Halbschuhe gegen die Gummistiefel und nahm sich vor, dem Alten an Weihnachten eine Kiste Zigarillos zu schicken.
Die Wellen schlugen manchmal so hoch, dass Rinke Angst hatte, das Wasser könnte über den Rand der Gummistiefel schwappen.
Am Fischereihafen lag ein Hochseefangschiff, drei Kutter waren zu sehen. Jedes Mal, wenn er hierher kam, waren es weniger Schiffe. Angeblich sollte es darauf hinauslaufen, dass die Fische in Zukunft nur noch mit Lastwagen angeliefert wurden. Rinke fand das verrückt. Wo sie doch vor ein paar Jahren erst die Gebäudereihe mit den hübschen zweistöckigen Buden für die Großhändler fertiggestellt hatten.
Er ging die Rampe entlang. Laster waren keine zu sehen, die hatte man wohl vorsorglich vor dem Hochwasser in Sicherheit gebracht. Die Geschäfte waren jetzt am Nachmittag schon lange geschlossen.
Zu seinem Leidwesen musste Rinke wieder von der Rampe runter ins Wasser. Vorbei an der Köhlbrandtreppe, die den Hang hinaufführte. Die hätte er mal nehmen sollen, wäre weniger mühsam gewesen. Über dem windschiefen Fachwerkgebäude, das er ansteuerte, stand in verblichenen Buchstaben auf einem Blechschild: „Theodor Hammer – Technische Ausstattungen“. Die Firma hatte es nie gegeben. Das Gebäude diente schon seit Jahrzehnten einem findigen Geschäftsmann als Stützpunkt. Es war so dicht an den Elbhang gebaut worden, dass man vor langer Zeit einmal einen Tunnel gegraben hatte, der durch den Berg hinauf nach Altona in die Kanalisation führte. Kein Schellfischtunnel, der befand sich weiter westlich, nein, ein Schmugglertunnel. Von dessen Existenz wussten nur wenige, aber auf ihm basierte seit knapp drei Jahrzehnten das Geschäftsmodell von Dimitrios Felten. Nicht dass er schmuggelte, nein, er lagerte. Zollfrei, steuerfrei und frei vom Zugriff der Polizei, die nichts von dem Tunnel wusste, der Felten als Lagerraum und Umschlagplatz für kleine und große Kostbarkeiten diente, die überraschend ihren Besitzer gewechselt hatten.
Felten war hoch angesehen bei allen Individuen, denen der Slogan „Eigentum ist Diebstahl“ ein Ansporn war. Also auch bei Lucius Rinke, dessen Vater schon mit Felten kooperiert hatte.
Das Haus lag leicht erhöht am Hang und hatte ein Hochparterre. Auf diese Weise war es meist vor dem Hochwasser geschützt. Diesmal aber leckten die Fluten schon an der fünfstufigen Treppe, die zur Eingangstür führte. Darüber ein Balkon. Von einem Balken hing eine Glocke. Rinke machte sich den Spaß, damit zu läuten, anstatt die elektrische Klingel zu benutzen.
Die Tür ging auf und ein rundlicher kleiner Mann in einem weiten schwarzen Anzug, weißem Hemd, Hosenträgern mit Ankermuster und fliederfarbener Krawatte, breitem Mund und platter Nase schaute ihn grimmig an. Er musste ungefähr siebzig Jahre alt sein.
„Das hat dein Vater, der Spaßvogel, auch immer so gemacht“, sagte er zur Begrüßung.
„Ich weiß.“
„Beim ersten Mal ist es noch witzig, beim zweiten Mal eine Reminiszenz, aber ab dem dritten Mal …“
„… wird es Tradition“, fiel Rinke ihm ins Wort.
„Na, komm rein, meine Junge.“
Der kleine, dicke Mann umarmte seinen Besucher linkisch und führte ihn in den „Salon“, der aussah, als wäre er aus einem Ozeandampfer der Jahrhundertwende hierher versetzt worden. Dimitrios Felten hatte die Einrichtung über die Jahre hinweg vervollkommnet. Es war alles da, was man sich auf hoher See an Luxus vorstellen konnte. Tropenholz, wohin man schaute. Zur Ausstattung gehörten unter anderem ein Esstisch, ein Spieltisch, eine Sesselgarnitur, Bücherschränke, ein Billardtisch, eine kleine Bar, Lampen und Lüster, alle mit grünen Schirmen versehen, diverse maritime Geräte, angefangen beim Barometer bis hin zum Stehkompass, eine Garderobe und ein Sofa, auf dem eine schläfrige Siamkatze lag und den Eintretenden misstrauisch anblickte.
Felten bot seinem Besucher einen Whisky von der Insel Islay an, den Rinke gern annahm.
Während sein Gastgeber die Gläser füllte, wechselte Rinke das Schuhwerk und packte die Gummistiefel wieder in die Sporttasche. Die Siamkatze verfolgte jede seiner Bewegungen.
6
Sie nahmen auf der Sesselgarnitur Platz. Zwischen ihnen stand ein Nierentisch mit einem braun-rot-schwarzen Muster aus Bakelit-Quadraten und -Rechtecken. Auf den Whiskygläsern prangte der rot-weiße, dynamische Schriftzug der „BEA“. Feltens Tochter arbeitete als Stewardess bei der britischen Fluggesellschaft. Die Tumbler hatte sie ganz legal entwendet.
Felten hob sein Glas: „Freut mich, dass du wieder unter den Lebenden weilst.“
„Danke. War ein bisschen lang dieses Mal. Dreizehn Monate. Ich dachte schon, ich setze Patina an.“
„Oder wirst mumifiziert.“ Felten lächelte freundlich.
„Das Problem da drin ist, dass sie sich weigern, einem vernünftige Lektüre zu besorgen. Die Gefängnisbibliothek taugt nichts. Aber keiner erlaubt dir, mal in die Öffentlichen Bücherhallen zu gehen oder dort zu bestellen.“
„Was fehlte denn in der Knastbibliothek?“
„Balzac. Menschliche Komödie.“
„Ziemlich umfangreich. Hättest du was gesagt …“
„Kein Kontakt im Brandfall hast du gesagt.“
„Na ja, über drei, vier Ecken wär’s vielleicht gegangen.“
„Das nächste Mal …“
„Wieso ausgerechnet Balzac?“, fragte Felten.
„Es gibt da in diversen Romanen eine Figur, die mich interessiert.“
„Jacques Collin.“
Rinke fühlte sich ertappt. „Stimmt.“
„Weil er dich an deinen Vater erinnert. Ein echter Berufsverbrecher. Ich habe immer bewundert, dass er trotz fehlender bürgerlicher Fassade nie erwischt wurde. Na ja, fast nie.“
„Er liebte den Untergrund.“
„Wie deine Mutter. Ihr seid eine echte Maulwurffamilie.“ Felten nippte an seinem Whisky.
„Meine Mutter war keine Verbrecherin. Sie war im Widerstand.“
„Im politischen. Nicht im kriminellen so wie ich.“ Felten lachte.
„Ja, sie hat gegen die Faschisten gekämpft, macht sie immer noch. Jetzt wieder mit der Schreibmaschine.“
„Artikel für die Deutsche Volkszeitung zu schreiben, gilt hierzulande beinahe schon als Verbrechen.“
„Du übertreibst.“
„Nur ein bisschen. Freut mich, dass deine Mutter sich nicht unterkriegen lässt.“
„Ja“, sagte Rinke leise und starrte vor sich hin.
„Und du?“
Rinke nahm einen Schluck Whisky und zuckte mit den Schultern. „Keine Ahnung.“
„Was bleibt uns denn übrig?“, ereiferte sich Felten. Er breitete die Arme aus: „Die Welt ist ein Schlaraffenland, aber die gebratenen Tauben landen immer in den Mäulern der anderen. Also ist Selbsthilfe gefragt.“
Rinke ließ den Whisky im Glas kreisen. „Ich denke immer mal drüber nach.“
„Über was?“
„Was das soll … Ich meine, einerseits kannst du nicht mitmachen in diesem verlogenen Spiel, in dem die angeblich Gesetzestreuen sich gegenseitig abzocken. Andererseits wird das, was ich mache, immer riskanter. Das nächste Mal brummen die mir fünf Jahre auf. Dann ist es aus mit mir.“
„Lass dich nicht erwischen, Lou!“
„Ja, genau …“ Der Bernsteinglanz des Whiskys machte Rinke melancholisch. „Nach dem nächsten Ding hau ich ab. Endgültig.“
„Ach … Wohin denn?“
Rinke zögerte. „Na ja … also, ich sage immer Marbella. Weil das alle sagen, die wegmüssen.“
„Spanien liefert nicht aus. Ist aber eine faschistische Diktatur.“
„Ja, eben. In Wahrheit will ich woandershin. Karibik.“
„So, so. Wegen der Musik?“
„Musik und Politik.“
„Ah, Kuba!“
„Vielleicht.“ Rinke starrte träumerisch ins Nichts. „Ich bin doch ein halber Spanier … zwei Jahre Katalonien, dann das Exil in Mexiko. Das Hispanische liegt mir vielleicht nicht im Blut, aber in der Seele.“
„Wenn du lieber Rum trinken willst …“ Felten deutete zur Bar.
„Lass uns von was anderem reden, Dimitrios. Die Zeit drängt.“ Rinke schaute nervös auf seine Armbanduhr. Eine Patek Philippe, die sein Vater ihm geschenkt hatte, nachdem er sie in einer Villa in Harvestehude erbeutet hatte. Das Glas war ziemlich zerkratzt.
„Ach was.“ Felten machte eine beschwichtigende Handbewegung. „Es ist alles organisiert. Keine Panik. Aber nun erzähl mal, was ich erwarten kann.“
„Säckeweise Gold.“
„Gold in Säcken?“
„War nur so dahingesagt. Goldbarren natürlich. Kann auch sein, dass Münzen dabei sind oder Schmuck.“
„Barren sind prima. Münzen auch. Aber Schmuck ist immer heikel. Bleibt er erhalten, kann er identifiziert werden. Nehmen wir ihn auseinander, sinkt der Wert. Weißt du ja selbst.“
„Ich mag das Gold auch lieber lose und zur freien Verfügung.“ Rinke grinste. Seine melancholische Phase war vorbei. Er fühlte sich beschwingt. Lag’s am Gold? An der „Malaguena“, die ihm wieder in den Sinn gekommen war? Er klopfte den Flamenco-Rhythmus auf die Sessellehne. Vielleicht fand er ja so eine wie die Valente auf Kuba. Eine, die diese überschäumende Fröhlichkeit verbreitete und trotzdem heißblütig war. Bloß nicht zu kompliziert. Ein einfaches Mädchen mit Rhythmus. Und wallenden schwarzen Haaren. Chic chicco chi ca …
„Und wo hast du die Säcke aufgetan?“, fragte Felten.
„Da liegt ein Frachter im Hafen …“
„Sag bloß.“
„Der hängt fest im Spreehafen und kommt nicht weg.“
„Mit ‘ner Ladung Gold an Bord.“
„Red keinen Quatsch, Dimitrios! Das Gold ist illegal dort. Das ist ja der Witz. Deshalb ist es eine todsichere Sache. Die Polente kann nicht alarmiert werden.“
„Illegale Goldbarren liegen da herum. Im Freihafen. Und der Zoll weiß nix davon?“
„Es ist keine große Ladung. Das Zeug ist in einem Safe. Und da hat noch keiner reingeschaut.“
„Wer erzählt dir denn solche Märchen?“
„Leute, die es wissen.“
„Und die das Zeug nicht selbst da rausholen können?“
„Nicht wollen, weil sie keine Profis sind.“
„Hör mal, Lou. Du willst mir hier irgendwelches dubioses Gold anschleppen … ich hätte schon gerne gewusst woher und wieso …“
„Der Tipp kommt von Freunden meiner Eltern. Kapiert? Da steckt was Politisches dahinter, verstehst du?“
„Nee, gar nicht.“
„Kriegsbeute, okay? Und jemand will das jetzt zu Geld machen. Ein Extrageschäft des Kapitäns. Der hat diese Sonderladung schon seit Piräus im Laderaum, schön vernagelt in einer Bretterkiste. Die Reederei weiß nichts davon. Der Frachter wartet auf neue Ladung. Die kommt mit dem Zug. Maschinen aus dem Sauerland. Dann geht’s ab nach Argentinien. Aber das Gold soll hierbleiben. Ein Hamburger Geschäftsmann mit Verbindungen nach Griechenland hat da seine Hände im Spiel.“
„Wer?“
„Keine Ahnung, es wurde kein Name genannt.“
„Aber du bist dir sicher …“
„… weil meine Informanten ihre Informanten da unten haben.“
„Das klingt mir verdächtig nach Politik.“ Feltens Gesichtsausdruck machte deutlich, dass er es ablehnte, in diesen Gefilden zu fischen.
„Nein! Sieh mal: Eigentlich sollte der Tresor schon in Piräus geknackt werden. Aber dann sind die aufgeflogen. Es gab eine Schießerei mit der Hafenpolizei … na ja, die Sache ist gescheitert. Es hieß dann, greift in Marseille zu. Aber da hat das Schiff gar nicht festgemacht, sondern ist direkt bis Hamburg gefahren. Und hier haben die niemanden.“
„Und da springst du ein?“
„Nicht direkt, ich arbeite mit niemandem zusammen. Ich nutze nur die Gelegenheit.“
„Was hat der Kahn denn sonst noch geladen?“
„Teppiche und Textilien aus Persien waren noch drauf. Ist alles gelöscht. Jetzt warten sie auf die Maschinen. Das dauert noch. Die Besatzung ist in der Stadt. Nur der Steuermann ist an Bord und ein Matrose. Mein Kontakt …“
„Wie kommst du denn an den?“
„Na ja, ein Bekannter meiner Mutter, der da unten im Bürgerkrieg …“
„Also doch was Politisches!“
„Nur indirekt. Und ich doch nicht. Ich will das Gold!“
„Wieso nimmt sich dein Kontaktmann das denn nicht?“
„Der hat keine Ahnung von der Technik. Es handelt sich um einen Bode-Panzer-Tresor aus den Dreißigern. Den haben sie in die Kiste verpackt und mit einem Kran reingehievt. Ein Monstrum aus Stahl und Beton. Zwei Meter hoch und eineinhalb Meter breit. Mit Kombinationsschloss. Den kriegt man nur auf, wenn man weiß, wie’s geht. Mein Vater war Experte für Bode-Panzer. Er hat mir einiges beigebracht.“
„Ein Traditionsunternehmen …“
„Klar, einen Bode zu knacken, ist die hohe Schule.“
„Wie lange brauchst du dafür?“
„Eineinhalb Stunden schätzungsweise.“
„Und bei schwerem Seegang?“
„Was?“
„Der Sturm soll noch zunehmen. Es wird ungemütlich im Hafen. Auf dem Frachter könnte es ein bisschen wacklig werden.“
„Das wäre mir egal, ich werde nicht seekrank. Aber der Tresor steht ja schon im Schuppen.“
„Auf dem Schiff würde ja auch alles auf deinen Verbindungsmann hindeuten.“
„Eben.“
„Vielleicht spielt dir das Wetter in die Hände. Bei Sturm ducken sich alle weg. Und wann erwarte ich dich hier?“
„Übermorgen zwischen vier und fünf Uhr in der Früh. Aber natürlich nur, wenn du mir den Lieferwagen besorgst.“
„Klar. Steht morgen früh bei dir um die Ecke.“
„Am besten dunkel und mit unverfänglicher Beschriftung.“
„Klar.“
„Prima.“ Rinke stand auf und streckte sich. Ein leichtes Kribbeln breitete sich in seinem Körper aus, von den Fingerspitzen in die Hände und über die Arme bis in den Kopf. Und irgendwo weit hinten in seinem Bewusstsein, in der Echokammer seiner Sehnsüchte, rauschte die Flutwelle der Streicher des Orchesters Werner Müller und eine trällernde Stimme erhob sich zum rhythmischen Klappern der Kastagnetten.
„Wie viel darf ich denn erwarten?“, fragte Felten.
„Zwanzig Stück mindestens, nach der Größe des Tresors zu urteilen.“
Felten kniff die Augen zusammen. „Das sind zweihundertfünfzig Kilo oder mehr. Wie willst du das alles tragen?“
„Ich hab einen Esel.“
„Hoffentlich ist der nicht störrisch.“
„Nicht so störrisch wie deine Katze.“ Rinke deutete auf das Sofa, wo die Augen der Siamkatze mysteriös flackerten wie die Szintillatoren einer Röntgenkamera.
„Sie will dich nur darauf aufmerksam machen, dass du deine Gummistiefel wieder anziehen musst, bevor du rausgehst“, sagte Felten.
7
Der Wind bauschte Rinkes Mantel. Der Wind kam von Westen, stupste, schob und drückte ihn von hinten, warf sich plötzlich seitlich auf ihn und fauchte unter ihm hindurch wie ein Raubtierkind, das mit seiner Beute spielt, bevor es ihr den Garaus macht. Dazu kam der fiese Sprühregen, der ihm mal von der einen, mal von der anderen Seite ins Gesicht geschleudert wurde.
Die Dämmerung brach herein. Hier und da warfen Funzeln an den Schuppen oder vereinzelte Straßenlaternen, die sich sachte im Wind wiegten, vergilbtes Licht auf Teilbereiche des überschwemmten Fischereihafens. Viele Ecken lagen schon im schwarzen oder dunkelgrauen Schatten. Überall gluckste und platschte es. Holzbohlen und Kisten hatten sich selbstständig gemacht, Plastikfässer waren in eine Ecke zwischen zwei Rampen geschwemmt worden und stießen gegeneinander wie Betrunkene in einer Seitenstraße der Reeperbahn.
War das Wasser gestiegen? Hatte es den Höchststand erreicht? Rinke ließ seinen Blick vom Hafenrand über die Elbe schweifen. Schattenrisse von Frachtschiffen, die sich schwerfällig durch die Wellen schoben oder müde an den Kais lagen. Hier und da kämpfte sich eine Barkasse durch die peitschenden Wellen. Zwei Schlepper arbeiteten sich stoisch elbabwärts. Ein Lotsenschiff huschte vorbei, es sah aus, als würde es auf den Wellen tänzeln. Für kleine Schiffe war die zappelige Dünung auf der Elbe schwere See.
Na ja, dachte Rinke müde, wenn die Flut zurückgeht, wird es ruhiger, und auch dieser beschissene Wind wird nachlassen und der Regen aufhören. Und selbst wenn nicht, die Wetterlage spielt mir in die Hände – schlechte Sichtverhältnisse und eine unangenehme nasse Kälte, die dafür sorgen wird, dass alle Aufpasser, Aufseher und Hüter fremden Eigentums sich lieber in ihre Hütten an den warmen Ofen verziehen, als den Freihafen nach etwaigen Dieben oder Schmugglern abzusuchen.
Wie um seine Gedanken zu torpedieren, kam ein Boot vom Zoll in Sicht. Es lag gefährlich schief. Rinke grinste. Dann schrie er auf und schaute nach unten: Ein Holzbalken war von einer Welle gegen sein Schienbein geschleudert worden. Das Wasser schwappte über den Rand der Gummistiefel. Womit die Frage nach dem Wasserstand beantwortet war.
Er beeilte sich, den Elbhang zu erklimmen. Ein Glas Grog im „Schellfischposten“ wäre schön gewesen, aber trockene Füße waren ihm jetzt wichtiger. Hastig stieg er die Köhlbrandtreppe hinauf. Oben angekommen wechselte er die Schuhe. Die Strümpfe musste er auswringen. Was für ein Glück, dass St. Pauli oben auf dem Berg lag, bis dorthin reichten die kalten Finger des Blanken Hans nicht. Aber was für eine Attraktion wäre es, wenn am Straßenrand nicht diese aufdringlichen Nutten stünden, sondern Meerjungfrauen plätschernd ihre Zuneigung anböten! Rinke schüttelte den Kopf. Diese Fantastereien, die in letzter Zeit durch sein Gehirn gaukelten, bereiteten ihm Sorgen. Er war mal knallharter Realist gewesen. Aber im Knast, in der Zelle mit den vier Wänden, die sich in manchen Momenten ganz eng zusammenschoben, geriet man aus Selbstschutz ins Träumen. Und das Träumen kannst du dir nicht mehr abgewöhnen, das ist wie mit Alkohol oder Zigaretten, nein schlimmer: wie Opium. Träume, die nicht in Erfüllung gehen, zehren dich aus.
Er bemühte sich, das Einzugsgebiet der zudringlichen Damen zu umgehen. Das klappte, weil bei diesem Wetter nur die ganz Hartnäckigen in den Hauseingängen Posten bezogen hatten.
Als er im „Hotel Seepferdchen“ ankam, saß der Junge auf der Biedermeierseite an der Theke, eine Flasche Sinalco vor sich, in der ein Strohhalm steckte. Der ließ es sich ja gutgehen. Las im Sportteil der Hamburger Morgenpost, bewegte die Lippen, formte jeden Buchstaben. Fünfzehn bis zwanzig andere Männer hockten hier und da herum.
„Hast du was gegessen?“, fragte Rinke zur Begrüßung.
„Hab keinen Hunger.“
Rinke ging an ihm vorbei zum Erdnussspender, steckte einen Groschen rein und drehte am Verschluss. Die Handvoll Nüsse kippte er auf den Tresen neben der Sinalco-Flasche. Der Junge zögerte, dann griff er zu. Rinke nickte zufrieden.
„Der Witz ist, dass es keine Nüsse sind. Erdnüsse sind Bohnen.“
„Meinetwegen“, sagte Piet.
„Die wachsen in der Erde.“
„Schon gesalzen?“
Rinke lachte. „Apropos Salz. Ich spendiere dir was zu essen.“ Er winkte dem Kellner in der gestreiften Weste und bestellte Soleier für zwei und ein Bier für sich. Die Eier kamen mit Brot und Butter. Das musste reichen für diesen Abend.
Der Junge ließ sich nicht lange bitten und griff zu, ohne Messer und Gabel zu beachten.
Rinke fand die Eier sehr salzig. Er bekam einen höllischen Durst und bestellte kurz darauf noch ein Bier. Und einen Würfelbecher.
„Da, wo ich war, war das abends die einzige Abwechslung.“
„Da, wo ich war, auch.“
Sie spielten erst „Filzlaus“ und dann, als Piet einen gewissen Ehrgeiz entwickelte, „Meiern“. Der Junge taute auf und gewann meistens. Aber mehr als eine Sinalco wollte er sich nicht spendieren lassen. Rinke war das nur recht.
„Wenn wir die Sache morgen erledigt haben …“, sagte Rinke.
„Hm-hm?“
„… liefern wir das Zeug ab und werden eine Woche später ausgezahlt.“
„Hm-hm.“
„In der Zeit sehen wir uns nicht.“
„Wo bleib ich dann?“
„Muss ich nicht wissen.“
„Na schön. Aber ich brauch Kohle für ‘ne Unterkunft.“
Für eine Woche? Rinke rechnete nach.
„Wie kommst du eigentlich sonst so an dein Geld?“, fragte er.
„Es ist doch Winter.“ Piet schaute zur Garderobe.
Rinke nickte. Den Trick kannte er. Man ging ohne Mantel in ein Lokal und mit wieder raus. Vielleicht kamen sogar noch Hut, Schirm, Schal und Handschuhe dazu – und eine vergessene Geldbörse. Die Klamotten konnte man verkaufen. So hangelte man sich von einem Tag zum anderen.
Auf beiden Seiten der Theke füllte sich der Gastraum. Es wurde laut und dunstig. Die Musikbox wurde angeworfen.
Die Soleier lagen schwer im Magen. Rinke bestellte einen Schnaps, und dann noch einen. Anschließend ein Bier zum Durstlöschen. Schließlich wurde er ein bisschen sentimental und bahnte sich mit versteinerter Miene seinen Weg durch die Gäste zur Musikbox und wählte ein Lied.
Als er zum Tresen zurückkam, stand Piet mit erhobenen Fäusten vor einem dicklichen Mann mit Hut und Mantel.
„Was ist denn los?“, fragte Rinke.
Der Mann drehte sich überrascht um. Er war pausbäckig, hatte gerötete Wangen und lächelte entschuldigend. „Oh, schon besetzt?“
„Zieh Leine“, sagte Rinke.
Der Mann lüpfte seinen Hut zum Abschied und ging.
Die Stimme der Valente schallte über das Gemurmel und durchschnitt den dichten Rauch: „Spiel noch einmal für mich, Habanero.“
Rinke starrte dumpf vor sich hin. Er war mit einem Schlag sturzbetrunken. Und das am Abend vor dem Coup! Irgendwas stimmt nicht mit mir, dachte er, irgendwas hat sich verändert. Haben die paar Monate mir den Rest gegeben? Haben sie es geschafft? Haben sie mich gebrochen?
Der Junge las wieder in der Zeitung. Rinke versetzte ihm versehentlich einen zu harten Schlag gegen die Schulter. „Wir gehen hoch.“
Das süffisante Lächeln des Dicken mit dem Hut folgte ihnen, als sie das Treppenhaus ansteuerten.
Mitten in der Nacht schreckte Rinke aus dem Schlaf, glaubte wieder, in der Zelle zu sein. Erschrocken riss er die Augen auf, richtete sich auf und starrte zum Fenster. Es hatte keine Gitter.
„Was ist denn los?“, fragte Piet verschlafen.
„Nichts. Schon gut.“ Rinke ließ seinen Kopf wieder aufs Kissen fallen.
Später wusste er nicht mehr, ob der nachfolgende Dialog wirklich stattgefunden hatte:
„Träumst du manchmal?“
„Macht doch jeder.“
„Ich meine tagsüber.“
„Nee, wieso denn? Das bringt doch nichts.“
„Aber ohne Träume …“
„Das bringt doch nichts!“
Am nächsten Morgen wachte er erst um Viertel nach elf auf und horchte auf das gleichmäßige leise Schnarchen des Jungen.
Er zog sich an und ging nach unten. Der Portier gab ihm einen Briefumschlag, der für ihn abgegeben worden war. Darauf stand: „Böhmkenstraße 25“.
Rinke trat aus dem Hotel. Noch immer tobte der Sturm. Man konnte meinen, der Wind wäre noch stärker geworden. Er zog sich die Mütze in die Stirn und stapfte los. Die Böhmkenstraße lag ein Stück entfernt in der Neustadt. Dort angekommen, fand er keine Hausnummer fünfundzwanzig, sondern vor allem Baulücken. Es dauerte eine halbe Stunde, bis ihm klar wurde, dass es sich um die Nummer einer Hinterhofgarage handelte. Hölzerne Bruchbuden, von denen manche als Werkstätten, Lager oder sogar Wohnräume dienten. Im Briefumschlag befanden sich zwei Schlüssel. Der eine passte zum Vorhängeschloss.
In der Garage stand ein „Hanomag Kurier“ in Dunkelblau mit frisch aufgeklebter weißer Aufschrift „Friedr. Tügel – Transporte aller Art“. Das Nummernschild stammte aus Hannover. Rinke stieg ein, startete den Motor, testete die Scheinwerfer, stellte zufrieden fest, dass der Dieseltank voll war und der Schlüssel auch für die Hecktür zum Laderaum passte. Ein paar Decken und Seile lagen dort herum, außerdem breite Textiltragebänder mit Karabinerhaken.
Rinke schloss Wagen und Garage sorgfältig ab und ging zurück zum Hotel. Dort weckte er den Jungen, gab ihm ein wenig Essensgeld und scheuchte ihn weg. Treffpunkt am Abend war eine Kneipe namens „Deichhütte“ in Wilhelmsburg. Den Weg dorthin beschrieb er ihm mehrmals sehr genau, bis Piet ihn ungeduldig unterbrach: „Ich hab’s ja kapiert, Mensch!“
Sie trennten sich. Es war kurz nach zwei Uhr mittags. Jeder ging seiner Wege, um die nächsten Stunden zu verbummeln.
Wie zufällig wehte der Wind Rinke in die Talstraße, in der die Tür der „Roten Katze“ offen stand und sich der Filzvorhang bauschte. Er trat ein. Am Tresen standen noch einige Gäste, die nach Handelsvertretern aussahen. Rinke nickte dem Saloon-Girl zu, sein Mantel streifte die Netzstrümpfe der Schwarzhaarigen im grünen Kleid. Er trat an die Musikbox und wählte „Fiesta Cubana“. Der Samba-Rhythmus erklang und die Valente trällerte wie ein Engel, der aus dem siebten Himmel herabgestiegen war – seltsamerweise auf Schwedisch. Aber was machte das schon für einen Unterschied?
Rinke versuchte ein paar Tanzschritte, bewegte die Hüften, hatte das Gefühl, der Rost würde aus den Gelenken rieseln. Er schloss die Augen, hob die Arme an, ließ die Fäuste im Takt kreisen. Zuerst kam er sich noch vor wie eine Marionette, dann wurden seine Bewegungen geschmeidiger. Als er die Augen öffnete, tanzte die Schwarzhaarige vor ihm, bewegte sich verführerisch wie Evas Schlange im Paradies. Sie war so stark geschminkt, dass ihr Gesicht wie eine Maske wirkte, aber sie wusste, wie man einen Samba tanzt. Als das Stück zu Ende war, setzten sie sich in eine Nische.
„Sekt für dich, aber ich trinke nur eine Cola“, sagte Rinke.
„Und dann?“ Sie klimperte mit den Mascara-Wimpern.
„Dann zeigst du mir deine Briefmarkensammlung.“
„Gern, mein Schatz. Da ist sogar eine dabei, die ist rostbraun, gezähnt.“
„Gestempelt?“
„Natürlich, sonst wäre sie doch nichts wert.“ Sie winkte der Bardame.
8
Betty schob die Tür der Wilhelmsburger Postfiliale in der Veringstraße auf und stellte sich in die kurze Schlange vor dem Schalter. Während sie wartete, nahm sie das Kopftuch ab und knöpfte sich den obersten Knopf ihres Regenmantels auf. Es spannte um den Hals, weil sie sich vorsichtshalber den dicken Schal umgelegt hatte. Ein schickes Halstuch wäre ja auch mal schön gewesen. Das stand auf ihrer endlos langen Wunschliste. Den Schal stopfte sie nun in ihre große Einkaufstasche.
Vor ihr unterhielten sich zwei ältere Frauen in selbstgeschneiderten Wollmänteln über den Sturm, der nun schon seit Tagen anhielt, und das Wasser, das bis zur Oberkante der Deiche schwappte. „Wenn die man halten“, sagte die eine. „Nasse Füße hab ich auch so schon“, kommentierte die andere. Der Mann zwischen ihnen, ein Kriegsversehrter mit nur einem Bein, meinte: „Die halten schon, haben sie bisher immer.“
Sie traten weiter vor, als der junge Mann am Schalter sein Einschreiben entgegengenommen hatte. „Scheiß Bundeswehr“, sagte er beim Weggehen.
„Na, was denn?“, kommentierte der Einbeinige. „Dienst am Vaterland darf man ja wohl noch verlangen. Hab ich auch geleistet.“ Die Frauen schwiegen dazu.
Als Betty an die Reihe kam, erklärte sie dem Beamten umständlich, dass sie zum einen eine Geldüberweisung tätigen wollte, zum anderen eine Marke brauchte für einen Brief im DIN A5-Format. Die Überweisung ging an die „Deutsche Soldaten-Zeitung“ für eine Anzeige mit folgendem Text: „Fürsorgliche Schlesierin pflegt gerne deutsche Kriegsversehrte gegen einen angemessenen Unkostenbeitrag. Angebote bitte unter Chiffre.“
Als Absender gab sie an: „Postlagernd Hamburg, Postamt 36“. Sie freute sich schon auf ihren Ausflug ins geschäftige Zentrum der Großstadt, um ihre Briefe abzuholen.
Der Postbeamte stempelte den graublauen Einzahlungsbeleg, schnitt ihn ab und gab ihn zurück. Betty trat an den Tisch vor dem Fenster und schob Anzeigentext und Beleg in den Umschlag. Den Beleg hätte sie eigentlich behalten sollen, aber so, fand sie, ging sie auf Nummer sicher. Der Brief kam in den Briefkasten neben der Tür. Sie wischte sich die Hände am Mantel ab, als hätte sie eine wichtige Arbeit erfolgreich erledigt, und trat nach draußen.
Schon fuhr ihr der Wind durch die Haare, peitschte sie ihr ins Gesicht, warf noch einen Schwall Sprühregen hinterher, und so rannte sie los, um im Lebensmittelladen Schutz zu suchen. Das kleine „Spar“-Geschäft lag an der nächsten Straßenecke. Betty huschte hinein, blieb stehen, um zu verschnaufen, und grüßte höflich die Kassiererin. Dann zog sie das Einkaufsnetz aus der Tasche und daraus wiederum die Milchkanne, mit der sie an die Molkereitheke trat.
„Einen Liter Vollmilch, bitte.“ Das pummelige Mädchen hinter der Theke, die Tochter des Inhabers, betätigte den Hebel der Milchpumpe mit einem Gesichtsausdruck wie drei Tage Regenwetter. Was ja ausnahmsweise einmal angemessen war, wie Betty fand. Als sie zum ersten Mal hierhergekommen war, hatte sie noch gedacht, das Mädchen würde das Gesicht so verziehen, weil sie ihren Akzent ablehnte. Meine Güte, sie kam halt aus dem Osten, da rollten viele das R. Und was die deutsche Grammatik betraf, machte ihr so schnell keiner etwas vor. Sie war ja praktisch zweisprachig aufgewachsen da drüben im Osten, in Namysłów, das damals noch Namslau hieß.
Sie bat das missgelaunte Mädchen hinter die Frischetheke und kaufte ein paar Scheiben Käse und Wurst und etwas Butter. Dann noch eine Karbonade, die mochte er ja gern. Dazu dann, zum Glück mit Selbstbedienung, ein paar Kartoffeln und Karotten.
An der Kasse stand die Kassiererin auf und wog das Gemüse auf einer Waage mit Gewichten ab. Immer falsch, immer zu Ungunsten der Kundschaft, wie Betty meinte, aber sie sagte nichts. Es war ja nicht ihr Geld.
Sie zahlte und legte das Rabattheftchen hin. Die Kassiererin klebte ihr die Marken ein. Diesen Service leistete sie, ohne zu murren, denn „Herr Heinrich möchte bitte, dass gleich geklebt wird, keine Marke darf verlorengehen!“. Das hatte Betty bei ihrem ersten Einkauf deutlich erklärt. Er hatte es ihr so aufgetragen. Also musste die Frau an der Kasse mithilfe ihrer Zunge die Marken anfeuchten. Das hatte sie übrigens früher auch gemacht, als Herr Heinrich noch gehen konnte und selbst seine Einkäufe erledigte. Damals, das hatte er Betty mit boshaftem Grinsen erklärt, hatte er darauf bestanden, weil er angeblich die Gicht hätte. In Wahrheit schaute er ihr gerne dabei zu. Er war ein Schuft, ein ziemlich mieser Kerl, um es mal zurückhaltend auszudrücken.
Betty lächelte zurückhaltend. Die Kassiererin fasste ihren Gesichtsausdruck als Kritik auf und verabschiedete sie patzig. Betty war das egal, sie wollte keine Stammkundin werden. Sie wollte auch nicht in diesem tristen Stadtteil hängenbleiben. Sie liebte die Großstadt, die echte Großstadt, den Trubel, die Unübersichtlichkeit, den Lärm, das Leben. Eines Tages würde sie das alles genießen. Jede Frau hat einen Traum, oder? Und eins ist klar: Verwirklichen musst du ihn selbst. Es kommt kein Märchenprinz auf einem Schimmel daher, hebt dich in den Sattel und galoppiert davon. Nein, das Pferd bin ich, und ich brauche keinen Reiter!
Der Wind grabschte nach ihrer Einkaufstasche. Sogar die Milchkanne geriet ins Pendeln. Wenn das so weitergeht, hab ich Butter oben drauf, wenn ich zu Hause ankomme.
Stopp! Schau mal. Nein, jetzt nicht anhalten. Du musst noch Kaffee kaufen in der Fährstraße. Lass dich nicht beirren. Was wissen denn diese beiden Polizisten schon von dir? Die stehen bloß zufällig da drüben und schauen herüber. Die starren doch ins Leere, die reden mit der alten Tante aus der Wäscherei, die sich ständig über alles beschweren muss. Die wollen nichts von dir.
Der eine schaute jetzt über die Straße zu ihr hinüber.
Lächelt der, weil ich hübsch bin, oder verzieht er das Gesicht, weil ihm eben was eingefallen ist, weil er eine Ähnlichkeit feststellt? Und steht da nicht ein VW Käfer vor ihm, in dem einer in Zivil sitzt? Polente oder nicht Polente? Schwer zu sagen, aber der hat das Fenster heruntergekurbelt. Brauchen wir überhaupt schon wieder Kaffee oder gehe ich jetzt einfach mal in die andere Richtung, mache einen kleinen Bogen? Was ist schon gegen einen Spaziergang einzuwenden? Soll doch gesund sein. Tausend Schritte, zweitausend Schritte, dreitausend Schritte …
Als Kind hatte sie mal bis vier Billionen gezählt, aber da war sie natürlich durcheinandergekommen und hatte einige Zahlen übersprungen. Sie waren tagelang zu Fuß unterwegs gewesen damals, als sie noch ein kleines Mädchen gewesen war. Und ihre Mutter hatte sie unbarmherzig angetrieben. Wovor sie weggelaufen waren, hatte sie zuerst nicht verstanden. Später dann leider schon. Wäre doch nur der Vater mitgekommen, der hätte sie beschützt und getragen, jedenfalls in der Nacht, da hätte sie auf seinen Schultern schlafen können …
Sie bog in die Industriestraße ein. Gott ja, mach einen Schlenker, mach einen Bogen. Verdammter Wind! Blöder Regen! Die dämlichen Udels, wie man sie hier nannte, konnten einem das Leben schon schwer machen. Aber mal im Ernst: Du bist doch selbst schuld! Wieso lässt du dich ins Bockshorn jagen? Wirklich, du bist zu dumm manchmal.
Sie erreichte den Kanal. Den geh ich jetzt einfach mal ein Stückchen entlang, bis mein Herz nicht mehr so heftig schlägt. „Heute wollen wir marschieren!“ Mist, warum kommt mir denn ausgerechnet dieses Lied in den Sinn? Nimm lieber ein anderes. „Aus grauer Städte Mauern …“ Aber das passt nicht zu dir. Dann schon eher dieses: „Dreh dich nicht um, nach fremden Schatten …“
Jetzt musste sie doch über sich lachen. Sie blieb stehen und schaute auf den Veringkanal. Das Wasser stand bis zur Oberkante. Aber Wasser gehört nun mal zum Hafen, nicht? Sie ging weiter. An einer Stelle gurgelte ein Rinnsal über den Weg. Mit großen Schritten setzte sie darüber hinweg. Der Wind blies sein Konzert, die kahlen Äste dirigierten.
Sie bog ab, ging einen Umweg, erreichte doch noch die Fährstraße und kaufte den Kaffee. „Bitte gemahlen für den Melitta-Filter.“ Im Laden redeten sie auch über den Sturm, und ob die Deiche wohl halten würden. Ein Mann erging sich in Berechnungen bezüglich der Tide und behauptete, das Wasser würde jetzt erst mal ganz ordentlich zurückgehen, wie es sich gehörte, denn das sei ein Naturgesetz.
Betty ging über den Vogelhüttendeich zurück, eigentlich der direkte Weg, aber dann wurde sie doch neugierig und lief bis zum Ernst-August-Kanal. Auch hier stand das Wasser bis zur Oberkante. Ihr Mantel flatterte, das Kopftuch wurde beinahe fortgeweht, ihre Gedanken flogen davon. Und da wurde ihr klar, warum sie die ganze Zeit ohne Sinn und Verstand in der Gegend herumlief: Sie war nervös. Sie hatte Lampenfieber. Mensch, das ist doch klar! Heute gilt’s! Du hast lange genug gewartet! Willst du etwa in dieser tristen Gegend versauern? Die Gelegenheit ist günstig. Heut vollende ich’s. Auf jeden Fall. Es gibt kein Zurück mehr! Es muss etwas geschehen.
Ein Gefühl der Vorfreude durchzuckte sie. Ein leichter Stromschlag, ein anhaltendes Kribbeln. Eine Wärme breitete sich in ihrer Brust aus, im Bauch, strömte in Arme und Beine, in den Kopf. Und sagen wir es ehrlich: Wenn es keinen Spaß machte, würdest du es doch nicht tun, oder?
Sie ging weiter und achtete peinlich genau darauf, dass der Wind ihre Milchkanne nicht in eine ungünstige Schieflage brachte. Das fehlt noch, dass der Alte sich aufregt, weil ich ein paar Tropfen vergossen habe!
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