Читать книгу: «IM FADENKREUZ»
übersetzt von Tina Lohse
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For my precious Mary
Impressum
überarbeitete Ausgabe
Originaltitel: NITRO EXPRESS
Copyright Gesamtausgabe © 2021 LUZIFER-Verlag Alle Rechte vorbehalten. Das Werk darf – auch teilweise – nur mit Genehmigung des Verlages wiedergegeben werden.
Cover: Michael Schubert
Übersetzung: Tina Lohse
Dieses Buch wurde nach Dudenempfehlung (Stand 2021) lektoriert.
ISBN E-Book: 978-3-95835-618-4
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Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek:
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
TEIL I
Kapitel 1
Der Mord war spektakulär. Obwohl unmittelbar darauf die gängigen Nachrichtenproduzenten und ihre Geldgeber davon absahen, es ein Attentat zu nennen, reagierten die ergebenen, manche würden sagen fanatischen Fans von Lucilla Calderon, als wäre Kennedy vor ihren Augen erschossen worden. Verglichen mit Calderon war der Tod des kurzlebigen Tex-Mex-Stars Selena lediglich eine Bagatelle gewesen.
Menschen, die Tragödien anziehen, sind leicht zu erkennen. In den schlimmsten Fällen leiden sie unter der Furcht, dem Untergang allein entgegenzutreten. In dieser Nacht zerbrach sich La Luz, wie sie genannt wurde, über nichts weiter den Kopf als ihr Make-up und die Busca-Novio-Schmachtlocke, die sich von ihrer linken Schläfe zu lösen drohte. Sie war sicherlich nicht allein an diesem Abend. Dank ihrer Liebhaber und ihres Gefolges von Assistenten hatte sie seit einigen Jahren keinen abgeschiedenen Moment erlebt, abgesehen von einigen, aber nicht allen Toilettenpausen. Heute Abend erwartete sie, bei der Hollywood-Premiere ihres Films in der Gesellschaft bewundernder Fans zu baden. Sie fühlte, dass der Abend umwerfend werden sollte.
Lucilla Calderon war ganz groß. Galaktisch. Mit vierundzwanzig war sie eine Ausnahme-Künstlerin, die tief mit traditioneller lateinamerikanischer Musik verwurzelt war, diese aber mit modernen Texten und funkigen, tanzbaren Technoarrangements kombinierte und dieser Mischung ihren Erfolg verdankte. Sie schrieb meistens über die Probleme des Volkes; sprich, jeder, der mit zwanzig noch kein Multimillionär war. Sie beherrschte Krumping, Pop & Lock oder Tango, je nachdem, welchen Stil ihr Musikvideo verlangte. Jeder Pieps, den sie in den letzten sechs Jahren geäußert hatte, erklomm die Top Five der großen Popmusik-Charts, wobei die meisten es auf den ersten Platz schafften. Ihre Fangemeinde erstreckte sich über den ganzen Globus. Es gab einen Astronauten auf der International Space Station, ein Biologe, der bekanntlich Calderons Songs spielte, während er an seinen Experimenten arbeitete. Schon diese Geschichte allein sprudelte auf den großen Fernsehsendern durch mehrere Nachrichtenzyklen.
Und doch war La Luz, oder Das Licht, wie Journalisten in Ignoranz jeglicher Subtilität und Finesse eilig übersetzt hatten, auf dem Boden geblieben. Das behaupteten ihre begeisterten Fans. Sie war eine von ihnen. Sie zelebrierte ihre Herkunft mit einer wilden Art von Würde, was eine der züchtigeren und doch meistverkauften Bilderreihen im Playboy Magazine des letzten Jahrzehnts beinhaltete.
Und nun hatte sie die Hauptrolle in ihrem ersten Film. Dieser hieß Ganar – Sieg. Er handelte von einer mutigen, großherzigen Revolutionsführerin und ihrem Freiheitskampf in einer fiktiven südamerikanischen Inselnation. Calderon spielte die charismatische Walküre, wie Evita, die aber nicht durch den Tod ihres Ehemannes an die Macht gelangte, sondern durch eigene Initiative und Integrität, indem sie grundverschiedene politische und sozioökonomische Fraktionen vereinte und in eine unschlagbare Rebellentruppe verwandelte. Der Streifen war mit einem gewissen Maß an Gewalt und einem Liebesdreieck mit einem Genossen und einer Genossin gewürzt, und während das von den Spießern noch als schockierend gewertet wurde, hatte sie damit bei den offeneren Kritikern, auf die es ankam, Punkte gesammelt. In einer unrealistischen Wende hält ihre Figur gleich, nachdem sie die faschistische Opposition bezwungen hat, Mehrparteienwahlen ab, die von europäischen Beobachtern als ehrlich und fair bewertet werden, und übernimmt die Führung ihrer frischgebackenen Demokratie. Luz war George Washington, aber mit ihren eigenen Zähnen und ohne jegliche Implantate, sofern man ihrem Publizisten Glauben schenken konnte.
Vorankündigungen für Ganar in den Printmedien, der Blogosphäre, dem Twitterversum der sozialen Medien und in Film- und Fernsehmagazinen sagten dem Film atemlos die allerhöchsten Auszeichnungen bei den großen Preisverleihungen voraus. Luz war im Begriff, das glorreiche, medienübergreifende Schicksal zu erfüllen, das Selena auf so tragische Weise versagt worden war.
Nach einem glanzlosen Jahr für die Filmindustrie garantierte die Filmpremiere im Dolby-Theatre in Los Angeles dem Projekt einen phänomenalen Erfolg an den Kinokassen am folgenden Wochenende. Das kleinere Graumans Theatre eine Ecke weiter war für diesen Anlass kurzzeitig in Erwägung gezogen worden, wurde aber als zu klein wieder verworfen, und weil es zu sehr an eine längst vergangene Hollywood-Ära erinnerte, die damals vom weißen Establishment dominiert worden war.
Es war eine gute Entscheidung. Innerhalb einer halben Stunde nach Ankündigung der Premiere war fast jeder der 3332 Plätze des großen Kinos vergeben, ausgebucht von Hollywoods Schönsten und Mächtigsten, sowohl vor als auch hinter der Kamera. Die Normalsterblichen überschwemmten jegliche Götter oder Halbgötter der Filmindustrie, die auch nur die geringste Verbindung mit der Produktion oder dem Vertrieb des Films hatten, mit aufgeregten Anfragen, ob man ihnen nicht Zutritt verschaffen könnte. Selbst die unbedeutenden Filmautoren, alle acht von ihnen, ob nun im Abspann gewürdigt oder nicht, bekamen Angebote für großzügige Geschenke, Drogen, Bargeld, Reisen und sogar Sex, wenn sie sich nur von einem einzigen Ticket trennen oder eines auftreiben könnten.
Ein paar glückliche Mitglieder der breiten Masse bekamen genau das, was sie wollten, ohne ihre Seelen zu verkaufen. Luz Calderon hatte darauf bestanden, dass fünfhundert Plätze für das Volk reserviert wurden, und verteilte sie unentgeltlich durch ein Gewinnspiel auf speziell markierten Flaschen und Dosen des Softdrinks AzteKola; ungültig, wo gesetzlich verboten, kein Kauf erforderlich. Wenn man mal einen Moment vergaß, dass das sprudelnde, süße Getränk ursprünglich in Mexiko in den Dreißigern von einem weißen Einwanderer aus Kansas erfunden worden war. Diese Geste, von manchen Zynikern als aalglattes Manöver bezeichnet, hatte einem Star, der ohnehin schon nichts falsch machen konnte, noch mehr berauschte Pressestimmen verschafft.
Luz Calderons volksnahe Art machte ihren Gefolgsleuten zu schaffen. Sie mied die aufgepumpten Sicherheitsdienste, auf die so viele Prominente der Industrie bestanden. Der Premierenabend im Dolby sollte keine Ausnahme sein. Ihr einziges Zugeständnis an Schutz vor Verrückten, denn nur Geistesgestörte könnten La Luz wehtun wollen, war ein Trio unbewaffneter Cholo-Freunde, die sie seit Kindergartentagen damals in East L.A. kannte. Auf Luz' Forderung hin hatten diese drei Männer öffentlich sämtliche Gang-Zugehörigkeiten aufgeben müssen, bevor sie sie in den Dienst stellen würde. Die Presse war begeistert. Verschlang es. Heute Abend war Luz also allein, und das gefiel ihr so. Es gab keine künstlichen Barrieren, da sie nicht den Drang verspürte, sich von genau den Leuten zu distanzieren, die sie liebten und die wiederum sie liebte, jeden Einzelnen von ihnen. Letztendlich war es auch egal. Selbst wenn La Luz die entschlossene, zusammengewürfelte Rebellenarmee, die ihre Figur im Film befehligte, rekrutiert hätte, hätte es keinen Einfluss auf den Verlauf des Abends gehabt.
Die Anwesenheit von Luz' drei Kumpanen hielt die Polizeibehörde von L.A. nicht davon ab, zusätzliche Beamte für den Abend abzustellen. Viele davon. Es gab die übliche Machtdemonstration entlang mehrerer Blocks rund um das Kino, eine lockere Kette aus Uniformen, angefangen am West Sunset Boulevard südlich, North La Brea westlich, Franklin Avenue im Norden und North Las Palmas im Osten. Es gab noch mehr uniformierte Beamte auf den Straßen um das Kino herum und sie wurden unterstützt von Zivilpolizisten, die aus den Valley-, Central- und Südbezirken kamen, um das Sternchen des Volkes nicht mit einer offensichtlichen Polizeiinvasion in der Gegend zu verärgern.
Hausdächer waren ein anderes Problem. Jedes Gebäude im Block des Kinos und unmittelbar daneben wurde von Scharfschützenteams gesichert. Ungewöhnlicherweise befand sich die Einsatzleitung für das Ereignis direkt auf dem Kino selbst, um weniger provokativ zu wirken. Das machte die Einsatzleiterin nicht sehr glücklich. Sie war eine praktisch veranlagte Beamtin, die sich von ihrer ersten Position als Streifenpolizistin heraufgearbeitet hatte, aber sie hatte sich daran gewöhnt, dass Pragmatismus neben den Launen der Berühmtheiten die zweite Geige spielte.
Obwohl sechs der zwölf Helikopter vom Typ Aérospatiale B-2 Astar der Luftunterstützungsdivision des LAPD in der Luft waren, kreisten sie fünf Meilen entfernt, damit die Gegend um das frühere Kodak-Theatre nicht aussah, als wäre während der Premiere eine Luftverfolgungsjagd im Gange. Es war eine zeitweilige Flugbeschränkung für die allgemeine Luftfahrt im Umkreis von zehn Meilen um das Kino erhoben worden. Die einzige Ausnahme war für fünf Presse-Hubschrauber gemacht worden. Sie waren mehr als willkommen, solange ihre Sender sich rechtzeitig um die Freigaben gekümmert hatten, und sie übermittelten die eigens für den Anlass ausgegebenen Freigabecodes auf ihren Transpondern. Wenn Luz Calderon etwas wollte, bekam La Luz es auch. Sie bekam mehr, als ihr lieb war.
Wie immer lag die größte Aufmerksamkeit um das Kino auf dem Hollywood-Boulevard. Kameratürme und Kommentatorenboxen waren über Nacht von Spitzenteams errichtet worden, von denen viele zwar wie Chaoten aussahen und sich nicht gerade zu überarbeiten schienen, die aber ihre Arbeit gleich beim ersten Mal richtig machten. Die Aufbauten waren mit Wimpeln in den Farben der Revolutionsarmee des Films dekoriert worden und bevölkert mit Kameramännern, damit sie die Totale des Promi-Aufmarschs auffangen konnten. Kamera- und Tonteams für die Nahaufnahmen und Moderatoren der Sender tummelten sich in Rudeln entlang der abgeteilten, mit Teppich ausgelegten Gasse, die zu der außen gelegenen Vorbühne am Eingang führte.
Die Einschaltquoten eines Senders hatten Einfluss auf die Position seines Interviewers. Andere Crews schnappten sich weniger begehrte Stellen, an denen die Elite passieren und Kommentare abgeben musste. Dies war ein spezielles Ereignis für die Bevölkerung, aber für die Gewerkschaftsarbeiter, die es verwirklichen mussten, war es nur wenig mehr als eine Trockenübung. Sie hatten es gerade für die große Preisverleihung im Februar ein paar Wochen zuvor vollbracht. Diese leicht zurückgeschraubte Veranstaltung gleich im Nachhinein war ein Leichtes.
Eine Hürde für die Prominenten während ihres Eintreffens war es, sich immer wieder neue Formulierungen dafür auszudenken, wie die Arbeit an Ganar sie in einem fortwährenden Zustand des emotionalen Orgasmus gehalten hatte, dass mit jedem Beteiligten, vor allem mit Luz, traumhaft zu arbeiten war, und dass Ganar das wichtigste Projekt ihres Lebens und das aller anderen war. Autoren standen schon seit Wochen auf Abruf, um perfekte Sieben-Sekunden-Sätze für die Filmgötter zu produzieren, die es vorzogen, diesen Spießrutenlauf nicht aus dem Stegreif zu absolvieren. Mit den üppigen Honoraren konnten die Schreiberlinge beinahe Tiaras erstehen, entweder die mit Juwelen besetzte Sorte oder die Glasfaserrennboot-Variante mit den Doppeldieselmotoren. Große Eröffnungen führten zu großen Geschäften in der ganzen Stadt.
Es wurde langsam Zeit für den Vorstellungsbeginn. Inzwischen hatten die meisten der anwesenden Stars, Regisseure, Agenten, Manager und Produzenten in die Mikrofone auf dem roten Teppich gesprochen. Sie glitten nun an den Theken vorbei, an denen sie Flöten mit Cristal-Champagner grapschten wie ausgelaugte Marathonläufer, die den Freiwilligen Wasserbecher entrissen. Die fünfhundert Gewinnspielsieger standen immer noch auf dem Hollywood-Boulevard. Sie würden nach La Luz' Ankunft hineingehen, deren Wagen zuletzt ankam. Sie verstand, wie wichtig es war, gespannte Erwartung aufzubauen und einen großen Auftritt hinzulegen. Es war ihr Abgang, an den sich alle erinnern würden.
Heute Nacht sah La Luz wie eine Königin aus. Die Augen waren mit schwarzem Mascara hervorgehoben, die Lippen glänzend rot, die widerspenstigen Schmachtlocken gebändigt. Sie trug einen Mantilla-Kamm in ihrem Haar, ein türkisfarbenes Oberteil mit Nackenträger und enge schwarze Mariachi-Hosen mit Silberknöpfen, die von der Hüfte zu dem engen Saum gleich unter ihrem Knie gingen. Ihr einziges Schmuckstück war ein wunderschöner, türkisfarbener Anhänger, fünf Zentimeter breit an einer langen, silbernen Venezianerkette auf Höhe ihres Brustbeins zwischen ihren kleinen, der Schwerkraft trotzenden Brüsten. Luz war jedermanns ruca, die wahre Liebe.
Sie steuerte auf das Kino zu in einem leuchtend neongrünen Lowrider, einst ein '58er Ford Fairlane Skyliner mit abnehmbarem Verdeck. Sie führte eine Prozession weiterer auffällig umgestalteter Wagen an, die hüpften und hopsten und tanzten, die Kofferräume voll mit 72-Volt-Batterien für die hydraulischen Heber an jedem einzelnen Rad. Aus dem Auto hinter Luz dröhnte das Titellied des Films, das sie selbst geschrieben hatte. Die Fenster der naheliegenden Gebäude pulsierten und bogen sich im Takt mit der Bassline und drohten, breite Fensterscheiben wie Guillotinen in die Straßen zu entsenden.
La Luz' Parade aus Lowridern hatte bereits mehrere Runden in den Straßen außerhalb der Polizeikette absolviert, allein zur Freude der fröhlichen Menge des Volkes, von denen manche ihre eigenen Gründe dafür hatten, mit der Polizeiaufwartung in der Nähe des Kinos nicht auf Tuchfühlung zu gehen. Crips und Bloods sowie die Black P-Stones, Los Zetas und Mara Salvatruchas, die MS-13, waren in ihren Farben präsent, aber der Waffenstillstand, den Luz unter ihnen für den Anlass ausgehandelt hatte, schien zu halten. Sie wurde auch im wahren Leben langsam zu ihrer Filmfigur; die große Vereinigerin. Ihre Revolution war bereits im Gange.
Endlich war es so weit. Die neun Parade-Lowrider stahlen sich davon, um sich auf der Sycamore Avenue außerhalb der Polizeikette aufzustellen, wo sie nach der Vorstellung wieder zu ihnen stoßen wollte. Es waren einige After-Partys angesetzt und sie hatte vor, bei jeder dieser Partys mit ihrem vollen Konvoi anzurücken. Luz' Skyliner hielt weiter auf das Kino zu, aber natürlich war er nicht allein.
Eine Schar überprüfter Paparazzi-Cabrios und Motorräder rückte nach, um die Lücke zu füllen, die von den neun Lowriders hinterlassen worden war. Blitzgeräte von unzähligen Kameras machten aus der Nacht helllichten Tag. La Luz' Auto hüpfte nun nicht mehr, damit sie vor dem Kino auf der Kofferraumklappe sitzend vorfahren konnte, die Beine drapiert über der Rücksitzrückenlehne, ohne wie ein Rodeoreiter abgeworfen zu werden. Sie war wie ein wunderschönes Wildtier, das den Jägern von lauten Treibern in die Fänge getrieben wurde.
Luz' Auto kam vor dem Kino zu stehen. Ihre Fans kreischten. TV-Sprecher in Abendkleidern und Smokings checkten ihre Positionen und warfen flüchtige Blicke auf ihre Kamerateams. Bereit.
Die ohrenbetäubende Explosion kam mit einer solchen Sprengkraft daher, dass die Druckwelle jedem im Umkreis von zweihundert Metern in die Brust fuhr. Luz' Oberkörper zerteilte sich in grobe Stücke und die Bröckchen flogen in hohem Bogen davon. Ihre Hüfte und Beine blieben im Rücksitz des Wagens. Begeisterte Fans, überglücklich, für die Chance auf ein Autogramm ausgesucht worden zu sein, wurden auf dem Asphalt in blutigen Fetzen aus Fleisch niedergemäht. Das Licht erlosch für immer, aber erst nach einem nassen Blitz aus Rot.
Kapitel 2
Tote Männer sollen in Frieden ruhen. Sie erzählen keine Geschichten. Sie geraten bald in Vergessenheit, trotz der tiefen Furchen in ihren Grabsteinen. Ben Blackshaw, seit den letzten vier Monaten der Welt entschwunden, war eigenartig nervös. Das sollte nicht so sein. Er sollte so etwas wie diese Unruhe, die über seine Haut kroch und ihm die Nackenhaare aufstellte, nicht spüren. Aber die Schrift war nun mal an der Wand und er erkannte die Handschrift wieder.
Der Winter im Greenwich Village war hart und kalt gewesen. Weihnachten und Neujahr waren an Ben vorübergegangen, mit wenig mehr als einem leeren Verlangen nach Menschen und Orten, die entweder zu weit entfernt lagen oder von denen er durch Tod und Zeit getrennt war. Sein Heimweh grenzte an Depression. Er hätte sich noch schlechter gefühlt, wenn die Arbeit nicht seine Tage und große Teile seiner Nächte beansprucht hätte. Er konnte nicht schlafen, war stets erschöpft. Er war nicht aus New York. Das Schnitzen neuer Vorlagen für die Wachsformen, die für seine ungewöhnlichen Aufträge nötig waren, genügte nicht, um ihn von dem Gefühl abzulenken, ein Fremder weit hinter den feindlichen Linien einer fremden Stadt zu sein. Ben war von Smith Island in der Chesapeake Bay und doch war Manhattan anders als jede Insel, die er je gekannt hatte. Es war überhaupt nicht wie zuhause.
Die Frühlingskälte hielt sich mit eisigen Krallen in den Schatten zwischen den alten Fabrikgebäuden fest. Die meisten Gebäude in der Gegend waren schon vor langer Zeit zu luftigen oder zugigen Räumlichkeiten umgebaut worden, je nachdem, ob man Makler oder Mieter war. Nun waren sie hochwertiger Wohnraum oder trendige, minimalistische Großraumbüros mit ums Überleben kämpfenden Einzelhandelsgeschäften auf der Fußgängerebene. Es war so früh am Tag, dass nichts geöffnet hatte.
Ben schleppte sich durch Vierundzwanzig-Stunden-Tage in einem unausgebauten Keller eines heruntergekommenen Gebäudekomplexes, der von den hungrigen Bauunternehmen geschmäht wurde, wegen einer belastenden Menge an ungeklärten Besitzansprüchen, gepfefferten Steuerrückständen, die niemand zahlen wollte, Gerichtsverfahren, Bauvorschriftsverstößen und Problemen mit der Bauordnungsbestimmung. Ein gesamtes fünfstöckiges Gebäude, dass unter Papierkram begraben war. Wäre er am Leben, hätte man Ben einen Besetzer genannt. Heute war er ein Geist.
Das hätte er zumindest sein sollen. Nun, im Gegensatz zu den vielen Toten, für die er selbst verantwortlich war oder deren Ableben er während des ersten Golfkrieges und auf anderen Einsätzen beobachtet hatte, anders als der Tote, der er eigentlich sein sollte, verspürte er Furcht. Das fasste es ganz gut zusammen. Ein flaues Gefühl im Bauch. Er hatte Angst.
Er war von seinen unruhigen Träumen vom Sonnenaufgang über der Chesapeake in dem kalten Kerker erwacht. Wie üblich war er an diesem Morgen aus dem versteckten Hintereingang seines Gebäudes gekrochen und vorsichtig sieben Blocks zu einem Imbissladen gegangen, der die ganze Nacht geöffnet hatte. Er variierte seine Route täglich, wobei er manchmal ziemliche Umwege für einen schlechten Kaffee auf sich nahm, der auch durch Milch und Zucker nicht besser wurde.
Wenn das Heimweh besonders stark war, übertrug er die mäandernden Wasserwege und Ströme des Smith Island Archipels auf das winklige Straßenraster. Ein Bummel zum Drum Point Market zuhause auf Smith führte ihn stadtauswärts und auf die Westseite. Ein imaginärer Besuch im Haus seines guten Freundes Knocker Ellis bedeutete einen Marsch stadteinwärts und dann nach Osten. Er brach seine Fantasiepfade immer ab, bevor er seine eingebildeten Ziele erreichte. Es war sogar zu schmerzhaft für ihn, sich vorzustellen, wie seine Braut LuAnna seine Hand auf diesen Streifzügen hielt. Es würde keine wundersame Heimkehr in der verwitterten Smith Island Saltbox geben, die er sein Zuhause nannte. Kein Geplänkel mit seiner Frau. Keine Witze oder Sticheleien, die man mit Freunden teilte. Er landete immer in dem koreanischen Vierundzwanzig-Stunden-Imbiss, wo niemand jemals auf die Idee käme, Käse in den Kaffee zu tun, wie es auf Smith Island Brauch war.
Ben brauchte das Koffein nicht. Er wollte verzweifelt an die frische Luft, sofern sie in New York zu finden war. Kaffee zu holen, war lediglich eine Mission. Der Imbiss, ein Ziel. Sein Jäger-Verstand, von den Jahren im Militärdienst geschärft, funktionierte besser, wenn es einen Plan gab. Die Akkordarbeit seiner derzeitigen Beschäftigung, so lukrativ sie auch war, betäubte seine Seele. Erschöpfung erledigte den Rest und alles zusammen machte ihn anfällig für ein Heimweh, wie er es nie gespürt hatte, als er im Golf gedient hatte; das war eine unverzeihliche Gefühlsduselei, die ihn dazu veranlassen konnte, unachtsam zu werden und am Ende dem Tod sehr viel näher zu kommen, als er bereits war.
Jemand wusste, dass er in der Stadt war, aber Bens anonyme Arbeitskluft hatte ihn nicht verraten. Der Stoff war dunkel, von seinem Schöpfer gefärbt, um den Schmutz und die Schmiere von harter, niederer Arbeit über viele Tage zwischen den wenigen Waschgängen zu verstecken. Er zog den Reißverschluss seiner Jacke bis zum Kinn hinauf. Die Jacke war aus billigem Nylon, ein verhaltenes Dunkelblau. Es war eine unförmige, wattierte Kopie aus Übersee und wurde in den Billigläden Manhattans an Arbeiter verkauft, die gerade so über die Runden kamen. Er hatte die paar Löcher, die durch die enorme Hitze bei seiner Arbeit entstanden waren, mit schwarzem Duct Tape zugeklebt. Ben zog seine Rollmütze tiefer über seine Ohren. Das Walle-Polyester-Gemisch war ebenfalls dunkel. Nichts Besonderes. Keine Logos.
Von Kopf bis Fuß war Ben ein unbeschriebenes Blatt. Ein Geheimnis. Er passte sich seiner Umgebung an. Er war nicht mehr von dieser Welt, und nun versuchte jemand, ihn zurückzuholen.
Auf dem umständlichen Rückweg nahm er etwa jeden halben Block einen Schluck Kaffee. Wenn er seinen Kopf leicht zurückneigte, um zu trinken, ließ er seine Augen über den Gehweg vor ihm, die andere Straßenseite und die darüberliegenden Fenster schweifen. Ohne nachzudenken, filterte er die sanften Schritte seiner eigenen Gummisohlen aus; rechnete stets mit Geräuschen hinter sich. Alles, was auch nur annähernd wie verstohlene Schritte auf sechs Uhr klang, wie es im Militär hieß, oder direkt hinter ihm, ließ ihn lässig über seine Schulter blicken. In der ersten Woche in der Stadt hatte er befürchtet, diese Vorsicht würde ihn verdächtig wirken lassen und daher Aufmerksamkeit auf ihn lenken. Doch er lernte schnell, dass dies der Big Apple war und dass hier jeder Augen im Hinterkopf hatte.
Dennoch, zu dieser Stunde waren nur wenige auf den Straßen unterwegs und sie hatten größere Probleme als irgendeinen Typen, der mit einem lausigen Käffchen herumlief. Straßenräuber waren im Bett, nachdem sie bis spät in die Nacht denjenigen aufgelauert hatten, die völlig betrunken oder auf Drogen waren. Sie zehrten von den Party-Kids, die einen schnellen und stillen Angriff wegen der lauten Musik in ihren Kopfhörern nicht bemerkten, und von denen, die schon ein hohes Alter erreicht hatten und nun wehrlos waren. Bens Schritte wiesen gerade genug Bestimmtheit auf, dass er kombiniert mit seiner einschüchternden Größe und seinen schäbigen Klamotten den Eindruck erweckte, den Ärger nicht wert zu sein. Damit blieben nur Polizisten und verzweifelte Junkies, die ihn schikanieren konnten, und wären solche in Sicht, würden sie sich nur gegenseitig Beachtung schenken und nicht einem Niemand wie Ben.
Er hielt am Eingang der Gasse an, die zu seiner Tür führte, nippte an seinem Kaffee, sah sich um und starrte in die noch immer sonnenlose Leere. Er ließ seine Augen alle paar Sekunden ruhen, als er nicht nur auf, sondern durch die Fenster parkender Autos schaute, auf der Suche nach Anzeichen, dass ihn jemand von der anderen Seite aus beobachtete. Die Straße war leer. Sein Herz wurde schwer wie das eines Sträflings, der den Gefängnishof verlassen musste, um seine Einzelhaft anzutreten.
Der elektrische Schmelzofen, den er angestellt hatte, bevor er gegangen war, musste inzwischen ziemlich heiß sein und zog genug Ampere, dass sich die Scheibe im uralten Stromzähler wie ein Frisbee drehte. Ben konnte gleich damit beginnen, das Gold für den ersten Guss zu schmelzen. Die Elektrizität, die seine Arbeit verschlang, war nur ein weiteres Opfer der bürokratischen Verwirrung, die sein armes, kleines Gebäude umgab. Als er sich hier einnistete, hatte er die Hauptleitung angezapft, ohne großartig Gefahr zu laufen, dass jemand den hohen Verbrauch meldete. Bisher hatte es sowieso noch niemand bemerkt. Falls es so weit kommen sollte, gab es keinen eindeutigen Eigentümer, dem man die Rechnung präsentieren konnte. Die wenigsten Phantome besaßen Geld. Es wären vielleicht größere Anstrengungen unternommen worden, das Geld für Nebenkosten einzutreiben, wenn der Stromversorger gewusst hätte, dass Ben Multimillionär war.
Noch einmal scannte Ben die abgedunkelten Gebäude um sich herum von den Kellerfenstern bis zu den Dachflächen. Überzeugt, dass ihn niemand mit übermäßiger Neugier beobachtete, deponierte er den blauen Styroporbecher in einem schlecht verschlossenen Müllcontainer des benachbarten Gebäudes. Zeit, zu arbeiten. Er drehte sich um und betrat die Gasse, vorbei an kleinen, schmutzigen Schneehaufen, die seit dem letzten Schneesturm in der Dunkelheit zwischen kaputten, verrottenden Holzpaletten überlebt hatten.
Er erreichte die alte Stahltür und stoppte, sein Körper angespannt, sein Verstand auf der Hut vor Gefahr. Es gab keine Klinke an dieser Tür, aber das war nicht das Problem. Gleich nach seiner Ankunft vor ein paar Monaten hatte er ein fünf Zentimeter großes Loch in das Türblatt auf der von den Angeln abgewandten Seite gebrannt. Dann hatte er eine Kette durch das Loch in der Tür und um den Stahlrahmen gefädelt, wo das Mauerwerk abgebröckelt war. Die unauffällige Sicherheitsmaßnahme war noch genauso intakt, wie er sie hinterlassen hatte. Die Mauer war das Problem. Jemand hatte dort eine Nachricht hinterlassen.
Die schwarze Sprühfarbe war auf der rußigen Gebäudefassade kaum zu erkennen. Die Symbole, etwa eine Handbreit hoch, waren an sich harmlos, aber sie zerschmetterten seine Welt mit mehr Gewalt als eine gut gezielte Kugel. BB2AMKIABNRMCG1300ZRIPAU. Er war sich sicher, dass die Wand nackt gewesen war, als er losging, um sich einen Kaffee zu besorgen. Das Kommuniqué war für ihn gedacht. Irgendjemand ignorierte die Tatsache, dass Tote nicht lesen können.
Mit dem stabilen Schlüssel aus seiner Hosentasche öffnete Ben das Vorhängeschloss und ging hinein. Er machte die Kette wieder fest und schloss sich im Keller ein. Der Schmelzofen heizte den zugigen Ort auf. Aus Gewohnheit schob er eine alte Decke mit dem Fuß gegen die Türschwelle, um kalte Luftzüge auszusperren. Er saß im Dunkeln auf einem einzelnen Metallklappstuhl, den er im Sperrmüll am Straßenrand aufgegabelt hatte, und dachte nach.
Die ersten fünf Zeichen adressierten die Nachricht an ihn persönlich. Es gab keinen Zweifel, dass er der Empfänger war. Obwohl er seine Hundemarken seit Jahren nicht mehr getragen hatte, kannte er sie auswendig. Wie jeder Soldat. Von oben nach unten statt von links nach rechts gelesen war das erste Zeichen jeder Zeile auf dem Metallplättchen ein B für Blackshaw, noch ein B für Benjamin, die Zwei war die erste Ziffer seiner Sozialversicherungsnummer, A stand für seine Blutgruppe und M für Methodist. Nur wenige Auserwählte verstanden diesen Code, auf den man sich vor Ewigkeiten zu gefährlicheren Zeiten geeinigt hatte.
Die Tatsache, dass der Code das Format der Army trug, war die Bestätigung, dass die Nachricht echt war.
Dieser Geheimcode war auf dem Balkan während eines gemeinsamen Sondereinsatzes mit Soldaten der zehnten Gebirgsdivision entworfen worden.
Der Rest der Nachricht erschloss sich Ben nach einer etwas genaueren Untersuchung. KIABNR stand für ›Killed In Action, Body Not Recovered‹ – Im Kampf gefallen, Leiche nicht geborgen – ein Ausdruck, der in Militärfamilien leider allzu bekannt war. Der Absender wusste, dass Ben sich versteckte, wusste wo, und wusste sogar, dass sein vorgetäuschter Tod durch Ertrinken in der Chesapeake Bay Monate zuvor keinen Leichnam hinterlassen hatte. MCG1300Z war der Aufruf zum Handeln, den er nicht ignorieren konnte. Er wurde von jemandem gebraucht, dem er sich einst mit Leib und Leben verschworen hatte. Es war nicht schwer, das zu verstehen. McGuire Air Force Basis. Da musste er hin. 1300Z war eine Angabe nach Zulu- oder koordinierter Weltzeit. Gemessen nach Ortszeit musste Ben irgendwie bis neun Uhr an diesem Morgen McGuire erreichen. Er hatte immer noch keine Ahnung warum, aber das würde sich zu gegebener Zeit herausstellen.
Es war das RIPAU, das ihm am meisten zu schaffen machte, mehr noch als der Aufruf zu einer mysteriösen Mission. Rest In Peace – Ruhe in Frieden – das war deutlich genug. Aber warum das hinzufügen? Jeder, der dieses Format verstand und der sich die Mühe machte, es zu benutzen, anstatt ihn persönlich anzusprechen, hätte seine prompte Antwort erhalten. Der Absender teilte ihm zwei Dinge mit. Die erste Botschaft lautete, dass es bekannt war, dass Bens derzeitiges Unterfangen seine volle Aufmerksamkeit beanspruchte. Sein fingierter Tod und das Exil am letzten Ort der Welt, den er je besuchen, geschweige denn zur Heimat machen wollte, konnte nur etwas Großes beinhalten. Wie viel wusste der Absender wirklich? Das wurde in der zweiten Botschaft klar. Au war der Clou. Das chemische Symbol für Gold im Periodensystem der Elemente.
Jemand wusste über Bens Machenschaften Bescheid. Falls die Loyalität und der Blutschwur, die von der Nachricht verlangt wurden, noch nicht überzeugend genug waren, erfüllte die Neugier darauf, wer ihn aufgespürt hatte, den Zweck. Es war möglich, dass noch ein oder zwei Kleinigkeiten erledigt werden mussten, bis er und seine Arbeit endgültig sicher waren. Die Erwähnung des Goldes wies darauf hin, dass der Absender annehmen konnte, dass es um Kubik-Dollar ging und vielleicht um andere Anspruchsberechtigte, die auf ihn angewiesen waren. Jemand schlich in seinem Kopf herum, in seinem Leben. Das machte Ben sauer. Er wollte die Schrift mit einem seiner Schnitzmesser von der Wand kratzen. Wer auch immer die Nachricht hinterlassen hatte, wusste, dass er fast alles tun würde, um sein derzeitiges Unterfangen und seine Tarnung nicht für das Unbekannte aufgeben zu müssen.
Ben analysierte die gesamte Nachricht. Alles in allem sagten die scheinbar zufälligen Buchstaben und Ziffern: Ich weiß, wer du wirklich bist. Ich weiß, wo du bist. Du bist nicht tot. Du tauchst besser um neun in McGuire auf. Du kannst in Ruhe dein Leben mit deinem Gold genießen, nachdem du mir geholfen hast. Lass mich im Stich und es wird nicht friedlich werden.
Es gab die geringe Chance, dass er die unausgesprochene Drohung nur hineindeutete, aber Ben nahm das nicht auf die leichte Schulter. Resigniert schaltete er den Schmelzofen aus. Das dumpfe Brummen der Energiemassen, die durch unzureichende Leitungen strömten, verstummte. In der neu entstandenen Stille sah er sich um. Das graue Morgenlicht kroch beinahe versehentlich durch schmutzige, schmale Fenster. Ein kleiner Vorrat an gestohlenen Goldbarren lag unter einer Packdecke. Nicht viel. Etwa vier Millionen Dollar wert laut heutigem Marktpreis. Innerhalb von fünf Minuten konnte derselbe boomende Markt das Gold bedeutend wertvoller machen, ein oder zwei Marktkorrekturen mehr oder weniger. Der Rest des Goldes lagerte auf Smith Island. Jeder Barren war mit einem schiefen Grinsegesicht geprägt. Bei jeder Lieferung wurden Ben nur kleine Mengen des Goldes gebracht, um das Risiko zu verringern, den gesamten Schatz durch Diebstahl oder eine Razzia zu verlieren. Man konnte nicht vorsichtig genug sein. Die früheren Besitzer des Goldes hatten ein gutes Gedächtnis und waren höchstwahrscheinlich ziemlich angefressen, so hereingelegt worden zu sein.
Die anmutige, massive Goldskulptur eines Schwans, etwa fünfundzwanzig Zentimeter hoch, wartete unter einer weiteren Decke auf ihren Feinschliff. Das Gold war so rein, so weich, dass Ben es mit einem scharfen Messer hätte schnitzen können, anstatt es zu gießen. Tatsächlich wurden viele der letzten Details, die aus dem Schwan einen so kostbaren Ausdruck seiner Vision machten, per Hand ausgearbeitet. Aber das musste nun warten. Der Käufer, ein Waffenhändler, der in Londons Connaught Square lebte, würde sich gedulden müssen.
Ben war kein Geldwäscher. Er wusch gestohlenes Gold. Er verwandelte Barren in Bargeld und das zum 1,38-fachen des Marktpreises pro Unze zur Zeit des Verkaufsabschlusses, so geschätzt war seine Kunstfertigkeit. Bisher hatte das System funktioniert. Sechsunddreißig Millionen Dollar hatte er schon mit dieser Methode erzielen können. Die gesamten Einnahmen gingen nach Smith Island. Genauer gesagt, der Verkaufspreis jedes Stücks, abzüglich der Galeriekommission, wurde auf ein Nummernkonto der Scotiabank auf den Cayman Islands transferiert. Ben und seine Leute vertrauten auf die Sicherheit von Inseln. Manhattan allerdings, wie sich herausstellte, war wohl doch nicht so narrensicher.
Während Ben die Skulpturen anfertigte, schmiedeten seine Mitverschwörer Pläne, eine Ladenfront im Village zu mieten, um die derzeitigen Galeriekommissionen zu umgehen. Die Smith Islander konnten es sich jetzt leisten. Bis vor Kurzem hatten viele in der Heimat aufgrund der mageren Zeiten kaum mehr als eine Mahlzeit pro Tag gehabt. Das hatte sich geändert. Der Goldpreis stieg schneller als die Grundstückspreise in New York City. Bens langsame Produktionsweise von seinem Kellerstudio aus hatte ihre Vorteile im Durchschnittskosteneffekt.
Der Absender der Nachricht hatte recht. Die Zelte abzubrechen und die Stadt zu verlassen gehörte nicht zu Bens Plänen; nicht, falls er seine Arbeit hier in Manhattan jemals abschließen und nach Hause zu dem offenen Himmel und den Gewässern von Smith Island zurückkehren wollte.
Es war gar keine Frage, ob Ben der Aufforderung Folge leisten würde. Andererseits lief er nur ungern blindlings in ein mögliches Verderben, dennoch musste er einen Besuch abstatten.
Ben verließ den Keller, machte die Kette wieder mit dem Vorhängeschloss an der Tür fest und sah sich noch einmal die Nachricht an. Zorn wallte in ihm auf. Falls sich eine richtige Mission hinter dem Code verbarg, würde es seine Arbeit hier verzögern und seine Rückkehr nach Hause in eine ungewisse Zukunft schieben. Er hatte sich New York nur für einen heftigen, kurzfristigen Arbeitseinsatz verpflichtet, um aus dem Gold harte Währung zu machen. Er war bereit gewesen, den Kontakt zu allem, was er liebte, zu opfern, weil es so viel Not und Elend auf Smith Island gab. Doch er hatte niemals vorgehabt, lange fortzubleiben. Sein Vater hatte vor ewiger Zeit ihr Zuhause verlassen und damit alles aufgegeben, was ihm wichtig war. Ben fragte sich, ob er am Ende doch wie sein Vater geraten war, obwohl er sein Leben lang versucht hatte, einen anderen Weg einzuschlagen.
Mit all der Verstohlenheit, die er als Scharfschütze besaß, erklomm Ben die Feuerleiter auf der Rückseite des Gebäudes. Er bewegte sich langsam, da die Metalltreppe alt war und seine Schritte vielleicht Erschütterungen auslösen konnten, die die Person, auf die er es absah, warnen würden oder schlimmer noch, die ganze Konstruktion zum Einsturz bringen.
Auf dem Treppenabsatz im dritten Stock spähte er durch eine ungetrübte Stelle einer verschmutzten Glasscheibe, die als Guckloch von der Bewohnerin sauber gemacht worden war. Sie lag da drin auf ihrer Matratze und schlief tief und fest. Ω war das Zeichen, mit dem sie ihre Arbeit signiert hatte. Omega. Sie war schwarz, ungefähr zwanzig, zu dünn. Sie lebte nicht gerade das pralle Leben in diesem besetzten Gebäude, aber sie schätzte die Freiheit, zu tun, was ihr gefiel. Sie schlief in ihren Baggypants, eine zerfetzte Decke um die Arme geschlungen. Omega war ein Ein-Mädchen-Betrieb, eine Hardcore-Sprayerin, die sich in der Nachbarschaft einen Namen machte. In letzter Zeit verteilte sie ihre Graffiti in der ganzen Stadt; geniale Wandbilder, die die Insel sprenkelten. Ben hatte sie eines Nachts heimlich beobachtet; er bewunderte ihren ungewöhnlichen Stil und hielt die Augen nach neuen Werken offen. In ihrer Welt war sie eine große Nummer. Er war sich sicher, dass Omega die Nachricht neben seiner Tür geschrieben hatte. Da er ihre Arbeit in den letzten Monaten oft genug gesehen und bestaunt hatte, erkannte er ihre Schrift.
Ben schob seine Finger unter den Fensterrahmen und schob das Fenster nach oben. Es ließ sich leicht bewegen. Das musste es auch, denn es war die Eingangstür zu Omegas illegalem Zuhause. Die innen liegende Tür zu der Wohnung war wegen der Junkies, die im restlichen Gebäude lungerten, verbarrikadiert. Genau wie Ben scheute sie Aufmerksamkeit jeglicher Art, es sei denn, es betraf ihre Kunst.
Als er das Fenster etwa einen halben Meter angehoben hatte, ließ ein kühler Luftzug Omega im Schlaf die Stirn runzeln und stöhnen, woraufhin sie die Decke fester um sich zog. Ben bemerkte über fünfzig Dosen farbenprächtiger Sprühfarbe mit dicken und dünnen austauschbaren Sprühköpfen, alle gereinigt und bereit für das nächste Projekt. Die verschiedenen Schattierungen standen farblich sortiert auf dem Boden, wie ein Farbkreis aus dem Kunstunterricht. An einer Wand des Raumes prangte das Wandgemälde einer Unterwasser-Traumwelt, in der sich Dämonenfische tummelten.
Das war das erste Mal, dass Ben sie aus der Nähe ohne die Atemschutzmaske über ihrem Gesicht und dem Tuch über ihrem Haar sah. Sie war hübsch, tief-goldene Haut, ein schmales Gesicht, hohe Wangenknochen mit Sommersprossen, ein wilder Schopf schwarzer, lockiger Haare, lange Wimpern, volle Lippen und eine kleine Narbe an der rechten Kiefernseite. Ben schlüpfte durch das Fenster. Er schlich sich nur ungern so an sie heran, da es für sie beide gefährlich war. Er hatte nicht die Zeit für gute Manieren.
Er schloss das Fenster hinter sich, nahm zwei Sprühdosen zur Hand und schüttelte sie kräftig. Die Kugeln in den Dosen klapperten laut, wie Kastagnetten bei einem lahmen Tango. Er rief:»Omega!«
Sie riss die Augen auf. Ben ignorierte das Messer, das sie zur Verteidigung unter der Decke hervorzog. Er war völlig gebannt von ihren lebendigen, blauen Augen.
«Was zum Teufel!«Omega sprang auf die Beine, trat ihm mutig in der Mitte des Raums entgegen, das Messer auf seine Kehle gerichtet.
«Was soll die Scheiße!«Sie war noch nicht richtig wach, aber da sie schnell munterer wurde, wusste Ben, dass sie tödlich sein konnte. Er stellte die Sprühdosen weg und hielt ihr seine Hände entgegen. Das allgemeingültige Zeichen für friedliche Absichten in heiklen Situationen.
Wieder schrie sie:»Was zur gottverdammten Hölle!«Angst versteckte sich nun hinter der geläufigeren Maske des Zorns.
Ben versuchte, das Thema zu wechseln.»Du hast in letzter Zeit 'n paar krasse Pieces gerockt. Du hast mit den Dosen echt was drauf. Bin beeindruckt.«
«Das wird das Letzte sein, was du bist«, entgegnete sie.
Ben legte nach.»Das Quickpiece an meiner Wand. Nicht deine beste Arbeit. Kam wohl nicht von Herzen. Wer hat dich beauftragt?«
Omega ließ sich nicht beirren.»Hau ab, solange du noch kannst. Ich will mir mit deinem Blut nicht die ganze Bude versauen.«
Ben nickte.»Ich hab selbst schon öfter in dieser Farbe gearbeitet. Komm mal runter. Sag mir, wer dir die Nachricht gegeben hat, dann bin ich gleich wieder weg. Ganz ohne Probleme.«
Omega sagte nichts. Das Messer senkte sich ein Stück.
«Die Stehlerei und das Sprühen sind mir egal«, meinte Ben.»Mir geht's um das Throw-up an meiner Wand. Seh ich wie ein Bulle aus? Komm schon, Nachbarin. Du kennst mich vom Sehen. Das wird nicht zu dir zurückführen. Du hast mir da 'ne heftige Botschaft überbracht. Ich muss alles erfahren, was ich kann.«
Omega zögerte.»Ich dachte, er wär 'n Wachhund.«
Wachhunde waren ungewöhnlich engagierte ältere weiße Männer, die in einem Anflug von Selbstjustiz Graffiti von Gebäuden schrubbten oder sie im Namen von Recht und Ordnung übermalten. In den Augen der Polizei waren die Leute, die Farbe verwendeten, genauso sehr Vandalen wie die Sprayer.
Ben nickte.»Aber er war kein Wachhund. Kannst du das Messer runternehmen?«
Das Messer rührte sich nicht.»Nein, ich glaube nicht.«
«Okay. Wie du willst. Hat er dich bezahlt?«
«Von irgendwas muss man leben.«
«Ganz bestimmt. Ich greife jetzt schön langsam in meine Tasche. Bleibst du cool?«
Sie antwortete nicht, sondern schaute zu, wie er seine Hand in seine rechte Jackentasche schob. Er zog sie genauso langsam wieder heraus, aber sie wappnete sich gegen Ärger.
Ben öffnete seine Hand. Darin lag ein grob geschnittenes Rechteck aus reinem Gold in der Größe einer Streichholzschachtel. Er sagte:»Marktpreis, etwa fünftausend Dollar. Verkauf es nicht hier in der Gegend. Das könnte zu dir zurückführen. Oder zu mir. Fahr raus, nach Jersey oder sogar Philly. Im Ernst. Jeder Laden mit Wir kaufen Gold im Fenster wird mit Freude versuchen, dich abzuzocken, ohne weitere Fragen. Ich würde wetten, dass du dafür 'ne ganze Menge mehr bekommen kannst, als der Typ dir für den Sprühjob gezahlt hat. Hab ich recht? Du hast es selbst gesagt, man muss von irgendwas leben.«
Omega entspannte sich ein wenig.»Wirf's rüber auf meine Jacke.«
Ben zögerte.»Haben wir 'nen Deal?«
«Weiß, zehn oder zwölf Zentimeter kleiner als du und dünner. Vielleicht eins-achtzig. Aber kräftig. Grüne Augen. Dunkelrote Haare. Kleiner Leberfleck am Kinn.«
Ben ließ das auf sich wirken.»Was hat er gesagt?«
«Er sagte, wirf das Gold auf meine Jacke, bevor ich dich aufschlitze.«
Ben warf das Goldstück in einem sanften Bogen in Richtung der Jacke neben ihrem Bett. Es glänzte in der Luft wie ein heller, kleiner, gelber Komet und machte ein sattes Geräusch, als es in ein Nest aus Leder plumpste. Omega war so scharfsinnig wie ihr Messer scharf war. Sie ließ Ben nicht aus den Augen.
«Er hat mit nur gesagt, was ich schon wusste«, meinte sie.»Da gäb's 'nen Kerl, der in meinem Gebäude haust. Im Keller. Er hat erzählt, wie du aussiehst, aber er sagte, deine Haare wären kurz rasiert.«
Bens Haare waren jetzt viel länger und nicht gerade ordentlich. Also kam die Nachricht von jemandem, der ihn aus dem Militärdienst kannte oder eine alte Beschreibung besaß.
«Okay. Die Botschaft?«
«Er hat mir 'n Stück Papier mit den Buchstaben und dem ganzen Scheiß gegeben. Hat über dich Bescheid gewusst. Über mich auch, meine Street-Art und so. Hat gemeint, ich soll das ganze Ding neben deine Tür sprühen, wo du's auch sicher siehst.«
«Du hättest das Papier auch unter meiner Tür durchschieben können und ich hätte niemals erfahren, dass du das warst.«
Omega schüttelte den Kopf.»Ging nich', er hat's mich nur lesen lassen. Ich musste es auswendig lernen und ungefähr hundertmal aufsagen. Dann hat er's wieder eingesteckt. Meinte, ich soll warten, bis du weg bist.«
«Schien er zu wissen, worum es ging?«
Omegas Augen verengten sich.»Nein. Eigentlich kam's eher so rüber, als ging's ihm auf den Sack, sich mit mir abzugeben. Als wär das unter seiner Würde oder als ob er's scheiße fänd, 'ne Botschaft weiterzugeben, die er nicht verstehen konnte.«
«Als wäre er für was Größeres und Besseres bestimmt. Hast du ihn schon mal gesehen?«
«Scheiße, ja. Typen wie den seh ich jeden Tag. Diesen Speziellen aber nicht, nein.«
«Wann? Wann hast du ihn getroffen?«
Das Messer zuckte in ihrer Hand.»Um vier heute Morgen, so um den Dreh.«
Ben versuchte, geduldig zu bleiben.»Geht das etwas genauer?«
Omega hielt sich gerade so zurück.»Nein. Muss vergessen haben, meine Rolex aufzuziehen. «Sie trug keine Uhr.
«Wo ist das alles passiert?«
Omega schauderte vor Wut und noch etwas anderem.»Etwa da, wo du gerade stehst. Hab's so satt, dass mir ständig weiße Männer in die verdammte Bude laufen!«
«Hab's kapiert. Tut mir leid. Letzte Frage, aber es ist wichtig. Was hat er dir dafür gezahlt, meine Wand zu besprühen?«
Omega sagte nichts, aber Ben glaubte, den Ansatz von Tränen in ihren Augen zu erkennen. Einen Moment später zerrte sie den abgegriffenen Kragen ihres T-Shirts über ihre linke Schulter. Ein unschöner Bluterguss in Form eines Handabdrucks verschandelte ihre Haut.
Kapitel 3
Der Fremde wusste, dass die Mission erfolgreich war. Der Fernseher lief im Hintergrund des Motelzimmers und die unaufhörlichen Wiederholungen der dramatischen Videos von Fernsehkameras und privaten Handyaufnahmen, die Archivfotos und Grabreden erwiesen sich fröhliche Ablenkung vom banalen Tagesgeschäft. Im derzeitigen Zustand des Killers, der gerade von einer kürzlich selbstverschriebenen Fuhre Halluzinogene runterkam, verlief das Packen des kleinen Koffers nur schleppend, aber es blieb noch reichlich Zeit, bevor das Flugzeug den LAX verließ. Der Erzengel des Todes entschied sich gegen ein Nickerchen, aus Angst, dass die furchtbaren Albträume zurückkehrten. Also hielt sich der Fremde beschäftigt und blieb wach. Den Raum von sämtlichen Fingerabdrücken zu reinigen, würde seine Zeit brauchen, aber da dieser methodische Meuchelmörder geradezu in Latex-Handschuhen lebte, sollte es nicht allzu mühsam werden.
Natürlich war die Berichterstattung über Luz Calderons Dahinscheiden wichtig, um die Arbeit beurteilen zu können, aber es war der Anruf der Klienten, der wirklich zählte. Die Kritiken waren da. In der oberen Etage waren alle zufrieden. Der nächste Auftrag würde bald folgen.
Der Dienstleister war erfreut, zu erfahren, dass ihn noch mehr Arbeit erwartete, aber das war kein Grund, jetzt nachlässig zu werden. Es war durchaus möglich, dass tatsächlich keine weiteren Aufträge kommen würden, und dass die Aussicht auf eine neue Mission nur eine Finte war, um Sicherheit vorzugaukeln, während des Killers eigene Terminierung geplant und ausgeführt wurde. Der Sensenmann hatte eine gute Saison mit diesem Klienten gehabt, aber alles neigte sich irgendwann dem Ende zu. Vielleicht fühlte sich der Klient nach den letzten Bemühungen zu sehr der Öffentlichkeit ausgesetzt. Es war sicherlich der öffentlichste aller Morde dieser Serie gewesen. Daraus eine Sensation zu machen, war Teil der Auftragsbeschreibung gewesen, ein gewünschtes Ergebnis. Eine große Nummer. Vor allen Augen. Es entsprach nicht der verstohlenen Art des Scharfschützen, derart sichtbar zu arbeiten, vor allem nicht auf amerikanischem Boden, aber manchmal ließ die Prominenz des Ziels nichts anderes zu. Abgesehen von ein paar Bekanntschaften war der Killer tatsächlich für alle ein Fremder. Das Bündel falscher Identitäten, die Jahrzehnte zurückreichten, gewährten schon lange Anonymität.
Unglücklicherweise war der stille Profi so gut und ein so perfekter Angestellter, dass sich bei den Klienten häufig Angst zu dem Respekt und der verächtlichen Bewunderung gesellte, die so vielen erfolgreich ausgeführten Aufträgen gebührte. Diese Entartung der Stimmungslage, diese schwindende Wertschätzung war schon bei früheren Geschäftsbeziehungen aufgetaucht, gewöhnlich dann, wenn der Klient den Preis als zu hoch empfand. Niemand in der Branche war so gut, dass er nicht früher oder später als riskant eingestuft würde. Selbst dem dümmsten Menschen sollte einleuchten, dass es keine gute Idee war, einen Auftragsmörder um die Zeche zu prellen, und doch probierten es manche Klienten. Zu versuchen, einen Profikiller zu ermorden, war noch lächerlicher – und trotzdem kam es vor. Es war wichtig, auf Zack zu sein, selbst in Zeiten großen Erfolgs.
Der Anruf des Klienten hatte nicht lange gedauert. Der wahre Beweis der Zufriedenheit fand sich im Internet. Durch eine Reihe von geheimen Unter-Accounts, die jegliche Online-Aktivitäten durch Shell-Server in fernen Ländern lotsten, in denen Bestechung geschätzt wurde, hatte der Fremde feststellen können, dass der abschließende Betrag inklusive erheblicher Spesen auf einem Konto bei einem kleinen Schweizer Finanzinstitut in Bern eingegangen war. Es fehlte nichts. Der Kontostand betrug eine satte Million Euro, Spesen nicht mitgerechnet. Ein paar Minuten und einige Tastenanschläge später würde sich dieses Konto wieder auf null belaufen, sobald das Geld aufgeteilt und in den Cyber-Morast anderer Konten in anderen Ländern, acht insgesamt, verschickt war. Falls ein Konto jemals aufgespürt und gehackt würde, gab es noch viele andere. Diese Art von Absicherung war kompliziert, lohnte sich aber für den Seelenfrieden des freiberuflichen Killers.
Das Flugticket, welches der Fremde gebucht hatte, war für die erste Klasse. Und warum auch nicht? Es war nicht aus Eitelkeit. Um die ganze Welt zu jetten, Spuren zwischen den Auftragsorten und der Heimat zu verwischen mithilfe einer Reihe von falschen Identitäten, die sich auf teure, gefälschte Dokumente stützten, forderte seinen Tribut am müden Reisenden.
Kapitel 4
Ben Blackshaws Taxifahrt von New York City zur McGuire-Air-Force-Base verschlang beinahe zwei Stunden. Der Fahrer, Malik Qadeem, laut seinem Ausweis, war zu Anfang seiner Schicht glücklicherweise nicht sehr gesprächig, abgesehen davon, dass er wissen wollte, ob Ben bei dem ungewöhnlich hohen Fahrpreis genug Geld dabei hatte. Ben war früh dran, als das Taxi an das explosionsgeschützte Wachhäuschen heranfuhr. Er hielt ein Bündel Geldscheine bereit.
Der bewaffnete Wachposten wurde von einem Captain Michaels flankiert, weiß, Anfang dreißig, sportlich. Ben erkannte schnell, dass sein Rang für den Wachdienst zu hoch war. Ben kurbelte sein Fenster herunter, nicht sicher, wie er sein Erscheinen auf der Basis erklären würde, doch wie sich herausstellte, musste er das nicht.
Nach einem kurzen Blick auf ein Foto in seiner Hand sagte Captain Michaels:»Bitte steigen Sie aus dem Fahrzeug, Sir.«
Ben gehorchte und nahm seinen Fluchtrucksack mit. Er enthielt alles Notwendige für eine kurze Reise: Bargeld, Wechselsocken, eine zweite Identität und eine Zahnbürste. Er lag immer gepackt und bereit neben seiner Tür. Captain Michaels Tonfall gab ihm das Gefühl, als ob er beim Zuschnellfahren erwischt worden wäre, aber wegen etwas viel Schlimmerem unter Verdacht stand. Der Offizier verließ das Wachhäuschen und beugte sich zu Qadeem hinunter. Ohne einen Blick auf das Taxameter zu werfen, das sich im dreistelligen Bereich befand, reichte er einige Geldscheine herüber, die Qadeem die Augen herausspringen ließen.
Als er wieder sprechen konnte, sagte Qadeem:»Und die Maut?«
Captain Michaels reagierte nicht darauf.»Setzen Sie zurück, drehen Sie um und fahren Sie nach Hause. Verstanden, Sir? Was ich Ihnen gerade gegeben habe, sollte Ihre ganze Woche abdecken.«
Qadeem zuckte ›den Versuch wert‹ mit den Schultern und tat, wie ihm geheißen. Michaels wies mit einer Handbewegung vom Wachhäuschen weg.»Hier entlang, Sir. «Er führte Ben an einem Tor vorbei zu einem Humvee, der die graugrüne Highet-Kräcker-Digital-Tarnung trug, die ein paar Jahre zuvor so beliebt gewesen war. Der Captain hielt Ben die Tür auf, sah ihm aber nicht in die Augen.
Obwohl Michaels einen Umweg durch die weniger belebten Straßen der Basis fuhr, fühlte sich Ben entblößt. Er riskierte alles, indem er Fuß auf diese Basis setzte, und konnte nicht anders, als sich zu fragen, ob seine Identität allgemein bekannt war.
«Hat man Ihnen meinen Namen gesagt, Captain?«, fragte er.
Michaels hielt seine Augen stur geradeaus gerichtet.»Nein. Strikt nach Need-to-know-Prinzip.«
«Das heißt Mister Need-to-know für Sie.«
«Ja, Sir. Ich bringe Sie dorthin, wo Sie sein sollen. Das ist alles.«
Ben sagte nichts mehr. Die Basis füllte sich inzwischen langsam mit zivilen Angestellten, und wie es üblich war, widmete niemand dem Gefährt einen zweiten Blick oder gar einen ersten. Dies ähnelte der Anonymität, die er in Manhattan kultiviert hatte, aber irgendwann in absehbarer Zeit würde Ben eine Person treffen, die ihn sehr gut kannte. Jemand mit einem schwierigen Problem, bei dessen Lösung Ben behilflich sein sollte.
Die Hangars kamen in Sicht. Michaels hielt vor dem letzten an, stieg aus, lief vorne um den Wagen herum und öffnete Bens Tür. Ohne etwas zu sagen, reichte er Ben das Foto, das er zur Bestätigung seiner Identität benutzt hatte, und zeigte auf eine modulare Sicherheitsschleuse, bevor er in den Rest seines Tages fuhr.
Ben ging zur Sicherheitsschleuse, die von außen wie ein übergroßer Frachtcontainer aussah, etwa vier Meter breit und zwölf Meter lang, längsseits der Wand des Hangars ausgerichtet. Vermutlich eine explosionsgeschützte Ausgabe von Lion Industrial Buildings. Was zur Hölle erwartete ihn da drinnen? Die erste Welle der Angst, die er beim Anblick der Buchstaben an seiner Wand gespürt hatte, kehrte zurück.
Ein weiterer Wachposten musterte Ben von oben bis unten durch ein kleines, dickes Fenster am Ende des Gebäudes. Ben konnte sehen, wie er auf etwas hinuntersah, vermutlich ein weiteres Foto. Ohne nach einem Ausweis zu fragen, eine Anomalie in der Welt nach dem elften September, aktivierte der Wachmann die schwere Tür. Sie öffnete sich, angeschoben von einem elektrischen Motor, der stark genug war, um einen Mann zu zermalmen, wenn man sich nicht beeilte. Ben trat in einen drei mal drei Meter großen Raum. Er hatte immer noch keine Ahnung, mit wem oder was er es zu tun hatte, aber der Mangel an Abzeichen schrie Firma, die andere Regierungsbehörde, häufige Umschreibung der CIA, dem Auslandsgeheimdienst der Vereinigten Staaten. NSA war auch eine Möglichkeit.
Als die erste Tür hinter Ben zurollte, wurde die nächste aufgekurbelt. Er lief bis zum Ende des Schleusenraumes und bog nach rechts in einen weißen Flur, dessen Linoleumboden ein Muster aufwies, das Dreck und Blut verschleiern würde, falls das nötig wurde. Es gab nur eine fensterlose Tür am gegenüberliegenden Ende dieses Flurs, der innerhalb des Hangars lag. Die zweite Schleusentür schloss sich hinter ihm. Er wartete dort weniger als eine Minute.
Ein Mann Mitte zwanzig streckte seinen Kopf aus der Tür und sagte:»Äh, hi. «Ben war offensichtlich nicht, was er erwartet hatte; ein müder Mann, wie aus einem Müllcontainer gekleidet, der aussah, als wäre er nur einen halben Gehaltsscheck davon entfernt, im Winter auf Dampfabzügen zu nächtigen.
Ben sagte nichts. Der Junge war in ein weißes Hemd gekleidet, eine Panzeruhr im Stile des Zweiten Weltkriegs schaute unter seinem umgekrempelten Ärmel hervor. Kakihosen lagen auf bequem aussehenden, braunen Halbschuhen mit Kreppsohlen auf. Ein ziviles Äußeres, aber etwas an ihm flüsterte immer noch Geheimdienst und weit außerhalb jeglicher militärischer Hierarchie. Diese Jungs hatten ein impressionistisches Regelwerk, sehr dünn, selten geöffnet und ständig dabei, spontan umgeschrieben zu werden. Sie konnten so ziemlich jedem alles antun, was sie wollten. Kein gutes Zeichen. Ben hatte gehofft, dass die Air-Force-Base nur ein Ort war, um einen alten Freund zu treffen, aber dieses Treffen trug das Wasserzeichen der unregierbarsten Teile der Regierung.
Ben wartete, bis der Agent seine Gedanken beisammen hatte, was etwa zehn Sekunden dauerte.
Der Typ sagte wieder:»Hi«, und fuhr fort mit:»Treten Sie ein. Ich bin Tom.«
Ben folgte Tom durch die Tür in einen anderen Flur, der genauso war wie der vorherige, nur viel länger. Womöglich erstreckte er sich über die volle Länge des Hangars.
Tom blieb stehen.»Handy?«
Ben schüttelte den Kopf.
«Schusswaffe? Messer?«
Ben zuckte mit den Schultern.
Tom verdaute das für einen Moment und sagte:»Okay, nun, Sir, es scheint, als trügen Sie ein paar ziemlich schwere Dinge in Ihren Jackentaschen. Und etwas an Ihrer rechten Wade.«
Ben sagte:»Kleingeld. Persönlicher Besitz.«
Tom war sich nicht sicher, wie er das handhaben sollte.»Ich meine nur, die sehen sehr dick aus, wissen Sie? Nichts für ungut, aber würde es Ihnen etwas ausmachen, Ihre Taschen zu leeren?«
«Das würde mir allerdings etwas ausmachen. Tom.«
Ben wurde klar, dass er irgendwo in der Sicherheitsschleuse oder im ersten Flur einem Körperscan unterzogen worden war. Dieser hatte die vier kleinen, handgeschnittenen Goldstücke, die er zusätzlich zu seinem Bargeld mitgebracht hatte, entdeckt. Universalwährung. Nur für den Fall. Und der Scan hatte sein Messer enthüllt.
Tom grübelte einen Moment nach. Offenbar entschied er, dass es weit über seiner Gehaltsstufe lag, sich mit einem Typen wie Ben anzulegen.
«Okay. Würde es Ihnen etwas ausmachen, hier zu warten?«Tom öffnete eine Tür auf der linken Seite des Flurs. Der Raum hinter der Tür war mit Teppich in einer anstaltsmäßigen Schattierung von Beruhigungs-Grün ausgelegt. Darin standen vier braune Plüschsessel an einer Wand und ein Tisch bedeckt mit in Plastik eingepackten Sandwiches, Limos und Mineralwasserflaschen auf Eis nahm die andere Wand ein. Und ein Fernseher.»Bedienen Sie sich.«
Ben trat ein. Tom blieb im Flur und schloss die Tür hinter Ben. Obwohl es kein sichtbares Schloss an der Tür gab, war gleich ein schweres, mechanisches Scheppern zu hören. Ben versuchte, die Tür zu öffnen. Der Knauf drehte sich, aber die Tür rührte sich kein Stück. Ben war gefangen. Er spürte einen Anflug von Angst in seiner Brust, als Adrenalin seinen Herzschlag beschleunigte. Er kam sich äußerst blöd vor. Von der vertrauten Umgebung der Basis in ein wohlgefälliges Sicherheitsgefühl gelullt hatte Ben seine Deckung vernachlässigt. Er befand sich auf amerikanischem Boden. Angehörige des Militärs würden diese Art von Scheiße nicht aneinander verüben. Dann fiel ihm ein, dass Tom keinem regulären Zweig des Militärdienstes angehörte.
Ein Telefon ohne Tasten zwitscherte auf einem Beistelltisch zwischen den Sesseln. Ben nahm den Hörer ab, sagte aber nichts. Tom begann zu reden.»Sorry, ich will hier nicht den Hornochsen markieren. Es ist nicht so, dass wir Ihnen nicht trauen, aber wir kennen Sie nicht. Sie verstehen das. Sie sind eine unbekannte Größe, das ist alles. Ich meine, Sie sind sicherlich ein toller Kerl, aber die Sicherheitsvorkehrungen hier drinnen gehen uns allen auf den Keks. Wir können ja nicht jeden herumschnüffeln lassen. Halten Sie durch und wir melden uns, wenn alles bereit ist. Oh, und die Sandwiches werden hier auf der Basis gemacht. Sogar das Brot. Wirklich hervorragend. Versuchen Sie das Roastbeef. Okay? Okay, großartig. «Dann brach die Verbindung ab. Ben legte den Hörer wieder auf die Gabel.
Toms Anruf hatte Ben keinen Grund gegeben, sich zu entspannen. Er erkundete den Raum. Absolut dicht. Keine Fenster. Kein Luftschacht, durch den etwas Größeres als eine nasse Bisamratte passen würde. Dasselbe im Badezimmer, das hinter einer kleinen Tür lag. Die Rohrleitungen unter dem Unterschrank des Waschbeckens waren in die Wand gemauert. Keine Revisionsklappe, wie man sie in Wohnhäusern fand. Kein Ausweg in der Richtung.
Ben schaltete den Fernseher ein und bekam seinen ersten Blick auf die Welt, die er seit Monaten nicht gesehen hatte. Er aß ein Roastbeef-Sandwich. Nicht schlecht. Nichts, was er für sein letztes Mahl ordern würde, aber es würde seinen Körper nähren und seinen Verstand scharf halten, bis Tom und Konsorten ihren gemeinsamen Scheiß auf die Reihe kriegten.
Plötzlich seiner Freiheit beraubt und damit auch des Frondienstes seiner Arbeit begann Ben, seinen Gedanken an Smith Island nachzuhängen. Er hätte niemals gehen sollen. Er hätte einen Weg finden können, das Gold näher an seiner Heimat zu verarbeiten. Nach New York City zu fliehen, erschien im Nachhinein als drastischer Schritt, aber wo hätte er sich sonst verstecken sollen? Er hatte im Ersten Golfkrieg gedient. Er war ein Lokalheld, ganz zu schweigen von seiner Reputation als geschätzter Künstler. Es gab böse Menschen, die wegen des Verlusts des Goldes sauer waren. Sie wollten es zurück. Ben musste das Handtuch schmeißen. Der Preis stellte sich bereits jetzt als fürchterlich heraus, sogar noch vor der Nachricht des heutigen Morgens.
Kapitel 5
Das Wartezimmer war großzügig mit Essen ausgestattet, also war Ben nicht überrascht, dass Stunden anstatt von Minuten ohne jeglichen Kontakt zu Tom oder sonst irgendwem vorübergingen. Er hatte reichlich Zeit zu überlegen, was hier vor sich ging. Die Nachricht heute Morgen war ein für das Militär typischer Fall von Beeilen und Abwarten. Tom hatte gesagt, dass es Dinge gab, die man für ihn vorbereiten wollte. Tom war zaghaft, beinahe verunsichert gewesen. Ben hielt ihn für einen schlechten Lügner, falls er dazu aufgefordert werden sollte. Egal. Das Essen war nicht mit Drogen versetzt. An den Verschlüssen der Wasserflaschen war nicht herummanipuliert worden. Und sie waren von einer Marke, die ihm bekannt war. Alles prima. Er war sich ziemlich sicher, dass er nicht für Folter oder Tod vorgesehen war. Aber wofür dann?
Die einzigen für ihn verfügbaren Informationen kamen aus dem Fernseher und er wäre durchaus auf dem aktuellen Stand gewesen, wenn er ein eigenes Gerät oder ein Radio besessen oder hin und wieder eine Zeitung gekauft hätte. Aber die Arbeit ließ ihm nicht die nötige Zeit, um sich über globale Ereignisse in auch nur annähernd regelmäßigen Abständen zu informieren.
Nachrichten hatten Bens Leben nie tangiert. Sogar, als er in der Navy diente, hatten nur seine Befehle gezählt. Es gab keine Kriege. Da waren nur Ecken und Kanten von Kriegen, für deren strafrechtliche Verfolgung er persönlich verantwortlich war.
Ben wusste, dass viele sagen würden, dass große und kleine Ereignisse auf der Welt sie auf einer persönlichen Ebene berührten, aber ihm kam es so vor, als wären sie gelangweilt oder würden sich etwas vormachen mit diesem fehlgeleiteten Sinn für Selbstherrlichkeit, den heutzutage jeder haben sollte. Oder sie waren von einem drückenden Verlangen nach Selbstbestätigung befallen.
Die Nachrichten berührten auch sie niemals wirklich, es sei denn ein Unglücksfall irgendeiner Art brachte ihnen das Scheinwerferlicht für ihre persönlichen fünfzehn Minuten des Warhol-Ruhms ein. Damit waren sie dann zufriedengestellt. Für Ben waren die Nachrichten dieser Tage nur ein weiteres Genre der Unterhaltung, zurechtgeschnitten aus Tratsch, Hörensagen und Blut, gesammelt von Journalisten und von Redakteuren und Produzenten zum Verkauf abgepackt. Ben fand, die einzige Wahrheit von Wert war, was vor ihm lag; seine Arbeit, seine wenigen guten Freunde und sein Zuhause. Momentan hatte er keinen Kontakt zu diesen drei Pfeilern seines Lebens. Er war allein, weit weg von Smith Island und nicht am Arbeiten, obwohl man einwenden könnte, dass Warten für manche eine Art von Arbeit war. Also aß er ein Sandwich und sah fern.
Ben hatte seine Vermutung, welchen Fehler er in den letzten Monaten begangen hatte. Er hatte spartanisch gelebt, den Keller so nackt wie möglich gehalten, um sich härter zur Arbeit anzuspornen. Es gab keinerlei Annehmlichkeiten. Er hatte sich bewusst dafür entschieden, es sich nicht bequem zu machen. Je eher das Gold zu Geld gemacht war, umso früher würde er nach Hause entlassen. Wenn er den Keller weniger trostlos gestaltet hätte, wäre er sich vielleicht weniger elend vorgekommen und wäre weniger dazu bereit gewesen, sich auf diese wahnwitzige Mission einzulassen. Seine Frau LuAnna hätte den Keller in einen Ort der Schönheit verwandeln können, aber sie war mit ihm gestorben. Sie war nicht in New York, konnte nicht helfen.
Ben hätte einen CD-Player kaufen können, um sich die heißen, elenden Stunden damit zu vertreiben, Chester River Runoff zu hören, seine Lieblings-Newgrass-Band. Er ahnte, dass sein Exil und seine Gefangenschaft in New York nicht nur eine taktische Notwendigkeit war. Es war eine Form der Selbstbestrafung. Wie lautete die Anklage? Ben wusste nicht, aufgrund welcher Beweise er verurteilt worden war. Als Ankläger, Richter und Jury hätte er das alles verstehen sollen. Und doch war er hier, seit Stunden auf einer Mission, über die er nichts wusste. Hatte er sich selbst zu Tode verurteilt? Er hatte keine Ahnung.
Jeder Bissen des Sandwiches schmeckte so ziemlich genauso wie der vorherige und jeder Sender leierte leicht variierende Reportagen über den Mord an einer Sängerin in Los Angeles herunter. Obwohl er von Luz gehört hatte, kannte er ihre Musik nicht. Die Songschnipsel in den kurzen Konzertrückblicken waren recht eingängig. Ihre Moves in den Videos waren sexy. Ihre Bemerkungen in den Interviews quollen über vor Lobgesängen auf ihre Fans.
Laut O-Ton hysterischer Mädchen auf der Straße war eine Heilige in ihrer Blüte zu Fall gebracht worden. Es war nicht so, dass diese tränenreichen Menschen die Sängerin persönlich gekannt hätten, aber sie glaubten, dass es so war, denn ihre Gefühle waren stark und schienen dadurch real. Gefühle waren keine Fakten, dachte Ben, egal wie intensiv. Es war nicht so, dass es heute Abend einen leeren Platz an ihren Esstischen gäbe, jetzt, wo die Sängerin gestorben war. Ihre Alben waren immer noch erhältlich, oder nicht? Und es würde vermutlich für eine Weile noch neue Musik herauskommen, indem unveröffentlichte Aufnahmen für den Verkauf zusammengestellt wurden, da ihr Tod deren Wert nur gesteigert hatte. Ben nahm an, dass die Konzertgänger am härtesten betroffen waren, aber auch nicht wirklich. Es würde keine Livekonzerte mehr geben, richtig, aber man versuche mal, einen Fan dazu zu bringen, zuzugeben, dass seine Aufmerksamkeit bei diesen Veranstaltungen meistens tatsächlich auf den Großbildschirmen lag und nicht auf der erbsengroßen Figur auf der Bühne, Hunderte von Metern unterhalb seines billigen Platzes im Rang.
Die Berichterstattung war monoton, hypnotisch, mit den gleichen Konzertausschnitten, die unaufhörlich wiederholt wurden, und den immer gleichen Bildern vom Tatort, wo Rettungspersonal versuchte, diejenigen, die an Leib oder Seele verletzt worden waren, zu behandeln oder einfach nur zu beruhigen. Es war klar, dass der Mord vor aller Augen geschehen und gewalttätig war, aber jeder, der sich vor Ort und in den Nachrichtenredaktionen damit befasste, war frustriert, dass die genaue Todesursache ungeklärt blieb.
Die Sängerin schien auf dem Rücksitz ihres Wagens explodiert zu sein, gerade als sie der Premiere eines Films beiwohnen wollte, in dem sie eine wichtige Rolle spielte. Wie explodiert? Keine noch so clevere Formulierung der Reporter konnte die Informationsbeauftragten und Pressesprecher des LAPD dazu bringen, Spekulationen zu Protokoll zu geben. Sie waren Profis und konnten die kleine Sammlung von Fakten auf zehn verschiedene Arten aufsagen, ohne neuen Aufschluss zu geben. Die sprechenden Köpfe waren offensichtlich zwiegespalten, ob sie die Behörden wegen dieses Mangels an Details zur Rede stellen oder sie aufmuntern sollten, um ihre Story auszudehnen. Die Reporter wollten keine Zuschauer an Langeweile verlieren, aber sie wollten auch den vollen Schockeffekt der Story nicht vor ihrem natürlichen Ende auf den Tisch legen. Die meisten der Journalisten vor der Kamera gaben sich damit zufrieden, die nächste Pressekonferenz aufzubauschen, womit sie die Last, die Geschichte fortzuführen, gerne den Behörden auferlegten.
Das Telefon auf dem Tisch zwitscherte erneut. Ben nahm ab. Tom sagte:»Hey, ich bin's. Wir sind nahe dran. Also machen Sie sich bereit, sich bereitzumachen.«
Ben schloss seine Augen und massierte seine Nasenwurzel. Tom fragte:»Haben Sie Kopfschmerzen? Da sind Aspirin und Ibuprofen im Badezimmer.«
Natürlich gab es eine versteckte Kamera im Raum. Ben hätte damit rechnen sollen und ging schnell die vergangenen Stunden durch, ob er seinen Aufpasser mit irgendwelchem eigenartigen Verhalten amüsiert hatte. In letzter Zeit, nach Monaten der Isolation, hatte er festgestellt, dass er zu Selbstgesprächen neigte. Es gab nichts, was er deswegen unternehmen konnte.
Ben sagte:»Nein, keine Kopfschmerzen. Von wie lange reden wir hier?«
«Tut mir leid, ich kann's nicht genau sagen. Aber es wird langsam dunkel, also darf ich wohl vorschlagen, ohne speziellen Grund natürlich, dass Sie sich von den Wasserflaschen fernhalten und unbedingt das Badezimmer benutzen. «Die Verbindung wurde beendet.
Ohne speziellen Grund folgte Ben Toms Anweisungen. Danach sammelte er das Ibuprofen und das Aspirin ein, nur für alle Fälle. Anstelle von Plastikdöschen gab es zwei Blisterstreifen von jedem im Medizinschränkchen des Badezimmers, was gut war, weil sie so nicht wie Maracas in seinen Taschen rasseln würden. Er steckte außerdem ein Sandwich in jede Jackentasche, gemeinsam mit zwei Packungen Erdnuss-M&Ms. Er würde bald irgendwo hingehen.
Zwei Stunden später war Ben kein bisschen schlauer, was den Mord an der Sängerin anging. Vielleicht hatte es neue Entwicklungen gegeben, aber er hatte den Fernseher abgeschaltet, teilweise aus Frustration über den Mangel an Bewegung in der Story, aber hauptsächlich um ein Nickerchen in einem der Sessel zu machen.
Er wurde vom schweren Schnappen der internen Türschlösser aus seinem Traum über ein Crab-Cake-Gelage geholt.
Tom steckte seinen Kopf durch die Tür.»Oh, hi«, sagte er, als wäre er aufrichtig überrascht, Ben dort immer noch vorzufinden.»Wir wären dann bereit für Sie. Sind Sie, Sie wissen schon… ein letztes Mal?«
Ben sagte:»Keine Kamera in der Latrine? Eine Minute. «Kurz darauf folgte Ben Tom aus dem Wartezimmer.
Nach einem umständlichen Weg durch ein Labyrinth aus Fluren und zwei weiteren Sicherheitsschleusen blieb Tom vor einer Metalltür stehen. Er wandte sich Ben zu und sagte:»Was würde ich geben, um zu tun, was Sie gleich tun werden. Aber Sie dürfen mit niemandem darüber sprechen. Falls Sie das tun, wäre das ein Verstoß gegen die nationale Sicherheit und Sie werden …«
«Ich werde gar nichts«, unterbrach Ben.»Du hast keine Ahnung, wer ich bin, und du wirst mich nie wiedersehen. Und falls du jemals jemandem meine Beschreibung gibst, ist das ein Verstoß gegen meine persönliche Sicherheit und ich weiß, wo du arbeitest, ich kenne deinen Namen und ein Hangar ist kein guter Platz, um sich zu verstecken. Verstanden?«
Der Junge wurde blass, fing sich aber wie ein Idiot.»Ach ja? Tom ist gar nicht mein richtiger Name.«
«Ach, sag bloß.«
Der Junge fischte einen Ausweis, der an einem Schlüsselband um seinen Hals hing, aus seinem Kragen und zog ihn durch das Schloss neben der Tür. Als die Karte den magnetischen Kartenleser verließ, passierten zwei Dinge. Das Türschloss schnappte auf und Ben schnappte sich die Karte in Toms Hand, wobei er hart am Schlüsselband zerrte und am Hals seines Trägers noch dazu.
Ben las die Karte laut und deutlich vor.»Tach auch, Winstedt, Samuel J.«
Winstedt alias Tom würgte ein leises» Scheiße «hervor.
«Also, Sam, verstehen wir uns, du und ich?«, fragte Ben.
«Ich schätze schon.«
Ben versuchte, ernst zu klingen, klang am Ende aber nur genervt.»Ernsthaft, Junge, kennst du meinen Namen oder weißt du, wie ich aussehe?«
«Ich habe keine Ahnung, ich schwöre.«
«Guter Junge. Gehen wir. «Ben ließ die Karte los.
Winstedt richtete sich auf und rieb seinen Nacken, wo das Schlüsselband einen roten Streifen hinterlassen hatte. Entmutigt öffnete er die Tür und Ben folgte ihm in die gewaltige Flugzeughalle.
Die Halle wurde von Deckenlampen in einem Maße beleuchtet, das Tageslicht übertraf, und deren Leuchtkraft eher eines OP-Saals angemessen war. Zu jeder Stunde konnte hier Wartung an militärischen High-Tech-Fluggeräten mit chirurgischer Präzision durchgeführt werden. Ben fiel auf, dass die Werkzeuge alle verstaut waren. Es lagen keine LRUs, modulare Flugzeugelektronik, herum. Alles sauber, ordentlich und einsatzfähig. Niemand hier außer Winstedt und ihm selbst und ihre Schritte hallten unter dem leichten Surren der Lampen.
Es gab nur ein einziges Flugzeug im gesamten Hangar. Ein Northrop Grumman RQ-4 Global Hawk UAV. Ein unbemanntes Luftfahrzeug. Die meisten Menschen nannten sie Drohnen oder, fälschlicherweise, Predators, was die bewaffnete Variante war.
Nun war Ben an der Reihe,»Scheiße «zu murmeln. Der Anblick des Flugzeugs ließ ihn erschauern und überspülte ihn mit unschönen Erinnerungen.
Sam Winstedt verstand ihn falsch und sagte:»Ich weiß. Großartig, oder nicht?«
Der Global Hawk war ein hochfliegendes Langstrecken-Aufklärungsflugzeug mit langen, schmalen Verbundtragflächen, geformt wie die einer alten U-2 und mit einer Spannweite von fünfunddreißig Metern. Ben wusste, ein Rolls-Royce Mantelstromtriebwerk mit einem Schub von zweiunddreißig Kilonewton konnte das Fluggerät auf eine Reisegeschwindigkeit von dreihundertfünfzig Knoten bringen, bei einer Dienstgipfelhöhe von fünfundsechzigtausend Fuß. Beeindruckende Daten, wenn der Vogel richtig funktionierte.
Winstedt lächelte Ben an.»Wissen Sie, was das ist? Schon mal eine gesehen?«
«Ich hab gesehen, wie ein paar davon ohne beschissenen Grund aus dem Himmel gefallen sind. Musste für die Wracks hinter feindlichen Linien in der Wüste den Babysitter spielen, bis die Transport-Helis und deine Spitzelbrüder kamen, um sie zu bergen. War das ein Spaß.«
Winstedt verteidigte das Flugzeug, als wäre es seine Liebste.»Die waren aus der ersten Produktionsreihe! Das waren praktisch Prototypen, Gott noch mal. Die hatten da draußen nichts zu suchen, bevor sie vollständig getestet und ausgewertet waren, aber sie wurden nun mal dringend gebraucht.«
Ben fragte:»Winnie, warum bin ich hier?«
«Hab ich schon gesagt, ich habe keine Ahnung, warum oder sogar wer Sie sind. Aber wir haben den ganzen Tag damit verbracht, große Teile der integrierten Sensoreinheit, des Überwachungspakets, auszubauen, weil jemand mit einer Menge Einfluss das befohlen hat. Für Sie.«
Ben zögerte zu fragen:»Was habt ihr dafür eingebaut?«
«Das PTM.«
«Deutsch, Winnie.«
«Personal-Transport-Modul.«
«Personaltransport. In dem Ding? Ich?«
Winstedt geriet ins Schwärmen und begann, schneller auf das Flugzeug zuzulaufen.»Ich habe drin gesessen und es ist wirklich bequem. Der Sitz ist von Oregon Aero. So weich, wie's nur geht. Es gibt ein Leselicht und ein SiriusXM-Radio sowie ein volles Komm-Paket nach Militärstandard. Airconditioning und Heizung. Das lenkbare Gesamtrettungssystem stößt einen großen Fallschirm in zwei Sekunden aus im unwahrscheinlichen Fall, dass etwas schiefläuft, zum Beispiel, wenn Sie sich eine Flugabwehrrakete einfangen. Ich meine, wenn Sie irgendwo hinwollen und es keiner merken soll, dann ist das genau das Richtige. Schlägt eine C-130 um Längen. Aber keine Toilette in der Generation. Hat nicht reingepasst. Daher bekommen sie eine GEMA. Gefäß zur Evakuierung menschlicher Abfälle. Auch bekannt als Pinkelflasche. Der Deckel ist manchmal nicht dicht, also bitte nicht herumschlenkern, wenn sie voll ist.«
Ben kam es wie eine Ewigkeit vor, bis sie den Hangar durchquert hatten, und das Flugzeug wurde immer größer. Sicherlich war dies das größte UAV, dass er je in einem Stück gesehen hatte. Die Gehäuseklappe am Bug stand offen und enthüllte eine signalgrüne Kapsel von der Größe eines Smarts. Die Kapsel besaß eine Einstiegsluke wie eine kleine Autotür und ein Bullauge. Er stieg bestimmt nicht in dieses Ding.
Ben fragte:»Wo genau soll es eigentlich hingehen?«
«Das ist Need-to-know«, antwortete Winstedt.»Kenntnis nur bei Bedarf. Sie fliegt autonom. Ich habe mich persönlich davon überzeugt, dass der codierte Flugplan per Satellitenverbindung hochgeladen wurde, kurz bevor ich kam, um Sie zu holen, aber ich bin nicht befugt, ihn zu entschlüsseln. Unser Operator wird den Start per Fernsteuerung handhaben und die Landung wird von jemand anderem irgendwo anders durchgeführt. Pensacola vielleicht, aber das ist nur geraten. Ihr Signal wird verfolgt werden, denke ich mir, aber alles dazwischen läuft automatisch ab, die Wegpunkte, die Höhenlevel, die Grundgeschwindigkeit, all das. Sie werden da oben bei den Engeln schweben, frei wie ein Vogel. Ich verrate Ihnen ein Geheimnis und jetzt kommt's dick. Ben, in Zeiten nationaler Notstände ist dies Air Force Two. Es ist eigentlich das Reservefahrzeug des Vize-Präsidenten.«
«Und kein Lokus? Na, das passt. Kann euer Operator was?«
Winstedts Schamesröte war im grellen Licht deutlich zu sehen.»Sie ist die Beste, die es gibt. Tatsächlich gehen wir zurzeit miteinander aus. Ich meine, als ich sie vor ein paar Monaten um eine Verabredung bat, hat sie nicht gerade Nein gesagt, oder? Wir warten nur darauf, dass unsere Schichtdienste zusammenpassen.«
Ben sagte:»Um Himmels willen, Winnie. Du machst mich fertig.«
Ben bekam mit, dass es noch jemand anderes durch den Hangar geschafft hatte. Er wandte sich um. Es war ein Mann, ähnlich wie Winstedt gekleidet, aber mit rötlichen Haaren und einem schlanken, drahtigen Körperbau, etwa eins-achtzig. Als er näherkam, bemerkte Ben ein kleines Muttermal an seinem Kinn. Er trug einen Aluminium-Aktenkoffer.
Der Typ hielt offensichtlich genauso viel von Bens Äußerem wie Winnie heute Morgen. Er übersprang das Händeschütteln und die Bekanntmachung.»Sie sind ganz schön schwer aufzutreiben.«
«Aber nicht unmöglich«, entgegnete Ben.
«Nein. Nicht unmöglich. Nicht für uns, so viel steht fest. Hier. «Der Mann mit dem Muttermal reichte Ben den Aluminiumkoffer. Es war mit einem Zahlenschloss verriegelt.»Sie bekommen die Kombination, wenn Sie in der Luft sind. Kriegen Sie das hin, Sportsfreund?«
«Oje, ich denke schon. Aber ich wollte noch etwas fragen.«
Das Gesicht des Mannes mit dem kleinen Muttermal am Kinn erhellte sich bei der Aussicht darauf, entweder nützlich oder nervig zu sein, oder vielleicht beides.»Klar. Was denn?«
«Heute Morgen sind Sie, glaube ich, einer Freundin von mir begegnet?«
Der Agent lächelte verschlagen.»Glaub schon. Irgendwie sexy, in so 'ner Ghetto-Art.«
Ben riss den Aluminiumkoffer schnell und heftig nach oben, direkt in das kleine Muttermal. Der Aufprall hallte durch den Hangar wie der Knall einer Pistole. Mister Muttermal tanzte rückwärts, mit Armen und Beinen rudernd wie ein menschlicher Windpark. Dann verlor er endgültig das Gleichgewicht und knallte unsanft auf den Boden.
Winstedt war sprachlos, die Augen aufgerissen.
Ben ging auf Muttermal zu und beugte sich über ihn.»Nur unter uns, du wirst sie niemals wiedersehen. Falls doch, werde ich dich finden.«
Ben zerrte so fest am Ausweis des Mannes, dass das Schlüsselband riss. Ben las die Karte laut vor.»O'Connor, Brian C. Hast du verstanden, Brian? Noch wach?«Ben wuchtete zweimal seinen Stiefel in O'Connors Rippen.»Ich möchte nicht, dass irgendwelche Zweifel bestehen, was das angeht. Bestätige!«
O'Connor rollte auf seine unverletzte Seite, während seine Zunge lockere Zähne hinter seinen blutigen, aufgeplatzten Lippen abtastete und herumschob. Er nickte, reichlich sauer.
Ben ließ den Ausweis fallen und wischte mit seinem Ärmel eine Schliere Blut vom Koffer. Er drehte sich zu Winstedt, dessen Augen immer noch so groß wie Golfbälle waren.»Okay, Winnie. Sag deinem Mädel, der Start sollte besser sanft werden, denn offen gesagt bin ich nicht in Stimmung. Los geht's.«
Kapitel 6
Die Überraschung für den Henker wartete in der blinden E-Mail-Dropbox. Noch immer am Münchner Flughafen, nach nicht mal der Hälfte der indirekten Flüge, Züge und einer letzten Bootsfahrt heimwärts, und es gab bereits einen neuen Auftrag. Interessant. Das Tempo zog definitiv an.
Das E-Mail-Konto war abgemeldet und würde nie wieder benutzt werden. Es gab ein paar Reisevorbereitungen unter einer neuen Identität zu treffen, was nur ein paar Minuten dauerte. Dann rutschte der kleine Laptop in die Reisetasche und ein weiterer Pass mit einem anderen Namen kam heraus.
Leider würde der aufgegebene Koffer nicht zum neuen Reiseziel umgeleitet werden, wenn der Passagier nicht an Bord der Maschine war. Der Koffer würde letztendlich von der Fluggesellschaft eingesammelt, kurz gelagert und dann untersucht und entsorgt werden. Vorbei die Zeiten, in denen das Gepäck ohne weitere Fragen nach Hause geschickt wurde. Es war eine bedeutungslose Angelegenheit. Das Gepäck war sauber. Der Agent reiste mit leichtem Gepäck, dachte aber immer noch, dass aufgegebene Koffer einen Hauch von Normalität verliehen; das harmlose, menschliche Bedürfnis, eine Reihe von Dingen mitzuführen, um sich wie daheim zu fühlen. Der Assassine hätte den Koffer mit an Bord nehmen können. Mit anderen Reisenden am Gepäckkarussell herumzuschlendern gab diesem Fremden das Gefühl, beinahe normal zu sein.
Eine Waffe sollte sich an der neuen Arbeitsstätte besorgen lassen oder würde von verschwiegenen Büchsenmacher-Meistern in Taiwan eingeschmuggelt, falls etwas Besonderes benötigt wurde. Der tödliche Artikel würde als dringend benötigte medizinische Güter dokumentiert und getarnt. Nur Spenderorgane gingen schneller durch den Zoll als die maßgeschneiderte Ausrüstung des Killers. Jahre der Übung, Erfahrung und gut bezahlter Beziehungen machten die Neuausrichtung für neue Aufträge einfach, selbst auf dem Sprung. Es war vor dem Flug noch genug Zeit am neuen Gate. Zeit, um zu überlegen, was die neue Gelegenheit bedeutete. Oberflächlich gesehen würde es eine große Finanzspritze geben, eine Sofortzahlung der zu erbringenden Leistung. Die Hälfte im Voraus, zu bestätigen am Flughafen, wenn die nächste Maschine in Tel Aviv landete.
Der Killer war nicht alt, aber alt genug, um zu wissen, wie drahtlose Internetverbindungen an jedem Gate so viele Aspekte dieser makabren Praxis so wunderbar einfach machten, verglichen mit den längst vergangenen Tagen, als eine menschliche Stimme über Festnetzleitungen gefolgt von tatsächlichen Unterschriften auf Papier für so ziemlich alles nötig waren.
Selbstständige Agenten genossen nun die technologischen Annehmlichkeiten, die einst für internationale Großkonzerne reserviert waren. Dies war das goldene Zeitalter des Auftragsmords.
Der tödliche Fremdling schätzte Folgeaufträge von jedem Klienten, aber dieser neue Job, so kurz nach dem Letzten, ließ nur wenig Zeit für Reflexion, die gewohnte Betrachtung, die nicht nur wichtig für die Qualitätskontrolle war, sondern auch den Genuss gut gemachter Arbeit brachte. Eine Zeitung half bei Letzterem. Wie so oft wurden die hochkarätigeren Ziele in den postumen Presseberichten weitaus besser beleuchtet als in den kurzen Abrissen der Klienten oder den eigenen Nachforschungen vor Ort.
Der plötzliche Zuwachs neuer Aufträge warf einen Schatten und auch Fragen auf. Verlor der Klient Kontrolle über seine Agenda? Stimmte etwas nicht mit den Projekten des Klienten, dass nicht-tödliche Lösungen keine Verwendung fanden? Die Ziele des Klienten schossen auf der ganzen Welt aus dem Boden, der Auftragsagent unterstützte also eindeutig keinen nationalen Coup d'état. Diese waren unbedeutenden Diktatoren in spe vorbehalten, die genügend Truppen aufbrachten, um den gewünschten Regierungswechsel innerhalb von Stunden oder Tagen herbeizuführen. Dauerte es länger, wurden aus diesen Angelegenheiten unstrukturierte Zermürbungskriege. Eine einzige Kugel durch den richtigen Hirnstamm konnte die entscheidende Wende bringen. Es war eine Frage der Vorstellungskraft, und wenn dieser Füller von Gruften irgendetwas war, dann kreativ.
Vielleicht war diese zusätzliche Arbeit genau das Engagement, das alles beenden würde; der Köder, der in eine Falle führte, schnurstracks ins Verderben für den getreuen und geschätzten Agenten, dessen Nützlichkeit sich aufgrund zu hoher Exponiertheit leider erschöpft hatte, oder genauso schlimm: wegen zu hoher Rechnungen. Die Antennen des Killers waren ausgefahren. Der nächste Job würde besondere Vorsicht erfordern. Vielleicht, und nicht zum ersten Mal, wäre es schlauer, den Klienten auszuschalten, bevor er auf dumme Ideen kam. Vielleicht sollte diese goldene Gans zu Foie gras gemacht werden. Mit diesem Gedanken erhob sich der tödlichste Mensch der Welt von seinem Stuhl am Gate und schlenderte auf der Suche nach einer Zwischenmahlzeit davon.
Kapitel 7
In der Kabine des Global Hawk war es eigenartig leise, trotz des Rolly-Royce-Mantelstromtriebwerks, das hinter Ben brüllte. Er mampfte ein Sandwich, ohne irgendeine Ahnung, was vor sich ging oder welcher Teil der Welt zwanzig Kilometer unter ihm vorbeirauschte. Er war nahe am Rande des Weltraums, da oben bei Angel 65, wie Piloten eine Höhe von fünfundsechzigtausend Fuß bezeichneten, aber er kam sich vor, als säße er in einem Sessel auf solidem Boden.
Eine Stimme krächzte aus einem Lautsprecher.»Äh, hi.«
«Bist du das, Winnie?«
«Keine Namen. Die Leitung ist verschlüsselt, aber na ja … man kann nie vorsichtig genug sein.«
«Falls das so ist, sollte ich in einem Greyhound-Bus sitzen, meinst du nicht?«
Winstedt ignorierte die Bemerkung.»Der Code, den Sie brauchen, lautet folgendermaßen. Bereit?«
Ben kam sich ein wenig wie Slim Pickens vor, als der die nuklearen Zielkoordinaten in Dr. Seltsam entgegennahm, und zog den Aluminiumkoffer vom Kabinenboden auf seinen Schoß.
«Bereit zum Empfang.«
Winstedt diktierte ihm über Funk eine zehnstellige Nummer. Ben gab die Zahlen über das Tastenfeld am Koffer ein. Ein internes Schloss klackerte. Ben hob den Deckel nur zwei Fingerbreit, um sicherzugehen.
«Hat es funktioniert?«, fragte Winstedt.
«Wie geschmiert. Danke, Kumpel. «Es gab eine kurze Pause.»Bist du noch da?«
«Wie ist es denn so?«
Ben dachte einen Moment nach.»Bordunterhaltung ist nicht so doll. Keine Aussicht. Der Flug läuft recht reibungslos. Flugbegleiter ist unscheinbar. Es ist, was es ist, Winnie. Wo bin ich?«
«Das darf ich nicht sagen. Kate … ich meine, dein Pilot hat 'nen tollen Start hingelegt, oder?«
«Keine Beschwerden«, sagte Ben.»Sag ihr Danke von mir.«
«Das werde ich. «Stolz schwang in Winstedts Stimme mit.
Ben wechselte das Thema.»Sag mal, Winnie, ich suche nach 'nem Zigarettenanzünder in diesem Ding. Ich glaub, ich kann die Pinkelflasche als Aschenbecher nehmen, aber …«
Winstedts Stimme war panisch, als er unterbrach.»Nein! Oh Gott, bitte nicht rauchen! Es könnte die Komm-Einrichtung durcheinanderbringen. Ich meine, Sie sitzen in einer Druckkabine, 'ne Menge O2, dann ein Feuer und wir werden den Gestank nie wieder aus dem Polster bekommen. Wie bei Apollo 1, wissen Sie? Gut durchgebraten.«
Ben lächelte.»Entspann dich, ich mach nur Spaß.«
«Wirklich? Überhaupt nicht lustig. «Winstedt sammelte sich wieder.»Okay. Das war's, schätze ich. Nur zurücklehnen und entspannen. Sie sind in guten Händen, hoffe ich. Machen Sie's gut, Ben.«
Das Funkgerät verstummte. Also kannte Winstedt Bens Namen. Er war wohl doch kein so schlechter Lügner. Als ob seine derzeitige Lage nicht schon heikel genug war, spürte Ben, dass ihm die Kontrolle über die Situation entglitt. Er war von seiner verborgenen Arbeit weggelockt worden, hin zu einer Mission, die selbst mysteriös war. Vier Millionen Dollar in Gold lagen verlassen und unbewacht in einer feindseligen Stadt hinter einem Vorhängeschloss und einer Kette, die in Minuten mit einem Schweißbrenner durchtrennt werden konnten. Ben fühlte sich wie ein Trottel. In diesem Augenblick, eingepfercht in der kleinen Kapsel hoch über der Erde, überspülte ihn ein überwältigendes Gefühl der Einsamkeit.
Ben öffnete den Aktenkoffer vollständig. Aus Einsamkeit wurde Wut. Fotos bebten in seiner Hand, obwohl es keinerlei Turbulenzen gab.
Kapitel 8
Ben las den Inhalt des Aktenkoffers wieder und wieder und studierte die Fotografien. Sie hatten mit dem Mord an der Sängerin in Los Angeles zu tun, ein niederschmetterndes, öffentliches Massaker. Auf eine Weise, wie es nur Soldaten verstehen konnten, machte die Sinnlosigkeit des Mordes Ben wütend. Insgesamt warf die eilig zusammengestellte Akte sehr viel mehr Fragen auf, als sie beantwortete.
Eine elektronische Stimme, die wie Perfect Paul klang, der automatisierten Stimme des Wetterberichts der nationalen Ozean- und Atmosphärenbehörde, unterbrach seine Betrachtungen per Funk.»Hier spricht Ihr Captain vom Flugdeck. Wenn diejenigen auf der linken Seite der Kabine aus dem Fenster sehen, werden Sie feststellen, dass es kein Fenster gibt. «Eine Art von Sprachverzerrer kaschierte die Identität des Sprechers. Dies hieß, dass Ben die Stimme vielleicht wiedererkannte, wenn sie nicht verzerrt wäre.
Ben sagte:»Warte schon ewig auf den Getränkeservice. Ist es bereits Zeit, sich anzuschnallen?«
Die monotone, roboterhafte Stimme sagte:»Noch nicht. Wette, du könntest einen Drink gebrauchen. Weißt du schon, was du dir da ansiehst?«
Ben hielt seinen Spott gerade so im Zaum.»Das Gleiche wie immer. Nur die halbe Geschichte.«
«Gut. Wenn du ankommst, kann ich vielleicht dabei helfen. Einem Mann wie dir muss die Akte ziemlich dünn vorkommen. Wir haben noch mehr Informationen gesammelt, seit du an Bord bist.«
«Zum Beispiel?«, fragte Ben.
«Wirst du schon sehen. Sorry für die Umstände. Du verstehst das sicherlich.«
«Sicherlich nicht. Wie sieht's mit der voraussichtlichen Ankunftszeit aus?«
Die Stimme sagte:»Kenntnis nur bei Bedarf.«
«Ich hab Bedarf … abzuhauen.«
«Improvisieren, Anpassen, Überwinden. Ich seh dich auf dem Boden.«
Der Lautsprecher verstummte. Ben erkannte die letzte altkluge Bemerkung als eigentümliche Form von Marine-Corps-Ermunterung. Ohne den Tonfall oder die Nuancen einer normalen menschlichen Stimme, die ihm Hinweise auf die Identität des Sprechers hätten geben können, konnte Ben sich nur auf das Tempo, die Ausdrucksweise, Sprechpausen, Allgemeingültiges und Eigenheiten des Vokabulars stützen. Die Indizien sprachen für einen männlichen Sprecher, was etwas mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung ausschloss.
Die Annahme eines militärischen Hintergrundes grenzte den Kreis der Verdächtigen nochmals ein. Die Streitkräfte der Vereinigten Staaten trumpften derzeit mit einer aktiven Belegschaft von etwas mehr als einer Million und vierhundertdreiundsiebzigtausend auf. Zweihundertdreizehntausend davon waren Frauen. Das verringerte die Zahl nochmals, aber nicht viel. Da war etwas Vertrautes an diesem Sprecher, aber nichts Spezifisches. Ben war Tausenden von Soldaten begegnet oder hatte mit ihnen zusammengearbeitet und jeder Einzelne von Ihnen mochte Witze genauso sehr wie jeder andere. Die Zahl blühte wieder auf, falls aus dem Dienst entlassene Soldaten wie er einbezogen wurden. Die Stimme erinnerte ihn sicher nicht an irgendjemanden aus dem kleinen Kader an Freunden, die den Code kannten, den er heute Morgen an seiner Wand gefunden hatte.
Ben glättete die Kanten der Papiere und Fotos und steckte sie in den Aluminiumkoffer. Da er jedes mögliche Fitzelchen an Informationen aus ihnen herausgeklaubt hatte, griff er auf das Soldaten-Credo zurück, das den römischen Legionären zugeschrieben wurde. Wenn du nicht marschieren musst, steh. Wenn du nicht stehen musst, setz dich hin. Wenn du dich hinlegen kannst, tu das. Wenn du ein Schläfchen machen kannst, nur zu. Er hatte die Sandwiches und die M&Ms bereits gegessen.
Als er so am Dösen war, arbeitete sein Unterbewusstsein munter weiter. Im verschwommenen Zwielicht, befreit vom Geschnatter höheren Intellekts, spürte das Tier in ihm die volle Gefahr, selbst die Unvernunft seiner Lage. Vielleicht war er zu gelangweilt und eingesperrt gewesen, als er im dunklen, feuchten Keller ein Kunstwerk nach dem anderen erstellt hatte. Vielleicht hatte ein älteres Verlangen nach einer Mission ihn nach draußen gelockt. Was auch immer ihn bewogen hatte, er hatte seine Tarnung aufgegeben und sein gesamtes Unterfangen in New York aufs Spiel gesetzt. Alles für ein Versprechen, dass er vor langer Zeit einem Kameraden gegeben hatte. Würde er wirklich jemandem helfen wollen, der Omega so schlecht behandeln musste, um seine Aufmerksamkeit zu bekommen?
Andere Ansätze sprangen in Bens Gedanken. Das Geld. Es war überall. La Luz' Karriere, ihre Chance, eine wahre Legende zu werden, das war vorbei. Ihre Plattenfirma im Speziellen und die bereits angeschlagene Musikindustrie im Allgemeinen würde ihr Tod finanziell schwer treffen. Wer würde davon profitieren? Ben hatte vorerst keine Antwort.
Die Kosten dafür, ihn aufzuspüren, waren immens, überlegte er. Er beherrschte sein Spionagehandwerk. Er wusste, wie man zum Geist wurde und in den Augen der meisten Einrichtungen, die sich für ihn interessieren könnten, tot blieb. Ihn aufzuscheuchen hatte eine Menge Geld gekostet. Falls dieser Botendienst Ben das Leben kostete, würde das wirklich eine Rolle spielen? Der Großteil der Welt hielt ihn sowieso für tot. Diese Tatsache würde demjenigen, der ihn herausgelockt hatte, sehr entgegenkommen; das allein wäre manchen die Ausgabe wert. Und das bedeutete, dass diese Nummer nach Geheimoperation stank.
Und schließlich fielen astronomische Fix- und Betriebskosten dafür an, ihn in einen Global Hawk zu setzen. Jemand wollte ihn in beträchtlicher Distanz neu aufstellen, aber mit minimalem Kontakt zu anderen Zivilisten. Noch mehr Abstreitbarkeit. Das war für Ben okay. Je weniger Fragen er zu seiner ungelegenen Wiederauferstehung beantworten musste, desto besser. Diese Mission also, dieses Problem, das er lösen sollte, musste beträchtlich sein für jemanden, der eine Menge zu verlieren hatte, sollte er versagen. Ben rutschte in seinem Sitz hin und her. Die ganze Zeit über in New York hatte jemand ohne sein Wissen minutengenaue Kenntnis über seine Position gehabt und ihn in Reserve gehalten. Ben sinnierte wieder darüber nach, dass niemand entbehrlicher war als ein Geist.
Die Intuition eines Soldaten weckte Ben aufgrund irgendeiner undefinierten Gefahr. Als der Schlaf von ihm wich, bemerkte er, dass der Flug sich genauso fortzusetzen schien wie zu dem Zeitpunkt, an dem er weggenickt war. Das Brüllen des Triebwerks hinter ihm schien ruhig und gleichmäßig. Die sanft keuchende Klimakontrolleinheit pustete ihn immer noch durch die Drehlüfter an, selbst wenn die Luft inzwischen etwas verbraucht war. Der Flugwinkel war gerade, soweit er das beurteilen konnte, was weder Steig- noch Sinkflug bedeutete. Sein unterer Rücken wurde langsam steif. Wie lange hatte er geschlafen? Eines war sicher: Ein wachsendes Angstgefühl, durch das er sich wie eine in einer Kiste gefangenen Ratte fühlte, während hungrige Katzen draußen herumschlichen.
Kapitel 9
Der Fremde erwachte aus einem verstörenden Traum. Die Linienmaschine, in welcher der erschöpfte Killer flog, hätte überall auf der Welt sein können, irgendwo zwischen zwei Punkten auf der langen Reise zum nächsten Einsatz; die vereinnahmende Orientierungslosigkeit des Traums war absolut. In letzter Zeit hatte die Vision, oder eher der Albtraum, zu mehr schlaflosen Nächten geführt als dem Attentäter recht war. Immer das Gleiche. Zuerst Dunkelheit. Dann das Geräusch von Marschieren. Ein Eierkokon, der eine unendliche Anzahl an achtbeinigen Schlüpflingen freigab. Dann Tausende und Abertausende von Stiefeln begleitet vom Klimpern und Klappern persönlicher Ausrüstung. Eine riesige Anhäufung von Infanterietruppen stampfte in eine Stadt, geradewegs durch die Schneise der Verwüstung, die von schweren mechanischen Rüstungseinheiten aus der friedlichen Architektur der Zivilisation gehauen war. Die Bordkanonen der Panzer blieben immer nach oben gerichtet, wie ungezügelte Erektionen, die vor den Besiegten prahlten, dass diese Eindringlinge ständig gefechtsbereit waren. Wie es immer geschah, wurde dem Träumer ohne erkennbare Anzeichen oder Beweise bewusst, dass diese marschierenden Soldaten ungestüme amerikanische Truppen waren. Hier ließ man Yankee-Muskeln spielen.
Die Stadt, in die die Truppen einfielen, begann Form anzunehmen. Die Skyline wirkte mehr und mehr vertraut. Alte Kuppeln. Türme. Kirchturmspitzen. Das Motiv von Millionen verkaufter und verschickter Postkarten, aber diese waren bekritzelt mit:»Wünschte, du wärst niemals hergekommen.«
Der Agent des Blutes, der es gewohnt war, bei anderen Angst auszulösen, sah sich nach dem Flugbegleiter um, um sicherzugehen, dass niemand die schweißbedeckte Braue und Oberlippe bemerkte. Der angrenzende Sitzplatz war auf diesem Flug leer, aber das war nur ein schwacher Trost. Oft genug war er besetzt gewesen, wenn der Fremde erwachte und starrende Männer oder Frauen vorfand, die sich offensichtlich einen anderen Sitzplatz wünschten, um auf sichere Entfernung gehen zu können.
Der Traum musste verhindert werden. Obwohl der Agent sich nicht scheute, das Blut von Individuen zu vergießen, setzte diese spektrale Vision Menschlichkeit und Anstand irgendwie außer Kraft und fühlte sich grundlegend unrechtmäßig an. Diese seltsamen Skrupel waren für den kaltblütigen Killer verstörend. Warum sollte ein Traum über Krieg so lähmend sein? Der Fremde hatte sich seine Sporen in bewaffneten Konflikten verdient. Reue war schon vor langer Zeit mit dem Blut der Opfer in der aufgewühlten Erde vieler Schlachtfelder versickert. Nun schlich diese Reue zurück, um den Schlummer des Killers zu verpesten. Der anonyme Passagier musste etwas unternehmen und holte ein winziges Stück Papier aus dem Handgepäckskoffer. Das kleine Quadrat war farbenfroh mit einer Cartoonfigur dekoriert. Es war außerdem mit einer Chemikalie versetzt. Lysergsäurediethylamid. Pappe. LSD. Zusammengepantscht von einem Schützling von Owsley Stanley höchstpersönlich. Der missgestimmte Fremde aß das Papier und wartete darauf, dass die lähmenden, albtraumhaften Szenen durch neue, erträglichere Halluzinationen ersetzt wurden. Eine Handvoll Schlaftabletten folgten, um Schlummer während der neuen Visionen herbeizuführen.
Kapitel 10
Der Pyramid Lake, Nevada gebar gemächliche, sich windende Phantome aus Dunst in die Nacht, als kalte Luft vom Ufer über die wärmeren Gewässer driftete. Die vier Männer auf ihren Trittleitern warfen ihre Fliegenruten geistesabwesend im seichten Wasser aus; dankbar, dass die Sterne hoch über ihnen funkelten, aber der zunehmende Mond noch nicht aufgegangen war, um den Himmel, das Wasser oder den Boden zu erhellen. Sie waren still. Es war ihnen egal, falls eine Cutthroat-Forelle sich in ihren Schnüren verhakte. Tatsächlich wäre das sogar verdammt ungünstig für ihre Pläne. Sie erwarteten einen größeren Fisch.
Ein Zuschauer am Ufer hätte vielleicht darauf hingewiesen, dass die Forellen zurzeit nicht anbissen und sich vermutlich am Grund des Sees aufhielten. Der gleiche Zuschauer würde anmerken, dass die Ausrüstung der Angler nicht ganz passte, dem Ansinnen nicht gerecht würde, selbst wenn ihr Timing für den Fisch perfekt gewesen wäre. Die Schlechtwetter-Nymphen an ihren Schnüren waren falsch, da das gute Wetter laut Vorhersage halten sollte. Die Kescher waren geradeso außer Reichweite. Die Weidenfischkörbe schienen altmodisch und fehl am Platze; sowohl sie als auch die Taschenwesten, welche die Männer trugen, waren leer. Die Kleidung der Männer schien durchgehend neuwertig zu sein und die originalen Bügelfalten aufzuweisen; sie hatten sich ebenso nach Gemälden von Izaak Walton wie nach einem Sportkatalog gekleidet.
Der erste Angler sah zum vierten Mal in ebenso vielen Minuten auf seine Uhr. Dieses Mal steckte er seine Fliegenrute in eines der Löcher oben an der Leiter, das für Farbwalzengriffe gedacht war. Aus seinem Fischkorb zog er ein Computer-Tablet hervor und verband es mittels eines kleinen USB-Kabels mit einem leistungsstarken Transmitter. Ein weiteres Kabel führte vom Transmitter zu einem Port in der Fliegenrute. Die Rute war tatsächlich eine Antenne. Er bearbeitete den Touchscreen des Tablets für einen Moment und lächelte breit durch seinen dichten Bart, als ihm gefiel, was er da sah. Alles startklar.
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