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Rita Juon

Tod in der Viamala

Rita Juon

Tod in der Viamala

Kriminalroman

orte Verlag

1. Auflage, 2019

© by orte Verlag, CH-9103 Schwellbrunn

Alle Rechte der Verbreitung, auch durch Film, Radio und Fernsehen, fotomechanische Wiedergabe, Tonträger, elektronische Datenträger und auszugsweisen Nachdruck, sind vorbehalten.

Umschlaggestaltung: Janine Durot

Gesetzt in Times New Roman

Herstellung: Verlagshaus Schwellbrunn

E-Book-Herstellung und Auslieferung: HEROLD Auslieferung Service GmbH www.herold-va.de

ISBN: 978-3-85830-261-8

ISBN e-Book: 978-3-85830-262-5

www.orteverlag.ch

Verzeichnis der wichtigsten Personen


Rösli Sjögren-Tscharnergeistig fitte Frau im Altersheim
Larsihr Sohn
Simonihr Urenkel
Juliajunge Pflegerin im Altersheim
Joeihr Partner
Walter Buess, Meta Schäfer, CamenischPolizeibeamte
Svetlana -kovaStaatsanwältin
Emanuele Santacaterinaitalienischer Einwanderer im Ruhestand
Gerardo Mazzottaitalienischer Einwanderer, 1945–2018
Silvia Häberli-Mazzottaseine Tochter, *1976
Wendelin Wagnerderen Geschäftspartner
Lucilla Tataranniitalienische Einwanderin, verwitwet
Graziella, Riccardo, Luisaihre Kinder, *1972–1977
Erich EichenbergerGemeindearbeiter in Davos, *1983
Heiri ZuberSchuhmacher in Thusis, †
Noraseine geschäftstüchtige Frau
Brigitte, Marianne, Karinseine Töchter, *1965–1971
Marcosportugiesischer Einwanderer, Kochlehrling
Eduard DemontFirmengründer im Ruhestand, engagiert im Laden
Viktor JörimanFirmengründer im Ruhestand, Hobby-Historiker
Ursinaseine Frau
Peter WaseschaFirmengründer im Ruhestand, Wanderleiter
Jean-Claudesein Sohn

1975

Der Wind pfiff ihm um die Ohren. So früh am Morgen war es empfindlich kalt, obschon der Sommer bereits in den Startlöchern war. Doch das kümmerte Angelo nicht. Erwartungsvoll und glücklich bretterte er auf seinem dunkelrot glänzenden Moped nach Süden.

Bereits nach wenigen Minuten hatte er sein Ziel erreicht. Er hatte Thusis verlassen, den unberechenbaren Wildbach Nolla auf der eleganten Brücke überquert und war am nördlichen Ausgang der Viamalaschlucht angelangt. Jetzt parkierte er sein Gefährt beim Maschinenhaus der Kraftwerke und stieg vorsichtig ab, um die Angelrute, die er zwischen dem Sitz und seinem Hintern eingeklemmt hatte, nicht auf den Boden fallen zu lassen. Er schloss das Mofa sorgfältig ab – man konnte nie wissen – und löste sein weiteres Gepäck vom Gepäckträger: eine Dose mit Würmern, einen Eimer für seine Beute, ein Bier und ein Butterbrot.

Auch ohne Fahrtwind war es hier kühl. Die Schlucht mit den mehrere hundert Meter hohen Felswänden hielt die Kälte des Winters bis weit in den Sommer hinein fest. Beim Kraftwerk standen die Felswände zwar nicht mehr so nah beieinander wie weiter südlich, aber richtig heiss wurde es hier nie. Diese Stelle des Hinterrheins kam Angelos Vorstellungen vom Paradies sehr nahe. Der Fluss bewegte sich hier ungezähmt über blank geschliffene Steine und kleine Sandbänke, seine Farbe ein aussergewöhnlich intensives Grün. Angelo schien es, als würde sich das Wasser freuen, aus der dunklen Viamala entkommen zu sein und dem Sonnenlicht entgegen zu fliessen.

Sein Weg war der entgegengesetzte, er folgte dem Hinterrhein aufwärts in die Schlucht hinein. Grosse Felsbrocken durchsetzten das Bachbett, dazwischen wechselten sich ruhige Becken und sprudelnde Wirbel ab. Wäre er eine Forelle, würde er zweifellos hier leben wollen.

Plötzlich durchzuckte ihn ein Bauchkrampf. Merda! Die Erdbeeren. Es war in jedem Frühsommer dasselbe. Sobald sie ihn in der Auslage vor dem kleinen italienischen Laden in Thusis anlachten, verdrängte er erfolgreich die Erinnerung daran, dass er sie nicht vertrug. Er kaufte sich ein Pfund oder lieber noch ein Kilo, damit sie auch für seine Frau und seine kleine Tochter reichten. Das Verzehren war der reine Genuss, nur die Gegenwart zählte, jeder Gedanke an früher oder später war ein Verbrechen. Bis sich die Folgen wenige Stunden später einstellten, zuverlässig wie die Rhätische Bahn.

Bauchkrämpfe. Durchfall.

Zum Glück gab es am Flussufer nicht nur Steine, sondern auch Büsche, und in diese verschwand Angelo blitzartig. Immerhin befand er sich an einem Platz mit überwältigender Aussicht auf das Bachbett, und der Luftzug aus der Viamala sorgte erst noch dafür, dass sich der Gestank Richtung Thusis verzog.

Aber was war denn das? Dort kauerte jemand am Ufer. Angelo kniff die Augen zusammen. Ganz klar, da hockte ein Mann. Bestimmt ein anderer Fischer, porca miseria! Jetzt war er gezwungen, viel weiter in die Schlucht hineinzugehen, und womöglich schnappte ihm dieser stronzo die Fische vor der Nase weg.

Angelo erhob sich eiligst und zog seine Hose hoch. Jetzt holte der andere mit einem Stein aus. Madonna, der musste einen riesigen Fisch gefangen haben, wenn er so viel Schwung brauchte! Das wollte sich Angelo nicht entgehen lassen. Er trat aus den Büschen heraus, als der Stein niedersauste.

Er landete nicht auf dem Kopf einer Forelle. Eine Forelle trug keinen olivgrünen Pullover. Der Mann war auch kein Fischer. Derjenige mit dem olivgrünen Pullover war ein Fischer gewesen, als er noch lebte. Jetzt lag er tot im Wasser, ertrunken oder erschlagen oder beides. Vielleicht war er doppelt tot. Der andere Mann lebte, er trug einen rostroten Pullover, der, der kein Fischer war. Sondern ein Mörder.

Sosehr er sich auch bemühte, Angelo bekam seine wirren Gedanken nicht auf die Reihe. Wie gelähmt stand er da, nur ein, zwei Dutzend Meter vom Geschehen entfernt. Er ahnte, dass er nicht hier sein sollte, war aber nicht in der Lage, sich zu bewegen und schleunigst wieder in den Büschen zu verschwinden.

Jetzt war es zu spät. Der Mörder hatte sich aufgerichtet und sich rasch nach allen Seiten umgeschaut. Angelo wurde womöglich noch eine Spur blasser, als er ihn erkannte. Und gewiss war er grün im Gesicht, als der andere ihn entdeckte und nun mit Riesenschritten zu ihm eilte und ihn am Kragen packte.

Angelo hatte schon immer geahnt, wie sich eine Maus fühlt, wenn sie erkennt, dass sie der Katze nicht mehr entkommen kann. In diesem Augenblick, als er kaum Luft bekam, die italienischen Flüche des Mannes hörte und im Augenwinkel eine Klinge dicht an seinem Gesicht erkannte, glaubte er es zu wissen.

«Schwöre beim Leben deiner Tochter, dass du keinem erzählen wirst, was du gesehen hast», zischte der andere.

«Ich schwöre es», flüsterte Angelo.

«Giuro sulla testa di mia figlia! Los, sag schon!»

Angelo räusperte sich, schluckte. Dio Cristo, lass mich in meinem Bett erwachen!, dachte er verzweifelt.

Die Klinge blitzte vor seinen Augen auf. «Giuro sulla testa di mia figlia», beeilte er sich zu sagen. «Ich werde keinem davon erzählen, ich schwöre es beim Leben meiner Tochter!»

Schwer atmend standen sie sich gegenüber, die Nasenspitzen nur eine Handbreit voneinander entfernt, Angelo auf den Zehen, weil der andere noch immer seinen Kragen umklammerte.

«Hau ab!», zischte er nach einer gefühlten Ewigkeit, als er Angelo von sich stiess. Dieser raffte seine Angelausrüstung zusammen und rannte, so schnell es das unwegsame Ufer zuliess, zurück zu seinem Moped.

2018

1

Vorsichtig öffnete sie die Tür. Sie wusste, dass der alte Herr am Morgen gewöhnlich gern liegenblieb. Obschon sie ihm das von Herzen gönnte, wurde es Zeit, nach ihm zu sehen und ihn zum Aufstehen zu bewegen. Manchmal reagierte er ungehalten, manchmal erfreut, oft verwirrt und missmutig.

Heute schien er indessen noch tief zu schlafen. Sie zog die Vorhänge auf, öffnete das Fenster, um die angenehm warme Luft des Frühsommers hereinzulassen, und wandte sich lächelnd zum Bett um. Vielleicht freute er sich heute über ihren rotblonden Lockenkopf, der im Sonnenlicht vor dem Fenster leuchtete wie die goldenen Türme einer russischen Kirche. Das war schon öfters vorgekommen, dann startete er mit guter Laune in den neuen Tag. Vielleicht erinnerte sie ihn an seine stürmischen Jahre, als er als junger Einwanderer aus Süditalien ins kühle Graubünden kam – wer wusste das schon?

«Buongiorno, Signor Mazzotta», begann sie freundlich. «Come va?», hätte sie noch fragen wollen, verstummte aber. Sie eilte zur reglosen Gestalt auf dem Bett, fasste an die Stirn, fühlte den Puls. Spürte nichts. Keine Wärme, keinen Herzschlag. Signore Mazzotta war zu seinem Schöpfer heimgekehrt, wie er sich jeweils ausgedrückt hatte, wenn jemand gestorben war.

Die Pflegerin setzte sich auf den Bettrand und nahm die Hand des Verstorbenen in ihre. Zwei Jahre hatten sie gemeinsam auf der Station verbracht. Der persönliche Abschied war ihr wichtig, bevor sie die Chefin benachrichtigte.

Als sie in der Stille die Gedanken schweifen liess, wurde ihr klar, dass etwas nicht stimmte. Sie runzelte die Stirn und betrachtete den Toten genauer. Sein Gesicht schien entspannt, als sei er eingeschlafen, um nicht wieder aufzuwachen. So, wie es sich die meisten Menschen für ihr Ableben wünschten. Lang ausgestreckt lag er im Bett, auf dem Rücken, sein rechter Arm umfasste locker den grauen, länglichen Stoffhasen. Was vollkommen unmöglich war.

Sie kannte ihre Kundschaft. Jeder Bewohner hier im Heim hatte seine Gewohnheiten, jede Bewohnerin ihre Gebräuche, von denen sie um nichts in der Welt abwichen. Als müssten sie sich damit einen festen Rahmen schaffen in ihrer Welt, die ihnen manchmal unverlässlich vorkam. Die Pflegerin erinnerte sich an den Mann, der jeden Abend sorgfältig seine Socken über dem Bettgestell aufhängte, damit er sie am nächsten Tag frisch ausgelüftet wieder anziehen konnte. Oder an die Frau, die jeden Morgen, sobald sie angezogen war, ihre Hüfte kreiste, fünf Mal in jede Richtung, um fit zu bleiben. Oder die beiden altledigen Schwestern, die sich ein Zimmer teilten und sich jeden Abend stritten, ob das Fenster über Nacht gekippt oder geschlossen sein sollte.

Oder Signore Mazzotta, der seinen Ellbogen jeden Abend auf einem alten Kissen in Form eines Hasen abstützte, um den heftigen Arthroseschmerz in seinem Ellbogen so weit in Schach zu halten, dass er schlafen konnte. Das Babykissen formte er zu einem U, in das er seinen Arm bettete, jeden Abend genau gleich. Den Kopf des Hasen drapierte er stets so, dass er dem Fussende des Betts zugewandt war. Auf diese Weise stützte der Hasenkörper sein lädiertes Gelenk am besten, genau so, wie er vor Jahren einem schlafenden Baby Halt gegeben hatte.

Jetzt aber blickte sie direkt in die sanften Augen des Hasen. Signore Mazzotta hielt ihn im Arm wie ein Kind sein Kuscheltier.

Die Pflegerin legte Mazzottas Hand sorgfältig zurück auf die Bettdecke. Tief in Gedanken versunken verliess sie das Zimmer.

Die Reste des Frühstücks waren weggeräumt, die Zeitung gelesen. Die Wanduhr hatte die zehn hinter sich gelassen. Jetzt mussten sie ihn längst gefunden haben.

Wie reagiere ich angemessen, wenn ich davon höre? Betroffen, überrascht, fassungslos. Nein, fassungslos nicht gerade, eher sprachlos, ungläubig. Und traurig, natürlich.

Das schien nicht allzu schwierig zu sein, so viel Schauspielerei stellte keine besondere Herausforderung dar. Schwieriger war, nicht zu zittern, ruhig und beherrscht aufzutreten. Das schien eine fast unlösbare Aufgabe zu sein. Wer hätte das gedacht? Einen anderen Menschen durch die eigene Hand sterben zu lassen, erwies sich als bedeutend aufwühlender als angenommen. Schon wieder kündigte sich heftiges Herzklopfen an, sein Mund wurde trocken, die Hände wollten nicht mehr ruhig bleiben.

Dieser lächerliche Stoffhase hatte ihn aus der Fassung gebracht. Dass ihm der Alte kurz vor seinem Tod eine verborgene, gefühlvolle Seite offenbart hatte, hatte ihm kurz den Atem geraubt. Zu rührend war das Bild des Stofftiers in seinem Bett. Doch er hatte den Moment des Zweifels überwunden, alle seine Energie aufgewendet und seine Tat ausgeführt. Zuletzt hatte er die Bettdecke wieder glattgestrichen und dem Toten den Hasen in den Arm gelegt. Er ahnte, dass ihn dieses Bild bis ans Ende seiner Tage verfolgen würde.

«Julia», rief die Chefin entnervt, «hör auf mit dem Unsinn! Er war dement und gebrechlich. Er schlief ein und wachte nicht mehr auf. Er starb so, wie es sich die meisten Menschen für sich wünschen, an einem Herzversagen oder an einer Lungenembolie. Das, was du über seinen Stoffhasen erzählst, sind Hirngespinste.» Sie schüttelte den Kopf. «Vergiss es. Gönn ihm den Frieden!»

Die Pflegerin presste die Lippen zusammen. Ihre Wangen glühten, was farblich nur schlecht harmonierte mit den rötlichen Locken. Sie hatte geahnt, dass die Stationsleiterin nicht leicht von ihrem Verdacht zu überzeugen sein würde. Sie entschloss sich zu einem letzten Versuch. «Es sind keine Hirngespinste. Der Hase war ein Hilfsmittel, er benutzte ihn zur Linderung seiner Schmerzen. Seit er ihn vor einem halben Jahr bekommen hatte, richtete er sich jeden Abend mit ihm ein, immer genau gleich», begann sie, wurde aber bereits unterbrochen.

«Ich kann dir Hunderte von Fertigkeiten unserer Bewohner aufzählen, die im Laufe einer Demenzerkrankung verloren gehen. Tausende! Die Frau im Zimmer nebenan weiss zum Beispiel seit ein paar Tagen nicht mehr, wie man einen Löffel halten muss.»

«Es sind keine Hirngespinste», fuhr Julia unbeirrt fort. «Er benutzte den Hasen, um seinen arthrosegeplagten Ellbogen abzustützen, für nichts anderes. Frag die Pflegerin von der Abendschicht, sie wird es dir bestätigen.»

«Das werde ich schön bleiben lassen. Mach dich nicht lächerlich! Geh nach der Arbeit raus, beweg dich oder triff Leute, das lenkt dich ab. Dann schläfst du darüber, und morgen ist dir selbst klar, dass du überreagierst.» Sie erhob sich, packte ihre Handtasche und den Autoschlüssel. «Ich muss gehen. Alles klar?»

«Alles klar», murmelte Julia, wobei sie mit dieser Aussage etwas ganz anderes meinte als ihre Vorgesetzte. Klar war, dass die schnippische Bohnenstange nichts hören und keinen Ärger haben wollte. Klar war weiter, dass sich die Chefin irrte. Sonnenklar war ihr ausserdem, dass sie dagegen kaum ankommen würde. Sie erhob sich, schob den Stuhl zurecht und verliess grusslos das Büro.

Emanuele Santacaterina wühlte zufrieden in der Erde. Seine Schwiegertochter, von der er nicht wesentlich mehr hielt als vom Unkraut, das er aus der Erde zog, hatte ihm das Stück Garten, das zu ihrer Wohnung in Cazis gehörte, gern überlassen. Sie konnte keinen Sinn darin erkennen, einen aussichtslosen Kampf gegen Schnecken, Kälte, Trockenheit und weiss der Himmel was sonst noch zu führen, wenn man die Salate in bestem Zustand, ausgewachsen und geputzt, kaufen konnte. Emanuele gab sich keine Mühe, diese Haltung zu verstehen, er verurteilte sie von Herzen. Die hatte keine Ahnung, was ihr entging. Die Freude, wenn die Blumen in allen Farben blühten; die Erfolgserlebnisse, wenn Gemüse und Salat gediehen und eine reiche Ernte versprachen; die grosse Befriedigung, die die Gartenarbeit bot, weil man den Pflanzen mit den eigenen Händen dazu verhelfen konnte, das Beste aus sich zu machen; die leise Erinnerung an den vergangenen Sommer, wenn man im Winter selbst gezogenes Gemüse aus dem Tiefkühler holen konnte; das alles entging ihr.

Ausserdem war da die soziale Komponente. Emanuele hatte gewiss Jahre seines fortgeschrittenen Lebens damit verbracht, sich über Gedeih und Verderb im Garten zu unterhalten. Niemand ging auf der anderen Seite des Gartenzauns vorbei, ohne ihn zu grüssen. Mit den meisten wechselte er ein paar Worte, mit vielen wurde es ein längeres Geplauder, manche suchten ihn im Sommer eher im Garten als zu Hause, wenn sie etwas von ihm wollten.

Jetzt näherte sich eine Frau auf dem Trottoir. Emanuele blinzelte in die Strahlen der bereits tief stehenden Sonne. Aha, Frau Carisch. Das würde ein Gespräch von mehr als nur ein paar Worten werden. Emanuele richtete sich schon einmal halb auf.

«Haben Sie es gehört?», fragte Frau Carisch nach dem einleitenden Geplänkel. «Herr Mazzotta ist letzte Nacht gestorben.»

«Gerardo Mazzotta?» Emanuele war sofort ganz Ohr. «War er krank?»

«Nein», berichtete Frau Carisch. «Er schlief einfach ein und wachte nicht mehr auf. Herzversagen, nehme ich an. Er war ja dement, das war doch kein Leben mehr», fügte sie hinzu. «Es gab Zeiten, da wusste er kaum noch, wo er war, und schwatzte wirres Zeug. Als ich ihn das letzte Mal besuchte, wollte er unbedingt raus zur Baufirma. Er müsse pünktlich sein, sagte er, sonst fahre der Bus ohne ihn ab. Er wurde furchtbar nervös und schwatzte irgendetwas vom neuen Hochhaus in Thusis und vom Beton, den er dort verbauen müsse. Meine Güte, das Haus ist vierzig Jahre alt!»

Auch Emanuele wusste die eine oder andere Anekdote anzufügen, ein Wort gab das andere. Frau Carisch unterliess es nicht, seinen Phlox und seine Stangenbohnen gebührend zu bewundern, bevor sie ihren Weg zum Laden fortsetzte.

Rösli Sjögren, geborene Tscharner, war ein junges Mädchen auf der Schwelle zum Erwachsenenleben, als sich Europa nach dem Zweiten Weltkrieg wieder aufrappelte. Die Kriegsjahre hatte sie auf dem elterlichen Bauernhof hoch über dem Domleschg erlebt, danach war sie bei einer Schneiderin in Thusis in die Lehre gegangen. Die Lage am Arbeitsmarkt zwang sie, eine Stelle in Zürich anzunehmen, wo es ihr jedoch nicht gelang, sich heimisch zu fühlen. Mit dem Stadtleben konnte sie sich nicht anfreunden, und zu viele Leute auf einem Haufen waren ihr ein Gräuel. Als sie eine kleine Anzeige entdeckte, die junge Schweizerinnen für ein Jahr in schwedische Haushalte vermittelte, ergriff sie die Gelegenheit und reiste zum Entsetzen ihrer gesamten, zahlreichen Verwandtschaft in den Norden. Zu deren womöglich noch grösserer Fassungslosigkeit kehrte sie nach zwei Jahren mit Mann und Kind und einem unmöglichen Nachnamen zurück. Innert der nächsten vier Jahre wuchs die Familie um drei weitere Kinder. Das jüngste ging noch nicht zur Schule, als Herr Sjögren unverhofft starb.

Seit sechzig Jahren war sie verwitwet, sie hatte nie wieder geheiratet. Seit vierzig Jahren, als das letzte ihrer Kinder zu Hause auszog, lebte sie allein. Seit zwanzig Jahren war sie pensioniert. Seit fünf Jahren war sie auf immer mehr Unterstützung im täglichen Leben angewiesen.

Nach einem unglücklichen Sturz vor zwei Jahren, der sie längere Zeit ins Krankenbett zwang, entschloss sie sich zum Umzug ins Altersheim in Thusis, wo es ihr ausgezeichnet gefiel. Man liess sie morgens schlafen, so lange sie wollte, sie durfte aus verschiedenen Speisen auswählen, ohne einen Aufpreis zahlen zu müssen, und sie konnte stundenlang in der hauseigenen Cafeteria sitzen, mit alten Bekannten plaudern und neue Leute kennenlernen.

Schon vor dem Mittagessen hatte sie erfahren, dass Gerardo Mazzotta gestorben war. Nicht, dass ihr das besonders nahe gegangen wäre. Sie kannte ihn seit fast fünfzig Jahren, und beinahe ebenso lange hielt sie ihn für einen eingebildeten Esel. Als sie in der Bäckerei als Verkäuferin gearbeitet hatte, nachdem ihr Mann gestorben war und sie mit Lohn, Rente und vier Kindern kaum über die Runden kam, hatte er manchmal ein Brot oder einen Nussgipfel bei ihr gekauft, dabei kaum gegrüsst, nie ein freundliches Wort zu ihr gesagt und sie wie Luft behandelt. Erst hier im Heim, als er in seiner Umnachtung nicht mehr unterscheiden konnte, wer seinen Ansprüchen genügte und wer nicht, hatte er zuweilen mit ihr gesprochen, häufig wirres Zeug, mit dem sie nichts anfangen konnte. Immerhin hatte er ihr jetzt den Gefallen getan, unverhofft zu sterben, was reichlich Abwechslung versprach.

Beim Mittagessen auf der Station konnte sie in Erfahrung bringen, welche Pflegerin Mazzotta tot gefunden hatte: Julia mit den rotblonden Locken. Mit ihr wollte sie unbedingt sprechen, und zwar allein. Deshalb verzog sie sich nach dem Essen in ihr Zimmer, anstatt in die Cafeteria hinunter zu gehen. Ungeduldig wartete sie, bis das Geschirr verräumt und die Rauchpause der Pflegerinnen vorbei war; dann läutete sie die Glocke.

Nach wenigen Minuten erschien gutgelaunt Valeriu und erkundigte sich in perfektem Hochdeutsch nach ihren Wünschen.

«Valeriu, morgen kommt mein Enkel zu Besuch», jammerte Rösli. «Ich habe ihm versprochen, das Foto von 1913 zu suchen, auf dem sein Ururgrossvater und sein Urgrossvater zu sehen sind. Es muss in dieser Kiste dort oben sein.» Sie deutete auf eine Kartonschachtel zuoberst im Bücherregal.

Valeriu reichte ihr die Box und erkundigte sich, ob er sonst noch etwas für sie tun könne, was sie verneinte.

Rösli brauchte die Schachtel nicht zu öffnen, da erstens ihr Vorwand erfunden war und sie zweitens deren Inhalt genau kannte. Sie wartete zwanzig Minuten, dann läutete sie erneut. Wieder Valeriu.

«Haben Sie das Foto gefunden?», erkundigte er sich, immer noch gut gelaunt.

«Nein, aber …» Rösli hielt inne, als das Handy an Valerius Hosenbund sich bemerkbar machte. «Es eilt nicht, gehen Sie schon!», scheuchte sie ihn zum Zimmer hinaus.

Da Valeriu vergass, ihren Ruf zu quittieren, stand kurz darauf die nächste Pflegerin in ihrem Zimmer, ein blutjunges Huhn, das Röslis Antipathie mehr als erwiderte. «Ein Irrtum», erklärte sie knapp, «ich will nichts von Ihnen.» Das Huhn zog wortlos von dannen.

Rösli gab auf und beschloss, in die Cafeteria zu gehen. Es dauerte, bis sie ihr Rätselheft und den Kugelschreiber in das Gepäcknetz ihrer Gehhilfe gepackt, sich aus dem Sessel erhoben und sicheren Stand gefunden hatte. Als sie endlich bei der Tür war, diese aufgestützt auf den Rollator öffnen konnte und in den Gang trat, sah sie gerade noch Julias Rücken.

«He! Pst!», rief sie, worauf Julia stehen blieb und sich umwandte. «Können Sie mir kurz helfen, Julia?»

«Natürlich», sagte Julia und eilte zurück zu Röslis Zimmertür.

«Ich habe das falsche Rätselheft eingepackt», klagte Rösli, «und habe es erst jetzt bemerkt. Das ist von letzter Woche, da habe ich schon fast alles gemacht. Das neuere muss auch irgendwo sein, aber auf dem Tisch lag es nicht.»

«Dann schauen wir nach.» Julia wollte sich am Rollator vorbei ins Zimmer zwängen, allein Rösli stellte sich so kompliziert an, dass ihr das nicht gelang. Sie war gezwungen, Rösli wieder ins Zimmer zurückzusteuern und ihr zu folgen. Geduldig begann sie zu suchen.

«Sie sehen nicht gut aus heute», bemerkte Rösli. «Geht Ihnen Mazzottas Tod so nahe?»

«Schon, ja», bestätigte Julia. «Ich habe ihn heute Morgen gefunden.»

«Er war bestimmt nicht ihr erster Toter, und besonders sympathisch war er auch nicht», erwiderte Rösli.

Julia schmunzelte. «Direkt wie immer, was?»

«Er kann auch nicht schrecklich ausgesehen haben, schliesslich ist er friedlich eingeschlafen», überlegte Rösli weiter, worauf sich Julias Gesicht verdüsterte.

Rösli runzelte die Stirn. «Ist er nicht friedlich eingeschlafen?»

Julia zuckte die Achseln. «Doch, doch», sagte sie und suchte weiter nach dem Rätselheft.

«Verdient hat er’s ja nicht», sinnierte Rösli. «Seine Frau hatte wohl nichts zu lachen mit ihm, und die Arbeiter auf den Baustellen konnten einem leid tun. Trotzdem hat ihm der Herr seinen Abgang leicht gemacht. Ungerecht ist das.»

Julia öffnete eine Schublade des Nachttischchens nach der andern, ohne Erfolg.

«Jeder wünscht sich doch, einfach einzuschlafen und nicht mehr aufzuwachen», plauderte Rösli weiter. «Ausgestreckt unter der warmen Decke, den Kopf auf das weiche Kissen gebettet, eben noch etwas Schönes träumen, und schon über den Jordan gleiten.»

Julia fuhr herum, öffnete den Mund und schloss ihn wieder. Ihre Schultern sackten herab, sie senkte den Blick. Rösli beobachtete die junge Frau schweigend.

Endlich raffte sich diese auf, schob die unterste Schublade zu und richtete sich auf. «Tut mir leid, ich kann es nicht finden», sagte sie.

«Meinen Sie jetzt das Rätselheft? Oder das, was Ihnen auf der Zunge brennt?», fragte Rösli lächelnd.

Julia schaute sie an und erwiderte nichts.

«Sie wissen ja, wo Sie mich antreffen», sagte Rösli mit einem Augenzwinkern. «Ich laufe nicht weg.»

Wie jede Woche trafen sich auch an diesem Tag einige ältere Herren im Café «Gyger» in Thusis. Seit sie sich weitgehend aus dem Geschäftsleben zurückgezogen hatten, drehten sich ihre Gespräche zunehmend um allgemeine Neuigkeiten aus dem Tal, weniger darum, wie es um die Auftragslage stand, welche Beziehungen man spielen lassen musste, welche Anlässe man für das Knüpfen neuer Kontakte nutzen konnte. Doch auch das Durchkauen der aktuellen Klatschgeschichten hatte seinen Reiz, und da sie ihr ganzes Leben in der Region verbracht hatten und Hinz und Kunz kannten, waren die Gesprächsthemen unerschöpflich.

«Habt ihr es schon gehört?», fragte Peter Wasescha. «Gerardo Mazzotta ist letzte Nacht verstorben.»

«Was du nicht sagst!» Viktor Jörimann war überrascht. «Er war doch nicht krank? Erst letzte Woche habe ich ihn im Altersheim besucht, da schien er wohlauf zu sein.»

«Eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht, heisst es», berichtete Wasescha. «Er war dreiundsiebzig.»

«Mancher in seinem Zustand wäre froh, einen so schmerzlosen Abgang machen zu können. Er war dement, redete wirres Zeug und kannte die Leute um ihn herum kaum mehr.» Jörimann hob die Kaffeetasse zum Mund.

«Mich hat er immer gekannt», widersprach Eduard Demont. «Jedes Mal, wenn ich dort war, sprach er davon, wie er damals den Bagger aus dem Rhein ziehen musste, als bei den Arbeiten an der Brücke der Untergrund nachgab.»

«Das ist bald fünfzig Jahre her, an diese Zeit erinnerte er sich besser als an die jüngere Vergangenheit», sagte Wasescha. «Das war vielleicht besser so. Vermutlich hat er den Tod seines Sohnes einfach vergessen, was zweifellos eine Gnade für ihn war. Wie lange ist das her?»

«Etwa zwanzig Jahre, denke ich. Das war ein harter Schlag, und die Jahre davor waren auch nicht einfach für die Familie.»

«2002 ist er gestorben», präzisierte Demont. «Er wurde vierundzwanzig und war zwei Jahre älter als mein Ältester. Sechs, sieben Jahre lang hing er an der Nadel. Gerardo und seine Frau gingen in dieser Zeit durch die Hölle.»

«Die Ehe hat seinen Tod jedenfalls nicht überstanden. Sie liessen sich danach fast sofort scheiden.»

«Genau, ich erinnere mich», warf Jörimann ein. «Es wurde gespottet, sie seien vom Friedhof direkt aufs Gericht gegangen, aber so schnell ging es wohl nicht. Kurzum, das Schicksal des Sohns hat seiner Frau den Rest gegeben. Ruth schickte ihn zum Teufel.»

Wasescha nickte. «Ruth hatte es nicht leicht mit ihm. Und die Tochter auch nicht.»

«Silvia heisst sie», sprach Jörimann weiter. «Sie hatte lange Zeit keinen Kontakt mehr zu ihrem Vater, doch irgendwann sprachen sie wieder miteinander. Alle ein, zwei Wochen hat sie ihn im Altersheim besucht.»

«Ja, ich bin ihr hie und da begegnet», erzählte Wasescha. «Sie ist jetzt Mitte vierzig, hat selbst Familie. Eine schöne Frau.»

«Kein Wunder», fand Jörimann. «Mazzotta hat damals die Schönste genommen. Ruth verfiel seinem südländischen Charme, obwohl sie jeden hätte haben können. Erst nach der Hochzeit kam das böse Erwachen.»

Demont musterte ihn neugierig. Hatte auch Jörimann Gefallen gefunden an der schönen Ruth?

Jörimann sprach weiter. «Er hat öfters über den Zaun gefressen. Ein Weiberheld war er in jungen Jahren. Nein, sie hatte es nicht leicht mit ihm.»

«Die Beerdigung wird am Samstag sein, vielleicht erst am Montag», wechselte Wasescha das Thema. «Wir müssen wohl einen Kranz machen lassen, immerhin war er ein Mann der ersten Stunde in unserer Firma.»

Die drei Herren berieten angeregt, ob ein Kranz oder eine Schale angebracht sei, ob es wohl ein Urnengrab oder eine Erdbestattung geben werde und was auf dem Band stehen solle, das am Blumenschmuck anzubringen sei. Sie einigten sich auf einen üppigen Kranz aus frischen Blumen in Rot und Orange und eine Schleife mit der Aufschrift: «In ehrendem Andenken. Gründer der Süsswaren Thusis AG.» Passender wäre «ehem. Geschäftsleitung» gewesen anstelle von «Gründer», aber diesen Text befanden sie als zu lang. «Freunde» schien allen höchst unpassend.

Jörimanns Frau fand den Text allerdings entsetzlich, als ihr Mann davon erzählte. Nach einer zeitraubenden Telefonrunde gaben endlich alle vier ihr Einverständnis zum Text: «Süsswaren Thusis AG, in Gedenken. Deine Kollegen Eduard, Peter, Viktor.»

Julias Gedanken drehten sich nach wie vor um Mazzottas Tod, weniger um die übrigen Bewohner auf ihrer Station. Mechanisch erledigte sie, was zu tun war, ohne wirklich bei der Sache zu sein. In einer ruhigen Minute hatte sie ihre Kollegin von der Nachwache angerufen. Deren Begeisterung hatte sich in Grenzen gehalten, als sie aus dem Schlaf gerissen wurde. Sobald sie jedoch von Mazzottas Tod erfahren hatte, war sie hellwach gewesen. Sie teilte Julias Bedenken und wollte sofort ins Altersheim kommen und selbst mit der Chefin reden.

Ungeduldig schaute Julia auf die Uhr. Hoffentlich liess sie sich nicht zu viel Zeit. Am späteren Nachmittag erwarteten sie Silvia Häberli-Mazzotta, die Tochter des Toten. Julia wünschte sich sehnlich, dass bis zu deren Ankunft das weitere Vorgehen geklärt sein würde.

Ihr Herz machte einen Sprung, als die Vorgesetzte anrief. Sie solle unverzüglich in ihr Büro kommen. Dort traf sie nicht nur ihre Chefin an, sondern auch die Nachtwache.

«Deine Kollegin von der Nachtschicht ist ebenso wie du der Ansicht, Mazzotta könne sein Stofftier nicht selbst so in den Arm genommen haben, wie es bei seinem Auffinden der Fall war», begann die Stationsleiterin umständlich. Sie bemühte sich erfolglos, ihren Unmut zu verbergen.

Die Kollegin nickte bestätigend.

«Sie hat ihm am Abend eine gute Nacht gewünscht, da hatte er, wie sie sagt, den Ellbogen auf den Rücken des Hasen gebettet, und der Kopf mit den Kulleraugen war zu seinen Füssen gerichtet», fuhr die Chefin fort. «Nach diesem Besuch hat niemand aus dem Pflegedienst sein Zimmer betreten, bis du, Julia, ihn heute Morgen gefunden hast.»

Julia hörte regungslos zu und war gespannt, was folgen sollte.

«Ich denke nach wie vor, dass der Verstorbene den Hasen im Schlaf selbst umgebettet hat, auch wenn ihr beide der Ansicht seid, er sei dazu nicht in der Lage gewesen.» Der Vorwurf war nicht zu überhören. «Es ist zu befürchten, dass die Tochter des Verstorbenen, Silvia Häberli-Mazzotta, ebenfalls ein Theater veranstalten wird, wenn sie ihren Vater sieht. Sie wusste, dass er den Hasen immer so platziert haben wollte, dass er ihn nicht anschauen musste. Sie hat sich darüber amüsiert, wie er jeweils wetterte, er habe lieber den Hintern des Hasen im Gesicht, il culo, als in diese dämlichen Knopfaugen blicken zu müssen.»

Ihre beiden Angestellten nickten einträchtig.

Die Vorgesetzte war noch nicht fertig: «Der Arzt kann eine unnatürliche Todesursache nicht ausschliessen, obwohl alles nach friedlichem Einschlafen aussieht. Frau Häberli könnte darauf beharren, dass die Umstände restlos geklärt werden. Das wäre ein Desaster für das Altersheim, egal, ob dabei etwas herauskäme oder nicht. Deshalb ist es wohl gescheiter, wenn wir die Polizei selbst einschalten.»

Yes!, jubelte Julia innerlich. Sie liess sich nichts anmerken, sondern nickte nur. Als sie endlich zu ihrer Arbeit zurückkehren konnte, waren ihre Schritte leicht, was auch Rösli Sjögren nicht entging, die mit ihrem Rätselheft in der Sitzecke sass.

«Jetzt gefallen Sie mir schon besser als heute Morgen, Julia», sagte sie zur Pflegerin. «Haben Sie sich vom Auffinden des verstorbenen Mazzotta erholt?»

Julia lächelte sie an. «Seine Tochter sollte jeden Augenblick kommen. Kennen Sie sie?», fragte sie Rösli.

«Ich habe sie hie und da gesehen, als sie zu Besuch kam. Schön wie ihre Mutter, mit den dunklen Augen ihres Vaters.» Rösli überlegte weiter. «Jetzt wird sie seine Beerdigung organisieren müssen. Ob sie ihn wohl kremieren lässt? Dann wird es ein paar Tage länger dauern bis zur Beisetzung.»

«Das wird es so oder so.» Julia hätte sich die Zunge abbeissen können. Warum war ihr das herausgerutscht? Sie fluchte innerlich.

Rösli bestätigte ihre Befürchtungen postwendend. «Ach? Und weshalb dauert es länger?»

Die Pflegerin wand sich, aber sich gegen die hartnäckige Bewohnerin behaupten zu wollen, war ein aussichtsloses Unterfangen. Als sie sich endlich losreissen konnte, wusste Rösli, dass Mazzottas Tod von der Polizei untersucht würde. Rösli gab sich nur wenig Mühe zu verbergen, dass sie sich über diese Wendung freute. Was für ein Skandal! Die nächsten Tage versprachen gute Unterhaltung im Altersheim.

2

Am nächsten Morgen stieg Walter Buess umständlich aus dem Wagen. Zuerst schob er das verletzte linke Bein zur Tür hinaus, dann stellte er die Krücken daneben, zuletzt hievte er seinen Körper in die Senkrechte. Hatte er das endlich geschafft, war ihm bereits ein ordentliches Repertoire an Verwünschungen durch den Kopf gegangen. Er fluchte, weil er an jenem Frühlingstag geglaubt hatte, etwas Sport würde ihm nicht schaden. Weil er sich ausgerechnet fürs Velofahren entschieden hatte. Weil er den Frostschaden im Strassenbelag zu spät gesehen hatte und gestürzt war. Weil die schmerzhaften Prellungen nicht alles waren, sondern sein linkes Knie beschädigt war, und zwar so schlimm, dass eine Operation nötig und er drei Monate krankgeschrieben war.

Er weigerte sich, das Positive an der Sache zu sehen: Der Arzt erlaubte ihm mittlerweile, drei Stunden pro Tag im Büro zu arbeiten und mit einem Auto mit Automatik zu fahren, und die Kantonspolizei stellte ihm sogar ein solches zur Verfügung. Stattdessen schimpfte er, weil er nicht einmal fünfzig Prozent arbeiten durfte, weil er zum Innendienst verurteilt war und weil es im Auto keinen CD-Player gab.

Er schreckte zwar bis anhin davor zurück, geistig eine Tirade über seine Frau Sidonia zu ergiessen, viel fehlte dazu indessen nicht mehr. Erstens, weil sie ihm jeweils genau diese positiven Aspekte vorhielt. Zweitens, weil sie nicht allzu zimperlich mit ihm umging und, ihrer Natur entsprechend, kein grosses Trara um seine Verletzung machte. Hätte sie das getan, hätte er sich freilich darüber geärgert, aber ein wenig Trost hätte es allemal bedeutet. Drittens war er für alles und jedes auf die Hilfe seiner Frau angewiesen, was sein Stimmungsbarometer tief sinken liess. Sidonia konnte er mit seinem Gejammer nicht aus der Ruhe bringen, was ihn erst recht auf die Palme brachte. Ebenso wenig hielt sie ihm vor, dass sie wegen seines dummen Unfalls ihren Aufbruch nach Moldawien hatte verschieben müssen, wohin sie ein-, zweimal pro Jahr für ein paar Wochen verreiste, um ein Hilfsprojekt zu betreuen. Dadurch fühlte er sich in ihrer Schuld, womit er schlecht umgehen konnte. Fast wäre ihm lieber gewesen, sie hätte sich beklagt, dann hätte er sie zurechtweisen können.

Inzwischen war er beim Haupteingang angekommen, wo er dem Architekten die Pest wünschte, weil dieser keine automatische Tür eingeplant, sowie dem Kanton Graubünden im Allgemeinen, weil dieser die Finanzen dazu nicht bereitgestellt hatte. Dass derselbe Architekt einen behindertengerechten Empfangsschalter eingebaut und derselbe Kanton diesen bezahlt hatte, wusste er nicht zu schätzen. Er humpelte in sein Büro, wo er sich, keuchend wie ein Brauereipferd, in den Stuhl hinter seinem Schreibtisch fallen liess.

«Guten Morgen, Walter!», begrüsste ihn seine Bürokollegin Meta Schäfer. «Soll ich dir einen Kaffee holen?»

Diese Frage brachte ihn erneut in Rage, weil ihm der Atem fehlte, um sofort zu antworten, was Meta nicht entging. Und jetzt lachte ihn diese Hexe auch noch aus. «Ja!», japste er endlich. Für ein «gerne» reichte sein Schnauf nicht.

Als sie mit zwei dampfenden Bechern zurückkehrte, hatte sich sein Puls beruhigt. «Was läuft heute?», fragte er zwischen zwei Schlucken.

«In zehn Minuten haben wir Besprechung mit der -kova. Es geht um den Fall Mazzotta.»

Buess verdrehte die Augen. Lieber hätte er sich mit Meta allein darüber unterhalten. War die Staatsanwältin dabei, verlief die Sitzung förmlich, und alle waren zurückhaltend mit ihren Vermutungen.

Meta Schäfer zauderte etwas, bevor sie mit der heiklen Nachricht herausrückte. «Bis jetzt steht nicht fest, ob er wirklich ermordet wurde. Das zeigt sich erst bei der medizinischen Untersuchung des Leichnams. Vorerst wird er als ungeklärter Todesfall eingestuft, das heisst, wir beginnen zu ermitteln», berichtete sie. «Und dafür will sie mir einen zusätzlichen Polizisten zur Seite stellen. Da du nicht voll einsatzfähig bist, findet sie, es brauche eine weitere Person, um den Fall zu bearbeiten.»

Buess’ Puls stieg in Lichtgeschwindigkeit auf das nächste Hoch. «Was erlaubt sich diese …», rief er händeringend. «Glaubt sie, wir schaffen das nicht? Was meint die hochnäsige, eingebildete …»

«Wenn du möchtest, dass sie hierherkommt, rufst du sie besser an, anstatt herumzubrüllen, dass man dich bis auf die Strasse hört», warf Meta trocken ein. «Jetzt warten wir erst einmal ab, was sie zu sagen hat. Dann sehen wir weiter.»

Eine halbe Stunde später wussten sie, was die Staatsanwältin vorhatte. Meta Schäfers Herzschlag hatte sich jenem von Buess angeglichen, sie kochte vor Wut. «Ich sage es dir nochmals klipp und klar», sagte sie. «Mit Domenig werde ich nicht zusammenarbeiten!»

«Ich mache es ein für alle Mal deutlich: Deine persönlichen Sympathien und Antipathien stehen hier nicht zur Diskussion!», erwiderte Svetlana -kova. «Du musst in der Lage sein, die Sache über deine persönlichen Empfindungen zu stellen.»

Meta verschlug es die Sprache. Die Staatsanwältin unterstellte ihr mangelnde Teamfähigkeit? Ihr?

Buess griff ein. «Das ist nicht fair, Svetlana. Meta hat dir dargelegt, warum sie nicht mit Domenig zusammenarbeiten kann. Ich denke, du solltest ernst nehmen, was sie gesagt hat.»

«Dass Domenig ein Keule schwingender Steinzeitmensch ist, meinst du?», fragte Svetlana ironisch.

«Das hat sie nicht gesagt, sondern gebrüllt», berichtigte Buess. «Bevor es so weit kam, hat sie dir dargelegt, dass Domenig mit Frauen im Polizeidienst ein Problem zu haben scheint und eine Zusammenarbeit mit ihm bei der Aufklärung des Falls Mazzotta hinderlich ist.»

«Ich habe bei ihm noch nie frauenfeindliche Aussagen oder Handlungen festgestellt», wandte die -kova ein. «Dies im Gegensatz zu manchen anderen, mit denen ihr offenbar problemlos zurechtkommt.»

«Du redest von den lockeren Sprüchen eines Camenisch, Meuli oder Stgier, nehme ich an», mischte sich Meta wieder ein. Als Svetlana nickte, fuhr sie fort: «Das ist etwas anderes. Es ist ihre Art von Humor, ein Spiel. Sie provozieren, um eine Antwort zu erhalten, über die man gemeinsam lachen kann. In Tat und Wahrheit machen sie keinen Unterschied, ob Erfolge oder Misserfolge einem Mann oder einer Frau zuzuschreiben sind.»

Die Staatsanwältin schien alles andere als überzeugt, deshalb setzte Buess hinzu: «Genau so ist es, und es ist allen hier in der Abteilung klar, wie es auch allen klar ist, dass Domenig und Zwahlen ein echtes Problem mit Frauen im Polizeiberuf haben.»

«Das konnte ich bisher nie feststellen», wiederholte Svetlana.

«Natürlich nicht», sagte Buess. «Du stehst auf einer anderen Hierarchiestufe, sie können kaum offen deine Fähigkeiten in Frage stellen. Bei ihren ranggleichen Kolleginnen ist das etwas anderes.»

Die Staatsanwältin erhob sich, um das Fenster zu öffnen, und schaute einen Moment lang den Vögeln im angrenzenden Garten zu. Schliesslich kehrte sie zurück an den Tisch, wo sie stehen blieb. «Ich werde versuchen, Camenisch zu bekommen», sagte sie.

Buess und Meta atmeten hörbar auf. Sie rangen sich sogar zu einem «Danke!» durch, bevor sie das Sitzungszimmer verliessen.

Bis Walter Buess seine Krücken platziert hatte und sich in seinen Bürostuhl sinken liess, war der Kaffee, den Meta auf dem Rückweg im Pausenraum geholt hatte, beinahe kalt. Schweigend schlürften sie die Automatenbrühe.

«Bestimmt bereut sie jetzt, dass sie uns angeboten hat, sie zu duzen», vermutete Buess.

«Das Gespräch wäre wohl ruhiger verlaufen, wenn wir sie siezen würden», stimmte Meta zu. «Was sie jetzt wohl vorhat?»

«Sie wird versuchen, Camenisch zu bekommen, hat sie gesagt.»

«Ja, natürlich», sagte Meta ungeduldig. «Das meine ich nicht. Wird sie etwas unternehmen betreffend Domenig?»

«Kann ich mir nicht vorstellen», überlegte Buess. «Dazu müsste sie sich zu weit aus dem Fenster lehnen. So sicher sitzt sie nicht im Sattel, sie ist jung und noch nicht lange im Amt.»

Meta Schäfer nickte. «Ich frage mich, wie sie sich entwickelt. Wird sie genug Rückgrat haben, um unschöne Dinge anzupacken, oder wird sie sich anpassen, um ihre Karriere nicht zu gefährden?»

Die Frage blieb im Raum stehen, während sie ihren Kaffee tranken.

Dass die Polizei wegen Mazzottas Tod im Altersheim war, hatte sich rasch herumgesprochen. Während auf der Strasse noch gemutmasst wurde, die Polizei sei eingeschaltet worden, weil Mazzottas Besitztümer verschwunden seien, wusste Rösli längst, dass in seinem Zimmer nichts fehlte. Die Polizei war aus einem anderen Grund aufgekreuzt.

Als der Tote abgeholt wurde, war ihr klar, dass er nicht in den Aufbahrungsraum gebracht wurde, sondern in die gerichtsmedizinische Untersuchung. Das blutjunge Huhn befand sich aufgrund der Ereignisse so im Ausnahmezustand, dass es alle Regeln der Diskretion, die in seinem Beruf galten, vergass. Die Pflegerin sah sogar darüber hinweg, dass sie Rösli nicht ausstehen konnte, und erzählte ihr brühwarm, dass der Todesfall von der Polizei untersucht werde, weil der Verdacht auf Fremdeinwirkung bestehe.

«Er wird obduziert!», berichtete das Huhn. «Sie müssen herausfinden, woran er gestorben ist. Das ist gar nicht so einfach. Gewisse Gifte verflüchtigen sich, die lassen sich im Körper nicht nachweisen.»

«Meine Güte, wo haben Sie denn das her?», fragte Rösli. «Aus einem Spionagethriller?» Sie grinste innerlich, als die Pflegerin sich ertappt fühlte. «Glauben Sie, Mazzotta hat hier im Altersheim für die italienische Finanzpolizei spioniert?», setzte sie noch einen drauf.

Das Huhn reagierte eingeschnappt und erinnerte sich endlich wieder an die Antipathie zwischen ihm und der Alten im Lehnstuhl. Mit einer schnippischen Bemerkung zog es von dannen, was Rösli nicht weiter bedauerte. Sie registrierte befriedigt, dass Frau Schwarz, die Plaudertasche vom hintersten Zimmer, die neben ihr in der Sitzecke Platz genommen hatte, eingeschlafen war und sie nicht weiter stören würde. Rösli setzte sich zurecht, nahm ihr Rätselheft zur Hand und spitzte die Ohren. Die Polizisten befanden sich immer noch in Mazzottas Zimmer. Leider hatten sie die Tür geschlossen. Rösli verfluchte die gute Schallisolation des Neubaus, kein Ton drang nach draussen.

Es dauerte zwei Sudokus, bis sich die Tür endlich öffnete. Unter den heraustretenden Polizisten befanden sich einer mit einer Fotoausrüstung und einer mit einem Koffer in jeder Hand. Spurensicherung, vermutete Rösli aufgrund ihrer Kenntnisse aus Fernsehkrimis. Der letzte der Uniformierten verschloss die Tür und spannte ein Klebband darüber.

Sobald sich die Gruppe in ihre Richtung bewegte, bemühte sich Rösli, harmlos in ihr Rätselheft vertieft zu erscheinen und sich gleichzeitig nichts entgehen zu lassen. Als die Gruppe im Lift verschwunden war, liess sie sich die Gesprächsfetzen, die sie aufgeschnappt hatte, nochmals durch den Kopf gehen.

«Das Kissen muss auch in die kriminaltechnische Untersuchung, so könnte es allenfalls gemacht worden sein.»

«Oder mit dem Hasen, ja.»

«Wenn dieser Hase nicht gewesen wäre, hätte wohl niemand Verdacht geschöpft.»

«Ich bin immer noch alles andere als überzeugt, dass der Verdacht begründet ist.»

«Auf den ersten Blick sieht man ihm wirklich nichts an.»

«Wir werden es wissen, sobald sie ihn obduziert haben.»

Ihr schon, dachte Rösli, aber ich nicht. Sie würde sich etwas länger gedulden müssen, bis die Nachricht durchsickern und sich im Altersheim verbreiten würde.

Kurz vor der Mittagspause am nächsten Tag kehrten Meta Schäfer und Camenisch vom Altersheim auf den Polizeiposten zurück. Sogleich berichteten sie Buess, was sie in Erfahrung gebracht hatten.

«Die Todesursache steht noch nicht zweifelsfrei fest», begann Meta. «Vorläufig gehen wir davon aus, dass er getötet wurde.»

«Damit stellt sich uns die Frage: Whodunit?» Camenisch griff nach einem Schokoriegel auf Buess’ Schreibtisch, doch dieser beantwortete seinen fragenden Blick mit einem Kopfschütteln.

«Jemand vom Personal könnte ihn natürlich ohne Probleme umgebracht haben», machte Meta weiter. «Und zwar sowohl jemand, der Nachtschicht hatte, als auch jemand, der am Abend oder in der Nacht unbemerkt ins Heim kam und es nach der Tat wieder verliess. Wir haben bereits mit einigen Angestellten gesprochen. Sie sind oder geben sich völlig ahnungslos, es scheint ihnen nicht bewusst zu sein, dass sie die Gelegenheit zur Tat hatten und verdächtig sind.»

«Befragt ihr sie alle?», erkundigte sich Buess.

«Klar, was denkst du denn?», versetzte Camenisch. «Nach dem Mittagessen legen wir los. Die Angestellten sind aber nicht die einzigen, die die Gelegenheit hatten, ihn zu töten. Der Haupteingang ist jetzt im Sommer abends bis neun Uhr offen, danach wird abgeschlossen. Wer drin ist, kann sich irgendwo verstecken, es gibt genug Möglichkeiten: Sitzungszimmer, Putzräume, Wäscherei, Küche, wird alles nicht benutzt am Abend. Hinein kommt man nicht mehr nach neun, aber hinaus kommt man jederzeit, wenn man sich auskennt, denn im Keller gibt es einen Personaleingang mit Knaufzylinder.»

Buess schaute ihn etwas ratlos an. «Knaufzylinder?»

«Weisst du nicht, was das ist?», fragte Camenisch ungeduldig. «Schiebst du bei dir in Oberurmein einen Stein vor die Höhle? Ein Knaufzylinder! Von aussen braucht man einen Schlüssel, um das Schloss zu öffnen. Von innen muss man nur den Knauf drehen, ohne Schlüssel.»

Buess brummte etwas Unverständliches.

«Es gibt noch eine dritte Möglichkeit», erläuterte Meta. «Der Täter besucht irgendjemanden. Bevor er nach Hause geht, betritt er Mazzottas Zimmer und bringt ihn um. Das dürfte rasch erledigt gewesen sein, eine Sache von ein paar Minuten. Anschliessend bittet er jemanden vom Personal, ihn zum Haupteingang hinauszulassen. Das ist gang und gäbe.»

«Dass einer auf dem Heimweg rasch jemanden umbringt, meinst du?», warf Camenisch ein.

«Dass Besucher nach der Schliessung des Haupteingangs noch im Haus sind und vom Personal hinausgelassen werden», präzisierte Meta unwillig.

«Ach so.» Camenisch grinste. «Jedenfalls müssen wir das ganze Personal befragen. Das ist eine halbe Armee, weil viele Teilzeiterinnen mit kleinem Pensum sind. Gelangweilte Mütter, die nebenbei noch ein paar Stunden etwas tun.»

«Es reicht, Camenisch», wies ihn Buess zurecht. «Nimm dich zusammen und lass die blöden Bemerkungen bleiben.»

Camenisch grinste weiter. «Also, Schäfli, was machen wir beide am Nachmittag?», fragte er Meta.

«Du, rotzfrecher Kindskopf, wirst mir, Mutter dreier erwachsener Söhne, unendlich auf die Nerven fallen.» Sie verzog spöttisch das Gesicht. «Trotzdem werden wir beide miteinander funktionieren, weil du von allen Idioten deiner Art wenigstens der gescheiteste bist.»

Camenisch feixte, Buess lachte.

«Wir beide werden zusammen ins Altersheim gehen und die Angestellten befragen», fuhr Meta fort. «Wir wollen nicht nur herausfinden, ob jemand vom Personal an der Tat beteiligt ist, sondern auch, ob sie am Abend oder in der Nacht einen Besucher bemerkt oder etwas Ungewöhnliches beobachtet haben.»

Camenisch rechnete. «Hundert Angestellte mal eine Viertelstunde macht fünfundzwanzig Stunden macht mehr als drei Tage. Machen wir das wirklich allein?»

«Natürlich nicht», beschwichtigte Meta. «Bloss heute Nachmittag. Wir besorgen uns eine Liste des Personals und teilen sie mit der Unterstützung der Pflegedienstleiterin auf. Jene, die kaum Kontakt zu Mazzotta hatten, weil sie in anderen Abteilungen tätig sind, überlassen wir Domenig und Stgier, sie stehen uns morgen zur Verfügung.»

«Zählst du diese beiden auch zu den Idioten?», fragte Camenisch interessiert.

Meta Schäfer fand die Frage keiner Antwort würdig.

«Ausserdem müsst ihr versuchen herauszufinden, warum Mazzotta ermordet wurde», grübelte Buess. «Was mag das Motiv sein?»

«Geld?», fragte Meta. «Hatte er etwas Wertvolles im Zimmer? Gibt es etwas zu erben?»

«Macht?», nahm Buess den Faden auf. «Stand er jemandem im Weg, der vorwärtskommen wollte?»

«Rache?», ergänzte Camenisch. «Hat er in seinen besseren Jahren etwas gemacht, was sich jetzt so auswirkt, dass jemandem der Kragen geplatzt ist?»

«Mitleid?» Wieder Meta. «Wollte ihn jemand vom Personal von irgendwelchen Leiden erlösen?»

«Lust am Töten?», warf Buess ein. «Wollte jemand ausprobieren, wie es ist, einem anderen das Leben zu nehmen?»

«Unsere Ideen werden immer abwegiger, aber man weiss ja nie.» Meta Schäfer packte ihre Sachen zusammen. «Wir sehen uns nach dem Essen!»

Buess schnitt eine Grimasse und wünschte den beiden zähneknirschend einen erfolgreichen Nachmittag. Mit der Miene eines kleinen Jungen, der nicht mitspielen darf, stemmte er sich aus dem Stuhl, um sich auf den beschwerlichen Heimweg zu machen.

3

Am darauffolgenden Montag, sechs Tage nach dem Auffinden des Leichnams, fand die Abdankungsfeier für den verstorbenen Gerardo Mazzotta statt. Wie es in der Todesanzeige hiess, würde die Urne später im engsten Familienkreis beigesetzt.

Dem Brauch folgend, nahmen an der Trauerfeier nicht nur die Verwandten und engen Freunde des Verstorbenen teil, sondern auch entferntere Bekannte, ehemalige Geschäftspartner, Kameraden aus Sport- und Freizeitaktivitäten in früheren Lebensjahren und viele weitere, die in irgendeiner Beziehung zu ihm standen. Zu dieser stattlichen Anzahl gesellten sich die Freunde und Bekannten seiner Tochter Silvia, die in der Region zu Hause waren, und einige wenige Verwandte seiner geschiedenen Frau.

Riccardo Tataranni war einer dieser mehreren hundert Personen, die sich in der katholischen Kirche in Thusis einfanden. Er verzichtete auf das anschliessende Leichenmahl und besuchte stattdessen seine Mutter Lucilla.

«Warum warst du nicht an der Beerdigung?», fragte er. «Du hast Mazzotta doch auch gekannt.»

Das von Falten durchzogene Gesicht seiner Mutter nahm einen verächtlichen Ausdruck an. «Oh ja, ich habe ihn gekannt. Aber ich habe seit dreiundvierzig Jahren nicht mehr mit ihm gesprochen.»

Riccardo musterte seine Mutter neugierig. «Weshalb nicht?»

«Er war es nicht wert.» Als ihr Sohn sie weiter fragend betrachtete, setzte sie hinzu: «Er war ein böser Mensch.» Sie verschränkte die Arme und signalisierte, dass es nichts weiter zu sagen gebe.

Was ihren Sohn keineswegs entmutigte. «Mamma, nun sag schon!», forderte er sie auf. «Warum wart ihr verfeindet? Hat er einst papà beim Bocciaspielen betrogen? Oder hat er gesagt, dein Sugo sei nicht gut?»

Wider Erwarten reagierte Lucilla weder mit ihrem unvergleichlichen Lachen noch drohte sie ihm halb ärgerlich, halb amüsiert, ihm die Ohren lang zu ziehen. Vielmehr blieb sie regungslos sitzen, was Riccardo erheblich irritierte.

Er wurde nachdenklich. «Es ist etwas Ernstes passiert zwischen dir und Mazzotta, habe ich recht?», fragte er nach einer Weile. «Worum ging es?»

«Er war ein böser Mensch», wiederholte seine Mutter. «Mehr habe ich nicht zu sagen.»

«Mamma!», rief Riccardo. «Wir sind hier weder in Süditalien, noch bin ich ein kleiner Junge. Jetzt erzähl schon!»

Seine Mutter liess sich nicht erweichen, sie schwieg weiter. Schliesslich stand sie auf, um die Kaffeetassen aufzufüllen, und erkundigte sich in heiterem Tonfall nach ihren Enkelkindern. Riccardo kapitulierte. Er erzählte ihr bereitwillig von den Kapriolen seiner beiden Sprösslinge im Teenageralter.

Erst als er im Auto sass und nach Hause zu seiner Familie fuhr, kam er erneut ins Grübeln. Während der halben Stunde Fahrt versuchte er, sich Begegnungen seiner Eltern mit Gerardo Mazzotta ins Gedächtnis zu rufen. Erfolglos. Stattdessen suchten einzelne Bilder aus seiner Kindheit ihren Weg in sein Bewusstsein: Wie seine Mutter mit ihm die Strassenseite wechselte, wenn ihnen Mazzotta auf dem Trottoir entgegenkam. Wie sie ihn in einen Hauseingang zog, wenn Mazzotta draussen vorbeiging. An die Reaktion seines Vaters, als seine jüngere Schwester ahnungslos erzählte, Mazzotta habe einen hübschen Sohn, und tanzen könne er auch; nie zuvor hatte er seinen sanftmütigen Vater so zornig gesehen. Er und Luisa mieden es fortan, Mazzotta oder seine Familie daheim zu erwähnen. Luisa traf mit ihrer Clique weiterhin gelegentlich auf Robert Mazzotta und seine Freunde, wenn sie dieselben Lokale oder Anlässe besuchten, doch es blieb bei der einseitigen Schwärmerei. Robert nahm kaum Notiz von der unscheinbaren Luisa, und immer häufiger bewegte er sich in anderen Kreisen. Leider. Sie konnten beobachten, wie er tiefer und tiefer im Drogensumpf versank, den Halt vollends verlor und schliesslich an einer Überdosis Heroin starb.

Riccardo hatte wenig Hoffnung, seine Mutter zum Reden zu bringen. Wie viel einfacher wäre es bei seinem Vater gewesen! Dessen Widerstandskraft wäre rasch geschwunden, wenn er Riccardos hartnäckigen Fragen ausgesetzt gewesen wäre. Doch sein Vater Angelo war seit sechs Jahren tot.

Das Leichenmahl neigte sich dem Ende zu. Silvia Häberli-Mazzotta hatte keine Ahnung, wie viele Beileidsbekundungen sie entgegengenommen, wie viele Hände sie an diesem Tag geschüttelt hatte; bestimmt waren es Hunderte. Sie lächelte den ehemaligen Buchhalter des ehemaligen Arbeitgebers ihres Vaters freundlich an und lauschte geduldig seinen Erzählungen aus längst vergangener Zeit. Während der ältere Herr ihre Hand nicht mehr loslassen wollte, schweiften ihre Gedanken ab.

Das Essen war verlaufen wie immer. Waren die Gespräche zu Beginn noch verhalten, die Stimmung gedrückt gewesen, hatte sich die Anspannung zusehends gelockert. Als die Platten mit Fleisch und Käse aufgetragen und die Weingläser gefüllt wurden, waren bereits die ersten Lacher zu hören. Die Gespräche drehten sich bald nicht mehr um den Verstorbenen. Vielmehr entwickelte sich das Trauermahl zum Familientreffen, zur Klassenzusammenkunft, zum Geschäftsessen.

Sie stimmte ihrem Gesprächspartner zu, als dieser eine Reaktion von ihr erwartete, ohne dass sie gewusst hätte, wovon er sprach. Noch immer hielt er ihre Hand. Erst, als sich ein paar leitende Angestellte der Süsswaren Thusis AG näherten, kam er zu einem Ende und entfernte sich Richtung Ausgang.

«Er war ein guter Mann», sagte einer der Kaderleute.

Heuchler, dachte Silvia, und nickte lächelnd.

«Er hat viel für die Firma getan. Ohne ihn wären wir nie so erfolgreich geworden», bemerkte ein anderer.

Das mochte zwar übertrieben sein, aber nicht falsch, dachte Silvia, und nickte lächelnd.

«Er hatte einen guten Riecher und ein einnehmendes Wesen. Er wusste, wie er Geschäftspartner gewinnen konnte», ergänzte ein dritter.

Meint er jetzt Geschäftspartner oder Frauen?, dachte Silvia, und nickte lächelnd.

Jetzt machte sich die Gruppe der alten Italienerinnen und Italiener zum Aufbruch bereit. Die Frauen trugen Schwarz von Kopf bis Fuss, während die Männer die Kleidersitten teils etwas lockerer nahmen. Silvia kannte die allermeisten der Landsleute ihres Vaters, die seit einem halben Jahrhundert hier lebten. Manch einer war nicht besonders gut auf ihren Vater zu sprechen, der eine oder andere hegte einen Groll gegen ihn wegen Zwistigkeiten, die Dutzende Jahre zurücklagen. Trotzdem waren sie zur Abdankung erschienen. Silvia fragte sich, warum. Aus Neugierde? Weil es sich gehörte? Um ihm ein letztes Mal eins auszuwischen, indem sie auf seine Kosten assen und tranken? Oder war es ihnen wirklich wichtig, ihm die letzte Ehre zu erweisen und die Konflikte im Angesicht des Todes ebenfalls zu Grabe zu tragen? Silvia wusste es nicht, und vermutlich waren die Beweggründe nicht bei allen die gleichen. Oder doch? Vielleicht waren bei allen sämtliche dieser Beweggründe vorhanden, wenn auch mit unterschiedlicher Gewichtung.

Drei Tische waren noch besetzt, und niemand machte Anstalten, nach Hause zu gehen. Silvia setzte sich zu ihren Freundinnen aus Jugendtagen. Zum Glück waren diese taktvoll genug, sie nicht auf die sonderbaren Todesumstände ihres Vaters anzusprechen. Lieber lauschte sie den Erzählungen über Ex- und Ehepartner, Kinder, Karrieren und erste Anzeichen von Wechseljahren.

Julia fühlte sich in ihre Kindheit zurückversetzt. Ihr Freund Joe führte sich auf wie einer der fünf Freunde, deren Bücher sie vor fünfzehn Jahren verschlungen hatte.

«Bestimmt war der, der ihn umgebracht hat, an der Trauerfeier. Eine dunkle Gestalt in der hintersten Reihe … die als letzte kam und als erste davonhuschte …» Joe riss theatralisch die Augen auf.

«Natürlich war er in der Kirche», bestätigte Julia. «Er war einer der fünfhundert Trauergäste, sass mittendrin und benahm sich so wie alle anderen auch.»

«War die Polizei auch an der Abdankung?», fragte Joe. «Im Film machen sie das.»

«Hör auf mit deinen Pseudokenntnissen aus dem Fernsehen!», wies ihn Julia zurecht. «Walter Buess von der Kantonspolizei war in der Kirche, ihn habe ich gesehen. Er sass neben Emanuele Santacaterina, und dieser kam wie Mazzotta vor bald fünfzig Jahren in die Schweiz.»

«Um 1970 herum, ja. Damals brauchte man Bauarbeiter für die Staumauern und Autobahnen, sie kamen zu Tausenden aus dem Süden Italiens.»

«Auf jeden Fall war Buess privat dort, nicht als Polizist», überlegte Julia.

«Stimmt», bestätigte Joe. «Vom lokalen Gewerbeverband waren gewiss auch zahlreiche Leute vertreten, nicht wahr? Lauter bekannte Geschäftsmänner.»

«Und -frauen», ergänzte Julia. Die Gleichstellung der Geschlechter war ihr wichtig, Joe war ihre Korrekturen gewohnt.

Diesmal widersprach er allerdings. «Geschäftsfrauen gibt es nur sehr wenige, die Gewerbler sind überwiegend Männer.» Er zuckte bedauernd die Schultern.

«Das ganze Kader der Süsswaren Thusis AG sass vorne rechts, alle in dunklem Anzug und mit Krawatte», berichtete Julia weiter.

«Ob es wohl jemand aus der Firma war?», fragte Joe.

«Wohl kaum», antwortete sie. «Er war doch seit zehn Jahren pensioniert.»

«Wer weiss? Vielleicht hat er etwas Zwielichtiges getan? Oder er hat etwas erfahren, das nicht für die Öffentlichkeit bestimmt war, und gedroht, es zu verraten?»

«Jetzt geht wieder die Fantasie mit dir durch.» Julia stand auf, um einen Beutel mit Karotten aus dem Kühlschrank zu holen, den sie vor Joe auf den Tisch legte. Er seufzte, als sie ihm wortlos einen Schäler reichte. «Mazzotta hatte zwar noch seine klaren Momente, aber oft war er verwirrt. Er konnte sich manchmal gut an Ereignisse aus der Vergangenheit erinnern, und auch manches, was mit seiner Tochter Silvia zu tun hatte, konnte er einigermassen erfassen. Er wäre aber ausserstande gewesen, Geschäftsgeheimnisse als solche zu erkennen und anzudrohen, sie zu verraten. Sein Verstand war nicht mehr in der Lage, Zusammenhänge zu begreifen oder Konsequenzen zu sehen, soviel steht fest.»

«Sein Vermögen erbt wohl Silvia.» Joes Überlegungen gingen in eine neue Richtung. «Braucht sie Geld?»

«Das Vermögen dürfte nach zwei Jahren Altersheim geschrumpft sein», meinte Julia, als sie im Kühlschrank weitere Zutaten fürs Abendessen zusammensuchte.

Joe schaute sie triumphierend an. «Da haben wir das Motiv!», jubelte er. «Sie sah ihr Erbe dahinschmelzen. Lieber ein vorzeitiges Ende als alles Geld dem Altersheim in den Rachen zu werfen! Man sagt, Vater und Tochter hätten jahrelang keinen Kontakt miteinander gehabt.»

«Das mag sein. Aber seit er im Altersheim war, hat sie ihn mindestens alle vierzehn Tage besucht. Das ist weit mehr als bei manch anderen unserer Bewohnerinnen und Bewohner.»

«Vielleicht eher aus Pflichtbewusstsein als aus Liebe», stellte Joe nüchtern fest. «Vielleicht wollte sie prüfen, ob er bald von selbst starb oder ob sie nachhelfen sollte!»

Julia schüttelte den Kopf. Sie leerte etwas Öl in die Pfanne, bevor sie antwortete. «Er war ein gewiefter Geschäftsmann. Vermutlich hat er seine Besitztümer rechtzeitig so angelegt, dass sie nicht alle für den Aufenthalt im Heim draufgingen.»

«Vielleicht hatte er ein weiteres Kind, von dem niemand wusste!» Joe war von seinem neuen Einfall so begeistert, dass er nicht reklamierte, als Julia ihm zwei Zwiebeln reichte. «Solche Sachen kommen heutzutage ans Licht, wenn jemand stirbt. Die Behörden prüfen, ob weitere Erben vorhanden sind, bevor sie die Vermögenswerte freigeben. Das weiss ich von einem Kollegen, der nach dem Tod seiner Grossmutter plötzlich einen Onkel bekam, von dem in der Familie niemand etwas geahnt hatte. Dieses Kind würde seinen Pflichtteil erhalten.»

Julia hielt inne und betrachtete ihn nachdenklich. «Das wäre tatsächlich denkbar. Er habe früher ordentlich herumgeweibert, heisst es.»

Joe nickte selbstgefällig. Dann verdüsterte sich seine Miene. «Gibt’s kein Fleisch?», fragte er.

Julia reichte ihm eine Packung mit zwei Steaks und eine Dose mit Fleischwürze.

Viktor Jörimann reagierte am späteren Abend ungehalten über die Störung durch seine Frau Ursina. Hatte sie nach über vierzig Ehejahren immer noch nicht begriffen, dass er, wenn er in seinem Arbeitszimmer war, nur gestört werden wollte, wenn ein Staudamm brach? Seit einem Informationsanlass der Kraftwerke vor vielen Jahren war ihm bekannt, dass sein Haus an der Neudorfstrasse in Thusis überflutet würde, wenn eine der Staumauern am jungen Hinterrhein oder an einem seiner Zuflüsse bersten würde. Damals hatte er sich vorgenommen, nach seiner Familie als Erstes seine Sammlung an Büchern, Bildern und Dokumenten zur Verkehrsgeschichte der Viamala zu retten. Einen Grossteil seiner Freizeit hatte er damit verbracht, sich ein enormes Wissen über Säumer und Söldner, Vögte und Geistliche, Dichter und Maler anzueignen, die die Schlucht über die Jahrhunderte durchquert hatten. Ihre Zeugnisse waren ihm mehr wert als alle modernen Reichtümer. Ausgenommen vielleicht sein stattliches Haus, das nach dem Dorfbrand von 1845 gebaut worden war. Nachdem er es Ende der Siebzigerjahre erworben hatte, liess er es fachgerecht und kostspielig restaurieren. Ein langwieriger Prozess. Nach und nach erstrahlten die Parkettböden und Stuckdecken, die Steintreppen und Holzvertäfelungen in neuem Glanz. Auch sein Haus hätte er bei einem Staudammbruch gern gerettet, aber dieses Schmuckstück wäre für immer verloren gewesen. Nun hoffte er, dass ihm die verbleibenden Lebensjahre eine derartige Katastrophe ersparten. Mit weit über siebzig Jahren schien ihm das ein bescheidener Wunsch zu sein. «Was ist?», fragte er seine Frau mürrisch.

«Es ist nichts gestohlen worden in Mazzottas Zimmer», berichtete Ursina. Wie fast alle im Dorf nahm sie regen Anteil an den Gerüchten, die hartnäckig besagten, Mazzotta sei nicht eines natürlichen Todes gestorben.

«Weiss ich», gab er immer noch unfreundlich zurück.

«Aber zu erben gibt es genug», fuhr Ursina fort. «Geht sein ganzes Vermögen an Silvia Häberli-Mazzotta?»

«An wen sonst? An seine geschiedene Frau sicher nicht. An eine wohltätige Institution noch viel weniger.» Jörimann weigerte sich nach wie vor, den Blick vom Bildschirm zu lösen.

«Eben. Ausser Silvia kommt kaum jemand in Frage. Das bedeutet, dass am ehesten sie ihren Vater umgebracht hat.»

«Bist du verrückt?», fuhr er seine Frau an und wandte sich ihr endlich zu.

«Hast du eine bessere Idee?»

«Meine Güte, er hat sich während seiner Geschäftszeit genug Feinde geschaffen. Manch einer hätte ihn lieber tot als lebendig gesehen!»

«Ja, als er noch geschäftlich tätig war, bestimmt. Er hat sich aber vor bald zehn Jahren aus der Firma zurückgezogen.»

«Wer besonders schlimm übers Ohr gehauen worden ist, vergisst das ein Leben lang nicht», beharrte Jörimann. «Gut möglich, dass ihn so einer getötet hat.»

«Aha», meinte Ursina spöttisch. «Du denkst also, ein bald Achtzigjähriger hat den verwirrten Mazzotta im Altersheim besucht, seinen Stock geschwungen und genuschelt: ‹Warte nur, jetzt geb ich’s dir, du Verbrecher!›, und dann hat er ihn mit dem Nachthafen erschlagen?»

«Nachthafen gibt es keine im Altersheim», berichtigte ihr Gatte.

«Dann hat er ihn halt mit dem Kabel der Glocke an seinem Bett erwürgt. Oder seinen Tee vergiftet. Aber warum sollte ihn jemand, den er vor mindestens zehn Jahren betrogen hat, jetzt töten? Mazzotta war zu stark umnachtet, als dass er die Vorwürfe begriffen hätte, die ihm jemand machte.»

«Da könntest du dich irren, er hatte durchaus seine klaren Momente. Und an Begebenheiten, die länger zurücklagen, erinnerte er sich zum Teil gut.» Jörimann wandte sich wieder dem Bildschirm zu, doch Ursina liess nicht locker.

«Das müsste ein überaus verbitterter Besucher gewesen sein. Wenn aber ein jahrelang genährter Hass der Grund für die Tat war, müsste es ein Mord im Affekt gewesen sein, als Reaktion auf irgendetwas, das das Fass zum Überlaufen brachte. In diesem Fall hätte der Mörder aber nicht unbemerkt kommen und wieder verschwinden können.»

«Vielleicht konnte er das gar nicht. Vielleicht wird schon morgen rekonstruiert, wer in Mazzottas Zimmer ein- und ausging, und der Fall wird im Nu gelöst sein», meinte Jörimann abschliessend.

Ursina schnaubte. «Dann glaub weiterhin ans Christkind und widme dich die ganze Nacht Hannibal und seinen Elefanten in der Viamala», sagte sie schnippisch und verliess das Arbeitszimmer ihres Mannes.

«Hannibal hat die Alpen in der Westschweiz überquert, er ging nicht durch die Viamala!», rief ihr Jörimann verärgert nach.

Meta Schäfer hatte ihre Kollegen Buess und Camenisch zunächst über die gerichtsmedizinischen Erkenntnisse unterrichtet, die eindeutig aussagten, dass Mazzotta zwischen zweiundzwanzig Uhr und Mitternacht mithilfe des Stoffhasen erstickt worden war und dass sie demzufolge ein Tötungsdelikt zu bearbeiten hatten. Danach hatte sie ihnen ausführlich von Erich Eichenberger erzählt. «Ich fasse zusammen», referierte sie zum Schluss. «Das Zivilstandsamt berichtet von einem unehelichen Sohn Mazzottas. Er heisst Erich Eichenberger, wohnt in Davos und wurde bereits von der Behörde darüber informiert, dass er ein rechtmässiger Erbe Mazzottas ist. Camenisch und ich werden mit ihm sprechen.»

Camenisch streckte bestätigend den Daumen in die Luft.

«Weitere rechtmässige Erben gibt es ausser der Tochter Silvia Häberli-Mazzotta nicht. Der Sohn starb ledig und kinderlos.»

«Wusste die Tochter von ihrem Halbbruder?», fragte Walter Buess.

«Das werden wir herausfinden müssen», kam Camenisch seiner Kollegin zuvor. «Falls nicht, wäre das eine tolle Geschichte. Sie denkt, sie erbt Mazzottas Vermögen, und dann heisst es: Irrtum, Frau Häberli-Mazzotta, nur die Hälfte ist für Sie!» Er deutete die Halbierung des Kaffeebechers an, den er in der Hand hielt. «Noch viel blöder, wenn sie ihren Vater umgelegt hat. Sie denkt: Okay, ein Toter hier, viel Geld da, es lohnt sich. Aber jetzt steht sie da mit einem ganzen Toten hier und nur halb so viel Geld da. Blöd. Sehr blöd!»

Buess verdrehte die Augen. «Bleib sachlich, bitte», wies er den jungen Kollegen zurecht, worauf es ihm dieser gleichtat und ebenfalls den Blick zur Decke wandte. «Das Vermögen war jedenfalls beachtlich, hast du gesagt, Meta. Es war zwar in der Tendenz abnehmend, seit er den Altersheimaufenthalt finanzieren musste, aber es hätte noch für Jahrzehnte gereicht. Die Tochter musste nicht um ihr Erbe fürchten.»

«Das nicht», stimmte Meta zu. «Es sei denn, sie brauchte dringend Kapital. Denkbar ist, dass sie jetzt Geld aufbringen musste, ihr Vater es ihr aber verweigerte, und sie ihn deshalb tötete.»

«Dazu werden wir die Kollegen in Basel befragen müssen. Sie wohnt in der Stadt und arbeitet bei einem Zulieferer der Pharmaindustrie», sagte Buess.

«Das ist das Understatement des Tages», bemerkte Camenisch. «Die Firma gehört ihr und einem Geschäftspartner je zur Hälfte, sie ist dort Direktorin und Chefin von achtzig Angestellten.»

«Ist der Geschäftspartner Herr Häberli, ihr Mann?», fragte Buess.

«Nein, der Geschäftspartner ist Wendelin Wagner. Häberli ist vorwiegend Hausmann, immer noch, obschon die Kinder fast erwachsen sind. Ein paar Stunden pro Woche gibt er Musikunterricht. Irgendetwas mit Saiten.»

Buess brummte missbilligend. «Ist das wichtig?»

«Nein, es ist völlig egal», meinte Camenisch versöhnlich. «Der Alte wurde weder mit einer Saite erdrosselt noch mit einer Tuba erschlagen.»

«Die ersten Befragungen im Altersheim sind abgeschlossen», ergriff Meta das Wort. «Beim Pflegepersonal kam nichts heraus, das wirklich richtungsweisend wäre. Die Angestellten stimmen darin überein, dass Mazzotta manchmal klar im Kopf war, manchmal verwirrt. Der Stoffhase, der ihn ums Leben brachte, beschäftigte ihn häufig. Vermutlich, weil er ihn den ganzen Tag um sich hatte und das Stofftier ihn stets an seine Tochter erinnerte. Die beiden haben sich anscheinend erst vor wenigen Jahren versöhnt. Er schien dankbar zu sein, dass sie ihn besuchen kam.» Meta schob sich ein winziges Pfefferminzbonbon in den Mund, das vierte seit Beginn der Besprechung. «Hie und da sprach er von seinem Sohn. Jemand meinte, dann sei er traurig geworden, alle anderen nannten seine Haltung dabei eher ärgerlich oder sogar leicht verächtlich. Weiter sprach er manchmal vom Bau des höchsten Hauses in Thusis. Er nannte es grossspurig Hochhaus.»

«Was ist daran grossspurig?», fragte Camenisch. «Es ist tatsächlich ein Hochhaus.»

«Es hat elf oder zwölf Stockwerke, ein Hochhaus ist das nicht», antwortete Meta.

«Gemäss Definition der Gebäudeversicherung sind Hochhäuser Bauten mit einer Gesamthöhe von mehr als dreissig Metern. Elf Stockwerke plus die Attikawohnung auf dem Dach macht zwölf, mal zweieinhalb Meter Geschosshöhe macht dreissig Meter. Hochhaus.» Camenisch spielte mit einem Faden, der sich am Saum seines Hemds gelöst hatte, und bemerkte zunächst nicht, dass ihn seine beiden Kollegen verblüfft anstarrten. Endlich schaute er auf. «Ist etwas?»

«Warum weisst du das?», fragte Buess.

Camenisch zuckte die Achseln. «Keine Ahnung.»

Meta grinste, dann redete sie weiter. «Wenn er vom Hochhausbau sprach, zeigte er zwar Freude, aber auch Ernst und Besorgnis, dies alles gemäss Aussagen des Personals. Der Bau fand vor vierzig Jahren statt. Wir werden wohl in der Vergangenheit forschen müssen.»

Buess warf dem jüngeren Kollegen einen bösen Blick zu, weil dieser mit dem Finger auf ihn zeigte, als hätte er eine Waffe in der Hand.

«Ausserdem verlor er sich manchmal in Erinnerungen aus jungen Jahren, dann sprach er vom Bocciaspielen, von seinem ersten Auto, vom Angeln oder vom Fussball.» Meta konsultierte ihre Unterlagen. «Dabei war er manchmal gut gelaunt, oft aber verärgert oder aufgewühlt. Eine Pflegerin war sich sicher, dass ihn etwas umtrieb, wenn er von diesen Freizeitaktivitäten sprach. Vielleicht eine Rechnung, die er noch mit jemandem offen hatte. Ein Unrecht, das er erlitten hatte oder aber eines, das er geschehen liess. Die Pflegerin konnte es nicht genauer beschreiben, aber ihre Aussage machte einen wohlüberlegten, fundierten Eindruck.»

«Wir werden selbst mit ihr sprechen», entschied Buess.

«Ja», bestätigte Meta Schäfer, «Camenisch und ich machen das. Du wirst dich um den Bau des Hochhauses kümmern.»

Camenisch grinste abermals und machte eine spöttische Handbewegung in Richtung Buess, die dieser wiederum mit einem bösen Blick quittierte.

4

Auch in der Süsswarenfabrik brodelte die Gerüchteküche. Die Arbeiterinnen und Arbeiter in den Produktions- und Verpackungshallen beteiligten sich am wenigsten daran. Viele von ihnen waren Einwanderer und hatten sich einen deutschen Grundwortschatz aneignen müssen, seit sie hier lebten. Sie verstanden darüber hinaus fabrikspezifische Ausdrücke wie Zucker, süss, Farbe, Gummilöwen, Glukose, Gelatine, verpacken, Ausschuss. Möglicherweise kannten sie ausserdem den Begriff Gummibärchen, weil das die gebräuchlichere Bezeichnung für die zähen Dinger war, die sie herstellten. Die Gründer der Süsswaren Thusis AG hatten sich jedoch vor gut vierzig Jahren entschlossen, auf Löwen anstelle von Bären zu setzen. Als die Fabrik 1977 eingeweiht wurde, versetzten sie mit ihrem Konzept alle in Erstaunen, die Erfindung der Gummilöwen kam einem gelungenen Coup gleich. Rasch zeigte sich, dass der eingeschlagene Weg Erfolg versprach. Die Löwen stellten den Bezug zum Ortswappen von Thusis her, auf welchem ein goldener Löwe auf rotem Grund ein Zepter schwingt; sie hoben sich deutlich von den Bären ab, die die Süssigkeitenauslagen der Läden beherrschten, und sie liessen sich auf mannigfaltige Weise vermarkten. Aufblasbare Löwen, Löwen in Malbüchern, Comic-Löwen, lederne Löwen und Plüschlöwen in allen Farben hatten in den vergangenen Jahrzehnten die Werbekampagnen der Unternehmung dominiert.

Der ungewöhnliche Todesfall war eher in den Büros als in der Produktion ein Thema. Die Angestellten im Versand und im Rechnungswesen, in der Administration und im Personalbüro diskutierten den Skandal ausführlich und mit kaum verhohlenem Genuss. Faktisch verhielten sich die höheren Angestellten genauso. Sie gaben sich zwar den Anschein, betroffen zu sein und dem Toten ein ehrendes Andenken zu bewahren. Doch auch in den oberen Etagen wurde ausgiebig gemutmasst. In der ganzen Firma verbreiteten sich die Gerüchte schneller als die Pollen im Frühling, und ihre Ausstattung war bunter als jeder Blumenstrauss.

Die Firma verfügte über zwei Direktverkaufsstellen. Einer der Läden befand sich im Firmensitz und wurde hauptsächlich von den Mitarbeitenden in der Produktion betreut, weswegen sich zu deren beschränktem deutschen Wortschatz auch Ausdrücke wie «besten Dank», «Ihr Retourgeld» und «einen schönen Tag» gesellten. Er erfreute sich bei der einheimischen Bevölkerung grosser Beliebtheit, weil neben den Werbeartikeln und Süssigkeiten auch verbilligte Ware angeboten wurde, etwa solche mit Farb- oder Formfehlern oder beschädigter Verpackung. Der zweite Laden war in der nahen Autobahnraststätte und das eigentliche Aushängeschild der Firma. Der Standort war ideal, die Artikel geschmackvoll präsentiert, das Publikum zahlreich. Es verstand sich von selbst, dass in dieser Verkaufsstelle nicht die ungelernten Produktionsmitarbeitenden im Einsatz standen, sondern Personal, das höhere Anforderungen erfüllte.

Eduard Demont, einer der Gründer des Unternehmens, verbrachte jede Woche zahlreiche Stunden dort. Er war überzeugt, dass es seine Idee gewesen war, nach der Pensionierung aus lauter Freude an den Süsswaren im Laden tätig zu sein. Er liebte den Kontakt mit Leuten, sprach Italienisch und Englisch, scheute sich nicht vor Arbeitseinsätzen am Wochenende und betrachtete diese Beschäftigung als Ehrenamt. In Tat und Wahrheit war es freilich seine Frau gewesen, die ihn gezielt in diese Richtung gesteuert hatte. Ihr hatte davor gegraut, ihren ruhelosen Ehegatten von einem Tag auf den andern ständig zu Hause zu haben, sich von ihm in Haushaltsangelegenheiten dreinreden zu lassen und womöglich ihre zahlreichen eigenen Aktivitäten einschränken zu müssen. Ihre subtilen Bemühungen hatten Erfolg: Eduard ging in seiner neuen Aufgabe auf und war im Ruhestand so beschäftigt, dass sie sich kaum öfter sahen als zuvor. Da der Laden erst um zehn Uhr öffnete, brauchte er sich morgens nicht zu beeilen mit dem Aufstehen, so dass seine Frau längst unterwegs war, wenn er sich den ersten Kaffee kochte. Am Mittag arbeitete er häufig durch und verpflegte sich am Nachmittag irgendwann im Restaurant der Raststätte. Dadurch entfiel auch das gemeinsame Mittagessen, was sowohl Eduard als auch seiner Frau zupass kam.

Einige Tage nach der Beerdigung suchte die erste Hitzewelle des Sommers die Gegend heim. Demont war froh, dass in der Raststätte immer die gleiche Temperatur herrschte, und die Kundschaft, schweissgebadet vom Gang über den in der Sonne schmelzenden Asphalt, suchte dankbar im Gebäude Zuflucht. In diesem Zustand liessen sich die Gäste gern auf ein Gespräch mit ihm ein, um ihren Aufenthalt etwas in die Länge zu ziehen. Nicht wenige sprachen ihn auf den rätselhaften Tod des Italieners an, über den bereits zahlreiche Journalisten auch überregional berichtet hatten. Bereitwillig gab er Auskunft, zeigte sich betroffen vom Verlust des langjährigen Wegbegleiters, beteiligte sich an Spekulationen über mögliche Mordmotive. Bedauerlicherweise erfuhr er auf diese Weise nichts Neues, da seine Kundinnen und Kunden nicht mehr darüber wussten als er.

Mit einer Ausnahme. Die schlanke Frau mit den blondierten Haaren musste in jungen Jahren eine Schönheit gewesen sein. Sie wäre es wohl auch jetzt noch gewesen, wenn sie nicht deutliche Spuren des Alters aufgewiesen hätte. Demont schätzte sie auf Mitte fünfzig, und aufgrund des leicht aufgedunsenen Gesichts, des ungesunden Teints und der Tränensäcke schloss er auf den Konsum von zu viel Alkohol oder Medikamenten. Verblüfft erfuhr er, dass sie Mazzotta Ende der Achtzigerjahre gekannt hatte.

«Ich habe damals in Chur gearbeitet, und eine meiner Arbeitskolleginnen hatte eine heisse Affäre mit Mazzotta. Sie war einige Jahre älter als ich, verheiratet, zwei Kinder. Als sie Mazzotta traf, erlag sie ihm mit Haut und Haaren. Das Verhältnis dauerte vielleicht ein, zwei Jahre. Als sie sich trennten, wusste sie noch nicht, dass sie wieder schwanger war. Ebenso wenig wusste sie in der Folge, wer der Vater des Kindes war. Ihr Mann stellte sich die Frage nicht. Entweder ahnte er wirklich nichts von der Beziehung, oder er wollte sie nicht wahrhaben. Wie auch immer, der Bub wuchs als sein Sohn auf.»

«Hat das kein Gerede gegeben?», fragte Demont ungläubig.

«Doch, natürlich. Es wurde viel geschwatzt und gespottet. Die Leute im Quartier spekulierten über Jahre, wem der Junge wohl glich.»

«Das Kind ist längst erwachsen», überlegte Demont. «Ob es wohl selbst nie Fragen gestellt hat?»

«Keine Ahnung», antwortete die Frau. «Ich bin aus Chur weggezogen, als der Junge noch nicht einmal in den Kindergarten ging. Danach habe ich die Familie aus den Augen verloren.»

Leicht belustigt betrachtete Rösli Sjögren ihren ältesten Urenkel. Der Junge wurde bald vierzehn und zeigte alle Anzeichen der Pubertät: aufgeschossen wie Unkraut und picklig wie ein Fliegenpilz. Waren Röslis Söhne in diesem Alter dünn gewesen wie Spargeln, glich Simon eher einer der Palmen, die manchmal in Cocktails und Coupes stecken: Dünn wie ein Zahnstocher und zuoberst eine überdimensionale Frisur. Sein dichtes, rötlichbraunes Haar wuchs in alle Richtungen und verdeckte sein Gesicht zu drei Vierteln. Das war ein Vorteil, überlegte Rösli, weil so nur ein Viertel der Akne zu sehen war, aber ein Nachteil, weil das Haar schon kurz nach dem Waschen wieder aussah wie ein Wischmopp bei McDonald’s.

Der Gegensatz zu seinen beiden rosaroten Halbschwestern hätte nicht grösser sein können. Die Mädchen waren erst zwei und vier Jahre alt, adrett frisiert, süss angezogen und von Kopf bis Fuss herzig anzusehen. Auch ihr Benehmen liess keine Wünsche offen, und ihre Mutter Fabienne versuchte nicht, ihren Stolz zu verbergen.

Simon beschäftigte sich sehr bald mit seinem Smartphone und die Mädchen mit ihren Spielsachen, so dass die Enkelin annahm, ungestört über ihren Nachwuchs sprechen zu können. Rösli glaubte förmlich zu sehen, wie sich Simons Ohren spitzten, als sich seine Mutter über die Unordnung in seinem Zimmer beklagte.

«Jeden Tag streiten wir deswegen. Er ist Teil unseres Haushalts, er muss sich an die Regeln halten. Ich kann doch nicht zulassen, dass es bei ihm aussieht wie auf einer Müllhalde!», ereiferte sie sich.

«So übel wird es nicht sein», versuchte Rösli zu beschwichtigen.

«Oh doch, du machst dir keine Vorstellungen! Manchmal kann ich kaum durchs Zimmer gehen, um das Fenster zu öffnen oder das Bett zu machen, so viel Unrat liegt herum.»

«Lass ihn doch sein Bett selbst machen», riet Rösli, «dann wird er irgendwann schon aufräumen.»

«Das geht nicht, dann macht er sein Bett überhaupt nicht!»

«Wäre das schlimm?» Rösli unterdrückte ein Grinsen. Simon auch.

«Ja!», rief Fabienne. «So ein Chaos hast du noch nie gesehen, es ist untragbar!»

Rösli wurde ernst. «Jugendliche benehmen sich ein paar Jahre lang wie Ausserirdische, das stimmt, aber danach normalisiert sich die Lage. In diesen Jahren kannst du täglich mit ihnen streiten, oder du kannst sie machen lassen und dich nicht darüber ärgern. Das Resultat ist dasselbe, das Streiten nützt nichts und schadet nichts. Nur dein eigenes Wohlbefinden ist ein anderes.»

«So einfach ist das nicht», meinte die Enkelin. «Ich möchte doch nicht, dass er schief angesehen wird, wenn er so schmuddelig daherkommt.»

«Du machst dir Gedanken, was die Leute denken?», staunte Rösli. «Ich glaube mich zu erinnern, dass du in deinen wilden Jahren lila Haare hattest, ausschliesslich schwarz angezogen und von zweihundert Ringen durchlöchert warst!» Sie zögerte kurz, bevor sie hinzufügte: «Und dass du mit zwanzig meinen Lieblingsurenkel zur Welt gebracht hast.» Jetzt grinste Simon tatsächlich.

Fabienne ersparte sich eine Antwort und wandte sich dankbar ihren Töchtern zu, die allmählich genug bekamen von den Spielsachen. Rösli machte den Dreien einen Ausflug in den grossen Garten des Altersheims schmackhaft, wo es auch allerlei Tiere zu bestaunen gab, und scheuchte sie aus dem Zimmer. Simon hielt sie zurück mit der Bitte, ihr etwas auf ihrem iPad zu erklären.

«So!», sagte Rösli erleichtert, als sich die Türe hinter Mutter und Töchtern geschlossen hatte, und deutete auf das Gerät auf dem Tisch. «Bitte hol das Ding hierher und setz dich zu mir!»

Simon kam ihrer Aufforderung eifrig nach, gar nicht in der typisch schleppenden Art der Teenager. «Was möchtest du wissen, Basatta?» Wie immer freute sich Rösli über die rätoromanische Anrede, die ihr entschieden freundlicher schien als das deutsche Urgrossmutter, das sie stets an Fossilien und Dinosaurier denken liess.

«Ich möchte alles wissen über Gerardo Mazzotta», verkündete Rösli feierlich.

Ihr Urenkel schaute sie verständnislos an: «Über wen?»

Rösli seufzte. Gegen alle Wahrscheinlichkeit gab es im Umkreis von fünfzig Kilometern einen Menschen, der nichts vom rätselhaften Todesfall im Altersheim gehört hatte, und genau dieser sass ihr gegenüber. Sie erläuterte Simon, worum es ging, und wie erwartet war dieser begeistert. Sofort begann er zu tippen, als spiele er ein Allegro furioso, und lieferte Rösli postwendend erste Erkenntnisse, allerdings nichts, was ihr nicht schon bekannt gewesen wäre. Woran sich in den folgenden zwanzig Minuten nichts änderte. Rösli sah ein, dass Google womöglich allwissend war, sein Wissen aber nicht so leicht preisgab. Sie besass ihr Gerät, um Mails und Nachrichten zu schreiben, zum Spielen und zum Filme schauen, aber Googeln war ihr nicht nur als Wort fremd. Sie beschloss, das Recherchieren ihrem Urenkel zu überlassen. Wie eine verschworene Gesellschaft vereinbarten sie, dass sie Simon jeweils ihre Fragen senden würde und er dann für sie herausfinden sollte, was sie interessierte. Simon streckte den Daumen in die Luft, um das Abkommen zu besiegeln, und konnte seine Begeisterung gerade noch hinter einer gelangweilten Miene verbergen, als seine Mutter und seine Halbschwestern eintraten, um ihre Heimkehr anzukündigen.

«So, Schäfli», sprach Camenisch seine ältere Kollegin an. «Sind wir jetzt klüger?»

Meta lehnte sich in ihrem Bürostuhl zurück und fächelte sich mit einer Akte Luft zu. Wie würde das im Hochsommer herauskommen, wenn bereits im Juni eine solche Affenhitze herrschte? Sie riss sich zusammen und versuchte, sich auf das Gespräch zu konzentrieren, welches sie und Camenisch vor der Mittagspause mit einer der Pflegerinnen im Altersheim geführt hatten. Sie war ihnen bei der ersten Befragung aufgefallen, weil sie differenzierte Beobachtungen über Mazzottas Reaktion auf gewisse Themen gemacht zu haben schien. Das Gespräch war nur mässig befriedigend verlaufen. «Wir wissen vielleicht etwas mehr, aber klüger sind wir damit nicht geworden», antwortete sie deshalb.

«Treffend ausgedrückt.» Camenisch hielt sich die kühle Colaflasche an die schweissnasse Stirn. «Bei der ersten Befragung schilderte sie, dass sich Mazzotta manchmal in Erinnerungen an seine jungen Jahre verlor und dabei verschiedene Gefühle durchlebte. Sie war überzeugt, dass ihn etwas in diesem Zusammenhang stark beschäftigte oder belastete. Aber was soll das sein?» Camenisch hob theatralisch die Schultern. «Was kann ihn bei den Themen Boccia, Angeln und Fussball aufgewühlt haben? Oder bei seinem ersten Auto?»

«Immerhin hat sie sich bemüht, ernsthaft darüber nachzudenken», meinte Meta Schäfer, «bloss leider mit mässigem Erfolg. Am sichersten schien sie beim Auto zu sein.»

Camenisch stimmte ihr zu. «Ja, sie berichtete, dass er mit Freude oder mit Schalk davon erzählte. Oft nannte er im gleichen Atemzug Frauennamen. Verschiedene, häufig auch la bella Ruth. Dabei dürfte es sich um seine spätere Frau gehandelt haben.»

«Genau. Aber auch von ihr erzählte er unbelastet. Er bewegte sich mit seinen Erinnerungen in der Zeit, als er sie kennen lernte und sie sich verliebten, also in den ersten Monaten oder Jahren, in denen sie zusammen glücklich waren.» Meta spielte mit der Dose mit ihren Pfefferminzbonbons. «Ein eigenes Auto, eine hübsche Frau an seiner Seite, die Zukunft vor Augen, das waren wohl seine etwas verklärten Erinnerungen.»

«Hoffentlich erinnere ich mich in sechzig, siebzig Jahren auch nur noch an meine Karre und an meine Freundin», seufzte Camenisch. «Das wären glückliche alte Tage, wenn ich ihren Hund, ihren Musikgeschmack, dich und Buess vergessen hätte!»

Meta überhörte die Provokation. «Was kann ihn beim Fussball- oder Bocciaspielen oder beim Angeln aufgewühlt haben?», fragte sie.

«Aufgepasst, hier hat die Pflegerin weiter differenziert», wurde Camenisch wieder ernst. «Wenn er vom Fussball sprach, dann wie einer der italienischen Tifosi. Er wurde emotional, er ärgerte sich über alle und jeden. Allem Anschein nach nannte er sogar Namen, an die sie sich leider nicht erinnern kann. Ich vermute, dass er ein leidenschaftlicher Spieler war und sich masslos aufregte, wenn etwas nicht so lief, wie er wollte. Schiedsrichter, Trainer, Teamkollegen, ich kann mir gut vorstellen, dass alle ihr Fett abbekamen, wenn ihm die Sicherungen durchbrannten. Damit wird er sich Ärger eingehandelt haben, der ihn bis ins hohe Alter verfolgte.»

«Das kann gut sein», stimmte Meta zu.

«Als aufgewühlt und ernst schilderte sie ihn nur, wenn er vom Angeln und Bocciaspielen sprach. In diesem Themenfeld scheint es etwas zu geben, was ihn belastet hat. Leider kann ich mir beim besten Willen nicht vorstellen, welche Sorgen diese beiden Beschäftigungen verursachen können.» Camenisch zerdrückte die leere Colaflasche.

«Seine Erzählungen waren offenbar so wirr, dass sie nicht herausfand, wovon er sprach», bedauerte Meta. «Immerhin hat sie versprochen, nochmals darüber nachzudenken.»

«Ja. Hoffentlich bringt das etwas. Auf alle Fälle bedeutet es für uns, dass wir im Altersheim nochmals eine Fragerunde drehen müssen.»

«Du sagst es. Wir werden gezielt nach seinen Aussagen und seinem Verhalten fragen, wenn er jeweils über Boccia und Angeln sprach, und weiter, ob er dabei irgendwelche Namen nannte.»

Camenisch richtete sich in seinem Stuhl auf. «Rück die Liste der Angestellten im Altersheim heraus, Schäfli. Wir müssen planen, wen wir befragen. Sehr genau planen! Je länger wir daran arbeiten, desto kühler ist es, wenn wir den Bau verlassen müssen.»

Sobald die ärgste Mittagshitze vorüber war, machte sich Emanuele Santacaterina wieder im Garten zu schaffen. Die hintersten beiden Beete lagen bereits im Schatten des Nachbarhauses, dort konnte er bei erträglicher Temperatur dem Unkraut zu Leibe rücken und eine Reihe Setzlinge platzieren.

Von Weitem sah er Herrn Christoffel gemächlich näherkommen. Er ging am Stock und musste immer wieder stehen bleiben, um zu Atem zu kommen. Emanuele konnte seinen Brokkoli in aller Ruhe einpflanzen, bevor der alte Herr endlich seinen Gartenzaun erreicht hatte und erneut eine Pause einlegte. Gerne trat er näher zum gärtnernden Italiener und begann, sobald es seine Kondition zuliess, zu plaudern. Mazzottas Tod war nach wie vor das ergiebigste Thema.

«Ich mochte ihn nicht besonders», gestand Herr Christoffel. «Nicht, weil er Italiener war, unter diesen gab es viele nette Leute.» Der Alte schien in Gedanken so sehr in der Vergangenheit zu weilen, dass er nicht bemerkte, mit wem er sprach. «Aber Mazzotta war anders. Ehrgeizig. Er wollte schnell Geld machen, einen tollen Wagen fahren, schöne Frauen um sich haben. Ich hatte damals den Eindruck, dass ihm jedes Mittel recht wäre, um seine Ziele zu erreichen. Vielleicht war es ein Glück, dass er bei der Süsswaren AG einsteigen konnte, sonst wäre er womöglich kriminell geworden.»

«Er war kein angenehmer Kollege auf den Baustellen, das stimmt», bestätigte Emanuele. «Niemand war traurig, als er die Baufirma verliess und bei den Süsswaren anfing. Allerdings war er dort für die Errichtung der Fabrik zuständig, so dass trotzdem viele wieder mit ihm zu tun hatten. Als Bauherr war er nicht angenehmer als zuvor als Bauarbeiter.»

«Eigentlich ist das ein erstaunlicher Aufstieg, nicht wahr?», überlegte Herr Christoffel. «Vom Vorarbeiter zum Mitglied der Geschäftsleitung!»

«Er war nie Mitglied der Geschäftsleitung», berichtigte Emanuele. «Am Anfang war er nicht einmal Teilhaber, dazu fehlte ihm wohl das nötige Kapital. Er war zuerst Chef Bauten, als die Fabrik und die ersten Wohnblocks für die Angestellten errichtet wurden, und später Immobilienverantwortlicher der Süsswaren Thusis AG.»

«Trotzdem», beharrte Herr Christoffel. «Er stieg erstaunlich rasch vom italienischen Bauarbeiter zum Chef Bauten in der Firma der noblen Thusner Geschäftsherren auf, finden Sie nicht?»

«Doch», musste Emanuele zugeben.

Ein paar Kinder, die auf Rollschuhen auf Herrn Christoffel zustürmten, liessen ihn erschrocken und so rasch es eben ging zur Seite treten. Auch wenn nichts passierte und die Kinder vermutlich gar nicht realisierten, was sie ausgelöst hatten, liess ihn der Schreck erneut um Atem ringen. Zitternd wischte er sich mit seinem Taschentuch den Schweiss von der Stirn. Er verlor den Faden und verabschiedete sich bald.

Emanuele blieb grübelnd am Gartenzaun stehen. War es tatsächlich rätselhaft, dass Mazzotta damals in der Süsswarenfirma rasch aufstieg? Er war ehrgeizig gewesen, hatte die harte Arbeit auf dem Bau hinter sich lassen und Karriere machen wollen. Allerdings war er nicht der Einzige, manch einer hatte die Gelegenheit gepackt, der Maurerarbeit den Rücken zu kehren, wenn sie sich bot. Warum die Firmengründer gerade ihn zum Chef Bauten erkoren hatten, hatte damals niemand unter den Gastarbeitern hinterfragt. Mazzotta mochte mit den Bauvorhaben und später mit der Immobilienbewirtschaftung ein gutes Händchen gehabt haben, überlegte Emanuele, allerdings wohl kaum mit der Mitarbeiterführung. Dass er ein guter Vorgesetzter gewesen war, konnte er sich nicht vorstellen.

Bereits lagen zwei Zigarettenstummel im Aschenbecher vor Riccardo Tataranni, der in der Abendsonne auf der Terrasse seiner Wohnung sass. Seine ältere Schwester Graziella, die in Süditalien Oliven pflanzte und Zimmer an Touristen vermietete, war zuletzt an Weihnachten in der Schweiz gewesen. Die jüngste der drei Geschwister, Luisa, wohnte im Berner Oberland, was die Reise zu ihr nicht wesentlich kürzer machte als jene zu Graziella. So sahen sie sich kaum öfter als ein Mal pro Jahr, standen aber in regem Kontakt über WhatsApp. Die aktuelle Konversation hatte er selbst eröffnet, weil er seinen Schwestern ein paar Fragen stellen wollte. Bisher war er allerdings nicht dazu gekommen, denn der Austausch aller Neuigkeiten über Partner, Kinder, kürzliche Anschaffungen und geplante Unternehmungen zog sich in die Länge.

Er zündete sich die dritte Zigarette an und unterbrach das Geplänkel. «Gerardo Mazzotta ist kürzlich gestorben. Ich war an der Beerdigung», schrieb er.

«Wer?», fragte Graziella.

Riccardo rauchte in aller Ruhe weiter, während Luisa erklärte und Graziella zurückfragte, bis sie die ganzen Familienverhältnisse der Mazzottas wieder präsent hatte: die geschiedenen Eltern, die Tochter Silvia Häberli-Mazzotta, den verstorbenen Sohn.

«Mamma war nicht an der Beerdigung», berichtete er. Auch ohne die sofortigen Fragen hätte er weitergeschrieben, seine Schwestern tippten lediglich schneller als er. «Sie sagt, er sei es nicht wert, er sei ein böser Mensch gewesen.» Geduldig wartete er ab, bis der Sturm der Meldungen seiner Schwestern etwas nachliess, dann fuhr er fort: «Sie hat dreiundvierzig Jahre lang nicht mit ihm gesprochen. Wisst ihr warum?»

Es dauerte länger als gewohnt, bis die nächsten Beiträge auftauchten, was ihm zeigte, dass seine Schwestern verblüfft waren und tatsächlich nachdachten. Dann berichtete zuerst Luisa von Erinnerungsfetzen, die den seinen glichen: Wie seine Mutter beharrlich ausgewichen war, um Mazzotta auf der Strasse nicht grüssen zu müssen. Ihr verächtliches Schnauben oder ihr zur Maske erstarrtes Gesicht, wenn von ihm die Rede war. Graziella erinnerte sich ebenfalls an Vorkommnisse dieser Art, hatte indessen damals wie heute keine Erklärung dafür. Zu dritt versuchten sie, das Verhalten ihrer Mutter zu ergründen. Am Schluss waren sie kein bisschen schlauer als zuvor.

Peter Wasescha schaute auf die Uhr und nickte befriedigt. Seine Planung hatte sich einmal mehr als hervorragend erwiesen, seine Wandergruppe war zufrieden und müde. Die halbe Stunde Weg, die sie noch vor sich hatten, war ein Kinderspiel, das Postauto problemlos zu erreichen. Nur mit halbem Ohr hatte er dem älteren Herrn zugehört, der plaudernd neben ihm ging, ihn nun aber aufhorchen liess.

«Völlig dement war er nicht gerade», erzählte der Wanderer. «Recht verwirrt hingegen schon. Geschwatzt hat er nach wie vor gern, und wie früher auch war er etwas grossspurig. Seine Heldentaten auf den Baustellen hat er wiederholt bis zum Abwinken. Dann und wann war er allerdings weniger gut beieinander, dann plagten ihn die weniger ruhmreichen Erinnerungen. Manchmal sprach er von den schwierigen Zeiten mit seinem Sohn und von der Scheidung von der schönen Ruth.»

«Darüber hat er früher nie gesprochen», bemerkte Wasescha.

«Stimmt, ja, das wurde alles totgeschwiegen. Wehe, wenn damals jemand davon anfing! Zuweilen fehlte wenig, dass er einem an die Kehle gegangen wäre.» Der Wanderer verharrte in Erinnerungen.

«Vermutlich hat er nie darüber gesprochen und diese Probleme nie richtig verarbeitet», versuchte sich Wasescha als Hobbypsychologe. «Seine Ehe ist daran zugrunde gegangen.»

«Ach ja, die schöne Ruth! Sie hat zweifellos die schlechteste Wahl getroffen unter den zahlreichen Männern, die sie damals hätte haben können», meinte der andere. «Von ihr hat er im Altersheim allerdings nie gesprochen, dieses Kapitel schien er abgeschlossen zu haben.»

«Vielleicht hat er sie einfach vergessen», sagte Wasescha.

«Wer weiss. Er hatte vieles vergessen. Wenn ich ihn besuchte, erzählte ich ihm manchmal Anekdoten aus früheren Zeiten. Weisst du noch … und so weiter. Er konnte sich kaum an eine davon erinnern, während er sie vor Jahren jeweils selbst erzählt hatte. Demenz ist gnadenlos. Und heimtückisch.»

«Wenn das Schicksal seines Sohnes das einzige war, was ihn quälte, war die Krankheit gnädig mit ihm», warf Wasescha ein. «Sie hat ihn alle anderen unrühmlichen Vorkommnisse in seinem Leben vergessen lassen.»

Der Wanderkollege widersprach. «Da bin ich mir nicht so sicher. Oft, wenn ich ihn besuchte, sprach er vom Bau des Hochhauses in Thusis. Hochhaus! Dass ich nicht lache. Eine grössenwahnsinnige Bezeichnung in der heutigen Zeit, aber damals waren die zwölf Stockwerke etwas Neuartiges. Bisweilen gab er damit an, wie er am Bau mitgearbeitet habe, aber manchmal erzählte er wirres Zeug, das ich nicht verstand. Vielleicht ist dort etwas passiert, das er ebenfalls totschwieg, keine Ahnung.»

«Das glaube ich kaum», erwiderte Wasescha. Er blieb kurz stehen, um zu prüfen, ob alle seine Schäflein noch auf Kurs waren. Als er sich davon überzeugt hatte, beschleunigte er den Schritt, um seinen Gesprächspartner wieder einzuholen. «Möglicherweise war der Bau des Hochhauses die erste grosse Herausforderung für ihn. Er meisterte sie gut und sonnte sich zeitlebens im Erfolg.»

«Kann sein», meinte der Wanderer. «Manchmal regte er sich schrecklich auf, wenn er von irgendwelchen italienischen Kollegen erzählte. Weswegen weiss ich allerdings nicht, er sprach zu wirr.»

«Gewiss irgendwelche Streitereien, die er als junger Bursche in seiner Heimat austrug. Rivalenkämpfe um das hübscheste Mädchen.» Weiter reichte Waseschas Fantasie nicht.

Jene des Wanderkameraden war lebhafter. «Wer weiss, was dort unten alles ablief. Mafia, Erpressungen, Prügeleien? Ich hatte zwar den Eindruck, er spreche von der Zeit, als er bereits hier im Tal lebte. Mir schien, da gab es etwas, das ihn stark beschäftigte. Ich verstand allerdings nicht, wovon er sprach.»

«Mafia, Erpressungen, Prügeleien in Thusis?», fragte Wasescha spöttisch. Der Bahnhof kam in Sicht, es wurde Zeit, das Geplauder zu beenden.

«Wer weiss», meinte der Wanderer nachdenklich.

5

Seit Tagen strengte sich Rösli Sjögren an, kein bisschen Gerede auf den Gängen und in der Cafeteria des Altersheims zu verpassen. Gegenwärtig befand sie sich aus diesem Grund in der Aufenthaltsecke auf ihrem Stockwerk, wo es allerdings nichts Neues aufzuschnappen gab. Ausser ihr sassen einzig zwei Männer aus dem Rheinwald an einem Tisch. Der eine flocht aus Lederbändeln Zöpfe, unermüdlich, der andere schaute ihm dabei zu und döste dann und wann ein. Alle zehn Minuten wechselten sie in ihrem Walser Dialekt ein paar Worte miteinander. Immer dieselben paar Worte. Rösli konnte ungestört nachdenken.

Weitaus am häufigsten beschäftigten sich die Klatschrunden, die Rösli belauschen konnte oder an denen sie teilnahm, mit den Frauengeschichten in Mazzottas Leben. Dies wohl eher aus Freude an Skandalen als aus sachlicher Berechtigung. Vor allem an den Tischen in der Cafeteria wurden Geschichten herumgeboten. Mazzotta wurde mit Entrüstung, aber auch mit widerwilliger Bewunderung als Liebhaber in zahlreichen Affären geschildert. Rösli kannte die Menschen gut genug, um von dem Gehörten drei Viertel zu streichen. Aber selbst das verbleibende Viertel reichte aus, um ein aktives Liebesleben anzunehmen, weshalb wiederum ein uneheliches Kind nicht unrealistisch war. Oder sogar mehrere. Das war aber nur dann von Belang, wenn das aussereheliche Kind als seines registriert worden war oder wenn es nachträglich Mazzottas Vaterschaft beweisen wollte, um etwas vom Erbe zu bekommen. Dass ein verleugneter Sprössling aus jahrzehntelangem Hass zum Mörder geworden war, schien Rösli zu weit hergeholt. Wie dem auch sei, überlegte sie abschliessend, sowohl ein anerkannter als auch ein via DNA-Test aufgezwungener Erbe konnte nur durch die zuständige Behörde gefunden werden. Das bedeutete, dass sie warten musste, bis ihr darüber etwas zu Ohren kommen würde.

Dasselbe galt für die bisher einzige ihr bekannte Erbin, Silvia Häberli-Mazzotta. Da Mazzottas Tochter in Basel wohnte, wusste man hier wenig über ihre Lebensumstände. Auch diese Nachforschungen musste Rösli der Polizei überlassen, was sie nicht bedauerte.

Was noch nie im Tratsch geäussert worden war, war die Möglichkeit eines Täters oder einer Täterin aus dem Altersheim. Natürlich konnte keiner der Bewohner den Alten getötet haben, niemand erfüllte die dazu nötigen physischen Voraussetzungen. Rösli stellte sich einen Mörder vor, der mit dem Rollator am Tatort erschien. Oder einen, der zuerst den Gehstock abstellen musste, bevor er, mit zitternden Knien, das Kissen packte und Mazzotta aufs Gesicht presste. Die Bewohner kamen für die Tat nicht in Frage, wohl aber die Angestellten. Darüber gab es jedoch keine Spekulationen. Rösli überlegte, was der Grund sein mochte: Weil keine Verbindungen zwischen Mazzotta und den Mitarbeitenden bekannt waren, die über das Arbeitsverhältnis hinausgingen? Weil sich niemand vorstellen konnte, dass sich jemand vom Personal für die Ermordung Mazzottas hatte bezahlen lassen? Rösli fand, eine interne Täterschaft könne nicht ausgeschlossen werden.

Sie angelte die Zeitung aus dem Netz an ihrem Rollator und las zum vierten Mal die Polizeimeldung. Die Staatsanwältin mit dem unaussprechlichen Namen, der beinahe eine ganze Spaltenbreite einnahm, hatte in sprödem Juristendeutsch bekannt gegeben, dass Mazzotta mit einem Kissen erstickt worden sei. Es werde in verschiedene Richtungen ermittelt, gebe aber noch keine konkreten Ergebnisse. Sie gab es auf, zwischen den Zeilen weitere Informationen zu entdecken.

Rösli überlegte, was sie über Mazzottas Leben wusste. Sie kannte ihn, seit er als Bauarbeiter angefangen und seine Freizeit zusammen mit den anderen Italienern mit Boccia, Angeln, Fussballspielen verbracht hatte. Ob in der damals jungen italienischstämmigen Gemeinschaft etwas Bedeutendes vorgefallen war? Oder war vielleicht beim Bau des Hochhauses etwas krumm gelaufen? Beides wäre zwar denkbar, aber sie konnte sich nicht erinnern, dass Mazzotta so etwas angedeutet hätte. Ebenso wenig wusste sie, wie sie an weitere Informationen darüber kommen könnte.

Mehr Fragen stellte sich Rösli, wenn sie Mazzottas Einstieg in der Süsswaren Thusis AG und seinen gesellschaftlichen Aufstieg betrachtete. War er bei den Süsswaren ein Mann der ersten Stunde oder war er später dazu gestossen? War er finanziell beteiligt, und wenn ja, aus welcher Zeit stammte seine Beteiligung, woher hatte er das Geld dafür gehabt? Hatte er ausser der Immobilienverwaltung noch andere Aufgaben wahrgenommen? Rösli seufzte. Sie brauchte eine Broschüre der Firma, eine Jubiläumsschrift oder irgendein anderes Papier, in welchem diese Informationen zu finden waren.

Das Grübeln strengte Rösli an, sie war erschöpft und wollte sich in ihrem Zimmer etwas ausruhen. Sie steckte die Zeitung zurück ins Netz an ihrem Rollator und rüstete sich zum Aufbruch. Es dauerte eine Ewigkeit, bis sie endlich in ihrem Zimmer war, wo sie sich hinlegte und sofort einschlief.

Anderthalb Stunden später erwachte sie leicht verwirrt. Als sie sich wieder zurechtfand, erinnerte sie sich, womit sie sich vor ihrem Nickerchen beschäftigt hatte. Mit der Süsswaren Thusis AG, über die sie sich Unterlagen besorgen musste. Plötzlich lachte sie auf. Warum Unterlagen! Wer brauchte Papier, wenn er einen Urenkel hatte, der googeln konnte! Sie würde Simon ein Mail schreiben und ihm den ersten Rechercheauftrag erteilen.

Silvia Häberli-Mazzotta stand am Fenster ihres Büros und blickte über die Dächer von Basel. Es fiel ihr überraschend schwer, ihren Vater aus ihren Gedanken zu verbannen und sich auf die Arbeit zu konzentrieren. Sie hatte über Jahre überhaupt keinen Kontakt zu ihm gehabt, und auch in den weniger konfliktbeladenen Zeiten war ihr Verhältnis selten harmonisch gewesen. Mitunter hatte sie ihn gehasst, manchmal verachtet, oft ignoriert, und er war ihr dabei in nichts nachgestanden. Erst in den letzten Jahren hatten sie einen Umgang gefunden, der für beide stimmte: weder besonders vertraulich noch herzlich, eher vorsichtig respektvoll. Ohne Worte waren sie sich einig, dass sie sich zwar nicht besonders mochten, sich aber bewusst waren, dass ihre Verwandtschaft eine Bindung schuf, die sie nicht lösen konnten.

Darüber hinaus versuchte sich ein Gedanke in ihr Bewusstsein vorzuarbeiten, den sie über Jahrzehnte erfolgreich verdrängt hatte. Silvia Häberli-Mazzotta musste sich der Erkenntnis stellen, dass sie nicht wenige ihrer Charaktereigenschaften von ihrem Vater geerbt hatte. Und dass einige davon genau jene waren, die sie an ihm verachtet hatte: Die Kälte, mit der er Entscheidungen fällen konnte. Sein Ehrgeiz, auf der Erfolgsleiter rasch nach oben zu klettern. Die Skrupellosigkeit, die er an den Tag legen konnte. Seine zeitweilige Härte gegenüber anderen, einschliesslich Frau, Tochter und Sohn.

Ihr Ehrgeiz hatte sie so weit gebracht, dass sie mit ihren zweiundvierzig Jahren fünfzig Prozent einer Pharmazulieferfirma besass, die sie mitbegründet hatte und die mittlerweile achtzig Angestellte beschäftigte. Wer so rasch so hoch hinaufgelangen wollte, durfte sich nicht mit Zweifeln und Skrupeln aufhalten. Sie besass die nötige Kaltblütigkeit, Entscheidungen zu fällen und zu kommunizieren, auch wenn sie riskant oder unbequem waren. Dass sie sich damit nicht nur Freunde geschaffen hatte, lag auf der Hand, störte sie aber nicht. Was zählte, war der Erfolg.

Unwillkürlich schlug ihr Herz schneller. Der Erfolg hatte ihr über Jahre Recht gegeben. Jetzt aber schrammte ihr Unternehmen haarscharf an einer Katastrophe vorbei. Ein Grosskunde, der Konkurs angemeldet hatte. Ein anderer, der mit seinen Zahlungen in Verzug war. Die kostspielige Erweiterung des Firmengebäudes um einen neuen Bürotrakt. Drei Ereignisse mit hohem Finanzbedarf in kurzer Zeit. Eines hätten sie und ihr Geschäftspartner verkraften können. Zwei hätten schmerzhafte Massnahmen erfordert, wären aber zu meistern gewesen. Drei bedeuteten den Untergang, wenn sie nicht rasch zu Geld kamen.

Bislang wusste niemand ausserhalb der obersten Führungsetage vom finanziellen Engpass. Die baldige Eröffnung des neuen Bürotrakts hatten sie grossspurig verkündet, auch, dass die hochmodernen Räume in dreien der sechs Stockwerke vermietet würden. Das hatten sie keineswegs im Sinn gehabt. Dieser Schritt zwang sich ihnen auf, und selbstverständlich verkündeten sie ihn nun als von Anfang an geplant und bestens durchdacht. Bereits hatten sich erste Interessenten gemeldet, die Vermietung aller Räume innert eines Jahres schien realistisch. In dieser Zeit würde auch ein Teil der ausstehenden Zahlungen eintreffen. In einem Jahr könnten sie gerettet sein. Bis dahin mussten sie ums Überleben kämpfen.

Hatte die Zukunft vor wenigen Wochen noch rabenschwarz ausgesehen, zeigte sie sich nun, dem Himmel sei Dank, in fahlen Pastelltönen. Der Dank an den Himmel war durchaus wörtlich zu nehmen, denn dort vermutete sie zwar nicht ihren Vater, wohl aber denjenigen, der den Befehl erteilt hatte, ihn ins Jenseits zu holen. Silvia Häberli-Mazzotta wusste um die Geldmittel, über die ihr Vater verfügt hatte. Sie reichten aus, um ihre Firma zu retten.

Sie atmete tief durch. Es gab einen zweiten Grund, dem Himmel zu danken, und das tat sie seit Jahren an jedem einzelnen Tag. Sie hatte eine Familie, die sie über alles liebte. Für ihren Mann und ihre Kinder hätte sie Firma und Karriere sofort aufgegeben, wenn das Schicksal sie herausgefordert hätte, was zum Glück nicht der Fall war. Während sie im Geschäftsleben als kompromisslos galt, zeichnete sie sich zu Hause als grossherzig und liebevoll aus. Diese ebenfalls kompromisslose Hingabe hatte sie von ihrer Mutter geerbt. Sie stand in krassem Gegensatz zu den Gefühlen, die ihr Vater gegenüber seiner Familie gehegt hatte, und auch dafür dankte sie dem Himmel.

Allmählich senkte sich die Sonne über der Stadt. Zehn Tage war ihr Vater nun tot. Sie schätzte, dass es noch wenige Wochen dauern würde bis zur Freigabe des Erbes. Dann würde sie über den Berg sein. Sie fühlte sich ausgelaugt. Die Sorgen, die Trauer, beides kostete Kraft. An diesem Tag würde sie nichts mehr auf die Reihe bekommen, besser ging sie früh nach Hause, um aus dem Zusammensein mit ihrer Familie neue Energie zu schöpfen.

Erich Eichenberger gab sich Mühe, nicht ständig zu grinsen, während er im Zug sass und durchs Fenster die raue Landschaft zwischen Davos und Filisur an sich vorüberziehen liess. In den fünfunddreissig Jahren seines Lebens hatte er kein einziges Mal mit seinem Vater gesprochen. Als er in früher Kindheit begriff, dass die meisten seiner Spielkameraden einen Vater hatten, sah er keinen Anlass, seiner Mutter Fragen zu stellen. Andere hatten Mutter und Vater, er hatte Mutter und Grossmutter. Andere Familien hatten eine Schreinerei oder einen Laden oder eine Pizzeria, seine hatte eine kleine Pension in einem der Weiler südlich von Davos. Sein bester Freund hatte einen Hund und zwei Schwestern, er hatte eine Katze und vier Hühner. Für ihn gab es nichts zu hinterfragen, seine Welt war in Ordnung. Als er grösser wurde, hatten sich seine Kameraden hie und da gewundert, wo denn sein Vater sei. Er hatte wahrheitsgemäss zur Antwort gegeben, er habe keine Ahnung, und damit hatte es sich. Erst, als er in der Oberstufe war und ihn ein Mitschüler damit aufziehen wollte, dass er nicht einmal seinen Vater kenne, hatte er seiner Mutter die längst überfälligen Fragen gestellt. Sie hatte ihm bereitwillig geantwortet, sein Vater lebe in Thusis, zahle etwas an sein Essen und seine Kleider und wolle darüber hinaus nichts mit ihnen zu tun haben. Erich nahm das achselzuckend zur Kenntnis. Ob er nett sei, hatte er mässig interessiert gefragt. Es gehe so, hatte die Mutter geantwortet, aber immerhin habe er gut ausgesehen, deshalb sei er so ein hübscher Bursche.

Erich ertappte sich dabei, dass er schon wieder zum Fenster hinaus grinste, und versuchte erneut, seinen Gesichtsausdruck zu kontrollieren. Nicht lange nach diesem Gespräch hatte ihn seine Mutter bei einem Einkauf in Chur plötzlich am Oberarm gepackt und ihm etwas zugeflüstert. Sie hatten die Strassenseite gewechselt und waren scheinbar zufällig auf einen Mann zugeschlendert, den seine Mutter mit gespielter Überraschung grüsste. Dieser war etwas unwillig stehen geblieben und hatte ein paar Worte mit ihr gewechselt, bevor er seinen Weg fortsetzte. Seine Mutter hatte Erich angelacht und ihm mitgeteilt, dass das sein Vater gewesen sei. Aha, hatte er geantwortet. Allzu gut sehe der gewiss nicht aus, hatte er noch hinzugefügt, seine Mutter habe übertrieben. Er solle fünfzehn Jahre und ein paar Sorgen abziehen, hatte seine Mutter gemeint, dann dürfte sein Urteil anders lauten.

Nach dem Umsteigen in Filisur setzte er sich absichtlich so hin, dass er rückwärtsfuhr, damit er den kühnen Bau des Landwasserviadukts besser bestaunen konnte. Über hundert Jahre hatte es auf dem Buckel, trotzdem kannte er nur wenige Konstruktionen im Strassen- oder Schienennetz, die es mit seiner Perfektion aufnehmen konnten. Ob er wohl Bauingenieur geworden wäre, wenn das seine schulischen Leistungen zugelassen hätten?, fragte er sich. Allerdings nur kurz. Es war müssig, darüber nachzudenken. Er war Gemeindearbeiter in Davos, und das würde er bis zu seiner Pensionierung bleiben. Schneeräumung im Winter, Pflege der Blumenbeete im Sommer, dazu diverse Tätigkeiten in der Abfallent- und Wasserversorgung. Langweilig würde es ihm in den nächsten dreissig Jahren bestimmt nicht werden.

Der Zug verliess den Tunnel und befand sich unvermittelt auf dem Viadukt. Tief unten sah er den Picknickplatz am Wanderweg, an dem sich eine Familie aufhielt. Hinter ihm wurden immer mehr rote Bahnwagen aus dem Tunnel auf die Brücke gezogen, die sich in einer eleganten Kurve über den Fluss schwang. Wie immer versuchte er, Unregelmässigkeiten im Mauerwerk der Pfeiler zu entdecken, Stellen, an denen die Bauleitung mit dem Material gespart hatte, wohl wissend, dass bei fünfundsechzig Metern Höhe der mittlere Bereich des Bauwerks nicht aus der Nähe studiert werden konnte, weder von den Bahnpassagieren oben noch von den Fussgängern unten. Viel Zeit blieb ihm dazu nicht, nach knapp hundertfünfzig Metern war die Brücke überquert, und kurz darauf verschwand er im nächsten Tunnel. Er sah nur noch sein Spiegelbild, in das sich bald wieder ein Lächeln schlich.

Wie viel ist es wohl?, fragte er sich. Misstrauisch hatte er das amtliche Couvert gemustert, als er es am Küchentisch aus dem Poststapel zog. Wenig später hatte er einen Luftsprung gemacht und lauthals gelacht. Nicht, weil er eine Halbschwester hatte. Sondern weil er und diese Silvia Häberli-Mazzotta das Vermögen ihres gemeinsamen Vaters erbten. Betrag stand keiner im Brief, aber er wusste von seiner Mutter, dass sein Vater keineswegs am Hungertuch genagt hatte. Die Hälfte von ein paar Hunderttausend waren immer noch ein paar Hunderttausend.

Als er eine Stunde später bei der Treuhänderin Platz genommen hatte, die sich im Auftrag seiner Halbschwester um die Finanzen seines Vaters gekümmert hatte und nun das Erbe aufteilte, wurde ihm endlich bewusst, dass er besser ihren Brief genauer gelesen hätte, anstatt Luftsprünge zu machen. Zunächst hatte sie spürbar irritiert reagiert, als er sie freudestrahlend begrüsst hatte. Danach hatte sie ihm, womöglich noch eine Nuance kühler als zuvor, die anderen beiden Personen vorgestellt: Frau Schäfer und Herr Camenisch von der Kantonspolizei.

Während er mechanisch deren Fragen beantwortete, fragte er sich, warum die Polizei anwesend war. War das immer so, wenn unverhofft ein Erbe auftauchte? Musste sie prüfen, ob der Eintrag beim Zivilstandsamt richtig war? Hatte die Treuhänderin sie aufgeboten, um zu bestätigen, dass alles seine Richtigkeit hatte? Oder war am Ende seine Halbschwester auch eingeladen, die plötzlich nur noch Halberbin war und deshalb handgreiflich werden könnte, was die Polizei verhindern sollte? Das alles ergab für ihn keinen Sinn.

«Ihr Einkommen ist nicht hoch, und das Leben im Kurort ist teuer», sagte die Polizistin. Erich Eichenberger nickte. «Stecken Sie in Geldnöten?»

«Nein, das kann man nicht sagen», antwortete er. «Ich habe keine Familie und keine hohen Ansprüche, es reicht schon.»

«Trotzdem haben Sie vorhin gesagt, Sie hätten bereits Pläne, was Sie mit dem Geld anfangen wollten.»

Erich wandte sich dem jungen Mann zu, der die Frage gestellt hatte. «Was heisst Pläne, ein paar Ideen halt. Die hätten Sie wohl auch, wenn Sie plötzlich zu Geld kämen, obwohl Sie wahrscheinlich mehr verdienen als ich!»

«Sie wussten, dass Ihr Vater Geld hatte, das haben Sie vorher bestätigt», sagte der Polizist, ohne auf die Bemerkung einzugehen.

Erich nickte.

«Wie oft haben Sie darüber nachgedacht, was Sie damit alles anfangen könnten, wenn Ihr Vater endlich sterben würde?»

Verdattert schüttelte Erich den Kopf. «Kein einziges Mal! Es ist mir nie in den Sinn gekommen, dass ich ihn beerben könnte.»

«Spielen Sie nicht den Naivling», wies ihn Frau Schäfer zurecht. «Sie wussten, dass Ihr Vater Geld hatte. Sie wussten, dass er Sie als Sohn anerkannt hatte und demzufolge auch, dass Sie ein rechtmässiger Erbe sind. Selbstverständlich haben Sie darüber nachgedacht, wie lange es wohl dauern würde, bis Sie das Erbe antreten könnten.»

«Es ist mir nie in den Sinn gekommen», wiederholte Erich. «Ich habe kaum je an meinen Vater gedacht. Es war mir nicht bewusst, dass sein Geld einmal mir gehören würde!»

«Nur zur Hälfte», berichtigte Camenisch. «Das war Ihnen wohl nicht klar, als Sie ihm das Kissen aufs Gesicht drückten.»

Verständnislos blickte Erich von einem zum andern. «Das Kissen?», stammelte er.

«Jetzt stellen Sie sich nicht so an», tadelte ihn Camenisch. «Ihr Vater starb, weil ihn jemand mit einem Kissen erstickte. Das stand schon vor einer Woche in der Zeitung. Wollen Sie behaupten, Sie wissen das nicht?»

«Nein, natürlich nicht, das habe ich gelesen.»

«Aber Sie wussten es schon, bevor es bekannt gegeben wurde», behauptete Frau Schäfer. «Weil Sie es waren, der ihn mit seinem Kissen erstickt hatte.»

«Nein!», rief Erich. «Ich wusste nicht einmal, dass er im Altersheim war. Woher auch? Wir hatten keinen Kontakt. Ich wusste gar nicht, dass es in Thusis ein Altersheim gibt. Woher auch? Ich war nie dort, es hat mich nie interessiert!»

Die Freude an seinem Erbe war ihm vergangen. Er hätte es wohl ausgeschlagen, wenn ihm jemand im Voraus gesagt hätte, wie viel Ärger es mit sich bringen würde. Er brauchte weder ein Auto noch neue Möbel, und in die Ferien konnte er weiterhin mit seinem Camper an den Kalterersee. Wäre dieses vermaledeite Couvert bloss im falschen Briefkasten gelandet!

6

Am folgenden Morgen berichteten Meta Schäfer und Camenisch Buess vom Gespräch mit Erich Eichenberger. Seine Laune sank erneut in den Keller. Er hätte dabei sein, nicht im Nachhinein aus zweiter Hand erfahren wollen, was der Erbe zu sagen hatte. Sogar mit diesen verfluchten Krücken hätte er Eichenberger befragen können, aber nein, man hatte seine Teilnahme nicht einmal in Erwägung gezogen. Stattdessen war er zu Hause auf der Terrasse herumgesessen, hatte sich über alles und jeden aufgeregt und war damit wohl nicht nur Sidonia auf die Nerven gegangen, sondern auch seiner Katze, den Hühnern und womöglich den Feriengästen in den Nachbarhäusern. Und am allermeisten sich selbst.

«Falls er nicht ein sehr guter Schauspieler ist, war er sich tatsächlich nicht darüber im Klaren, dass er ein Motiv hatte, seinen Vater umzubringen», kam Meta zum Schluss. «Ich bin geneigt zu glauben, dass er sich das vor unserem Gespräch nie überlegt hat. Camenisch?»

Dieser zuckte die Achseln. «Schwer zu glauben, dass ihm nie bewusst wurde, dass er seinen Vater beerben würde. Kann man wirklich so uninteressiert durchs Leben gehen? Nachdem ich ihn persönlich kennengelernt habe, muss ich allerdings sagen: Man kann. Der Typ ist zufrieden mit sich und der Welt und macht sich nicht allzu viele Gedanken.»

«Wir werden sein Umfeld und seine finanzielle Lage prüfen. Viel Hoffnung, dabei auf etwas zu stossen, habe ich nicht.» Meta seufzte. «Von den Kollegen in Basel haben wir noch nichts gehört. Wir wissen noch nichts über Silvia Häberli-Mazzottas Lebensumstände und ebenfalls nichts darüber, ob sie von ihrem Halbbruder wusste.»

«Wenn sie das erfährt, wäre ich gern dabei», sagte Camenisch hämisch. «Dieses Gesicht möchte ich sehen, falls ihr das wirklich neu ist. Der Umsatz der Pharmaindustrie wird steigen, bis die sich wieder beruhigt hat!»

Meta Schäfer verdrehte die Augen. «Walter, was weisst du über den Bau des Hochhauses?», fragte sie Buess.

«Das Gebäude entstand in den Siebzigerjahren. Der Bauplatz in der Ebene am Rhein, die Gebäudehöhe, alles war ungewohnt und fortschrittlich. Bis heute ist es weit und breit das einzige Hochhaus. Die Wohnungen hatten für die damalige Zeit einen grosszügigen Grundriss und sind auch für heutige Ansprüche durchaus attraktiv. Kurz: Der Bau war innovativ und erfolgreich.»

«Gab es keine Gegner?», fragte Camenisch.

«Doch, die gab es mit Sicherheit. Das Gebäude war dominant, nicht wenige hielten es für einen Schandfleck. Vermutlich rief es auch Neider auf den Plan, die den Bauherren den Erfolg missgönnten. Allerdings habe ich bisher nichts gefunden, das aus dem bei Projekten dieser Grössenordnung üblichen Rahmen fällt.»

«Gehört jemand zu den Verlierern?», fragte Meta. «Zulieferer, Anwohner, Konkurrenten?»

«Auch darüber habe ich bisher nichts gefunden, werde mich aber noch tiefer hineinknien müssen.» Blödmann, schalt er sich. Verfolgte ihn sein Unfall nun sogar in den Redewendungen, die er benutzte? Reinknien würde er sich noch ein paar Monate nicht können. Das spöttische Grinsen des jungen Kollegen machte die Sache nicht besser.

«Ich kann mir gut vorstellen, dass man bei einem Bauprojekt dieser Grössenordnung mogeln kann», wurde Camenisch ernst. «Das Material, das verwendet wird, ist schlechter als das, was man offeriert und verrechnet hat. Irgendwelche Stützen sind weniger tragfähig, als sie sein sollten. Ich habe keine grosse Ahnung vom Bauwesen, aber das spielt keine Rolle, denn bescheissen kann man immer. Wenn also beim Bau des Hochhauses beschissen wurde, brauchte man Bauarbeiter, die dabei mitmachten. Wenn ein Bauarbeiter mitmachte, kannten ihn die Vorgesetzten. Wenn sie ihn kannten, diente das seinem Erfolg in der Branche.»

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