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Richard Kölldorfer
DER BUND ROTER LÖWE
Fulcanelli II
Für Andrea, Artus und Tristan
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2016
Richard Kölldorfer
Geb. 1973 in Tulln an der Donau. Heute lebt er mit seiner Familie in
Neulengbach/Niederösterreich.
Nach seiner elektro- und chemotechnischen Ausbildung sowie
verschiedenen Erwerbsjobs ist er bei
den Österreichischen Bundesbahnen im technischen Wagendienst tätig.
Berufsbegleitend absolvierte
er ein Studium der Geschichte mit Schwerpunkt auf
Wirtschaftsgeschichte sowie der Germanistik.
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Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2016) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte beim Autor
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Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhaltsverzeichnis
Cover
Titel
Impressum
Das Elixier
Quid pro quo
Eherne Ketten
Illuminationen 3.0
Eine Stecknadel im Heuhaufen
Das abgerungene Wunder
Eine Zeit in der Hölle
Die Flucht nach Vorne
Die Rückkehr
Der Ansturm der Bestie
Personen
Das Elixier
Lieber Hilaire, Paris, 27. März 1922
die letzten Jahre waren für uns alles andere als unbeschwert. Lilith fiel einem heimtückischen Anschlag der Rotkreuzer zum Opfer, Louis Pasteur ist von uns gegangen, das Firmenvermögen deiner Familie ging verloren. Gerade darum ist es wichtig, nicht zurückzuweichen, sondern entschlossen den Weg weiter zu beschreiten, selbst wenn er voller Gefahren ist und der Ausgang ungewiss bleibt. Wie Du weißt, wurde mir die Ehre zu Teil, nach dem Ableben von Lois Pasteur in seine Fußstapfen treten zu dürfen. Als Meister des Weißen Feuers obliegt es mir, Ziele vorzugeben, Kurs aufzunehmen und diesen nicht aus den Augen zu lassen. Lass es mich so formulieren: Ich bin ein Kapitän, der über den aufgewühlten Ozean segelt, Felsen und Sandbänken trotzend, um „Terra Incoqunita“, das unbekannte Land, zu erreichen. Nun, was braucht ein Kapitän, um die Tücken des Meeres meistern zu können? Er benötigt ein gutes Schiff, Wind in den Segeln, aber vor allem eine fähige Besatzung, die ihn tatkräftig unterstützt.
Darf ich mir erlauben, Dir einen Rat zu geben, Hilaire? Vergiss deinen Groll, den du gegen das Weiße Feuer hegst. Dein alter Freund Gustave hat sich für die dunkle Seite entschieden. Ist es nicht ein Grund mehr, die Grundwerte unserer Organisation zu verteidigen? Ja, es existieren im Weißen Feuer Strömungen, die dich vom Kurs abgebracht haben. Bist du daran nicht gereift? Kannst du heute nicht besser die Tücken des Lebens umschiffen? Es wäre doch eine Verschwendung, wenn Du mit Deiner Begabung, deiner Erfahrung die Zeit in einem verwunschenen Schloss fristest. An Deinen Briefen erkenne ich, dass Du immer noch begierig danach lechzt, die Fortschritte unserer Arbeit peinlich genau mitzuverfolgen. Augenblicklich könntest Du wieder mittendrin sein, nicht nur aus zweiter Hand Geschichten von vorgestern erfahren. Seit jeher war es Dein Traum, den Menschen ihr Leben zu erleichtern, möglicherweise sogar verlängern zu können.
Ich möchte Dir eine Frage stellen, Hilaire: Bist du gewillt, mit mir diese Entdeckungsreise zu wagen? Das Weiße Feuer bittet Dich um Hilfe und ich benötige Deine Unterstützung. Du wärst sozusagen meine rechte Hand und natürlich ist für Lilith ebenfalls ein Platz in der Gruppe. Meine besten Grüße, ich hoffe, es geht ihr gut.
Ferner würden eine viel versprechende Chemikerin und ein mit asiatischen Heilpraktiken vertrauter Arzt unsere Runde komplettieren. Du wärest in der glücklichen Situation dich mit Menschen auszutauschen, die dir neue Sichtweisen eröffnen könnten. So wie ich das sehe, überwiegen die positiven Argumente für eine Zusammenarbeit. Auf eine angemessene Antwort Deinerseits harre ich aus.
Argumentum ex Silentium
Albert Mercure
Der Brief von Albert Mercure führte mich geradewegs in einen Gewissenskonflikt. Natürlich wusste Albert, dass er mich nur herumkriegen würde, wenn er moralisch motivierte Integrität, gepaart mit meiner Neugier, einforderte. Letztlich hatte ich mit dem Weißen Feuer abgeschlossen und nachdem Lilith durch einen heimtückischen Angriff der Rotkreuzer, zurückziehen. Damals, als wir noch in Paris wohnten und arbeiteten, fügten einige Rotkreuter, die sich als Nachfolger der Inquisitoren sahen, Lilith lebensbedrohliche Brandwunden zu. Andererseits hatten die Rotkreuzer genau erreicht, worauf sie abzielten. Nicht nur, dass sie unsere Arbeitsgruppe zerschlugen, als sie an meiner Frau ein Exempel statuierten, das beeinflussbare Mitglieder des Weißen Feuers abschrecken sollte. Tagelang grübelte ich, was Lilith nicht verborgen blieb.
„Du wirkst recht abwesend in letzter Zeit, etwas angespannt“, meinte Lilith. „Du weißt doch, dass ich dich zu gut kenne, als dass du etwas vor mir verheimlichen könntest.“
„Entschuldigung. Ich wollte dich nicht beunruhigen.“
„Hilaire, ich bin deine Frau. Du kannst über alles mit mir reden. Es war der Brief von Albert, nicht?“
„Du hast Recht“, seufzte ich.
Lilith setzte sich neben mich und griff nach meiner Hand.
„Ohne Umschweife: Albert bot mir an, die rechte Hand in seiner Arbeitsgruppe zu werden. Du wurdest ebenfalls bedacht.“
„So, so, wurde ich das“, sagte Lilith. „Wir wollten mit den zwielichtigen Machenschaften des Ordens nichts mehr zu tun haben, das weiß er doch.“
„Natürlich, aber er hat einen Köder an der Leine, dem ich kaum widerstehen kann.“
„Wie meinst du das?“, wollte Lilith wissen.
„Albert wurde damit betraut, dass Geheimnis um Aurum Potabile zu entschlüsseln.“
„Ich verstehe. Daher weht der Wind.“
„Dann verstehst du, dass ich sein Angebot kaum ablehnen kann, nicht?“, seufzte ich.
„Stell dir vor, du würdest gleich morgen packen, um dich nach Paris zu begeben. Wie würdest du dich fühlen?“, sagte Lilith.
„Hm, um ehrlich zu sein, ich denke, es wäre ein erhebendes Gefühl. Aurum Potabile. Weißt du, was das bedeutet?“
„Es ist mir klar, dass ich dich nicht aufhalten darf. Mach, was dein Herz dir sagt“, sagte Lilith. „Insgeheim hast du deine Entscheidung längst getroffen. Ich werde dich begleiten. Irgendjemand muss doch auf dich aufpassen.“
Erleichtert umarmte ich Lilith. Ich hatte erwartet, von ihr hundert Gründe aufgezählt zu bekommen, warum es besser wäre, hier zu bleiben, hinter dicken Mauern verschanzt, fernab des Epizentrums des Weißen Feuers. Beide wussten wir, dass es keine plausiblen Gründe gab, nicht mit Albert zusammen zu arbeiten, jedenfalls keine Gründe, die nicht auf Angst begründet wären.
Seit dem heimtückischen Angriff der Rotkreuzer hatte sich Lilith verändert. Ihre Unerschrockenheit war Angst gewichen, ihre Zielstrebigkeit durch Zaudern abgelöst worden und ihre Jovialität von Misstrauen überlagert. Die Zeit heilt alle Wunden, heißt es. Auf Liliths Haut waren die Brandnarben zwar immer noch zu sehen, jedoch viel schlimmer waren die psychischen Verletzungen und die damit verbundenen Einschränkungen. Nachdem sie aus dem Krankenhaus entlassen worden war, begaben wir uns sofort zu unserem Landsitz in den Alpen und Lilith wurde sozusagen ein ruheloser Geist, der die meiste Zeit des Tages im Bett blieb und des Nächtens, wenn sie Schlaflosigkeit quälte, durch die Korridore wandelte. Weil es nach mehreren Monaten immer noch nicht aufwärts ging, entschlossen wir uns, einen Arzt zu konsultieren, der sich auf psychische Leiden spezialisiert hatte. In langen Gesprächen unter Mithilfe bestimmter Heilkräuter besserte sich die Verfassung Liliths allmählich.
In unserem gemeinsamen Garten, dessen Betreuung uns große Freude bereitete, sprossen Blumen und Kräuter aller Art. Eines Tages, nachdem wir die angrenzenden Wälder auf der Suche nach Heilkräutern erschlossen hatten, schlug Lilith vor, das nahe gelegene Dorf zu besuchen. Ihren Arm bei meinem eingehakt hatten wir uns durch die Straßen vorgetastet. Es fiel mir auf, dass sich der Druck auf meinen Oberarm unmerklich verstärkte. Die Angst stand Lilith ins Gesicht geschrieben, während ihr Atem sich beschleunigte. Sie war immer eine willensstarke Frau gewesen.
„Bist du sicher, dass du so weit bist“, fragte ich Lilith.
„Nicht voll und ganz. Aber lass es uns einfach versuchen“, war die Antwort. Und so bezogen wir in Paris unweit der Sorbonne eine Wohnung, die uns Albert Mercure organisierte. Aufgeregt schlichen wir durch die Straßen, verwundert darüber, wie viel sich in den letzten Jahren geändert hatte.
„Hat dir Albert mitgeteilt, wer seiner Arbeitsgruppe noch angehört“, wollte Lilith wissen.
„Ja. Da wären Irene Lucia, eine Chemikerin aus Spanien, die bereits seit einiger Zeit an der Sorbonne gastiert und Abdul Adziz, ein muslimischer Arzt, der ursprünglich aus dem Iran stammt.“
„Aus dem Iran? Ein Moslem also. Wie hat es ihn denn nach Paris verschlagen?“
„Hat mir Albert nicht gesagt. Am besten wir fragen Abdul einfach selbst.“
Es stellte sich heraus, dass Abduls Eltern nach Spanien emigriert waren, um in Sevilla ein neues Leben zu beginnen. Im ehemaligen Schmelztiegel westlicher und östlicher Traditionen erwarteten sie, sich zwangloser entwickeln zu können. Die Erosion der straffen christlichen Verhaltensweisen ebnete ihnen im Gegenzug den Weg, medizinische Forschung uneingeschränkt voranzutreiben, dachten sie. Die Realität offenbarte sich nicht wertfrei, das heißt, die Probleme ihrer Heimat konnten sie hinter sich lassen, jedoch wurden sie durch andere ausgetauscht, auf die sie nicht vorbereitet waren. Muslimen kam man nicht selten mit Misstrauen entgegen, bei einigen reichte es bis zur Ablehnung.
Abdul hatte bereits früh sein Interesse für Medizin erkannt. Sein größter Vorteil gegenüber anderen angehenden Medizinern war, sowohl mit westlichen wie mit östlichen Verhaltensweisen vertraut zu sein und für ihn war es selbstverständlich, sich den Umständen entsprechend zu verhalten. Sein Repertoire an medizinischem Wissen ergänzte sich sozusagen gegenseitig. Trotzdem war für ihn die Karriereleiter enden wollend. Er sei zu jung, hätte abstruse Ideen und außerdem würde seine Religion immer wieder zu Problemen führen, wurde hinter vorbehaltender Hand gemauschelt. Zu seinem Glück fand er an der Universität Verbündete, die ihn in das Weiße Feuer einführten, um ihm nach seiner Initiation Albert Mercure vorzustellen, der restlos begeistert war, weil Abdul recht unkonventionell desgleichen einfallsreich an heikle Fragenstellungen heranging.
„Diese Irene Lucia stammt ebenfalls aus Spanien“, meinte Lilith. „ Und ihre Lebensgeschichte ist nicht weniger ungewöhnlich.“
„Tatsächlich?“
Wie Lilith war Irene Halbjüdin, was den Alltag nicht unbedingt erleichterte, denn sie fühlte sich weder voll und ganz der jüdischen noch der christlichen Gemeinschaft zugehörig, geschweige denn akzeptiert. Im Gegenzug dazu entwickelte Irene einen beachtlichen Willen, der sie umso zielstrebiger werden ließ, je härter die Schicksalsschläge sich auftaten. Ihre Mutter starb früh und als ältere von zwei Schwestern war es nun an ihr, darauf zu achten, dass zu Hause alles weiterhin seinen gewohnten Gang ging. Selbst als sie an einer Blutvergiftung fast gestorben wäre, weil sie sich auf dem Landgut des Vaters beim Weinlesen verletzt hatte, gab sie nicht klein bei. Nach dem anfänglichen Wunsch, Tierärztin zu werden. entschloss sie sich, an der Universität von Sevilla Chemie zu inskribieren, wenngleich ihre Beweggründe seltsam anmuten. Irene wollte Funktion und Beschaffenheit des Blutes vollkommen verstehen, um eines Tages ein Substrat kreieren zu können, das bei Blutverlust menschlichem Blut beigemengt werden könne.
Sie war eine der ersten weiblichen Assistenzprofessorinnen an der Universität von Barcelona. Während ihres Vortrages in Frankreich, der von einigen Kollegen nicht ganz ernst genommen wurde, trat Albert Mercure an sie heran.
„Morgen früh um acht Uhr hat Albert die erste Zusammenkunft angesetzt“, erklärte ich.
„Es ist lange her, seit ich die Sorbonne von innen gesehen habe“, sinnierte Lilith „Ich fühle mich kribbelig wie eine Studentin, die zum ersten Mal die Schwelle der Universität betritt.“ Einige Wochen später hatten sich innerhalb der Arbeitsgruppe Freundschaften entwickelt, wobei nicht nur die Zeit im Labor miteinander verbracht wurde. Albert Mercure hatte bereits eine Menge Vorarbeit geleistet, wobei ihm Abdul Adziz behilflich war. Sie hatten alles an Literatur zusammengetragen, was über Aurum Potabile zu finden bzw. alles, was damit in Zusammenhang zu bringen war. Tagelang durchstöberten sie die Schriften und mussten sich bald Hilfe von außerhalb holen, denn keiner von ihnen war des Sanskrits, des Deutschen oder des Mandarins mächtig. Schließlich hatte sich der entscheidende erste Schritt heraus kristallisiert. Welches pH-neutrale Lösungsmittel ist dazu im Stande, edle Metalle zu lösen?
„Ich schätze mal, dieses Alkahest, wie es Paracelsus nannte, existiert nicht“, argwöhnte Irene.
„Jedenfalls nicht, wie wir uns das vorstellen“, meinte Albert. „Entweder sein Goldwasser enthielt gelöstes Gold, dann müsste er ein extrem saures bzw. oxidierendes Lösungsmittel wie Königswasser beigemengt haben, oder es enthält kein gelöstes Gold und er löste irgendetwas anderes in seinem Elixier, das keinen hohen pH-Wert erforderte.
„Könnte es nicht sein, dass es noch eine Möglichkeit gibt?“, mutmaßte Lilith. „Was, wenn er sozusagen über einen Umweg oder eine Zwischenstufe Gold in gelöster Form fabrizierte, wie Goldchlorid, und dann irgendwie mit einer anderen Substanz wieder umwandelte, sodass er dieses Elixier verabreichen konnte?“
„Na ja, interessante These“, sagte ich. „Aber die starke Säure verdrängt immer die schwache, das heißt, eine schwache Säure, etwa Essigsäure, könnte niemals Goldchlorid zu Goldcarbonat umwandeln.“
„Muss es auch nicht“, wandte Abdul ein. „Im Magen herrscht doch sowieso ein stark saures Milieu. Es würde demnach wieder Goldchlorid entstehen.“
„Dem stimme ich zu“, erwiderte ich. „Dessen ungeachtet: Was sollte dem Magen anderes übrig bleiben, als das Goldchlorid wieder auszuscheiden? Er kann es doch nicht verwerten.“
„Woher wissen wir das?“, entgegnete Lilith. „Wir haben es doch nie probiert und die medizinische Literatur diesbezüglich lässt zu wünschen übrig.“
„Da ist was dran“, pflichtete ihr Albert bei. „Ich schlage vor, als nächsten Schritt, probieren wir die plausibelsten Rezepte aus und verabreichen sie Versuchstieren. Wie wär´s mit Heuschrecken? Die leben etwas mehr als ein halbes Jahr, sind einfach zu handhaben und leicht verfügbar.“
Dem hatte niemand etwas entgegen zu setzten.
Es dauerte weitere Wochen bis wir brauchbare Arbeitsvorschriften aufweisen konnten, denn sie waren oft von alchemistischer Symbolik durchzogen. Viele waren in fremden Sprachen verfasst, wobei die Übersetzer an ihre Grenze stießen, etwa weil sie die naturwissenschaftlichen Zusammenhänge nicht begriffen und dies wiederum in Rücksprache mit den Mitgliedern der Arbeitsgruppe leicht zu Missverständnissen führen konnte.
Als wir endlich halbwegs brauchbare Rezepturen in unseren Händen hielten, arbeiteten wir in zwei Gruppen weiter. Hier taten sich weitere Probleme auf. Die Synthesen zogen sich über Wochen und inkludierten abstruse Ideen: Etwa den Mondzyklus. Abdul unterstützte die Übersetzer so gut es ging und organisierte beziehungsweise betreute die Heuschrecken.
Es wurde uns bald klar, dass die Arbeitsabläufe nicht stringent verfasst wurden, denn es kam kein annähernd zufriedenstellendes Ergebnis zu Stande. Also gingen wir daran, alles noch einmal zu überarbeiten, worauf sich wieder kein Erfolg einstellte.
„Ganz schön frustrierend, nicht?“, warf Albert in die Runde. „Wir können noch nicht mal ansatzweise ein positives Ergebnis vorweisen.“
„Kann man wohl sagen“, antworte Irene.
„Ich schlage vor, Lilith und Hilaire, ihr nehmt euch die restlichen Rezepturen, eine nach der anderen, vor. Abdul wird euch unterstützen. Irene und ich werden uns noch einmal über die fehlgeschlagenen Experimente den Kopf zerbrechen. Einverstanden?“
„Es gibt keine Alternative, jedenfalls fällt mir im Moment keine ein und aufgeben werden wir klarerweise nicht“, antwortete ich etwas zu enthusiastisch, obgleich ich an den Minen meiner Kollegen erkennen konnte, dass sie dem Ausgang unserer Bemühungen nicht unbedingt positiv entgegenblickten.
Nach weiteren Fehlschlägen war unsere Stimmung erst mal auf einem Tiefpunkt angelangt. Wir hatten mehr als eineinhalb Jahre fast täglich mindestens 10 Stunden in einem Labor verbracht und konnten nicht das geringste Ergebnis vorweisen. Etwas das nicht existiert, kann nicht generiert werden, dachte ich und weil ich die angeschlagene Moral meiner Freunde nicht weiter aushöhlen wollte, bat ich Albert um ein Vier-Augen-Gespräch.
„Wenn ich mich nicht täusche, willst du deinen Unmut kund tun“, erriet Albert.
„Richtig. Wir haben uns mit medizinischer Literatur aus jedem Kontinent beschäftigt und das Ergebnis war jedes Mal das Gleiche, nämlich kein Ergebnis.“
„Ich verstehe deine Frustration“, betonte Albert. „Andererseits: Unser kleines Projekt ist nicht auf zwei oder drei Jahre anberaumt, sondern Jahrzehnte. Meinst du, wir sind die ersten, die das Mysterium bezüglich Aurum Potabile erkunden wollen?“
„Wenn du schon fragst, nein“, antwortete ich kleinlaut.
„Wir sind Pioniere einer neuen Zeit, die in Richtung Wissenschaftlichkeit abzielt. Wer weiß, wozu Medizin und die Naturwissenschaften eines Tages fähig sein werden. Dazu bedarf es vor allem Beharrlichkeit.“
„Moment mal“, unterbrach ich Albert. „Es war nicht meine Absicht aufzugeben, sondern …“
„Sondern?“
„Vielleicht sollten wir unsere Methoden ändern.“
„Was schlägst du vor?“, wollte Albert wissen.
„Na ja, warum unternehmen wir nicht Reisen nach Indien, China oder sonst wohin, um uns vor Ort über die überlieferten Heilpraktiken kundig zu machen?“
„Die Idee gefällt mir!“, entgegnete Albert, „Ich wollte ohnehin mit dir über etwas Wichtiges reden.“
„Worüber denn?“, antwortete ich neugierig.
„Die Kontakte des Weißen Feuers fallen dann und wann auf fruchtbaren Boden. In Lothringen existiert ein kaum bekannter Orden. Ich wurde darüber informiert, dass dort ein vielversprechendes Originaldokument von Johann Agricula gehortet wird. Es gibt nur eine Kopie, soviel ich weiß, und der Vatikan ist nicht unbedingt ein Territorium, in das uns Einlass gewährt wird. Es handelt sich um eine lateinische Arbeitsanleitung, die die Herstellung von Aurum Potabile zum Inhalt hat.“
„Tatsächlich! Dann holen wir uns das alte Kochbuch.“
„Würde ich gerne“, antwortete Albert. „Das Problem dabei ist nur, dass sie das Dokument nicht herausrücken wollen. Mein Vorschlag ist, dass du und Abdul ins Départemet Loiret reist und eine Abschrift davon anfertigt.“
„Nach Loiret?“, staunte ich. „Das würden wir in zwei Tagesreisen erreichen. Wo genau soll sich das Original befinden?“
„Der Ort heißt Boigny-sur-Bionne. 1154 wurde dem Lazarusorden von Ludwig VII. das Schloss Boigny übereignet.“
„Na gut, das sollten wir finden. Aber wie kommst du auf Abdul“, stutzte ich. „Hältst du das für eine gute Idee? Er ist doch Moslem. Könnte es nicht sein, dass sie uns die Tür vor der Nase zuschlagen?“
„Nein. Lilith oder Irene würden sie nicht über die Schwelle ihres Klosters treten lassen und ich bin anderwärtig beschäftigt. Außerdem hat Abdul etwas, dass der Orden begehrt. Es handelt sich um ein sagenumwobenes Buch arabischer Medizin genannt Zad al-Ma´ad. Verfasser ist ein gewisser Ibn Qayyim.“
„Und es ist so wichtig, dass dieser Lazarusorden im Gegenzug eine seiner wertvollsten Schriften teilen wird?“, zweifelte ich.
„Soweit ich meiner Korrespondenz mit dem Leiter des Ordens glauben kann, ist es das.“
„Worum geht es in dem Buch?“, wollte ich wissen.
„Um natürliche Heilmethoden, Heilpflanzen und mehr. Wie du weißt, war die arabische Medizin bereits gut entwickelt, als man bei uns noch nichts anderes als einen Aderlass anzubieten wusste. Das Beste an der Sache ist, dass Abdul unter Mithilfe eine französische Transkription angefertigt hat.“
„Tatsächlich?“
„Nun, was hältst du von der Sache?“, sagte Albert.
„Ehrlich gesagt, ich würde nichts lieber tun, als nach Loiret zu reisen, wenngleich ich daran zweifle, dass uns dieses Dokument weiterbringt.“
„Jedenfalls werden uns deine Zweifel auch nicht von Nutzen sein. Ich würde vorschlagen, dass ihr am Montag abreist.“
„Gut. Ich muss es nur noch Lilith schonend beibringen. Die letzten Jahre waren wir unzertrennlich. Es ist sicher ein eigenartiges Gefühl, sie für einige Tage nicht um mich zu haben.“
„Das kann ich gut verstehen“, antwortete Albert.
„Dann werde ich gleich mal nachsehen, wo sich Abdul aufhält. Ich mag den Kerl, wenngleich er ein Ungläubiger ist“, scherzte ich.
Es fiel mir nicht leicht, Lilith zu überzeugen. Freilich sicherte mir Irene ihre Hilfe zu, die für unsere Situation vollstes Verständnis aufbrachte. Sie versicherte mir, meine Frau nicht aus den Augen zu lassen und sich durchaus vorstellen zu können, ein paar Tage in unserer gemeinsamen Wohnung zu übernachten. Der Abschied fiel uns dessen ungeachtet genauso schwer, wie ich es vermutet hatte.
„Dass du mir gesund und munter wieder zurückkommst“, flüsterte mir Lilith, mich umarmend, ins Ohr.
„Nichts könnte mich je davon abhalten, dich wieder in meine Arme zu schließen“, antworte ich.
Quid pro quo
Die Kutschenfahrt verlief alles andere als angenehm, denn die regennassen Fahrwege der französischen Provinz mit ihren handtiefen Löchern ließen meine alten Knochen erzittern.
„Bist du sicher, dass sie dich empfangen werden?“, fragte ich Abdul. „Möglicherweise unterschätzt du die Berührungsängste der Mönche bezüglich anderer Konfessionen.“
„Da mach dir mal keine Sorgen. Wir wissen doch nicht, ob sie mir gegenüber Ressentiments hegen. Andererseits, warte mal“, murmelte Abdul, während er ein Buch aus seiner Tasche kramte. „Sieh dir das mal an!“ Er hielt mir ein aufgeschlagenes Buch vor die Nase, in dem ein großes grünes Kreuz abgebildet war.“
„Kennst du dieses Emblem?“, wollte er wissen.
„Nein, keine Ahnung, aber ich hege den Verdacht, dass du mich umgehend darüber aufklären wirst.“
„Stets zu Diensten“, brummte Abdul. „Dieses Symbol wurde ursprünglich auf der linken Schulter getragen. Es gab damals zu Zeiten der Kreuzzüge eine Menge seltsamer Orden, einer davon war der Lazarusorden, der sich, wie alle Ritterorden, zum Ziel gesetzt hatte, das Christentum zu verteidigen. Erst später widmete sich der Orden der Alten- und Krankenpflege. Rate mal, warum das Kreuz grün ist?“
Theatralisch seufzend neigte ich meinen Kopf zur Seite und dachte nach.
„Möglicherweise weil das grüne Kreuz über die grünen Satane des Orients triumphieren sollte?“
„Ja, damit liegst du gar nicht so falsch“, schmunzelte Abdul. „Diese Gerüchte gab es wirklich.
Der eigentliche Grund lag allerdings an der Großzügigkeit von Sultan Saladin, der sich während einer der zahllosen sinnlosen Schlachten mit einem Waffenstillstand einverstanden erklärte, um unnötiges Blutvergießen zu vermeiden. Aus Dankbarkeit und im Gedenken daran prangte genau dieses Kreuz auf den Schultern bzw. auf den Brust der Kampfkleriker.“
„Kampfkleriker! Coole Sache!“, unterbrach Eric den Bericht Fulcanellis. Sie saßen gemeinsam im Kloster, tief in den Bergen … und Eric lauschte der Lebensgeschichte des Ordensbruders, während sie auf die Rückkehr ihrer Freunde warteten. „Das erinnert mich an die äußerst seltsame Band Type O Negative. Deren seelisch divergenter Band-Leader, Gott hab ihn selig, gestaltete aufgrund seiner skandinavischen Vorfahren eine eigene Flagge, die genauso aussieht, wie die Norwegens, nur in grün-weiß. Außerdem ist auf jedem Platten-Cover fast ausschließlich die Farbe Grün zu finden. Ich glaube, das hat irgendetwas mit Grönland zu tun.“
„Ich fürchte, der Vergleich hinkt“, meinte Fulcanelli.
„Leuchtet mir ein“, gab Eric kleinlaut zu. „Wollte auch mal was sagen, worüber du nicht Bescheid weißt.“
„Na, das ist dir gelungen, wenngleich sich in meinem Kopf keine Verbindung zwischen dem Lazarusorden und dieser ominösen Band ergeben will.“
„Ja, das ist kein einfaches Unterfangen“, klönte Eric. „Sobald ich den „Missing Link“ gefunden habe, werde ich dich umgehend darüber informieren.“
„Ausgezeichnet“, schmunzelte Fulcanelli und fuhr in seiner Erzählung fort.
Das Buch der Heilung hatte ich mittlerweile durchgesehen und fand, dass es durchaus Praktiken beinhaltete, die in die europäische Medizin integriert werden sollten. Vor allem was prophylaktische Methoden betraf, war die arabische Medizin der europäischen weitaus überlegen. Grundsätzlich waren die Methoden ausgegorener, was ich darauf zurückführte, dass es in der arabischen Medizin kaum Tabus bezüglich der Anatomie des menschlichen Körpers gab. Das wiederum konnte Abdul nicht bestätigen. Im Gegenteil: Das Experimentieren mit menschlichen Leichen war wie in Europa streng verboten, worauf mir Abdul einige Suren des Korans zeigte, die mir verdeutlichen sollte, dass das Innere des menschlichen Körpers heilig war. Wieder ergaben sich mehr Fragen, als beantwortet wurden. Wie konnten dann Methoden entwickelt werden, die darauf beruhten, die menschliche Anatomie vollständig erschlossen zu haben?
„Warum hat sich die arabische Medizin früher und eindeutig tauglicher entwickelt als die europäische“, wollte ich wissen. „Die Voraussetzungen sehen für mich ähnlich aus.“
„Soviel ich weiß, war die Verquickung von Religion und Wissenschaft, einer Übereinkunft der du höchst skeptisch gegenüberstehst, in der moslemischen Medizin fortgeschrittener“, antwortete Abdul. „Tatsächlich waren die Auslegungen der christlichen Lehren bezüglich Medizin kontraproduktiv.“
„Kannst du das ausführen? Ich kann mir wirklich nicht vorstellen, wie du das meinst.“
„Die Heilung von Krankheiten ist im Koran ausdrücklich erwünscht. Laut den heiligen Schriften hätte Allah für jede Krankheit, außer einer, ein Heilmittel herab gesandt und das beinhaltet sowohl physische als auch psychische Leiden.“
„Außer für eine Krankheit? Welche soll das sein?“, fragte ich erstaunt.
„Das Alter.“
„Natürlich, das Alter“, nickte ich „wenngleich ich das jetzt nicht im engeren Sinn zu den Krankheiten zähle. Du hast mir mal erzählt, dass die arabische Medizin nicht abgeneigt war, jegliche Strömung einfließen zu lassen, solange sie funktional waren. Das heißt, das Wissen über Anatomie entstammt womöglich chinesischer oder indischen Lehren?“
„Nein, nicht unbedingt, es heißt vor allem, es gab Mediziner, die sich unter Einsatz ihres Lebens, über die Regeln des Korans hinweggesetzt haben.“
„Ja, das klingt plausibel“, sinnierte ich. „Andererseits nehme ich an, dass es in Europa ebenfalls Menschen gab, die sich über Verbote hinweggesetzt haben.“
„Mag sein. Vielleicht liegt es an der Abgrenzung gegenüber anderen Lehren. So genau lässt sich das jetzt nicht mehr nachvollziehen.“
Die Gespräche verkürzten uns die Zeit und ließen uns die Schlaglöcher der kaum befestigten Landstraßen vergessen. Kurz bevor die Sonne untergegangen war, mieteten wir uns in einem Gasthaus ein. Zum purpurnen Hahn stand über der Pforte geschrieben. Müde von der Reise gingen wir recht früh zu Bett, schließlich sollte unsere Fahrt nach Sonnenaufgang fortgesetzt werden und unsere morschen Knochen verlangten nach einer ausgedehnten Regenerationsphase. Ein zerfließender Mondstrahl bahnte sich den Weg durch das kleine Fenster. Abduls Schnarchen war nicht gerade wohltuend für meine empfindlichen Ohren und so glitt ich erst nach Stunden in einen dumpfen Dämmerzustand.
Irgendein ungewohntes Geräusch verleidete mir das friedliche Schnarchen Abduls, an das ich mich mittlerweile gewöhnt hatte. Ein metallisches Klicken und Scharren pflanzte sich den Weg durch meine Gehörgänge in mein Gehirn. Jäh erhob ich mich und lokalisierte das Geräusch, das mich endgültig um den Schlaf brachte. Jemand machte sich an der von innen versperrten Tür zu schaffen. Ungläubig starrte ich in die Dunkelheit, zögerte einen Augenblick, und versuchte Abdul so leise wie möglich wach zu rütteln.
„… was ist denn los, verflixt?“, greinte Abdul.
„Pst, leise. Es versucht sich jemand zu unserem Zimmer Zutritt zu verschaffen“, flüsterte ich.
Sofort schien Adrenalin in Abduls Blut einzuschießen. Er richtete sich auf und entstieg dem Bett, was ich nur den Geräuschen zu Folge eruieren konnte, denn ich konnte bestenfalls Schemen wahrnehmen.
„Wir müssen jeder einen Sessel zu fassen kriegen“, krächzte Abdul. „Schnell jetzt.“
„Gut. Verschanzen wir uns damit hinter der Tür.“
Tapsend glitt ich mit kleinen Schritten durch die Dunkelheit. Gerade als ich matten Lichtschein durch den Türspalt dringen sah, umfassten meine Hände einen der Sessel, den ich über meinen Kopf hob und wie ein Tier vor dem Sprung ausharrte. Zentimeter für Zentimeter weitete sich der Lichtkegel. Gerade als der Spalt breit genug war, erschien ein vermummter Kopf.
„Aaarrgh“ hörte ich Abdul schreien, der auf die Gestalt zustürmte. Noch ehe diese reagieren konnte, schmetterte Abdul ihr den Sessel gegen den Schädel. Ein dumpfes Krachen erklang und der Lichtschein der Laterne erlosch. Es müssen mehrere Personen gewesen sein, denn ich konnte hinter der offenen Tür das Licht mindestens einer weiteren Laterne erkennen. Ich gab Abdul ein Zeichen, worauf wir wild entschlossen auf den Gang stürmten, wo uns drei Männer mit Knüppeln erwarteten. Ehe sie reagieren konnten, traf Abdul den ersten Angreifer an der Schulter, währen ich ihm ein Stuhlbein in den Magen rammte, worauf dieser zu Boden ging. Unerwartet spürte ich einen dumpfen Schmerz in meinem linken Arm. Getroffen zuckte ich zusammen, worauf mich erneuert ein Schlag auf dem Kopf traf und ich umfiel wie ein gefällter Baum. Zwei Gestalten näherten sich Abdul, der unsicher zurückwich. Eilig schritten sie an mir vorbei. Ich trat einem gegen das Knie worauf dieser stolperte und gegen den anderen prallte. Plötzlich war es stockdunkel. Ein schmerzverzerrter Schrei ließ mich zusammenzucken. Abdul musste jemand getroffen haben. Und ich konnte Kampfgeräusche vernehmen.
„Rückzug“, hörte ich jemanden sagen.
Doch so einfach war die Sache nicht. In dem engen dunklen Gang konnten die Eindringlinge nicht so einfach abziehen. Als ich versuchte mich aufzurichten, spürte ich, dass jemand an mir vorbeihastete. Ich bekam ihn zu fassen, zerrte ihn zu Boden und ein wildes Handgemenge entstand. Besinnungslos schlug ich mit Händen und Füßen auf den Angreifer ein, der sich aus Leibeskräften wehrte. Unerwartet traf mich eine Faust hart auf der Nase, worauf ich zurückwich. Von rohen Flüchen Abduls begleitet, konnte ich nicht verhindern, dass die Bande flüchtete. Nach Luft japsend, blieben wir zurück.
Es dauerte eine Weile, bis der Herbergswirt mitsamt seiner Gemahlin erschien und verdattert wissen wollte, was uns denn einfiele, die Nachtruhe so schändlich zu vernachlässigen.
„Wir sind überfallen worden“, brummte ich.
„Meine Güte“, seufzte die Wirtin. „Sie sind ja verletzt.“
Aus einer Platzwunde rann Abdul das Blut in dicken Rinnsalen den Kopf hinunter und sein ehemals weißes Hemd war in Purpur gehalten.
„Die haben dich übel zugerichtet“, sagte ich unter Scherzen. „Zeig mal deinen Kopf her.“
„Du siehst auch nicht ganz taufrisch aus. Lass mal sehen, ob deine Nase gebrochen ist.“
Erst jetzt merkte ich, dass mein Hemd ebenfalls in Blut getränkt war und meine Hand schmerzte erbärmlich.
„Willst du zuerst die gute oder die schlechte Nachricht hören“, seufzte Abdul.
„Mir doch egal“, jammerte ich. „Die gute.“
„Also: Deine Nase ist in Ordnung. Andererseits sind zwei Finger gebrochen. Die müssen wir auf jeden Fall sofort schienen und verbinden.“
„Na toll“, antwortete ich. „Schöner Ausflug.“
„Moment, ich werde umgehend warmes Wasser, Tücher und alles weitere zum Verarzten holen“, meinte der Wirt. „Sehr merkwürdig. Noch nie hat es jemand gewagt, meine Gäste zu behelligen. Dafür muss ich mich wohl entschuldigen.“
„Sie können nichts dafür“, meinte Abdul.
„Seien sie gewiss, dass sie den Rest der Nacht unbeschadet überstehen werden. Ich selbst werde Wache halten“, entgegnete der Wirt.
„Danke“, seufzte ich. „Jetzt muss ich mich aber empfehlen. Die Reise bedeutet für meine morschen Knochen eine Herausforderung und diese Schläger haben mir den Rest gegeben. Gute Nacht.“
Nachdem wir einigermaßen verarztet waren fielen wir in unsere Betten und ich glitt in einen tiefen Schlaf aus dem mich nicht mal die Trompeten von Jericho hätten wecken können, geschweige denn Abduls Schnarchen.
Die Fortsetzung der Reise gestaltete sich beschwerlich. Abdul kam nicht zur Ruhe. Er hatte die fixe Idee, der Überfall geschah nicht grundlos, wir waren keine zufälligen Opfer. Seine Argumente überzeugten mich nicht hundert prozentig und hinterließen bei mir einen üblen Nachgeschmack, der mir anhaltende Grübelei bescherte.
Alle paar Stunden mussten wir ausgedehnte Pausen einlegen, es ging nicht anders. Unser Ziel näherte sich. Die Schatten wurden länger und länger als wir zu Fuß das Kopfsteinpflaster der Anhöhe zum Schloss Boigny hoch stiegen. Beiden sahen wird nicht gerade vorteilhaft aus. Müde von der Fahrt mit blauen Flecken im Gesicht und meinem verbundenen Arm mussten wir einen Furcht erregenden Eindruck abgeben, jedenfalls starrte uns der Mönch an der Pforte mit großen Augen an.
„Gott zum Gruße. Das ist nur halb so schlimm wie es aussieht“, erklärte Abdul, nachdem der Kleriker die Blicke nicht abwandte.
„Für uns Städter sind die buckligen Pflaster der Provinz nicht gerade einladend“, fügte ich ein wenig gekünstelt hinzu, um von unserem Äußeren abzulenken.
Nachdem unsere Identität geklärt war, bedeutete der Mönch wortlos, ihm zu folgen. Der Abt des Obdachs hielt sich in der Schreibstube auf und unterrichtete seine Schüler in Altgriechisch. Schnurstracks kam er auf uns zu.
„Endlich“, ächzte er. „Mein Name ist Oliver Gillard. Eure Namen kenne ich bereits. Es ist nicht schwer zu erraten, wer Abdul Adziz und wer Hilaire de Chardonnet ist.“
„Immer zu Diensten“, entgegnete ich.
„Salamaleikum“, grüßte Abdul, während ihn die Mönche ungläubig anstarrten.
„Ich schlage vor, wir kommen gleich zum Geschäft“, meinte der Abt. „Hier lang.“
„Sie sind jemand, der eindeutige Worte findet“, stimmte ich zu.
In der Bibliothek öffnete Gillard mit einem Schlüssel, den er um den Hals trug, eine Art Tresor, aus dem er eine kleine vergilbte Mappe kramte, die er Abdul reichte. Dieser streifte seinen Umhang ab, legte ihn auf einen Tisch und begann innen eine Naht aufzutrennen.
„Verstehe, Sicherheitsmaßnahmen“, bemerkte Gillard.
„Tja, die Straßen sind voll von Gestalten, denen nicht über den Weg zu trauen ist“, seufzte Abdul. „Das kann ich aus eigener Erfahrung berichten.“
„Das hätt ich euch auch sagen können“, meinte der Abt vorwurfsvoll. „Ihr hüllt euch in edle Stoffe, das zieht unedle Gemüter an.“
Die beiden vertieften sich sofort in die Manuskripte, während ich untätig danebenstand. „Mhm, mhm“, gab Abdul des Öfteren von sich, während Oliver Gillard sich damit begnügte, beeindruckt zu nicken.
„Ich möchte die Herren keinesfalls von etwas abhalten, aber ich denke, es ist an der Zeit, eine Übernachtungsmöglichkeit anzustreben, nicht Abdul“, unterbrach ich die beiden Forschenden.
Geistesabwesend erhob Abdul sein Haupt und sah mich an, als hätte ich gerade Gälisch gesprochen.
„Äh…, du hast Recht, Hilaire.“
„Ihr werdet doch nicht annehmen, dass ich auch so schnell wieder abziehen lasse, wo ich doch so kundige Gäste im Hause habe. Ich schlage vor, ihr übernachtet in den Schlafstädten der Mönche“, lud das Oberhaupt des Klosters uns großzügig ein.
„Geht das denn?“, wollte Abdul wissen.
„Natürlich. Wir sind nicht so geheim wie unsere Kollegen, die Tempelritter, die nur Eingeweihte hinter die Kulisse aus vier Meter Steinmauern blicken lassen“ schmunzelte Gillard. „Herzlichen Dank“, entgegnete ich.
„Gut, das wäre geklärt“, antwortete der Abt. „Ich schlage vor, wir widmen uns dem Abendmahl.“
„Guter Gedanke“, stöhnte Abdul, während er sich über den Bauch strich. „In meinem Bauch grummelt es bereits wie von einem Seebeben.“
Am selben Abend begannen wir unter der Mithilfe von Oliver Gillard, das schmale Manuskript zu übersetzen. Gemeinsam ging die Arbeit zügig voran. Gillard war Experte in Latein, Abdul konnte die Metaphern plausibel in Worte fassen und ich versuchte, das Augenmerk auf die Nachvollziehbarkeit der Arbeitsanleitung zu legen. Bis tief in die Nacht arbeiteten wir daran, um schließlich einen Rohentwurf in Händen zu halten, der Abdul und mich auf die praktische Umsetzung harren ließ.
„Irgendwie hab ich ein gutes Gefühl“, grübelte Abdul. „Es scheint alles schlüssig.“
„Zu klar, wenn du mich fragst“, meinte ich.
„Wenn ich mir erlauben darf, neugierig zu sein“, warf unser Gastgeber ein. „Was habt ihr eigentlich damit vor?“
„Darüber dürfen wir eigentlich nicht sprechen“, erwiderte ich. „Ich denke, es müsste Ihnen klar sein, warum wir unbedingt diese Aufzeichnungen haben mussten.“
„Wisst ihr nicht, dass manche Schriften gefährlich sind?“, argwöhnte Gillard.
„Es ist uns bewusst“, antwortete Abdul. „Andererseits sind wir Wissenschaftler. Seit Jahren beschäftigen wir uns mit diversen Heilmethoden und ich bin mir sicher, dass wir einer Menge Menschen das Leben gerettet haben. Es existieren noch viel mehr Menschen, deren Leben zu retten sind.“
„Wissenschaft hin oder her“, entgegnete der Abt besorgt. „Wer mit dem Feuer spielt, verbrennt sich leicht.“
„Wir arbeiten an einer der renommiertesten Universitäten auf diesem Planeten an Dingen, die sich viele Menschen nicht mal vorstellen können“, grummelte ich. „Das Spiel mit dem Feuer ist unser tägliches Brot.“
„Verstehe“, antwortete Gillard. „Die werten Wissenschaftler lassen sich nicht von einem Abt aus der Provinz ins Gewissen reden.“
„Entschuldigung, es war nicht unsere Absicht, sie in irgendeiner Weise zu diskreditieren“, meinte Abdul. „Es ist nur so, dass wir sehr viel unserer Lebenszeit und Energie in ein Projekt gesteckt haben, bei dem es, wenn ihr so wollt, kein Zurück mehr gibt.“
„Besucht uns in Paris“, fügte ich an. „Ihr könntet euch persönlich von der Wichtigkeit unseres Unterfangens überzeugen.“
„Einer Einladung, der ich kaum wiedersehen kann“, seuftze Oliver Gillard.
Irgendwann frühmorgens ermatteten unsere Gespräche. Mein Kopf war nicht mehr zu gebrauchen und das Letzte, das ich hörte, bevor ich in das Land des Schlafes glitt, war das unablässige Schnarchen eines Mönches, der wohl mit einer massiven Verkühlung zu kämpfen hatte.
Als wir Stunden später mit wackeligen Knien die Anhöhe beim Kloster hinunter latschten, hatten wir eine vielversprechende Aufgabe in der Tasche und einen neuen Freund gefunden. Die Rückreise gestalteten wir umsichtiger, deswegen übernachteten wir in einem guten Hotel unweit eines Gendarmeriepostens, der24 Stunden lang besetzt war. Während der gesamten Zeit widmeten wir uns der Arbeitsanleitung, deren Übersetzung wir kaum lesbar auf vollgekleckstes Papier kritzelten. Die Arbeitsprozesse der Vorschrift waren zum ersten Mal eindeutig nachvollziehbar, das heißt der Prozess war eindeutig nachvollziehbar angelegt, ohne abstrusen abergläubischen Schabernack und schwer verständlichen Metaphern. Es lag wohl daran, dass wir inzwischen dazugelernt hatten und die Metaphern richtig zu deuten im Stande waren.
„Sieht vielversprechend aus, nicht?“, meinte Abdul, als ich die Übersetzung eingehend durchsah.
„Na ja, das haben wir uns des Öfteren gedacht. Ohne es ausprobiert zu haben, möchte ich dazu nichts sagen.“
„Und wie geht’s dir sonst? Siehst ein wenig griesgrämig drein.“
„Es ist wegen Lilith“, seufzte ich. „Ich mach mir Sorgen um sie.“
„Verstehe. Wie ich Irene kenne, wird sie Lilith bis spät abends mit Arbeit eindecken. Du kennst sie ja. Sie weiß Energieströme umzulenken. Lilith wird denken, du warst nur eine halbe Stunde im Cafe um die Ecke.“
„Das hoffe ich“, entgegnete ich abwesend.
Spätabends sperrte ich die Tür zu unserer Wohnung auf und fand Lilith friedlich schlafend, während auf meiner Seite des Bettes einige Manuskripte und Bücher lagen, die ich leise, allerdings nicht leise genug, auf den Nachttisch legte.
„Schön, dass du zurück bist“, flüsterte Lilith. Zärtlich strich ich ihr über das Haar, löschte das Licht und umarmte sie. Es bedurfte nicht vieler Worte. Wir verstanden uns blind. Am Morgen musste ich meiner aufgebrachten Frau erklären, woher meine Verletzungen herrührten, wobei ich ein wenig flunkerte, um sie nicht zu beunruhigen. Von den Bedenken Abduls erzählte ich Lilith natürlich nichts. Die Straßen seien eben voll von üblen Gestalten, die nur darauf warten, einfältigen Reisenden wie mich, ihren Geldbeutel abzuluchsen. Hoch und heilig schwor ich, beim nächsten Mal vorsichtiger zu sein, sofern es ein nächstes Mal geben sollte, worauf Lilith säuerlich den Mund verzog und ankündigte, mich auf jeden Fall begleiten zu wollen.
Wer sich nicht ganz zufrieden mit der Ausfertigung der Übersetzung zeigte, war verständlicherweise Albert, jedoch hatten wir nach einigen arbeitsreichen Stunden eine brauchbare Arbeitsanleitung vorzuweisen. Die ersten Schritte verliefen reibungslos. Andere Rezepturen mussten wir bereits zu Beginn verwerfen, weil sie eindeutig fehl geschlagen waren. Ich beobachtete das Team bei der Arbeit und hatte das Gefühl, dass etwas anders war. Der Prozess erstreckte sich über Wochen. Am Ende konnten wir eine rötlich schimmernde kolloidale Substanz vorweisen, die sowohl gelöstes wie feinste Goldpartikel enthielt. Nach eingehender Analyse waren wir uns über die Toxizität für einen Organismus nicht einig, denn die Substanz beinhaltete eine größere Menge an Schwermetallen, deren Dosis auf jeden Fall pathogen einzustufen war. Interessanterweise maßen wir den pH-Wert der Lösung bei knapp über fünf. Das Substrat wies also nur eine leicht saure Wasserstoffkonzentration auf. Bekanntlich beherbergt der menschliche Magen ein Milieu, das mit konzentrierter Salzsäure verglichen werden könnte, was die Frage aufwarf, wie Verdauung und Metabolismus im Allgemeinen auf das Elixier reagieren würden.
„Korrigiert mich, wenn ich mich täusche“, erläuterte Irene. „Schätze mal, das Gold in Verbindung mit den anderen Metallen wirkt wie eine Art Katalysator.“
„Nein, nein, der Gedanke ist gar nicht so abwegig“, bekräftigte ich Irenes Annahme. „Gold und Platin eignen sich vorzüglich als Reaktionsbeschleuniger, etwa was die Erdölraffinierung betrifft. Warum sollte das im menschlichen bzw. tierischen Organismus anders sein?“
„Über die biochemischen Vorgänge im Körper wissen wir zu wenig“, warf Albert ein. „Eine Einschätzung ist deswegen unseriös.“
„Es bleibt uns also nur eine Möglichkeit“, meinte Irene.
„Es unseren Versuchstieren einzuflößen, entgegnete Lilith.
„Wenn keiner Einwände hegt, würde ich sofort zwei Versuchstiere aussuchen und das Experiment beginnen“, meinte Albert sich umblickend. „Gut, machen wir es so.“
Abdul flößte zweien unserer Versuchstiere vermischt mit einer Zuckerlösung das Elixier ein und abwechselnd beobachteten wir unsere Schützlinge. Es dauerte nicht lange und die Tiere schienen unter Krämpfen zu leiden, die sehr schmerzhaft waren, denn sie stießen nie gehörte Laute aus. Nach Stunden änderte sich das Bild, die Krämpfe ließen nach, aber andere Symptome zeigten sich. Wie Im Rausch torkelten die Tiere durch ihre Käfige, worauf sie allmählich ihre Kräfte verließen, worauf ein unnatürlich langer Schlaf folgte, der sich über Tage zog, unterbrochen von kurzen Phasen, in denen die Tiere sehr viel tranken und Nahrung zu sich nahmen. Nach einer Woche war alles beim Alten. Beiden Versuchstieren schienen putzmunter. Es blieb uns nichts anderes übrig, als abzuwarten und unseren Alltag zu bestreiten. Wie jeden Abend kamen Lilith und ich nach Hause, jedoch änderte sich etwas an meinem Empfinden. Kurz gesagt, ich war nach all der verstrichenen Zeit nicht mehr dazu im Stande, noch länger auf ein ernst zu nehmendes Ergebnis zu warten. Eine Idee pflanzte sich in mir fort. Wenn der letzte Versuch an unseren Tieren keine bleibenden Schäden verursachte, warum sollte es beim Menschen anders sein? Jedenfalls waren zum gegebenen Zeitpunkt keine nachteiligen Wirkungen des Elixiers fest zu stellen. Im Bett pflegten Lilith und ich noch zu schmökern und über den Tag zu reden. Als ich sie fragte, was sie denn von meiner Idee hielte, reagierte sie ungehalten.
„Nicht, dass du darauf anspielst, das Gebräu im Selbstversuch zu erproben, Hilaire!“
„Aber warum denn nicht? Andere Wissenschaftler haben es auch versucht.“
„Sei nicht albern“, brummte Lilith. „Du weißt doch, dass gerade durch die Einnahme von vermeintlichem Aurum Potabile beispielsweise im heutigen China Menschen zu Tode gekommen sind.“
„Das ist lange her“, seufzte ich. „Wer weiß schon, welches Gebräu sie sich einflößen ließen? Wir sind doch heute viel weiter, was Toxikologie betrifft. Glaubst du, Abdul würde mich etwas schlucken lassen, das mir den Garaus macht?“
„Ich brauch dich unter den Lebenden, nicht auf dem Seziertisch der Geschichte“, greinte Lilith.
„Oh, auf dem Seziertisch der Geschichte“, gab ich theatralisch zurück.
„Ich habe keine Lust mich von dir veräppeln zu lassen!“, schnaubte Lilith zornig. „Gute Nacht!“
Ohne ein weiteres Wort knipste sie ihre Nachtischlampe aus und drehte sich von mir weg. Behutsam legte ich meine Hand auf ihre Schulter und entschuldigte mich bei ihr, worauf sie mich küsste und meinte, es würde ihr für heute reichen.
Schwebend wie ein Geist glitt ich durch einen spärlich beleuchteten Raum, der aus massiven Steinen gebaut war. In etwa zweieinhalb Meter Höhe befand sich ein kleines vergittertes Fenster und eine schwere Tür erinnerte mich daran, dass es zu beginn der Neuzeit nicht unüblich war, Menschen wie Tiere zu halten. Es musste sich um eine Art Gefängniszelle handeln, dachte ich.
Hinter der Eichentür bannte sich ein Geräusch bis zu meinen Gehörgängen. Ein metallischer Gegenstand musste über den Boden geschleift werden. Unvermutet steckte jemand einen Schlüssel ins Schloss und ein zerzauster Mann wurde unsanft durch die Pforte getrieben. Ein Gefangener, dessen Beine mit einer Kette verbunden war, sodass er nur im Stande war, kleine Trippelschritte zu vollführen.
„Jetzt streng dich mal an, alter Mann“, warnte ihn einer der Wachen. „Mein Herr und Meister will bis zum nächsten Vollmond Ergebnisse sehen. Er ist ohnehin griesgrämig genug. Wird Zeit, dass sich seine Stimmung wieder hebt.“
„Jawohl, wie ihr befiehlt“, stöhnte der Gefangene.
Mit einem Ruck wurde die Tür zugeschlagen. Als sich der Gefangene die Haare aus dem Gesicht strich, merkte ich, dass er einige Blessuren aufwies. Humpelnd begab er sich zu einem Stuhl und ließ sich ermattet darauf nieder. Erst jetzt sah ich mich genauer um, und merkte, dass es in dem Raum vor seltsam anmutenden Apparaturen nur so wimmelte. Nachdem ich die Kästen in der Ecke inspizierte, war ich mir sicher, dass es sich um ein alchemistisches Labor handelte. Doch zu welchem Zwecke wurde der Mann hier eingesperrt? Er war auf jeden Fall der Alchemie kundig.
Nach einer Weile erhob sich der Mann, hinkte zu einem Tisch und holte ein Buch aus einer Lade. Es war eine kaum lesbare Handschrift, eine Abschrift, wie ich vermutete, in einer Sprache, die mir nicht bekannt war. Der Mann schien kein Problem damit zu haben, die unverständlichen Silben zu entschlüsseln. Gespannt sah ich ihm zu, wie er Ingredienzien vorbereitete, Apparaturen justierte und ein Glutbecken entfachte. Er schleppte sich abermals zu einem der Kästen und kramte einen verschlossenen Glaskolben hervor, in dem ich sofort den matten Glanz von reinem Gold erkennen konnte. Um mich zu vergewissern, wollte ich mir das Gefäß genauer ansehen. Ich huschte zwischen den Apparaturen und dem Mann durch, währen mein Blick auf den Glasgefäßen haften blieb. Unvermutet spiegelte sich mein Gesicht in dem Gefäß, worauf ich erschrak. Ich war genau in so eine abgetragene Kutte gekleidet wie der alte Mann, meine Haare hingen mir in Strähnen vom Kopf und meine letzte Rasur musste viele Monate her sein. Ein Auge war blau umrandet und zwei Schneidezähne fehlten mir.
Plötzlich schien sich der Raum aufzulösen. Wie in ein schwarzes Loch wurde alles hinein gezogen. Ich sah nur noch mein eigenes Antlitz, das mich mit weit aufgerissenen Augen anstarrte. Als nichts mehr übrig blieb, begann sich mein Gesicht zu verändern …
„Was ist denn los?“, hörte ich Lilith fragen, die neben mir saß und meine Hand hielt.
„Äh…wo sind wir?“
„Zu Hause in unserer Wohnung, Paris, du verstehst?“, wisperte sie. „Hast du etwa schlecht geträumt?“
Benommen sah ich mich um.
„Ja. War ziemlich real.“
„Willst du mir erzählen, worum es ging?“
„Das letzte woran ich mich erinnern kann, ist, dass ich mich in einem Spiegel sah, aber viel jünger wirkte. Meine angegrauten Haare waren wieder dunkel und überhaupt sah ich aus, wie mein eigener Sohn.“
„Das hat doch nichts zu bedeuten“, versuchte Lilith zu beschwichtigen. „Es war nur ein Traum.“
„Hat es doch und das weißt du“, entgegnete ich.
„Wenn du meinst. Jedenfalls lasse ich mich nicht von deinem Traum, der sich natürlich ganz zufällig jetzt offenbart, umstimmen.“
„Darum geht’s gar nicht“, antwortete ich.
Ein Gespräch mit Albert bestärkte mich in meinem Vorhaben, das gewonnene Elixier an mir selbst zu testen. Schließlich stimmten wir ab und es ging vier zu eins zu meinen Gunsten aus. Erst als Albert versicherte, dass der Test auf keinen Fall meine Gesundheit beeinträchtigen würde, jedenfalls nicht lebensbedrohlich und neben Abdul ein weiterer ausgezeichneter Arzt das Experiment betreuen würde, konnten wir Lilith besänftigen, wenngleich sie von der Sache nach wie vor nicht begeistert war.
„War sicher nicht einfach für sie. Warum habt ihr nicht jemand anderes für das Experiment herangezogen?“, wollte Eric wissen.
„Es war doch meine Idee“, antwortete Fulcanelli.
„Hab ich mitgekriegt. Heute verfüttern die Pharma-Firmen doch auch alles Mögliche an Testpersonen und drücken ihnen dafür ein paar Geldscheine in die Hand.“
„Nun ja. Es war gewissermaßen eine geheime Mission, damals war eben alles anders.“
„Du warst einfach zu neugierig, um es nicht selbst auszuprobieren, nicht?“, grinste Eric.
Fulcanelli blickte etwas verwirrt. Er schien nach etwas in seinem Kopf zu suchen, eine Wahrheit, die er sich nicht eingestehen wollte.
„Ja, so war es wohl“, flüsterte er.
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