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Impressum

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek

Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.

© 2021 Verlag Anton Pustet

5020 Salzburg, Bergstraße 12

Sämtliche Rechte vorbehalten.

Lektorat: Anja Zachhuber

Grafik und Produktion: Nadine Kaschnig-Löbel

Coversujet: DenisProduction.com/shutterstock.com

auch als gedrucktes Buch erhältlich: ISBN 978-3-7025-1003-9

eISBN 978-3-7025-8078-0

www.pustet.at

Richard Kaan

Ich muss fast nichts
und darf fast alles!

beschwingt altern


Inhalt

Einleitung

leben

Ach, wie ist das Leben schön!

lernen

Was Hänschen nicht lernt, lernt Hans allemal

laufen

Das Leben besteht in der Bewegung

lachen

Lachen ist … wie ein Regenbogen zwischen den Schauern

lieben

Die Liebe an und für sich

lösen

Nicht bereit – aber vorbereitet

lehren

Wer nichts weiß, muss alles glauben


Anmerkungen

Dank

Gebet des älter werdenden Menschen

Oh Herr, Du weißt besser als ich, dass ich von Tag zu Tag älter und eines Tages alt sein werde.

Bewahre mich vor der Einbildung, bei jeder Gelegenheit und zu jedem Thema etwas sagen zu müssen.

Erlöse mich von der großen Leidenschaft, die Angelegenheiten anderer ordnen zu wollen.

Lehre mich, nachdenklich (aber nicht grüblerisch), hilfreich (aber nicht diktatorisch) zu sein.

Bewahre mich vor der Aufzählung endloser Einzelheiten und verleihe mir Schwingen, zur Pointe zu gelangen.

Lehre mich schweigen über meine Krankheiten und Beschwerden. Sie nehmen zu, und die Lust, sie zu beschreiben, wächst von Jahr zu Jahr.

Ich wage nicht, die Gabe zu erflehen, mir die Krankheitsschilderungen anderer mit Freude anzuhören, aber lehre mich, sie geduldig zu ertragen.

Lehre mich die wunderbare Weisheit, dass ich mich irren kann.

Erhalte mich so liebenswert wie möglich.

Lehre mich, an anderen Menschen unerwartete Talente zu entdecken, und verleihe mir, o Herr, die schöne Gabe, sie auch zu erwähnen.

Teresa von Avila (1515–1582) zugeschrieben

Zum Geleit

Was macht das Thema „Alter“ so wichtig? Warum ist die Beschäftigung mit dem eigenen Alter schon frühzeitig ein Muss? Weil die Alten heute nicht mehr alt sind! Oder zumindest wesentlich später als noch vor 20, 30 Jahren.

Die „Silver Ager“, „Best Generation“ oder „Alt-Hippies“ von heute lieben das Leben, geben deutlich mehr Geld aus als die Jungen und wollen etwas er-leben. Manche gehen wieder zur Uni, andere bereisen die Welt oder machen Sozialdienste und wieder andere wollen einfach weiterarbeiten. Sehr zum Missfallen der Gewerkschaft und auch vieler Unternehmen. Aber auch das schert sie wenig – wie so vieles.

Richard Kaan beschreibt in sieben launigen und unterhaltsamen Kapiteln sein Credo: Wir Älteren dürfen fast alles und müssen fast nichts mehr. Wir dürfen verrückt sein, aber auch vernünftig, fleißig oder auch zeitweise zurückgezogen. Nur nichts machen, das dürfen wir nicht. Sonst verkümmern wir.

Herzlich Ihr

Hermann Scherer

Einleitung
Warum nur, warum?

Jetzt sind Sie alt. Von Amts wegen alt. Das war die Botschaft, die ich von meiner Rentenversicherung erhielt, es geschah um meinen 65. Geburtstag herum. Ich könne im nächsten Monat in Ruhestand gehen, ließ man mich wissen. Ob ich länger arbeiten dürfe? Ja schon, aber …

Fast genau zu dieser Zeit traf ich Greta, eine ältere Dame – entzückend und inspirierend –, die vor Leben nur so sprühte. Sie erzählte über ihre Erfahrung mit dem Altern, ich von der meinen. Nach ein paar intensiven Gesprächen während einer Veranstaltung fragte sie mich, warum ich denn kein Buch darüber schreiben wolle. Und das war’s – ich wollte.

Auch ich hatte mich früher immer wieder einmal mit dem Thema „Alter“ beschäftigt. Zugehört, wenn beispielsweise manche meiner Alters-Kollegen stolz von ihrem Ruhestand berichteten, und habe dabei verwundert gelernt, wie viele Jahre die meisten nicht mehr arbeiteten. Wenn ich mich zudem noch in unserem Freundeskreis umsah, fanden sich einige, die plötzlich besonders viel auf Reisen waren. Andere, welche Ehrenämter annahmen und wieder andere, die einem Chor beitraten oder das Töpfern lernten. Also neuerdings Beschäftigungen nachgingen, für die sie früher wenig oder gar keine Zeit hatten.

Demgegenüber las ich fast täglich in der Zeitung von Versicherungs-Mathematikern, die sich die Haare rauften – beim Nachdenken über den künftigen Umgang mit dem laufenden Älterwerden ihrer Kundschaft. Schließlich sei das durchschnittliche Lebensalter heute bereits bei über 80 Jahren und jedes Jahrzehnt kämen weitere 2 ½ Jahre dazu. Was zur Folge habe, dass ein Großteil der Berechtigten heute fast 20 Jahre seine späte Grundversorgung genießen könne! Immer öfter lese ich auch vom Pflegenotstand und der Unterversorgung mit ausländischen Pflegerinnen, ohne die unser Versorgungswesen komplett zusammenbrechen würde.

Ein paar Seiten weiter erfuhr ich jedoch von rüstigen 100-Jährigen auf höchsten Bergen oder Methusalems, die solo auf dem Fahrrad die Wüste Gobi durchquerten. Und die Top-Meldung war kürzlich eine 70-Jährige, die einen Sohn zur Welt gebracht hatte. Es hieß, es sei ihr erstes Kind!

Über meine eigene Zukunft hatte ich mir wenig Gedanken gemacht, denn ich bin seit rund 40 Jahren selbstständig. Da war so etwas wie Ruhestand nie eine Überlegung. Ich möchte auch heute noch weitere 15–20 Jahre arbeiten. Sicher nicht im selben Tempo wie bisher und nicht im gleichen Umfang, doch immer so, dass ich positiv mit dem beschäftigt bin, was ich gerade mache. Und dann kam die Idee zu diesem Buch, was dazu führte, dass ich mich intensiv mit dem Altern auseinandersetzte. Ich las viele Bücher und sprach mit interessanten Menschen. Ich bat manche von ihnen mir ein paar Zeilen zu diesem Thema zu senden und hiermit bedanke ich mich herzlich bei all jenen, die das taten. Waren die Texte Englisch, habe ich sie selber übersetzt.

Altern ist nicht immer lustig, oft sogar sehr unlustig. Altern ist nichts für Feiglinge, wie Joachim Fuchsberger es ausdrückte. Disziplin und rechtzeitige Planung allerdings helfen enorm und können uns das späte Leben massiv verbessern. Daher: Tun Sie etwas, lassen Sie die Dinge nicht einfach passieren. Befassen Sie sich positiv mit Ihrer Zukunft. Kümmern Sie sich um Ihre Freunde oder suchen Sie sich rechtzeitig neue, denn Freundschaft braucht einen „Vorlauf“. Trennen Sie sich von „schlechten“ Freunden, denn deren Gedanken und deren Gehabe sind ansteckend wie faule Äpfel in einer Kiste. Vergessen Sie das Geschwätz, es hat keine Bedeutung! Ich kann diesen Satz gar nicht oft genug lesen, schreiben oder sagen. Immer wieder fallen mir Gespräche ein, in denen ich bissige Kommentare, blöde Nachreden oder alle Arten von sonstigem Geschwafel über die eine oder den anderen vorgelabert bekam – Ohren zu oder Hörer auflegen ist meine unbedingte Empfehlung!

Lösen Sie sich von Objekten, denn das geschieht ohnedies. Jetzt aber können Sie noch mitreden. Dasselbe denke ich mir auch zur Wohnversorgung, hier ist das rechtzeitige Anpassen ebenso wichtig. Nutzen Sie medizinische Möglichkeiten aller Art, und gönnen Sie Ihrem Körper alle Annehmlichkeiten der modernen Zeit wie beispielsweise Ayurveda-Massagen oder neue Titan-Knie. Und wenn die Falten Ihrem positiven Selbstwertgefühl zu sehr im Wege stehen, lassen Sie sie wegmachen. Pflegen Sie ihr Sozialleben, genießen Sie die Zeit beim Nichtstun, erlauben Sie sich Verrücktheiten, die Sie immer schon machen wollten. Entdecken Sie neue Talente und graben Sie Ihre alten aus. Geben Sie Ihr Wissen, Ihre Erfahrung weiter, wo immer es geht. Denn genau IHRE Kenntnisse über seltene Apfelsorten oder giftige Pilze sind gefragt. Bringen Sie möglichst viele junge Leute dazu, freudig Neues zu lernen. Tun Sie etwas – und warten Sie nicht!

Auch die Beschäftigung mit dem Tod war ein unvermeidlicher Bestandteil dieses Buches. Aber wie sagte der griechische Philosoph Epikur?

Das schauerlichste Übel also, der Tod, geht uns nichts an; denn solange wir existieren, ist der Tod nicht da, und wenn der Tod da ist, existieren wir nicht mehr.

Jeder möge das interpretieren wie er will, doch eines ist sicher: Wir können ihm nicht entrinnen. Entrinnen können wir aber der Ruhestands-Falle: uns nur noch zurückzulehnen und zu warten. Nicht zu leben, sondern nur noch da zu sein und auf den Tod zu warten.

Das kann ich über mich nicht sagen, ich habe schon bis jetzt intensiv gelebt und fast keinen Fehler ausgelassen. Und ich freue mich bereits heute auf alle weiteren Fehler! Wenn ich gehen muss – so soll’s sein. Danke Herrgott, danke für alles, es war toll! Und wenn ich gegangen bin, hoffe ich, dass viele sagen: „Schön, dass er da war“ (übrigens eine nette Grabinschrift). Und wenn nicht, dann habe ich zu vieles falsch gemacht. Lustig soll die Musik sein, freudig das Fest. Und wenn dann ein Schmetterling über unsere Gesellschaft fliegt, ja, dann bin ich das. Denn ich halte es wie Laotse, der einst sagte:

Was für die Raupe das Ende ihres Daseins, ist für den Rest der Welt ein Schmetterling.

William Shakespeare hatte für sein Stück „Wie es Euch gefällt“ sieben Akte gewählt, das gefällt mir. Angelehnt an den großen Meister unterteile auch ich die Notwendigkeiten eines positiven Zugangs zum Alter in deren sieben:

leben, lernen, laufen, lachen, lieben, lösen und lehren

Natürlich ist die Gewichtung der Kapitel unterschiedlich, alle jedoch scheinen mir wichtig und alle passieren zeitgleich. Jedes einzelne halte ich für nötig, um möglichst gesund und fröhlich älter zu werden. Sie sind Information und – wie der Titel meines Buches – ermunternde Aufforderung zugleich.

Und bevor ich Sie in meine Welt der „heiteren sieben ‚l‘“ führen darf, erlauben Sie mir noch diesen Hinweis: Ich liebe weibliche Wesen, sie sind, meiner Überzeugung nach, den männlichen ebenbürtig. Dennoch finde ich es überzogen und der Emanzipation nicht dienlich, wenn in Texten jedes maskuline Wort auch weiblich ausgedrückt werden muss. Ich verwende daher aus Gründen der besseren Lesbarkeit die jeweils geläufige Form von Substantiven und bitte bei allen Damen um Nachsicht. Sollte ich damit Ihre Gefühle verletzen, so werde ich mich gerne bei einem Glas Prosecco entschuldigen – und sofern diese Einladung als zu forsch aufgefasst wird, dürfen Sie dann gerne selber zahlen.

leben
Ach, wie ist das Leben schön!

Die Kinder sind prächtig geraten und beide aus dem Haus; die Enkelin, die süße kleine „Terroristin“, dürfen wir des Öfteren um uns haben, aber müssen selten. Zuhause ist es warm und wir wissen, wo wir morgen unser Essen herbekommen. All das als Besonderheit, als Privileg der geografischen Lage sowie unserer Zeit, welche bloß ein kleines Fenster der Geschichte gewesen sein wird. Kein Krieg seit mehr als 70 Jahren, so etwas hat es hier seit Jahrhunderten nicht gegeben. Aufgewachsen in einer heilen Umgebung, sauber, sicher, bequem, Wohlstandskinder eben. Aber immer wieder mit traurigen Ereignissen konfrontiert, mit Flüchtlingsdramen zum Beispiel, die uns in Mitteleuropa jedoch in Wahrheit nur sehr am Rande treffen. Seien wir ehrlich, was bedeuten eine oder zwei Millionen Menschen mehr unter uns 500 in der EU?

Die einzige wirkliche Bedrohung derzeit ist ein Virus. Covid-19, im Volksmund: Corona. Bedingt durch unser Leben, das uns in kürzester Zeit an jeden Ort der Welt bringt, und durch Lieferketten der Globalisierung, die Produkte oder Teilprodukte aus aller Herren Länder zusammenfügt, ist es überall zu finden. Und trotz riesiger Anstrengungen und Restriktionen wird das wohl auch noch ein bisschen länger so bleiben. Zumindest bis die meisten von uns dagegen geimpft sind.

Damit gehen aber auch Massenentlassungen einher, weniger Arbeit verteilt auf immer weniger Menschen. Eine rasant fortschreitende Digitalisierung, die alte Arbeitsstrukturen dramatisch ändern wird. Und eine vermutlich nicht zu vermeidende Konfrontation Alte gegen Junge. Die nicht (in Quarantäne) eingesperrt sein wollen, die meinen, dass die Älteren, die ihre Zukunft ohnedies schon hinter sich haben, ihnen ihre Arbeitsplätze streitig machen.

Wie dieses Match ausgehen wird, steht in den Sternen. Was wir aber schon heute wissen, ist: Wir werden langsam aussterben, wir re-produzieren uns nämlich zu wenig. Woher das kommt? Vielleicht daher, dass gemäß einer Berliner Altersstudie von Karolina Kolodziejczak und Denis Gerstorf rund ein Drittel der Senioren mehr Sex hat als die 20–30-Jährigen. Das hilft halt in Blickrichtung auf mehr Kinder wenig. Denn unsere Reproduktions-Verweigerung hat andere Gründe, wie zum Beispiel Angst vor Arbeitslosigkeit, große Karriere-Wünsche, traurige Aussichten für alleinerziehende Mütter, Religion, schlechte Vereinbarkeit von Beruf und Familie.

Es gibt also relativ und absolut immer mehr „Alte“. Doch was ist alt?

Die Dehnung der Zeit

Die Wissenschaft unterscheidet „junge Alte“ und „alte Alte“ oder spricht vom „dritten“ und „vierten Lebensalter“. Beide meinen so ziemlich dasselbe, nämlich den Zeitraum von ca. 60–80 Jahren und darüber hinaus. Früher war das für uns Jüngere ganz klar: die einen waren die „Oldies“, die anderen die „Kompostis“. Erinnern Sie sich noch an Ihr letztes Klassentreffen? Mir kommt da immer vor: lauter alte Leute. Einer schien mir letztens sogar seinen Vater zum Maturatreffen gesandt zu haben … Wir fühlen uns offensichtlich immer deutlich jünger, als wir tatsächlich sind. Was bedeutet „Alter“ denn wirklich, was gezählte Jahre? Warum vergeht für die einen die Zeit soo langsam, für andere wiederum soo schnell? Ein paar Beiträge von Menschen unterschiedlichen Alters können uns möglicherweise Antwort geben.

Nehmen wir einmal meine Enkelin: süß, blond, schlimm, manchmal sehr schlimm, aber immer überaus süß. Fast fünf Jahre alt. Sie freut sich wie eine Schneekönigin auf ihren fünften Geburtstag. „Sophie, was bedeutet denn dein fünfter Geburtstag?“, frage ich und versuche arglos zu erscheinen, denn sonst wäre der Roller oder das Puppenhaus viel wichtiger als dieses „ernste“ Gespräch. Spontan sagt sie: „Dann kriege ich braune Haare!“ „Aha, und warum?“ „Meine Mami hat braune Haare, genauso wie der Papi und ich habe jetzt noch blonde.“ „Okay, noch was?“ „Dann kriege ich auch dicke Arme!“ „Wofür?“ „Dann kann ich endlich Mamis Uhr tragen“, was bedeutet, dass sie dann ebenso auf ihr Handgelenk passen wird. „Und noch etwas?“ „Ja, dann kriege ich Schulzähne!“ „Was bitte sind Schulzähne?“ „Das weißt du nicht, dummer Opapa? Das sind die Zähne, die dann kommen, wenn ich endlich in die Schule gehen darf!“ Sophie ist also in dem Alter, in dem alles unendlich weit weg ist und kaum zu erwarten.

Ähnlich sah es auch Marianne, als sie selbst noch Schülerin war: Maturanten waren für sie „die Götter in Weiß, denn diese haben es geschafft, sind erwachsen und dürfen nun alles“. Ihre Eltern schienen ihr damals „ur-alt“. Jetzt mit 30+ sieht für sie alles ganz anders aus: Heute sind ihre Altvorderen „richtig jung“, die 18-Jährigen hingegen „Gemüse“.

Und wie fühlt man sich als 50-Jähriger, eventuell sogar mit einem Kleinkind? Florian weiß es: „Ich bin 50 Jahre alt.“ „Na und? – Das sind viele.“ „Ich bin 50 und Unternehmer.“ „Ok, deren gibt es ebenfalls viele.“ „Ich bin 50, Unternehmer und seit Kurzem Vater.“ „Gewonnen, das sind nicht viele. Wie fühlt es sich an, in dem Alter Jungpapa zu sein?“ „Anders, ganz anders. Ich habe schon eine erwachsene Tochter, und nun ein weiteres Kind, das ihre Tochter sein könnte. Plötzlich sehe ich mein Elterndasein ganz anders als damals. Heute habe ich, nein, nehme ich mir die Zeit. Will der Kleinen beim Wachsen zusehen – weil ich jetzt weiß, was ich damals versäumt habe.“ „Hast Du Zukunftsängste?“ „Ängste, nein, nicht wirklich. Aber ganz andere Überlegungen. Als ich zum ersten Mal Vater wurde, war mir die Zukunft eher egal. Der Moment hat gezählt, der Rest würde sich ergeben. Heute? Da denke ich an Verantwortung, habe zum ersten Mal in meinem Leben Gedanken wie: Kann ich lange genug verdienen, damit wir unserer Kleinen eine ordentliche Erziehung und Ausbildung finanzieren können? Wie alt bin ich, wenn die Kleine Abitur macht? Darf ich weiterhin rasante Hobbys ausüben – wenn mir da etwas zustößt? Meine Zeit wird knapp. Ich muss plötzlich vorsorgen, sorgfältig planen und unvermutet spielt mein Alter eine Rolle.“

Lassen wir es schließlich Dru, eine wunderbare Dame aus Sydney in ihren 70ern, die alle Höhen und Tiefen des Lebens erfahren hat, selbst ausdrücken, was alt sein für sie bedeutet: „Jedes Alter, das man gerade hat, ist das Beste, 60 Jahre, 70 oder gar 80? – für jeden von uns hat das Altsein eine andere Bedeutung. Vermutlich gemeint ist aber die Zeit ab 65, weil dann eine Reihe von Änderungen passiert: Du bekommst eine Seniorenkarte, eine Rente und Rabatte auf Reisen oder Versicherungen. Mit 75 sind dann ärztliche Untersuchungen erforderlich, wenn du deinen Führerschein behalten willst. Und mit 85 musst du [in Australien] zusätzlich nachweisen, dass du das Fahren körperlich noch schaffst.

Heute bin ich fast 75 Jahre alt und darf sagen, dass ich mein Leben jetzt mehr denn je genieße. Ich bin glücklich mit der Person, die ich bin, ich fühle mich von Familie und Freunden geliebt und betreut. Um dies zu erreichen, gab es jedoch in meinen jüngeren Jahren viele Erfahrungen, die ich niemandem wünsche. Ich habe jetzt ein Gefühl großer Zufriedenheit, zumal meine drei Jungen zu Männern herangewachsen sind, auf die ich besonders stolz bin. Obwohl ohne Vater groß geworden, sind sie jetzt, in ihren 40ern wunderbare Menschen, die nicht nur meine Söhne, sondern auch meine Freunde geworden sind. Glücklicherweise habe ich zudem einen Partner, der mich liebt, der sein Bestes tut, um mein Leben angenehm, lustig und voller Lachen zu gestalten. Ich merke erst jetzt, dass es Wichtigeres im Leben gibt als materielle Besitztümer.

Also, kurz gesagt, ich liebe das ‚ältere Alter‘ – es ist fantastisch! Ich kann meistens tun, was ich will (innerhalb von Grenzen), ich habe eine tolle Familie und viele Freunde – das Leben meint es richtig gut mit mir!“

Das gefühlte Alter

Wir sehen, Alter bedeutet für fast jeden von uns etwas anderes. Es hängt von den Lebensumständen ab, aber ebenso von der jeweiligen Umgebung. Wie sehr sich das unterscheiden kann und was es zur Folge hat, berichtet Cornelia Werner im Hamburger Abendblatt1:

„Den Anfang machte eine ungewöhnliche Studie: Die amerikanische Sozialpsychologin Ellen J. Langer startete 1979 ein Experiment mit älteren Menschen in einem abgeschiedenen Kloster. Das Experiment sollte ihre Sicht auf das Altern entscheidend beeinflussen. Männer im Alter zwischen Ende 70 und Anfang 80 wurden in zwei Gruppen zu je acht Teilnehmern aufgeteilt. Beide Gruppen hielten sich für eine Woche in einer Umgebung auf, wie sie 1959 existierte, mit Schwarz-Weiß-Fernsehen, Musik von Nat King Cole und Filmen wie ‚Ben Hur‘. Gleichzeitig wurde die experimentelle Gruppe aufgefordert, sich vorzustellen, es sei tatsächlich das Jahr 1959. Alles, was in ihrem Leben nach dieser Zeit geschah, sollte in dieser Woche tabu sein. Die Kontrollgruppe erhielt eine andere Aufgabe, nämlich sich rückblickend mit all dem auseinanderzusetzen, was sie seit 1959 erlebt hatte.

Das Ergebnis des Experiments: Beide Gruppen waren ‚jünger‘ geworden, aber bei denen, die sich 20 Jahre zurückversetzt hatten und dort ‚quasi lebten‘, waren deutlicher Veränderungen messbar: So hatte sich unter anderem die Beweglichkeit ihrer Gelenke verbessert, und in Intelligenztests waren stärkere Verbesserungen festzustellen. Und auf Fotos wurden alle Teilnehmer der experimentellen Gruppe von neutralen Betrachtern nach dem Versuch als deutlich jünger bewertet.“

Der Satz „Wir sind so jung, wie wir uns fühlen“ gewinnt damit neue Aktualität. Wie wir alt werden, wird stark von unseren Vorstellungen vom Altern beeinflusst, davon, welche Bilder wir vor Augen haben, wenn wir an alte Menschen denken, behauptet Langer. Ihre Ergebnisse der jahrzehntelangen Arbeit hat die Harvard-Professorin in ihrem Buch „Counterclockwise“2 (Gegen den Uhrzeigersinn) zusammengefasst.

Alter ist folglich eine Einstellungsfrage. Ebenso, ob wir damit aktiv umgehen – oder als Couch-Potato enden. „Ach, mir ist heute nicht nach spazieren gehen zumute“ oder „Es zwickt hinten schon wieder“, vielleicht auch „Nein, ich bleibe lieber zu Hause, da passiert mir nichts“ – gerade dann wird sich das alte Hüftgelenk bald verabschieden! Was immer wir uns vorstellen, es wird passieren!

Es liegt also an uns, das Alter positiv zu er-leben. Je nach Fähigkeiten, Geldbeutel und Gesundheit, wobei aber all dies von uns selbst maßgeblich beeinflusst werden kann! Mehr dazu im Kapitel „laufen“, das sich neben der Gesundheit auch mit dem Arbeiten oder Tätigsein beschäftigt. Eines ist fast immer mit fortgeschrittenem Alter verbunden: Wir verfügen über mehr Zeit. Und die können wir nützen, um alle möglichen Tätigkeiten auszuüben, derer ich hier nur einen ganz kleinen Teil aufzählen kann. Eventuell findet sich darunter aber etwas Inspirierendes oder gar Nachahmenswertes für Sie!

Zeit haben, Zeit nehmen

Um mich zum Schreiben dieses Buches zurückzuziehen, siedelte ich aufs Land. Genauer gesagt in ein entzückendes kleines Bauernhaus mit dem Vulgo-Namen: „Simmerl am Berg“. Das liegt in der Oststeiermark, nahe Birkfeld. Eines Tages fuhr ich in den Ort, um Mittag zu essen, und auf der Heimfahrt wollte ich noch die mir wenig bekannte Umgebung erkunden. Unversehens landete ich im Hof einer Tischlerei, in welcher offensichtlich alte Bauernmöbel restauriert wurden. In der Werkstatt diskutierte ein Tischler gerade mit einer älteren Dame, während aus dem Radio lauthals Elvis plärrte. Ich wurde trotzdem verstanden und bekam Erlaubnis mich umzuschauen. Und „man würde mir jemanden schicken, der mir alles zeigen könne“, sagte die Frau, welche damit klarstellte, dass sie die Chefin sei. Ich sah mir also Unmengen von halbfertig restaurierten Kästen, Kommoden, Stühlen und Tischen an, alle von beeindruckender Qualität. Dann kam Franz, der Seniorchef, taxierte mich kurz mit Kennerblick, erkannte sofort in mir keinen potenziellen Käufer, sondern nur einen Neugierigen. Dennoch fragte er mich: „Haben Sie Zeit?“, und nochmals, „viel Zeit?“ Das traf mich einigermaßen unvorbereitet, denn ich wollte bloß einen kurzen Blick auf diese Art von Möbeln werfen. Möbel, in denen ich aufgewachsen war. „Ja“, sagte ich, „gerne.“ Und dann führte mich Franz durch sein unvorstellbar großes Lager. Vorbei an Hunderten bereits restaurierten Einrichtungsgegenständen; manche davon groß, klein, poliert oder roh, andere bemalt oder blank. Auf über 1 000 m2 verteilt, in einem Vierkanthof, der offensichtlich über mehrere Jahrhunderte sozusagen gewachsen war. Stück um Stück erweitert, jeweils dem herrschenden Baustil folgend. „Der Tisch stammt von 1804“, wusste Franz, „und dieser Bauernkasten aus dem Weinviertel, spätes 19. Jahrhundert“. Seine Kenntnisse waren unglaublich. Zwischendurch erzählte ich ihm, warum ich in seiner Gegend war, auch, dass ich gerade an einem Buch arbeitete. Dann, ja dann legte Franz erst richtig los. Nein, nicht mit seinem Wissen über altes Holz und dessen Bearbeitung, das ich ins Buch einbauen könnte, sondern mit riesigem Stolz über seinen Enkel erzählend, der gerade mehrere Praktika bei großen deutschen Medien absolvierte. Es war toll, ihm, dem so stolzen Opa, bei den Erzählungen ob der schriftstellerischen Großtaten des Sprösslings zuzuhören. Und so verging wunderbar die Zeit; viel Zeit, die ich ursprünglich vorhatte, ganz anders zu verwenden. Doch es war gut so.

Für die einen von uns möge das Schreiben, eventuell sogar das Buchschreiben ein Beruf sein, manchmal sogar eine Berufung, oft ist es aber nur ein Zeitvertreib. Andere von uns frönen hingegen ganz unterschiedlichen Hobbys. Vorteilhaft ist immer, wenn die Beschäftigung schon in jüngeren Jahren begonnen wurde, allerdings ist es auch nicht wirklich ein Hindernis, damit erst später anzufangen.

Wer ein Hobby hat, macht aus Freizeit Freuzeit3

Als Beispiel fällt mir Angeln ein, das allerdings für mich persönlich wenig Anreiz hat. Denn entweder muss ich den gefangenen Fisch töten, oder, sofern ich ihn wieder ins Wasser werfe, habe ich ihn – meiner Meinung nach – davor sicherlich gequält. Dessen ungeachtet kann ich durchaus verstehen, dass zum Beispiel Fliegenfischen eine besondere Herausforderung bedeutet. Auch das Jagen ist vermutlich eine Quelle der Freude, wenngleich Treibjagden mit weiß Gott wie vielen erlegten Tieren für mich eher abstoßend denn animierend sind. Dass aber das Wild gefüttert, im Winter gehegt und dessen Bestand reguliert gehört, ist wohl in Ordnung. Selbst wenn Jagen im fortgeschrittenen Alter noch gut möglich wäre, so sehe ich dennoch Limits, was die körperlichen – und geistigen – Voraussetzungen betrifft.

Unzählige harmlose(re) Möglichkeiten für Hobbys kommen mir in den Sinn, wenn ich über freudvolle Tätigkeiten nachdenke: Papierfalten (Origami), Zügen nachsehen, Landkarten lesen, Gedichte reimen, Streiken gehen, Gerichtsverhandlungen vor Ort verfolgen, Briefmarken oder Autoquartetts – vielleicht sogar ganze Oldtimer – sammeln, Schnitzen, Karten spielen, Wolken beobachten, Stadtführungen mitmachen, Baumhäuser für Enkel bauen, Theater spielen, Töpfern, Tanzen, einem Chor beitreten und vieles andere mehr. Wichtig ist bei allen Tätigkeiten aber nicht nur die Beschäftigung an sich, sondern ebenso, dass wir dabei oft unseren Körper und unser Hirn miteinbeziehen müssen. Gelegentlich sogar beide Hirnhälften auf einmal, so beim Tanzen oder Musik machen. Musizieren stellt überhaupt ein Feld dar, bei dem ein gemeinsames Erleben, sowohl was Aufführungen betrifft als auch das Üben, gleichzeitig Herausforderung und Freude sein können.

Und selbst wenn man es allein betreibt, kann es große Zufriedenheit auslösen. Lassen wir Michael berichten: „Ich erinnere mich ganz genau an den Tag, an dem es ‚ZOOOM‘ machte. Zartes Noch-Jungenalter, im Sommer 1969. Familienurlaub am Kärntner Badesee, in der Pension beim Bauern Allesch. Der Frühstücksraum erfüllt vom Duft frischer Semmeln, Kaffee, Butter, Marmelade. Ich hatte gerade diese lange, legendäre Fernsehnacht der ersten Mondlandung hinter mich gebracht. Trotz bleierner Gliedmaßen gestattete mir das aufgewühlte Gehirn keine Ruhepause, ich zog mich daher in das kleine Extrazimmer zurück; und da stand sie: die Musicbox. So ein Wurlitzer mit vielen kleinen schwarzen Scheiben. (Für unsere Digi-Generation: Das waren sogenannte Schallplatten, Singles mit einer A- und einer B-Seite.) Beim eingehenden Betrachten der Musiktitel fielen mir einige englischsprachige auf, die ich nicht kannte. Ich investierte ein paar eingesteckte Schillinge (für Millennials: damalige österreichische Landeswährung), nicht ahnend, dass genau diese Münzen die weitere Entwicklung meiner musikalischen Geschmacksnerven nachhaltig beeinflussen sollten. Mit drei Songs.

Dann nämlich kam der ‚ZOOOM‘. Ein sägendes Gitarren-Riff drang über die Gehörgänge Richtung Cerebral-Lappen, meine möglicherweise vorhandene „Rock’n’Roll-Sicherung“ brannte durch. Von den Haar- bis zu den Zehenspitzen spürte ich: das ist neu, rau, das ist schmutzig, und ja, es fährt dir in die Knochen! Emotion pur.

Über Jahrzehnte hinweg durchlebte ich die verschiedensten Genres, von Folk über Mainstream, Blues, Jazziges bis hin zu klassisch Orientiertem. Zum Glück hat es die Opern-Hochkultur kaum in meine Rock’n’Roll-Seele geschafft. Wie auch, wenn man im Jahr des Woodstock-Festivals (das ich erst später retrospektiv nacherlebte) seine grundsätzliche Prägung erfährt.

Viel Erlebtes, Freudiges, Trauriges, persönliche Highlights plus Katastrophen liegen zwischen diesem Tag damals und heute. Eines steht unverrückbar fest: Rock’n’Roll will never die.“

Klassische Konzertabende eignen sich ebenfalls hervorragend dazu, sie allein zu genießen, wenngleich ich meine, dass das Vergnügen zu zweit oder in Gesellschaft größer ist. Gerne gehen meine Frau Herta und ich zu diesen Abenden, was aber nicht heißt, dass wir alles gemeinsam tun.

Alle zusammen, jeder für sich4

„Vergiss nicht, wir haben für heute Abend Konzertkarten“, erinnert mich meine viel bessere Hälfte beim gemeinsamen Frühstück, „und morgen gehe ich mit Verena zu einer Ausstellung, magst du mitkommen?“ „Okay, wir treffen uns vor dem Stefaniensaal um sieben. Aber morgen, nein danke. Viel Spaß!“ Hier habe ich nun gleich drei Botschaften eingepackt, nämlich einerseits, dass meine Frau und ich gemeinsam frühstücken, wann immer es machbar ist. Das haben wir bereits zu Zeiten getan, als unsere Kinder in die Schule mussten, denn das gab uns die einzige Möglichkeit, den kommenden oder den Vor-Tag zu besprechen und alles Organisatorische zu klären. Außerdem stellten wir damit sicher, dass unsere Kinderlein nicht mit leerem Magen zur Schule gingen. Mehr noch, dass sie rechtzeitig aus den Federn kamen. Die zweite Botschaft ist: Wir machen Dinge gemeinsam. Die dritte stellt klar, dass wir zudem ebenfalls getrennte Wege gehen. Alle drei Vorgehensweisen sind uns wichtig. Aber vielleicht sind wir gerade auch deshalb seit mehr als 35 Jahren verheiratet, miteinander wohlgemerkt, weil jeder seinen Freiraum hat. Übrigens: Das Frühstück bereite ich zu. Meine liebe Frau kommt nämlich, normalerweise – es gibt manchmal Ausnahmen – so gar nicht aus dem Bett. Bis mein Ruf „Frühstück ist fertig“ sie vorfreudig aufstehen lässt. Da ich ohnedies ein Frühaufsteher bin, ist das schon in Ordnung.

Etwas aber, das zu zweit oder in Gruppen definitiv mehr Freude bereitet als allein, ist das Reisen. Ob Sie nun eine Single- oder eine Gruppenreise andenken, Angebote gibt es zuhauf. Auch wenn mir persönlich Reisen ins Unbekannte besser gefallen, haben Senioren-Busreisen auch ihre Vorzüge – aber nur dann, wenn im Bus keine Heizdecken verkauft werden …

Die große weite Welt ganz nah

„Guten Tag, ich bin Ros“, sagte die Dame, die uns flotten Schrittes entgegenkam. Kurzes, dunkles Haar, businessmäßig gekleidet, nur ein Hauch von Make-up. Wir waren erleichtert, mit der Hafen-Fähre zeitgerecht angekommen zu sein, da wir wussten, dass Ros sich extra frei genommen hatte, um uns abzuholen. Ungefähr zehn Schritte hinter ihr sahen wir einen kleineren, dunkelhäutigen Mann. „Wird vermutlich ihr Chauffeur sein“, dachte ich, nachdem Ros uns nicht vorgestellt hatte, und kümmerte mich nach nur einer formlosen Begrüßung nicht weiter um ihn.

Der erste Kontakt mit Ros ergab sich fast ein Jahr zuvor, als sie uns auf einer Haustausch-Plattform gefunden hatte. Wir verständigten uns später mit diversen Mails und Skype-Videotelefonaten darüber, dass wir unsere Häuser für mehrere Wochen tauschen würden. Ros aus Sydney, wir aus Graz. „Graz, in the middle of nowhere?“, wie ich anfangs gedacht hatte, als mir das Haustauschen erstmals empfohlen worden war. Doch die steirische Kulturhauptstadt liegt im Herzen Europas, sowohl Wien als auch Prag, Salzburg, Venedig oder Florenz sind nur wenige Auto- bzw. Zugstunden entfernt. „Home Exchange“ als tolle Alternative zum Wohnen in Hotels, Pensionen sowie Bed-and-Breakfast-Zimmern.

Der Grund dafür nach Down Under zu reisen, war unsere Tochter, die vor einiger Zeit beschlossen hatte, nach ihrem Studium zumindest ein Jahr dort zu verbringen. Ich begab mich also ins Netz, fand diverse Plattformen, die eben diese ziemlich unkomplizierte Art des „woanders Wohnens“ anboten. Es fließt kein Geld, man tauscht (meist zeitgleich) seine Wohnung oder sein Haus, mitsamt Auto und Haustieren. Eine prima Variante wie sich später herausstellte, denn in den letzten zehn Jahren haben wir es über 30 Mal gemacht. Und mit viel mehr Interessenten getauscht, als ich anfangs vermutet hatte. Aus Australien, Frankreich, England, Deutschland, Argentinien, Brasilien, den USA und so weiter …

Ros führte uns fröhlich plappernd zu ihrem Auto, der ältere Herr schwang sich tatsächlich hinters Steuer. Er brachte uns zu einem tollen Haus hoch über dem berühmten Hafen von Sydney, sprach kein Wort, kam aber mit ins Haus. Nachdem Ros an unserem Verhalten erkannt hatte, dass wir nichts gegen den „Herrn Chauffeur“ hatten, stellte sie ihn beiläufig vor: „… übrigens, das ist John, mein Mann.“ Dann entschwand sie in die Küche, um uns die von ihr vorbereiteten Happen zu kredenzen. Wir begannen ein Gespräch mit John, der rasch auftaute und erklärte, warum er sich bisher so zurückhaltend benommen hatte: „Ich bin Aborigine, genauer gesagt, Halb-Aborigine. Mein Vater kam aus Irland, meine Mutter aus dem Norden von Australien. Wir haben die Erfahrung gemacht, dass selbst heute noch viele Weiße größte Vorbehalte uns gegenüber haben, daher sind wir vorsichtig geworden, was Unbekannte betrifft.“ Huch, das kam überraschend! Wir, Europäer mit so gut wie keiner Erfahrung, was Australien und dessen Umgang mit seinen Ureinwohnern betraf, fühlten uns plötzlich unwohl, geradezu ertappt. Obwohl wir keinerlei Vorurteile gegen ihn hatten. Später sollten wir lernen, dass das Leben indigener Einwohner Australiens selbst heute noch so ganz anders verläuft als jenes der Weißen. Und gelegentlich nicht so, wie wir uns das vorstellen würden oder wollen. Heute sind wir mit Ros und John bestens befreundet, besuchen einander regelmäßig und haben sogar einmal Weihnachten gemeinsam gefeiert.

Auch andere bleibende Verbindungen, selbst ein neu-entdeckter Familienzweig, haben sich für uns aus dieser besonderen Art und Weise des Reisens ergeben, aber das dürfte eher selten passieren.

Das Besondere am Haustausch ist: Man fährt nicht „auf Urlaub“, nein, man wohnt woanders. Eine Zeit lang eben. Man trifft die Nachbarn der Tauschenden, geht zum gleichen Bäcker oder Fleischer und hat darüber hinaus manches Mal die Möglichkeit, Teile von deren Sozialleben zu übernehmen. Auch Konzert-Abo-Karten werden zuweilen konsumiert oder wechselseitig Bus- und Bahntickets verwendet. Und, sollte einer der beiden oder beide Tauschpartner Tiere haben, so wird auch für diese gesorgt. Es ist eine wunderbare Gelegenheit, günstig zu reisen, denn, abgesehen vom Transport dorthin braucht man in der Regel im anderen Land kaum mehr Geld als zu Hause. Je nach Wechselkurs manchmal sogar weniger.

Für all jene, denen selbst diese Reisemethode des Haustausches noch zu „normal“ erscheint, habe ich ein nettes Beispiel, wie man es auch machen kann:

Heidi-um-die-Welt

Es ist ein paar Jahre her, da nahm ich an einer Oldtimer-Rallye auf Mallorca teil. Weil einige Teilnehmer wussten, dass ich an alten Autos schrauben kann, wurde ich zu einem wunderschönen Hispano-Suiza aus dem Jahr 1921 gerufen. Unter dem Auto lugten zwei Beine in Arbeitsmontur hervor, an deren Bewegung zu erkennen war, dass der Mechaniker sich mit etwas Schwerem abmühte. Dann ein Plumps, das Getriebe fiel auf den Boden und der Mechaniker krabbelte unterm Auto hervor. Er war so um die 70, hatte kurze graue Haare, schmale lange Finger – schwarz vom Arbeiten – und ein verschmitztes Lächeln. Er stellte sich vor: „Hallo, danke, dass Sie mir helfen wollen. Ich bin die Heidi.“

Heidi Hetzer, Inhaberin mehrerer Berliner Opel-Betriebe, die sie von ihrem früh verstorbenen Vater übernommen hatte, war eine „fahrende Legende“. In jungen Jahren Rallye-Fahrerin, später bevorzugte Ansprechperson aller weiblichen Celebrities, welche irgendwas mit Autos oder Oldtimern zu tun haben wollten. Im Juli 2014 startete die rüstige 77-Jährige eine Fahrt rund um die Welt: siehe heidi-um-die-welt.com. Warum sie es tat? Nun, weil sie konnte. Sicher auch, weil sie sich einen Traum erfüllen wollte. Ihre Weltumrundung dauerte fast drei Jahre. Sie wurde durch eigene Krankheiten und Operationen sowie durch technische Gebrechen ihres Gefährtes immer wieder unterbrochen. Aber sie schaffte das schier Unmögliche. Gereist ist sie die meiste Zeit allein, dies aber nur zum Teil freiwillig. Sie hatte verschiedenen potenziellen Beifahrern angeboten, sie für jeweils mehrere Wochen zu begleiten, auch mir. Ich konnte es mir damals jedoch nicht einteilen, heute, nachträglich tut’s mir leid, nicht mitgefahren zu sein. Auf jeden Fall sind ein paar Damen eine Zeit lang mit ihr durch die Welt geschippert, soweit ich mich erinnere, aber kein Mann. Ich glaube, sie schrieb in ihrem Blog, dass sie darauf bestanden habe, immer selber zu fahren. Vielleicht war das der Grund, warum die Herren der Schöpfung darauf verzichteten? In Summe aber war es sicher ein wunderbar verrücktes Abenteuer für alle.

So ganz allein mit der Idee einer Weltumrundung war sie natürlich nicht. Andere tun es mit Booten, mit Camping-Mobilen oder wieder andere mit Motorrädern. Allen gemein ist aber, dass sie sich trotz höheren Alters nicht scheuen, Neues entdecken zu wollen oder Abenteuer zu suchen. Manche tun’s vermutlich auch, um sich selbst zu finden, wenngleich es dafür bereits etwas spät scheint …

Ich spiel verrückt, spielst du mit?5

Von harmlosen Hobbys sprachen wir schon früher, hier noch ein paar etwas anders geartete. Denn – ist es nicht das Vorrecht der Älteren, manchmal etwas seltsam sein zu dürfen? Nicht immer müssen die Vergnügungen mit Flugzeug, Oldtimer oder Segelboot passieren, auch kleine Extravaganzen im täglichen Leben bringen Sie in gute Stimmung und Ihre Umgebung zum Lachen:

Gehen Sie im Sommerregen ins Freie, sodass Sie so richtig nass werden. Lassen Sie Drachen steigen, lernen Sie selbst mit einem größeren zu fliegen. Bauen Sie ein Baumhaus. Schreiben Sie ein Buch. Lutschen Sie einen Lolli. Kaufen Sie sich ein Skateboard. Gründen Sie eine Rockband. Oder springen Sie in einen öffentlichen Brunnen – wenn es halt nicht zu kalt ist, sonst vermutet man in Ihnen einen potenziellen Selbstmörder. Reisen Sie einfach planlos, folgen Sie ihrer Intuition und booking.com; fahren Sie mit dem Kinderkarussell oder mit der Märchenbahn oder stellen sie sich auf den Hauptplatz, um eine Rede zu schwingen.

Wenn Sie’s noch „kerniger“ wünschen, wäre Bungeejumping ein guter Vorschlag: Helmut Wirz verfiel im zarten Alter von 74 dem extravaganten Schnur-Springen, und tat dies dann über 100 Mal! Freilich, zum Anfangen ist es vielleicht ein bisschen spät, aber mit jugendlichen 70? Alter ist also kein Hindernis, siehe auch diese Beispiele:

Wenn Sie gerne in die Luft gehen und das für etwas länger, dann müssen Sie den Flugschein machen. Der vermutlich älteste Flugschüler, welcher je einen Hubschrauberschein gemacht hat, war beachtliche 79 Jahre alt.6

Man hat dabei zwar weniger Zuschauer, dafür spricht einen unterwegs kaum jemand an: die Durchquerung der Wüste Gobi auf dem Fahrrad, ebenfalls keine Frage des Alters, sondern eher eine der Kondition.

Wussten Sie übrigens, dass Goethe seinen „Faust“ erst mit 80 vollendet hat oder George Bernard Shaw sich das Bein brach, als er beim Äpfelpflücken vom Baum fiel? Da war er über 96! Dass etwa Mick Jagger ebenfalls schon weit über 70 ist und immer noch auf der Bühne herumhüpft wie ein 20-Jähriger? Ja, auch Peter Kraus sieht man seine mehr als 80 nicht an, wenn er seine Hüften kreisen lässt und die Engländerin Helen Tew war sogar 89 Jahre alt, als sie mit ihrem Segelboot den Atlantik überquerte. Gut, es war ihr Sohn dabei, selbst rüstige 65 … Sie meinte anschließend: „Es war die schönste Zeit meines Lebens.“

Jeder hört ihn, wie er lacht, schreit und sich bemerkbar macht. Immerzu verrät mein Rabe, dass ich einen Vogel habe.7

Auch ich habe noch so eine vage Idee für meine Zukunft, bei der meine liebe Frau immer augenrollend den Kopf schüttelt. Irgendwann möchte ich mit dem Traktor durch Afrika reisen. Von Nord nach Süd. Warum mit dem Traktor? Dieses Gefährt kommt fast überall durch, tuckert so langsam vor sich hin, dass man alles wunderbar sieht. Es kann einen kleinen Wohnanhänger ziehen oder eine Kabine rückwärts montiert bekommen. Und mit einem Trecker könnte ich ab und zu Leute mitnehmen – was bei einem Motorrad nicht ginge. Außerdem, fürs Motorrad fühle ich mich doch schon zu alt. Aber warum eigentlich?

Sollte Ihnen das alles viel zu exaltiert erscheinen, dann haben Sie vermutlich recht. Aber man muss sich ja nicht unbedingt weit weg bewegen, um zu erfahren, was sich in der Welt so tut. Oft reicht es auch, sich einem Club anzuschließen.

Sich zu vereinen, heißt teilen lernen8

Es ist noch nicht lange her, da ist – animiert von meinem lieben australischen Cousin mit gleichem Namen wie ich – auch unser gemeinsamer Freund Ian Mitglied in einem Alt-Herren-Club namens „Probus“ geworden. Ich bin mir nicht sicher, ob dieser Name nach dem römischen Kaiser Marcus Aurelius Probus (276–282) kommt, der nur dadurch aufgefallen war, dass er den Einwohnern Galliens, Hispaniens und Britanniens erlaubte, Reben zu besitzen sowie Wein herzustellen, oder nach einer künstlichen Wortschöpfung: Pro (fessionals) und bus (iness). Die Mitglieder behaupten Letzteres, ich habe allerdings meine Zweifel.

Hier also Ians Bericht über seinen Probus-Club: „Es ist bekannt, dass die Eingliederung in die Gesellschaft einer der Schlüsselfaktoren für ein langes und glückliches Leben ist. Sie kommt vermutlich gleich nach: ‚Happy Wife, Happy Life‘. Wenn Männer in den Ruhestand gehen, besitzen sie oft viele weit verzweigte Geschäftskontakte, haben jedoch selten soziale Netzwerke aufgebaut, was umgekehrt die Frauen wiederum leicht meistern. Der Beitritt zu einer Gruppe von gleichgesinnten Mitmenschen ähnlichen Alters bedeutet aber auch die beste Möglichkeit, um späte Freunde zu finden. Probus ist dafür ein gutes Beispiel. Obwohl ich die Gesellschaft von Frauen enorm genieße, denke ich, dass ‚Nur-Männer‘- oder ‚Nur-Frauen‘-Clubs besser funktionieren. Die gesamte Gesprächsdynamik ändert sich in einer gemischten Gruppe und es kommt vor, dass einige Männer dann nichts mehr sagen oder auch zu sagen haben.

Probus-Clubs haben ein großes Angebot: anregende Gastredner, Kaffee- und Gesprächsrunden, ebensolche für Golf, Computer, Fotografie, Radfahren, Theater oder auch Buschwandern. Auch gibt es Tagesausflüge zu interessanten Orten, die für uns Ältere allein oft nicht zugänglich wären [zumindest nicht ohne Begleitung]. Und um das Sprichwort ‚Lachen ist die beste Medizin‘ zu beleben, gibt es einen ‚Joke Master‘. Unserer versetzt den Raum meist derart in tobendes Lachen, dass um die Gesundheit mancher unserer Mitglieder gebangt werden muss.

Ein Nachteil des Clubs ist, dass er sozusagen ein Ablaufdatum eingebaut hat. Die Mitglieder werden alt und manche sterben. Sitzungen beginnen daher regelmäßig damit: ‚A weilt nicht mehr unter uns, B ist sehr krank und C hat Demenz, er wird nicht mehr kommen.‘ Abgesehen davon würde ich aber sagen, dass mein Einstieg bei Probus eines der besten Dinge war, die ich seit vielen Jahren getan habe.“

Mein Cousin Richard Kaan, genannt Dickie, der Ian den Probus-Club schmackhaft gemacht hat, lebt mit seiner Familie in Sydney und wir gehen dort manchmal gemeinsam aus. Es gibt keine größere Freude für ihn, mich als „den originalen Richard Kaan“ vorzustellen. Unser Visavis weiß dann meist nicht, ob sie oder er gerade auf die Schaufel genommen wird …

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131 стр. 2 иллюстрации
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9783702580780
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