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DIE 100 BEDEUTENDSTEN ENTDECKER

Richard Francis Burton
Richard Francis Burton
DIE GOLDMINEN VON MIDIAN
Reisen und Forschungen im Biblischen Land
Herausgegeben und übersetzt von Uwe Pfullmann

INHALT
Vorwort des Herausgebers
| Kapitel I | In Alexandria |
| Kapitel II | Die Veränderungen in Kairo |
| Kapitel III | Nach Suez und seinem Sanatorium |
| Kapitel IV | Abreise von Suez und Ankunft in El-Muwayláh |
| Kapitel V | Von El-Muwayláh zum Wadi ’Aynúnah |
| Kapitel VI | Vom Wadi ’Aynúnah zum Wadi Morák im Dschebel El-Zahd |
| Kapitel VII | Midian und die Midianiter |
| Kapitel VIII | Von ’Ayn El-Morák zum Weißen Berg: Die Inschrift und die Nabatäer |
| Kapitel IX | Wie das Gold in Midian gefunden wurde: Die Goldminen von Arabien |
| Kapitel X | Die Rückkehr vom Weißen Berg nach El-Muwayláh über Wadi Scharma und Wadi Tiryam; Notizen über Botanik |
| Kapitel XI | Die Kreuzfahrt hinunter nach Süden bis Ziba: Schwefel und Türkise, Bemerkungen zu Fischen und Muscheln |
| Kapitel XII | Die Kreuzfahrt nordwärts nach Makná, der Hauptstadt von Madyan |
| Kapitel XIII | Rückkehr nach Kairo Das an seine Hoheit gerichtete Schreiben |
| Kapitel XIV | Abreise aus Ägypten |
Anhang
Editorische Notiz
Weiterführende Literatur
Glossar
VORWORT DES HERAUSGEBERS
Die ganze Welt war sein Zuhause
Richard Francis Burton (1821–1890)
EINE RASTLOSE KINDHEIT
Richard Francis Burton war Entdecker, Orientalist, Gelehrter, Mitbegründer der Anthropologischen Gesellschaft in London, Linguist, Sexologe, Mystiker und Agent. Nach den Angaben in seiner Autobiographie wurde er in Barham House in Hertfordshire geboren – ein überraschender Fehler, der Burton unterlief, als er 1876 auf dem Weg nach Indien seiner Frau die Autobiographie diktierte. Denn tatsächlich erblickte er in Torquay (England) das Licht der Welt: am 19. März 1821, um 21.30 Uhr. Er war das erste Kind des Hauptmanns Josef Netterville Burton und seiner Frau Martha. Sechs Monate später zog die junge Familie nach Barham House. Bei Richards Taufe machte der amtierende Geistliche neben dem Taufeintrag eine Notiz über Geburtstag und Geburtsort.
Richard Burtons Mutter war eine wohlhabende Frau und behauptete, von einem illegitimen Sohn Ludwigs XIV., des Sonnenkönigs, abzustammen. Sein Vater, Hauptmann Josef Burton, war irischer Abstammung. Dennoch hielt sich später hartnäckig das Gerücht, dass Burton Zigeunerblut in den Adern habe. Sicher ist dies eine nachträgliche Mythenbildung, mit der Burtons Reiselust in späterer Zeit erklärt werden sollte. Denn wie viele andere Arabienreisende trug auch Burton dafür Sorge, schon zu Lebzeiten seine eigene Mystifikation und Legendenbildung um seine Person zu betreiben.
Kurz nach Richards Geburt gab sein Vater in einem Anflug von Leichtsinn seine Offizierskarriere auf. Einige Jahre lang reiste die Familie durch Europa; Burton wuchs in Frankreich, England und Italien auf. So siedelte sich die Familie 1825 im Herzen Frankreichs, in Tours, an. Es folgen als weitere Wohnorte Siena, Perugia, Florenz, Rom und Neapel. Mit der Rückkehr der Familie nach England ging auch Richards unbeschwerte Kindheit zu Ende.
Richard Burton konnte nur eine geringe Schulbildung vorweisen, was er aber durch die Beherrschung mehrerer Sprachen und der Säbelfechtkunst ausglich. Für seinen Sohn hatte Josef Burton eine Laufbahn in der anglikanischen Kirche vorgesehen. 1840 sandte er ihn nach Oxford an das Trinity-College, wo Richard es vorzog, Themen zu studieren, die ihn besonders faszinierten – beispielsweise arabische Philosophie und Mystik. Der Stoff des üblichen Lehrplans reizte ihn dagegen weniger. Die Quittung ließ nicht lange auf sich warten: Wegen Disziplinlosigkeit wurde Richard Burton (der sich noch dazu mit einem Studienkameraden duellieren wollte, der spöttisch über seinen Schnurrbart gegrinst hatte) 1842 von der Universität verwiesen. So umging er gekonnt die Ordination zum Priester.
ALS TRUPPENOFFIZIER IN INDIEN
Da sich Richard Burton tiefgründig für asiatische Lebensgewohnheiten und Sprachen interessierte, nutzte er 1842 die Gelegenheit und ging unter Mithilfe seines Vaters als Offizier zur Armee der englischen Ostindien-Kompanie. Von 1843 bis 1848 diente er als Leutnant bei der Bombay-Eingeborenen-Infantrie in einem Landstrich, der heute zu Pakistan gehört.
Schon bald bewies er auch hier seine außergewöhnliche Fähigkeit, Sprachen zu lernen. Er gab sich dabei niemals damit zufrieden, lediglich eine neue Sprache zu sprechen, sondern er hatte schon damals den Wunsch, sich als Einheimischer auszugeben. In Pakistan und Westindien wurde aus ihm ein Meister der Verkleidung. So soll er dort einen Laden gemietet und, die Beine untergeschlagen, unentdeckt feilschend unter den einheimischen Händlern gesessen haben. Diese außergewöhnliche Gabe, Sprachen zu lernen und fremde Lebensstile zu kopieren, war auch seinen Vorgesetzten nicht entgangen und führte dazu, dass er zu seinem General befohlen wurde: Er sollte über die lokalen Lasterhöhlen Bericht erstatten – eine Aufgabe, die er überaus interessant fand.
Doch trotz solcher Sonderaufgaben war der Truppendienst in Indien relativ eintönig und befriedigte Richard Burton auf die Dauer nicht. 1848, ein Jahr nach dem Sepoy-Aufstand muslimischer Soldaten, verließ er die indische Armee, um sich ganz der Erforschung unbekannter Länder zu widmen, wozu ihn seine körperlichen und geistigen Anlagen vorzüglich befähigten.
IN MEKKA UND MEDINA
Im Anschluss an seine Zeit als Offizier in Indien blieb Burton fast vier Jahre in Europa, schrieb und studierte. Zu dieser Zeit, in den Fünfzigerjahren des 19. Jahrhunderts, waren die Menschen in ganz Europa so sehr an Geographie interessiert wie heute an der Weltraumforschung. Es war daher für Burton nicht schwierig, einen Geldgeber für einen gut durchdachten Reiseplan zu gewinnen. Sein Ziel: die islamischen heiligen Städte Mekka und Medina.
Im Herbst 1852 bot Richard Burton der Royal Geographical Society seine Dienste an, um »den gewaltigen weißen Flecken, welcher in britischen Kartenwerken noch immer die östlichen und zentralen Regionen Arabiens ziert, auszutilgen«. Sein Plan war, im omanischen Maskat zu landen und das leere Viertel in Richtung Mekka und Medina zu durchqueren.
Im April 1853 verließ Burton die englische Hafenstadt Southampton in Gestalt eines vermögenden Persers. Während der ganzen Reise war er akribisch bemüht, sich an die orientalischen Sitten anzupassen. Selbst solche Details wie die muslimische Art und Weise, ein Glas Wasser zu trinken, studierte Burton: »Er ergriff den Trinkbecher, als wäre es die Kehle eines Feindes, und beendete den Vorgang mit einem befriedigten Grunzen.«
Nach einem Monat in Ägypten entschied er, die Gestalt des persischen Adligen abzulegen und in die Verkleidung eines wandernden Derwisches zu schlüpfen. Dass er sich seiner persischen Verkleidung entledigte, hatte gute Gründe, waren doch die schiitischen Perser in ganz Arabien als Häretiker ungeliebt und verachtet. Einige Zeit später nahm er seine endgültige Maskierung an: Er gab sich fortan als britischer Untertan afghanischer Herkunft aus, der in Rangun als Arzt ausgebildet worden war. Er kaufte sich die passende Reisekleidung: einen gewaltigen, breiten gelben Regenschirm, einen hölzernen Kamm, eine Ziegenhaut als Wasserbehälter, einen groben persischen Gebetsteppich, welcher außerdem als Bettstatt diente, ein baumwollenes, plüschbesetztes Kissen und ein Betttuch. Ein Dolch, ein Tintenfass aus Messing und ein Federhalter staken in seinem Gürtel, ein Rosenkranz, mehrere Nadeln und »ein erbsengrüner Behälter mit roten und gelben Blumen, der zweimal am Tag vom Kamel fiel«, vervollständigten seine Ausrüstung. Seine Geldmittel für die Reise waren fünfundzwanzig Goldmünzen in einem Gürtel unter seinen Kleidungsstücken.
Burton empfand das Milieu von Alexandria als wohltuend: Er traf dort auf das, was die Araber »Kaif« nennen: »Den Reiz einer tierischen Existenz; das passive Vergnügen des reinen Sinnes; die wohltuende Schlaffheit, die traumhafte Ruhe, das verstiegene Schlösser-Bauen, welches in Asien anstelle des kraftvollen, intensiven, passionierten Lebens in Europa stand.«
Mit einem älteren, schon etwas asthmatischen Dampfer gelangte er nach Kairo und nahm dort Unterkunft in einer Pension für Ägypter, einem sogenannten Wakalah. Er praktizierte dort als Arzt. Seine Wertschätzung unter der Bevölkerung vergrößerte sich außerordentlich, nachdem er zwei abessinische Sklavenmädchen vom Schnarchen kuriert hatte. Burton nahm auch an Disputen der theologischen Fakultät der Al-Azhar teil, denn ein religiöser Irrtum oder ein Verstoß gegen die orthodoxen Regeln in Mekka und Medina würden bei Weitem aufschlussreicher sein als irgendwelche linguistischen Fehler. Es konnte viele Erklärungen für fehlende Perfektion in der Sprache geben, aber keine für eine religiöse Handlung, die kein Muslim durchführen würde.
Burton war fast reisefertig, als er einen interessanten Besucher des Wakalah traf – einen albanischen Offizier, der gerade aus dem Hedschas abgereist war und ihm faszinierende Geschichten von Gold in den Bergen Midians erzählte. Burton lud ihn in sein Zimmer ein. Nachdem sie ihre Dolche weggelegt hatten, gingen die beiden Männer daran, sich zu betrinken. Sie riefen nach Tanzmädchen und taumelten in einen Schlafraum, wo sie von zwei alten Frauen in die Flucht geschlagen wurden. Sie beschimpften in maßlosen Worten die Ägypter, und der albanische Trinkkumpan drohte gerade das Blut des Pförtners zu vergießen, als es Burtons Diener schaffte, den Säufer ins Bett zu bringen. »Kein walisischer Student in Oxford«, schrieb Burton stolz, »hat unter ähnlichen Umständen jemals mehr Unruhe verursacht.«
Es war nach diesem Gelage kaum überraschend, dass Burton es für angebracht hielt, Kairo so schnell wie möglich zu verlassen. Er fand einen Beduinen vom Sinai, der ebenfalls zu Burtons Zwischenstation Suez unterwegs war, und mietete zwei Kamele. Danach begab er sich mit seinem indischen Diener nach Suez. Auf dem Weg dorthin traf er mehrere angesehene Händler aus Medina, die nach Hause zurückkehrten, und einen Einwohner aus Mekka, den er in Kairo getroffen hatte, einen Mann namens Muhammad al-Basyuni. Sie schlossen sich für die weitere Reise zusammen.
Von Yanbu al-Bahr, dem Hafen Medinas, aus heuerte die Reisegruppe Kamele mit Treibern an, die sie nach Medina bringen sollten. Es war eine Reise von zweihundertfünfzig Kilometern, die acht Tage dauerte, da die Kamele nur dreieinhalb Kilometer pro Stunde zurücklegten. Auf dem Weg hatte die Karawane eine tiefe Schlucht zu passieren, die als Pass der Pilger oder Teufelsschlucht bekannt war. Dort wurde sie erwartungsgemäß von Räubern überfallen. Stammesleute schwärmten wie Hornissen aus und nahmen sie unter Gewehrfeuer. Die Eskorte befand sich in großen Schwierigkeiten, da der Gegner aus eigens zu diesem Zweck errichteten Steinmauern heraus schoss, und falls einer der Beduinen getötet worden wäre, hätte sich die ganze Bevölkerung der Umgegend der Schlacht angeschlossen und die Karawane schließlich überwältigt. In einer solchen Situation musste sich die Reisegruppe glücklich schätzen, mit einem Verlust von »nur« zwölf getöteten Männern entkommen zu können.
Am 25. Juli 1853 erreichte Burton Medina, wo er über einen Monat blieb. Er widmete einen ganzen Band der Beschreibung der Stadt und der religiösen Riten, an denen er teilnahm. Doch er war nicht sonderlich beeindruckt von der Grabesmoschee des Propheten, welche er als »unbedeutend und kitschig« empfand: »Sie vermittelt den Eindruck eines zweitrangigen Museums, eines Kuriositätenladens, voll von Schmuck und mit armseligem Glanz dekoriert.« Burtons Gemüt wurde mehr durch den großen Friedhof al-Baqi‘ bewegt, welcher am Tag des Jüngsten Gerichts Zeuge der Auferstehung von hunderttausend Heiligen mit Gesichtern gleich Vollmonden sein soll.
Für die Fortsetzung der Reise nach Mekka bedurfte es einiger Vorbereitungen – so mussten etwa die Wasserschläuche, die von Ratten angenagt worden waren, repariert und Vorräte für vierzehn Tage besorgt werden. Burton marschierte mit Muhammad und seiner Eskorte hauptsächlich in der Nacht. Ein solcher Reiseabschnitt dauerte von drei Uhr nachmittags bis elf Uhr am folgenden Morgen. Es gab natürlich wieder einen Hinterhalt auf dem Weg, und nur wenige Meter von Burton entfernt wurde ein Kamel durch einen Flintenschuss getötet.
Am 11. September 1853 erreichte Burton Mekka, wo er alle Riten des Hadschs unter der Anleitung seines Reisegefährten Muhammad durchführte. Dieser arrangierte auch, dass Burton das Innere der Kaaba betreten und den Schwarzen Stein küssen konnte. Burton steinigte den Teufel an den drei vorgeschriebenen Stellen, wie es die orthodoxen Rechtsschulen forderten, und erlebte die große Predigt, die Chutba, welche die Pilgerfahrt alljährlich beschließt. »Ich habe religiöse Zeremonien in vielen Ländern gesehen«, schrieb er, »aber nie war irgendetwas so feierlich, so beeindruckend wie dieses Schauspiel.«
Die Reisegruppe ritt weiter nach Dschidda, wo im letzten Moment auch Muhammad begriff, dass er »einen Sahib aus Indien« eskortiert hatte, »der über unsere Bärte gelacht hat«.
Burtons Bericht über diese Pilgerfahrt beinhaltet, wie alle seine Bücher, eine Unmenge detaillierter Beobachtungen, gelehrte Fußnoten, dazu aber auch haarsträubende Vorurteile, das alles durchsetzt mit einem eher grimmigen Humor. Sein Bericht bereicherte das Wissen der Orientalistik über die heiligen Stätten des Islam, doch vor allem übermittelte er die Atmosphäre der Wallfahrt spannender als irgendeiner seiner Vorgänger und berichtete auch eine Reihe seltsamer Details. So beobachtete er, dass die Augenkrankheit grauer Star mit gerösteten Maultierzähnen behandelt wurde und diese in zermahlener Form den Beduinen auch als Puder dienten. Er erzählte, wie die Affen mit ihren rosaroten Hinterteilen im Hedschas Vögel fangen: Die Affen legen sich mit dem Gesicht nach unten auf die Lauer – und die Vögel stürzen sich auf das vermeintliche Stück Fleisch. Ein anderer Affe, der sich in der Nähe in einem Gebüsch versteckt hält, stürzt sich seinerseits auf den hungrigen Vogel und dreht ihm den Hals um. Burton studierte intensiv die Märkte von Medina und stellte fest, dass man frische Straußeneier kaufen und dass ein äthiopisches Sklavenmädchen mehr als zwanzig Pfund kosten konnte. Schließlich zeigte er auch großes Interesse für die Beduinen und stellte Ähnlichkeiten zwischen den Tänzen der Beduinen und denen der Indianer Amerikas fest. Es verging indes fast ein Vierteljahrhundert, bevor Burton nach Arabien zurückkehrte und sich jenes Zechkumpans entsinnen sollte, der ihm von Gold in den Bergen Midians erzählt hatte.
NACH HARAR UND ZU DEN NILQUELLEN
Im Jahr 1854 versuchte Richard Francis Burton Somalia (das sogenannte Horn von Afrika) zu erkunden. Er wollte dort geographische Daten sammeln und Kenntnisse über den Handel in diesem Gebiet erwerben. Begleitet wurde er von drei britischen Offizieren: Leutnant Stroyan, Leutnant Herne und John Hanning Speke, einem geschätzten englischen Jäger und Leutnant des 46. Regiments der Eingeborenen-Infantrie von Flare in Indien. Im gleichen Jahr trafen sich die vier Expeditionsteilnehmer in Aden, an der dem Horn von Afrika gegenüberliegenden Küste, mit der Absicht, gemeinsam nach Harar und von dort nach Sansibar zu reisen.
Nach vielen Wechselfällen gelangte Richard Francis Burton schließlich allein vor die Tore der verbotenen Stadt Harar, der Hauptstadt des alten Hadiyah-Reiches, und als Händler verkleidet war er in der Lage, sie im Januar 1855 zu betreten.
Burton versuchte anschließend, in das Innere Somalias zu reisen. Leutnant Speke verfolgte das Ziel, in das Wadi Walnut zu gelangen, aber aufgrund der Raubgier seines Führers konnte er nicht wie geplant mit Burton zusammentreffen und kehrte drei Monate nach seiner Abreise nach Aden zurück. Burton war somit der erste Europäer, der Harar in Äthiopien betrat – eine Leistung, die viel gefährlicher war als seine Reise nach Mekka und Medina.
Noch im gleichen Jahr organisierte Burton eine weitere Expedition in den Ogaden. Am 19. April 1855, nur vier Tage nach ihrer Abreise von der Küste, wurden die Reisenden von Somalis überfallen und Leutnant Stroyan getötet; Speke rannte, aus elf Wunden blutend, um sein Leben. Burton selbst erhielt eine gefährliche Speerwunde im Gesicht, ein Schnitt durch beide Wangen, der die berühmte Narbe auf seinen Porträts verursachte.
Im Jahr 1856 beauftragte die Königliche Geographische Gesellschaft Burton, eine Frage zu klären, die die Menschheit schon seit Jahrtausenden beschäftigte: Wo liegen die Quellen des Nils? Die alten Ägypter wussten bereits, dass sich der Nil mehrere Tagesreisen über Khartoum im Sudan nach Süden fortsetzt. Herodot, der griechische Historiker, beschäftigte sich 460 v. Chr. mit der Nilfrage. Ptolemäus glaubte, die Quellen des Nils lägen bei den Mondbergen. Und tatsächlich ist das Quellgebiet des Nils nicht weit von dem von Ptolemäus beschriebenen Punkt entfernt, den heutigen Ruwenzori-Bergen am Albert- und Edward-See. Später erreichten griechische Entdecker den Zusammenfluss des Weißen und Blauen Nils. Im Jahr 66 v. Chr. entsandte Kaiser Nero eine Militärexpedition auf der Suche nach den Quellen des Nils. Im 17. Jahrhundert entdeckte der jesuitische Missionar Pedro Páez den Ursprung des Blauen Nils, aber die Quelle des Weißen Nils sollte ein Geheimnis und eine faszinierende Herausforderung für Abenteurer und Forscher bleiben. Zu Beginn des 19. Jahrhunderts erzählten arabische Sklaven- und Elfenbeinhändler auf der Insel Sansibar Geschichten über große Seen und Berge im Inneren Afrikas und davon, dass dort ein großer Fluss entspränge. War dies vielleicht die Quelle des Nils?
Richard Burton wandte sich an seinen Freund Speke und bat ihn, sich seiner Expedition anzuschließen. Im Dezember 1856 kamen Burton und Speke in Sansibar an. Von dort setzten sie im Juni 1857 auf den afrikanischen Kontinent nach Bagamoyo über, von wo aus sie in Richtung Innerafrika aufbrachen – der Route der Sklavenhändler folgend, um einen großen See namens Udschidschi zu erreichen. Ihr Auftrag war, seine Grenzen festzulegen und darüber Aufschluss zu erhalten, ob dieser große See die Quelle des Nils war oder nicht.
Mit hundertdreißig Trägern und dreißig Lasttieren brachen sie Richtung Südwesten auf, immer darauf bedacht, die kriegerischen Hirtenstämme der Massai zu vermeiden. Doch die Expedition stand zunächst unter keinem guten Stern: Mehrere Träger desertierten, und Tropenkrankheiten nahmen Burton und Speke die Kraft.
Nachdem sie zu Beginn des Jahres 1858 einen Monat in Kazeh (dem späteren Tabora) verbracht hatten, erreichten sie nahe Udschidschi (der aus den Orten Ugoï und Kawele bestehende Hauptort dieser Region liegt am Ostufer des Tanganjika-Sees) schließlich doch den großen See. Beide Männer waren in einer bedauernswerten körperlichen Verfassung, Burton hatte kein Gefühl mehr in den Beinen und Fieberwahn. Sie kehrten bald nach Kazeh zurück.
Sklavenhändler, mit denen sie gesprochen hatten, erzählten auch von einem großen See im Norden, welchen sie Nyanza nannten. Burton hatte jedoch keine Kraft mehr und blieb in Kazeh, um über die Reise zu schreiben. Speke, der sich erholt hatte, reiste nach Norden weiter und erreichte den beschriebenen See, den er zu Ehren der britischen Königin Victoria-See nannte. Ohne ihn näher zu erkunden, kehrte er zurück und erzählte Burton, dass die Nilquellen somit entdeckt seien. Burton glaubte ihm nicht, aber er versuchte auch nicht, Spekes Entdeckung zu überprüfen. Zwischen den beiden entbrannte ein heftiger Streit um die Frage, wer Recht habe und wo der Nil nun tatsächlich seinen Ursprung hätte.
Im März 1859 trafen beide Reisende in Sansibar ein. Speke kehrte ohne den schwer kranken Burton nach England zurück, der in Aden blieb. Im Mai 1859 berichtete Speke, ohne auf Burtons Ankunft zu warten, über seine Entdeckung vor der Royal Geographical Society und wurde mit Ehren überhäuft, auf die beide Anspruch gehabt hätten.
Eine weitere Nil-Expedition führte Speke gemeinsam mit James Augustus Grant durch. Am 28. Juli 1862 erreichten die beiden den Punkt, wo der Nil den See auf seinem langen Weg zum Mittelmeer verlässt. Speke schickte sein berühmtes Telegramm »Der Lauf des Nils ist festgelegt« ab.
Doch der von Zeitungen zwischen Burton und Speke angeheizte heftige Streit schlug weitere Wellen. Der berühmte Afrikareisende David Livingstone ergriff beispielsweise Partei für Burtons Ansichten. Um die Diskussion zu beenden, organisierte die Königliche Geographische Gesellschaft für den 16. September 1864 ein öffentliches Streitgespräch zwischen beiden Entdeckern im englischen Seebad Bath. Doch zu der längst fälligen Aussprache sollte es nicht mehr kommen: Am Tag vor Burtons und Spekes Auftritt in der Öffentlichkeit starb John Hanning Speke vermutlich durch einen Jagdunfall in der Nähe von Bath. Er selbst hatte den Schuss wohl ausgelöst. Es ist jedoch niemals eindeutig geklärt worden, ob es Mord, Selbstmord oder ein bloßer Unfall war. Die nachfolgenden Forschungen bestätigten schließlich die Entdeckung Spekes, dass der Hauptstrom des Nils tatsächlich seinen Ursprung im Victoria-See hat.
AUF DER SUCHE NACH GOLD
Burtons spätere Reisen scheinen im Gegensatz zu seinen dramatischen früheren Unternehmungen fast zufällig zustande gekommen zu sein. So besuchte er 1860 die Vereinigten Staaten, ließ es sich bei dieser Gelegenheit auch nicht nehmen, die Technik des Skalpierens zu studieren, und schrieb über das Mormonen-Zentrum in Salt Lake City das Buch »Die Stadt der Heiligen« (1861).
Im Januar 1861 heiratete er die gottesfürchtige und aristokratische Isabel Arundell, die, nachdem sie Burton zehn Jahre zuvor erstmals flüchtig gesehen hatte, ihrer Schwester gesagt haben soll: »Dieser Mann wird mich heiraten.« Sie half ihm dabei, Konsularposten in Westafrika, Brasilien, Damaskus und schließlich Triest zu erhalten. Während der meisten Zeit sollte ihre Pflicht aber »Bezahlen, Packen und Mitkommen« sein, als er rund um die Welt reiste; dennoch schrieb sie eine bewundernde Biographie über ihren Mann. Sie war seine Mitarbeiterin, Herausgeberin seiner Schriften und seine vehementeste Befürworterin, förderte seine Schriftstellerei und kämpfte letztendlich erfolgreich dafür, dass er zum Ritter geschlagen wurde. Sie arrangierte sogar ein Abendessen Burtons mit Königin Victoria.
Ab dem Jahr 1861, als Folge seiner Ehe mit Isabel Arundell, nahm Burton Konsulardienste des britischen Außenministeriums an. Eine Reihe von Konsularposten folgte.
Während seiner Tätigkeit als Konsul auf Fernando Póo (1861–1865) erforschte er die Biafra-Bucht und unternahm eine Expedition nach Dahomey (Benin) auf der Suche nach Gold. Einen Konsularposten in Santos (Brasilien) nutzte er zu Reisen nach Paraguay, Argentinien und Peru und für die Arbeit an seinem Werk »In den Hochländern Brasiliens« (1869). Eine weitere Station war Damaskus in Syrien, wo er »Unerforschtes Syrien«, schrieb (1872). Ein weiterer Konsularposten führte ihn schließlich nach Triest (damals zu Österreich-Ungarn gehörend), wo er von 1872 bis zu seinem Tod im Jahr 1890 wirkte. Hier übersetzte er »Tausendundeine Nacht«, das »Kama Sutra« und »Der duftende Garten« ins Englische, was ihn heftigen Angriffen der Nationalen Wachsamkeitsgesellschaft, verbissener Tugendwächter und der »Gesellschaft zur Unterdrückung des Lasters« aussetzte.
Als sich Burton auf seinem diplomatischen Posten in Triest zu langweilen begann, hielt er Ausschau nach weiteren Abenteuern. Er erinnerte sich, dass einer seiner alten Freunde aus dem Kairo-Wakalah ihm erzählt hatte, er habe eine Stelle gefunden, die goldhaltige Sande enthielt. Diese sollte im nordwestlichsten Teil der Arabischen Halbinsel liegen, welcher vom Sinai durch den Golf von ’Akabah getrennt ist – dem alten Land Midian, dessen Nomaden durch den jüdischen Feldherrn Gideon dreitausend Jahre zuvor vertrieben worden waren und wo auch Moses Zuflucht gefunden hatte. Burton interessierte sich für Gold, seitdem er von seinen indianischen Reisen zurück war; und er wusste viel über Bergbau.
Der ägyptische Vizekönig Ismael I. hatte zu dieser Zeit die Ressourcen des Landes bei seinem gewaltigen Plan, Ägypten bildungsmäßig, kulturell und wirtschaftlich zu reformieren, über alle Maßen beansprucht. Er hatte seine finanziellen Mittel nicht nur überdehnt, der Khedive von Ägypten hatte praktisch sein Land durch seine Extravaganz und die den Ägyptern diktierten Zwänge der Schuldenverwaltung ruiniert. Unter seiner Herrschaft hatte Ägypten den Sudan annektiert, war nach Afrika vorgedrungen und hatte ein prestigeträchtiges staatliches Bauprogramm begonnen, zu dem das Kairoer Opernhaus gehörte – für das Verdi übrigens die »Aida« schrieb. Hinzu kamen Ausgaben für den persönlichen Luxus des Herrschers. So soll er fünf Millionen Pfund Sterling in seinen Harem investiert haben. Ismael war deshalb verzweifelt auf der Suche nach neuen Ressourcen.
Lord Arundell, Burtons Schwiegervater, war bereit, etwas Geld für Burtons geplante Expedition und Goldsuche zur Verfügung zu stellen, und Burton fing an, den ägyptischen Vizekönig Ismael für seine Unterstützung zu umwerben, nach Gold und anderen Mineralien in Midian forschen zu dürfen. Richard Burton war zuversichtlich, dass der Khedive annehmen würde.
Als Vizekönig Ismael Burtons Brief bekam, in welchem er durchblicken ließ, dass Midian Ägypten mit den Reichtümern der kalifornischen Goldfelder versorgen könnte, sah der Khedive eine Möglichkeit, wie er die ausufernde wirtschaftliche Krise in den Griff bekommen könnte. Eine solche Expedition zu finanzieren, wie Burton sie ihm vorgeschlagen hatte, war ein Hasardspiel, wie Ismael es liebte.
Tatsächlich reiste Burton bald darauf mit seinem alten Freund aus dem Wakalah nach Midian. Er überredete ihn, die Expedition zu begleiten, obwohl er die Geburt seines fünften Kindes erwartete. Zu Burtons Gefolge gehörten auch ein französischer Bergwerksingenieur und eine Militäreskorte. Sie segelten Ende März 1877 von Suez los. Burton betrachtete das Unternehmen als eine Fortsetzung seiner Reise zu den heiligen Stätten im Hedschas. Die Expedition verbrachte knapp drei Wochen in dem Gebiet, und Burton kehrte mit der Überzeugung zurück, dass weiter im Landesinneren Gold abgebaut werden könnte. Man entdeckte alte Inschriften, viele neue Pflanzen und Insekten, aber Gold in nennenswerten Mengen wurde vorerst nicht gefunden.
Dies hinderte Burton indes nicht daran, dem Khediven zu telegraphieren, dass die Expedition ein voller Erfolg gewesen sei, als sie nach Kairo mit ihren Gesteins-, Kies- und Sandproben zurückkehrten. Die Ergebnisse der Sechzehn-Tage-Erkundung überzeugten den Khediven Ismael, dass eine weitere, ausführlichere Expedition tatsächlich gerechtfertigt sei. Denn die Burton-Erkundung hatte viele alte Bergwerksstollen gefunden, aus denen man acht große Steinkisten, vierzehn mit Kies gefüllte Wasserkanister und zwölf Körbe mit Sand mitgebracht hatte. Bei der Analyse konnten die Mineralien als metallhaltiger Quarz, Porphyr, Grünstein und Basalt identifiziert werden, welche Spuren von Gold und Silber enthielten, aber in solch winzigen Mengen, dass ein wirtschaftlicher Bergbau nicht möglich erschien.
In einem vor der Königlichen Gesellschaft der Künste gehaltenen Vortrag behauptet Burton dennoch ausdrücklich, von seiner ersten Expedition »Proben freien Goldes, gefunden in offensichtlich eruptivem Basaltgestein« zurückgebracht zu haben: »Silber kommt in den roten Sanden und im Quarz und titanhaltigen Eisen des Dschebel el-Abyaz vor. Silikat, kohlensaures Salz und andere Kupferverbindungen wurden aus chloritischem Schiefer und Quarz extrahiert. Blei und Eisen liegen überall herum. Zink war überreichlich vorhanden; die Hälfte des Landes bestand aus Gips und Selenit, und der Schwefel konkurrierte mit dem von Neapel.« Die zweite, weit aufwendigere Expedition fügte diesen Metallen Antimon (auch Stibium) und Quecksilber hinzu.
Zwischen seinen midianitischen Reisen gab es kurzzeitig die Vorstellung, dass Burton in den Sudan gehen und unter Charles George Gordon, dem Generalgouverneur des Sudans, Darfurs, der Äquatorialprovinzen und der Küste des Roten Meeres, arbeiten solle; aber weitblickend erkannte Burton, dass sie ein zu ungleiches Paar wären, um in der täglichen Tretmühle auf Dauer zusammenarbeiten zu können.
Als Gordons Angebot am 16. September 1877 vom Khediven wiederholt wurde, erwiderte Richard Burton, dass die Entwicklung Afrikas immer seine Herzensangelegenheit bleiben würde, er aber an der Führung einer weiteren Bergbau-Expedition nach Midian interessiert sei, um die Goldfelder für Ägypten zu erschließen. Er schlug vor, nach Midian zurückzukehren, um eine dreimonatige Expedition auszuführen, »eine Erforschung, die die Macht und die Prosperität des Landes fördern wird«.
Burton rechnete anscheinend fest mit der Zustimmung des Khediven, denn noch bevor er seinen Brief an ihn nach Ägypten abschickte, hatte er an das britische Außenamt geschrieben und seinen Vorgesetzten mitgeteilt, dass der Khedive ihn eingeladen habe, drei Monate in Midian zu verbringen. Die Arbeit seines Konsulates würde davon nicht beeinflusst werden, sagte er, da ihn der fähige Vizekonsul Edward Brock in seiner Abwesenheit vertreten würde. Mit dem Einverständnis des Staatssekretärs für Indien und designierten Außenministers (ab April 1878) Lord Robert Arthur Salisbury stimmte das Foreign Office zu, legte aber fest, dass Burtons Gehalt gekürzt würde. Offensichtlich hatte Richard Burton auf seinem Posten in Triest Narrenfreiheit: Eine an Burtons Personalakte befestigte Notiz hielt, als er seine genehmigte dreimonatige Beurlaubung auf sechs Monate ausdehnte, resigniert fest: »Es hat keinen Sinn, ihn zu fragen, wann er nach Triest zurückkommen wird, Hauptmann Burton hat immer mehr das getan, was er wollte, und wo er sich gerade befindet, ist er viel besser beschäftigt als auf seinem Posten.«
Burton verfasste natürlich auch über diese zeitlich sehr begrenzte Expedition ein Buch. Voll gelehrter Fußnoten und Referenzen verbreitete er darin Optimismus. Und glücklicherweise blieb auch der Khedive hoffnungsvoll und stattete wenig später eine noch viel größere Abteilung aus. Vier Europäer, sechs ägyptische Offiziere, zweiunddreißig ägyptische Soldaten (hauptsächlich befreite schwarzafrikanische Sklaven), dreißig Steinbrecher, ein griechischer Koch und Kellner und ein Zimmermann gingen am 19. Dezember 1877 an der Küste Midians an Land. Die Gruppe war immens aktiv. Burton schätzte, dass sie in vier Monaten mehr als viertausend Kilometer zurücklegten. Sie begutachtete die Lage von achtzehn alten Siedlungen, aber auch diesmal brachten sie kein Gold mit.
Die Geographen sind sich heute darüber einig, dass Burtons Berichte über Midian sein größter Beitrag zur geographischen Kenntnis Arabiens sind, weit bedeutender als seine erste, viel spektakulärere Reise nach Medina und Mekka. Vordergründig war der Grund für Burtons Reisen nach Nordwestarabien, nach Gold und anderen ökonomisch ausbeutbaren Mineralien zu suchen. Tatsächlich standen für ihn aber immer das wissenschaftliche Studium und die Erforschung der Region im Vordergrund, wie Philip Ward in seiner Einführung zur 1979 erschienenen englischen Ausgabe »Die Goldminen von Midian und die zerstörten midianitischen Städte« wohl zu Recht betont.
Burtons Expedition erforschte, untersuchte und kartierte den tausend Kilometer langen Küstenstreifen des nördlichen Midian. Viele wichtige archäologische Orte, die Überreste von achtzehn Städten und zwanzig Siedlungen wurden identifiziert, und all die vierzig den mittelalterlichen Geographen bekannten Plätze. Sie brachten alte Artefakte und Knochen, prähistorische Muscheln, zahlreiche Exemplare der Flora und Fauna sowie Insekten mit zurück; sie bewiesen die Existenz von wertvollen Mineralien: Schwefel, Salz und Salpeter sowie »gewaltige Ansammlungen von Gips«; sie fanden Achate und Türkise – aber sie fanden kein Gold, wenigstens nicht in den Mengen, von denen Richard Burton überzeugt war, dass sie in den angespülten Sanden existierten. Die Expedition brachte fünfundzwanzig Tonnen Gesteinsproben für metallurgische Analysen mit, die von George Marie ausgewählt wurden, dem für das Projekt durch die ägyptische Regierung ernannten französischen Geologen und Bergbau-Ingenieur. Auch Marie war selbstsicher und davon überzeugt, sie würden die Existenz von Silber beweisen. Der Nachweis von wirtschaftlich ausbeutbaren Silbererzen hätte auch Burton in hohem Maße gefallen. Er hatte eine magische Leidenschaft für das Metall und nutzte es als Gichtmittel. Doch statt des erhofften Reichtums blieben Richard Burton infolge seiner midianitischen Reisen nur Schulden. Der Khedive ließ ihn auf seinen Ausgaben sitzen. Am 26. Juni 1879 musste Ismael I. auf Druck der europäischen Großmächte zugunsten seines Sohnes Taufiq abdanken. Der neue Vizekönig weigerte sich, die finanziellen Verpflichtungen seines Vaters gegenüber Burton anzuerkennen.
Nach dem Erfolg seines Werkes »Die Goldminen von Midian und die zerstörten midianitischen Städte« schuf Richard Burton ein noch substanzielleres Werk: »Das Land Midian«, welches im darauffolgenden Jahr in zwei Bänden erschien. Es beschäftigt sich ausführlich mit drei Reisen – nach Nord-, Zentral- und Südmidian. Es ist voll von sowohl praktischen als auch tiefgründigen Informationen, und es ist mit Zeichnungen, Inschriften und einer detaillierten Karte illustriert. Da Burton nun in der Lage war, die Fahnenauszüge von »Das Land Midian« selbst durchzusehen, wurden die zahllosen Irrtümer und Druckfehler vermieden, welche die ursprüngliche Ausgabe der »Goldminen von Midian« beeinträchtigt hatten.
WO LIEGT MIDIAN?1
Der geographische Ausdruck Midian ist selbst heute noch nicht eindeutig zur Zufriedenheit aller definiert worden. In der Genesis (XXXVII, 28) wurde von den Midianitern gesagt, dass sie Josef von seinen Brüdern gekauft und ihn in Ägypten verkauft hätten. In Exodus (II, 15) wird davon gesprochen, dass Moses in Midian oder dem östlichen Land (östlich, das heißt von Ägypten aus) gelebt habe und dort Zipporah heiratete, eine Tochter des Priesters Jethro. Laut Numeri (XXXI, 22, 50–54) steckten die Hebräer im Jahr 1452 v. Chr. die Städte und die Burgen Midians in Brand und trugen eine herrliche Beute an Gold, Silber, Bronze, Eisen, Zinn und Blei, mit Gefäßen aus Gold, Halsketten und Armbändern, Ringen, Ohrringen und Broschen fort. Zweihundert Jahre später, dem Buch Richter VIII, 24–27 zufolge, als die Midianiter ihre Stärke wiedergefunden hatten, erschlugen mit Gottes Hilfe jüdische Krieger unter Gideon die ismaelitischen Könige Zebah und Zalmunna mit etwa einhundertfünfunddreißigtausend Kriegern und erlangten so viel Gold, dass Gideon, der sich nur einen Goldring von jedem seiner siegreichen Soldaten erbat, siebzehnhundert Schekel Gold erhielt. Gideon schmolz das Edelmetall ein und ließ davon ein Ephod herstellen, ein religiöses Emblem, das später der Gegenstand götzendienerischer Verehrung wurde. Doch dieses Massaker erwies sich für das Königreich Midian als tödlich, und es verabschiedete sich danach alsbald aus der Geschichte.
Die klassischen griechischen und römischen Autoren kannten das Wort Midian nicht, da sie die Region als Bestandteil des Nabatäer-Reiches betrachteten. Flavius Josephus teilte das Gebiet in zwei Midians.
Burton leitete seine Definition Midians von einigen mittelalterlichen arabischen Geographen und einigen Beduinen der Region ab, und er bestätigte, dass Midian im Norden von ’Akabah am Ende des Golfes von ’Akabah begrenzt wird und im Süden von al-Muwailah und dem Wadi Surr. Die Westgrenze ist der Golf selbst, und die östliche Grenze ist die Bergkette, die allgemein als Dschebel Schar’a bekannt ist, welche die Tihama von der Hisma trennt. Nach Burtons Auffassung hat die ganze Meeresküste südlich des Forts von al-Muwailah bis zum Hedschas »absolut keinen Namen«, keinen Oberbegriff.
Er schlug deshalb eine Teilung der Nordwestregion des heutigen Saudi-Arabiens in zwei Teile vor. Das »eigentliche Midian« oder »nördliche Midian« umfasst nach dieser Definition das Gebiet nördlich al-Muwailahs mit einer Küstenlinie von einhundertacht Meilen, während der Begriff »südliches Midian« sich auf den Küstenabschnitt vom Fort von al-Muwailah südlich bis zum Wadi Hamdh (25° 55’ nördlicher Breite), eine Küstenlinie von einhundertfünf Meilen, bezieht. Burton begründet seine Definition damit, dass sein größeres Midian im Altertum von den Nabatäern beherrscht wurde und zum Zeitpunkt seiner Expedition den gleichen Herrscher hatte: den ägyptischen Vizekönig Ismael.
Der berühmte Arabist und Geograph Aloys Sprenger, mit dem Burton einen herzlichen Briefwechsel führte, lehnte übrigens die neue Definition von Midian als neumodisch und zu breit angelegt ab. Doch blieb Burton die Anerkennung seiner Definition nicht versagt, da seine Interpretation der Gebiete Midians von Einrichtungen wie dem Marine-Nachrichtendienst der britischen Admiralität benutzt wurde.
Das Alte Testament erwähnt Goldschürfungen in Saba, Ophir und Havilah (Genesis X, 28–29). Alle diese Orte liegen im südlichen Arabien, und es ist wahrscheinlicher, dass die von Moses und Gideon an sich gerissene Beute an kostbaren Metallen eher durch Handel oder Piraterie erlangt worden war als durch Bergbau. Des Weiteren sind verschiedentlich Goldsande und die Existenz von Goldklumpen überliefert. Der midianitische Bergbau in Saudi-Arabien hatte vermutlich drei Blütezeiten: das Zeitalter von Salomon (961–922 v. Chr.), die Periode des Abbasiden-Kalifats (750–1258 n. Chr.) und die Zeit des saudi-arabischen Bergbau-Syndikats (1939–1954).
ELF SCHREIBTISCHE FÜR DEN ÜBERSETZER IN TRIEST
Nach seinen midianitischen Reisen stattete Burton den Kong-Bergen Westafrikas einen kurzen Besuch ab, um dort die Möglichkeit des Goldabbaus zu überprüfen, aber sein Lebensrhythmus war etwas langsamer geworden.
Zunehmend widmete er sich seinen literarischen Aktivitäten – unter anderem der bereits erwähnten Übersetzung von »Tausendundeiner Nacht«, natürlich wieder mit Fußnoten, welche die Destillation all seines Wissens und seiner Erfahrung enthalten. Er übersetzte in Triest verschiedene hinduistische erotische Erzählungen. In seinem Herrenhaus bei Triest hatte er für jedes Projekt, an dem er arbeitete, einen eigenen Schreibtisch. Es waren insgesamt elf.
Im Jahr 1886 wurde er sehr zu seiner Überraschung durch Queen Victoria geadelt. Er starb am 20. Oktober 1890 in Triest.
Heute, mehr als ein Jahrhundert nach seinem Tod, ist Richard Francis Burton eine Legende. Den Grundstein hierfür legte er, wie geschildert, nach dem Ende seiner Armeelaufbahn: Er wurde ein überaus fruchtbarer Schriftsteller, ein ausgezeichneter Linguist, ein detailbesessener Übersetzer und ein unersättlicher Forscher, der keine Auseinandersetzung, kein noch so großes Wagnis oder Abenteuer scheute.
Von allen Forschungsreisenden war kaum einer in seinem Leben aktiver oder produktiver als Richard Francis Burton. Kein Reisender auf der arabischen Halbinsel – von Thomas Edward Lawrence abgesehen – hat mehr Biographen veranlasst, sein Leben nachzuzeichnen. Die erste Biographie über ihn erschien bereits zehn Jahre vor seinem Tod.
Die Bibliographie von Burtons eigenen Arbeiten umfasst mehr als dreihundert Seiten, darunter sechzig komplette Bücher. Er schrieb über Bajonett-Drill, Falknerei, Bergbau, Archäologie, Schlangen, Medizin, Ingenieurwissenschaft, Bergsteigen, Religion und Liebespraktiken auf allen Erdteilen, Letzteres sehr zum Unwillen seiner Gattin. Von Burton sind Reiseberichte aus allen Kontinenten (mit Ausnahme der Antarktis und Australiens) erhalten. Allein über Afrika schrieb er dreizehn Bücher mit einem Gesamtumfang von viertausendsechshundert Seiten. Die arabische Halbinsel blieb aber, wie er selbst sagte, »das Land meiner Vorliebe«. Es überrascht daher auch nicht, dass Burton zu den Gründervätern des Königlichen Ethnographischen Instituts gehört.
Burton schrieb viel und schnell, und es gibt daher einen Berg an Informationen in seinen Werken. Sein enzyklopädisches Wissen über den Orient zeigt sich am besten in seiner großen sechzehnbändigen Übersetzung der »Tausendundeinen Nacht« (1885–1888) und den dazugehörigen umfangreichen Fußnoten. »Tausendundeine Nacht« war ein perfekter Gegenstand für ihn: Burton war immer mehr am Laster als an der Tugend interessiert. Er übersetzte außerdem die Qasidah Hadschi Abd El-Yezdis, das erotische »Kama Sutra« von Vatsyayana, das »Ananda Ranga« und »Den duftenden Garten« von Scheich Nefzawi.
Sein Reisebericht »A Personal Narrative of a Pilgrimage to Mecca and Al-Medina«, in welchem er über seiner Teilnahme am Hadsch des Jahres 1853 berichtete, begründete seinen Ruhm als Schriftsteller. Sein Erfolg bei dieser nicht ungefährlichen Reise war seiner intimen Vertrautheit mit den Sprachen und Gewohnheiten der Region geschuldet. Zudem war er, seinen mystischen Neigungen folgend, in den Reihen des Derwischordens der Qadiri initiiert worden.
Die Saga berichtet, dass Burton tatsächlich alle paar Monate eine neue Sprache gelernt haben soll. Am Ende seines Lebens beherrschte er fast dreißig Sprachen und zwölf Dialekte.
Burton widmete sich auch intensiv dem Studium des Okkulten, unbekannten Einflüssen, Talismanen, Tränken und magischer Macht. Während seines ganzen Lebens suchte er leidenschaftlich nach »Gnosis«, nach Welterkenntnis, welcher er rund um die Welt in ihren unzähligen Formen nachjagte. Er studierte die Kabbala, eine mittelalterliche jüdische Geheimlehre, und die geheimnisvolle Weisheit und Kunstfertigkeit des Griechen Hermes Trismegistos (Hermetik). Er war eingeführter Nagar Brahmin (die Naga sind ein Volksstamm im indischen Assam), und er war Mitglied der ismaelitischen Sekte (Siebener-Schia), welche beanspruchte, von den im Mittelalter als Meuchelmörder gefürchteten Assassinen abzustammen. Er war zu verschiedenen Zeiten Konvertit zum Hinduismus, Tantrismus (die Tantra-Lehre verehrt Schiwa und seine Gattin Parwati als Hauptgottheiten), zum römischen Katholizismus, zu dem Glaubensbekenntnis der Sikhs und zum Islam.
Nach Burtons Tod ergriff seine Frau vor allem zwei Schritte, um sein Andenken zu bewahren: Sie baute ein außergewöhnliches Grab in der Form eines Beduinenzeltes auf dem Heiligen-Maria-Magdalenen-Friedhof in Mortlake, einem Vorort von London. Und sie verbrannte leider alle ihr obszön erscheinenden Manuskripte, denen ihr Ehemann in seinen letzten Jahren all seinen Fleiß gewidmet hatte. Der Scheiterhaufen mit dem »Kama Sutra« und anderen Manuskripten soll tagelang gebrannt haben.
Uwe Pfullmann
1Die Ausführungen über die geographischen Grenzen Midians stützen sich weitgehend auf Philip Wards Abhandlung in »The Gold-Mines of Midian and the Ruined Midianite Cities« (1878).
RICHARD FRANCIS BURTON
DIE GOLDMINEN VON MIDIAN
KAPITEL I
In Alexandria
Endlich! Wieder einmal ist es mein Geschick, dem Gefängnisleben eines zivilisierten Europas zu entfliehen und Körper und Geist durch das Studium der Natur in ihrer nobelsten und bewundernswertesten Form zu erquicken. Abermals sollte ich den Anblick der »herrlichen Wüste« genießen dürfen und durch einen kurzen Besuch bei den Wilden in ihrer urtümlichen Heimat Kraft schöpfen.
Dies fügte sich wie folgt: Seine Hoheit, der Vizekönig von Ägypten, hatte von einem gemeinsamen Freund erfahren, dass ich viele Jahre zuvor Kenntnis von der Stätte eines Goldfeldes erlangt hatte, und ehrte mich nun mit der Einladung, über diese Angelegenheit persönlich zu berichten. Ich beantragte einen Monat Urlaub, der mir vom Außenamt Ihrer Britannischen Majestät in Anbetracht des grimmigen Winters und meiner Erschöpfung in der »tagtäglichen Tretmühle« zu Triest zuvorkommend gewährt wurde.
So ging ich denn am 3. März 1877 ungeachtet aller weisen Ratschläge, welche die Gattin dem Ehemann ans Herz legt, an Bord der Aurora, des österreichisch-ungarischen Lloyd-Schiffes von Kapitän Markovich.
Die Reise über zwölfhundert Meilen entlang jener malerischen Küsten von Istrien und der Hochländer und Inseln von Dalmatien verlief über die Maßen angenehm. Jenseits des romantischen Bocche di Cattaro, dem Bosporus des Westens, hatten wir außer schlechtem Wetter nichts zu befürchten und konnten unbesorgt auf die eisgekrönten Gipfel und schneegepuderten Hänge der großartigen Cimariot-Bergkette blicken: Das weithin gerühmte Akrokeraunion wurde in den letzten Jahren vor allem für seinen Feuerstein-Abbau berühmt. Es war wie gewöhnlich schwarze Nacht, als wir vor der Zitadelle und den Forts von Korfu ankerten; früher einmal eine höchst bezaubernde Militärstation, liegt sie seit dem traurigen Jahr 1864 infolge des Unabhängigkeitskampfes in Ruinen.
Vorbei an jener Brandung, die bei Leukas an dem Felsen aufläuft, von dem sich Sappho stürzte, und die noch immer von ihrem Blut gefärbt ist; durch den weithin berühmten Kanal mit dem rauen Theaki (Ithaca) an Backbord und dem erhabenen Kephalonia an Steuerbord; hart an Zante vorbei, dessen liebliche Hänge und befestigte weiße Stadt sie zur Blume der Levante gemacht haben; über den Golf von Patras und zur Stadt Katakolo, mit dem alten Pondiko Kastro, dem venezianischen Fort, das hoch über johannisbeerbewachsenen Tieflanden thront; vorbei an dem von Deutschen heimgesuchten Aipheus des Jupiter Olympius; an dem felsig zerklüfteten und vom Wind gepeitschten Arkadien, das so seltsamerweise zum Geburtsort der lieblichen arkadischen Erzählung und des Gesanges wurde; vorbei auch unter den wilden Mauern des steinigen Peloponnes und über die historische Navarino-Bucht mit ihrem von Ruinen gekrönten Wellenbrecher zur Insel Sphagia … An all diesen erinnerungswürdigen Plätzen dampften wir vorüber und erwachten am Morgen des vierten Tages, als wir in Küstennähe an den südlichen Ufern von Kreta entlangfuhren.
Das lange schmale Felsmassiv, dessen Konturen und Blöcke aus silbern getupften Berggipfeln und Felsspitzen sich mitunter bis auf 8000 Fuß erheben, war das letzte für uns sichtbare Stück Land auf unserem Weg. Es bot uns all seine Schönheit dar, die auf ihre Weise sogar dem unübertroffenen alpinen Charme einer intensiv strahlenden Sonne und des funkelnden Schnees gleichkommt: Goldstaub regnete auf den reinsten Hermelinpelz, und die ganze Szenerie hob sich ab vor dem mittelländischen Blau, während das Meer zur Musik der Winde tanzte. Mit dem tief empfundenen Wunsch, dass Kreta – welches im Jahre des Herrn 1680 von Mohammed IV., dem letzten Sultan, der persönlich im Felde stand, annektiert wurde – sich am Abend seiner Tage über die Wiedervereinigung mit dem Christentum und der Fahne des heiligen Georg glücklich schätzen möge, entboten wir der Insel ein zärtliches Lebewohl und wunderten uns, den Seeweg so von Schiffen verlassen zu sehen. Am 8. März warfen wir Anker im alten Eunostos, dem neuen Hafen von Alexandria, welcher ein vortreffliches Werk und Ägyptens größter Tage würdig ist. Wir Reisende hielten jetzt Ausschau nach einer Gepäck-Anlandungsgesellschaft, die uns vor den Kasteiungen des kreischenden Bootsverleihers und des habgierigen Dragomans bewahren sollte.
Der »libysche Vorort« – die Stadt sowohl des Propheten Daniel, Alexanders des Großen und des Apostels Markus – ist nicht mehr wie im Jahre 1853 eine Stadt falscher Bezeichnungen, wo die Trockendocks immer nass und die marmornen Springbrunnen ewig trocken sind; deren »Nadel der Kleopatra« weder mit Kleopatra verbunden noch eine Nadel ist; deren »Säule des Pompeius« nie den geringsten irdischen Bezug zu Pompeius aufwies und deren »Bäder« der Kleopatra, wahrheitsliebenden Reisenden zufolge, von jeher alles andere als Bäder waren.
Doch es ist ihr unerfreuliches Schicksal, von jedem Reisenden beschimpft zu werden. Nie verbrachte ein Tourist mehr als wenige Stunden im Abbat’s oder im Hôtel de l’Europe, aber jeder wirft einen kleinen Stein auf sie. Selbst die »Gewöhnlichkeit des Westens« wirft man ihr vor! Vom Meer aus betrachtet, verlangt das große Emporium (Handelszentrum), das wir in Karatschi entrüstet ablehnen, einigen Respekt. Die in anderen Mittelmeerhäfen, insbesondere in Triest, »Verbesserungen« genannten Misserfolge sprechen für Alexandria: Die vormals schwierige und gefährliche Einfahrt ist sicher mit Bojen markiert; der das Ufer beschützende vortreffliche Wellenbrecher benötigt nur einen besseren Leuchtturm an diesem Punkt; das Innere des alten Hafens wurde mit Molen und Docks ausgestattet; der Landungsplatz wird vertieft, indem man – vielleicht ein wenig zu sehr – die küstennahen Untiefen auffüllt, und schließlich werden breite, mit Steinplatten gepflasterte Kais entlang des Hafens in absehbarer Zeit Transit und Verkehr erleichtern.
»Semper Libya novi aliquid parit«, sagt der Historiker – und niemals hat Libyen etwas glücklicher hervorgebracht als jenen neuen Hafen.
Besagte Verbesserungen, die in Alexandria wirklich diesen häufig missbrauchten Begriff verdienen, finden sich vor allem um die Place de Consuls, jetzt Méhémet-Ali-Platz genannt. Im Jahr 1853 war dieser große rechteckige Platz eine kahle, von Winden gepeitschte, unfruchtbare Wildnis, die abwechselnd von Staub und dunklem Schlamm bedeckt wurde. Seitdem nun Europa die Sache in die Hand genommen hat, entwickelte er sich zu einem hochgeschätzten Ort, gesäumt von Bürgersteigen und Gehwegen aus Stein. Die den Spaziergängern vorbehaltene innere Fläche, wo der Turban tragende Napoleon inmitten von grünenden Bäumen und fließendem Wasser auf seinem arabischen Ross sitzt, ist von Pfählen und Ketten eingefasst, und allenfalls der verschwenderische Umgang mit Metall dürfte hier als sündhaft bezeichnet werden: Sie sind massiv genug für den Notanker eines Panzerschiffes, und die mächtigen Spitzen erinnern gruselig an die Mamelukenbeys und ihre bevorzugte Bestrafungsart, welche – ohne Musurus Pascha zu nahe treten zu wollen – nicht gänzlich aus der Mode gekommen ist. Den runden weißen Bassins mangelt es nicht länger an Wasser. Es gibt kioskartige Musikpavillons, wo Musik die schönen Sommernächte belebt; die englische Kirche erscheint weniger hausbacken-hässlich, als ihr gewöhnlich nachgesagt wird, und der hellblaue Palazzo Tositza am östlichen Ende beherbergt eine hinlänglich funktionierende Stadtverwaltung sowie den Gerichtshof. Obwohl es die britische Art ist, außerhalb der Stadt zu leben, sind die alten, nach Norden gerichteten Palazzi groß und komfortabel, da sie die Meeresbrise einfangen und zugleich die Sonne ausschließen.
Aber Alexandria wird, gleich Damaskus und ähnlichen Orten, mehr von dem Land-Reisenden geschätzt, der auf anderem Wege eintrifft, wie auch von dem Zurückkehrenden, der die Stadt von Süden her betritt. Die Kairo-Eisenbahnlinie zeigt sich allen anderen weit überlegen: Selbst die von Einheimischen benutzten Bummelzüge sind pünktlich, und die Postzüge legen ihre 131 Meilen in viereinhalb Stunden zurück. In der warmen Jahreszeit ist die erste leichte Meeresbrise so erfreulich wie das erste Glas Nilwasser, und der Anblick des Máryút-Sees erfrischt Orientalen und Abendländern gleichermaßen das Auge, das unter dem blendenden Licht von Kairo und der Wüste gelitten hat. Die Hauptstraßen sind ebenfalls nach der Mode italienischer Städte mit großen Steintafeln aus jenem eolithischen Sandstein gepflastert, mit dem Triest noch immer einen schwunghaften Handel treibt. Die Häuser sind nummeriert, obwohl die Hauptverkehrsstraßen keine Namen haben.
Die europäischen Geschäfte präsentieren sich wie Kaufläden – nicht wie die erbärmlichen französischen Marktbuden der Hauptstadt, wo einem für drittklassige Artikel erstklassige Pariser Preise berechnet werden. Das »Einkaufen« ist in der Tat in ganz Ägypten ein teurer und unbefriedigender Zeitvertreib: Bei Ebners Buchhandlung in Kairo wurde ich um zehn Franken für die letzte Druckschrift meines Freundes Brugsch-Bey erleichtert, welche Leipzig für fünfeinhalb Franken verkauft, während die Zentralapotheke mir vier Franken für Augentropfen – ein halbes Quäntchen Borax in einer Rosenwasser-Phiole – abverlangte.
Der »Kanal der zwei Meere« (Suezkanal) war das erste Unglück für Alexandria, welches einmal so stolz auf seine Vorrangstellung als Hafen-Hauptstadt der Levante war. Der Hafen hatte sich zum erfolgreichen Rivalen von Algier und Smyrna entwickelt. Dem folgte am 19. April ein weiterer Schock, als der Süßwasserkanal »El Ismaelíyyeh«, der den Nil bei Kairo mit dem Timsáh-See verbindet, das Gebiet mit seinen Importen und Exporten auf den absolut kleinsten Umkreis beschränkte. Die Stadt ist arm, und ihre Armut greift um sich.
Ihr bleibt nun nichts anderes übrig, als Fisch aus dem Fieber ausbrütenden Máryút-See gegen Getreide, Wein und Öl zu tauschen, wie es mehr als eine englische Handelsgesellschaft vorgeschlagen hat. Das schwindende Fahrgastaufkommen jedoch macht die Hotels weit angenehmer und bequemer als ehedem.
Doch leider muss ich sagen, dass die Aussicht auf Bankrott keineswegs dazu angetan war, die Lebensgeister von Alexandria zu wecken. Die »Araber«, wie die Ägypter genannt werden – wahrscheinlich weil so wenig arabisches Blut in ihren Adern fließt –, sind mürrisch, und der umtriebige Stamm der Levantiner ist noch verdrießlicher. Bei einem Dschihad, einem heiligen Krieg, und dem drohenden Entfalten des Chirqa Scheríf – des heiligen und apostolischen Banners – werden die Muslime Schutz gegen die Christen anfordern. Kairo ist in Glaubensfragen immer schon gleichgültig gewesen, während Suez nach wie vor fanatisch »gläubig« ist.
Die neue Polizei in Alexandria hat einiges zur Verminderung der Plage getan, welche jeder Fremde in der »düsteren und herzbedrückenden Stadt« des Jahres 1852 zu beklagen hatte. Als der Handel mit Baumwolle und Getreide den Hafen bereicherte, verkam sie zum Diebesnest – zur gewöhnlichen Gosse für all den Abschaum und Auswurf des Mittelmeeres. Ab und an wurden energische Maßnahmen gegen die griechischen und italienischen Proleten mit ihren schnellen Messern ergriffen: Man wies sie aus, aber irgendwie gelang es ihnen, immer wieder zurückzukommen. Während meiner letzten zwei Besuche bemerkte ich jedoch eine deutliche Verbesserung in dieser Hinsicht, und zweifellos wird die Zeit das Ihre dazu tun.
Der Zustrom von Ausländern birgt gewiss Nachteile – dennoch dürfen wir unsere Augen nicht vor der Kehrseite der Medaille verschließen. Man vergleiche Ägyptens aufstrebende Hauptstadt, seinen ausgezeichneten Hafen, seinen Meeresund Süßwasser-Kanal sowie seine fünfzehn Eisenbahnlinien mit dem unglücklichen Syrien, dessen Beirut lediglich ein Dorfhafen und dessen Hauptstadt Damaskus, das »Auge des Orients«, ein baufälliger Haufen geworden ist. Seit jenen Tagen, als Ibrahim Pascha Ägypten durch Eroberungsfeldzüge zu erweitern und mit Verwaltungsreformen und verschiedenen fortschrittlichen Maßnahmen zu modernisieren suchte, kann das Heilige Land kein einziges bedeutendes öffentliches Bauwerk mehr vorweisen außer denjenigen, die ihm von den Ägyptern selbst vermacht wurden. Ibrahim Paschas Bestrebungen wurden allerdings von Lord Palmerston vereitelt, der drohte, »Mohammed Ali in den Nil zu werfen«, und dabei unabsichtlich zum Helfershelfer Russlands wurde.

Nil-Landschaft
Hätte sich Letzterer in Stambul auf den Thron gesetzt, wäre die Türkei nicht zum hoffnungslose Bankrotteur geworden – ein erobertes Königreich und Schatten seines früheren Selbst.
Die Hauptaufregung in Alexandria verursachte selbst in jenen Tagen, als die Russen am 24. April den Pruth überquerten, die große Obeliskenfrage. Mohammed Ali Pascha hatte 1801 England den Zwillingsobelisken von »Kleopatras Nadel« angeboten, der einmal den Tempel des Sonnengottes Tom in On (Heliopolis), der Stadt der untergehenden Sonne, zierte; aber England, von liberalen Wirtschaftsideen geplagt und zu arm, um 10 000 Pfund zu zahlen, hatte das Geschenk abgelehnt, das infolgedessen null und nichtig geworden war. Das Angebot wurde durch Scheríf Pascha unter dem gegenwärtigen Vizekönig wiederholt und diesmal angenommen – obwohl die Oberfläche des Obelisken im Laufe von 3500 Jahren stark gelitten hatte. Auf der nach Norden weisenden Seite ist nur die Kartusche Pharao Thuthmoses’ III. gut erhalten. Von der Unterseite, die im Erdboden gelegen hat, wurde die Erde abgekratzt, und einer örtlichen Legende zufolge kroch eine königliche Hoheit persönlich unter den »hässlichen alten Felsblock« – wie eine englische Zeitung ihn profan bezeichnet –, um festzustellen, dass der Stein in seinem feuchten Grab keinen ernsthaften Schaden gelitten hat. Ist außerdem Dr. Richard Lepsius nicht jederzeit bereit, Obeliskenschäden aller Art zu restaurieren? Anfang 1877 trat der Streit um die Große Nadel in eine absonderliche Phase, denn nun ging es um die Eigentumsfrage. M. Giovanni de Demetrio, der Antiquitätensammler, hatte Anspruch auf das Monument erhoben und war am Gericht vor Ort mit seiner Klage abgewiesen worden. Er benahm sich indessen sehr großmütig, und aus Ehrerbietung gegenüber der englischen Regierung verzichtete er auf weitere Hemmnisse. Dies wäre einige Jahre zuvor, als Ägypten noch das glückselige Jagdrevier der westlichen Barbaren war, undenkbar gewesen. Von Said Pascha – einem geistreichen Prinzen, der einen guten Scherz zu schätzen wusste – erzählt man sich, dass er, als ein wohlbekannter »Anspruchsteller« in seiner Gegenwart den Hut zog, ausgerufen haben soll: »Mein Herr, bedecken Sie sich! Wenn Sie sich eine Erkältung holen, verlangen Sie gewiss Schadenersatz von mir.«
Kurz nach meiner Abreise aus Ägypten erhielt Herr Dixon, von löblicher Wissbegierde getrieben, am 20. Juni 1877 die Erlaubnis, den Sockel des stehenden Obelisken »Kleopatras Nadel« freizulegen. Ihm waren gewisse »eigentümliche Kerben« im Sockel des umgestürzten Pendants sowie mysteriöse Bronzestatuen am antiken Modell im Madrider Museum aufgefallen. Er stellte fest, dass die vier unteren Ecken des Monolithen abgeschlagen worden waren und eine in den Säulenschaft eingelassene Metallstange erkennen ließen, welche ihn mittels bemerkenswert gut gearbeiteter, Krabben darstellender Bronzefüße mit dem Granitsockel verbindet. Ursprünglich waren nur die Tiere sichtbar, und glücklicherweise blieb eines der südlichen erhalten und zeigt zwei bedeutende Inschriften. Diejenige an der Außenseite trägt in gut leserlichen Buchstaben fünf achtel Zoll hoch folgende Inschrift:
H KAIΣAPOS
BAPBAPOS ANEΘHKE
APXITEKTONOΥNTOS
ΠONTIOY.
Und auf der richtigen Seite oder der südsüdwestlichen Klaue lesen wir:
ANNO VIII
AVGVSTI CAESARIS
BARBARVS PRAEF
AEGYPTI POSVIT
ARCHI TECTAN TE
PON TIO
Für diese Informationen und die begleitenden Skizzen habe ich den Herren W. E. Hayns und Willoughby Faulkner zu danken. Sie fügten hinzu, dass alle Füße der erhalten gebliebenen Krabbe verstümmelt worden sind und durch grob behauene Steinbrocken ersetzt wurden, die man mit Lehm und schlechtem Kalk eingepasst hat. Da der Obelisk etwa acht Zoll vom Sockel angehoben worden ist, ruht das ganze Gewicht auf dem Mauerwerk und dem Metallträger; denn die Nadel hat eine »Schräglage« in Richtung Meer nach Nordwesten; die steinernen Stützen sind gesprungen und das ehrwürdige Relikt wird alsbald fallen, wenn nicht umgehend etwas getan wird. Wollen wir hoffen, dass es nicht das Schicksal des alten Orotava-Drachenbaumes auf Teneriffa teilen muss, dessen von ständigem und widerstreitendem Rat gequälter Eigentümer schließlich gar nichts unternahm, um ihn zu retten.
Herrn Hayns zufolge gab die Mauer in der Nachbarschaft des Obelisken, als sie zerstört wurde, den Abschnitt eines Pfeilers frei, der eine fragmentarische lateinische Inschrift in einer Einfassung enthielt. Sie scheint ebenfalls aus Kaiser Augustus’ Tagen zu datieren und bestätigt so die Inschrift auf der Krabbe. Man liest auf der Spitze EIA, gefolgt von einigen unentzifferbaren Schriftzeichen, und an der Basis AVG LIB.
Was der Reisende in Alexandria und Kairo sofort bemerkt, ist das Fehlen humanitärer Schutzvereine. Das gemeine Volk ist in der Regel weder wild noch brutal, wie gewiss einige seiner nördlichen Nachbarn es sind, aber die Menschen sind gedankenlos grausam, ähnlich Kindern, die anderen Lebewesen Schmerz zufügen, ohne es zu wissen. Die Mietdroschken und Zugtiere übertreffen jene zu Kairo bei Weitem, und wo die Europäer zahlreich sind, hat sogar der Eseljunge gelernt, dass der Ungläubige stets einen Esel mit möglichst wenig wunden Stellen bevorzugt und ein vierbeiniges einem dreibeinigen Kutschpferd vorzieht. Aber sogar hier müssen wir oft überflüssige Hiebe und Schläge mit ansehen, die jeden empören, der auch nur einen Funken Mitgefühl hat; in der Regel wird hemmungslos von der Peitsche Gebrauch gemacht. Viele, die nicht mit dem Lande vertraut sind – insbesondere Damen –, haben vorgeschlagen, die grausame Behandlung durch gesetzliche Maßnahmen einzudämmen. Seine Hoheit hat Zustimmung zu dem Unterfangen bekundet, und seine Beamten befürworten im Allgemeinen die Schaffung zivilisierter Sitten. Getan worden ist indes nichts. Zweifellos wären folgende Schritte erforderlich: Umlauf einer Petitionsliste, Bemühung um einen Abgeordneten aus London – einen sachkundigen Mann mit Erfahrung, der eine Zeit lang in Ägypten residieren würde – und schließlich Durchsetzung von Anordnungen, wonach die Polizei summarisch alle skandalösen Fälle von Tierquälerei verfolgen und mit Körperstrafen ahnden dürfte, die ihr von tadellos beleumundeten Einwohnern zur Kenntnis gebracht werden.

»Kleopatras Nadel« Obelisk und Krabbe
Schon bald würde eine solche Schulung eine spürbare Verbesserung im Benehmen eines Volkes bewirken, das so fügsam wie intelligent ist.
Die Europäer, und besonders die Engländer von Alexandria, sind glücklich, ihren eigenen Bezirk, den »Ramleh« (der Sandhaufen) zu haben. Dies war das alte Juliopolis und Nicopolis, das römische Zeltlager. Heute trennen es nur vier kurze Meilen unbewohnten Gebiets von der Stadt, welche sich früher etwa vier Wegstunden ostwärts bis zum Kap Zephyrion von Aboukir ausdehnte und gut und gern drei Millionen Seelen beherbergte. Eine Eisenbahnlinie, die von morgens früh bis Mitternacht in Betrieb ist, verläuft parallel zu der römischen Streitwagenstraße. Sie durchquert einen Haufen von Ruinen, die jetzt als Steinbrüche dienen, und schlängelt sich durch die Töpferei-Hügel, montes testacei genannt, das Kerámia der Griechen. Wahrscheinlich sind deshalb nur wenige Funde gemacht worden, weil es keine planmäßige Grabung gegeben hat; und das Wenige, was gefunden wird, wird nicht aufbewahrt. So zum Beispiel das kleine dorische Heröon, ein aedicula-in-antis an der Ramleh-Küste, von dessen elf aus dem Sandstein gehauenen und mit dem härtesten Muschelkalk einzementierten Säulen nur drei übrig geblieben sind; die christliche, in der südlichen Flanke des Karmús-Plateaus eingegrabene Begräbniskapelle aus dem 4. Jahrhundert auf der anderen Seite Alexandrias ist vollständig ausgeplündert worden.
Die Franzosen besetzten »an dem denkwürdigen 1. März 1801« die höchsten Punkte der heutigen Ramleh-Eisenbahnstrecke und begingen den fatalen Fehler, eine beherrschende, durch Geschützbatterien verstärkte Stellung zu räumen, während die Engländer zwischen Casa Grace und der Station auf »Cäsars Zeltlager« ungünstig postiert waren. Die Schlacht wurde auf jenem Streifen lockeren Sandes ausgefochten, der das Meer von dem schönen Seeausläufer Khazrá, einer östlichen Fortsetzung des Máryút-Sees, trennt. Reverend Davis, Kaplan in Alexandria, bestreitet, dass die Engländer hier Meerwasser eingeleitet und das Land ruiniert hätten. Er behauptet, sie hätten lediglich den Süßwasser-Kanal unterbrochen, der die zwei benachbarten Nilarme verbindet; außerdem sei an den tiefsten Stellen des Máryút-Sees, die sich etwa acht Fuß unter dem Niveau des Mittelmeeres befanden, schon immer Sickerwasser eingedrungen. Die militärischen Fehler auf beiden Seiten waren augenscheinlicher als in den meisten Schlachten: Wir hätten starke Verluste vermeiden können, wenn wir am Ausläufer des Sees entlangmarschiert und in die Flanke des Feindes eingeschwenkt wären. Nur wenige wissen, dass Abercrombie zu der kleinen Moschee von Ramleh gebracht wurde, nachdem er seine tödliche Wunde empfangen hatte. Wir können aber kaum erwarten, die bescheidenen Monumente unserer ritterlichen Landsleute dort noch vorzufinden, wo doch selbst das »Soma« Alexanders und das Heiligtum des heiligen Markus vergessen sind: Der Evangelist wurde – wie allgemein bekannt ist – ordentlich in einem Ballen oder einem Fass Schweinefleisch verpackt nach Venedig abtransportiert.
Der Zug, welcher die Schlachthäuser passiert, wo die Paria-Hunde besonders bei Nacht und am frühem Morgen ihres Lebens nicht sicher sind, hält an einem der Paläste, mit denen Unterägypten dieser Tage in sämtlichen Himmelsrichtungen übersäet ist. Der Hof aber besucht ihn niemals, da er Schauplatz schmerzlicher Ereignisse war. Er ging in Flammen auf, und Aufbau und Wiederaufbau sollen eine Million Pfund Sterling verschlungen haben. Noch im Jahr 1853 schlugen Besucher von Ramleh auf dem Sandkamm, der sich am kühlen, sanftblauen Meer erhebt, ihre Zelte auf; bald danach begannen sie, hier und da Bungalows auf den Klippen zu bauen, welchen jetzt die Zerstörung durch die Wellen droht. Das Land gehört niemandem, aber etwa vierzehn Stämme elender Zeltbewohner – ein Viertel Beduinen und drei Viertel Fellachen – wittern Piaster; und wie es die allgemeine Gewohnheit dieses Volkes ist, gelingt es ihnen, sich einen Besitztitel zu verschaffen. Ramleh hat seine eigene kleine aus Holz gebaute Station, offensichtlich in japanischem Stil, sein Geisterhaus, sein »Tollhaus« und sein Hotel, das »Beauséjour«, welches seit dem Tod des armen Bulkeley in voller Blüte steht, und es hält die traditionelle Gastfreundschaft aufrecht, für die Alexandria, anders als Kairo, immer berühmt gewesen ist.
Die Lektion, die wir in Alexandria lernen und bei Kairo wiederholen, besagt, dass seine Interessen umso besser befördert werden, je mehr (ehrliche) Ausländer in Ägypten beschäftigt werden. Im Jahr 1840 gab es 6150; 1871 waren es bereits 79 696 und für 1877 können wir von insgesamt mehr als 80 000 ausgehen. Pfarrer F. Barham Zincke bemerkt in seinem einfühlsamen Band – mit einem allerdings unlauteren Titel – treffend, dass die Nil-Niederung zwischen der Zeit der Pharaonen und der Khediven immer nur dann in Blüte stand, wenn sie selbstständig war; das sei die logische Auswirkung ihrer geographischen Eigenheiten, ihrer Entwicklung und ihrer Bevölkerung. Ich will sogar so weit gehen zu behaupten, dass Syrien an Ägypten wieder angegliedert werden sollte, um es zu vervollständigen. So will ich denn hoffen, dass es bald seine Unabhängigkeit wiedererlangen wird. Ich bin überzeugt, dass sein Fortschritt und seine Entwicklung, welche allein durch die Abhängigkeit von Stambul behindert wird, die Welt in Staunen versetzen wird, sobald es nur seine Freiheit zurückerhalten hat. Es bietet Raum für seine Bevölkerung, und dies nicht nur in den reichen Weideländern am Isthmus und in der oberen Nilregion, sondern auch überall westwärts, in Darfur, Waday und der Somali-Küste über Zaylá und Berbera; und es hält Harar besetzt, welches bald eine wichtige Station auf der Hauptfernverkehrsstraße zwischen dem Roten Meer und den Seegebieten von Zentralafrika werden wird. Ein Land, dessen Winterklima köstlich und dessen Luft der Vorbeugung gegen die Gicht zuträglich ist, sollte dem britischen Herzen stark zusagen.
Die Strecke zwischen Alexandria und Kairo führt durch eine wunderbare Landschaft, die sich mit der südenglischen Surrey-Ebene vergleichen lässt. Sowohl Städte als auch Dörfer zeigen Anzeichen von Prosperität, die ihnen 1820 vom großen Mohammed Ali aufgezwungen wurde, einem Fürsten, dessen Andenken mit jeder Generation strahlender erscheint. In Birket el-Sa’ab, der Station zwischen Tantah-Nord und Benhá-Süd, erkundigte ich mich nach der Kutn el-Bámiyeh, der Hibiskus-Baumwolle, die dort von einem Kopten etwa 1873 entdeckt und 1877 geerntet wurde – und wahrscheinlich schon 1878 den Markt beeinflussen wird. Der arabische Name scheint die Theorie der Araber zu belegen, wonach die Pflanze eine Kreuzung von Baumwollstrauch und Hibiskus sei. Dies ist offensichtlich unmöglich, und doch wird ernsthaft damit experimentiert, beide gemeinsam anzupflanzen. Die »Malven-Baumwolle« präsentiert sich als ein gerader einzelner Stängel von zwölf bis siebzehn Fuß Höhe, der dreißig bis sechzig, ja sogar bis zu neunzig Kapseln trägt. Sie wird im März gepflanzt und im September herausgerissen; pro Feddán2 oder dem kleinen ägyptischen Morgen erbringt sie achtzehn bis achtundzwanzig Kantár (Zentner), statt vier bis fünf der El-Aschmuni’-Sorte, die bisher als die höchste Qualität galt. Das trockene Exemplar, das mir von Herrn Vetter aus Zagázig gezeigt wurde, hat vier Stängel, und in der Blüte und der Kapsel entdeckte ich sofort die gewöhnliche baumartige gossypium religiosum, mit den lockeren schwarzen Samen und der feinen langfaserigen Linterolle (Fussel) der Sorte Unyamwezi. Die Abart hat zweifellos per Zufall ihren Weg von Zentralafrika herauf gefunden, und möglicherweise schon bevor der clevere Kopte auf den Gedanken verfiel, sie zu sammeln. In Triest wurde sie von meinem gelehrten Freund Cav. de Tommasini sorgfältig untersucht, der mit Dr. de Marchesetti in der oben gegebenen Beschreibung übereinstimmt.
Bis jetzt hat sich die Neuentdeckung allerdings als Misserfolg erwiesen. In den Exemplaren, welche mir Herr Clarke geschickt hatte, war die Baumwolle in den Samenkapseln am unteren Stängel gut, wurde aber schlechter und schlechter, je höher die Kapseln am Stängel standen; an der Spitze schließlich, wo sie schnell verdorrte, taugte sie überhaupt nichts mehr. Züchter haben versucht, Fehler in der Pflanzzeit, schlechte Pflege, ungünstiges Wetter und dergleichen mehr ins Feld zu führen, aber die Entschuldigungen sind nicht stichhaltig.
Der große Strauch gedeiht unter den feuchten Himmeln von Unyamwezi; aber im trockenen Ägypten bringt er eine armselige Faser hervor, die sich kaum mit den bunten einheimischen Sorten vergleichen lässt, obwohl das Gegenteil beteuert wurde. Überdies laugt das üppige Wachstum den Boden aus und erfordert mehr Düngung, als der Fellache sich leisten kann, denn er ist gezwungen »Kuhfladen« als Brennstoff zu nutzen. Wenn man das Experiment weiterführen will, muss man diesen Baumwollstrauch frühzeitig auf den nährstoffreichsten Böden anpflanzen, die vom »großen Vater«, dem Nil, fruchtbar gemacht wurden.
Der untere Nil bestätigt bemerkenswerterweise das von – wie ich glaube – den Russen zuerst entdeckte Gesetz der Flüsse. Der Strom wird westwärts durch die Erdrotation abgelenkt, welche sich auf jeden Abschnitt entlang eines Meridians in nordsüdlicher bzw. in südnördlicher Richtung auswirkt. Die von mir auf dem Indus angestellten Beobachtungen fanden durch die Ingenieure der alten französischen Expedition ihre Bestätigung. Sie sagten einen Rückgang der Wassermenge im östlichen Arm des Deltas voraus, und jetzt bemerken wir, dass sich das Wasser allmählich verringert und der Damietta-Zweig bereits zu verschlammen beginnt.
STATISTISCHE NOTIZ
Die alte Vorstellung, wonach Alexandria, die zweite Stadt im Niltal, mit ihrer feuchten Hitze und ihrem Fieber ausbrütenden Nachbarn, dem Máryút-See, ein in hohem Maß unbekömmliches Klima und eine jährliche Sterblichkeitsrate von 40 je 1000 Einwohnern hätte, war nicht unbegründet. Die vom Innenminister herausgegebenen reichlichen statistischen Tabellen bewiesen indes, dass bei einer registrierten Gesamtzahl von 212 034 Seelen in Alexandria ein Todesfall jährlich auf 24,4 Einwohner fällt, was in etwa mit St. Petersburg oder Madrid vergleichbar wäre; Kairo hingegen bringt es mit 449 883 Einwohnern auf einen Todesfall je 21,4 Einwohner. Dies ist eine sehr hohe Zahl und übersteigt bei Weitem die von Triest (sie schwankt zwischen 30 bis 42 pro 1000), das nach Rotterdam an zweiter Stelle in Europa steht. Die Gesamtheit des ägyptischen Niltales mit seinen 5 250 000 Seelen hat einen Todesfall auf 37,9 Einwohner zu beklagen; das ist etwas geringer als die Rate der Niederlande. Der früher so ungewöhnlich hohe Anteil an Todesfällen unter Männern tendiert indessen zu einer Abnahme, während die Rate der männlichen Geburten gleich bleibt. Dies lässt auf verbesserte Lebensbedingungen für die arbeitende Bevölkerung schließen. Der Rückgang der Anzahl von Totgeburten ist verglichen mit anderen Ländern zufriedenstellend. Besonders schwer ist die Sterblichkeitsrate von Kairo zu erklären – begünstigt, wie die Stadt nun einmal ist mit ihrem außergewöhnlichen Klima, ihrem reinen Himmel, der konstanten Belüftung und einer Atmosphäre, deren Klarheit und Zuträglichkeit Besucher aus allen Teilen Europas anlocken. Man muss hier wohl die örtlichen Gegebenheiten in Betracht ziehen: den groben Umgang mit Kleinkindern; die Krankheiten der Sudanneger, die unter dem vergleichsweise harten Winter zu leiden haben; den Umstand, dass viele auswärtige Ägypter wie einst die Römer in ihre Hauptstadt strömen, um dort ihren letzten Atemzug zu tun; und schließlich die zunehmende Bewässerung rund um die Stadt.
Mittlerweile ist man überzeugt, dass die zwischen 1872 und 1877 durchgeführten sanitären Verbesserungen, wie die Beseitigung der Elendsquartiere und das Anlegen breiter Boulevards in Alexandria und Kairo, die Situation zum Besseren gewendet haben. Die Sterblichkeitsrate von Europäern ist für einen Hafen dieser Größe vergleichsweise niedrig. Im Allgemeinen geht man davon aus, dass etwa ein Drittel der enormen Gesamtsumme, die in den Tabellen aufgeführt wird, Säuglinge und Kleinkinder betrifft. Andererseits erklärt die spartanische Behandlung von Kindern, warum diejenigen, welche die Pubertät erreichen, abgehärtet und kräftig sind.
Korrekturbedürftig ist der volkstümliche Irrtum, wonach Regenhäufigkeit und -menge in Ägypten im Lauf der letzten Jahre durch das Anpflanzen von Bäumen zugenommen haben sollen. Clot-Bey und Herr Jomard erklärten, dass trotz der energischen Maßnahmen von Mohammed Ali Pascha, der allein schon drei Millionen Maulbeerbäume anpflanzen ließ, keinerlei Unterschied zu den Niederschlägen vor vierzig Jahren festzustellen und wahrscheinlich ist die Menge seit vielen Hundert Jahren gleich geblieben sei. Zwischen 1798 und 1800 gab es im Durchschnitt fünfzehn bis sechzehn Regentage; während der fünf Jahre zwischen 1835 und 1839 indessen verminderten sie sich auf zwölf bis dreizehn. Die Abbasiyyeh-Sternwarte registrierte 1871 neun Regentage in Kairo mit einer Gesamtdauer von knapp über 9 Stunden; demzufolge fiel sogar noch weniger Regen, als zu Beginn des Jahrhunderts bezeugt wurde.
Der Fremde, der nur einen beiläufigen Blick auf das Land wirft und geneigt ist, es mit seiner Vorstellung von Perfektion zu vergleichen, wird das Ausmaß des materiellen Fortschritts im Niltal reichlich unterbewerten. Wohingegen wir, die gewissermaßen aus dem Jahr 1850 stammen, sehr genau einzuschätzen wissen, wie sich das gegenwärtige Ägypten zu dem früherer Jahre verhält. Unserer Überzeugung nach verläuft der Fortschritt zur vollsten Zufriedenheit. Der Gesamtumfang der kultivierten Fläche belief sich 1870 auf 3 218 715 Feddán, und 1877 können wir ihn ohne Weiteres auf 5 000 000 Feddán, also 21 000 Quadratkilometer schätzen. Dabei umfasst die überhaupt mögliche Nutzfläche 7 000 000 Feddán, also 29 400 Quadratkilometer, und entspricht der Fläche von Belgien, dem kleinsten Staat in Europa. Auf diesen 29 400 Quadratkilometern leben nach der gängigen Schätzung 5 250 000 Seelen, d. h. 178 Menschen pro Quadratkilometer; im Vergleich dazu haben wir 173 in Belgien, 101 in England, 58 in Österreich und 33 in Spanien.
Da sich das Land vollständig selbst ernährt und statt Auswanderung zu begünstigen Immigranten anzieht, hat sich die Bevölkerung der Niltals in vierundsiebzig Jahren verdoppelt, und sie kann sich beim gegenwärtigen Entwicklungstempo in sechzig weiteren Jahren abermals verdoppeln. Dies ist eine ausreichende Antwort für alle, die auf die Ägypter als ein altersschwaches Volk herabschauen.
Die Hauptprodukte – Baumwolle, Zucker und Getreide – werden immer einen Markt finden. Meiner Überzeugung nach wird die Bergbauindustrie – die bisher auf das Natron der Buhayrah-Provinz, auf das Salpeter und Kaliumnitrat aus Fayyum und Oberägypten sowie auf die Salinen des Mittelmeeres und des Roten Meeres beschränkt ist – künftig gigantische Ausmaße annehmen, oder diese Seiten werden vergebens geschrieben worden sein. Tatsächlich muss Ägypten, allen Unkenrufen zum Trotz, als eines der erfolgreichsten unter den modernen Königreichen betrachtet werden. Es hat seine Grenzen bis hinter die Einflusszonen der Pharaonen und Ptolemäer ausgedehnt, und als »Großägypten« ist es dazu bestimmt, Handel und Zivilisation im Herzen Afrikas zu entfalten. Es ist in der Tat kaum eine Schranke auszumachen, die seinen Aufstieg behindern könnte. Wenn es zehn Millionen zählt, wird es sich bis zum Äquator ausdehnen sowie das nördliche Becken des Kongos und die Gewässer des Victoria-Sees umfassen und den Handel dieses afrikanischen Amazonas’ und Kaspischen Meeres kontrollieren.
2Der Feddán, ein Agrar- und Flächenmaß, entspricht 0,42 Hektar. Der Kantár oder Quintar (100 Ratl oder 36 Okes) entspricht 44,55 Kilogramm.
KAPITEL II
Die Veränderungen in Kairo
Mein kurzer Aufenthalt in der Hauptstadt begann äußerst traurig. Ich besuchte sie in der Absicht, einen Vortrag vor der Société Khédiviale de Géographie zu halten. Ich bestellte eine Kutsche und wies den Dragoman an, zur Wohnung des Marquis Alphonse-Victor de Compiègne zu fahren, dessen letzter Brief noch unbeantwortet in meiner Jackentasche steckte. »Ach, Sie wissen wohl nicht, dass er gestorben ist?«, war die Antwort, gefolgt von einem Bericht über den nutzlosen, vorzeitigen Tod in einem Duell am 28. Februar. Es erübrigt sich, bei der eigenartigen Kombination unheilvoller Zufälle länger zu verweilen, dem totalen Fehlverhalten von »Freunden«, die es nicht hätten dulden dürfen, dass die Affäre eine solche Wendung nahm, der geschwächten Gesundheit, die eine Schulterwunde tödlich werden ließ, und dem Unvermögen des aufrechten Mannes, sich die ihm gemäße Stellung zu verschaffen. Es ist nur angemessen zu bemerken, dass diejenigen im Irrtum waren, die dem Ereignis einen politischen Anstrich verleihen wollten – nur weil sich die Angelegenheit zwischen einem Franzosen und einem Deutschen abspielte. Die am besten Informierten können nichts Schuldhaftes am Verhalten von Herrn Meyer entdecken, der seinerseits zu drei Monaten Haft in Preußen verurteilt wurde und mit uns auf der Flora des Österreichischen Lloyds nach Hause zurückkehrte, um seine Strafe abzubüßen. Doch die Tatsache, dass sich beide Kontrahenten so untadelig dem Ehrenkodex unterwarfen, vermag nicht über das unglückliche Ende eines jungen und vielversprechenden Lebens hinwegzutrösten, das so herrlich mit Entdeckungsreisen begann und im Alter von dreißig Jahren, gewissermaßen durch einen dummen Zufall, so plötzlich endete. Es war ein Abgang, den er durchaus nicht verdient hatte.
Herr Frederick Smart teilte Seiner Hoheit freundlicherweise meine Ankunft mit, und schon am nächsten Tag wurde ich mit einer Einladung in den Abidín-Palast geehrt. Mein Empfang durch den Vizekönig fiel besonders wohlwollend aus; bereits die erste Audienz lehrte mich, dass dieser Fürst ein Meister des Details ist, da er gelernt hat, bei der Förderung des Aufschwungs in seinem Lande äußerste Wachsamkeit und Diskretion zu üben. Der Khedive hat kaum die angemessene Anerkennung von Europa erhalten, die sein hoher moralischer Mut verdient. Es erfordert nicht wenig Geisteskraft, so unvermittelt alle Traditionen absoluter Herrschaft aufzugeben, um sie gegen die Fesseln des Konstitutionalismus einzutauschen und obendrein die Hilfe von Fremden anderer Rasse und anderen Glaubensbekenntnisses zu erbitten, wenn sich die Verwaltung des Landes als unfähig und ineffizient erweist.
Das liebe alte Kairo! Und erst sein Nilwasser! Süß, leicht und schmackhaft unterscheidet es sich nicht nur teilweise, sondern ganz und gar von dem anderer Flüsse. Kein Wunder, dass die Hebräer murrten, als sie darauf verzichten mussten. Der erste Schluck ist eine ganz neue Erfahrung, jede Wiederholung der reine Genuss.
Wir haben Anfang März, der Khamsín oder Fünfzig-Tage-Abschnitt des Schirokko hat noch nicht eingesetzt, das Wasser ist morgens wie abends klar und kühl. Im April, dem Frühlingshöhepunkt, und im Mai, der ägyptischen Erntezeit, werden wir Kairo bei Weitem nicht so angenehm vorfinden. Noch ein Schluck, dann brechen wir auf, um erste Eindrücke aus der Stadt des Khediven zu sammeln und die Veränderungen zu erkunden, mit welchen das letzte Vierteljahrhundert die Hauptstadt von Mohammed Ali heimgesucht hat.
Als nach dem Ende der großen napoleonischen Kriege und der fürchterlichen Schlachten der Dragoman-Heerscharen – angeführt von Salt, dem Briten, und Rosetti, dem Franzosen – stillschweigend ein Modus Vivendi geschaffen wurde, hätten die kühnsten Propheten nicht vorauszusagen gewagt, dass ein Stückchen Paris, eine brandneue blitzsaubere gallische Stadt mit ihren Plätzen, ihren Boulevards und ihren Verkehrsinseln, ihrer Oper, ihren französischen Theatern und zwei Pferde-Rennbahnen, ihren Rues Castiglionis und ihrem Grand Hôtel nördlich des kompakten und soliden Parallelogramms entstehen würde, welche hier die Stadt des Mars begrenzt. Und niemals hätten sich die nüchternen Muslime träumen lassen, dass sie ein französisches Viertel in ihrer Hauptstadt erdulden müssten, das sogar bald schon das Ganze zu verschlingen drohte. Ein Blick auf die Verschönerungen, die zwischen dem westlichen Ende des alten Muski oder der halbeuropäischen Basar-Straße und dem Beginn der Schubra-Straße getätigt wurden, lässt erahnen, was auf unsere Nachkommen im Lauf der nächsten fünfzig Jahre zukommen wird.

Der Nil bei Kairo
Der Kern und Brennpunkt der modernen Umgestaltungen ist der Ezbekiyyeh-Platz, das alte sumpfige Zeltlager der Uzbegs, den der gegenwärtige Suleyman Pascha auf Befehl von Mohammed Ali dem Großen in einen öffentlichen Garten umwandeln ließ, welcher für die verschiedensten Zwecke genutzt wird. Fünfundzwanzig Jahre zuvor war er ein nicht eingefriedeter englischer Garten: wild, malerisch und besonders levantinisch in seinen Accessoires. Hier fanden Ausstellungen statt, und über die Rücken der Betenden wurde einfach hinweggeschritten. Unter Grand-Bey hat er seinen familiären Charakter verloren: Wir erkennen nichts außer dem alten Herrensitz des verstorbenen Kyámil Pascha und den stets auf den Bänken verkehrenden Flöhen wieder. Es ist hier ausgesprochen zivilisiert geworden; der reinste Pariser Gaffer würde sich hier leicht in seine Rolle finden.
Die herrlichen Lebek-Bäume – Akazien, deren weißgelbe Blütensträuße und große goldene Schoten ihnen den Namen Dakn el-Bascha, »Bart des Paschas«, einbrachten und deren parfümierter Auszug seinen ätherischen Wirkungen nach nicht grundlos »fitneh« oder »Plage« genannt wurde – haben den Weg für eine Hyksos-Invasion von auswärtigen, unkultivierten Pflanzen bereitet. Der Birket (Wasserbehälter) ist jetzt um die Hälfte zusammengeschrumpft, umgewandelt in ein birnenförmiges Schwimmbad und von einem umzäunten achteckigen Garten umgeben.
Dieses Vergnügungsgewässer ist mit Kanus und Tretbooten ausgestattet; der Rasen wird mithilfe von Metallleitungen bewässert und die Flächen erfreuen sich abwechslungsreicher Gestaltung durch einen Kanal und einen Katarakt, durch Kaffeehäuser und »Kahwehs« – Letztere sind für »Einheimische« vorgesehen –, durch Kioske und Musikpavillons, durch eine Pferde-Rennbahn und ein Karussell, hölzerne Pferde, Boote und anderes mehr. Darüber hinaus hat man einen etwa zwanzig Fuß hohen Berg mit einem zweistöckigen Sommer-Landhaus gekrönt, welches über eine rustikale Brücke zu erreichen ist und sich über einer Grotte erhebt, in der man Eis essen und Domino spielen kann. Zu guter Letzt gibt es noch ein französisches Restaurant, von welchem ich, seiner Weine und seiner Lammkoteletts wegen, durchaus respektvoll sprechen möchte.
Kurz vor Sonnenuntergang werden die Drehkreuze mit weiß gekleideten Polizisten bemannt – die eigentlich braunen groben Leinenstoff tragen sollten –, welche das Eintrittsgeld verlangen. Hierbei hat man keineswegs im Sinn, die städtische Finanzkraft zu stärken. Die Steuer zielt vielmehr darauf, die schwarz bekittelten Fellachen und schweinsgesichtigen Eunuchen von der Bemächtigung der Lebensnerven des jungen Kairo abzuhalten. Nun sehen wir beide Geschlechter gemeinsam promenieren; das eine trägt einen französischen Damenhut, das andere diesen kragenlosen »Konstantinopeler Mantel«, dessen einziger Verdienst darin besteht, dass er zugleich kleidet und entkleidet.
Das neue Kairo rings um den Ezbekiyyeh-Platz ist – wie alle solche modernen Erweiterungen oder Auswüchse – eine Stadt von enormer Ausdehnung, und darüber hinaus in hohem Maße unvollendet: eine feine neue, frisch aus der Hutschachtel stammende französisch-italienisch-griechisch-hebräischarmenische-Yankee-Doodle-negerartige Sorte von Vorort. Die modernen Durchfahrten von gewaltiger Länge und riesiger Breite werden von eigens gepflanzten Bäumen gesäumt, die man doch besser entlang der zentralen Avenuen und Bürgersteige für Fußgänger angelegt hätte. Die einzige Strecke für schattige Spaziergänge findet sich an der südöstlichen Ecke des Neuen Hotels. Gas ist noch ein Luxus am Ort. Die neuen Durchfahrten werden nicht benannt, die frei stehenden und halb frei stehenden Villen nicht nummeriert; dies macht es – wie auf dem Malabar-Hügel in Bombay – schwierig, einen Freund ausfindig zu machen.
Die neuen Boulevards – Abidín, Abd-el-Aziz und Fawwálah (der Bohnenverkäufer) – mit ihren ordentlichen Gartenparzellen prägen die nordwestlichen und westlichen Teile des Parallelogramms. Einer indessen, der »Boulevard des Méhémet Ali«, verläuft durch die Lebensnerven der alten Stadt und ist durch ein Elendsquartier stark beeinträchtigt worden. Er mündet oberhalb der Moschee von Sultan Hasan ein, der bei Weitem größten der Kairoer Moscheen. Die edle ägyptische Architektur von Sultan Hasan mit dem gewaltigen Kranzgesims krönt die immensen ungebrochenen Mauern, welche durch die Konfrontation mit der neuen Rufá’í-Moschee zusätzliche Würde erhalten – es ist dies der große Gebäudekomplex, der sich noch im Bau befindet und in jeder Linie Spuren von europäischer Hand zeigt. Das Beste an Letzterem ist, dass es verglichen mit dem alabasternen griechisch-türkischen Horror in der Zitadelle eine Renaissance der Kunst bedeuten wird. Der Boulevard endet am Kara-Maidan (schwarzer Platz), dem klassischen Rumayleh der Mameluken, wo der Dscherid gespielt wurde und wo Verbrecher, zum Tor der Bestrafung gebracht, über einem eigens für diese Zwecke genutzten Wasserbehälter enthauptet wurden. Was würde der Abessinier Bruce zu dem kahlen Parallelogramm dieser modernen Tage sagen, der ebenfalls nach einer Pariser Mode seinen Namen in »Mohammed-Ali-Platz« geändert hat?
In der Eingeborenenstadt hat man die Hauptverkehrsstraßen durch Abriss der Häuser, die durch »Notlösungen« ersetzt wurden, verbreitert. Die »grüne Schwelle« (Atabat el-Khazrá) aber, wo Ibrahim Pascha, der ritterliche Vater des gegenwärtigen Vizekönigs, sein bronzenes Dienstpferd reitet, gereicht noch immer zur Bestrafung der Fußgänger. Die Eseljungen, einst die einzigen Taxifahrer des Landes, sind wie die Sänftenträger von Bath über die Maßen aufdringlich, und die Wagenlenker von Ägypten lieben es, gerade an solchen Plätzen furios zu fahren, wo der Bürgersteig nichts als ein Streifen und die schmale Straße von schiebenden Menschenmassen verstopft ist. Die Fußgänger, welche den Granden in langen Schritten vorausgehen, schreien o-â! in den lautesten Tönen, wobei sie aber nicht mehr, wie früher, von ihren langen Spazierstöcken Gebrauch machen; sie sind reine Überbleibsel, insbesondere in der mit breiten Straßen versehenen neuen Stadt, und je eher diese Opfer des Raki und der Herzkrankheit von der Welt verschwinden, desto besser. Die öffentliche Ordnung wird von der neuen Polizei in leidlicher Disziplin aufrechterhalten, aber Grausamkeit gegen Tiere ist noch immer die Regel.
Der Muski, Prototyp der verbesserten inneren Durchfahrt, lässt noch viel zu wünschen übrig. Als Pflasterung dient schmutzige schwarze Erde aus faulendem Abfall pflanzlicher und tierischer Herkunft, die infolge der Besprengung selbst im Hochsommer schlammig und rutschig ist. Es bilden sich Haufen, die mit der Hacke ausgeglichen werden müssen, und der Andrang und Gestank von Mensch und Tier sind widerlich. Was diese Pflasterung soll, weiß ich kaum zu sagen. Holz oder jedwede Form von Beton, wie auf der Pozzolana in Alexandria, würde für den sehr schwachen Verkehr allemal genügen. In den Gassen und Nebenstraßen der großen Durchfahrten ist der Dunst weniger auffallend. Staub aus zerriebenem Sandstein ersetzt den Schlamm und die Hügel sind höher, sodass die Räder der Fahrzeuge einen Neigungswinkel von dreißig Grad zu bewältigen haben. Wieder sehen wir verwundert zu, wie ein Droschkenkutscher seine klapprigen Gäule durch eine kaum sechs Fuß breite überfüllte Straße jagt und ohne die Pferde zu zügeln die schärfsten Kurven nimmt, sodass die alten Frauen mit ihren Essenskörben zur Seite springen müssen, um nicht Leib und Leben zu riskieren.
So hat denn »der Durchfluss – eine sehr notwendige Angelegenheit«, wie der Epikuräer feststellt, den Sieg über Kairo errungen. Die Bauwut herrscht hier so stark wie in Wien; aber sie tobt sich aus an Herrenhäusern mit verputzten Lattenfassaden und braunem Bewurf an den Innenwänden. Glücklicherweise sind die Vorderfronten nicht sehr solide gebaut, sodass sie im Verlauf von einigen Jahren häufige Gelegenheit zu – im wahrsten Sinn des Wortes – Schönheitsreparaturen geben. Der Stadtplan weist 279 Hauptmoscheen von insgesamt etwa 400 aus. Die Kosten der »Kirchen-Instandhaltungen« sind dabei genauso bemerkenswert wie bei uns.
Die altehrwürdige Hasanayn, welche wie die Ummawi in Damaskus ein Haupt des unglückseligen Enkels des Apostels von Allah birgt, ist im Stil einer griechischen Kathedrale erbaut, die zwar im Detail, aber weniger in der Gesamtheit bezaubert: Die zungenförmigen Zinnen sind abgestuft, und diese Neigungen brechen die Giebel der Stützpfeiler, lassen die äußere Ansicht verkümmern, statt sie zu unterstützen. Die Fenster bestehen aus Parallelogrammen im Erdgeschoss und zwei Lichtkarniesen im oberen Teil. Das unvollendete Minarett präsentiert sich im raffiniertesten Stil: eine kannelierte Säule, obendrein buckelig, auf einem hochragenden Giebel ruhend. Nichts kann erhabener sein als die zu alten Moscheen gehörenden campanileähnlichen quadratischen Türme; nichts ist scheußlicher als jene Kerzen, welche Löschhütchen tragen – neueste »Errungenschaften« aus Konstantinopel. Es gibt etwa ein halbes Dutzend verschiedener Modelle von Minaretten, jedes ein Ausdruck eines eigenen Zeitalters, aus welchem der Architekt es entlehnt haben könnte; doch er hat seiner persönlichen eigenwilligen Auffassung den Vorzug gegeben, und der Dragoman freut sich über die verschönerte Hasanayn, weil sie vierundfünfzig Säulen weißen Marmors enthält. Die Franzosen in Algerien restaurieren die Monumente aus früheren Tagen, und Kairo sollte den wunderschönen Mausoleen der Mameluken-Beys – welchen die Europäer fälschlich den Namen »Gräber der Kalifen« verliehen haben – nicht erlauben, zu bloßen Trümmerhaufen zu verfallen oder gar als Dschubbeh-Khánas (Schießpulvermagazine) zu enden, die überdies die Stadt mit plötzlichem Tod bedrohen.
An den neuen Häusern sind der vorragende Teil der oberen Stockwerke und die zinnenförmige Gestaltung der Fassaden die einzigen Spuren von Lokalkolorit. Um auch jede verirrte Brise einzufangen, ist jedes Fenster in einem gewissen Winkel zum benachbarten geneigt. Die Straße der Kopten, insbesondere der südliche Abschnitt gegenüber der neuen Straße und dem Platz, wurde nahezu unberührt belassen; lediglich das kühlende, komfortable und malerische Gitterwerk, für das der Sammler so teuer bezahlt, ist entfernt worden. Dies können wir aber nicht wirklich beklagen, da es Ungeziefer beherbergte und die Feuergefahr beträchtlich vergrößerte; aber Glasfenster gelten in diesen Breiten als ebenso barbarisch wie das Trinken von Nilwasser aus einem Trinkglas statt aus einem Gulleh (Wasserspeier). Die Häuserblöcke, welche auf die Place de l’Esbekié blicken, sind wie die Rue de Rivoli mit Arkaden geschmückt: Der einzige Einspruch, der gegen diese vernünftigste aller Neuerungen erhoben werden könnte, ist die Enge des überdachten Weges. Die an Piastern so knappe Stadtverwaltung sollte einen Beschluss fassen und auf den richtigen Proportionen bestehen.
Und nun zu den Heimstätten der Reisenden. Das von einer englischen Gesellschaft erbaute »Neue Hotel« wurde wahrscheinlich von einer Eisenbahnstation abgekupfert, und Neuankömmlinge meinen in der Regel, dass es sich um einen vizeköniglichen Palast handle. Ein falsches Tympanon krönt seine Vorderfront, hinten ist es unvollendet, und gleich den Missgeburten in den Vereinigten Staaten ist es innen in muffige kleine Schlafräume unterteilt, die sonderbar mit seiner gediegenen Halle, seinem großartigen marmornen Treppenhaus und seinen riesigen öffentlichen Salons kontrastieren.
Die anderen drei uns vormals bekannten Einrichtungen sind noch immer auf ihre jeweiligen Nationen beschränkt, sprich Franzosen und Griechen, Deutsche und Engländer. Das alte rote Hôtel de l’Orient alias Coulomb’s, gegenüber der neuen Place de la Bourse und jetzt im Besitz eines Hellenen, berechnet sechzehn Franc pro Tag anstatt derselben Summe in Schilling. Das Tagesgericht im Hôtel du Nil (Herr Friedmann) wird von ständig in Kairo wohnhaften Personen bevorzugt, aber unglücklicherweise ist der Zugang zu dem hellhörig gebauten Haus eine lange Gasse, die vom Muski herabführt, und man hört seinen nächsten Türnachbarn schnarchen. Aus Shepheard’s ist Zech’s geworden. Früher öffnete sich das Tor zu den Gärten hin, jetzt grenzt es an den seltsamsten Gegenstand, der jemals von einem sterblichen Mann bearbeitet wurde: einen Block aus Steinmetzarbeit, dessen Äußeres einem lockeren Haufen Fadennudeln oder einem Schwarm von Raupen nachgebildet zu sein scheint.
Ich kann nicht an Sam Shepheards altem Haus vorübergehen, ohne seines ersten Besitzers zu gedenken, eines in vielen Punkten bemerkenswerten Mannes. Der Sohn eines Bauern aus Warwickshire, geboren auf dem Landgut von V…, welches seit Generationen einer alten Grafenfamilie gehört hatte, fühlte in sich eine Berufung über den Pflug hinaus und entschloss sich, sein Glück jenseits der Äcker zu suchen. Er trat als Bäckerlehrling bei Herrn Walker in Dienst, einem Konditormeister in Leamington, und in glücklicheren Zeiten sandte er nach seinem alten Meister, der zu Hause gescheitert war und eröffnete mit charakteristischer Großzügigkeit für ihn ein Geschäft in Kairo.
Als Kabinenjunge an Bord der Bark Bangalore unter Kapitän Smith landete er 1840 in Suez, als Waghorn gerade dabei war, den Transit zu organisieren. Hier wurde er aus den Reisemitteln der Fahrgäste gestärkt, und mein alter Freund, Herr Henry Levick, welcher noch das englische Postamt betreibt, führte ihn bei Herrn Hill ein, Mohammed Ali Paschas Arabagí-Basch (Leibkutscher), der damals ein kleines Gasthaus im Darb el-Beráberah in Kairo betrieb. Nachdem er eine Zeit lang die Suez-Transporter für fünf Pfund pro Person gefahren hatte, besaß er bald Geld und Kredit genug, um ein Geschäft auf eigene Rechnung zu eröffnen. Wann genau er auf die fixe Idee verfallen ist, dass er geboren wurde, um den Grundbesitz von V… zu erstehen, kann ich nicht sagen – und eine fixe Idee ist ja nicht immer ein Zeichen von Wahnsinn. Wohl aber war er zwischen den Jahren 1840 und 1845 von dieser Idee besessen und machte bei seinen Kunden, einschließlich meines verstorbenen Freundes und Blutsverwandten, des armen Sam Burton, kein Hehl daraus.
Da er ungebildet war, begann er nun, sich in die Materie einzulesen, welche die Position erforderte, die einzunehmen ihm bestimmt war. Und obwohl er nur schwach die Erwartungen an einen Lancashire-Gutsherrn der letzten Generation erfüllte, schrieb er Gesellschaftsverse, welche am Ort zur Modeerscheinung avancierten. Mir ist, als hörte ich ihn noch immer rezitieren:
»Komm in die Wüste, komm, Polly, mit mir!«
Sein Arabisch war stets unbeholfen: Bei ihm war ein Tarbúsch nichts weiter als ein Tarbrush (Teerpinsel). Es waren wilde Geschichten im Umlauf, welche seinen Aufstieg zum Glück erklären sollten, typisch für die Klasse der Hotelbesitzer im Allgemeinen und für die Gattung der Hoteliers in Ägypten im Besonderen. So soll er von Mohammed Ali mit der Herstellung von Schinken-Sandwiches (!) betraut worden sein, welche er in einem doppelt verschlossenen silbernen Behälter transportierte; einen Schlüssel bewahrte er selbst auf, den anderen der Konsument. Die Wahrheit aber ist, dass er ein Zechkumpan des verstorbenen Khayr el-Dín Pascha war, und dieser der Chef des alten Transitbüros, der sich am Billardspiel ebenso wie an hochprozentigen Getränken erfreute und Shepheard einen Vertrag über die Lieferung von Versorgungsgütern an die Passagiere der Kutschen und Nildampfer verschaffte – eine gewinnbringende Angelegenheit, da wir zwölf Pfund pro Kopf bezahlten. Niemand murrte über seinen guten Stern: Er war großherzig und gab mit offenen Händen, als er wohlhabend geworden war; seine liebenswürdigen Taten sind zahllos, und die Souveränität seines Geistes und Auftretens erregte bei nur wenigen Unmut, sicherte ihm hingegen viele Freunde. Er hätte eigenhändig jeden Prinzen von seiner Schwelle gejagt, wenn der sich nicht wie ein Gentleman benommen hätte, und einmal hatte ich einige Mühe, ihn vor den geballten Fäusten eines wütenden angloindischen Majors zu bewahren.
Schließlich füllten die Verträge zur Verpflegung unserer Truppen während des Krimkrieges und des Sepoy-Aufstandes seine Taschen mit Gold. Unverzüglich eilte er nach Warwickshire; er kaufte sofort einen Teil des begehrten Grundbesitzes auf, welcher – außergewöhnlich genug – gerade feilgeboten wurde; und nach und nach fiel dann das Ganze in seine Hände, bis er starb.
Meinen einzigen Besuch beim »Gutsherrn Shepheard« habe ich in angenehmer Erinnerung behalten. Er war zum Liebling all seiner Nachbarn geworden. Er ritt wie ein Mehlsack, aber er ließ kaum eine Jagdgesellschaft aus, und seine Freunde waren bei seinen eigenen Jagd- und Angelausflügen stets willkommen. Seine bescheideneren Tage hat er niemals vergessen, doch munkelte man plötzlich von mittellosen aristokratischen Verbindungen, wie das immer geschieht, wenn ein Mann reich wird, und er wurde mit einem Baron in Verbindung gebracht. Sein einziger Kummer war, keinen Sohn zu haben, der ihm nachfolgen und eine Familie gründen würde – eine wahrhaft englische Vorstellung und eher lobenswert denn blamabel.
Kurz und gut, wenige Menschen haben ein glücklicheres Leben geführt oder mehr Gutes getan oder sind erfolgreicher als der liebenswürdige und ehrliche Sam Shepheard, R.I.P., verschieden.
Diese Schilderung aus vergangenen Zeiten rief einen weiteren alten Reisenden an den Ufern des Nils wieder in mein Gedächtnis zurück: den verstorbenen Mansúr Effendi, Herrn Lane. Sein »Modern Egyptians« ist für den Studenten ebenso notwendig wie Wilkinsons »Ancient Egyptians«, aber die Erfahrungen von 1835–1842 reichen jetzt nicht mehr aus. Ein beträchtlicher Teil der Arbeit, insbesondere der erste Teil, macht die Heckenschere erforderlich – und bewahrt indessen die Blumen und die Frucht: die für diese Zeiten so charakteristischen Anekdoten. Einem gestandenen und praktisch veranlagten Arabisten wie etwa Herrn Konsul Rogers sollte es erlaubt sein, das Werk zu modernisieren und mit den neuesten Erkenntnissen zu ergänzen. Vieles, was zu kurz abgehandelt worden ist, sollte in voller Länge ausgeführt werden, die Gebete sollten nicht nur im Dialekt, sondern auch in Arabisch und ebenso in lateinischer Schrift wiedergegeben werden. Es wäre lohnend, mehr über Abu-Zayd zu erfahren. Das Kapitel IX über die Wissenschaft sollte völlig neu geschrieben werden, andere interessante Themen nicht aus Rücksichtnahme auf die Vorurteile und die ignorante Ungeduld des gewöhnlichen Lesers geopfert werden, wie es vierzig Jahre zuvor geschah. Baron von Hammer-Purgstall und andere Orientalisten haben auf mancherlei Unzulänglichkeiten hingewiesen, und die gelehrten Begründungen des Autors für seine oberflächliche Darstellung und für seine häufigen Auslassungssünden können nicht länger als stichhaltig hingenommen werden.
Ägypten besitzt nunmehr zwei wissenschaftliche Gesellschaften: Keine von beiden wird indessen in dem Ausmaß gefördert, das sie verdient hätte. Die ältere ist das Ägyptische Institut, welches 1860 die Stelle des alten Institut d’Égypte unter Said Pascha eingenommen hat. Sein Hauptquartier und seine Bibliothek sind im Gesundheitsministerium von Alexandria untergebracht, wo wir es auf unserer Rückreise besuchen werden. Sein letztes Bulletin, die Nr. 13, herausgegeben im Zeitraum 1874–1875, enthält sowohl für den einheimischen als auch für den allgemeinen Studenten sehr aufschlussreiche Themen.
Die Königliche Geographische Gesellschaft von Kairo trägt den Titel »Société Khédiviale de Géographie«. Ein unglückliches Ereignis beraubte sie der gelehrten Dienste von Dr. Schweinfurth, seines Zeichens Botaniker und Forscher – Seine Hoheit Prinz Husain Pascha, der zweite Sohn des Vizekönigs und Kriegsminister, ist seit dem bedauernswerten Rücktritt bereits als künftiger Präsident im Gespräch. Von dem traurigen Schicksal seines energischen Generalsekretärs habe ich schon gesprochen: Unter seiner Verantwortung erschien die erste Nummer des Bulletin Trimestriel im Februar 1876, und es ist eine sehr gute Ausgabe. Die Schilderung der letzten Reiseroute des bedauernswerten Ernest Linant de Bellefonds wäre von jeder geographischen Gesellschaft in Europa auf das Lebhafteste begrüßt worden.
Die Gesellschaft ist bewundernswert gut beherbergt. Bücher werden zwar nur langsam angesammelt, weil das Geld knapp ist, dafür aber stetig; und die zahlreichen hochgebildeten amerikanischen Offiziere, welche aus dem Inneren Afrikas an ihren ausgezeichneten Inspekteur General Stone (Pascha) berichten, werden dazu originäre Beiträge in großer Vielfalt und Menge liefern. Die Société schlägt auch vor, Reisende aller Nationen, die beabsichtigen, in das Herz Afrikas vorzudringen, mit Rat, Landkarten, Plänen und anderen Notwendigkeiten zu unterstützen. Dies ist augenscheinlich die wichtigste ihrer Aufgaben. Möchtegernmonopolisten werden sich über kurz oder lang einstellen, aber wir wollen darauf vertrauen, dass sie immer in der Minderheit bleiben werden.
In Bombay schlossen sich kürzlich die Asiatische und die Geographische Gesellschaft zusammen und bilden nun einen starken Körper statt zweier schwacher. Sollte dieses gute Beispiel nicht von Ägypten nachgeahmt werden, wo eine Subvention von 5000 Franc pro Jahr für eine einzelne gelehrte Körperschaft genügte und wo die vereinigten Bibliotheken – eine mit alten, die andere mit neuen Büchern – einander ergänzen würden? Aber die anscheinend kleinen Schwierigkeiten sind in Wahrheit groß; es erforderte schon einen Cavour oder einen Bismarck, sie zu vereinigen, wo doch bereits ein Thersites genügt, um ein Königreich oder eine Gesellschaft zu spalten.
In der Hauptstadt vermissen wir den alten zweckmäßigen öffentlichen Lesesaal im koptischen Viertel, von wo unter der Leitung von Professor Spitta die seltenen und wertvollen Bücher an die Zentrale Bibliothek des Bildungsministeriums im Darb el-Dschamámíz übergeben worden sind. Es wäre selbstsüchtig, diese Änderung bedauern zu wollen, die schon so viel Gutes bewirkt hat, und ich war recht überrascht, die große Zahl einheimischer Studenten und Kopisten zu sehen, welche die gut beleuchteten und komfortablen Räume besuchten. Das Bulák-Museum für ägyptische Altertümer, welche – außer einigen von Herrn Generalkonsul Hübner angekauften Artikeln – alle das Ergebnis von Ausgrabungen von Herrn Auguste Mariette aus Boulogne sind, erfreut sich zu großer Bekanntheit, um eine Beschreibung zu benötigen. Letztes Jahr erschien die sechste Ausgabe seiner Notice des Principaux Monuments (Kairo, Mourès), ein 300 Seiten starker Band von besonderem Wert in durchdachtem Katalogstil. Der einzige Mangel dieser vortrefflichen Sammlung ist das geplante und versprochene Gebäude. Gegenwärtig besitzt es die alte Bulák-Station der Nildampfer, einschließlich der Little Asthmatic, und deren Mauern scheinen nicht allzu sicher zu sein. Auf der Westseite des Nils wurden die für das neue Museum beabsichtigten Fundamente in den Schlamm gesetzt. Warum überlässt man ihm nicht die Rennbahn als Baugelände?
Die Zeiten in Kairo sind fast so »hart« wie in Alexandria und erinnern den Sammler an ein bestimmtes altes Sprichwort über krank machende Winde. Vor vielen Jahren ist Birmingham (Massenproduktion von billigen Artikeln – d. Ü.) in den Nil geflossen, wie der Orontes in den Tiber, und die Sintflut von Nachahmungen und schamlosen Imitationen endete erst, als sie den Käufer fast abschaffte: Kaum ein Tourist wagte mehr, einen Skarabäus oder eine Statuette auch nur anzuschauen. Der »Antíká-Jäger« konnte während der letzten zwei Jahre seiner Sache ziemlich sicher sein. Es ist für den Bauern billiger, wirkliche Überbleibsel zu finden, als sein Geld für Fälschungen zu riskieren. Doch sollte ich dem wohlhabenden Amateursammler, der solche Sachen zu kaufen oder in alte Rüstungen und »Damaskus«-Klingen, in Türkise und Rosenöl, in persische Ziegel, Münzen und dergleichen mehr zu investieren gedenkt, dringend raten, sich ein Empfehlungsschreiben für einige hochrangige einheimische Persönlichkeiten zu sichern.
Die unvermeidlichen Abstecher in die Umgebung – zu dem Schubrá-Palast, nach Mataríyyeh und zum versteinerten Wald, nach Rodeh (Nilometer), nach El-Dschezireh (Zoologische und Botanische Gärten), nach Alt-Kairo und Memphis, nach Sakkára und zu den Pyramiden, um nur die wichtigsten zu erwähnen – sind auf eine Weise zwar vereinfacht, auf die andere aber erschwert worden. Die Schubrá-Straße zum Beispiel, noch immer die angesagte Strecke für eine abendliche Spazierfahrt, fängt gut an, endet aber mit Schlaglöchern, die den Kutschenfedern hart zusetzen.
Überdies muss man nun zunächst eine Genehmigung des Konsulats einholen, um die früher für den allgemeinen Besucherverkehr geöffneten Palastgärten aufzusuchen. Dieser offizielle Pass ist neuerdings auch für die Einrichtungen auf El-Dschezireh und für bestimmte Moscheen erforderlich – wo dort früher dein Kawwás (Janitschar) lediglich »Bakhschísch« bezahlen musste. Den alten malerischen Anblick und die amüsanten Reiseunfälle gibt es jetzt nicht mehr. Man mietet eine Kutsche, überquert Vater Nil auf einer großen Gitterbrücke, die nur 1 800 000 Francs gekostet hat, passiert eine zweite von El-Dschezireh nach dem libyschen Ufer und schließlich einen breiten, lockeren und staubigen, mit jungen Bäumen bepflanzten Straßendamm, welcher sich fast wie eine Fernverkehrsstraße in der Normandie oder Kanada über die Felder erstreckt und in einer Art von Umrisslinie endet. Nach zwei Stunden langt man an der Basis des Felsplateaus an, welches die Ghizeh-Pyramiden trägt, die letzten Wohnstätten von Khúfú (Cheops) und Kháfrá (Chephren).
Es herrscht ein Mangel an Schicklichkeit auf dieser zurechtgestutzten, modernen Chaussee, die zu jenen Gebäudekomplexen von kolossaler alter Majestät führt, zu den ersten Früchten und den besten unter den klugen Arbeiten Ägyptens, zu dem Vermächtnis einer Rasse, die auf die Griechen wie auf vorlaute und starrsinnige kleine Kinder herabschaut. Aber jetzt bricht ihr Geist in offene Revolte aus.
Diese Rampe aus Steinmetzarbeit, bereits halb begraben unter den Sanden von Typhon – von ihm, der in Philae schläft – was macht sie hier?

Cheopspyramide und Sphinx
Und dieses Cockney-Gartenhäuschen, welches am unmittelbaren Fuß der Großen Pyramide sitzt, es entweiht den kühlen violetten Abendschatten und verdirbt jede Fotografie – ist es ein grober Scherz über das neunzehnte Jahrhundert? Oder ein Maß für den Unterschied zwischen uns Würmern des Jahres 1877 und den Riesen und Halbgöttern von 3700 v. Chr.?
Der nächste Schritt wird gewiss in »Verbesserungen« an »Khut« (dem Herrlichen, Prächtigen) und an »Ur« (dem Großen) bestehen. Wir werden an Khúfús und Kháfrás Wunderwerken eine Flucht komfortabler Stufen vorfinden, die sich im Zickzack an den nördlichen Fassaden hinauf- und an den südlichen hinabschlängeln, gesichert durch ein ordentliches eisernes Geländer von M. M. Cérisy et Cie. de Lyons, aus Gründen der Ästhetik und der Wirtschaftlichkeit in kräftigem Erbsengrün angemalt. Der Vermessungspunkt auf der obersten Plattform wird einem schmucken Kaffeekiosk Platz machen, wo neben anderen Dingen Pelel und Kaffee mit Zichorie konsumiert werden können, ganz zu schweigen von der ehrenwerten und genialen »Saturday Review«. Und vielleicht dürfen wir auch damit rechnen, dass das Gartenhäuschen zu einem »Hôtel des Pyramides« verschandelt wird, mit Küchenchef und Kellermeistern und Kellnern – angetan mit dem alten Gewand von Kemi, dem Schwarzen Land.
Diese Modernisierungen werden wahrlich einen bemerkenswerten Kontrast zu den Grundsätzen des Neuen Glaubens mit den von den Pyramidisten Filopanti, John Taylor, Abbé Moigno und C. Piazzi Smyth enträtselten Symbolen bilden, in dem »größten, ältesten, am besten gebauten, höchst mathematisch ausgerichteten und in geographischer Hinsicht zu den Ländern der ganzen Erde am zentralsten gelegenen Gebäude (30° nördlicher Breite)«.
Währenddessen behandelt der gelehrte Ägyptologe Herr H. Brugsch-Bey, der ein solch verheerendes Chaos mit der erhaltenen Version des Exodus angerichtet hat, die Pyramiden auf seine eigene neuartige und einfallsreiche Weise. Da er kein hieratisches Wort findet, um »Pyramide« darzustellen, kann er nur eine Metathesis von Abumer vorschlagen (eine »große Gruft«), verfälscht zu Aburam, Buram, und Buram-is. Gewöhnlich gehen wir davon aus, dass sich in dem unter Arabern noch immer populäre koptische »Piramis« das Wort Haram verbirgt, wobei ihm das ägyptische Pi, Pui oder Pa vorangestellt und mit einem griechischen Suffix annehmbar gemacht wird: Pe-haram-is = Pyramis. Andere hingegen finden das Wort in Pi-re-mit, das »Zehnte an Zahlen«. Er rehabilitiert zudem nach der Mode des Jahrhunderts das Gedenken an Cheops und Chephren, die seit 450 v. Chr. die Muster-Tyrannen repräsentiert haben: Herodot, so scheint es, wurde von seinem Dragoman ebenso getäuscht wie jede ältere Jungfer des neunzehnten Jahrhunderts, die die malerische Schönheit einer goldbetressten Jacke und großer Reisetaschen bewundert.
Inschriften – die in Ägypten nicht lügen, selbst wenn sie den Per’aoh, de Pharao, betreffen – versichern uns offiziell, dass die Taten und die Tapferkeit dieser beiden Könige wahrlich Vergöttlichung verdienten. Infolgedessen muss sich die Rhetorik, einmal mehr von der Geschichte in die Flucht geschlagen, wohl oder übel von einem ihrer bevorzugten und ehrwürdigsten Gemeinplätze – den »enormen schrecklichen Wundern« von »Cheops’ Torheit« – und dem eitlen Pomp und Hochmut dieser alten Despoten verabschieden. Der Bau der Steinhügel war augenscheinlich die religiöseste unter den gottesfürchtigen Arbeiten, eine Lektion und ein dauerhaftes Beispiel für die Lehnspflichtigen von Tescher, dem Roten Land.
Kairo hat auch ein Sanatorium in kleinerem Maßstab in Angriff genommen. Es wird hauptsächlich von Rheuma-Patienten frequentiert sowie von Fremden in der kalten Jahreszeit, insbesondere als Schlafplatz für diejenigen Gäste, welche Sakkára besuchen. Helwán (die Bäder), fünfzehneinhalb Meilen südlich von Kairo auf dem rechten Ufer des Niltales und etwa zweieinhalb Meilen vom Fluss gelegen, hat eine eigene Eisenbahnanbindung und widerwärtige Schwefelbäder mit einer Temperatur von 86 Grad (F) zu bieten. Überdies liegt es 120 Fuß über dem Strom, was ungefähr der Höhe des größten Minaretts in der Zitadelle entspricht; deshalb wird seine Luft als wohltuende Veränderung empfunden. Einige entlegene Bungalows führen zum Établissement, einem großen leeren Gebäude mit einem zentralen Hofraum, welcher – völlig ohne Diwane und Sofas – die Vorstellung eines hübschen Queen’s Bench (obersten Gerichtshofes – d. Ü.) erweckt, wenn es für die Nacht geschlossen wird. Das Speisenangebot indessen ist annehmbar; der Geschäftsführer ist gesittet, und es gibt dergleichen Annehmlichkeiten wie ein Post- und ein Telegrafenamt.
Das Hauptinteresse an Helwán hegen die Archäologen. Die Ebene steigt vom modernen Nilbett in Richtung der östlichen Hügelkette an, welche das alte Flusstal begrenzt, und beherbergt zwei Zentren der Feuersteinproduktion, welche möglicherweise eine prähistorische Herstellung suggeriert, zumal dort drei Fuß und tiefer unter der Oberfläche bearbeitete Feuersteine gefunden wurden. Eines der Zentren liegt bei dem letzten Brunnen nördlich des Helwán-Hotels und westlich der Eisenbahnlinie. Hier haben die von Dr. Reil geführten Herren Braun von der Geologischen und Hayns von der Numismatischen Gesellschaft eine Feuersteinsäge und zahlreiche Abschläge aufgesammelt. Das andere Zentrum befindet sich etwa zwei Meilen südlich des Hotels auf den Abhängen eines Bassins, das in Richtung eines großen und offenen Wadis entwässert wird und nach Regenfällen seine Wasser zum Nil transportiert. Hier findet man wieder reichlich Fragmente, und ihre Formen unterscheiden sie sofort von den ringsum verstreuten dunklen Kalksteinen.
Ich wurde von Herrn Lombard, dem Manager des Helwán-Hotels, mit feinen Exemplaren von Sägen und gezahnten Feuersteinen versorgt; aber – Reisende, hütet euch! – sie werden jetzt von den Ägyptern »nachgemacht«. Auf der westlichen Seite des Nils, in Záwiyat el-Uryán, fand Professor Lewis von der Londoner Universität eine Säge, und Herr Hayns kurz danach einen Kratzer. Die gelehrte Welt ist wie so oft in zwei Lager gespalten. Der kompromisslose Ägyptologe, der – Herodot zum Trotz – meint, dass diese »Kunst keine Kindheit in Ägypten hatte«, und hegt eine persönliche Abneigung gegen ein prähistorisches Steinzeitalter; und er akzeptiert bereitwillig die Theorie von Dr. Schweinfurth, Herrn G. Rohlfs und Dr. Zittel, wonach plötzliche und übermäßige Temperaturveränderungen das produziert haben sollen, was frühgeschichtlicher Handarbeit zugeschrieben wurde. Auf der anderen Seite betrachtet der Naturforscher die Frage als gelöst. Sir John Lubbock und weitere entdeckten paläolithische Feuerstein-Artefakte an mehreren Stellen, insbesondere in Theben und Abydos.
Dr. Gaillardot erwähnt auch Assouan (Syene), Manga und die Felsspalten von Dschebel Silsileh, und dieser große Wissenschaftler findet keinen Grund, warum der Mensch nicht zugleich mit der mächtigen quartären Vegetation des Niltales existiert haben sollte. Der hoch angesehene Herr Auguste Mariette-Bey verhält sich diesem Thema gegenüber reserviert, weil er nur von dem sprechen will, was er beim Bearbeiten des Bodens selbst gesehen hat. Herr Arcelin hat im Correspondant von 1873 »La Question Préhistorique« (Die prähistorische Frage) aufgeworfen und auf Einwendungen in »L’âge de la pierre et la classification préhistorique d’après les sources Égyptiennes« (Das Steinzeitalter und die prähistorische Einteilung nach den ägyptischen Quellen – d. Ü.) geantwortet. Die Feuerstein-Dolche der alten Ägypter sind wohlbekannt: Sie werden von Wilkinson in zwei Arten eingeteilt, eine breitflächig, die andere schmal-spitzig; und er übersetzt »äthiopischer Stein« mit »Feuerstein« (Obsidian?). Überdies beantwortete die von den Herren C. F. Tyrwhitt-Drake und Palmer unternommene Expedition durch die Wüste des Exodus und den Negev (oder das Südliche Land) die Frage praktisch durch den massenhaften Fund von Feuerstein-Abschlägen in der Nähe der Monumente von Surabit el-Khádim, die, wie Herr Bauerman vorgeschlagen hatte, dazu verwendet wurden, die hieroglyphischen Wandtafeln herauszumeißeln. Muscheln und bearbeitete Feuersteine kommen wieder in jenen seltsamen Bienenstöcken mit zusammengekrümmten Skeletten vor, die überall auf der Sinai-Halbinsel Nawamis (Moskito-Hütten) genannt werden; und schließlich wurden Feuersteinpfeilspitzen bei einem Hügelfort nahe Erweis el-Ebeirig (Kibroth Hattaavah, die Grüfte der Begierde?) gesichtet.

Feuersteine
Die Veränderungen von Kairo, der Hauptstadt des Khediven, haben, so fürchte ich, meine Stimmung beeinträchtigt. Aber die Stadt der fatimidischen Kalifen ist noch nicht bis ins Mark verbürgerlicht, und es wird noch lange dauern, bis die modernen, sogenannten Verbesserungen sich ins Herz der Stadt vorfressen. Außer in den großen Boulevards sind sie nur oberflächlich und erstrecken sich nicht über die Straßenfronten hinaus. Wandere während der mondbeschienenen Nächte um das Bab el-Nasr herum, und die Hinterhofgassen und die Sackgassen werden dir noch immer die Szenen zeigen, welche ich im Jahr der Gnade 1853 beschrieb – Ansichten so fremdartig, so phantastisch, so geisterhaft-seltsam, dass es grotesk scheint, sich vorzustellen, dass menschliche Wesen wie wir an solchen Stellen geboren werden, dort ein ganzes Leben verbringen und die höchste Verpflichtung, »zu wachsen und sich zu vermehren«, erfüllen können.
Als ich mit meinem alten Freund Hadschi Wali nach Kairo zurückkehrte, versäumte ich nicht, die Stelle zu besuchen, wo wir uns zum ersten Mal trafen. Dies war das Wakálah Siláhdár, so nach dem »Rüstungsträger« des alten Mohammed Ali Pascha genannt, im Dschemalíyyeh oder griechischen Viertel. Der Anblick vertrauter Objekte belebte mich sehr. Direkt neben dem kleinen Geschäft von meinem Scheich Mohammed el-Attar oder dem Drogisten war alles zu Ruinen verfallen – dieses zur Vergänglichkeit materieller Güter. Außerhalb der mit ihren schweren rostigen Ketten verhängten Eingangstür der Karawanserei saß oder hockte noch der gleiche alte Brotverkäufer, der mich vor fast einem Vierteljahrhundert beliefert hatte; nicht ein Gegenstand war innen verändert worden. Der Patio oder leere Platz war wie ehedem vollgestopft mit riesigen Kaffee-, Gummi-, und Weihrauchballen, während von den zwei Räumen, die wir auf der südlichen und der östlichen Seite in Besitz genommen hatten, die gleichen kratzenden und kehligen Akzente von Händlern aus dem Hadramaut und dem El-Hedschas herüberdrangen. Eine tiefe Ruhe senkte sich auf mein Gemüt. Wieder einmal genoss ich die besänftigende Stimmung der Unveränderlichkeit des Orients.
KAPITEL III
Nach Suez und seinem Sanatorium
In der Überzeugung, dass die Goldländer Midians ägyptisch und nicht türkisch sind, da sie in einem von ägyptischen Stämmen bewohnten und von ägyptischen Garnisonen gehaltenen Gebiet liegen, habe ich kein Mysterium um mein lang gehütetes Geheimnis gemacht. Vielmehr stellte ich alle mir bekannten Einzelheiten dem Khediven zur Verfügung und ließ ihn überprüfen, ob er meine Dienste als geeignet betrachten könnte. Seine Hoheit schien zunächst bereits mit der einfachen Information zufrieden, dass von einem Pilger nahe der zweiten oder dritten Karawanenstation auf dem Weg von El-Muwayláh nach El-Akabah Gold aufgelesen worden war. Von Suez nach El-Muwayláh beträgt die Entfernung 229 geographische Meilen. Da ich zu dieser Zeit noch nichts von den Bergbaustädten gehört hatte, waren meine Hoffnungen, dort ein Ophir, ein Kalifornien zu finden, vergleichsweise bescheiden. Ich erwartete nur ein paar »seifengoldhaltige Stellen«, welche indessen – da Goldformationen selten sporadisch und isoliert auftreten – oft zu einer goldhaltigen Region führen.
Bald darauf, etwa Ende März, als ich dabei war, mich auf meine Rückreise nach Triest vorzubereiten, änderte der Vizekönig seine Meinung und lud mich offiziell auf den 25. März ein, eine Exkursion oder vielmehr eine Expedition zu der Stelle zu führen, wo der metallhaltige Sand aufgesammelt worden war. Dies abzulehnen war ausgeschlossen. Ein Regierungsschiff wurde für Donnerstag, den 29., versprochen, und es war tatsächlich am Sonnabend, dem 31. März, bereit. In anderen Teilen des gemächlichen Orients, und unter anderen Umständen könnte sich – selbst in Ägypten – diese Operation durchaus um einen Monat verzögert haben.
Ich verließ Kairo in Richtung Zagázig, wo Hadschi Wali und Herr Clarke schon auf mich warteten. Als wir uns 1853 getrennt hatten, beschrieb ich meinen Freund als einen Mann von etwa fünfundvierzig Jahren, von mittlerer Statur, mit einem großen runden, kurz geschorenen Kopf, einem Stiernacken, Gliedmaßen kräftig wie die eines Sachsen, einem dünnen roten Bart und ansprechenden Gesichtszügen, die Wohlwollen ausstrahlten. Die Zeitspanne von so vielen Jahren war nicht spurlos an ihm vorübergegangen. Die Figur war korpulenter geworden und das Gesicht mehr löwenartig, aber die Veränderung reichte nicht aus, mein sofortiges Erkennen des gut erinnerten Gesichtes und des vergnügten Lächelns zu verhindern. Wir schlossen uns überschwänglich in die Arme, und an den kurzen Worten, welche folgten, konnte ich erfreut feststellen, dass sein Gedächtnis, zuverlässig wie eh und je, nicht das geringste Detail vergessen hatte. Dies inspirierte mich zu der absoluten Zuversicht, dass er uns direkt zu der Stelle führen würde, wo er die Entdeckung gemacht hatte.
Wir sprachen über seinen Gegner Mohammed Schafi’a, den Sklavenhalter, der so unverschämt durch Dr. W… vom britischen Konsulat protegiert worden war, welcher in Stambul nach einer dreitägigen Haschisch-Orgie (indischer Hanf) verstarb, von meinem Gastgeber Miyau Khudabaklyh, dem Hindu, der jetzt in Bombay sesshaft ist, von dem ehrgeizigen kleinen Mirza Husain, der aufgrund seiner Würde als Schahbandar (Konsul) hin und wieder zu dem Dutzend kleiner, quasi-diplomatischer Könige Kairos gehört, und von meinem alten Scheich Mohammed El-Attár, dessen beständiger Ausruf »Be-taktub ay? Be-taktub ay? Be-taktub ay? – Was schreibet Ihr da?« wieder in meinen Ohren klang.
Während unserer ganzen Exkursion amüsierte den Hadschi nichts mehr, als mich als Derwaysch-bábá (Vater Derwisch) anzusprechen, den Namen, welchen er zum ersten Mal auf mich angewandt hatte, als wir zusammen Passagiere an Bord der Little Asthmatic waren; und er lächelte spitzbübisch, als ich ihn an das Trinkgelage mit Ali Agha erinnerte, dem Bulukbáschi oder Hauptmann der Arnauten, und an die randvolle Bowleschüssel mit Limonade. Ehemals ein persischer Schützling, ist er jetzt ein Moskowiter geworden; dies ist für einen frommen hanafitischen Sunniten mit der gebotenen Abscheu vor dem Häretiker und dem Ungläubigen ein absonderliches Geschick. Er willigte sofort ein, mich zu begleiten; natürlich unter der Bedingung, dass alle seine Aufwendungen beglichen und seiner Familie ein paar Bent (Napoleons) überlassen würden, um sie während seiner Abwesenheit zu unterstützen, und er begann mit der Einforderung der Miete für seinen Esel – ein Hinweis darauf war, dass die alten knauserigen Gewohnheiten ihn nicht verlassen hatten.
Herr J. Charles J. Clarke, Direktor des Telegraphenwesens, hat mich freundlicherweise in seinem Haus in Zagázig aufgenommen, das bei Weitem bequemer ist als das griechische Gasthaus, welches gewöhnlich die wenigen Touristen auf dem Weg nach Bubastis beherbergt. Zagázig, eigentlich Zakázík, wird kaum im Handbuch von 1858 erwähnt, dessen Umfang übrigens ein gewisses Kriterium für das Ausmaß an Veränderung darstellt, welches sich über eine Reihe von Jahren in Ägypten ereignet hat. Seit dem britisch-amerikanischen Krieg (1836) ist die Hauptstadt der Scharqíyyeh, einer der größten Baumwolldistrikte im Niltal, eine große und florierende Stadt geworden, wo fünf Eisenbahnlinien zusammentreffen und 28 000 bis 30 000 Seelen (1858: 12 000) wohnen; sie beherbergt dreizehn Baumwollentkörnungsfabriken. Außerdem gibt es vier mit Dampf betriebene Getreidemühlen, die niemals stillstehen. Eine ungewöhnliche Menge an Wald und Wasser machen die Annäherung von allen Seiten wohltuend und malerisch, und der Blick auf die Stadt von einer Anhöhe ist beeindruckend – immer vorausgesetzt, man befindet sich an der Stelle, wo das Delta und die Wüste aufeinandertreffen.
Bei Zagázig hörte ich oft, dass die Anwesenheit eines englischen Konsularagenten notwendig wäre, um die britische Gemeinde, welche zahlenmäßig hinter den Griechen und vor den Franzosen rangiert, vor den Beschimpfungen durch Einheimische zu beschützen. Natürlich sind alle europäischen Nationen außer Großbritannien hier repräsentiert. Während der spanische Vizekonsul nur einen und der preußische und brasilianische Agent keinen Bürger zu beschützen haben, erlauben wir unseren Untertanen, Maltesern und anderen, sich um sich selbst zu kümmern, solange sie am Leben sind – da es ja auch niemanden gibt, der nach ihnen schaut, wenn sie aufgehört haben zu leben. Die letzte Person, die in der Naffíschah-Station starb, war ein Fräulein B… Der Körper wurde per Ochsengespann zum nächsten Polizeiposten transportiert, wo er, mit dem zu Lebzeiten getragenen Unterhemd verhüllt, durch die einheimischen Polizisten in einem Loch verscharrt wurde. Daraufhin zeigte sich Herr Rempler, ein Deutscher, beschämt und bezahlte großzügig die Rechnung für einen Sarg und andere pietätvolle Bestattungsutensilien. Er hat indessen nach monatelangem Warten seine Auslagen erstattet bekommen.
Die Bewohner von Zagázig sind, soweit es die ausgereiftesten Gaunereien angeht, schnell zivilisiert geworden. An den verschiedenen Straßen wurden Soldaten postiert, um die Steuern einzutreiben, denn die einfältigen Fellachen haben einen Beerdigungsschmuggel organisiert. Die Totenschreine, anstatt menschliche Körper für das Paradies zu enthalten, sind vollgestopft mit steuerpflichtigem Käse, Butter und anderen materiellen Annehmlichkeiten des Daseins. Die Frauen kostümieren Tierbälge wie zweijährige Kinder, füllen diese mit verbotenen Gütern und tragen sie tätschelnd und schwatzend auf der Schulter, bis sie sicher an der Wache vorbei sind. Nichts Schlaueres könnte man selbst mit Pariser Witz bewerkstelligen; augenscheinlich steht dieser sehr einfallsreichen Rasse eine große Zukunft bevor.
Überdies hat die »Bámiyah-Baumwolle« eine gewaltige Entwicklung von unfairen Machenschaften verursacht. Der Kopte, der die Pflanze als Erster anbaute, gab die Samenkapseln an gewisse Griechen zum Entkörnen, die sogleich die Samenkörner für sich selbst säten und das gewöhnliche Produkt an den Kopten zurückschickten: Der Letztere indessen durchschaute den Trick und erhob nun Anspruch auf die Hälfte des Ertrages. Die gleichen Söhne Hellas’ haben auch, als sie bemerkten, dass die Preise letztes Jahr in die Höhe kletterten, die Bámiyah mit irgendeinem gewöhnlichen Saatgut vermischt; infolgedessen gab es riesigen Ärger beim »Verlesen«.
Am nächsten Morgen, während wir den Suez-Zug pünktlich um 13.30 Uhr erwarteten, spazierten wir zu den berühmten Tells, die an der Eisenbahnstation beginnen und im Süden der modernen Stadt am häufigsten vorkommen. Die Tell-Bastah genannten Ruinen wurden allgemein mit Pi-Bast oder Bubastis3 identifiziert; obwohl der berühmte Ägyptologe Herr Chabas de Chalons es vorzieht, die große Diana (Göttin der Jagd) in Pi-bailes zu platzieren. Sein unzureichender Grund dafür, die jahrhundertealte Tradition durcheinanderzubringen, ist, dass die fremde Göttin Bailes oder Baalis eine Form von Sekhet oder Sokhet und wahrscheinlich die Gleiche war wie Bast.
Ein Dutzend Jahre zuvor glaubte man die Überreste der Tells von Gespenstern heimgesucht, und kein Fellache wagte, sie bei Nacht zu durchqueren. Jetzt hat Vertrautheit ihr übliches Werk getan. Die Leute haben die Erlaubnis erhalten zu graben und als Düngemittel für ihr Gemüse den dunkelbraunen Débris-Staub zu benutzen, der mit tierischen und pflanzlichen Bestandteilen vermischt ist und ein wenig Kalk enthält. Er wird stets durchgesiebt, und deshalb findet man darin fast täglich eine Anzahl kleiner Antiquitäten, insbesondere Skarabäen, Statuetten und Amulette für Halsketten. Gelegentlich gibt es wertvollere Entdeckungen, insbesondere lebensgroße Bronze-Katzen, jene sehr heiligen Tiere, welche die Ägypter mit großer Kunst kopierten; viele von ihnen tragen das Halsband und das Symbol der Bast.
Von dem berühmten Tempel ist nichts weiter übrig geblieben als zwei Haufen feinsten rosaroten Syenits. Diese nehmen die Mitte einer Art von Amphitheater ein, dessen Ruine aus den normalen ungebrannten Lehmziegeln besteht und nun in den ursprünglichen Lehm zurückverwittert. Die an ihren kahlen, nackten Köpfen und abgerundeten Formen erkennbaren Tells, die sich aus dem kräftigen samtigen Grün der Felder emporwölben, dehnen sich über wenigstens zehn Meilen entlang der Suez-Eisenbahn bis Abu Hamad aus. Ich kann nur hoffen, dass ein sorgfältiger Plan von dem Gebiet erstellt wird, ehe diese Erdhügel ganz abgetragen werden.
Wir sahen Hadschi Wali bequem im Zug sitzend, und nach fünfeinhalb Stunden kamen wir in Suez an. Das Land, welches wir durchquert hatten, ist hochinteressant. Das alte Land Gosen4, Hirtenland, wohingegen Tanis (San) Ackerbauland war, scheint sich unter dem Einfluss der Süßwasserkanäle zu erholen. Noch vor einigen Jahren war es eine erbärmliche Wüstenei; jetzt ist es fleckenweise mit smaragdgrüner Vegetation bedeckt. Ein wenig weiter südlich liegen die Gärten von Abu Baláh; dieser feine Grundbesitz gehört der Mutter Seiner Hoheit und hat nur drei Fluten erlebt. Die gut gewachsenen Maulbeerbäume und Rebstöcke illustrieren auf bewundernswerte Weise die Allmacht des Wassers in diesen Gebieten.
Bei der Naffíschah-Station besichtigten wir die Sammlung von Herrn Vannini, dessen Frau, eine Bologneserin, erfreut war, zu so später Stunde noch von ihrer großartigen alten Heimat plaudern zu können.
Von Naffíschah führt eine kleine Zweiglinie nach Ismailíyyeh zum Timsáh- oder dem Krokodil-See hinauf. Ich war bei seiner Geburt dabei und sage für ihn die höchsten Bestimmungen voraus. Die Lage ist bezaubernd, das Klima ausgezeichnet; der Boden ist besonders fruchtbar, das Baden erstklassig. Betrachtet man den See von Süden her, zeigt er einen gewaltigen Gebäudekomplex mit wunderbaren Gärten, den vizeköniglichen Palast, der sich links bei der Dampfpumpen-Anlage erstreckt, während sich eine Anzahl flacher Dächer aus den dicht gedrängten Baumgruppen aus frischem Grün erhebt und die Oberfläche eines gelbbraunen Landstrichs krönt. Schon im Jahr 1876 barg es 2000 Seelen, und es hisst neun verschiedene Fahnen. Die Annäherung auf dem Landweg mit seiner ärmlichen Moschee und kleinen Hütten, seinen groß gekachelten Häusern, seinen drei Cafés (Bier im Schoppen) und seinen Vororten aus Stein, Lehm und Strohdächern gestaltet sich keineswegs so angenehm. Aber alsbald sollen Promenaden, Kais und Molen gebaut werden, und große Schiffe werden direkt für Europa beladen. Neben dem »Kanal der zwei Meere«, diesem ägyptischen Bosporus, der den fernen Westen mit dem äußersten Osten verbindet, wird der Süßwasserkanal Ismailíyyeh die Erzeugnisse des oberen Nils transportieren. Deshalb ist dem Baby, das den Namen seines Gründers, des gegenwärtigen Vizekönigs, trägt, offensichtlich vorherbestimmt, ein Riese im Land zu werden, um den Platz von Alexandria einzunehmen und den großen Handelsplatz Ägypten zu repräsentieren. Wäre ich im Niltal ansässig, würde meine erste Spekulation sein, jeden erwerbbaren Morgen in und rund um Ismailíyyeh aufzukaufen. Vielleicht könnte ich sonst zu spät kommen.
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