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»Wir müssen uns unserer Vorherrschaft und der Überlegenheit der westlichen Zivilisation bewußt sein.« (Ministerpräsident Silvio Berlusconi am 26.9.2001 in Berlin)
»Berlusconis Italien könnte ein Wegweiser sein zu einem vereinigten Europa, welches im Zeichen der heiligen Dreifaltigkeit von Kapitalismus, Rassismus und Dummheit zu ungeahnter abendländischer Größe und Schönheit wächst. Es sei denn, uns fiele eine Alternative ein.« (Hans-Martin Lohmann in der Frankfurter Rundschau 21.3.2003)
Der Autor
Richard Faber, geboren 1943, wurde mit »Zur Kritik der Politischen Theologie« in Philosophie promoviert und habilitierte sich in Soziologie über den »Mythos des Abendlandes«. Er publizierte mehrere Bücher und gab zahlreiche Sammelbände heraus, u. a. »›Wir sind Eines‹. Über politisch-religiöse Ganzheitsvorstellungen europäischer Faschismen«, 2005; »Politische Dämonologie. Über modernen Marcionismus«, 2007; »Deutschbewusstes Judentum und jüdisch- bewusstes Deutschtum. Der Historische und Politische Theologe Hans-Joachim Schoeps«, 2011; »Konservatismus in Geschichte und Gegenwart,« 1991; »Politische Religion – religiöse Politik«, 1997; »Abendländische Eschatologie. Ad Jacob Taubes«, 2001; »Imperalismus in Geschichte und Gegenwart«, 2005 (alle im Verlag Königshausen & Neumann, Würzburg).
Richard Faber
Abendland.
Ein politischer Kampfbegriff

© E-book-Ausgabe CEP Europäische Verlagsanstalt GmbH, Hamburg 2020
© 2002 Philo Verlagsgesellschaft mbH, Berlin/Wien
Alle Rechte vorbehalten.
Covermotiv: Karl der Große am Zürcher Großmünster
Covergestaltung: nach Entwürfen von MetaDesign
Signet: Dorothee Wallner nach Caspar Neher »Europa« (1945)
eISBN 978-3-86393-557-3
Auch als gedrucktes Buch erhältlich, ISBN 978-3-86393-096-7
Informationen zu unserem Verlagsprogramm finden Sie im
Internet unter www.europaeische-verlagsanstalt.de
Inhaltsverzeichnis
Vorwort zur 2. Auflage
I.Einleitung oder: »Das neue Reich«
1.Deutsche Romanitas per translationem imperii
2.Das Reich als »complexio oppositorum«
3.Neo-Vergilische Reichsapokalyptik
4.Konservative Utopie des Abendlandes
II.Verteidigung und Ausbreitung des Abendlandes: »Euro-Amerika«
1.Die Verteidigung des Abendlandes
a) Römisches Kriterium der Ost-Bestimmung
b) Telos des antiorientalischen Affekts: Antikommunismus
c) Ost-West-Auseinandersetzung als »ew’ge Schlacht« und permanenter Kreuzzug
d) Der spanische Bürgerkrieg als konzentrierter Weltbürgerkrieg: »allumfassendes Abendland im Symbol Spaniens«
2.Der imperialistische Aufgang des Abendlandes
a) Kolonialismus und Rassismus im Zeichen der Mission
b) Vom antik-mittelalterlichen Imperium zum neuzeitlichen Imperialismus der Nationalstaaten
c) Römisches Empire: Anglikanismus
d) Missionarisch-militärisch-ökonomischer Komplex
e) »Pax Romana als Pax Americana«
3.Euro-Amerika oder »Atlantis«
a) »Weltmonarch« und »katéchon« USA – per translationem imperii
b) Euro-Amerika: Über-Abendland und »Weltabendland«
c) Abendland als »Werkzeug der Erlösung«
d) Fortdauernde und verstärkte Europazentrik
III.»Großraum«-Europa oder Abendländisches Europa: »Imperium Europaeum«
1.»Pan-Europa« und/oder Christliches Abendland: »Großwirtschaftsraum« Westeuropa
2.»Katholisches Europa« (1)
3.Integrales Europa
4.Lateinisches Europa
5.Vergilsches Abendland
6.Organisches Europa
7.Christlich-humanistisches Europa
8.»Katholisches Europa« (2)
9.»Christliches Abendland«
10.Römisches Abendland
11.»Abendländisches Christentum«
12.»Reichseuropa«
13.Faschistisches Abendland
14.Nationalsozialistisches »Imperium Europaeum«
15.Gegenrevolutionäres Europa
16.»Karolingische Internationale«
17.»Rhein-Europa«
18.»Romania«
19.Deutsch-Französisches Europa
20.»Latinité« und Gallikanismus: translatio imperii ad Gallos
21.»Antipreußischer Affekt« der (deutschen) »Abendländer«
22.»Katholisches Europa« (3)
23.»Französisches Europa«
24.Abendländisches Europa
25.Der Kaiserdom zu Speyer als »Nationalheiligtum des deutschen Volkes«
26.Kampf um die europäische Hegemonie: Germanozentrik gegen Frankozentrik
27.»Gaullistisches« Europa
IV. Schluß oder: »Das dritte Reich«
1.»Völkerrechtliche Großraumordnung«
2.Nationalsozialistische Weltreichsambitionen
3.Nationalsozialistischer Romanismus
4.»Neues Mittelalter« des Nationalsozialismus
5.Fortdauerndes Mittelalter des Katholizismus
Fußnotenverzeichnis
Vorwort zur 2. Auflage
»Ist der Westen die Zauberformel, auf der das Selbstverständnis der wiedervereinigten deutschen Nation im anbrechenden 21. Jahrhundert gründet? Zehn Jahre nach dem Fall des Kommunismus erlebt ein Begriff, der einst der ideologischen Mobilmachung gegen Moskau diente, in den Reden deutscher Politiker, in den Feuilletons deutscher Tageszeitungen und in den Schriften deutscher Historiker und Publizisten eine fast schon unheimliche Renaissance.«
Diese Sätze des Heidelberger Historikers Philipp Gassert waren am 19. September 2001, nur eine gute Woche nach den Anschlägen auf Pentagon und World Trade Center, in der Frankfurter Rundschau zu lesen.1 Sie sind offenkundig von unmittelbarer – auch innenpolitischer – Aktualität, und nicht erst, seitdem der hessische Ministerpräsident Koch – gleichfalls im September 2001 – gefordert hat, die »Nationale Identität« zum zentralen Thema des nächsten Bundestagswahlkampfes zu machen. Gassert möchte seinerseits verdeutlichen, »daß der Westen als ein kollektiver Mythos die Nation moralisch legitimiert, indem er die gegenwärtige politische Kultur Deutschlands in den größeren Zusammenhang der ›westlichen Wertegemeinschaft‹ stellt und sie dadurch positiv sowohl vom wilhelminischen Obrigkeitsstaat und von der Barbarei des Nationalsozialismus als auch vom gescheiterten Experiment der Weimarer Republik und vom realen Sozialismus der DDR abgrenzt. In der ›Erfolgsgeschichte‹ der allmählichen Verwestlichung der alten Bundesrepublik, so scheint es, hat die Nation den roten Faden gefunden, dem sie entlastet durch die letzten fünfzig Jahre deutscher Geschichte folgt.«
Roland Kochs Parteifreund, der baden-württembergische CDU-Fraktionsvorsitzende Oetinger hat bereits Ende 2000 die von Friedrich Merz inaugurierte »Leitkultur«-Debatte dadurch zu ›entschärfen‹ versucht, daß er vorschlug, von »Deutscher Leitkultur auf abendländischer Grundlage« zu sprechen. Und er war erfolgreich damit; in der »Arbeitsgrundlage für die Zuwanderungskommission der CDU« vom November 2000 heißt es unter anderem: »Wir Deutschen haben auf der Grundlage der europäischen Zivilisation im Laufe der Geschichte unsere nationale Identität und Kultur entwickelt, die sich in unserer Sprache und in den Künsten, in unseren Sitten und Gebräuchen, in unserem Verständnis von Recht und Demokratie, von Freiheit und Bürgerpflicht niederschlägt. Deutschland gehört zur Wertegemeinschaft des christlichen Abendlandes.«2
Ohne Helmut Kohls Wort aus dem Jahre 1989 vergessen zu haben – »der Untergang des Abendlandes findet nur in den Bibliotheken statt«3 – waren es die Äußerungen derer, die heute in seiner Partei das Sagen haben, die mich veranlaßten, meine 1979 in Hildesheim erschienene Schrift Abendland. Ein ›politischer Kampfbegriff‹, leicht gekürzt und aktualisiert, erneut zu publizieren.* Um so mehr, als mein im Jahre 2000 herausgekommenes Buch Das ewige Rom oder: die Stadt und der Erdkreis. Zur Archäologie ›abendländischer‹ Globalisierung interessierte Aufnahme fand.4 Günter Eich hat den Zusammenhang zwischen beiden Büchern vorweg auf den Begriff gebracht, als er in Fußnote zu Rom dichtete: »Zuviel Abendland,/verdächtig«5.
Die vorliegende Studie zeigt, daß der politische Kampfbegriff Abendland von weit her rührt und hoch belastet ist: nicht nur antikommunistisch und antisozialistisch, sondern auch antidemokratisch und antiliberal. In seinen verschiedenen Ausprägungen ist er autoritär bis faschistisch geprägt, elitär bis hierarchisch und klerikal bis neopagan – vor allem aber imperialistisch. Gestützt auf zahlreiche Quellen wird außerdem deutlich werden, daß die europäischen Konzepte, die mit den abendländischen konkurrieren, in aller Regel nicht genügend Abstand zu diesen gehalten haben. Karl Jaspers formulierte schon 1958: »Das Abendland, Europa und Amerika.«6 In diesem Sinne analysiere ich gerade auch die euro-amerikanische, sprich »atlantische« Ideologie. Wie die abendländisch-europäische und die US-amerikanische weist sie eine antik-römische Referenz auf. Dementsprechend handelt es sich bei Abendland. Ein politischer Kampfbegriff nicht nur um einen Beitrag zur Ideologiegeschichte, sondern auch um einen zur Rezeptions- und Kulturgeschichte. Als Faschismus-, Imperialismus- und Rassismuskritik ist sie von unmittelbarem politischem Interesse – gerade weil die analysierte Literatur zum großen Teil belletristischer und philosophischer Natur ist. Doch große Namen – wie Rudolf Borchardt, Ernst Robert Curtius, T. S. Eliot, Hugo von Hofmannsthal, Carl Schmitt und Oswald Spengler – allein verbürgen noch keine Dignität. Im Zweifelsfall belegen sie das nur scheinbar paradoxe Phänomen eines humanistischen Antihumanismus.7
Was heute unbekanntere Autoren wie Werner Bergengruen, Theodor Haecker, Gertrud von Le Fort und Reinhold Schneider angeht, so muß man sich vor Augen halten, daß diese katholischen Schriftsteller in den zwanziger und dreißiger, vor allem aber von den späten vierziger bis in die frühen sechziger Jahre hinein hohe Auflagen erreichten und einen großen Einfluß ausübten – weit über den konfessionell-katholischen Raum hinaus.* Bergengruen und Schneider waren Mitglieder der wiederbegründeten Friedensklasse des Ordens Pour le Mérite; Schneider erhielt 1957 sogar den »Friedenspreis des deutschen Buchhandels«, Bergengruen 1962 den Schillerpreis des Landes Baden-Württemberg.
Schneider und Schmitt sind Autoren, die sich nicht nur als Gegenstand meiner Ideologiekritik anbieten, sondern – partiell und gegen den Strich gelesen – auch als kritische Instanz fungieren können. Ich exponiere bereits meine Begriffsklärung der Vokabel »politischer Kampfbegriff« mit Hilfe Schmitts. Sie führt mich sofort auf den engen Zusammenhang des Abendland- mit dem Reich-Begriff und beider Kampfmythen mit der Konservativen Revolution, also dem intellektuellen Prä- (und Post-)Faschismus. Gerade die Begriffe »Reich« und »Abendland« belegen die Romanozentrik der Konservativen Revolution8 – ganz gleich, ob sie eher neopagan oder christ-katholisch akzentuiert ist. In jedem Fall gilt der römische Reichsdichter Vergil als Vater des Abendlandes und hat alle (Prä-)Faschisten ergriffen, was ich »Neo-Vergilsche Reichsapokalyptik« nenne. Vielleicht hat Bergengruen ihr im Gedichtzyklus Der ewige Kaiser am deutlichsten Ausdruck verliehen, in einem Buch, das er – nachdem es 1937 erstmals erschienen ist – 1950 erneut hat auflegen lassen, dieses Mal unter ausdrücklich »europäischen« Vorzeichen. Nicht zuletzt Bergengruen belegt, was man später auf die affirmative Kurzformel gebracht hat: »Das Reich ist tot – es lebe Europa.«
Nach diesen einleitenden Überlegungen, die den Leser mit den Eckpunkten der Abendland-Ideologie vertraut machen sollen, werde ich im zweiten Kapitel darstellen, wie sich der Einsatz von Abendland als politischem Kampfbegriff intensiviert hat: vom zunächst eher defensiven Gebrauch bis zu seiner schließlichen Ausweitung auf Euro-Amerika. Grundlegendes Kennzeichen aller konservativen Abendland-Utopien – vor und nach 1945 – ist die Stilisierung des Ostens zu einem den Westen »ewig« bedrängenden Erbfeind: synchron ein asiatisch wie kommunistisch definiertes Rußland. Gerade sein dämonischer Kontrast soll dem neuen, vor allem dem abendländischen Europa zur eigenen »Identität« verhelfen. Selbst das kriegerische »Unternehmen Barbarossa« wurde als »Geburtsstunde des neuen Europa« bezeichnet: eines nationalsozialistischen und deswegen ausdrücklich rassistischen Europa. Ein solches oder auch nur deutsches konnte nach 1945 nicht mehr angestrebt werden; indem man aber sogar die Nazis dem Osten generell oder dem Bolschewismus speziell zuschlug, konnte die europäisch-gegenrevolutionäre Emphase der Zwischenkriegszeit »durchgehalten« werden – und man konnte weiter in der Tradition christlicher Kreuzzüge seit Konstantin über die Karolinger, die Ottonen, die Staufer bis hin zu den Habsburgern denken und dichten. Als scheinbar unverfängliche »Urszene« fungierte dabei der Spanische Bürgerkrieg.
Es waren gerade die aus kirchlich-moralischen Gründen antinationalsozialistischen Katholiken, die im Spanischen Bürgerkrieg, in dem die Katholiken mit Franco und der Falange gegen den sogenannten atheistischen Kommunismus kämpften, eine großartige, geradezu befriedigende Perspektive fanden. Nicht nur sie betrachteten diesen Kampf noch nach 1945 als konzentrierten »Weltbürgerkrieg« und das Ewige Spanien als Symbol eines »allumfassenden«, also expansiven, ja imperialistischen »Weltabendlands«, das auf die Zeiten Karls V. und Philipp II. zurückging. – Spaniens (und Portugals) missionarische Reichsideologie hatte weiter gewirkt: bei Niederländern, Engländern und schließlich US-Amerikanern, unbeschadet des Übergangs vom Raub- zum Handels- und Finanzkolonialismus. Zumindest zeitweise – und schon in Spaniens »Goldenem Zeitalter« beginnend – fundierte Rassismus solchen weißen Imperialismus oder kulminierte dieser Imperialismus rassistisch – im 19. und 20. Jahrhundert als externer Sozialdarwinismus. Doch noch dieser scientifizierte – deutlich bei Auguste Comte – ein imperialistisches Christentum, dessen »friedliche Mission« stets Ideologie oder Illusion war, unabhängig davon, ob dieses Christentum auf nationalistische oder universalistische, sprich »abendländische« Art und Weise imperialistisch war. Erst recht spielten die Konfessionsunterschiede in diesem alles entscheidenden Punkt keine Rolle.
Noch ein säkular(isiert)es »Evangelium von der abendländischen Zivilisation« entpuppt sich als aggressive Kreuzzugspropaganda. Deshalb geht mein Buch von der Untersuchung des missionarisch-militärisch-ökonomischen Komplexes der USA über zu dem, was der ehemalige bayerische Theologe Georg Moenius bereits 1948 »Pax Romana als Pax Americana« genannt hat. In Fortsetzung seiner christlich-abendländischen Reichsvision des Zwischenkriegs erhob er die Vereinigten Staaten zum »Neuen Weltmonarchen« – eine Sichtweise, mit der er auch bei Nichtkatholiken und Nichtchristen Anklang fand.
Seit 1945 und verstärkt seit 1989 haben wir es mit einem Euro-Amerika zu tun. Seine immer extensivere wie intensivere Institutionalisierung macht wesentlich das aus, was seit gut zehn Jahren »Neue Weltordnung« heißt. Diese Vokabel verdankt sich dem Wappenspruch der USA: »Novus ordo seclorum«, der seinerseits der vierten Ekloge Vergils entnommen ist. Diese Verbindung ist keineswegs zufällig, denn noch die Vereinigten Staaten besitzen eine römische Genealogie, verstehen sich römisch-imperial. Auch für sie gilt, was Schneider auf die allgemeine Formel brachte: »Wer immer die Welt begehrt, fahndet nach dem römischen Erbschein.« Und Ernst Blochs Freund Hans Mühlestein konstatierte: »Das heutige ›Römische Reich‹ ist die europäische-amerikanische Übermächtigung der Welt« – wie nie zuvor einig und mächtig, präsentiert sich heute der römisch-imperiale Anspruch »der Welt«.
Europaintern setzt dies die recht erfolgreichen Einigungsbestrebungen von der Montanunion über die EWG und EG bis zur gegenwärtigen EU voraus. Sie selbst waren nochmals bedingt durch die weitgehende Synthese der in den zwanziger und dreißiger Jahren bis zum gegenseitigen Ausschluß miteinander konkurrierenden Konzeptionen (Pan-)Europas und des (christlichen) Abendlands. Oder, um zu entmythologisieren: Die Abendland-Ideologie mußte durch die hinter Pan-Europa stehende Notwendigkeit eines »Großwirtschaftsraumes« Westeuropa in Dienst genommen werden. Carl Schmitt hatte bereits 1928 rhetorisch gefragt, ob sich das ganze Problem Europa vielleicht auf die Bildung eines einheitlichen Wirtschaftskomplexes reduziere.
In meinem vorletzten Kapitel versuche ich die diversen Abendland- und Europa-Konzepte des 20. Jahrhunderts möglichst repräsentativ durchzubuchstabieren, dabei sowohl auf ihre teilweise unversöhnlichen Differenzen achtend als auch auf die mehr oder weniger großen Identitäten. Es ist von besonderer Wichtigkeit, das – gerade auch im Nationalsozialismus beobachtbare – Phänomen einer »complexio oppositorum« nicht zu übersehen. Manche Gegensätze wurden aufgrund geschickter Manipulationen immer wieder vernachlässigt, weil die bereitstehenden argumentationes ad homines sich als allzu verführerisch erwiesen. Nicht wenige mußten – eben auch aus Nazi-Mund – nur das Wort Abendland hören, um dahinzuschmelzen. Dieser Kampfbegriff hat sich ein ums andere Mal als Zauberwort bewährt, obwohl nicht geleugnet werden kann, daß die radikale Abendland-Ideologie konfessionell gebunden ist. Soziologisch bedeutet entschiedene Konfessionalität im 20. Jahrhundert aber exklusives Sektierertum. Und wie verhängnisvoll sonst auch immer, davor suchte sich ein Hofmannsthal stets zu hüten. Sein Katholizismus zielte auf den wortwörtlichen Anspruch des »Katholischen«: Alle »Ströme des wirklichen geistigen Lebens« sollten nach ihm »in das Becken des großen Begriffes« Europa münden.
Hofmannsthals Projekt war vorausschauend, ja ›zukunftsweisend‹, gerade weil er in seiner Europa-Synthese die abendländische Reichskomponente dennoch dominieren ließ, nicht anders als der ihm stark verpflichtete Romanist Ernst Robert Curtius noch nach 1945. Auch jetzt erwies sich das prätendierte integrale Europa vornehmlich als ein lateinisches, ja römisches und speziell Vergilsches Europa. »Rom«, so heißt es knappstens beim Hofmannsthal-Freund Rudolf Pannwitz, »war das erste Europa« – sei es das ›heidnische‹ oder das christliche, das römisch-katholische Europa, dessen Propagandisten sich, wie Konrad Adenauer, Heinrich von Brentano usw., als Christliche Humanisten verstanden.
Es handelte sich um einen recht militanten »Humanismus«, daran läßt Moenius noch in seinem Neuen Weltmonarchen von 1948 keinen Zweifel: »Die kompaktesten Legionen bringt sowohl zum Schutze des Abendlandes als zur stetigen Erweiterung und zum Hinaustragen der Grenzen die katholische Kirche auf.« Selbst der späte, franziskanischpazifistisch argumentierende Schneider verehrt noch das inkonsistente Konstrukt eines »Virgilius christianus« und unterscheidet sich darin weder von Moenius noch von dessen maßgeblichem Inspirator Haekker. Diese sind extreme Vertreter einer durchaus imperialen Reichstheologie, wie sie mutatis mutandis auch protestantische, neopagane und schließlich nationalsozialistische Reichsvisionäre vertreten haben, zugunsten eines Reichs- bzw. Deutscheuropas, das sie in eine ausdrückliche Kontinuität mit dem »Heiligen Römischen Reich deutscher Nation« stellten. Dennoch kann man von einem »Nationalsozialistischen ›Imperium Europaeum‹« sprechen, so romanophil, wie nicht zuletzt Hitler selbst gewesen ist. Eine Feststellung, die endlich Anlaß gibt, auf meinen entscheidenden Lehrer in Sachen »Reich, Rom und Abendland« zu verweisen: auf den bedeutenden und zu Unrecht vergessenen österreichischen Universalhistoriker Friedrich Heer, der mit Adorno und Bloch ebenso befreundet war wie mit Schneider. Ich nenne hier nur seine Habilitationsschrift von 1949, Aufgang Europas, und seine beiden Bücher aus den Jahren 1968 bzw. 1969, Der Glaube des Adolf Hitler und Kreuzzüge – gestern, heute, morgen?.9
Heer ist um so interessanter, als zeitweise selbst er, der so früh wie kaum ein anderer Katholik das »Gespräch der Feinde« gefordert hatte, an der »Karolingischen Internationale« partizipierte und damit seinerseits »reichsdienstpflichtig« blieb. Ich thematisiere nicht zuletzt das karolingische West- bzw. Rheineuropa, also das – noch für die EU zentrale – Deutsch-Französische Europa, war und ist doch die »deutschfranzösische Verständigung« die conditio sine qua non der Europäischen Vereinigung: der Ausgleich zwischen »Germanismus« und »Latinité« bzw. der Abbau der jahrhundertealten jeweiligen Hegemonialbestrebungen. Natürlich ist auch das Konzept eines Französischen Europa ihnen zuzurechnen gewesen; denn Germanozentrik und Frankozentrik waren – im Abstand betrachtet – weithin identisch, mit der Pointe, daß die jeweiligen Extremisten voneinander lernten. Ich beschließe dieses Kapitel mit der Analyse des »Gaullistischen« Europa-Konzepts der sechziger Jahre, nicht zuletzt, weil in ihm Schmittsche Überlegungen nochmals eine bedeutende Rolle spielten: eine spezifische Vorstellung vom »Europäischen Großraum«, wie ihn der NS-Völkerrechtler zuerst entworfen und damit noch den Widerständler Goerdeler und den ersten EWG-Präsidenten Walter Hallstein inspiriert hatte, wie später dann die »deutschen Gaullisten« um Franz Josef Strauß.
Im letzten Kapitel stelle ich schließlich die Wandlungen des Reichsgedankens im Nationalsozialismus dar. In seiner Entstehungsphase diente Schmitts sich so defensiv gebende »Völkerrechtliche Großraumordnung mit Interventionsverbot für raumfremde Mächte« den nationalsozialistischen Weltreichsambitionen an, also dem »Dritten Reich« – das sich nach den ersten Blitzsiegen nur noch »Das Reich« nannte und somit unverhohlen seinem Monopolanspruch Ausdruck gab. Römisch bzw. vergilisch auf nationalsozialistische Art formulierte Schmitt damals: »Die Tat des Führers hat dem Gedanken unseres Reiches politische Wirklichkeit, geschichtliche Wahrheit und eine große völkerrechtliche Zukunft verliehen. – ›Ab integro nascitur ordo.‹« Konsequent knüpfte das (Dritte) Reich aber auch an das mittelalterlich-deutsche, selbst römische Reich an. Heer hatte nur zu sehr recht, als er, früh die abendländische Restauration der Adenauer-Zeit erkennend, urteilte: »Der Totalstaatsversuch Hitlers läßt sich nur von reichischen Bezügen her verstehen – aus der Perversion, gewiß, aber auch aus der echten Nachfolge des alten Sacrum Imperium.« Jenes Sacrum Imperium, dessen »erster Dichter-Prophet« Vergil war: der »Prophet des Weltimperiums«. Mit dieser Passage endet das Buch, so wie es mit einem Carl-Schmitt-Zitat aus dessen Begriff des Politischen medias in res geht. Dies ist nur eine stilistische Eigenschaft, die den Band als wissenschaftlichen Essay ausweist. Unter anderem sein Materialreichtum macht ihn zum Collage- Essay, eine Darstellungsform, die ich 1979 in meinem in Hildesheim erschienenen Buch Der Collage-Essay. Eine wissenschaftliche Darstellungsform. Hommage à Walter Benjamin entwickelt und begründet habe.
Beim vorliegenden Band handelt es sich, wie eingangs bereits erwähnt, um eine leicht gekürzte und aktualisierte Wiederauflage, wobei das »Wieder« zu betonen ist: Das Buch soll als eines der siebziger Jahre erkennbar bleiben, gerade weil ich überzeugt bin, daß 1989 – was die Mythisierung des diachron wie synchron weltweiten Ost-West-Konflikts angeht – keine Zäsur darstellt. Nicht zuletzt das haben der 11. September 2001 und die Reaktionen auf ihn bewiesen; selbst die Kreuzzugsvokabel ist sofort wieder zur Stelle gewesen.*
Auch neuere Sekundär-Literatur habe ich kaum in die Zweitauflage eingearbeitet. Um so mehr möchte ich hier nachdrücklich hinweisen auf: Dagmar Pöpping, Abendland. Christliche Akademiker und die Utopien der Antimoderne 1900–1945, Berlin 2002 sowie last not least auf: Noam Chomsky, War against people. Menschenrechte und Schurkenstaaten, Hamburg/Wien 2001.
Richard Faber
Aus Anlass der dritten Auflage verweise ich auf: Volker Weiß, Die autoritäre Revolte. Die Neue Rechte und der Untergang des Abendlandes, Stuttgart, 2017; Richard Faber und Olaf Briese (Hrsg.), Heimatland, Vaterland, Abendland. Über alte und neue Populismen, Würzburg, 2018; Richard Faber, Hopfen und Pfalz, Gott erhalts. Historische Reflexionen und persönliche Erinnerungen aus Anlass europaweiter Reregionalisierung und Renationalisierung, Würzburg, 2019.
*Was den Kulturbetrieb angeht, verweise ich auf die drei großen ›abendländischen‹ Ausstellungen (und ihre Kataloge): »Europas Mitte um 1000«, »Otto der Große. Magdeburg und Europa« und – bereits im Jahr 2000 – »Krönungen. Könige in Aachen – Geschichte und Mythos«.
*Die ersten zwanzig Jahre nach dem 2. Weltkrieg waren unverhältnismäßig katholisch bestimmt. Vgl. H. Maier (Hrsg.), Deutscher Katholizismus nach 1945. Kirche – Gesellschaft – Geschichte, München 1964 sowie kritisch G. Kraiker, Politischer Katholizismus in der BRD, Stuttgart 1972.
*Der italienische Ministerpräsident Silvio Berlusconi erklärte sogar am 26. September 2001 in Berlin: »Der Westen wird weiterhin Völker erobern, so wie es ihm gelungen ist, die kommunistische Welt und einen Teil der islamischen Welt zu erobern« (zit. nach Frankfurter Rundschau vom 28.9.2001).
I. Einleitung oder: »Das neue Reich«
»Die reichische Idee wird in Gestalt
der europäischen Einigung neu erstehen.«
(Otto von Habsburg, 1977)
Carl Schmitt hat 1927 in seinem Begriff des Politischen mit seltener Klarheit herausgearbeitet, daß und inwiefern Begriffe politische Kampfbegriffe sind*: »Worte wie Staat, Republik, Gesellschaft, Klasse, ferner: Souveränität, Rechtsstaat, Absolutismus, Diktatur, Plan, neutraler oder totaler Staat usw. sind unverständlich, wenn man nicht weiß, wer in concreto durch ein solches Wort getroffen, bekämpft, negiert und widerlegt werden soll.« Politische Begriffe haben nicht nur – und nach Schmitt nicht einmal vorrangig – einen analytischen Wert, sondern verfolgen stets eine polemische Absicht: »sie haben eine konkrete Gegensätzlichkeit im Auge, sind an eine konkrete Situation gebunden, deren letzte Konsequenz eine (in Krieg oder Revolution sich äußernde) Freund-Feindgruppierung ist.«1
In die Reihe derjenigen Begriffe, die die politischen Gruppen im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts – und noch darüber hinaus – polarisierten und polarisieren sollten, gehört an prominenter Stelle auch der des Abendlands.* Bei Schmitt selbst spielt der Abendland-Begriff expressis verbis zwar keine Rolle.** Er verwendet an seiner Stelle aber, und mit spezifisch nationalistischer Engführung, den Begriff des Reiches***, der von anderen, zumal von den katholischen Reichsvisionären, mit Europa und dem Abendland synonymisiert wird. Abendland – Reich – Europa, diese begriffliche Trias bildet eines der Zentren, wo immer es in der Weimarer und der ersten Österreichischen Republik um reaktionäre Visionen und konservative Revolutionen geht.
Sicherlich, die Interpretationen und Inhalte sind verschieden: Was Oswald Spengler im Untergang begriffen zu sein scheint, das wird für die katholisierenden Gegenrevolutionäre zum Kristallisationspunkt eines neuen Aufgangs: das »christliche« Abendland. Zwar stehen auch sie unter dem Eindruck der »fundamentalen Wende« von Aktium2, aber im Gegensatz zu Spengler und Schmitt, die eine neopagane, ja antichristliche Ordnung mit vorbereiten wollen, geht es ihnen, wie den Hoch- und Spätromantikern des 19. Jahrhunderts, um die Restauration der »integralen Tradition« Europas (Leopold Ziegler), das heißt einer tendenziell christ-katholischen.
Auch der junge Schmitt war ihr einmal verpflichtet, freilich nicht zuletzt deshalb, weil er schon in ihr das römisch-imperiale Element als bestimmend erkannt hatte. Im Gefolge Spenglers brauchte er es nur zu verabsolutieren, um wie dieser Cäsarist und Imperialist im modernen – faschistischen – Sinn zu werden. Ein Telos, dem – weil dem Geist der Zeit und ihrer Machtverhältnisse entsprechend – auch die christlich-mittelalterlich orientierten Reichstheologen nur schwerlich ausweichen können. Sie stehen gleichfalls unter dem Bann des imperialistischen Fundamentalsatzes: »Du aber, Römer, gedenke mit Macht der Völker zu walten,/Dies sei deine Berufung – des Friedens Gesetze zu ordnen, / Schon den, der sich gefügt, doch brich den Trotz der Rebellen!«.3 So hatte ihn Vergil, der »Vater des Abendlands« (Theodor Haecker), in jener Zeit formuliert, die für Schmitt »zentral ist und so lange es bleiben wird, wie dieser Äon besteht«, »die Beziehung unserer Gegenwart auf die Zeitwende, mit der unser Äon einsetzt, die Zeit der römischen Bürgerkriege und des Cäsarismus.«4
Vergils Satz ist die politische Pointe des »Alten Testaments des gesamten europäischen Westens«, als das Rudolf Borchardt Vergils apologetisches Rom-Gedicht5, die Äneis, 1930 bezeichnet. Er kann Vergil, wie Haecker in seinem Vater des Abendlands vom selben Jahr, die »anima naturaliter christiana« nennen und doch, wie der (prä-) faschistische Schmitt, auf ein cäsaristisches und imperialistisches Preußen-Deutschland hinarbeiten, das das Wilhelminische an Konsequenz und Radikalität bei weitem übertreffen soll. Schmitt-Schüler wie Christoph Steding und Robert Hepp betrachten ein solches Preußen-Deutschland als Land der »vollendeten Reformation«6, das heißt – neopagan – als den providentiellen Ort, wo die jüdisch-christliche Negation des sakrosankten und nur insofern wirklich souveränen, da totalen Staates rückgängig gemacht wird. Dieser Staat, und nur er, soll – nach dem Weimarer »Interregnum« – wieder und erst recht »Freund und Feind« bestimmen können, so wie es Schmitt im Begriff des Politischen postuliert hat.
Daß die Weimarer Republik ein »Interregnum«, also eine »schreckliche, kaiser-« oder führerlose »Zeit« gewesen sei, diese geschichtsphilosophische ›Einsicht‹ ist noch für Armin Mohlers Interpretation der Konservativen Revolution bestimmend.7 Und Steding, dem selbst der Bolschewismus nur eine Begleiterscheinung des Verfalls Europas, das heißt des Reiches zu sein schien8, begriff die gesamte Neuzeit als einen fortlaufenden Prozeß der Dekomposition des Reiches und deswegen – Schmitt folgend – »als ein Zeitalter der Neutralisierungen und Entpolitisierungen«.9 Aber in diesem tiefen Verfall – in den Jahren 1931/32 kulminierend – hatte er den »unerschütterlichen Glauben«, daß sich »Deutschland […] mitten in einer neuen Reichsgründungszeit« befinde.10
1. Deutsche Romanitas per translationem imperii
Die gesamte konservativ-revolutionäre Akademikergeneration des preußischen Deutschland stand unter dem Eindruck von Arthur Moeller van den Brucks programmatischem Buch Das dritte Reich und seiner Losung: »Preußen muß sein«. So dichtete etwa der mit Moeller und vor allem Martin Spahn verbundene Eduard Stadtler, wie dieser ein katholischer Preuße, 1931: »Preußen muß wieder preußisch werden / Soll das Reich nicht untergehen.«11 Für andere freilich war das Reich gerade an Preußen gescheitert; Moellers Freund und Nachlaßverwalter Hans Schwarz sprach daher in gewollter Analogie zu dem von Schmitt konstatierten »antirömischen Affekt« von einem »antipreußischen Affekt«.
Selbst solchen Preußen wie Steding oder gar Spahn und Stadtler blieb nicht verborgen, daß die von ihnen angestrebte berufsständische Ordnung katholisch-mittelalterlich war.12 Sollte das Reich großdeutsch werden, mußte es notwendig – wie dialektisch auch immer – antipreußisch werden; der Faktor des habsburgischen Österreich war mit Königgrätz nicht endgültig aus der mitteleuropäischen Politik verschwunden. Was die »Legitimität« angeht, so wußte – nach einem Wort Wilhelms II. – kein geringerer als Bismarck, »daß die echte Krone in Wien sei«.13 Und mit dem Legitimitätsproblem stellte sich erneut die Glaubensfrage.*
Auch in dieser Hinsicht verteidigen Katholiken – gerade 1933 – nachdrücklich ihr »›Erstgeburtsrecht‹ auf das Reich«14. Nicht dualistisch wie Lutheraner, sondern analogisch, sind sie mit Reinhold Schneider überzeugt, daß »das Innerste eines jeden Reichs die Bitte ist: ›Zu uns komme Dein Reich !‹ Denn aus dieser Bitte leuchtet das himmlische Vorbild in das irdische, der Gottesstaat in den Weltstaat, der auf jenen angewiesen ist.«15 Schneider, der »im Ringen um das Reich […] den Inhalt« seiner »Lebensarbeit« sieht16, nennt »das Reich […] die größte Konzeption einer christlichen Ordnung auf Erden«17.** Andere wiederum wollen zu seiner – wie sie meinen – reinen, und das heißt monistischen Urgestalt zurück, so wie sie für das Abendland das antike Rom verbindlich geboten hätte; sie stellen auf einen Neopaganismus ab. Doch »Roma« bleibt gerade auch für Katholiken »aeterna«, und nicht nur im Blick auf Deutschland. Nicht zuletzt hierin sind sie mit Schneider einig, für den alle europäischen Völker irgendwann – kurz oder lang – am Imperium Romanum und seinem Erbe Anteil gehabt haben. Allerdings bleibt für alle Reichstheologen oder zumindest -visionäre unbestreitbar, daß das deutsche Volk das »Reichsvolk« ist.*** »Romanitas« – die nicht zuletzt auch den »imperialen Katholizismus« der Epoche qua Kirche bestimmt – und Deutschtum sind mutatis mutandis die Konstitutiva der deutschen Reichsideologie: eine deutsche Romanitas per translationem imperii.
2. Das Reich als »complexio oppositorum«
Ihr Ende – in jedem Sinn – erreicht die Reichsideologie im Nationalsozialismus, der gerade auch in dieser Hinsicht eine »complexio oppositorum« ist, je nach der Situation einmal mehr hier oder dort den Akzent setzend: Begann er in Potsdam als »Drittes Reich« Wirklichkeit zu werden, so endete er – nach der kurzen »großdeutschen« Reichs-Phase – beim »Reich« einfach und schlechthin, als dem Umfang nach mittelalterliche Verhältnisse hergestellt worden waren und sich damit eine mittelalterliche Analogie überhaupt anbot. Das war Hitler, einem Romano- und Ekklesiophilen von Graden, auch ideologisch genehm. Im Zeichen des Rußland-Feldzuges fehlt in der nationalsozialistischen Propaganda sogar das Stichwort Abendland nicht; die Auseinandersetzung mit »dem Osten« wird in Analogie zu den verschiedenen »Verteidigungs«-Unternehmungen »des Westens« gesetzt.
Die Reichs- wie dann die Abendland-Ideologie ist keine einheitliche und kann es bei den historischen Unterschieden, die ihre jeweilige Gestalt im 20. Jahrhundert bestimmen, auch gar nicht sein. Zu Beginn des Jahres 1933 werden die Unterschiede noch offen beim Namen genannt, und ein freilich gezähmter Ideologienkampf ist durchaus im Gange. Aber bereits damals tritt hinter dem »Daß« der neuerlichen Reichsgründung die ihr konkret zu gebende Gestalt zurück; sie kann es, weil weithin die historischen Kostüme nur Kostüme sind, ein quid pro quo: Was ins Gewicht fällt, ist, daß die »›Republik‹ […] in den Hintergrund getreten« ist. Positiv gewendet: »Es ist [überhaupt] wieder vom ›Reich‹ die Rede […] An voreiligen und abwegigen Antworten fehlt es gewiß nicht. Verheißungsvoll für die Zukunft aber ist die Entschiedenheit, mit der das Reich von den verschiedensten Menschen und Kreisen als die politische Aufgabe unseres Volkes schlechthin gesehen wird.«18 Diese Worte des katholischen Reichstheologen Auguste Schorn sind durchaus repräsentativ: Hinter dem unbändigen Willen zum Reich verblassen die zum Teil unversöhnlichen Differenzen der angestrebten Gestaltungen.
3. Neo-Vergilische Reichsapokalyptik
Eine weitere Gemeinsamkeit: Ob katholisch, protestantisch oder einfach »deutschgläubig«, ob österreichisch, rheinisch oder preußisch, klein-deutsch, groß-deutsch oder europäisch – die konservativ-revolutionären Intellektuellen sind am Vorabend der nationalsozialistischen Machtergreifung von einer eschatologischen Erregtheit erfüllt; ihre Bücher, Artikel und Gedichte haben alle etwas von Apokalypsen.* Selbst Schneider notiert sich am 18. April 1933 in einem Fragment aus dem Umkreis von Auf Wegen deutscher Geschichte** über den »Roland« von Quedlinburg: »Arm und Leib waren ihm zerschlagen worden vom Unverstand später Jahrhunderte: so lag er lange, nicht mehr als ein Steinhaufen, im Hof; aber das Gewesene ersteht wieder, ob wir es wollen oder nicht: seine Teile fügen sich zusammen; der alte Trotz und Stolz haucht ihnen Leben ein; die Gebärde ist noch erhalten, ob auch die Spuren des Leidens nicht mehr vergehen: und es ist mit dem Roland nicht anders als mit dem alten Reich der Deutschen.«19
Ihren ersten Höhepunkt hatte die gegenrevolutionäre Apokalyptik zum Beginn der endgültigen Krise der Republik und ihres Pluralismus: 1930, womit auch sie dem Kompensationsgesetz der Apokalyptik getreu war. 1930 war das zweitausendste Geburtsjahr Vergils. Auch auf Ideologenebene bot sich die »fundamentale Parallele« an, die Spengler, unter dem Eindruck der apokalyptischen Stimmung des August 1914 und in Erwartung eines deutschen Sieges – vergleichbar dem Roms über Karthago –, bereits während des Krieges zum hermeneutischen Ausgangspunkt seines Untergangs des Abendlandes gemacht hatte.*
So wies Minn in seinem 1930 in der rechtskatholischen Allgemeinen Rundschau von Georg Moenius erschienenen »Vergil«-Aufsatz ausdrücklich auf »unsere schmerzhafte ›Gleichzeitigkeit‹« mit »der augusteischen Epoche« hin und beschäftigte sich ausführlich-affirmativ mit der Vergil-Ideologie des faschistischen Italien.20 Schmitt schließlich, der noch in den fünfziger Jahren »trotz aller hegelisch-stalinistischen Geschichtsdialektik […] kein anderes Mittel geschichtlichen Selbstverständnisses« kennt als eben »die große historische Parallele«21, schloß wiederholt Aufsätze mit dem verballhornten Vergil-Vers: »Ab integro nascitur ordo.« Reichsapokalyptisch einen völkerrechtlichen von 1939/40: »Die Tat des Führers hat dem Gedanken unseres Reiches politische Wirklichkeit, geschichtliche Wahrheit und eine große völkerrechtliche Zukunft verliehen. – ›Ab integro nascitur ordo.‹«22
Am nachdrücklichsten zog Werner Bergengruen in seinem zunächst 1937 erschienenen und dann 1950 wieder aufgelegten Ewigen Kaiser die augusteisch-vergilische Parallele als apokalyptische. So spricht er den »ewigen Kaiser« im Titelgedicht an: »Vergil umkränzte deine Pforten«** – wie Bergengruen es jetzt wieder tut. Und immer noch ist der Kaiser, um apokalyptisch zu werden, der »Verwandler der Zeit«; im Gedicht gleichen Namens imaginiert Bergengruen: »Es kreißen Aufgang / Und Niedergang, / Die Hügel beben / Dir zum Empfang. //Der Leib der Länder / Wirft sich in Krämpfen, / Die Lüfte dampfen / Von Geisterkämpfen. // Tritt aus dem Berge, / Wirf auf dein Panier.«23
Bergengruen beschwört – wie selbstverständlich und in ›legitimer‹ Vergil-Rezeption – den Kaiser im Kyffhäuser: Friedrich II. von Hohenstaufen. »Selbstverständlich«, obwohl Bergengruen gerade auch in der Tradition der christlichen Vergil-Rezeption steht, aber eben in der hellenistisch-römischen Christentumstradition, wie Verse des Gedichts Das Licht im Aufgang zeigen, die gleichsam die geschichtstheologische Zusammenfassung der Bergengruenschen Reichsapokalyptik darstellen: »[…] Engelscharen tragen nieder / den neubereiteten Äon.« »Äon« und »Engelscharen« – der Hellenismus hindert Bergengruen nicht, sondern ermöglicht ihm, Augustus mit Christus zusammenzudenken und von einer »neuen Fülle der Gezeiten« zu sprechen.24
4. Konservative Utopie des Abendlandes
Wie Haecker geht es Bergengruen – der »ewige Kaiser« ist »Herr und Hirt des Abendlands«25 – um die Auferstehung des christlichen Abendlands*; aber selbst bei christ-katholischen Autoren – wie bei Peter Wust vor dem zweiten Krieg und Erich Przywara in und nach diesem Krieg – kann jenes Epitheton fehlen. Wust schreibt: »Daß unser Volk, ja, daß das Abendland wieder auferstehe, das allein ist mein Gedanke bei Tag und Nacht.«26 Und für Przywara »träumt« die »gegenwärtige Stunde des Abendlands« »utopisch« von »einem neuen Abendland«27. Das Zurücktreten des spezifisch Christlichen zugunsten des generell Konservativen findet sich noch in Bergengruens Nachwort von 1950, mit dem er die Neuauflage seines Gedicht-Zyklus von 1937 rechtfertigt: »Was mich bewogen hat, nach anderthalb Jahrzehnten den Zyklus von neuem und unverändert vor die Öffentlichkeit zu stellen, das ist nicht zuletzt die gewaltige geschichtliche Aufgabe, die heute vor den abendländischen Völkern, ja, vor denen der Erde steht: die Pflicht, das Widerstrebende in höheren Zusammenfassungen zu einen, wie sie im augusteischen Kaiserreich der Antike, im römisch-deutschen des christlichen Mittelalters ihre Vorformungen gehabt haben.«28
Diese Aufgabe steht vor den abendländischen Völkern als solchen; zumindest nach diesen Ausführungen Bergengruens weiß man nicht, worin sie sich wesentlich von jener Aufgabe der zwanziger bis vierziger Jahre unterscheidet. Bergengruens Sprache ist und bleibt die der Reichsvision des Zwischenkriegs; sein Nachwort von 1950 endet mit den Worten: »Es steht der Dichtung nicht zu, die Formen künftiger europäischer und übereuropäischer Zusammenschlüsse vor ihr Urteil zu laden und Erwägungen darüber anzustellen, auf was für Schultern die ehemals kaiserliche Aufgabe in Zukunft ruhen werde. Wohl aber darf sie in ihrer Weise daran erinnern, daß jene Zusammenfassungen der Völker, auf die wir hoffen, von den nämlichen seelischen und geistigen Kräften getragen sein werden, die dereinst das Bild des alten Reiches geformt haben. Und so wird etwas von ihm weiterleben und des Kaisers ewige Gestalt überall dort zugegen sein, wo Steine zum überwölbenden Bau des neuen Völkerhauses zusammengetragen werden.«29
*Im eigentlichen Sinne geht es bei Schmitts konkreter Begriffsbildung weniger um Kampfbegriffe als um »Kampfmythen« (vgl. C. Schmitt, Hugo Preuss. Sein Staatsbegriff und seine Stellung in der deutschen Staatslehre, Tübingen 1930, S. 5 sowie R. Faber, »›Begriffsgeschichte‹ und ›Mythologie‹. Methodologische Vorüberlegungen zur Kritik des ›politischen Kampfbegriffs‹ Abendland«, in: Aufmerksamkeit. Klaus Heinrich zum 50. Geburtstag, hrsg. von O. Münzberg und L. Wilkens, Frankfurt/M. 1979, S. 140–150).
*Im zweiten Nachkrieg erringt die Abendland-Ideologie noch größere öffentliche Erfolge als im ersten, obgleich sie direkt aus ihm herrührt, immunisiert durch den Scheinheiligenschein des ›Widerstands‹.
**Immerhin ist es gerade im Zusammenhang seiner Unterscheidung zwischen »hostis« und »inimicus«, die er zur »Entpolitisierung« von Matth. 5,44 und Luk. 6,27 verwendet, daß Schmitt schreibt, »in dem tausendjährigen Kampf zwischen Christentum und Islam« sei »niemals ein Christ auf den Gedanken gekommen, man müsse aus Liebe zu den Sarazenen oder den Türken Europa, statt es zu verteidigen, dem Islam ausliefern« (Der Begriff des Politischen, Berlin3 1963, S. 29). Und nach Denis de Rougemont stammt »die erste Erwähnung Europas nicht nur als geographische, sondern auch als menschliche Einheit, d.h. des Europäers, der diesen Kontinent verteidigt, […] aus der Chronik der Schlacht von Poitiers im Jahre 732, wo Karl Martell die Araber besiegte«. Das Reich Karls des Großen sei nur der »Höhepunkt dieses frühen Bewußtseins der europäischen Einheit« (europa. Vom Mythos zur Wirklichkeit, München 1962, S. 11). Sein Reich ist das »Abendland der Kreuzzüge« und ihre Zeit »die Zeit des Abendlandes« (E. Rosenstock, Die europäischen Revolutionen, Jena 1931, S. 40 und 39). »[…] die Geschichte lehrt uns, daß es eines gemeinsamen Feindes, einer gemeinsamen Gefahr bedarf, damit Europa ist«, wie Gonzague de Reynold, einer der Gewährsleute de Rougemonts, im Sinne Carl Schmitts generalisiert (Portugal. Gestern – heute, Salzburg/Leipzig 1938, S. 12).
*** In Anknüpfung an den Begriff des Politischen heißt es in Schmitts Über die drei Arten des Rechts, »der höchste […] und deutscheste […] Ordnungsbegriff« sei das »›Reich‹ als eine […] konkret-geschichtliche […] Freund und Feind von sich aus unterscheidende […] politische […] Einheit« (Hamburg 1934, S. 44).
*Otto Westphal – durchaus ein preußischer Nationalsozialist und schließlich nationalsozialistischer »Trotzkist« – meinte nach dem zweiten Weltkrieg resümieren zu müssen: »›Nicht Glaube und doch noch Glaube‹ (Bismarck): daran ist das (zweite) Reich großgeworden und gescheitert« (Weltgeschichte der Neuzeit 1750–1950, Stuttgart 1953, S. 106).
**Oder um Albert Mirgeler zu zitieren: »Wir halten […] die Reichsordnung für die wesentliche Verkörperung einer christlichen Politik. Sie repräsentiert eigentlich die Herabkunft der Gnade in den politischen Bereich.« Und, so fährt Mirgeler konsequent fort: »Es handelt sich für uns […] um ein neues Reich, das in seiner Vollendung wieder dem im Mittelalter offenbarten Typus des Reiches entspricht« (»Katholizismus und deutsche Politik«, in: Was wir vom Nationalsozialismus erwarten, hrsg. von A. E. Günther, Heilbronn 1932, S. 30 und 32).
*** Reichstheologisch heißt es – wieder bei Mirgeler: »Es ist […] die politische These des deutschen Katholizismus, daß die Deckung von deutsch und christlich im mittelalterlichen Reich verwirklicht worden ist, und daß sich hier die besondere Stellung Deutschlandes im Raume der christlichen Welt offenbart hat« (ebd., S. 30).
*Wilhelm Stapel nennt seinen Christlichen Staatsmann von 1932 ausdrücklich eine Apokalypse.
**Der Untertitel dieses nach dem Kriege nicht mehr aufgelegten Buches Schneiders lautet: »Eine Fahrt ins Reich«.
*Spenglers Freund Ernst Droem (Pseudonym für Adolf Weigel) erzählt, daß jener sein Werk anfänglich »Die Erfüllung des Abendlandes« habe nennen wollen (vgl. H. Petriconi, Das Reich des Untergangs – Bemerkungen über ein mythologisches Thema, Hamburg 1958, S. 140). – Noch zu Beginn des Jahres 1947 postulierte J. Burnham die Alleinherrschaft der »demokratischen Weltordnung« unter Erinnerung an die Zeit der Punischen Kriege: »Der Kommunismus kann unterdrückt werden und unterdrückt bleiben. Wenn die Demokratie gerettet werden soll, dann muß er unterdrückt werden […] Wir sind dabei, die Punischen Kriege und die Bürgerkriege jenes Höhepunkts der Zeit der Unruhen zu führen, die Kriege der Vernichtung« (vgl. E. Nolte, Deutschland und der kalte Krieg, München und Zürich 1974, S. 227).
**Bergengruen hat die Äneis-Verse I, 278f. mit dem Kernwort: »imperium sine fine dedi«, samt Ligurinus’ Beschwörung der translatio imperii, als Leitsprüche seinem Ewigen Kaiser vorangestellt.
*Dichtungsimmanent und gleichsam metaphysisch ist sie ermöglicht durch die Verse: »Du [ewiger Kaiser] bist das Bild der ersten Welt / und der Zukünftigkeiten« (W. Bergengruen, Der ewige Kaiser, Graz 21950, S. 19).
II. Verteidigung und Ausbreitung des Abendlandes: »Euro-Amerika«
»Ex occidente lux.«
(Leopold Ziegler, Das heilige Reich der Deutschen, 1925)
1. Die Verteidigung des Abendlandes*
Werner Bergengruen verkörpert exemplarisch die Kontinuität der Konservativen Revolution: Vom ersten Weltkrieg an und über den zweiten hinaus ist sie ganz wesentlich eine abendländische. Die explizite oder zumindest implizite Reichsform der Abendland-Ideologie ist das außenpolitische Pendant ihres Ständestaatsgedankens. Wenn Robert Hepp vom »Reich« als dem »Zusammenhang aller Teile mit dem Ganzen« spricht1**, so ist das politisch ganz im Sinn von Carl Schmitt, wenn dieser auch umfunktioniert wird: Ständestaat und abendländisches Reich sind Reaktionen auf die radikale Revolution des Bolschewismus. Richtet sich der Ständestaat gegen das innere Proletariat, dann das Reich gegen das äußere, das russisch-sowjetisch ist. Selbst in Richard Coudenhove-Kalergis programmatischem Pan-Europa heißt es apodiktisch »Die ganze europäische Frage gipfelt in dem russischen Problem. Hauptziel der europäischen Politik muß die Verhinderung einer russischen Invasion sein. Dies zu verhüten gibt es nur ein Mittel: den Zusammenschluß Europas.«2 Eine solche Deutung des Abendlandes bzw. Europas erfüllt zwei Funktionen: Sie legitimiert sich als Verteidigungshaltung und fixiert zugleich das Feindbild, das in der mystifikatorischen Sprache der »Abendländer« »östlich-asiatisch« heißt.
Noch in den fünfziger Jahren spricht Robert Schuman »von der kommunistischen oder asiatischen Gefahr«3. Und Bergengruen liefert im Titelgedicht Der ewige Kaiser auch die Stichworte für diese Verwendung von Abendland als politischem Kampfbegriff: »Schon gärt’s im Schlammgrund der Gezeiten, / schon drohn durch Nebel durch Geröll / der Steppen unermessne Weiten, / der Tiefen brodelndes Gewöll. // … schon kündigt sich in Vorgesichten / Europas letzte Hunnenschlacht. // Erhebe Konstantins Standarte, / entblöße Karls geweihten Stahl!«4 In diesen Versen, die in den kalten Krieg ab 1947 ebenso gut passen wie in den – zeitweise auch heißen – vor 1945, nennt Bergengruen drei wesentliche Topoi jeder militanten Abendland-Ideologie: die asiatische »Steppen«-Barbarei, die immerwährende »Schlacht« mit deren »Hunnen« und die konstantinisch-karolingische Kreuzzugsform dieser Schlacht: »In hoc signo vinces«.
Haecker, dem der »Hunnen«-Topos gleichfalls nicht fremd ist*, geht hinter die Katalaunischen Felder nach Aktium zurück, das Vergil »durchaus klar […] als […] Entscheidung zwischen dem Geist des Westens und dessen Idee der Ordnung und des Lichtes und des Maßes und des Vertrauens und dem des Ostens mit seiner Maßlosigkeit und Verzweiflung, Chaos und Grauen« gesehen habe, als Entscheidung »gegen den Osten, der angeführt war von einem zügellosen Verräter des eigenen westlichen Geistes, eine Möglichkeit, die immer von neuem wieder und heute und künftig furchtbarer denn je aufstehen kann«5. Die Schwierigkeit, daß die Fronten nicht eindeutig sind, ergibt sich immer wieder – Haecker umgeht sie in seinem Fall nur scheinbar, wenn er Antonius einen »Verräter der eigenen westlichen Kultur« nennt: Wie definiert sich der Osten, das heißt, wie definiert ihn – in unserem Zusammenhang – der Westen?
a) Römisches Kriterium der Ost-Bestimmung
Verteidigungshaltung und Feindbestimmung aufgrund des Abendlandbegriffs implizieren nicht, daß der Westen sich positiv selbst definiert, gleichsam als Voraussetzung seiner Ost-Definition. Vielmehr folgt die Selbstbestimmung aus dieser Abgrenzung, wie Ernst Jünger noch 1953 affirmiert: »Marathon und die Thermopylen, Byzanz und Rhodos, die katalaunischen Felder, Wien und Wahlstatt: an solchen Punkten wendet die Geschichte sich immer wieder ihrer Hauptrichtung, dem großen [Ost-West-]Thema zu. An solchen Orten wird das Abendland gemessen mit dem umfassendsten Maße, gewogen mit dem schwersten Gewicht. Es wird auf seinen Sinn, auf seine Einheit zurück geworfen und in ihm wieder hergestellt, wenn es dessen bedarf.«6
Der »Osten« ist der jeweilige Feind, ideologisches Kriterium dabei freilich die römische Tradition oder doch zumindest Analogie. In den Augen eines französischen Nationalisten kann – vom äußersten Westen her – Preußen-Deutschland, das sich von jeher als »Bollwerk gegen den Osten« empfand*, selbst östlich erscheinen, gleichsam als Vorwerk Asiens; Maurice Barrès fragt am Vorabend des ersten Weltkriegs: »Wenn ich mich an [die Klassizisten**] Corneille, an Racine halte, spürt ihr dabei nicht, daß ich wie andere, vielleicht sogar stärker, jenen Strom von Nihilismus und jene schwarzen Delirien über mich habe ergehen lassen, den das tiefe Asien über Deutschland hinweg zu uns sendet?«7* Und Barrès kann, auch nach dem Krieg, in Deutschland selbst – was den Widerstand gegen das Deutsch-Asiatische angeht – mit Unterstützung rechnen, bei jenem entschieden römisch-katholischen Deutschland Haeckers und seiner Freunde:
Der Schmittianer Hermann Hefele gelangt »gern und leicht zu der Meinung, daß gerade heute, wo in Deutschland, dem alten Kreuzungspunkt geistigen und kulturellen Lebens, durch Literatur, Kunst und Politik verbreitet und gefördert, das asiatische Lebensgefühl mit seinem Element des Grenzenlosen und der Auflösung so breiten Raum gewonnen hat, der im Katholizismus verkörperten wesentlich römischen Form europäischen Geistes die große Aufgabe der Klärung und Festigung des deutschen Wesens zukomme, seine Wiederannäherung an die formbestimmte und objektiv gehaltene Art Roms.«8
Mit abendländischer Verallgemeinerung und antibolschewistischpreußischer Zuspitzung zugleich schreibt auch der bayerische Katholik Moenius: »Die abendländische Kultur hat sich dank der ihr innewohnenden römischen Substanz dem preußischasiatischen Bolschewismus entgegengestellt, und sie wird auch weiterhin die starke Mauer bilden, an deren Quadern sich die Hengste aus dem Stalle Attilas die Schädel zerschmettern. Der Katholizismus« – offensichtlich weithin synonym mit der »abendländischen Kultur« – »bietet aber auch jenen Schutz dar, der gegen die feineren Vergasungen durch einen asiatischen Geist notwendig ist, wie er durch alle Ritzen und Fugen eines geistig nicht mehr festgefügten Europas dringt.«9 Moenius glaubt – obwohl siegesgewiß – selbst im geographischen und eigentlich romanischen Westen asiatische Miasmen zu erkennen.** Aber Deutschlands und Europas Osten, auch im geographischen Sinne, bleibt der primäre Feind, das heißt jene Welt, die ausdrücklich nicht römisch(-katholisch) ist.
b) Telos des antiorientalischen Affekts: Antikommunismus
Das Katholische ist aber nicht unabdingbar; der katholische Charles Maurras-Verehrer Moenius selbst entgeht bei seinen »Romanitias«-Beschwörungen kaum einem bloßen Kultur-Katholizismus. Auch Adolf Hitler – nach Carl Amery ein vulgärer Maurras10 – nimmt Rom zum zentralen Kriterium Europas und damit die »Kultur«, was heißt, daß selbst für ihn Germanien in der Antike »asiatisch« war.* In einem seiner »Tischgespräche« erklärt Hitler: »Die Versetzung nach Germanien war für den Römer etwas ähnliches wie für uns eine Zeitlang die Versetzung nach Posen.«11 Mit diesem Zitat ist andererseits aber klar, wo heute Asien beginnt. Im Tischgespräch des 23. September 1941 macht Hitler es ausdrücklich: »Die wirkliche Grenze zwischen Asien und Europa ist die, ›die die germanische von der slawischen Welt trennt‹«.12** Asiatisch ist heute alles Nicht-Germanische; »darum«, so fährt Hitler fort, »ist es unsere Pflicht, sie dorthin zu legen, wo wir sie haben wollen.«13
Das ist die nackte, eingestandenermaßen aggressive Stimme des völkisch-rassistischen Nationalsozialismus (die die Willkür der Ost-West-Bestimmung überdeutlich macht). Mehr konservativ-abendländisch formuliert Generalfeldmarschall von Reichenau, neben von Blomberg der erste unter den nationalsozialistischen Reichswehrgenerälen, in seinem Armeebefehl vom 10. Oktober 1941: »Das wesentlichste Ziel des [Rußland-] Feldzuges ist die Ausrottung des asiatischen Einflusses im europäischen Kulturkreis.«14 Bei von Reichenau mag noch eine subjektive Disposition dazukommen, aber sein Befehl spricht die Sprache der offiziellen Propaganda, wie sie in einer vertraulichen Mitteilung des Propagandaministeriums vom 30. Juni 1941 festgelegt wurde; dort wird der »Aufbruch Gesamteuropas gegen den Bolschewismus« gepriesen und »Hitler als […] Heerführer Europas, seiner gemeinsamen Kultur und Zivilisation«15. Die Mitteilung spricht vom »Unternehmen Barbarossa« als der »Geburtsstunde des neuen Europa«.16 Und daß dieses ›werde‹, wollte zum Beispiel auch der Außenpolitiker des Goerdeler-Kreises von Hassell, wenn er fragt, welche Politik Deutschland, »das Herz Europas, gegenüber dem russischen Osten treiben muß, wenn es unter seiner Fahne statt des Unterganges den Aufstieg des Abendlandes heraufführen will.«17 Hitler selbst spricht den Abendland-Jargon – in der Stunde von Stalingrad. Sein Telegramm an den deutschen Oberkommandierenden Paulus vom 24. Januar 1943 lautet: »Die Armee […] leistet durch ihr heldenhaftes Ausharren einen unvergeßlichen Beitrag zum Aufbau der Abwehrfront und der Rettung des Abendlandes.«18
Für bare Münze genommen wurde die abendländische Sprachregelung der nationalsozialistischen Propaganda vor allem im katholischen Europa – war es doch die eigene Sprache: Schon in ihrem Hirtenbrief vom 24. Dezember 1936 hatten es die deutschen Bischöfe für ihre Pflicht gehalten, Hitler »in diesem Abwehrkampf [gegen den Bolschewismus, der sich auf dem Vormarsch nach Europa befindet] mit allen Mitteln zu unterstützen, die ihnen aus dem Heiligtum zur Verfügung stehen«19.* Und post festum, eine Woche nach der deutschen Invasion in Rußland, erklärt Pius XII. in einer Rundfunkansprache, es fehle jetzt »nicht an Lichtblicken, die das Herz zu großen heiligen Erwartungen erheben«. Er nennt »großmütige Tapferkeit zur Verteidigung der Grundlagen der christlichen Kultur und zuversichtliche Hoffnung auf ihren Triumph«.20 Pius XII. führt konsequent fort, was spirituell mit dem Aufruf Pius XI. zu einem »Gebetskreuzzug gegen die UdSSR« am 10. Februar 1930 begonnen hat, gleichsam als außenpolitisches Pendant zum Antikommunismus der Enzyklika Quadragesimo anno.*
Wie der Katholizismus kein notwendiges Element der Abendland-Ideologie war, so konnte auch der Nationalsozialismus keine Exklusivität als Bollwerk gegen das »Asiatische« beanspruchen. Haecker schrieb schon 1932 in seinen Betrachtungen über Vergil. Vater des Abendlands, in denen er zugleich einen polemischen Antinationalsozialismus dokumentierte: »Wir leben nicht unter der Herrschaft des personalen Antichrist, wenn wir auch weithin unter der Herrschaft seiner Ideen leben, ja wahrscheinlich die Welt seit Julian Apostata politisch keinen so antichristlichen Willen erlebt hat wie heute Rußland unter dem Bolschewismus«21. Antinationalsozialismus und Antibolschewismus schließen sich keineswegs aus. Mehr noch: Antinationalsozialistische »Abendländer« sahen gerade auch im Nationalsozialismus asiatische Barbarei: einen weiteren Totengräber des »Westens«; indem sie ihn – wie die Widerständler – politisch in engste Nähe zum Bolschewismus rückten. So, schon vor der »Machtergreifung«, Ernst Robert Curtius in Deutscher Geist in Gefahr; dort heißt es: »Nur aus eigener Substanz kann der deutsche Geist nicht leben. Wer ihn vom Westen und vom Süden löst, treibt ihn in den Osten und das heißt, in den Untergang. Die Geistfeindschaft unseres Nationalismus würde unter normalen geschichtlichen Verhältnissen nur zur Barbarei führen – was schon nicht wenig ist. Aber in der heutigen Schicksalsstunde Europas bedeutet Barbarei nur die Vorstufe des Bolschewismus. Eine Bewegung, die den Geist leichtfertig preis gibt, muß von dem Materialismus verschlungen werden, der heute nicht mehr eine harmlose Liebhaberei von Freidenkervereinen, sondern eine bis an die Zähne bewaffnete Weltmacht ist. Unsere Nationalisten sollten es sich in letzter Stunde überlegen, ob sie Geist und Seele unseres Volkes in diesen Abgrund stürzen wollen.«22 Curtius’ Ausführungen sind in vielfacher Hinsicht aufschlußreich: Der Bolschewismus ist östlichster Osten, barbarischste Barbarei und der sehr negativ eingeschätzte deutsche Nationalismus deswegen so negativ, weil er dem Bolschewismus den Weg bereitet, oder er tut das, weil er negativ ist.
Solcher Antinationalismus kann sich unverändert über 1945 hinaus halten; gerade auch gewesenen National(sozial)isten bietet er sich als »Bewältigung der Vergangenheit« an – den traditionellen Antibolschewismus nur noch verstärkend: Auch die Nazis waren (im Grunde) Bolschewiken. – Pannwitz, ein Jünger Nietzsches, Georges und Hofmannsthals, gibt 1954 ein Beispiel hierfür; bis in die antiorientalische Mystifikation hinein handelt es sich um die Diktion der Konservativen Revolution: »In der Aera von Hitler, dem Nachfolger Lenins und Vorgänger Stalins, hat die westeuropäische Politik sich bereits der asiatischen genähert, der die osteuropäische vollkommen verfallen ist« – einschließlich von »mehr als einem Drittel« Deutschlands, das »heute […] vom Osten« besetzt ist. »Wir werden durch Rußland«, schreibt Pannwitz, »vielleicht ein mongolisches Ostdeutschland bekommen.«23 Und, am rassistischen Charakter dieser Aussage keinen Zweifel lassend, warnt er – immanent konsequent – vor jeder Verhandlung mit Osteuropa, das er immerhin nur »als Vorland Asiens« erachtet. »Jedes Mal, wo man [mit ihm] zu Einigungen zu gelangen hoffte, tat sich alsbald das Bodenlose auf. Es ist ein ohnmächtiges und lebensgefährliches Anempfinden und ein dekadenter Kontinental-Exotismus, wenn unsere Menschen der dominanten Hochkultur in jene der dominanten Primitivität sich mehr oder weniger vermischen wollen.«24
Steding schrieb bereits 1937/38, in »Erinnerung« an die »asiatischen« Kommunisten im Deutschland der Weimarer Republik: »Mit dem Zerfall des Reichs« im 16. Jahrhundert »und das heißt auch derjenigen Rassen, die Europa bis dahin getragen hatten, mit dem Siegeszug der erst ›demokratischen‹, heute demokratisch-bolschewistischen Rassen ist der Feind plötzlich mitten unter uns. Er versucht in jedem Einzelnen aufzustehen und in ihm das europäische geschichtliche Bewußtsein auszulöschen zugunsten eines Unterbewußtseins, das längst überlagerten, gefesselten, vorgeschichtlichen, seit Jahrtausenden nicht mehr virulent gewordenen Erbanlagen und rassischen Komponenten zugehört. Wie weit der Appell an diese Erbanlage jedes Mitteleuropäers, die unserer geschichtlichen Welt gegenüber nur zerstörend wirken kann, gehört wurde, zeigt die Stimmenzahl, die in Deutschland und Europa die kommunistische Partei gewonnen hatte und die sie außerhalb Deutschlands noch gewinnt. Es zeigt sich in Deutschland vor allem daran, daß die Physiognomie der kommunistisch verhetzen Arbeiter und Intellektuellen tatarisiert wurde oder allgemeiner gesprochen die Züge von geschichtslosen Unterrassen annahm.«25
Obgleich sich allenfalls ein Emigrant wie Pannwitz noch rassistische Töne erlauben darf – was sich durchhält, auch nach 1945, ist die europäisch-gegenrevolutionäre Emphase und mit ihr das bolschewistisch-»asiatische« Feindbild. 1954 betont etwa W. Hermann, ein Sprecher des BDI: »Die gesamte westdeutsche Industrie fühlt sich der westlichen Welt engstens verbunden und ihr verpflichtet. Aus der abendländischen Kultur und ihren überkommenen Gesetzen leitet sie die beschwingenden Kräfte allen Widerstandes gegen eine asiatische Überflutung her. Sie wird diesen Kampf bis zum Ende führen und hofft ihn zu bestehen!«26 Noch dieser – nun zentral ökonomische – Antikommunismus, diese Außenpolitik als (klassenkämpferische) Innenpolitik, bedient sich des okzidental-antiorientalischen Jargons.
c) Ost-West-Auseinandersetzung als »ew’ge Schlacht« und permanenter Kreuzzug
So sehr auch die russische Revolution von 1917 die Abendland-Ideologie beflügelte, so schien die konkrete Gefahr aus dem »Osten« manchen nicht hinreichend zu sein für die Legitimation ihres »Verteidigungskampfes«. Zur Abwehr des Bolschewismus wurden wieder und wieder große historische Linien ausgezogen, Parallelen und Analogien gebildet, die die Auseinandersetzung mit dem Osten zur entscheidenden oder ewigen Schlacht stilisierten – in jedem Fall schicksalhaft für den Westen.
Unter der Überschrift »Traditionen verpflichten« schreibt A. H. Vogel, Präsident der Industrie- und Handelskammer Augsburg, in der offiziellen Festschrift zur Tausend-Jahrfeier der Lechfeldschlacht 1955: »Heute wie vor tausend Jahren haben wir uns im politischen und religiösen Raum zu bewähren. Aber untergangsdrohender noch als damals steht heute der dialektische Materialismus Moskauer Prägung, der schon fast ganz Asien in seine Knechtschaft gezwungen hat, vor der Freiheit des Westens, auch vor den Toren Augsburgs. Eine ›Lechfeldschlacht‹ wird diesmal nicht die Entscheidung bedeuten. Ein größeres Ringen um Seele und Bestand des westlichen Kulturlebens steht uns bevor. Europäische Ideologien des 19. Jahrhunderts haben den längst ausgehöhlten russischen Chiliasmus überwuchert, westlicher Erfindergeist hat Asien die modernsten Mordwaffen zu gebrauchen gelehrt, nachdem wir schon mit für den Orient wenig geeigneten Industrialisierungsmethoden diese ihren alten Kulturen religiös verhafteten Völker ihren Penaten entfremdet und damit ihrem ethischen Kraftstrom entzogen hatten. Mit von uns gelieferten Giften verseucht, treten die von totalitären Machtwahn-Tyrannen geknechteten und angetriebenen Völker Asiens gegen unsere westliche Welt an«27.
Damit greift Vogel einen Gedanken Carl Schmitts auf. Der hatte sechs Jahre zuvor, in seinem ersten Aufsatz nach dem Krieg, betont, »daß die historische Parallele der physischen und seelischen Regeneration, die das Römische Imperium durch die germanischen Stämme der Völkerwanderung erfuhr, für unser Jahrhundert nicht zutrifft, weil auch die angeblich neuen und jungen Völker das Gift der Zivilisation in ihren Adern tragen […] Ebensowenig können wir uns damit trösten, daß Europa zu allen Zeiten von Osten und Westen, Süden und Norden überflutet ist. Denn die Besonderheit der gegenwärtigen Lage besteht gerade darin, daß heute nicht fremde Zivilisation, sondern Ergebnisse und Ausgeburten des eigenen europäischen Geistes auf uns eindringen. So nähern wir uns wieder dem Standort Donosos. Die geschichtlichen Parallelen zergehen, und uns erprobt jetzt der präsente Gott.«28 Die uns bevorstehende Lechfeldschlacht, sagt der gegenrevolutionäre Apokalyptiker Schmitt, ist die Schlacht aller Schlachten: »Europas letzte Hunnenschlacht«29; oder prophetisch: der Krieg Jahwes selber.
Vogel schreibt im weiteren Verlauf seiner Darlegungen: »Die alte Auseinandersetzung Ost-West, die über Jahrtausende hin das Wagnis Europa immer wieder bedroht hat, ist neu in geradezu gigantischen Ausmaßen aufgerufen zu einer Menschheits-Entscheidung.«30 Und er fragt, die Parallelität zu früher nicht so entschieden wie Schmitt negierend, indem er heute nur ein quantitatives Auf-die-Spitze-Treiben konstatiert: »Wird die geheimnisvolle Hand wieder in den Lauf der Geschichte eingreifen, um den Sinn des Abendlandes trotz des Versagens bis in führende Schichten hinein noch einmal weiterzuführen?«31 Auf keinen Fall »durch Angebote von Neutralität und friedlichem Verhalten«, wie Bundesaußenminister Heinrich von Brentano – bei der Augsburger Lechfeldfeier – 1955 betont; auch »der heilige Ulrich hat das nicht getan«32.
Indem Vogel die Lechfeldschlacht zur »alten« Ost-West-Auseinandersetzung verallgemeinert, die nach Schneider unserer Kultur überhaupt »Thema und Inhalt« gegeben hat33*, beschwört er die von Gertrud von le Fort 1932 so genannte »ew’ge Schlacht«34, für sie symbolisiert in der der Katalaunischen Felder. In ihrem Reich des Kindes von 1934 läßt sie einen Mönch im Regensburger Kloster St. Emmeran prophezeien: »Immerdar, wenn die Völker des Abendlandes wanken und untereinander zerfallen, so erhebt sich der Sturm aus Asia, – also war es, als das Reich der Römer versank, und also wird es sein bis an das Ende der Zeiten.«35 So auch heute, will die Autorin sagen. Steding macht die Reprojektion ausdrücklich: »Heute treten die Kosaken oder Türken oder ›Hunnen‹ aus der Zeit Heinrichs I. auf in der Verkleidung der Bolschewisten und Marxisten, die die Tatarisierung Europas in der Weise erstreben, daß einmal die Direktiven für die Erhaltung unserer Welt vom tatarisierten Moskau gegeben werden«36.
Umgekehrt ist die Bekämpfung des Bolschewismus, die das Dritte Reich als »seinen vorzüglichen Beruf« erblickt, »die Fortführung des alten Weltkampfes, den das Reich und Europa führt, seitdem seine Staatenwelt als Erbe Roms in das Licht der Geschichte trat. Es ist der Kampf, den Pippin und Karl der Große und die Goten gegen Sarazenen, die Sachsenkönige und -kaiser und der schlesische Herzog Heinrich der Fromme gegen die Ungarn und die ostelbischen Vorposten Asiens, die späteren Kaiser gegen die Türken und die mit diesen verbündeten Franzosen geführt haben.«37 Auf ähnliche Traditionen beruft sich Moenius noch 1948: »Karl Martell setzte dem Vormarsch der Sarazenen 732 bei Poitiers ein Ende, in einer Schlacht, die zu den Entscheidungsschlachten des Westens gehört wie Actium, die Besiegung Hannibals, die Schlacht auf den Katalaunischen Feldern oder 1686 Wiens Rettung aus der Türkennot.«38*
Vom römischen Sieg über Hannibal war auch Oswald Spengler – schon im ersten Weltkrieg – beeindruckt; sein Untergang des Abendlandes ging von der Erwartung eines deutschen Sieges aus, bei dem die Rolle Preußen-Deutschlands mit der Roms nach den punischen Kriegen (dem Analogon des Weltkriegs) gleichgesetzt wurde. Den zivilisatorischen Aufstieg dieses siegreichen, harten, imperialistisch expandierenden Deutschlands sah Spengler als die Aufgabe der kommenden Jahrhunderte.39 Hitler steht in seiner Nachfolge, wie der Alldeutschen überhaupt. Und auch er beschwört, wie die »Abendländer« des Jahres 1955, die Schlacht auf dem Lechfeld als eine »Abwehrschlacht gegen den Osten«40. Er tut es im Rahmen der Reichstagsrede vom 11. Dezember 1941, die ein einziges Zitieren der »ew’gen Schlacht« ist und ihrer Stationen von den Griechen und Römern an: ein geballtes Stück Abendland-Ideologie im Dienst des imperialistischen Eroberungskrieges im »Osten«.
Wie Pius XII. Hitlers Kampf mit dem »Bolschewismus« katholischabendländisch segnete, so feiert er noch 1955 die Lechfeldschlacht – in einer Linie mit der von Tours/Poitier und Wien – und in Worten, die aus Hitlers Reichstagsrede des Jahres 1941 stammen könnten; mit seltener Ausdrücklichkeit wird der Zitat-Charakter der Lechfeldschlachtfeier offenbar: »In Tagen abendländischen Bekenntnisses – heute, wo die abendländische Kultur unter schwerster Bedrohung steht, ist die Erinnerung an die Schlacht auf dem Lechfelde wie geschaffen. – Der Sieg des Königs und nachmaligen Kaisers Otto des Großen über die Ungarn […] hat das christliche Abendland vor einer unheimlichen Gefahr aus dem heidnischen Osten gerettet.«41*
Und es gab Zeiten, in denen die Päpste sich nicht mit Segnungen begnügten, sondern auch militärisch gegen den Osten kämpften; der Mariane Pacelli selbst beschwört bei anderen Gelegenheiten die Seeschlacht von Lepanto, in der eine päpstlich-spanisch-venezianische Koalition die Türken entscheidend schlug. Über die Errichtung eines lateinischen Kaisertums in Konstantinopel im Jahre 1204 schreibt Westphal, dieses Kaisertum habe, »auch wenn die Venezianer, die die treibende Kraft waren, nicht in allem nach den Wünschen des Papstes handelten, die immer beanspruchte Herrschaft der römischen über die griechische Hemisphäre des Christentums verwirklicht und den weströmischen über den oströmischen Gedanken – Augustus über Antonius – zum ersten Mal wieder zum Siege«42 geführt. Ernst Niekisch weist in diesem Zusammenhang, gleichsam von der Gegenwart nach rückwärts schauend, mit Recht darauf hin, daß Rußland nach 1453, als Konstantinopel von den Türken erobert wurde, die Funktion des »Gegenpols« gegen Rom übernommen habe, die einst Byzanz erfüllt hatte.43
Wir haben zum Schluß mit Vorzug zwei nichtkatholische Autoren zitiert; die gezogenen Linien und Parallelen sind nämlich in vatikanischen Köpfen eine Realitat (gewesen*), was die massive Unterstützung der kroatischen Ustaschen in ihrem Vernichtungsfeldzug gegen die orthodoxen Serben exemplifizieren kann44: Im Schatten der großen »abendländischen« Auseinandersetzung mit dem »Dritten (Gegen-)Rom«, begleichen klerikal-faschistische Kommandos alte Rechnungen mit den »Byzantinern« – und der Papst gibt seinen Segen dazu.
Was sich im Terror der mit Mussolini und Hitler verbündeten kroatischen Ustaschen äußerte, war eine einfache Fortsetzung der mittelalterlich-barocken Kreuzzüge. Die übrigen Faschisten säkularisierten ihre Methoden gleichsam. Selbst ein Neopaganer wie der italienische Kulturphilosoph Julius Evola verstand sich auf sie zu berufen, als er – Herausgeber der Protokolle der Weisen von Zion – die Züge der Kreuzfahrer »Züge […] des Westens gegen das semitische Asien« nannte45. Und zweifellos hatte der Kreuzzug das Juden-Pogrom impliziert. Vor allem aber trug jede Schlacht des Westens gegen den Osten den Charakter des Kreuzzugs; le Fort nennt die »ew’ge Schlacht« – immanent richtig – die »Schlacht des Christ«, wobei es sich um den »Christus Imperator Maximus« Ludwig Derleths handelt. In seinen Proklamationen erscheint zusammengeballt das Pathos all jener in der Geschichte immer wieder auftretenden Gemeinschaften, die versuchten, eine geistlich bestimmte Herrschaft aufzurichten, »Kreuz und Schwert« zu vereinen.46
Weltgeschichtlich als erster – und mit nachhaltigem Erfolg – versuchte das Konstantin, den man deswegen den »Großen« nannte. Er wird explizit oder wenigstens implizit immer aufgerufen, wenn das Kreuz zum Schlagen und Stechen benutzt wird: »In hoc signo vinces«.* Es sei noch einmal an die Verse aus Bergengruens Titelgedicht Der ewige Kaiser erinnert: »schon kündigt sich in Vorgesichten / Europas letzte Hunnenschlacht. // Erhebe Konstantins Standarte, / entblöße Karls geweihten Stahl!«47 Die »ew’ge Schlacht« der Le Fort ist – als die »Schlacht des Christ« – eine konstantinisch-karolingisch-ottonische. Unter dem Eindruck des spanischen Bürgerkrieges, der von klerikal-faschistischer Seite ausdrücklich als Kreuzzug verstanden wird, schreibt Schneider 1936 in den monarchistischen Weißen Blättern seines Freundes Freiherr von Guttenberg: »Wie der deutsche Kaiser in der Ungarnschlacht die heilige Lanze erhob, so werden die Völker in der schwersten Gefahr des heiligen Symbols bedürfen.«48 Anfang der vierziger Jahre predigt Schneiders Freund Erich Przywara: »Gerade heute, in der Stunde des vollendeten ›Sturm aus dem Osten‹« leuchten die beiden Namen »›Jesus und Maria‹ […] als Morgenrot in der äußersten Nacht auf«, der »Schlachtruf«, in dem »unsere Vorfahren […] ein christliches Abendland gegen alle ›Stürme aus dem Osten‹ verteidigten«49.
»Heute«, meint Haecker zur selben Zeit, muß das »christliche Abendland« auch gegen Deutschland verteidigt werden.50 Haecker apperzipiert den Kreuzzugscharakter des nationalsozialistischen Krieges,* aber ohne daraus zu einer Selbstkritik des Katholizismus und seiner eigenen Tradition durchzustoßen, die, als gegenüber dem Nationalsozialismus frühere, auch dessen »Kreuzzug« präjudiziert haben könnte. Friedrich Heer weist auf diesen Zusammenhang immer wieder hin. 1968 faßt er, der bereits 1949 den »zweiten Konstantin«51 Karl den Großen als »Erzvater des europäischen Totalstaates«52 bezeichnet hat, Hitlers Apokalypse wie folgt zusammen: »Der böse Drachen [des Sowjetmarxismus] trägt seine Fahnen zum Sturme vor – ihm aber tritt siegreich der neue Konstantin eines neuen Weltalters, Adolf Hitler, entgegen, der weiß: ›In hoc signo vinces.‹ Allein das Hakenkreuz besitzt die Glaubenskraft und Waffenkraft, diesen apokalyptischen Weltfeind zu zerschmettern.«53
Zumindest in den dreißiger Jahren, mehr oder weniger auch noch danach, war unter Katholiken nicht nur keine Selbstkritik à la Heer möglich, sondern man affirmierte sogar zeitgenössische Kreuzzüge.** Wenn nicht in jedem Fall die nationalsozialistischen, dann doch wenigstens die christ-katholischen, die ohne Duldung und Beihilfe der Nationalsozialisten gleichfalls unmöglich waren.* Wir denken vor allem an den spanischen Bürgerkrieg, in bezug auf den Schneider – im Unterschied zu 195554 – die Lechfeldschlacht positiv zitiert hat. Und tatsächlich, wie der deutsche Kaiser in ihr »die heilige Lanze« erhob55, so wurden »in Spanien die faschistischen Mordautos mit Heiligenbildern geschmückt« und riefen »tausendfünfhundert erschossene Arbeiter ein Te Deum hervor«56 – wie die getöteten Ungarn auf dem Lechfeld 955.
d) Der spanische Bürgerkrieg als konzentrierter Weltbürgerkrieg: »allumfassendes Abendland im Symbol Spaniens«
Es waren gerade die aus kirchlich-moralischen Gründen antinationalsozialistischen Katholiken, die im spanischen Bürgerkrieg, wo die Katholiken mit Franco und der Falange gegen den sogenannten atheistischen Kommunismus kämpften, eine großartige, geradezu befriedigende Perspektive fanden57: »Jenseits der für uns […] deutsche Katholiken damals unauflösbar scheinenden Aporie der kommunistischen ›Massenverderbnis‹ hier und der nationalsozialistischen ›Massenverderbnis‹ dort erschien der Kampf der spanisch-katholisch-faschistischen Waffen als eine unverhoffte Möglichkeit, für das aufrechte, wahre Spanien, für ewige Werte – und überhaupt für etwas außerhalb dieser deprimierenden Alternative eintreten zu können.«58
So resümiert der linkskatholische Historiker Heinrich Lutz 1970 seinen selbstkritischen Rückblick auf die Jahre 1936–39, die dem Weltkrieg unmittelbar vorausgingen. Lutz’ Stimme ist heute genauso wenig repräsentativ, wie es damals seine Erlebnisweise des Bürgerkriegs war. Sicher verband ihn und seine Freunde vom Schüler- und Studentenbund »Quickborn« mit dem kirchlichen Establishment, was Pius XII. am 16. April 1939 so ausdrückte: »Die Nation, die Gott erwählt hat und das unüberwindliche Bollwerk des katholischen Glaubens ist, hat soeben den Parteigängern des materialistischen Atheismus in unserem Jahrhundert die nachdrückliche Lektion erteilt, daß die ewigen Werte der Religion und des Geistes über allem stehen.«59 Aber Pius und die deutschen Bischöfe wollten mit Hilfe ihrer Solidarität für Franco-Spanien gleichzeitig Hitler zu einer für sie günstigeren Innenpolitik bewegen. Der Hirtenbrief des deutschen Episkopats von 1936 macht das ausdrücklich. In ihm »drängt« sich den Bischöfen »angesichts der spanischen Greuel als überaus zeitgemäß« der »Gedanke« auf: »nicht Bekämpfung des Gottesglaubens, wie ihn das Christentum lehrt, sondern unbedingte Erkenntnis, daß dieser Glaube die granitene Grundlage bildet, auf der sich der machtvolle Sicherungswall gegen den Bolschewismus aufbauen läßt. Nicht Kampf gegen die katholische Kirche, sondern Frieden und Eintracht mit ihr, um die geistigen Voraussetzungen des Bolschewismus zu bezwingen.«60
Und doch handelte es sich bei diesem Gedanken nicht ›nur‹ um ein »do ut des«, wie ein anderer Passus des Hirtenbriefs verdeutlicht: »Wenn jetzt Spanien dem Bolschewismus erläge, wäre das Schicksal Europas zwar noch nicht endgültig besiegelt, aber in beängstigende Frage gestellt. Welche Aufgabe damit unserem Volk und Vaterland zufällt, ergibt sich von selbst. Möge es unserem Führer mit Gottes Hilfe gelingen, dieses ungeheuer schwere Werk in unerschütterlicher und treuester Mitwirkung aller Volksgenossen zu lösen.«61 Ernst Bloch kommentiert mit Recht: »Der Hirtenbrief warnt die sanften Nazis vor der roten Gefahr, er hetzt den Marxistenfreund Hitler nach allen Seiten zur Intervention.«62 Das war zweifellos nicht nötig, hatte aber – unabhängig von der nationalsozialistischen Kirchenpolitik – wiederum zur Folge, den Hirtenbrief mit dem Appell an die deutschen Katholiken zu schließen, »in charaktervoller Festigkeit auszuharren und durch ein gewissenhaftes katholisches Leben […] die staatserhaltenden und volksfördernden Kräfte unserer göttlichen Religion zu beweisen«.63
Auch wenn seine kirchen- und christentumsfeindliche Haltung nicht mehr zu übersehen ist, paktiert die Kirche noch mit dem Faschismus; der gemeinsame Feind Kommunismus ›zwingt‹ sie dazu. Der Idealfall ist freilich ein katholischer oder zumindest katholisierender Faschismus wie in Spanien.* Francos Bündnis mit Mussolini und Hitler vergessen machend, bleibt Spanien auch nach 1945 ein »gelobtes Land«, so wie es den jungen deutschen Katholiken vom Schlag Amerys, Lutz’ Freund, 1936–39 erschienen ist: »Spanien – das war ein Land der Unbedingtheit, des ›Ja Ja, Nein Nein‹, des Wegfalls all der langweiligen Zwischen- und Grautöne von Recht und Unrecht, von Tugend und Laster.«64
Alfons Dalma, kroatischer Ustasch, dann österreichisch-deutscher Publizist und zeitweiliger Chefredakteur des Österreichischen Rundfunks, verweist 1953 in einem Aufsatz des Neuen Abendlands affirmativ auf die Kontinuität der antikommunistischen Hispanophilie, wenn er schreibt: »In einem Land, das immer noch klaffende Wunden eines Bürgerkriegs aufweist, in dem sich ganz eindeutig Christentum und Kommunismus gegenüber standen, verschwinden alle neutralistischen Bestrebungen, überlebte liberale Formen, parteipolitische Vorstellungen von der europäischen Einheit. In kastilischer Sicht wird Europa zuerst eindeutiger und dann auch größer als von der Warte der Pariser Redaktionsbuden, der Straßburger Konventikel, der Washingtoner strategischen Büros und den Bonner Auseinandersetzungen zwischen Adenauer und seiner Opposition.«65
Apodiktisch heißt es in einem andern Neuen Abendland-Aufsatz Dalmas: Spanien ist »abendländischer und wehrfähiger als der Rest Europas.«** Hier regiert »Calderons standhafter Prinz«66. Und wenn der – zumindest als Caudillo (»von Gottes Gnaden«) – totalitär wäre? Dalma kümmert es nicht: »Totalitarismus? Wenn schon, dann gibt es in Spanien nur einen – das totale Gebot des Dekalogs und des katholischen Naturrechts. Das ist der unantastbare Rahmen des spanischen Regimes.«67 Es handelt sich um den rechten, das heißt katholischen Totalitarismus, Fortsetzung des ›römisch‹-gegenrevolutionären, der als solcher auch einen berechtigten Anteil an der Weltherrschaft hat. Das ist ein Gedankengang, wie ihn – gleichfalls im Neuen Abendland – 1956 ein H. Ludwig entwickelt: »Die wahre Resistenza gegen die Moderne geht vielleicht von Spanien, der ›äthiopischen‹ Erbin der imperialen ›virtus Romana‹, aus (wogegen Gallien und Italien zur Zeit dekadent erscheinen); hier herrscht noch Religiosität, Unsterblichkeits- und Totenopferkult und Ritterlichkeit. Und, wiegen die imperialen Virtutes, so wird das kommende atlantische Imperium iberisch-germanisch geführt und bestimmt sein: elliptisches Dioskurion unserer Hoffnung.«68
Was Ludwig unbeschadet seines mystifikatorischen Kulturismus ins Auge faßt, ist die ganz große Koalition, nicht mehr nur gegen Rotspanien, sondern das Rote als die Moderne überhaupt. Und der hispanophile Kulturismus hat seit den zwanziger und vor allem dreißiger Jahren eine bedeutende ideologische Rolle gespielt, genauer: die Beschwörung von Spaniens sogenanntem »siglo de oro« unter Karl V. und Philipp II. Der nationalsozialistische »Trotzkist« Westphal hebt auf den imperialen Rahmen, das heißt die machtpolitische Bedingung dieser kulturellen Blüte ab, wenn er des aktuellen Vergleichs wegen 1953 schreibt: »Die Länder Hitlers, Mussolinis und Francos umfaßten das Gelände der Monarchie Karls V. in Europa. Es war ein europäischer Block gegen die Sowjets wie einst gegen die Osmanen.«69*
Religiös-katholisch verwies schon Pius XII. in seiner Stellungnahme zum Franco-Sieg vom 16. April 1939 auf das »siglo de oro«, als er die spanische Mission in der Neuen Welt erwähnte und Spanien – in Verlängerung gegenreformatorischer Zeiten – »das unüberwindliche Bollwerk des katholischen Glaubens«70 nannte. Ein Auftrag und ein Faktum, die gleichfalls – gerade ursprünglich – den spanischen Imperialismus voraussetzten. Als er museal geworden ist, sind sie es auch, 1939, als Pius XII. sie erneut beschwört, schon eine ganze Zeit lang. Sie gehören nur noch zum nationalistischen Mythos des »ewigen Spanien«; ihm allein huldigt die kulturistische Hispanophilie – das »siglo de oro« gleichsam perennierend. Przywara zum Beispiel spricht noch 1960 vom »allumfassenden Abendland« des Claudelschen Seidenen Schuh »im Symbol Spaniens«71.
Es ist nicht zufällig, daß Przywara Spanien im Zusammenhang mit diesem Buch – für Wilhelm Hausenstein 1944 »vielleicht das Buch des Zeitalters«72 – als pars pro tota Occidente setzt; für Amery scheint Claudel hier – 1970 auf eine ihm doch recht verdächtig erscheinende Weise – »das ewige Spanien glorifiziert«73 zu haben.* Und Przywara selbst schreibt an anderer Stelle: Claudels Seidener Schuh spielt in der »Zeit und dem Spanien Karls V. und Philipps II. […] Das heißt aber« in »stärkster, repräsentativster alter Tradition christlichen Abendlandes«, in jener Zeit und dort, »wo dieses Abendland sich zur Welt hin auftat und wo es die Welt sich öffnete, um sie mit sich selbst zu durchdringen.«74 (Claudel war nicht zufällig Protagonist der französischen Katholiken, die Franco-Spanien offen unterstützten.)
2. Der imperialistische Aufgang des Abendlandes
Der spanische Bürgerkrieg als Symbol der Verteidigung des Abendlandes gegen den Bolschewismus und der Mythos vom ewigen Abendland, es gibt noch einen weiteren Aspekt der Abendland-Ideologie, den Spanien überrepräsentieren kann: In der spanischen Geschichte zeigt sich paradigmatisch, daß Abendland als politischer Kampfbegriff keineswegs nur defensiv gebraucht wird, sondern seit jeher imperialistisch aufgeladen ist. Noch die Piussche Missionsideologie ist die des spanischen Imperialismus von Anfang an: schon vor der Entdeckung, Eroberung und Ausbeutung der Neuen Welt. Diese sind im Grunde nichts anderes als Kreuzzüge auf erweiterten Schauplätzen und mit modernen Mitteln.75 Theresa von Avila erklärt in ihrem karmelitischen »Kampflied« post festum, doch für alle weitere Zukunft, »den permanenten Kreuzzug« in die eigene Nation und nach außen, in alle Welt.76
Es gibt eine eindrucksvolle, wie von einem Dramatiker erfundene Szene, die der Einheit von innerem und äußerem Kreuzzug unumstößliche Evidenz verleiht: Im Spätsommer des Jahres 1491, unter den Mauern der letzten Sarazenenfeste auf spanischem Boden, Granada, findet sich im Kriegs- und Hoflager des Königs Ferdinand des Katholischen und seiner Gemahlin Isabel Christoph Kolumbus ein. Er bitte um Schiffe für den Seeweg nach Indien. Wenige Monate später ist Granada gefallen und Amerika entdeckt. Das Ende der Reconquista, die Vertreibung der Mauren wie Juden und der Beginn des überseeischen Kolonialismus gehen nahtlos ineinander über. (So wie der Faschismus weithin als Anwendung kolonisatorischer Praktiken auf Europa wird beschrieben werden können.77* Nicht zufällig stellte – in unserem Zusammenhang – die spanische Kolonialarmee den Kern der »nationalen« Truppen. Der Putsch begann in Marokko, der » Domäneder Armee«, wo die Generäle sich benahmen, »als seien sie römische Prokonsuln«78.*)
Spanien, das so früh wie kein anderes europäisches Land den Geist (und Ungeist) des Glaubenskampfes hervorgebracht hat, ist auch das erste, das – unterm Zeichen der Heidenmission – die Neue Welt sich zu eigen macht. Jener Kreuzzugsgeist hat die Spanier (und Portugiesen) zu dieser Landnahme »vorbestimmt«, um Schneiders an Pius XII. gemahnende Rechtfertigung zu zitieren: »Spanier und Portugiesen hatten in den Glaubenskriegen mit den Mauren ihre Form gefunden und ihre Kraft bis zum äußersten verdichtet; sie waren vorbestimmt, als erste die dem Abendlande überantworteten religiösen und ethischen Werte über das Meer zu tragen, gewissermaßen als die Fahnenträger der Christenheit«79.**
Den gerechten Lohn für diese Mühen hervorhebend, feierte bereits der Begründer des spanischen Traditionalismus im 20. Jahrhundert, der Historiker und Philosoph Menendez y Pelayo, bei einer Calderon-Feier vor dem ersten Weltkrieg als erstes »den katholischen, apostolischen, römischen Glauben, der uns in sieben Jahrhunderten des Kampfes den vaterländischen Boden zurückerobern ließ und der im Morgengrauen der Renaissance den Kastiliern die Urwälder Amerikas auftat und den Portugiesen die fabelhaften Reichtümer Indiens erschloß«80.
a) Kolonialismus und Rassismus im Zeichen der Mission
Ironisch hat Pelayo – was den überseeischen Imperialismus angeht – nicht Unrecht; zumindest völkerrechtlich verdankten Spanien und Portugal, unter Philipp II. mit spanischen Vorzeichen vereinigt, ihre Imperien dem Papst, Alexander VI. – Sein Motu proprio »Inter ceterae divinae« von 1493 überträgt ihnen das jeweilige Missionsmonopol, und, weil das Missionswerk durch die Rivalität mehrerer Kolonialmächte gestört werden könnte, monopolisiert der Papst auch den gesamten Handelsverkehr mit der Neuen Welt zugunsten der spanischen bzw. portugiesischen Krone.81 Diese missionarische Begründung des Handelsmonopols ist die Franz von Vittorias, des Vaters des europäischen Völkerrechts vor Grotius (der seinerseits in Diensten der Holländisch-Ostindischen Kompanie stand, weswegen er gegen Portugiesen, Spanier – und damit den Papst – die »Freiheit der Meere«, das heißt den Freihandel propagieren mußte).
Es kann keine Zweifel geben, das Erdteilungs-Motu proprio Alexanders VI. ist die Gründungsurkunde des europäisch-amerikanischen: des abendländischen Imperialismus und noch des Imperialismus der kapitalistischen Ära; das päpstliche Abstellen auf den Handel hat vor anderm etwas Antizipatorisches. Dieses kommt erst zu seinem vollen Recht, wenn der Kapitalismus hoch entwickelt ist, also im 19. und 20. Jahrhundert. Dennoch stimmt, was Hans Magnus Enzensberger in seinem Essay Las Casas oder Ein Rückblick in die Zukunft, schreibt: »Der Prozeß, der mit der Conquista begann, ist nicht zu Ende. Er wird in Südamerika, in Afrika und Asien geführt. Nicht wir sind es, denen das Urteil über den Mönch aus Sevilla zusteht. Vielleicht hat er das unsrige gesprochen.«82 Es ist nämlich zu fragen, ob die von Las Casas in unüberbietbarer Schärfe angeprangerten Zustände der »Neuen Indien« nicht nur die zwar primitive, aber deswegen nackte Form von dem waren, was sublimer bis heute und in eine nicht absehbare Zukunft hinein fortdauert: Raub und Plünderung.
Las Casas’ Bericht handelt vom blanken Raub, der unverhüllten Plünderung.83 Das verwickelte Ausbeutungssystem der internationalen Rohstoffmärkte war zu seiner Zeit noch nicht bekannt. Handelsbeziehungen spielten bei der spanischen Conquista keine Rolle84. Was sie aber durchaus schon kannte, war die Ausbeutung der Rohstoffe durch sklavische Zwangsarbeit, die bis heute fortdauert. Prinzipiell läßt sich von den »Neuen Indien« sagen, was John Atkinson Hobson noch über die englischen Kolonien des 19. Jahrhunderts schreiben wird: »Wir haben diese Länder des Handels wegen betreten und bleiben dort zur wirtschaftlichen Ausbeutung: die Zwangsarbeit ihrer ›niederen Rassen‹ benutzen wir zu unseren eigenen erträglichen Zwecken. Das ist die Grundtatsache des Imperialismus, soweit er in der Herrschaft über ›inferiore Rassen‹ besteht; werden diese nicht ausgerottet, so werden sie mit Gewalt den Zielen ihrer weißen Oberherren unterworfen.«85
Hobson deutet es bereits an, die ideologische Grundlage für die völlig willkürliche Behandlung der »Eingeborenen«, sei es der Völkermord oder nur die sklavische Zwangsarbeit, ist ein mehr oder weniger deutlicher Rassismus, der dem Kolonialsystem »immanent« ist: »Der Rassismus ist bereits da, getragen von der kolonialistischen Praxis, die jeden Augenblick erzeugt wird durch den kolonialen Apparat und unterhalten durch Produktionsverhältnisse, die zwei Arten von Individuen unterscheiden: für die einen bilden das Privileg und das Menschsein eine Einheit; sie werden Menschen durch den freien Gebrauch ihrer Rechte; bei den anderen wird durch die Rechtlosigkeit ihr Elend, ihr chronischer Hunger, ihre Unwissenheit, kurz, das Untermenschentum sanktioniert.«86
Der Rassismus ist das imperialistische Pendant zum Sozialdarwinismus des Hoch-(und Spät-)Kapitalismus im Innern.* Ein Zusammenhang, den Arnold Gehlen in Moral und Hypermoral noch 1969 affirmiert: »Den Imperialismus treibt der biologische Druck wachsender Massen, so drückt er die furchtbare Wahrheit aus, daß Leben von Leben zehrt.«87 Hobson entlarvt solche naturgeschichtliche Mythisierung im kritischen Durchgang durch zu seiner Zeit höchst virulente Theoreme. Er zitiert aus M. Edmond Demolins’ Boers or British: »›Der menschliche Fortschritt erfordert die Fortdauer des Rassenkampfes, bei dem die schwächsten Rassen untergehen werden, während die sozial tüchtigen überleben und blühen: Wir sind die sozial tüchtige Rasse.‹ Derart knapp umrissen«, so kommentiert Hobson, »wird die Bedeutung von ›sozial tüchtig‹ klar. Es ist einfach die Antithese von ›schwach‹ und gleichbedeutend mit ›stark im Lebenskampf‹. Auf den ersten Blick läßt der Terminus an anerkannte sittliche und geistige Tugenden ganz allgemeiner Art denken, und er wird dann auch in einem Sinne gebraucht, als schlösse er solche Eigenschaften ein. Doch im gegenwärtigen ›naturgeschichtlichen‹ Sinne angewandt, bedeutet er nicht mehr und nicht weniger als die Fähigkeit, andere Rassen zu schlagen, die man dann – wegen ihres Unterliegens – als ›niedrig‹ bezeichnet. Er ist somit lediglich eine Wiederholung der Frage vom ›Überleben der Geeignetsten‹, deren Sinn enthüllt wird, wenn man fragt: ›Geeignet wozu?‹ und die Antwort erhält: ›zum Überleben‹.«88
Apodiktisch heißt es bei Demolins: »In der Geschichte des Menschen, wie überall in der Natur, haben stärkere Rassen andauernd andere Rassen niedergetrampelt, versklavt und vernichtet.« Der Biologe sagt: »Das ist in der Natur, einschließlich der menschlichen Natur dermaßen verwurzelt, daß es so weitergehen muß.« Und er schließt: »Das war in der Vergangenheit die Grundbedingung und Erscheinungsform des Fortschritts. Deshalb ist es wünschenswert, daß es so weitergeht, es soll so weitergehen.«89
Daß solche Aussagen allemal Bestandteile einer biologistisch entsublimierten Abendland-Ideologie sind, hat niemand geringeres als der Begründer der positivistischen Soziologie, Auguste Comte, in der Mitte des 19. Jahrhunderts ausdrücklich gemacht: die geschichtliche Entwicklung der Menschheit sei nicht in einem verschwommenen Sinne universal, sondern sie habe ihren einheitlichen und bestimmten Ausgangspunkt in der weißen Rasse im christlichen Okzident. Nur die westliche Zivilisation sei dynamisch, progressiv und universal in ihrem missionarischen Anspruch. Aber während zum Beispiel Hegel den Vorrang des Abendlandes noch auf die absolute Religion des Christentums gründet*, versucht Comte ihn durch die physikalische, chemische und biologische Eigenart der weißen Rasse »positiv« zu erklären.90
Comte ›szientifiziert‹ auch hier ein imperialistisches Christentum. Schon Juan Gines Sepúlveda, der Historiograph Karls V. und Lehrer Philipps II., unterschied zwischen bevorzugten und minderen Völkern; es ist erlaubt, lehrte er, die minderen Völker zu bekriegen, um sie dem Evangelium zu unterwerfen, ihnen abzunehmen, was das Kriegsrecht fordert; sie haben nicht das Recht, den Christen zu widerstehen; beharren sie im Widerstand, so ist es erlaubt, den Krieg bis zum Ende zu führen.91 Warum man ihnen überhaupt das Evangelium predigen soll, wenn sie im Vollsinn des Wortes gar keine Menschen sind, muß sich Sepúlveda freilich fragen lassen. An anderer Stelle geht er so weit zu erklären: »Die Spanier stehen über den Barbaren wie der Mensch über dem Affen.«92
Schmitt – ein Sepúlveda redivivus93 – kommentiert dessen Extremismus mit Recht dahingehend, daß er »den praktischen Sinn« hatte, »einen Rechtstitel für die große Landnahme und die Unterwerfung der Indianer zu gewinnen« 94. Las Casas, Sepúlvedas großer Widersacher, bestätigt kritisch die Notwendigkeit einer solch anthropologischen Fiktion; denn theologisch mußte er darauf beharren, daß die einmal Getauften ihren Täufern gleich wurden, und »ebenso freie Glieder der Kirche Christi wie sie selbst«. – »Und wie« – so paraphrasiert Schneider Las Casas’ weiterführende Überlegungen – »wenn auch unabhängig von der Frage der Bekehrung die Freiheit der indianischen Völker, die bisher ihren eigenen angestammten Fürsten unterstanden, offenbar wäre …? Wenn es kein Vorrecht und somit auch keinen Machtanspruch eines höher entwickelten Volkes über ein tiefer stehendes gäbe, sondern jenes nur die Pflicht hätte, dieses emporzuheben?«95
Las Casas wollte den missionarisch-mörderischen Knoten – aus Barmherzigkeit – unbarmherzig zerhauen, zugunsten einer rein friedlichen Mission, einer gewaltlosen »Zivilisierung«. So läßt Schneider in seinem Las Casas vor Karl V. 1938* jenen, in Anlehnung an seine eigenen Worte, zum Kaiser sprechen: »Der Herr hat seine Apostel ausgesandt, die Völker zu taufen; und die Apostel gehen noch über die Erde und werden Arbeit haben, bis er sie abruft. Und unser ganzes spanisches Volk ist vom Herrn mit diesem Apostelamt betraut worden; die edle Königin Isabella war des Herrn Werkzeug, als sie Kolumbus […] erhörte und ihn Schiffe ausrüsten ließ. Dafür muß unser Volk unabänderlich leben; Gott hat es gewollt, daß wir die Neue Welt entdecken und den Völkern […] das Kreuz bringen. Gott wird uns einmal fragen, ob wir getan haben, was er uns aufgetragen hat; an diesem Auftrag werden wir gerichtet werden.«96
Las Casas fährt fort: »Wenn ich den Doktor Sepúlveda recht verstanden habe, so ist er mit mir derselben Meinung, daß dies unsere Aufgabe ist.«97 Ja, aber Sepúlveda ist außerdem der Auffassung, daß die Kirche den Auftrag Christi, das Evangelium aller Welt zu verkünden, nur erfüllen kann, wenn die Ungläubigen vorher politisch den Christen unterworfen werden.98 Nicht nur der Raub(-Handel) verlangt das, sondern gerade auch die Mission – und beides ist realistisch. Daß es keine friedliche Kolonisation gibt – was Enzensberger mit Recht gegen Las Casas einwendet und als Beweis unter anderem das Scheitern seiner Musterkolonie »des Pfluges und des Wortes« in Venezuela anführt99 –, das gilt auch für die Mission. »Nicht auf das Wort und den Pflug« läßt sich eine umfassende Christianisierung gründen, »sondern nur auf das Schwert und das Feuer«, wie die koloniale Herrschaft selbst.100 Seit Konstantin dem Großen ist nicht anders christianisiert worden – und stets in Verbindung mit ›materialistischen‹ Interessen.
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