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Rich Schwab
Paaf!
– Der vierte Büb Klütsch-Roman –
FUEGO
– Über dieses Buch –
Juli 1986, zwölf Wochen nach Tschernobyl. Die Grünen und die Anti-Atom-Bewegung triumphieren: Das große Pöckensdorfer Anti-Atom-Festival, kurz Paaf!, kann stattfinden – alle behördlichem Hürden sind genommen. An die hunderttausend Protestpilger werden erwartet, und in dem beschaulichen Dörfchen in der Oberpfalz ist der Teufel los. Nicht nur dort – natürlich wollen etliche Geschäftemacher auf den Zug aufspringen, und nicht zuletzt versuchen diverse politische Gruppierungen – und der Verfassungsschutz – ihr eigenes Süppchen zu kochen.
Das könnte Büb Klütsch und seiner Band Penner's Radio ziemlich wurscht sein, sie sind froh, dabei zu sein und geben natürlich alles, um vor dieser Kulisse ein denkwürdiges Konzert hinlegen – da macht es am dritten Festivaltag wirklich Paaf!, und hinter der Bühne gibt es einen Toten. Wieder einmal stolpert Schlagzeuger Büb, gewohnt selten nüchtern, in seinem vierten Abenteuer durch ein kaum durchschaubares Dickicht von politischen Ränken und kriminellen Machenschaften – und das, wo doch sein Kopf und sein Herz mit ganz Anderem beschäftigt sind …
Vorspann
Wenn in einer Beziehung erst mal das Vertrauen zerstört ist,
macht das Lügen keinen Spaß mehr.
Norm (»Cheers!«)
Hann isch disch jemols belore, Liebsche?
Opa Klütsch
Isch will et jaanit wesse.
Oma Klütsch
Na, siehste!*
Opa Klütsch
Wie immer gibt es am Ende des Buchs ein Glossar, wo Dialekt- und Fremdsprachenstellen und Urheberangaben nachgeschlagen werden können – die Sternchen [*] im Text führen Sie dorthin.
Prolog
Zamuschnija, Samstag, 26. April 1986
»Gori!«
Gregori Balakow stöhnte. Sehr unwillig verabschiedete er sich von der Hochzeit seines jüngsten Sohnes Simyon, obwohl die Feier schon drei Tage und Nächte andauerte und er sich bereits mehrmals in die Büsche hinterm Haus geschlagen hatte, um sich einen Finger in den Hals zu stecken und in seinem Körper Platz für neue Blini, Aalstücke, Butterwürfel und, vor allem, neuen Wodka zu schaffen. Ein Traum von einer Hochzeit, auch wenn Gregori länger als ein Jahr würde schuften und sparen müssen, um den Kredit abzubezahlen, den er dafür aufgenommen hatte. Aber Simyon war schließlich nicht nur sein jüngster, sondern auch sein einziger Sohn; die anderen beiden waren im Kessel von Stalingrad geblieben, für immer begraben unter Bergen von Kameraden.
»Was ist, Mama?«, raunzte er seine Frau an. Gerade hatte er noch mit ihr getanzt, hatte sie übermütig über den Hof geschleudert, schweißüberströmt, berauscht von der Freude über das Glück seines Sohnes, das Glück, das Lioba und er, trotz allem, als Eltern und als Großeltern hatten, berauscht von den wild galoppierenden Klängen der Hochzeitskapelle, von Wein, Bier und Wodka, von den Ausdünstungen der Frau in seinen Armen …
Ein Traum. Die Hochzeit war neunzehn Jahre her, sein Enkel Mischa weit weg auf der Polizeischule in Kiew.
Die Frau, die jetzt, wie fast jede Nacht seit zweiundsechzig Jahren, auf seinem linken Arm lag, ließ nicht locker.
»Gori«, flüsterte sie wieder eindringlich. »Da ist was. Irgendwas ist nicht in Ordnung. Hör dir Soro an!« Nun drang es auch zu Gregori durch. Draußen knurrte der Hund, und seine Pfoten tapsten und kratzten auf dem Beton des Hofs, weil er unruhig hin und her lief. So gar nicht seine Art, er war fast so alt wie der Enkel. Ächzend wälzte Gregori sich aus dem Bett, seine mageren nackten Füße suchten auf dem kalten Dielenboden nach den Pantoffeln.
»Ich seh’ nach, Mama«, sagte er.
»Zieh dir was an«, sagte sie. Das hätt’ ich sowieso, dachte Gregori. Schon weil meine Zigaretten im Morgenrock stecken. Lioba sah es nicht mehr gern, wenn er rauchte. Seine Hustenanfälle machten ihr Sorgen – jeden Morgen, jeden Abend, fast konnte man die Uhr nach ihnen stellen. »Ach, Lili«, pflegte er zu sagen. »Im nächsten Jahr werd’ ich neunzig – da hör’ ich doch jetzt nicht mehr damit auf.«
Er schlich aus dem Alkoven, in dem ihr Bett stand, nahm den zerschlissenen Morgenmantel vom Haken im Durchgang, zerschlissen, aber warm – Lioba hatte ihn vor Jahren aus einer alten Steppdecke genäht –, zog ihn an, stieß sich wie jeden Morgen seit neun Jahren an dem neuen Tischchen, auf dem das Radio stand, das Simyon und seine Ludmilla ihm zum Achtzigsten geschenkt hatten, den linken Zeh an und fluchte leise in sich hinein.
Draußen winselte der Hund. Gregori runzelte die Stirn. Das einzige, was dem Köter normalerweise Angst machte, war Liobas Katze, besonders wenn sie gerade mal wieder geworfen hatte. Und Gregoris Zorn, natürlich, aber den hatte er nur in seinen Flegeljahren gelegentlich zu spüren bekommen; Bauer Gregori war ein sanfter Herr, sogar wenn sie samstags vom Markt in Pripjat zurückkamen. Wenn Gregori genug Kartoffeln, Mangold, Zwiebeln, Eier und Sonnenblumenkerne verkauft hatte, genehmigte er sich gerne ein Gläschen mit den anderen Bauern aus der Umgebung; dann schlenkerte sein Fahrrad mit dem Anhänger hinten dran zwar oft gefährlich auf den Feldwegen hin und her, und mehr als einmal war er im Graben gelandet, aber nie ließ er seinen Ärger an seinem Hund aus, wie so viele der anderen. Nein, Gregori lachte, stand nach einem weiteren kräftigen Schluck aus der Flasche wieder auf und sang auf dem Heimweg alte ukrainische Lieder; Lieder, die man seit dem Krieg eigentlich besser nicht mehr singen sollte in der glorreichen Sowjetunion – Balladen, voller Sehnsucht nach den alten Tagen.
Es war kalt, als Gregori die Tür zum Hof öffnete. Auf den Äckern von Zamuschnija glitzerte silberweiß der Reif, und in den Senken lagen noch Schneeflecken. Als der Hund die Tür knarren hörte, kam er angelaufen, die Rute zwischen den Hinterläufen, den Bauch fast am Boden schleifend, die Ohren ängstlich angelegt. Er drängte sich zwischen Gregoris Beine, als sei ein Bär hinter ihm her. Oder der Leibhaftige.
»Was ist los, mein Alter?«, brummte Gregori. »Es gibt keine Bären mehr hier. Und der Leibhaftige sitzt in Moskau und trinkt französischen Champagner.« Der zottelige rote Hund hob seinen Kopf und jaulte auf. Dann lief er zum Rand des kleinen Hofs, blieb am Rain des Sonnenblumenfelds stehen und bellte heiser, zweimal, dreimal, dann kam er wieder zurück gekrochen und drückte sich erneut an Gregoris Beine.
Der alte Bauer horchte, versuchte zu erkennen, was sich zwischen den Sonnenblumen verbarg oder vielleicht dahinter – aber es wehte fast kein Wind, die Pflanzen standen still. Was dahinter sein mochte, war nicht zu erkennen – Liobas Sonnenblumen wuchsen über zwei Meter hoch, mit Stängeln so dick wie ein Männerarm. Aber …
»Verdammt«, murmelte Gregori. Der Himmel. Über seinen Feldern war er blauschwarz, gesprenkelt mit Sternen. »Papa, wie viele sind es?«, hatte der kleine Simyon immer wissen wollen, wenn er abends auf der Bank vor dem Häuschen saß, müde in den Schoß seines Vaters geschmiegt. »Zähl sie«, hatte Gregori geantwortet. Und verlässlich war der Kleine darüber eingeschlafen.
Heute hätte er es vielleicht geschafft. Obwohl der Himmel sich wolkenlos über die Ebene spannte, waren nicht viele Sterne zu sehen. Denn im Osten, über den Sonnenblumen, breitete sich ein rötlicher Schein aus. Ein flackernder Schein, ein Zucken wie von Waldbränden.
Aber im Osten war kein Wald, nicht auf dieser Seite des Dnjepr.
Und um halb zwei in einer Aprilnacht geht noch keine Sonne auf.
Gregori holte seine Zigaretten aus der Tasche des Morgenrocks und zündete sich eine an. Er ging die fünfzig, sechzig Schritte bis zum Ende des Sonnenblumenfeldes, seine Pantoffeln schlappten. Soro, dicht an seiner Seite, schien sich nicht entscheiden zu können, ob er winseln oder böse knurren sollte.
Die Haustür knarrte wieder.
»Was ist, Gori?«, hörte Gregori seine Frau rufen, als er bei den Kartoffeln angekommen war. »Gori?«
»Ich bin hier«, rief er. Hinter sich hörte er ihre nackten Füße auf dem Lehm tapsen. Sie hatten nur ein Paar Pantoffeln – wann standen sie schon beide gleichzeitig mitten in der Nacht auf?
»Was ist los?«, fragte sie, in ihrem Flanellnachthemd vor Kälte schaudernd.
»Die verdammte Fabrik«, sagte Gregori und deutete nach Osten.
»Mein Gott«, keuchte Lioba und schlug die Hand vor den Mund. Keine fünf Kilometer vor ihnen war der Ursprung des hellen Scheins zu sehen. Flammen, Funkenregen und Rauch. Eine Feuersäule, die höher zu sein schien als der Reaktor des Kraftwerks von Tschernobyl; und der war dreimal so hoch wie der Kirchturm von Zamuschnija. »Gori, was ist das?«
»Die verdammte Fabrik«, sagte Gregori wieder. Er hatte sie von Anfang an gehasst und nie anders genannt, die Fabrik und das hässliche Monstrum von Stadt, das sie für die Arbeiter dort und ihre Familien in die Landschaft geklotzt hatten. Er hatte schon zu Beginn der Bauarbeiten vor bald dreißig Jahren den Kopf geschüttelt und dem Ungeheuer – und seinen Nachbarn – Unheil prophezeit. Gregori hatte nie verstanden, was dort geschah, wozu die verdammte Fabrik überhaupt gut war, egal wie oft Simyon versuchte, es ihm zu erklären. Er begriff nicht, was Radionukleide sein sollten und wieso die nichts mit Simyons Radio zu tun hatten. Er hatte nur immer schon gespürt, dass was immer dort stattfand, was immer dort produziert wurde, nicht gut für sie alle war. Da konnten ein paar Nachbarn, die regelmäßig im Pripjat angelten, ihm noch so begeistert erzählen, dass die Fische immer größer wurden, seit das Kühlwasser aus dem Kraftwerk in den Fluss geleitet wurde.
»Mein Gott«, sagte Lioba wieder. Sie zitterte am ganzen Leib. Obwohl Gregori wusste, dass es nicht nur die Kälte war, zog er seinen Morgenrock aus und hängte ihn ihr über die knochigen Schultern. Dankbar und ängstlich drückte sie seine Hand.
Dann hörten sie die Sirenen, sahen Dutzende von blauen und gelben Lichtern die Landstraße von Pripjat nach Teschernobyl entlang blitzen.
»Geh ins Haus, Lili«, sagte Gregori sanft. »Sie wissen schon Bescheid.« Aber Lioba konnte sich von dem Anblick nicht lösen.
»Du hast es immer gesagt«, flüsterte sie.
»Ich hab’ es immer gesagt«, bestätigte Gregori. »Aber glaub nicht, dass ich froh bin, recht gehabt zu haben.«
»Nein«, sagte sie und drückte wieder seine Hand. »Das weiß ich.« Dann schrie sie auf, und Gregori zuckte zusammen. Soro kniff den Schwanz ein, verschwand jaulend wieder im Hof und drückte sich an die Hauswand. Das Grollen einer Explosion war über die Felder gefegt wie ein Schneesturm. Über dem Kraftwerk schoss eine blau glühende Stichflamme in den Nachthimmel, ihr Widerschein legte sich über die Landschaft wie das überirdische Licht auf den Bildern von Bethlehem in Simyons Adventskalendern. Für einen Augenblick wurde die Nacht so hell, war das Licht so nah, dass Lioba und Gregori die Hitze der Flammen auf ihren Gesichtern zu spüren meinten.
»Komm«, sagte er geblendet. »Komm ins Haus. Wir können nichts tun.«
»Ja«, sagte Lioba und rieb über das raue Unterhemd an seinem Rücken. »Du erkältest dich noch.«
Sie gingen zurück zum Haus, begleitet vom fernen Jaulen der Sirenen, dem pfeifenden Winseln des Hundes, dem ratlosen, aufgeregten Gegacker aus dem Hühnerstall; ein altes Ehepaar, seit zweiundsechzig Jahren verheiratet, in all der Zeit nur getrennt die paar Wochen, als der junge Gregori sich in den Wäldern von Zamuschnija verborgen hatte, um nicht in einen Krieg ziehen zu müssen, der ihn nichts anging. Was er oft genug in seinem Leben bereut hatte – war nicht der Verlust seiner beiden Söhne in dem Krieg danach der Preis dafür gewesen, ein bei Gott viel zu hoher Preis?
»Gut, dass der Junge in Sicherheit ist«, sagte Gregori.
»Ja«, sagte seine Frau. »Und der kleine Mischa. Vielleicht sollten sie besser doch nicht zur Maifeier herkommen?«
»Ach«, sagte er. »Bis dahin …«
Als Gregori Balakow hinter seiner Frau die Tür der Kate schloss, sie noch einmal mit der Hüfte kräftig ins Schloss drückte, wusste er nicht, dass sie beide soeben schon gestorben waren.
Sie würden ihren Sohn nie wieder sehen, auch ihren Enkel nicht, und ihren Urenkel überhaupt nie.
Sie konnten auch nicht wissen, zum Glück würden sie es nie erfahren, dass Simyon einer der ersten von insgesamt achthunderttausend so genannten Liquidatoren sein würde, die ohne Schutzkleidung und Gasmasken, ohne auch nur einen Schimmer einer Ahnung, wozu sie da verdammt waren, mit Schaufeln und Spitzhacken tonnenweise radioaktiven Schutt zusammenräumen würden. Dass ihr dritter Sohn sie um gerade mal drei Monate überleben würde. Und dass er es aber in diesen drei Monaten geschafft haben würde, ihnen eine Enkeltochter zu schenken – Lioba Anna, die, gerade einmal vier Jahre alt, an Leukämie sterben würde.
1 - Martina

Bonn, Dienstag, 15. Juli 1986
»Wir sind drin, Kinners! Wir sind dri-hin!«, quietschte Martina Esser-Steinecke und wirbelte mit wippenden Pippi-Langstrumpf-Zöpfen durch die Tür des verqualmten Büros. Zum ersten Mal seit vier Wochen betrat sie den Raum, ohne gleich wild mit den Händen durch die Luft zu wedeln und mindestens ein weiteres Fenster zu öffnen. »Der Alte hat’s geschafft!«
»Welcher Alte?«, brummte Rainer Kolbe und zündete sich an einem elf Millimeter langen Zigarettenstummel eine neue an. Wahrscheinlich die achtzigste heute. Um sechs Uhr nachmittags. »Und wo drin?«
»›Welcher Alte!‹«, grunzte Sabine Illenberger. »Kann doch nur der olle Kriegel sein. Oder?«, wandte sie sich an Martina.
»Na klar«, jauchzte die.
»Und wo drin?«, wiederholte Sabine.
»Na, in der Taaaagesschau!«
»In der Tagesschau?«, echoten ihre beiden grünen Parteigenossen. Ähem, GenossInnen.
»Ja, Kinners!«
»Scheiße!«, hustete Kolbe und pustete Zigarettenasche von seinem Faxgerät. »Da reißen wir uns wochenlang den Arsch auf und kommen keinen Millimeter weiter …! Und dann kommt der alte Sack …«
»He, he«, senkte Esser-Steinecke ihre Stimme und schloss rasch die Tür. »Du redest von unserem Außenminister!«
»Kommt der alte Sack«, fuhr Kolbe ungerührt fort, »und reißt die ganze Chose an sich …«
»Und plötzlich geht alles«, ergänzte Illenberger. »Landrat kusch, Festival genehmigt, und Kriegel als Retter von Demokratie, Kultur und Demonstrationsfreiheit in der Tagesschau.«
»Und kein Sekt mehr im Haus«, tönte Esser-Steinecke dumpf, den Kopf halb in dem Kühlschrank in der Ecke, den man aber dank ihres ausladenden Hinterteils in dem gelb-braun gefleckten Wickelrock nicht sehen konnte.
»Ja-huuu!«, schrillte Illenberger plötzlich, als es ihr gedämmert hatte, sprang auf und küsste Kolbe auf die rötlichen Afro-Locken. Dann wirbelte sie herum, fasste Esser-Steinecke an beiden Händen und tanzte mit ihr einen Rock’n’Roll durch das Büro. Was für Ärsche! dachte Kolbe wieder einmal und grinste in sich hinein. Die eine versucht ihre Kiste mit mehreren Quadratmetern Zuwickeln zu verstecken, und die andere presst ihre kess in eine reichlich unförmige lila Latzhose. Aber dann gestattete auch er dem Grinsen, sich in seinem Gesicht breit zu machen, öffnete seine unterste Schreibtischschublade und knallte eine dunkelgrüne Flasche ohne Etikett auf den Tisch.
»Wennscht koi Sekt im Haus net hoscht, na hilf d’r mit’m Traubemoscht«, dichtete er, kippte einen Kaffeerest in einen Papierkorb und füllte die Tasse bis zum Rand mit der klaren Flüssigkeit aus der Flasche.
»Puh!«, machte Esser-Steinecke, als ihr der strenge Geruch des Tresters in die Nase stieg. »Von dem Zeug werd’ ich doch gleich wieder betrunken!« Aber ihre Augen glänzten gierig, und auf ihren Wangen breiteten sich rote Flecken der Vorfreude aus.
»Auf Paaf!«, sagte Kolbe und nahm den ersten Schluck.
»Auf Paaf!«, echote Sabine Illenberger, nahm die Tasse entgegen und einen kräftigen zweiten Schluck.
»Auf Kriegel!«, sülzte Esser-Steinecke und kippte den Rest in sich hinein, dabei den Kopf in den Nacken werfend wie ein alter Thekensteher.
»Was wird denn hier gefeiert?«, fragte Alexander Zoller, von allen nur Sascha genannt, von der Tür her. Er lehnte bloß am Türrahmen, aber die drei im Zimmer hatten sofort das Gefühl, als fülle er die Mitte des Raumes. Dabei war er nicht einmal besonders groß oder gar dick – ein untersetzt stämmiger Typ in ausgefransten Jeans und hohen schwarzen Boxerstiefeln mit roten Schnürsenkeln, braune Haarwellen wirr über der Stirn und dem hochgeschlagenen Kragen seiner obligaten abgewetzten, schwarzen Lederjacke, die er schon in seiner Zeit als Gießener Taxifahrer Tag und Nacht getragen hatte. Aber auch ohne die hatte seine Ausstrahlung etwas Bestimmendes, fast Bedrohliches – Illenberger hätte, wäre sie ihm nachts begegnet, die Straßenseite gewechselt.
Sie erzählten ihm, was gefeiert wurde, eifrig, abwechselnd und gleichzeitig, zwischendurch immer wieder die Tasse auffüllend, bis die Flasche leer war und Kolbe sich noch einmal bücken musste, um die zweite aus seinem Geheimfach zu buddeln.
Na ja, hatten sie sich verdient, eigentlich. Fand sogar Zoller, der ansonsten beim Thema Alkohol im Dienst gerne seine protestantisch-cholerische Ader raushängen ließ. Auch wenn er sich selbst im Pallament, dem Bonner Treffpunkt linker Politik, zweimal die Woche bis zur Besinnungslosigkeit die Kante zu geben pflegte. Gerade deswegen, wahrscheinlich.
Sie hatten es also geschafft, wenn auch nur dank der Einmischung des alten Walter Kriegel – Außenminister, Doyen und Aushängeschild der Liberalen. Fast zwei Monate lang hatte der CSU-Landrat von Scherdorf ihnen einen Knüppel nach dem anderen zwischen die Beine geworfen und ihnen die Genehmigung für das geplante Anti-Atom-Festival in Pöckensdorf verweigert. Selbst die große Feuerwehrdelegation, mit Helfried Broth, Ming Tant, Frieda Berlin, Rollo Becker und Doppeldoktor Dietmar Dörmann, ein paar Anwälten und ihrem designierten Parteivorsitzenden Sascha Zoller hatte bei einem Treffen in Regensburg auf Granit gebissen.
Der Reaktorunfall von Tschernobyl war drei Monate her. Martina Esser-Steinecke, Sabine Illenberger und Rainer Kolbe hatten sich in den letzten Wochen im Souterrain des Grünen-Büros am Telex-Ticker die Nächte um die Ohren geschlagen, einen Verteiler über die Grünen-Kreisverbände aufgebaut und, nicht zuletzt dank der fleißigen konspirativen Mithilfe eines Sympathisanten im Forschungszentrum Jülich, quasi stündlich die neuen Becquerel-Werte an aufgeschreckte Basis und empörte Bevölkerung durchgegeben. Und hatten dadurch die Grünen in den Wählerumfragen weit nach vorne katapultiert – während Bayerns Innenminister Zimmermann immer noch beharrlich tönte, das alles sei doch völlig harmlos und ungefährlich und reine Panikmache der neuen Außenseiter-Partei.
Und jetzt Kriegel, der alte Taktierer. Hatte das ganze Projekt an sich gerissen und Order von ganz oben gegeben. Die Zimmermänner schäumten, waren aber machtlos – im Grunde hatten sie die ganze Republik gegen sich, nicht mehr nur ein paar langhaarige Latzhosenträger, Friedensdemonstranten und Chaoten oder die in ihren Augen linksradikale Presse wie taz, Spiegel und Stern. Das Gelände wurde freigegeben, das Festival genehmigt; zwar mit schärfsten Auflagen, aber: Grünes Licht. Quasi. Mindestens fünfzig-, sechzigtausend Besucher wurden erwartet, und alles, was in der deutschen Rock- und Popszene Rang und Namen hatte (oder sich welchen erwerben wollte) riss sich darum, dort auftreten zu dürfen. Hinter den Kulissen wurde gerangelt und gemauschelt, was das Zeug hielt; das berufslinke Stehaufmännchen Dörmann hatte sich mal wieder geschickt eingeklinkt und bemühte sich heftig, möglichst viele Strippen an sich zu reißen. PA-Firmen boten Material, Manpower und sogar Geld, um die Beschallungs- und Beleuchtungsjobs zu bekommen, ein berüchtigter Münchner Feinkostkrämer tönte in der Abendpost, er werde die biblische Speisung der Vierzigtausend in den Schatten stellen – »zum Selbstkostenpreis, selbstverständlich!«, der Stapel mit Anfragen für Pressekarten wuchs jeden Tag um mehrere Zentimeter, der WDR geriet in Woodstock-Fieber, tat sich mit einem privaten Produzenten zusammen und plante einen Kinofilm zum Ereignis, die Universum kündigte ein Doppel- oder gar Dreifach-Album an, und in etlichen Tonstudios wurde fieberhaft an neuen Platten gearbeitet, die pünktlich zum Festival erscheinen sollten. Sogar der alte Franjo Homburg, Europas größter Konzertveranstalter, hatte seine Abneigung gegen deutsche Rockbands zumindest ruhen lassen und bot Know-how und Logistik an.
»Deutschlands größtes Rockfestival nimmt Formen an!«, tönte die Bildzeitung und ignorierte mal wieder geflissentlich, dass seit acht Jahren jeden Sommer an die hunderttausend Freaks zu Umsonst & Draußen nach Vlotho pilgerten. Aber selbst Kolbe fühlte sich geschmeichelt, dass seine Wortschöpfung in knallroter 36-Punkt-Schrift darüber prangte – Paaf! – für Pöckensdorfer Anti-Atom-Festival.
Und im ganzen Land fluchten junge Polizisten, weil ihr Urlaub gestrichen wurde, sich Anti-Demonstrations-Übungen häuften und sich das Gerücht verbreitete, die Zimmermänner planten, auf jeden Festivalbesucher einen Bullen kommen zu lassen.
2 – Büb

Hunsrückhöhe, Samstag, 19. Juli 1986
Wubwrubwawrawub, wubwrubrawrawub machte unsere neue Bussin brav und unerschütterlich, während wir mit Tempo fünfundsechzig in einer Endlosschlange von Lkws stoisch irgendeinen Hunsrücken hoch krabbelten. Vor zwei Jahren war unser alter Opel Blitz endgültig auf dem Autofriedhof gelandet, und wir hatten nach langem Hin- und Herrechnen und ausgiebigen Diskussionen eine neue Penner’s Radio-Ära eingeläutet. Unsere gesamte PA wurde verkauft, ein Geldgrab ohne Ende, ein Fass ohne Boden – in guten Zeiten war der ganze Klumpatsch zu klein für die Stadthallen, in denen wir auftreten durften, und dazwischen, also die meiste Zeit, war er zu groß für die Clubs, in denen wir spielen mussten (natürlich machte es von der ganzen Atmosphäre her mehr Spaß, in den Clubs zu spielen, aber für Ruhm und Reichtum waren die meisten der größeren Hallen dann eben doch nützlicher). Außerdem hatte es sich gezeigt, dass wir bei unseren Etats aber auch immer einem wünschenswerten state of the art der Technik hinterher hechelten – kaum hatten wir wieder irgendwo günstig irgendein Gerät ergattert, das unseren Sound angeblich verbesserte, war etwas Neues auf dem Markt, das wir nach Ansicht unseres mittlerweile vierten Manns am Mischpult unbedingt brauchten, um unser Klangbild richtig nach vorne zu bringen. Und das natürlich doppelt so teuer war.
»Alles Quatsch!«, hatte Little Joe, unser allererster Mixer, schließlich bei einem soundsovielten Bier anlässlich eines der unregelmäßigen Altherrentreffen gesagt. »Ihr seid Penner’s Radio – was wollt ihr mit dem Scheiß? Ihr spielt wie gesengte Säue, und ihr werdet ewig klingen wie gesengte Säue, selbst wenn euch mal jemand die Pink Floyd-PA zu Weihnachten schenken sollte. Ihr schmeißt einen Haufen Geld für nix und wieder nix aus dem Fenster, um live so zu klingen wie all die anderen Arschgeigen (was ihr eh nie hinkriegen werdet), und wenn ihr dann ins Studio geht, um ’ne neue Platte zu machen, ist euer Budget wieder so knapp, dass ihr die ganze Produktion, wie gehabt, in zwei Wochen über die Bühne bringen müsst! Und dass irgendwelche Dumpfbacken dann dauernd behaupten, Penner’s klänge live besser als auf Platte, fasst ihr Trötennasen dann auch noch als Kompliment auf! Dabei muss man das andersrum sehen: Eure Platten klingen so beschissen, dass ihr auf der Bühne gar nicht schlechter klingen könnt!«
»He, he!«, klang es um die Theke herum, und »Starker Tobak, Joe!« Aber in Wahrheit konnte man ihm da wirklich schlecht widersprechen, nicht nur, weil er zur Bekräftigung seiner Predigt eine neue Runde bestellte. »Hast du denn ’nen besseren Vorschlag, Klugscheißer?« Hatte er.
»Ich hab’ das aus Quatsch mal durchgerechnet«, sagte er. »In den letzten drei Jahren habt ihr für Neukäufe in Sachen PA übern Daumen achtundvierzig Mille ausgegeben.«
»Na, na! Jetzt übertreibst du aber!«
»Ja, etwa nich’?« Na ja, wahrscheinlich schon. War so allerdings auch keinem direkt bewusst gewesen. »Aha. In diesen drei Jahren hattet ihr gerade mal hundertdreißig Auftritte – die Benefiz-Konzerte nich’ mitgerechnet. Macht an Kosten für die PA pro Gig dreihundertsiebzig Ocken. Ohne die Reparaturen zwischendurch. Mittlerweile ist die ganze Anlage aber so groß geworden, dass sie gar nicht mehr in den Blitz reinpasst, also habt ihr euch für sieben Mille noch einen Kombi zugelegt, fahrt also mit zwei Autos durch die Gegend. Macht mit ungefähren Sprit-, etcetera-Kosten noch mal zwanzig Mille – und erhöht die Kosten pro Gig auf sage und schreibe fünfhundertzwanzig Ocken. Min-des-tens.«
»Wow«, machte es um die Theke herum, und einer von uns fühlte sich bemüßigt, die nächste Runde zu übernehmen. Auf die paar Mark kam es dann wohl auch nicht mehr an. Aber Little Joe war natürlich noch nicht fertig.
»Und dabei hab ich die Preise eurer Supermixer, die ihr angeblich braucht, um das ganze Gesumse zu bedienen, noch gar nicht mit eingerechnet. Was die kosten, wisst ihr ja wohl selber.« Und ob wir das wussten – wenn wir nach der Abrechnung jedem von uns Musikern an einem guten Abend einen Hunderter auszahlen konnten (und wohlgemerkt nur an einem guten Abend), bekam unser Profi am Mischpult zweihundertfünfzig. Die bekam der aber auch an den schlechten Abenden. Und natürlich auch für seinen Job bei einem der mindestens zwanzig Benefizkonzerte, die wir im Jahr absolvierten, und bei denen unsere Gage aus Applaus, Schulterklopfen und ein paar Kästen lauwarmem Bier bestand. Und bis hierher war der Mann, der seit zwei Jahren dafür bezahlt wurde, dass er am separaten Monitormischpult saß und für einen Bühnensound wie bei den Großen sorgen sollte, noch gar nicht aufgetaucht.
So hatte das allerdings noch keiner von uns gerechnet. Na ja, wir waren ja auch Musiker und keine Kaufmannsseelen.
Aber eine beeindruckende Rechnung. Was also tun?
Vor der erlösenden Problemlösung gab es jedoch noch den Rest der Predigt zu überstehen.
»Ich hab noch bei keinem, keinem einzigen Penner’s-Gig erlebt, dass es einen von euch Rampensäuen interessiert hätte, wie die Monitoranlage klingt«, fuhr Little Joe fort, »geschweige denn, von welcher Marke die Monitorboxen sind, oder ob der Equalizer, der da zwischengeschaltet war, nun zweihundert Mäuse oder zweieinhalb Mille gekostet hat. Oder ob’s da überhaupt so was wie ’nen Equalizer gab – Hauptsache, das hat alles ordentlich Krach gemacht, oder?« Wohl wahr. Nächste Runde wieder auf uns. Und die Fragen, was denn nun angesichts dieser kaufmännischen Fehlleistungen zu tun sei, wurden lauter.
»Für mich ist die Antwort klar, Jungens – den Blitz verschrotten, den Kombi verkaufen, die ganze Scheiß-PA verscherbeln.«
»Und die ganze Scheiß-Band auflösen«, schlug Veedelnoh vor.
»Jau – ab an die Côte d’Azur!«, lästerte Emerson, auf Veedelnohs und mein Sommerpausenfiasko vor fünf Jahren anspielend.*
»Nö. Im Gegenteil«, ließ Little Joe sich nicht erschüttern. »Passt auf …«
Und wir passten auf.
Ein paar Bier später war der Fall gelöst. Unsere beiden Profi-Mixer durften sich einen neuen Job suchen, und Little Joe war wieder unser einziger Roadie (nächste Runde auf ihn). Ansonsten wurde alles so gemacht, wie er es vorgeschlagen hatte, und seitdem hatten wir lockere Verträge mit drei strategisch über Deutschland verteilten PA-Verleihfirmen und zahlten nie mehr mehr als vierhundertfünfzig D-Mark für Anlagen, die immer auf dem neuesten Stand der Technik und immer gut in Schuss waren und im Normalfall schon fertig verkabelt da standen, wo wir unseren Auftritt hatten. Was nebenbei auch so manches unserer gewohnten Probleme mit so genannten Aufbauhelfern und Hausmeistern aus der Welt schaffte.
Und deswegen konnten wir heute auch in einem schnuckeligen Setra-Neunsitzer, Baujahr ‘69, unsere kompakte Bühnenanlage hinter der letzten Sitzreihe verstaut, meinen Stabilbaukasten im Gepäckraum, mit beeindruckenden 95 km/h an den beiden Tankwagen vor uns vorbei ziehen. Und trotzdem noch hören, dass das da auf der Kassette, die im Rekorder leierte, die neue Platte der Richard Bargel Blues Band war – Don’t you mind people grinnin’ in your face* …
Das Leben in einem Bandbus hat etwas ganz Besonderes. Fast immer gibt es jemanden, der vorne mit dem Fahrer ein Schwätzchen hält, schon damit der nicht am Steuer einschläft; es gibt immer mindestens einen, der pennt, einer liest ein Buch, einer den Spiegel oder die Bravo, ein anderer kritzelt in ein Notizbuch (Wie viel Geld hab’ ich noch? Wie viel kommt auf dieser Tour noch rein? Wie hieß das Mädel gestern Abend noch gleich? He, Jungs, das wird ein toller Text!); irgendwo hocken zwei und spielen Mau-Mau oder Schach. Die Momente, wo es keine Musik gibt, sind selten – entweder läuft die Anlage vom Bus oder es zischelt und quäkt aus irgendeinem Walkman-Kopfhörer oder irgendeiner klimpert auf einer Gitarre herum, oft begleitet vom Getrommel, Geschnipse, Gesumme oder Gesang einiger Kollegen …
Es ist eigentlich nie still (dafür sorgt schon der Motor der Bussin) aber die Stimmung ist meistens ruhig, gedämpft, träge – der Tag, die Reisestunden plätschern vor sich hin, weil der Biorhythmus aller längst verinnerlicht hat, dass es erst am Abend drauf an kommt. Die Zellen und Synapsen, die für Adrenalin zuständig sind, werden erst geweckt, wenn’s auf den Auftritt zugeht, auf Showtime. Bis dahin – dafür – wird bloß aufgetankt; mit Schlaf, Entspannung, Tabak, Haschisch, Bier, Obst und Knabberzeug … Und wenn gelegentlich jemand aus heiterem Himmel ein verschmitztes »Entschuldigung!« in den Bus wirft, werden sofort alle Fenster geöffnet, weil die Düfte, die eine Minute später von seinem Sitz aufsteigen, ziemlich nachdrücklich und nachhaltig erkennen lassen, dass er sich die letzten zwei, drei Tage von nicht viel anderem ernährt hat.
Ich liebe Bandbus-Reisen.
Genüsslich räkelten wir uns heute auf dem Weg nach Erbelheim also in den gemütlichen Sitzen, am Steuer schnippte Emerson Bargels Takt mit, Veedelnoh klimperte auf seiner Akustischen dazu, Bruni malte an ihren übergroßen Postkarten mit den farbenfroh leuchtenden afrikanischen Motiven, Oblong drehte eine Zigarette aus drei Blättchen, und Little Joe schnarchte auf der letzten Bank. Wir alle vermissten Eiermann ein bisschen, unseren Ex-Bassisten und mittlerweile Rhythmusgitarristen, der letzten Monat auf einer Atelierfete der Jungen Wilden ein wenig zu gründlich demonstriert hatte, wie jung und wild er sein könne, und jetzt stolz sein durfte auf einen echten Kippenberger – gemalt auf einen Gipsverband um einen dreifach gebrochenen Arm. Und ich amüsierte mich mit dem Kölner Express von vorgestern.
Ganz Kölle war am Wochenende auf den Beinen gewesen – 55.000 spielten Luftgitarre zu Gary Moore, Marillion und Queen im Müngersdorfer Stadion, 25.000 blickten in Bocklemünd, neuerdings auch Hollymünd genannt, hinter die Kulissen des WDR, vor allem hinter die der Lindenstraße. »Stimmung kam auf, als De Höhner das neue FC-Lied aufnahmen oder die Bläck Fööss aus dem Publikum befragt werden durften«, schrieb unser Lokalblatt begeistert. Das konnte ich mir lebhaft vorstellen. »Tommy, wie fallen euch bloß immer so tolle Lieder ein?« – »Eh …, ja, eh … – nächste Frooch.«*
Erstaunliche 15.000 »ließen sich von Tito Puentes Salsa-Rhythmen am Tanzbrunnen mitreißen«, und immerhin noch 10.000 kamen zu »FC hautnah« am Geißbockheim – Trainer Georg Keßler (»ein Mann, der ohnehin immer und überall Optimismus zu verbreiten versteht«) machte Schönwetter vor dem Lokalderby gegen die Kölner Fortuna. »Wir schlagen den FC!«, tönte hingegen deren Präsident Jean Löring.
Und wo wir schon beim Sport waren: In Wembley brach Schwergewichtler Tim Witherspoon in der elften Runde Frank Bruno mit drei schweren rechten Haken den Kiefer und verteidigte so seinen Titel als »Meister aller Klassen«.
Mit Kieferbrüchen war es in Köln-Porz nicht getan. »Unter mysteriösen Umständen sind der Porzer Karnevalsprinz von 1984/85, Jan Tonger (47) und seine Frau Gisela zu Tode gekommen. Ergebnis der Ermittlungen: Alkohol. Streit. Er erstickte sie nach einem, den Spuren nach zu urteilen, heftigen Kampf mit einem Kissen und schoss sich dann mit seinem Jagdgewehr in den Kopf«. Das Karnevalsmotto der Session 84/85, »Met jroße un met kleine Diere« (mit großen und mit kleinen Tieren also) ließ der Verfasser pietätvoll unerwähnt. Ebenso, ob die zweite Zeile lautete »Dunn mer kräftig – oder fröhlich? – Fastelovend fiere«.*
Der Kölner Rat beschloss angesichts solcher Zustände in der Peripherie indes endgültig, im Stadtzentrum für 4,5 Millionen Märker den Alter Markt und angrenzende Straßen auszubauen. Hörte sich an, als könne man da demnächst auch nicht mehr hingehen.
Und vierzig Kilometer vor Den Helder lag bereits seit zwei Wochen der leckgeschlagene britische Frachter Olaf – Ladung: 355 Tonnen Blei, Arsen und Cadmium, eine Giftmenge, die ausreichte, große Teile der Nordsee und bei anhaltendem Westwind selbst die holländische und deutsche Küste nachhaltig zu verseuchen und den Fischbestand zu gefährden. Fieberhafte Bergungsversuche in dreißig Metern Tiefe sollten das Schlimmste verhindern.
»Na toll«, warf ich in die stumme Runde. »Von Osten schicken uns die Russen radioaktive Wolken rüber, und von Westen her vergiften uns die Engländer mit verbleiten Rollmöpsen.«
»Und unser Bier wird auch langsam gesundheitsgefährdend warm«, stöhnte Little Joe und betrachtete angeekelt den Schaum, der aus einer frisch geöffneten Dose quoll und von seinem Schnurrbart tropfte.
»Gutes Stichwort, Alter«, rief Emerson von vorne. »Kannst übernehmen, wenn du wach bist. Wir sollten uns sowieso mal zusammensetzen und ’n paar Takte über den Gig reden. Können ja an der nächsten Raste raus fahren und frische Plörre bunkern.« Das mit dem Rausfahren und dem Frischbier fand allgemeine Zustimmung, der Applaus für eine Bandbesprechung hielt sich in Grenzen. Aber wir waren ja nicht nur zum Vergnügen unterwegs.
An der Raststätte erlebten wir drei angenehme Überraschungen: Die am Eingang aushängende Bild-Zeitung sagte ausnahmsweise mal die Wahrheit – die Spritpreise waren tatsächlich weiter gesunken, und ein Liter Normalbenzin kostete 86,9 Pfennig (»Volltanken, bis zum Rand!«, knurrte Little Joe); es gab, dreihundert Kilometer von zu Hause, Früh-Kölsch in Dosen, wieso auch immer (wir verkniffen uns einen Blick aufs Verfallsdatum); und an einem Tisch am Fenster saßen die Jungs und Mädels vom Bielefelder Kurorchester, nette Kollegen, mit denen wir in den letzten Jahren schon öfter die eine Garderobe, Bühne oder die andere nächtliche Theke geteilt hatten. Meist mit viel Spaß, obwohl sie eine sehr merkwürdige Musik machten – Kunstmusik, Jazzrock mit klassischen Elementen und klassizistisch gedichteten Texten über die Einsamkeit von Schmetterlingen, die Launen von Pfeifenrauch oder die Träume von Lockenwicklern. Damit nicht genug, konnten sie ihre Auftritte mit akrobatischen Einlagen von mehr oder weniger freiwilliger Komik krönen – Chef Kurti brachte einen Handstand auf seinem Cello zustande, Kerstin, die Trommlerin, konnte im Spagat auf dem Harmonium Feuer spucken, und Saxophonist Oleg glänzte mit Big-Band-Bläsersätzen, synchron auf drei Gießkannen gespielt. Weshalb sie auf Festivals gern gesehene Spätnachmittagsanheizer waren.
Sie rochen kräftig nach Frühling in Tüten, was Emerson für ein willkommenes Weilchen die Bandbesprechung vergessen ließ, und tranken Kaffee mit eingeschmuggeltem Osborne.
Da ich keinen Kaffee trinke, probierte ich höflichkeitshalber bloß mal an der Osborne-Flasche, hielt mich an das gut gekühlte Heimische und fachsimpelte mit Kerstin über Sinn und Nutzen elektronischer Schlagzeuge – sie hatte sich dank einer vom Goethe-Institut gesponserten Südamerikatour nicht nur ordentlich mit exotischen Perkussionsinstrumenten eingedeckt, sondern sich auch ein brandneues Set Simmons-Drums für über vier Mille geleistet. Ergebnis waren ein sehr, ähem, eigenwilliger neuer Kurorchester-Sound und ständig schmerzende Handgelenke – Sehnenscheidenentzündungen, weil die Keramikschlagflächen dieser Trommeln längst nicht das nachgiebige Schwingungsverhalten der guten alten Kalbfelle hatten; auf den Simmons zu spielen war, als würde man auf Badezimmerkacheln trommeln.
Ein knappes Stündchen später erinnerte uns ein lautstark die Raststätte enternder Trupp Bundeswehrsoldaten daran, dass auch wir noch Marschpläne hatten – das Kurorchester hatte abends einen Gig in Würzburg, und wir waren ja immer noch auf dem Weg nach Erbelheim. Da wir uns am Wochenende in Pöckensdorf schon wiedersehen würden, fielen die Abschiedsumarmungen relativ undramatisch aus, leider sogar die zwischen Drummer und Drummerin – sie war neuerdings mit Piddy zusammen, der auf dem Festival einer der Lichtleute sein würde. Zum Trost schenkte sie mir auf dem Parkplatz einen wie immer nach Spiritus schmeckenden Kuss und ein Paar brasilianischer Maracas, mit echter Maiskornfüllung, und ich revanchierte mich mit einem halben Tiegel Beinwellsalbe, für ihre geschundenen Handgelenke. Had my head stuffed in / But I’m still on my feet /And I’m still / Willin’ * …
Little Joe übernahm das Steuer, Bruni rollte sich auf der Rückbank in eine Decke ein, die Penner’s rückten auf den Sitzen hinterm Fahrer zusammen. Motor an, Bier auf, Radio an: Sie hören Nachrichten.
Außenminister Kriegel war auf dem Weg von Washington nach Moskau, um sich mit Gorbatschow zu treffen. Gorbi rückte die BRD auf Platz eins in Europa, was immer er damit meinen mochte – der Nachrichtensprecher erläuterte das nicht näher.
Graf Koks, eh, pardon, Lambsdorff hatte nach wochenlangen Gerichtsverhandlungen wohl einen Freispruch vom Vorwurf der Bestechlichkeit zu erwarten. Surprise, surprise.
Als letztes europäisches Land hatte Großbritannien die Prügelstrafe abgeschafft. Denkbar knappe Entscheidung des Unterhauses – mit 231 zu 230 Stimmen. Wir hielten das für einen verspäteten Aprilscherz, aber Oblong, der mal ein Jahr als Austauschschüler in England verbracht hatte, konnte das bestätigen.
»Hat also auch keinen Sinn, den Lambsdorff rüber zu schicken«, schlussfolgerte Veedelnoh.
»Na, genau so hätten doch die Prügel verdient, die ihn jetzt ungestraft laufen lassen«, sagte ich.
»In dubio pro reo«, dozierte Emerson.
»Kiffer …«, knurrte ich.
»Alle in einen Sack und Knüppel drauf!«, schrie Little Joe nach hinten und verlangte nach einer weiteren Büchse Bier.
»Alkohol am Steuer?«, fragte Noh. Little Joe wies nur stumm auf das Schild über dem Rückspiegel: Während der Fahrt nicht mit dem Fahrer sprechen!
Thema Musik – in der Mozartstadt kam vor den Salzburger Festspielen keine rechte Freude auf. Terrorangst und Tschernobyl vertrieben US-Touristen, Streit um Pöckensdorf die Bayern. Man fragte sich ängstlich, ob Franz-Josef Strauß seinen Besuch absagen würde. Bei den Festspielen, nicht in Pöckensdorf (von Tschernobyl natürlich ganz zu schweigen).
In Köln nahm der Konflikt zwischen Türken und Kurden neue Formen an. Vier bewaffnete und maskierte Männer mit kurdischem Akzent hatten letzte Nacht die Unterkunft des türkischen Kulturvereins in der Burgunder Straße überfallen. Fünf späte Gäste und das Bedienungspersonal mussten sich auf den Boden legen, dann wurden ihnen Geld, Uhren und Schmuck abgenommen. Daraufhin wurden sie in einen Keller gesperrt. Zum Schluss leerten die Eindringlinge alle Automaten und ließen einen Videorekorder mitgehen.
»Komisch«, kommentierte Emerson sarkastisch, »keine Rede von kiloweise Heroin, Opium, Haschisch, die verschwunden sind …?«
»In einem türkischen Kulturverein?«, fragte Noh scheinheilig. »In Kölle?«
Aber wo wir schon in Köln waren – Fortuna hatte im eigenen Südstadion keine Chance und verlor 1:6 im Lokalderby gegen den FC. Da würde »der Schäng« in seinem Stammlokal wohl etliche Trostrunden schmeißen müssen.
»Aber Tschernobyl ist unser Stichwort«, kam Emerson dann doch noch zum ernsteren Teil des Tages. »Pöckensdorf. Zigtausend vor der Bühne, die nicht einfach nur Konzertbesucher sind, sondern auch Demonstranten. Genau, wie das Paaf! nicht einfach nur ein Rockfestival ist, sondern vor allem eine politische Veranstaltung.« Allgemeines Gähnen. Bierdosenzischen. Zigarettenpapierrascheln. »Ja, ja, ich weiß, ihr Banausen. Aber wir werden nicht umhin kommen, uns was zum Thema zu überlegen. Und das nicht erst auf der Bühne. Oder bei irgendeiner Pressekonferenz, Männers.«
»Vergesst die Talkshow nich’«, kam es schläfrig von der Rückbank.
»Ach, du Scheiße«, stöhnte Noh, »die Scheiß-Talkshow in München …!«
»Das soll der kleine dicke Ritter übernehmen«, schlug ich vor und gewann eine Extradose Bier. Unser neuer Bassist redete an schlechten Tagen weniger als Buster Keaton und an guten nicht viel mehr als Marcel Marceau. Manchmal auch umgekehrt.
»Aber telegen isser ja«, meinte Noh.
Konnte man so sehen. Oblong trug, wie meistens unterwegs, seinen bequemen Touranzug – einen knallgrünen, selbst seinen hundertdreißig Kilo drei Nummern zu weiten Tankwart-Overall, ölverschmiert, als habe er sein freies Wochenende unter dem Setra verbracht, den rosa Reißverschluss offen bis zum Nabel. Darunter blendete einen in Neon-Orange der Totenkopf eines schwarzen Grateful Dead-T-Shirts, die Beine des Overalls steckten in knöchelhohen braun-karierten Filzpantoffeln, und gekrönt wurde das Outfit von einem zwei Nummern zu kleinen Pepita-Hütchen, in dessen Hutband ein paar rot-weiße FC-Wimpel steckten. »Wo lässt du eigentlich deine Garderobe, eh …, designen, Mann?«
Oblong klappte stolz grinsend die linke Klappe einer der aufgenähten Brusttaschen um. Chanel, leuchtete uns ein Etikett entgegen.
»Und die andere?«, fragte ich. Weingarten – Vater & Sohn, stand in seriösem Gold auf Schwarz unter der rechten. Ein Extra-Bier für den Bassmann.
Als ich mich mit unserem neuen Bandmitglied im letzten Jahr ein wenig näher angefreundet hatte, bei dem einen oder anderen Bier nach Proben oder Auftritten, bei ausgiebigen gemeinsamen Frühstücken oder Stunden um Stunden, Kilometer um Kilometer im Bus eingesperrt – Schlagzeuger und Bassist, die Rhythmusgruppe, das Fundament jeder Band, müssen schließlich besonders gut zusammenpassen –, hatte er mir mal sein Zitatenbuch gezeigt. Eins einer ganzen Reihe von Zitatenbüchern – Oblong las eine Menge, schon seit seiner Kindheit, womit wir wieder etwas gemeinsam hatten, und hatte bei der Lektüre immer ein schwarzes Ringbuch griffbereit, in das er Dinge eintrug, die ihm besonders gefielen – oder eben nicht; die er auf jeden Fall für würdig hielt, festgehalten zu werden, wert, irgendwann mal, beim erneuten Lesen, beim wahllosen Durchstöbern der Zitatenbücher, noch einmal überdacht zu werden. Von diesen schwarzen, ordentlich durchnummerierten Ringbüchern hatte er einen ganzen Regalmeter voll, in fein säuberlicher, fast mädchenhafter Schrift, mit großen Kringeln auf den i’s und unter den Ausrufezeichen und drei zentrierten Asterisken unter jedem Zitat. Ich hatte einmal nach einem heftigen Besäufnis bei ihm übernachtet, und wir hatten zu zweit in der großen Wohnküche seiner Schwulen-WG gefrühstückt – jeder war mit einem Packen Zeitschriften versorgt, Chick Corea und Gary Burton duettierten im Kassettenrekorder, wir schlürften Gute-Laune-Tee aus dem Reformhaus, kauten an Käsebrötchen und Schokohörnchen und warfen uns gelegentlich bemerkenswerte Auszüge aus irgendwelchen Artikeln über den Tisch.
»Du musst Acht geben, wenn du ausgehst, Süßer«, brummte ich zum Beispiel. »In Sachen Handtaschenraub gibt’s in Köln ’ne Steigerung um dreißig Prozent.«
»Dann pass du gut auf bei deinem nächsten Frühschoppen«, entgegnete er. »Hier: ›Mit schweren Gesichtsverletzungen wurde ein Mann abends Ecke Mauenheimer und Merheimer Straße gefunden‹ – ist das nicht Nippes, dein altes Viertel? ›Der 34-Jährige erinnert sich, dass er gegen siebzehn Uhr eine Gaststätte im Bilderstöckchen verlassen habe, um heimzugehen – und das keineswegs betrunken. Kurz darauf seien ihm vier Personen entgegen gekommen, und er habe einen Schlag auf den Kopf gespürt. Mehr wisse er nicht mehr‹«.
»Warum sollte ich mittags um fünf schon heimgehen? Und noch nicht mal besoffen?«
»Ha!« Fünf Minuten später. »›Queen Elizabeth hat Bob Geldof für seine Verdienste um Live Aid zum Ehrenritter geschlagen. Der Popsänger und Krawattengegner hatte sich zu dem Anlass sogar eigens einen Frack gekauft – samt Schlips!‹«
»Der Schleimer!«
»Apropos«, griente Oblong und räkelte sich in einem wigwamförmigen Kaftan aus einem mit Ornamenten gemusterten Brokatstoff, wie ich ihn bloß von den Sesselbezügen in Oma Klütschs guter Stube kannte. »›Erst jetzt kam raus: Hinter dem Sprengstoffanschlag auf die JVA Celle 1978 steckte tatsächlich der Verfassungsschutz. Dessen Beamte verübten den Anschlag, um, Zitat: ›einen Spitzel in die Terroristen-Szene einzuschleusen‹. Ministerpräsident Albrecht sei, entgegen all seiner Dementis, in den Plan eingeweiht gewesen. Kanzler Schmidt hingegen bestreitet sein Wissen immer noch hartnäckig.‹«
»Du kannst ja richtig lange Sätze«, wunderte ich mich.
»Na ja«, tat er verlegen, »war ja abgelesen. Aber in kleinem Kreise schon.«
»In größeren ist manch einer der Meinung, du seist taubstumm.« Schulterzucken.
»Von mir aus.« Er stand auf, watschelte in sein Zimmer und kam mit einem der Ringbücher zurück. Blätterte kurz und hielt es mir dann vor die Nase.
Schweigsame Menschen sind grundsätzlich im Vorteil gegenüber Plaudertaschen, las ich. Man glaubt, sie wissen was. Je mehr man auf sie einschwätzen tut, desto alberner kommt man sich vor, desto mehr erscheinen sie einem als eine Art Buddha … Die Stillen, die wissen wirklich was. Sie wissen, dass sie den Mund halten müssen. Sie haben kapiert, dass man sich durch Reden längst nicht so interessant machen kann wie durch standhaftes vielsagendes Schweigen.
»Aha«, sagte ich. »Wer war denn so klug?«
»Allan Gurganus. Und seine Rebellenwitwe. Schönes Buch. Noch ’n Tässchen Tee?«
Als Bassist gab er sich ähnlich sparsam, aber immer auf den Punkt. Es hatte mir vierzehn Jahre lang großen Spaß gemacht, mit Eiermann zusammen die Rhythmusgruppe zu bilden – aber mit Oblong Fitz Oblongs schnörkellos präzisem, immer nach vorne marschierendem und trotzdem swingendem Spiel bekam das Bild vom Rückgrat der Band doch noch einmal eine ganz neue Qualität. Sein Humor gefiel mir auch ausnehmend gut, und seine Ringbücher waren eine wahre Fundgrube.
Und man konnte auch prima mit ihm versacken. Den Spätabendspruch »Komm, wir trinken noch ein paar, und dann geh’n wir bald« hatten wir schon astrein unisono drauf.
Well, a true friend is hard to find*, röhrte Richard Bargel. Na ja, ist halt nicht nur traurig, der gute, alte Blues.
***
»Aber mal ernsthaft«, ließ Emerson nicht locker. Emerson lässt nie locker. Der hatte ja selbst sechs Jahre, nachdem ich angefangen hatte, ein paar Gitarrenakkorde zu lernen, nicht aufgegeben, mich in die Grundlagen der Harmonielehre einführen zu wollen, obwohl das ähnlich viel Sinn zu haben schien, wie mir die binomischen Formeln verständlich zu machen. »Wir sind nicht irgendeine Popkapelle, die von ihrer Firma nach Pöckensdorf geschickt wird, um sich beim alternativen Publikum einzuschleimen – wir sind Penner’s Radio. Ich finde, wir müssen was Passendes zum Thema von uns geben, ein Statement setzen.«
»Wat der für Wörter kennt …«, murmelte Veedelnoh und deutete müden Applaus an.
»Aber recht hat er«, rief Little Joe über die Schulter. »Also, warum tretet ihr ausgerechnet beim Paaf! auf? Wo es doch letztes Jahr noch hieß ›Wir haben keinen Bock mehr auf diese Scheiß-Festivals‹?«
»Seit wann interessiert uns unser Geschwätz vom letzten Jahr?«, wich Noh aus. Er hatte ganz offensichtlich ähnlich wenig Lust darauf wie ich, sich mit Inhalten zu beschäftigen, mit Begründungen für in unseren Augen eigentlich selbstverständliches Engagement., mit Politik und politischen Sprechblasen, Parolen und Appellen. »Auf dieser Bühne wird’s mehr Betroffenheitsgeblubber und Solidaritätsgegreine und ›Wir Guten hier unten und ihr Bösen da oben‹-Verbrüderungsschleimerei geben, als wir nüchtern ertragen können.« Dem folgten zwei Minuten Schweigen, wahrscheinlich weil jeder von uns gerade überlegte, wann unser Gitarrist denn das letzte Mal nüchtern auf einer Bühne gesehen worden war.
»Und – gehören wir zu den Guten oder nicht?«, fragte Emerson schließlich.
»Alles eine Frage des Standpunkts«, sagte ich.
»Ach. Und – haben wir einen?« Noh verdrehte die Augen.
»Joe – was hast du gesagt, wie viele Benefizkonzerte wir in den letzten zehn Jahren abgeliefert haben?«
»Zweihundertneun«, kam es wie aus der Pistole geschossen vom Fahrersitz.
»Also. Muss ich danach noch irgendjemandem meinen Standpunkt verklickern?«
»Warum nicht? Was stört dich so daran? Wieso sperrst du dich so dagegen?«
Ich sagte ja, Emerson ist ein hartnäckiger Knochen.
Und dabei hatte er heute noch nicht mal richtig angefangen zu kiffen.
Um es kurz zu machen: Natürlich gehörten wir zu den Guten. Natürlich waren wir nicht irgendeine x-beliebige Popkapelle. Und natürlich würden wir in Pöckensdorf nicht einfach eine halbe Stunde von unserem üblichen Programm runterspulen, als sei’s eine Schülerfete oder irgendein Dorffestival.
»Wir könnten ja – schließlich geht’s gegen Atomkraft und um alternative Energien – Nohs neuen Song spielen«, schlug ich vor und erntete kindisches Gekicher. Schon, weil das neue Stück gar nicht von ihm stammte – es war eine Cover-Version des Uralt-Schlagers Ja, der Sonnenschein von den Colombinos, aus dem Jahr 1924; im Original ein Stück von zwei Minuten, mit einer Minute Orchester-Intro, einer Gesangsstrophe, einem Klaviersolo und zwei weiteren Instrumentalstrophen. Der beneidenswert schlichte Text ging so:
Ja, der Sonnenschein, der Sonnenschein hat’s fein
Jedes Mägdelein liebt Sonnenschein allein
Kommt der Sonnenschein früh ans Kämmerlein
Lässt das Mägdelein den Sonnenschein herein.
Das war der ganze Song. Veedelnoh, das alte Schlitzohr, hatte aus der flotten Polka einen bedrohlich vorwärts drängenden Midtempo-Rocker im guten alten Bo-Diddley-Groove gemacht, wobei Nohs Gitarrenriff mehr an Hendrix erinnerte als an Bo; ich spielte auf der Snare in einem swingenden Marschrhythmus darum herum, während die Bassdrum das Ganze stoisch die Viertel nach vorne kickte; Oblongs Bass hustete als Bindeglied zwischen uns beiden in der tiefen Lage keuchend auf die Bassdrum-Viertel, während in der oberen Lage Bo-Diddley-Synkopen drum herum hüpften, und Emerson ließ, passend zum Sonnenschein, auf seiner Orgel Wespenschwärme summen, Nachtigallen trällern und Spatzen schimpfen. Die Strophe hatten wir bei einer der letzten Proben sechsmal gesungen – erst ein-, dann zwei-, dann dreistimmig, und die letzten beiden sogar im Kanon; und gerade, wenn man dachte, nun reicht’s aber auch, legte Noh ein völlig wahnwitziges, schmutziges Gitarrensolo hin, das als Krönung von‘t Janze und um den Stilmix perfekt zu machen, in einem sechzehntaktigen, eigens von Emerson komponierten, komplizierten Unisono-Thema à la Mahavishnu Orchestra gipfelte. Und natürlich sang der Schweinepriester den ganzen Riemen auch noch im Falsett unisono mit. Völlig behämmerte Nummer – aber genau deswegen hatte sie was. Und natürlich musste ich nach fünf Minuten derart sturer Beinarbeit erst mal ein paar Runden um mein Schlagzeugpodest joggen, um keinen Wadenkrampf zu kriegen.
»Gute Idee«, befand unser Organist nun jedenfalls, und Noh guckte mich verdutzt an – hatte ich das nicht als Witz gemeint? Klar, sagten meine kurz gehobenen Augenbrauen.
»Find’ ich auch«, pflichtete Bruni von hinten bei. Oh. Womit die Nummer quasi so gut wie im Programm war – auf Brunis Urteil zu hören hatte sich schon des Öfteren gelohnt, beziehungsweise hatte es sich auch schon mehrmals als Fehler erwiesen, etwas zu spielen, bei dem ihr Daumen nach unten gekippt war.
»Okay. Aber lasst uns zum Programmablauf später kommen«, nahm Emerson seinen Faden wieder auf. »Schätze, das wird unser geringstes Problem sein.«
»Schon gar nicht, wenn ich mein Solo bei Sonnenschein ein bisschen ausbaue«, meinte Noh. »Soviel ich weiß, haben wir nur ’ne halbe Stunde.«
»Fünfundvierzig Minuten«, korrigierte Emerson. »Und wenn du dein Solo ausbaust, spiel’ ich nur schwarze Tasten.«
»Au, super!«, schrie Little Joe. »Kann ich zwei, drei von den weißen haben?« Und strahlte uns im Innenspiegel mit seiner Doppelzahnlücke an.
Zeit, ein neues Bier aufzumachen.
»Fangen wir bei den Fakten an«, machte Emerson weiter den Wortführer. »Was wissen wir über das Festival? Was wissen wir über die WAA? Was wissen wir über Tschernobyl? Was wissen wir über die deutsche Atompolitik? Was …«
»Was müssen wir darüber wissen?«, maulte Noh und spähte angestrengt aus dem Fenster, ob nicht bald das Schild Ausfahrt Erbelheim – 5 km auftauchte.
»Frage eins«, meldete sich Bruni. »Warum spielt ihr auf diesem Festival?«
»Gegenfrage«, sagte Noh. »Warum sollten ausgerechnet wir ausgerechnet dieses auslassen?«
»Nu’ komm, jetzt hör mal auf, so destruktiv zu sein«, sagte ich, und er warf mir einen langen Blick zu, der mich schwer an die Art erinnerte, wie ich früher unseren Klassenprimus betrachtet hatte, einen ziemlichen Streber.
»Genau«, sagte Bruni und kam nach vorne. Sie setzte sich auf den Sitz neben Noh, legte ihren Kopf an seine Brust, streckte ihre makellosen Beine über den Gang hinweg und legte ihre nackten Füße in meinen Schoß. »Werdet mal was konstruktiver. Du kraulst mir ein bisschen den Nacken, und der Büb massiert mir die Füße. Ich bin ein Kind der Savanne, ich komm’ mit den engen Schuhen von euch zivilisierten Weißen noch immer nicht so richtig zurecht.«
»Wie soll der Büb sich auf hochwichtige ernste Themen konzentrieren, wenn er deine Füße massieren muss?«, fragte Noh.
»Er ist Schlagzeuger«, antwortete sie. »Er kann mehrere Dinge gleichzeitig.« Also massierte ich ihr die niedlichen Zehen mit den noch niedlicheren dunkelrot lackierten Zehennägeln, die so winzig waren, dass man sich fragte, wie sie den Nagellack darauf gekriegt hatte, und Noh kraulte ihr den Nacken. Und natürlich schaffte unsere schwarze Prinzessin es wieder mal, der Atmosphäre zwischen uns eine friedlichere Note zu verleihen.
»Wir sind Penner’s Radio«, sagte Noh nach einer Weile besänftigt. »Wir sind Freaks. Wir Freaks haben’s nicht leicht in diesem unseren Lande. Wir müssen zusammenhalten.«
»Schon besser«, schnurrte seine Angetraute.
»Wir tingeln seit fuffzehn Jahren durch die Gegend und erzählen den Kids, dass man auch anders leben kann als ihre Alten. Wir machen ihnen Mut, das zu versuchen …«
»Und leben’s ihnen vor«, ergänzte Oblong.
»Und leben’s ihnen vor. Wir wollen echte Demokratie und Toleranz und Frieden auf der Welt und in unserem Land und in unseren Stammkneipen.«
»In jeder Kneipe«, ergänzte ich.
»In jeder Kneipe, jawoll. Wir sind gegen Aufrüstung und Nachrüstung und überhaupt gegen Rüstung, gegen Volkszählung und Kontaktbereichsbeamtenschnüffelei, gegen SDI und CIA und CSU, gegen Diskriminierung von Schwulen und Langhaarigen und Ausländern …«
»Und Frauen«, ergänzte Bruni.
»Und Weibern. Von mir aus. Wir sind gegen den militärisch-industriellen Komplex …«
»Wow!«, machten wir alle.
»… und da der für Atomenergie ist, sind wir auch gegen Atomenergie.«
»Außerdem haben wir Hiroshima, mon amour gesehen«, ergänzte ich.
»Außerdem haben wir Hiroshima gesehen. Aber wir haben auch Das Kettensägenmassaker gesehen und sind trotzdem nicht gegen Kettensägen, Herr Klütsch – wie stehen Sie nun dazu?«
»Wenn einer mit ’ner Kettensäge nicht auf seinen Birnbaum, sondern auf mich losgeht, kann ich’s hören. Wenn mir vierhunderttausend Sievert oder Becquerel oder Millirems oder wie die Dinger heißen, von Russland oder Kalkar oder Biblis oder Brokdorf in den Salat fliegen, hör’ ich nix. Ich kann die nicht mal riechen.«
»Gut gegeben, Herr Klütsch. Aber woher gedenken Sie denn in Zukunft den Strom für die Instrumente Ihrer Mitspieler zu nehmen – die Ressourcen fossiler Energie auf diesem Planeten neigen sich dem Ende zu. Oder wollen Sie demnächst ein reines, unverstärktes Perkussionsorchester aufmachen?«
»Penner’s Omo-Trommel«, schlug Oblong vor.
»Nix da«, entschied ich. »Wenn ich je eine Percussion-Truppe gründe, wird sie Kladderadatsch heißen.«
»Strom kommt aus der Steckdose«, rief Little Joe nach hinten.
»Wir wissen alle, dass es alternative Energiegewinnungsmöglichkeiten gibt, meine Herren«, ließ ich mich nicht lumpen. »Aber natürlich liegt das Problem hierbei vor allem darin, dass es gesellschaftliche Gruppen gibt …«, hier hob ich meine geballte rechte Faust, »… die industriellen Bonzenschweine zum Beispiel, deren vordringliches Interesse es ist, den exklusiven Zugriff auf Energie und ihre Verteilung zu haben und damit die Kontrolle über Energiepreise.« Jetzt hatte ich mir ein allgemeines »Wow« verdient. »Weshalb die weitere Erforschung schwer kontrollierbarer und vermarktbarer natürlicher Energiequellen wie Sonne, Wind und Wasser von diesen Dumpfbacken auch massiv blockiert wird. Aber um auf Ihre Frage zurückzukommen, Herr 400-Watt-Marshall – über kurz oder lang wird man herausfinden, wie viel Energie ein Meister von einem Schlagwerker, wie ich es bin, bei einem Konzert produziert, die völlig ungenutzt verpufft. Energie, mit der man aber vielleicht drei von Ihren gehörschädigenden Kleiderschränken mit ausreichend Strom versorgen könnte, um auch dem letzten Waldschrat in der letzten Reihe der Mehrzweckhalle Habbelrath die frohe Botschaft vom Zeitalter des Wassermanns, der freien Liebe, des jedermann zugänglichen Haschgifts und des Freibiers für alle zu verkünden und sechsstimmig in die weich gekiffte Birne zu prügeln. Falls Sie ihr Instrument zufällig mal wieder ordentlich gestimmt haben sollten.«
»Apropos freie Liebe«, sagte Bruni. »Das sind nicht mehr meine Füße, die du da massierst.«
»Oh«, sagte ich.
»He«, sagte Noh.
»Ach«, sagte Oblong.
»Ich glaub’, ich bau’ mal einen«, sagte Emerson.
»He, Emmer – wolltest du nicht was besprechen?«, fragte Noh nach ein paar Kilometern in allgemeinem Schweigen. Bruni hatte mir ihre Füße entzogen, sich auf dem Sitz neben ihm zusammengerollt, den Kopf in seinem Schoß, und schlief. Ihr kurzes geblümtes Kleidchen hatte sich bis über ihr Hinterteil geschoben, und sie lag da wie der fleischgewordene Traum jedes Playboy-Lesers. Wie einer meiner fleischgewordenen Träume, um ehrlich zu sein. Noh bemerkte meinen versonnenen Blick, schüttelte missbilligend den Kopf und zog das Stöffchen zurecht.
»Spielverderber«, sagte ich.
»Selber«, sagte er.
»Ich?!«
»Ich kann mich grad’ nicht bewegen«, sagte er mit einem Kopfnicken auf die schlafende Prinzessin hin. »Aber mein Bier is’ alle.« Ich stand auf, holte zwei frische aus der Kühlbox und spendierte ihm eins davon. Als hätte ich etwas wieder gut zu machen.
»Was war denn jetzt, Em’?«
»Ihr könnt mich mal«, brummte Emerson.
»He, he«, sagte Oblong und wackelte lüstern grinsend mit den Augenbrauen wie Groucho Marx.
»Fühl dich diskriminiert«, sagte Emerson und produzierte eine Rauchwolke, mit der man eine ganze Schulklasse hätte antörnen können.
»Kann ich jetzt das Radio wieder anmachen?«, fragte Little Joe.
3 – Heinz

Stuttgart, Samstag, 19. Juli 1986
»Herein, wenn’s kein Schneider ist!«, schrie Heinz Gehrmann und kicherte in sich hinein, weil er wusste, wer geklopft beziehungsweise leise wie immer viermal kurz, zweimal lang an die Tür gepocht hatte. Aber Willy Schneidereit hatte sie schon aufgedrückt, langsam, fast schüchtern, wie es seine Art war, gerade so weit wie nötig, und schob sich durch den Spalt ins Zimmer. Dann wurde die Tür grob sperrangelweit aufgestoßen und der dicke Klemens stampfte hinterher. Dick und Doof, dachte Heinz, und sein Kichern artete in unkontrollierbares Gegacker aus.
»Schön, dass Sie ihren Spaß haben, Herr Gehrmann«, versuchte Schneidereit die Musik zu übertönen. »Ah – Charlie Parker, oder? Ornithology?«
»Nicht schlecht!«, giggelte Heinz. »Aber nur fast – es ist Night in Tunisia.« Er saß im Schneidersitz auf seinem ungemachten Bett, den aufgeklappten grauen Saxophonkoffer links neben sich, und polierte das halb auseinander gebaute Instrument in seinem Schoß. Rechts von ihm qualmte ein Joint im Deckel eines Marmeladenglases. Heinz trug eine grüne Turnhose und ein schwarzes T-Shirt, auf dem Frank Zappa mit heruntergelassenen Hosen auf einem Klosett saß. Das Zimmer um das Bett herum sah aus, als hätte sein Bewohner ein paar Flohmarktstände ausgeraubt und die Säcke mit der Beute zur Begutachtung einfach ausgekippt – Kleidungsstücke aller Art, Stoffpuppen, Tonbänder, Platten und Plattencover, ein halbes Fahrrad, Kerzenständer aus Messing und Holz, ein gelbes Umleitungsschild, zwei verschrammte Lederkoffer, aus denen weitere Klamotten quollen, randvolle Aschenbecher, Geschirr mit längst versteinerten oder womöglich schon wieder lebenden Essensresten, eine Wasserpfeife, Zeitschriften, Taschenbücher und Berge von Notenblättern in wildem Durcheinander.
Der dicke Klemens stiefelte durch das Chaos wie durch Herbstlaub, quer durch das Zimmer, zu dem Plattenspieler, der auf einer dreibeinigen weißen Kommode voller Brandlöcher stand, das fehlende vierte Bein war durch ein paar Karl-May-Bände ersetzt. Er packte mit einer lässigen Bewegung den Tonarm, ließ die Nadel mit einem hässlichen Kreischen über die Rillen schrammen, brach ihn einfach ab und warf ihn in eine Zimmerecke. Heinzens Gekicher verstummte, sein Kinn klappte herab, aus einem Mundwinkel hing ein Speichelfaden. Für ein paar Sekunden war es mucksmäuschenstill im Raum.
»He!«, schrie er dann. »Seid ihr bekloppt?!« Schneidereit machte eine entschuldigende Geste. Klemens nahm Charlie Parker vom Plattenteller, und schleuderte die Platte wie eine Frisbeescheibe quer durch das Zimmer. Heinz war zu bedröhnt, um schnell genug zu reagieren, die Platte traf ihn an der Stirn und verursachte einen Schnitt, aus dem sofort das Blut hervortrat und ihm die Wange entlang rann. Er wischte sich mit einer Hand darüber, betrachtete ungläubig das Blut daran, schüttelte den Kopf, während sich mit einem Schluchzer sein Mund schloss.
»Mann, ey …«, flüsterte er. Dann trat Angst in seine Augen.
Schneidereit fegte eine fleckige Jeans vom Bett und setzte sich auf das Fußende, wiederholte die entschuldigende Geste.
»Ich glaube, Klemens hat schlecht geschlafen«, sagte er mit seinem üblichen scheuen Lächeln. »Und dann noch diese Ungeduld …«
»Was wollt ihr denn?«, greinte Heinz. »Ich hab’ doch …« Klemens grunzte, zog eine Coltrane-Platte aus ihrem Cover, wog sie abschätzend in der Hand und fixierte den Schnitt auf Heinzens Stirn, stand da und beherrschte bedrohlich den Raum wie ein eben ausgebrochener Gorilla.
»Sie haben arg wenig, Herr Gehrmann«, sagte Schneidereit. »Wir haben arg wenig. Weil Sie anscheinend einiges nicht begriffen haben und bedauerlich wenig kooperativ sind. Das war so nicht abgemacht.«
»Aber …«
»Ich finde es daher nicht verwunderlich, dass Klemens schlechte Laune hat. Und ungeduldig wird.« Zehn Zentimeter über Heinzens Kopf zerschellte Coltrane an einem Schwarz-weiß-Poster, auf dem Heinz in verrauchter Atmosphäre sein Saxophon blies. The German Heinz stand in Orange darüber, Finest Jazz in Rock darunter. Am unteren Rand war ein weißer Streifen freigelassen worden, auf den mit verschmiertem roten Filzstift live im Schloßkeller gekrakelt war, Ostermontag 21.00 Uhr, Eintritt frei. Keine Jahreszahl, aber Heinzens Haare waren auf dem Foto viel dichter und länger als auf seinem blutenden Kopf darunter, und sein Gesicht um einiges runder.
»Schönes Poster. Aber Eintritt frei gibt’s bei uns nicht, mein Junge«, sagte Schneidereit, in einem Ton, als würde er das bedauern. »Wenn wir dich weiter so gut versorgen sollen, musst du uns versorgen. Und das nicht mit monatelangen Ankündigungen und leeren Versprechungen.«
»Aber ich hab’ doch …«, stammelte Heinz und umklammerte das Saxophon in seinem Arm wie einen tröstenden Teddy.
»Ja, du hast. Dass irgendwas im Busch ist. Irgendwas kann ich dir heute auch geben – aber ich möchte bezweifeln, dass du dir das in deine kaputten Venen spritzen möchtest.« Mit überraschend hartem Griff packte er Heinzens linken Fuß und verdrehte ihn. Unter dem Innenknöchel war alles verschorft und zerstochen. Als Schneidereit seinen Daumen auf die geschwollene Stelle drückte, schrie Heinz auf; Tränen schossen ihm in die Augen.
»Nicht! Bitte nicht!«, heulte er.
»Wollen die ihn auftreten lassen?«, fragte Schneidereit, seine Stimme so sanft, dass Heinz sie mit dem quälenden Daumen nicht in Verbindung bringen konnte. »Will er auftreten? Wird er? Und wenn ja, wann?« Heinz wand sich vor Schmerzen und verschluckte den Rotz, der aus seiner Nase troff.
»Ja!«, stöhnte er. »Ja! Am Samstag! Als Top Act!« Der Druck ließ nach, der Daumen verschwand. Schneidereit fischte ein säuberlich gefaltetes weißes Taschentuch aus der Tasche seines billigen blauen Regenmantels, das gleiche Modell wie der von Klemens, allerdings fünf bis sechs Nummern kleiner, wischte sich die Finger ab und ließ das Tuch angeekelt auf den Fuß fallen. Dann griff er in eine Innentasche und zauberte ein Plastiktütchen mit weißem Pulver hervor. Wäre es Zucker gewesen, hätte es für eine ganze Kanne Kaffee gereicht.
Es war kein Zucker.
Heinz richtete sich auf, seine Augen begannen zu glänzen, in seinem Gesicht bildeten sich rote Flecken. Bittend streckte er die Hand nach dem Pulver aus. Schneidereit entzog es ihm, wedelte damit herum und lächelte sein bekümmertes Lächeln.
»Wird er nicht«, sagte er. »Nicht, wenn du das hier haben willst. Und mehr. Viel mehr.« Er bückte sich, hob eine klebrige Ravioli-Dose auf, die neben dem Bett lag, riss mit einem sorgfältig manikürten Fingernagel ein Loch in das Beutelchen und ließ das Pulver langsam in die Soßenreste in der Dose rieseln.
»Nein …!«, jammerte Heinz. »Aber ich kann den doch nicht hindern …«
»Doch«, sagte Schneidereit. »Kannst du. Wirst du. Wird Zeit, dass du dir dein Stöffchen mal ernsthaft verdienst.«
»Ja, wie denn?«
»Das werden wir dir noch rechtzeitig mitteilen, Junge.« Schneidereit drehte das Beutelchen um, faltete es einmal zusammen. Das Rieseln hörte auf, er machte Anstalten, das Päckchen wieder in seine Tasche zu stecken.
»Nein!«, machte Heinz. »Was soll ich tun?« Schneidereit stand auf und wischte seinen Mantel ab, als habe er auf einer nassen Bank gesessen.
»Er wird nicht auftreten«, sagte er. »Dort nicht. Und nirgendwo mehr.« Heinz stöhnte. »Und du wirst unser verlängerter Arm sein. Und deinem Land ausnahmsweise mal nicht auf der Tasche liegen, sondern ihm einen großen, patriotischen Dienst erweisen.« Schneidereit ließ das Beutelchen auf das Bett fallen. »Und du wirst keine weitere Chance bekommen, merk dir das.« Er ging zur Tür und öffnete sie. Erst da fragte sich Heinz, wie sie denn überhaupt in die Wohnung gekommen waren – seine beiden Wohngenossen waren gar nicht da, und ein Klingeln hatte er auch nicht gehört.
Der dicke Klemens machte drei Schritte, bis seine Knie an das Fußende des Betts stießen, holte eine Dose Cola aus seiner Manteltasche, öffnete sie und trank einen langen Schluck.
»Aaah!«, machte er und rülpste. »Merk dir das gut!« Dann trank er noch einen Schluck. »Schönes Instrument«, sagte er noch und kippte grinsend den Rest der Cola über das Saxophon.
»Oh, nein!«, jaulte Heinz auf. »Meine Klappen! Du Scheißer!«
»Dz, dz!«, machte Klemens, warf die leere Dose in eine Ecke und ging an Schneidereit vorbei hinaus.
»Mann! Wisst ihr, was das für eine Scheiß-Arbeit ist, die Klappen jetzt wieder sauber zu kriegen?! Ich muss …« Jedes einzelne Klappenpolster vorsichtig mit warmer Seifenlauge reinigen, dachte er weinerlich. Und selbst das garantierte nicht, dass anschließend jeder Ton so aus dem Instrument heraus kam, wie er ihn beim Hineinblasen gemeint hatte. Besser und sicherer wäre, alle Polster gegen neue auszutauschen – aber das war ein teurer Spaß und würde beim einzigen Spezialisten der Stadt wahrscheinlich wieder Wochen dauern. »Das darf nich’ wahr sein!«, jammerte er. »Scheiße, verdammte!«
Schneidereit kam noch einmal zurück und warf Heinz ein weiteres Plastikbeutelchen in den nassen Schoß.
»Hier«, sagte er väterlich, »verscherbel das und kauf dir einen neuen Plattenspieler.« Dann ging auch er. Die Tür blieb offen.
Als draußen die Wohnungstür zuknallte, sprang Heinz auf, warf seine Zimmertür zu und schnappte sich die beiden Beutel.
»Wow!«, sagte er. »Das sind ja mindestens …« Er feuchtete seinen Zeigefinger an, tupfte in das offene Päckchen hinein, leckte das weiße Pulver vom Finger und verdrehte die Augen. »Hey! Vom Allerfeinsten! Richtig gutes Stöffchen!« Er warf sich wieder auf das Bett und kramte eine verschrammte Alt-Blockflöte aus dem Saxophonkoffer. Schraubte sie auf und entnahm ihr eine Einwegspritze. »‚Dienst am Vaterland’!«, brummte er. »Arschlöcher!« Unter dem Kopfkissen fand er einen schwarz angelaufenen Esslöffel. Er zündete eine Kerze neben dem Bett an, spuckte in den Löffel und träufelte ein wenig von dem Heroin in die Spucke. Dann hielt er das Ganze über die Kerzenflamme, bis Dampf aufstieg und das Pulver sich zischend verflüssigte. Mit einem verträumten Lächeln zog er die Flüssigkeit auf die Spritze auf, ließ sie eine Minute abkühlen und suchte dann, das Thema von Night In Tunisia pfeifend, an seinem Fußknöchel eine heile Stelle. »Dienst am Vaterland!«, kicherte er. »Auf den verfickten Verfassungsschutz!«, rief er, als er die Nadel in eine Vene jagte. »Auf dieses unser Land!«
Er lehnte sich zurück, schloss die Augen, lauschte mit weit offenem Mund der Musik in seinem Kopf und dem rauschenden Weg der Wunderdroge durch seine Blutbahn.
»Aaah«, seufzte er. »Was ’n Stöffchen! Dafür räum’ ich euch die ganze verkackte Rasta-Bande aus dem Weg …! Verfasster Verfickungsschutz!«
Kichernd schlief er ein, die Nadel noch im Fuß. Ein schmaler Blutfaden rann aus der Einstichstelle und gerann an seiner Ferse.
4 – Büb

Erbelheim, Samstag, 19. Juli 1986
Das Erbelheimer JuKuZ entpuppte sich als ein Jugend- und Kulturzentrum, in dem wir schon zum vierten oder fünften Mal waren in unserer tollen Karriere. Beim ersten Mal hatten wir uns für siebzehn Zahlende den Arsch abgespielt, beim zweiten Mal waren’s deswegen neunzig gewesen, und seitdem platzte der Laden jedes Mal aus allen Nähten. Mag sich gut anhören, aber mehr als hundertfünfzig passten gar nicht rein.
Ja, warum spielt ihr denn nicht in ’ner größeren Halle? werden wir deswegen öfters gefragt. Hat einerseits was für sich, tun ja alle, aber andererseits macht’s nicht wirklich Spaß, in der genuin deutschen Mehrzweckhalle zu spielen, wo es noch nach der letzten Viehauktion oder Dackelausstellung riecht und nach dem Schweiß von Freizeitringern, Fingerhaklern und Skatmeistern, wo die Bühnendeko noch vom letzten Krippenspiel oder Feuerwehrball oder einer Aufführung von Grüß Gott, Frau Wirtin! stammt. Und wo die heimischen Amateurkonzertveranstalter den Hausmeister mit einer Flasche Asbach bestechen müssen, damit er gnädig die Turnmatten in den Geräteraum schaffen lässt und erlaubt, dass für die Bühnenbeleuchtung der zweite Sicherungskasten geöffnet wird. Abgesehen von den wichtig tuenden Jungs von der Freiwilligen Feuerwehr, deren Anwesenheit dort Pflicht ist, und die einem am liebsten für jede Zigarette, die sie hinter der Bühne genehmigen, fünf Mark Schutzgebühr abknöpfen würden. Und abgesehen von der gewöhnungsbedürftigen Akustik. Und von Vertragsgastronomen, die nicht verstehen können oder wollen, dass nicht jeder Musiker es generös findet, auf die Frage »Wie viele seid’s ihr denn?« und die Antwort »Sieben« gnädig sieben Bierbons in die Hand gedrückt zu bekommen.
Und schließlich – ist es nicht genau das, was die Wirtschaft dieses Landes, der ganzen Welt, über kurz oder lang zugrunde richten wird, dieses Immer mehr, immer größer, immer noch mehr? Dieses ewige Füttern der unersättlichen Götter Umsatz, Profit und Wachstum, Wachstum, Wachstum?
»Ich hab’ zehn bis fuffzig Gäste am Abend«, pflegte Ferdi, unser Kölner Stammwirt, auf entsprechende Angebote zu sagen, »da kann ich prima von leben. Einmal alle drei Jahre fahr’ ich sogar in Urlaub. Warum soll ich mir da eine zweite Kneipe ans Bein binden? ’nen Haufen Angestellte kontrollieren müssen? Nur noch die Hälfte meiner Gäste mit Namen kennen? Womit ich dann schon weit vorne wäre, denn von denen kennt mich auch nur höchstens die Hälfte. Vergesst es, Kollegen!«
Recht hat er. Und wir sind Penner’s Radio, wir scheißen auf Umsatz- und Profitmaximierung. Spielen wir eben alle zwei Jahre in den JuKuZ dieser Welt, und ein treues Publikum dankt es uns, die Hütte ist immer voll und die Stimmung, wie sie sein soll. Und unser Spritgeld und unser Bier können wir auch bezahlen. Das können wir auch die nächsten zwanzig Jahre noch machen, wenn’s von manchen gerade in die Stadthallendimension aufgestiegenen Kollegen längst heißt »Trio, Trio … Wer war das noch mal?«
Weswegen wir auch heute einen netten Abend hatten. Es mussten zwar dreimal die Bullen kommen und die Fenster und Türen schließen, die irgendjemand immer wieder aufgerissen hatte, um von den angenehmen einunddreißig Grad draußen eine kühlende Brise in den auf fünfundvierzig Grad dampfenden Saal zu locken, und einmal musste Little Joe seinen Platz am Mischpult für drei Minuten einer sommersprossigen Vierzehnjährigen überlassen, um eine Schlägerei zwischen den Obererbelheimer Hippies und den Niedererbelheimer Mopedrockern in geordnete Bahnen zu lenken – aber ansonsten: Alles paletti. Drei Zugaben und zwölf verkaufte und signierte Platten, schon wieder drei Penner’s-T-Shirts, und in der Garderobe bei der Abrechnung gestand uns der Freak vom Kulturverein sogar, dass es ihnen gelungen sei, den örtlichen Nähmaschinenfabrikanten als Sponsor zu gewinnen – er könne uns, »is’ das nich’ irre?«, einen Hunni drauflegen. Rock’n’Roll …
Verdächtig gut gelaufen, war Bandkonsens, und prompt wurden wir von einer Abordnung der AKW-Gruppe Hinterniedererbelheim umzingelt, die der Meinung war, wir seien aber absolut die absolut richtige Kapelle für ihr eigenes kleines Anti-Atom-Open-Air, aber absolut, und ob wir nicht, wo wir doch sowieso in der Gegend seien, am Samstag nach dem Paaf! …? Ein Soli-Benefiz? Und ich möchte gar nicht wissen, welche Rolle es spielte, dass einer ihrer Sprecher eine Sprecherin war, mit rabenschwarzen Haaren bis zu den ansehnlichen Hüftknochen, Augen wie Waldmeister-Bowle, einem Lächeln zum Niederknien und der Information, wir könnten dann anschließend alle bequem auf dem Bauernhof ihrer Frauen-WG Pocahontas übernachten – auf jeden Fall hatte irgendeiner von uns schon zugesagt, bevor irgendein anderer zu bedenken geben konnte, dass wir am Freitag vor diesem Samstag einen Gig in der Nähe von Emden hatten; natürlich auch ein Benefiz-Konzert, in diesem Fall für den Erhalt des dortigen Autonomen Jugendzentrums. Oder vielleicht war das auch die Veranstaltung für die Anschaffung eines neuen Backofens für das anarchistische Bäckerkollektiv Brot Front! – mir kommen da gelegentlich schon mal Sachen durcheinander.
Jedenfalls reichte weder das, die spontane Zusage wieder rückgängig zu machen, noch die Aussicht auf eine Fahrt von über sechshundert Kilometern von einem unbezahlten Gig zum nächsten, sondern im Gegenteil musste diese Zusage ein wenig begossen werden, und dann wurde schnell noch ein Sonderkasten Bier herbeigeschafft, damit wir mit den Hinterniedererbelheimern, insbesondere ihrer Sprecherin, noch ein paar Details zum Anliegen ihrer Gruppe, ihrer Veranstaltung, unserer Rolle dabei und nicht zuletzt bezüglich ihrer ziemlich interessant klingenden Pocahontas-WG bekakeln konnten.
Don’t judge a book by its cover!* Hatte uns Frank’n’Furter diese Warnung nicht schon vor über zehn Jahren mit auf den Weg gegeben? Miss Pocahontas entpuppte sich als wandelndes Anti-Atom-Lexikon. Ein überaus engagiertes Lexikon. Ein halbes Jahr Knast mit nichts als zehn Jahrgängen Öko-Test im Bücherregal würde das Wissen, mit dem sie uns bombardierte, nicht einholen können.
»Überall sind Jodtabletten knapp geworden! Dabei helfen die gegen die langfristigen Folgen eines Reaktorunfalls ebenso wenig wie der Verzicht auf frische Milch oder besonders gründliches Gemüse-Waschen! Wir werden es nicht erleben, dass es keine Spuren mehr von dieser radioaktiven Verseuchung unserer Erde gibt! In hundert Jahren nicht! Da kann die Bild-Zeitung noch so fettgedruckt Entwarnung geben! Da kann der Schäuble uns noch so vollmundig ‚völlig unbegründete Hysterie’ vorwerfen! Die verarschen uns doch nur!«
»Echt?«, fragte Veedelnoh.
»Blödmann«, sagte Bruni.
»Ja, Mensch, schau doch mal!«, sagte Pocahontas. »Die geben Besänftigungsentwarnungen raus, obwohl sie noch nicht mal zuverlässige Daten zur Beurteilung der ganzen Situation haben! In den ersten Tagen nach dem GAU war doch die Belastung durch die gefährlichen Substanzen, die aus der Ukraine zu uns rüber kamen – die deshalb so gefährlich sind, weil sie so langlebig sind – überhaupt noch nicht gemessen! Cäsium 137 zum Beispiel! Cäsium 134! Strontium! Plutonium!«
»Dynamo Hum«, brummte Noh.
»Blödmann«, sagte Bruni. Aber unser Lexikon ließ sich nicht beirren.
»In den ersten Tagen im Mai wurde in Hessen eine Belastung allein durch Jod 131 von fast dreitausend Becquerel pro Kubikmeter Luft registriert! Schon bei erwachsenen Menschen eine Belastung der Schilddrüse von zweiundsechzig Millirem! Und erst bei Kindern! Da ist es mehr als das Doppelte! Und normalerweise sind, nach gesetzlichen Grenzwerten, in einem gesamten Jahr nicht mehr als neunzig Millirem erlaubt!« Ich beugte mich zu Bruni rüber.
»Ob sie auch Sätze ohne Ausrufezeichen kann?«
»Du auch«, sagte sie.
»Weißt du überhaupt, was für eine Halbwertzeit Cäsium hat?«, fragte Pocahontas Veedelnoh.
»Ja«, raunte Bruni und grinste mich von der Seite an. Ich musste lachen, als mir dämmerte, dass sie nicht Halbwertzeiten, sondern Ausrufezeichen meinte, legte ihr kurz eine Hand auf die Schulter und drückte sie. Für einen winzig kleinen Moment neigte sie ihr Köpfchen zur Seite und drückte ihre Wange an meinen Handrücken, und ich wunderte mich, wie Leid es mir tat, dass der Moment so schnell vorbei war.
»Ich hab’ nie begriffen, was ’ne Halbwertzeit überhaupt ist«, sagte Little Joe, reichte Pocahontas seine Bierflasche und beobachtete entzückt, wie sie, ohne mit einer der schönen schwarzen Wimpern zu zucken, ihre Bilderbuchlippen darüber stülpte und einen Schluck nahm.
»Danke«, sagte sie und gab ihm die Flasche zurück. »Das ist ganz einfach«, hub sie an, anscheinend ohne zu bemerken, dass er mit halb offenem Mund versonnen auf den Flaschenhals vor sich starrte, als wolle er den nächsten Schluck noch hinauszögern wie ein besonders leckeres Dessert. »Halbwertzeit heißt …«
»Das heißt nicht Halbwertzeit, sondern Sperrstund’«, sagte der Obersozialarbeiter des JuKuZ und rasselte ostentativ mit einem schweren Schlüsselbund. »Müsst ihr nicht eure Anlage noch einladen?«
»Mann, ich weiß auch nich’!«, stöhnte Little Joe, als wir nach der Schlepperei nebeneinander auf dem Männerklo standen, und tippte ein paar Mal seinen Schädel gegen die Wand. »Mein Kopp sagt: Wat ’ne Krampfhenne! Und mein Köpfchen sagt: Wat ’n Geschoss! Auf wen soll ich hören, Büb?« Ich starrte auf die kniehohe, gelb-braun geflieste Pinkelrinne vor mir, versuchte mich zu erinnern, warum ich hergekommen war – die vielen Autobahnkilometer machen müde –, und dachte darüber nach.
»Büb?«
»Ja?«
»Kommt da noch wat?«
»Hä?«
»Auf wen ich hören soll?!«
»Pocahontas«, sagte ich. Jetzt war er dran:
»Hä?«
»Liegt doch nahe: Auf den alten Indianer hören.«
»Auf welchen?«
»Weiß nicht, wie er heißt.« Ich pinkelte ein bisschen, zog meinen Reißverschluss wieder hoch und wollte gehen.
»He!«, schrie Little Joe. »Und? Wat sagt der?«
»›Meine Augen tun weh, wenn ich sie aufmache‹, sagt der. ›Und sie tun weh, wenn ich sie zumache. Die ganze Nacht weiß ich nicht, was ich tun soll. Deshalb mache ich sie ständig auf und zu.‹, sagt der.« Unser Roadie, Mixer, Fahrer, Bodyguard und Buchhalter starrte mich mit offenem Mund an, in die Lücke zwischen seinen oberen Zähnen hätten gut drei Fragezeichen gepasst. Dann grinste er sein Hoss-Cartwright-Grinsen, holte mächtig aus – und legte mir sanft eine Pranke auf die Schulter.
»Bist ’n echter Freund, Büb«, sagte er.
Schade für ihn, dass das Geschoss und ihre Mitstreiter inzwischen beschlossen hatten, gleich nach Hause zu fahren.
Vielleicht.
Schade, meine ich mit ‚vielleicht’.
Es stellte sich heraus, dass sie sich ziemlich enttäuscht und spürbar weniger herzlich so schnell verabschiedet hatten – Bruni hatte Veedelnoh und den anderen Penner’s kurz klargemacht, was für eine Schnapsidee es sei, diesen Benefiz-Gig zu machen und dafür eine solche Ochsentour auf sich zu nehmen, von den Fahrkosten mal ganz abgesehen. Schweren Herzens hatte er ihr recht geben müssen und noch schwereren Herzens Pocahontas und ihrer WG bedauernd eine freundliche Absage erteilt.
»In Sachen Solidarität sind diese Penner für mich aber ein Flop«, hatte er einen ihrer Begleiter beim Hinausgehen noch murmeln hören.
5 – Martina

Bonn, Sonntag, 20. Juli 1986
»Ein sieben Milliarden teurer Flop!«, ereiferte sich Sabine Illenberger und schlug zur Betonung jedes einzelnen ihrer Worte fünfmal mit der flachen Hand auf die Tischplatte, dass das Teegeschirr klirrte. »Und nicht einmal die Stromkonzerne sind noch an Kalkar interessiert, weil der Brüter, selbst wenn er ans Netz gegangen wäre, nie im Leben mehr wirtschaftlich Strom erzeugen könnte!«
»Na, kein Wunder, bei dem Preis«, sagte Martina Esser-Steinecke und versenkte einen weiteren Löffel Honig in ihrem Tee.
»Weshalb unser guter Johannes Rau ja auch schon den Verzicht auf Kalkar zusagen konnte, ohne sich Ärger mit denen einzuhandeln«, ergänzte Rainer Kolbe.
»Kanzlerkandidat – ha, ha!«, machte Sascha Zoller und schob einen Zahnstocher von einem Mundwinkel in den anderen.
Bei jedem anderen fände ich das affig, dachte Martina, machomäßig. Aber bei ihm …, ja, bei ihm macht es mich an.
»Als wenn die SPD in absehbarer Zeit gut genug dastehen würde, um einen nötig zu haben«, sagte sie. »Da sind ja eher wir dran«, fügte sie übermütig hinzu und genoss das schiefe Lächeln, das Zoller ihr gönnte. Wie im Reflex griff sie nach ihren Zöpfen und strich sie glatt. Einmal noch, dachte sie. Wir waren betrunken, und es ging alles so schnell … Einmal in Ruhe, vielleicht sogar eine ganze Nacht …
»Aber hier müssen wir ansetzen«, warf Sabine ein. »Ohne Kalkar ist die Wiederaufbereitungsanlage ein Schmarr’n! Und das müssen wir den Leuten klarmachen!« Aber dafür bist du ja inzwischen berüchtigt, dachte Martina. Saschas schnelle Nümmerchen. Schnell und unverbindlich. Ich war ja vielleicht eine der Ersten, aber längst nicht mehr die Einzige. »Wer da draußen weiß denn schon, dass die sich verrechnet haben und dass die deutschen Uranvorräte völlig ausreichen, um auf unabsehbare Zeit Leichtwasserreaktoren zu betreiben?« Sogar mit dir hat er’s getrieben, du Heuchlerin! Von wegen ‚Nie im Leben würd’ ich was mit ’nem verheirateten Mann anfangen’! Auf dem Damenklo vom Pallament! Zählt wohl nicht unter ‚was anfangen’, ha?! Und dann erst noch so tun, als sei nichts gewesen – als hätt’s dir nicht jede angesehen, als hätte nicht jede mitgekriegt, wie lange ihr da verschwunden wart! Aber sich dann noch verschwörerisch über Paula beugen und kichern wie ein Backfisch und ihr zuflüstern – natürlich so laut, dass selbst ich es drei Hocker weiter mitbekommen konnte: ‚Es stimmt’ …! Vier Jahre EMMA-Redaktion, und dann, ein paar Pastis im Kopf, auf einmal beeindruckt von seinem …, seinem …
Martina rutschte nervös auf ihrem Stuhl herum. Spürte, wie sie rot wurde, weil Zoller ihr einen Blick zuwarf, als habe er ihre Gedanken hören können. Was bin ich doch für eine verklemmte alte Zicke, dachte sie. Mag nicht mal in Gedanken das Wort in den Mund nehmen. Dabei hab’ ich’s in den Mund genommen, fuhr es ihr durch den Kopf, und wider Willen rutschte ihr ein Gackern heraus. Die Köpfe der anderen am Tisch ruckten zu ihr herum.
»Was is’?«, fragte Sabine, sofort verärgert, weil sie sich unterbrochen fühlte.
»Ach, nichts«, beeilte Martina sich zu sagen. »Ich hab’ mir dich nur gerade als Kanzlerin vorgestellt«, schob sie schnell nach. Zum Glück lachten alle herzlich darüber, sogar Sabine. Aber sie kam gleich wieder zurück auf das, was sie für heute vorbereitet hatte.
»Schließlich soll die WAA Pöckensdorf den Plutonium-Brennstoff für den Schnellen Brüter liefern – und was macht das für einen Sinn, wenn der gar nicht erst in Betrieb geht? Da kann olle Strauß noch so sehr unken, dass von der Genehmigung für Pöckensdorf«, sie malte Gänsefüßchen in die Luft und versuchte sich an einem ulkigen bayrischen Akzent, »‚das Überleben der Bundesrepublik Deutschland als Industrienation abhängt’!«
»Sogar die DWK weiß das selbst am besten«, sagte Kolbe. »Zwei Wochen nach Tschernobyl haben sie den Bauantrag für eine Alternative gestellt – eine …«
»Genau«, unterbrach Sabine ihn und blitzte ihn kurz giftig an, weil er ihr ihren Text vermasselte. »Eine Anlage zur Konditionierung abgebrannter Brennelemente zur direkten Endlagerung – ohne Wiederaufbereitung!«
Und natürlich hast du in deinem geilen, betrunkenen Köpfchen überhaupt nicht mitgekriegt, wie Paula daraufhin ihren Wein runtergekippt hat und mit Tränen in den Augen aus dem Laden gestürmt ist, du Ego-Zicke! Als wüssten nicht alle, dass Paula unsterblich in Sascha verknallt ist – da kann sie noch so demonstrativ Händchen halten in der Öffentlichkeit mit ihrem Admiral. Und genau deswegen treibt der Sascha mit ihr am heftigsten seine Spielchen – wegen dem Admiral, wegen dem Risiko! Und natürlich auch, weil Paula nun mal mit Abstand die Attraktivste von uns ist. Obwohl man gar nicht glauben möchte, dass das für ihn eine große Rolle spielt, wenn man bedenkt, wen er alles schon beglückt hat. Wahrscheinlich hat er dir auch versichert, dass deine fetten Hängeeuter wenigstens was zum Anpacken wären für einen Mann, genau wie mein Pferdearsch. Und wahrscheinlich hast du’s für ein paar Sekunden sogar geglaubt – genau wie ich. Komisch – darüber hat noch keine von uns gesprochen, in der Frauengruppe …
»Also, Sascha, was wirst du morgen Abend der Tagesschau erzählen?«, schloss Sabine und blickte Zoller zum ersten Mal seit Beginn ihres Vortrags offen an. »Ich hätte da noch ein bisschen was vorbereitet …« Der Blick unterschied sich erheblich von dem, den sie Kolbe eben zugeworfen hatte. Ein Unterschied, den Zoller, der natural womanizer, sehr wohl zu deuten wusste. Vergiss es, Liebchen, vergiss es! Was erwartest du – ein weiteres Fleißkärtchen auf dem Damenklo? Einen Heiratsantrag? Oder bloß Unterstützung bei deiner Parteikarriere? Tz! Vergiss es – der treibt mit uns allen seine Spielchen, seine eigenen Spielchen!
»Super, Sabine«, sagte Zoller, und sie bekam rosige Wangen, versuchte aber eine Miene aufzusetzen, als sei ihre Arbeit selbstverständlich lobenswert und ein Lob von einem Mann das Letzte, was sie brauchte »Astrein!« Er nahm seine Füße in den gewohnten schwarzen Boxerstiefeln vom Tisch, steckte den Zahnstocher in ein Knopfloch seiner Lederjacke und kramte in deren Taschen. »Aber was haltet ihr davon, wenn wir erst mal ein kleines Zigarettenpäuschen machen?«
Sabine sackten die Mundwinkel herab, aber Kolbe sprang natürlich sofort auf und schrie erleichtert »Na, endlich!« Martina hasste diese Rauchpausen – der Qualm von Zigaretten war für sie mit das Ekligste, was Menschen einander antun konnten; aber natürlich ging sie mit nach draußen – gerade wenn Zoller im Spiel war, wurde man anschließend viel zu oft mit Entscheidungen und Beschlüssen konfrontiert, überrumpelt eher, die in diesen zehn Minuten gefallen waren.
Schnell versuchte sie herauszufinden, von woher der Wind wehte, als sie in den Hof der Bornheimer Villa traten, in der sie vorübergehend ihre Parteizentrale eingerichtet hatten, und stellte sich so, dass der Rauch der anderen nicht auch noch in ihre Richtung wehte. Erst da fiel ihr auf, dass Sabine Illenberger neuerdings auch wieder rauchte. Sogar dieselbe Marke wie Zoller. Ja, dachte sie, der hat uns alle im Griff. Kriegt von Sabine die Kippen, von Rainer Feuer, von Paula das ganze Herz, ich strahle wahrscheinlich die reinsten Hitzewellen aus, wenn er in meine Nähe kommt – und dass er übernächsten Freitag von uns allen grüne Karten gezeigt kriegt, ist so gut wie sicher. Wie ich das alles satt habe … Vielleicht sollte ich doch wieder zurück an meine Schule gehen. ‚Und – warum tust du’s nicht einfach?’, fragte sie sich selbst. Weil ich verdammt noch mal keinen Bock habe, mich bis fünfundsechzig mit diesen verfluchten Blagen herumzuschlagen. Weil ich, wenn ich noch drei Jahre Bundestag schaffe, quasi ausgesorgt habe. Kreta. Sonne. Meer. Vielleicht zwei, drei zweiwöchige Bildhauerkurse im Jahr – ansonsten das Leben genießen und mich nur noch um meine Katzen kümmern, die lebendigen und die getöpferten …
Martina Esser-Steinecke lehnte sich an die hüfthohe Gartenmauer, und ihr war plötzlich nach Heulen zumute. Vor fünf, sechs Jahren erst waren da auch noch andere Gründe gewesen, aber sie schien sich an die schon nicht mehr so recht erinnern zu können. Du hast dich kaufen lassen, Steinecke. Du bist korrupt. Du bist genauso korrupt wie die, gegen die du mal angetreten bist, als dein Arsch noch neunzehn Kilo leichter war und quer durch eine Tür passte. Und der Esser ist dabei auch auf der Strecke geblieben …
»Und, hast du gestern mit Otto gesprochen?«, fragte Rainer Kolbe Sabine und ignorierte geflissentlich, dass ihr Blick ihn ungespitzt in den Boden rammte, weil sie offensichtlich viel lieber mit Zoller gesprochen und dem weiter ihr Konzept verkauft hätte. Aber freilich konnte sie nicht umhin, ihm zu antworten, und sah währenddessen nur missmutig hinter Zoller her, der zu Martina hinüber schlenderte und sich lässig neben sie auf das Mäuerchen schwang.
»He, Tina«, sagte er und stieß heftigen Rauch aus der Nase, als wüsste er genau, dass sie das gleich aus der Balance brachte – nicht einmal wegen des verhassten Zigarettenrauchs würde sie von ihm abrücken. Viel zu sehr war sie sich bewusst, dass sich sein muskulöser Oberschenkel an ihren Arm drückte. »Du hast mich so komisch angeguckt, eben, da drinnen. Was hast du denn wirklich gedacht?«
Das würd’ ich dir nicht mal erzählen, wenn du mir deine Scheiß-Kippe jetzt ins Ohr stecken würdest, dachte Martina.
»Wie meinste’n das?«, fragte sie laut und wandte sich ihm mit einer halben Drehung zu.
»Ach, weiß nicht«, sagte er leichthin. »Irgendwas schien in der Luft zu hängen.« Sie zuckte die Schultern und zog ihre Zöpfe gerade. »Aber was anderes«, sagte Zoller und schlug wie beiläufig ein Bein über das andere, sodass nun wie unabsichtlich sein Knie ihre Brust berührte. »Was machste’n heut’ Abend?« Martinas Atem setzte einen Moment aus. Sie spürte das Knie, die Kraft und die Wärme, und sie spürte, wie rote Flecken von dort ihren Hals hinauf kletterten. Und sie hoffte, dass die nicht zu sehen waren. Aber wieso dann wanderte sein Blick jetzt von ihren Augen dorthin? Und von da zu ihren Lippen, ihrem vollen, breiten Clownsmund, auf den sie – zu Recht – so stolz war?
Oh nein, Steinecke, du wirst jetzt nicht ohnmächtig werden.
»Wieso?«, fragte sie und versuchte zu ignorieren, dass ihre Brust anschwoll, ihr Nippel sich versteifte. Zoller antwortete nicht. Lächelte bloß sein verdammtes, herzerwärmendes, von sich selbst überzeugtes Lächeln und schlug in Zeitlupe die Wimpern hoch, bis er wieder in ihre Augen sah, mit seinen braun-grün gefleckten, permanent zwischen schläfrig und stechend changierenden, die immer auf sein Gegenüber los gingen wie der Kettenhund eines hessischen Bauernhofs. Wo Zoller ja auch herkam. Grüne Augen, Froschnatur, von der Liebe keine Spur, ging Martina ein alter Kinderreim durch den Kopf. Aber sie schluckte. Musste schlucken. Er will mich immer noch. Er will mich noch mal. Und dann sah sie Sabines waidwunden Blick zu ihnen herüber, sah Paulas Tränen, Christas scharfe Falten um den Mundwinkel, Annemaries Wut, Helgas abgekaute Fingernägel, sah sich selbst mit verquollenen Augen in ihrem Bonner Appartement sitzen und sich an einer Flasche Rotwein festhalten und Mon Chéri in sich hineinstopfen. Sie drehte sich ganz zu ihm herum, trat einen halben Schritt zurück und legte ihm beide Hände auf die Oberschenkel. Ziemlich weit oben. Holte einmal kurz und heftig Luft durch die Nase, blickte ihm in die Augen und sagte:
»Mit Verlaub, Herr designierter Parteivorsitzender, Sie sind ein Arschloch!« Und sie sah sich selbst an einer Hafenmole stehen, der Wind peitschte ihr die Zöpfe um die Wangen, und das Horn eines Dampfers tutete, und vor ihr rasselten Ketten und Taue von Pollern, rutschten platschend ins Wasser, und ein Schiff legte ab. Aber es war kein Schiff, es war die weiße Küste Kretas, und sie entfernte sich, langsam, aber unaufhaltsam, in Richtung eines strahlend Ägäis-blauen Horizonts, und lachende Matrosen in blau-weiß gestreiften Hemdchen warfen Ballast ab – tönerne Katzenfiguren in allen Stellungen; und aus dem Inneren des Schiffsbauchs erklang das klägliche Maunzen und Miauen zum Ertrinken verdammter, noch lebender Katzen, und Martina hatte beide Hände um das letzte, schenkeldicke Tau gekrallt, versuchte, die Insel festzuhalten, ihren Traum festzuhalten …
Und jemand neben ihr lachte aus vollem Hals.
Nein, vor ihr. Und dann legten Zollers Hände sich um die ihren und lösten die in seine Oberschenkel gekrallten Finger, und eine der Hände kam hoch, und ein nach Nikotin stinkender Zeigefinger hob ihr Kinn an.
»He«, sagte Zoller, immer noch lachend. »Ich weiß ja nicht, was du dir gedacht hast – aber ich wollte mit dir mal über den Umweltministerposten in Hessen reden. Unter vier Augen.«
Sie wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken. Aber dann konnte er es doch nicht lassen – sein Scheiß-Casanova-Syndrom eben, und seine Hand wanderte von ihrem Kinn über ihren Hals, legte sich schmeichelnd um ihren Nacken, sein Daumen glitt an ihrem Hals hoch und spielte mit ihrem Ohrläppchen …
»Fick dich«, sagte Martina, drehte sich um und ging ins Haus.
6 – Heinz

Stuttgart, Sonntag, 20. Juli 1986
»Fuck!«, sagte German Heinz zu seinem Spiegelbild. »Ich nehm’ Strom!« Das Spiegelbild grinste ihn an, ein verzerrtes, schiefes Wolfsgrinsen, nicht nur wegen der unzähligen weißen Flecken von Zahnpasta und verkalktem Wasser auf dem Glas und weil der Spiegelschrank in seinem Badezimmer arg schräg, nämlich nur noch an einem Nagel hing. »Ja, ja, ich auch, ha ha. Mächtig unter Strom, mein Lieber. Feines Stöffchen, das uns der liebe Steuerzahler da beschert hat!« Unbewusst rieb Heinz über die verschorften Einstichstellen in seiner Ellbogenbeuge. »Aber ich meine den Meisterkiffer. Wir könnten einen kleinen, unverdächtigen Unfall inszenieren, ein bisschen Strom auf seine Gitarre legen und ihn in die Fußstapfen von Leslie Harvey und John Rostill schicken. Einfach die Erde vom Netzstecker seines Scheiß-Amps abklemmen – und schwups! Ghost riders in the sky! Ha ha! Lacrimosa, dies illa statt Legalize it!« Der Spiegel blieb unbeeindruckt. »Lacrimosa, dies illa …«, sang Heinz übertrieben pathetisch die achtzehnte Strophe von Thomas von Celanos Hymnus vom Jüngsten Gericht. Dann kicherte er. »Kannst ja mal sehen, was die Richter da oben von deiner Kampagne halten, Alter!«
»Na, vielleicht kiffen die auch«, sagte das Spiegelbild, und Heinz setzte sich erschrocken auf die Kloschüssel. »Du glaubst doch nicht wirklich, dass es damals um einen beschissenen Apfel ging, oder?«
»Baum der Erkenntnis«, murmelte Heinz und spürte, wie ihm kalte Schweißtropfen auf Stirn und Schläfen traten.
»Padah!«, bot ihm der Spiegel einen Tusch. »Erste Erkenntnis: Man muss wissen, welchen Verstärker das Opfer benutzt. Zweitens: Dann muss man dessen Netzkabel für ein paar Minuten unter Kontrolle bringen. Unbeobachtet. Denn drittens: Um den Verstärker herum wimmelt es von Bühnenhelfern, Ordnern, Musikern, Roadies … Viertens: Das Kabel muss wieder an seinen Platz. Fünftens: Das bisschen Strom auf Gitarrensaiten ist zwar unangenehm – aber möglicherweise tödlich nur dann, wenn das Opfer gleichzeitig mit nackter Haut die Saiten berührt und das Mikrophon. Oder barfuß auf einer nassen Bühne steht. Vielleicht kriegt es aber auch bloß kräftig eine gewischt, setzt sich auf seinen Hintern und ist für zwei, drei Minuten ein wenig blass um die Nase und hat ein Weilchen eine taube Lippe. Und wird dann noch gefeiert, weil es trotzdem weiterspielt. Baum der Erkenntnis …!«, giggelte der Spiegel. »Dass ich nicht lache. Die allererste Erkenntnis lautet ja wohl: Nachdenken, Heinzi! Erst denken, dann handeln!«
Dann schwieg der Spiegel. Eine ganze Weile. Aber schließlich entfuhr ihm noch einmal ein schrilles Kichern. »Ach, du Scheiße!«, quiekte er – und der letzte Nagel löste sich aus dem schimmeligen Putz, und der ganze Spiegelschrank rutschte mit Geschepper und Geklirre ins Waschbecken.
Heinz war ziemlich froh, dass er schon auf der Toilettenschüssel saß. Und dass er, obwohl er es sich seit vier Monaten fast täglich vornahm, immer noch nicht den abgebrochenen Klodeckel ersetzt hatte. Und dass er sich nach dem Duschen noch nichts angezogen hatte.
7 – Büb

München, Montag, 21. Juli 1986
»Aber wir dürfen natürlich auch die nackten Tatsachen nicht aus den Augen verlieren«, sagte Dörmann gerade, als wir in Pfundigs Hinterhofbüro ankamen, und war, als er mich erkannt hatte, nach einem nervösen Wimpernflattern bemüht, nicht mehr in meine Richtung zu sehen. Ich hatte nix dagegen. »Es ist euch doch klar, dass uns – wie immer die Chose bis Sonntagabend gelaufen ist, am Montag eine Abrechnung ins Haus steht.« Uns …?
»Hat der denn hier verloren?«, murmelte ich Pfundig ins Ohr, während ich ihn umarmte und ihm ein paar Männergruppenklapse auf den Rücken gab.
Dr. Dr. Dietmar Dörmann hatte mehr Gesichter als Graf Ferrarys berühmte Briefmarkensammlung, wenn auch eventuell nicht ganz so viel Kohle wie jener – allein die Versteigerung dieser Sammlung hatte dem französischen Staat in den Zwanziger Jahren sechs Millionen Goldmark eingebracht.
’Ne Weile her, dass wir miteinander zu tun hatten. Also Dörmann und ich, nicht Ferrary. Er war Brittas Bruder, und was er mit der in ihrer Jugend angestellt hatte, war alles andere als schön. Jedenfalls nicht für sie. Immerhin hatte er mir vor zehn Jahren geholfen, sie aus den Händen ein paar mieser Kidnapper zu befreien.
»Wirst’s net glau’m«, sagte Pfundig und verpasste mir seinerseits gleichzeitig einen Schmatz auf die Wange und einen Leberhaken. Na ja, er war in einer bayrischen Männergruppe gewesen. Mittlerweile war er hauptberuflich Präsident seines eigenen kleinen, aber feinen Musikimperiums – nachdem er in den Siebzigern mit dem Buchen von Auftritten für Sallinger, den ewigen bayrischen Lokalmatador, ein Händchenvoll Geld gemacht hatte, war es ihm gelungen, noch mehr Händchen zu beweisen, indem er eine Truppe von Rock-Komikern aus Österreich für den deutschen Markt entdeckt und so geschickt aufgebaut hatte, dass sie Stammgast in der ZDF-Hitparade waren und er sich seit fünf Jahren den Spaß leisten konnte, nebenher das Booking für Penner’s Radio zu machen; er hatte uns sogar aus unserem beschissenen Bierdeckelvertrag mit der Münchener Konkurrenz rausverhandelt, und dank seiner Rührigkeit, seiner Kontakte vom Feinsten und seiner Loyalität seinen Künstlern gegenüber schien unsere letzte Platte sogar ein bisschen was für uns abzuwerfen – im Land der Neuen Deutschen Welle beileibe keine Selbstverständlichkeit.
»Wieso?«, fragte ich.
»Glei’«, sagte Pfundig, stand auf und klopfte mit einem Kaffeelöffel an seine Tasse. »So, Leit’«, sprach er die ganze Runde an, »jetzt sind wir wohl alle vollzählig, erst mal zumindest. Wie ich eben erfahren hab’, wird der Rothenberger es heut’ wohl nimmer her schaffen. Und ’s Management vom Broth hat a Fax g’schickt, in dem alles drin steht, was sie wie geregelt haben woll’n. Schätze, da wer’ma später noch drauf kommen – des sind neun Seiten.« Geringschätziges Gelächter um den Tisch herum. »Für den Fall, dass ihr euch eh net alle scho’ kennt, werd’ ich mal kurz die Vorstellung übernehmen. Also …«
»Nette Runde«, sprach Veedelnoh aus, was ich gerade dachte, und verzog das Gesicht, als hätte er gerade ein warmes belgisches Kirschbier auf Ex getrunken.
»Wolltest ja unbedingt mit«, erwiderte ich.
»Mh, weil du ja immer gleich alles wieder vergisst, was bei solchen Konferenzen Wichtiges verhandelt wurde, Büb.«
»Pah.«
»Büb!«, ermahnte mich Pfundig. Womit ich dann auch schon, nein, nicht vergessen, aber verpasst hatte, wer die beiden Gestalten am anderen Ende des Tischs waren, die aussahen, als seien sie von einer altbayrischen Trachtengruppe ausgeschickt worden, um mal Bericht zu erstatten, wie es in der Kulturszene Preußens so zuging. Wie sich herausstellte, saßen sie beide im Stadtrat von Scherdorf, der zuständigen Kreisstadt für Pöckensdorf und alles, was dort genehmigungspflichtig war. Falls es dort irgendetwas gab, das nicht genehmigungspflichtig war.
Pfundigs Konferenztisch war ungefähr so groß wie die meisten Bühnen, auf denen wir spielten. Er stand im Innenhof eines Hinterhauses in Haidhausen, umgeben von Hydrokulturbäumchen und überspannt von einem grünlichen Glasdach. Wir alle sahen aus, als säßen wir in einem Riesenaquarium. Auf dem Tisch gab’s ein paar schwere Aschenbecher, Unmengen von niedlichen grünen Wasserfläschchen, ein paar verchromte Thermoskannen und Kaffeegeschirr, Schälchen mit Obst und Keksen, eine Karte vom Kreis Scherdorf und eine Menge Papierkram. Eine Menge Papierkram.
Kein Bier.
Noh und ich guckten uns an und nickten. Siehste, sagten unsere Blicke. Er klappte seinen Rucksack auf und holte ein paar Büchsen heraus. Der kluge Mann baut vor. Zisch.
»Büb«, sagte Pfundig noch einmal.
»Ja, ja, ich hab’s mitbekommen – Herr Janssen vom bayrischen Innenministerium. Prost, Herr Janssen.« Herr Janssen nickte gnädig. Die junge graue Maus neben ihm, die uns die ganze Zeit mit halb offenem Mund angestarrt hatte, sah daraufhin ihn an und begann dann hektisch, Notizen in einen Spiralblock zu kritzeln – exotisch, wenn nicht gar verdächtig aussehende Musiker trinken Bier; Janssen nickt …? Sicher würde sie spätestens morgen Mittag unsere Lebensläufe vor sich liegen haben.
»Möchten Sie auch eins, Frollein?«, fragte Veedelnoh, als sie zwischendurch zu ihm hoch schielte. Sie schüttelte so heftig den rot gewordenen Kopf, als hätte er ihr angeboten, gemeinsam Herrn Janssens trotz offensichtlichen Festbügelns leicht verrutschtes Toupet zu bepinkeln, und konzentrierte sich fortan auf ihren Block.
»Xaver ist für’s Catering zuständig«, sagte Pfundig gerade. Ich prostete auch Xaver zu; den kannten wir schon seit Jahren, von unzähligen Festivals. Er grinste mich breit an, breit wahrscheinlich in mehrerer Hinsicht, und grinste noch breiter Veedelnoh an, der ihm ein Bier rüber warf.
Alle sind käuflich im Showgeschäft.
Weiter ging’s im Uhrzeigersinn. Anwesend waren noch die Vertreter dreier großer Plattenfirmen, zweier mächtiger Musikverlage und des Bayrischen Rundfunks, ein Herr von der ARD und je eine Dame von WDR und ZDF, die Vertreter von drei Bands, die man wohl ohne weiteres auf der Top Act-Liste finden würde, der Konzertveranstalter Franjo Homburg und zwei Vertreterinnen der Bundes-Grünen. Ebenfalls aus Scherdorf kam ein Pärchen von der Scherdorfer Anti-Atomkraft-Gruppe – zwei Freaks, die schon seit fünf Jahren in Pöckensdorf ein Anti-Atom-Festival organisierten –, während drei weitere Freaks in Sachen Licht und Ton aus Hamburg, Frankfurt und Köln angereist waren. Wo Dörmann inzwischen wohnte, wusste ich nicht; vielleicht immer noch in seinem Wasserschloss bei Wiesbaden. Aber mehr interessierte mich eigentlich auch, wieso er hier war.
Die Intelligenz ist ja nur das Vorzimmer unserer wahren Persönlichkeit, hatte Manuel Réja schon 1907 in »Die Kunst der Verrückten« geschrieben, seinem Standardwerk der Psychopathologie. Ich wusste nicht, ob Señor Réja noch lebte, aber weiter als in Dörmanns Vorzimmer schien er es bei seinen Recherchen nicht geschafft zu haben – dahinter sah es eher aus wie in Opa Klütschs ehemaligem Werkzeugschuppen: voller Staub und Dreck und Schmiere und Taubenkacke und Spinnweben und toten Fliegen, Asseln und Mäusen, und es stank nach Verwesung, nach Farbresten, Terpentin, Öl, Benzin und alten Gummischläuchen und Fahrradreifen, nach abgestandenem Rauch, feuchtem Mörtel, Schimmel und Schwamm. Nach Schwarzem Mann und nicht nachvollziehbaren Strafmaßnahmen, nach Gemeinheiten, Schrecken, Schmerzen und Tränen.
Klar war Dörmann intelligent, in hohem Maße, aber wahrscheinlich hatte er es auch schon seit dem ersten Kindergartenwettbewerb »Wer malt das schönste Christkind?« auf den Tod nicht ausstehen können, bei irgendetwas Zweiter zu sein, egal was es war. Es ist ja die Sorte Mensch schon schlimm genug, die meint, ständig überall dabei sein und überall und zu jedem Thema mitreden zu müssen – aber wenn jemand dann auch noch an Logorrhoe leidet, der Laberkrankheit, und darüber hinaus von keinem Zweifel beschattet ist, er könne nicht von allen am besten Bescheid wissen, er sei es, der auf jeden Fall und immer recht habe … Ich konnte ihn jedenfalls nicht leiden; von den unappetitlichen Einzelheiten seiner familiären Vergangenheit mal ganz abgesehen.
Aber er war hier und heute so ganz in seinem Element. Irgendeine Arschgeige aus den oberen Stockwerken der Polit-Hierarchie hatte anscheinend auf den letzten Drücker die gloriose Idee gehabt, der Dörmann, der habe doch schon vor ein paar Jahren so hervorragende Arbeit als Organisator der Kasseler Rock gegen Rechts-Festivals geleistet. Und dann noch die zwei Doktortitel – also war er quasi der Mann für ein so heikles Unternehmen wie das Paaf!.
Und wir hatten ihn am Hals.
Einem bereits nach einer halben Stunde ziemlich dicken Hals, und das galt nicht mal nur für mich.
Die Leutchen von der Scherdorfer Festivalgruppe waren sauer, weil ihnen hier offensichtlich etwas aus der Hand genommen wurde, das sie schon fünf Jahre erfolgreich aus eigener Kraft gestemmt hatten.
Die Jungs aus ihrem Stadtrat sahen hier natürlich eine schöne Gelegenheit, ihnen auch künftig ein paar kräftige Knüppel zwischen die Beine werfen zu können. Außerdem war es deren Chance, der bayrischen Landesregierung Parteilinie und Vollzugsfähigkeit zu demonstrieren.
Deren Vertreter Janssen war vor allem bemüht, mit Zähnen und Klauen Landeskompetenzen zu verteidigen und eine ganze Handvoll Schwarzer Peter Richtung Bonn zu schieben. Er ließ sich freilich die Gelegenheit nicht entgehen, die buckelnden Scherdorfer noch eine Nummer kleiner zu stutzen, nach dem Motto »Hättet Ihr diesen Festival-Unsinn schon vor fünf Jahren unterbunden, hätten wir heute nicht solche Probleme …«
Was wiederum die Grünen auf die Palme brachte, denn schließlich sei die ganze WAA doch erst einmal, wenn schon nicht vor allem auf Landesmist, dann doch in jedem Fall auf dem des konservativen Lagers gewachsen, industriefreundlich, wie dieses doch seit jeher sei; und außerdem lebe man schließlich in einer Demokratie, aber wahrscheinlich sei ja gerade das die größte Befürchtung Janssens und seiner Konsorten und Vorgesetzten: Dass das Volk sich langsam und zunehmend seiner Macht bewusst werde, und dass die selbstherrlichen konservativen Parteien bei der nächsten Wahl die Quittung für ihre Ignoranz und Arroganz und so weiter, und so weiter …
Die Jungs von den Musikfirmen interessierte das überwiegend einen feuchten Dreck – wann tritt unser Star auf, wollten sie wissen, und mit wem können wir über eine bessere Position verhandeln? Sie hatten bereits verhackstückt, auf welchem Label die Platte rauskommen würde, und konnten uns sogar schon einen Text vorlesen, der hinten auf dem Cover der Platte – ein Doppelalbum sogar – stehen sollte:
Paaf! Das 5. Anti-WAA-Festival – das größte der deutschen Rockgeschichte. 100.000 Besucher, 1.300 freiwillige Helfer, 600 Journalisten aus 10 Ländern und zirka 600 Musiker, Techniker und andere Aktive hinter der Bühne … Alle arbeiteten ohne irgendeine Gage. Die Erlöse aus dem Verkauf dieses Albums werden dem Widerstand gegen die Wiederaufbereitungsanlage unmittelbar zufließen … Neben Zuteilungen für die Bürgerinitiativen, Prozesskosten und ein Ökohaus in der Oberpfalz werden 10% der Einnahmen für das 6. Paaf!-Festival zurückgestellt. Hoffen wir, dass dies nicht mehr stattfinden muss.
»Und wer kontrolliert das?«, fragte kritisch der Pastor und schaute sich unauffällig um, ob auch alle seinen Mut bewunderten. ‚Dä Pastur‘ wurde der Sänger von Ming Tant aus Köln in Köln genannt – der Kölner ist ziemlich gut im Erfinden von passenden Spitznamen. Dieser war einer von den sehr passenden, weshalb er dem Chef von Ming Tant gewöhnlich ein eher säuerliches Lächeln entlockte.
»Wir«, lächelte der Vertreter der Universum – seiner Plattenfirma – ebenfalls säuerlich, und ich sah schon vor mir, wie aus den zugesagten fünfzehnhundert Ming Tant-T-Shirts nächste Woche auf einmal hundertfünfzig wurden. »Aber ihr habt selbstverständlich jederzeit Einblick in die Abrechnungsunterlagen.«
Dass es über ein paar tausend oder -zigtausend unter der Hand in Frankreich gepresste Alben gar keine Unterlagen geben würde, ließ er unerwähnt. Aber warum soll man auch Musiker mit solchen buchhalterischen Kinkerlitzchen belasten. Weshalb sich der Pastor auch zufrieden zurücklehnte und unter seinem sorgfältig ondulierten Pony wahrscheinlich schon an seiner Berichterstattung im Bandbüro feilte (»Gut, dass ich da war, Jungs – denen hab’ ich ganz schön Feuer unterm Arsch gemacht mit meinen kritischen Fragen!«).
»Apropos Abrechnungsunterlagen«, meldete Xaver sich. »Sind meine Informationen richtig, dass der Reisekostenzuschuss für zwölf Lichtleute viermal so hoch ausfällt wie der für ein zweiundzwanzigköpfiges Cateringpersonal?«
»Wenn, dann zu Recht!«, bellte der Frankfurter Lichtmann. »Meine Leute malochen schließlich rund um die Uhr!«
»Ach ja?«, grinste Xaver. »Fällt unter Maloche auch, dass morgens um vier unser Küchenzelt um zwei Flaschen Osborne erleichtert wird?«
»Wenn, dann allenfalls, um der arbeitenden Bevölkerung die Verdauung deines so genannten Curry-HuhnPnomh Peng zu erleichtern«, kam der Hamburger PA-Verleiher seinem Lichtkollegen zu Hilfe.
»Meinst du das Gericht, von dem jeder Bühnenheini am Nürburgring mindestens vier Portionen haben wollte, weil’s so lecker war?«
»Na ja, lecker schon – aber du hättest vorher erklären können, warum das Peng heißt. Wir mussten uns für backstage nachts noch zwei Klohäuschen aus dem Publikumsbereich organisieren!« Allgemeines Gelächter.
»Okay«, lachte Xaver gutmütig mit. »Dann sei hiermit schon mal drauf hingewiesen, dass es in Pöckensdorf einen Gulasch Peng Paaf! gibt. Verzehr auf eigene Gefahr.« Noch mehr Gelächter. Bring die Rede auf Schwiegermütter, ehelichen Sex oder aufs Furzen, dann hast Du deine Lacher sicher; da unterscheidet sich der alternative deutsche Konferenztisch kein bisschen von irgendeinem Stammtisch.
Und zu alldem hatte natürlich Dörmann sein Scherflein beizutragen. Bei einer jeden, aber auch jeden Wortmeldung hatte er einen Kommentar parat, äußerte erst mal eine Menge Verständnis für jeden Beitrag und jede Bedenken, schmierte jedem Bedenkenträger erst ordentlich Honig ums Maul, um ihn oder sie weich zu klopfen für eine anschließend schleimig vorgetragene Bitte um Verständnis für die Interessen und Nöte der anderen. Und alle ließen sich von ihm besänftigen und in konstruktive Bahnen leiten, wurden kooperativer, machten bereitwillig Abstriche von ihren Forderungen, waren bemüht, tragfähige Kompromisse zu erreichen. Und immer wieder erntete Dörmann beifälliges Nicken, besonders vom alten Homburg und dem vor allem an einem möglichst reibungslosen Ablauf interessierten Janssen.
Widerwillig musste auch ich zugeben, dass er das wirklich sehr geschickt anstellte. Aber es käme sicher auch niemand auf die Idee, ich müsse, gezwungen, ihm bei der Arbeit zuzusehen, einen Proktologen ins Herz schließen, bloß weil er sein Handwerk besonders gut beherrscht.
Doch selbst Dörmann musste erst mal schlucken, als die Tagesordnung bei dem neunseitigen Fax von Helfried Broth ankam. Dem zufolge waren, sinngemäß, alle teilnehmenden Musiker höchstenfalls Vorprogramm dritter Klasse, selbstverständlich nach den Wünschen des Meisters sortiert, und das Paaf! müsste eigentlich Helfried-Broth-Gala heißen. Krönung war, dass er damit drohte, gar nicht erst aufzutreten, wenn das Plakat zum Festival, das auch für die Bewerbung des Films benutzt werden sollte, nicht noch geändert würde. Die Scherdorfer Freaks hatten dies, wie immer, von einem Comic-Zeichner aus ihren eigenen Reihen entwerfen lassen; in diesem Jahr marschierte auf gelbem Hintergrund unter einem knallrot explodierenden Paaf! eine Meute knollennasiger bunter Demonstranten auf den Betrachter zu, Transparente über den Köpfen, auf denen so was wie Atomkraft? Nein danke! stand und WAA? Nee! – und die Namen der zugkräftigsten Kapellen des Festivals. Und da war Broths größtes Problem – es gab, ziemlich zentral, zwei gleich große Transparente, und sein Name auf dem einen war deutlich kleiner geschrieben als der von Ming Tant auf dem anderen, derzeit seine heftigsten und verhasstesten Konkurrenten. Seit drei Monaten wechselten die beiden sich an der Spitze der Pop-Hitparaden ab, er mit seiner Single Aus Essen komm ich (zu Essen werd ich), die Kölner mit ihrem durchaus dazu passenden ersten Versuch in Hochdeutsch, Marlene hat gekocht. Und nun fiel der Kohlenpott-Primadonna so was ein, ein paar Tage vor dem Festival …
»Na, dann kommt er eben nich’«, sagte ich trocken. Etliche Köpfe ruckten zu mir herum, und es trafen mich ein paar Blicke zwischen Steinigt ihn! Er hat gelästert! und Wer ist denn dieser Penner? »Na ja«, sagte ich, »wer wird ihn schon vermissen? Auf der Bühne kaum jemand, hinter der Bühne kein Schwein, und vor der Bühne werden die Bravo-Leser auch nicht so zahlreich vertreten sein. Mal davon abgesehen, dass wir hier über ein paar hundert Plakate reden, die seit sechs Wochen gedruckt sind und seit vier Wochen in ein paar Jugendzentren des Landes und an ein paar handverlesenen Bauzäunen hängen. Wenn überhaupt – wahrscheinlich hängen sie eher wieder in jedem dritten Wohngemeinschafts-Klo.«
»Vielleicht vergessen Sie die ganzseitigen Anzeigen in diversen Musikzeitschriften und Wochenmagazinen, die wir geschaltet haben?«, sagte der Heini von Broths Plattenfirma. »Und das Kinoplakat?«
»Die Radio-Spots«, ergänzte Broths Verleger. »Die hat uns auch niemand geschenkt.« Veedelnoh sprang mir bei:
»Na, bei euren derzeitigen Umsätzen werdet Ihr wohl dringend ein paar Werbekosten geltend –»
»Junger Mann«, unterbrach Homburg ihn müde, »was wissen Sie schon vom G’schäft?«
»Aber hier geht’s doch nicht um eure Geschäfte!«, protestierte das Scherdorfer Anti-Atom-Mädel. »Hier geht’s um …, um …, also …«
»Genau«, sagte ich. »Und davon abgesehen – wenn ich Grafiker wäre, müsste ich bei zwei gleich großen Kästchen Helfried Broth & Die Aufsteiger auch kleiner schreiben als Ming Tant …«
Aber der Kollege Helfried hatte in den letzten drei Jahren an die anderthalb Millionen Platten verkauft. Dass er das eventuell weniger seiner Musik als seiner tragenden Rolle in der überaus erfolgreichen Fernsehserie Leinen los! zu verdanken hatte, interessierte hier niemanden. Umsatz ist Umsatz. Und wenn Broth nicht auftrat, würde er nicht auf dem Album vertreten sein. Und wenn er nicht auf dem Album vertreten war, würde davon womöglich ein Drittel der geplanten Hunderttausender-Startauflage in den Regalen liegen bleiben. Also hätte ich hier in meinen schäbigen Klamotten auf dem Tisch herumstehen, ein volles Aquarium auf dem Kopf balancieren, mit drei Händen voll Götterspeise jonglieren und gleichzeitig die Goldberg-Variationen furzen können – ich spielte hier keine Rolle; ich war bloß einer dieser Musiker …
Also musste Dörmann all seine diplomatischen Fähigkeiten aufbringen, um eine Kompromisslösung zu finden. Einer der Vorschläge dazu lautete, Broth und seine Kapelle sollten, um seiner besonderen Stellung in der deutschen Musiklandschaft willen, erstens an beiden Abenden als Top Act auftreten, und zweitens solle man doch darüber nachdenken, bei der geplanten großen All-Star-Session zum Abschluss statt des unausweichlichen Knocking On Heaven’s Door vielleicht ein paar von Broths Hits zu spielen. Tonlos vor sich hin pfeifend holte Veedelnoh einen Würfel aus der Tasche, ließ ihn über die Tischplatte klackern und knallte die Hand darauf, bevor man sehen konnte, welche Zahl oben lag.
»Verlierer geht«, sagte er zu mir.
»Unpaar«, sagte ich. Noh hob die Hand. Eine Vier. »Vielleicht auch besser so«, brummte ich. »Bevor ich ihnen anbiete, Zu Essen werd ich als Schlagzeugsolo aufzuführen, mit ein paar Pizza Funghi als Becken und Helfrieds Arsch als Bassdrum.«
»Und Kippen«, sagte Noh und gab mir einen Zehner.
Also ging der Verlierer.
In die Kneipe um die Ecke von Pfundigs Büro. Bier holen.
Und Kippen.
Auf dem Weg dorthin kam ich an einem heruntergekommenen Altbau vorbei, der aussah, als sei er von Hausbesetzern bewohnt. Unter einem offenen Fenster im ersten Stock hing ein Bettlaken mit der obligaten Anti-AKW-Sonne; aus dem Fenster schallte Musik. Jemand grölte mich an, ich solle kaputt machen, was mich kaputt macht. Ich überlegte, womit oder mit wem ich da wohl am besten anfinge, und assoziierte einen endlosen Reigen von Arschgeigen, die sich gegenseitig kaputt machten, weil sie einander kaputt machten, weil sie einander kaputt machten, weil sie einander kaputt machten. Ich fragte mich, ob ich da heil wieder rauskommen würde. Oder überhaupt irgendjemand …
»Aber wo wir eben beim Thema Sanitäranlagen waren«, nahm gerade einer der Scherdorfer Stadt-, Land-, Flussräte einen anderen Faden wieder auf, als ich drei schnelle Helle später wieder zurück kam, ein paar Flaschen Löwenbräu unterm Arm. Und Kippen. »Da sind wir doch wohl angesichts der neuesten Zahlen, was die erwartete Menge der Zuschauer angeht, anscheinend längst nicht mehr auf dem neuesten Stand. Wir in Scherdorf haben da ein interessantes Angebot von einem örtlichen Unternehmer vorliegen …«
»Ach, der Heugen«, brummte Homburg.
»Ah, Sie kennen den?« Homburg schwieg und beschäftigte sich angelegentlich mit seiner schweren Armbanduhr, als hätte er schon zu viel gesagt, sein Lächeln ungefähr so dünn wie der Kaffee in einem Mitropa-Speisewagen
»Na, wer kennt den net?«, sprang Pfundig ein. »I könnt’ dreimal im Jahr nach Mallorca flieg’n, wenn i den öfters b’schäftigen würd’.«
»Aber der hat die Kapazitäten, die mir brauch’n«, beeilte sich der zweite Ratsherr zu versichern und versuchte, nicht allzu ertappt auszusehen. Aber sicher war Meerluft gut für seine Augen. Er trug eine Brille, so dick wie der Boden von Apfelkorngläsern. Ich musste es ja wissen, so oft, wie ich da schon durchgeguckt hatte.
»Mag sein«, sagte Pfundig und wies auf die Bühnenleute. »Aber denen dürfen’s von dem seine Preisvorstellungen scho’ fei’ goar nix erzähl’n.« Hochgezogene Augenbrauen bei Licht, Ton und Catering.
»Aach«, winkte Stadtrat Nummer eins ab. »Mit dem kann man verhandeln!«
»Mit dem Heugen verhandeln?!« Pfundig lachte. »Na, viel Vergnügen!«
»Scho’«, sekundierte Stadtrat Nummer zwei. »Mir müssten eam halt bloß an kleinen G’fallen tun …«
8 – Martina

Bonn, Montag, 21. Juli 1986
Das schwere Kernkraftwerkunglück von Tschernobyl am 26. April 1986 zeigt besonders deutlich das Risiko der Kernkraft für die Gesundheit der Menschen, las Martina Esser-Steinecke bei dem Versuch, sich noch ein wenig schlauer zu machen, ein Stück weiter in die Materie einzusteigen und Sabine Illenbergers Vorsprung zu verkleinern.
Ausgelöst wurde das Unglück durch eklatante Mängel in der Reaktorkonstruktion und, letztendlich, dadurch, dass subalternes Bedienungspersonal im Laufe eines völlig fehlgeplanten und überhastet durchgeführten Experiments hoffnungslos überfordert war. Das Experiment hatte dazu dienen sollen, herauszufinden, ob sich aus der Hitze, die bei einem Kernreaktor normalerweise verloren geht, wenn er für Wartungsarbeiten auf ein Minimum seiner Leistung herunter gefahren wird, nicht brauchbare Energie gewinnen lassen könnte. Ein Experiment, das im Falle des Gelingens wegweisend für den Betrieb solcher Reaktoren weltweit gewesen wäre, zum Ruhme sowjetischer Technik und Wissenschaft. Ein Experiment, das aber in der geplanten Form gar nicht gelingen konnte – es löste eine Kernschmelze aus, und im Reaktor des Blocks Vier von Tschernobyl gab es eine verheerende Explosion.
Dadurch wurde eine unkontrollierte Kettenreaktion ausgelöst, die noch Tage später kaum bewältigt werden konnte.
»Unkontrollierte Kettenreaktion«, sagte Martina zu Georgina. »Das kenn’ ich!«
Georgina war eine ihrer fünf Katzen, benannt nach den weltberühmten Fünf Freunden Enid Blytons: Anne, Georgina, Richard, Julius und Tim, der Hund. Es waren zwar drei Katzen und zwei Kater, aber Martina hatte, bei allem Engagement für Gleichberechtigung, ihr Namensgebungssystem deswegen nicht umwerfen wollen, und so hieß die dritte Katze, eine ausgerechnet in Griechenland zugelaufene, rot-braun gefleckte Türkisch Angora, eben Tim-der-Hund. Aber die alte Streunerin war natürlich wieder mal irgendwo in den Hinterhöfen Bonns unterwegs. Anne und Richard waren Geschwister mit der feinen blauschwarzen Wolle der Kartäuser, die wie üblich noch zusammengerollt im Schlafzimmer in dem Regal mit den Pullovern lagen und leise schnarchten. Julius war ein finster dreinblickender weißer Perser, der auch jetzt wieder mit einer Miene auf der Fensterbank lag, als wäre eine Ladung Ammoniak das Beste, das er für die ersten Frühaufsteher und Zur-Arbeit-Haster da unten zu bieten hätte, und Georgina, die auf dem Schreibtisch lag und sich ausgiebig ihrer Morgenwäsche widmete, war eine elegante Tonkanese, mit honigfarbenem Fell und den typischen schwarzen Siamkatzen-Abzeichen am Schwanz und im Gesicht.
Es war halb sechs morgens. Immer wieder ließ Martina sich ablenken, lenkte sie sich selbst ab, hing ihren Gedanken nach, schnüffelte an ihren Fingern, sog die Ausdünstungen ein, die aus ihrem Morgenrock stiegen, seufzte, wünschte sich einen Moment lang sogar, sie würde rauchen. Halb sechs, und Zoller war seit zwei Stunden weg.
… wird in der Regel die Kernspaltung von Uran 235 dazu benutzt, Wasser auf hohe Temperaturen zu erhitzen und damit Turbinen zur Stromerzeugung zu betreiben. Es gibt weitere für Kernkraftwerke nutzbare Nuklide, die spaltbar sind, so z.B. das Plutonium 239.
Seit einer Stunde und einundfünfzig Minuten, genauer gesagt. Nach dem zweiten Mal, keine zwei Minuten danach, gerade mal, dass er wieder zu Atem gekommen war, hatte er sich seine Lederjacke vom Fußboden geangelt, seine Zigaretten herausgefischt und sich eine in den Mund gesteckt. Martina hatte nichts gesagt, aber er hatte das unwillkürliche Luftholen bemerkt, als wolle sie protestieren, und hatte ihr einen verschmitzten Seitenblick zugeworfen.
»Ach so, ja«, hatte er gesagt. »Na ja, muss sowieso langsam los.« Hatte sich zu ihr herüber gebeugt, blitzschnell ihre Brustwarze in den Mund genommen – Mmmwah!, hatte Martina gemacht –, eine Sekunde daran gesaugt, war aufgestanden, hatte sich, ohne noch ins Bad zu gehen, angezogen, eine Sache von anderthalb Minuten, hatte sich in der Schlafzimmertür noch einmal herumgedreht, mit einem Augenzwinkern die zur Faust geballte Rechte bis in Schulterhöhe gehoben – und war weg.
Das in den Uranlagern auf der Welt vorkommende Natururan besteht nur zu 0,7 % aus dem spaltbaren U 235. Um eine Kettenreaktion in einem Reaktor zustande zu bringen, muss das Natururan auf 2-4% U 235 angereichert werden. Durch ein Neutron, das von außen auf einen U 235-Kern auftrifft, kann dieser gespalten werden. Dabei spalten sich die U 235-Atome mit bestimmten Wahrscheinlichkeiten in ganz verschiedene Zerfallsprodukte.
»Einfach weg«, sagte Martina. »Und ich lag da und kam mir genau so vor: wie ein Zerfallsprodukt. Das Zerfallsprodukt der Zollerschen Kernschmelze.« Sie kicherte und nahm sich eine weitere Vollkornmakrone aus der bunten Blechbüchse auf dem Schreibtisch. »Die vierte, Georgie? Oder ist das schon die fünfte?«
»Mäb«, machte Georgina, was man problemlos als »mir egal« interpretieren konnte, und gähnte.
Die bei der Spaltung freiwerdenden schnellen und energiereichen Neutronen müssen mit Hilfe so genannter Moderatoren abgebremst werden. Die Abbremsung geschieht in der Regel mit Hilfe von Wasser. Daher gibt es in Deutschland auch nur Druckwasser- und Siedewasserreaktoren. Es sei erwähnt, dass der Reaktor in Tschernobyl mit Graphit als Moderator anstelle von Wasser betrieben wurde.
»Abbremsen, ja, das wär’ nich’ verkehrt«, sagte Martina. »Es sei erwähnt, dass in unserem Fall aber wohl weder Wasser noch Graphit das Mittel der Wahl wären. Mal davon abgesehen, dass der Vorschlag reichlich spät kommt.« Nein, nicht, hatte sie gedacht, bleib noch, nur ein bisschen! Erhol dich, du siehst müde aus, wir sind beide müde, lass dich verwöhnen, mach’s noch mal …! Eine Stunde lang hatte sie sich noch im Bett herumgewälzt, nachdem die Wohnungstür zugeklappt war, war vielleicht zwischendurch ein paar Mal eingedöst, aber immer schnell wieder wach geworden, weil alle Phantasien ihres Halbschlafs sich nur um eins drehten, und das war erstaunlicherweise nicht die Aussicht, sich nach den kommenden Landtagswahlen im Chefsessel des hessischen Umweltministeriums wiederzufinden.
»Je oller, je doller«, giggelte Martina. »Sagt man nich’ so, Georgie?« Georgina blickte sie an mit ihren unergründlichen grau-grünen Augen, als wollte sie sagen »Was juckt mich das, ich bin erst drei. Im ersten Leben.« Julius stand auf, machte einen Buckel und zerrte am Blatt eines Geldbaums, als sei es das Genick einer Maus. Oder das Hosenbein eines Frühschichtlers.
»He!«, rief Martina. Julius setzte sich auf seinen buschigen Schwanz, und der finstere Ausdruck, mit dem er sie bedachte, schien zu sagen »Und wenn du Matschkuh nicht bald aufhörst, mich hier in meinem eigenen Haus herumzukommandieren, kannst du dich auf was gefasst machen!«
»Na, na, na«, sagte Martina. Julius drehte gelangweilt den Kopf zum Fenster und widmete sich wieder dem Straßengeschehen.
»Ja, genau!«, schnaubte sie. »Kerle …!«
…wird mit Hilfe von Neutronen absorbierenden Stäben aus Bor oder Cadmium, die mehr oder weniger weit in den Reaktor hinein gefahren werden können, die Anzahl der Neutronen gesteuert.
Er hatte nicht einmal bis zum Treppenhaus warten können, um sich seine verdammte Zigarette anzuzünden, hatte sie sofort bemerkt, als sie endlich aufgestanden war, um ins Bad zu gehen. Und hatte sich dabei ertappt, wie sie den Geruch tief eingesogen hatte, wie um doch noch irgendetwas von ihm festzuhalten.
»Wo doch der Rest gerade aus mir heraus lief«, sagte sie und verschluckte sich fast an ein paar Makronenkrümeln, als ihr klar wurde, was sie da gerade gesagt hatte. Sie spürte, wie sie rot wurde, und blickte sich unwillkürlich um, als könne irgendjemand sie beobachten. Mein Gott, dachte sie, schlimmer war’s auch nicht, als ich in Schumachers Thomas verknallt war. »Aber da war ich fünfzehn, verdammt!« Georgina fauchte und sprang fluchtartig vom Schreibtisch, als Martinas Hand auf die lederne Schreibunterlage klatschte. Eine Hektik, die Julius gar nicht gefiel – er flog von der Fensterbank, gab Georgina zwei schnelle Ohrfeigen und nahm mit einem lässigen Sprung ihren Platz auf dem Schreibtisch ein. Saß da und schaute Martina an, als sei sie die Nächste auf seiner Liste.
»Tut mir leid, Kinners«, seufzte sie. »Ich bin nicht mehr ich.« Sie nahm einen Schluck Kaffee und versuchte sich wieder auf den Text zu konzentrieren, Passagen, die Rainer Kolbe ihr aus dem Lexikon der Strahlenmedizin herausgesucht und kopiert hatte..
In einer Atom- bzw. Neutronenbombe dagegen wird der Neutronenvermehrungsfaktor so hoch wie möglich getrieben.
»Das wär’s noch!«, schreckte sie hoch. »Jetzt noch schwanger werden, mit einundvierzig!« Betroffen und blass sann sie eine Weile über diese Vorstellung nach. Stand auf, ging zum Schrank, goss sich einen Amaretto ein und kippte ihn hinunter, noch bevor sie sich wieder zum Schreibtisch umgedreht hatte. Na gut, dachte sie, füllte das Glas erneut, ging zurück an ihren Platz und goss den Likör in den Kaffee.
Dann stehen nach jeder Spaltung mindestens 2 Neutronen zur Einleitung weiterer Spaltungen zur Verfügung. Wenn also jeweils 2 Neutronen pro Spaltung frei werden und diese jeweils zu zwei neuen Spaltungen führen, sind es nach kürzester Zeit riesige Mengen an Neutronen. Um eine Kettenreaktion zu erhalten, ist eine bestimmte Masse erforderlich, die bei U 235 bei 6 kg liegt. Dann steht im Mittel mehr als 1 Neutron für weitere Spaltungen zur Verfügung.
»Mein Gott, wer soll sich das alles merken?!«
»Wie wär’s mit deinen Referenten?«, sagten Julius’ hellblaue Augen, und die tiefe Falte dazwischen schien zu murmeln »Mein Gott, kriegt die Olle denn auch mal irgendwas selber auf die Reihe?!«
»Auch wieder wahr«, gab sie ihm recht, »das mit den Referenten, jedenfalls.« Na also, maunzte er, wälzte sich auf den Rücken und verlangte, am Bauch gekrault zu werden. Martina beeilte sich, seinen Wunsch zu erfüllen. Schon weil sie das wieder an die Nacht erinnerte, an die dichten Haare auf Zollers Brust, an …
Die bei der Kernspaltung freiwerdenden Neutronen besitzen so hohe Energien, dass sie biologisches Material schädigen bzw. zerstören können. Wird ein Mensch in der Nähe einer Kettenreaktion von Neutronenstrahlung getroffen, treten die im weiteren genannten Folgen auf. Natürlich treten diese Folgen auch auf, wenn die Person anderer Strahlung, wie z.B. Gammastrahlen, mit hohen Dosen ausgesetzt wurde. Dosen ausgesetzt wurde. Gammastrahlen. Alpha-, Beta- und Gammastrahlen. Dosen ausgesetzt. Gammabetaalpha. Gammamamamama …
»Autsch!«, schrie Martina auf und schüttelte heftig erst den Kopf, um den Schlaf loszuwerden, der sie übermannt hatte (wieso eigentlich übermannt? dachte sie kurz), und dann ihre rechte Hand, mit der sie Julius offensichtlich einen Augenblick zu lange oder zu heftig gekrault hatte. Das mochte er nicht. Zwei dünne rote Striemen auf ihrem Handrücken waren die Quittung. »Scheißkerl!«, zischte sie hinter ihm her, aber er war schon aus dem Zimmer gewischt. »Scheißkerle, alle beide!« Halb sieben. Sie konsultierte ihren Terminkalender – 10:00 Uhr: Telex-Schicht mit Rai. & Sab. »Na, super. Sabine wird keine Ruhe geben, bis ich ihr irgendwas über meinen plötzlichen Abgang gestern erzähle, und wieso ich so sauer auf Sascha sei. Und ich werd’ ihr irgendwas erzählen, und wenn er dann irgendwann im Büro auftaucht, wird sie schön blöd gucken, dass ich mir plötzlich die Klamotten vom Leib reiße und sabbernd an seiner Gürtelschnalle herumfummele.«
Aber immerhin – sie würde noch eine gute Stunde schlafen können. Zwei fast. Und sich dann in Ruhe überlegen, was sie den anderen preisgab und was nicht. Besser noch nicht. Dass er hier gewesen war, zum Beispiel. Dass er nachts um halb zwölf bei ihr geklingelt hatte, eine Flasche Rotwein im Arm, eine weitere in seinen Augen und sein Belmondo-Lächeln im Gesicht.
»Nur um das mal klarzustellen«, sagte er. »Meine Prioritäten sind arschklar.«
Meine auch, dachte sie, fragte sich, wieso er ausgerechnet jetzt, mit einem Fuß in ihrer Wohnung, auf die Formulierung ‚arschklar’ gekommen war, und zog den Ausschnitt ihres Morgenmantels enger um ihren Hals.
»Meine auch«, sagte sie, und ihr rechtes Bein schob sich einen halben Schritt vor – hatte sie das etwa gewollt? –, und der Stoff teilte sich in der Mitte und zeigte, dass sie vielleicht ein mächtig ausladendes Hinterteil, aber immer noch sehenswerte Beine hatte. Weiße Haut unter mitternachtsblauem Satin. Und ihre Haare waren noch nass vom Duschen, keine albernen Zöpfe, feucht kringelten sie sich um die ersten Falten an ihrem Hals, klebten an ihrem Dekolletee.
»Gut«, lächelte Zoller, drückte mit der Schulter die Wohnungstür auf und warf Martina die Flasche zu. »Dann können wir ja …« Reflexartig ließ sie ihren Kragen los, um sie aufzufangen – und stand mit einem Mal mit weit offenem Gewand da. Nackt darunter. »Dann können wir das gute Stöffchen ja ein Weilchen atmen lassen, bevor wir Tacheles reden.« Nackt, als habe sie, als habe zumindest ihr Körper auf ihn gewartet.
Es hatte mehr als ein Weilchen gedauert, bis das Stöffchen überhaupt zum Atmen kam – noch bevor sie in der Küche angekommen waren, um einen Korkenzieher zu finden, hatten sie sich ineinander verheddert (ja, sie hatte gewartet …!), und die erste Runde hatte an der Anrichte begonnen, im Stehen, sie mit hochgeschobenem Morgenmantel, er mit den Jeans auf den Knien, die Lederjacke noch an, a tergo. Direkt vor ihren Augen wackelte der fröhlich bunte Kalender mit den Gemüsen der Saison auf und ab (Kopfsalat! dachte sie und stöhnte, aus mehreren Gründen, und das drei Monate nach Tschernobyl!), neben dem passenderweise gleich die aktuelle Öko-Test-Liste verseuchter Lebensmittel hing – Kohlrabi 27 Becquerel pro Kilo, Kopfsalat 67, Schnittlauch 157, Pilze 774! –, während sie versuchte, sich in die Arbeitsplatte zu krallen und Zoller hinter ihr bewies, dass das Format ihres Hinterteils ihn nicht im Geringsten abtörnte, im Gegenteil. Bis ihr das ein wenig zu einseitig wurde, nicht nur wegen der Cäsium-Belastung, und sie ihn in ihr Schlafzimmer lotste. Mehr als einmal hatte sie gedacht, ich muss das Fenster zumachen, mein Gott, die Nachbarn, was sollen die Nachbarn denken, wenn ich so schreie – aber irgendwie war keine Gelegenheit gewesen, aufzustehen und das Fenster zu schließen, und irgendwann waren ihr die Nachbarn scheißegal gewesen, erst recht, als auch Zoller lauter und lauter wurde, unter ihr und ihrem verhassten, wunderbaren Arsch.
Das Gespräch danach war sehr viel kürzer gewesen. Anschließend war nicht einmal die Flasche leer, und wie schon so oft hatte sie Zollers Fähigkeit bewundern müssen, das Wichtige an den Dingen zu erkennen, die entscheidenden Zusammenhänge, selbst überraschende Zusammenhänge herzustellen, Bedenken und Gegenargumente vorauszuahnen und mit drei schnellen Sätzen auseinander zu nehmen. Schon deshalb, weil er in der Lage war, weiter voraus zu schauen als jeder andere, den sie kannte, und tiefer in die Leute hinein, die bei seinen Plänen eine Rolle spielten, eventuell eine Rolle spielen würden – ein Simultanschachspieler, ein Feldherr, Napoleon, Churchill, Lucky Luciano, Adenauer. Ein geborener Politiker.
Und dabei hat er nicht mal Abitur, dachte Martina, und obwohl ihr fast schwindlig war – der Wein, der Sex, die gewagten Strategien seiner Pläne –, hatte sie am Ende zweimal tief Luft geholt … – und Ja gesagt.
»Jetzt guck dir das an«, hatte Zoller gegrinst und mit einem Nicken auf seine erneute Erektion gezeigt, denn sie saßen nackt auf Martinas Balkon, damit Zoller rauchen konnte beim Reden.
»Ach, daher kommt das Wort karrieregeil«, hatte sie gesagt. Er hatte sich nach vorne gebeugt, sie saßen sehr eng beisammen, einander gegenüber, so nahe, dass sich zwischendurch immer wieder ihre Knie berührt hatten, und er hatte mit seinen Händen sanft ihre Schenkel auseinander gezwängt. Nicht dass dazu viel Kraft nötig gewesen wäre, und es hatte im Mondlicht geglitzert, und dann hatten sie wieder in ihrem Bett gelegen, und sie wusste nicht einmal mehr, wie sie dorthin gekommen waren.
Radioaktive Zerfallsprodukte können bei Unfällen in die Umwelt gelangen und in der Atmosphäre über tausende von Kilometern transportiert werden.
Und das waren sie.
Genau das war passiert: Der GAU – der größte anzunehmende Unfall.
Und ihre, Martina Esser-Steineckes große Chance.
9 – Heinz

Stuttgart, Montag, 21. Juli 1986
»Meine Chance«, zischte German Heinz. »Ich fick’ euch alle! Alle miteinander!« Und er meinte nicht die Splitter seines bleichen Gesichts, die ihm kubistisch verzerrt entgegen leuchteten – einer seiner Alki-Wohngenossen hatte die Spiegelscherben krumm und schief mit krumpeligem braunem Paketklebeband wieder übers Waschbecken geklebt. Nein, Heinz sah sein Gesicht nicht einmal; er meinte Schneidereit und Klemens und Sallinger und die Pisser, die ihn damals verpfiffen hatten, um ihren eigenen Arsch zu retten – wegen vier Gramm, das muss man sich mal vorstellen! Er meinte die Bullen und die Staatsanwältin und die Knastaufseher, die tätowierten Knackis und die blöden Sozialarbeiter und die Ärzte in der Reha-Klinik. Und seine Mutter und ihren Heiratsschwindler und die Regierung und die Heroin-Mafia und all die Musiker, die Erfolg hatten mit ihrer Musik, auch wenn es meist in seinen Ohren gar keine Musik war. Und er meinte natürlich das Publikum, das verdammte wankelmütige, treulose, ahnungslose, strunzdumme Publikum, das ihm nicht hatte folgen können auf einem Weg, der doch so klar vorgezeichnet war wie die Gleise eines Intercity.
»›Der deutsche Coltrane‹!«, zitierte er eine Artikelüberschrift des Jazz-Podium. »Ha! Der olle Trane hätte neunzig werden müssen, um dahin zu kommen, wo ich schon war! Mit dreiundzwanzig! Ich hab’ sie doch alle weggeblasen, vierundsiebzig, in Donaueschingen! Shepp hat Telleraugen gekriegt! Sauer hat sich die Kante gegeben vor Verzweiflung! Ayler wollte nach mir nicht mehr auf die Bühne! Stockhausen wollte abreisen! Der einzige, der mich halbwegs verstanden hat, war doch der Brötzmann!«
»Sei da mal nicht so sicher«, sagte die mittlere der Scherben. »Als du gespielt hast, saß der mit seinen Kumpels im Adler und hat gebechert!« Der Schock, dass Spiegel sich mit ihm unterhalten konnten, war nicht mehr so groß wie beim ersten Mal, aber wohl fühlte Heinz sich auch diesmal nicht dabei. Schon weil ihn die Ahnung beschlich, dass es nicht wirklich Spiegel waren, die mit ihm sprachen, sondern Stimmen, die nur in seinem Kopf existierten. Wahnvorstellungen also. Dieser Ahnung nachzugehen hätte bedeutet, zu fragen, woher die Stimmen kamen, sich Gedanken zu machen, ob er seinen Konsum noch im Griff habe.
»Halt die Schnauze!«, sagte Heinz also lieber, riss die sprechende Scherbe von der Wand und pfefferte sie hinter die Toilette. »Ich rede von Kunst! Von Donaueschingen! Von Tantaphos und Sisylos, ihr Banausen!« Verängstigt kniffen die heil gebliebenen Scherben die Augen zusammen, klatschten in die unsichtbaren Händchen und riefen »Oh ja! Tantaphos! Sisylos! Die erste Free-Jazz-Oper! Ein Wunderwerk! Ein Meilenstein! Eine epochale Grenzüberschreitung!«
Aber hallo, dachte Heinz befriedigt. Er hatte zwar heftige Kämpfe ausfechten müssen, mit den Veranstaltern, mit den Redakteuren des Südwestfunks, mit den Sponsoren – aber er hatte sein Konzept realisieren dürfen.
»Und was für ein Konzept«, flüsterte er und wiegte bewundernd den Kopf. In der dreieckigen, wimpelförmigen Scherbe rechts unten veränderte sich das Licht, im ganzen Bad veränderte sich das Licht, wurde dunkler, diffuser, blauer …
Viereinhalbtausend Menschen, ein überwiegend intellektuelles, interessiertes, engagiertes und sachverständiges Publikum, hatten gerade andächtig John Cages Song Books I-III, Version für Vokalensemble und elektronische Klangtransformation gelauscht und anschließend mit höflichem bis Bewunderung zollendem Beifall bedacht, nur stellenweise gestört von Gelächter, Pfiffen und Buhrufen. Dann war Joachim-Ernst Behrend ans Mikrophon getreten und hatte erst Cage gedankt und dann das Publikum um etwas Geduld für eine längere Umbaupause gebeten. Und ihm in seinen gewohnt wohlgesetzten Worten empfohlen, sich derweil schon einmal mental auf ein ganz besonderes musikalisches, optisches und emotionales Ereignis vorzubereiten und sie auf die »historischen Konnotationen« des Werkes hingewiesen. Beeindrucktes, erwartungsvolles Murmeln.
Acht Aufbauhelfer errichteten hinter dem Schlagzeugpodest eine Wand aus Blech, sechs Meter breitem und drei Meter hohem, fein geriffeltem, matt grau schimmerndem Weißblech. Bauten auf dem Podium ein Schlagzeug-Set auf, das bei manchen im Publikum beunruhigte Reaktionen auslöste – es war kein filigranes Jazzschlagzeug, sondern eher die Art Set, die man auf einem Konzert von John Hiseman oder Ginger Baker erwartete. Links davon wurde ein Arsenal an exotischen Perkussionsinstrumenten aufgebaut und mikrophoniert, von lateinamerikanischen Congas über indische Tablas bis zu chinesischen Tempelgongs, und rechts davon entstand ein Gestell, an dem siebenundsiebzig der unterschiedlichsten Flaschen aufgehängt wurden, von Acht-Zentiliter-Parfümflakons über normale Halbliter-Bier- und Ein-Liter-Milchflaschen bis zum Fünf-Liter-Weinballon. Jede von ihnen war mit Flüssigkeit gefüllt, manche nur ein, zwei Fingerbreit, andere halb voll, einige bis zum Hals. Vor dem Podest standen drei Orange-Verstärker, wie sie der eine oder andere jüngere Zuschauer vielleicht von Rockfestivals kannte, ein antikes Grammophon und ein fahrbarer Leierkasten, wie die Älteren sie sicher schon durch die Straßen ihrer Stadt hatten ziehen sehen und hören. Es gab keinen Affen auf dem Leierkasten – Heinz war zwar Tierfreund, aber abgelehnt hatten den Affen die Rundfunkredakteure, aus Angst vor Tierschützerprotesten.
Als Letztes wurde Heinz Gehrmanns Mikrophon verkabelt, zentral am Bühnenrand, und zu Füßen des Stativs eine Batterie von Effektpedalen, die das Mikro mit den Oranges verbanden. Dann wurde alles an Bühnenlicht gelöscht, und fast fünf Minuten lang geschah rein gar nichts.
Dann wurde langsam, quälend langsam, die vordere Bühnenhälfte in neblig-blaues Licht getaucht. Eine blonde Frau in einem antik-griechischen weißen Gewand betrat die Bühne, ging, feierlich schreitend, zu dem Grammophon und setzte die Nadel auf eine Schallplatte. Aus dem Lautsprecher erklang, dünn, kratzig und quäkend, Billie Holiday’s Version von Love me or leave me. Die Blonde schwebte zur anderen Bühnenseite ab. Heinz, in einem roten Smoking, trat auf, ging an sein Mikrophon und begleitete Billie, spielte ein paar sanfte, heisere Fills um ihre Zeilen herum – Lester Young nach ein paar Brandys –, flocht immer mehr verspielte Läufe ein, intensivierte sein Spiel, wurde lauter, sein Ton fordernder, und als die Platte zu Ende war und nur noch die seltsam rhythmische Schleife der Nadel in der Auslaufrille zu hören war, nahm er diese Schleife als Taktgeber, verdoppelte aber das Tempo seiner Tonkaskaden, vervierfachte es, spielte sich in einem wahren Parforceritt durch die Changes von Love me, in einem Höllentempo …
Charlie Parker ließ grüßen, aber auch John Coltrane und Anthony Braxton waren schon da, und alle drei waren auf Speed. Und Heinz hörte nicht auf, gönnte weder sich noch seinem Publikum auch nur die geringste Atempause – er hatte seine Zirkularatmungs-Lektion bereits gut gelernt; als bräuchte er nie mehr Luft zu holen, ließ er die wahnwitzigen Skalen auf die Zuhörer herunter prasseln – liebt mich oder geht weg –, und erst nach einer ganzen Weile bemerkte man, dass sich derweil der Schlagzeuger an seinen Platz geschlichen hatte und sich ebenso schleichend sein Ride-Becken zu Heinzens Läufen gesellte; wie von einer nimmermüden, treibenden Elvin Jones-Rechten gespielt, peitschte es Heinz in immer neue Höhen, unterstützt von gelegentlichen Snare-Rolls der linken Hand, akzentuiert von dumpfen Basstrommel-Schüben. Die beiden swingten wie Hölle, unten wurden erste Begeisterungsrufe und -pfiffe laut – bis immer öfter, immer brutaler, explodierende Snarewirbel den Rhythmus zerhackten; aus einer zwar schweinisch schnellen, aber immer noch traditionellen Jazznummer wurde Freejazz. Heinz überblies mehr und mehr Töne, das Saxophon fiepte und kreischte, bellte, jaulte und fauchte, ließ die Harmonien des Songs hinter sich, unter sich, stürzte nur gelegentlich wieder herab wie ein Bussard, um sich ein paar Fetzen davon aufzuklauben und mitzunehmen, um seine hungrig krächzenden Jungen zu füttern …
Dann machte sich Unruhe breit – eine Weile wusste niemand, was es war, dieses Grollen und Beben, die das Gelände erfüllten, es erzittern ließen, bis man schnallte, dass es der zweite Perkussionist war, der mit riesigen Schlegeln die Tempelgongs bearbeitete, das finstere Bollern an- und abschwellen ließ, minutenlang, so schien es, bis es nach und nach verklang und der Perkussionist die Schlegel beiseite legte und mit allerlei Glöckchen, Ketten und Rasseln einen neuen Klangteppich unter den wilden Ritt legte – lieb mich, wenn du mir folgen kannst, oder bleib, wo du bist.
Das Tempo, die Intensität des Swings schienen ihren Höhepunkt erreicht zu haben, längst erreicht zu haben eigentlich, aber das Trio ließ nicht nach, hielt die Spannung, peitschte sie weiter wie ein durchgeknalltes Kind seinen Dilldopp, um zu erleben, wie es schon nicht mehr sehen konnte, dass das Ding sich drehte, sondern wie eine Windhose auf dem Asphalt tanzte, wie kurz vorm Abheben – mehr, mehr, schrie der kleine Häwelmann … Und die ersten Zuhörer sprangen auf, junge Männer meist, in engen schwarzen Röhrenhosen und schwarzen Rollkragenpullis, und stießen schrille Schreie aus, schnippten heftig mit den Fingern, zuckten im wilden Rhythmus mit allen Gliedern, als habe Heinz den Schlosspark von Donaueschingen in einen Kral verwandelt, in dem mit archaischen Tänzen die bösen Geister vertrieben wurden; sogar die etwas gesetzteren, älteren, intellektuelleren unter den Zuhörern wippten mit den Knien, applaudierten, erst anerkennend, dann begeisterter … – da trat Heinz mit einem Fuß auf eins der Effektpedale. Seine immer noch rasant auf- und absteigenden Läufe wurden verstärkt und in krank umher taumelnden Echos auf ihn zurück, über all die verblüfften Köpfe geworfen; Heinz war nicht mehr einer, sondern ein halbes Dutzend ausgeflippter Heinze.
Und dann, niemand hatte auch nur das geringste dirigierende Zeichen gesehen, mitten in einer weiteren Gischt von Klängen, stoppten alle drei, abrupt und gleichzeitig, auf der Zwei eines Taktes.
Manche der Zuschauer, vor allem die Tänzer, sahen aus, als hätte ihnen jemand im vollen Lauf eine Zaunlatte in den Magen gehauen. Und während die Saxophon-Echos dumpfer und leiser wurden, langsam verklangen, während manche der Kinnladen noch nicht ganz unten waren, während die ersten einander überrascht und ratlos anschauten – was war das denn jetzt? –, wurden sie gewahr, dass jetzt auch der Leierkastenmann auf der Bühne war. Er drehte den Schwengel seines Instruments, gemächlich, als stünde sein Kasten auf dem sommerheißen Kopfsteinpflaster eines Berliner Hinterhofs – und spielte Ich weiß nicht, was soll es bedeuten … Die Loreley.
Das Publikum raste.
Mittlerweile war die Bühne voll erleuchtet, und man konnte den fünften Musiker sehen. Der stand an dem Flaschengestell, in all dem Blau von einem engen gelben Spot angestrahlt, und begann, die Flaschen mit dünnen Metallstäben zu bearbeiten. Gelegentlich hielt er inne, nahm eine der Flaschen von ihrem Haken und trank einen Schluck daraus, um ihre Tonhöhe zu verändern. Angesichts deren Menge begannen die Ersten zu ahnen, wie das Werk zu seinem Titel gekommen war.
Ein sphärisches Klingeln breitete sich aus, die immer heftiger zitternden und schaukelnden Flaschen warfen Reflexionen des gelben Spots über die Bühne, über das Gelände, verwandelten den herbstlichen Park in die Weihnachtsabteilung eines Großstadt-Kaufhauses, der Perkussionist nahm sein Rasseln und Bimmeln wieder auf, und nicht nur der stoisch weiter orgelnde Leierkastenmann schien sich zu fragen, was soll das bedeuten?.
Und dank des sich zusehends über die ganzen Bühne ausbreitenden blauen Lichts sah man nun auch die beiden Männer, die sich am linken Rand der Blechwand eingefunden hatten und mehrere Farbeimer abstellten. Dann begann der erste, einen Pinsel in einen Eimer zu tauchen und das Blech von links oben an mit roter Farbe zu streichen, ganz ruhig, in den gleichmäßigen Bahnen eines erfahrenen Anstreichers. Anders als die Arbeit eines alten Handwerkers aber war dieser Anstrich mit einem Plomben ziehenden Geräusch verbunden – der Pinsel war aus dünnem Draht, und die Rückseite des Blechs war mit Gitarrentonabnehmern beklebt, und die Orange-Verstärker gaben Geräusche von sich wie Tausende auf Schiefertafeln kratzende Fingernägel, wie eine ganze Kolonne an Leitplanken entlang schleifender Autos, wie Knochensägen und Schädelbohrer, und mehr als nur ein paar Zuschauer bekamen heftige Zahnschmerzen und stöhnten auf, manch eine Frau stieß spitze Schreie aus. Heinz machte sich ein Vergnügen daraus, diese Schreie mit seinem Horn zu beantworten, und seine Antworten wiederum wurden von seinem Echogerät vielfach zurückgeworfen. Als der erste Anstreicher die Hälfte des Blechs in Rot getaucht hatte – im Zuschauerraum wurde es zunehmend unruhiger –, machte sich der zweite an die Arbeit. Sein Pinsel schien dickere Drahtborsten zu haben, das Kratzen und Kreischen, das er verursachte, klang tiefer, böser, aber beileibe nicht weniger unangenehm.
Und seine Farbe war weiß.
Und während der erste sein rotes Werk vollendete, die Blechwand von oben nach unten bis zum rechten Rand in leuchtendes Rot getaucht hatte, überpinselte der andere das Rot mit weißer Farbe, und während der Schlagzeuger den schnellen Swing-Rhythmus wieder aufnahm und Heinz sich langsam von spitzen Möwenschreien wieder in lallende Tonfolgen vorarbeitete, nahm der erste Anstreicher in aller Seelenruhe seinen Eimer, ging an dem zweiten vorbei zurück zum linken Rand der Wand und begann ungerührt, das Weiß wieder mit roter Farbe zu übertünchen – Sysiphos, während das Publikum Tantalusqualen erlitt. Die ersten ergriffen bereits die Flucht – mehr leave me als love me, dann doch –, als Heinz ein zweites Effektgerät in Betrieb nahm. Das war ein Verzerrer, ein Big Muff, wie Jimi Hendrix ihn benutzt hatte, und plötzlich klang das Saxophon wie ein ganzer Affenfelsen voller Brüllaffen, um den eine Horde ausgebüxter Rasenmäher herum karriolten, die wiederum von einem Polizeikordon per Megaphon aufgefordert wurden, schnellstens in den heimischen Schrebergarten zurückzukehren.
Die Anstreicher pinselten schneller und heftiger, der Perkussionist machte sich über ein Set aus voluminösen afrikanischen Trommeln her, als sei dies seine letzte Chance, nach einem langen wasserlosen Sommer die Regengötter herbeizurufen, der Schlagzeuger versuchte, Elvin Jones, Tony Williams und Han Bennink gleichzeitig zu sein und prügelte sämtliche Pegelmesser im Ü-Wagen des Südwestfunks jenseits ihrer dunkelroten Begrenzungen, dem zweiten Perkussionisten zerschellten die ersten Flaschen, weil er so heftig auf sie einschlug, und Heinz, der große, innovative German Heinz, hatte sich inzwischen entschieden, seine drei Töne gefunden zu haben – love me or leave me, love me or leave me, love me or leave me, spielte er, immer und immer wieder, in immer wieder neuen Klangfarben, gerotzt, geheult, gesäuselt, trompetet, gepfiffen, gebellt, gehustet, gekreischt, in immer neuen Phrasierungen hervorgestoßen, wie verzweifelt hinausgeschrieen – liebt mich oder verpisst euch, liebt mich oder verpisst euch! – und wenn er gelegentlich ein Auge einen Spalt öffnete, konnte er sehen, wie viele da unten ihn liebten und wie viele – sehr viel mehr – es vorzogen, das Weite zu suchen. Er konnte in vor Empörung aufgerissenen Augen und Mündern sehen, dass sie ihn nicht verstanden, dass sie ihn nicht liebten, dass sie ihn nicht lieben konnten, weil sie ihn nicht verstanden, ihn nicht verstehen konnten, weil er nicht von ihrer Welt war, nicht in ihrer Zeit, ihrer Zeit voraus, weit voraus, und er schaltete die Echos ab, schaltete den Verzerrer ab, beschränkte sich auf eine einzige Klangfarbe, ein giftiges, spöttisch-verächtliches love me or leave me, wobei er das leave me jedes Mal wiederholte, und er schnappte sich das Mikrophon aus seiner Halterung, ließ es in den Trichter seines Instruments fallen und begann, am Bühnenrand auf und ab zu marschieren, das Mikrophonkabel hinter sich her schleppend wie eine Sträflingskugel, seine Phrase den Zuschauern ins Gesicht spuckend, und die Blechwand wurde abwechselnd rot und weiß, und die Farben vermischten sich immer mehr, bis es aussah, als würden Ströme von Blut eine rosa-weiße Wand hinab laufen; aber das war nicht das einzige Blut an diesem Abend, denn den verschwitzten Händen des Flaschenmanns waren inzwischen seine Stahlklöppel entglitten, und er hielt eine der letzten heil gebliebenen Flaschen mit beiden Händen und schlug sie sich im Rhythmus gegen die Stirn, dass ihm das Blut in Strömen übers Gesicht lief, und dem Voodoo-Trommler platzte die Haut an den Händen auf und bei jedem Schlag auf seine blutverschmierten Trommelfelle spritzten kleine rote Fontänen hoch …
Und der Leierkasten orgelte sein Ich weiß nicht, was soll es bedeuten, als habe er mit all dem nichts zu tun und dächte bloß an die sagenhaften zweihundert Mark Gage, die er heute bekommen sollte.
Und dann blutete auch Heinz, denn irgendjemand da unten, der ihn ganz besonders wenig liebte, hatte ihm eine Bierflasche an den Kopf geworfen. Blut sickerte aus einem üblen Schnitt in seiner Braue, wurde vom Druck seines Pulses, seines unverdrossen weiter hervorgestoßenen Mantras in Wellen aus seinem Schädel gepumpt, und als er einmal zwischen zwei Phrasen benommen den Kopf schüttelte, glänzte plötzlich sein ganzes Gesicht nass und rot, und als die Blondine zurück auf die Bühne gerannt kam und versuchte, Heinz davon herunter zu zerren, und, als der sich weigerte, anfing, ihr Gewand zu zerreißen und, halb nackt da stehend, Heinz mit den Fetzen das Blut aus dem Gesicht zu wischen, die Blutung zu stillen, da flog ein hölzerner Klappstuhl auf die Bühne, erst einer, dann noch ein paar, und Heinz und seine Athene gingen getroffen zu Boden.
Der Mann am Lichtpult fuhr das Bühnenlicht herunter und schaltete die Laternen rund um den Zuschauerraum ein, sein Kollege am Mischpult zog mit der raschesten aller Ausblendungen die Summenregler nach unten, und im Ü-Wagen warf einer der Tontechniker seinen Kopfhörer in eine Ecke und sagte: »I geh z’rück zum Schport!«
Eine Grenze war überschritten.
»Scheißer!«, zischte Heinz. »Wichser!«
Die linke Spiegelscherbe, ein Zacken wie der Schweif des Sterns, der die Heiligen Drei Könige nach Bethlehem geführt hatte, funkelte ihn an, als würde sie ihn auslachen, er konnte ihr mitleidig-spöttisches Kichern förmlich hören, und er schlug mit der Faust auf sie ein, bis auch jetzt wieder Blut spritzte, er riss das Klebeband ab und jagte sich die Spitze des Schweifs in den Unterarm, wischte mit der Hand das Blut ab, schmierte es sich ins Gesicht, beugte sich nach vorne über das Waschbecken und starrte die beiden restlichen Scherben an der Wand an, zu allem bereit. »Und? Und jetzt? Habt ihr auch noch was zu sagen?«
»Nein, nein!«, jammerten die beiden. »Nein! Wir wollten nur …«
»Was?!«
»Na ja … Dein Plan mit dem Strom …«
»Ist ein Scheißplan.«
»Eh …, ja. Irgendwie.«
»Als wenn mir das nicht schon selber klar geworden wäre«, sagte Heinz, drehte den Wasserhahn auf und begann sich das Blut vom Gesicht zu waschen. »Aber es gibt einen neuen Plan.«
»Oh! Ah!« und »Toll!«, machten die Scherben.
»Immerhin weiß ich, wo der Kifferkönig wohnt. Und weiß, dass er nächtliche Gesellschaft nicht ab kann. Schon gar nicht in seiner Jägerhütte. Hinfahren, abends, abwarten, bis seine Jünger und seine Mädels sich vom Acker gemacht haben. Anklopfen, ‚Hallo, Sallinger’ sagen, ihm das Ding hier in den Hals rammen«, er hielt den Sternschweif hoch, »ein bisschen ‚Hippies raus!’ und ‚Scheiß-Kiffer!’ und ‚Kinderschänder!‘ und ein paar Hakenkreuze an die Wände malen und weg.«
»Wow!«, machten die Scherben.
»Seht ihr«, sagte Heinz zufrieden. »Ein bisschen Grips, ein bisschen Fantasie, ein gutes Stöffchen – und schon kriegt man alles hübsch in den Griff.«
Er wollte gerade anfangen, sich im Beifall seiner Spiegelgeister zu suhlen, als es von draußen an die Badezimmertür bollerte.
»Mensch, Heinz, was machste’n so lang da drinnen?! Ich krieg’ den flotten Otto!«, rief einer seiner beduselten Wohngenossen.
»Ich krieg’ den Bayrischen Verdienstorden!«, schrie Heinz zurück und bekam einen Lachanfall.
Бесплатный фрагмент закончился.
