Читать книгу: «Ins Weiße zielen»

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Aus dem argentinischen Spanisch von Carsten Regling

Die spanischsprachige Originalausgabe erschien 2010 unter dem Titel Blanco nocturno bei Anagrama in Barcelona.

Dieses Werk wurde im Rahmen des SUR-Programms zur Förderung von Übersetzungen des Außenministeriums der Republik Argentinien verlegt.

E-Book-Ausgabe 2021

© 2010 Ricardo Piglia

© 2010 für die deutsche Ausgabe:

Verlag Klaus Wagenbach, Emser Straße 40/41, 10719 Berlin

Covergestaltung Julie August unter Verwendung des Gemäldes Selbstportrait in der U-Bahn von Max Ferguson (1983) © Bridgeman Art Library. Datenkonvertierung bei Zeilenwert, Rudolstadt.

Alle Rechte vorbehalten. Jede Vervielfältigung und Verwertung der Texte, auch auszugsweise, ist ohne schriftliche Zustimmung des Verlags urheberrechtswidrig und strafbar. Dies gilt insbesondere für das Herstellen und Verbreiten von Kopien auf Papier, Datenträgern oder im Internet sowie Übersetzungen.

ISBN: 9783803143297

Auch in gedruckter Form erhältlich: 978 3 8031 3232 1

www.wagenbach.de

Für Beba Eguía

Die Erfahrung ist ein schwaches Licht, das nur dem leuchtet, der es bei sich trägt. Louis-Ferdinand Céline

Erster Teil

1

TONY DURÁN war ein Glücksritter und leidenschaftlicher Spieler. Als er die Belladona-Schwestern kennenlernte, glaubte er, das große Los gezogen zu haben. Ihre ménage à trois erregte die Gemüter im gesamten Ort und war monatelang das alles beherrschende Gesprächsthema. Ständig erschien er mit einer von ihnen im Restaurant des Hotel Plaza, doch niemand hätte sagen können, welche der beiden Zwillingsschwestern ihn gerade begleitete, denn sie glichen einander so sehr, dass selbst ihre Handschriften identisch waren. Tony ließ sich nur selten mit beiden zusammen blicken, das bewahrte er sich für die intimen Stunden auf, und was alle am meisten beeindruckte, war die Vorstellung, dass die Zwillinge miteinander schliefen. Nicht so sehr, dass sie den Mann, sondern dass sie selbst einander teilten.

Schon bald verwandelte sich das Gerede hinter vorgehaltener Hand in zahlreiche offen ausgesprochene Deutungen und Vermutungen, und niemand sprach mehr von etwas anderem. Fast so, als handelte es sich um den Wetterbericht, zirkulierten beinahe stündlich neue Informationen in den Häusern, im Club Social oder in der Ladenschänke der Brüder Madariaga.

Wie in allen kleinen Orten der Provinz Buenos Aires gab es auch hier an einem einzigen Tag mehr Neuigkeiten als in irgendeiner großen Stadt in einer ganzen Woche, und der Unterschied zwischen den lokalen Informationen und den landesweiten Nachrichten aus dem Fernsehen war so gewaltig, dass die Dorfbewohner gelegentlich der Illusion erlagen, sie würden ein interessantes Leben führen. Durán war gekommen, um die Mythologie des Ortes zu bereichern, und schon lange vor seinem Tod hatte sein Ruf legendenumwobene Höhen erklommen.

Es wäre interessant, ein Diagramm von Tonys Wegen durch den Ort anzufertigen, von seinen schlaftrunkenen Wanderungen entlang der hohen Gehsteige und durch die Kneipen und von seinen Streifzügen, die ihn immer wieder in die Nähe der verlassenen Fabrik und auf das öde Land hinausführten. Schon bald hatte er sich ein Bild von den ungeschriebenen Gesetzen und Hierarchien des Ortes gemacht. Die bescheidenen Wohnstätten und größeren Häuser erhoben sich streng getrennt nach der sozialen Schicht ihrer Bewohner, als wäre das Gebiet von einem snobistischen Kartografen unterteilt worden. Die Leute von Rang und Namen wohnten auf den Hügeln oberhalb des Dorfes. Dahinter, in einem etwa acht Blöcke breiten Streifen, befand sich der sogenannte historische Ortskern1 mit dem Platz, dem Rathaus, der Kirche und der Hauptgeschäftsstraße samt ihren Läden und zweistöckigen Gebäuden, und schließlich, jenseits der Gleise, erstreckten sich die einfachen Viertel, in denen die weniger hellhäutige Bevölkerungshälfte vor sich hinvegetierte.

Seine Berühmtheit und der Neid, den er überall erregte, hätten Tony sonstwohin führen können, stattdessen verschlug ihn der Zufall an diesen abgelegenen Ort, wo er ihn auch zugrunde richtete. Einen so eleganten Mulatten, einen Mann, der mit karibischem Akzent sprach, aber aus Corrientes oder Paraguay zu stammen schien, einen so mysteriösen Fremden, gestrandet an einem verlorenen Ort in der Pampa, hatte man in diesem Dorf voller Basken und piemontesischer Gauchos noch nicht zu Gesicht bekommen.

»Er wirkte immer so zufrieden«, sagte Madariaga und betrachtete den Mann im Spiegel, der mit seiner kurzen Reitgerte in der Hand nervös vor der Theke des Krämerladens auf und ab ging. »Und, Kommissar, wie wär’s mit einem kleinen Gin?«

»Wenn überhaupt, dann einen Grappa, aber ich bin im Dienst«, antwortete Kommissar Croce.

Der Kommissar, von großer Statur und undefinierbarem Alter, mit rötlichem Gesicht, grauem Schnurrbart und Haar, kaute gedankenverloren auf seiner Avanti-Zigarre herum, während er weiter auf und ab ging und mit der Gerte gegen die Stuhlbeine schlug, als wollte er seine über den Boden huschenden Gedanken verscheuchen.

»Wie kann es sein, dass niemand Durán an diesem Tag gesehen hat?«, fragte er, aber die anderen Gäste sahen ihn nur schweigend, schuldbewusst an.

Dann fügte er hinzu, dass er genau wisse, dass jeder hier Bescheid wusste, aber niemand reden wolle, und sie nur Unsinn von sich gäben, weil es ihnen Spaß mache, ihm den letzten Nerv zu rauben.

»Wer sich wohl diese Redewendung ausgedacht hat«, murmelte er und blieb stehen, um darüber nachzudenken, und verlor sich im Labyrinth seiner Gedanken, die aufblitzten und wieder verloschen wie Glühwürmchen in der Dunkelheit. Er lächelte und begann von Neuem, im Laden auf und ab zu gehen. »Genau wie Tony«, sagte er und erinnerte sich einmal mehr an dessen Geschichte. »Ein Yankee, der kein Yankee zu sein schien, aber doch einer war.«

Tony Durán war in der puertoricanischen Hauptstadt San Juan geboren worden. Als er fünf Jahre alt war, zogen seine Eltern nach Trenton, weshalb er wie ein Nordamerikaner aus New Jersey aufwuchs. Eine der wenigen Erinnerungen, die er sich an seine Heimatinsel bewahrt hatte, war die, dass sein Großvater Kampfhähne züchtete und ihn sonntags zu den Kämpfen mitnahm. Er konnte sich erinnern, dass die Männer ihre Hosen mit Zeitungspapier umwickelt hatten, um zu verhindern, dass das Blut der Hähne ihre Kleidung befleckte.

Als er hier ankam und eine geheime Hahnenkampfarena besuchte, die Bauern in ihren Leinenschuhen und die zwergenhaften, sich im Sand aufplusternden Hähne sah, musste er lachen und erklärte, dass die Hahnenkämpfe in seinem Land ein wenig anders abliefen. Aber dann begeisterte ihn der selbstmörderische Mut eines Hahns: Er benutzte seine Sporen wie ein linkshändiger Leichtgewichtsboxer, der sich mit den Fäusten aus der Umklammerung seines Gegners löst. Der Hahn war flink, tödlich, erbarmungslos, nur auf den Tod seines Rivalen aus, auf seine vollständige Vernichtung, sein Ende. Als Durán ihn sah, begann er Geld auf ihn zu setzen und sich für die Kämpfe zu begeistern, als wäre er bereits einer von uns (one of us, wie Tony gesagt hätte).

»Aber er war keiner von uns, er war anders, obwohl man ihn nicht deshalb umgebracht hat, sondern weil er unserer Vorstellung, wie er sein sollte, zu nahe kam«, bemerkte der Kommissar, rätselhaft wie immer und wie immer ein bisschen sonderlich. »Er war sympathisch«, fügte er hinzu, während er die Landschaft betrachtete. »Ich mochte ihn.« Er blieb dicht am Fenster stehen, wie angewurzelt, den Rücken gegen das Gitter gelehnt, tief in seine Gedanken versunken.

Nachmittags pflegte Durán in der Bar des Hotels Plaza Fragmente aus seiner Kindheit in Trenton zu erzählen, von der Tankstelle seiner Familie an der Route One, von seinem Vater, der in aller Frühe aufstehen musste, um die Zapfsäule zu bedienen, weil sich jemand verfahren hatte und laut vor dem Haus hupte, von dem Lachen und der Jazzmusik, die aus dem Autoradio drang, und wie er sich im Halbschlaf aus dem Fenster lehnte und die schnellen, teuren Schlitten sah, die auf der Rückbank schlafenden, mit Hermelinmänteln bedeckten Blondinen – leuchtende Erscheinungen inmitten der Nacht, die sich in seiner Erinnerung mit einem Schwarzweißfilm vermischten. Es waren geheime, private Eindrücke, die niemandem gehörten. Er wusste nicht einmal, ob die Erinnerungen seine eigenen waren, und Croce hatte hin und wieder denselben Eindruck von seinem Leben.

»Ich stamme von hier«, sagte der Kommissar auf einmal, als wäre er gerade aufgewacht, »und ich verstehe nicht, wie das gehen soll, jemandem den letzten Nerv rauben, aber das Leben dieses jungen Mannes kann ich mir sehr gut vorstellen. Er schien von ganz woanders herzukommen«, erklärte Croce mit ruhiger Stimme, »aber es gibt kein ganz woanders.« Er blickte seinen Assistenten an, den jungen Inspektor Saldías, der ihm auf Schritt und Tritt folgte und nie widersprach. »Es gibt kein ganz woanders, wir sitzen alle im selben Boot.«

Weil er sich elegant kleidete, Ehrgeiz besaß und sehr gut plena in den dominikanischen Lokalen von Harlem tanzte, bot man Durán Mitte der Sechzigerjahre mit gerade einmal zwanzig eine Stelle als Eintänzer im Pelusa Dancing an, einem Tanzcafé in der 122. Straße. Und weil er flink war, weil er Humor hatte, weil er immer zu Diensten und loyal war, stieg er rasch auf. Schon nach kurzer Zeit begann er in den Casinos von Long Island und Atlantic City zu arbeiten.

Alle im Dorf konnten sich noch gut daran erinnern, was für ein Staunen seine Geschichten hervorgerufen hatten, jene Anekdoten aus seinem Leben, die er in der Hotelbar mit leiser Stimme, als handelte es sich um vertrauliche Mitteilungen, zum Besten gab, während er Gin Tonic trank und Erdnüsse knabberte. Keiner wusste, ob die Geschichten wahr waren, aber das störte niemanden. Sie lauschten ihm, dankbar, dass er sich bei ihnen aussprach, bei diesen Provinzlern, die dort lebten, wo sie geboren worden waren, genau wie ihre Eltern und Großeltern, und die den Lebensstil von Leuten wie Durán nur aus der jeden Samstag im Fernsehen laufenden Krimiserie mit Telly Savalas kannten. Er verstand nicht, warum sie seine Lebensgeschichte hören wollten, die, wie er sagte, nicht anders war als jede andere. »Ehrlich gesagt gibt es kaum Unterschiede«, meinte er, »das Einzige, worin sie sich unterscheiden, sind die Feinde.«

Nach einer Weile im Casino weitete Durán sein Geschäftsfeld aus und fing an, Frauen zu erobern. In gewisser Hinsicht war es eine Fortsetzung seiner Arbeit als Croupier. Er hatte einen sechsten Sinn dafür entwickelt, das Vermögen wohlhabender Damen zu schätzen und sie von den Abenteurerinnen zu unterscheiden, die bloß gekommen waren, um sich irgendeinen reichen Fisch zu angeln. Es waren winzige Details, die seine Aufmerksamkeit erregten, eine gewisse Vorsicht beim Setzen, ein absichtlich zerstreuter Blick, eine leichte Nachlässigkeit bei der Wahl der Kleidung oder eine Art zu reden, die er augenblicklich mit Wohlstand verband. Je reicher, desto wortkarger, war seine Erfahrung. Er war äußerst geschickt darin, Frauen dieses Schlages zu erobern. Er widersprach ihnen, provozierte sie, doch gleichzeitig behandelte er sie mit einer geradezu kolonialen Höflichkeit, die er von seinen aus Spanien stammenden Großeltern beigebracht bekommen hatte. Bis er eines Nachts zu Beginn des Dezembers 1971 in Atlantic City die argentinischen Zwillingsschwestern kennenlernte.

Die Belladona-Schwestern waren Töchter und Enkelinnen der Dorfgründer, von Einwanderern, die ihr Glück gemacht hatten, als der Feldzug gegen die Indianer seinem Ende zuging, und seitdem große Ländereien in der Gegend von Carhué besaßen. Ihr Großvater, Oberst Bruno Belladona, war mit der Eisenbahn gekommen und hatte Land erworben, das heute von einer nordamerikanischen Firma verwaltet wird. Ihr Vater, der Ingenieur Cayetano Belladona, lebte zurückgezogen im alten Herrenhaus der Familie. Er litt an einer seltsamen Krankheit, die ihn zwar am Gehen hinderte, nicht jedoch daran, weiterhin die Geschicke des Dorfes und des Bezirks zu lenken. Er war ein einsamer, unglücklicher Mann, der seine beiden Töchter (Ada und Sofía) über alles liebte und sich mit seinen zwei Söhnen (Lucio und Luca) zerstritten und sie daraufhin aus seinem Leben verbannt hatte, als hätte es sie nie gegeben. Wenn der alte Belladona betrunken war, dachte er, der Unterschied zwischen den Geschlechtern sei das Geheimnis sämtlicher Tragödien, dass Frauen und Männer nicht derselben Spezies angehörten, wie Katzen und Geierfalken. Und er fragte sich, wer bloß auf die Idee gekommen war, sie miteinander leben zu lassen? Die Männer wollen dich töten und sich gegenseitig umbringen, und die Frauen wollen während der Siesta in dein Bett oder – falls das nicht geht – miteinander in irgendeine andere Kiste steigen, phantasierte der alte Belladona.

Er hatte zweimal in seinem Leben geheiratet, die Zwillinge stammten von seiner zweiten Frau, Matilde Ibarguren, einem exaltierten Modepüppchen aus Venado Tuerto, während er die Söhne mit einer Irin mit feuerrotem Haar und grünen Augen gezeugt hatte, die das Landleben nicht ertragen konnte und erst nach Rosario und schließlich nach Dublin floh. Das Seltsame war, dass die Jungen den überspannten Charakter ihrer Stiefmutter geerbt zu haben schienen, während die Mädchen der Irin glichen. Sie waren rothaarig und so fröhlich, dass sie jeden zum Strahlen brachten, sobald sie irgendwo auftauchten. Gekreuzte Schicksale nannte Croce das, die Kinder erben die gekreuzten Tragödien ihrer Eltern. Und der Sekretär Saldías, der dabei war, sich die Gebräuche und Gewohnheiten seiner neuen Bestimmung anzueignen, notierte aufmerksam die Beobachtungen des Kommissars. Saldías war erst vor Kurzem auf Wunsch der Staatsanwaltschaft, die den allzu widerspenstigen Kommissar kontrollieren wollte, in das Dorf versetzt worden und bewunderte Croce, als wäre er der größte Ermittler2 in der argentinischen Geschichte. Mit großem Ernst schrieb er alles nieder, was der Kommissar, der ihn gelegentlich seinen Watson nannte, von sich gab.

Jedenfalls verliefen die Lebenswege der Schwestern Ada und Sofía auf der einen und die der Brüder Lucio und Luca auf der anderen Seite lange Jahre getrennt voneinander, so als gehörten die beiden Geschwisterpaare unterschiedlichen Stämmen an. Erst Tony Duráns Erscheinen führte sie wieder zusammen. Es war um Geld gegangen, um einen Koffer voller Zaster, und es sah so aus, als hätte der alte Belladona etwas mit einer Geldübergabe zu tun. Einmal im Monat fuhr der Alte nach Quequén, um die Verschiffung des Getreides zu überwachen, das für den Export bestimmt war. Für das Getreide erhielt er eine Ausgleichszahlung in Dollar, die ihm der Staat mit der Absicht, die internen Preise stabil zu halten, zukommen ließ. Seinen Töchtern vermittelte er seine eigenen moralischen Grundsätze, ließ sie tun, wozu sie Lust hatten, und zog sie groß, als wären sie seine einzigen Kinder.

Von klein auf waren die Belladona-Schwestern rebellisch. Sie hatten vor nichts Angst, und es machte ihnen Spaß, pausenlos miteinander zu wetteifern, nicht etwa, um die Unterschiede zwischen ihnen herauszustreichen, sondern um an ihrer Symmetrie zu feilen und herauszufinden, bis zu welchem Grad sie einander glichen. Im Winter ritten sie nachts über die mit Reif überzogenen Felder, um Viscachas zu jagen, wagten sich in die sumpfigen Gebiete am Fluss vor, badeten nackt in der stürmischen Lagune, nach der der Ort benannt war, und jagten Enten mit der zweiläufigen Büchse, die ihr Vater ihnen zum dreizehnten Geburtstag geschenkt hatte. Da sie für ihr Alter, wie man so sagt, recht weit entwickelt waren, wunderte sich niemand, als sie – beinahe von einem Tag auf den anderen – aufhörten zu jagen, zu reiten und mit den Landarbeitern Fußball zu spielen und sich stattdessen in zwei vornehme junge Damen verwandelten, die ihre so gut wie immer identische Kleidung in einem englischen Modegeschäft in der Hauptstadt anfertigen ließen. Zur selben Zeit begannen sie auf Wunsch des Vaters, der wollte, dass sie so schnell wie möglich über die Ländereien verfügten, Agrarwissenschaften in La Plata zu studieren. Man erzählte sich, sie seien stets zusammen unterwegs gewesen, hätten die Prüfungen mit Leichtigkeit bestanden, weil sie das Land besser kannten als die Professoren, und dass sie ihre Liebhaber untereinander getauscht und ihrer Mutter Briefe geschrieben hätten, in denen sie ihr Bücher empfahlen und sie um Geld baten.

Als ihr Vater einen schweren Unfall erlitt und fortan halb gelähmt war, gaben sie das Studium auf und zogen zurück ins Dorf. Es gab zahlreiche Vermutungen, was dem Alten zugestoßen sein könnte: ein Pferd habe ihn abgeworfen, als es von einem aus Norden kommenden Heuschreckenschwarm überrascht wurde, und er habe die ganze Nacht lang mitten auf dem Feld gelegen, während ihm die Insekten mit ihren sägeartigen Beinen über das Gesicht und die Hände krabbelten; er habe einen Herzinfarkt erlitten, als er eine Paraguayerin im Puff der Bizca vögelte, und das Mädchen habe ihm das Leben gerettet, weil sie, fast unbewusst, mit ihrer Mund-zu-Mund-Beatmung weitergemacht habe; oder er habe eines Tages entdeckt, dass ihn eine nahestehende Person – wobei er den Gedanken verdrängte, dass es sich dabei um einen seiner Söhne handeln könnte – vergiften wollte, indem sie ihm winzige Dosen eines Antizeckenmittels in den Whisky mischte, den er gewöhnlich in den frühen Abendstunden in der blumengeschmückten Galerie zu sich nahm. Als er begriffen habe, was vor sich ging, müsse das Gift bereits einen Teil seines Werks verrichtet haben, denn kurze Zeit später habe er seine Beine schon nicht mehr bewegen können. Fest steht nur, dass sich von da an sowohl der Vater als auch seine beiden Töchter nicht mehr im Dorf blicken ließen. Er nicht, weil er kaum noch das Haus verließ, und sie nicht, weil sie, nachdem sie ihn mehrere Monate lang gepflegt hatten, das lange Eingesperrtsein leid waren und beschlossen, ins Ausland zu reisen.

Im Gegensatz zu ihren Freundinnen fuhren sie nicht nach Europa, sondern in die USA. Sie blieben einige Zeit in Kalifornien, um anschließend das Land mehrere Wochen lang mit dem Zug zu durchqueren, mit längeren Aufenthalten in verschiedenen mittelgroßen Städten, bis sie zu Beginn des Winters den Osten erreichten. Während der Reise gaben sie sich in erster Linie dem Glücksspiel in den Casinos der großen Hotels hin und machten sich ein schönes Leben, wobei sie sich darin gefielen, die vermögenden südamerikanischen Erbinnen auf der Suche nach Abenteuern im Land der Emporkömmlinge und Neureichen herauszukehren.

Dies waren die Nachrichten von den Belladona-Schwestern, die das Dorf erreichten. Die Neuigkeiten kamen mit dem nächtlichen Postzug, aus dem die Briefe in großen Baumwollsäcken auf den Bahnsteig geladen wurden, und es war Sosa, der Vorsteher des Postamts, der die Reiseroute der jungen Damen anhand der Stempel auf den an ihren Vater adressierten Umschlägen rekonstruierte. Ergänzt wurden diese Neuigkeiten durch die ausführlichen Schilderungen der Reisenden und Vertreter, die sich den geselligen Runden in der Hotelbar anschlossen und berichteten, was man sich unter den ehemaligen Kommilitoninnen in La Plata über die Zwillingsschwestern erzählte. Die Kommilitoninnen wiederum schienen ihre Informationen direkt von den Schwestern zu beziehen, die am Telefon mit ihren nordamerikanischen Eroberungen und Entdeckungen prahlten.

Bis die Schwestern Ende 1971 in die Gegend von New York kamen und kurze Zeit später in einem Casino in Atlantic City den freundlichen jungen Mann ungewisser Herkunft kennenlernten, der ein Spanisch sprach, das aus einer synchronisierten Fernsehserie zu stammen schien. Anfangs besuchte Tony Durán die beiden in der Annahme, es handele sich bei den zwei Schwestern um eine einzige Person. Mit dieser Art von Zeitvertreib vergnügten sich die Zwillinge schon lange. Als hätten sie jeweils eine Doppelgängerin, die die unangenehmen (und angenehmen) Aufgaben übernahm. Sie wechselten sich bei allen Dingen des Lebens ab, was den Dorfbewohnern zufolge hieß, dass sie nur die Hälfte der Zeit in der Schule und in der Kirche verbracht und auch nur die Hälfte ihrer sexuellen Initiation selbst erlebt hatten. Sie losten gewöhnlich aus, welche von ihnen was tun würde. »Bist du es oder deine Schwester?«, lautete die am häufigsten gestellte Frage im Ort, sobald eine von ihnen auf einem Fest oder im Speisesaal des Club Social auftauchte. Immer wieder musste ihre Mutter, Doña Matilde, bezeugen, dass die eine Sofía und die andere Ada war. Oder umgekehrt. Denn ihre Mutter war die Einzige, die sie unterscheiden konnte. Wegen ihrer Art zu atmen, sagte sie.

Die Spielleidenschaft der Zwillinge war das Erste, was Duráns Aufmerksamkeit erregte. Die Schwestern waren es gewohnt, gegeneinander zu setzen, und er war ein Teil dieses Spiels. Von da an bemühte er sich, sie zu verführen – oder sie bemühten sich, ihn zu verführen –, und sie gingen nur noch zu dritt aus. Sie gingen gemeinsam tanzen, essen, hörten zusammen Musik, bis irgendwann eine der zwei darauf bestand, noch einen letzten Drink in der Bar des Casinos zu sich zu nehmen, während die andere sich entschuldigte und schlafen ging. Er blieb mit Sofía zurück – mit der, die behauptete, Sofía zu sein –, und die nächsten Tage lief alles gut.

Doch eines Nachts, als er gerade mit Sofía im Bett lag, betrat Ada das Zimmer und fing an, sich auszuziehen. Es war der Beginn einer stürmischen Woche, die sie in den Motels an der Küste von Long Island verbrachten, in jenem bitterkalten Winter. Sie schliefen und reisten zu dritt und vergnügten sich in den Bars und kleinen Casinos, wo es nur wenige andere Gäste gab, da sie außerhalb der Saison unterwegs waren. Das Spiel zu dritt war hart und rücksichtslos, und oft war der Zynismus kaum auszuhalten. Niederlagen und Unglück sind Teil des Lebens, doch langsam, aber stetig nahmen die Streitigkeiten überhand. Die beiden Schwestern verschworen sich gegen ihn, und er schmiedete seinerseits Komplotte gegen die Frauen und spielte sie gegeneinander aus. Die Schwächste oder Sensibelste unter ihnen war Sofía, und sie war es auch, die als Erste kapitulierte. Eines Nachts verließ sie das Hotel und kehrte nach Buenos Aires zurück. Durán setzte die Reise mit Ada fort. Sie kamen in denselben Hotels und in denselben Casinos vorbei, die sie bereits auf der Hinfahrt aufgesucht hatten. Bis auch sie irgendwann beschlossen, nach Argentinien zurückzukehren. Durán schickte Ada voraus und folgte ihr wenig später nach.

»Aber kam er wirklich ihretwegen? Ich glaube nicht. Auch nicht wegen des Familienvermögens«, sagte der Kommissar, blieb stehen, um sich eine Toscano anzustecken, und lehnte sich an den Tresen, während Madariaga die Gläser spülte. »Er kam, weil er ein unsteter Geist war, weil er keine Ruhe fand, weil er einen Ort suchte, wo man ihn nicht wie einen Bürger zweiter Klasse behandelte. Deshalb kam er, und jetzt ist er tot. Zu meiner Zeit war alles anders.« Er betrachtete die übrigen Gäste, doch niemand sagte etwas. »Warum um alles in der Welt muss dieser falsche Yankee, halb Latino, halb Mulatte, einem armen Dorfpolizisten wie mir das Leben so schwer machen?«

Croce war in der Gegend geboren worden, war hier aufgewachsen und während der ersten Amtszeit Peróns Polizist geworden; seitdem war er im Dienst – abgesehen von einer kurzen Zeitspanne nach der Revolution von General Valle im Jahr 1956. In den Tagen unmittelbar vor dem Aufstand hatte Croce die Polizeireviere der Gegend aufgewiegelt. Nachdem er jedoch begriffen hatte, dass die Rebellion gescheitert war, war er wie ein Toter über die Weiden geirrt, hatte Selbstgespräche geführt und nicht mehr geschlafen, und als man ihn fand, war er nicht mehr derselbe. Als er erfahren hatte, dass viele der aufständischen Arbeiter, die Peróns Rückkehr gefordert hatten, vom Militär erschossen worden waren, war der Kommissar von einem Tag auf den anderen ergraut. Mit weißem Haar, den Kopf voller wirrer Gedanken, schloss er sich monatelang in seinem Haus ein. Er verlor seinen Posten, wurde aber 1958, während der Präsidentschaft von Frondizi, wieder eingestellt und hatte sich seitdem trotz aller politischen Machtwechsel im Amt gehalten. Man behauptet, dass er dies dem alten Belladona zu verdanken habe, der immer an ihm festhielt und ihn trotz aller Meinungsverschiedenheiten gegen alle Anfeindungen in Schutz nahm.

»Man will mich bei einem Fehler ertappen«, sagte Croce lächelnd. »Deshalb lässt man mich überwachen. Aber das wird ihnen nicht gelingen, denn ich werde ihnen keine Zeit dafür geben.«

Kommissar Croce war eine Berühmtheit, von allen verehrt, jemand, dessen Meinung zählte. Auch wenn man ihn im Dorf für ein wenig verschroben hielt. Man wusste nie so genau, was er gerade im Schilde führte, er fuhr aufs Geratewohl mit dem Sulky über die Felder und Farmen, verhaftete Viehdiebe, Landstreicher, aber auch die Kinder wohlhabender Viehzüchter, die betrunken aus den Hinterzimmern zwielichtiger Bars torkelten. Immer wieder sorgte sein Ermittlungsstil für Skandale und Gerede, doch die Resultate waren so beachtlich, dass am Ende alle glaubten, ein Dorfkommissar müsse auf diese Weise vorgehen. Er besaß eine so außergewöhnliche Intuition, dass sie an Wahrsagerei zu grenzen schien.

»Ein bisschen spinnt er ja schon«, meinten alle. Vielleicht spann er tatsächlich ein bisschen, aber anders als der verrückte Calesita, der durch das Dorf irrte, vollständig in Weiß gekleidet, und in einem unverständlichen Kauderwelsch Selbstgespräche führte; nein, er spann in einem ganz speziellen Sinn, wie jemand, der ein Lied hört und es einfach nicht auf dem Klavier nachspielen kann. Ein unberechenbarer Mann, der ein wenig phantasierte und keine Regeln befolgte, aber immer gerecht war und das Richtige tat.

Oft war er erfolgreich, weil er Dinge zu sehen schien, die die übrigen Sterblichen nicht sahen. Einmal beschuldigte er einen Mann, ein junges Mädchen vergewaltigt zu haben, weil er ihn zweimal aus dem Kino kommen sah, wo gerade der Film Vergelt’s Gott gezeigt wurde. Und tatsächlich hatte der Mann sie vergewaltigt, auch wenn die Umstände von Croces Anklage keinen Sinn ergaben. Ein anderes Mal überführte er einen Viehdieb, weil er beobachtet hatte, wie der Mann im Morgengrauen einen Zug nach Bolívar bestieg. Und wenn er nach Bolívar fahren wollte, dann nur, um das gestohlene Vieh dort zu verkaufen. Er sollte Recht behalten.

Manchmal rief man ihn in die Nachbarorte, damit er einen schier unlösbaren Fall aufklärte – als könnte er Wunder bewirken. Er nahm den Sulky, hörte sich die Zeugenaussagen und die unterschiedlichen Beschreibungen des Tathergangs an und kehrte mit der Lösung des Falls in der Tasche zurück. »Der Pfarrer war’s«, sagte er, als er einmal eine Brandstiftung auf einer kleinen Farm in Del Valle untersuchte. Ein pyromanischer Franziskaner. Sie gingen zur Kirche und fanden in einer Truhe im Atrium mehrere Lunten und einen Benzinkanister.

Er hatte immer nur für seine Arbeit gelebt, und nach einer etwas eigenartigen Affäre mit einer verheirateten Frau blieb er allein, obwohl alle vermuteten, dass er von Zeit zu Zeit mit Rosa zusammen war, Estévez’ Witwe, die das Dorfarchiv verwaltete. Er lebte allein auf einer großen Ranch am Ortsrand, hinter dem Bahnhof, wo sich die Polizeiwache befand.

Croces Fälle waren überall in der Provinz berühmt, und auch sein Assistent, der Sekretär Saldías, ein studierter Kriminologe, war dem Zauber des Kommissars erlegen.

»Letzten Endes weiß keiner so genau, was Tony in dieses Dorf geführt hat«, sagte Croce und betrachtete Saldías.

Der Assistent zog ein schwarzes Büchlein hervor und ging seine Notizen durch.

»Durán kam im Januar hierher, am 5. Januar«, erklärte Saldías. »Vor genau drei Monaten und vier Tagen.«

2

AN JENEM TAG sah man einen Fremden im hellen, friedlichen Sommerlicht aus dem Expresszug steigen, der nach Norden fuhr. Der Mann war groß, dunkelhäutig, trug Kleider wie ein Dandy und hatte zwei große Koffer bei sich, die er auf dem Bahnsteig abstellte – dazu eine braune Tasche aus feinem Leder, die er, als die Kofferträger herbeigeeilt kamen, unter keinen Umständen aus der Hand geben wollte. Er lächelte, von der Sonne geblendet, und grüßte mit einer feierlichen Verbeugung, als wäre das in dieser Gegend üblich. Die Bauern und Tagelöhner, die sich im Schatten der Kasuarinen unterhielten, antworteten ihm mit einem erstaunten Murmeln. Tony sah den Stationsvorsteher an und fragte ihn mit seiner sanften Stimme und seiner musikalischen Redeweise nach einer Unterkunft im Ort.

»Werter Herr, verraten Sie mir, wo ich hier ein gutes Hotel finde?«

»Da drüben ist das Plaza«, antwortete ihm der Vorsteher und deutete auf ein weißes Gebäude auf der anderen Straßenseite.

Im Hotel schrieb er sich als Anthony Durán ein, zeigte den amerikanischen Pass und die Reiseschecks vor und bezahlte einen Monat im Voraus. Er gab an, auf Geschäftsreise zu sein, ein paar Investitionen tätigen zu wollen und Interesse an argentinischen Pferden zu haben. Alle rätselten, was für Geschäfte das sein mochten, und vermuteten, dass er sein Geld in die lokale Pferdezucht investieren wollte. Beiläufig erwähnte er einen Polospieler aus Miami, der kleinwüchsige Polopferde für die Heguy-Familie kaufen wolle, und erzählte von einem Rennpferdezüchter in Mississippi, der auf der Suche nach argentinischen Deckhengsten sei. Ein gewisser Moore, ein Springreiter, sei einmal hier gewesen, so sagte er, und habe sich von der Qualität der Pampa-Pferde überzeugt. Dies war die Begründung, die er bei seiner Ankunft gab, und ein paar Tage später machte er sich daran, verschiedene Gestüte in der Gegend zu besuchen und Stuten und Jungpferde auf den Koppeln und Weiden zu begutachten. Kaum hatte er den Eindruck erweckt, sich für Pferde zu interessieren, horchten alle im Ort auf und zerbrachen sich den Kopf, welchen Nutzen sie daraus ziehen könnten, und die Gerüchte wanderten wie ein Heuschreckenschwarm von Haus zu Haus.

»Es dauerte ein bisschen«, erzählte Madariaga, »bis wir von der Geschichte mit den Belladona-Schwestern erfuhren.«

Durán war im Hotel abgestiegen, in einem Zimmer im dritten Stock, das auf den Platz hinausging. Er hatte darum gebeten, ihm ein Radio (keinen Fernseher, ein Radio) hinzustellen, und sich erkundigt, ob es hier irgendwo Rum und schwarze Bohnen gebe, doch schon bald gewöhnte er sich an das kreolische Essen im Restaurant und an den Llave-Gin, den man ihm nachmittags um fünf auf das Zimmer brachte.

Er sprach ein archaisches Spanisch, voller überraschender Redewendungen und Ausdrücke (dufte, wo liegt die Krux, ich rackere mich ab) und merkwürdiger Sätze und Wörter auf Englisch oder in einem antiquierten Spanisch (obstinacy, winner, Plagegeist). Gelegentlich blieben seine Wörter oder Satzkonstruktionen ein Rätsel, doch er sprach ruhig und freundlich. Außerdem spendierte er jedem, der Lust verspürte, ihm zuzuhören, ein paar Gläschen. Es war der Moment seines größten Ansehens. Er ließ sich überall sehen, suchte die unterschiedlichsten Kreise auf, stellte sich vor und freundete sich mit den jungen Männern aus dem Dorf an, egal aus welcher Schicht sie stammten. Er hatte unzählige Geschichten und Anekdoten aus jener merkwürdigen Welt dort draußen zu erzählen, einer Welt, die die Bewohner dieses Landstrichs nur aus dem Kino oder dem Fernsehen kannten. Er kam aus New York, einer Stadt, wo die ganzen lächerlichen Hierarchien, wie es sie in einem Dorf in der Provinz Buenos Aires gab, nicht existierten oder zumindest weniger sichtbar waren. Er wirkte immer gut gelaunt, und jeder, der sich mit ihm unterhielt oder ihm über den Weg lief, fühlte sich geschmeichelt von seiner Art, ihm zuzuhören und immer Recht zu geben. Auf diese Weise hatte er bereits nach einer Woche ein freundschaftliches Verhältnis zu vielen der Dorfbewohner aufgebaut, und selbst die Leute, die ihn noch nie gesehen hatten, hatten das Gefühl, ihn zu kennen.3

Weil er es verstand, die Männer für sich einzunehmen, waren auch die Frauen auf seiner Seite und redeten auf der Damentoilette der Konditorei, in den Salons des Club Social und während ihrer endlos langen Telefongespräche an den Sommerabenden über ihn, und sie waren es auch, die als Erste erzählten, dass er in Wahrheit wegen der Belladona-Schwestern gekommen sei.

Bis man ihn schließlich eines Abends mit einer der beiden Schwestern – mit Ada, wie es heißt –, in ausgelassener Stimmung und angeregt mit ihr plaudernd, die Bar des Plaza betreten sah. Sie nahmen an einem Tisch in der hintersten Ecke Platz und verbrachten den Abend, indem sie sich leise unterhielten und lachten. Es war wie eine Explosion, ein fröhliches, boshaftes Protzen. Noch in derselben Nacht begannen die Leute, hinter vorgehaltener Hand zu tuscheln und ihre eigenen, obszönen Versionen zu verbreiten.

Es hieß, jemand habe gesehen, wie sie zu früher Stunde die Herberge an der Straße nach Rauch betreten hätten, und sogar, dass die Schwestern ihn in einem Häuschen empfingen, das sie außerhalb des Ortes besaßen, in der Nähe der stillgelegten Fabrik, die zehn Kilometer vor dem Dorf wie ein einsames Monument in den Himmel ragte.

Doch das waren bloß Gerüchte, provinzielles Gerede, Vermutungen, die lediglich dazu führten, Tonys Ansehen (und das der Mädchen) noch zu steigern.

Wie immer waren die Belladona-Schwestern den anderen weit voraus, waren die Vorreiterinnen bei allem Interessanten, was im Dorf geschah: Sie waren die Ersten, die Miniröcke trugen, die Ersten, die auf Büstenhalter verzichteten, die Ersten, die Marihuana rauchten und die Pille nahmen. Es schien, als hätten die Schwestern beschlossen, dass Durán der richtige Mann sei, um ihre Lehrjahre abzuschließen. Eine Initiationsgeschichte also, wie in den Romanen, in denen junge Emporkömmlinge frigide Herzoginnen erobern. Sie waren zwar weder frigide noch Herzoginnen, er aber war sehr wohl ein junger Emporkömmling, ein karibischer Julien Sorel, wie Nelson Bravo, der für die Gesellschaftsseiten der Lokalzeitung zuständige Redakteur, so scharfsinnig bemerkte.

Jedenfalls hörten die Männer zu jener Zeit auf, ihn mit verstohlener Sympathie zu beäugen, und gingen dazu über, ihm mit fast blinder Verehrung und wohlmeinendem Neid zu begegnen.

»Er kam ganz entspannt mit einer der Schwestern hierher, um ein Gläschen zu trinken, denn zu Beginn ließ man ihn offensichtlich noch nicht in den Club Social. Die hohen Tiere sind die Schlimmsten, die wollen alles geheim halten. Dagegen sind die einfachen Leute viel liberaler«, sagte Madariaga, wobei er das Wort »liberal« in seiner ursprünglichen Bedeutung verwendete. »Wenn sie etwas tun, dann tun sie es vor aller Augen. Oder hat Don Cosme etwa nicht länger als ein Jahr mit seiner Schwester zusammengelebt? Oder haben die Jáuregui-Brüder vielleicht nicht mit einer Frau zusammengewohnt, die sie aus einem Puff in Lobos angeschleppt hatten? Oder der alte Andrade, hat der etwa nicht mit dieser Fünfzehnjährigen angebändelt, die unter der Obhut der Karmeliterinnen stand?«

»Auf jeden Fall«, bemerkte ein Bauer.

»Klar, wenn Durán ein blonder Yankee gewesen wäre, wäre die Sache anders gelaufen«, fuhr Madariaga fort.

»Auf jeden Fall«, wiederholte der Bauer.

»Auf jeden Fall ist wohl dein Lieblingsausdruck«, hörte man Bravo sagen, der weiter hinten saß, in der Nähe des Fensters, und gerade einen Teelöffel voll Natron in einem Glas Wasser auflöste, weil das ständige Sodbrennen auf sein Gemüt schlug.

Durán gefiel das Leben im Hotel, und er machte es sich zur Gewohnheit, nachts zu leben. Während die anderen Gäste schliefen, schlich er durch die leeren Gänge. Manchmal unterhielt er sich mit dem zuständigen Nachtportier, der stündlich seine Runde drehte, um die Türen zu kontrollieren, und dann ein kleines Nickerchen in einem der Ledersessel im Speisesaal hielt. »Sich unterhalten« ist zu viel gesagt, denn der Portier war ein Japaner, der zu allem lächelte und Ja sagte, als spräche er kein Spanisch. Er war winzig und blass, hatte sein Haar mit Pomade nach hinten gekämmt, trug immer Anzug und Krawatte und war äußerst zuvorkommend. Er war vom Land, wo seine Verwandten eine Baumschule besaßen, und hieß Yoshio Dazai4, aber alle im Hotel nannten ihn nur den Japs. Es scheint, als wäre Yoshio Duráns wichtigste Informationsquelle gewesen. Er war es, der ihm die Historie des Dorfes und die wahre Geschichte der verlassenen Fabrik der Belladonas erzählte. Viele fragten sich, wie es dazu gekommen war, dass der Japaner ein Nachtleben wie eine Katze führte und das Schlüsselbrett eines Hotels mit einem Taschenlämpchen beleuchtete, während seine Familie auf einem Landgut in der Umgebung Blumen züchtete. Er war freundlich und rücksichtsvoll, sehr förmlich und affektiert. Er redete nicht viel, schaute die Leute mit seinen sanften Schlitzaugen an, und alle glaubten, dass der Japaner sich das Gesicht pudere, dass er es liebe, einen Hauch von Rouge auf seine Wangen aufzutragen, und dass er stolz auf sein tiefschwarzes, glattes Haar sei, das er selbst »Rabenflügel« nannte. Yoshio war vernarrt in Durán. Er war so hingerissen von ihm, dass er ihm auf Schritt und Tritt folgte, wie ein persönlicher Lakai.

Manchmal verließen die beiden früh am Morgen das Hotel, spazierten plaudernd unter den Bäumen entlang und durchquerten mitten auf der Straße das Dorf, bis sie zum Bahnhof gelangten. Dort setzten sie sich auf dem verlassenen Bahnsteig auf eine Bank und sahen zu, wie der morgendliche Schnellzug vorbeirauschte. Der Zug hielt nie, raste wie ein Blitz durch das Dorf und setzte seinen Weg nach Süden fort, bis hinab nach Patagonien. Yoshio und Durán sahen die Reisenden, die ihre Gesichter an die hellerleuchteten Fensterscheiben drückten, Gesichter wie Tote im Leichenschauhaus.

Es war Yoshio, der ihm eines Mittags Anfang Februar den Brief der Belladona-Schwestern mit der Einladung überreichte, sie im Haus ihrer Familie besuchen zu kommen. Sie hatten einen Plan des Dorfes auf ein Blatt Papier gezeichnet, das sie aus einem Heft herausgerissen hatten, und die Villa auf dem Hügel mit einem roten Kreis markiert. Offenbar wollten sie, dass er ihren Vater kennenlerne.

Das alte Herrenhaus befand sich oberhalb des Flusses, im alten Teil des Dorfes, auf einer Anhöhe, von der man die Lagune, die Wälder und die graue, endlose Ebene überblicken konnte. Durán zog einen weißen Leinenanzug und zweifarbige Lederschuhe an, und am späten Nachmittag sah man ihn durch das Dorf stolzieren und zum Haus der Belladonas hinaufsteigen.

Er musste den Dienstboteneingang benutzen.

Schuld daran war das Dienstmädchen, sie hatte einen Mulatten gesehen und angenommen, einen verkleideten Tagelöhner vor sich zu haben … So hieß es zumindest.

Durán durchquerte die Küche, und nachdem er das Bügelzimmer und die Stuben der Bediensteten hinter sich gelassen hatte, gelangte er in den zum Park gelegenen Salon, wo ihn der alte Belladona – ausgezehrt und ledrig braun wie ein einbalsamierter Affe, die Beine krumm, die Augen zu schmalen Schlitzen zusammengekniffen – bereits erwartete. Gut erzogen, wie er war, machte Durán die unerlässlichen Verbeugungen und ging auf den Alten zu, um ihn mit den in der spanischsprachigen Karibik üblichen Respektsbekundungen zu begrüßen. Doch in der Provinz Buenos Aires funktionierte das nicht, denn hier begegneten auf diese Weise nur Diener ihren Herren. Die Bediensteten sind die Einzigen (sagte Croce), die die sonst überall verlorengegangenen aristokratischen Bräuche der spanischen Kolonialzeit noch beherrschen. Und es waren die Herren, die den Dienern diese Umgangsformen beibrachten, die sie selbst seit Langem abgelegt hatten – als hätten sie die Manieren, die sie selbst nicht mehr benötigten, bei diesen dunkelhäutigen Menschen in Verwahrung gegeben.

Ohne es zu merken, benahm sich Durán wie ein ländlicher Vorarbeiter, wie ein Pächter oder einfacher Händler, der sich feierlich, mit bedächtigen Schritten, nähert, um seinen Herrn zu begrüßen.

Tony verstand das im Dorf herrschende Geflecht aus Beziehungen und Hierarchien nicht. Er begriff nicht, dass es Bereiche gab – die gefliesten Wege in der Mitte des Platzes, der im Schatten liegende Bürgersteig an der Hauptstraße, die vorderen Kirchenbänke –, die den Mitgliedern der alteingesessenen Familien vorbehalten waren, und Orte – der Club Social, die Theaterlogen, das Restaurant des Jockey Clubs –, die einem selbst mit Geld verwehrt blieben.

Doch hatte der alte Belladona nicht Recht, ihm zu misstrauen? Das fragten sich alle. Diesem arroganten Fremden zu misstrauen und ihm gleich zu Beginn die Regeln seines Hauses und seiner gesellschaftlichen Schicht aufzuzeigen? Bestimmt hatte sich der Alte gefragt – und alle stellten sich diese Frage –, wie es sein konnte, dass ein Mulatte, der behauptete, aus New York zu kommen, an einem Ort aufkreuzte, wo die letzten Schwarzen seit fünfzig Jahren verschwunden waren oder sich in Luft aufgelöst hatten und ein Teil der Landschaft geworden waren. Und dass er nie wirklich erklärte, was er eigentlich hier wollte, und nur vage andeutete, in einer Art geheimer Mission unterwegs zu sein. Später erfuhr man, dass sie irgendetwas zu bereden hatten an jenem Nachmittag, der Alte und Tony; anscheinend brachte Durán eine Nachricht oder hatte einen Auftrag, aber alles lief unter der Hand ab.

Der Alte bewohnte einen geräumigen Salon, der wie eine Pelotahalle wirkte. Man hatte die Zwischenwände eingerissen, um mehr Platz zu schaffen, so dass sich der Ingenieur zwischen seinen Tischen und Schreibtischen hin und her bewegen konnte, während er Selbstgespräche führte und durch das Fenster das tote Treiben auf der Straße jenseits des Parks beobachtete.

»Man wird Sie hier den Zambo nennen«, sagte der Alte zu Durán und grinste boshaft. »Während der Kolonialzeit gab es eine ganze Menge Neger am Río de la Plata, in den Befreiungskriegen haben sie ein Bataillon aus Mulatten und Farbigen gebildet, waren zu allem entschlossen, doch man hat sie alle getötet. Es gab sogar ein paar schwarze Gauchos, die an der Grenze dienten. Am Ende sind sie alle abgehauen und haben sich den Indianern angeschlossen. Und bis vor ein paar Jahren hat noch eine Handvoll Schwarzer in den Wäldern gelebt, aber nach und nach sind sie gestorben, und jetzt gibt es keine mehr. Wie ich hörte, wird in der Karibik zwischen zahlreichen Hautfarben unterschieden, aber hier nennt man alle Mulatten einfach nur Zambos.5 Verstehen Sie, junger Mann?«

Der alte Belladona war siebzig Jahre alt, schien jedoch so fern von allem zu stehen, dass er zu jedem männlichen Dorfbewohner »junger Mann« sagen konnte: Er hatte sämtliche Katastrophen überlebt, regierte über die Toten, regelte alles, was ihn betraf, verstieß die männlichen Mitglieder der Familie und blieb nur mit seinen zwei Töchtern zurück, während die beiden Söhne »ins Exil« gingen und zehn Kilometer weit nach Süden zogen, in die Fabrik, die sie an der Straße nach Rauch errichteten. Ohne große Umschweife erzählte der Alte Durán von seinem Vermächtnis. Er habe seine Besitztümer schon vor seinem Tod aufgeteilt und das Anwesen überschrieben. Dies sei jedoch ein Fehler gewesen, denn seither habe es nur noch Krieg gegeben.

»Nichts ist mir geblieben«, sagte er, »und die anderen haben angefangen, sich zu zanken, und bringen sich gegenseitig fast um.«

Die Töchter, fuhr er fort, hielten sich aus dem Streit heraus, doch seine Söhne seien auf ihn losgegangen, als ginge es um ein Königreich. (Mich siehst du hier nicht mehr, hatte Luca geschworen. Ich werde dieses Haus nie wieder betreten.)

»Etwas hatte sich geändert nach Duráns Besuch und ihrem Gespräch«, sagte Madariaga, ohne sich an einen der Gäste im Besonderen zu wenden oder näher darauf einzugehen, worin diese Veränderung bestanden haben soll.

Zu der Zeit begannen die Dorfbewohner sich zu erzählen, er sei ein Kofferbote 6, der Geld bringe, das nicht sein eigenes sei, um heimlich die Ernte aufzukaufen, ohne Steuern bezahlen zu müssen. Es wurde behauptet, in dem Gespräch mit Belladona sei es um ebensolche Geschäfte gegangen und die Schwestern seien lediglich ein Vorwand gewesen.

Gut möglich, so etwas war keine Seltenheit, obwohl diejenigen, die das Schwarzgeld brachten oder abholten, in der Regel unsichtbar blieben. Es waren Typen, die aussahen wie Bankangestellte und mit einer Unsumme fremder Dollars in der Tasche unterwegs waren, um die Steuerbehörde auszutricksen. Es kursierten zahlreiche Geschichten über Steuerhinterziehungen und dubiose Devisengeschäfte. Darüber, wo das Geld versteckt und wie es befördert wurde und wer geschmiert werden musste – aber das war nicht das Problem, es spielte keine Rolle, wo sie das Geld bei sich trugen, denn wenn keiner sie verriet, konnten sie auch nicht erwischt werden. Und wer hätte sie verraten sollen, wenn alle an dem Geschäft beteiligt waren: die Bauern, die Großgrundbesitzer, die Viehauktionatoren, die Händler und die, die über die Preise in den Getreidesilos bestimmten?

Wieder betrachtete Madariaga den Kommissar im Spiegel, der nervös im Raum auf und ab lief, die Reitgerte in der Hand, bis er sich schließlich an einem der Tische niederließ. Saldías, sein Assistent, bestellte eine Karaffe Wein und eine Kleinigkeit zu essen, während Croce weiter Selbstgespräche führte, so wie er es immer tat, wenn er versuchte, ein Verbrechen aufzuklären.

»Er hatte eine Menge Geld bei sich«, sagte Croce, »deshalb wurde er ermordet. Sie haben dafür gesorgt, dass ihn die Pferderennen und besonders dieses Pferd aus Luján in den Bann zog.«

»Das mussten sie gar nicht, er war schon von Pferderennen begeistert, als er hier ankam«, bemerkte Madariaga lächelnd.

Manche behaupten, man habe ein Pferderennen nur für ihn organisiert, von dem er völlig besessen gewesen sei. Es stimmt wohl eher, dass man dieses Rennen, das bereits seit Monaten geplant war, vorverlegt hatte, damit Tony es besuchen konnte, und einige wollten darin eine Fügung des Schicksals erkennen.

Tony fand schnell heraus, dass es mehrere Sorten ausgezeichneter Reitpferde in der Provinz gab. Im Grunde genommen waren es drei: die kleinen, außergewöhnlichen Polopferde, die vor allem in der Gegend von Venado Tuerto gezüchtet wurden, die kreolischen Vollblüter aus den Stallungen an der Küste und die Pajarero-Rennpferde, die rasch beschleunigen, ungewöhnlich schnell, kurzatmig und ziemlich nervös sind und meist zu zweit gegeneinander antreten. Nirgendwo sonst auf der Welt findet man derartige Pferde oder Rennen.

Mit der Zeit lernte Durán die Geschichte der lokalen Pferderennen kennen.7 Er begriff schnell, dass in dieser Gegend mehr Geld gesetzt wurde als beim Kentucky-Derby. Die Großgrundbesitzer setzten auf Teufel komm raus, und die Landarbeiter verwetteten ihren gesamten Lohn. Die Rennen werden lange im Voraus organisiert, und die Leute sparen ihr gesamtes Geld für diesen Anlass. Es gibt Pferde, die ein hohes Ansehen genießen, jeder weiß, dass sie soundso viele Rennen an den und den Orten gewonnen haben, und dann setzt man auf sie.

Das Dorfpferd war ein Grauschimmel von Payo Ledesma, ein sehr gutes Pferd, das jedoch keine Rennen mehr lief, wie ein ungeschlagener Boxer, der die Handschuhe an den Nagel gehängt hatte. Seit einiger Zeit schon versuchte ein Großgrundbesitzer aus Luján, der einen unbesiegten Rotbraunen besaß, es herauszufordern. Zuerst schien Ledesma nicht darauf eingehen zu wollen, doch am Ende fand er Gefallen an der Sache, er schlug ein, wie es so schön heißt, und nahm die Herausforderung an. Und irgendwie wurde Tony in die Sache verstrickt. Das andere Pferd, das aus Luján, hieß Tácito und hatte eine recht seltsame Vergangenheit. Es war ein Englisches Vollblut, das sich irgendwann verletzt hatte und seitdem nicht mehr als dreihundert Meter laufen konnte. Seine Karriere hatte auf dem Hippodrom von La Plata begonnen, und später hatte es das Derby der Jungpferde gewonnen. Doch eines Tages, an einem regnerischen Samstag, erlitt es während des fünften Rennens von San Isidro einen Unfall. Es stürzte und brach sich den linken Vorderfuß, der nie wieder richtig verheilte. Das Pferd war ein Nachkomme eines Nachkommens von Embrujo, weshalb es als Zuchthengst zum Verkauf angeboten wurde, doch der Jockey des Pferdes – und der Pfleger – nahmen sich seiner an und pflegten es so lange, bis es wieder laufen konnte, trotz der Verletzung und allem. Offensichtlich konnten sie den Großgrundbesitzer aus Luján davon überzeugen, das Pferd zu kaufen, und seitdem hat es noch kein einziges Zweier-Rennen verloren. Das war die Geschichte, die man sich erzählte, und das Pferd war in der Tat beeindruckend, ein Fuchs mit weißen Füßen, widerspenstig und verschlagen. Es hörte auf niemanden außer seinen Jockey, der mit ihm sprach wie mit einem Menschen.

Das Pferd wurde mit einem offenen Lieferwagen gebracht, und als man es auf der Koppel laufen ließ, bestaunten es die Bauern mit gebührendem Abstand. Ein Tier mit einem enormen Stockmaß, einer Decke über dem Rücken und einem bandagierten Fuß, störrisch und voller Energie, das die vor Schreck oder Wut weit aufgerissenen Augen unruhig hin und her bewegte wie ein richtiges Vollblut.

»Ja«, sagte Madariaga. »Ledesmas Grauschimmel gegen den Unbesiegten aus Luján. Irgendetwas ist dort passiert.«

3

ES WAR EIN KÜHLER SONNTAGNACHMITTAG. Aus der ganzen Gemeinde strömten die Bauern von ihren Höfen und Haziendas herbei und suchten sich einen Platz seitlich der Pferderennbahn, gleich hinter den Drahtzäunen, die die Strecke von den Häusern trennten. Man hatte ein paar Bretter auf zwei Böcke gelegt und verkaufte Empanadas, dazu wurde Gin und ein einfacher Landwein ausgeschenkt, der schon beim bloßen Anschauen zu Kopfe stieg. Das Feuer für das Asado war bereits entfacht worden, und man sah die vielen, an Grillkreuzen befestigten Rippenstücke und die Würste und anderen Vorspeisen, die man auf einer Plane auf dem Rasen ausgebreitet hatte. Es herrschte eine festliche Stimmung, und ein nervöses, freudig-angespanntes Stimmengewirr lag in der Luft, so wie immer, wenn ein lang herbeigesehntes Rennen bevorsteht. Nirgends waren Frauen zu sehen, nur Männer aller Altersstufen, junge und alte, Männer im reiferen Alter und Jugendliche, alle in ihren Sonntagskleidern. Die Landarbeiter trugen bestickte Hemden und Westen, die Großgrundbesitzer Wildlederjacken und Halstücher und die Dorfjugendlichen Jeans und um die Hüften geknotete Pullover. Unruhig wogte die Menge auf und ab, dann fingen die Männer an, auf die Pferde zu setzen, die Geldscheine in der Hand, zwischen den Fingern gefaltet oder hinter das Hutband gesteckt.

Auch viele Auswärtige waren gekommen, um sich das Rennen anzuschauen. Sie drängten sich am Ende der Strecke, in der Nähe des Zielstrichs, nicht weit entfernt vom Flussbett. An ihrer zurückhaltenden Art, dieser Unsicherheit von Leuten, die sich auf unbekanntem Terrain bewegen, erkannte man sofort, dass sie nicht von hier stammten. Aus den Lautsprechern eines lokalen Werbebüros – Die Stimme aller: Anzeigen, Sonderangebote und Feste – plärrten Musik und irgendwelche Mitteilungen. Schließlich wurde um einen kräftigen Applaus für Kommissar Croce gebeten, der bei dem Rennen der Zielrichter sein würde.

Begleitet von Saldías, seinem Schatten, erschien der Kommissar in Anzug und Krawatte, auf dem Kopf ein Hut mit schmaler Krempe.

»Es lebe das Pferd des Kommissars!«, brüllte ein Betrunkener.

»Reiß dich zusammen, Cholo, oder ich buchte dich wegen Beamtenbeleidigung ein«, entgegnete ihm der Kommissar, und der Betrunkene schmiss seinen Hut in die Luft und rief: »Es lebe die Polizei!«

Alle fingen an zu lachen, die Stimmung entspannte sich. Penibel, mit großen Schritten, maßen Croce und sein Assistent die Länge der Rennstrecke ab, dann wiesen sie zwei Burschen an, sich mit roten Tüchern an den Seiten zu postieren, um ein Zeichen zu geben, wenn alles fertig wäre.

Als die Musik für einen Moment aussetzte, hörte man plötzlich ein Auto mit hohem Tempo aus dem Wald kommen. Es war Durán, der das Coupé des alten Belladona steuerte, das Dach zurückgeklappt, neben sich auf dem schmalen Beifahrersitz die beiden Schwestern, hübsch und rothaarig, mit müden Gesichtern, als hätten sie in letzter Zeit zu wenig geschlafen. Während Durán den Wagen parkte und den beiden jungen Frauen beim Aussteigen behilflich war, blieb der Kommissar stehen, drehte sich um, damit er sie sehen konnte, und sagte mit leiser Stimme etwas zu Saldías, der resigniert den Kopf schüttelte. Es war eigenartig, die beiden Schwestern gemeinsam zu sehen, was nur in ganz außergewöhnlichen Situationen vorkam, und es war etwas Besonderes, sie an diesem Ort zu sehen, denn sie waren die einzigen Frauen (außer den Damen, die die Empanadas verkauften).

Durán und die Zwillinge suchten sich einen Platz in der Nähe des Starts, grüßten Bekannte und machten Späße über die Fremden, die sich am anderen Ende der Rennstrecke versammelt hatten. Die Mädchen hatten sich auf ihre Klappstühle mit Leinenbezügen gesetzt, und er stand hinter ihnen. Tony trug ein grau kariertes Sporthemd, eine elegant gestreifte Hose und zweifarbige Wildlederschuhe. Sein dichtes, schwarzes Haar glänzte von der Pomade oder einem dieser Öle, die dem Haar Halt und Form verleihen. Die Schwestern – beide waren in ausgesprochen heiterer Stimmung – trugen identische Sommerkleider und weiße Bänder im Haar. Natürlich hätten sie sich nicht mit einer solchen Selbstverständlichkeit zwischen all den Männern bewegen können, die um sie herumstrichen und ihnen mit einer Mischung aus Begierde und Respekt verstohlene Blicke zuwarfen, wenn ihr Vater nicht der wichtigste Mann im Dorf gewesen wäre. Durán grüßte lächelnd, und die Landarbeiter drehten sich weg und schlichen mit zerstreutem Gesichtsausdruck davon. Damit nicht genug, begannen die Schwestern auch noch, Geld zu setzen, wobei sie die Scheine aus winzigen Brustbeuteln zogen, die sie um den Hals trugen. Sofía setzte hohe Summen auf das Dorfpferd, während Ada einen größeren Haufen aus Fünfhundert- und Tausend-Peso-Scheinen auf das Pferd aus Luján wettete. So war es immer, die eine gegen die andere, wie zwei Katzen in einem Sack, die darum kämpfen, als erste hinauszukommen und zu verschwinden.

»Na gut, wie du willst«, sagte Sofía und erhöhte den Einsatz. »Die Siegerin lädt zum Essen ins Náutico ein, die Verliererin bezahlt.«

Durán fing an zu lachen und machte einen Scherz. Man sah, wie er sich zwischen die beiden beugte und einer von ihnen mit einer zärtlichen Geste eine widerspenstige Haarsträhne hinter das Ohr strich.

Dann kam für einen endlos anmutenden Augenblick alles zum Stillstand, der Kommissar stand regungslos an der Strecke, die Fremden schienen eingeschlafen zu sein, die Bauern starrten abwesend auf die Sandpiste, die Großgrundbesitzer blieben stehen und zogen missmutige oder überraschte Grimassen, umgeben von Vorarbeitern und Standverkäufern, die Lautsprecher verstummten, der Mann am Grill betrachtete mit einem Messer in der Hand das auf dem Blech lodernde Feuer und der verrückte Calesita drehte sich immer langsamer im Kreis, bis auch er sich nicht mehr rührte – abgesehen von einem leichten, kreisförmigen Hinundherwiegen, das das Flattern der Karussellplane im Wind darstellen sollte. (Das Wort »Karussell« hatte Tony dem Verrückten beigebracht, als er stehen geblieben war, um ein paar Worte mit ihm zu wechseln, so wie er es immer tat, wenn er am Platz vorbeikam und ihn seine Runden drehen sah.) Es war ein ganz besonderer Moment. Die zwei Schwestern und Tony Durán waren die Einzigen, die noch zu leben schienen. Sie unterhielten sich leise und lachten, und er fuhr fort, der einen über das Haar zu streicheln, während die andere an seinem Sakkoärmel zupfte, damit er sich zu ihr hinunterbeugte und sich anhörte, was sie ihm ins Ohr flüstern wollte. Der Grund jedoch, warum alle in ihrem Tun innegehalten hatten, war, dass der Großgrundbesitzer aus Luján – ein Engländer namens Cooke, groß und schwer wie eine Eiche – zwischen den Bäumen aufgetaucht war, an seiner Seite – mit wiegendem Schritt, einstudierter Arroganz, die Reitpeitsche unter die Achsel geklemmt – der winzige, vom vielen Matekonsum leicht gelblich-grüne Jockey, der die Bauern herablassend taxierte, denn schließlich war er früher einmal im Hippodrom von La Plata und in San Isidro geritten und folglich ein wahrer Turfprofi. Das Gerücht hatte die Runde gemacht, er habe seine Lizenz verloren, weil er einen Rivalen während des Rennens am Ausgang einer Kurve geschubst hatte. Das Pferd des anderen sei gestürzt und habe den Reiter unter sich begraben, der daraufhin grausam gestorben sei. Anscheinend saß er dafür in Haft, aber weil er behauptete, das Pferd habe sich erschreckt, als es das Signal eines Zuges hörte, der gerade in den hinter der Pferderennbahn gelegenen Bahnhof von La Plata einfuhr, ließ man ihn wieder laufen. Es hieß, er sei grausam und streitsüchtig, verschlagen und heimtückisch, dass zwei Tote auf sein Konto gingen und er ein kleiner, hochmütiger Zwerg sei, fieser als eine Chilischote. Weil er aus der Provinz Maldonado in Uruguay stammte, wurde er von allen nur El Chino genannt, obwohl er kein Uruguayer zu sein schien, so aufgeplustert und großmäulig wie er war.

Der Grauschimmel des krummen Ledesma wurde von Monito Aguirre geritten, einem Lehrling, der kaum älter als fünfzehn war, aber bereits im Sattel zur Welt gekommen zu sein schien. Mit schwarzer Baskenmütze, Halstuch, Leinenschuhen, dunkelgrauer Pumphose und kurzer Reitgerte mit dickem Knauf der Monito, und auf der anderen Seite der Jockey, winzig klein in seinem bunten Jäckchen und seiner Reithose, die linke Hand behandschuht, mit verächtlichem Blick, die Augen zwei bösartige Schlitze in einer gelblichen Gipsmaske. Grußlos musterten sie sich, der Chino mit der Reitpeitsche unter der Achsel und seiner Hand mit dem schwarzen Handschuh, die aussah wie eine Kralle, und der Monito, der pausenlos wie besessen Steinchen wegtrat – fast so, als wollte er den Boden säubern –, denn das war seine Methode, sich auf ein Rennen vorzubereiten.

Als es so weit war, schickten sie sich an aufzusitzen. Monito zog sich die Leinenschuhe aus und stieg barfuß in die Steigbügel, den Daumen wie die Indianer in der Zügelschlinge, während der Chino kurze, sehr hoch sitzende Steigbügel nach englischer Art benutzte, wodurch er halb über dem Pferd stand, beide Zügel in der behandschuhten Linken und mit der Rechten den Hals des Pferdes tätschelnd, während er ihm in einer fremden, gutturalen Sprache etwas ins Ohr flüsterte. Anschließend führte man sie nacheinander auf eine in den Boden eingelassene Maiswaage, und Monito musste noch etwas beschwert werden, denn dünn wie er war, fehlten ihm gute zwei Kilo im Vergleich zum Gewicht des Uruguayers.

Man einigte sich darauf, den Wettkampf mit fliegendem Start durchzuführen, bei einer Distanz von fünf cuadras, also knappen fünfhundert Metern, vom Schatten, den die Kasuarinen warfen, bis zum Erdwall über dem Flussbett nahe der Lagune. Am Zielstrich hatte einer der Helfer ein gelbes Sisalband gespannt, das in der Sonne wie Gold glänzte. Der Kommissar ging zum Start und machte den Reitern mit seinem Hut das Zeichen, ihre Positionen einzunehmen. Die Musik verstummte, erwartungsvolles Schweigen setzte ein, und nur das leise Murmeln derjenigen, die weiterhin Wetten annahmen, war zu vernehmen.

Die beiden Rennpferde trabten gemeinsam bei der Baumgruppe los. Es gab einen Fehlstart, und erst im zweiten Anlauf gelang es, die Pferde wieder auf eine Linie zu bewegen. Endlich kamen sie im leichten Galopp dahergeritten, ohne dass eines von ihnen davonzog, nahmen immer mehr Geschwindigkeit auf – meisterhaft Kopf an Kopf geritten –, und als sie auf gleicher Höhe waren, klatschte der Kommissar laut in die Hände und rief ihnen zu, dass der Start geglückt sei. Der Grauschimmel stürmte los und lag sofort mit einer Kopflänge vor dem Chino, der dicht, aber ohne sie zu berühren, über die Ohren seines Pferdes gebeugt ritt, die Peitsche noch immer unter die Achsel geklemmt, während der Monito mit der kurzen Reitgerte auf sein Pferd eindrosch und sie immer schneller wurden, wie ein einziger Blitz.

Ein gewaltiger Chor aus Jubelschreien und Schimpftiraden erfüllte die Luft. Auch nach dreihundert Metern lag Monito knapp in Führung, dann begann der Chino, den Rotbraunen anzuspornen und den Abstand zu verkürzen, bis sie Seite an Seite ritten, und als sie das Zielband durchtrennten, hatte Ledesmas Grauschimmel mit einer halben Kopflänge Vorsprung gewonnen.

Rasend vor Wut sprang der Chino vom Pferd und schrie, er sei beim Start benachteiligt worden.

»Der Start war einwandfrei«, erwiderte der Kommissar gelassen. »Der Mono hat gewonnen, wenn auch knapp.«

Ein heftiger Tumult brach aus, und inmitten des allgemeinen Durcheinanders begann der Chino mit Ledesma zu streiten. Zuerst warf er ihm Beleidigungen an den Kopf, dann wollte er ihn schlagen, doch Ledesma, der groß und schlank war, hielt ihn auf Distanz, indem er einfach seine Hand gegen die Stirn des kleinen Jockeys drückte, der wütend um sich schlug und trat, ohne einen Treffer landen zu können. Schließlich ging der Kommissar dazwischen, schrie die beiden an, und der Chino beruhigte sich allmählich wieder. Er klopfte seine Kleidung ab und sah Croce an.

»Ist das wahr, dass das Ihr Pferd ist?«, fragte er. »Das Pferd vom Kommissar schlägt hier niemand.«

»Von wegen Pferd des Kommissars«, antwortete Croce. »Wenn ihr verliert, sagt ihr, dass alles abgesprochen war, aber wenn ihr gewinnt, ist natürlich alles mit rechten Dingen zugegangen.«

Alle waren aufgebracht und stritten heftig miteinander, und die Wettgewinne waren noch immer nicht ausbezahlt worden. Die Schwestern hatten sich auf die Leinenstühle gestellt, um besser sehen zu können, was vor sich ging. Dabei stützten sie sich auf Duráns Schultern, der zwischen den beiden stand und lächelte. Der Großgrundbesitzer aus Luján wirkte gelassen, während er sein Pferd am Zaum festhielt.

»Ganz ruhig, Chino«, sagte er zu dem Jockey und wandte sich an Ledesma. »Der Start war nicht ganz einwandfrei. Mein Pferd ist kurz ins Straucheln gekommen, und Sie« – er schaute Croce an, der sich eine Toscano angezündet hatte und wütend an ihr sog – »haben das gesehen, aber trotzdem das Zeichen gegeben.«

»Und warum haben Sie das nicht gleich gesagt und ›Fehlstart‹ gerufen?«, fragte Ledesma.

»Weil ich ein Ehrenmann bin. Wenn man mich zum Verlierer erklärt, werde ich die Wetten auszahlen, aber mein Pferd bleibt unbesiegt.«

»Ich mach da nicht mit«, sagte der Jockey. »Ein Pferd hat seine Ehre und akzeptiert niemals eine ungerechte Niederlage.«

»Dieser Zwerg ist ja völlig verrückt«, bemerkte Ada verwundert. »Ein richtiger Sturkopf.«

Als hätte er sie trotz der großen Entfernung gehört, warf der Chino den Zwillingen einen dreisten Blick zu, erst der einen, dann der anderen, musterte sie hochmütig und eitel von oben bis unten und drehte sich sogar leicht in ihre Richtung, um sie direkt von vorne anblicken zu können. Ada grinste und machte mit Daumen und Zeigefinger ein provozierendes Zeichen in seine Richtung.

»Das Hähnchen muss erstmal krähen lernen«, sagte sie.

»Ich war noch nie mit einem Jockey zusammen«, bemerkte Sofía.

Der Jockey sah die beiden an und verbeugte sich in ihre Richtung. Dann ging er mit leicht wankendem Schritt, so als wäre ein Bein kürzer als das andere, die Reitpeitsche unter der Achsel, den kleinen Körper stolz aufgerichtet, zu einer Pumpe und hielt seinen Kopf unter den Wasserstrahl. Während er pumpte, betrachtete er Monito, der sich unter einen Baum gesetzt hatte.

»Du bist zu früh gestartet«, sagte er zu ihm.

»Und du redest zu viel«, antwortete ihm Monito, und sofort bauten sich die beiden voreinander auf, aber Schlimmeres geschah nicht, denn der Chino ging rückwärts zu seinem Rotbraunen und fing an, auf ihn einzureden und ihn zu streicheln, als wollte er ihn beruhigen, obwohl in Wirklichkeit er es war, der ziemlich aufgebracht war.

»Also gut, ich gebe mich geschlagen«, sagte der Großgrundbesitzer aus Luján, »aber ich habe nicht verloren. Die Wetten werden ausgezahlt, und das war’s.« Er sah Ledesma an. »Wir wiederholen das Rennen, wann immer Sie wollen, suchen Sie einen neutralen Ort aus. In Cañuelas gibt es nächsten Monat ein paar Rennen, falls Ihnen das zusagt.«

»Ich danke Ihnen«, sagte Ledesma.

Doch er nahm die Herausforderung nicht an, und ihre Pferde liefen nie wieder gegeneinander. Es heißt, die Schwestern hätten den alten Belladona überzeugen wollen, das Pferd aus Luján zu kaufen – einschließlich des Jockeys –, um das Rennen zu wiederholen, doch der Alte habe sich geweigert. Aber das sind nichts als Mutmaßungen.

Dann kam der März, und die Schwestern gingen nicht mehr zum Schwimmen ins Náutico. Jetzt erwartete sie Durán immer in der Bar des Hotels, oder er setzte sie am Ortseingang ab, fuhr an der Lagune entlang und machte eine Pause in der Ladenschänke der Madariagas, um sich einen Gin zu genehmigen. Zu jener Zeit interessierten ihn die Pferderennen schon nicht mehr, so als wäre er irgendwann bitter enttäuscht worden oder als benötigte er den Vorwand nicht mehr. Fast jede Nacht sah man ihn in der Hotelbar. Er hatte sich seine sympathische, vertraueneinflößende Art bewahrt, doch allmählich begann er sich immer mehr abzusondern. Die Vermutungen und Gerüchte, weshalb er in das Dorf gekommen war, nahmen eine andere Richtung, es hieß, man habe das und das gesehen oder habe ihn gesehen, er habe das und das gesagt oder jemand anderes habe das und das gesagt, und dabei senkte man die Stimme. Immer öfter konnte man ihn zerstreut im Dorf umherirren sehen, und offenbar schien er sich wohler zu fühlen, wenn Yoshio, der ihm gleichzeitig als persönlicher Gehilfe, Cicerone und Führer diente, an seiner Seite war. Der Japaner lenkte ihn in eine unvorhergesehene Richtung, die niemandem gefiel. Während der Siesta badeten sie nackt in der Lagune. Und mehr als einmal wurde Yoshio dabei beobachtet, wie er mit einem Handtuch am Ufer wartete und Durán kräftig den Körper abrubbelte, bevor er eine Decke unter den Weiden ausbreitete und ein Picknick herrichtete.

Manchmal standen die beiden schon im Morgengrauen auf und fuhren zum Angeln an die Lagune. Sie mieteten ein Ruderboot, warfen die Angelschnur aus und betrachteten den Sonnenaufgang. Tony war auf einer karibischen Insel aufgewachsen und die Lagunen, die sich mit ihren stillen Flussarmen und kleinen Inseln, auf denen Kühe grasten, im Süden der Provinz aneinanderreihten, ließen ihn schmunzeln. Doch ihm gefielen die leeren, weiten Ebenen, die man vom Boot aus sah, jenseits der sanften Wellen, die sich zwischen den Binsen auflösten. Ausgedehnte Felder, von der Sonne versengte Weiden und hin und wieder ein kleiner Tümpel zwischen den Baumgruppen und Wegen.

Zu der Zeit hatte sich die Legende um seine Person bereits gewandelt. Er war kein Don Juan mehr, kein Glücksritter, der reichen südamerikanischen Erbinnen nachstellte. Jetzt war er ein Reisender neuen Typs, ein Abenteurer, der schmutzige Geschäfte machte, ein kühler Ganove, der mithilfe seiner Eleganz und seines amerikanischen Passes Dollars durch den Zoll schmuggelte. Er besaß eine doppelte Persönlichkeit, zwei Gesichter, zwei Wesen. Es schien unmöglich, dass sich eine der Versionen erhärtete, denn sein rätselhaftes Leben sorgte immer wieder für neue Überraschungen. Er war ein verführerischer, extrovertierter Fremder, der viel erzählte, und gleichzeitig ein geheimnisvoller Mann mit einer dunklen Seite, jemand, der in den Bann der Belladonas geraten war und dem es nicht mehr gelang, sich aus diesem Strudel zu befreien.

Das ganze Dorf beteiligte sich daran, die unterschiedlichen Versionen anzupassen und ständig zu ergänzen. Die Motive und der Blickwinkel hatten sich geändert, nicht aber die Person. Die Begebenheiten waren nicht neu, nur die Art, sie zu betrachten. Es gab keine neuen Erkenntnisse, nur andere Interpretationen.

»Aber deshalb haben sie ihn nicht umgebracht«, bemerkte Madariaga und betrachtete den Kommissar im Spiegel, der noch immer nervös im Laden auf und ab ging, die Reitgerte in der Hand.

Ein Rest Abendlicht drang durch das Fenstergitter, hinter dem sich die weite Ebene in der Dämmerung auflöste, als wäre sie aus Wasser.

Sie saßen in Korbsesseln in der zum Garten hin offenen Galerie und unterhielten sich vom späten Nachmittag bis Mitternacht. Immer wieder stand Sofía Belladona auf und trat ins Haus, um neues Eis oder die nächste Flasche Weißwein zu holen. Auch von der Küche aus – oder während sie die Glastür durchschritt, oder während sie sich an das Gitter der Galerie lehnte – sprach sie weiter mit ihm, bevor sie sich wieder setzte und dabei ihre sonnengebräunten Oberschenkel sehen ließ, die weißen Sandalen, die den Blick auf ihre rot lackierten Fußnägel freigaben – die langen Beine, die zarten Knöchel, die perfekten Knie –, die Emilio Renzi versonnen betrachtete, während weiterhin die tiefe, ironische Stimme der jungen Frau ertönte, eine Stimme, die sich wie Musik in der Nacht entfernte und wieder näher kam, bis er sie mit einer Bemerkung unterbrach oder sie für einen Augenblick bat innezuhalten, um ein paar Worte oder einen Satz in seinem schwarzen Notizbuch festzuhalten, wie jemand, der mitten in der Nacht aufwacht und das Licht einschaltet, um ein Detail aus einem Traum, den er gerade eben geträumt hat, auf dem erstbesten Stück Papier zu notieren, in der Hoffnung, ihn sich am folgenden Tag wieder vollständig ins Gedächtnis rufen zu können.

Sofía hatte oft gespürt, dass die Geschichte ihrer Familie ein Teil des historischen Erbes der Gegend war – eine rätselhafte Geschichte, die das ganze Dorf kannte und sich immer wieder neu erzählte, aber nie vollständig zu deuten verstand –, und sie war auch nicht sonderlich beunruhigt wegen der vielen unterschiedlichen Versionen und Verfälschungen, denn schließlich bildeten sie einen Teil des Mythos, den sie und ihre Schwester – die beiden Antigones (oder Iphigenien?) dieser Legende – nicht erklären mussten (sie mussten sich »nicht dazu herablassen, ihn zu erklären«, wie sie immer sagte), doch jetzt, in all dem Durcheinander, das das Verbrechen nach sich gezogen hatte, war es möglicherweise angebracht, den Versuch zu unternehmen, die Ereignisse zu rekonstruieren oder »zu verstehen«. Familiengeschichten gleichen sich, hatte sie einmal gesagt, die Personen wiederholen und überlagern sich – es gibt immer einen durchgedrehten Onkel, eine Verliebte, die ihr Leben lang ledig bleibt, es gibt einen Verrückten, einen Ex-Alkoholiker, einen Cousin, der sich auf den Festen gerne als Frau verkleidet, einen Gescheiterten, einen Gewinner, einen Selbstmörder –, doch was die Sache in ihrem Fall komplizierter machte, war die Tatsache, dass sich die Familiengeschichte der Belladonas und die allgemeine Geschichte des Dorfes überlagerten.

»Mein Großvater hat das Dorf gegründet«, sagte sie verächtlich. »Als er ankam, gab es hier nichts außer karger Erde. Die Engländer haben den Bahnhof errichtet und ihn damit betraut.«

Ihr Großvater war in Italien geboren worden, hatte Ingenieurswissenschaften studiert und war Eisenbahntechniker geworden. Als er nach Argentinien kam, brachte man ihn in diese Einöde und ließ ihn mitten auf dem Land an einer Abzweigung stehen, einer Haltestelle, die in Wahrheit nur der Kreuzungspunkt zweier Bahnstrecken war.

»Manchmal glaube ich«, fuhr sie fort, »dass Tony nicht gestorben wäre, wenn mein Großvater in Turin geblieben wäre. Und wenn wir ihm nicht in Atlantic City über den Weg gelaufen wären oder er weiter bei seinen Großeltern in Río Piedras gelebt hätte, wäre er auch nicht getötet worden. Wie nennt man so etwas?«

»Man nennt es das Leben«, antwortete Renzi.

»Platsch!«,8 sagte sie. »Sei nicht so kitschig … Was ist los? Sie haben ihn ausgewählt, sie haben ihn getötet, genau an jenem Tag, genau zu jener Stunde, sie hatten nicht viele Gelegenheiten dazu, begreifst du? So viele Chancen, einen Mann wie ihn zu töten, bekommt man nicht.«

4

DURÁN WURDE TOT auf dem Fußboden seines Hotelzimmers aufgefunden, mit einer Stichwunde in der Brust. Eine Putzfrau hatte ihn entdeckt, als sie das Telefon hinter der Tür klingeln hörte und niemand abnahm. Sie dachte, das Zimmer sei unbewohnt. Es war zwei Uhr nachmittags.

Zur selben Zeit tranken Croce und Saldías einen Wermut in der Hotelbar, so dass sie sich kaum von der Stelle rühren mussten, um mit den Ermittlungen zu beginnen.

»Niemand verlässt das Hotel«, ordnete Croce an. »Wir werden Ihre Aussagen festhalten, dann dürfen Sie gehen.«

Die wenigen Gäste, Handelsreisenden und dauerhaften Bewohner des Hotels saßen in den Ledersesseln im Salon oder standen in Dreier- oder Vierergrüppchen an der Wand und unterhielten sich leise. Saldías hatte an einem Tisch im Büro des Geschäftsführers Platz genommen und rief die Leute nacheinander herein. Er fertigte eine Liste an, notierte sich die persönlichen Daten und Adressen und fragte jeden Einzelnen, wo genau er sich um zwei Uhr nachmittags im Hotel aufgehalten hatte. Dann wies er sie darauf hin, dass sie sich der Polizei weiterhin zur Verfügung halten müssten und dass man sie gegebenenfalls noch einmal als Zeugen vorladen werde. Zum Schluss bat er all jene, die sich in der Nähe des Tatorts aufgehalten hatten oder irgendwelche nützlichen Informationen besaßen, im Speisesaal zu warten. Die Übrigen durften gehen, bis man ihre Hilfe eventuell noch einmal in Anspruch nehmen würde.

»Vier von ihnen haben sich während der Tatzeit in der Nähe von Duráns Zimmer aufgehalten und behaupten, einen Verdächtigen gesehen zu haben. Die werden wir noch einmal genauer befragen müssen.«

»Lass uns gleich damit anfangen …«

Saldías begriff, dass Croce nicht nach oben gehen und die Leiche sehen wollte. Dem Kommissar war das Aussehen der Toten zuwider, dieser sonderbare Ausdruck von Überraschung und Schrecken auf ihren Gesichtern. Er hatte viele Tote in seinem Leben gesehen, zu viele, in allen möglichen Positionen, gestorben an den seltsamsten Todesarten, aber alle hatten sie diesen entsetzten Ausdruck. Er träumte davon, ein Verbrechen aufzuklären, ohne den dazugehörigen Leichnam begutachten zu müssen. Es gibt viel zu viele Leichen, alles ist voll mit ihnen, pflegte er zu sagen.

»Wir müssen hoch«, bemerkte Saldías und führte ein Argument an, das normalerweise Croce vorbrachte: »Bevor wir die Zeugen anhören, sollten wir uns alles angeschaut haben.«

»Natürlich«, entgegnete Croce.

Es war das beste Zimmer des Hotels, da es auf die Straßenecke hinausging und sich etwas abgesondert am Ende des Gangs befand. Durán lag inmitten einer Blutlache auf dem Boden. Er trug eine schwarze Hose und ein weißes Hemd und sah aus, als würde er jeden Moment zu lächeln anfangen, die Augen weit aufgerissen, mit einem starren, angsteinflößenden Blick.

Als Croce und Saldías vor der Leiche stehen blieben, hatten sie das seltsame Gefühl, Komplizen zu sein, so wie es oft geschieht, wenn zwei Männern gemeinsam einen Toten betrachten.

»Wir dürfen ihn nicht berühren«, sagte Croce. »Armer Kerl …«

Er drehte der Leiche den Rücken zu und sah sich aufmerksam den Boden und die Möbel an. An dem Zimmer war nichts Ungewöhnliches, auf den ersten Blick. Er trat ans Fenster, das zum Platz ging, um nachzusehen, was man von der Straße aus erkennen konnte und was man sah, wenn man nach draußen blickte. Wahrscheinlich hatte der Mörder zumindest einen Augenblick lang innegehalten und aus dem Fenster geschaut, um zu prüfen, ob man von draußen beobachten konnte, was in dem Zimmer vor sich ging. Oder dort unten hatte ein Komplize gestanden, der ihm Zeichen machte.

»Er wurde getötet, als er die Tür öffnete.«

»Man hat ihn gestoßen«, sagte Croce, »und dann ging alles ganz schnell. Er hat gesehen, wer ins Zimmer kam, und war überrascht.« Der Kommissar trat näher an den Leichnam heran. »Der Stich war ziemlich tief, sehr präzise, als würde jemand ein Kalb schlachten. Kreolischer Messerstich. Von unten nach oben, die Klinge tief zwischen die Rippen. Er war sofort tot«, sagte er, als erzählte er einen Film nach, den er erst vor kurzem gesehen hatte. »Ohne ein Geräusch. Nur ein leises Stöhnen. Ich bin sicher, dass der Mörder ihn gehalten hat, damit er nicht auf dem Boden aufschlägt. Wenig Blut. Du hältst ihn fest wie einen Sack Knochen, und wenn du ihn auf den Boden gleiten lässt, ist er bereits tot. Der Mörder muss kräftig gewesen sein«, folgerte Croce.

Der Wunde nach zu schließen musste die Tatwaffe ein Gauchomesser gewesen sein, eins von diesen langen, die die Bauern beim Grillen verwenden. Ein Jagdmesser, wie es Tausende in der Provinz gibt.

»Wahrscheinlich hat der Täter die Waffe in die Lagune geworfen«, fuhr der Kommissar abwesend fort. »Der Grund ist voll mit Messern. Als Kind bin ich oft dort getaucht und habe jedes Mal welche gefunden …«

»Messer?«

»Messer und Tote. Ein Friedhof. Selbstmörder, Betrunkene, Indianer, Frauen. Leichen über Leichen. Einmal habe ich einen Alten gesehen, mit langem, schlohweißem Haar, das weiter gewachsen war und im klaren Wasser wie Seide schimmerte.« Croce schwieg einen Moment. »Im Wasser verwest der Körper nicht, nur die Kleidung löst sich auf, deshalb treiben die Toten nackt zwischen den Algen. Ich habe fahle Leichen gesehen, die auf dem Grund standen, mit offenen Augen, wie große weiße Fische in einem Aquarium.«

Hatte er das wirklich gesehen oder nur geträumt? Wie aus dem Nichts überfielen Croce diese Halluzinationen, und Saldías begriff, dass der Kommissar mit seinen Gedanken ganz woanders war, einen Moment lang mit jemandem sprach, der gar nicht da war, und Stimmen hörte, während er wütend auf dem Stummel seiner Toscano herumkaute.

»In nicht allzu weiter Ferne, im Alptraum der Zukunft, werden sie aus dem Wasser steigen«, sagte er geheimnisvoll und lächelte, als käme er langsam wieder zu sich.

Sie sahen sich an. Saldías schätzte den Kommissar und wusste, dass er sich ganz plötzlich in seinen Gedanken verlor. Es dauerte einen Moment, aber er kehrte jedes Mal aus seiner Welt zurück, so als litte er unter Narkolepsie. Duráns Leiche, die immer fahler und starrer wurde, sah aus wie eine Gipsfigur.

»Decken Sie den Verstorbenen zu«, befahl Croce.

Saldías breitete ein Laken über ihm aus.

»Man hätte ihn einfach auf irgendein Feld werfen können, damit ihn die Geierfalken fressen, aber jemand wollte, dass ich ihn sehe. Man hat ihn absichtlich hier liegen lassen. Aber warum?« Croce schaute sich noch einmal im Zimmer um, als sähe er es zum ersten Mal.

Bis auf eine halboffene Schublade, aus der eine Krawatte hervorschaute, gab es keinerlei Spuren einer Auseinandersetzung. Vielleicht hatte man sie eilig geschlossen, und als sich der Mörder umdrehte, hatte er die Krawatte übersehen. Der Kommissar machte die Schublade zu. Er setzte sich auf das Bett, ließ seine Gedanken umherschweifen und betrachtete zerstreut das Oberlicht, hinter dem sich ein Stück Himmel abzeichnete.

Saldías nahm eine Bestandsaufnahme aller gefundenen Gegenstände vor. Fünftausend Dollar in einer Aktentasche, ein Haufen mit mehreren Tausend argentinischen Pesos auf der Kommode, daneben eine Uhr und ein Schlüsselanhänger, eine Zigarettenschachtel Marke Kent, ein Ronson-Feuerzeug, ein Päckchen Velo-Rosado-Kondome, ein US-amerikanischer Pass auf den Namen Anthony Durán, geboren am 5. Februar 1940 in San Juan. Dazu ein Ausschnitt aus einer New Yorker Zeitung mit den Resultaten der wichtigsten Ligen, der Brief einer Frau 9, ein Foto, auf dem der nationalistische Führer Pedro Albizu Campos eine Rede hält – hinter ihm die puertoricanische Flagge –, und das Foto eines Soldaten mit runder Brille in der Uniform der Marines. Außerdem gab es ein Buch mit Gedichten von Luis Palés Matos, eine Salsa-LP von Ismael Rivera mit der Widmung Meinem Freund Tony D., zahlreiche Hemden und Schuhe und mehrere Anzüge. Aber kein Notizbuch, wie Saldías dem Kommissar mitteilte.

»Was ein Toter hinterlässt, ist nichts«, sagte Croce.

Das war das Geheimnis, das jedem Verbrechen innewohnt, die Überraschung desjenigen, der stirbt, ohne darauf vorbereitet zu sein. Was hatte er nicht zu Ende bringen können? Wen hatte er zuletzt gesehen? Man musste immer bei dem Opfer ansetzen, es war die erste Spur, ein mattes Licht.

Im Bad befand sich nichts Besonderes, ein Flakon Actemin, ein Fläschchen Valium, eine Schachtel Tylenol. Im Wäschekorb entdeckten sie einen Roman von Ben Benson, Revolte im Zuchthaus, eine Straßenkarte der Provinz Buenos Aires vom Automobilclub, einen Büstenhalter und ein Plastiktütchen mit amerikanischen Münzen.

Sie kehrten ins Zimmer zurück. Bevor der Leichnam fotografiert und zur Autopsie in das Leichenschauhaus gebracht werden würde, mussten sie noch einen schriftlichen Bericht anfertigen. Eine ziemlich undankbare Aufgabe, mit der der Kommissar seinen Assistenten beauftragte.

Croce lief im Zimmer auf und ab, schaute sich hektisch um, ohne den Blick irgendwo verweilen zu lassen, und murmelte in einer Art anhaltendem Flüstern unverständliche Worte vor sich hin, als dächte er laut nach. »Irgendwas stimmt mit der Luft nicht«, sagte er. Sie ist gefärbt, eine Art Regenbogen im Sonnenlicht, blaue Luft. Was war das?

»Siehst du das?«, fragte er Saldías, während er den Blick langsam durch das Zimmer schweifen ließ.

Er deutete auf die fast unsichtbaren Staubpartikel, die in der Luft schwebten. Saldías hatte den Eindruck, als sähe Croce die Dinge mit ungewöhnlicher Schnelligkeit, als wäre er den anderen stets eine halbe Sekunde (ein halbes Tausendstel einer Sekunde) voraus. Der Kommissar folgte der Spur des hellblauen Staubs – ein zarter, von der Sonne bewegter Nebel, den er wie eine Fährte auf dem Boden betrachtete –, bis er in den hinteren Teil des Zimmers gelangte. An der Wand hing ein schwarzes Stoffquadrat mit gelben Arabesken, eine Art Batiktuch oder Wandteppich von schlichter Machart. Es war offensichtlich, dass es sich um keinen Zimmerschmuck handelte, sondern dass hier etwas verdeckt werden sollte. Ein leichter Luftzug, der ins Zimmer strömte, bewegte die Borten des Wandteppichs.

Croce löste den Stoff mit seinem Federmesser, das er am Schlüsselring bei sich trug, und entdeckte, dass sich hinter dem Stoff ein Schiebefenster verbarg. Es ließ sich mühelos öffnen und führte zu einem Schacht. Man sah ein Seil. Einen Flaschenzug.

»Der Lastenaufzug.«

Saldías sah ihn mit großen Augen an.

»Früher konnte man sich das Essen aufs Zimmer bestellen, wenn man wollte. Man brauchte nur unten anzurufen, und das Essen kam mit dem Aufzug.«

Sie lehnten sich über den Rand der Öffnung. Zwischen den Seilen drang leises Stimmengewirr und das Rauschen des Windes zu ihnen herauf.

»Wohin führt der?«

»Zur Küche und zum Keller.«

Sie zogen den kleinen Aufzugskasten mit dem Seilzug bis zum Rand des Schiebefensters herauf.

»Zu winzig«, sagte Saldías. »Da passt keiner rein.«

»Sag das nicht«, entgegnete Croce. »Mal sehen«, und er lehnte sich noch einmal in den Schacht. Er sah einen schwachen Lichtschimmer zwischen den Spinnweben und das schachbrettartige Muster eines Fliesenbodens.

»Komm mit.«

Sie fuhren mit dem Fahrstuhl ins Erdgeschoss und folgten einer Treppe, die zu einem Gang im Souterrain hinunterführte. Dort befanden sich die alten, schon seit geraumer Zeit nicht mehr genutzten Küchen und der Heizkessel. An einer Seite stand eine Tür offen, die zu einer Kammer mit gekachelten Wänden und einem alten, leeren Kühlschrank führte. An der Abzweigung am Ende des Ganges befand sich hinter einem Gitter die kleine Telefonzentrale des Hotels. Auf der anderen Seite gab eine halb geöffnete Tür den Blick auf einen Lagerraum mit nicht mehr gebrauchten oder vergessenen Gegenständen und alten Möbeln frei. Der Raum war geräumig und hoch und hatte einen schwarz-weißen Fliesenboden. An der hinteren Wand führte eine mit einem Rollladen verschlossene Luke zum Schacht des Lastenaufzugs, der früher einmal, an zahlreichen Kabeln entlang, zwischen dem Untergeschoss und den oberen Stockwerken verkehrt hatte.

In dem Depot türmten sich die Überbleibsel des früheren Hotellebens: Truhen, Weidenkörbe, Handkoffer, Zaumzeug, zusammengerollte Gemälde, leere Rahmen, Wanduhren, ein Almanach von 1962 aus der Fabrik der Belladonas, eine Tafel, ein Vogelkäfig, Fechtmasken, ein Fahrrad, dem das Vorderrad fehlte, Lampen, Laternen, Wahlurnen, eine kopflose Marienfigur, ein Jesus mit wachem Blick, Matratzen, eine Kardiermaschine.

Nichts, was Aufmerksamkeit erregen würde. Bis auf eine Fünfzig-Dollar-Note, die in einer Ecke auf dem Boden lag.

Eigenartig. Ein neuer Geldschein. Croce steckte ihn in einen durchsichtigen Plastikbeutel, in dem sich bereits andere Beweisstücke befanden. Er betrachtete das Datum auf der Banknote. 1970er Serie.

»Und wem gehört das Geld?«

»Irgendwem«, antwortete Croce.

Er betrachtete den Schein von allen Seiten, als könnte er auf diese Weise sehen, wer ihn verloren hatte. Aus Versehen? Jemand hat etwas bezahlt, und der Schein fiel auf den Boden. Möglich. Er studierte das Gesicht auf der Banknote genauer: General Grant, The Butcher, ein Trinker, ein Held, ein Verbrecher, der die Taktik der verbrannten Erde erfand, mit seinem Heer von Norden her kam und ganze Städte und Felder niederbrannte, der nur in die Schlacht zog, wenn seine Armee zahlenmäßig mindestens fünf zu eins überlegen war, und hinterher sämtliche Gefangene erschießen ließ.

»Ulysses S. Grant, der Schlächter. Schau, wo er gelandet ist, als Geldschein auf dem Boden eines drittklassigen Hotels.«

Er dachte einen Moment nach, den durchsichtigen Beutel in der Hand. Dann hielt er ihn Saldías wie eine Karte vor das Gesicht.

»Siehst du? Jetzt habe ich’s kapiert … Oder besser gesagt, ich glaube, ich habe kapiert, was hier passiert ist. Sie sind hergekommen, um ihn auszurauben, sind mit dem Lastenaufzug nach unten gefahren und haben das Geld hier verteilt. Oder sie haben es irgendwo verstaut. Und in der Hektik ist ihnen der Schein runtergefallen.«

»Sie sind nach unten gefahren?«

»Oder nach oben«, sagte Croce.

Wieder steckte der Kommissar den Kopf in den Schacht des Speiseaufzugs.

»Vielleicht hat man auch nur die Kohle mit dem Fahrstuhl nach unten geschafft, und jemand hat hier unten gewartet.«

Sie gingen durch den blau gestrichenen Gang zurück bis zu einer Glastür mit einem Gitter davor, hinter der sich in einer Art Kabine die kleine Telefonzentrale des Hotels befand.

Croce und Saldías befragten die Telefonistin, Señorita Coca. Coca Castro – mager, sommersprossig – wusste über alles und jeden Bescheid. Sie war der bestinformierte Mensch der ganzen Gegend. Ständig wurde sie eingeladen, um zu erzählen, was sie wusste. Sie ließ sich lange bitten, doch am Ende rückte sie jedes Mal mit ihren Neuigkeiten heraus. Aus diesem Grund war sie auch ledig geblieben! Sie wusste derartig viel, dass kein Mann es wagte, sich mit ihr einzulassen. Eine Frau, die zu viel weiß, macht den Männern Angst, behauptete Croce. Gelegentlich ging sie mit den Vertretern und Handelsreisenden aus, und mit den jungen Frauen des Dorfes verstand sie sich bestens.

Sie fragten sie, ob ihr etwas aufgefallen sei, ob sie jemanden kommen oder gehen sehen habe. Doch sie hatte nichts gesehen. Sie versuchten, noch etwas über Durán aus ihr herauszubekommen.

»Zimmer 33 ist eins von drei Zimmern mit Telefon«, erklärte die Telefonistin. »Darum hatte Señor Durán ausdrücklich gebeten.«

»Mit wem hat er telefoniert?«

»Er hat nur wenige Gespräche geführt. Meistens auf Englisch. Die Anrufe kamen immer aus Trenton, New Jersey. Aber natürlich höre ich die Gespräche der Gäste nicht mit.«

»Und heute, als er nicht abgenommen hat, wer hat da angerufen? So um zwei Uhr nachmittags, wer war das?«

»Ein Ortsgespräch. Aus der Fabrik.«

»Luca Belladona?«

»Keine Ahnung, er hat keinen Namen genannt. Aber es war ein Mann. Er hat Durán verlangt, wusste aber die Zimmernummer nicht. Als dort niemand abnahm, hat er mich gebeten, es noch einmal zu versuchen. Er hat gewartet, aber es ging keiner ran.«

»Hatte er schon einmal angerufen?«

»Durán hat ihn ein paarmal angerufen.«

»Ein paarmal?«

»Ich hab die Liste. Sie können sie sehen.«

Die Telefonistin war sichtlich nervös, bei einem Mordfall glauben alle, dass man ihnen etwas vorwerfen will. Durán sei sehr charmant zu ihr gewesen, zweimal habe er sie eingeladen, mit ihm auszugehen. Sofort dachte Croce, dass Durán irgendetwas von ihr wollte. Deshalb hatte er sie eingeladen, sie konnte ihm Informationen besorgen. Doch aus Rücksicht auf die Familie Belladona hatte sie die Einladungen ausgeschlagen.

»Wollte er etwas Spezielles von dir wissen?«

Die junge Frau schien sich zu verkriechen, sich einzurollen, wie der Geist in Aladins Wunderlampe, von dem nur noch ein roter Mund zu sehen war.

»Er wollte wissen, mit wem Luca telefonierte. Das hat er mich gefragt. Aber ich konnte ihm nicht helfen.«

»Hat er bei den Belladonas angerufen?«

»Ein paarmal«, antwortete Coca. »Meistens hat er mit Ada telefoniert.«

»Wir werden die Schwestern anrufen. Ich möchte, dass sie herkommen und den Toten identifizieren.«

Die Telefonistin wählte die Nummer der Belladonas. Sie machte das zufriedene Gesicht von jemandem, der einer besonderen Situation als Protagonist beiwohnt.

»Hallo, ja, hier ist das Hotel Plaza«, rief sie in den Hörer. »Ein Gespräch für die Señoritas Belladona.«

Am späten Nachmittag trafen die Schwestern ein, verstohlen, als hätten sie sich nur ausnahmsweise dazu durchgerungen, das Tabu oder den Aberglauben, der sie jahrelang daran gehindert hatte, Seite an Seite im Dorf aufzutauchen, zu durchbrechen. Sie wirkten wie zwei Repliken und glichen sich so sehr, dass ihre Symmetrie fast unheimlich war. Croce und die Schwestern hatten ein sehr vertrautes Verhältnis zueinander, das weit über den normalen Umgang im Dorf hinausging.

»Wer hat euch informiert?«

»Staatsanwalt Cueto hat mich angerufen«, antwortete Ada.

Sie gingen nach oben, um die Leiche zu identifizieren. Mit dem weißen Laken sah sie aus wie ein Möbelstück. Saldías hob das Laken an. Das Gesicht des Toten hatte einen ironischen Ausdruck angenommen und war bereits sehr blass und starr. Keine der beiden Schwestern sagte ein Wort. Was auch nicht nötig war, sie sollten den Mann bloß identifizieren. Er war es. Alle wussten, dass er es war. Sofía schloss ihm die Augen und trat ans Fenster. Ada schien geweint zu haben, aber vielleicht lag es auch nur an dem Straßenstaub, der sich auf ihre entzündeten Augenlider gelegt hatte. Zerstreut betrachtete sie die Gegenstände im Zimmer, die offenen Schubladen. Eins ihrer Beine zuckte nervös, es sah aus, als schnellte eine Feder in die Luft. Das Zucken hatte nicht die geringste Bedeutung, aber als er es bemerkte, musste der Kommissar an Regina Belladona denken, Lucas Mutter. Dieselbe Bewegung mit dem Bein, als bündelte sich die ganze Verzweiflung in ihrem Körper. An einem Punkt ihres Körpers. Der Sprung in einem Glas. Plötzlich kamen ihm diese sonderbaren Sätze in den Sinn, als diktierte sie ihm jemand. Selbst das Gefühl, dass ihm irgendwer etwas diktierte, war für ihn eine absolute Gewissheit. Seine Gedanken schweiften ab, und als er in die Realität zurückkehrte, hörte er Ada etwas sagen. Sie schien auf eine Frage des Sekretärs zu antworten. Es hatte etwas mit dem Anruf bei der Fabrik zu tun. Sie hätten nicht gewusst, dass Durán mit ihrem Bruder telefoniert habe. Keine von ihnen habe Nachrichten von ihm. Croce glaubte ihr nicht, aber er hakte auch nicht nach. Er vertraute darauf, dass ihm seine Eingebungen zur rechten Zeit weiterhelfen würden. Er wollte lediglich ein paar Einzelheiten über Tonys Besuch bei ihnen zu Hause in Erfahrung bringen.

»Er hat mit deinem Vater gesprochen.«

»Er hat uns besucht, weil mein Vater ihn kennenlernen wollte.«

»Es ging auch um die Erbschaft.«

»Scheißkaff«, stieß Ada mit einem zarten Lächeln hervor. »Alle wissen, dass wir die Erbschaft jederzeit, wenn wir Lust dazu haben, unter uns aufteilen können, weil unsere Mutter verhindert ist.«

»Juristisch gesehen«, ergänzte Sofía.

»In letzter Zeit wurde er oft mit Yoshio gesehen, ihr kennt die Gerüchte.«

»Uns ist egal, was die Leute treiben, wenn sie nicht bei uns sind.«

»Und die Gerüchte interessieren uns auch nicht«, fügte Ada hinzu.

»Genauso wenig wie der ganze Klatsch.«

Wie ein Blitz durchzuckte Croce die Erinnerung an ein Sommerfest. Die beiden Schwestern hatten mit zwei neugeborenen Katzen gespielt. Die Mädchen mochten fünf, sechs Jahre alt gewesen sein. Sie hatten sie in einer Reihe aufgestellt, und die Kätzchen krabbelten über die von der Nachmittagssonne aufgeheizten Fliesen. Erst streichelten und liebkosten sie die Katzen, dann packten sie sie am Schwanz und begannen, sie sich hin und her zu reichen. Ihr Spiel wurde immer schneller und wilder, trotz des kläglichen Maunzens der Kätzchen. Natürlich hatte er von Beginn an ausgeschlossen, dass sie es gewesen waren. Sie hätten ihn eigenhändig getötet, etwas so Persönliches hätten sie nicht von jemand anderem erledigen lassen. Von Frauen verübte Verbrechen, dachte Croce, sind eine persönliche Angelegenheit, etwas, das sie niemand anderem anvertrauen. Saldías fuhr mit seinen Fragen fort und machte sich Notizen. Ein Anruf aus der Fabrik. Um die Gewissheit zu haben, dass er auch da war. Um dieselbe Uhrzeit. Das konnte kein Zufall sein.

»Sie kennen meinen Bruder, Kommissar, er hat ihn garantiert nicht angerufen«, sagte Sofía.

Ada erklärte, nichts von ihrem Bruder Luca gehört und ihn schon ewig nicht mehr gesehen zu haben. Sie hätten sich zusehends auseinandergelebt. Niemand habe ihn mehr gesehen, fügte sie hinzu, er lebe eingeschlossen in seiner Fabrik, umgeben von seinen Erfindungen und Träumen.

»Und was jetzt?«, fragte Sofía.

»Nichts«, erwiderte Croce. »Wir bringen ihn ins Leichenschauhaus.«

Es war ein merkwürdiges Gespräch, mit dem Toten auf dem Boden, Saldías, der sich weiterhin Notizen machte, und dem erschöpft wirkenden Kommissar, der die Zwillingsschwestern freundlich ansah.

»Dürfen wir gehen?«, fragte Sofía.

»Oder stehen wir unter Verdacht?«, sagte Ada.

»Wir stehen alle unter Verdacht«, entgegnete Croce. »Geht lieber hinten raus und tut mir den Gefallen, niemandem zu erzählen, was ihr hier gesehen habt oder worüber wir gesprochen haben.«

»Natürlich«, sagte Ada.

Als der Kommissar anbot, sie zu begleiten, lehnten sie ab. Sie würden allein gehen, er könne sie jederzeit anrufen, wenn er sie brauche.

Croce setzte sich auf das Bett, er wirkte müde, zerstreut. Er fragte Saldías nach seinen Notizen und begann, sie in aller Ruhe zu studieren.

»Gut«, sagte er abschließend. »Hören wir uns an, was diese Gauner uns zu sagen haben.«

Ein Großgrundbesitzer aus Sauce Viejo gab an, das Geräusch einer Kette in Duráns Zimmer gehört zu haben. Danach habe er ganz deutlich eine Stimme vernommen, die nervös geflüstert habe: Ich kauf es für dich, und du zahlst, sobald du kannst. Die Worte hätten sich ihm eingeprägt, weil sie ihm wie eine Drohung vorgekommen seien oder wie ein Scherz. Er könne nicht sagen, wer gesprochen habe, aber es sei eine sehr helle Stimme gewesen, eine verstellte Stimme oder die einer Frau.

»Verstellt oder von einer Frau?«

»Wie von einer Frau.«

Einer der Handelsreisenden, ein gewisser Méndez, behauptete, beobachtet zu haben, wie Yoshio über den Flur geschlichen sei, bevor er sich vor Duráns Zimmertür gebückt habe, um durch das Schlüsselloch zu spähen.

»Seltsam«, sagte Croce. »Gebückt?«

»Ja, direkt vor der Tür.«

»Um etwas zu sehen oder um etwas zu hören?«

»Um durch das Schlüsselloch zu linsen, glaube ich.«

Ein Vertreter wollte gesehen haben, wie Yoshio das Bad im Flur betrat, um sich die Hände zu waschen. Er habe schwarze Kleidung und ein gelbes Halstuch getragen, und die Ärmel an seinem rechten Arm seien bis zu den Ellbogen hochgekrempelt gewesen.

»Und was haben Sie im Bad gemacht?«

»Meine Notdurft verrichtet«, antwortete der Vertreter. »Ich stand mit dem Rücken zu ihm, aber ich konnte ihn deutlich im Spiegel erkennen.«

Ein anderer Gast, ein Viehauktionator aus Pergamino, der regelmäßig im Hotel abstieg, sagte aus, er habe Yoshio gegen zwei Uhr aus dem Badezimmer im dritten Stock kommen und dann aufgeregt – ohne auf den Fahrstuhl zu warten – die Treppe hinunterrennen sehen. Auch eins der Zimmermädchen gab an, sie habe den Japaner etwa um dieselbe Uhrzeit aus dem Zimmer kommen und den Gang durchqueren sehen. Und Prono, ein großer, massiger Typ und früherer Profiboxer, der auf der Suche nach Ruhe in das Dorf gezogen war, wo er sich seitdem als eine Art Wachmann um die Sicherheit des Hotels kümmerte, beschuldigte Dazai auf der Stelle.

»Der Japs war’s«, erklärte er mit der nasalen Stimme eines Schauspielers aus einem argentinischen Gangsterfilm. »Ein Streit zwischen Tunten.«

Die anderen schienen seiner Meinung zu sein. Alle hatten sie es eilig gehabt auszusagen, und der Kommissar wunderte sich über so viel Einstimmigkeit. Einige hatten sich mit ihren Aussagen sogar selbst in Schwierigkeiten gebracht. Es war möglich, dass gegen sie ermittelt würde, um ihre Aussagen zu überprüfen. Der Großgrundbesitzer aus Sauce Viejo, ein Mann mit hochrotem Kopf, hatte beispielsweise eine Geliebte im Dorf, die Witwe des alten Corona, während seine Frau im Krankenhaus von Tapalqué lag. Das Zimmermädchen, das beobachtet haben wollte, wie Yoshio überstürzt aus Duráns Zimmer gerannt kam, hatte keine Erklärung dafür, was sie um diese Zeit im Gang zu suchen hatte, wo sie doch eigentlich schon Feierabend hatte.

Yoshio selbst hatte sich in seinem Zimmer eingeschlossen – völlig verstört, wie es hieß, verzweifelt wegen des Todes seines Freundes – und antwortete nicht auf die Rufe.

»Lassen Sie ihn, bis ich ihn brauche«, sagte Croce. »Der haut nicht ab.«

Sofía schien sich zu ärgern und sah Renzi mit einem sonderbaren Lächeln an. Sie sagte, Tony sei verrückt nach Ada gewesen, vielleicht nicht unbedingt verliebt, eher geil, aber er sei nicht allein ihretwegen ins Dorf gekommen. Die Geschichten, die man sich über das Trio erzählte, hätten nichts mit dem Verbrechen zu tun gehabt, das seien nichts als Hirngespinste, Hirngespinste, von denen sie ihm ein andermal erzählen könne, falls es sich ergebe, denn sie habe nichts zu verbergen, sie werde nicht zulassen, dass eine Bande alter, nachtragender Klatschweiber ihr vorschreibe, wie sie zu leben habe oder mit wem – »oder mit wie vielen«, sagte Sofía später – sie und ihre Schwester ins Bett gehen dürften. Auch von diesen provinziellen Frömmlern, die aus der Kirche kommen, um gleich anschließend in den Puff der Bizca zu gehen – oder andersherum –, ließen sie sich nicht fertigmachen.

Die Menschen auf dem Land lebten in zwei Realitäten, in zwei Welten, mit zwei unterschiedlichen Moralvorstellungen. Auf der einen Seite trugen sie englische Kleidung, fuhren mit ihren Pick-ups übers Land und grüßten die Bauern und Tagelöhner, als wären sie feudale Herren, und auf der anderen Seite waren sie in jede erdenkliche Gaunerei verwickelt und trieben krumme Geschäfte mit den Viehauktionatoren und den Exporteuren aus der Hauptstadt. Als Tony kam, hätten sie sofort gewusst, dass noch etwas anderes im Spiel sein müsse als eine Liebesgeschichte. Warum sollte ein Amerikaner auch sonst hierherkommen, wenn nicht, um Geld herzuschaffen und Geschäfte zu machen?

»Und sie hatten Recht«, sagte Sofía, während sie sich eine Zigarette ansteckte. Eine Zeitlang rauchte sie schweigend, die Zigarettenglut leuchtete im abendlichen Dämmerlicht auf. »Tony hatte einen Auftrag, und deshalb hat er uns gesucht, und dann sind wir mit ihm durch die Casinos an der Küste gezogen, haben in Luxushotels oder in verlausten Motels an der Landstraße haltgemacht, haben uns vergnügt und das Leben genossen, während er alles Weitere regelte, was seinen Auftrag anging.«

»Ein Auftrag?«, fragte Renzi. »Was war das? Hatte er den schon, als er auf euch stieß?«

»Ja, ja«, sagte sie. »Im Dezember.«

»Dezember, das kann nicht sein … Wieso Dezember, wenn dein Bruder …?«

»Dann eben Januar, was soll’s, das spielt keine Rolle. Er war ein Gentleman, er hat nie zu viel gesagt und uns nie angelogen … Er hat sich nur geweigert, bestimmte Details preiszugeben …«, sagte Sofía und setzte ihre Litanei fort, wie ein Mädchen, das im Kirchenchor singt. Und Renzi sah das Bild vor sich, das kleine rothaarige Mädchen in der Kirche, das im Chor singt, ganz in Weiß … »Zu allem Überfluss war Tony auch noch Mulatte, und das, was meine Schwester und mich erregte, machte den Bauern in der Gegend Angst, oder fingen sie etwa nicht an, ihn den Zambo zu nennen, so wie mein Vater es ihm prophezeit hatte?«

Man könne Tonys Tod nicht verstehen, wenn man die dunkle Seite ihrer Familiengeschichte nicht kenne, vor allem die Geschichte von Luca, dem Sohn einer anderen Mutter, ihrem Halbbruder, sagte sie und Renzi unterbrach sie, »warte, warte …«, und Sofía war für einen Moment irritiert, bevor sie fortfuhr. Oder besser gesagt, bevor sie die Geschichte noch einmal ganz anders erzählte.

»Als es mit der Fabrik bergab ging, weigerte sich mein Bruder, sie zu verkaufen. ›Weigerte sich‹ ist schon zu viel gesagt, er zog die Möglichkeit gar nicht erst in Betracht, die Fabrik aufzugeben und zu kapitulieren. Begreifst du? Stell dir einen Mathematiker vor, der entdeckt, dass zwei plus zwei fünf ist, und damit niemand auf die Idee kommt, er sei verrückt, muss er das ganze mathematische System anpassen, wo zwei plus zwei natürlich nicht fünf ist, und auch nicht drei – und es gelingt ihm.« Sie schenkte sich Weißwein nach, gab etwas Eis dazu und schwieg einen Moment, dann sah sie Renzi an, der etwas von einer Katze an sich hatte, so wie er in seinem Sessel dasaß. »Du siehst aus wie eine Katze«, sagte sie zu ihm. »Eine im Sessel liegende Katze, und weißt du was? So war es nicht, es ist nicht so abstrakt. Stell dir einen Schwimmchampion vor, der ertrinkt. Oder besser noch, stell dir einen berühmten Marathonläufer vor, der in Führung liegt, und als er fünfhundert Meter vor dem Ziel ist, hat er einen Anfall, irgendeinen Krampf, der ihn lähmt, aber er schleppt sich weiter, denn er will unter keinen Umständen aufgeben, und als er schließlich den Zielstrich überquert, ist es bereits dunkel und alle haben das Stadion verlassen.«

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9783803143297
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