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Regina Schleheck
Mörderisches vom Niederrhein
Krimis

Zum Buch
Niederungen am Rhein Wer mit dem Niederrhein Spargelanbau, Windräder, Kopfweiden und viel Gemüt assoziiert, wird dank der idyllischen Bilder das hochgefährliche Potenzial der Region vermutlich übersehen. Geografisch, historisch-politisch und kulturell eint die Gegend vor allem eins: nichts. Die Mischung aus Abgrenzung und Überschneidung sorgt für brisante Konfliktstoffe, die Regina Schleheck in 12 spannenden Kurzkrimis mit verschiedensten Protagonisten an unterschiedlichsten Schauplätzen auf bitterböse, schwarzhumorige und berührende Weise eskalieren lässt, bis die Niederungen der Gefühle für Aufruhr zwischen Rhein, Niers und Rur sorgen. Weil Gemüt noch lange nicht Gemütlichkeit garantiert. Und flach nicht platt ist am Niederrhein.
Regina Schlehecks Biografie fand in ihrer Bibliografie Niederschlag: Wuppertal, Köln, Aachen, Herford, Leverkusen. In allen Lebensstationen besuchte sie den benachbarten Niederrhein. Heute lebt die hauptberufliche Oberstudienrätin, freiberufliche Autorin, Herausgeberin, Referentin und fünffache Mutter an der Grenze von Rheinland, Bergischem Land und Niederrhein. Seit 2002 veröffentlicht sie Kurzgeschichten, Hörspiele und Romane, unter anderem den biografischen Kriminalroman »Der Kirmesmörder – Jürgen Bartsch«. Sie wurde vielfach ausgezeichnet, darunter mit dem Deutschen Phantastik Preis sowie dem Friedrich-Glauser-Preis in der Sparte Kurzkrimi. Der »Mörderische Niederrhein« ist ihr vierter Kurzkrimi-Band im Gmeiner-Verlag.
Impressum
Personen und Handlung sind frei erfunden.
Ähnlichkeiten mit lebenden oder toten Personen
sind rein zufällig und nicht beabsichtigt.
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Alle Rechte vorbehalten
Lektorat: Katja Ernst
Herstellung/E-Book: Mirjam Hecht
Umschlaggestaltung: U.O.R.G. Lutz Eberle, Stuttgart
unter Verwendung eines Fotos von: © Frank Kimpfel / shutterstock.com
ISBN 978-3-8392-6956-5
Keine Hexerei
Im Grunde war es Käthes Schuld. Frauen können einfach nicht mal ruhig zusammensitzen. Da muss immer gequasselt werden, und wenn es gerade so richtig gemütlich wird, muss eine – wie sagt man auf Neudeutsch? – Challenge her. Irgendwelche Spielchen, vorzugsweise muss man sich – auch wieder neudeutsch – outen, also sich irgendwie blamieren. Ich meine, die Käthe ist eigentlich ganz okay. Für eine Frau. Sonst hätten wir sie ja gar nicht an unseren Tisch eingeladen. Eine tolle Kollegin, die zupacken kann, nicht nur Spaß, sondern außerdem was von Autos versteht – ein Kumpel halt.
Unser Stammtisch war keine geschlossene Veranstaltung, wir hingen, wenn wir von unseren Touren zurückkamen, im hauseigenen Biergarten ab, Jan, Ricky und ich. Haben ein, zwei, drei Alt gekippt und gefuttert, was die Brotkiste noch hergab. Wenn die Stimmung gut war, sind wir in den letzten Jahren, wenn Boltens Picknick Biergarten um zehn die Schotten dichtgemacht hat, zum »Brauhaus zum goldenen Handwerk« in der Korschenbroicher Innenstadt gestiefelt. Na ja, und gespielt haben wir immer schon ganz gern. Also Karten. Anfangs, als wir zu dritt waren, Skat. Dann kam Käthe dazu, und Ricky hat uns Doppelkopf beigebracht, weil er keinen Bock hatte, dauernd auszusetzen. Heute hat keiner mehr Bock auf Skat. Doppelkopf ist viel spannender. Das ist kein Kräftemessen einer gegen zwei, sondern der Reiz liegt darin, dass man mit einem Partner spielt, aber wer das ist und wie stark der ist, erfährt man manchmal erst zum Schluss. Man muss halt gut beobachten, mitkriegen, was für ein Blatt die anderen haben, strategisch spielen. Und sich nicht verplappern. Das war das, was Käthe ein bisschen nervte dabei. Die hätte am liebsten jeden Spielzug ausdiskutiert. Dabei dreht sich alles um die Frauen. Sie geben den Ausschlag. Also die beiden Kreuz-Damen. Wer sie hat, gehört zur »Re«-Fraktion, die anderen sind »Contra«. Es kann aber durchaus passieren, dass einer die beiden Kreuz-Damen hat, der muss gegen die drei anderen spielen. Das ist erst recht nicht leicht zu durchschauen, außer man ist eben der mit den zwei Damen. Natürlich kann man auch Ansagen machen, aber dann ist ein bisschen die Spannung raus. Und wenn man zu viel getankt hat und nicht aufpasst, schnallt man nicht nur selbst nicht mehr, wer eigentlich gegen wen spielt, sondern man kann seine Mitspieler ganz schön in die Irre führen. Weil es bei uns vor allem darum ging, nach einem anstrengenden Arbeitstag runterzukommen und Spaß zu haben, hat das allerdings nie jemand krummgenommen.
Bis wir Manni kennenlernten. Im »Goldenen Handwerk«. Er saß allein am Nebentisch und hatte wohl schon eine Weile zugehört, wie wir spielten und uns unterhielten. Beugte sich irgendwann zu uns rüber und meinte: »’tschuldigung, darf ich Sie mal was fragen?«
Die Frage an sich ist ja schon der größte Blödsinn. Man tut’s ja, während man fragt, ob man’s darf. Ich meine, klar, es ist eine Floskel. Aber im Nachhinein fragt man sich ja immer, woran es gelegen hat. Wie es gekommen ist. Es war halt von Anfang an was an ihm, was ein bisschen – na ja, genervt hat. Mich zumindest.
Ob er es richtig mitgekriegt hätte, dass wir Kollegen seien, wollte er wissen. Also Auslieferungsfahrer. Für die Privatbrauerei Bolten?
Und als wir bestätigten: er auch! Also nicht für Bolten-Bier, sondern für die König-Brauerei in Duisburg-Beeck. – Was für ein Zufall!
Wie das so ist, wenn man überraschend angesprochen wird. Man guckt natürlich als Erstes in das Gesicht von dem, der einen anspricht. In dem Moment, als er das sagte mit der König-Brauerei – ich schwöre! –, schwenkten unser aller Blicke auf das Glas, das vor ihm stand. Ein Pils. Klar, das war ja irgendwie zu erwarten gewesen. Wir sahen uns an und mussten lachen. Ein bisschen peinlich berührt.
Natürlich haben wir ihn zu uns an den Tisch eingeladen. Kollege! Prost! Ihm das Du angeboten.
Ich glaube, er hatte unser Lachen falsch verstanden. Weil er sich als Erstes erkundigte, was wir denn trinken wollten, die Runde gehe auf ihn. Was für eine Frage! Er sah doch, was da vor uns stand. Wir haben dann mit Boltens Alt gegen Köpi angestoßen und uns unseren Teil gedacht. Was soll man da diskutieren? Klar hat er sich anschließend von uns allen einen ausgeben lassen. Und gekostet. Und es stehen gelassen. In dem Punkt waren wir allerdings stur. Wir bestellten konsequent Alt-Runden. Er bedankte sich, orderte jedes Mal ein Pils hinterher und schob sein Alt entweder Ricky oder Jan zu, die neben ihm saßen. Oder in die Mitte. Irgendwer erbarmte sich schon.
Köpi!
Ich meine, dazu gibt es eigentlich nichts zu sagen, weil es ist, wie es ist. Am Niederrhein trinkt man Alt. Punkt. Der Rest der Welt mag untergärige Biere trinken, wie er will. Meine Mutter sagte immer: »Und wenn der Rest der Welt aus dem Fenster springt, bist du trotzdem nicht so bekloppt und springst hinterher.« Natürlich bricht sich niemand ein Bein, wenn es mal gar nichts anderes gibt als Pils. Aber doch nicht freiwillig.
Es ist nicht nur eine Frage des Geschmacks. Da steckt eine Geschichte hinter. Obergärige Biere sind die, die unseren Breitengeraden entsprechen. Bei gemäßigten Temperaturen, 15 bis 20 Grad Celsius, verbindet sich die Hefe beim Brauvorgang, wird von der Kohlensäure nach oben gedrückt und arbeitet da. Es ist die Methode, wie früher alle Menschen Bier gebraut haben, weshalb es eben auch Altbier heißt. Im Winter oder da, wo es ganzjährig Eis gab, hat man untergärig gebraut. Hier am Niederrhein haben wir nun mal keine Gletscher. Weshalb es im Sommer gar keine Alternative zum Alt gab. Im Winter, wenn es der Hefe zu kalt ist, bei vier bis neun Grad Celsius, kann sie sich nicht verbinden und treibt nicht auf, sondern die Partikel sinken nach unten. Da braucht es länger zum Gären. Das untergärige Bier ist dafür weniger anfällig für Pilze und Mikroben und länger haltbar. Weshalb es auch Lager- oder Exportbier genannt wird. Man kann es größere Strecken transportieren, ohne dass es verdirbt. Klar, dass alle Brauereien mit der Erfindung der Kühlschränke auf untergärige Biere umgestiegen sind. Moderne Denke. Eine Frage des Profits. Hier am Niederrhein hält man an Traditionen fest. Und was den Geschmack angeht: Bei Obst oder Gemüse ist es ja nicht anders: Frisch schmeckt es super. Heute gibt es alles tiefgekühlt und in Konservendosen – leckerer wird es dadurch nicht. Wo in Deutschland kriegt der Verbraucher noch Altbier? Der gemeine Biertrinker wurde von den Brauereien und dem Handel längst umkonditioniert. Frische Ware ist heute überall Luxus.
Es ist nicht so, als wären wir am Niederrhein die letzten Sturköppe. Natürlich soll jeder trinken, was er mag. Aber damit macht er es sich nicht gerade leicht, wenn er bei uns Anschluss finden will. Worauf Manni es offensichtlich anlegte.
»Wie kommt es, dass du dich heute Abend in Korschenbroich rumtreibst?«, wollte Käthe wissen.
Er übernachte bei seiner Tante, verriet er uns. Die gleich um die Ecke in einem schnuckeligen Fachwerkhäuschen lebe, niemand mehr habe als ihn, und da würde er halt immer mal nach ihr gucken, wenn er auf seinen Fahrten in Korschenbroich vorbeikäme. Morgens früh habe er es nicht weit von hier zur Arbeit. Er überlege sowieso, sich umzuorientieren. Das wäre ja eigentlich eine ganz schöne Gegend, nicht so eine Industriestadt wie Duisburg, nicht so viele Zuwanderer und was das alles so nach sich zöge: No-Go-Areas, Familienclans, Bandenkriminalität, man traute sich da ja abends gar nicht mehr auf die Straße. Und ein Job ließe sich doch bestimmt auch irgendwo finden.
Dabei guckte er uns an, als ob er fragen wollte, ob wir nicht morgen ein gutes Wort für ihn einlegen könnten.
Ricky klopfte geräuschvoll mit den frisch gemischten Karten auf den Tisch. »Wie sieht es aus? Nächste Runde?«
Ehe Jan oder ich es verhindern konnten, fragte Käthe: »Kannst du Doppelkopf?«
Manni nickte freudig: »Gerne, wenn ich darf.«
Wir guckten uns an.
»Okay, ich setz’ dann mal aus«, sagte ich. »Muss eh Bier wegbringen.«
Als ich zurückkam, hatten die anderen nach dem Austeilen der Karten gerade erst geklärt, dass und wieso wir mit Neunen spielten. Herrjemine. Nichts entzweit Menschen mehr als unterschiedliche Spielregeln.
»Spielen, richtig verstanden, ist etwas Wunderschönes«, meinte Ricky.
»Es kann gerade für junge Menschen eine gute charakterliche Schulung sein«, ergänzte Jan.
»Äh, und was ist Trumpf?«, fragte Käthe kichernd.
Manni wirkte verwirrt. »Damen, Buben, Karo und die Herz Zehn, oder wie spielt ihr das?«
Wir lachten.
»Das sind Zitate«, klärte ich ihn auf. »Es gibt einen Sketch von Loriot, der heißt ›Skat‹, da reden die so.«
»Aber wir spielen doch Doppelkopf.« Manni war immer noch verwirrt.
»Genau. Und du kommst raus«, mahnte Käthe.
Zwischen den Spielen versuchte sie, Stimmung zu machen und ein Gespräch in Gang zu bringen. So richtig klappte es nicht. Im Wesentlichen beschränkte sie sich darauf, Manni Fragen zu stellen, die der bereitwillig beantwortete. Nach seiner Familie – seine Eltern lebten in Duisburg, keine Geschwister, keine Frau, keine Kinder –, der Tante, dem Häuschen. Mir kam der Gedanke, ob Käthe nach ihrer Scheidung vor zwei Jahren etwa auf der Suche war. Aber ausgerechnet so ein – na ja. Ich guckte mir die Kollegen an. Der Lack war ab. Auf dem Koppe zu wenig, am Bauch zu viel. Dafür knackige Oberarme, breites Kreuz. Mit Manni konnten wir mithalten. Was er um die Hüfte weniger hatte, fehlte ihm auch obenrum.
Ich meldete mich als Erster ab und registrierte mit einer gewissen Genugtuung, dass die anderen ebenfalls ihre Deckel zahlten.
Etwas über eine Woche später trafen wir Manni wieder. Er hatte sich – ganz schön dreist – an unseren Tisch gesetzt und winkte uns freudig zu, als wir eintraten.
»Oh nein.« Das war Jan.
»Was habt ihr denn?« Käthe winkte zurück.
»Ich setze nicht aus«, kündigte Ricky an.
»Hallo, Kollegen«, begrüßte uns Manni und hielt das Doppelkopfspiel hoch, das der Wirt an unserem Tisch deponiert hatte. »Diesmal ohne Neunen?«
»Diesmal ohne dich«, raunte Ricky. »Hallo, Manni!«, sagte er.
»Wir können ja mal was anderes spielen«, schlug Käthe vor.
»Was denn?« Jan hatte das Kartenspiel schon an sich genommen.
»Ein Trinkspiel.«
»Was soll das sein?« Jan mischte das Blatt.
»Einer denkt sich Fragen aus. Wenn man sie richtig beantwortet, muss der Fragensteller ein Bier exen, wenn nicht, derjenige, der die Frage nicht beantworten konnte.«
Jan teilte die Karten aus. »Wunderbar, dann kannst du ja gleich aussetzen und dir Fragen überlegen, während wir spielen. Mit Neunen.«
Tatsächlich besorgte Käthe sich Papier und Stift und schrieb etwas auf, während Ricky ein Damensolo ankündigte und – nachdem wir mit Manni die Regeln geklärt hatten – schlussendlich gewann.
»Jetzt aber noch ein richtiges Spiel«, quengelte Jan. »Solo ist doof.«
»Macht ihr nur.« Käthe lächelte. »Ich denk’ mir gerade was aus. Mal testen, wie viel ihr von Bier wisst. Vom Niederrhein.«
Jan mischte eifrig. »Nur hier oder auch auf der Günnekant?«
»Günnekant?« Manni runzelte die Stirn.
Ich gab den Erklärbär: »Da, wo du herkommst. So sagen sie jedenfalls hier im Norden. Im Süden heißt es ›Schäl Sick‹. Düsseldorf, Duisburg, Wesel, Emmerich. Die andere Rheinseite halt.«
»Du bist zuerst dran, Manni«, neckte Käthe. »Wenn du auf unsere Seite ziehen willst, »musst du erst zeigen, dass du dich auskennst.«
»Schöne Idee«, pflichtete Ricky bei. »Und wenn jemand verliert, ist er noch mal dran. So lange, bis er eine richtige Antwort schafft.«
»Gut. Dann spielt mal ruhig die Runde zu Ende. Ich lass mir noch was einfallen. Aber es wird nicht nur um Bier gehen. Alles mit Schluckfaktor.«
Sie zückte ihr Smartphone, googelte, notierte etwas, googelte wieder.
Wir spielten die Runde zu Ende. Nachdem wir das Solo gegen Ricky verloren hatten, gewann der erst ein Spiel mit mir, danach zweimal mit Jan, das letzte entschieden Jan und ich für uns. Obwohl ich es Ricky nicht gönnte, fühlte es sich am Ende okay an. Nur Manni guckte ein bisschen blöd aus der Wäsche.
Käthe orderte eine Runde Alt. Schob ein Glas vor Manni. »Alles klar?«
Der nickte. Wir lehnten uns zurück.
»Wann erhielt Heinrich der Brauer das Recht, auf dem damaligen Kraushof Bier zu brauen, woraus die Privatbrauerei Bolten entstand?«
Manni stöhnte. »Was für eine Frage! Woher soll ich das denn wissen?«
»Ich geb’ dir drei Zahlen zur Auswahl: 1266, 1566 oder 1766?«
»1566?«
Wir lachten und hoben die Gläser. »Prost, Manni!«
»Das ist nicht fair! Ihr wisst das doch alle!«
»Klar«, sagte ich. »Und du musst es lernen, sonst kriegst du hier keine Schnitte: 1266. Die älteste Brauerei am Niederrhein!«
Der Blick, mit dem er das Alt ansah! Er hob das Glas an, trank es in einem Zug leer und wischte sich mit dem Ärmel den Mund ab.
»Okay. Nächste Frage: Ein Destillateur aus Antwerpen begann 1876 in Heinsberg mit der industriellen Herstellung welches heute noch beliebten Getränks für seinen Kolonialwarenladen: Genever, Eierlikör oder Vugelbeertroppn?«
»Wo ist denn da ein Bier?«, protestierte Manni.
»Ich sollte mir ja noch mehr ausdenken. Also los!«
»Sind Vogelbeeren nicht giftig? Ich sage: Genever.«
»Nix da. Eierlikör. Verpoorten.«
»Die sind doch in Bonn!«
»Dahin umgezogen. Willst du lieber einen Eierlikör?«
»Wenn das geht.« Manni winkte der Kellnerin. Bestellte und exte tatsächlich einen Eierlikör. Lieber als ein Alt!
»Das schaffst du jetzt aber«, sagte Käthe. »Was unterscheidet Altbier von Kölsch? Es ist obergärig? Sein Ausstoß ist doppelt so hoch? Der Röstvorgang?«
»Viel zu einfach!«, rief Jan.
»Es ist obergärig«, sagte Manni.
Wir klopften uns auf die Schenkel vor Lachen.
Manni schien verwirrt. »Hä? Was soll denn daran falsch sein? Kölsch und Alt sind beide obergärig!«
Käthe frohlockte: »Das war nicht meine Frage. Ich wollte wissen, was sie unterscheidet.«
»Ach so! Ja klar, der Röstvorgang! Der Ausstoß stimmt nicht. Das Kölsch ist beliebter. Aber das ist unfair! Ich hab die Frage falsch verstanden. Ich wusste die Antwort!«
Den Kommentar zum Kölsch hätte er sich sparen können, fand ich. »Falsch beantwortet ist falsch beantwortet«, sagte ich und rief in Richtung Theke: »Noch ein Alt, bitte!«
Das ließ Manni nicht auf sich sitzen. »Käthe hat nicht gesagt, dass es ein Alt sein muss.«
»Stimmt«, sagte Käthe.
Manni rief: »Kein Alt! Ein Köpi!«
Erst als es vor ihm stand, fiel ihm auf, dass es ein 0,33-Liter-Glas war, während das frisch gezapfte Alt nur 0,2 Liter betrug.
»Leute, das muss ich aber nur halb trinken«, sagte er.
»Du wolltest ein Köpi. Also mach es leer«, ordnete ich an.
Er tat’s tatsächlich, rülpste, stand auf. »Muss mal kurz in die Keramik.«
»Wieder fit im Schritt?«, erkundigte sich Käthe, als er zurückkam.
Er hielt den Daumen hoch.
»Wann wurde die Brauerei Schlüffken in Krefeld gegründet? 2002, 2013 oder 2018?«
Er strahlte. »Die hab ich neulich erst beliefert. 2018.«
»Na, höchste Zeit. Mein Alt war schon fast schal.« Käthe hob das Glas, kippte es runter und orderte ein neues.
»Weiter im Uhrzeigersinn! Peter!«
»Aye, aye, Sir!«
»Heißt das in dem Fall nicht Siri?«, warf Ricky ein.
»Nix da.« Käthe wedelte mit ihrem Zettel. »Ich bin für die Fragen, nicht die Antworten zuständig.«
»Mach hinne«, forderte ich sie auf. »Ich hab Durst.«
»2002 wurde die Krefelder Rhenania-Brauerei geschlossen. Mitarbeiter übernahmen, und seitdem heißt die Brauerei: Hülsener, Königshof oder Krefelder Alt?«
»Die Regel lautet aber nicht, dass ich nicht trinken darf, wenn ich es weiß?«
»Trinken kannst du immer. Nur nicht auf ex. Also nur, wenn du willst.«
»Königshof. Prost, Käthe.« Wir leerten beide das Glas.
»Jan. Welcher niederrheinische Ort ist für seine Zigarrenproduktion bekannt? Rheinberg-Orsoy? Hommersum? Duisburg-Essenberg?«
»Orsoy. Prost, Käthe.«
Nachdem sie mit frischem Alt versorgt war, kündigte Käthe an: »Das ist mein vorletztes. Mehr schaff’ ich nicht. Also sei kein Spielverderber, Ricky.«
»Ich geb mir Mühe«, versprach der.
»Dafür wird’s jetzt süß. Welcher Süßwarenproduzent hat in Viersen seine deutsche Zentrale: Mars? KitKat? Ferrero?«
»Puh. KitKat?
»Prost. Mars.«
»Endlich!« Während Ricky trank, winkte er schon der Kellnerin, die ihm ein neues Bier brachte.
»Immer noch süß: Welche Nascherei wird in Kempen produziert? Storck? Eszet? Nappo?
»Äh. Wer frisst den so ’n Zeuch? Eszet!«
»Falsch. Nappo.«
»Hast du auch was Anständiges auf Lager?«, wollte Ricky wissen, nachdem er sich den Schaum abgewischt hatte. Was frisches Herbes?«
»Was ist an Herpes anständig? Von mir aus. Aber ohne Antwortmöglichkeiten: Die Neusser Skihalle hieß bis vor ein paar Jahren?«
»Jever Fun! Ich geb’ die nächste Runde!«
Käthe exte und wiederholte: »Das war mein vorletztes. Wenn Manni die nächste richtige Antwort hat, ist Schluss mit lustig.«
Jeder bekam ein frisches Alt. Manni schob seins nicht beiseite. Hatte er die Größe des Glases zu schätzen gelernt? Biere, die schnell kippen, muss man schnell kippen, entsprechend klein sind die Gläser, in denen obergäriges Bier serviert wird.
»Es geht um die Wurst«, versicherte Käthe. »Pass auf: In Straelen wurden Mitarbeiter eines Lebensmittelunternehmens mit einer Statue geehrt. Der unbekannte Spargelstecher? Der Bofrost-Mann? Der Wilke-Wurstmaxe?«
»Wenn du schon so fragst: der Wurstmaxe.«
»Bedaure. Der Bofrost-Mann.«
»Aufs Glatteis geführt!« Ricky freute sich.
Manni schwieg und trank.
»Wenn du statt Alt eine Empfehlung für einen Kurzen willst, hilft vielleicht die nächste Frage: Ein Kempener Kräuterlikör heißt: Kempenkraut? Thomas Bitter? St. Hubert?«
»St. Hubert?«
»Bedienung! Einen Thomas Bitter für den Herrn hier!«, schrie ich. »Den spendiere ich dir!«
Was blieb Manni übrig, als sich zu bedanken und zu schlucken, was ihm vorgesetzt wurde?
»Wo wir schon mal dabei sind: Wo befindet sich das Underberg-Palais, Stammhaus der Spirituosenfamilie? In Schwalmtal? Brüggen? Rheinberg?«
»Was du für Leute kennst«, stöhnte Manni. »Schwalmtal?«
Käthe lachte. »Rheinberg! Der geht auf mich!« Sie winkte der Kellnerin und prostete Manni zu, als er den Underberg anhob und rülpste.
»Lieber wieder eine Brauerei-Frage? Seit 1878 hat sie ihren Sitz in Issum …«
»Diebels!«, schrie Manni triumphierend.
»Okay, das wars!« Käthe exte ihr Bier.
»Oooooh«, grölten wir alle, während Manni schon wieder die Toilette aufsuchte. »Wir haben doch erst eine Runde geschafft!«
Als Manni zurückkam, stand vor jedem Platz außer Käthes wieder ein Alt. Ich hielt den Zettel hoch, den Käthe mir anvertraut hatte. »Wir haben uns geeinigt. Käthe ist raus. Ich bin der neue Spielleiter und hab die nächste Runde geschmissen. Damit ich endlich auch mal zum Trinken komme.«
Manni sagte nichts.
»Jan. Etwas für die unter uns, die sich am liebsten von Haxe ernähren: Die Gemüsefirma Bonduelle hat ein Werk in Wachtendonk? Kerken? Straelen?«
»Leck mich«, kommentierte der. »Von mir aus, wo der Pfeffer wächst.«
»Wo nämlich?«
»Wachtendonk.«
»Mein Gott, bist du verstrahlt! Straelen, was sonst? Da steht das grüne Sofa!«
»Ich kenn’ nur meinen Stuhl. Und der ist braun«, maulte Jan und kippte sich sein Alt hinter die Binde. »Die Firma dankt.«
»Okay. Für den Tierliebhaber und damit die Günnekant auch mal zu ihrem Recht kommt: Welches ist die älteste der folgenden drei Düsseldorfer Brauereien: Füchschen? Uerige? Zum Schlüssel?«
»Bleib mir wech mit solchen Zaunpfählen! Damit kann Käthe Manni ködern, mich kannst du nicht vereimern!«
»Also?«
»Füchschen natürlich!«
Ich erhob mein Glas auf ihn und trank es leer. Als das neue vor mir stand, fuhr ich fort: »Ricky, sag du mir mal: Der Berliner Lebensmittelhersteller Kühne, Hoflieferant von Kaiser Wilhelm I., ist auch am Niederrhein vertreten – in Rheurdt, Straelen oder Kerken?«
»Irgendwann ist mal Schluss mit Straelen. Kerken!«
»Von wegen. Auf Straelen! Prost, Ricky!«
Ricky leerte sein Glas ohne Widerworte. Ließ das nächste kommen.
»Es geht weiter: ›Gulasch Alt‹ ist der Name eines traditionellen Gulaschrezepts aus Voerde? Eines Biers einer Brauerei in Düsseldorf-Oberkassel? Einer rustikalen Gaststätte in Wegberg-Watern?«
»Bestimmt die drei. Was keiner kennen kann.«
»Sorry. Das Bier.«
»Alles gut. Ich trinke gern. Mit euch. Auf euch.« Ricky tat’s und orderte.
»Los, jetzt bin ich aber wieder am dransten damit: ›Eier mit Speck‹ heißt eine Rockband aus Kamp? Ein Viersener Musikfestival? Eine Kultkneipe in Xanten?«
»Da war ich schon! Sehr cool. Da gibt’s morgens gegen den Kater Eier mit Speck. Das Festival natürlich.«
Ich ließ mir das kühle Bier in die Kehle rinnen. Wandte mich Manni zu.
»Und wieder unser Niederrhein-Fachmann. Wir sind gespannt, was er zu sagen hat. ›Muurejubbel‹ ist ein Name für Möhrenerntehelfer? Möhreneintopf? Möhrentransportkisten?«
Er stierte nachdenklich ins Bier. Riet schließlich: »Erntehelfer.«
»Sorry, es ist der Eintopf. Der Kandidat hat null Punkte! Darf sich aber den Abend schöntrinken. Wohl bekomm’s!«
Manni gehorchte. Glücklich sah anders aus. Das nächste Glas wurde vor ihm abgestellt. »Leute, ich muss morgen zur Arbeit«, sagte er lahm.
»Um Mitternacht schmeißen sie uns eh hier raus. Also reiß dich noch ein bisschen zusammen. Das weiße Gold vom Niederrhein, Manni: Kalk? Spargel? Champignons?«
»Kalk?«
»Menno, wie kann man so blöd sein, Manni! Ich hab gesagt, alles mit Schluckfaktor! Kannst du Kalk essen oder trinken?« Käthe konnte sich nicht mehr zurückhalten. »Außerdem wird in der Gegend gar kein Kalk abgebaut. Aber vor allem ist hier eins der größten Spargelanbaugebiete!«
Manni rülpste.
»Das Alt da vor dir, das hat Schluckfaktor. Und zwar ohne abzusetzen!«
Unter Käthes strengen Blicken trank er’s.
Ich hakte die Liste ab. »Wir machen jetzt den Countdown, Manni. Nur noch drei Fragen. Also drei Chancen, dich als zukünftiger Niederrheiner zu beweisen.«
Manni nickte beduselt. Die Kellnerin stellte das nächste Alt vor ihm ab.
»Es wird wieder süß: Wo werden Katjes produziert? In Niederkrüchten? In Grevenbroich? In Emmerich?«
Manni hickste.
Jan hielt die Hand hinters Ohr. »Kannst du das bitte wiederholen? Ich hab dich nicht verstanden.«
»Niederkrüchten!«, rülpste Mann.
»Mannomann, Manni! Ich glaube, wir müssen mit deiner Tante reden, dass sie dich umgehend enterbt.« Ricky drohte mit dem Finger. »In Emmerich natürlich!«
»In Emmerich wird nicht enterbt!«, stellte Jan fest. »Nun hört mal auf, den armen Jung zu ärgern. Komm, Manni, dein nächstes Alt geht auf meinen Deckel.« Er gab entsprechende Signale an die Kellnerin, die für Nachschub sorgte.
Manni sah zwischen dem Bier und Jan hin und her.
»Hallo! Hier spielt die Musik«, erinnerte ich. »Ich bin dein Quizmaster! Und ich frage dich, oh, Manni: Die niederrheinische Spezialität Flönz ist als Herkunftsbezeichnung EU-geschützt seit 1983? 2001? 2016?«
Manni schwieg.
»Komm schon! Vorletzte Frage: 1983? 2001? 2016?«
»Manni, probier’s«, rief Käthe.
»Ja, versuch dein Glück!« Das war Jan.
»Manni! Manni!«, skandierte Ricky, und wir anderen fielen ein: »Manni, Manni!«
»Sssweitausend…« Manni stockte.
»Na was? Sssweitausendeins oder -sechzehn?«, hakte ich nach.
Manni stierte mich blöde an. »Einssss«, sagte er, und alle johlten los.
»Sorry, 16 wär’ Ihr Preis gewesen«, sagte ich, als endlich wieder Ruhe einkehrte. »Also, dein vorletztes Bier. Die allerletzte Runde geht wieder auf mich. Wer will noch?«
Manni hatte Mühe, das Glas zu halten. Ricky musste helfen, damit er es nicht zwischendrin absetzte. Als er fertig war, stemmte er sich mühsam hoch und torkelte in Richtung Toilette. Er brauchte lange. Schließlich ging Jan ihm nach und kehrte kurz darauf zurück, den Arm um Manni gelegt, den er zu seinem Platz führte.
»Okay«, sagte ich. »Letzte Frage. Trommelwirbel bitte!«
Alle trommelten mit den flachen Händen auf den Tisch, dass das Alt überschwappte. Ich gebot Ruhe. »Manni! Wofür steht in der Sevelener Region der Begriff »hexen«? Jemanden bestechen? Die Zeche prellen? Sich betrinken?«
Manni stierte mich an.
»Los, ich will endlich auch mal was trinken!«
»Schbinbetrinken«, lallte Manni.
»Na, das war ja jetzt echt keine Hexerei!«, rief Jan.
»Endlich!« rief ich. »Prost, ihr Lieben!« Hob mein Boltens Alt an und kippte es herunter. Wer ein Bier vor sich hatte, tat es mir gleich.
Bis auf Manni. Der beugte sich über sein Glas und erbrach sich mitten auf den Tisch.
Wir hörten monatelang nichts von ihm. Was wir schon ein bisschen schäbig fanden. Schließlich hatten wir eine ganze Weile damit zu tun gehabt, den Wirt zu beschwichtigen und Manni nach Hause zu befördern, wo wir seine Tante aus dem Bett klingelten und ihr den Rest überließen.
An einem warmen Frühherbstnachmittag, als ich meine Tour beendet hatte und zum Picknick-Biergarten stiefelte, sah ich ihn unverhofft mit Käthe und Jan an einem der Tische sitzen.
»Oh, wie kommt es, dass du uns hier gefunden hast?«, fragte ich.
Er strahlte. »Ich hab mal angeklopft, ob sie bei euch nicht einen Fahrer brauchen. Hab nächste Woche ein Vorstellungsgespräch.«
»Oh.« Ich guckte Jan und Käthe an. Die guckten weg.
Zum Glück stieß in dem Moment Ricky dazu. »Hey, Leute!« – Sein Blick fiel auf Manni. »Oh, Manni! Auch wieder im Lande?« Er bestellte ein Bier und setzte sich.
»Wo hast du dich die ganze Zeit rumgetrieben, Mann?«, fragte ich.
Käthe sah mich an und schüttelte den Kopf.
Mannis Lächeln war verschwunden. »Ich hatte ein bisschen Urlaub.«
»Unbezahlt«, warf Jan ein.
»Wie! Wieso das denn?«
Käthe mischte sich ein. »Er hat’s uns gerade erzählt. Sie haben ihn an dem Morgen nach unserer Sauferei angehalten. Zu viel Restalkohol im Blut. Drei Monate Führerschein weg. Es war nicht das erste Mal.«
»Oha!«, sagte ich. »Konnte ja keiner ahnen, dass du so wenig verträgst.«
»Ich musste zur MPU«, sagte Manni.
»Was ’n das? Kann man das essen?«
»Demnächst machen wir mal so ein Quiz mit dir, Käthe«, sagte ich. »Dann geht es um die wirklich wichtigen Dinge. Medizinisch-Psychologische Untersuchung, Menno. Der Idiotentest.«
»Und, bestanden?«, fragte Jan interessiert.
»Ich hab den Lappen zurück. Und hab mich qualifiziert. ECO-Fahrsicherheitstraining.« Es klang stolz. »Da lernt man noch mal viel über Fahrphysik, Sicherheitstechnik, alle möglichen Bestimmungen und so. Ich darf jetzt die neueste Modellreihe fahren, die wir haben. Hab eurem Chef gerade nahegelegt, dass er euren Fuhrpark auf den aktuellen Stand bringt.«
»Oh, da hat der sich bestimmt gefreut«, meinte ich. »Das will er dann sicher mit dir vertiefen bei dem Vorstellungsgespräch.«
»Echt?«, fragte Ricky. »Du hast ein Vorstellungsgespräch bei unserem Chef?«
Manni nickte.
»Ich freue mich ja, wenn wir topmoderne Lieferfahrzeuge kriegen«, meinte Jan. »So mit Nasszelle und Sauna und 3-D-Kinoleinwand …«
»Also bei Fernfahrern gibt es das ja teilweise schon«, meinte Manni. »Da kann der Fahrer sowieso die meiste Zeit chillen, der LKW regelt alles von allein. Ich meine, der Trend zu selbstfahrenden Autos ist ja nicht aufzuhalten.«
»Ich spüre gerade irgendwie einen unaufhaltsamen Trend zu einer fetten Haxe«, meinte Jan. »Was meint ihr? Verlegen wir unseren Standort in Richtung ›Goldenes Handwerk‹?«
Unterwegs schwärmte uns Manni weiter von seinem Lieferwagen vor. Mit Pilotassistent, Einparkassistent, Spurhalteassistent und allem möglichen Assi-Schrumms mehr.
»Wenn der das meiste doch jetzt von selbst macht«, sagte ich, »dann dürfte das mit dem Alkohol am Steuer ja bald kein Problem mehr sein.«
Da widersprach er heftig. Ich glaube ja, dem hatten sie bei dieser MPU gehörig das Gehirn gewaschen.
Beim Essen wurde noch ein bisschen gefachsimpelt. Aber eigentlich waren alle gut drauf. Irgendwo denkt man ja schon manchmal selbst, dass es nicht immer so nett ist, wie man mit anderen umgeht. Also mit solchen. Also speziell mit Manni. Ja, es beschäftigt mich immer noch. Warum? Warum nerven einen Leute dermaßen, die doch einfach nur ein bisschen blöd sind. Und aufdringlich. So ein Typ Mensch, der sich an andere ranwanzt, obwohl die nur ihre Ruhe haben wollen. Der auf das Häuschen seiner Tante scharf ist … Wer hat schon eine Erbtante? Und kriegt trotzdem nichts gebacken im Leben. Versager durch und durch. Und ausgerechnet so jemandem schmeißen die alles nach. Jemand anderes mit einem Lieferjob wäre bei einem Fahrverbot sofort hochkant rausgeflogen. Und der? Kriegt die neue Modellreihe unter den Arsch. Okay, das mit dem unbezahlten Urlaub … ändert nichts am Armleuchter.
Irgendwann fiel das Stichwort »Hexerei«. Vielleicht war es das, was das Ganze wieder – auf Neudeutsch – getriggert hat. »Überhaupt keine Hexerei dabei«, sagte Manni. »Nur Technik, alles Algorithmen.« So ein selbstfahrendes Auto wäre tausendmal rationaler als ein menschlicher Fahrer. Der wäre unaufmerksam, unbeherrscht, würde sich über- und Situationen falsch einschätzen …
Ich bin mir sicher, diese Sprüche sind jedem von uns an die Nieren gegangen. Wir sind alle Eins-a-Fahrer. Beherrschen das Auto und kritische Situationen aus dem Effeff und haben, was früher mal »siebter Sinn« hieß. Man muss ein Gespür entwickeln im Verkehr. Ich wette, man könnte ein Auto von oben bis unten vollpumpen mit Chips, und das käme niemals an uns dran. Und das ist genauso wenig Hexerei. Das ist Erfahrung, Verstand, Kombinationsgabe und Instinkt. Wenn man sich besäuft, klar, dann schaltet man das aus. »Sich betrinken« heißt nicht umsonst »hexen« hierzulande.
Ja, und Käthe hat das mit ihren Fragen immer weiter angeheizt. Ob das Auto das kann und das kann. Bis der Manni irgendwann sagte, er könne mit verbundenen Augen fahren. Sich voll auf seinen Assi verlassen. Er würde es uns beweisen. Ein Stückchen raus aus Korschenbroich, da an der L 382, dem Zubringer zur A 52, Richtung Düsseldorf, eine Strecke von vier Kilometern, also die Willicher und Korschenbroicher Straße. Wir könnten gerne in zwei Wagen vorneweg und hinterherfahren. Dann würde sein Assi – also der Abstandshalteassi – sich an dem vorausfahrenden Fahrzeug orientieren und automatisch das Tempo drosseln, was normalerweise durch den Tempomat so eingestellt wäre, wie es gerade erlaubt ist zu fahren, Landstraße halt 100 Stundenkilometer. Und der Fahrspurassi, der würde sich an den Seitenstreifen orientieren. Und er, Manni, säße mit verbundenen Augen in seinem Lieferwagen so sicher wie in Abrahams Schoß.
Na ja, und das haben wir schließlich tatsächlich gemacht. Jan und Käthe in Jans Auto vorneweg. Dahinter der Manni mit seinem tollen Töfftöff. Als Schlusslicht ich mit meinem Büschen und Ricky. An dem Weinhaus hinter der Bahntrasse haben wir am Straßenrand angehalten und nach dem Manni geguckt. Der hat aus dem Verbandskasten das große Dreieckstuch geholt und sich hinterm Steuer damit die Augen verbunden. Der Jan hat geprüft, ob der Knoten sitzt, und schon ging’s los. Ganz brav im Konvoi. Bis zu der Stelle, etwa auf der Mitte der Strecke, wo die die Asphaltdecke gerade erneuert hatten. Da gab’s halt keine Fahrbahnmarkierung. Und genau dort ist der Jan einem Feldhasen ausgewichen, das war nur ein kurzer Schlenker, die Käthe kann es bezeugen. Na, und dann haben diese blöden Assis sich ihr Teil gedacht. Jedenfalls haben wir uns das später so erklärt. Also der eine, der den Abstand zu Jans Auto einhalten wollte, hat halt auch eingeschlagen. Und weil der Jan das Steuer gleich wieder rumgerissen hat, hat der Abstandsassi gedacht: Oh, cool, Strecke frei, ich brauch gar nicht mehr zu bremsen. Und hat das Tempo aufgedreht. Der Seitenstreifenassi hat sich gedacht: Wo ist denn der Seitenstreifen? Keiner da? Also fahr ich einfach mal geradeaus. Mit 100 Stundenkilometern. Der Laster ist also volle Pulle ins Feld gerast. Über die Böschung gehoppelt und dann war da der Fluitbach. Und weil das die letzten Tage so richtig fett geregnet hatte, war darin verdammt viel Wasser. Nachdem der LKW sich einmal überschlagen hat, ist der sozusagen mit der Nase im Wasser gelandet. Wir haben natürlich ein bisschen gebraucht, ehe wir aus den Autos raus und da hingerannt waren. Im Stockdunkeln. Aber die Käthe hat uns mit der Smartphone-Taschenlampe den Weg geleuchtet. Bis zu dem LKW, kopfüber im Bach. Das komplette Fahrerhaus unter Wasser. Wir haben noch versucht, da ranzukommen. Der Jan ist echt ins Wasser gestiegen, obwohl man doch rein gar nichts sehen konnte und den Wagen nur mit schwerem Gerät hätte bergen und öffnen können. Plötzlich hat die Käthe wie am Spieß geschrien, bis der Jan ihr einen tüchtigen Schwall Wasser ins Gesicht gespritzt hat. Wir anderen haben gar kein Wort rausgekriegt vor Schreck. Wir haben uns angeguckt und schließlich hat Ricky gesagt: »Scheiße. Was erzählen wir bloß der Polizei?«
Dazu wussten wir schon gar nichts zu sagen.
Bis der Jan gemeint hat: »Wieso Polizei? Von dem Unfall hat doch keiner was mitgekriegt. Und uns hat niemand gesehen. Und dem Manni ist eh nicht mehr zu helfen.«
Und das haben wir eine Weile sacken lassen, haben uns umgeguckt, sind zu den Autos und weg.
Seitdem denke ich darüber nach, dass der Manni an dem Tag die Tour über die andere Rheinseite gefahren war. Also die Günnekant runter bis Köln, danach über die A 1 und A 59 nach Grevenbroich und weiter hoch. Das heißt, er war die Strecke von Korschenbroich nach Düsseldorf an dem Tag nicht gefahren und konnte nicht wissen, dass sie die L 283 an der Stelle neu asphaltiert hatten. Wir anderen wussten es aber. Und als der Manni uns von dem Seitenspurassistenten erzählt und die Strecke vorgeschlagen hat, da hätten wir es ihm sagen können.
Hat aber keiner.
Warum wohl?
Königswette
Wir hatten gewettet. Wer von uns es weiter über den Rhein schaffte. Natürlich wusste ich, dass es saugefährlich war. Deswegen hatte ich ja gerade gewettet – und das Beiboot organisiert. Ich wollte, dass er kapiert, was er sich da vorgenommen hatte. Immerhin war Lars, der es fuhr, nicht ganz so besoffen wie Leander, aber immer noch deutlich mehr als ich. Das wurde mir spätestens in dem Moment ziemlich übel bewusst, als ich nach kaum einem Drittel der Strecke schlappmachte und Lars das verabredete Zeichen gab: Peace, Bruder. Ein V mit dem rechten Zeige- und Mittelfinger, die ich mit letzter Kraft aus dem Wasser streckte. Der Dödel winkte fahrig zurück, grinste blöd, beugte sich über die Reling, erbrach sich und fiel seinem Verdauungsgut gleich hinterher. Der Wellengang war wohl zu viel für ihn gewesen. Immerhin schaffte er es, sich an der Bordwand festzuklammern.
Diese Strömung! Man kann sich gar nicht vorstellen, was da für Kräfte an einem ziehen! Es riss mich immer weiter weg. Ich kämpfte darum, den Kopf über Wasser zu halten. »Lars, du Arsch!«, schrie ich. Aber erstens war es sowieso für den Arsch, und zweitens machte es alles nur noch schlimmer, weil das Brüllen mich viel Kraft kostete. Was für eine idiotische Idee zu glauben, es bis ans andere Ufer zu schaffen! Für mich gab es jetzt ein einziges Ziel: in der Nähe des Bootes zu bleiben, dessen Motor ausgesetzt hatte, sodass es mitsamt seinem Bootsführer flott flussabwärts trieb. Und Leander? Als wenn ich mich in dieser Lage um den hätte kümmern können!
*
Gewettet hatten wir von klein auf. Lars und ich. Eigentlich war das Erwins Schuld. Lars lernte Erwin erst nach der Grenzöffnung kennen. Bis dahin hatte es immer geheißen: »Frag nicht.« Über die Großeltern erfuhr er immerhin, dass er ein Mitbringsel von der Abschlussfahrt seiner Mutter nach Berlin war. Zehnte Klasse. Nach einer Lehre als Verkäuferin ließ sie sich vom Abteilungsleiter schwängern, heiratete und zog bei den Großeltern aus. Der Stiefvater adoptierte Lars, und als der schon fast vergessen hatte, dass er mal unter einem anderen Namen firmiert hatte, saß ein fremder Mann am Küchentisch und seine Mutter sagte: »Gib deinem Vater die Hand.«
Erwin hatte in Ost-Berlin Schlosser gelernt, war über eine Leiharbeitsfirma an eine Duisburger Werft gekommen und holte Lars am Wochenende zu Ausflügen ab. Da Lars und ich alles zusammen machten, kam ich mit. Wir saßen auf den Rheinbuhnen, ließen flache Steine titschen, wetteten, wie oft sie auf der Wasseroberfläche auftrafen, angelten, wetteten, welcher Art und wie schwer der Fisch war, der anbiss, stromerten mit Metallsonden am Ufer und auf dem Gelände hinter der Werft herum und wetteten, sobald sie anschlugen, worum es sich handelte. Abenteuer pur.
Dabei nahm uns Erwin gleich doppelt aus: Wir verloren einen Großteil unseres Taschengelds beim Wetten. Und waren billige Arbeitskräfte: Er sammelte Metallschrott, den er vertickte. Auch der Fischfang landete komplett in seiner Kühltasche, weil es ja seine Angeln und Detektoren waren. Uns war das herzlich egal.
Am Tag nach der Abifeier klingelte es bei mir Sturm. Ich öffnete die Tür meines Einliegerappartements und bat Lars in die Küche, wo ich zwei Flaschen Alt und einen Eisbeutel aus dem Kühlschrank klaubte und mich an die Frühstücksbar lehnte.
Lars ignorierte meinen verkaterten Zustand geflissentlich. Er knallte etwas auf die Theke, das sich bei näherer Betrachtung als Sparbuch entpuppte. Jemand hatte es gelocht und mit mehreren Schnitten versehen. Ich klappte es auf und registrierte regelmäßige monatliche Eingänge über die Jahre 1990 bis ’94 von um die 500 Euro – und einen Betrag von knapp 20.000 Euro, letzte Woche abgehoben, woraufhin das Sparbuch aufgelöst worden war. Ich blätterte zurück: Erwins Name.
»Und?«, fragte ich.
Lars schnaubte. »Mein Geld. Er hat es mir immer wieder gezeigt und gesagt, er zahlt meinen Unterhalt da ein. Ich dürfte es meiner Mutter nicht verraten, der gegenüber er behauptete, er könnte nichts für mich abdrücken. Er wollte nicht, dass sie es sich unter den Nagel reißt. Mir stattdessen damit das Studium finanzieren.«
»Und jetzt?«
»Ich hab ihm wie vereinbart das Zeugnis gezeigt, und er hat mir das Sparbuch ausgehändigt. Es täte ihm leid, aber er hätte das Geld selbst dringend gebraucht.«
»Wofür?«
»Meinst du, das hätte ich gefragt?«, meinte Lars. »Der hat mich jahrelang beschissen – wie er meine Mutter beschissen hat. Und ich hab ihn gedeckt und ihm sogar dabei geholfen – du genauso!«
»Hä?«
»Überleg mal, was wir für den aus dem Boden geholt haben! Der hat das samt und sonders versilbert. Und mir erzählt, dass er es für mich anlegt!«
All die Jahre haben wir uns weiterhin getroffen. Und gesoffen. Und gewettet. Soweit es ihn selbst anging, ließ Lars sich dadurch nicht herausfordern. Er hat nie studiert. Seine Ausbildung nicht beendet. Aber auch wenn unsere Welten auseinanderdrifteten – er blieb mein bester Kumpel.
*
Genau genommen hatten wir es ja Leander zu verdanken. Er war der Hero. Der König. So hatte er sich zumindest vorgestellt: Leander König. War mit Moped und Fässchen Köpi an unserem Grillplatz vorgefahren, weil er sich just da, wo wir uns nach der Bootstour ein paar Würstchen einverleibten, sinnlos besaufen wollte. Sein großzügiges Angebot, das Fässchen mit uns zu teilen, nahmen wir – nichts Böses ahnend – an, bereuten es schon nach der ersten Runde, als er anfing, uns einen vorzuheulen von seiner Schlampe drüben in Alt-Homberg auf der anderen Rheinseite und ihrer Mischpoke. Er hatte sie geschwängert. Leider stellte sich nachher raus, dass sie ihn angelogen hatte und erst 15 war. Ihre Familie fand das gar nicht witzig. Er kriegte Haus- und Kontaktverbot, und sie sollte abtreiben. Das war zumindest der Plan der Eltern. Aber im Zeitalter von Handys und Internet konnte kein Stubenarrest verhindern, dass die beiden sich kurzschlossen. Leander machte ihr einen Heiratsantrag und danach unter Berufung auf Paragraf 1303 BGB Absatz 2 eine Eingabe beim Familiengericht auf Zustimmung, die die Einwilligung der Eltern erübrigte, sobald sie 16 würde. Am nächsten Tag war wohl ihr Geburtstag. Die ganze nichtsahnende scheinheilige Familie saß drüben im Restaurant Rheingarten und futterte sich die Wänste voll, um um Mitternacht mit dem missratenen Kind anzustoßen. Klar, dass er nicht zur Feier eingeladen war. Stattdessen soff er sich gegenüber auf der Landzunge der Ruhrmündung im Schatten der Rheinorange-Skulptur die Hucke voll und erkaufte sich unser Wohlwollen mit einer Runde nach der anderen und feurigen Ansprachen. Mit steigendem König-Pilsener-Pegel wurde er immer größenwahnsinniger. Ob wir wüssten, was sein Name bedeute? »Du bist der König!«, grölten wir im Chor. Er wehrte ab. Klar war er der König. Aber der Leander König! Leander komme von »leon«, dem Löwen, und »andros«, dem Mann. »Du bist der Löwe, Mann!«, schrien wir. Na, und darum lasse er es sich jetzt auch nicht nehmen, seiner Süßen zum Geburtstag zu gratulieren.
»Wie willst du denn da rüberkommen?«, fragte ich. »Auf dein Moped solltest du dich besser nicht mehr setzen.«
»Ich schwimme«, sagte er, und wir lachten uns mindestens eine Viertelstunde lang schlapp. Mit dem Mut eines Löwen besoffen in die Fluten des Rheins! Wenn das keinen Kater gäbe!
Als klar war, dass er es tatsächlich ernst meinte, habe ich mit ihm gewettet. Dass er es nicht schaffen würde. Ich war ein erstklassiger Schwimmer und kannte den Rhein gut genug, dass ich mir diese Aktion nicht zutraute. Daher sollte uns Lars mit dem Botchen begleiten. Wir hatten das Teil ein paar Stunden vorher an der Anlegestelle an der Straße Am Bört kurz vor dem Landzipfel aufs Trockene gezogen, von wo aus wir am nächsten Morgen zurückfahren wollten. Die Wette lautete, dass Leander niemals das andere Ufer erreichen würde und auf jeden Fall weniger weit käme als ich. Ich war von uns dreien mit Sicherheit der Nüchternste und auch alkoholisiert der Vernünftigste. Schließlich war ich Notar. Und doch immerhin besoffen genug, um mich auf eine derartig bescheuerte Wette einzulassen.
»Wie heißt deine Süße eigentlich?«, fragte ich ihn, als wir, nur mit Unterhose bekleidet, ins Wasser stiegen. »Hera«, bibberte er, denn nach dem Rumhocken an der Feuerstelle war das Wasser doppelt kalt, »Hera König.«
»Wieso willsten die noch heiraten?«, bibberte ich zurück, »die trägt doch eh schon deinen Namen.«
»Es ist der falsche«, grollte er, »der ihrer Eltern. Wir sind beide zwei Königskinder, nur aus verschiedenen Familien!«
Es war eh zu spät, ihm die Heirat, den Geburtstagsbesuch und die Rheinüberquerung auszureden. Wir hatten um 1.000 Euro gewettet, schriftlich. Mir ging es dabei gar nicht ums Geld. Aber Ordnung musste sein, zumal wenn er es nachher möglicherweise nicht mehr würde bestätigen können. Er hatte nicht alle Tassen im Schrank. Das stand mal fest, und es ging um nicht mehr und nicht weniger, als dass er das zugab. – Wie konnte ein erwachsener Mann einem verlogenen minderjährigen Gör derartig verfallen? Hera König. Fast so schön wie Hera Lind. Die reinste Schmonzette. Leander auf dem Weg zu seinem Nymphchen! Und ich Idiot hatte mich darauf eingelassen. – Jetzt ging es ums nackte Überleben!
Es war nichts los auf dem Rhein. Nur der Mond war unser Zeuge. Und der guckte eher griesgrämig aus den Wolken. Okay, bei Schiffsverkehr wären wir ja gar nicht losgeschwommen. In dem Moment hätte ich mir allerdings den einen oder anderen Bootsmann gewünscht, der unseren Weg gekreuzt und uns aus dem Wasser gefischt hätte, bevor wir einer Melusine oder Undine, oder wie sie alle heißen, anheimfielen. Oder einem Fisch? Moby Dick fiel mir ein. Der weiße Wal. 1966 bei Duisburg, 300 Kilometer vom Meer entfernt, er schwamm fast bis Koblenz. Zuletzt bei Hoek van Holland gesichtet. Er musste den Weg zurück ins Meer gefunden haben. Dass wir unseren Weg ans andere Ufer fanden, schien angesichts der Strömung, die an uns riss, immer unwahrscheinlicher. Wo war Leander abgeblieben?
Ehe ich endgültig mit dem Leben abschloss, unternahm ich einen allerletzten Versuch, mich unserem Beiboot zu nähern, und der Wellengang war mir gewogen. Ich kriegte die Bordwand zu fassen und konnte mich festklammern. Lars hing an der anderen Seite, keuchte und spuckte.
»Alles klar, Kumpel?«, rief ich aufmunternd rüber.
»Nie war ich so nüchtern wie heute!«, stöhnte er. Ich habe die Gelegenheit genutzt, ihn zu fragen, wie er es mit seinem Testament halte. Sollte ich dieses Abenteuer überleben – und ich schätzte meine Chancen höher ein als seine –, würde es einiges zu regeln geben. Das ist ja nun mal mein Job. Ich will jetzt nicht sagen, dass ich bei meinem Freund Kundenakquise betrieb. Ich denke, es ist psychologisch nicht verkehrt, wenn man so kurz vor dem Hopsgehen Klarschiff macht. Viel war ohnehin nicht bei ihm zu holen, dennoch fragte ich die Eckdaten ab. Außer der Mutter und dem Stiefbruder war niemand mehr da, den er bedenken konnte. Abgesehen von ein paar Haushaltsgeräten gab es nur das Botchen. Und wie es aussah, würde das früher oder später an einem der Pfeiler der Friedrich-Ebert-Brücke oder spätestens der Beeckerwerther Brücke am Emscherschnellweg geschrottet. Wir inklusive. Die Rheinüberbauung war in Sichtweite gerückt, und es handelte sich um keine freundliche Annäherung. Wir fixierten die Brücke wie Kaninchen die Schlange und wünschten, es wäre umgekehrt.
*
Gar nicht so weit von der Stelle entfernt, auf einer anderen Brücke, am Zollamt Ruhrort, hatte ich vor vier Jahren die Detonation und die Feuersäule erlebt, westlich von mir, am Becken B. Es mag Einbildung gewesen sein. Aber ich meinte, in dem sich ausbreitenden Blitz etwas durch die Luft fliegen zu sehen, eine menschliche Gestalt. Zeugen in der Nähe des Hafenbeckens wollten gleich zwei Aufschläge ins Hafenbecken gehört haben. Körper? Trümmerteile? Tatsächlich hieß es anschließend, einer der drei Werftarbeiter, die vor Ort gewesen waren, als die Explosion sich ereignete, sei verschwunden. Die Polizei suchte im weiten Umkreis das Gelände ab. Zwei der Männer wurden schließlich hunderte Meter entfernt gefunden, in einem Zustand, der eine Identifizierung schwermachte. Einer lag auf den Schienen der Güterbahn, der andere auf der Straße. Im Rumpf des Tankers, in dem die Monteure im Laderaum mit Nacharbeiten für den Schiffs-TÜV beschäftigt gewesen waren, klaffte ein riesiges Loch. Das Vorderdeck war vollkommen zerstört. Erst nach Stunden bekam die Feuerwehr den Brand in den Griff. Der Rauch war kilometerweit zu sehen. Auf der Karl-Lehr-Brücke staute sich der morgendliche Berufsverkehr. Die Menschen sprangen aus den Autos, drängelten sich in Trauben am Geländer und filmten mit Smartphones. Es gelang mir nur mit Mühe, meinen Weg durch die Menge der Gaffer fortzusetzen.
Der Auslöser der Detonation blieb unklar. Die Schiffsladung – Bitumen und Schweröle – war, bevor der Tanker in die Werft gebracht wurde, vorschriftsmäßig gelöscht worden. Die Ursache daher rätselhaft. Gas? Woher sollte es kommen?
Man suchte das Hafenbecken ab. Fischte im vier Meter tiefen Wasser im Trüben. Trotz der geringen Strömung war durchaus denkbar, dass der Körper durch Schiffsbewegungen abgetrieben war. Polizeiboote fuhren tagelang den Rhein ab.
Erwin blieb verschwunden.
*
Der Gedanke, dass unter uns eine Leiche im Strom liegen mochte, die sich vielleicht irgendwo verfangen hatte, stimmte mich nicht zuversichtlicher. Bis – ja, bis wir plötzlich ein Motorboot hinter uns hörten. Es war Leander. Und er war nicht allein. In null Komma nichts hatten sie uns aus den Fluten gefischt, das Boot vertäut, wir kriegten warme Wolldecken und das Maul nicht mehr zu, während Leander uns seine Story erzählte.
Natürlich war er heillos abgesoffen! Aber immerhin hatte er seine Süße vorher per Whatsapp informiert. Und die war Kind genug, es ihren Eltern brühwarm zu erzählen. Woraufhin Vater König samt seinem trächtigen Balg sofort die Geburtstagsparty verlassen und mit einigen zufällig anwesenden Mitgliedern des Homberger Ruderklubs Germania zu deren Bootshaus an der Schifffahrtschule geeilt war, um den Untergang seines Schwiegersohns in spe live zu erleben. Und natürlich hatte er ihn mit Heras Hilfe und der der Ruderkumpane trotzdem rausgefischt, als sie ihn fanden. Irgendwie muss es ihm imponiert haben, dass dieser Idiot das Leben für sein Töchterchen aufs Spiel gesetzt hatte.
So konnte es auch gehen.
*
Fast ein Jahr war damals verstrichen, als wir uns zum Grillen verabredet hatten. Am Fuß der Rheinorange-Skulptur, gleich hinter den Buhnen, auf denen wir als Teenager geangelt hatten. Das Angeln hatten wir nie mehr aufgenommen. Aber ein anderes Hobby gelegentlich gemeinsam gepflegt: Mit Metallsonden das Rheinufer, die Brachen rund um die großen Industrieanlagen, das Gelände um den Bahnhof und natürlich die Gegend um die Werften abzusuchen. Ich hatte mir zwei richtig gute Detektoren zugelegt. Und mir einiges angelesen, vor allem die Sicherheitsbestimmungen studiert. Und Kartenmaterial. Ich ging es systematisch an. Entsprechend wurden wir fast immer fündig. Nicht immer legten wir selbst Hand an, wenn klar war, was wir freigelegt hatten oder im Begriff waren freizulegen. Bei den richtig großen Oschis alarmierten wir die Polizei. Die immer wieder komplette Stadtteile evakuierte, im letzten Jahr Beeckerwerth und Neuenkamp. In Duisburg war 1944 tüchtig was runtergekommen, insbesondere im Oktober durch alliierte Bomber. Doch auch die Kesselschlacht hatte Spuren hinterlassen. Rund 1.500 US-Soldaten waren dem Kampf um das Ruhrgebiet noch in der letzten Kriegsphase Anfang 1945 zum Opfer gefallen – neben 10.000 Deutschen, Wehrmachtsangehörigen wie Zivilisten. Ganz zu schweigen von den Massenmorden der Gestapo, der Generalfeldmarschall Model hunderte Zuchthausinsassen, darunter politische Häftlinge, Kriminelle und Zwangsarbeiter, in den letzten Kriegstagen zwecks »Überprüfung« – sprich Liquidierung – zuführen ließ. Tausende Jugendliche waren an Panzerfäusten ausgebildet und mit Schusswaffen ausgerüstet worden, deren sie sich entledigt hatten – genau wie die desertierten Soldaten und Parteigenossen beim Einmarsch der alliierten Streitkräfte –, indem sie sie wegwarfen oder im freien Gelände verbuddelten, wo niemand sie zuordnen konnte. Der Duisburger Boden war voller Kriegshinterlassenschaften. Von Munition über Granaten, Gewehre, Patronen, Messer, Parteiabzeichen, Erkennungsmarken, Gürtelschnallen und natürlich auch Münzen fanden wir alles.
Erwin war es nicht nur um Metallschrott gegangen. Er hatte insbesondere Militaria und Drittes-Reich-Devotionalien auf einschlägigen Seiten angeboten. Und er tat das immer noch, wie ich feststellte, als ich mich über ihn schlaumachte. Nach Jurastudium und Zweitem Staatsexamen hatte ich gerade in einem Notariatsbüro angefangen, das ich später übernehmen sollte. Ich traf Erwin eines Tages zufällig vor der Zahnarztpraxis, die im selben Haus untergebracht war, wir kamen ins Gespräch und es gelang mir, ihn dazu zu bewegen, dass ich für ihn ein Testament aufsetzte. Nicht dass er der Mensch war, dem es danach dürstete. Im Gegenteil, ich musste ihn ganz schön um den Finger wickeln. Versprach, es werde ihn keinen Cent kosten, ich täte es gern, aus alter Verbundenheit, erinnerte an unsere gemeinsamen Ausflüge und fragte ihn beiläufig aus. Das Testament war mir ein Anliegen. Tatsächlich war da nicht viel zu holen. Was mir wichtig war: Es gab keine Erben außer Lars. Warum nicht ein bisschen nachbessern? Zumindest, was den Zeitpunkt anging.
Nachdem wir die Formalitäten erledigt hatten, schwärmte ich von unseren Sondengängen, ließ fallen, dass ich heute noch gelegentlich … und da auf etwas gestoßen sei, das ich ihm gerne zeigen würde. Mir selbst sei das zu brisant …
Man sah förmlich das Wasser in seinem Mund zusammenlaufen.
Wir einigten uns darauf, dass ich Besagtes jederzeit in seinem Holzschuppen deponieren könne. Der sei frei zugänglich und dennoch blickgeschützt, sodass mein Fund von Passanten nicht entdeckt werden könne. Er werde ihn begutachten, gegebenenfalls entschärfen und entsorgen.
Was Letzteres anging, machte ich mir keine Gedanken. Es war mir auch egal, ob er lediglich den Metallwert oder den Höchstpreis auf irgendwelchen sinistren Hehler- oder Waffenmärkten erzielte. Gut, im Sinne einer vertrauensbildenden Maßnahme kaufte ich als Erstes über die Seite, auf der er selbst seinen Krempel anbot, eine Granate, die ich Erwin in den Schuppen legte. Als ich ihn nach einer Woche darauf ansprach, hatte ich sie bereits in seinem Warensortiment gefunden. Er erzählte mir, er habe sie dem Kampfmittelräumdienst übergeben.
Lars sagte ich nichts von Erwin, aber ich überredete ihn, dass er das ein oder andere Mal mit mir loszog. Alles, was wir an Waffen entdeckten, barg ich, wenn die Größe und der Zustand es erlaubten, nach allen Regeln der Kunst und legte es im Holzschuppen ab – oder ich verständigte gleich die Polizei. Natürlich ging ich ein gewisses Risiko ein, doch im Gegensatz zu Erwin – da bin ich mir sicher – hatte ich mich sehr gut informiert. Gewiss war er des Lesens mächtig. Viel mehr traute ich ihm allerdings nicht zu. Er war ein Mensch, der sich vor allem durch vermeintliche Bauernschläue auszeichnete und dessen Erfahrungsschatz genau diesen Namen verdiente: die Summe seiner Erfahrungen. Nicht mehr. Ich hingegen musste nicht jede Bombe ausgebuddelt haben, um zu verstehen, wie sie funktionierte. Man kann sich anderweitig schlaumachen. Es ging mir darum, ihn zu fordern. Ihn mit unterschiedlichsten Waffen zu konfrontieren, die er nicht kannte. Man mag das einen Sport nennen. Wer mir bösere Absichten unterstellt, wird wohl nicht ganz falschliegen. Aber ich tat ja nichts, was er nicht wollte. Er sammelte diesen Mist schließlich. Ich habe ihm die Waffen lediglich überlassen. Was er damit machte, war seine Sache. Ich schwöre, es entzieht sich meiner Kenntnis komplett, was an jenem Tag am Hafenbecken B passiert ist. Ja, ich hatte bei ihm am Vortag eine deutsche Elektron-Thermit-Stabbrandbombe abgeliefert, nicht groß, keine 40 Zentimeter, allerdings mit einer zusätzlichen Sprengladung am Kopf, die mit Verzögerung von ein paar Minuten detonieren sollte. Doch was sollte damit passieren, solange das Ding nicht abgeworfen wurde? Ich habe keine Ahnung, wieso der Idiot es zur Arbeit mitgenommen hat. Das immerhin hatte ich beobachtet, dass er, als er die Bombe im Holzschuppen fand, sie vorsichtig verstaute und damit zur Werft fuhr. Vielleicht gab es dort Maschinen, die er zu Hause nicht hatte, um das Ding zu entschärfen oder irgendwelche Experimente damit zu machen? Genau genommen konnte ich ja noch nicht einmal wissen, ob Erwin das Ding nicht seinen Kollegen überlassen und sich verdünnisiert hatte. Vielleicht rein zufällig: Er musste nur ausgetreten sein, weit genug weg von dem Unglücksort, und als das Ding detonierte, war er abgehauen. Oder er dümpelte als Fischfutter irgendwo am Grund des Rheins vor sich hin. Ganz vielleicht war es überhaupt nicht die Bombe gewesen, sondern irgendein Gasaustritt, warum auch immer, wie die Reederei vermutete. Es wurde nie geklärt.
*
Lars und ich durften sechs Wochen nach unserem Rheinabenteuer die Trauzeugen für die Königskinder geben. Gefeiert wurde standesgemäß in der Villa Rheinperle, ehemalige Krupp’sche Direktorenresidenz in der Bliersheimer Villenkolonie. Der Schampus floss in Strömen. Bevor wir auf das Brautpaar anstießen, zog ich Lars beiseite und hob das Glas auf ihn. »Gestern kam die Bestätigung, dass dein Vater für tot erklärt wurde. Als sein Notar kann ich dir sagen: Er hat nicht viel hinterlassen. Aber 20.000 dürften es sein. Cheers!«
»Was?« Lars schossen Tränen in die Augen.
»Dann dürftet ihr ja jetzt gewissermaßen quitt sein, oder?«
Er prostete mir zu.
»Wo bleibt ihr?«, rief Leander. Nachdem wir die Toasts auf das Brautpaar durchgestanden hatten, bestellte ich Lars für den nächsten Tag bei mir ein. Zur offiziellen Testamentseröffnung.
Anderntags klingelte es zur vereinbarten Zeit bei mir zu Hause.
Nicht Lars.
Mehrere Polizisten mit gezückten Waffen standen vor der Tür. »Hausdurchsuchung!«, bellte der erste und hielt mir einen Wisch hin.
»Moment, was soll das?«, protestierte ich.
»Ihnen wird vorgeworfen, über das Darknet Waffenbestellungen vorgenommen zu haben. Außerdem müssen wir Sie befragen.«
»Wozu?«
»Sie standen – auch, was die Waffen angeht – nachweislich mit Herrn Erwin Vogeler in Verbindung. Herr Vogeler ist seit dem Frühjahr 2016 verschwunden, nach der vermutlich von ihm ausgelösten Explosion auf einem Tanker im Duisburger Hafen. Dazu brauchen wir von Ihnen einige Auskünfte …«
Scheich am Teich
Die blonden Haare hatten ihn in die Irre geführt. Blond und blauäugig. Wie passte das zu einer Araberin? Gut, ihr Deutsch war nicht astrein, ihr Gefasel, sie hätte zuletzt in den Niederlanden gelebt – ja, sie war über Rotterdam eingeschleust worden, irgendein Containerschmuggel –, wie sollte er ihr Glauben schenken? Ihr Mann hätte sie geschlagen, vergewaltigt, eingesperrt. Schluchz. Er hatte sich sehr beherrschen müssen, um es diesem Beduinen nicht gleichzutun. So weit würde er es nicht kommen lassen. Erst recht keine halben Sachen machen.
Er traktierte den Boxsack. Mich – mit – die – ser – Schlam – pe – ein – zu – las – sen! Mich – mit – die – ser – Schlam – pe – ein – zu – las – sen!
Ein hohes Tier. Klar. Bildung und Geld schienen bei ihr keine Rolex zu spielen. Britischer Butler und deutsche Nanny. Sie war keine von denen gewesen, die mit Rettungswesten in Gummibooten an griechischen Küsten strandeten. Zumindest, wenn sie nicht schon auf der Strecke geblieben waren. Schwimmen konnte sie einwandfrei, wie sie am Kaarster See am Wochenende gezeigt hatte. Wo sie herkam, hatte sie einen Pool gehabt. Und Personal. Klar lag man da nicht im Bikini an öffentlichen Stränden rum. Da wurde höchstens im Burkini geplanscht. Andererseits: Wie man mit den Hüften wackelte, lernten die Mädels da gleich nach dem aufrechten Gang. Wie man Kerle in den Wahnsinn trieb. Genau damit hatte sie ihn geködert. Im Eleni’s in der Remigiusstraße. Zum Rock in den Mai. Bombenfigur, blonde Mähne und einen Blick drauf – so zwischen »Nimm mich!« und »Was willst du denn?«, immer wenn ihrer und seiner sich kreuzten. Er hatte sie vorher nie im Eleni’s gesehen. Okay, es gab Tage, an denen er zu Hause ein gepflegtes Bierchen zischte oder mit Kumpels unterwegs war. Tanzen war sowieso nicht sein Ding. Eher rhythmisches Schwanken. Schließlich durfte das Alt nicht überschwappen. Als sie eine Pause machte und sich – wer glaubte an Zufälle? – neben ihn an die Theke stellte, um ein Bier zu bestellen, reichte er den passenden Schein über die Theke und stieß mit ihr an. »Prost.« Sie hatten sich dabei in die Augen gesehen. Ein Versprechen, was sonst?
Ihr Akzent klang irgendwie süß, aber vor allem war er ihm eigentlich scheißegal gewesen. Zu viel Bier und Hüftschwung, die blauen Augen mit einem feinen schwarzen Strich ummalt – und ein Parfüm, das man erst wahrnahm, wenn man dicht neben ihr stand. Na, und im Bett hatte sie auch einiges draufgehabt. In ihrer Wohnung wohlgemerkt. Gleich am selben Abend. Er hatte sie nach Hause gebracht und gar nicht zu fragen brauchen. Den Feiertag verbrachten sie am Breyeller See, dann nahm er sie mit zu sich. Er war zweimal hintereinander gekommen und völlig ausgepowert eingeschlafen, hatte nicht mitgekriegt, wann sie sich aus seinem Arm gewunden hatte und aufgestanden war. Als er die Augen aufschlug, stand sie mit dem Rücken zu ihm vor den Bildern an der Wand. Nackt, das Badetuch um den Leib gewickelt. Er musste geschnarcht haben, denn sie drehte sich um. Fragte: »Deine Familie?«
»Ja«, sagte er.
Und als sie auf einen nach dem anderen mit dem Finger wies und fragte: »Du? – »Dein Vater?« – »Deine Mutter?« – »Wer ist das?«, stand er auf, stellte sich neben sie, legte den Arm um ihre Schultern, vergewisserte sich, dass die Brüste noch waren, wo sie hingehörten, und genau in seine Hand passten, küsste sie in den Nacken und beantwortete mit halb geschlossenen Augen ihre Fragen. Die sie, wie ihm beim anschließenden Kaffee klar wurde, gestellt hatte, weil Familie, wo sie herkam, alles war. Weil sie davon ausging, dass es für ihn genauso sein musste. Weil sie sich einschleimen wollte. Er war Mittel zum Zweck gewesen. Sie brauchte den Schein. Scheinehe als Aufenthaltsgarantie. Bereinigte Papiere. Dachte, sie könnte ihn einspannen. Hatte keine Ahnung, dass »Familie« ein anderes Wort für »Albtraum« sein konnte. Bilder, die er nach dem Tod der Eltern hängen gelassen hatte. Weil es wichtig war, die Wut wachzuhalten. Vergeben war was für Weicheier.
»Dein Opa? Vater von deinem Papa?« Sie tippte zwischen Vater, Großvater und ihm hin und her. Die frappierende Ähnlichkeit. »Erzähl von deiner Familie.«
Was man so erzählte. Der Opa: Arzt in der Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Waldniel. Der Vater: Hilfsarbeiter und Gabelstaplerfahrer bei Güsken, Eisengießerei. Er: Technischer Zeichner. Zurzeit arbeitslos.
Was man nicht erzählte: Fast 20 Jahre war der Opa inhaftiert gewesen. Weil er seinen Job gemacht hatte: diagnostizierte, wie geboten. »Geistig krank.« »Idiotie.« »Nicht bildungsfähig.« »Nicht abrichtfähig.« Therapierte, wie vorgeschrieben. Mit Luminal. Bescheinigte, wie gewünscht. Herzschwäche. Lungenentzündung. Handelte pflichtgemäß. Gehorchte. Befolgte Vorschriften. Im Rahmen des Möglichen: 30 Schwestern für bis zu tausend Patienten. Bei einem Tagessatz niedriger als in einem KZ. Vorgaben, Regeln, Befehle von oben.
Laut dem Staatsanwalt lauter »Entschuldungserzählungen«. So stand es zumindest im Gerichtsprotokoll. Das Urteil sprach von »Beihilfe zum sowie hundertfach vollzogenen Mord«. Der Opa als leitender Mediziner hätte den Befehl verweigern, Widerstand leisten müssen.
So konnte nur reden, wer nicht dabei gewesen war, hatte die Uroma geschnaubt, das einzige Mal, dass sie sich dazu geäußert hatte. Die da oben hatten sich einen schlanken Fuß gemacht. Wer musste letzten Endes alles zwei Jahrzehnte lang aussitzen? – Holgers Vater. In Sippenhaft mit seiner Großmutter, nachdem deren Sohn weggesperrt worden und dessen Frau, Holgers Oma, in den Nachkriegswirren die Biege gemacht, ihr Kind der Schwiegermutter überlassen hatte. Immerhin war das Fachwerkhäuschen am Hostert im Familienbesitz geblieben, das Einzige, was der Vater Holger hinterließ, als er sich aufhängte. Eine Bruchbude. Heruntergekommen wie das ehemalige Franziskanerkloster direkt gegenüber, das im Dritten Reich als Psychiatrie-Kinderfachanstalt genutzt, von den Briten zur Elite-Schule umgewidmet worden war und mittlerweile restverwertet wurde als gruselige Lost-Place-Fotokulisse mit Hogwarts-Charme. Als er, Holger, mit dem Zeugnis der mittleren Reife in der Tasche nach Hause kam, fand er einen Brief des Vaters auf dem Küchentisch. Auf dem Dachboden einen feuchten Fleck. Erst als er nach oben schaute, den pendelnden Körper mit der heraushängenden Zunge.
*
Hussein richtete den Blick in den Nachthimmel. Hoffnung, dachte er. Eine Sonde namens Hoffnung. Immerhin geht es um den Mars. Der der Kriegerische genannt wird. Was für ein Irrtum! Wenn ein Leben auf einem anderen Planeten denkbar ist, dann dort! Wie viel unwirtlicher ist dagegen die Venus, die die Schöne heißt? Das weibliche Prinzip bleibt eine Herausforderung, aber auch eine Gefahr. Wer ihm zu viel Aufmerksamkeit schenkt, verliert den Weg aus dem Auge. Den zum Kern allen Daseins. Das nächtliche Firmament zeigt es so klar: Das Weltall ist groß, und wir sind nichts. Was maßen wir uns angesichts der Größe Allahs, des Allumfassenden, an? Wir dürfen nie aufhören, ihn zu ehren. Was in meiner Macht steht, will ich verwirklichen, um ihn zu preisen! Warum nicht auf einem anderen Planeten? Die Menschheit könnte die neue Chance nutzen – mit dem Wissen und den Möglichkeiten von heute. Keine mühsamen Irrwege, bei denen der Großteil auf der Strecke bleibt!
Das Burj Al Dubai tauchte vor seinem geistigen Auge auf. Luxuriösestes Hotel der Welt mit einer atemberaubenden Architektur: wie eine Mondsichel gestaltet, die Präsidentensuiten auf der Spitze sternförmig angelegt – steinerne Manifestation der Verneigung vor der Schöpfung weit über das Irdische hinaus. Die Palm Continents – ehrgeizigstes unter seinen Projekten, zugleich wegweisendstes, stockte derzeit. Finanzkrise, Arbeitsflucht – die Menschen stiegen lieber in seeuntaugliche Gummiboote, um auf dem Weg nach Europa jämmerlich zu ersaufen, statt zum Wiederaufbau der arabischen Hochkultur beizutragen. Wer groß sein wollte, musste Großes leisten. Die Idee: auf Aufschüttungen, gigantischen künstlichen Inseln im Meer, die in ihrer Form die Erdteile abbildeten, architektonische Juwelen zu erschaffen, die die jeweiligen kontinentalen Kulturen in ihrer höchsten Blüte zeigten.
Nein, man konnte Hussein keinen Ethnozentrismus wie den westlichen Staaten vorwerfen. Während die Amerikaner mit dem Victory-Zeichen viel Unheil über die Welt gebracht hatten, ging es ihm nicht darum, andere zu unterwerfen. Er hatte das westliche V-Symbol um einen Finger erweitert: Sieg, Triumph und Liebe. Ohne das Letztere ging es nicht. Auch wenn es bisweilen die härteste Prüfung war. Die Vorreiterrolle der arabischen Kultur wurzelte in der Geschichte. Aber was nützte es, sich in konkurrierende Weltbilder zu verbeißen? Seine Utopie war größer. Eine menschheitsumspannende ozeanische Vision. Warum nicht nach den Sternen greifen? Der Mars war ein Anfang. Die Sonde. Eine Hoffnung.
*
Nachdem Holger Amira erzählt hatte, was man so erzählt, und sie ihm, was sie besser nicht erzählt hätte, und damit seine kaum aufgekeimte Hoffnung zunichtegemacht hatte, verabredeten sie eine Fahrradtour. Ausflüge ins Grüne zogen immer bei ihr. In ihrer Heimat ging in der Natur ja nichts ohne Sprinkleranlage. In den letzten Wochen war sie mit ihm am Salbrucher Baggerloch gewandert, hatte im Wildpark auf den Süchtelner Höhen Damwild und Kamerunschafe bewundert, die Stammenmühle, den Galgenberg und den Aussichtsturm auf dem Taubenberg bestiegen und die Mammutbäume im Kaldenkirchener Grenzwald bestaunt. Tja, Naturschutzgebiete mit »Betreten verboten«-Schildern gab es reichlich in der Region. Ideale Voraussetzung für sein Vorhaben. Kaum dass sie weg war, traktierte er den Boxsack auf dem Dachboden. Es war ihm ein Bedürfnis gewesen, ihn an genau den Balken zu hängen, um es heimzuzahlen. Nicht nur dem Vater. Allen, die ihn im Stich gelassen hatten. Seiner Mutter, die ein Jahr nach dem Tod ihres Mannes einen anderen gefunden und mit dem Tag seiner Volljährigkeit zu dem Motherfucker gezogen war. Mitschülern für ihr zehnjähriges Mobbing. Drangsalierenden Lehrern. Dem Lehrherrn für drei Jahre Piesacken. Er hatte mehr Zeit damit verbracht, den Garten des Ausbilders zu pflegen und dessen Auto auf Hochglanz zu polieren, als im Büro.
Prügel, das hatte ihm der Vater immerhin mitgegeben, waren ein probates Mittel, Frust abzubauen. Eine Zeitlang hatte er die Nordkurve des Stadions im Borussia-Park in Mönchengladbach frequentiert. Da brauchte er keinen Boxsack. Insbesondere wenn es gegen die Effzeh-Fans oder Vizekusen ging. Über die Kumpels lernte er Leute kennen, mit denen er den Gegner aufmischte, später Flüchtlingsheime.
Frauen? Nebenbaustellen und Kollateralschäden zugleich. Celine eine Bitch, Nadine frigide, Beckie nahm ihn aus wie einen Weihnachtsganter. Jede dieser Episoden arbeitete er in den Boxsack ein. Amira war eine total neue Erfahrung gewesen – so anschmiegsam, so geil – und dann doppelt hinterfotzig. Eine Betrügerin. Snobby Bitch. Die sich ihm an den Hals geschmissen hatte, damit er sie heiratete. Wegen der Papiere. Weiter wollte sie nichts von ihm. Schon gar kein Geld, beteuerte sie, als sie sah, dass ihm die Spucke wegblieb.
Er zog den Arm weg, der eben noch um ihre Schultern gelegen hatte, und rückte ab.
Sie legte nach: auch keinen Sex, keine Sorge, er brauchte sich gar nicht um sie kümmern. Ihr Mann hätte auch andere gehabt. Nur verprügeln ließe sie sich nicht.
Was dieser Muselmane verschmäht hatte, damit brauchte er sich also nicht erst die Finger schmutzig machen? Zu spät, Misses. Er hatte sich schon befleckt. Nein. Sie ihn. Er hatte viel zu viel preisgegeben. Wenn auch nichts, was man nicht erzählte. Was ihm am Morgen danach zum ersten Mal in der Kehle gebrannt hatte. Wie Halbverdautes, das danach drängte, ausgekotzt zu werden.
Mich – mit – die – ser – Schlam – pe – ein – zu – lassen! Er wünschte, er hätte sie aufgehängt. Aber der Dachboden bot noch bessere Möglichkeiten. Die Fahrradtour zu den Krickenbecker Seen war eine ideale Variante. Weit weg. Wo sie ungestört waren. Als sie die Dragees aus dem Süßstoffspender in der Kaffeetasse versenkte, war die Idee geboren.
*
Schritte. Sein Erstgeborener stand in der Tür. Ja, auch seine Kinder waren Teil des Universums und verlangten Zuneigung. Tag und Nacht. Gaben sie aber ebenso. In dem Punkt ähnelte Hamid seinem Vater: Beide arbeiteten Tag und Nacht an der großen Sache. Seiner Idee. Er, der Scheich, der Herrscher seines Landes, Hamid, der Kronprinz, zukünftige Hoffnung des Morgenlands.
»Hamid, mein Augenstern, was gibt es?«
Sie umarmten sich.
»Der Botschafter schickt Auszüge aus der deutschen Presse. Vielleicht mag es dir ein wenig Zerstreuung bieten. Es hat dort viel Aufregung gegeben. Wegen des Picknicks.«
*
Sie hatten die Fahrräder am Parkplatz gelassen und waren zu Fuß zwischen Glabbacher und Hinsbecker Bruch entlanggelaufen. Holger trug den Picknickkorb. Die Decke hatte er Amira überlassen. Für ein Picknick war es genau das richtige Wetter. Für einen Wochentag leer genug. Nur einige Kinderwagenmuttis unterwegs, mit ihren Kleinen beschäftigt. Auf den Bänken vereinzelte Rentner, die aufs Wasser stierten. An dem Gatter, hinter dem das Naturschutzgebiet lag, vergewisserte Holger sich, dass die Luft rein war, er half Amira mit einer Räuberleiter auf die andere Seite und kletterte hinterher. Ein Steg führte durchs Gebüsch und auf eine Wiese, die von dichtem Grün umgeben zum Wasser hin hinter hohem Schilf verdeckt lag. Idylle pur. Er war sich nicht sicher, ob das Zeug es noch tat. Sie war eine Erwachsene und keineswegs mangelernährt. Umso höher hatte er es dosiert. Zehn Tabletten in einer süßen Quarkspeise verarbeitet. Zwei Schraubgläser vorbereitet.
Sie breitete die Decke aus. Setzte sich. Er kniete neben dem Korb, schenkte Limo aus, sie prosteten sich zu, sahen einander in die Augen, tranken.
»Wie schön es hier ist«, sagte sie. »So viel Grün.«
Er reichte ihr ihre Portion Quark und ein Löffelchen.
»Lass es dir schmecken.« Schraubte das eigene Glas auf. Kostete. »Wieso eigentlich gefälschte Papiere? Wenn dein Mann eh schon andere Frauen hat …«
»Er wird mich nie freigeben. Sonst ist seine Ehre – wie sagt man? – schmutzig. In meiner Community bin ich sein Eigentum.« Sie aß, sagte: »Lecker«, auch wenn der Gesichtsausdruck nicht ganz danach aussah. »Eine verheiratete Frau kann nicht heiraten. Ohne Heirat keine Duldung.«
»Und wenn ich nicht will?«
Sie zuckte die Achseln. »Dann finde ich einen anderen.«
Wieder hätte er sie würgen können. Stattdessen würgte er den Quark in sich rein. Was sie veranlasste, brav weiterzulöffeln.
»Aber wie sollte dein Mann dich finden?«
»Abdul ist ein hoher Beamter. Sie spionieren alles aus. Wenn er meine Route kennt, weiß er, wo er mich suchen muss. Dass ich in Deutschland bin, ist ihm sowieso klar. Ich spreche die Sprache. Er wird den Scheich hierherlocken. Und ihn begleiten. Der Scheich hat viel Macht.«
Oho. Ihr Mann kannte den Scheich persönlich, hatte Einfluss. Er, Holger, der arbeitslose kleine Technische Zeichner, hatte die Gattin eines hohen Tiers aus den Vereinigten Arabischen Emiraten gevögelt. Der Gedanke gab ihm Auftrieb.
Amira gähnte hinter vorgehaltener Hand. »Entschuldige. Ich bin so müde.«
»Leg dich hin. Wir haben Zeit.« Holger blieb sitzen, die Arme um die Beine geschlungen, träumte in die Ferne, das Zwitschern der Vögel, das Schnattern der Enten im Ohr …
Waren das Frösche?
Das Gurgeln kam von Amira. Nur ein Schnarchen? Ein Schleimfaden rann aus ihrem Mundwinkel. Unter der Nase glänzte es feucht.
Wenn er sie jetzt weckte und ihr den Finger in den Hals steckte, damit sie erbrach?
Sie war so schön. Das ebenmäßige Gesicht. Das blonde Haar ausgefächert wie ein Kranz um den Kopf …
Gefärbt, klar. Fast wäre er darauf reingefallen. Er ertrug es nicht. Stand auf, ging durch das raschelnde Gras zu einer Weide. Setzte sich, an den Stamm gelehnt, schloss die Augen. Spürte eine Träne unterm Lid hervorquellen, ließ sie laufen. Moment der Schwäche. Er würde noch viel Kraft brauchen.
Da er das Smartphone zu Hause gelassen hatte, wusste er nicht, wie viel Zeit verstrichen war, als er nach ihr sah. Sie lag auf der Seite, verzerrte Züge, vollkommen verschleimt, zuckte und röchelte. Schien aber nicht bei Bewusstsein. Das Luminal war tatsächlich noch wirksam. Er hatte es im Arztkoffer des Großvaters gefunden. Auf dem Dachboden.
Die Sonne neigte sich dem Horizont zu, als er sicher war, dass sie nicht mehr atmete. Er zog sie aus, schleifte sie zum Steg, ließ sie ins Wasser sinken und band sie an den Pfosten fest. Ihr Körper war jetzt am Grund fixiert, nicht tief, aber tief genug, dass er unter dem Holz und zwischen den grünen Algen auch von der Seite nicht sichtbar war. Keine Geruchsentwicklung. Hier kam eh niemand her. Das Wasser und die Tiere des Sees würden den Zersetzungsprozess beschleunigen.
Noch in derselben Nacht verbrannte er ihre Klamotten, pulverisierte das Smartphone, spülte, wusch, putzte, beseitigte sämtliche Spuren. Er hatte Hausarbeiten immer gehasst. Aber es fühlte sich gut an, als im Morgengrauen alles geschafft war.
Nie war ihm seine Umgebung so hell und sauber vorgekommen.
*
Allahs Universum war nicht nur riesengroß, sondern en détail sehr profan! Hussein machte eine Handbewegung. »Yalla.«
Hamid kicherte. »Deutsche Ordnungsfanatiker.«
Sein Vater runzelte die Stirn. »Um den anderen zu verstehen, musst du ihn lieben. Erst wenn du ihn verstehst, kannst du ihn beurteilen. Wer lacht, weil er nichts versteht, offenbart die eigenen Grenzen.«
»Wenn die rechte Hand nicht versteht, was die linke tut?«, gab Hamid zurück.
»Die Zunge ist die Übersetzerin des Herzens. Also lies.«
»Vorab: Du erinnerst dich? Wir hatten über den Caterer einen ungestörten Ort zum Grillen erbeten. Die Wiese am Teich, die er uns anbot, lag in einem Gebiet, das normalerweise niemand betreten darf. Aus Naturschutzgründen.«
Hussein nickte. »Ich hatte um einen geschützten Raum gebeten. Sind wir Menschen nicht auch Teil der Natur? Es lag im Interesse Deutschlands, für unsere Sicherheit zu sorgen.«
»Wer ist Deutschland?« Hamid holte tief Luft. »Die Kanzlerin? Der Botschafter zitiert Stellungnahmen, von denen einem vollkommen wirr im Kopf werden kann. Hör zu, hier steht: Das Bundeskanzleramt habe das Gespräch mit der Botschaft bestätigt, aber jede Einflussnahme bestritten, was den gewählten Ort anging. Sie haben die Frage einfach in die Verantwortung der untergeordneten Behörden gegeben! Die Staatskanzlei des Landes Nordrhein-Westfalen sprach von einem ›Privatbesuch‹, der nicht in ihre Zuständigkeit gefallen sei. Der Kreis Viersen – was auch immer das ist – bestritt, um eine Genehmigung ersucht worden zu sein, beklagte nichtsdestotrotz die entgangene Verwaltungsgebühr. Der Kreissprecher habe die Entscheidung der Stadt Nettetal hingenommen, in deren Nähe wir uns offensichtlich aufgehalten haben. Der Bürgermeister – Chef der Nettetaler Administration – war im Urlaub und konnte dich daher nicht mit einem Goldenen Buch belästigen. Aber es geht weiter: Der Rat der Stadt fühlte sich unzureichend unterrichtet. Ebenso der Ältestenrat, die Parteien und Wählergemeinschaften. Und jetzt kommt es: Niemals hätte man dir ein solches Privileg zugestehen dürfen. Ein Picknick auf einer Wiese! Die Verwaltung sprach daraufhin von einer ›Notlage‹ aufgrund der Kürze der Zeit.« Er blickte von den Papieren auf, von denen er ablas, fragte: »Leben wir im Krieg mit diesem Kaff? Wie kann eine friedliche Zusammenkunft derart missdeutet werden? Dein Besuch anders als ein Zeichen höchster Ehre aufgefasst werden?«
Wieder hielt Hamid inne. Sein Vater hatte den Blick in den Abendhimmel gerichtet. Hamid räusperte sich und fuhr fort: »Die beauftragte Eventagentur sprach von einem angemessenen Zeitraum. Offensichtlich gab es aber weitere Zuständige, die meinten, man hätte sie fragen müssen. Der Bund für Umwelt und Naturschutz zum Beispiel. Die Biologische Station vor Ort erklärte, die Gänsebrutzeit sei zwar vorbei gewesen, dennoch habe für die Wasservögel eine Stresssituation vorgelegen.« Er kicherte. »Gestresste Gänse!«
»Schöne Tiere«, warf Hussein ein. »Nur ein wenig zäh.«
»Stressbedingt vermutlich. Nächstes Problem: Grillen. Die Freiwillige Feuerwehr hat sich beschwert. Bei einem offenen Feuer, Trockenheit und Temperaturen über 30 Grad hätte ein Löschzug bereitstehen müssen. – 30 Grad!«
»Ich beginne zu verstehen, weshalb Abdul meinte, er müsse mitkommen, um sich um alles zu kümmern.« Hussein lächelte.
»Dafür hat dein Sohn dich ja nun begleitet und das alles auf sich genommen.« Hamid blätterte weiter. »Die Kosten für das Mähen und Aufstellen der Pavillons – Peanuts. Die Rechnung ist längst beglichen. Aber die Männer, die der Caterer für den Transport von Geräten, Geschirr, Speisen und Getränken benötigte – was für ein Geschrei darum! Warum, um Allahs willen, haben sie darauf bestanden, dass nicht mit dem Auto angeliefert wurde? Der Steg hätte Schaden genommen, die Pfosten wären eingesunken. – Natürlich habe ich die Übernahme sämtlicher Kosten zugesagt! Sollen sie nur ja jeden einzelnen Pfosten gründlich gesund sanieren!«
Hussein blickte ihn freundlich an. »Wer dem Gerede der anderen nachgeht, wird müde.«
»Verzeih, Baba, lieber Vater, dass ich dich mit diesen Ausführungen ermüde«, sagte Hamid. »Die Absicht war, dich zu amüsieren. Aber es fällt mir schwer, gelassen zu bleiben.«
Hussein musterte seinen Ältesten mit Nachsicht. »Ja«, sagte er. »Verstehen, ohne sich angegriffen zu fühlen, ist eine Kunst, in der du dich stetig üben musst, um über dich selbst hinauszuwachsen. Was du hörst, sagt etwas über den anderen. Wie das Kleid, so die Gastfreundschaft. Lies nur weiter!«
»Die Agentur für Arbeit«, fuhr Hamid fort, »kritisierte, dass keine Arbeitslosen eingesetzt worden seien, um das Equipment anzuliefern.«
*
Die Agentur für Arbeit bestellte ihn ein. Gute Nachrichten. Ein neues Abkommen mit den Vereinigten Arabischen Emiraten. Deutsche Ingenieure würden gebraucht. Zeitarbeitsfirmen hätten unter anderem Technische Zeichner angefragt. Man habe in Dubai Aufschüttungen im Meer vorgenommen, ein riesiges urbanes Projekt an der Küste. »Sie könnten da mehrere Jahre unterkommen. Wär das nichts für Sie? Als Single ohne familiäre Bindungen.«
»In Dubai?«
Der Berater hielt ihm einen Prospekt hin, auf dem vor azurblauem Himmel Hochhäuser in den Himmel ragten, im Vordergrund Palmen und türkises Meer. »Wenn ich Ihnen einen unbürokratischen Rat geben darf: Schlagen Sie zu! Das ist eine tolle Chance. Sie verdienen gutes Geld. Die Araber da haben Öl und Geld ohne Ende. Nur von Technik keine Ahnung. Was es alles zu beachten gibt, von Normvorschriften bei Hoch- und Tiefbau bis hin zu Maßnahmen gegen die Umweltzerstörung, das greift ja alles ineinander. Die schütten Sand ins Meer und wundern sich, dass der nicht liegen bleibt. Eine gigantische Baustelle, die stillgelegt werden musste. Geld allein katapultiert einen halt nicht in die Neuzeit.«
Holger klappte das Faltblatt auf. Paradiesische Aufnahmen.
»Sie sollten allerdings viel Geduld mitbringen. Hakuna Matata. Und sich immer erst schlaumachen, wen man wie schmieren muss. Diese ›Organisationskompetenz‹ brauchen Sie.«
»Um was für ein Unternehmen geht es denn?«
»Dubai Holding, ein Riesending. Bau, Finanzen, Energie – alles im Besitz der Herrscherfamilie. Geleitet wird es von Abdul Al Kazim, einem der engsten Vertrauten des Scheichs.«
»Abdul heißt er?«
»Wieso fragen Sie?«
»Oh, nichts. Ich hab mal von einem Abdul gehört.«
Der Arbeitsvermittler lachte. »Heißen Muslims nicht alle irgendwas mit Abdullah oder so – wie Juden Israel oder Sara? Was ist: Soll ich Ihnen die Papiere geben?«
*
»Stattdessen lud die Stadt Menschen ein, die keine Arbeitserlaubnis hatten«, fuhr Hamid fort, »und die froh waren, etwas zu tun zu kriegen. Sie erhielten immerhin Getränke – nicht alkoholische natürlich! Trotzdem beschwerte sich der Träger der Unterkunft, in der sie lebten, man hätte ihn nicht gefragt, und die Männer selbst behaupteten anschließend, sie hätten nicht gewusst, für wen sie da schufteten. Hätten sie es gewusst, hätten sie die Arbeit abgelehnt.«
Hussein horchte auf. »Du hast nicht angeboten, sie nachträglich zu entlohnen?«
»Das ist gegen die deutschen Gesetze. Sie dürfen kein Geld verdienen. Der Ausländerbeauftragte fand das so in Ordnung …«
»Ausländerbeauftragte? Was für Ausländer?«
»Sie kamen aus Syrien, Afghanistan und dem Irak.«
»Muslime?«
»Flüchtlinge.«
»Was!« Hussein wurde lebendig. »Diese Kleingeister haben Männer unsere Speisen tragen lassen, die aus Ländern kommen, in denen alles drunter und drüber geht? Geflohene Verbündete, Verzwistete, womöglich Freischärler, Fundamentalisten oder Fanatiker? Ohne jegliche Sicherheitsprüfung?«
Hamid zögerte. Offensichtlich hatte er diesen Gedanken nicht zu Ende gedacht. »So ist das wohl zu verstehen …«
»Zu verstehen?«, ereiferte der Vater sich. Seine Stimme legte mit jedem Buchstaben einige Dezibel zu. »Bestell sofort den Botschafter ein! Er soll die Kanzlerin …«, er stutzte, lehnte sich ans Fenster, stöhnte: »Frauen!«
Hamid war bereits aus dem Raum geeilt.
Hussein richtete den Blick in den Nachthimmel.
Ach, es war noch ein weiter Weg zu den Sternen.
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