Читать книгу: «Verdammt magisch»
1. Norman
2. Gunnar Krafft
3. Erweckungen
4. Enttäuschend
5. Zwei Abweichungen
6. Abendessen
7. Fühlen
8. Ein neuer Weg
9. Nächtliche Unterhaltung
10. Magie!
11. Andere Sichtweisen
12. Fruchtlose Zusammenarbeit
13. Gemeinsam versagen
14. Schlechte Verbindung
15. Ein Geständnis
16. Nah, sehr nah
17. Noch näher
18. Mütter und Monster
19. Kürbisfest
20. Schauspiel und Chaos
21. Trinkgefährten
22. Gefahr
23. Über den Dächern von Løbago
24. Ein neuer Tag
25. Nächster Versuch
26. Wochenende
27. Sauber und glücklich
28. Motivation
29. Und jetzt?
30. An die Front
31. Die Stadtmauer
32. Nacht
33. Im Ernstfall
34. Opfer
35. Eine Mission?
36. Geständnisse und Schüsse
37. Das Ende
38. Der Epilog
1. Norman
2. Gunnar Krafft
3. Erweckungen
4. Enttäuschend
5. Zwei Abweichungen
6. Abendessen
7. Fühlen
8. Ein neuer Weg
9. Nächtliche Unterhaltung
10. Magie!
11. Andere Sichtweisen
12. Fruchtlose Zusammenarbeit
13. Gemeinsam versagen
14. Schlechte Verbindung
15. Ein Geständnis
16. Nah, sehr nah
17. Noch näher
18. Mütter und Monster
19. Kürbisfest
20. Schauspiel und Chaos
21. Trinkgefährten
22. Gefahr
23. Über den Dächern von Løbago
24. Ein neuer Tag
25. Nächster Versuch
26. Wochenende
27. Sauber und glücklich
28. Motivation
29. Und jetzt?
30. An die Front
31. Die Stadtmauer
32. Nacht
33. Im Ernstfall
34. Opfer
35. Eine Mission?
36. Geständnisse und Schüsse
37. Das Ende
38. Der Epilog
Impressum
Verdammt magisch
Text Copyright © 2017 Regina Mars
Alle Rechte am Werk liegen beim Autor.
Regina Mars
c/o
Papyrus Autoren-Club,
R.O.M. Logicware GmbH
Pettenkoferstr. 16-18
10247 Berlin
regina@reginamars.de
www.reginamars.de
Alle Rechte vorbehalten
Umschlagbild und Umschlaggestaltung: Regina Haselhorst
Illustration Copyright © Regina Haselhorst
www.reginahaselhorst.com
Die Handlung und alle handelnden Personen sind frei erfunden. Jegliche Ähnlichkeit mit lebenden oder realen Personen wäre rein zufällig.
Reale Personen wären auch vernünftig genug, Safer Sex zu praktizieren, im Gegensatz zu den Fantasiegestalten in diesem Roman. Die müssen sich darum keine Sorgen machen, da es sie nicht gibt.
Aufgrund vereinzelter homoerotischer Szenen ist dieses Buch nur für Personen über 18 Jahren geeignet. Ja, es enthält schwulen Sex. Gern geschehen.
Leis, Kindlein, leis
Dort draußen schleicht das Eis.
Die Zähne spitz, die Krallen rot
Hört es dich, dann bist du tot
Leis Kindlein, leis
(Trad. Kinderlied aus dem Nördlichen Flussland)
1. Norman
Norman hatte sein Leben lang auf diesen Tag gewartet. Zumindest, solange er denken konnte. Oder wenigstens, seit er erfahren hatte, was Magie war. Was ein Motor war.
Motoren waren die fabelhaftesten Drecksäue auf der ganzen Welt. Und er würde ihr König werden, wenn nicht sogar ihr, Dings … Kaiser. Genau. Norman Skødling der Erste, Kaiser der Magie. Das klang doch gut. Verdammt gut.
Endlich war es soweit.
Norman marschierte über die Straße, vorbei an einem Einspänner mit Messingbeschlägen und einer verstaubten Bierkutsche. Gerade war ein Automobil vorbeigerast. Die Luft stank noch nach Benzin und die Pferde tänzelten. Selbst die Brauereigäule wirkten nervös, trotz ihrer Scheuklappen. Na, die würden sich daran gewöhnen müssen. Die Blechbüchsen wurden jetzt massenproduziert. Bald würden die Straßen voll damit sein.
Ich kauf mir auch eine, sobald ich Kaiser der Magie bin, dachte Norman. Die schnellste, die ich finden kann.
Er holte noch einmal tief Luft, bevor er den Gunnar-Krafft-Platz betrat. Wie bei jeder Erweckungszeremonie war es rappelvoll. Schaulustige überall. Vom Greis bis zum Kind schauten alle würstchenmampfend auf die Tribüne. Noch war sie leer.
Norman musste die Ellenbogen einsetzen, um voranzukommen. Gut, dass er so kräftig war. Schon als Säugling hatten alle seinen riesigen Schädel bewundert. Nun, mit 18, hatte er Schultern wie ein Ochse, Arme wie ein Preisboxer und ein Gesicht wie eine rohe Frikadelle.
Der Geruch von Schweiß und gebratenem Fett kitzelte seine Nasenlöcher, während er sich durch die Menge kämpfte. Über tausend Leute passten auf diesen Platz und Norman war sicher, dass es heute doppelt so viele waren. Er quetschte sich zwischen zwei Fressbuden durch und sah auf.
Goldgelber und lilafarbener Stoff wehte im Wind. Von den Fähnchenketten bis zu dem gigantischen Banner, das die Vorderfront des Arkanen Instituts halb verdeckte, wurde alles von diesen beiden Farben dominiert. Das verdammte Banner war zwanzig Stockwerke hoch. Norman konnte nicht anders, als es anzuglotzen. Seit er zum ersten Mal die Zeremonie besucht hatte, faszinierte ihn das Ding.
Mit der Kohle, die das gekostet hat, hätte man alle armen Kinder von Løbago ein Jahr lang füttern können, hatte damals jemand gesagt.
Aber alle armen Kinder von Løbago waren Norman egal gewesen. Und das, obwohl er selbst eins von ihnen gewesen war. Er hatte nur auf das leuchtende Goldgelb gestarrt und ein sehnsüchtiges Ziehen in der Brust gespürt.
Bitte, hatte er gedacht. Bitte, lass mich einer von ihnen sein. Ein Magier.
Obwohl seine Mutter ihm erklärt hatte, dass Wünschen einen im Leben nicht weiterbrachte (und Norman ihr zustimmte), hatte er heimlich weitergewünscht und gewünscht, bis sein Traum wahr geworden war.
Mit zwölf hatten sie magisches Potenzial bei ihm festgestellt. Mit sechzehn hatte er angefangen, in die Vorbereitungskurse zu gehen. Und ab heute war er ein verdammter Magieschüler! Alles, von dem er je geträumt …
»Entschuldigung«, sagte eine verschüchterte Stimme hinter ihm. Eine Hand legte sich auf seinen Arm.
Norman wirbelte herum, bereit zum Zuschlagen. Wässrig blaue Augen starrten ihn an. Sie steckten in einem bleichen Gesicht, das zu einem bubiblonden Kopf gehörte, der wiederum auf einem schmächtigen Körper saß. Der Junge, der bestimmt in Normans Alter war, reichte ihm kaum bis zum Kinn.
Was ist das denn für ein Hänfling?, dachte Norman. Erbärmlich.
»Entschuldigung«, flüsterte der Lauch so leise, dass Norman ihn im lauten Gebrabbel der Menge kaum verstand.
»Lass mich los!«, raunzte er.
Der Hänfling wich zurück. Seine Fingerchen lösten sich von Normans Ärmel und die Augen hinter den runden Brillengläsern wurden noch größer.
»Entschuldigung, ich wollte nicht … Verzeihung.« Er biss sich auf die Lippen. »Ich habe nur gesehen, dass du auch die Anwärteruniform trägst und … Weißt du, wie ich zur Tribüne komme?«
»Da lang.« Norman deutete in die ungefähre Richtung des Riesenbanners. »Ist doch klar. Wie blöd bist du?«
Die hellen Augen wurden nass. Ein hartes Schlucken brachte den Kehlkopf des Kleinen zum Zittern.
»Ich wusste nicht … Ich habe noch nie so ein Gedränge erlebt. Ich habe meinen Diener irgendwo verloren und er meinte, ich sollte zur Tribüne gehen, falls wir getrennt werden … Müssen wir da hinauf? Vor all diesen Leuten?« Panisch schaute er Norman an.
»Natürlich müssen wir da rauf! Das ist doch das Beste daran!« Norman sah den Kleinen ungläubig an. »Dass uns bei der Erweckung alle anschauen.«
»A-alle?«
»Absolut alle.« Norman grinste stolz. »Zweitausend Leute.«
»Zwei...« Die Wangenfarbe des Blonden wechselte von blass zu grün. Norman schüttelte den Kopf.
»Mann, was bist du denn für ein Lauch? Hast du Angst vor ein paar Leutchen? Das ist eine Ehre. Wir stehen da oben, weil wir die Größten sind. Na ja, ich bin der Größte. Du wohl nicht. Aber ich! Ich werde der größte Motor aller Zeiten!«
Der Hänfling glupschte ihn an, als wäre er verrückt geworden. Aber was wusste der schon?
»Junge, drei Jahre Institut, und ich beschwöre mit einer Hand Feuerstürme und mit der anderen Eisregen. Du wirst schon sehen. Glaubst du mir etwa nicht?«
Hastig schüttelte der Kleine den Kopf. Das war wohl ein Fehler gewesen: Seine Wangen wurden noch grüner. Bevor Norman zurückweichen konnte, hatte er sich schon gekrümmt und ihm vor die Füße gekotzt. Ein paar Spritzer landeten auf Normans uralten, aber blankpolierten Schuhen.
»Was soll das denn?« Er versetzte dem Schwächling einen Stoß mit der flachen Hand, der ihn zum Wanken brachte.
Wehren konnte der sich nicht. Nicht, weil er ein Spargel war. Sondern, weil er vollauf mit Würgen und Spucken beschäftigt war. Eine Pfütze in sehr merkwürdigen Farben breitete sich vor ihm auf dem Pflaster aus.
»Was hast du denn gegessen?«, fragte Norman fasziniert. »Rote Beete und Blätter?«
»Wachtelgelee auf Sauerampfer an Himbeerpüree«, keuchte der Kleine. Ein langer Spuckefaden hing von seiner Unterlippe und Tränen liefen über seine Wangen.
»Wachtel... Bist du reich, oder was?«
Der Kleine schaute erschrocken. Dachte er jetzt etwa, dass Norman ihn ausrauben wollte? Das hatte er doch gar nicht nötig. Nicht mehr.
Hm, aber der Schwächling war eindeutig wohlhabend. Oh. Erst jetzt fiel Norman der dünne Zopf auf, zu dem er seine Haare zusammengebunden hatte. Vorne hatten sie so komische Locken. Und dann hatte er von einem Diener geredet.
»Ach du Scheiße.« Norman verzog das Gesicht. »Bist du etwa adlig? Es gibt doch fast keine Adligen mit Dings, magischer Potenz.«
»Magischem Potenzial«, murmelte der Blonde. Er wich zurück, als Norman ihn böse ansah. »Das liegt daran, dass auf einen Adligen über hundert Gemeine kommen. Bei den Magiern ist die Verteilung ähnlich. Auf einen adligen Magier kommen hundert Gemeine, also gibt es, statistisch gesehen, gleich viele …«
»Was laberst du? Außerdem stimmt das nicht. Es liegt daran, dass wir stärker sind als ihr. Hier drin.« Norman deutete auf seine Brust. »Und in den Armen auch. Das braucht man für Magie. Dein blaues Blut wird dir einen Scheiß bringen, du Waschlappen.«
»Heimfried«, sagte der Schwächling. Mit zitternden Fingern fummelte er ein übertrieben verziertes Tuch aus seiner Brusttasche. Sah aus wie eine plattgewalzte Hochzeitstorte. Er wischte sich damit über den Mund.
»Hä?«
»Heimfried von Mømpelgard.« Ein schwaches Lächeln. »Angenehm.«
Norman ignorierte die ausgestreckte Hand.
»Mir scheißegal, wer von was du bist. Hier sind alle gleich. Ich nenn dich Lauchi.«
»Oh.« Der Kleine schaute geknickt.
Nein, das machte keinen Spaß. Das war ja, wie einbeinige Welpen zu treten. Norman beschloss, ihm etwas Gutes zu tun und ihm den besten Rat zu geben, den er selbst je bekommen hatte.
»Hör auf zu heulen und kneif die Arschbacken zusammen!«, fuhr er Lauchi an. »Und jetzt auf zur Tribüne, zack, zack! Gleich geht’s los!«
Er jagte Heimfried durch die Menge. Er wollte ihn nicht jagen, aber der Kleine rannte stolpernd vor ihm her, bis sie die immer dichteren Menschenmassen überstanden hatten. Die Soldaten, die vor der Absperrung Wache hielten, überprüften ihre Einladungen und ließen sie durch. Acht Sitzreihen waren auf dem dunklen Kopfsteinpflaster aufgereiht. Hinten Holzbänke, vorne Polstersessel. Haarschöpfe von Schwarz über Blond bis Grau lugten über die Rückenlehnen. Alle blickten auf die leere, geräumige Tribüne. Norman spürte ein glückliches Flattern in der Magengrube, als er sie betrachtete. Gleich. Endlich.
Tore und Brenna winkten ihm. Die beiden waren mit ihm in die Vorbereitungskurse gegangen, als Einzige aus ihrem Viertel. Das machte Norman und sie fast zu Geschwistern. Alle drei waren sie breit, kräftig und gnadenlos und konnten es kaum erwarten, zu Motoren zu werden. Als er sich zu ihnen durchquetschte, merkte er, dass Heimfried ihm folgte.
»Was soll das?«, fragte Norman. »Du kannst nicht bei mir sitzen, das ist doch klar.«
»Oh.« Wieder stiegen Tränen in Lauchis Augen. Die Brillengläser beschlugen. »W-warum nicht?«
»Na, weil du adlig bist. Deine Leute sitzen da.« Norman deutete auf eine der Polsterreihen. Da hockten noch drei andere Lockenschwanzköpfe. Ein Junge und zwei Mädchen. Alle mit hoch erhobenen Nasen.
»Oh. Ent-entschuldigung«, flüsterte der Schwächling. »Danke für deine Hilfe.«
Norman grunzte verächtlich und schob sich weiter. Tore und Brenna hatten ihm einen Platz freigehalten.
»Na, ihr Pisser?« Er lachte. »Bereit oder nicht?«
»Bereit!«, grölten sie und reckten die Fäuste in die Luft. Tores roter Lockenschopf und Brennas dunkelbrauner Zopf glänzten in der Herbstsonne.
»Und du?« Brenna grinste breit. Er sah zwei fehlende Backenzähne.
»Scheißbereit. So verdammt bereit, das glaubst du nicht.« Norman warf sich auf den Sitz neben ihr. »Haben sie schon angefangen?«
»Ne, die trödeln rum«, motzte Tore. Er formte die Hände zu Trichtern und rief: »Geht’s bald los?« in Richtung der Tribüne. Sie ernteten böse Blicke von den Umsitzenden. Norman schaute herausfordernd. Die Feiglinge zuckten zusammen und drehten sich wieder um.
»Die haben echt Schiss vor dir.« Brenna knuffte ihn in die Seite. »Du hast einfach diese Rausschmeißerfresse. Wie ein Dings, ein Doberhund.«
»Danke.« Norman lehnte sich zurück und verschränkte die Hände hinter dem Kopf.
»Er war doch auch Rausschmeißer«, sagte Tore. »Bei seiner Mutter, früher. He, wenn wir ein Team sind, sollen wir dann so heißen? Der Rausschmeißer, die Dampframme und der Flammende?«
»Die Dampframme bin ich, ja?« Brenna wiegte den Kopf hin und her. »Ich weiß nicht. Der Flammende passt nicht zu dir. Wie wär’s mit Major Rotkohl?«
»Wie wär’s mit Zopfziege?«, brummte Tore. Er faltete die baumstammdicken Arme. »Und Norman ist Frikadellenfresse.«
»Klappe, Rotkohl. Ich bin der Wolf von Wørringen«, sagte Norman. Wørringen war ihr altes Viertel. Das gefährlichste von ganz Løbago. »Und alle zusammen sind wir die Dreckigen Drei.«
»Ne, die Magischen Mistkerle.« Brenna rülpste.
»Die Motoren der Macht«, verkündete Tore.
»Nicht übel.« Norman nickte. Sie sprachen seit zwei Jahren darüber, später ein Team zu bilden. Eine magische Kampfeinheit. Nur über den Namen wurden sie sich nicht einig. Norman wollte gerade »die Hammerharten Helden« vorschlagen, als jemand die Bühne betrat.
»Na endli...«, begann er, dann erkannte er ihn. Oh. Oh! Normans Mund war mit einem Mal staubtrocken und sein Herz wummerte, als hätte er einen Sprint durch die halbe Stadt hingelegt.
Es war Gunnar Krafft.
2. Gunnar Krafft
Gunnar Krafft. Der Magier der tausend Klingen. Die Legende, nach der dieser Platz benannt worden war. Ihr Lebensretter, der Held von Wørringen. Normans Held.
Brenna und Tore hielten ebenfalls die Luft an, als er auf abgewetzten Stiefeln die Bühne betrat. Ein Raunen ging durch die Menge, dann war es plötzlich totenstill. Ein leiser Windstoß ließ Gunnar Kraffts goldgelben Umhang flattern. Trotz des edlen Stoffs, der nagelneuen Uniform und der blitzenden Orden wirkte er, als käme er gerade vom Schlachtfeld. Sein Dreitagebart war total männlich, unter den Klamotten spannten sich bemerkenswerte Muskeln und die Augenklappe, die sein rechtes Auge bedeckte, ließ ihn verwegen und mutig aussehen. Als er lächelte, funkelten die weißen Zähne im wettergegerbten Gesicht. Norman hörte ein paar Damen seufzen. Ein paar hundert. Er biss sich auf die Lippen, um nicht mitzumachen.
Gunnar Krafft breitete die Arme aus.
»Willkommen!« Seine Stimme dröhnte über den Platz, als wäre sie durch ein Mikrofon verstärkt. War sie aber nicht. Das hatte der Magier der tausend Klingen nicht nötig. »Schön, dass ihr da seid. Willkommen beim hundertelften Erweckungsfest des Arkanen Instituts!«
Zwei Männer und zwei Frauen rannten auf die Tribüne. Auf ihren Uniformen prangten lila Bänder und ein gesticktes »K«. K für Katalysator.
»Es geht los!«, flüsterte Norman. Er konnte den Blick nicht von Gunnar Krafft lassen. Dessen dunkle Haare wehten im Wind, als er entspannt stehenblieb, während die Katalysatoren sich links und rechts von ihm aufstellten, je ein paar Fußlängen voneinander entfernt. Sie hoben die Hände in die Luft. Lilafarbene Magie flackerte auf und umgab ihre Körper wie ein grobmaschiges Flechtwerk.
Eine Trompete erklang. Dann noch eine. Links und rechts von der Tribüne marschierte das Orchester hinauf. Ein blondes Mädchen begann zu singen, hell und dramatisch. Die Streicher setzten ein, dann die Flöten, dann der Chor, immer lauter schwoll die Musik an und dann … schritt Gunnar Krafft vorwärts.
Beiläufig berührte er die hochgestreckte Hand des ersten Katalysators. Gelbes Licht blitzte. Wie eine Feuerschlange wirbelte goldene Energie um Gunnars Körper, bis sie ihn bedeckte wie ein Netz. Ein sich stetig bewegendes, windendes Netz. Gunnars Augen strahlten. Feuer glänzte darin und tauchte sein Gesicht in einen warmen Schein.
Er stieß mit dem Zeigefinger in die Luft, als wollte er auf den Himmel zeigen. Licht schoss aus seiner Fingerspitze. Die Menge schrie auf. Ein einziger Schrei aus zweitausend Kehlen. Selbst Norman riss es aus dem Sitz.
Das Licht wurde zu einem Feuerdämon, der sich räkelte. Einem gigantischen Dämon. Ein Flammenwesen mit fünf Hörnern, einem runzlig-fiesen Fuchsgesicht und acht hageren Armen, die in abartig langen Messerklauen endeten. So hoch wie das Arkane Institut schwebte er in der Luft, brüllend und sich streckend, als wäre er aus dem Schlaf gerissen worden. Seine Wärme strich über Normans Nasenspitze. Er roch Schwefel und spürte, wie ihm der Schweiß ausbrach. Eine Hand packte seinen Arm. Tore oder Brenna. Keine Ahnung. Er konnte die Augen nicht von der Tribüne lassen.
Der Dämon riss sein Maul auf, holte tief Luft und spuckte Feuer über ihre Köpfe hinweg. Ein Flammenteppich bedeckte den Himmel. Einen Moment lang. Dann verpuffte er zu nichts. Der Dämon war verschwunden.
Gunnar Krafft grinste sie von der Tribüne aus an, als wüsste er genau, dass er sie vom Hocker gehauen hatte. Das goldene Netz um seinen Körper war erloschen.
Applaus brandete auf.
»Gunnar!!!«, brüllten alle zweitausend Versammelten. »Gunnar!!!«
Der Lärm war trommelfellzerfetzend. Norman johlte mit allem, was seine Lungen hergaben.
Gunnar Krafft klatschte die Hand des zweiten Katalysators ab. Licht prickelte zwischen ihnen und dann war sein Körper wieder von einem goldgelben Magienetz umhüllt.
»So schnell«, krakeelte Tore durch den allgemeinen Jubel. »So schnell nimmt keiner Magie auf …«
Ein Windhauch strich über sie. Eiskalt kitzelte er Normans Kopfhaut. Es war Gunnar. Er hatte nur eine sanfte Streichbewegung mit den Armen gemacht und die Luft bewegte sich bis nach ganz hinten.
»Wollt ihr mehr?«, rief er.
Die Menge brüllte zustimmend.
»Jaaa!«, schrie Norman und sprang auf. »Jaaaa!!!«
Ein Windstoß schleuderte ihn rückwärts. Fast wäre die Bank gekippt, als er darauf zurückfiel. Aber nur fast. Gunnar konnte seine Kraft genau einschätzen, weil er der verdammt Größte war!
»Wollt ihr mehr?«, fragte Gunnar erneut und sein Lächeln war so strahlend, dass es wehtat.
»Jaaaaa!!!«
Gunnar zuckte mit den Achseln. »Na gut. Ihr habt es so gewollt.«
Er drehte sich elegant um sich selbst und hob ab. Inmitten eines Wirbelsturms, der seine Haare und den Umhang wild flattern ließ, schwebte er empor. Zehn Meter hoch. Hinter ihm hob sich das gigantische Banner, langsam wie ein greiser Bulle. Es flog in seinem Rücken, als wäre es ein Teil seines Umhangs.
Seufzer aus der Menge. Gunnar sah so heldenhaft aus. Genau so wollte Norman auch sein, genau so.
»Irgendwann bin ich wie er«, flüsterte er.
»Vergiss es«, sagte Brenna. »Der ist voll der Hübsche und du siehst aus wie Mettwurst.«
Er gab ihr einen Knuff in die Rippen.
»Weiß ich doch. Aber ich werde trotzdem wie er. So mächtig.«
Gunnar senkte sich wieder auf die Erde herab, umgeben vom Geschrei seiner Anhänger. Das Netz aus Magie verblasste langsam. Das Banner schmiegte sich an die Gebäudefront, als wäre nichts gewesen.
Gunnar legte den Kopf schief und sah die Menge herausfordernd an. Einen Moment lang glaubte Norman, dass er nur ihn anblickte.
»Und jetzt?«, fragte er, als ob er wirklich nicht wüsste, was sie alle von ihm sehen wollten.
»Tausend Klingen!«, brüllten Norman und all die anderen. »Tausend Klingen!«
Ein Lächeln breitete sich auf Gunnars Lippen aus. Ein wunderschönes Lächeln. Normans Herz setzte einen Schlag aus. Und dann hob Gunnar die Hände, alle beide, und berührte die Finger der letzten beiden Katalysatoren gleichzeitig. Er reckte sie hoch über seinen Kopf.
Norman hielt die Luft an.
Gunnars Hände sausten herunter. Pfeilschnell. Aus seinen gestreckten Fingern schossen Eiskristalle. Unendlich viele, lang und spitz wie Dolche. Sie glitzerten im Sonnenlicht, als sie wie ein silbriger Fischschwarm über ihre Scheitel hinwegsausten. So schnell, dass man sie mit einem Blinzeln verpasst hätte.
Norman drehte sich zu langsam um, aber er hörte die Einschläge. Tausend Eisklingen bohrten sich in die hohe Holzwand am Ende des Platzes.
»Scheiße«, flüsterte er. »War die die ganze Zeit schon da?«
»Ja klar«, sagte Brenna. »Hast du die nicht gesehen, oder was?«
Norman schüttelte fassungslos den Kopf. Die Holzwand ging bis zum dritten Stock des Gebäudes dahinter. Jemand hatte drei Lavamonster darauf gemalt. Ihre gigantischen Krallen schienen auf das Publikum zu zeigen. Tausend Eissplitter steckten in ihren sich windenden Leibern.
»Hammer«, flüsterte Norman.
Um ihn herum brandete der Jubel auf, aber er schaffte es nicht, mitzumachen. Sein ganzer Körper war mit Gänsehaut bedeckt. Er konnte die Augen nicht von den verdampfenden Eisklingen lassen. Ein paar ragten aus den Augen der Monster, und als sie sich auflösten, sah es aus, als würden die Viecher weinen.
Das würde er sein. Das würde er bald können. Er spürte es in den kribbelnden Fingerspitzen. Wie es sich wohl anfühlte, wenn die Magie herausschoss? Wie fühlte man sich, wenn man knochenschmelzende Feuerstürme erschaffen konnte? Messerscharfe Eissäbel und tödliche Orkane? Er seufzte leise. Gut, vermutlich. Verdammt gut.
»Kommt noch was mit Erde?«, hörte er jemanden hinter sich flüstern. So ein Anfänger. Der war bestimmt noch nie bei einer Erweckungszeremonie gewesen. Dabei wusste doch jeder, dass Erdmagie innerhalb der Stadtmauern verboten war. Zu gefährlich. Feuer war aus Brandschutzgründen eigentlich auch untersagt. Wenn man nicht Gunnar Krafft hieß.
Mit weichen Knien sank Norman auf die Holzbank. Zufällig traf sein Blick den von Lauchi. Der war wohl auch aufgesprungen bei der Show. Seine Augen wirkten hinter den Brillengläsern gigantisch. Ohne es zu wollen, lächelte Norman ihm zu. Er war einfach zu verdammt glücklich.
Zögernd lächelte dieser adlige Hänfling zurück. Dann drehte er sich hastig um und plumpste in den Polstersessel. So tief, dass Norman ihn kaum noch sah. Die anderen Adligen quatschten untereinander und es wirkte fast, als würden sie Lauchi ignorieren. Armer Kerl, dachte Norman, bevor ihm einfiel, dass der Schwächling selbst daran schuld war, dass er ein Schwächling war. Er hätte ja auch stark sein können, so wie Norman.
»Ich wette drei Schilling, dass die Pfeife da hinten ein Katalysator ist«, flüsterte er Brenna zu und zeigte auf Lauchi. Die schüttelte den Kopf.
»Das ist doch klar. Ne, ne, wenn du willst, dass ich wette, mach’s schwerer.«
»Hm, okay.« Norman sah sich um. »Der da ist auch ein Katalysator.« Er deutete auf einen dunkelhaarigen, braungebrannten Kerl, der gebannt auf die Tribüne stierte.
Ups, es ging los.
3. Erweckungen
Ein Mann und eine Frau erschienen neben Gunnar Krafft und die Stimmung änderte sich. Wer jetzt noch stand, setzte sich. Der langweilige Teil würde hoffentlich schnell vorbei sein. Norman wollte endlich da rauf und seine Portion Magie bekommen!
»Danke, Gunnar«, sagte die Frau feierlich. Sie nickte Gunnar freundlich zu. Er verbeugte sich und präsentierte die beiden dann mit einer ausladenden Handbewegung. Er wirkte wie ein Marktschreier, der seine beste Ware anpreist.
»Darf ich um einen Applaus für Mary und Dante Johansson bitten? Die Direktorin und der Direktor des Arkanen Instituts.«
Sie bekamen ihren Applaus. Die Leute klatschten laut, aber nicht so frenetisch wie bei Gunnars Feuer-, Wind- und Eis-Show. Beide Direktoren waren grauhaarig und hatten ernste, würdevolle Gesichter. Kein Wunder, dass die sich so ähnlich sahen. Sie waren Geschwister. Das wusste Norman von seinen Sammelkarten-Lithographien.
»Guten Tag«, sagte Mary Johansson und lächelte ein kaum wahrnehmbares Lächeln. »Ich darf Sie alle recht herzlich bei der hundertelften Erweckungszeremonie unseres Instituts begrüßen. Wie die meisten von Ihnen wissen, beginnen einmal im Jahr all die Magieanwärter, die das 18. Lebensjahr vollendet haben, ihr Studium am Arkanen Institut. Es ist eine Zeit voll neuer Erfahrungen …«
Ja, das versprach, langweilig zu werden. Norman lehnte sich zurück. Den ganzen Schmu hatte er schon mindestens zehnmal gehört. Irgendwas mit Verantwortung, Keuschheit und neuer Abschnitt im Erwachsenenleben und dann erklärten sie noch, was Motoren und was Katalysatoren waren, als wüsste nicht absolut jeder darüber Bescheid.
»Motoren sind die Größten und Katalysatoren ihre Gehilfen«, murmelte er nach einer Viertelstunde Gelaber. »Als ob wir keine Ahnung davon hätten.«
»Dein Kumpel schaut, als wäre das alles neu für ihn.« Tore deutete auf Lauchi, der sich so weit im Sitz vorbeugte, dass er mit der Nase fast den Rücken seines Vordermannes berührte. Seiner Vorderfrau. Oh, das war Lina Oligthal, eine von Gunnars Katalysatoren. Auch von ihr hatte Norman eine Lithografie-Sammelkarte.
»Vielleicht ist er nicht von hier«, sagte Norman. »Also, wie sieht’s aus? Drei Schilling für jeden, den ich richtig rate. Und drei für euch, wenn ich falsch liege.«
»In Ordnung.« Tore nickte.
»Schillinge heißen jetzt Spechte«, sagte Brenna, die alte Klugscheißerin. »Wir hatten ’ne Währungsreform, schon vergessen?«
»Ist doch alles gleich geblieben«, murrte Tore. »Nur die Münzen sehen anders aus.«
»Ich mag die Vögelchen«, sagte Norman. »Vor allem, wenn ich sie gewinne. Gut, sagt mir einen.«
»Was ist mit der da?«, fragte Brenna und deutete auf eine stupsnasige Blondine.
»Hm«, sagte Norman. »Sieht harmlos aus, aber … schaut mal auf ihre Oberarme. Die sind stark und außerdem hält sie das Kinn richtig hoch. Motor.«
»Was? Niemals.« Tore lachte laut. Wieder drehten sich Leute um, um sie böse anzustarren. Wieder starrte Norman zurück, bis alle so taten, als wäre nichts.
»Motor. Hundertprozentig.« Norman verschränkte die Arme. Bei diesen Wetten irrte er sich nie. Er war so gut im Raten, dass er die Erweckungszeremonien stets mit prall gefüllten Hosentaschen verließ.
Sie rieten weiter, bis der langweilige Teil endlich vorbei war. Der Direktor faltete die Hände vor der Brust und hob seine Stimme.
»Nun erwecken wir die Anwärter und sehen, in welche Richtung ihr magisches Talent geht«, sagte er. »Einige sind Motoren, andere Katalysatoren. Aber sie alle sind wichtig für unsere Stadt. Sie alle verteidigen in jedem Sommer und jedem Winter unser Recht, hier zu leben.«
Applaus. Grimmiger Applaus, falls so etwas möglich war. Jeder hier hatte das Elend kennengelernt, gehungert und Liebste verloren. Alles wegen der Biester aus Nord und Süd, die jedes Jahr an den Stadtmauern kratzten. Norman würde die Viecher vernichten! So gründlich, dass sie sich nie wieder nach Løbago trauen würden. Er ballte die Fäuste so fest, dass seine Knöchel knackten.
»Genug der langen Worte!«, verkündete der Kerl, eine halbe Stunde zu spät. »Lassen wir die Zeremonie beginnen!«
Es wurde totenstill. Die vordere Reihe in den Polstersesseln erhob sich. Zwei Dutzend ältere Katalysatoren, gekleidet in die ledernen Winteruniformen mit den geschnürten Armschienen, marschierten auf die Bühne. Obwohl sie nur Katalysatoren waren, sahen sie beeindruckend aus. Ernst, gleichförmig und ganz in schwarz, bis auf die lila Bänder. Lila war ihre Farbe, so wie goldgelb die Farbe der Motoren war.
Sie reihten sich hinter den Direktoren auf wie eine schwarze Wand.
»Endlich!«, quietschte Brenna. »Es geht los!«
Norman schluckte. Auf einmal war er ein ganz klein wenig nervös. Nur minimal. Vielleicht hätte er nochmal aufs Klo gehen sollen.
Eine Bedienstete brachte den Direktoren ein unscheinbares Blatt Papier. Sie entfalteten es und sahen darauf und … irgendwo in der Liste stand Normans Name!
»Gudrun Lovell!«, rief Dante Johansson. Zwei Reihen vor Norman, Brenna und Tore sprang ein Mädel auf. Sie hastete durch die Bänke und stolperte fast auf dem Weg zur Tribüne. Nun war Norman gleich doppelt gespannt. Er hatte drei Spechte darauf gewettet, dass sie ein Katalysator war.
Gudrun Lovell stellte sich vor die Direktoren und verbeugte sich hastig. Die beiden nickten ihr knapp zu. Dann erklang ein Trommelwirbel. Ein dicklicher Kerl hämmerte sich die Seele aus dem Leib. Der Geiger neben ihm legte auch los.
Der Erste in der Reihe der Katalysatoren hob die Hände in die Luft. Sie konnten es alle nicht sehen, aber er zapfte Magie aus der Atmosphäre. Norman fragte sich, wie Magie im puren Zustand aussah. Waberte die durch die Gegend wie ein sichtbar gewordener Furz? Oder war sie netzförmig, so wie die Linien an Gunnar Kraffts mächtigem Körper?
Es hieß jedenfalls, dass sie überall war. Genau wie Luft. Unsichtbar, aber … da halt. Und nur die Katalysatoren konnten sie sehen und in sich aufnehmen. Doch die wahre Magie geschah halt erst, wenn sie sie an die Motoren weitergaben. Die konnten wirklich etwas damit anfangen! Verdammte Eisklingen werfen konnten sie und …
Norman zuckte zusammen. Nicht träumen! Der Katalysator trat vor und streckte beide Hände aus, die Handflächen gen Himmel gerichtet. Gudrun zögerte sichtlich, dann legte sie ihre Fingerchen in die Hände des älteren Mannes.
Einen Moment lang passierte nichts. Dann schrie sie auf. Ein heller Ton, der über den ganzen Platz fegte. Licht flackerte auf, umhüllte ihren Körper wie ein lilafarbenes Leuchtfeuernetz und … verschwand.
»Katalysator!«, verkündete der Direktor und Norman war um drei Spechte reicher. Gudrun ging, sichtbar wackelig, zu der selig lächelnden Katalysatorin am linken Rand der Tribüne. Die war letztes Jahr schon da gewesen. Eine seltsame Alte, gehüllt in eine Unmenge hauchzarten lila Stoffs. Sie umarmte Gudrun und flüsterte ihr irgendetwas ins Ohr.
Norman nahm drei Kupfermünzen entgegen und grinste. Ein paar Erweckungen später grinste er noch breiter. Ja, seine Taschen wurden schwerer. Die Nervosität war fast weg und er musste auch nicht mehr pissen.
»Tore Grün!«, rief die Direktorin und Tore fuhr zusammen.
»Scheiße!«, murmelte der Rotschopf, als er sich aufrappelte.
»Viel Glück«, flüsterte Norman. »Du packst das. Wir sind die Motoren der Macht, vergiss das nicht.«
Tore schenkte ihm ein dankbares Lächeln, dann eilte er nach vorne und auf die Tribüne.
»Ooh …« Brennas Hand lag plötzlich in Normans. Sie zerquetschte seine Finger fast. »Er wird es schaffen, oder? Du hast doch gesehen, was er wird, nicht wahr?«
»Jupp.«
Norman lehnte sich zurück und sah zu, wie Tore die Hände in die einer winzigen Katalysatorin legte. Goldenes Licht flammte auf und schlängelte um Tores Körper. Der Schein strahlte bis in ihre Gesichter.
»Motor!«, verkündete Dante Johansson. Norman und Brenna sprangen auf und grölten.
»Motoren der Macht! Motoren der Macht!«, brüllten sie, so laut, dass selbst die Direktoren vorwurfsvoll schauten. Und wie! Deren Blicke waren so gewaltig, dass Norman und Brenna hüstelten und zurück in ihre Sitze sanken.
Tore reckte die Arme in die Luft. Er schien um einen halben Meter gewachsen zu sein, als er auf die rechte Seite der Tribüne stolzierte. Da, wo schon zwei andere Motoren warteten und ihn abklatschten.
Brenna war die Nächste.
»Motor!«
Sie schrie nicht, als das goldene Licht sie erfasste. Klar, sie war ja auch hart im Nehmen. Ob es wehtat? Diesmal beschränkte Norman sich auf ein durchdringendes Jubeln.
»Norman Skødling!«, rief die Direktorin und Normans Herzschlag sprengte fast seine Brust.
»Na endlich«, seufzte er, so leise, dass niemand es hören konnte. Zwei Jahre Vorbereitung, zwei Jahre hartes körperliches Training und Enthaltsamkeit. Alles für diesen Moment.
Er erhob sich gelassen und marschierte aufrecht durch die Reihen. Er wollte es genießen, zum Hades! Mit beiden Nasenlöchern sog er den Geruch dieses Tages ein. Würstchen, Fett und Schweiß, immer noch. Egal. Er hörte das Murmeln des Publikums hinter sich und seine Nackenhärchen stellten sich auf. Es war so weit.
Die Holzstufen knarrten unter seinen alten Stiefeln. Die Tribüne wackelte ein wenig, als er auf die Direktoren zuging. Von Nahem waren sie beeindruckender als von Weitem. Streng und großgewachsen. So dicht bei ihnen sah er, dass ein feines Faltennetz beider Gesichter überzog und er roch, dass der Direktor Fischbrot mit Mayonnaise gefrühstückt hatte.
Norman verbeugte sich knapp. Nun, da er hier oben war, kapierte er erst, dass alle ihn ansahen. Zweitausend Leute starrten ihm auf den Hintern, als er das Haupt neigte. Seltsames Gefühl. Seine Handflächen waren mit einem Mal schwitzig-klamm.
Die Direktorin deutete auf einen bleichen Katalysator, der vortrat. Seine Lederuniform knarzte mit jedem Schritt leise und Norman musste sich davon abhalten, nervös zu kichern. Sie standen nun seitlich zum Publikum und er zwang sich, nicht hineinzuschauen. Zu sehen, ob seine Mutter vielleicht gekommen war.
Der Katalysator nickte ihm zu.
»Keine Angst«, flüsterte der Kerl, fast ohne die Lippen zu bewegen. »Es fühlt sich seltsam an, aber es tut nicht weh.«
»Ich hab keine Angst«, sagte Norman.
Natürlich nicht. Ein leiser Windhauch streifte seinen feuchten Nacken. Er holte tief Luft. Der Katalysator streckte die Hände aus und drehte die Handflächen nach oben. Norman sah Hornhaut, blaue Adern und ein paar Sommersprossen. Diese beiden Hände füllten sein ganzes Blickfeld aus. Sie waren sein Schicksal. Langsam ließ er die Luft über die Lippen fließen und legte die eigenen Finger auf sie.
Erst spürte er nur die angenehme Wärme, die von der fremden Haut ausging. Dann ein leichtes Prickeln. Es war wie das Gefühl, wenn man gähnte und sich reckte und … dann erwischte es ihn mit voller Wucht.
Etwas Kaltes schoss in seinen Körper und füllte ihn bis zum Platzen. Die Augen quollen hervor, er fühlte, wie alle Organe zur Seite gedrängt wurden, um der Kälte Platz zu machen und dann … Dann drang es durch seine Poren heraus und prickelte über die Haut.
Er keuchte leise. Am Hals war es besonders unangenehm. Verzweifelt fixierte er die blassgrünen Augen des Katalysators, um nicht zu schreien. Er biss die Lippen aufeinander. Nicht schreien. Auch, wenn etwas durch seinen Körper raste wie ein eisiger Termitenschwarm. Auch, wenn ihm der Schweiß ausbrach und er sich fühlte, als würde er bersten.
Norman glotzte in das bleiche Gesicht, bis er sicher war, dass er nicht kreischen würde. Dass er dieses Gefühl irgendwie aushalten konnte. Erst dann senkte er den Blick und sah an sich herab.
Ein grobmaschiges Magienetz umgab seinen Körper. Es wand sich in feinen Leuchtlinien um Brust und Arme und …
Die Linien waren lila. Nicht golden. So verdammt lila wie ein verdammtes Veilchen …
Nein, dachte Norman. Nein!
4. Enttäuschend
»Katalysator!«, rief der Direktor und Norman fühlte sich, als wäre er tausend Meter tief ins Eismeer gestürzt.
»Nein!«, rief er und entriss dem bleichen Katalysator seine Hände. Der schaute verblüfft, aber Norman hatte keine Zeit für seinen Scheiß. »Ich bin ein Motor!«, brüllte er den Direktor an. »Ein Motor, kapiert?!«
Dante Johansson riss die Augen auf und wich einen Schritt zurück. Doch Norman wirbelte schon zu dem verdammten Katalysator herum, der alles verbockt hatte.
»Was hast du gemacht?« Seine Stimme hallte über den ganzen Platz. »Du hässliches Arschloch, was hast du gemacht? Ich bin ein Motor!«
»Ich …« Hilfesuchend sah der Kerl sich um. Er war noch bleicher geworden. »Ich habe nicht …«
»Junge.« Die Direktorin schritt auf ihn zu. »Pascal hat nichts damit zu tun, ob du ein Motor oder Katalysator bist. Das ist vorherbestimmt.«
»Einen Scheiß ist es!« Norman ballte die Fäuste. Er hörte ein leises Lachen und fuhr herum.
Ausgerechnet Gunnar Krafft saß da unten auf einem der Polstersessel und grinste amüsiert. Die wunderbar weißen Zähne blitzten.
»Mach sofort einen Motor aus mir!«, brüllte Norman den Blässling an.
Etwas erwischte ihn und holte ihn von den Beinen. Ein Windstoß. Eine gezielte Böe folgte. Er rollte über die Bretter und stieß sich beide Schultern am Holz. Heller Schmerz fuhr durch seinen Hinterkopf. Durch die Funken, die vor seinen Augen tanzten, sah er den Direktor, der die Hände erhoben hatte.
Oh nein. Dante Johansson machte eine scharfe Geste nach links und Norman wurde hochgerissen und zu Boden geschleudert. Es tat weh. Scheißweh. Einen Augenblick lang glaubte er, seinen Rücken brechen zu hören. Aber das war nur das Knacken der Bretter unter ihm.
»Hör auf, dich lächerlich zu machen und geh in deine Ecke!«, zischte jemand in sein Ohr. Die Direktorin. Norman stieß sich vom Boden ab und funkelte sie wütend an. Die Alte würde er …
Gelächter erklang. Dröhnendes Gelächter. Die Bretter unter seinen Füßen bebten, so laut donnerte es heran. Jetzt war es nicht nur Gunnar (Gunnar!), der wieherte. Norman drehte sich um und sah in zweitausend hämische Gesichter. Alle schauten ihn an. Finger zeigten auf ihn, den Trottel, der geglaubt hatte, ein Motor zu werden.
Norman schwankte. Die Realität brach über ihm zusammen wie tausend Tonnen Ziegel.
Katalysator.
Ein Wimmern drängte seine Kehle hoch und er musste sich auf die Unterlippe beißen, um es unten zu halten. Fast hätte er geschluchzt. Er! Einmal hatten drei Kerle ihn hinter Briggis Bar zusammengetreten und er hatte keinen Ton von sich gegeben.
Alle starrten ihn an. Der ganze Platz. Viertausend glotzende Augen. Das Lachen wurde immer lauter, eigentlich wieherten alle, bis auf die Direktoren, die wütend schauten, na, reserviert-wütend und Lauchi, der ihn stumm ansah und Brenna und Tore, in deren Gesichtern er dasselbe Entsetzen las, das er fühlte. Das blöde lila Leuchten um ihn war verblasst, aber er spürte es noch. Ekelhaft und unwirklich.
Katalysator.
Scheiße. Er würde echt heulen, wenn er nicht aufpasste.
»In deine Ecke«, sagte die Direktorin, äußerst gefasst. Ihr faltiges Gesicht ragte über ihm auf. Wind zerrte an ihrem langen, grauen Haar. »Sofort.«
Norman machte einen Schritt vorwärts und stolperte. Er konnte sich gerade noch fangen. Wie ein geprügelter Hund humpelte er zu der Versagertruppe der Katalysatoren am falschen Ende der Tribüne. Drei Luschen und die komische Alte warteten auf ihn. Die Alte versuchte, ihn zu umarmen, als er bei ihr ankam. Er knurrte sie an, als wäre er ein Wolf.
»Lassen Sie mich in Ruhe«, zischte er.
Sie lächelte selig. Fältchen erschienen um ihre Augen. Die war wirklich uralt. Bestimmt Mitte dreißig und rosig-rund wie ein Pfirsich.
»Was gibt’s da zu grinsen?«, fragte er. Mit halbem Ohr hörte er, dass das Gelächter verklang. Dass die Zeremonie weiterging. Irgendjemand anders wurde aufgerufen. Die Alte griente, als wäre sie sturzbetrunken.
»Es ist immer einer dabei, der sich gegen die Bestimmung wehrt«, flötete sie. »Ein bockiges Schäfchen. Hab keine Angst, Schäfchen. Ich bin eine gute Hirtin und ich werde dir den Weg weisen.«
Norman sah sie ungläubig an.
»Sind Sie besoffen?«, fragte er. Die Alte lachte glockenhell.
»Nur glückstrunken bin ich. Es ist stets ein besonderer Tag, wenn die Herde sich vergrößert.«
»Ich bin kein Schaf«, murrte er. »Ich bin ein Wolf. Der Wolf von Wørringen.«
Aber er kriegte es nicht hin, sich ernsthaft zu streiten. Alles war hin. Alles. Die Träume von den Motoren der Macht. Der Plan, irgendwann Seite an Seite mit Gunnar Krafft zu kämpfen.
Gunnar hatte ihn ausgelacht. Der … Arsch. Nein, nicht einmal jetzt schaffte Norman es, ihm böse zu sein.
Die Demütigung lag in seinem Magen wie ein Haufen Wackersteine. Mit hängenden Schultern stellte er sich zu den Katalysatoren. Er musste wie eine breite Eiche zwischen jungen Birken aussehen. Er passte nicht hierher. Natürlich nicht. Er hätte da drüben stehen müssen, auf der anderen Seite, mit Tore und Brenna. Hä? Wichen die seinem Blick aus? Norman versuchte, Brennas Aufmerksamkeit zu erhaschen, aber die sah starr zu Boden. Was? Aber …
»Heimfried von Mømpelgard!«, rief die Direktorin und Lauchi wurde blass. Er saß da unten, stockstarr im Polstersessel, und krallte sich mit den Fingern in der Lehne fest. Ups. Sah aus, als würde er gleich nochmal spucken.
Stille. Leises Flüstern aus dem Publikum.
»Heimfried von Mømpelgard!«, wiederholte die Direktorin, lauter.
Eine steile Falte erschien zwischen ihren Augenbrauen. Lauchi rührte sich nicht. Wieder erklang verhaltenes Gelächter aus der Menge. Als Norman sah, wie der blonde Hänfling versuchte, im Polster des Sessels zu verschwinden, fühlte er etwas, das er lange nicht gefühlt hatte: Mitleid. Ausgelacht zu werden war gar kein schönes Gefühl. Er schluckte.
»Heimfried von Mømpelgard!« Nun war die Direktorin gereizt. Eindeutig. »Sind Sie anwesend? Dann begeben Sie sich bitte auf die Tribüne!«
»M-muss ich?«, ertönte Lauchis zartes Stimmchen.
Wildes Gelächter brach los. Alter, was war los mit dem Kerl? Der war achtzehn und benahm sich wie ein Vierjähriger!
Die eigene Erbärmlichkeit schien selbst Lauchi zu peinlich zu sein, denn er erhob sich, zitternd wie ein Halm im Sturm. Unendlich langsam stakste er die Treppenstufen hinauf und wurde mit jedem Schritt blasser. Als er vor dem Direktorenpaar stand, war er kalkweiß.
Norman wurde klar, dass sie zusammen in einer Klasse sein würden. Der … Katalysatorenklasse. Er war nichts Besseres als dieser bebende Hänfling, der aussah, als würde er sich in Kürze einnässen. Nein, sie waren sogar genau gleich. Katalysatoren. Norman konnte ihn nur anstarren. Das konnte nicht wahr sein.
Lauchi legte die Hände in die einer alten Katalysatorin und Norman war sicher, dass nur das ihn davon abhielt, umzukippen. Gleich würde der Magieschub kommen und wie sollte ein Schwächling wie Lauchi sowas aushalten?
Norman schloss die Augen. Er konnte nicht anders. Er wusste, dass Mitleid niemandem etwas nutzte, am wenigsten dem Bemitleideten selbst. Aber das konnte er einfach nicht mit ansehen.
Kleine Fünkchen erschienen, so fest kniff er die Lider zusammen.
Er hörte ein Raunen. Erstauntes Flüstern in der Menge. Bestimmt hatte Lauchi sich eingepisst. Der Arme … Nein, kein Mitleid!
»Motor!«, rief die Direktorin und Norman riss die Augen auf. Gerade rechtzeitig, um Heimfried zu Boden sinken zu sehen. Ohnmächtig. Umgeben von einem feinen, goldgelben Netz, das langsam verblasste.
5. Zwei Abweichungen
Lauchi war ein Motor. Und Norman nicht. Wie konnte das sein? Fassungslos starrte Norman auf den Schwächling. Das Netz verschwand und der Kleine stöhnte. Die Katalysatorin half ihm auf die Beine und geleitete ihn zu den anderen Motoren, die ihn anglotzten, als hätte sich ein Stück Weichkäse in ihre Reihen verirrt. Ungefähr so nützlich wie Käse würde Lauchi auch in einer Kampfsituation sein. Was zum Hades?
Oft erkannte man schon vor der Erweckung, wer Motor und wer Katalysator sein würde. Gebaut wie ein Ochse und mutig wie ein Held? Motor. Gebaut wie ein Rehkitz und vorsichtig wie ein Mäuschen? Katalysator. Das war die natürliche Ordnung der Dinge.
Klar gab es Leute, bei denen man nicht genau sagen konnte, wo sie landen würden. Leute, die irgendwo dazwischen waren. Dünn, aber stark. Breit, aber sanft. Oder klein, aber angriffsbereit wie ein tollwütiges Wiesel. Norman hatte eine ungewöhnliche Begabung, trotzdem zu erkennen, wo sie hingehörten. Das bewies der Münzenberg in seiner Hosentasche.
Nur …
Nur hätte er das Haus seiner Mutter darauf verwettet, dass Lauchi ein Katalysator war. Das Haus seiner Mutter und all ihre Mädchen und den geheimen Weinvorrat im Keller dazu. Er konnte gar nichts anderes sein. Schmächtig, ängstlich und schwach. Selbst für einen Katalysator wäre Lauchi ein erbärmliches Exemplar gewesen.
Warum war der ein Motor? Und Norman nicht?
Ein Kloß steckte in seiner Kehle fest und er wusste nicht, ob er kotzen oder heulen wollte vor Wut. Das war nicht fair! Das war nicht … nicht richtig. Er hatte sein Leben lang davon geträumt und nun bekam Lauchi das, was ihm zustand? Und schaute noch, als würde er gleich losflennen, obwohl ihm das Beste passiert war, was einem überhaupt passieren konnte?
Norman nahm den Rest der Zeremonie wahr, als würde er sie von weit, weit weg beobachten. Die langweilige Abschlussrede. Die Abschlussshow mit zehn Motoren und zehn Katalysatoren, koordiniert wie ein Ballett und doch nichts gegen die Show von Gunnar.
Gunnar. Er traute sich kaum, ihn anzusehen. Irgendwann riskierte er einen Blick, ganz schnell, aus dem Augenwinkel. Der Magier der tausend Klingen lungerte in einem Polstersessel herum und betrachtete das Spektakel. Immerhin lachte er nicht mehr über Norman.
Als Norman an Gunnars Gelächter dachte, stürzte sein Magen wieder ab. Mist. Er würde … Er würde nie neben Gunnar auf der Stadtmauer stehen und Løbago vor Eismonstern retten. Stattdessen würde er irgendwo in der hinteren Reihe rumhängen und Magie aus der Luft abzapfen. Er würde ein Kata... Nein, der Gedanke war so furchtbar, dass er ihn nicht zu Ende denken konnte.
Irgendwann durften sie endlich die Bühne verlassen und Norman war von den amüsierten Blicken aus dem Publikum erlöst. Die hatten an ihm geklebt wie Hundescheiße an einer Schuhsohle. Warum auch immer. Vermutlich hatten sie darauf gewartet, dass er noch eine Szene machte und noch einmal mit Windböen vermöppt wurde.
Er und die anderen Frischlinge betraten die gewölbte Eingangshalle des Arkanen Instituts. Über ihren Köpfen vereinigten sich Goldstreben zu einer riesigen Kuppel, durch die das warme Licht der Nachmittagssonne drang. Da oben waren die größten magischen Kämpfe des letzten Jahrhunderts in buntem Glas dargestellt. Norman sah farbige Lichtflecken auf dem Marmorboden. Er wollte nicht hochschauen. Er würde nie da oben hängen, also was sollte es bringen?
Nach der edlen Halle ging es in einen breiten Flur. Dann eine mit flauschigem Teppich ausgelegte Treppe hinauf. Sie watschelten der komischen Alten weiter hinterher, als wäre sie ihre Entenmutter. Die Flure wurden enger, die Decken niedriger und die Treppen knarrender. Als sie schließlich bei den Schlafsälen unter dem Dach ankamen, war der Flur so schäbig wie der in Normans altem Haus in Wørringen. Super. Blätternde, blassgrüne Tapeten, splittrige Bodendielen und dazwischen Luft, die nach Moder und süßlich-faulem Holz roch.
Die Alte teilte sie auf die Zimmer auf, scheinbar nach Gefühl. Sie hatte keinen Zimmerplan oder so in den Händen. Als ihr Blick auf Norman fiel, ging ein fröhliches Lächeln über ihr rundes Gesicht.
»Mein bockiges Schäfchen!«, rief sie und Norman hörte Kichern hinter sich. »Du bekommst ein ganz besonderes Zimmer. Hinten rechts, die Nummer 926. Da wirst du dich richtig wohlfühlen.«
Norman nickte matt und schlurfte vorwärts. Jemand machte »Määäh« und er hörte mehr Kichern. Klang, als wäre Brenna dabei.
Zimmer Nummer 926 war ein winziger Verschlag mit einem Mini-Fenster, einem schrägen Dach und zwei klapprigen Betten, die den Raum beinahe ausfüllten. Zwischen ihnen war gerade so viel Platz, dass er sich umdrehen konnte. Er schloss die Tür und sein eigenes Gesicht gaffte ihm entgegen. Oh. Toll. Ein Spiegel.
Norman betrachtete sich lange. Runde Schultern, kräftige Arme und ein Gesicht, das fast so breit wie hoch war. Niemand hätte es hübsch genannt, nicht einmal seine Mutter. Doch es war eindeutig ein Motorengesicht. Was an ihm sagte »Katalysator«? Nichts, absolut nichts …
Er wurde aus seinen Gedanken gerissen, als die Tür aufging. Seine traurige Visage wurde durch eine noch elendere ersetzt. Lauchi blinzelte erstaunt, als er Norman erblickte.
»Oh, hallo«, murmelte er. Offenbar versuchte der Schwächling, zu lächeln, war aber selbst dafür zu schwach. Norman hätte ihm eine reinhauen können.
»Was willst du?«, murrte er.
»Wir wohnen zusammen«, sagte Lauchi und blieb unschlüssig stehen. »Darf ich hereinkommen?«
»Nein.«
»Oh.« Lauchi schluckte. Und Norman seufzte.
»Mann, natürlich darfst du reinkommen«, knurrte er. »Du wohnst hier, oder nicht?«
»Ja … ja schon.«
»Dann komm rein. Und mach die Tür zu.«
Norman warf sich auf sein Bett. Er vergrub das Gesicht im Kissen und versuchte, alles zu vergessen. Klappte nicht. Also brüllte er in das Kissen. Der Laut, der herauskam, war lächerlich dumpf. Trotzdem hörte er Lauchi quieken.
»G-geht es dir gut?«, fragte der Schwächling.
»Seh ich so aus?« Norman stierte ihn wütend an. Lauchi schreckte zurück und plumpste auf die schmale Matratze. »Ich bin ein Scheiß-Katalysator und alle haben mich ausgelacht. Warum soll’s mir gutgehen?«
»Ich weiß nicht. Nein, das klingt nicht schön.« Lauchi sah zu Boden. Tränen glitzerten in seinen Augen. »Mich haben sie auch ausgelacht.«
»Ich hab’s gehört«, sagte Norman. Er ballte die Fäuste. Sein Kiefer schmerzte, so fest biss er die Zahnreihen aufeinander. »Wie hast du es geschafft? Hast du irgendwen bestochen?«
»Bestochen?«, murmelte Lauchi. »Ich? Ich weiß gar nicht, wie das geht.«
»Ist nicht weiter schwer«, zischte Norman. »Also wie zum Henker bist du ein verfickter Motor geworden?«
Lauchi keuchte schockiert. Seine weichen Locken wippten und die Augen wurden rund vor Schreck.
»Ich … ich weiß auch nicht«, jammerte er. »Ich verstehe das nicht. Echt. Ich bin auf die Tribüne gegangen und dann habe ich … Ich weiß nicht. Plötzlich war da dieses Netz und … ich weiß nicht«, schloss er kläglich.
»Du wirst ein grottiger Motor«, sagte Norman und verschränkte die Arme. Er starrte an die Wand. »Der Schlechteste.«
»Ja«, murmelte Lauchi. Er schniefte leise. Norman wandte sich um und sah, wie eine Träne an der schmalen Nase entlanglief.
»Alter, reiß dich zusammen«, sagte Norman. »Wie alt bist du?«
»Achtzehn«, wimmerte Lauchi.
»Dann benimm dich auch so«, sagte Norman.
Lauchi biss die Lippen aufeinander, bis sie weiß waren. Seine dichten Wimpern glitzerten nass.
»Aber ich habe Angst«, flüsterte Lauchi. »Wir werden … Wir werden kämpfen müssen, wenn wir fertig sind, oder? Zehn Jahre lang werden wir … kämpfen müssen. Wir könnten sterben. 37 Prozent aller Motoren und 31 Prozent aller Katalysatoren sterben auf der Stadtmauer.«
Norman seufzte. Ja, an Lauchis Stelle hätte er auch geheult. Der würde wahrscheinlich schon vom Anblick eines Lavamonsters krepieren.
»Wir werden ja ausgebildet«, sagte er und versuchte, beruhigend zu klingen. »Wir trainieren drei Jahre lang und dann geht’s erst los. Wer weiß, vielleicht bist du in drei Jahren gar kein Spargel mehr.«
Lauchi nickte kraftlos.
»Vielleicht«, krächzte er. Norman musterte seine Ärmchen und die schwache Brust.
»Sag mal, Lauchi.« Er kratzte sich am Kopf. »Warum bist du eigentlich so schmächtig? Du trainierst doch auch seit zwei Jahren, oder? Warst du nicht in den Vorbereitungskursen?«
»Ja, schon. Irgendwie.«
»Irgendwie? Hattet ihr keine Hindernisläufe?«
Lauchi schüttelte den Schädel, dass sein Zöpfchen flog.
»Meine Mutter war dagegen. Herr Dahle wollte, dass ich mehr Sport mache, aber sie hat es verboten. Sie meinte, ich wäre zu schwach und dass draußen meine Allergien schlimmer werden. Überhaupt war draußen nicht so gut, wegen … wegen meines Vaters. Den …«
»Moment, halt mal an.« Norman richtete sich auf. »Was hat deine Mutter damit zu tun? Warst du nicht im Internat zur Vorbereitung? Habt ihr sowas nicht in … Wo kommst du nochmal her?«
»Dem Nördlichen Flussland«, sagte Lauchi. »Noch hinter Døngard, am Fuß der Berge. Meine Familie lebt seit über zweihundert Jahren dort.«
»Und deine Mutter durfte in deine Ausbildung reinreden?«
»Na ja, das durfte sie vielleicht nicht.« Lauchi sah zu Boden. »Tut sie aber. Sie macht sich so viele Sorgen um mich. Ich bin nicht … Ich bin ihr jüngster Sohn. Eigentlich sollte ich bei ihr bleiben und ihr Gesellschaft leisten, bis sie alt ist.«
»Bis sie tot ist, meinst du.«
»Ja, das auch.« Lauchi schluckte. »Ich habe nicht … Ich bin nicht wie meine Geschwister. Die sind alle so stark und tatendurstig. Nur ich bin viel zu schwach. Keiner hätte gedacht, dass sie ausgerechnet bei mir magisches Potenzial feststellen. Keiner.«
»Ne, sonst hätten sie dich ja besser vorbereitet. Wie war dein Internat denn so? Läuft das bei euch anders? Mit wem warst du da?«
»Mit niemandem. Meine Mutter hat den Bezirk irgendwie überredet, dass ich daheimbleiben darf und einen Ausbilder bekomme. Herrn Dahle.«
»Ah.« Norman hatte noch nie von diesem Herrn Dahle gehört. Konnte nicht allzu toll sein, wenn er sich Lauchi so ansah. »Und bei dem gab’s keine Hindernisläufe? Was ist mit Krafttraining? Und Bewegungsabläufen?«
»Ein bisschen. Vor allem haben wir die Theorie gelernt. Das durfte ich.«
»Das hat deine Mami erlaubt, ja?« Norman schüttelte ungläubig den Kopf. »Nicht nur adlig, sondern auch noch aus dem Nördlichen Flussland. Toll. Da kommen die größten Weicheier her, und weißt du, warum? Weil da fast nie Monster angreifen.«
Etwas Seltsames geschah mit Lauchi. Er straffte sich. Da war keine Wut in seinen Zügen, doch zumindest … milde Verärgerung.
»Mein Vater wurde von einem Eismonster gefressen«, sagte er und sah Norman direkt in die Augen. Der wusste nicht, was er sagen sollte.
»Ach so«, stammelte er schließlich. »Wie?«
»Er hat unsere Ländereien verteidigt, mit den Magiern zusammen. Meine älteste Schwester war auch dabei. Sie sagt, sie hätte nichts gesehen, aber … danach hat sie sich eine Woche lang in ihrem Zimmer eingeschlossen.« Seine Stimme klang rau und krächzig.
»Oh.« Norman rieb seinen Nacken. »Das war hart für dich, was?«
»Ich habe ihn gar nicht richtig kennengelernt«, murmelte Lauchi. »Das hätte ich gern. Alle sprechen sehr gut von ihm, aber ich war erst zwei Jahre alt, als es geschehen ist. Ich kann mich nicht an ihn erinnern.«
Norman, der seinen Vater ebenfalls nie kennengelernt hatte, wollte gerade etwas sagen, als die Tür aufgerissen wurde. Ein Moppel in grün schillernder Seidenmontur und mit glänzenden Locken marschierte herein. Er hielt inne, als er sah, dass im Raum kein Platz für ihn war.
»Junger Herr!«, polterte er und Lauchi schaute plötzlich richtig glücklich. »Dieses Loch ist nicht Ihr Gemach, hoffe ich?«
»Doch, ist es, Nørdington.« Lauchi sprang auf und nahm dem Kerl die große Kiste ab, die er in den Händen hielt. »Sind das meine Habseligkeiten? Vielen Dank, dass Sie sie herbringen.«
»Nun, ich hätte sie früher gebracht, aber die Institutsmitarbeiter haben es erst jetzt erlaubt.« Nørdington schaute, als hätte man ihm zwei saure Gurken in die Nasenlöcher gesteckt. »Für ihren Zimmergenossen steht ebenfalls etwas auf dem Flur.«
Er sah Norman von oben herab an. Der setzte seine beste Türsteher-Miene auf und gewann das Blickduell. Dann sprang er auf und drängte sich an dem Diener vorbei.
All seine Besitztümer lagen in der großen Obstkiste im Flur. Die Zivilklamotten, für die er schon fast zu breit war, eine Zahnbürste, Schuhcreme, drei zusammengerollte Poster und ein Stapel Groschenromane. Er klemmte die Kiste unter einen Arm und zwängte sich wieder in das Zimmer hinein. Es war eindeutig zu winzig für drei Personen. Selbst wenn einer davon so schmächtig wie Lauchi war.
»Wo werden Sie wohnen, Nørdington?«, fragte der gerade. »Haben Sie bereits ein Zimmer gefunden?«
Nørdington zögerte.
Schlechte Nachrichten im Anflug, dachte Norman und hatte, wie immer, recht.
»Ich werde leider nicht in Løbago bleiben können, junger Herr«, sagte der Diener. Er klang, als wollte er einen Säugling beruhigen. Tief und sanft. Lauchis Kinnlade klappte herunter.
»Aber ich dachte … Warum? Meine Mutter hat ausdrücklich darum gebeten, dass Sie in meinen Diensten verbleiben.«
Nørdington schüttelte den Kopf.
»Ich fürchte, der Einfluss Ihrer Mutter endet an der Stadtmauer. Hier herrscht das Militär. Beziehungsweise das Arkane Institut. Und das wünscht nicht, dass einer der Schüler bevorzugt behandelt wird.«
»Aber …« Lauchis Adamsapfel hüpfte. »Dann habe ich ja niemanden hier.«
Er wollte sich straffen und scheiterte. Nørdington betrachtete ihn sichtbar mitleidig.
»Ich werde immer für Sie da sein, junger Herr. Wenn etwas sein sollte, schreiben Sie einfach. Oder noch besser: Rufen Sie an. Machen Sie sich keine Sorgen wegen der Kosten, die trägt Ihre Mutter.«
»Danke, Nørdington.« Das war das kläglichste Lächeln, das Norman je gesehen hatte. »Ich … Ich wünsche Ihnen eine gute Heimfahrt.«
»Vielen Dank.« Der Moppel verzog das Gesicht. »Ich fürchte, sie wird weit beschwerlicher als die Reise hierher. Ich werde mich flussaufwärts schleppen lassen und das dauert Tage.«
»Die armen Pferde«, sagte Norman und schlug einen der Groschenromane auf. Nørdingtons Augen wurden schmal.
»Ich verabschiede mich, junger Herr. Viel Erfolg am Institut, und … Viel Erfolg.«
»Danke.« Lauchi schaute wie ein verlassener Welpe. »Ich tue mein Bestes.«
Das wird nicht reichen, dachte Norman, aber da er ein sehr höflicher Mensch war, schwieg er.
Nørdington machte eine Geste, die eindeutig »Mitkommen, Abschaum!« bedeutete. Hä? Widerwillig erhob Norman sich. Die Neugier ließ ihn dem Diener auf den Flur folgen. Nørdington schloss die Tür. Sie waren allein in dem düsteren Modergang.
»Was willst du?«, fragte Norman und verschränkte die Arme. In Nørdingtons Blick schwamm kaum verhohlener Ekel.
»Ich möchte, dass jemand auf den jungen Herrn aufpasst. Und da Sie sein Zimmergenosse sind …«
»Nö.« Norman schnalzte mit der Zunge. »Jeder ist für sich selbst verantwortlich. Das muss er lernen. Je früher, je besser.«
Nørdington schaute, als wollte er ihn ohrfeigen.
»Der junge Herr braucht ein wenig … Starthilfe«, knurrte er. »Er ist für diesen Rabaukenjob nicht so gemacht wie … andere.«
»Wie ich.« Rabauke war nun wirklich nicht das Schlimmste, was man ihm je an den Kopf geworfen hatte. Fast bekam er Mitleid mit dem Moppel. »Warum eigentlich? Warum ist er so ein Schwächling? Konnte seine reiche Mutti ihm keinen Boxtrainer kaufen?«
»Es war nie vorgesehen, dass der junge Herr die Mauern des Anwesens verlässt.«
»Was?« Norman hob eine Augenbraue. »Sollte er echt nur auf seine Mutti aufpassen?«
»Eine ehrenvolle Aufgabe für einen jüngsten Sohn.« Nørdington hob die Nasenspitze noch höher. »Ich erwarte nicht, dass ein Straßenflegel das versteht.«
»Ein Straßenflegel, hä? Zufällig sind wir hier alle gleich. Im Institut bin ich so viel wert wie dein junger Herr.« Norman grinste höhnisch. Nørdington grinste noch höhnischer.
»Fast so viel. Allgemein genießen Motoren das höhere Ansehen, nicht wahr?« Er lächelte süffisant. Normans Fäuste zuckten, aber die Schande wog so schwer, dass er dem Kerl keine reinhauen konnte. Sie machte ihn zu schwach.
»Nørdi«, zischte er. »Wenn du willst, dass ich auf den Kleinen aufpasse, machst du gerade einen groben Fehler.«
Der Diener zögerte, dann schaute er noch biestiger als zuvor. Die dünnen Fältchen um seinen Mund vertieften sich, während er eine prall gefüllte Brieftasche aus der Weste zog.
»Wie viel?«, fragte er. »Was ist der gängige Preis auf der Straße, wenn es einen nach Schutz verlangt?«
»Vergiss es.« Norman reckte das Kinn in die Höhe. »Mich kauft niemand. Ich hab das nicht nötig. Lieber arm als bestechlich. Du wirst das kaum glauben, Nørdi, aber ich hab auch meinen Stolz, und ich arbeite für keinen mehr. Nur für mich selbst.«
»Und für das Institut, nicht wahr?«, sagte Nørdington. Zögernd steckte er die lederne Brieftasche wieder ein. Er war offensichtlich verunsichert. »Soweit ich weiß, werden Sie alle für zehn Jahre verpflichtet.«
»Das mach ich gerne«, sagte Norman. »Ich wollte nie was anderes als ein Magier werden.«
»Ah.« Nørdington schniefte leise. »Na, Ihrem Auftritt heute Mittag zufolge lief es nicht ganz so, wie Sie es sich erträumt haben.« Er hob die Hände, als er Normans Gesichtsausdruck sah. »Schon gut. Ich gehe ja. Aber ich möchte keine Beschwerden vom jungen Herrn hören, ist das klar? Ich mag hier unerwünscht sein, doch die Familie von Mømpelgard kennt immer Wege, sich unliebsamer Zeitgenossen zu entledigen.«
Norman verstand die Worte nur halb, aber er kapierte, was eine Morddrohung war. Er schnaubte verächtlich.
»Keine Sorge, Nørdi, ich vergreif mich nicht an Schwächeren. Mach’s gut.«
Mit diesen Worten drehte er sich um und kehrte zurück in das Zimmer. Beinahe wäre er über Lauchi gestolpert, der gerade ein Poster aufhängte. Eine Karte des gesamten Flusslandes mit bunten Markierungen. Markierungen in den verbotenen Zonen.
»Was ist das da?«, fragte Norman. »Sieht fast aus wie eine Route durch das Eisgebirge.«
»D-das …« Lauchi schluckte. Oh, der war wohl noch nicht über den Abschied hinweg. »Das ist die Strecke, die Gottfrieda von Græwenitzschs Expedition durch das Eisgebirge genommen hat. Von hier sind sie gestartet.«
Ein zitternder Finger deutete auf Rørk, die Hafenstadt, die eine florierende Handelsbeziehung mit Løbago unterhielt. Sie waren sich in Größe und Reichtum fast ebenbürtig. Manchmal, wenn die Monsterangriffe nicht ganz so schlimm waren, führten sie sogar Krieg miteinander.
»Das kam mir gleich bekannt vor«, sagte Norman. Ein winziger Hauch guter Laune kehrte in ihn zurück. »Ich hab von der Expedition gelesen. Das ist aus meinem Lieblingsbuch.«
»Was?« Lauchi strahlte. Stand ihm gar nicht schlecht. »Ist dein Lieblingsbuch etwa auch »Die Tagebücher der Gottfrieda von Græwenitzsch 1791-1797«?«
»Hä? Nein.« Norman kramte in seiner Kiste. Er zog ein dünnes Buch mit buntem Cover hervor. »Es ist das hier. »Der Schrecken der Gletscher – Blut und Eis«. Das beste Buch überhaupt!«
»Der Schrecken der Gletscher?« Lauchis Gesichtsausdruck wechselte von erfreut zu entsetzt, als er den Text auf dem Umschlag las. »Gottfriedas grässliche Abenteuer?« Das ist ja Schund! Und faktisch falsch noch dazu! Frau von Græwenitzsch war über vierzig, als sie ihre Expedition unternahm. Warum ist sie auf dem Titelbild höchstens zwanzig? Und warum ist sie so … umfangreich?«
»Umfangreich?« Norman schaute auf das Titelbild, auf dem Gottfriedas Bluse gerade von einem Eismonster zerrissen wurde.
»Ihre … Oberweite«, erklärte Lauchi. »Das ist … Das ist ja skandalös. Wie kann man aus ihrem Erbe so einen Schundroman machen?«
»Das ist mein Lieblingsbuch«, knurrte Norman und Lauchi wich mit weit aufgerissenen Augen zurück.
Wütend warf Norman das Buch auf das einzelne Regalbrett über seinem Bett. Ihm war gar nicht aufgefallen, dass Gottfrieda so dicke Dinger hatte. Aber die Geschichte war saugeil. Dieser Schwächling hatte ja keine Ahnung!
Sie sprachen bis zum Abendessen nicht mehr miteinander.
6. Abendessen
Das Essen war so mies wie im Internat. Aber nicht so mies wie daheim bei Mutti während seiner Kindheit. Trotzdem konnte Norman sich nicht richtig über Dinkelgemüse und Ei freuen. Missmutig sah er zu, wie der Kantinenchef die Pampe auf seinen Teller klatschte. Er nahm ihn entgegen und schaute sich um.
Der Speisesaal war niedrig, breit und laut. Gelächter und Rufe hallten von den hohen Wänden wider. Ein Lärm wie in einer Kinderkrippe. Dabei waren die meisten Leute hier nicht nur erwachsen, sondern deutlich älter als zwanzig. Die Studenten waren nur ein kleiner Teil des Arkanen Instituts. Da waren noch die Beamten und die Generäle und die Hohen Magier und … Gunnar Krafft, der Größte, Schönste und Beste unter ihnen. Normans Atem stockte, als er ihn oben auf der Loge sitzen sah. Was Gunnar sich da in den Mund steckte, sah richtig lecker aus. Natürlich. Da oben hatten sie richtige Kellner und bekamen bestimmt jeden Tag Fleisch.
Leider gehörte Norman auf die andere Ebene. Die untere, auf die die hohen Tiere auf dem Podest hinuntersahen. Wenn sie sich denn dazu herabließen. Hier unten waberte der Geruch nach altem Fett und verkochtem Gemüse durch die feuchte Luft. Er zwängte sich zwischen ein paar Studenten vorbei, die an den nietenverzierten Metalltischen saßen und Futter in sich reinschaufelten. Die Holzdielen knarrten unter seinen Stiefeln.
Er war zu spät losgegangen, nachdem sie die Glocke geläutet hatten. Die Essensglocke. Fast wäre er einfach im Bett liegengeblieben. Er wollte nicht in den Saal. Nicht, nachdem er sich vor allen lächerlich gemacht hatte. Aber er hatte Hunger. Das motivierte ihn, wie immer … Ah, da waren sie.
Tore und Brenna saßen an einem Tisch mit anderen Magieschülern. Brenna warf Tore gerade ein Stück Möhre in den Ausschnitt seiner Anwärteruniform. Ihre kräftigen Zähne blitzten, als sie loslachte. Norman seufzte. Er wollte ihnen nicht mal in die Augen schauen. Die beiden hatten es geschafft und er … war ein verdammter Katalysator geworden. Falls sich das nicht doch noch als Versehen herausstellte. Vielleicht würde morgen bei Unterrichtsbeginn ja herauskommen, dass das ein blöder Irrtum gewesen war.
»Hey«, sagte er und zwang sich zu einem Lächeln. »Wie geht’s?«
Die beiden drehten sich zu ihm um. Norman stellte sein Tablett ab und setzte sich auf den leeren Platz neben Tore.
»Wie sind eure Zimmer?«, fragte Norman. »Meins ist ein Schuhkarton.«
Er steckte sich einen Löffel Gemüse in den Mund. Die beiden schwiegen. Hä? Er schaute sie an. Kurz hielten sie seinem Blick stand, dann sahen sie auf die Tischplatte. Und sie aßen nicht. Es wurde ruhig in der Runde.
»Mein Zimmer ist in Ordnung«, erzählte Brenna der Tischplatte. »Ich teil das mit einem Mädel aus Agøln. Äh.«
Tore räusperte sich.
»Das ist der Motorentisch, Norman«, murmelte er.
Was? Norman blickte in die anderen Gesichter. Die alle zurückstarrten. Richtig, das waren all die Typen und Mädels, die goldgelb geleuchtet hatten. Ganz hinten saß Lauchi und schaute trübselig.
»Was?«, fragte Norman. Ein banges Gefühl brachte seinen Magen zum Sinken. »Es gibt einen Motorentisch? Was ist das denn für ein Scheiß? Früher haben wir auch alle zusammengesessen.«
»Das war früher.« Brenna räusperte sich. »Jetzt sind wir Magieschüler. Tut mir leid.«
Immer noch sahen die beiden ihn nicht an. Die anderen Studenten dafür umso mehr.
»Ihr blöden Arschlöcher.« Norman starrte sie an. Dann stand er auf, dass sein Stuhl umfiel und zu Boden krachte. »Ihr arroganten, eingebildeten Drecksäcke! Heute Morgen habt ihr noch so getan, als wärt ihr meine Freunde!«
Sie antworteten nicht. Norman wollte mehr sagen. Doch ein Blick auf die Loge zeigte ihm, dass er erneut die Aufmerksamkeit der Direktoren auf sich gezogen hatte. Und die von Gunnar. Alle beobachteten ihn. Der Direktor hatte schon eine Hand erhoben, als wollte er Norman gleich wieder zu Boden schleudern.
Norman schluckte. Er hatte wirklich geglaubt, er sei am Tiefpunkt angelangt. Aber aufzustehen und sich einen neuen Platz zu suchen, war noch schlimmer. Er fühlte sich, als hätte er Blei geschluckt.
Sein Blick schweifte im Saal umher. Ah, da waren die Katalysatoren. Gudrun Lovell und die anderen. Die starrten ihn auch an. Dann senkten sie schnell den Blick. Da gehörte er also hin, ja?
Nein, dachte Norman.
Er setzte sich an den nächstbesten freien Platz und begann, grimmig die Mahlzeit in sich hineinzuschaufeln. Der Lärmpegel schwoll wieder an. Immer, wenn er aufsah, schaute irgendjemand hastig weg. Er blickte in hämisch verzogene Gesichter. Schon am ersten Abend war er das Gespött des Arkanen Instituts. Fantastisch.
Und das Essen war pampig.
Er schlang alles herunter und trottete zurück auf den Dachboden. Nachdem er sich im Bad frisch gemacht hatte, legte er sich ins Bett und zog sich die Decke über den Kopf.
Morgen geht’s los, dachte er. Ich hab mich so darauf gefreut und jetzt … würde ich am liebsten abhauen.
Vielleicht konnte er das. Alles hinschmeißen und untertauchen. Das würde als Desertieren gelten und ihm ein paar Jahre Knast einbringen, wenn man ihn erwischte. Falls man ihn erwischte. Aber er war einfach nicht der Typ, der aufgab. Steinschwer und trübsinnig schlief er ein. Die drei Gunnar-Krafft-Poster an der Wand starrten auf ihn nieder.
Nachts wachte er einmal auf und hörte leises Schluchzen. Lauchi. Zum Hades, was war der Kerl für ein Schwächling? Der würde keinen einzigen Eismonsterangriff überstehen, wenn er so weitermachte. Norman erinnerte sich zehnmal daran, dass Mitleid Lauchi auch nicht helfen würde, und döste wieder ein.
7. Fühlen
»Nun setzen wir uns alle in einen Kreis«, sagte die Alte, selig lächelnd. »Und dann lernen wir uns erst einmal kennen.«
Norman stöhnte vernehmlich. Die anderen siebzehn Studenten sahen ihn ängstlich an. Die hatten sich alle brav gesetzt, wie Kleinkinder. Er knurrte leise und ließ sich ebenfalls auf die Holzdielen plumpsen. So heftig, dass feiner Staub von der Decke in seinen Nacken rieselte. Die Alte lachte gütig. Er hasste sie. So sehr.
Sie faltete die Hände und senkte die Lider. Gute Entscheidung, es gab hier eh nicht viel zu sehen. Sie befanden sich im achten Stock, in einem leeren Raum, in dem nichts war. Absolut nichts. Boden, Fenster, Wände, Decke, Idioten. Das war alles. Norman verschränkte die Arme.
»Schließt die Augen«, säuselte die Alte. »Spürt ihr die Energie?«
Schweigen. Norman schloss die Augen und spürte, dass er zuviel gefrühstückt hatte.
»Ne«, sagte er. »Und meinen Sie nicht Magie?«
Verdammt, wenn die Alte noch einmal so überheblich lachte … Er seufzte.
»Mein bockiges Schäfchen, du hast natürlich recht. In der Atmosphäre befindet sich Magie. Hier ist nicht viel davon, aber das ist für unseren kleinen Kreis ganz richtig. Wir wollen euch nicht überladen.«
»Überladen?« Norman öffnete ein Auge. »Man kann sich mit Magie überladen?«
Schon wieder sahen ihn alle ungläubig an.
»Natürlich kann man das.« Gudrun Lovell schüttelte den Kopf, dass ihre dunklen Haare flogen. »Das ist sehr gefährlich. Hast du in den Vorbereitungskursen überhaupt nicht aufgepasst?«
»Ne.« Norman grunzte leise. »Zumindest nicht bei diesem Katalysatorenkrempel. Der ist langweilig.«
»Na, das rächt sich jetzt wohl«, säuselte Gudrun und lächelte. »Ich bin gespannt, wie du in diesem Kurs zurechtkommst.«
»Ich komme überall zurecht«, motzte Norman. Eine sanfte Hand legte sich auf seine Schulter. Das Mondgesicht der Alten schwebte über ihm. Lächelnd. Natürlich.
»Spürst du die Energie, mein Schäfchen?«
»Äh, nö.«
»Dann konzentriere dich.« Diese sanfte Hand war stärker, als er zunächst angenommen hatte.
Ach, egal. Er verschränkte seine Beine, so wie die anderen, und schloss wieder die Augen. Immer noch spürte er nichts, bis auf die vier Käsebrote in seinem Magen. Er hörte Dinge. Knarzende Holzdielen, knacksende Wände, leise Stimmen vom Flur her. Draußen ratterten Kutschen vorbei. Eine Serie von winzigen Explosionen kündigte ein Automobil an. Das Fenster ging wohl zur Straße hinaus. Er roch altes Holz und das muffige Lavendelparfüm der Alten.
»Und?« Mist, die sah ihn noch an. Mit zusammengekniffenen Lippen schüttelte er den Kopf.
»Dachte ich’s mir doch.« Gudrun kicherte höhnisch.
»Spürst du die Energie, Wieselchen?«, fragte die Alte sie und Norman prustete los. Gudrun sah echt ein wenig wie ein Wiesel aus, mit der spitzen Nase und den fast schwarzen Pupillen.
»Natürlich.« Gudrun lächelte und strich die langen Haare über die Schulter zurück. Die beiden Kerle neben ihr sahen sie gierig an. War Gudrun Lovell etwa hübsch? Norman war grausam schlecht darin, so etwas zu beurteilen.
»Wundervoll, mein Wieselchen.« Die Alte nickte. »Dann beschreibe sie uns.«
»Sie ist … spiralförmig«, flötete Gudrun. Ein Schweißtropfen rann ihre Schläfe hinab. »Wie spiralförmiger Nebel, der durch all die Räume zieht und außerdem … lila.«
Die Alte schüttelte den Kopf.
»Nicht ganz, mein Wieselchen.«
»Ha!«, rief Norman. »Das heißt, dass es falsch ist!« Er zeigte auf Gudrun. »Du bist genau so ein Versager wie ich.«
»Bin ich nicht!«, rief sie. Ihre Wangen liefen dunkelrot an. »Wenigstens habe ich nicht auf der Bühne rumgeheult wie ein Kleinkind.« Ihre Stimme wurde noch heller. »Ich will ein Motor werden! Buhuuuu!«
Norman wollte aufspringen, aber eine tonnenschwere Hand hielt ihn unten. Verdammt, diese Alte war stark. Seltsam.
»Wer sind Sie eigentlich?«, fragte Norman sie und hörte Gudrun entsetzt aufkeuchen. Die anderen sechzehn Studenten schauten peinlich berührt zu Boden.
»Was?«, fragte Norman. »Muss ich das wissen?«
»Selbstverständlich nicht.« Die Alte lachte glockenhell. »Schließlich lernen wir uns jetzt kennen, oder? Ich bin Eterna Sølmgard. Und du, Schäfchen?«
»Eterna …« Er gaffte sie an. »Sie sind das? Ich kenne Sie von meinen Lithografien. Sie … Sie sind die Unendliche Quelle. Äh. Sie haben aber zugenommen.«
Mehrere Leute sogen hörbar die Luft ein. Gudrun murmelte: »Unhöflich!« Die Alte lachte. Natürlich.
»Mein Schäfchen, nach drei Kindern ist keine Frau mehr dieselbe. Meine Wespentaille ist leider dahin.«
»Oh. Tschuldigung.« Norman räusperte sich.
Er musterte sie, als würde er sie zum ersten Mal sehen. Eterna Sølmgard. Irre. Die Katalysatorin, die zehn Motoren gleichzeitig mit Energie versorgen konnte! Sie hatte neben Gunnar auf der Stadtmauer gekämpft, an jenem Tag …
»Ich spüre Bewunderung.« Eterna grinste. »Heißt das, dass du mir ab jetzt zuhören und ruhig sein wirst, Schäfchen?«
»Äh, ja.« Norman zuckte mit den Achseln. »Hab eh nichts Besseres vor.«
Vielleicht würde sie von Gunnar erzählen.
Sie erzählte nicht von Gunnar.
Stattdessen versuchten sie, die Energie zu spüren. Was für eine Energie überhaupt? Es gab Magie und … war das dasselbe? Norman hatte keine Lust zu fragen. Vor allem hatte er keine Lust, nochmal ausgelacht zu werden. War eh egal. Nach einer Stunde hatte niemand irgendeine Energie gespürt und Eterna befahl ihnen, nach Magie zu suchen. War also doch verschieden, anscheinend. Leider fand niemand Magie.
Als er sich zum Mittagessen erhob, waren seine Beine eingeschlafen. Er sah an sich herunter und stöhnte leise. Der Trainingsanzug der Katalysatoren sah aus wie ein Bademantel. Ein weit geschnittener weißer Bademantel mit einem lila Gürtel. Darunter trugen sie eine weite, weiße Hose. Super.
Die schwarzen Uniformen der Katalysatoren waren wenigstens irgendwie cool. Hundertmal cooler als dieser idiotische Anzug. Kein Wunder, dass niemand hier Respekt vor ihnen hatte.
Auf dem Weg zum Speisesaal versuchte ein Zweitjahresmotor, Norman zur Seite zu schubsen.
»Aus dem Weg, Magiebeutel!«, rief er, prallte an Normans Masse ab und stolperte.
Norman gab ihm einen Arschtritt und marschierte in den Speisesaal. Es gab Pastinakensuppe und Brot.
»Du willst bestimmt nicht bei uns sitzen«, zwitscherte Gudrun Lovell, als er mit dem voll beladenen Tablett am Katalysatorentisch auftauchte. »Du willst ja keiner von uns sein.«
Stimmte schon, aber allein wollte er auch nicht sein. Doch das Einzige, was er noch weniger wollte, war, das zuzugeben. Also hob er das Kinn und schnaubte: »Verdammt richtig«, drehte ab und setzte sich alleine an einen Tisch. Mal wieder.
Hinter ihm erklang Tores Stimme. Der erzählte gerade einen Witz über zwei Besoffene aus Agøln, einen von ungefähr hundert, die er kannte. Norman hörte Gelächter hinter sich und seufzte. Sein einsamer Suppenteller war bereits halb leergegessen. Er spürte die Betriebsamkeit um sich herum und roch die vorbeiwabernden Essensdüfte. Neben ihm führten ein paar niedrige Beamte ein Gespräch. Sie beschwerten sich über das neue Ablagesystem. Was für Langweiler. Doch selbst sie hatten jemanden. Norman seufzte wieder. Er hatte sich komplett ins Abseits geschossen. Und nun? Saß er auf einer harten Bank, ganz alleine. Er war ein Katalysator und vermutlich ein grottiger. Einer wie er konnte gar kein guter Katalysator sein, oder?
»H-hallo.« Jemand stand vor ihm und hielt ein wackelndes Tablett in den Händen. Norman sah auf. Lauchi lächelte ihm zaghaft zu. »Kann ich mich zu dir setzen?«
»Klar.« Er beobachtete, wie Lauchi sich setzte und sich dabei dreimal das Knie stieß. »Willst du nicht bei den anderen Motoren sein?«
Lauchi schüttelte den Kopf. Irgendetwas war anders … Oh, richtig.
»Was ist mit deinem Zopf passiert?«, fragte er. Das Ding war nur noch halb so lang wie heute Morgen. Und viel dunkler.
»Oh, das.« Lauchi schaute trübselig in die Pastinakensuppe. »Das war ein Unfall. Glaub ich.«
»Glaubst du?«
»Wir haben heute versucht, Feuer zu erzeugen und … Na, Brenna hat es als Erste geschafft. Sie hat meinen Zopf erwischt. Das war bestimmt ein Versehen.«
Norman kannte Brenna zu gut, um das zu glauben. Er wandte sich zu ihr um und sah sie breit grinsend in der Mitte der Motoren sitzen. Da hätte er sein können … Ach, egal. Alles egal.
»Ihr lernt gleich in der ersten Stunde, wie man Feuer schießt?« Er seufzte. »Ihr habt so ein Glück. Ich hab den ganzen Morgen rumgesessen und irgendeinem Geschwafel zugehört. Und dann sollten wir Energie oder Magie oder so in der Luft sehen, aber das hat auch nicht geklappt. Als Nächstes lernen wir die richtige Atmung.«
»Das klingt doch schön«, sagte Lauchi. »Ungefährlich. Ich hab so eine Angst vor dem Feuer. Zum Glück schaffe ich das noch nicht.«
»Zum Glück?« Norman sah ihn ungläubig an. Na ja, Lauchi war halt Lauchi. »Willst du deshalb nicht bei den anderen sitzen? Sind die dir zu gefährlich?«
Lauchi musterte seine Suppe. Todtraurig. Der Junge sollte besser was essen, wenn der das Studium überstehen wollte.
»Nein, sie … sie ignorieren mich. Ich glaube, sie wollen mich nicht in ihrem Kurs haben. Wenn ich sie anspreche, antworten sie nie und …« Ein tiefer Seufzer kräuselte die Suppenoberfläche.
»Solche Arschlöcher«, sagte Norman. Na ja, er selbst wäre kaum netter gewesen, wenn … wenn er ein Motor geworden wäre. War er halt nicht. »Du musst mehr essen, Lauchi. Das gibt Kraft.«
Lauchi nickte matt. Dann löffelten sie schweigend ihre Suppe und mampften ihr Brot. Wie eine ruhige, kleine Insel im lauten Trubel des Speisesaals.
Lauchi wünschte ihm viel Erfolg, als sie aufstanden. Norman schnaubte unmotiviert. Dieser Katalysatorenkurs war so sinnlos. So sinnlos, dass er erstmal in der Latrine verschwand und sich richtig viel Zeit ließ.
Er hörte die zweite Glocke und dann die dritte. Er blieb sitzen. Nun würden sie sich alle in dem blöden Zimmer versammeln, im Kreis hocken und versuchen, etwas zu finden, das nicht da war. Obwohl, wenigstens die Magie musste ja irgendwo sein. Sonst könnte man sie doch nicht benutzen. Missmutig betrachtete er die Holztür vor seiner Nase.
Deine Mutter ist so fett, dass sie vom Stammbaum abgebrochen ist, las er. Es waren noch mehr lustige Witze eingekerbt worden. Die meisten über Mütter und Katalysatoren. Die Katalysatoren nannten sie »Magiebeutel« oder »Sauger«.
Sauger saugen nicht nur Magie, entlockte ihm kaum ein Lächeln. Dabei hatte er den früher total komisch gefunden.
Wie kann man einen Sauger stundenlang beschäftigen? Stell ihn vor den Spiegel und sag ihm, er soll Schnick Schnack Schnuck spielen.
Norman vergrub das Gesicht in den Händen.
Irgendwann wurde es ihm zu langweilig.
Der Flur war leer und still, als er den Abort verließ. Konnte er sich irgendwo verkriechen, bis es zum Abendessen läutete? Wie lange konnte er vor dem Kurs flüchten, bis sie ihn zurückschleppten? Würden sie ihn zurückschleppen oder gleich ins Gefängnis werfen?
Diese Frage beschäftigte ihn so sehr, dass er nicht aufpasste, als er um die Ecke bog. Plötzlich sah er sich fünf Leuten gegenüber, den langen Roben nach Hohe Magier. In ihrer Mitte ging Gunnar Krafft.
Norman starrte ihn an. Die Magier unterbrachen ihr Gespräch über die Finanzierung eines neuen Programms und starrten zurück.
»Warum bist du hier, Junge?«, fragte eine hagere Frau und deutete auf seinen Erstjahres-Trainingsbademantel. »Solltest du nicht in deinem Kurs sitzen?«
»Ja, ich … musste kurz raus«, stammelte Norman.
Gunnar stand vor ihm, so nah, dass er ihn fast anfassen konnte. Von nahem sah er noch heldenhafter aus. Gunnar blinzelte. Ein verwegenes Grinsen breitete sich auf seinen vollen Lippen aus.
»He, du bist doch der Kerl, der gestern bei der Prüfung so einen Aufstand gemacht hat.« Das Grinsen unter der Augenklappe wurde breiter. »Der Typ, der ein Motor werden wollte.«
Oh. Norman spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht schoss. Er nickte.
»Entschuldigung«, murmelte er.
»Dafür nicht«, sagte Gunnar. »Dein Auftritt war das Unterhaltsamste an der ganzen Veranstaltung.«
Die Magier setzten sich wieder in Bewegung und würdigten ihn keines Blickes mehr. Bis auf Gunnar, der ihm fröhlich zuzwinkerte. Ein Feuerpfeil bohrte sich durch Normans Herz. Verdammt! Seine Knie wurden zu Watte und sein Herzschlag zu einem wilden Pochen.
»Gunnar?«, fragte er leise. »Ich meine: Herr Krafft?«
Obwohl er fast flüsterte, hörte Gunnar Krafft ihn. Er blieb tatsächlich stehen, während die anderen weitergingen. Der Blick seiner stahlblauen Augen richtete sich auf Norman. Er sah noch besser aus als auf den Postern. Viel, viel besser. Ein wenig älter und noch männlicher.
»Was ist?«, fragte Gunnar. Er wirkte amüsiert. Norman ballte die Fäuste.
»Ich …« Er schluckte. »Ich wollte wirklich ein Motor werden. Ich wollte wie Sie sein. Damals, in Wørringen, da habe ich Sie gesehen und Sie haben uns alle gerettet und ich …« Mist, was für einen Scheiß verzapfte er hier? »Ich weiß nicht mehr, was ich tun soll«, endete er kläglich.
Gunnar verharrte. Die anderen waren schon um die Ecke gebogen und er musste bestimmt hinterher, aber er blieb stehen. Er rieb sich das stoppelige Kinn und musterte Norman in seinem dämlichen Bademantel.
»Junge«, sagte er. »Weißt du, was ich ohne meine Katalysatoren wäre?« Er schüttelte den Kopf. »Gar nichts. Verloren wäre ich gewesen, damals in Wørringen. Wenn sie mir keine Magie gegeben hätten, hätte ich die Monster nie besiegen können. Ohne Katalysatoren gibt es keine tausend Klingen. Klar, alle sind von Magie beeindruckt, wenn sie sie sehen können. Deshalb bewundern sie uns Motoren. Aber ein Katalysator ist genauso wichtig.«
»Ah.« Norman wusste nicht, was er sonst sagen sollte. »Dann … sollte ich versuchen, ein guter Katalysator zu werden?«
»Du hast es erfasst.« Gunnar legte die Hand auf Normans Schulter. »Wer weiß, vielleicht stehen wir ja irgendwann zusammen auf der Stadtmauer. Vielleicht gibst du mir dann die Magie, um ein Lavamonster einzufrieren.«
Ein freudiges Zittern rann durch Normans Körper und er betete, dass Gunnar das nicht merkte. Verzweifelt versuchte er, den Kloß herunterzuschlucken, der sich in seinem Hals gebildet hatte. Gunnar wollte mit ihm auf der Stadtmauer stehen.
»Ich … Danke. Echt. Also. Danke.« Er grinste blöd.
Gunnar nickte ihm zu, drehte sich um und verschwand hinter der Ecke. Norman blieb mit rasendem Puls zurück.
Er würde mit Gunnar die Stadtmauer verteidigen. Natürlich, so hatte er das noch nie gesehen! Gunnar brauchte einen Katalysator doch viel mehr als einen anderen Motor! Und Norman hatte nur daran gedacht, ihn zu beeindrucken! Er war viel zu egoistisch gewesen. All seine Träume von Feuerstürmen und Eisregen und so … wurden von einem neuen Traum ersetzt: Wie er Gunnar in letzter Sekunde zur Hilfe kam, als der, vollkommen magielos, drei Monstern gegenüberstand. Lavamonstern? Eismonstern? Egal! Im allerletzten Moment würde er aus dem Nichts kommen und Gunnars Hand berühren (eine Gänsehaut überzog seinen ganzen Körper, sobald er daran dachte) und ihm die Magie geben, die Gunnar brauchte, um die Monster zu zerfetzen!
Norman atmete schwer. Er ballte die Fäuste und lauschte dem Hämmern seines eigenen Herzens.
»Ich werde der größte Katalysator der Welt«, flüsterte er.
8. Ein neuer Weg
»Mein bockiges Schäfchen, deine Energie hat sich verändert«, sagte Eterna, als Norman in den Raum stürmte.
»Das hat sie!« Er strahlte.
»Gut, gut«, sagte sie freundlich.
Wegen seiner Verspätung ließ sie ihn nachsitzen. Eine Stunde lang musste er die Grundlagen der Katalysation nachlesen, während die anderen schon frei hatten. Egal, das hatte er eh tun wollen. Mit Feuereifer verschlang er das Buch, und als sie das Nachsitzen für beendet erklärte, weigerte er sich erst, es herzugeben.
»Du bekommst es wieder«, sagte sie und er ließ los. »Jetzt geh spielen, Schäfchen. Morgen geht es richtig los, da brauchst du alle Kraft.«
»Einen Scheiß werde ich.« Norman grinste. »Geben Sie mir was zu tun. Wie werde ich ein besserer Katalysator?«
»Ganz schön motiviert, hm?« Seltsamerweise wirkte sie nun ernster als zuvor. Ihre hellgrauen Augen musterten ihn lange. »Was hat dich zum Umdenken bewegt?«
»Nichts, ich …« Er spürte, dass er rot wurde. »Ich habe kapiert, wie wichtig Katalysatoren im Kampf sind.«
»Ach ja, das Kämpfen.« Sie seufzte. »Hauptsache, es gibt eine Klopperei, was, Schäfchen?«
»Ja klar.« Er sprang auf. »Kommen Sie. Was kann ich noch tun?«
»Genug zu Abend essen. Ab morgen wird es härter. Ein Drittel des Unterrichts ist Leibesertüchtigung, vergiss das nicht.«
»Na hoffentlich!« Er lachte. Sie öffnete die Tür und sie verließen gemeinsam den Raum.
»Bis morgen, Schäfchen.« Sie lächelte wieder. »Und falls du Fragen hast, wende dich an mich.«
»Ich habe eine Frage.«
Er war fast sicher, dass sie ein Seufzen unterdrückte.
»Ja?«
»Gibt es einen Unterschied zwischen Magie und Energie? Im Buch stand nichts von Energie. Gar nichts.«
»Oh, das.« Sie wichen zur Seite aus, weil ein paar Drittjahresschüler vorbeischlenderten. »Magie ist eine Form der Energie. Es gibt noch weitere Energien, die meist an Menschen gebunden sind. Ärger, Verbitterung, Angst, Lust … um nur einige zu nennen. Aber da Magie die Einzige ist, mit der wir Eismonster abschlachten können, ist sie die Einzige, die gelehrt wird. Für unsere Zwecke sind die anderen Energien leider nicht nützlich.«
»Ach so. Aber wir Katalysatoren können sie sehen?«
»Nein.«
Was? »Aber warum sollten wir versuchen, sie zu sehen?«
»Ich probiere das immer wieder.« Sie zuckte fröhlich mit den Achseln. »Eigentlich können nur Katalysatoren mit zehn Jahren Erfahrung ab und zu andere Energien wahrnehmen. Aber es macht Spaß, es zu probieren.«
»Gar nicht.« Er schaute sie böse an. »Was für eine Zeitverschwendung. Babykram. Die Motorenklasse wirft schon mit Feuerbällen rum.«
»Ui.«
Machte sie sich über ihn lustig? Falls hier irgendetwas witzig war, verstand er es nicht. Er verschränkte die Arme und musterte sie herausfordernd.
»Aber Sie können Energien lesen, ja? Bringt Ihnen das was?«
»Nur diesen blöden Spitznamen.« Sie schüttelte den Kopf. »Die unendliche Quelle. So eine Übertreibung.«
»Moment, können Sie so viel Magie aufnehmen, weil sie … Hat das irgendwas mit Energien zu tun?«
»Ja. Schon.« Sie schaute nachdenklich zur Decke. »Hat es, mein kluges Schäfchen. Aber wie gesagt, das ist Material für Fortgeschrittene. Versuch erstmal, überhaupt etwas zu sehen.«
»Das werde ich.« Er grinste. »Ich werde alles sehen! Ich werde der größte Katalysator der Welt!«
Sie murmelte irgendetwas, das wie »untervögelt« klang, doch das konnte nicht sein. Dann verabschiedete sie sich und segelte den Flur hinab. Norman stürmte die Treppe hinauf und nahm drei Stufen auf einmal. Er rannte durch den modrigen Gang und riss die Zimmertür auf.
»Lauchi!«, rief er.
Der schrie auf. Bleich robbte er auf seinem Bett rückwärts, bis sein schmaler Rücken sich in die Wand drückte. Er presste sich irgendeinen dicken Wälzer an die Brust. Hinter Norman knallte die Tür ins Schloss.
»W-wa...« Lauchis Stimme erstarb, als Norman sich den dämlichen Bademantel vom Leib riss und nur noch in einer weißen Hose vor ihm stand.
»Ich habe mich entschieden. Ich werde der beste Katalysator aller Zeiten«, sagte Norman feierlich, warf sich zu Boden und begann, Liegestütze zu machen.
Zehn, zwanzig, dreißig. Er spürte das Blut immer schneller durch seinen Körper pumpen. Schon war sein Rücken schweißnass. Außerdem spürte er, dass Lauchi ihn anstarrte.
»D-du machst viel Sport, oder?«, fragte der Kleine schließlich. Norman nickte und stemmte sich wieder hoch. Dreiundfünfzig. Inzwischen ging sein Atem stoßweise.
»Das sieht man.« Lauchis Stimme hatte einen träumerischen Klang.
»Danke.« Norman grinste. »Wenn du willst, kann ich dir ein paar Übungen zeigen.«
»Gern«, hauchte Lauchi.
Seine Augen verließen Normans glänzenden Oberkörper nie. Mit offenem Mund sah er zu, wie er zu Kniebeugen überging. Normans Muskeln brannten. Seine Lungen auch, sobald er mit den Hampelmännern anfing. Das winzige Zimmer verwandelte sich in ein Schwitzhaus und die Luft wurde immer feuchter. Schweißtropfen lösten sich von Normans Haut, als er auf und ab sprang. Einer erwischte Lauchis knallrote Wange.
»Sorry«, keuchte Norman und hüpfte weiter.
Lauchi schüttelte stumm den Kopf und glotzte. Natürlich war er beeindruckt. Bei den Schwächlingen im Nördlichen Flussland hatte er bestimmt nie solche Muskeln gesehen. Oder hatte er etwa Angst? Egal, damit musste der Weichling klarkommen.
»Alter, wird das warm.« Norman riss das Fenster auf.
Abendluft strömte herein. Das Zimmer kühlte ab, aber er fühlte sich immer noch, als würde er gleich schmelzen.
»Ich zieh mich aus. Stört dich nicht, oder?«, fragte er Lauchi.
Der verschluckte sich. Dann schüttelte er den Kopf und Norman dachte, dass Lauchi gar kein so mieser Zimmernachbar war. In Unterhose war das Sportprogramm viel angenehmer. Erst nach einer Stunde klappte Norman auf dem Bett zusammen.
»Ab morgen«, japste er. »Ab morgen gibt es … Lauftraining. Jeden Morgen. Wusstest du … das?«
»Was?« Lauchi hob den Blick von Normans schweißnasser Brust. Sein Buch lag vergessen neben ihm. »Ja. Ich hab … Ja.«
»Ich freu mich drauf«, sagte Norman. »Nach den langweiligen Rumsitzkursen ist das genau das Richtige. Was habt ihr gemacht? Mehr Feuerbälle geworfen?«
»Ja … Was? Nein.« Lauchi befeuchtete seine Lippen mit der Zunge und Norman war einen Moment lang abgelenkt. »Nein, wir haben etwas über Brandschutz gelernt. Das ist auch wichtig, hat Herr Dombas gesagt.«
»Ach so. Klingt öde.«
»Oh, es war ganz interessant.« Lauchi räusperte sich. Er rutschte auf dem Bett herum und schlang die Arme um die Knie. »Älso. Machst du jetzt jeden Abend solche Übungen? Hier?«
Norman betrachtete seinen Bizeps.
»Ja klar, mindestens. Diese Beulen hier müssen doppelt so groß werden. Wenn’s dich stört, kannst du ja rausgehen.«
»Störtmichnicht«, krächzte Lauchi. Seine Stimme klang auf einmal so rau.
»Alles gut?«
Lauchi lächelte. Seine Augen glänzten und er nickte, erstaunlich schwungvoll. Norman grinste breit.
»Super. He, meinst du, der eine Arm ist dicker als der andere? Kannst du mal drumfassen und schauen?«
Lauchi half ihm. Eigentlich war der Kleine ziemlich in Ordnung. Und er nahm nicht viel Platz weg.
Nach dem Abendessen, als sie in ihren Betten lagen, betrachtete Norman Gunnars Gesicht auf den Postern. Er hatte drei Poster von ihm. Auf einem lächelte Gunnar siegessicher, auf den anderen beiden schaute er entschlossen. Auf allen sah er toll aus. Außerdem war sein Hemd so weit aufgeknöpft, so dass man den Ansatz der Brustmuskeln erkannte.
Vielleicht stehen wir irgendwann gemeinsam auf der Stadtmauer, dachte Norman und schlief selig lächelnd ein.
9. Nächtliche Unterhaltung
Mitten in der Nacht wurde Norman von einem Geräusch geweckt. Es weckte ihn aus einem sehr intensiven Traum, in dem Gunnar mit ihm auf der Stadtmauer gegen ein Lavamonster gekämpft hatte. Es hatte Norman verletzt. Gunnar hatte sein sowieso schon halb aufgeknöpftes Hemd heruntergerissen und Normans blutenden Arm verbunden. Seltsamerweise hatte er gleich anschließend begonnen, seine Hose aufzuknöpfen.
Norman blinzelte ins Dunkel. Mist. Er hatte einen Ständer, mit dem er eine Mauer hätte einreißen können. Tief durchatmend ballte er die Hände zu Fäusten und starrte an die Decke. Was hatte ihn geweckt?
Leises Keuchen. Lauchi. Heulte der schon wieder?
Norman wandte sich um und sah, dass der Kleine mit dem Rücken zu ihm lag. Er hörte ein Seufzen und an den rhythmischen Bewegungen des Arms erkannte er ganz genau, was Lauchi da trieb. Das, was er sich gerade verkniff.
»Lauchi. Das ist schlecht für dich.«
Der Kleine erstarrte. Stocksteif lag er da und schwieg.
»Das schadet Magiern, wenn sie noch nicht mit ihrer Ausbildung fertig sind. Hast du das nicht in den Vorbereitungskursen gelernt?« Norman schüttelte traurig den Kopf. »Du wirst ein Magiekrüppel. Dabei bist du eh schon ein Schwächling.«
»N-nein, ja, Entschuldigung«, stammelte Lauchi, ohne ihn anzusehen. »Aber das stimmt nicht.«
»Was laberst du da?«
»Äh, also … Herr Dahle hat gesagt …« Lauchi schluckte hörbar. »Der hat ab und zu zuviel Wein getrunken, na ja, fast jeden Tag und einmal hat er mir erzählt, dass das Keuschheitsgebot Kokolores ist. Also so hat er das genannt. Kokolores.«
»Was?« Norman richtete sich auf. »Dein Herr Dahle labert Scheiße.«
»Vielleicht. Entschuldigung.«
Schweigen. Norman musterte Lauchis Rücken. Dann legte er sich zurück. Sein Blick fiel auf das Gunnar-Poster, auf das strahlende Lächeln und das Kribbeln in seinem Schoß verstärkte sich. Hm. Mist. Er hätte wirklich gern … Nein.
»Hat dein Herr Dahle irgendwelche Beweise?«, fragte er schließlich.
»Na, er meinte, es wäre allgemein bekannt in den höheren Rängen. Er war mit einem der Hohen Magier befreundet, als er hier war, und der hat ihn eingeweiht. Als er zuviel Wein getrunken hatte.«
»Aber wenn das Blödsinn wäre, warum erzählen sie es uns dann? In unseren Kursen haben sie gesagt, dass die Magie davon schwächer wird. Nur halb so stark.«
»Herr Dahle meinte, das wäre eine Lüge.« Immer noch sah Lauchi ihn nicht an. »Sie haben nur Angst, dass die Magieschülerinnen schwanger werden, b-bevor sie den Abschluss geschafft haben. Und dass eines zum anderen führt. Deshalb behaupten sie, dass es uns in der Lernphase schadet.«
»Es?«
Lauchi schluckte hörbar.
»S-sex.«
»Und du meinst, das macht gar nichts?« Norman ballte die Fäuste fester. Nein. Zu riskant. »Das kann gar nicht sein. Dann … Ne.«
Lauchi schwieg. Draußen war es ebenfalls still. Schließlich ratterte eine Kutsche über das Pflaster und ein Hund begann, zu bellen.
»Bestimmt bist du nur deshalb so ein schlechter Magier«, sagte Norman. »Hör besser auf damit.«
»Ich b-bin gar nicht so schlecht«, murmelte Lauchi. »Ich habe alle achtzehn Bände der Grundlagen der Arkanen Lehre gelesen.«
»Und? Kannst du Feuerbälle werfen?«
»Nein.«
Das klang niedergeschlagen. Wieder kehrte Stille ein. Norman wälzte sich herum und glotzte ebenfalls die Wand an.
»Ich sag dir eins, Lauchi: Wenn ich rausfinde, dass dieses verdammte Keuschheitsgebot echt Blödsinn ist, dann gibt’s Ärger. Dann tret ich dem, der das erfunden hat, die Zähne ein.«
Er hörte ein entsetztes Keuchen.
»A-aber das war Olivar von Berghain.«
»Ja, und?«
»Der ist doch schon tot.«
Ach so. »Egal. Ich grab ihn aus und tret ihm die Zähne aus seinem hässlichen Schädel.«
»Oh.«
Stille. Norman starrte die Wand an. Das konnte nicht wahr sein, oder? Dieser Herr Dahle war bestimmt nur irgendein Vollidiot. Ein Säufer. Deshalb hatten sie ihn auch ins Nördliche Flussland geschickt, um einem adligen Schwächling Privatunterricht zu geben.
Norman hatte seit zwei Jahren mit niemandem geschlafen. Er hatte sich nicht mal angefasst und das war ihm, verdammt nochmal, nicht leichtgefallen. Also musste das auch stimmen, dass er damit seine, Dings, seine magischen Fähigkeiten vergrößerte. Obwohl er immer noch keine Magie sehen konnte. Wehe, wenn er seine Zeit verschwendet hatte!
Lauchis Stimmchen riss ihn aus seinen Gedanken.
»Norman? Hast du schon einmal … Du weißt schon.«
»Gevögelt? Ja, klar«, knurrte Norman. »Meiner Mutter gehört der »Lustgarten« in der Schrammergasse.«
»Der Lust... Ist das ein Bordell?«
»Was denn sonst?«
»Und da hast du gewohnt?«
»Ja. Meine Mutter hat ab und zu ihre Mädels auf mein Zimmer geschickt. Als Belohnung, wenn ich was gut gemacht habe.«
»Ah. So.« Lauchi schien nachzudenken. Lange.
»Und du?«, fragte Norman. »Auch schon mal das Würstchen eingetunkt?«
»Was?« Lauchi zögerte. »N-nein. Also einmal wollte meine Schwester Lou … äh …«
»Was wollte sie?«, fragte Norman alarmiert.
»Sie wollte mich zu meinem achtzehnten Geburtstag in ein Freudenhaus mitnehmen, aber Mutti war dagegen.«
Norman fröstelte. Was hatte Lauchi für eine seltsame Familie?
»Deine Mutti war dagegen, dass du flachgelegt wirst? Habt ihr das alles so am Küchentisch bequatscht? Ehrlich, ich dachte, bei euch Adligen läuft das anders.«
»Tut es auch.« Lauchi räusperte sich. »Wir waren selbstverständlich im Esszimmer.«
»Ach so, dann ist ja gut. Echt jetzt?«
»Na ja, Lou meinte, dass ich ein paar Erfahrungen sammeln sollte, bevor ich von daheim fortgehe. Damit die Stadt kein allzu großer Schock ist. Aber Mutti fand, ich wäre zu zart, und sie hat befürchtet, dass ich mir Krankheiten holen könnte, wenn ich … Du weißt schon. Im Bordell.«
»Und was hast du dazu gesagt?« Norman war ehrlich interessiert.
»Ich bin nicht wirklich zu Wort gekommen.«
»Ah. Das dachte ich mir.« Norman schüttelte den Kopf. »Nur, dass du’s weißt: Gegen Mümpelpocken hilft ein Essigbad. Brennt wie der Hades, aber nach drei Tagen ist der Kolben wieder glatt.«
»Ah. Aha.« Lauchi schwieg.
»Was hättest du gesagt, wenn du zu Wort gekommen wärst?«
»Ich weiß nicht.«
Das war ja klar gewesen.
»Ich würde schon gerne«, flüsterte Lauchi. »Wirklich gerne, nur … lieber mit … Also, es ist kompliziert.«
Damit war das Thema für ihn wohl abgehakt.
»Na, wenn ich echt rauskriege, dass die Keuschheitsregel Blödsinn ist, nehm ich dich mit in den Puff.« Norman grinste. »Wir finden schon was für dich. Meinetwegen auch was Kompliziertes.«
»Echt?« Er hörte das Lächeln in Lauchis Stimme und drehte sich um. Die hellen Augen glänzten im Dunkel. Echt hübsch. Das war ihm früher schon aufgefallen. Wenn Lauchi nicht vor Angst zitterte, war er ein ganz attraktives Kerlchen.
»Versprochen«, sagte Norman. »Du bist schließlich der Einzige, der mit mir essen will.«
»He.« Lauchis Zähnchen blitzten. »Du bist der Einzige, der mit mir redet.«
»Motoren sind halt Arschlöcher.« Norman grinste breit und sah ein weiteres schüchternes Lächeln.
»He. J-ja, manchmal schon.« Lauchi räusperte sich. Der Kleine schaute, als müsste er ein kompliziertes Puzzle zusammensetzen. Eins, bei dem er keine Ahnung hatte, ob die Teile passten. »Du bist richtig interessant. Ich habe noch nie jemanden wie dich getroffen, wenn ich ehrlich bin.«
»Das glaube ich.« Norman gähnte. »Egal, lass uns pennen. Morgen wird’s härter, da müssen wir frisch sein.«
»Ja.« Lauchi zögerte. »Ich weiß nicht, ob ich schlafen kann. Ich habe ein wenig Angst vor morgen.«
»Junge, du hast vor allem Angst.«
»Ja, aber am meisten vor morgen.«
Norman schnaubte.
Er drehte sich um und gähnte wieder. Seine Erregung war abgeklungen, nun lechzte sein Körper nach Schlaf. Er streckte sich auf der harten Matratze aus und schloss die Augen. Dann hörte er sanften Gesang. Lauchi.
»Leis, Kindlein, leis«, murmelte der. »Dort draußen schleicht das Eis. Machst du auch nur einen Laut, schält es dich aus deiner Haut. Leis, Kindlein, leis.«
Das Lied kannte Norman nur zu gut. Das kannte jedes Kind in ganz Løbago und anscheinend auch weiter weg. Eine Gänsehaut kroch über seinen Rücken, als der Kleine weitersang.
»… Jammern, Wimmern, Weinen, Schreien … lockt es gleich ins Haus hinein …«
»Lauchi?«
»Ja?«
»Denkst du echt, dass dir das beim Einschlafen hilft?«
»Aber es ist ein Schlaflied.«
Norman stöhnte leise. Lauchi sang weiter.
»Leis, Kindlein, leis. Dort draußen schleicht das Eis. Hört es dich nur einmal schreien … frisst es deine Innereien …«
Norman zog sich das Kissen über den Kopf.
10. Magie!
Der Morgenlauf ging zehnmal um das Arkane Institut und durch den Park dahinter. Als er beendet war, war Norman schweißgebadet und sah Sterne. Aber er war einer der Ersten.
Lauchi klappte nach der dritten Runde zusammen und musste ins Krankenzimmer getragen werden. Norman hörte, wie einer der Motoren ihn einen Lappen nannte und seufzte. Einerseits wollte er dem Kerl eine reinhauen. Andererseits hatte er recht. Lauchi war ein Waschlappen. Auch wenn Norman sich langsam an ihn gewöhnte.
Der Katalysatorenkurs fand wieder im selben Raum statt. Norman beeilte sich, damit er nach der Dusche der Erste dort war. Schwungvoll stieß er die Tür auf.
»Frau Sølmgard, ich habe eine Frage.«
Eterna saß im Schneidersitz in der Mitte des leeren Raums auf dem Boden und meditierte. Schneckenlangsam hob sie ein Lid.
»Noch mehr Fragen? Du bist neugieriger als ich dachte.«
»Ne, nur eine.« Norman schloss die Tür hinter sich und ließ sich vor Eterna auf die Dielen plumpsen. »Also …«
»Ja?«
»Also, ich habe eine Frage.«
»Das sagtest du bereits.«
»Wegen des … dem Keuschheitsgebot. Ich habe gehört … Stimmt das?« Er räusperte sich. »Dass das ein Schwindel ist? Damit niemand schwanger wird? Das ist nicht wahr, oder?«
Ihre dunklen Augen musterten ihn amüsiert.
»Was hast du vor?«, fragte sie. Ein Lächeln kräuselte ihre Mundwinkel. »Das scheint dich ja sehr zu beschäftigen. Hast du etwa Interesse an jemandem?«
Er spürte die Hitze seinen Hals hochkriechen.
»Ne. Ich bin nur neugierig«, brummte er. »Also was ist jetzt? Stimmt es oder nicht?«
»Nun ja …« Sie seufzte. »Dass ein Schäferstündchen die Magie hemmt, ist tatsächlich Blödsinn. Und ja, sie haben nur Angst vor ungeplanten Schwangerschaften. Wahrscheinlich ist der Hohe Rat dagegen, dass irgendjemand in diesem Haus Spaß hat. Aber das hast du nicht von mir, klar?«
Ihr Blick war eindringlich. Normans Unterkiefer klappte herunter.
»Das … Das ist wirklich … Und ich hab zwei Jahre lang …«
Er sprang auf.
»So eine verfickte Scheiße! So ein oberbekacktes Lügenmärchen!« Er stieß ein wütendes Brüllen aus. So wütend, dass die drei Katalysatoren, die gerade zur Tür hereinmarschierten, zurückwichen.
»Aus dem Weg, ihr Sauger«, knurrte er. »Ich muss wem die Zähne austreten.«
Eine zierliche Hand legte sich an sein Ohr und zerrte ihn gewaltsam zurück. Eterna zwang ihn zu Boden. Eine Kraft hatte die Alte … Unglaublich.
»Später, mein bockiges Schäfchen. Nun beginnt der Unterricht. Und den willst du bestimmt nicht verpassen, oder?«
Norman brummte irgendetwas. Er verschränkte die Arme und stierte auf seine Knie, als wären die schuld an allem. Zwei Jahre. Zwei verdammte Jahre … Wenn Lauchi ihm gestern nichts erzählt hätte, hätte er noch drei Jahre verschwendet. Er konnte ihm echt dankbar sein, dafür, dass er …
»Mein Schäfchen, passt du auf?«
»Hö? Klar.«
Diesmal schien Eterna einen Plan zu haben. Immerhin. Sie setzten sich alle im Schneidersitz in einen Kreis und atmeten. Langsam ein und aus, bis in den Bauch. So, wie sie es ihnen gestern schon gezeigt hatte. Nach ein paar Minuten fühlte Norman sich total seltsam. Ein wenig schwindlig. Fast ein bisschen übel.
Er war nicht daran gewöhnt, so lange nichts zu tun. Vielleicht hätte er sich freuen sollen, nachdem seine Muskeln immer noch vom Morgentraining schmerzten, aber … das war irgendwie bizarr.
»Nun schließt die Augen und streckt eure Hände in die Höhe«, säuselte Eterna. »Versucht, sie zu spüren.«
»Die Magie?«
»Ja, mein Schäfchen.«
»Ich sehe sie!«, sagte Gudrun triumphierend.
»Und wie sieht sie aus, mein Wieselchen?«
»Gol... Nein, grün. Richtig?«
»Nein. Konzentrier dich.«
Schweigen. Normans Arme begannen, wehzutun. Das machte ihm natürlich nichts aus, schließlich war er kein Weichei. Nicht wie der Kerl neben ihm, der leise wimmerte.
»Müssen wir noch lange?«, flüsterte ein Mädel. »Ich …«
»Da ist was.« Der Typ neben Norman schien vollkommen entsetzt. »Etwas Kaltes.«
»Lass die Hände oben, mein Äffchen.« Eternas Stimme war sanft, aber bestimmt. »Erzähl uns, was du fühlst.«
»Es ist irgendwie eklig«, sagte der Typ und jemand kicherte. Gudrun, eindeutig. »Es kriecht in meine Finger … Kann ich aufhören?«
»Hände oben lassen«, befahl Eterna freundlich. »Die Kälte tut dir nichts. Bleib ganz ruhig und lass sie ein. Und mach die Augen auf.«
Dieser erbärmliche Versager wimmerte schon wieder. Dann hörte Norman ihn leise keuchen.
»Gut gemacht, mein Äffchen. Nun dürft ihr alle die Arme herunternehmen und die Äuglein öffnen.«
Erleichtertes Gemurmel erklang. Die ganze Runde starrte das Bürschchen neben Norman an, das sich unter ihren Blicken wand. Seine Ohren waren knallrot. Eterna stand auf und umarmte ihn. Er wurde noch röter.
»Ove, das hast du wirklich gut gemacht.« Sie ließ ihn los, aber ihre Hand blieb auf seiner Schulter liegen. »Nun erzähl uns, was Magie ist. Wie sieht sie aus?«
»Sie … Gar nicht. Man sieht sie nicht richtig. Es ist mehr wie … Sie ist durchsichtig. Es sieht aus, als würde Wasser durch die Luft fließen.«
»Wir haben einen Katalysator!«, rief Eterna. Sie nickte zufrieden. »Was denkt ihr anderen?«
»Warum ist Magie durchsichtig?« Gudrun verschränkte die Arme unter ihrer beträchtlichen Oberweite. »Wenn wir doch lila leuchten und die Motoren gelb?«
»Weil wir sie umwandeln und die Motoren auch«, sagte Norman und grinste breit. »Hast du in den Vorbereitungskursen nicht aufgepasst?«
»Du doch auch nicht«, zischte sie.
»Besser als du, wie’s aussieht.« In Wahrheit hatte Lauchi ihm das heute Morgen erklärt.
»Du blöder …«
»Wieselchen, Schäfchen.« Eterna hatte irgendetwas an sich, das alle zum Verstummen brachte. »Konzentriert euch, sonst werdet ihr Ove nie einholen.«
Norman und Gudrun sahen Ove an und der versuchte, im Boden zu versinken. Aber er hatte ein kleines, stolzes Lächeln im Gesicht, das breiter wurde, als er sich unbeobachtet glaubte.
Dir zeig ich’s, dachte Norman. Und Gudrun auch. Ich bin der Nächste, der Magie spürt.
Er war der Letzte. Es dauerte bis zum Nachmittag, bis seine Finger endlich kalt wurden. Kurz vor ihm hatte Gudrun ausgerufen, dass sie die Magie sehen konnte. Sie wirkte genau so genervt wie er. Alle anderen schauten schon dämlich grinsend an die Decke, weil da angeblich Magie rumwaberte.
Kälte kroch unter seine Fingernägel. Eklige Kälte. Aber er musste sie reinlassen. Wenigstens ein bisschen.
»Sträub dich nicht«, flüsterte Eterna hinter ihm. »Öffne dein Herz.«
Wie kitschig war das denn? Er versuchte es, doch als die Kälte bis zu seinen Ellenbogen gedrungen war, war sie nur noch ein Rinnsal. Er blinzelte. Es hatte wohl gereicht. Er sah etwas durch die Luft wabern. Durchsichtige Schlieren, in denen sich das Licht brach. Wie gläserner Rauch schlängelten sie im Raum umher, vor allem unter der Decke … Norman ließ die Arme sinken.
»Hast du Angst bekommen?«, fragte Eterna. »Das ist in Ordnung, Schäfchen. Es ist seltsam, die Welt so anders wahrzunehmen, oder? Als hätte man einen weiteren Sinn entdeckt.«
Norman brummte irgendetwas und versuchte, nicht rot zu werden. Er hatte echt Angst bekommen. Angst vor dem Unbekannten. Wenn da … wenn da diese Magieschlieren waren und er sie nie gesehen hatte … Was war dann noch in der Atmosphäre? Eterna hatte von Energien gesprochen. War etwa der ganze Raum voll von dem Zeug? Kroch es jetzt gerade unter seine Klamotten? Er schüttelte sich.
Eterna stand auf und sah auf sie alle herunter wie eine gütige Göttin.
»Das habt ihr wirklich fantastisch gemacht, meine Lieben. Ganz wundervoll. Dafür habt ihr eine Belohnung verdient, meint ihr nicht auch?«
»Was zu essen?«
»Nein, mein Schäfchen. Etwas Besseres.«
Das bezweifelte Norman. Er hatte selten solchen Hunger gehabt. Magie zu suchen zehrte einen aus, mehr, als er gedacht hatte. Als hätte er einen neuen Muskel bekommen, der erbärmlich schlapp und untrainiert war. Egal, er würde ihn bewegen und aufpumpen und …
»Kommst du, Schäfchen?«
»Jau!«
11. Andere Sichtweisen
Sie führte sie bis auf das Dach des zwanzigstöckigen Gebäudes. In der Mitte der Ziegel thronte eine flache Plattform, umgeben von einem schmiedeeisernen Geländer. Das Emblem des Arkanen Instituts prangte auf allen Gitterstäben.
Die Aussicht war atemberaubend. Løbago lag zu ihren Füßen. All die riesigen Häuser und die windschiefen Hütten, die roten und die grauen Ziegeldächer und die steinernen Brüstungen, die ein chaotisches Muster ergaben. Sie konnten bis zur Stadtmauer sehen, die sich rund um Løbago erstreckte. Und sie sahen noch etwas.
Magie war überall. Viel stärker als in dem blöden leeren Raum. Sie waberte über die Stadt, durch die schmalen Gassen und die breiten Alleen. Norman legte den Kopf in den Nacken und selbst dort sah er sie. Bis hoch in den Himmel hinaus.
»Wahnsinn«, murmelte er und natürlich suchte Eterna sich diesen Moment aus, um hinter ihm zu erscheinen.
»Magst du es?«, zwitscherte sie. »Wunderbar, oder? Immerhin das ist ein Anblick, der den Motoren verwehrt bleibt.«
»Oh.« Schade. Irgendwie dachte er, dass Lauchi den Anblick gemocht hätte. Die Schwaden bewegten sich fast wie in einem unendlichen, trägen Tanz um sie herum. Sie wurden sichtbarer, wenn er sich konzentrierte, und verblassten beinahe bis zur Unsichtbarkeit, wenn er auf etwas anderes achtete. Auf die Arbeiter, die das Dach gegenüber reparierten zum Beispiel. Schweiß glänzte auf ihren bloßen Oberkörpern.
Gudrun pfiff ihnen nach und Ove schaute verletzt. Standen tatsächlich Jungs auf Gudrun Lovell? Norman hätte seine Mitstudenten gern gefragt, aber … Na ja, er redete nicht mit ihnen und sie nicht mit ihm.
»Sollte ich netter sein?«, fragte er Lauchi beim Abendessen. Es gab Runkelrübeneintopf mit Fett. »Ich meine … Kann es sein, dass ich zu gemein zu den anderen Saugern war?«
Lauchis Augen hinter den Brillengläsern musterten ihn vorsichtig. Der Kleine kaute auf der Unterlippe herum, bis sie prall und gerötet war.
Norman schluckte. Sein Mund war mit einem Mal trocken.
»Also vielleicht?« Lauchi lächelte unsicher. »Du … bist ziemlich direkt.«
»Danke, Lauchi.« Norman kratzte den Teller aus. Dann hob er ihn vor das Gesicht und leckte ihn sauber.
»Heimfried«, sagte Lauchi. Norman senkte den Teller und sah ihn fragend an. Lauchi saß sehr gerade. Sein Blick war fest, aber die schmalen Schultern zitterten ein wenig.
»Was?«
»Ich mag nicht, dass du mich Lauchi nennst«, sagte der Kleine. »Bitte nenn mich Heimfried.«
Norman grinste.
»Du hast also doch ein bisschen Rückgrat, was?« Er schüttelte den Kopf. »Ist gut, Heimfried.«
Heimfried lächelte. Seine Augen strahlten und schon wieder verwandelte er sich in ein echt hübsches Kerlchen.
»Danke, Norman.«
»He, ich muss noch ’ne Weile mit dir auskommen, oder? Kann dich doch nicht wütend machen.« Norman wackelte mit den Augenbrauen. »Immerhin bist du ein gefährlicher Typ. Klappt’s jetzt mit den Feuerbällen?«
»Ein bisschen. Also.« Heimfried schaute auf seinen nur halb leeren Teller. »Ich wollte dich etwas fragen. Aber du kannst Nein sagen. Du sagst bestimmt Nein.«
»Damit hab ich kein Problem«, bestätigte Norman. »Isst du das noch?«
»Wie? Nein.« Heimfried schob den Teller zu ihm herüber. Norman begann, gierig zu löffeln. »Was ich fragen wollte, ist … Am Samstag trainieren wir doch alle zusammen. Da ist der Hindernislauf und so. Und jeder Motor braucht einen Katalysator. Äh.«
Er schluckte. Norman tauchte den Löffel in die Suppe.
»Stimmt ja. Machen wir das zusammen?«
Lau... Heimfried blinzelte.
»Das wollte ich dich fragen. Aber ich halte dich doch bestimmt auf, oder? Da muss man schnell sein und … und stark und gut und das bin ich alles nicht.«
»Wird schon.« Norman schenkte ihm ein Grinsen, das sich anfühlte, als würde es bis zu seinen Ohren gehen. »Mit wem soll ich denn sonst den Lauf machen? Wir kriegen dich schon auf Vordermann.«
»Echt?« Heimfried schaute, als wüsste er nicht, ob er lachen oder abhauen sollte. »Du willst mich trainieren?«
»Jupp. Als Dankeschön, weil du mir die Wahrheit über diesen Keuschheitsscheiß erzählt hast.«
»Oh. Bitte.« Heimfried wurde knallrot.
12. Fruchtlose Zusammenarbeit
Die Tage vergingen wie im Flug. Norman stellte fest, dass er der Schlechteste in der verdammten Katalysatorenklasse war, dicht gefolgt von Gudrun Lovell, die ihre Wut darüber an jedem ausließ, der ihr in die Quere kam.
Ein Katalysator zu sein war leider saulangweilig. Unglaublich langweilig. Alles, was sie übten, war, mehr Magie aufzunehmen. Anscheinend konnte man die im ganzen Körper ansammeln. Als wäre man ein riesiger Beutel oder so.
Ove, der Streber, schaffte es von den Fingerspitzen bis zu den Schultern. Norman immer noch nur bis zu den Ellenbogen.
Zwischen den Übungen verzapfte Eterna seltsames Geschwafel über die Bereitschaft zu dienen oder so. Norman versuchte wirklich, sich zu konzentrieren. Er wollte schließlich der beste Katalysator aller Zeiten werden. Aber es war hart. Verdammt hart.
Etwas anderes war auch oft hart und eigentlich hätte er jetzt etwas dagegen tun können. Doch nach zwei Jahren Abstinenz kam es ihm zu einfach vor, sich nachts heimlich einen runterzuholen, sobald Heimfried schlief. Er wollte es richtig feiern. Also plante er, am Sonntag in sein altes Viertel zu gehen und sein erwettetes Geld mitzunehmen. Es würde sich schon jemand finden. Wenn er ehrlich war, konnte er es kaum erwarten. Nur musste er erstmal den Hindernislauf überstehen.
Am Samstagmorgen versammelten sich alle Erstjahres-Motoren und -Katalysatoren in einem gefliesten Raum. Einem viel größeren als ihrem langweiligen Klassenzimmer. Trotzdem war es brechend voll.
Aus irgendeinem Grund nahmen die Motoren mehr Platz ein als die Katalysatoren. Dabei waren sie nicht mehr. Oder dicker, höchstens im Schnitt ein wenig muskulöser. Norman war vermutlich der einzige Katalysator, der beim Langhantel-Bankdrücken 100 Kilo stemmen konnte.
Dass sie größer wirkten, lag an ihrer raumgreifenden Art. Sie machten sich verdammt breit. Lärmende Motoren in Trainingsanzügen waren überall, wo Norman hinschaute. Selbst deren Kleidung war besser als die der Katalysatoren. Die Baumwollhosen waren enger geschnitten als das blöde Teil, das er anhatte, und darüber trugen sie lederne Westen und Armschützer. Die brauchten sie auch, so, wie sie mit Feuer hantierten.
Brenna zwang den armen Ove, ihr Magie zu spenden. Woher konnten die das schon? Fröhlich lachend ließ sie einen Feuerball über der Hand kreisen. Fast hätte Norman sehnsüchtig geseufzt, als er das sah.
Nein, dachte er. Du hast einen neuen Traum. Du musst ein unglaublicher Katalysator werden. Gunnars Katalysator.
Etwas abseits vom Trubel stand Heimfried. Norman zwinkerte ihm vom anderen Ende des Raums aus zu und er lächelte scheu.
»Mit wem flirtest du denn, Glühwürmchen?«, rief ein massiger Motor. Norman erinnerte sich an ihn, von der Erweckungszeremonie. Pessni Dieksson.
»Niemand«, murmelte Heimfried, sichtlich unglücklich darüber, dass man ihm Aufmerksamkeit widmete.
»Bist du scharf auf den Klops da?« Pessnis breiter Finger deutete auf Norman. Der ließ die Schultern rollen und die Knöchel knacken.
Heimfried errötete.
»Er ist scharf auf ihn!« Pessni lachte. »Hey, Klops, das ist dein Glückstag. Ach ne, du bist ja ein Schäfchen! Määäh!«
Als Eterna Sølmgard und der Dozent der Motorenklasse den Raum betraten, wälzten Norman und Pessni sich auf dem Boden. Norman rammte seinem Gegner das Knie in den Unterleib und Pessni brüllte laut auf. Er musste aus der Mittelschicht stammen oder so. Wusste nicht, wie man einen Kampf gewann.
Ein Luftstoß riss Norman von ihm herunter. Er schrammte über die Fliesen und rollte bis an die Wand. Wütend rappelte er sich wieder auf.
»Was wird das?« Der Lehrer der Motorenklasse, ein muskulöser Rothaariger mit einem beeindruckenden Bart, stierte ihn böse an. »Greifst du meine Schüler an, Junge?«
»Nur dieses Arschloch da.« Norman warf Pessni einen verächtlichen Blick zu. Der lag immer noch am Boden und hielt sich den Schritt. Alle anderen starrten. »Und nur, weil er ein Arschloch ist.«
Die Augen des Rothaarigen wurden schmal. Ohne Eterna anzusehen, streckte er die Hand aus.
»Magie, Sølmgard«, befahl er. »Jetzt.«
Vielleicht irrte Norman sich, aber er glaubte, dass Eternas Augenlid leicht zuckte. Ihr Lächeln war selig und unverrückbar.
»Mein armes Schäfchen hat genug, denke ich.« Sie legte den Kopf schief. »Wir wollen die Bestrafung doch nicht übertreiben. Oder, Friedhelm?«
Der Rothaarige schaute sie verächtlich an.
»Du bist zu weich, Sølmgard. Kein Wunder, dass deine Schüler sich so aufführen.«
»Für gewöhnlich sind es deine, die …« Eterna atmete tief ein und schloss die Augen. »Streiten wir uns nicht. Fangen wir lieber damit an, diese Bande in hübsche Zweiergrüppchen aufzuteilen.«
Der Rothaarige knurrte und warf seinen goldgelben Umhang über die Schulter zurück. Er stolzierte in die Mitte des Raums und hob eine Hand. Sofort war es still. Selbst die lautesten Motoren hielten die Klappe. Norman hatte vorhin gar nicht gemerkt, wie ohrenbetäubend der Lärm gewesen war.
»Ruhe!«, brüllte der Kerl überflüssigerweise. »Heute findet euer erster Hindernislauf statt, also verliert keine Zeit. Jeder Motor sucht sich einen Partner und dann wird geübt! Mit Feuer! Alles klar?«
»Klar!«, riefen die Motoren und die Katalysatoren stimmten stotternd ein.
»Eine kleine Anmerkung noch.« Eterna trat neben ihn und er rollte mit den Augen. Norman mochte den Kerl nicht. Was für ein Platzhirsch. »Wie Friedhelm bereits erwähnte, findet ihr euch in Paaren zusammen. Mit eurem Partner oder eurer Partnerin bleibt ihr für den Rest des Semesters beisammen. Im zweiten werden wir stetig hin- und herwechseln, aber zunächst sollt ihr lernen, euch auf die Energien einer einzigen Person einzulassen.« Sie lächelte mal wieder. »Falls es in den ersten Stunden nicht so funktioniert, wie ihr es euch wünscht: Macht euch keine Sorgen. Ihr habt ein halbes Jahr, um euch an euren Partner und die arkane Gabe zu gewöhnen.«
»Ja, ja.« Friedhelm stemmte die Fäuste in die Hüften. »Damit eins klar ist: Beim Hindernislauf gibt es eine Rangliste. Und die wird jede Woche im Speisesaal ausgehängt. Macht euch also klar, dass die Letzten das Gespött des ganzen Instituts sind.«
»Friedhelm …«, begann Eterna, doch der unterbrach sie.
»Hat noch jemand Fragen?«, bellte er. Norman hob die Hand.
»Hat Frau Sølmgard Sie mal abblitzen lassen oder warum sind Sie so ein Kackstiefel?«, fragte er.
Er hörte nervöses Kichern aus der Menge. Waren die Augen des Rothaarigen bisher schmal gewesen, so waren sie nun nur noch zwei Striche.
»Du schon wieder!« Seine Stimme hallte durch den Raum. »Du bist bestimmt ein ganz toller Katalysator, was?«
»Der Beste«, behauptete Norman und spürte die ungläubigen Blicke seiner Mitschüler auf sich. Aber keiner sagte etwas.
»Na dann bist du ja fantastisch, egal mit wem du das Hindernisrennen machst.« Friedhelm grinste böse. »Glühwürmchen, du suchst dir den Kerl da aus, klar?«
Heimfried zuckte zusammen. Mit riesigen Augen schaute er zu dem Rothaarigen auf.
»J-ja, Herr Dombas!«, stotterte er und sah Norman entschuldigend an. Dabei hatten sie das doch eh schon beschlossen. Norman unterdrückte ein Grinsen.
»Oh nein«, sagte er, wenig überzeugend. Komisch, die Motoren grienten ihn alle so hämisch an. So schlecht konnte Heimfried nicht sein, oder?
War er aber. Besser gesagt: Sie waren zusammen eine Katastrophe.
»Konzentrier dich, mein Schäfchen«, säuselte Eterna. Sie saß im Schneidersitz neben ihnen und versuchte, zu retten, was zu retten war. Das war nicht viel.
Norman, ebenfalls im Schneidersitz, hob die Hände und nahm so viel Magie auf, wie er konnte. Einen Eierbecher voll etwa. Jämmerlich. Das kalte Kribbeln in den Fingerspitzen ekelte ihn immer noch an. Widerlich war das …
»Sträub dich nicht dagegen«, sagte Eterna. »Lass es zu.«
Das wollte er, aber … es klappte einfach nicht. Die Magie schleppte sich bis zu seinen Ellenbogen. Das war alles. Das Lichtnetz war nur ein löchriger Handschuh. Er räusperte sich, peinlich berührt. Viel zu viele Leute sahen ihnen zu. Die, die nicht gerade damit beschäftigt waren, Feuerbälle hin- und herzuwerfen. Herr Dombas hatte das erlaubt. Jetzt war Norman auch klar, warum sie sich in einem Raum mit Steinfliesen bis zur Decke befanden.
»Nicht übel, mein Schäfchen«, log Eterna. »Nun gib die Magie an deinen Partner weiter.«
Heimfried streckte die Hände aus. Sie zitterten nervös, als er Norman die Handflächen hinhielt. Der berührte sie vorsichtig. Eiskalt waren die, fast so kalt wie seine magieverseuchten Finger. Er befahl der Magie, sich in Heimfrieds Körper zu verkrümeln und ihn in Ruhe zu lassen und zog die Hände wieder weg. Er spürte selbst, wie wenig er übertragen hatte. Von dem Eierbecher voll ging höchstens ein halber Teelöffel in Heimfried über, der Rest verpuffte in der Luft.
Heimfried japste trotzdem, als der Hauch Magie in ihn eindrang. Mit zusammengepressten Lippen starrte er auf seine Fingerspitzen. Das goldene Netz reichte kaum bis zu seinen Handgelenken.
»Versuch es mit Feuer, Mäuschen«, sagte Eterna. »Das habt ihr gelernt, oder?«
Heimfried nickte, totenbleich. Als wären sie hochexplosiv, drehte er die Handflächen nach oben.
»Atmen nicht vergessen, Mäuschen.«
Heimfried schnappte nach Luft wie ein Fisch, dann schloss er die Augen. Ein Schweißtropfen rann an der weißen Schläfe hinab. Ein winziges Flämmchen blitzte über den Handflächen auf. Kleiner als ein Kerzenlicht. Es verpuffte sofort. Norman verstand langsam, warum sein Spitzname »Glühwürmchen« war.
»Gar nicht schlecht«, sagte Eterna. »Immer weiter so. Stellt euch aufeinander ein.«
Sie nickten bedröppelt. Eterna ging zum nächsten Pärchen. Gudrun Lovell und Tore. Ausgerechnet die beiden hatten sich zusammengefunden. Wie? Und wieso schaute Tore Gudrun an, als wäre sie ein frischgebackenes Törtchen? Schien ihr nicht sonderlich zu gefallen.
»Na, wie läuft’s, ihr Versager?«, rief Pessni zu Norman und Heimfried herüber. Norman wandte den Kopf, um ihn warnend anzusehen. Über Pessnis Hand flackerte ein faustgroßer Feuerball.
»Traust du dich nochmal, mich anzugreifen?« Der Drecksack grinste breit. »Komm doch her.«
»Feigling«, knurrte Norman. »Mach die Funzel aus und komm mit vor die Tür, wenn du Kloppe willst.«
»Hm.« Pessni schien nachzudenken. Die Flamme flackerte unruhig. Dann lächelte er. »Nö. Glaub, das mach ich nicht. Willst du, dass ich dir die Augenbrauen abflämme?«
»Mein Frettchen, wir wollen uns doch nicht gegenseitig verletzen, oder?« Eterna stand plötzlich hinter Pessni. Er schrak zusammen. Die Flamme zuckte und erlosch.
»Nein«, murmelte er. »Ich wollte nur das Pärchen da ein bisschen ärgern. War ganz harmlos.«
Norman grunzte verächtlich. So ein Feigling. Allerdings einer, der das Rennen gewinnen konnte. Bei ihm und Heimfried sah es eher mau aus.
»Stört es dich nicht?«, flüsterte Heimfried, als sie beim Mittagessen saßen. Er schien noch niedergeschlagener als sonst.
»Was soll mich stören?«, fragte Norman. Er fühlte sich auch niedergeschlagen, aber das durfte man ihm nicht ansehen. Also saß er extra aufrecht und spachtelte den Eintopf in sich hinein. Auch wenn er keinen Hunger hatte.
»D-dass Pessni uns ein Pärchen nennt.«
»Wär doch nicht schlimm, wenn es so wäre, oder?« Norman zuckte mit den Achseln. »Ist ja nicht verboten.«
Heimfried sah ihn an, als wollte er etwas herausfinden. Was, war Norman schleierhaft.
»Nein, ich schätze nicht.« Er räusperte sich. »Aber er sagt es, um uns zu ärgern.«
»Ja, und? Wenn er weiter nervt, hau ich ihm halt eine. Kein Problem.«
»Er k-kann Feuerbälle werfen.«
»Stimmt, das könnte ein Problem sein.« Norman legte den Kopf schief. Er würde lernen müssen, sich schnell zu ducken. »Aber so blöd, mich anzugreifen, ist der nicht, oder? Wir dürfen uns doch nicht verletzen.«
»Na ja.« Heimfried griff nach seinem Pferdeschwanz, der nur noch ein verkohlter Stummel war. Oh.
»Ist der noch kürzer geworden?«
Heimfried nickte. Die großen Augen wurden feucht.
»War das wieder Brenna? Soll ich mit ihr reden?« Man muss seine Kämpfe selbst austragen, rief seine Mutter in seinem Kopf. Es bringt dich nicht weiter, wenn es jemand anders macht. Aber Heimfried war doch viel zu schwach dafür …
»Nein, das war Pessni«, murmelte der Kleine. »Ich glaube, er wollte Brenna beeindrucken.«
»Was?« Norman sah zu dem Motorentisch herüber. Pessni beugte sich über die halbe Tischplatte, um Brenna irgendetwas zu erzählen. Die lehnte sich zurück und lächelte süß. Armer Pessni. Sie hatte es den Kerlen nie leicht gemacht.
»Er schaut immer zu ihr herüber«, flüsterte Heimfried. »Wenn er mich ärgert. Als wollte er, dass sie es sieht.«
»So ein Arsch. Und dieser Friedfurz tut nichts dagegen.« He, Friedfurz. Lustig.
»Nein, aber … das ist das Recht des Stärkeren. Sagt Herr Dombas. Der Stärkere gewinnt halt.«
»Ich wette, er hält auch die Motoren für die Stärksten, richtig? Für besser als … als uns.«
Trotz allem ging es Norman nicht flüssig über die Lippen. All die Feuerbälle heute hatten ihm gezeigt, was er verloren hatte, als das lila Licht ihn eingehüllt hatte.
Heimfrieds Schweigen sagte ihm alles, was er wissen musste.
»Dem Arsch zeig ich’s«, knurrte Norman. »Heimi, kneif die Arschbacken zusammen, klar?«
»Wie bitte?«
»Streng dich an. Wir gewinnen dieses bekackte Rennen.«
»Wie bitte?!« Heimfried packte das Besteck so fest, als wäre es sein Anker im Sturm.
»Wir gewinnen.« Norman beugte sich vor. »Du und ich. Versagen ist nicht erlaubt, klar?«
Heimfrieds Augen waren riesig. Die Unterlippe zitterte.
»Ist das klar?«, wiederholte Norman lauter. Erst, als er die Faust auf den Tisch donnerte, reagierte Heimfried.
»J-ja, ich geb mir Mühe«, flüsterte er.
»Mühe geben reicht nicht! Willst du gewinnen?«
Heimfried zuckte mit den Achseln und schaute Norman an, als wäre er ein Eismonster.
»Schon, aber …«
»Es gibt kein Aber!«
Heimfrieds Unterlippe zitterte. Mist, wenn er so weitermachte, würde der Kleine in Tränen ausbrechen. Norman seufzte.
»Du gibst dir Mühe, klar? Richtig viel Mühe. Tausend Prozent Mühe.«
»J-ja.« Heimfried sprach so leise, dass er ihn kaum verstand. Super.
13. Gemeinsam versagen
Der Hindernislauf fand im Park statt. Der war durch vier Meter hohe Mauern von der Außenwelt abgeschirmt. Zum Glück, denn so konnte niemand sehen, wie sie sich blamierten. Und sie blamierten sich. Fürchterlich.
Es fing damit an, dass Heimfried bei der Einführung umknickte. Einfach so, bevor Norman ihn stützen konnte.
»Entschuldigung«, murmelte er, als Norman ihm aufhalf. »Ich fühle mich plötzlich so mies. Vielleicht werde ich krank, oder …«
»Bist du fertig mit Schwächeln, Glühwürmchen?«, brüllte Friedhelm über alle Köpfe hinweg und Heimfried wäre fast wieder umgefallen. Norman hörte Kichern. Die anderen Motoren. Und ein paar Katalysatoren. Klar, die freuten sich, dass mal jemand erbärmlicher war als sie.
Sie standen mit den Rücken zum Institutsgebäude. Vor ihnen erstreckte sich eine geschwungene Hecke. Dahinter sah man nur Himmel, aber man erahnte noch mehr Gestrüppe, immer gleiche, fein gestutzte. Norman hatte sie vom Fenster aus gesehen, aber er wusste nicht, wie viele es waren. Viele auf jeden Fall. Er ahnte schon, worauf es hier hinauslaufen würde.
Wie der Rest des Parcours aussah, wusste er leider nicht. Geschweige denn, welche Hindernisse sie erwarteten.
Der Duft von feuchter Erde und fauligen Blättern lag in der Luft. Und etwas anderes, auf das er gerade nicht kam. Etwas … hm, blaues? Konnte nicht sein. Blau war kein Geruch. Über ihnen und um sie herum tanzte Magie. Norman schauderte, als ein transparenter Strang Magie über seine Schulter strich. Er spürte sie kaum, aber es war schlimm genug, sie zu sehen.
»Wie ich bereits sagte, ist die Strecke ausgeschildert. Wer versucht, abzukürzen, bekommt zehn Minuten Strafzeit. Wer die Strecke nicht innerhalb einer halben Stunde absolviert, wird disqualifiziert! Jeder Abschnitt wird überwacht, also glaubt nicht, ihr könnt uns verscheißern!« Friedhelm holte tief Luft, um noch lauter zu werden. »Als Erstes lauft ihr an den Hecken entlang. Wenn ihr nicht völlig verblödet seid, folgt ihr den Pfeilen, die überall hängen! Habt ihr das kapiert?«
»Ja!«, rief die gesamte Gruppe. Die Katalysatoren gewöhnten sich langsam auch den militärischen Tonfall an. Eterna stand mit vor dem Bauch verschränkten Fingern neben Friedhelm. Das hier überließ sie wohl ihm.
»Habt ihr alle eure Schilder?«
Unwillkürlich sah Norman an sich herunter. Um seinen Hals hing ein Pappschild, auf das man mit lilafarbener Schrift »13« geschrieben hatte. Lauchi, äh, Heimfried trug das gleiche Schild in Gelb. Die Nummer Eins hatte Friedhelm Brenna gegeben. Sie war gerade dabei, Ove letzte Anweisungen zu erteilen. Friedhelm brüllte weiter.
»Dann stellt euch hinter der Ziellinie auf! Schön zusammenbleiben, klar?«
»Klar!«
Sie marschierten auf die weiße Linie im Kies zu. Rechts neben ihnen lag die gesamte Länge der ersten Hecke. Norman musste Heimfried stützen und das gefiel ihm gar nicht.
»Reiß dich zusammen!«, zischte er. »Einatmen, ausatmen! Und Brust raus!«
»J-ja.« Der Kleine wirkte wieder, als würde er gleich heulen.
Sie stellten sich neben Gudrun und Tore. Der sah Norman nicht an. Schon die ganze Zeit über. Wahrscheinlich traute er sich nicht.
»Na, Lovell?« Norman grinste. »Freust du dich auf den letzten Platz?«
»Wir gewinnen«, knurrte Gudrun. »Ist das klar, Tore?«
»Klar.« Tore schien so nervös, als säße ihm eine Raubkatze im Nacken.
»Auf die Plätze!«, brüllte Friedhelm und ein Energiestoß durchzuckte Norman. Gewinnen!, schrie er innerlich. »Fertig! Los!«
Kies spritzte, als über dreißig Leute auf einmal starteten. Heimfried stolperte. Norman packte ihn am Ärmel und zerrte ihn mit. Das war der einzige Grund, aus dem sie die anderen nicht schon bei der ersten Biegung aus den Augen verloren.
Es ging scharf nach rechts um die Ecke. Heimfried rutschte fast im Kies aus, strauchelte und fing sich wieder. Dann rannten sie zwischen zwei Hecken entlang. Am Ende der Reihe ging es scharf nach links. Heimfried stolperte wieder und eine weitere Reihe erstreckte sich vor ihnen.
Und eine weitere.
Und eine weitere.
Nach fünf Reihen war Normans Rücken schweißnass und die anderen waren außer Sicht. Er hörte ihre Schritte und Rufe, gedämpft durch die Blätter. Heimfried keuchte, als wäre er kurz vorm Verrecken.
»Bisschen langsamer«, brachte er hervor. Norman ignorierte ihn. Er zerrte ihn voran. Der blöde Kies rutschte ihm unter den Füßen weg und nun wäre er selbst fast umgekippt. Seine Lunge brannte, aber er durfte nicht aufgeben. Nie!
Reiß dich zusammen!, dachte er. Du gewinnst dieses Rennen, und wenn du den Kleinen die ganze Strecke über hinter dir herschleifen musst.
Er packte den dünnen Arm fester und seine Pranke umschloss ihn fast ganz. Kein Wunder, denn er war schlank wie ein junger Zweig. Der Kleine würde heute beim Training mitmachen, ob er wollte oder nicht …
»M-muss mich übergeben«, keuchte der Kleine und Norman ließ ihn mit einem frustrierten Knurren los. Heimfried stützte sich japsend auf die Knie. Sein Gesicht war knallrot. Zum Glück spuckte er doch nicht.
Norman wartete mit zusammengebissenen Zähnen, bis das Schlimmste vorbei war. Er hatte keine Wahl. Alleine weiterlaufen ging nicht. Sie mussten den Lauf gemeinsam absolvieren, denn irgendwo da hinten waren Hindernisse, die man nur mit Magie überwinden konnte. Zu zweit also.
»Geht’s wieder?«, fragte er.
Der Impuls, dem Kleinen den Rücken zu tätscheln und ihm irgendetwas Aufmunterndes zuzuflüstern, war mächtig. Aber er kämpfte ihn nieder. Mitleid hatte noch niemandem geholfen.
Heimfried nickte atemlos. Norman packte ihn wieder am schmächtigen Handgelenk und zog ihn weiter. Etwas langsamer diesmal.
Es waren zwölf Hecken. Schon ab der elften klangen die Stimmen der anderen Studenten näher als zuvor. Ah, da mussten die ersten Hindernisse sein. Anscheinend hielten sie die anderen lang genug auf, dass Norman und Heimfried aufholen konnten. Durch die bereits rotbräunlichen Blätter drang ein Jubeln. Irgendetwas war passiert. Es hörte Tuscheln und Fluchen.
Dann bogen sie um die Ecke und eine Eismauer ragte vor ihnen auf. Bestimmt sechs Meter hoch, glänzend, nass und kalt. Jetzt kapierte Norman, was er vorhin gerochen hatte. Künstliches Eis. Aus Magie erzeugt roch es metallischer als echtes.
»Riesig«, japste Heimfried.
»Jupp.«
Die Mauer erstreckte sich von einer Seite des Parks bis zur anderen. Kein Durchkommen. Es sei denn … man brannte sich hindurch. Das versuchten 16 Motor-Katalysatorpaare gerade. Eins hatte es wohl schon geschafft. In der Mauer prangte ein Loch. Die Wände waren so breit wie Normans Schultern.
»Wieso gehen sie nicht einfach durch das?«, fragte Norman, als sie darauf zuliefen.
»Zahlen.« Heimfried konnte kaum sprechen. Aber sein wackelnder Finger deutete auf eingeritzte Nummern in der Wand. Oh.
Brenna flämmte sich gerade durch die Nummer 1. Ihr Gesicht war schweißnass und entschlossen. Immer wieder reckte Ove die Hände in die Luft, sie klatschten sich ab und Brenna warf Feuerbälle auf das kleine Loch, das sie erzeugt hatten. Im Gegensatz zu den meisten waren sie ruhig. Schreie, Anfeuerungen und Flüche gellten in ihren Ohren. Die meisten Teams waren noch nicht weit. Noch konnten sie es schaffen!
Sie fanden die Nummer 13 da, wo sie hingehörte, zwischen der 12 und der 14. Die beiden Paare dort hatten erst kopfgroße Kuhlen in das Eis gefräst.
»Gut, Heimfried.« Norman rieb sich die Hände. »Du wirfst alles, was du hast, auf diese Mauer, klar?«
Heimfried nickte, halbwegs entschlossen. Norman reckte die Hände hoch, in die nächstbesten Magieschwaden und … ekelte sich. So klamm und widerlich. Nein, er hatte keine Zeit, zu zögern. Er war doch kein Feigling, verdammt! Er musste das tun, egal, wie übel es sich anfühlte. Mit zusammengebissenen Zähnen zapfte er die Atmosphäre an. Wie immer kroch die Kälte nur bis zu den Ellenbogen, aber egal. Schwer atmend legte er die Handflächen auf Heimfrieds und gab ab. Er unterdrückte ein erleichtertes Seufzen, als der Frost seinen Körper verließ.
»Los, Heimfried!«, rief er.
Der wirbelte herum und schleuderte alles, was er hatte, gegen das Eis. Alles, das war ein Mini-Flämmchen, das eine fingernagelgroße Kuhle in das Eis schmolz. Norman grunzte frustriert und Heimfrieds Schultern sanken.
»Egal, Heimi. Weiter! Wir kommen da durch!« Wieder reckte er die Hände in die Luft. Links von ihnen erklang Jubeln. Brenna hatte es geschafft.
Alle schafften es, nach und nach. Kurz vor Schluss standen sie alleine vor einer Eiswand voll Löcher und Norman hätte am liebsten geheult. Die Vertiefung, die sie hineingeschmolzen hatten, war erst kopfgroß. Links und rechts von ihnen waren Arkane Beamte postiert. Sie überprüften, dass sie nicht durch eins der fremden Löcher auf die andere Seite gelangten.
Norman hatte schließlich die Idee, auf das Eis zu pinkeln, was genau so viel Schaden verursachte wie zwanzig Minuten Magie. Heimfried machte nicht mit. Er sagte, er könnte nicht, wenn Leute zusahen.
»Zehn Minuten Strafzeit!«, rief einer der Beamten. Norman zog seine Hose wieder hoch und fuhr herum.
»Was? Aber …«
»Nichtmagische Mittel sind verboten!« Der schnauzbärtige Typ durchbohrte ihn mit den Augen. Norman ballte die Fäuste. Dann ließ er sie sinken. Brachte ja eh nichts. Sie waren zu schlecht. Egal, ob er sich mit dem Kerl stritt oder nicht, sie hatten verloren.
Zehn Minuten lang standen sie herum und Heimfried entschuldigte sich immer wieder.
»Es tut mir leid, dass ich so miserabel bin«, murmelte er. »Vielleicht kannst du noch einen anderen Partner bekommen, wenn du fragst.«
»Mich will doch keiner.« Norman steckte die Hände in die Taschen des Bademantels. Das Versagen lag ihm bleischwer auf der Seele. »Ich bin genau so mies. Und zusammen sind wir extra-scheiße.«
»Ja.« Heimfried sah zu Boden. Er atmete tief ein, dann lächelte er verzagt. »Trotzdem danke, dass du … dass du mich nicht alleingelassen hast.«
»Warum hätte ich dich denn …« Norman schüttelte den Kopf. »Bitte.«
Ein lautes Tröten verkündete das Ende des Rennens. Ja, sie waren die Letzten.
Der schnauzbärtige Beamte bedeutete ihnen, sich durch eins der fertigen Löcher zu quetschen. Das taten sie. Auf der anderen Seite war der Park auch ein Park. Ein idyllischer, kurviger Weg führte zwischen rotblättrigen Bäumen hindurch bis zum Ziel. Mutlos latschten sie über den Pfad und jede Menge Bretter, unter denen sich irgendetwas verbarg. Sie konnten die anderen Studenten nicht sehen. Die mussten ganz hinten um eine Ecke verschwunden sein.
Heimfried wandte sich zu der Mauer um.
»Was denkst du, was sie mit der machen? Ist die immer hier?«
»Ne, die löst sich schon auf«, brummte Norman. »Stimmt ja, du siehst das nicht. Merkst du, dass die Tropfen, die runterlaufen, nie bis zum Boden kommen?«
»Oh, ja.« Heimfried blinzelte. »Jetzt, wo du es sagst …«
»Das Eis wird wieder zu reiner Magie. Zu diesen komischen Schlieren in der Luft.«
»Oh, du meinst, sie kehrt in ihren Ursprungszustand zurück?« Erneut blitzte ein scheues Lächeln auf. »Das würde ich gern sehen. Du hast Glück.«
»Ist nichts Besonderes.« Norman zuckte mit den Achseln.
Бесплатный фрагмент закончился.
