Читать книгу: «Zivilstand Musiker»


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Dieses Buch ist nach den aktuellen Rechtschreibregeln verfasst. Quellenzitate werden jedoch in originaler Schreibweise wiedergegeben. Hinzufügungen sind in [eckigen Klammern] eingeschlossen, Auslassungen mit […] gekennzeichnet.
Umschlagbild
Alexander Schaichet, Jena 1913
Fotografie: Alfred Bischoff, Jena
Lektorat
Rachel Camina, Hier und Jetzt
Gestaltung und Satz
Simone Farner, Naima Schalcher,
Zürich
Bildbearbeitung
Benjamin Roffler, Hier und Jetzt
ISBN Druckausgabe 978-3-03919-481-0
ISBN E-Book 978-3-03919-953-2
E-Book-Herstellung und Auslieferung:
Brockhaus Commission, Kornwestheim
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© 2020 Hier und Jetzt, Verlag für Kultur und Geschichte GmbH, Baden, Schweiz
www.hierundjetzt.ch
Sehr gerne habe ich zugesagt, für dieses Buch zu Ehren von Alexander Schaichet und seinem 1920 gegründeten ersten Kammerorchester der Schweiz das Vorwort zu schreiben. Es gab nämlich einen direkten Zusammenhang zwischen dem grossen Musiker und Pädagogen und meiner Familie: Mein Grossvater väterlicherseits war vor dem Ersten Weltkrieg in Warschau als junger Kapellmeister tätig gewesen und musste nach Ausbruch des Kriegs in die Schweiz zurückkehren. Als Musikdirektor im aargauischen Wohlen veranstaltete er mit dem Orchester Wohlen und dem gemischten Chor Harmonie ganze Saisonprogramme. Zum Auftakt der Saison 1924/25 hatte er als Solisten das Ehepaar Irma und Alexander Schaichet eingeladen!
Als Alexander Schaichet 1914 bei einem Ferienaufenthalt in der Schweiz vom Ausbruch des Ersten Weltkriegs überrascht wurde und deshalb eine Rückkehr nach Jena nicht mehr möglich war, existierte das Tonhalle-Orchester als erstes Berufsorchester der Schweiz bereits seit 46 Jahren. Der aufgrund seiner grossen kulturellen Erfahrung in den verschiedensten Ländern und Funktionen tätig gewesene Musiker erkannte rasch, dass es neben dem grossen Orchester ein kleineres Ensemble mit anderer Ausrichtung brauchte. Dank seinem unermüdlichen Schaffen und seiner Überzeugungskraft erreichte er dieses Ziel.
Für einen solchen Schritt benötigt es immer Persönlichkeiten, die Mut und Unternehmertum an den Tag legen. Die Person Alexander Schaichet verfügte vermutlich nicht zuletzt wegen seiner Biografie über beides. Bei Ausbruch des Ersten Weltkriegs konnte der Immigrant weder nach Deutschland noch nach Russland zurück und blieb – glücklicherweise – in der Schweiz. Nicht nur war er ein begnadeter Pädagoge und das Tonhalle-Orchester profitierte von Musikerinnen und Musikern, die durch ihn ausgebildet wurden. Es war Alexander Schaichet auch ein grosses Anliegen, Schweizer Komponisten zu fördern und deren Werke zur Aufführung zu bringen.
Diesem Bestreben leben heute sicherlich alle Orchester auf dem Platz Zürich nach. Die Frage lautet höchstens: Ist das Publikum in den Bereichen Klassik und E-Musik noch so neugierig wie damals?
Unbestritten braucht es auch heute noch Persönlichkeiten wie Alexander Schaichet, um kulturelle Werte zu schaffen und zu vermitteln. Hoffen wir, dass Vorbilder, wie er eines war, auch in Zukunft junge Leute ermutigen, in seinem Sinne fortzufahren. Dieses Buch leistet seinen Beitrag dazu.
Martin Vollenwyder, Präsident der
Tonhalle-Gesellschaft, Zürich
Ein Verzeichnis der aufgeführten Konzerte des Kammerorchesters Zürich von 1920 bis 1943 findet sich unter www.schaichet.ch/konzertverzeichnis
Inhalt
Krisen und Dynamik der jungen Grossstadt
Zürich in den frühen 1920er-Jahren Von Christoph Wehrli
Eine Pioniertat mit weitreichenden Folgen
Die wechselhafte Geschichte des Kammerorchesters Zürich 1920–1943 Von Verena Naegele
Vom Schriftenlosen zur prägenden Figur des Zürcher Kulturlebens
Ein Porträt Von Michael Eidenbenz
«Er war auch Psychologe»
Ehemalige Schülerinnen und Schüler erinnern sich Von Esther Girsberger
Klavierstunde
Ein Essay Von Dieter Ulrich
Das Kammerorchester vorgestern, gestern und heute
Stationen in der Entwicklungsgeschichte einer Institution Von Peter Hagmann
Anhang

Das Zürich, in dem sich Alexander Schaichet seit 1914 aufhielt und wo er 1920 ein Kammerorchester gründete, war als Grossstadt (nach schweizerischen Begriffen) erst wenige Jahrzehnte alt, heterogen und lebendig. Die Zuzüger aus dem In- und Ausland waren weit zahlreicher als die Stadtbürger, gegensätzliche geistige und politische Strömungen trafen zusammen, es war ein Ort der technischen und gesellschaftlichen Modernisierung. Die Jahre, auf die sich der folgende Beitrag konzentriert, waren zudem geprägt durch Wechsel von Zwängen der Kriegszeit zu Friedenseuphorie und von einer Krise zu einem längeren Aufschwung.
1921 zog der 16-jährige Elias Canetti von Zürich, wo er fünf Jahre verbracht hatte, mit seiner Mutter nach Deutschland – sehr widerwillig. Später aber schrieb er: «Es ist wahr, dass ich, wie der früheste Mensch, durch die Vertreibung aus dem Paradies erst entstand.»1 Zehntausende von Menschen aus europäischen Ländern hatten in der Schweiz Zuflucht vor dem Krieg gefunden, darunter auch einfach vom Kriegsausbruch überraschte Reisende wie Alexander Schaichet. Viele nahmen die Arbeitsstellen militärisch einberufener Ausländer ein. Besonders in Zürich wurde die Kulturszene international belebt. 1919/20 kehrte ein grosser Teil freiwillig oder unfreiwillig in die jeweilige Heimat zurück.
War die Schweiz nicht nur in Canettis Bildungswelt ein (ereignisloses) Paradies? Das Land hatte den Krieg militärisch unversehrt überlebt, sah sich als Insel im stürmischen Meer, während es auch die Abhängigkeit vom internationalen Umfeld empfindlich gespürt hatte. Der Handel wurde durch die Kriegsparteien kontrolliert, zunehmende Versorgungsschwierigkeiten verschärften zusammen mit den Lasten des Militärdienstes die Not breiter unterer Schichten. Im Landesstreik im November 1918 kulminierten die sozialen und politischen Spannungen; nach dessen Abbruch unter dem Druck der eingesetzten Armee blieben Verbitterung auf der einen und Umsturzangst auf der anderen Seite (die Russische Revolution wirkte noch lange als Schock und als politisch eingesetztes Schreckgespenst). Die Spanische Grippe forderte 1918/19 rund 24 500 Todesopfer – in Zürich diente die Tonhalle als eines der Lazarette. Nicht zu übersehen ist aber auch eine Kontinuität, sei es im bürgerlichen Leben, in der Stadtentwicklung oder in anderen Bereichen.
Aufbrüche und Reaktionen in der Nachkriegszeit – Schweiz und Kanton Zürich
Die Wirtschaft2 befand sich insgesamt in keiner schlechten Ausgangslage. Etliche Unternehmen hatten von der Nachfrage aus kriegführenden Staaten profitiert, zum Beispiel konnte die Winterthurer Metall- und Maschinenbaufirma Sulzer Umsatz, Beschäftigung und Gewinn steigern. Die Entwicklung des Finanzplatzes hatte starke Impulse erhalten. Nachdem man erlebt hatte, was eine Verknappung ausländischer Kohle bedeutete, wurde die Elektrifizierung der Schweizerischen Bundesbahnen beschleunigt, zum Vorteil der Maschinen- und Elektroindustrie – in Winterthur und Oerlikon wurde ab 1919 die Güterzugslokomotive «Krokodil» produziert. Es bildete sich eine eigentliche Nachkriegskonjunktur aus, doch in der zweiten Hälfte 1920 setzte eine rund zweijährige Krise ein. Einer ihrer Gründe war der Zerfall der deutschen Währung, der die schweizerischen Exportunternehmen einer starken Preiskonkurrenz aussetzte. Es kam zu erheblicher Arbeitslosigkeit. Die sozialen Notmassnahmen waren indes ausgelaufen, während der Milchpreis in Zürich auf 50 Rappen stieg (bei einem Medianeinkommen der Männer von rund 400 Franken).3
Teilweise parallel scheint sich die politische Konjunktur entwickelt zu haben. Vorerst galt es, Konsequenzen aus der Konfrontation im Landesstreik vom November 1918 zu ziehen, und dies geschah auf unterschiedliche Weise. Der Eindruck der europäischen Katastrophe, dann die Erwartung des Friedens und das Gefühl, vor einer offenen Zukunft zu stehen, begünstigten darüber hinaus offenbar grundsätzliche Reflexionen.
Sehnsucht nach Harmonie
Auffällig ist – in einer Zeit verbreiteter Bedürftigkeit – die Kritik am «Materialismus», an der Rolle des Geldes, am Kampf der partikularen Interessen. «Der rücksichtslose, seichte Materialismus muss einer höheren Weltanschauung weichen», lautet einer von elf Gedanken, die der Schweizerische Bund für Reformen der Übergangszeit4 1919 publizierte. Leitbegriff ist der auf Ehrlichkeit, Gerechtigkeit und Freiheit beruhende «Sozialstaat», in dem der Klassenkampf gegenstandslos wird. Das Manifest der – kurzlebigen – Vereinigung, der Personen aus Wirtschaft und Gewerkschaften, Politik, Militär und Kultur angehörten, war gewiss beeinflusst von Leonhard Ragaz.5 In seinem Buch «Die neue Schweiz» (1917), einem «Programm für Schweizer und solche, die es werden wollen», nannte der Begründer der religiös-sozialen Bewegung die Vorkriegszeit eine «Zeit der Veräusserlichung und der Entseelung». Dem Kapitalismus und dem Egoismus wollte er eine sittlich verbundene Volksgemeinschaft entgegensetzen. Im inneren Konflikt mit der Kirche und der vorherrschenden Wissenschaft trat Ragaz 1921 von seiner Theologie-Professur zurück und widmete sich fortan besonders der Friedensbewegung.
Auf literarischer Ebene gehört in diesen Zusammenhang Jakob Bossharts 1921 erschienener Roman «Ein Rufer in der Wüste».6 Der tragische Held gerät in der Vorkriegsgesellschaft als konsequenter Idealist sowohl mit dem Unternehmer- als auch mit dem kämpferischen Arbeitermilieu in Konflikt. Eine Art Zivilisationskritik findet sich ebenfalls in Parteidokumenten. «Im Protzentum und in elender Moral geht ein guter Teil unserer schweizerischen Einfachheit und Ehrenhaftigkeit zugrunde», hielten die Junioren der Zürcher Freisinnigen 1920 fest.7 Konkretisiert hat sich das Bestreben, «dem verderblichen Materialismus einen Damm zu bauen», in der Gründung der Evangelischen Volkspartei (EVP, 1917 im Kanton Zürich, 1919 auf schweizerischer Ebene), die sich ausserhalb des Gegensatzes von Bürgertum und Arbeiterschaft stellen wollte.8 Im Übrigen scheint sich diese Welle verlaufen zu haben. Man mag sie als Ausdruck eines Unbehagens angesichts der internationalen industriellen Zivilisation, der sozialen Zerklüftung und von Tendenzen zur Individualisierung interpretieren.
Zu dem, was man Modernisierungskritik nennen kann, fügten sich eine Idealisierung des ländlichen Lebens und ein Bild der Stadt als eines in jeder Beziehung ungesunden Orts. Die Bauernschaft halte den Städter «für einen halben oder ganzen Müssiggänger, für einen Weichling und Genüssling», formulierte Leonhard Ragaz gewiss übertreibend; besonders hasse sie die sozialistischen Arbeiter.9 Im Landesstreik waren bewusst ländliche Truppen eingesetzt worden, und für die Grippeopfer unter den Soldaten machten manche wiederum die Sozialisten verantwortlich. Schon gegen die Eingemeindung, die Zürich 1891/93 aufgrund einer kantonalen Abstimmung schlagartig zur grössten Stadt der Schweiz machte, waren bäuerliche Organisationen angetreten, indem sie ein «neues Babylon» oder ein «kleines London» als Schreckgespenster an die Wand malten (wobei sie die Tonhalle als «Heulkasten» bezeichneten). Ähnlich befürchteten manche mit der Einführung des Proporzwahlrechts 1916 eine Stärkung des «Stadtmolochs».10
Eine andere Kritik richtete sich gerade gegen ländlich-nationale Mythen. Der Schriftsteller Jakob Bührer nahm sich «Das Volk der Hirten» satirisch vor, machte in «Marignano» einen Dienstverweigerer zur zentralen Figur und formte in seinem Stück «Ein neues Tellenspiel» (1923) den Helden zu einem Weltbürger um, der auf Distanz zum Rütlischwur der Besitzenden geht und von einem universalen Aufstand aller Leibeigenen und Hörigen träumt.11 Die Bühnenwerke wurden erstmals in Zürich aufgeführt.
Als Bewegung des individuellen, inneren Aufbruchs – nach dem Bruch mit Bestehendem – nahm in dieser Zeit die Psychoanalyse einen Aufschwung. Um Carl Gustav Jung bildete sich 1916 der Psychologische Club Zürich als fachlicher wie auch persönlicher Kreis, von dem verschiedene weitere Aktivitäten, von der Vortragsveranstaltung bis zum Tanzkurs, ausgingen.12
Irma Löwinger und Alexander Schaichet auf dem Zürichsee, 1918.
Einseitiger Patriotismus
Überwand ein im Krieg belebter Patriotismus gesellschaftliche Trennungen? Mit Blick auf die deutsch-welsche Divergenz hatte Carl Spitteler mit seiner berühmten Rede im Dezember 1914 bewusst gemacht, «dass der politische Bruder uns nähersteht als der beste Nachbar und Rassenverwandte». Auch ein soziales Werk konnte als Beitrag zur Erneuerung der Schweiz verstanden werden. So wollte Maurice Champod, Propagandachef der Firma Maggi und dann Initiant der im Kern 1917 in Winterthur gegründeten Pro Senectute, mit seinem «Appell an den vaterländischen Sinn […] das Gefühl der Zusammengehörigkeit stärken».13
Besonders trat allerdings der militärische Aspekt des Patriotismus hervor. Der Aktivdienst konnte eine verbindende Erfahrung sein. In Robert Faesis «Füsilier Wipf» wird zudem bilanziert: «feldtüchtig – welttüchtig» –, eine Kurzformel für die Erziehungsfunktion der Armee.14 Für die vom Krieg «zu des Vaterlandes Schutz» geforderten Opfer wurde auf Initiative der kantonalzürcherischen Unteroffiziersgesellschaft das flammenförmige Denkmal auf der Forch errichtet. An dessen Einweihung durch den Bundespräsidenten und weitere Behördenvertreter (ohne die Zürcher SP-Stadträte) nahmen 1922 Zehntausende von Personen teil. Die meisten der 371 in der Kriegszeit ums Leben gekommenen Wehrmänner waren Opfer der Grippeepidemie während des Ordnungsdienstes gegen den Landesstreik. Daher wird das Monument überspitzt auch als «Siegerdenkmal des Zürcher Bürgertums gegenüber der Arbeiterbewegung» interpretiert.15
Als tatsächlich eingesetztes Instrument zur Verteidigung der bürgerlichstaatlichen Ordnung wirkte die Armee jedenfalls auch polarisierend. «Es kann nur von Gutem sein, wenn der Stadt Zürich das internationale Bild durch einen vaterländischen Einschlag, den Anblick des Militärs, etwas verdorben wird», meinte Divisionär Emil Sonderegger im Mai 1919, als sich die Regierung für den Rückzug der Ordnungstruppen aus Zürich aussprach.16 Anlässlich des Landesstreiks formierten sich zudem Bürgerwehren, Organisationen von Freiwilligen zur Unterstützung der Ordnungstruppen. Die Zürcher Stadtwehr trat namentlich beim lokalen Generalstreik im August 1919 in Funktion, musste aber grösstenteils untätig bleiben. Der als Dachorganisation der Bürgerwehren gegründete Schweizerische Vaterländische Verband stellte einen «Werkdienst» (als Streikbrecher) auf, spielte im Hintergrund eine gewisse politische Rolle und betätigte sich später insbesondere als Zuträger des Staatsschutzes.17
Der Anfang des Jahrhunderts aufgekommene Diskurs der «Überfremdung» erhielt eine gewisse Eigendynamik. Der Anteil der Ausländer in der Schweiz betrug 1914 rund 15 Prozent, in Zürich das Doppelte, ging dann jedoch zurück. Leonhard Ragaz sah «unser Volkstum […] mit Auflösung bedroht».18 Das Thema kam auch an einem kantonalen Parteitag des Freisinns Ende 1919 zur Sprache.19 Ein Ausweg wurde nicht nur in Restriktionen gesehen, wofür die Schaffung der Eidgenössischen Fremdenpolizei 1917 steht, sondern ebenso in vermehrten Einbürgerungen. Virulenz gewann ein negatives Ausländerbild durch die spezifische Verbindung mit Antikommunismus (dem Verdacht sowjetischer Agitation) und allenfalls auch Antisemitismus.20 Revolutionären Umtrieben sollte ein verstärkter Staatsschutz entgegenwirken. Die betreffende Strafrechtsrevision, die «Lex Häberlin», scheiterte aber 1922 in einer eidgenössischen Abstimmung. Gleichzeitig wurden zwei ausländerfeindliche Initiativen aus Kreisen des Vaterländischen Verbands massiv verworfen. Die kantonalzüricherischen Stimmberechtigten sagten 1923 knapp Ja zur Forderung einer Initiative, den Ausländern (in fragwürdiger Analogie zum Militärpflichtersatz) eine Sondersteuer aufzuerlegen. Die zur Umsetzung des Beschlusses nötige Verfassungsänderung wurde aber 1927 verworfen.21
Vom «sozialen Galopp»zum Bürgerblock
Der Bundesrat ging nach dem Landesstreik auf einige Reformanliegen ein. Schon auf Anfang 1920 wurde im Industriesektor die 48-Stunden-Woche gesetzlich eingeführt. Mitte 1919 legte die Landesregierung dem Parlament einen Verfassungsartikel über die Alters- und die Invalidenversicherung vor. Nach dem «sozialen Galopp» kam dieses Projekt aber nur sehr mühsam voran. Hatte der Bundesrat in der Krisensitzung des Parlaments 1918 eine Beteiligung der Sozialdemokratischen Partei (SP) an der Regierung und allenfalls deren Vergrösserung auf neun Mitglieder befürwortet, war von solchen Schritten bald nicht mehr die Rede. Im Gegenteil: 1919/20 erhielten die Konservativen einen zweiten Sitz, und gewählt wurde, als Nachfolger des Liberalen Gustave Ador aus Genf, der Freiburger Jean-Marie Musy, der sich nach dem Landesstreik besonders unversöhnlich exponiert hatte.
Schwankungen wie in der Bundespolitik sind auch bei den Zürcher Freisinnigen festzustellen.22 Im Mai 1919 stellte die kantonale Partei ein neues Programm auf und forderte – gegen den Widerstand von Gewerbe- und Industrievertretern – unter anderem eine staatliche Altersversicherung, die Förderung des Wohnungsbaus, eine Steuerreform und das Frauenstimmrecht. Schon nach den Nationalratswahlen des gleichen Jahres begann sie, wieder von anderen Kräften dominiert, von diesen Positionen abzurücken. Sie setzte auf die Wirkung einer starken Wirtschaft und wollte die staatliche Sozialpolitik auf Notsituationen beschränken. Insgesamt ergab sich eine eher defensive Politik.
Die Konstellation hatte sich in verschiedener Hinsicht geändert. Der Wechsel vom Majorz- zum Proporzwahlsystem (1916/17 im Kanton Zürich, 1918/19 auf Bundesebene) schwächte den bis anhin dominierenden Freisinn im Parlament ganz erheblich. Hinzu kam als neuer Faktor auf der rechten Seite die Bauernpartei.23 Die 1917 innerhalb des Landwirtschaftlichen Kantonalvereins gegründete Organisation diente als Interessenvertretung eines Teils der Wirtschaft und der Bevölkerung, der sich im Krieg seiner Bedeutung für die Landesversorgung bewusst geworden war, sich aber Sorgen um seine Zukunft in der Industriegesellschaft machte. Politisch sahen sich die Bauern speziell innerhalb der Freisinnigen Partei (FP) zurückgesetzt. Die Bauernpartei (1951 BGB, seit 1971 SVP) hatte auch einen allgemein konservativen Zug, indem sie gegen Bolschewismus, Überindustrialisierung, Überfremdung und grossstädtische Lebensweise ankämpfen wollte. 1919 errang sie auf Anhieb eine starke Position im Kantonsrat24 und einen Sitz in der Regierung, im folgenden Jahr kam ein zweiter Vertreter in der Exekutive hinzu.
Der doppelte Machtverlust des Freisinns wurde durch die bürgerliche Blockbildung mehr oder weniger kompensiert, zumal da auf Bundesebene auch die Konservativen, die einstigen Gegner, in der Allianz waren. Im Kanton Zürich spielte die damalige Christlichsoziale Partei25 eine weit geringere Rolle, obschon der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung 1920 fast 21 Prozent (wovon gut ein Drittel Ausländer war) erreichte.
Gleichzeitig liess der unmittelbare Druck der Linken etwas nach. Die Entwicklungen in Deutschland und das Ende der Räterepublik in Ungarn dürften Revolutionserwartungen gedämpft haben. Ein allgemeiner Streik, zu dem die Arbeiterunionen Basel und Zürich im August 1919 aufriefen, scheiterte rasch unter dem Druck eines erneuten Truppeneinsatzes, bei dem vier Personen getötet wurden.26 Die SP konnte zwar dank Proporzverfahren ihre parlamentarische Position verbessern, blieb aber klar in der Minderheit und weitgehend isoliert. Hinzu kam die interne Auseinandersetzung um den Beitritt zur Dritten oder Kommunistischen Internationale. Die Mitglieder beschlossen 1919 und 1921 in Urabstimmungen, der Parteienorganisation nicht, beziehungsweise nicht zu Lenins Bedingungen, beizutreten, worauf sich die Minderheit als Kommunistische Partei (KP) abspaltete. In ihrem Programm von 1920 hielt die SP allerdings am Weg der «Diktatur des Proletariats» fest und bestärkte damit eine bürgerliche Abwehrhaltung.
Die Blockbildung machte die Lage der Parteien im Bereich zwischen den Polen schwieriger. Die einst mächtigen Demokraten hatten nach dem Verlust des bäuerlichen Flügels vor allem noch in der wachsenden Angestelltenschaft eine Basis. Der reformerisch-linke Grütliverein verlor rascher an Bedeutung und löste sich 1925 auf, mit der Empfehlung an die Sektionen, sich der SP anzuschliessen.
Das «Reformfenster» nach dem Krieg war auch für die politische Gleichberechtigung der Frau kurze Zeit offen. Der Zürcher Kantonsrat unterstützte eine Initiative von 75 seiner Mitglieder für das Frauenstimmrecht, doch erreichte diese 1920 nur einen Stimmenanteil von zwanzig Prozent (27% im heutigen Bezirk Zürich, 4% im Bezirk Dielsdorf).27 Schon 1911 war im Kanton die Verfassungsgrundlage für die gesetzliche Einführung des Frauenwahlrechts für bestimmte Behörden geschaffen worden. Sogar einzelne Schritte wurden aber vom Volk blockiert.
Schwache Basis für den Völkerbund
Aussenpolitisch erlebte die Schweiz ebenfalls eine Phase des Aufbruchs. Die von der Völkerbundsidee ausgehenden Hoffnungen auf eine neue Zeit hatten weite Kreise erfasst. Der Bundesrat strebte nach einer Beteiligung an dieser Friedensordnung und handelte Sonderbedingungen aus, wonach sich der neutrale Staat nur an wirtschaftlichen, nicht aber an militärischen Sanktionen zu beteiligen hatte. Noch vor der Volksabstimmung allerdings wurden hohe Erwartungen enttäuscht, indem die Mitgliedschaft der USA im Senat nicht die nötige Mehrheit fand. In der Schweiz stiess der Beitritt auf eine gegensätzliche Opposition: Auf der Linken weckte der Völkerbund Argwohn, weil Sowjetrussland fernbleiben musste, in deutschfreundlichen Kreisen analog, weil das besiegte Reich ausgeschlossen war. Die bürgerlichen Parteien sagten Ja, auch die Zürcher Bauern, da es (bezogen auf die Schweiz und die Friedensordnung) unwürdig wäre, «wenn wir dort ernten wollten, wo wir nicht gesät haben».28 Nach einem heftigen Abstimmungskampf29 ergaben sich ein deutliches Volks- und ein knappes Ständemehr. In Kanton und Stadt Zürich überwog die Ablehnung.
Nach ihrer Abstimmungsniederlage blieben germanophile Kräfte aktiv.30 Ihr publizistisches Instrument waren die Schweizerischen Monatshefte (1921), als politische Organisation wurde im gleichen Jahr der Volksbund für die Unabhängigkeit der Schweiz gegründet, und dem kulturellen Anliegen widmete sich der (ältere) Deutschschweizerische Sprachverein, der sich nicht nur um die Dialekte kümmerte, sondern durch den Versailler Vertrag das ganze Deutschtum in seiner Existenz bedroht sah. Zu den oft mehrfach Beteiligten gehörten der Obergerichtspräsident Theodor Bertheau, der spätere Frontist Hans Oehler, Oberst Fritz Rieter, der frühere Generalstabschef Theophil Sprecher und Pfarrer Eduard Blocher. Offenbar aus solchen reichsfreundlichen Kreisen um Blocher und den «Kriegstheologen» Adolf Bolliger wurde gegen den westlich orientierten Historiker und Redaktor der Neuen Zürcher Zeitung (NZZ) Eduard Fueter eine Diffamierungskampagne geführt, die 1921/22 den Abbruch von dessen vielversprechender Laufbahn erzwang.31 Ulrich Wille, Sohn des Generals, pflegte Beziehungen zu deutschnationalen und zu nationalsozialistischen Politikern; in seinem Haus hielt Adolf Hitler im August 1923 eine Rede, um finanzielle Gönner zu gewinnen.32
Von der Austerität zum Aufschwung der Stadt
Viele soziale und auch weltanschauliche Gegensätze, die sich damals in der Schweiz und im Kanton manifestierten, hatten ihren Brennpunkt in der Stadt Zürich. Zugleich bildete diese als Zentrum der – immer wieder kontroversen – Modernisierung einen Gegenpol zum Land.
Durch den Zusammenschluss mit elf Nachbargemeinden war Zürich 1893 von 28 000 auf 120 000 Einwohner gewachsen. 1912 erreichte die Zahl vor allem durch weiteren Zuzug in die neuen Stadtquartiere 200 000 Personen; und nach einem Auf und Ab nahm sie von 1922 bis 1930 nochmals um einen Viertel zu.33 1920 lebten in Zürich 38,5 Prozent der Kantonsbevölkerung; die Hauptstadt und Winterthur hatten damals also demografisch ein grösseres relatives Gewicht als nach dem Zweiten Weltkrieg, als die Agglomerationen expandierten. Auch in wirtschaftlicher Hinsicht verstärkte sich die Konzentration, indem die in verschiedenen Regionen angesiedelte Textilindustrie längerfristig im Niedergang war, während die zukunftsträchtigeren Zweige wie die Maschinenindustrie eher an städtischen Standorten waren – ganz zu schweigen von den grossen Banken und Versicherungen, die sich im Aufstieg befanden.
Demografischer und sozialer Wandel
Der Anteil von Industrie und Gewerbe an der Beschäftigung34 lag 1920 in Zürich mit 44 Prozent im schweizerischen Durchschnitt; allerdings standen mehrere Fabriken im damaligen Vorort Oerlikon. Typisch war demgegenüber die starke Stellung des Handels und der übrigen Dienstleistungen, womit auch der wachsende Anteil der Angestellten zusammenhing. In den Banken arbeiteten wenige tausend Personen. Im Lauf des Jahrzehnts entwickelte sich indessen das internationale Geschäft neu, darunter die Platzierung von Anleihen wie auch die Vermögensverwaltung. Nicht zu vergessen ist die Versicherungsbranche, die sich weitgehend auf Zürich konzentrierte.
Die Stadt war ein Anziehungspunkt, die Bewegung ging aber in beide Richtungen. Zu- und Wegzüge machten mindestens in einzelnen Jahren je rund ein Fünftel der Bevölkerung aus.35 Im ganzen Kanton lebten 1920 nur noch dreissig Prozent der Einwohner in ihrer Heimatgemeinde.36 Besonders über das Lehrerseminar und die Universität gelangten Nichtstadtzürcher auch in höhere Positionen, wie nicht zuletzt die Zusammensetzung des Stadtrats illustriert.37 Geringer als die geografische war die soziale Mobilität; die Gesellschaft war fragmentiert. Die Angestellten brachten allerdings eine gewisse Dynamik ins Gefüge.38 Der demografische Wandel war in der Stadt rascher als auf dem Land. Im deutlichen Sinken der Geburtenrate sah der damals in den Stadtrat gewählte Arzt Hermann Häberlin 1920 eine Gefahr für die «Rassenhygiene».39 Als Faktoren nannte er die Verhütung, ein höheres Heiratsalter und die häufigere Ehelosigkeit von Frauen; als Gegenmittel postulierte er mehr «wirtschaftlichen Schutz der Familie in jeder Beziehung». In Veränderung waren letztlich Werthaltungen, indem etwa der Konsum mehr Gewicht erhielt (Häberlin sprach von «Ansprüchen eines übertriebenen Lebensgenusses»). Demgegenüber propagierte wenig später das sozialistisch engagierte Ärztepaar Fritz und Paulette Brupbacher-Raygrodski die Sexualaufklärung und die bedingte Legalisierung des Schwangerschaftsabbruchs.
Die Berufsarbeit von Frauen war von gegenläufigen Tendenzen beeinflusst: vom Rückgang der Beschäftigung in der Textilindustrie und vom Wachstum des Dienstleistungssektors, vom Ideal der häuslichen Mutter und vom Streben nach Selbstständigkeit. 1920 waren nur 19 Prozent der verheirateten, verwitweten und geschiedenen Frauen erwerbstätig, nach einer anderen Quelle machten weibliche Beschäftigte fast vierzig Prozent aus.40 Von beruflicher Aufwertung zeugen etwa die 1920 gegründete Soziale Frauenschule (für freiwillige und besoldete «Hilfskräfte»), die Schaffung der Schweizerischen Zentralstelle für Frauenberufe (1923) und der Wohnkomplex «Lettenhof» für erwerbstätige, alleinstehende Frauen.41 1920 wurden die ersten zwei reformierten Theologinnen ordiniert. Doch der Beschluss der Synode, Frauen zum vollen Pfarramt zuzulassen, wurde von der Regierung nicht genehmigt; denn er falle nicht in den Autonomiebereich der Kirche, sei vielmehr vom Gesetzgeber zu treffen. Das Bundesgericht schützte den Regierungsentscheid.42
Erstes öffentliches Konzert des Kammerorchesters Zürich zusammen mit dem Kinderstreichorchester Zürich, am 24. März 1920 im Kaufleuten.
Das 1917 von Alexander Schaichet gegründete Kinderstreichorchester Zürich.
Mitglieder des Kammerorchesters Zürich, 1922, von links nach rechts: vorne (am Boden) Jacob Fegel, Israel Felizian, Ruth Bircher, Else Stüssi, Hela Jamm. Sitzend: Lucie Bernhard, Mascha v. Monakow, Martha Fortner, Alexander Schaichet, Oskar Mertens, Martha (May) Füchslin. Stehend: Fritz Stüssi, Regina Schein, Fredy Hotz, Gertrud Goos, Anton v. Schulthess, Bettina Zweifel (später Geigerin und Ehefrau von Meinrad Inglin), Walter Mertens, Edith Vogt, Joachim Ernst, Hans Dreifuss, Ernst Züblin, Willy Bircher, Hans Ebner, Marga Donati, Hans Pruppacher, Annie van der Meulen.
Etablierte Sozialdemokraten
Politisch unterschied sich die Lage in der Stadt von der gesamtkantonalen erheblich. Die Bauernpartei war konsequenterweise nicht präsent, es fehlte auch eine andere betont konservative Gruppierung. Schon 1910 waren vier von neun Mitgliedern des Stadtrats Sozialdemokraten, drei waren Freisinnige und zwei Vertreter der Demokratischen Partei. Diese stellte von 1917 bis 1928 auch den Stadtpräsidenten, Hans Nägeli. Der ausgebildete Theologe war ein erfahrener Mann der Verwaltung und seit 1907 Stadtrat; als guter Repräsentant und Interessenvertreter der Stadt gelobt, scheint er sich politisch sonst nicht besonders profiliert zu haben.43 In der Zusammensetzung der Exekutive nach Parteien kam es in dieser Zeit nur zu kleineren Veränderungen.
Seitens der Sozialdemokraten kamen trotz aller kämpferischen Rhetorik vor allem solche Personen zum Zug, die bereit waren, die begrenzten kommunalen Handlungsmöglichkeiten für unmittelbare Verbesserungen zugunsten der breiten Bevölkerungsschichten zu nutzen und sich auch für andere städtische Aufgaben zu engagieren. Die SP-Mitglieder des Stadtrats in der Zwischenkriegszeit waren vor ihrer Wahl alle im öffentlichen Dienst tätig gewesen (als Beamte, Lehrer, Richter usw.).44 Es gab zwar programmatische Überlegungen, die «Kommune zu einer der Urzelle der sozialistischen Gesellschaft zu machen»;45 der «Gemeindesozialismus» konnte aber den «kapitalistischen» Rahmen nicht sprengen und war eher eine Art Versorgungsetatismus. Dem vormaligen Pfarrer Paul Pflüger (Stadtrat von 1910 bis 1923) schwebte eine «alma mater» vor, die für alle und speziell auch für die Bedürftigen sorgt.46 Im Vordergrund standen indes Infrastrukturen, Wohnungen und Sozialversicherungen.
Prägend war als gestaltungswillige und integrationsfähige Person Emil Klöti, Lehrersohn aus Töss (Winterthur), Jurist, nach einigen Jahren in der kantonalen Verwaltung 1907 im Alter von dreissig Jahren in den Stadtrat gewählt, lange Zeit Bauvorstand, von 1928 bis 1942 Stadtpräsident, zudem 36 Jahre im eidgenössischen Parlament.47 Ein Sonderfall war Alfred Traber, Vertreter des linken Flügels. Gegen seinen Willen Polizeivorstand geworden, sah er sich dem Vorwurf der Passivität ausgesetzt, als im Juni 1919 Demonstranten das Bezirksgefängnis zu stürmen versuchten, wobei mehrere Personen ihr Leben verloren. Wegen Amtspflichtverletzung wurde er zu sechs Tagen Haft unbedingt verurteilt. Laut seiner Lebenserinnerungen48 kam es im Kollegium immer wieder zu Auseinandersetzungen zwischen Sozialdemokraten und Bürgerlichen; er selbst vertrat seine Minderheitsposition allenfalls auch im Parlament und bekannte sich durchaus zu «mangelnder Amtsbruderschaft». 1921 zur KP übergetreten, wurde er 1922 nicht mehr gewählt.
Auch die bürgerlichen Mandatsträger entsprachen nicht durchwegs dem polaren Schema. Der Freisinnige Gustav Kruck zum Beispiel trug die kommunalwirtschaftliche Politik aktiv mit.49 Eine interessante Figur war im Weiteren sein Parteikollege Hermann Häberlin, der 1920, im vierten Anlauf von seiner Partei nominiert, in den Stadtrat gelangte.50 Wegen seiner «thurgauischen» Sparsamkeit wurde er gelobt und gehasst. Er verfocht in einer Haushaltskrise die Privatisierung städtischer Betriebe, war allerdings in gewisser Hinsicht – als Arzt mit Berufserfahrung in den USA – ein sozialer Modernisierer (so fragwürdig heute seine schon erwähnten Theorien zum Geburtenrückgang sind). Häberlin war auch Mitglied des Internationalen Friedensbüros und engagierte sich stark für den Beitritt zum Völkerbund. Im gleichen Jahr wurde übrigens Ulrich Ribi in den Stadtrat gewählt, der letzte Grütlianer und später der erste Vertreter der EVP.
Drastische Haushaltssanierung
Die ersten Jahre nach Kriegsende waren recht bewegt. Auf den regionalen Streik im August 1919 reagierte der Stadtrat dem Personal gegenüber mit Massregelungen und Entlassungen.51 Arbeitsniederlegungen waren weiterhin nichts Aussergewöhnliches, blieben jedoch, wie etwa der dreimonatige Ausstand im Baugewerbe 1920, auf materielle Fragen und einzelne Branchen beschränkt. Der folgende Konjunktureinbruch traf die Stadt hart – von der Stimmung mag etwa die Erinnerung zeugen, dass Stadtrat Hermann Häberlin, der Versammlungen von Arbeitslosen besuchte, nachts zeitweise nur bewaffnet und in Begleitung eines Detektivs ausging.52
Die Stadt selbst war 1920 in eine akute Finanzkrise geraten. Die Massnahmen der letzten Kriegsjahre zur Versorgung der zahlreichen Bedürftigen und andere Faktoren hatten zu einem Defizit von vierzig Prozent der Einnahmen geführt, und die Grossbanken waren, möglicherweise auch aus politischen Gründen, ohne Garantie des Kantons zu keinen weiteren Krediten bereit. Die Stadt musste sich in den USA Geld zu einem Wucherzins leihen und sich unter kantonale Vormundschaft stellen, also namentlich die parlamentarischen Ausgabenbeschlüsse genehmigen lassen. Harte Sparmassnahmen, die Entlassung von mehreren hundert Arbeitern, Angestellten und Beamten sowie eine drastische Steuererhöhung führten zu einer baldigen Verbesserung, Mitte 1922 endete der «Garantievertrag» mit dem Kanton. Der wirtschaftliche Aufschwung verschaffte dann der Stadt wieder einigen Handlungsspielraum.
Wohnungsbau für die «Gartenstadt»
Ein dringliches Problem war die Wohnsituation der weniger bemittelten Menschen. Die Bevölkerungszahl war vor dem Krieg rasch gewachsen und hatte sich nur vorübergehend infolge des Wegzugs kriegsdienstpflichtiger Ausländer reduziert.53 Während des Kriegs liess die Verteuerung der Materialien die Bautätigkeit stark zurückgehen. Besonders auch die hygienischen Zustände waren in manchen Häusern erbärmlich. Insgesamt verfügten 1920 in Zürich 88 Prozent der Wohnungen über einen Abtritt, 26 Prozent über ein eigenes Bad und 10 Prozent über eine Etagen- oder Zentralheizung.54 In der Situation grosser Knappheit griffen die Behörden auch zu rein protektionistischen Massnahmen. So ermöglichte es gegen Kriegsende ein Bundesratsbeschluss, Personen ohne Ortsbürgerrecht (auch Schweizer) aus einer Gemeinde wegzuweisen. Der Zürcher Stadtrat machte, durch einen SP-Vorstoss dazu aufgefordert, von diesem Recht häufigen Gebrauch.
Der Bau kommunaler Wohnungen, vorerst nur für das eigene Personal, hatte schon vor dem Krieg begonnen, wurde 1918/19 mit einigen zum Teil noch kasernenartigen Projekten forciert, musste dann aber aus finanziellen Gründen vier Jahre unterbrochen werden. Ab Mitte des Jahrzehnts wurden weitere «Kolonien» angelegt, auch über eine städtische Stiftung. Eine Hebelwirkung hatte die Förderung des genossenschaftlichen und anderen gemeinnützigen Wohnungsbaus durch günstige Abtretung von Land, mit Beiträgen und Darlehen. Von 1924, als die Bedingungen dafür gelockert wurden, bis 1928 erstellte oder subventionierte die Stadt etwa 4800 neue Wohnungen, während rund 5500 private entstanden.55 In Volksabstimmungen fand diese Politik breiten Rückhalt.
Die Wohnbauprojekte waren einerseits Teil der Sozialpolitik, folgten andererseits einer städtebaulichen Konzeption. Zürich war Ende des 19. Jahrhunderts ohne eigentliche Planung gewachsen. Zunehmende Nutzungskonflikte, Versorgungs- und Verkehrsbedürfnisse legten es nahe, nach einer Ordnung für die Zukunft zu suchen. Nach dem Vorbild von «Gross-Berlin» wurde daher in Absprache mit dem Kanton und den Nachbargemeinden von 1915 bis 1918 ein Wettbewerb für einen Bebauungsplan durchgeführt, der in «Gross-Zürich» auch die Vororte einbeziehen sollte.56 Diese Lancierung zur Kriegszeit, nach längerer Vorbereitung, ist bemerkenswert, ebenso die Tatsache, dass ein Teilnehmer mit recht kühnen Visionen, Hermann Herter, in der Folge zum Stadtbaumeister ernannt wurde. Zu seinen Vorschlägen gehörten etwa ein neuer Hauptbahnhof links der Sihl mit zwanzig Gleisen, die massive Erweiterung beider Hochschulen auf der Hangkante, kreuzungsfreie Strassen, aber auch ein System grosszügiger Grünflächen im Sinn der «Gartenstadt» – einer Leitidee, die noch lange wirksam bleiben sollte. War damit in England um die Jahrhundertwende eine neue Stadt auf der grünen Wiese gemeint, so ging es in Zürich um grüne Korridore, eine freigehaltene Zone als Gürtel rund um die Stadt sowie um eine lockere Bebauungsart. Die «Gartenstadt», die sich natürlich nicht ganz konsequent realisieren liess, hob den Stadt-Land-Gegensatz gewissermassen auf und gab der Kapitale des Kantons neuartige Perspektiven. Und in den wohlgeordneten Siedlungen, am deutlichsten in den Kleinhaus-Kolonien, schienen sich soziale und (klein)bürgerliche Vorstellungen zusammenzufinden.
Um die Entwicklung zu steuern, erwarb die Stadt systematisch Grund und Boden. Zum einen wurden so Wiesen und Wälder geschützt, zum anderen wurde Land allenfalls mit Gewinn zur Erstellung von Einfamilienhäusern oder aber günstig für grössere Wohnungsprojekte veräussert. Bei der Gestaltung unterstützter Vorhaben sprach der Stadtbaumeister ein gewichtiges Wort mit. Unter anderem achtete er auf eine Anordnung, bei der ein öffentliches Gebäude dominant zur Geltung kam, zum Beispiel das Schulhaus Letten, um das sich geschwungene Wohnbauten (ab 1921) gruppieren. Eine radikale «Sanierung» der Altstadt – geplant war etwa ein Strassendurchbruch vom Zähringerplatz zum Pfauen – kam nicht zustande. Tiefgreifende Veränderungen zog hingegen etwa die Verlegung der zum linken Seeufer führenden Bahnlinie nach sich; über dem neuen Tunnel wurde eine repräsentative Achse, ausgerichtet auf den Bahnhof Wiedikon, angelegt. An privilegierten Lagen wie am oberen Zürichberg schritt die Erstellung von Villen und anderen Privathäusern voran. Monumental präsentiert sich etwa die 1920 eingeweihte Kirche Fluntern, wie die Universität ein Werk der Architekten Karl Moser und Robert Curjel.
Da es Höhe und Dichte der Bebauung zu vermeiden galt, vergrösserte sich der Flächenbedarf. Planer und Politiker dachten folglich auch an eine zweite Eingemeindung, zumal die Bevölkerungszahl ab Mitte des Jahrzehnts wieder stark zunahm. Eine Initiative, die über die heutige Stadt hinaus auch Kilchberg, Schlieren, Oberengstringen und Zollikon einschloss, wurde 1929 von den kantonalen Stimmberechtigten verworfen, eine zweite, sich auf acht Gemeinden beschränkende und somit Landgemeinden-verträglichere Vorlage erhielt 1931 mehr als eine Zweidrittelmehrheit.
Schritte zur Sozialversicherung
In der Sozialpolitik57 musste sich Zürich bis Mitte der 1920er-Jahre weitgehend auf die eigentliche Fürsorge und den Betrieb von Jugend- und Altersheimen beschränken. Die Verzögerung beim Aufbau von Versicherungssystemen auf Bundesebene bewirkte allerdings einen unverminderten Handlungsdruck auf Kantone und Gemeinden. 1926 führte die Stadt Zürich erhebliche kommunale Beiträge an Arbeitslosenversicherungen ein und errichtete selbst eine Kasse für die Bevölkerung. Zwei Jahre später trat, gestützt auf ein kantonales Gesetz, ein limitiertes Obligatorium der Krankenversicherung in Kraft, das 44 Prozent der Einwohner erfasste. Und Ende des Jahrzehnts folgte die Regelung der Altersbeihilfe mit garantierten Ansprüchen und fixierten Leistungen – eine wichtige Neuerung, auch wenn die über 65-Jährigen erst fünf Prozent der Bevölkerung ausmachten. Alle diese Aufwendungen hielten sich bis zur Krise in den 1930er-Jahren in Grenzen.
Expandierender Verkehr
Schon bald nach der ersten Eingemeindung hatten private Unternehmen zur Erschliessung der neuen Stadtquartiere elektrisch betriebene Tramlinien angelegt.58 Das nicht durchwegs zusammenhängende Netz reichte bis in Vororte wie Oerlikon, Seebach, Schlieren und Dietikon. Die 1896 gegründete Städtische Strassenbahn übernahm sukzessive die privaten Gesellschaften und baute das Netz weiter aus. In den frühen 1920er-Jahren kamen etwa die Strecken Rigiplatz – Irchelstrasse, Letzigraben – Albisrieden und Kirche Fluntern – Allmend hinzu, die letztgenannte Verbindung wurde 1924 knapp fünf Monate nach der Volksabstimmung eröffnet.59
Ideen für eine S-Bahn, wie sie im Stadtplanungswettbewerb aufgetaucht waren, verschwanden für Jahrzehnte, während der motorisierte Individualverkehr rasch zunahm. 1920 waren in Zürich 1400 Autos registriert, 1928 bereits 7000.60 Die erschreckend hohen Unfallzahlen – 1929 kamen 28 Menschen ums Leben, 61 2018 hingegen, bei 25-fachem Autobestand, 10 – sind Folge eines noch wenig geregelten Nebeneinanders von Fussgängern, Velos, Fuhrwerken und Autos (bei offiziellem Tempo 18 innerorts). Die Entwicklung stiess zwar auf Widerstand, gerade auch auf dem Land, wo die eigene Motorisierung geringer war. Die Kritik betraf aber eher nur einzelne Auswirkungen. Die Regierung erliess 1920 ein Fahrverbot an Sonntagnachmittagen im Sommer ausserhalb von Zürich und Winterthur62 und ersetzte es 1923 durch eine Reduktion der Höchstgeschwindigkeit. Ein Initiativbegehren «um vermehrten Schutz vor den Motorfahrzeugen», das unter anderem ein fünfstündiges Nachtfahrverbot und härtere Sanktionen verlangte, wurde 1924 klar verworfen.
Der Bahnverkehr verbesserte sich durch die Elektrifizierung des Netzes, namentlich der Verbindungen von Zürich nach Zug (1923), Olten und Winterthur (1925). Die Luftfahrt steckte noch in den Anfängen, entwickelte sich aber rasch, auch wenn 1920 zwei Mal ein Wasserflugzeug in den Zürichsee abstürzte. 1919 wurde ein Luftpostdienst innerhalb der Schweiz eingerichtet, 1923 bot eine britische Gesellschaft erstmals drei Flüge pro Woche von Zürich über Basel und Paris nach London an.63 Die Zahl der Passagiere stieg in sechs Jahren von 1302 auf 8493 (1929).64 Das Volk hiess zwar die staatliche Förderung grundsätzlich gut, sagte aber 1930 klar Nein zu einem grösseren kantonalen Kredit für den Ausbau des Flugplatzes Dübendorf, ohne damit das Vorhaben definitiv zu verhindern.
Kämpfe um neue Freizeitkultur
Ein gesellschaftlicher Wandel zeigte sich nicht zuletzt in der Art, wie die – spärliche, aber wachsende – Freizeit verbracht wurde. Der Sport65 nahm nach dem Krieg einen Aufschwung. Populär waren besonders Fussball, Leichtathletik und Radfahren, 1923 fand die Rad-Weltmeisterschaft in Zürich statt. Zur direkten Subventionierung von Sportvereinen fehlten der Stadt die Mittel. Sie verpachtete indes 1923 das Letzigrund-Areal an den Fussballclub Zürich und den Utogrund an die Arbeiter-Turn- und Sportvereinigung. 1922 ging nach einem Kampf gegen moralische Widerstände das städtische Strandbad («Sonnen-, Luft- und Schwimmbad») Mythenquai in Betrieb.66 Zur Ertüchtigung (in Badeanstalten) kamen damit Erholung und Vergnügen hinzu – dass eine signifikante Holzwand zwischen Männer- und Frauenbereich auf Druck des Publikums bald entfernt wurde, erschien als besonderer Durchbruch. Der individualistische Zug des Sports, besonders des Leistungssports, im Gegensatz zur kollektiven Disziplin des Turnens, weckte sowohl auf konservativer als auch auf sozialistischer Seite einigen Argwohn. Wegen der weltanschaulichen Spannungen verlor der Schweizerische Arbeiter-Turn- und Sportverband (Satus) Ende des Jahrzehnts zahlreiche Sportorganisationen als Mitglieder.
Ein Höhepunkt des Kammerorchesters Zürich war die Aufführung der Marionetten-Kurzoper «El retablo de Maese Pedro» von Manuel de Falla mit Bühnenbild und Figuren von Otto Morach im Juni 1926 am IV. Fest der Internationalen Gesellschaft für Neue Musik in Zürich.
Traditionelle Vergnügungen wie das Tanzen67 waren in der Kriegszeit unter Druck geraten. Sie entsprachen aber gerade auch damals einem Bedürfnis und erhielten kräftige neue Impulse aus Amerika – Jazz wurde zum Beispiel im Hotel Baur au Lac gespielt.68 Reglementierungen entsprachen demgegenüber auch einer konservativen Grundhaltung. Das 1915 vom Regierungsrat verhängte Verbot des fasnächtlichen «Maskentreibens» auf öffentlichem Grund wurde erst 1920 aufgehoben. Die Brennstoffverordnung des Bundesrats, eine Massnahme zur Sicherung der Versorgung, diente dazu, Wirtschaften und Unterhaltungsbetriebe auch im Sommer einzuschränken. Der kantonale Polizeidirektor, Mitglied der Bauernpartei, reduzierte 1920 die Zahl der Tanztage, wohingegen der Stadtzürcher Polizeivorstand für eine Ausdehnung eingetreten war. Die Kritik an «Festseuche» und «Vergnügungssucht», wie es etwa die Regierung nannte, hatte eine deutliche moralische Komponente. Sie entsprach den Bestrebungen der Kirche und von Organisationen wie den Sittlichkeitsvereinen. Während namentlich die Gemeinnützige Gesellschaft im Hang zum Festen eine potenzielle Ursache sozialer Not sah, argumentierten die Kirchenbehörden religiös, aber durchaus auch mit Blick auf die Schweiz. Nicht ein materialistischer und egoistischer Geist, hiess es im Bettagsmandat von 1921, sondern der Geist der göttlichen Gesetze und ein Geist der Zucht machten ein Volk stark.
Wie auch zu anderen Zeiten waren Kasinos besonders suspekt. Eine schon vor dem Krieg lancierte eidgenössische Volksinitiative für ein generelles Geldspielverbot wurde 1920 auch im Kanton Zürich klar angenommen. Das Verbot wurde 1928 gelockert und erst Ende des 20. Jahrhunderts aufgehoben. Weniger populär war die Idee einer Vergnügungssteuer. Eine entsprechende Kompetenzerteilung an die Gemeinden scheiterte 1922 in einer kantonalen Abstimmung. Das Schwanken der SP, die sich schliesslich gegen das «Asketengesetzlein»69 wandte, scheint insofern bezeichnend, als kommerzielle Unterhaltung nicht gerade sozialistischen Idealen, wohl aber einem allgemeinen Bedürfnis entsprach.
Ähnliches gilt für das «Theater der Armen»: Die Verbreitung des Kinos stiess auf erhebliche Widerstände, zum Teil auch bei Sozialdemokraten.70 Städtische Unterhaltungskultur war an sich nichts Neues. Seit 1884 bestand das Pfauentheater als Variétébühne, 1900 wurde das Corso-Theater eröffnet, das von Artistik über Kabarett bis zu Operetten vielerlei Unbeschwertes bot. Filme (bis in die späteren 1920er-Jahre «stumm», meist von separater Musik71 begleitet) galten indes rasch als unsittlich oder verrohend. Christian Beyel, unter anderem Zentralsekretär der Schweizerischen Gemeinnützigen Gesellschaft, sprach 1919 von einer «Schule für das Verbrechertum» und meinte, speziell mit den Bildern aus Amerika komme «die verpestete moderne Weltstadtluft in die Schweiz». Die Polizeidirektion des Kantons Zürich qualifizierte die «sogenannten Charlot-[Chaplin-]Filme» fast durchwegs als Schund. Die 1916 zusammen mit einem Verbot für Kinder eingeführte Überwachung der Kinos ermöglichte es nur, nachträglich einzugreifen. 1922 wurde daher die Vorzensur eingeführt. Der Erlass, den der Kantonsrat mit 121 gegen 33 Stimmen (aus SP und FP) guthiess, galt dann bis 1971. Dass sich die Zahl der – zum Teil sehr grossen – Kinos in Zürich in den 1920er-Jahren von 12 auf 24 verdoppelte, liess sich nicht verhindern. Gerade skeptische Kreise erkannten im Übrigen auch ein pädagogisches Potenzial und förderten über mehrere Organisationen Filme, die sich ihrer Meinung nach für die Schule oder zur Volksbildung eigneten.
Zentren des kulturellen Lebens
1918 eröffnete die Stadt bei der Wohnkolonie Letten ein Haus mit 14 Arbeitsräumen für Maler und Bildhauer.72 Die Idee war nach Kriegsausbruch aufgekommen, als Schweizer Künstlerinnen und Künstler aus dem Ausland zurückgekehrt und zum Teil in eine schwierige Lage geraten waren. Das schliesslich realisierte Atelierhaus erfüllte eine allgemeinere Funktion und wurde beispielsweise von Karl Geiser und Max Gubler benützt. Das Projekt – so dimensioniert, dass keine Volksabstimmung nötig war – zeigt ein kulturpolitisches Wohlwollen der politischen Behörden, wie es in der Kriegszeit nicht selbstverständlich erscheint.
In Zürich, das schon durch die Universität und das Polytechnikum (ETH) eine grenzüberschreitende Anziehungskraft ausübte, hatte sich seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert ein international offenes Kulturleben entwickelt. Die grossen, primär privat getragenen Institutionen erhielten neue Gebäude, das Stadttheater 1891, die Tonhalle 1893 mit dem prächtig verspielten, nicht jedermann gefallenden «Trocadero» und das Kunsthaus 1910. Das Stadttheater gelangte unter der Leitung von Alfred Reucker zu besonderer Blüte, und zwar im Schauspiel, das zunehmend auf die Pfauenbühne ausgelagert wurde, ebenso wie in der am Hauptstandort gepflegten Oper. Der Lesezirkel Hottingen, mit dem auch der Literarische Club verbunden war, entfaltete ein reiches Programm an Vorträgen, Lesungen, Konzerten und Kombinationen davon, ausserdem veranstaltete er glänzende Feste.73
Die internationale Vernetzung und Ausstrahlung der Stadt war sicher auch ein Grund, dass sich nach 1914 eine einzigartige Dichte von Literaten, Künstlern und Musikern, Revolutionären und Anhängern diverser Weltanschauungen ergab, die nach Zürich emigriert oder hier gestrandet waren.74 Nach Kriegsende verlor die Schweiz ihre Sonderstellung als Exilland. Dem Verlag beispielsweise, den Max Rascher gegründet hatte, um die «gesamteuropäische Idee» zu fördern und pazifistische oder andere in Deutschland verbotene Literatur zu publizieren, entschwand bald gewissermassen die Grundlage.75 Namentlich Kulturschaffende, die wegen des Kriegs in Zürich waren, kehrten in ihre Heimat zurück oder zogen weiter. Andere blieben definitiv in Zürich, nicht zuletzt etliche, die – wie ursprünglich Alexander Schaichet – aus dem nun revolutionierten Russland stammten. Auch sonst gingen die Nachwirkungen jener Konstellation sicher über das «Kaffeehausleben»76 hinaus. Der Jurist Wladimir Rosenbaum (in Minsk geboren, 1902 nach Genf gekommen) und seine Frau, die Schriftstellerin und Psychoanalytikerin Aline Valangin (Enkelin des Westschweizer Friedensnobelpreisträgers Elie Ducommun), die in der Dada-Szene wie auch im Psychologischen Club verkehrten, machten den 1926 erworbenen «Baumwollhof» ihrerseits zum Ort von Tanzfesten und Salongesprächen, in den 1930er-Jahren zudem, zusammen mit einem Haus im Tessin, zu einem Refugium für die neuen Emigranten.77
Ein andersartiges Beispiel ist, was Thomas Mann später das «Genie-Hospiz» nannte: Während des Kriegs hatten Lily und Hermann Reiff-Sertorius begonnen, jeden Mittwoch zu einem Empfang und meistens einem Hauskonzert einzuladen.78 Ihr Haus an der Mythenstrasse (heute: Genferstrasse) wurde zu einem Treffpunkt von Musikern und Schriftstellern, Einheimischen und Gästen, Arrivierten und Nachwuchstalenten. Auch Alexander Schaichet gehörte zu diesem Kreis. Die Gastgeberin (1866–1958) war Musikerin aus Bamberg, ihr Mann (1856–1938), der Neigung nach Cellist, hatte die von seinem Vater gegründete Firma übernommen, die dann ein Teil der Schweizerischen Seidengaze-Fabrik AG wurde. Von 1907 bis 1935 war er Präsident der Tonhalle-Gesellschaft, zudem war er in der Einwohner-Armenpflege engagiert. Ragte diese kulturelle Gastfreundschaft heraus, so war sie im Bürgertum an sich nichts völlig Ungewöhnliches. So führten der spätere Stadtrat Hermann Häberlin und seine Frau ebenfalls in der Kriegszeit einen (monatlichen) «jour fixe» ein, an dem Musiker und Dichterinnen auftraten.79
Das Ehepaar Irma und Alexander Schaichet traf sich ab 1918 immer wieder mit ihrem engen Freund und Cellisten Joachim Stutschewsky zum Klaviertrio.
Alexander Schaichet pflegte eine enge Beziehung zu den Künstlern des Stadttheaters. 1930 unterstützte er es mit einem Benefizkonzert. Mitwirkende waren unter anderem Gregor Rabinovitch und Kurt Schwitters.
Trotz bemerkenswerter Kontinuität gab es im kulturellen Leben der Nachkriegszeit auch Zeichen von Krise und Wandel. Zum einen gingen in den wirtschaftlich schwierigen Jahren die Einnahmen (von Besuchern und Gönnern) zurück. Zum anderen kamen längerfristig weitere, auch technisch neue Angebote auf, die Herkömmliches mindestens indirekt konkurrenzierten. Dazu gehörten der künstlerische Film, die kantonale Volkshochschule als Einrichtung der Erwachsenenbildung und das Radio – 1923 übertrug ein Versuchssender aus der Tonhalle das erste «Fernkonzert».80 Besonders der Lesezirkel Hottingen, der viel dem Engagement der Gründergeneration verdankte, bekam die Veränderungen allmählich zu spüren. Die grossen Institutionen erhielten hingegen zunehmende Unterstützung seitens der Stadt.81
In einer Zeit von Knappheit, Grippe und Streiks, im September 1918, stimmte das Volk mit Zweidrittelmehr höheren Beiträgen an das Stadttheater zu. 130 000 der total 330 000 Franken pro Jahr waren für Schul- und Volksvorstellungen bestimmt. Die SP trug diese Politik mit, anerkannte somit wie der Stadtrat den «volkserzieherischen» Wert von Kunst und wollte breiten Kreisen den Zugang dazu erleichtern. 1901 hatte sie einen einmaligen Zustupf noch erfolgreich bekämpft, zumal das Stadttheater «keine wahre Volksbildungsstätte» sei, wie es das parteinahe Volksrecht gewiss nicht unzutreffend formulierte.
Trotz Subvention geriet das Stadttheater 1920 in finanzielle Probleme. Der Verwaltungsrat beschloss daher im folgenden Jahr, sich von der Pfauenbühne zurückzuziehen, was wiederum den Ausschlag dafür gab, dass Alfred Reucker die nach seinen Worten «herrlichste Theaterstadt der Welt» verliess. Unter seinem Nachfolger Paul Trede stabilisierte sich die Lage (Erträge brachte auch der 1924 erstmals veranstaltete Ball). Auch Reuckers Idee von internationalen Festspielen in der Nachsaison wurde wieder aufgegriffen, es bildete sich dafür ein Komitee unter dem freisinnigen Stadtrat Adolf Streuli.82 Nach einer Absage wegen der «ungünstigen Zeitumstände» 1921 kamen vom folgenden Jahr an mehrmals besondere Programme von Bühnen- und Konzertaufführungen zustande. 1923 gastierte sogar Reucker mit der Staatsoper Dresden in Zürich.
Die Stadt war als Gastspielort nicht zuletzt wegen der Währungsdifferenz attraktiv, sodass es manchmal zu einer unverhältnismässigen Präsenz ausländischer Ensembles kam, die – eine Kehrseite – einheimische Künstler in den Schatten stellten. Einen Gegenakzent setzten Veranstaltungen wie das Schweizerische Tonkünstlerfest, das inländischen Komponisten und Interpreten eine Plattform bot. Es fand – nach 1900 und 1910 – 1920 zum dritten Mal in Zürich statt.83
Das spätere «Schauspielhaus» am Pfauen ging nach dem Rückzug des Stadttheaters in Pacht an den Berliner Theaterdirektor Franz Wenzler und wurde 1926 von Ferdinand Rieser gekauft. Anfänglich, 1922, rief eine offenbar sehr platte Boulevardproduktion Aufruhr im Saal und eine Boykotterklärung des schweizerischen Studentenverbandes hervor, doch das Programm enthielt auch künstlerisch hochstehende Aufführungen aus einem internationalen Repertoire und beschränkte sich keineswegs auf kommerzielle Unterhaltung.84
Juden aus Osteuropa – Anfeindungen und Karrieren
Zürichs Offenheit nach aussen, zumindest hin zum deutschsprachigen Raum, schloss xenophobe Tendenzen keineswegs aus. Dies zeigte sich besonders an der Stellung der Juden aus Osteuropa.85 Seit dem ausgehenden 19. Jahrhundert waren viele Juden, die Russland, Polen und Galizien wegen des Verfolgungsdrucks oder wegen der Bildungs- und Berufsmöglichkeiten im Westen verlassen hatten, in die Schweiz und vor allem nach Zürich gelangt, allenfalls auch nach einem Aufenthalt in Deutschland oder Österreich. Eine städtische Statistik verzeichnet für die Jahre 1911 bis 1917 insgesamt 8000 solcher Zuzüge.86 1920 waren 6500 Juden in Zürich niedergelassen, 2650 davon Ausländer aus Osteuropa. Sie wohnten mehrheitlich in Aussersihl und Wiedikon, auch in Oberstrass, in der Nähe von Universität und ETH, und waren als Handwerker, Händler und Geschäftsleute, später zunehmend akademisch oder künstlerisch tätig. Auch den schweizerischen und anderen westlichen Juden gegenüber grenzten sich viele ab, und es bildete sich als weitere Gemeinde die Agudas Achim, während andere – sofern nicht völlig säkularisiert – der Israelitischen Cultusgemeinde angehörten.
Hausierer waren bald Objekt von Misstrauen und Schikanen. Ein verbreitetes, zum Teil «offizielles» Bild der Ostjuden war noch pauschaler negativ. Die russischen Juden stünden «auf der denkbar niedrigsten Kulturstufe», urteilte der freisinnige Stadtrat Robert Welti 1906, und für die Eidgenössische Fremdenpolizei stand 1919 fest, dass die Juden aus Polen und Galizien «sich unserem Volk schwer oder nicht assimilieren» könnten.87 Hinzu kam das Konstrukt des staatsgefährdenden «Judeo-Bolschewismus».88 Die mit der Wohnungsnot oder dem Ausländerrecht begründeten Wegweisungen, besonders nach Kriegsende, trafen Juden aus Osteuropa weit überproportional; es soll sich um Hunderte von Familien gehandelt haben.89
Die vorher im Allgemeinen recht grosszügige Einbürgerungspraxis wurde durch eine restriktivere und diskriminierende Politik abgelöst, indem der Stadtrat, dem demokratischen Polizeivorstand Hans Kern geschlossen folgend, für Ostjuden die «Assimilation» als Vorbedingung betonte und die Wohnsitzfrist (Wartezeit) 1911 von den üblichen 2 auf 10 und 1920 von den sonst geltenden 10 auf 15 Jahre verlängerte.90 Neben dem «Fremdtum» der Betroffenen diente auch die Gefahr einer feindlichen Haltung der Bevölkerung als Argument. Im Weiteren wurde ein beträchtlicher Teil der Gesuche abgelehnt. Alexander Schaichet hatte bereits nach 13 Jahren – im dritten Anlauf – Erfolg, musste allerdings unschöne öffentliche Vorwürfe über sich ergehen lassen. Der Schuldispens am Sabbat wurde trotz wiederholten Angriffen faktisch gewährt.
Manifestationen des Antisemitismus riefen immer wieder Reaktionen – von Betroffenen und von Nichtjuden – hervor. Beachtlich sind jedenfalls die Beispiele von Juden aus Osteuropa, die in diesem Umfeld besondere Positionen erlangten. David Farbstein, 1868 in Warschau geboren und als Student in die Schweiz gekommen, wurde Rechtsanwalt, engagierte sich in der SP, ebenso als Zionist, und wurde 1922 Nationalrat.91 Der in Kiew aufgewachsene Ökonom Manuel Saitzew wurde 1921 Professor an der Universität. Tadeusz Reichstein, ab 1937 ETH-Professor für Chemie und später mit dem Medizin-Nobelpreis gewürdigt, war in Polen geboren worden, als Kind in die Schweiz gekommen und 1914 Zürcher Bürger geworden. Lazar Wechsler, polnischer Herkunft, seit 1914 in Zürich, gründete 1924 die Praesens-Film AG, die in den 1930er-Jahren «den Schweizer Film» hervorbringen sollte. Die gebürtigen Ukrainer Sinai Tschulok und Max Husmann waren Pioniere mit ihren Privatschulen, die auf die Maturität vorbereiteten.92 Gegen subtile oder massivere Widerstände hatten wohl viele Ostjuden anzukämpfen. Der bereits erwähnte Wladimir Rosenbaum ist allerdings ein Beispiel, das sich nicht verallgemeinern lässt. Er gelangte nach einer schwierigen Jugend als Anwalt zu grossem Erfolg, eckte allerdings manchenorts an, wurde später im Zusammenhang mit Transaktionen im Spanischen Bürgerkrieg zu einer Haftstrafe verurteilt, verlor fast alles und machte im Tessin als Antiquitätenhändler einen Neuanfang. «Einen Juden aus Russland, den kann nichts schrecken!», bemerkte er in seinem Tagebuch.93
Ein Ort der Integration
War Zürich in den frühen 1920er-Jahren nun modern oder konservativ, weltstädtisch oder eng und xenophob, rot oder reaktionär, krisenhaft oder aufblühend? Es war wohl – eben eine Grossstadt – all dies mehr oder weniger, abhängig auch von den sich überlappenden Phasen in einem «Jahrzehnt der Widersprüche» (Sigmund Widmer).94 Der geistigen und politischen Offenheit (und Verunsicherung) nach dem europäischen Zusammenbruch folgten die Zwänge der wirtschaftlichen Depression, dann war ein wirtschaftliches Wachstum mit einer gewissen Entpolitisierung verbunden.
Mitte des Jahrzehnts konnte ein Stadtführer im Nebelspalter ein ziemlich unbeschwertes Bild mit mondänen wie auch kleinstädtischen Zügen zeichnen:95 In der Bahnhofstrasse («Balkanstrasse») verkehren «Schieber, Kokotten, Exoten und Strohwitwen» sowie, erst recht, «das solide Bürgertum» – und zwei Mal pro Woche findet der Gemüsemarkt statt. «Der Zürcher» schimpft über die Fremden, das Tram, die Kabaretts, über alles, doch er macht vom Kino wie vom Autotaxi oder anderem Gebrauch und hat die Fremden längst lieben gelernt.
Das «rote Zürich» (linke Mehrheit in Stadt- und Gemeinderat, SP-Stadtpräsident) war das symbolisch wichtige Resultat einer längeren, trotz beidseitiger Kampfrhetorik stabil abgestützten Entwicklung. 1928 schrieb der neue Stadtpräsident Emil Klöti zufrieden, «wie vorteilhaft die grossen kommunalen und genossenschaftlichen Siedelungen mit ihrer gefälligen und rationellen Gruppierung der Bauten und ihrer Zusammenfassung der Grünflächen praktisch und ästhetisch von den mit Spekulationsbauten überstellten Quartieren abstechen und wie sehr sie zur Verbesserung und zur Verschönerung der ganzen Stadt beitragen».96 In der gleichen Publikation erklärte Adolf Jöhr, Generaldirektor der Kreditanstalt, die Stellung des Bankenplatzes mit einem liberalen Geist: «Es ist, wenn man will, das Untraditionelle, das leicht Amerikanische im Wesen der Stadt, welches sie vorwärts getrieben hat und vorwärts treibt, unbekümmert darum, ob überfeinfühlige Ästheten dabei mitkommen oder nicht.»97 Ordnungsliebe und Disruptionslust hatten gewissermassen die Seiten gewechselt und gingen nebeneinander her.
Irma und Alexander Schaichet als Kammermusiker in der «Oberen Kapelle» im Westflügel des Landesmuseums.
War Zürich für die wirtschaftliche und politische Krise der 1930er-Jahre gewappnet? Die mehrfache Abhängigkeit von Entwicklungen im Ausland blieb bestehen. Soziale Gräben wurden nur langsam überwunden, und der sozialstaatliche Schutz war noch sehr lückenhaft. Die Rolle der SP hätte eine Vorstufe für deren Einbezug in den Bundesrat sein können, doch wurde Klöti zwei Mal nicht gewählt. Zürich ging in manchem voran – nicht nur im positiven Sinn. Gewisse ideologische Strömungen mündeten in den Frontismus. Aber auch Netze für und von Emigranten bestanden fort. Aufs Ganze gesehen nahm das Jahrzehnt eine gute Entwicklung. Ihr Ende war nicht zwingend gegeben.
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