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Winter – Weihnacht – Wunderbares
Anthologie
des Freien Deutschen
Autorenverbandes
Landesverband Sachsen
Engelsdorfer Verlag
Leipzig
2015
Ein herzliches Dankeschön gilt unserem Unterstützer:
Kulturbüro der Stadt Chemnitz
Bibliografische Information durch die Deutsche
Nationalbibliothek: Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie;
detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.dnb.de abrufbar.
Copyright (2015) Engelsdorfer Verlag Leipzig
Alle Rechte bei den Autoren und der Illustratorin
Titelbild und Illustrationen © Angelika Erdbeer
Lektorat: Lenard James Cropley, Hannelore Crostewitz, Sandra Kersten
Hergestellt in Leipzig, Germany (EU)
1. digitale Auflage: Zeilenwert GmbH 2015
www.engelsdorfer-verlag.de
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Weihnachten immer wieder überall
ADVENT
Andreas Knapp
adventskalender
weihnachtsgeschäft
Lenard James Cropley
Ach du Fröhliche!
Spruch
Der erste Dezember
Nur mal so, zum Advent
Weihnachtlicher Fünfkampf
Hannelore Crostewitz
So sei es
An der Ecke
Almut Fehrmann
Gewissensbisse
Hermann Friedrich
Weihnachtsspende
Nikolaus
Matthias Albrecht
Eine Kinderweihnachtsfeier im Gefängnis
Eveline Hoffmann
Unter Tage und wieder ans Licht
Oh Tannenbaum!
Friedemann Steiger
jeder soll menschlich behandelt werden
der prophet micha
WEIHNACHT
Friedemann Steiger
Die schönste Geschichte der Welt
die weihnachtsoblate
Weihnachtsvorbereitung
Almut Fehrmann
Wann ist Weihnachten?
Schneefrau
Lothar Pfüller
Ohne Weihnachten?
Wünsche und Wirklichkeit zum Fest
Lausbubgedanken zum Fest
Weihnachten war
Reina Darsen
Knuts erstes Weihnachtsfest
Anne Meinecke
Oh du Fröhliche
Alle Jahre wieder
Andreas Knapp
weihnachtstraum
herbergssuche
Kathlin Gawrilow
Die Stille hören
Peter Zech
Mein Weihnachten in Damaskus 1968
Matthias Albrecht
Mein erster Weihnachtsgottesdienst
Beamtenweihnacht
Angelika Erdbeer
Hinz und Kunz
Hermann Friedrich
Weihnachtsleitkultur
Negativwunschliste
Weihnachtsmann
Weihnachten immer und überall
Weihnacht 2013
Marlis Michel
Tagebuchblatt 23./25.12.2011 – Weihnacht
Eveline Hoffmann
Heiligabend – hierzulande
Lenard James Cropley
Weihnachts-Walzer
WUNDERBARES
Hannelore Crostewitz
Winkelwichtel
Iris Fritzsche
Wo wohnt der Weihnachtsmann?
Weihnachtsgeschichte 2011 – Die Reise zum Weihnachtsland
Des Rätsels Lösung
Matthias Albrecht
Weihnachten bei den Steins
Hermann Friedrich
Suche Weihnachtsgedicht
Schöne Bescherung
Hannelore Crostewitz
Der Weihnachtsmann im Bundestag. Ein modernes Märchen
Die Weihnachtsdecke
Friedemann Steiger
Das ganze Jahr über
Der Weg der Hirten
Mutter mit Kind (Barlach)
Die Futterkrippe
Eveline Hoffmann
Wie der Weihnachtsstern erwachsen wurde
Horst Seidel
Puck, der kleine Ritter
JAHRESWECHSEL
Lenard James Cropley
Was wird sein
Andreas Knapp
Unter kalten Sternen
Katja Ullmann
Albas Tochter
Ralf Trommler
Das neue Jahr
Kathlin Gawrilow
An der Schwelle der Jahre
Anne Meinecke
Ananasbowle forever
Lenard James Cropley
Konzertbesuch eines Unwissenden
WINTER
Hermann Friedrich
Weihnachten im Klimawandel
Schnee von heute ist von gestern
Lothar Pfüller
Gefühlter Winter
Schneeflockengeflüster
Ralf Trommler
Von Rentieren, Polarnächten und Japanern
Kathlin Gawrilow
An den Grenzen des Erdenseins
Friedemann Steiger
schnee schnee schnee
Lenard James Cropley
Gedanke
Schnee
Winter
Es ist soweit
Biographische Angaben
Weihnachten immer wieder überall
Die Weihnachtszeit ist voller Zauber. An jedem Adventsabend eine Kerze entzünden und eine Geschichte lesen, das ist doch wunderbar. Dazu wollen die Autoren des Freien Deutschen Autorenverbandes aus dem Weihnachtsland Sachsen einladen.
Es ist nicht nur eine gute Tradition, die Geburt des Christkindes zu feiern, sich erneut an die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukas-Evangelium zu erinnern oder vielleicht die alte Schallplatte mit der Ballade von der Weihnachtsgans Auguste aufzulegen. Weihnachten ist die Zeit des Lichtes, das der Bergmann für uns aus dem Dunkel holt. Es ist das Fest der Glanzfarben und Düfte, die in Stuben, auf Straßen und Märkten unsere Sinne erfreuen und die Herzen weit öffnen.
In diesem Buch wird auch erzählt über Einkaufsstress, Erinnerungen an Vergangenes, über ein Weihnachtfest in Damaskus, eine Silvesternacht in Nikaragua und die Polarnächte bei Tageslicht in Finnland. Ebenso über eine Kinderweihnachtsfeier im Gefängnis, über die Wohnung des Weihnachtsmannes im Internet und über Besinnliches im Bundestag. Man kann lesen von Konzertbesuchen, Fernseh-Berieselung und Zweifeln über den Effekt von Spenden. Wozu soll eine Negativ-Wunschliste gut sein? Was passiert, wenn der Nikolaus in die Radarfalle gerät?
Zauberhaftes ist tatsächlich möglich auf dem Arbeitsamt oder im Herzen des phantasievollen kleinen Ritters Puck. Welche Magie kann eine Tischdecke bergen? Sehen wir trotz Alltagsmühen die Wunder, die uns die Natur mit dem Wechsel der Jahreszeiten beschert?
Fragen über Fragen und viele Denkanstöße.
In diesem Sinne kehrt Weihnachten immer und überall wieder, meine ich, und höre noch die sonore Stimme des Opernsängers Luitpold Löwenhaupt: „Man muss doch was fürs Herze tun.“ Deshalb kann man dieses Buch immer wieder überall zur Hand nehmen. Wir wünschen Freude und Gewinn beim Lesen und Nachdenken.
Almut Fehrmann
Advent

Andreas Knapp
adventskalender
tag für tag
schließt sich leise
ein türchen deines lebens
und deine möglichkeiten
fallen unwiderruflich
ins schloss
die verriegelte tür
in der mitte aber
du selbst
öffnest du dich
vielleicht schaut dich dann
überraschend ein kind an
weihnachtsgeschäft
was hilft gegen den durst
in der wüste des überflusses
nicht konsumieren
sondern kommunizieren
nicht lebensmittel
sondern eine mitte des lebens
nicht die große auswahl
sondern selbst erwählt sein
nicht tausend liebe dinge
sondern eine unbedingte liebe
Lenard James Cropley
Ach du Fröhliche!
Mit dem ersten Advent beginnt bei Mann und Weib die große Jagd durch Shoppingcenter, Einrichtungshäuser, Galerien, Boutiquen und Weihnachtsmärkte. Nur um die zweifelhaften Geschenkevorstellungen der Lieben zu erfüllen, rennen sie schwerbepackt die Gänge entlang, links ertönt „Jingle Bells“ und rechts „Feliz Navidad“. Von oben kräht ein Kinderchor so etwas Ähnliches wie „Oh du Fröhliche“.
Die Blicke fliegen über Kerzenwälder, Süßwarengebirge, Alkoholmeere und Räuchermännelnationen. Bald fühlen sich die Jäger schlecht und schwindelig. Er, weil er: eine Bratwurst mit Senf, einen roten Zuckerapfel, eine Tasse heißen Met, ein Fischbrötchen, eine Tüte gebrannter Mandeln, eine kleine Schokobanane, einen Grog und eine Handvoll Krapfen zu sich genommen hat. Sie: weil sie hungrig blieb. Sei es wegen des abgelehnten Schlangestehens und dem In-der-Kälte-Gehocke oder weil sie beim Versuch, an Nahrung zu gelangen, in dem Menschengewühl einfach nicht zur Theke fand und zu kraftlos war, um weiterzukämpfen. Vielleicht konnte sie auch dank des Wein-Bratfett-Zuckerwatten-Senf-Mandel-Oliven-Geruches, der ihr so langsam die Sinne raubte, die Kehle zuschnürte und einen Würgereiz auslöste, nicht mehr an eine Essensaufnahme denken.
Doch anderntags ziehen sie wieder zerknirscht los, um den rosa Plüsch-Waschbären, das sich selbst lesende Buch und die jodelnde Klobürste zu erwischen. Aber die Sache mit der Jagd von großem Getier ist längst Geschichte und sie sind bald müde. Ihre Augen stumpf vom Suchen zwischen all den Unnützlichkeiten und vom Blenden der rosagrünen, gelblila Lichter. Die Ohren sehnen sich nach der Stille eines lautlosen Flockentanzes. Ihre Nasen möchten nur noch den Duft von Tannengrün im Morgentau schnuppern. Ihre Hände und Arme sehnen sich nach Ruhe, mögen nichts mehr befühlen, betasten oder schleppen. So taub sind auch ihre Beine und Füße, die sonst nur sacht das Gaspedal berühren und weitaus weniger Straßenpflaster unter den rauen Sohlen spüren.
Ist das Geschenke-Ergattern in der Freizeit ein Dilemma, so gibt es noch ein weiteres: Arbeitstage und Festtage. Die Arbeitsengel im Niedriglohnsektor machen schnelle Geschenke erst möglich. Von „Alles argfreundlich abverkaufen“ bis „Zärtlich zügig zusammenpacken“. So arbeiten sie im Tingel-Tangel-Weihnachtsgebimmel und kutschieren Glühweinselige per Bus und Bahn oder stehen sich in den kalten Verkaufsbuden die eiskalten Füße in den Bauch. Selbst literweise lauwarmer „Früchtetee“ wärmt ihre großen Herzen nur kurz …
Von all den anderen sichtbaren Engeln in Weiß und den unsichtbaren möchte ich gar nicht erst anfangen …
Zu Hause dann, wenn die Geschäfte geschlossen sind, geht endlich die Besinnlichkeit los: Wäsche waschen, bügeln, Wohnung putzen und dekorieren, Essen kochen, Möbel umstellen, Plätzchen backen, Tannenbaum schmücken, Lieder und Gedichte lernen, Geschenke sortieren, Karten schreiben und die lieben Gäste bewirten. Dabei die Familie und sich bei guter Laune halten und nicht vergessen das Gesamtziel „Fröhliche Weihnacht überall“ nicht aus den Augen zu verlieren.
In der Nacht des 24. Dezembers, nach dem großen Familienstreit, liegen sie völlig erschöpft in ihren Betten und an Nächstenliebe ist nicht mehr zu denken. Bestimmt flüstern sie ein heimliches, atheistisches Gebet. Darin beschweren sie sich über das unmögliche Benehmen von Tante Friedgard, die den Riesenkrach auslöste. Kurz darauf fragen sie sich aber, ob man den großen Vater nach der Geburt des langersehnten Sohnes mit solch banalen Kleinigkeiten nerven sollte. Ein gnädiger, todesähnlicher Schlaf bewahrt sie jedoch vor Antworten, die sie sowieso nicht hören wollen.
Zwischen den Festen gehen sie wieder arbeiten. Gedanklich aber stellen sie schon den Schlachtplan für die große Jahresend-Party auf den Bahamas mit Tom Jones zusammen. Ein Abstecher nach New York und London war auch gebucht gewesen, aber nun sind alle Flüge wegen starken Schneefalls gestrichen. Alles Humbug. Aber wer gibt schon gern zu, dass er mit Oma Irmtraut und dem Partner bei Gürkchen, Billigsekt und der fünfhundertmillionsten Folge „Dinner For One“ kurz vor zwölf auf dem Plüschsofa einnickt und dass das alles an Feierlichkeiten war?
Am Morgen des zweiten Januars ist der Hosenbund noch weiter geworden und sie freuen sich über die Erholung auf Arbeit. Dort grüßt der Kollege halblaut: „Gesundes Neues Jahr wünsche ich!“ und sie murmeln: „Danke gleichfalls.“ Bei einem Blick in seine glanzlosen Augen mit den schweren Lidern grinsen sie ihn schamlos an und beginnen das Märchen ihrer wunderbar harmonischen Festtage zu erzählen …
Spruch
Gleich nach dem Kerzenschein
ist der Geldschein
der schönste …
Der erste Dezember
Ich öffne endlich das Türchen mit der Eins.
Die Schokolade schmilzt auf meiner Zunge.
Schon am Nachmittag bin ich der Zeit weit voraus …
Rein theoretisch müsste morgen Heiligabend sein.
Nur mal so, zum Advent
Gestern gegen 22 Uhr, mein DVD-Film war zu Ende, der Abend aber nicht, beschloss ich, noch etwas fernzuschauen. Da Kriminalsendungen nicht so mein Fall sind, blieb ich beim Ersten Programm hängen. Zu sehen bekam ich eine drapierte Waldlandschaft mit massenhaft Pulver-Schnee, die gar nicht mal so furchtbar künstlich aussah. Schon ahnte ich, was da lief. Den Moderator, der dort mit einem halben Dutzend Schönlingen stand, erkannte ich nicht gleich. Denn Florian Silbereisen ist nicht mehr blond. Das dunkle Haar steht ihm gut, ebenso der Bart. Er trug einen schwarzen Anzug, edel und leger zugleich. Immer noch ein Schwiegermutter-Traum, aber nicht mehr ganz so aalglatt. Wie versteinert blieb meine Hand an der Fernbedienung und rührte sich nicht mehr. Silbereisen unterhielt sich mit den jungen Männern, die alle schwere Boots, weiße Socken und kurze Lederhosen anhatten. Obenrum unterschied sich das Ensemble: Karohemden, Lederblazer, Strickpulli oder T-Shirt mit langem Schal. Breit und muskulös standen die Männer da und versuchten, das Lächeln nicht abfallen zu lassen. Sie sprachen miteinander, aber ich verstand nichts. Weil der Silbereisen so schnell redete und die anderen Jungs in irgendeinem seltenen steirischen Dialekt.
Früher hätte ich längst wieder umgeschaltet, aber irgendetwas faszinierte mich am Fernsehbild. Was für eine Kulisse! Dazu diese Katalogtypen, perfekt ausgeleuchtet und frisiert, braungebrannt, weiße gepflegte Zähne, ihre Münder bewegten sich, ihre Botschaft kam, zumindest bei mir, nicht an.
Dann formierte sich der Modehaustrupp neu und Musik wurde eingespielt, okay, das war das Zeichen, ich schaltete um.
Fünf Minuten später, auf allen anderen Kanälen liefen Werbespots, landete ich wieder mit dem Finger bei der ersten Zahl auf der Fernbedienung. Zumindest hatten sie aufgehört zu singen! Wieder glotzte ich auf die Kunstlandschaft und versuchte, irgendeinen Makel am Gastgeber zu finden, nichts. Die Kamera schwenkte ins Publikum, eine riesige Halle voll geblümter Blusen und Grauköpfe. Gänsehaut überlief mich. Der Ken-Typ auf der Bühne quasselte weiter und stellte dramatisch den nächsten Gast vor. Schon war ich in der Heile-Welt-schöne-Melodien-Falle drin und starrte mit angsterfülltem Blick auf die Mattscheibe. Dort wurde auf eine weitere Bühne gewechselt und eine Art Himmelstor öffnete sich am hintersten Ende. Da standen rechts und links der Stufen einer breiten Treppe wieder die Models, dieses Mal in schwarzen Anzügen, weißen Hemden und Fliege. „Go tell it on the mountain“ oder „Santa Claus is coming to town“ – so etwas ähnliches, amerikanisch-christlich Weihnachtliches wurde abgespielt (keine Musiker weit und breit!) und durch das gleißende Licht der Türflügel kam eine ältere Dame. Sie war in ein knielanges rotes Kleid gepresst, grinste auch andauernd und bewegte die Lippen fast synchron zur Musik. Ich kenne diese Lady, die in den USA geboren wurde und sich hier als Comedian und Humorbuch-Autorin einen Namen gemacht hat. Gayle Tufts lebt inzwischen seit 22 Jahren in Deutschland und hat sprachlich einen Denglisch-Mix kreiert, der seinesgleichen sucht. Sie ist frech, lustig und kann auch noch unterhalten. Die Melodie ging mir ins Blut, schon wippte mein Knie und ich ertappte mich beim Mitsingen. Solange ich nicht mitklatsche, ist ja alles gut, dachte ich insgeheim.
Die Tufts hatte die Showtreppe mithilfe zweier Männer überwunden und performte nun im Vordergrund. Plötzlich kam der Silbereisen dazu. Die Schönlinge hielten sich im Hintergrund und tanzten in lustigen Bewegungen, halb in der Hocke, immer vor und zurück, wobei sie mit den Fingern schnippten. Es erinnerte mich an Charlie Chaplin und etwas an den rosaroten Panther … Apropos, man sollte wissen, dass Mrs Tufts eine Ikone der Schwulenbewegung, vor allem in Berlin, ist … Doch das nur am Rande. Silbereisen sang also brav den deutschen Teil, dann die Tufts wieder den englischen. Plötzlich sang er englisch und sie deutsch, so langsam wusste selbst ich den Text nicht mehr, bei dem Durcheinander. Das Publikum klatschte fleißig im Takt mit und stampfte auch mit den Füßen. Am Ende des Liedes hielt es die Leute zwar (noch immer) auf den Sitzen (Standing Ovation ist ab einem gewissen Alter mit einem größeren Aufwand verbunden!) – aber sie tobten mit Beifall und Pfiffen, die nicht endeten. Die Stimmung war gut und der Silbereisen wollte weitermachen. Plötzlich wurde erneut diese Musik eingespielt und die kuriose Mannschaft musste wohl oder übel nochmal ran. Die Tänzer im Hintergrund verhaspelten sich etwas in der Choreografie, die Sänger im Vordergrund formten die Silben etwas unsicherer. Vermutlich wusste keiner so genau, bei welchem Teil des Songs sie gerade waren. Verständlich, bei den vielen Strophen- und Choruswiederholungen. Endlich war es ausgestanden, das Publikum völlig aus dem Häuschen, das Lied einigermaßen glücklich zu Ende gebracht. Sofort schob man die Tufts aus dem Bild und der Silbereisen verschwand hinter einer Kunsttanne.
Ich erwachte aus meiner Starre und schaltete endlich um.
In der Nacht hatte ich einen Albtraum. Sechs rosarote Panther tanzten mit einem dicken roten Engel um Florian Silbereisen herum, der auf einem Plastik-Stern schaukelte und zwei Kerzen in der Hand hielt. Charlie Chaplin daneben wurde von einer Horde nackter Männermodels kreischend ausgelacht. Und eben, als sie ihn ausziehen wollten, wachte ich Gott sei Dank auf!
Weihnachtlicher Fünfkampf
Die Aula des Gymnasiums war mit der Holzklasse bestuhlt. Breite Sitzflächen, ziemlich hart, aber doch bequem.
Zum Konzert heute waren fünf Chöre angekündigt, die einen Einblick in ihre Sangesleistung und Weihnachtsprogramme geben wollten. Ich traf kurz vor Beginn ein und konnte aus zirka 200 freien Plätzen einen auswählen. Der Sturm draußen, die Kälte und der einsetzende Schneefall hatten sicherlich viele davon abgehalten, abends nochmals das Haus zu verlassen.
Die übliche Begrüßung war vorüber und ein bunter Mix an Kindern betrat die Bühne. Kleine, Große, Mädchen, Jungen, fein im Rock oder Hemd, quergestreift und kariert, lässig oder cool. Zur Einstimmung gab es ein beschwingtes „Jingle Bells Rock“, das mit Musikuntermalung erklang und so die winterkalten Herzen erfreute. Wer konnte ahnen, dass dieser Song das Highlight des Abends sein sollte? Der junge Chor hing noch ein englisches und ein spanisches Lied an, dann wurden die Sänger schnell verabschiedet. Sie hätten heute noch einen weiteren Auftritt.
Es folgte eine Beamer-Präsentation für eine Kinderhilfsorganisation. Der Moderator im knallroten Anzug machte ständig Anspielungen auf Florian Silbereisen. Dann stellte er aber ein Projekt vor, dessen Hauptaufgabe das Verteilen warmer Mahlzeiten an bedürftige Chemnitzer Kinder ist. Sicherlich muss das alles sein, aber auf einen längeren Werbebeitrag hatte ich keine Lust. Ich unterdrückte ein Gähnen und versuchte weiterhin, interessiert auszusehen. Das Licht im Saal blieb die ganze Zeit an, Publikum und Vortragende konnten sich somit immer betrachten. Ich frage mich, ob das so eine gute Idee ist. Nicht umsonst werden große Bühnen derart mit Scheinwerfern beleuchtet, dass die Zuschauer im Dunkel verschwinden. Der Künstler wähnt sich allein und kann somit in seiner Rolle vollends aufgehen. Vielleicht war das das Problem des Abends …
Als der Rotgewandete nach Zeitüberzug endlich von der Bühne weg war, schöpfte ich neue Hoffnung. Eine gemischte Truppe betrat nun die Bretter, die für sie nie die Welt bedeuten würde, denn sie schaffte nicht mal eine ordentliche Aufstellung. Die Großen standen vorn, dahinter versteckt ein paar Kleinere. Ein unordentlicher Haufen in Schwarz, die Frauen mit orangegelben Schals. Ihre Liedauswahl enttäuschte schon nach den ersten Zeilen. „Mein Mund, der singet“ wollte ich nicht hören. Zum ersten Mal bedauerte ich, dass hier eine Fernbedienung nicht funktioniert. Sonst wäre ich auf fast forward gegangen, 16-fache Geschwindigkeit. Wie sich herausstellte, war das noch zu wenig, next wäre sinnvoller gewesen. So hätte ich mir die Qual vier weiterer falsch gesungener Lieder erspart. Der Chor-Leiter erkannte das Dilemma auch und stoppte sogar während eines Werkes seine Schäfchen. Vermutlich dirigierte er sie auch mit Blicken. Doch diese kamen nicht an, denn der Hauptübeltäter, eine kleine Mittfünfzigerin, versteckte sich gekonnt hinter dem Liedtextordner. So sang sie weiter viel zu laut, zu hoch und zu schief. Ich wünschte mir die Taste mit dem durchgestrichenen Lautsprecher her. Dieser Chor war nur taub zu ertragen …
Endlich war es ausgestanden. Die Frauen und Männer trauten sich kaum, ins Publikum zu schauen, das diese magere Leistung auch nur mit spärlichem Applaus bedachte. Nur eine schien vollauf mit sich zufrieden, Sie können sich denken, wer das wohl war.
Die Bühne füllte sich erneut. Ungefähr 20 gestandene Männer bevölkerten nun das Halbrund. Schon ihr Anblick unterstrich ihre Qualität. Durchweg dunkelgraue Anzüge, weinrote Hemden mit silbernem Schlips. Der Sprecher erklärte mit Witz die Vereinsstrukturen, der Abend begann, lockerer zu werden. Er erzählte, dass nächstes Jahr das 175-jährige Jubiläum anstehen würde. Einigen Herren sah man dieses stolze Alter nicht an, einigen glaubte ich sofort. Dann wurde noch die sogenannte „Frauenquote“ vorgestellt, die Chorleiterin – eine attraktive Brünette. Die in der ersten Reihe strengten sich nun besonders an. „Herbei, oh ihr Gläubigen“ war der Auftakt und mich überzog sofort eine Gänsehaut ob der tiefen Stimmen und dem starken satten Klang, den sie verteilten.
Genau! So hatte ich mir das vorgestellt, danke Jungs. Ich atmete durch, entspannte ein wenig und im Saal wurde es ganz still. Die folgenden Stücke „Gloria, Gloria, Gott in der Höh“, „’s Raachermannl“ und „Jubilate – Hört die Weihnachtsglocken klingen“ genoss ich noch, war ganz dabei und ließ meine Gedanken ziehen. Es folgte stürmischer Applaus und die Herrschaften bemühten sich zum Ausgang.
Inständig hoffte ich, der Abend sei doch noch gerettet, aber dann betrat der nächste Dorf-Singe-Clan die Stätte der Aufmerksamkeit. Grundfarbe der Anzüge war schwarz, gelbe Tücher für die Damen, orange Krawatten für die Herren. Die Aufstellung gelang so einigermaßen. Immerhin sangen sie die ersten geläufigeren Weihnachtslieder: „Alle Jahre wieder“ und „Leise rieselt der Schnee“. Das passte, war in Ordnung, weder besonders gut, noch besonders schlecht. Etwas lustig empfand ich das „Carillon de Vendome“. Das Programm wies es als Italienisch aus, es klang eher nach sächsischem Französisch. Das stimmte mich wieder heiter und lies mich auch noch ein Stück Wagners ertragen: „Weihnachten is, stille Nacht“. Dann waren sie wirklich still, fassten den mageren Beifall ab und trotteten davon. Auf zur letzten Runde, dachte ich mir und seufzte leise. Die Bühne füllte sich abermals und ward nun derart vollgestellt, dass sich mein Spott in Anerkennung wandelte. Der „Seniorenchor“ hielt Wort, es war keiner unter 60 Jahren dabei. Von den Farben her präsentierten sich die 50 Leute in schwarzen Hosen oder Röcken, weinroten Oberteilen mit (Sie ahnen es schon) gelborangen Schals für die Damen und weißen Hemden mit rotsilbernen Schlipsen für die Herren. Ich fragte mich die ganze Zeit, ob dieses textile Etwas um die Hälse Zufall ist (vielleicht ein Sonderangebot?) oder ein Erkennungsmerkmal: „Bitte lassen Sie mich durch, ich bin Chormitglied!“
Nun, die alten Leutchen sangen ganz passabel „Süßer die Glocken nie klingen“, „Vom Himmel hoch“ und „Oh Bethlehem, du kleine Stadt“. Es macht schon etwas aus, ob da nur zwölf Sänger stehen, von denen drei verkehrt unterwegs sind, oder viermal so viel, von denen man keine Ausrutscher hört. Die Senioren hatten meinen vollsten Respekt, der Abend war doch nicht ganz aus dem Ruder gelaufen. Gemeinsam stimmten wir noch das beliebte „Oh du fröhliche“ an, was alle Zweifler und Kritiker etwas versöhnte. Dann war alles vorbei, orange Nelken (Hilfe!) wurden verteilt und alles erhob sich von den Holzstühlen. Ich warf einen kleinen Geldbetrag in die überdimensionale Spendenbox, zog meine Wintersachen an und begab mich hinaus ins Dunkel.
Hannelore Crostewitz
So sei es
Horch in die Nacht
In die stille, die hohe
Derentwegen halt ein
Und – werd bedacht
Horch in den Tag
In den geschäftigen, lauten
Um den scheinbar alles sich dreht
Horch tief in ihn hinein
Und – horch ihn aus
Horch in dich selbst
In dein inneres Gespür
Sinnier und erkenn
Den Tag, die Nacht, die Freuden hier
Die reich leise weiter
Von Tür zu Tür
An der Ecke
Abseits vom lauten Getümmel
Weihnachtstrubel Hinterherhetzender
Gehüllt in Glühweinduft und Mandelaroma
Steht er –
Der Mann
An der Ecke
Verliert sich, nahe am Bauzaun
Die Grube an den gläsernen Neubau
Gleich dem Leben, das außer Sicht geraten
Abgespannt –
Der Mann
An der Ecke
Geht doch seinen Geschäften nach
Schwarz auf weiß wechseln
Zeitung und Besitzer ab und an den Platz
Falls jemand innehält –
Beim Mann
An der Ecke
Eines Tages ist er nicht mehr da.
So steht und rückt ins Licht die Frage:
Wer sucht? Weiß? Wohin
Und warum sich verlor
Das Bild vom Mann
An der Ecke?
Almut Fehrmann
Gewissensbisse
„Am liebsten würde ich nach Chemnitz fahren, heute ist doch Bergparade“, drängelte Anita und warf ihm einen ihrer unwiderstehlichen Blicke zu. Sie wusste genau, dass sie nicht lange bitten musste, aber sie kokettierte gern.
„Naja“, murmelte Robert, „letztes Jahr hat es mir Spaß gemacht, die Musikanten und Bergmänner in ihren Trachten zu beobachten.“
„Das war so schön, wie sie voller Stolz und Würde an uns vorbeigezogen waren. Und erst die Kinder. So richtig feierlich. Los, komm, ziehen wir uns an!“
„Hast ja Recht, hoffentlich hört der Regen rechtzeitig auf, sonst weichen die alle ein, 900 Teilnehmer sollen es werden.“
„Ich freue mich schon, wenn sie wieder zum Schluss alle gemeinsam aufspielen.“
„Ich erinnere mich, dass ich Gänsehaut hatte. Im Herbst ’89 standen wir an der gleichen Straße, auch mit Gänsehaut. Weißt du noch?“
„Gab es da eigentlich die Bergparade auch schon?“
Robert wurde lebhaft. Er erhob sich vom Sessel, zog Jacke und Schuhe an und öffnete die Garage.
Seine Frau war nicht ganz so schnell gestiefelt und gespornt. Mit so einer schnellen Reaktion hatte sie nicht gerechnet.
Als die beiden in Chemnitz ankamen, lugte kurz die Sonne durch die Wolken. Mit den Vorbeiziehenden und den Beobachtern feiernd am Straßenrand, genossen sie die besondere Atmosphäre, die eine Bergparade erzeugt. Festlichkeit ohne Pomp.
Der Vorbeimarsch der Musiker war beendet, Schalmeien und Posaunen verklungen, die Menschenansammlung löste sich allmählich auf. Die meisten Leute bewegten sich in Richtung Weihnachtsmarkt.
„Wenn wir schon einmal hier sind, können wir einen Glühwein trinken“, schlug Robert vor.
„Dann müssen wir so lange bleiben, bis ich wieder fahrtüchtig bin und können noch einen Roster essen.“
„Daher weht der Wind“, sagte Anita, „ich rieche gebrannte Mandeln und höre schon die Musik. Mir wird ganz weihnachtlich.“
Freue dich, ‘s Christkind kommt bald.
Die beiden Rentner schlenderten eingehenkelt zwischen den hölzernen Buden entlang, genossen die Düfte und den festlichen Glanz. Vom Rathausturm ertönten Glocken, unten erklangen die alten und wohlbekannten Texte und Weisen. Glühwein unter dem Wärmestrahler, Riesenroster im warmen Brötchen, behagliche Sorglosigkeit. Jedoch nicht lange.
Rechts unten, auf dem Fußboden sitzend und mit dem Rücken an eine Säule gelehnt, hielt ein Mann im abgeschabten Mantel eine Bettelmütze vor. Ein Junge warf ihm einige Münzen aufs Pflaster und einen freundlichen Blick dazu.
„Musst du uns vor die Füße laufen? Pass doch auf!“, empörte sich Robert.
Anita zog ihn beschwichtigend zur Seite. „Schau, da drüben sind Schneiders, die haben wir lange nicht gesehen. Lass uns hingehen!“
Im Umsehen nahm sie wahr, dass der Mann den Jungen dankbar anlächelte und verlegen nickte. Robert hatte nur noch Interesse für die Bekannten. Sofort waren alle in Gespräche vertieft. Sie hatten sich lange nicht gesehen und außerdem lockte die Bratwurst vom Holzkohlegrill.
Als sie später zu Hause angekommen waren, bekamen sie Lust auf ein gemütliches Abendessen, von der Wurst vom Weihnachtsmarkt waren sie nicht satt geworden. Der Bettler war schon vergessen. Doch jetzt erinnerte sich Anita wieder daran und sprach ihre Gedanken aus. Die waren auch bei dem Schüler, der ihnen in die Quere gekommen war. „Der sah aus wie ein Gammler mit seiner komischen Frisur und den ausgefransten Klamotten“, nörgelte Robert.
„Er hat dem alten Mann Geld gegeben.“ Anita plagten Gewissensbisse.
„Das hat er doch von seinen Eltern, der verdient doch noch nichts.“
„Dann hat er vom Taschengeld abgegeben. Wir haben unsere Rente und haben nichts gespendet.“
„Das Portemonnaie kann ich nicht so schnell bereit haben. Nicht umsonst wird vor Taschendieben gewarnt.“
„Hast ja Recht, wer weiß, ob der Bettler überhaupt einer war.“
Der Abend ging zu Ende.
Bei der täglichen Zeitungsschau am nächsten Morgen entdeckte Robert einen Artikel über den Bundespresseball.
„Hör dir das an: ‚Glanz in düsteren Zeiten‘ heißt die Überschrift.“ Er las laut vor: „‚150 internationale Spitzenköche, kanadischer Hummer, Ananas-Kokos-Törtchen, 1700 Flaschen Champagner‘ – so eine Prasserei, was sagst du dazu?“
„Was soll ich dazu sagen? Ich denke an den alten Mann vom Weihnachtsmarkt. Der hat vielleicht nicht einmal Brot.“
„Fang nicht wieder damit an. Wir können die Armut nicht abschaffen, so schlimm es auch ist.“
„Wie du meinst, ich stecke mir aber ab heute ein paar Euro-Stücke in die Manteltasche. Für alle Fälle.“
Hermann Friedrich
Weihnachtsspende
Der Heilsarmist leiert am Leierkasten und hält den Hut auf.
Spenden für Arme und Bedürftige! So spricht er die Vorbeikommenden in der spendenfreudigen Weihnachtszeit an. Sie sollen doch etwas Geld in den Hut werfen.
Ich frage ihn, warum ausgerechnet die Armen und Bedürftigen davon leben sollen.
Na, um zu überleben, sagt er.
Die meisten würden doch auch gern arbeiten gehen, meine ich. Und warum er den Armen keine Jobs vermittle.
Dafür sei doch die Arbeitsagentur zuständig, so seine Antwort. Außerdem müssen sich die Arbeitslosen doch selbst kümmern, in Lohn und Brot zu kommen.
Und wenn es keine Arbeit gibt?
Irgendwo gäbe es immer welche.
Doch bei Millionen Arbeitslosen sei diese Gesellschaft nicht mehr tragbar. Die Armen werden immer mehr. Und Spenden sind so ähnlich wie Kurzarbeitsgeld. Es wäre gerade so, als würde man ein Loch in einem Sieb stopfen, meine ich. Wir machen uns was vor. Ich bin gegen das Spenden. Das verkleistert die wahren Zustände.
Nikolaus
Vor Weihnachten der Nikolaus,
kommt jedes Jahr in jedes Haus.
Bringt allen viele schöne Gaben,
die Mädchen, Knaben wollen haben.
Er kommt mit einem Pferdeschlitten
und manchmal kommt er auch geritten
vom Himmel dort vom Himmelszelt
gibt’s Gaben gratis, ohne Geld.
Doch hat dies Jahr nur Schwierigkeiten,
die Flugzeuglotsen, sie war’n streiken.
Die Himmelsschneise über Bozen,
bestreikten die gestressten Lotsen.
Der Nikolaus kam drum recht spät,
wie das im Leben manchmal geht.
Er saß im Schlitten wie auf Kohlen
und um die Zeit noch aufzuholen,
schlittert er, ist viel zu schnell.
Es blitzt das Radar, das ein Quell
für kranke und für andre Kassen.
Muss Niklaus Geld nun springen lassen?
Die Polizei, die hält ihn auf,
da gibt’s ein Knöllechen noch drauf.
Und dann ein langes Fahrverbot.
Der Nikolaus, der kommt in Not.
Aus der Erfahrung, aus den Jahren,
sagt er: ich bin doch nicht gefahren!
Ich habe das Problem gewittert
und bin in das Radar geschlittert!
Ganz ungestraft rutscht er nun weiter,
doch was noch kommt, ist wenig heiter.
In seiner großen Zeites-Not,
hält er in einem Haltverbot!
Bekommt hier eine Laufradkralle,
das ist für ihn doch keine Falle …
An seinem Schlitten sind die Kufen,
die schnellen Pferde haben Hufen.
Und er beschenkt die vielen Kinder,
in diesem strengen, kalten Winter.
Die Kinder von den Politessen,
hätt er aus Ärger fast vergessen.
Auch sie bekommen ihre Gaben,
damit sie Freud am Fest noch haben.
Und die Moral von der Geschicht?
verderbt es mit dem Niklaus nicht …
Steht eine Ampel mal auf Rot,
begleitet ihn in dieser Not,
mit Hupen und mit blauem Licht!
Stopp und Ende vom Gedicht.
Matthias Albrecht
Eine Kinderweihnachtsfeier im Gefängnis
Unsere Gewerkschaft hatte Mitte der neunziger Jahre die Tradition ins Leben gerufen, alljährlich eine Weihnachtsfeier für die Kinder der Bediensteten unserer Justizvollzugsanstalt auszurichten. Die dafür benötigten finanziellen Mittel wurden aus den sogenannten „Rücklaufgeldern“ der monatlichen Beiträge sowie aus einem geringen, vor der Feier zu zahlenden Obolus der Eltern beglichen. Als Ausrichtungsort diente stets der große Speisesaal unserer Anstalt.
Die Veranstalter sahen der ersten Feier mit gemischten Gefühlen entgegen, fehlte es doch noch an Erfahrungen auf diesem Gebiet. Man hatte einen künstlichen Tannenbaum besorgt und festlich geschmückt, für jedes Kind einen buntbedruckten Weihnachtspappteller mit den üblichen Backwaren, Nüssen, Schokoladenfiguren und Früchten bereitgestellt, einen Zauberer für das Rahmenprogramm engagiert und mit den Eltern vereinbart, dass diese vor dem Festakt ein verpacktes, beschriftetes Geschenk für ihre Sprösslinge abzugeben hatten. Soweit, so gut. An alles war gedacht worden – nur die Hauptsache fehlte noch: der Weihnachtsmann! Einen solchen über die „Weihnachtsmannagentur“ zu ordern, kam aus Kostengründen nicht infrage. Was lag da näher, als ihn aus den Reihen unserer Bediensteten zu rekrutieren? Doch seltsam, niemand wollte diese Rolle übernehmen, nicht einmal diejenigen, welche sonst die große Klappe hatten oder sich gern reden hörten. Typisch Männer! Unsere Frauen hatten da weniger Berührungsängste. Drei meldeten sich noch während der Versammlung freiwillig, gaben allerdings selbst zu bedenken, dass eine weibliche Rollenbesetzung einen gewissen Gesichtsverlust für unsere Anstalt bedeuten könnte, waren doch hier weit mehr Männer als Frauen beschäftigt. Naturgemäß stand auch zu befürchten, dass von den Kindern eine „Weihnachtsfrau“ auf weitaus geringere Akzeptanz stoßen würde, als ein männlicher Vertreter dieser Zunft.
Nach erfolgreicher Überzeugungsarbeit unseres Vorsitzenden erklärte schließlich ich mich bereit, den Part des allseits beliebten Weihnachtsmanns zu übernehmen. Schien ich doch infolge meiner tiefen Stimmlage und wohlgenährten Erscheinung dafür geradezu prädestiniert zu sein und besorgte mir im Weiteren das entsprechende Outfit: Bart, Mantel mit Kapuze, Stiefel, Rute, weiße Zwirnshandschuhe und eine Gesichtsmaske. Auf letztere hätte ich unter anderen Umständen verzichten können, doch meine sechsjährige Tochter, welche mit von der Partie war, durfte mich nicht erkennen, um nicht den Glauben an die Wahrhaftigkeit des Weihnachtsmanns zu verlieren oder meine Tarnung auffliegen zu lassen.
Endlich war es soweit. Drei Dutzend aufgeregt schnatternde Kinder waren mitsamt ihrer nicht weniger mitteilsamen Geschwister, Eltern und Großeltern im aus den Nähten platzenden Speiseraum versammelt und harrten der Dinge, die da kommen sollten, während ich (noch in Zivil) im Nachbarraum zum hundertsten Mal meine Begrüßungsverse vor mich hin brabbelte und nervös eine Zigarette nach der anderen rauchte. Das Lampenfieber hatte sich meiner bemächtigt. Die Minuten dehnten sich zu Stunden.
Ich schlich über den Flur zur nur angelehnten Speisesaaltür und beobachtete durch den Spalt das Vorprogramm: Die Aufführung des Zauberers. In der Verkleidung des Gestiefelten Katers schlich er katzengleich durch den Raum und kommentierte mit durchdringender Stimme seine Kunststücke. „Ich liebe dicke, weiße Mäuse!“, rief er und ließ eine Handvoll Papierstreifen sehen. „Doch noch lieber sind mir die blauen!“ Flutsch – schon hatten sich die wertlosen Schnipsel in Hundertmarkscheine verwandelt. „Gib her!“, rief ein altkluger Knirps aus der ersten Reihe, der seine Chance witterte, sein mageres Taschengeld aufzubessern, doch der Zauberer hütete sich, der unverschämten Forderung nachzukommen; wahrscheinlich waren die Scheine echt.
Echt war auch der Schreck, den ich bekam, als eine meiner Kolleginnen zu mir nach draußen huschte und mir beinahe die Tür an den Kopf schlug. „Was machst du denn noch hier ohne Verkleidung?“, raunte sie. „Jetzt aber los und schnell umgezogen. Du hast nur noch zehn Minuten!“ Sie schob mich vor sich her und half mir im Gewerkschaftszimmer beim Ankleiden, während der Zauberer im Saal ein Meerschwein in einen Stubentiger und ein leeres in ein volles Glas Milch verwandelte.
Er hätte lieber mich verwandeln sollen, in einen Weihnachtsmann nämlich, denn das Ankleiden gestaltete sich zeitaufwändiger als gedacht. Ohne fremde Hilfe wäre es mir nicht gelungen, mich in das Kostüm zu zwängen, hatte ich doch darauf bestanden, meine dick gefütterte Winterjacke unter dem roten Rock zu tragen, um der immensen Körperfülle des Alten so nahe wie möglich zu kommen. Nachdem ich nebst Plastikmaske und Rauschebart alles angelegt und wir das breite Lederkoppel mit Ach und Krach geschlossen hatten, fühlte ich mich wie ein Astronaut im Raumanzug unter den Bedingungen der Schwerkraft: Meine Bewegungsfreiheit war extrem eingeschränkt.
Ich hatte indes keine Zeit mehr, Betrachtungen über meine hilflose Lage anzustellen, denn in diesem Augenblick verkündete der Zauberer, dass er den Weihnachtsmann vor seinem geistigen Auge erblickt habe. Die Kinder sollten nur nach ihm rufen, dann werde er sich schon zeigen. Meine Kollegin wuchtete mir einen von zwei riesigen, schweren Jutesäcken aufs Kreuz. Ich brach fast zusammen unter dieser Last. Obendrein war mein Blickfeld infolge der verrutschten Maske stark eingeschränkt und so ergriff sie meine Hand und führte mich schnellen Schrittes zur Tür des Speiseraums. Den anderen Sack schleifte sie hinter sich her.
„Geh schon!“, zischte sie und stieß die Tür zur Hälfte auf.
„Wohin denn? Ich kann nichts sehen!“ Ich versuchte, mir mit der Linken, mit der ich zudem die Rute umklammerte, die Maske zurechtzurücken, während die Kinder bereits zum fünften Mal nach dem Weihnachtsmann riefen. Schließlich erbarmte sich meine Kollegin, riss mich resolut an sich, rückte die Maske gerade, drehte mich herum und schubste mich in den Saal.
Das Hurra-Gebrüll der Kinder brach abrupt ab. Wahrscheinlich hatten sie noch nie solch einen merkwürdigen Weihnachtsmann erblickt, der statt ihrer die Fensterfront fixierte, mit der Rute durch die Luft fuchtelte und seine Verse aufzusagen begann:
„Hoch vom Norden komme ich her,
Und ich muss sagen, mein Sack ist recht schwer.
Doch jetzt kann ich nicht mehr
Und stell ihn hierher.
Denn ich hab da viele Geschenke drin.
Sie zu verteil’n, das ist der Sinn … “
Ich wuchtete den Sack zu Boden und versuchte krampfhaft, mich der letzten beiden Verse zu erinnern. Doch sie wollten mir partout nicht einfallen. Meine Kollegin, die sich dem Publikum als helfender Weihnachtsengel vorstellte, drehte mich zu den Kindern herum und rückte mir die Maske abermals zurecht. Der kleine Ausschnitt der Umgebung, den ich durch die Augenlöcher wahrnehmen konnte, ließ mich in erstaunte, ängstliche Kinderaugen blicken. Die Erwachsenen in den hinteren Reihen schauten gleichermaßen amüsiert wie mitleidig lächelnd auf das rot gekleidete Häufchen Elend, das sich abmühte, das Ende des Fadens zu finden, mit dem der Sack zugebunden war. Wieder kam mir mein Weihnachtsengel zu Hilfe. Mit dem Resultat, dass wir mit den Köpfen zusammenstießen, ich vor Schreck das Gleichgewicht verlor und der Länge nach hintenüber fiel.
Der Bann war gebrochen. Die Kinder kreischten vor Vergnügen, während ich mir vom Engel aufhelfen ließ und das erste Geschenk in die Hände gedrückt bekam. Ich drehte den Kopf hin und her, um die Aufschrift entziffern zu können und rief schließlich den Namen des Kindes in den Saal. Ein Steppke von höchstens dreieinhalb Jahren kam auf mich zu gerannt, riss mir das Paket (das größte von allen) aus den Händen und eilte von dannen. Die belustigten Erwachsenen honorierten es mit Applaus, während mir mein Engel schnell ein weiteres Päckchen zuschob und selbst den nächsten Namen aufrief. Der zu Beschenkende war zwar mindestens doppelt so alt wie der Knirps, schien jedoch ebenfalls kurz angebunden zu sein – immerhin murmelte er ein „Danke“, bevor er es seinem Vorgänger gleich tat und mit seiner Beute flüchtete.
Gut, dachte ich belustigt, je eher du fertig bist, desto besser. Ich schwitzte bereits aus allen Poren – und das nicht nur vor Aufregung. Der gute Vorsatz, jedem Kind ein Gedicht, Lied oder Versprechen abzuverlangen, war nun dahin. Mein Weihnachtsengel und ich fertigten unsere Kunden im Rekordtempo ab – mit einer Ausnahme:
Die Oma eines Geschwisterpaares hatte mir im Vorfeld einen Notizzettel zugesteckt, dessen Inhalt ich auf jeden Fall den beiden unter die Nase reiben sollte; das wäre wohl auch im Sinne der Eltern, die an diesem Tag leider verhindert waren. Ich versprach, es zu tun, merkte mir die Namen und holte nun besagte Zwillinge gleichzeitig nach vorn. Die Geschenke zu meinen Füßen, zog ich den Zettel hervor und begann, den Knirpsen die Leviten zu lesen. Sie wussten wohl, dass die Päckchen auf dem Boden früher oder später für sie bestimmt waren. Aber sie hörten sich meine Predigt an, wenngleich die Geschichte für beide ziemlich peinlich sein musste und ihnen am Ende das Versprechen abgenötigt wurde, das Meerschwein nicht mehr im Aquarium schwimmen zu lassen und auch besser darauf zu verzichten, ein zweites Mal ein Indianer-Lagerfeuer auf dem Wohnzimmerteppich zu entfachen.
Als ich den beiden die Geschenke übergeben wollte und mich dazu bücken musste, lief mir der Schweiß, der sich zuvor im Maskenkinn angesammelt hatte, in dünnen Strahlen aus den Plastik-Nasenlöchern. Sicherlich kein schöner Anblick. Die Zwillinge hatten sich – ihre Geschenke geistesgegenwärtig an sich reißend – schnell in die Obhut der Oma begeben, bevor es dem Alten einfallen konnte, auch noch Dampfschwaden auszustoßen oder gar Feuer zu speien.
Nach und nach wurde es im Saal immer unruhiger. Der Großteil der bereits beschenkten Kinder ignorierte den sich nach allen Regeln der Kunst abmühenden Alten und widmete seine Aufmerksamkeit ausschließlich den ausgepackten Gaben. Ich beschleunigte die Fließbandabfertigung angesichts solcher Respektlosigkeit, bis das letzte Geschenk verteilt war und raunte, völlig entkräftet, den Kindern ein „Frohes Fest und guten Rutsch ins neue Jahr“ zu. Doch hätte ich mich jetzt ebenso gut nackt ausziehen und mit den Ohren oder sonst etwas wackeln können; längst nahm mich niemand mehr wahr und so schlich ich, von meinem Engel gefolgt, sowohl desillusioniert als auch erleichtert, aus dem Saal in der Hoffnung, dass mich ein eventueller Herzinfarkt erst draußen ereilen möge …
Später berichteten mir viele Eltern, die Weihnachtsfeier sei ein großer Erfolg gewesen und hätte den Kindern gefallen. Insbesondere der Auftritt des „komischen“ Weihnachtsmanns!
Ich nahm es als Kompliment und Motivation, hatte mir doch der Vorsitzende unserer Gewerkschaft ein Weihnachtsmannmandat für die nächsten Jahre in Aussicht gestellt. Es wurden insgesamt noch etwa sechzehn derartige Events, bevor aus Gründen der Nachwuchsproblematik – unser Bediensteten-Bestand alterte unaufhaltsam vor sich hin – die wenigen Voranmeldungen keine weiteren Kinderweihnachtsfeiern mehr zustande kommen ließen.
Schade eigentlich …
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