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Corinna Meinold / Anja Lerz (Hrsg.)
Warum wir das schaffen müssen
Flüchtlinge – und was
wir als Christen
damit zu tun haben
Mit einem Grußwort von Ulrich Lilie,
Präsident der Diakonie Deutschland

Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek
Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar.
Redaktionsschluss für diesen Sammelband war der 4. Januar 2016.
Der Informationsstand der Texte bildet den Wissensstand bis zu diesem Zeitpunkt ab.
Die Namen der in den Flüchtlingsgeschichten erwähnten Personen wurden zu ihrem Schutz geändert.
ISBN 978-3-86506-887-3
© 2016 by Joh. Brendow & Sohn Verlag GmbH, Moers
Einbandgestaltung: Brendow Verlag, Moers
Titelfoto: Miguel Garcia Saavedra shutterstock
Satz: Brendow Web & Print, Moers
E-Book-Herstellung: Zeilenwert GmbH 2016
www.brendow-verlag.de
Die Speisung der 800.000
Auf einer seiner Wanderungen kam Jesus nach Deutschland. In Deutschland sah er die 800.000 Flüchtlinge, und sie jammerten ihn.
Als es Abend ward, sprachen die 80 Millionen Deutschen zu Jesus: „Herr, lass die Leute an die Orte zurückgehen, woher sie gekommen sind, denn hier gibt es nicht genug für alle. Und außerdem könnten einige unter ihnen Missbrauch betreiben.“
Und Jesus sprach zu den Deutschen: „Gebt ihr ihnen zu essen!“ Und ein Kind schaute in die Statistik und sagte: „Herr, hier sind fünf Billionen Euro Geldvermögen und ein seit zwei Jahren nahezu ausgeglichener Haushalt, aber was ist das für so viele?“
Und Jesus sprach: „Nun lasst die Menschen erst mal in ihren Flüchtlingswohnheimen ankommen, immer fünf in einem Container.“ Und sie kamen an, und die Deutschen teilten aus, und Jesus segnete sie, und es reichte für alle.
Und fünf Jahre später sammelten sie ein, was übrig war, und füllten Körbe mit jungen Leuten, Auszubildenden, Fachkräften, Arbeitern, neuen Nachbarn und ehrenamtlichen Helfern mit Public-Private-Partnership, Wirtschaftswachstum, mit gutem Ruf, Dankbarkeit, Diversität und mit dem guten Gefühl, der Welt etwas geschenkt zu haben.
Jens Hobohm
(Leiter einer Gemeinde in Berlin-Lichterfelde –
frei nach Johannesevangelium Kapitel 6)
Inhalt
Cover
Titel
Impressum
Die Speisung der 800.000
Vorwort
Ulrich Lilie, Präsident der Diakonie Deutschland
Wie nah lasse ich die Flüchtlinge an mich heran?
Rebekka Gohla
Mein Freund Thorsten und die Flüchtlinge
Frank Bonkowski
Es begann mit einem „Shereve!“
Frank Bonkowski
Ein unvollkommenes Willkommen
Jennifer Zimmermann
Samir
Frank Bonkowski
Die Flüchtlingspolitik der Europäischen Union: Ausverkauf europäischer Werte?
Wolf-Dieter Just
Farid
Frank Bonkowski
Flüchtlinge in Deutschland und Europa – Wie schaffen wir das?
Sebastian Ludwig
Shivaa, die 11.000-Euro-Frau
Frank Bonkowski
Helfen? Eine verrückte Idee!
Martin Keune
Endlich wieder vereint: Fadi und Ahlam
Frank Bonkowski
Wie Oma nach Deutschland kam
Frank Bonkowski
Fremde werden Freunde
Martin Patzelt
Nah an den Menschen – zwei Helfer berichten von ihren Erfahrungen aus Syrien und Deutschland
Rebekka Gohla
Ein Sofa für eine Nacht
Mandy
„Wenn wir uns als Selbstbespaßungs-Verein sehen, haben wir was verpasst“ – Wie eine Kirchengemeinde in Berlin Hunderte Iraner aufnahm
Johannes Süßmann
Der Gott der Flüchtlinge. Eine Spurensuche zum Thema Flucht, Flüchtlinge und Heimatsuche in der Bibel
Roland Werner
Hier können Sie sich informieren
Die Autorinnen und Autoren
Fußnoten
Vorwort
Das Wort des Jahres 2014 war das Kunstwort „Lichtgrenze“. Die Gesellschaft für deutsche Sprache bezog sich mit diesem Wort des Jahres auf die Berliner Feierlichkeiten zum 25. Jahrestag des Mauerfalls. Über 8000 weiße, leuchtende Ballons erinnerten damals auf einer Länge von 15 Kilometern an den Verlauf der Berliner Mauer und an die frühere Teilung der Stadt und unseres Landes. Was für ein entscheidender Tag nicht nur für unser Land, als diese Mauer 1989 fiel; und ein starkes Bild, als Tausende erleuchtete Ballons gen Himmel stiegen und die für wenige Tage noch einmal sichtbare Grenze ein letztes Mal verschwand. Nur zwei Jahre später, im Jahr 2016, wird in Deutschland und in Europa darüber diskutiert, ob offene Grenzen nicht wieder Zäunen und Schlagbäumen weichen sollen.
Schaffen wir das – mit offenen Grenzen, offenen Herzen und begrenzten Möglichkeiten‘?
Ich bin überzeugt, dass spätere Generationen Europa und Deutschland daran messen werden, ob wir die weltweite Jahrhundertherausforderung Migration und Flucht mit einem angemessenen Beitrag Europas und Deutschlands beantwortet und mitbewältigt haben.
Dabei ist schon sehr viel geschafft. Das Leben von Hunderttausenden schutzbedürftigen Menschen konnte gerettet werden. Sie sind nicht im Mittelmeer ertrunken oder vor hohen Zäunen und geschlossenen Stacheldrahtverhauen abgewiesen worden. Die Hilfsbereitschaft von Hunderttausenden Freiwilligen in Europa ist nach wie vor sehr groß. In Deutschland engagieren sich aktuell mehr Menschen bei der Aufnahme und Integration der geflüchteten Menschen als im Sport. Das ist ein weltweit wahrnehmbares Zeichen dafür, dass die Idee der Menschenrechte als die große Erzählung Europas noch immer eine kraftvolle und überzeugende Orientierung entfaltet. Diese Menschenrechte, zu denen das Recht auf Schutz vor Gewalt und Verfolgung gehört, offensiv zu vertreten und zu verteidigen ist eine der großen historischen Aufgaben der Mitgliedsländer Europas.
Das Jahr 2016 muss trotz aller Widerstände und unterschiedlichen Interessen zum Jahr der gemeinsamen Anstrengungen für eine gelingende Bemühung um Integration werden. Dabei müssen wir aus den Erfahrungen unserer Nachbarländer genauso lernen wie aus den nicht geglückten Erfahrungen, die wir in unserem Land gemacht haben.
Bezahlbarer Wohnraum, Kitaplätze, schnelles Erlernen der deutschen Sprache und schnelle Integration in Arbeitsprozesse der Asylbewerberinnen und -bewerber sind die prioritären Herausforderungen neben einer gemeinsamen europäischen Antwort, die jetzt ebenfalls dringend erforderlich ist.
An der Bewältigung dieser Herausforderung mitzuwirken ist nicht nur Aufgabe der Politiker, sondern aller Menschen, denen die Ideen der Menschenrechte und eines menschenwürdigen Zusammenlebens auf diesem unbegreiflich erwählten Planeten eben nicht egal sind.
Dazu bedarf es der Zusammenarbeit und der aktiven Unterstützung aller Menschen, die für ein friedliches und gerechtes Zusammenleben aller Menschen eintreten wollen. Nach einem Jahrhundert der Gewalt und der Diktaturen sollten wir verstanden haben, dass Nationalismus und Extremismus in der europäischen Geschichte zu oft und immer wieder in die Katastrophe geführt haben. Die vorliegenden Beiträge sind lesenswerte und fundierte Mosaiksteine zu einem hoffentlich menschenfreundlichen Gesicht Deutschlands und Europas angesichts der immensen Herausforderungen.
Ulrich Lilie
Präsident Diakonie Deutschland
Wie nah lasse ich die Flüchtlinge an mich heran?
Rebekka Gohla
Es ist Mitte des Jahres 2015, und in den Nachrichten verfolge ich die aktuelle Lage. Immer mehr Menschen fliehen aus Ländern wie Syrien oder dem Iran, um dem Krieg zu entkommen. Eine Welle von Videos taucht in den sozialen Netzwerken auf. Darunter immer wieder Bilder von verzweifelten Müttern und Vätern, die ihre Kinder an der Hand halten oder auf dem Arm tragen.
Die Bilder sind zum aktuellen Zeitpunkt für niemanden mehr neu. Und ich könnte auch gar nicht sagen, wann die erste Flüchtlingswelle kam. Es kommt mir so vor, als sei es nie anders gewesen. Ich erinnere mich schon gar nicht mehr an die Zeit ohne die Massenquartiere in den Städten. Kein Wunder, immerhin sind Medien wie Fernsehen, Zeitungen und Radio vom Flüchtlingsdrama überflutet.
Ich fühle Mitleid mit den Menschen, die ihre Heimat verlassen haben. Wie muss das sein? Wie fühlt es sich an, seine Freunde, die eigene Familie und das geliebte Zuhause zu verlassen, ohne zu wissen, wann und wo man landen wird? Was wird den Neuankömmlingen durch den Kopf gehen? Vielleicht Fragen wie diese: Wie werden die Menschen in dem neuen Land sein? Wie kommuniziere ich mit ihnen, wenn wir doch nicht dieselbe Sprache sprechen? Wovon werden wir Lebensmittel und einen Schlafplatz bezahlen?
Im Fernsehen sehe ich Berichte über Schleuser, die Flüchtlinge in ihren Lastwagen mitnehmen. Diese Menschen ersticken mitten in Europa auf dem vermeintlichen Weg in die Freiheit. Ich sehe Polizisten, die an der Grenze ein Interview geben und erzählen, wie sie die Lastwagen vorfinden. Einer dieser LKWs hat in der Verkleidung lauter kleine Beulen, die nach außen hin ausgebuchtet sind.
„Hier müssen Menschen verzweifelt versucht haben, aus dem Wagen zu gelangen“, sagt der Sprecher.
Furchtbare Bilder. Oder das Bild von dem kleinen Jungen in seinem roten Shirt, der am Strand angespült wurde – ertrunken, liegen gelassen. Das Bild geht um die Welt. Empörungsschreie. Betroffenheit. Aber es ist weit weg, trotz allem. Ein anderes Video verbreitet sich so schnell und vehement über die sozialen Medien, dass ich es mir eines Tages auch anschaue. Das Hilfswerk „Samaritan‘s Purse“ hat dieses Video veröffentlicht. Es zeigt, wie Helfer dieser Organisation am Strand nach Flüchtlingsbooten Ausschau halten. Befindet sich ein Boot in der Nähe der Küste, helfen sie den Menschen sicher an den Strand zu gelangen. Sie tragen Kinder aus dem Wasser und stützen Menschen, die sich vor Erschöpfung kaum noch auf den Beinen halten können. Sie versorgen die Ankommenden medizinisch und geben ihnen Essen und Trinken. Sie kümmern sich um diese Menschen, die nicht nur äußere Verletzungen davongetragen haben, sondern auch innerlich schwer verwundet worden sind.
Ich sehe das Video an und muss weinen, weil ich mich frage, wie Gott sich wohlfühlt, wenn er die Not dieser Menschen sieht. Könnte ich dort helfen? Würde ich es schaffen, an der Küste auf Menschen zu warten, lebendige und tote, um sie in Empfang zu nehmen? Sicher bin ich mir nicht. Aber es passiert nicht in meinem Land, es passiert Hunderte oder sogar Tausende Kilometer weit weg. Betrifft es mich da? Kann ich überhaupt helfen?
Flüchtlinge in meiner Stadt
In einem Stadtteil in Mülheim an der Ruhr befindet sich das Lagerhaus von „Willkommen in Mülheim“. Diese Initiative erzählt eine echte Erfolgsgeschichte. Schon länger engagieren sich hier Privatmenschen, nehmen Kleiderspenden und Haushaltsartikel entgegen, sortieren sie und teilen sie dann an Flüchtlinge aus. Zu den Öffnungszeiten bilden sich stets Schlangen bis vor die Tür. Die Initiative spricht sich schnell herum, und so bringen immer mehr Menschen Spenden hierher. Eine weitere Besonderheit von „Willkommen in Mülheim“ ist sicherlich, dass hier Menschen mit den unterschiedlichsten Hintergründen arbeiten. Vor allem die Flüchtlinge, die schon länger da sind und ein wenig Deutsch sprechen, sind eine große Hilfe. Sie können übersetzen, Fragen beantworten und vermitteln.
„Willkommen in Mülheim“ entstand bereits vor einigen Jahren. Der Gründer und Leiter des Vereins suchte damals via Facebook Spenden für eine Familie. Was sich daraus entwickelte, konnte zu dem Zeitpunkt noch keiner ahnen. Selbst von weit her bringen mittlerweile Menschen volle Autoladungen mit Kleidung, Hygieneartikeln, Spielsachen und Möbeln. Längst haben sogar einige Zeitungen und Fernsehsender bundesweit über die Initiative berichtet. Eine beeindruckende Arbeit, gestemmt von Ehrenamtlichen, denen die fremden Menschen am Herzen liegen. Wer hierherkommt, lernt schnell neue Menschen kennen und erfährt auch mehr über die Geschichten der Neuankömmlinge.
Direkt gegenüber dem Lagerhaus befindet sich das Gemeindehaus der Credo-Gemeinde, einer evangelischen Freikirche des Mülheimer Verbandes. Pastor Timm Oelkers und seine Frau wollten schon lange gerne mehr sozial-diakonisch arbeiten – am liebsten mit Menschen mit Migrationshintergrund. Doch der Stadtteil, in dem sich die Gemeinde befindet, ist der wohl gut betuchteste Stadtteil in Mülheim, mit einem geringen Ausländeranteil. Als „Willkommen in Mülheim“ sein Warenhaus ausgerechnet gegenüber eröffnet, scheint das perfekt zu passen. Und als dann im Winter die Wartenden in der Kälte stehen müssen, bis sie ins Lagerhaus können, entsteht die Idee eines Flüchtlingscafés.
„Im Sommer konnten die Menschen auf Plastikstühlen draußen warten und saßen dort, während die Kinder auf dem Hof spielten. Aber im Winter war es zu kalt für sie“, erzählt mir der Pastor.
Kurzerhand öffnet die Gemeinde jeden Samstagnachmittag ihre Türen. Mit ihrem Flüchtlingscafé bietet sie so eine Möglichkeit, in gemütlicher Atmosphäre einen Kaffee zu trinken, Gebäck und Obst zu essen und Kontakte zu knüpfen. Hier könnte ich helfen, in meiner Stadt.
An einem Samstag im Sommer gerate ich „zufällig“ mitten ins Flüchtlingscafé. Eigentlich wollen meine Freundinnen und ich nur schnell Flyer abgeben. Aber es werden dringend helfende Hände gesucht, und so bleiben wir.
Es ist ein wuseliger Nachmittag. Immer mehr arabische Familien kommen, nehmen sich Kaffee und Kuchen und lassen ihre Kinder währenddessen im Spielbereich spielen. Es ist laut, die Kinder rufen und lachen, die Männer unterhalten sich, und die Frauen versuchen, ihre Familien zusammenzuhalten. Ich stehe hinter der Theke und schneide Kuchen und Obst. Einer der Gäste spricht ein paar Brocken Deutsch und Englisch. So wird ein kurzes Gespräch möglich. Er ist schon ein paar Monate in Deutschland und wurde von der Stadt in einer Wohnung untergebracht, in der er mit anderen Flüchtlingen lebt. Er ist vor allem hier, um für seine Landsleute zu übersetzen.
Am Ende des Nachmittags kenne ich zwei Initiativen, bei denen ich mich engagieren könnte, um etwas für die Flüchtlinge zu tun. Aber wie nah will ich sie an mich heranlassen?
Als ich ein paar Tage später im Auto sitze und im Lokalradio die Nachrichten höre, erklärt der Sprecher, dass noch in dieser Woche bis zu 150 Menschen in ein Erstaufnahmelager in einer Sporthalle einziehen werden. Gemeinsam mit drei Freundinnen überlege ich, wie wir den Menschen am besten helfen können.
Die Flüchtlinge kommen von der ersten Registrierung in Dortmund mit Bussen in unsere Stadt, und als sie aussteigen, haben sie all das bei sich, was ihnen noch gehört – das ist meist nur die Kleidung, die sie am Körper tragen. Meine Freundinnen und ich möchten gerne in irgendeiner Form helfen. Durch den Verein „Willkommen in Mülheim“ sind die Menschen mit Kleidung und Hygieneartikeln versorgt, sodass wir überlegen, an einer anderen Stelle anzusetzen: Wenn wir Spielsachen mitnehmen und Bastelmaterial, könnten wir den Kindern etwas Abwechslung bieten. Ein Programm oder feste Aktionen gibt es im Quartier nicht. Die Credo-Gemeinde hat bereits Kontakte zur Leitung des Erstaufnahmelagers geknüpft, sodass wir uns mit einigen ehrenamtlichen Helfern verabreden und gemeinsam mit ihnen ein Spiele-Angebot ausarbeiten.
An einem sonnigen Nachmittag ist es so weit. Vor dem Quartier treffe ich mich mit einigen anderen Helfern. Wir haben Spiele und Bastelsachen dabei, um mit den Kindern auf dem Schulgelände, auf dem die Turnhalle steht, zu spielen. Im Massenquartier angekommen, begrüßen uns Mitarbeiter der Johanniter Unfallhilfe. Sie leiten das Quartier gemeinsam mit dem Deutschen Roten Kreuz. Innerhalb von Stunden haben sie in dieser Woche Betten aufgebaut und mit Bauzäunen Parzellen abgetrennt, damit die Menschen wenigstens einen Hauch von Privatsphäre haben. Es ist ruhig – fast so, als seien die Menschen noch gar nicht da. Der hintere Bereich des Schulhofs ist voll mit großen Zelten. Eines zum Essen, eines als Aufenthaltsraum und eines für Gebete. Eine der Frauen aus unserer Gruppe spricht ein wenig Arabisch. Das macht den Anfang leichter. Wir gehen durch die Turnhalle und laden die Kinder ein, mit uns zu kommen.
Den Nachmittag verbringen wir mit den Kindern und ihren Müttern. Eine von ihnen ist mit Drillingen schwanger. Wie es wohl sein muss, so eine beschwerliche Reise zu machen, während man nicht nur die eigenen Kinder an der Hand hat, sondern auch die Verantwortung für drei kleine Wesen in seinem Körper? Wir hören von der abenteuerlichen und gefährlichen Reise einer anderen Familie. Sie sind drei Tage und drei Nächte in einem Lastwagen mitgefahren, haben nur Bananen gehabt, die sie den Kindern und ihrem Baby zu essen geben konnten. Am Ende der Reise setzte der Fahrer sie an einer Hauptstraße ab und fuhr weiter. Erst an einer Tankstelle erfuhren sie, in welchem Teil des Landes sie sich aufhielten. Diese Geschichten klingen wie aus einem falschen Film. Wie können diese Menschen vor uns tatsächlich solche Dinge erlebt haben?
Wir verständigen uns mit Händen und Füßen. Einer der Bewohner spricht Italienisch, sodass sich eine von uns mit ihm unterhalten kann. Alles andere läuft über Zeichen und viel Lachen. Die Menschen sind unheimlich wissbegierig und reden alles nach, was sie an deutschen Worten aufschnappen. Sie zeigen auf den Stift oder die Schere, auf den Ball und das Springseil und wollen wissen, wie all diese Dinge heißen. Ein Junge kommt angelaufen und möchte Seilspringen. Bei jeder Umdrehung zählt er auf Deutsch, bis er nach der Zwölf nicht mehr weiterweiß.
Ich sitze in einem der Zelte neben einer Jugendlichen. Ihr Name ist Ania (Name geändert), und sie überrascht mich, denn sie spricht gut Englisch. Das habe ich nicht erwartet. Wir unterhalten uns, und sie erzählt mir etwas über ihre Familie.
„Ich bin mit meiner Mutter und meinem Bruder hierhergekommen“, erzählt sie. „Mein Vater musste in Albanien bleiben.“
Während wir reden, setzen sich ihre Mutter und ihr Bruder zu uns. Plötzlich beginnt Ania zu weinen.
„Ich möchte einfach nur in Freiheit leben. Ich möchte frei sein und Ärztin werden. Das ist mein größter Wunsch. Dann kann ich auch Menschen helfen.“
Sie sieht zu ihrer Mutter herüber. Auch sie weint jetzt. Ich nehme Ania in den Arm und lege meine andere Hand auf den Arm ihrer Mutter. Mir ist mehr als bewusst, dass ich ihnen nicht helfen kann. Ich kann ihre Situation nicht verändern und auch nicht dafür sorgen, dass sie bleiben können. Wenn ich ein Wort für sie einlegen könnte, würde ich das tun. Aber ich wüsste nicht einmal, wo! Also sitze ich einfach bei ihnen am Tisch und versuche da zu sein, zu trösten, mitzufühlen. Ihre Mutter spricht kein Englisch.
„Ania, kannst du deiner Mama übersetzen, dass ich es schön finde, euch kennenzulernen?“, bitte ich die 17-Jährige.
Sie übersetzt diesen einfachen Satz für ihre Mutter, und diese antwortet mir auf Albanisch. Ania dolmetscht: „Wir haben Angst, dass wir zurückmüssen. Wir wissen nicht, was mit uns passiert und wie es weitergeht – aber wir haben Angst, dass alles umsonst war und wir nicht bleiben dürfen.“
In diesem Moment fehlen mir die Worte. Denn ich weiß sehr genau, dass nur 0,03 Prozent der Menschen aus diesen „sicheren“ Staaten bleiben dürfen. Die Bleibechancen, um ihren Traum von einem Leben in Deutschland zu verwirklichen, sind verschwindend gering. Umso schwerer ist es, nun die richtigen Worte zu finden. Es ist nicht meine Aufgabe, sie über diese Fakten aufzuklären, und so sitzen wir weiterhin zusammen und sprechen miteinander.
Die Flüchtlingsströme nehmen in einem Ausmaß zu, das sich niemand so vorgestellt hätte. Recht schnell zeigen sich erste große Schwierigkeiten. Die Situation im Land und in der Politik scheint unübersichtlich. Die Neuankömmlinge im Massenquartier wechseln alle drei Wochen und werden auf andere Flüchtlingsquartiere verteilt. Mittlerweile hat sich ein fester Stamm an Helfern entwickelt, die an zwei Nachmittagen in der Woche ins Quartier fahren. Seifenblasen, Springseil, Bälle, Notizblöcke und Bastelmaterialien werden zum ständigen Begleiter. Die Familien sind nach wie vor sehr dankbar über die Abwechslung, die ihnen etwas von ihrer Langeweile nimmt. Aber auch die hauptamtlichen Helfer versuchen, sich Zeit zu nehmen, und üben mit den Bewohnern auf Zeit ein paar Worte Deutsch. Das Gespräch mit der Familie aber, die Angst vor einer Abweisung hat, hängt mir noch lange nach. Erst auf dem Rückweg nach Hause merke ich, wie anstrengend diese Begegnungen waren. Anstrengend, weil so viele neue Reize auf mich eingeströmt sind und weil es schwer ist, eine emotionale Distanz zu halten, wenn die Schicksale der Menschen so real werden.
Die Flüchtlinge in meiner Gemeinde
Im ganzen Land kommen täglich immer neue Flüchtlinge an. Auch bei uns in der Stadt entstehen mehr Wohnräume für sie. Kleine Dörfer aus Containern und Holzhütten werden geplant und aufgebaut. In dieser Zeit passieren viele Dinge parallel. Einige dieser Arbeiten laufen bereits länger, andere entstehen kurzfristig. Schnell zeigt sich, dass auch unsere Gemeinde vor neuen Herausforderungen steht. Es ist klar, dass wir als Christen mit von der Partie sein wollen, wenn es darum geht, den Menschen zu helfen, die hier Zuflucht suchen.
Eines Tages stehen einige junge Männer vor der Tür meines Gemeindehauses und klingeln. Sie suchen nicht speziell Hilfe, sondern möchten Kontakte knüpfen. Sie sind erst seit ein paar Tagen in einem großen Wohnhaus in der Nähe der Gemeinde untergebracht. Hier leben sie immer zu viert in einer Wohnung – wie eine multikulturelle WG.
Mit der Zeit finden immer mehr Menschen den Weg in unsere Gemeinde. Klar, dass die Flüchtlinge Deutsch lernen müssen, um hier leben und sich integrieren zu können. Die Sprachkurse der Volkshochschule und anderer Anbieter sind überfüllt. Es fehlt an Lehrkräften, um den Bedarf komplett abzudecken. Deshalb entscheidet unsere Gemeinde, Deutschkurse anzubieten. Im Internet gibt es hilfreiches Material im Bereich „Deutsch als Zweitsprache“ oder „Deutsch für Migranten“. Im Gemeindehaus können die Flüchtlinge an mehreren Tagen pro Woche an Computern lernen. Immer sind ehrenamtliche Helfer anwesend, die als Lehrer einspringen. Auch Nichtgemeindemitglieder engagieren sich in diesen Kursen. Sie wollen helfen und so Teil dieser Arbeit werden.
Ein paar Monate später melden sich einige der Kursbesucher zur Taufe an. Sie sind gekommen, um Hilfe zu suchen, haben Fragen im Gepäck und wollen mehr über Gott und Jesus wissen. Ihr traditioneller Glaube hat ihnen nicht den Halt in ihrem Leben gegeben, den sie gesucht haben. Teilweise wurden sie sogar ihres Glaubens wegen aus ihrer Heimat vertrieben. Und so entscheiden sich ganze Familien für Gott. Die Freude ist groß, und es wird ein bunter Gottesdienst, in dem sie Zeugnis von dem geben, was sie mit Gott erleben. Ich spüre neben der Freude aber auch meine Zweifel und Ängste. Ich habe von anderen gehört, dass sich viele Menschen aus den arabischen Ländern auch deshalb taufen lassen, weil sie dann als religiös verfolgt gelten und nicht mehr abgeschoben werden können. Sind die Motive dieser Menschen, die sich taufen lassen wollen, echt, oder suchen sie eine Möglichkeit, bleiben zu dürfen?
Ich denke über diese Frage nach und komme schnell zu dem Schluss, dass es nicht in meinem Ermessen liegt, das zu beurteilen. Gott sieht jeden von uns, und er weiß, wie es in unserem Inneren aussieht. Aber manchmal spüre ich auch meine Angst. Wenn Muslime zum Christentum konvertieren, sind sie der Gefahr ausgesetzt, von Freunden oder Familie drangsaliert zu werden. Immer wieder habe ich von Christen gehört, die als ehemalige Muslime ihre Familien und ihr Land verlassen mussten, weil diese ihnen mit dem Tode drohten. Was, wenn die Familien davon hören? Wie werden sie reagieren? Werden wir als Gemeinde eines Tages dadurch Schwierigkeiten haben?
Diese Gedanken gehen mir immer wieder durch den Kopf und werden für mich zur Herausforderung, wenn ich den Gästen und neuen Mitgliedern der Gemeinde offen begegnen will. Gleichzeitig muss ich lernen, mit meiner Skepsis umzugehen. Ich glaube aber auch, dass es ein großes Privileg ist, als Gemeinde auch solche Taufen zu erleben, bei denen sich ehemalige Muslime oder eben anders Glaubende Jesus zuwenden. Das ist es, was ich versuche in meinen Gedanken überwiegen zu lassen.
Gerade in einer großen Gemeinde wie meiner ist es aber leicht, den Menschen aus dem Weg zu gehen. Die Flüchtlinge sind in meiner Gemeinde – aber wie nah lasse ich sie wirklich an mich heran?
Der Fremde auf meinem Sofa
Im Internet lese ich von Mandy. Sie ist Bloggerin und lässt täglich viele Leser über Facebook und auf ihrer Homepage an ihren Erlebnissen und Gedanken teilhaben. So erfahre ich, dass sie und ihr Mann Flüchtlinge bei sich aufnehmen und ihnen für ein oder zwei Nächte einen Schlafplatz anbieten. Das finde ich spannend, und so stelle ich ihr meine Fragen, weil mich nun doch interessiert, wie das so ist!
In Berlin, vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales, stehen die Neuankömmlinge mitunter mehrere Wochen Tag für Tag an, um sich registrieren zu lassen. Zwar werden viele von ihnen in Bussen zu anderen Quartieren gebracht, aber einige finden keinen Platz mehr im Bus. Sie müssen bis zum nächsten Tag warten – immer in der Hoffnung, dass dieser Tag eine Registrierung und somit auch eine Unterkunft für sie mit sich bringt. Es ist Ende November, und die Nächte sind eisig kalt.
Mandy kommt immer wieder an diesem Ort vorbei, und sie merkt bald, dass es ihr abends auf ihrem Sofa immer schwerer fällt, in Ruhe den Abend zu genießen, während draußen in der Kälte Menschen mit Temperaturen um den Gefrierpunkt zu kämpfen haben. Sie erkundigt sich, wie sie helfen kann, und kommt so über eine Facebook-Gruppe auf eine Webseite, auf der sie ihr Sofa anmeldet. Ein Gästezimmer hat sie nicht, aber das Sofa reicht völlig. Das ist keine Lösung auf Dauer, aber für kurze Zeit ist das in Ordnung. Mandy und ihr Mann sind Christen und versuchen zu helfen, wo sie können. Allerdings sind sie nicht der Meinung, dass es speziell für uns Christen wichtig ist, zu helfen.
„Ich habe als Christ keine besondere Verantwortung. Jeder Mensch hat die Verantwortung für sein Leben und das der Menschen um ihn herum“, sagt Mandy.
Für sie steht dabei die Menschlichkeit im Fokus, aber vielleicht hat sie als Christin, die Gottes Liebe in ihrem Leben erlebt, mehr zu geben?! Dennoch frage ich mich, wie die beiden die Zeit mit den ausländischen Gästen erleben.
„Mit Brahim aus Syrien haben wir einen Apfelkuchen gebacken, Pizza gemacht, mein Mann war mit ihm beim Angeln, ich habe mit ihm Tischtennis gespielt, und wir saßen gemeinsam vor dem Kamin.“ Mit diesen Worten gibt Mandy einen Einblick in diese Begegnungen.
Meist wollen ihre Gäste sich im Warmen ausruhen, schlafen und duschen. Mittlerweile waren mehrere Gäste nach und nach über Nacht bei ihnen zu Besuch, und noch immer stehen sie vor kleineren oder größeren Herausforderungen. Das beginnt schon beim Frühstück. Was essen Menschen aus Syrien oder dem Iran zum Frühstück? Wenn sie das deutsche Müsli nicht wollen – liegt das dann am Müsli? Es klingt nach vielen spannenden Erlebnissen, die bei solchen Übernachtungsbesuchen entstehen.
Mandy erhält aber auch Anfeindungen. Im Internet liest sie immer wieder hässliche Botschaften von Menschen, die ihr unterstellen, mit den Flüchtlingen auch den IS in ihr Haus zu holen. Dies tut ihrer Hilfsbereitschaft allerdings keinen Abbruch. Sie hat eine weitere Idee, wie man helfen kann. Im Internet können Schlafsäcke und Isomatten bestellt werden. Viele Gleichgesinnte beteiligten sich schon an dieser Idee, und so lieferten ihr die Postboten mehrere Wagenladungen. Diese verteilte Mandy Abend für Abend vor dem Landesamt für Gesundheit und Soziales. An jedem Schlafsack steckte ein Zettel, auf dem in verschiedenen Sprachen zu lesen ist, dass dies ein Geschenk von mitfühlenden Menschen ist.
„Viele dieser Leute sind Christen und glauben, dass Gott dich unendlich liebt. Wir hoffen, dass der Sack dich warm hält und dir ein wenig hilft, durch diese kalte, harte Zeit zu kommen“, steht beispielsweise darauf. Wer seinen Schlafsack nicht mehr benötigt, kann ihn an andere Menschen weitergeben, die noch keinen Schlafplatz im Warmen erhalten haben. Eine weitere Aktion, an der sich jeder ganz praktisch und leicht beteiligen kann.
Wie nah lasse ich die Flüchtlinge nun tatsächlich an mich heran? Die Nächte auf dem Sofa kommen für mich nicht infrage. Es klingt toll, was Mandy und ihr Mann erleben, und es sind sicherlich viele bereichernde Begegnungen. Aber ich wohne alleine, und da halte ich das Einquartieren von Männern bei mir zu Hause für wenig klug.
Ich habe in den letzten Monaten auch immer mal mit dem Gedanken gespielt, hauptamtlich mit Flüchtlingen zu arbeiten. Ich könnte meinen Arbeitsplatz aufgeben, um in einem Massenquartier als Sozialarbeiterin tätig zu sein. Ich habe mich bewusst dagegen entschieden, weil ich auf Dauer mit der Belastung und den Geschichten und Schicksalen der Menschen emotional wahrscheinlich nicht umgehen könnte.
Manche Familien haben es auf dem Herzen, Kinder, die alleine gekommen sind, aufzunehmen. Für andere kommt das nicht infrage. Für manche bedeutet Flüchtlingshilfe, im Café der Gemeinde zu helfen, Kleidung zu spenden oder Deutsch zu unterrichten. Vielleicht laden meine Freundinnen und ich ja irgendwann mal eine junge Frau zum Essen ein. Wie nah wir die Flüchtlinge in unser Leben lassen, muss letztendlich jeder für sich selbst entscheiden. Wer sich allerdings in der Bibel mit den Themen „Fremdlinge“, „Hilfsbereitschaft“ und „Gastfreundschaft“ auseinandersetzt, weiß, dass es nicht allein meine menschliche Entscheidung sein kann, die darüber bestimmt, wie ich den Flüchtlingen in meinem Umfeld begegne.
Mein Freund Thorsten und die Flüchtlinge
Frank Bonkowski
Mein Freund Thorsten tickt politisch deutlich weiter rechts und hat eine ganz andere Einstellung als ich, was die derzeitige Flüchtlingspolitik angeht.
Ich kann mich noch gut an ein Gespräch erinnern, das wir vor knapp zwölf Jahren in einer Kneipe in unserer gemeinsamen Heimatstadt in Norddeutschland geführt haben.
Ich lebte damals an der Westküste Kanadas, während mein Freund unsere Heimat nie verlassen hatte.
„Du hast gar keine Ahnung, wie das jetzt hier läuft in Deutschland. Wohin du auch siehst, überall laufen Ausländer rum.“
„Ist doch schön, ich mag Multikulti! Das bereichert euch doch nur!“
„Das ist gar nicht schön. Diese Ausländer kriegen vom Staat UNSER Geld nur so nachgeschmissen, sie nehmen sich unsere Frauen und unsere Arbeit. Landunter, sag ich nur! Ich hab bald die Schnauze voll.“
„Du weißt schon, Thorsten, dass ich mit einer Ausländerin verheiratet bin und drei wunderschöne ausländische Kinder habe, die alle einen kanadischen Pass besitzen?“
„Bei euch ist das ja auch ganz anders, ihr habt ja noch nicht mal vor, nach Deutschland zu ziehen.“
Womit er damals noch recht hatte, obwohl wir zwei Jahre später dann doch wieder hierhergezogen sind.
„Ihr seid ja auch ganz anders als die Ausländer, von denen ich rede!“
Bevor ich meinen Freund bitten konnte, mir zu erklären, woran er unser „anders als die anderen Ausländer“ denn nun genau festmachen würde, kam die Bedienung, um unsere Bestellungen aufzunehmen.
„Ich hätte gerne ein Fladenbrot mit türkischer Wurst“, sagte Thorsten der Kellnerin. „Die musst du auch mal probieren, Frank, die türkische Wurst ist voll lecker!“
Ich glaube, den Humor in diesem Statement hat mein Freund bis heute nie so richtig erkannt.
Meine Familie lebt seit zehn Jahren wieder in Deutschland und nimmt meinem Kumpel seitdem erfolgreich zwei Arbeitsplätze weg, aber er ist tolerant genug und immer noch ein richtig guter Freund.
Und wir führen weiter ähnliche Diskussionen wie damals in der Kneipe und sind, was die derzeitige Flüchtlingsdebatte angeht, komplett unterschiedlicher Meinung.
Ich habe am eigenen Leib zu spüren bekommen, wie schwer es für Ausländer sein kann, hier in Deutschland anzukommen. Meine Kinder konnten damals nur Englisch, und obwohl Kanada ein westliches Land ist und ich Deutscher war, war die Umstellung wesentlich härter und langwieriger, als ich es jemals für möglich gehalten hatte.
Ich bin dankbar für jeden, der damals einfach nur freundlich und verständnisvoll mit meiner Familie umgegangen ist. Das hat mich zutiefst geprägt.
Ich bin durch meine Arbeit als Pastor etlichen Flüchtlingen persönlich begegnet. Meine eigenen Erfahrungen haben mir diese Kontakte leichter gemacht. Ich habe Gastfreundschaft, Kultur und fantastisches orientalisches Essen kennengelernt, und ich bedanke mich oft bei meinen neuen Freunden Habib, Rachel, Shivaa, Hussain, Samir, Farid und wie sie alle heißen, dass sie mein Herz weich werden lassen.
Wenn ich ganz ehrlich bin, muss ich zugeben, dass mir all die Nachrichten über den Syrienkrieg wahrscheinlich heute egal wären, wenn ich die Menschen nicht kennen würde, die dort Freunde und Verwandte haben. Mein weicheres Herz führt dazu, dass mir die „Tagesschau“ jetzt regelmäßig richtig wehtut.
Das Interessante ist, dass diese Begegnungen und Geschichten auch meinen Kumpel Thorsten verändern. Wenn ich ihn einlade, mit Habib und Rachel syrisches Essen auszuprobieren, oder wenn ich ihm von Farids abenteuerlicher Flucht über die Berge in den Iran erzähle, dann passiert etwas Wunderschönes: Mein Freund wird neugierig und möchte diese Menschen mit ihren traurigen, spannenden Hintergründen kennenlernen.
Und wenn wir uns kennenlernen, ist schon so unglaublich viel gewonnen.
Und so ist mein Freund Thorsten, der so ganz anders tickt als ich, der Grund geworden, warum ich diese Begegnungen und Geschichten, die persönlichen Schicksale, aufschreiben und erzählen möchte, weil ich mir wünsche, dass sie uns alle weicher machen und verständnisvoller.
Es begann mit einem „Shereve!“
Frank Bonkowski
Wie lernt man eigentlich einen Flüchtling kennen?
Seit ein paar Jahren kommen bei uns Syrer in den Gottesdienst. Seitdem wird bei uns viel gelächelt. Das ist gleichzeitig nett, hat aber auch immer so etwas leicht peinlich Berührtes.
Manchmal gibt es einen, der ein bisschen Englisch kann, aber so sehr man sich auch bemüht, Kommunikation ist erst mal einfach nur mühsam, wenn man so gar keine gemeinsame Sprache hat. Wer dann noch schüchtern ist, der ist komplett außen vor.
Vielleicht hilft ja diese Geschichte. Ende September 2015 ist Samir zum ersten Mal bei uns im Gottesdienst. Durch einen anderen Syrer erfahren wir, dass er gerade in einem Nachbardorf untergekommen und ganz frisch in Deutschland ist. Ansonsten wieder viel von dem netten, peinlich berührten gemeinsamen Anlächeln.
Als wir später mit ein paar Leuten zum Mittagessen in ein Oktoberfestzelt fahren wollen – die gibt es tatsächlich auch im hohen Norden –, sehen wir ihn, wie er zu Fuß nach Hause läuft. Wir halten an, lächeln, machen das universell übliche Zeichen für Essen, und Samir steigt ins Auto.
Zum Glück gibt es im Oktoberfestzelt Bilder. Ich zeige auf eine nett gemalte Schweinshaxe, mein Gast lächelt und hebt den Daumen. Gott sei Dank für dieses allgemein gültige Zeichen. Dann zeige ich auf ein Bild von einem enorm großen Bierglas, es folgt ein enorm großes Lächeln auf Samirs Gesicht. Das wäre geklärt. Unser neuer Freund isst Schwein und trinkt Bier.
Als die eingeflogene Bayrische Band das Festzelt zum Prosten auffordert, versuche ich meinem Mittrinker zu erklären, was hier gerade passiert: „Prost? Cheers? Salute? Skoll?“
Er grinst: „Shereve!“
An unserem Tisch sitzt auch noch eine junge Frau aus dem Iran. „Salam ati!“, ruft sie uns zu.
Wir ernten jetzt zwar einige komische, verwirrte Blicke, als unser Tisch nach jeder Schunkeleinlage „Shereve!“ und „Salam ati!“ brüllt, aber keiner hat so viel Spaß wie wir.
Irgendwann zückt Sammy, so heißt er inzwischen, weil das einfacher ist als Samir, sein Handy und zeigt mir ein Bild von seinem Baby, das er noch nie in den Armen gehalten hat, und von seiner Frau.
Wir kennen erst ein gemeinsames Wort, aber der erste Kontakt ist gemacht.
Zwei Wochen später bin ich bei meinem Freund Habib eingeladen, ein Deutschsyrer, der Sammy zum gemeinsamen Frühstück eingeladen hat, um ein Interview zu machen. Zum Schluss erzählt er mir, dass es am Abend für ein paar Neuankömmlinge Pasta geben wird.
„Ich versuche, meine Freunde an die europäische Küche zu gewöhnen“, meint er lachend.
„Super, wenn Sammy die Pasta mag, dann bring ihn Freitag zu mir, zum Pizzaessen. So gegen 19 Uhr“, antworte ich.
Das passiert dann auch. Ich war gerade nach Hause gekommen, es ist 17 Uhr, und Habib bringt Sammy vorbei. Genaue Zeiten werden im arabischen Raum etwas anders gehandhabt als bei uns. Ich bin alleine zu Hause, komme gerade vom Sport und wollte jetzt eigentlich duschen und die Küche vorbereiten.
Egal. Ich bitte Sammy mit einem Getränk an unseren Bistro-Tisch in der Küche. Wir lächeln, als ich anfange, die Küche ein bisschen aufzuräumen.
Aber irgendwie ist das blöd. Wir können uns doch jetzt nicht zwei Stunden lang lächelnd anschweigen, bis die anderen kommen.
Irgendwann kommt mir so eine Idee. Ich bitte meinen neuen Freund, mit mir zu meinem Laptop zu kommen. Auf google earth gebe ich „Homs“ ein. Ich weiß noch von unserem Interview, dass das seine Heimatstadt ist. Für die nächsten zehn Minuten gucken wir uns Bilder aus seiner Heimat an. Vor dem Krieg war das eine wunderschöne Stadt. Wir lächeln viel. Irgendwann zeigt er auf eine Kirche und dann auf sein Herz. Da ist er zur Kirche gegangen. Homs hat auch ganz viel Wasser, und es muss früher wunderschön gewesen sein, dort zu wohnen.
Als sich die Bilder nur noch wiederholen, gebe ich „Sechelt, BC“ ein. Die Stadt, in der ich fast 15 Jahre lang gewohnt habe und wo meine Kinder zur Welt gekommen sind. Wir finden die alte Kirche, in der ich früher gearbeitet habe, und nun zeige ich auf mein Herz. Wir sehen den Strand, an dem wir als Familie gespielt haben, und vieles mehr.
Als sich die Bilder wiederholen, suchen wir Bad Segeberg, das jetzt unsere gemeinsame Heimatstadt ist. Wir müssen beide lachen. Aber auch hier gibt es wunderschöne Ecken.
Als sich die Bilder wiederholen, gebe ich auf Englisch „Homs im Krieg“ an. Wir sehen kurze Videos, die uns zum Lachen bringen, wenn Bürger eine Sperre immer wieder wegschaffen, sobald das Militär verschwunden ist. Wenn wir zerbombte Stadtteile sehen, dann teilen wir ein paar Tränen.
Und irgendwann haben wir ganz viel miteinander geredet, obwohl sich unser gemeinsames Vokabular immer noch nicht entscheidend erweitert hat.
Am nächsten Tag bin ich in unserer arabischen Kirche zu Gast, und mein Freund Sammy und ich feiern gemeinsam Abendmahl. Wieder ganz viel Kommunikation ohne Worte.
Aus diesen Momenten entsteht Freundschaft, und aus dieser Freundschaft werden oft auch ganz tolle Programme. Hier ein paar Bespiele.
Es dauert manchmal Monate, um die offiziellen Sprachkurse zu bekommen, also gründeten wir einen inoffiziellen Deutschkurs.
Ich weiß von Sammy und den anderen, dass ihnen langweilig ist, also gründeten wir gemeinsame Kochkurse, auch eine Volleyballgruppe hat sich gebildet. Wir haben einen 44 Jahre alten Basar gegen einen internationalen Weihnachtsmarkt eingetauscht. Ein Ort der Begegnung, an dem wir gemeinsam feiern und arbeiten konnten. Und die Resonanz war überwältigend. Denn wir alle brauchen es, etwas für andere tun zu können.
Sammy wünschte sich nichts mehr, als seine Aufenthaltsgenehmigung zu bekommen, damit die Familienzusammenführung in Angriff genommen werden kann. Mirko, ein Experte, hat sich bei uns gemeldet und kommt nun regelmäßig in unseren syrischen Gottesdienst mit dem anschließenden Café, um bei den Anträgen zu helfen. Seit wir Sammys Baby auf dem Handy gesehen haben, wussten wir, dass wir ihm in dieser Angelegenheit helfen müssen. Heute, während ich dies schreibe, ist Sammys Wunsch übrigens in Erfüllung gegangen: Er hat seine Aufenthaltsgenehmigung. Jetzt kann der nächste Schritt geplant werden, und natürlich wird Mirko wieder helfen, damit Sammy seine Frau und sein Baby hoffentlich bald in den Arm nehmen kann.
Ein weiteres Beispiel zeigt vielleicht, warum es uns so wichtig ist, dass Programme organisch aus Beziehungen entstehen.
Es gibt in unserer Gemeinde seit Kurzem einen Kleidermarkt für Flüchtlinge. Ein paar nette deutsche Damen haben sich sofort freiwillig gemeldet, weil sie gerne mit den netten syrischen Frauen zusammenarbeiten wollten. Die Aktion ist daran gescheitert, dass die netten syrischen Frauen Angst vor den netten, effektiven deutschen Frauen hatten. Diese Reaktion stieß auf Unverständnis, konnte in diesem Fall aber schnell geklärt werden: Ein Araber wird dir dann vertrauen, wenn du bei ihm zu Hause zum Essen warst. Nicht wie man in unserer Kultur denken könnte, wenn ich etwas für ihn getan habe. In dieser Kultur sind Beziehung und Gastfreundschaft unglaublich wichtig.
Ich werde oft gefragt, ob ich unsere Programme erklären kann, für die wir hier in unserer Stadt in letzter Zeit einiges an Aufmerksamkeit bekommen haben. Meine Antwort ist dann immer: „Programme ohne die Beziehung wären irgendwie leblos, und es kann zu viel Frust führen, ein Programm nur auf die Beine zu stellen, weil das im Moment eben zum guten Ton gehört.“
Was würdest du dir wünschen, wenn du neu in einem fremden Land wärst? Programme oder Menschen, die dich mögen?
In diesem Sinne: „Shereve!“
Ein unvollkommenes Willkommen
Jennifer Zimmermann
Es ist Dienstag, und ich bin vorbereitet. Bestens sortiert. Kleine Türmchen stapeln sich auf dem Tisch vor mir. Papiere mit Punkten, mit Streifen, mit Blümchen und ohne alles, Briefumschläge in Rot, Grün, Gelb und Blau, Stifte in allen Regenbogenfarben, mit Glitzer und ohne, große Scheren, kleine Scheren, Klebestifte, Flüssigkleber. Und in mir mein klopfendes Herz.
Hier in unserem Gemeindecafé wartet alles auf die Gäste. Die vertrauten Stimmen von fünfzehn Mitgliedern meiner Gemeindefamilie um mich her erzählen Geschichten von letzter Woche, beraten, lachen, seufzen, hin und wieder schnappe ich einige Sätze auf. Ich verlasse meine Bastelburg und schlendere ziellos umher. In der Mitte des Raumes ist ein Buffettisch reich gedeckt, Kaffeeduft zieht durch den Raum. Links werden Arbeitsblätter gewälzt, Methoden ausgetauscht. Wie erklärt man den Unterschied zwischen „Sie“, förmlich, und „sie“, dritte Person Plural? Am Fenster werden Namensschilder sortiert.
Ich bleibe stehen und lasse meinen Blick über die Namen schweifen, rechts die Mitarbeiter, links die Gäste. In den Fensterscheiben brechen sich die Frühlingssonnenstrahlen. Tausend Lichtpunkte tanzen über die Fensterbretter, über die rund vierzig Schilder mit ihren handgeschriebenen Buchstaben. Als kleine Gemälde fangen meine Augen die einzelnen arabischen Schriftzüge ein. Dabei sind es so oft die lateinischen Buchstaben, die von ihren Schreibern sorgfältig aufgemalt wurden. Es ist das neunte Mal, dass wir Flüchtlinge aus unserer Nachbarschaft in unser „Offenes Haus“ einladen. Zum dritten Mal bin ich dabei. Und ich bin vorbereitet. Diesmal habe ich Dinge mitgebracht zum daran Festhalten. Material zum Vorschieben, zum Verstecken meiner Unsicherheit und meiner Sprachlosigkeit. So weit der Plan.
Jetzt schwappen die ersten zwanzig Menschen in kleinen Grüppchen herein. Der Raum füllt sich mit den Klängen von Sprachen, die ich nicht auseinanderhalten kann. In den ersten Minuten der Begrüßung schlagen sie wellenartig hoch. Kinder rennen mit ausgestreckten Händen herein und geben Mitarbeitern High Five, Menschen breiten ihre Arme aus, ein Lächeln fliegt hin und her, manche tasten sich schüchtern durch den Raum, beobachtend, abwartend. Für viele war dieser Dienstagnachmittag ein Grund, ein besonderes Kleidungsstück anzuziehen, Schminke aufzulegen. Es ist wie der Beginn eines Festes. Und wie ein lang gepflegtes Ritual erklingt mit jeder ausgestreckten Hand der Satz, den die meisten gleich zu Beginn hier gelernt haben: „Guten Tag, wie geht es Ihnen?“ Ich wünsche jedem Einzelnen Wortgeschenke, Formulierungen für ehrliche Antworten.
Frühlingslichtpunkte tanzen in der Luft. Auch auf den vielen Tischen, an denen sich die vertrauten Lerngruppen um einzelne Mitarbeiter sammeln. Nur selten wechseln sie. Geknüpfte Kontakte werden gepflegt und dieser Mensch geschätzt, der Wort für Wort einen Weg ebnet in diesen fremden Klang, diese fremde Sprache, dieses fremde Deutschland. Manche Mitarbeiter haben Lernhefte bestellt, andere hangeln sich mit bebilderten Wörterbüchern durch den Dschungel der Alltagsbegriffe. Und in der Kommunikation mit Händen und Füßen ist das Buffet Wörterbuch zum Anfassen: Kuchen. Apfel. Banane. Kaffee. Ich lerne bei dieser Gelegenheit meine ersten Worte Farsi.
Manche Gäste stehen wie erschlagen vor dem Wortberg, der sich vor ihnen auftürmt, und nichts scheint Wurzeln zu schlagen in ihren Köpfen. Alles fließt einfach so hindurch, vorbei an den alles überschattenden Bildern von Krieg und Blut, Schmerz und Verlust, Flucht und Dunkelheit, Angst und der trügerischen Sicherheit eines Landes, in dem Uniformierte Menschen in einen Flieger setzen und erneut dem Wahnsinn preisgeben. Den Schrecken können wir vielen im Gesicht ablesen, auch viele Monate danach. Im Stockwerk über den Lernenden spielen einige Tischkicker oder Tischtennis und kommen später sichtlich leichter die Treppen hinunter, für einen Moment befreit aus der Starre der Ausgelieferten.
Und dann sind da noch ein paar junge Frauen, die mit ihren Männern und Kindern auf der Suche nach einem besseren Leben hierherkamen. Ich sehe ihnen zu, wie sie sich an ihre vertrauten Tische setzen und lange, lange still schauend den Raum betrachten, mit den Augen den Kindern folgen, hier und da ein Wort wechseln. Ein vielleicht zweijähriges Mädchen legt ihr Kinn auf meinen Basteltisch und beäugt die bunt gemusterten Papiere, und ich habe wieder einmal meine beiden Jungs vor Augen und die Verantwortung für ihre kleinen Leben, die manchmal so schwer auf meinen Schultern liegt, das alltägliche Abwägen von da sein, von Grenzen setzen, die Last, als die ich manchmal das immer wiederkehrende Essenmachen, Windelnwechseln, Spielen, Schimpfen, Schlafenlegen empfinde, und ihre unglaubliche Steigerung, wenn die vertraute Umgebung, das soziale Netz und die schnellen eingeübten Handgriffe plötzlich fehlen.
Es bewegt mich, wie diese jungen Mütter ihre Kinder über das unwegsame Gelände der Flucht tragen, nichts sehend außer dem nächsten Hindernis. Auf der Suche nach einem Zugang zu diesen Frauen, die mir so nahe sind, habe ich mir eine Brücke gebastelt, eine Frühlingskarte, ein Bastelangebot, eine Hoffnung, dass wir mit dem Material in den Händen die sprachlosen Momente verringern, gemeinsam etwas Schönes erschaffen und einander Sinn schenken. Ich bin vorbereitet – denke ich.
Erwartungsvoll kehre ich zu meinem Tisch zurück. Eine junge Frau setzt sich zaghaft auf einen der Stühle neben mir. Ich nehme sie heute zum ersten Mal wahr, dabei erzählt ihr ganzes Auftreten von einem Menschen, der das Besondere liebt, von einer Frau, die sich gern in Eleganz kleidet und auffällt. Ihr Gesicht aber trägt Unsicherheit, tiefe Trauer, und ich merke, wie mir das Lächeln wehtut.
„Deutsch?“, fragt sie vorsichtig, und ich antworte: „Ja, ich spreche Deutsch“, im gleichen Moment ein Missverständnis ahnend.
„No“, versucht sie es auf Englisch, „learning Deutsch?“
Ich verstehe, dass sie jemanden sucht, mit dem sie Deutsch üben kann. Während ich in meinem Kopf nach dem englischen Wort für Basteln suche, dämmert mir langsam, dass sie über diese Vokabel wahrscheinlich ebenso wenig verfügt wie ich, und wir sitzen einige unerträgliche Sekunden schweigend voreinander. Dann fällt mir wieder ein, dass ich vorbereitet und sortiert bin, und die kompetente Helferin in mir schluckt ihre Unsicherheit schwer hinunter. Mit großen Gesten untermale ich den deutschen Satz, dass hier, an diesem Tisch, heute gebastelt wird und, wenn sie basteln möchte, sie gern hier sitzen bleiben kann. Andernfalls müsse sie sich einen anderen Platz suchen. Übertrieben freundliches Lächeln von mir, verständnisloser Blick von ihr. Ich wiederhole zu bestimmt die wichtigsten Worte. Basteln hier. Kein Deutsch lernen. Und mit Handweisung auf den Nachbartisch: Da drüben ist noch Platz.
„O. k.“ Sie zuckt mit den Schultern und senkt den Blick, zieht an den nächsten Tisch um. Ein junger Mann, der die ganze Zeit wortlos hinter ihr gestanden hat, schüttelt kaum merklich den Kopf, als er sich zu ihr setzt. Ich lasse meinen Blick schweifen über meine einsam gestapelten Bastelmaterialien, die Kinder, die sich mittlerweile mit neugierig tastenden Blicken genähert haben, und die vielen freien Stühle, auf die ich mir die jungen Mütter gewünscht hatte, die jetzt ihren Kaffee schlürfen und anfangen, sich am Buffet zu bedienen. Ich fühle mich ertappt.
Natürlich verbringe ich den restlichen Nachmittag mit dem Basteln von Frühlingskarten. Es dauert eine ganze Weile, aber dann folgen gleich mehrere junge Mütter ihren neugierigen Kindern an meinen Tisch und lassen sich von mir begeistern. Meine gut sortierte Vorbereitung endet in heillosem Durcheinander. Ein voller Erfolg. Aber auf dem Heimweg hallt in mir dennoch dieser erste Moment nach und die Frage, ins tiefste Chaos meiner Seele hineingestellt: „Wie muss ein solcher Mensch sein, der andere willkommen heißt, der zum Ankommen einlädt, der Gastgeber sein möchte?“
Meine schmerzhaft ehrlich abgerungene Antwort bringt Licht in die dunkle Lücke, die sich auftut zwischen „ihnen“ und „uns“, wenn ich fremden Menschen begegne: Ich muss besser sein. Kompetenter. Wissender. Sicherer. Vorbereiteter. Und es kostet mich den restlichen Abend, um den Knoten zu entwirren und herauszufinden: Ich bin es nicht. Ich spüre allzu rutschig den eiskalten Boden unter meinen Füßen, wenn mein Gegenüber meine Worte nicht versteht, meine Kultur oder meine Lebensgestaltung. Ständig begegnet mir dieses Problem, bis ich irgendwann lerne, mein Leben so zu strukturieren, dass ich nur noch mit Gleichdenkenden- und sprechenden in engen Kontakt komme.
Doch da, wo ich beschließe, mich auf den Anderen, den fremden Anderen, einzulassen, da treffe ich sie wieder, die tiefe Unsicherheit des Menschen, der all seiner eingeübten Handlungslinien beraubt, nackt und wehrlos dasteht und die Wahl hat, sich möglichst schnell eine kompetente Maske zu basteln oder schlicht zu lächeln und Mitmensch zu sein, verletzter, fehlerhafter, wurzelloser Mensch, zusammengehalten von Gottes Liebe. Ich wähle die Maske. Immer wieder.
Einige Monate später, weit entfernt vom tanzenden Frühlingslicht, ein Tag so heiß, dass der Asphalt flimmert. Ich sitze im Auto vor den Wohncontainern, die kurz vor Weihnachten auf den großen Platz eine Straße neben unserer Gemeinde gestellt wurden. Bewegt von dem tiefen Wunsch, willkommen zu sagen, besuchten wir erst zögerlich, später organisiert, die Menschen in den Containern, wollten ein Zeichen setzen, eine Not lindern, von der wir noch nicht einmal wussten, wie sie aussah. Zu Weihnachten brachten wir Tüten mit Obst und standen fassungslos vor den kahlen Wänden im Gemeinschaftsraum, dem Ausblick auf die überdimensionalen Mülltonnen im Hof, den Wachmännern in ihrer ständigen Überwältigung angesichts eines Arbeitsalltags, der sie zwang, zu schlichten, zu übersetzen, zu vermitteln, zu koordinieren und zu versorgen. Wir begegneten jungen Familien mit Kindern aller Altersgruppen, alleinstehenden Männern und Frauen, Menschen aus Äthiopien, Afghanistan, Albanien, Irak, Palästina, Somalia, Serbien, Syrien auf engstem Raum in Zwangsgemeinschaft lebend.
Wir stopften die offensichtlichen Löcher. Wir sammelten Geschirr, Töpfe, Handtücher, Bettbezüge, Kinderwagen, bis wir an die Grenzen unserer Lagermöglichkeiten stießen. Wir organisierten, wir verteilten, wir kamen und brachten und ernteten Dankeschöns in allen Sprachen, und wir gingen nach Hause und zogen die Frage hinter uns her, ob unser Willkommen auch angekommen war. Wir standen im Gemeinschaftsraum an zusammengeschobenen Tischen hinter Türmen aus Töpfen und Pfannen, und die Menschen kamen und nahmen und gingen. Hier und da ein Gespräch, ein stotterndes auf Englisch, das uns noch tagelang umtrieb, weil das tiefe Bedürfnis nach Beziehungen, nach Freundschaften sogar noch den Wunsch nach Sprachverständnis übertönte.
In kürzester Zeit sammelte sich ein Mitarbeiterkreis, der nur auf diesen Anstoß gewartet hatte, der auf der Suche war nach der tiefer liegenden Lücke unter dem offensichtlichen Fehlen von Gegenständen, nach Gottes Auftrag in dieser Not in der Nebenstraße. Lange schon hatten viele von uns Träume gesponnen um unser Gemeindecafé, das wir bisher nur sonntags nach dem Gottesdienst zum Verweilen nutzten. An einem Dienstagnachmittag im Februar öffneten wir zum ersten Mal die Türen dieses Raumes, um die knapp fünfzig Menschen aus den Containern einzuladen auf einen Kaffee und ein Stück Kuchen, auf ein paar neue Worte Deutsch, auf ein Kennenlernen. Wir wünschten ihnen, dass sie ankommen könnten in unserer Stadt nach ihrer langen Reise, und setzten damit, ohne es zu merken, für viele ein Highlight in die sich dahinschleppende Containerwoche. Schon in der dritten Woche kamen uns unsere Gäste, als wir sie abholen wollten, auf halbem Weg entgegen. Abholen müssen wir seither niemanden mehr.
Mein Blick streift über den Platz zu der alten Feuerwache, die lange leer stand und jetzt als zusätzliche Unterkunft für Flüchtlinge verwendet wird. Aller Übung zum Trotz spüre ich mal wieder die Aufregung. In meinen Gedanken kursieren unausgesprochene Worte, die Freundlichkeit, die ich der jungen Frau entgegenbringen möchte, die gleich in mein Auto steigen wird, und die immer tiefer sinkende Kühle einer halben schweigenden Stunde Autofahrt. Auf der Außentreppe entdecke ich sie, ihre langen schwarzen Haare wippen in schwungvollen Wellen ihre Schultern hinab, sie trägt eine lange Perlenkette um den Hals.
Die junge Frau, die ich im Frühjahr so unsanft übermotiviert meines Tisches verwiesen habe, sie hole ich an diesem Abend ab und nehme sie mit zu unserem Frauenhauskreis. Als sie einsteigt, vorfreudig, strahlend, schick und geschminkt, sehe ich an mir herunter und entdecke Reste des aufgeweichten Abendbrotes meiner Kinder.
„Du siehst toll aus!“, sage ich, und wir finden uns schon zwei Straßen weiter irgendwo zwischen Englisch, Deutsch, Hand und Fuß und reden die ganze Autofahrt über Jesus, den sie in ihrer Heimat im Nahen Osten auf wunderbare Weise und ungeachtet aller Hindernisse kennengelernt hat, über die schmerzhaft holprigen Wege, die sie gehen musste, um nach Deutschland zu kommen, und über die Kinder, die sie daheim zurückgelassen hat.
Ihre Geschichte sprudelt aus ihr, als hätte ich mit dem Öffnen meiner Autotür ein Loch in einen Damm gerissen. In der wilden Mischung aus Sprachen und Gebärden verstehe ich vieles gut und vieles gar nicht, und selbst wenn ich alles verstünde, würde es mir an Worten fehlen, die Antwort genug wären auf all das, was sie mir anvertraut. Nicht nur einmal lege ich meine Hand aufs Herz und spüre den Schmerz mit ihr. Und dazwischen lachen wir über unsere Missverständnisse. Den Blick auf die Fahrbahn gerichtet, ihre aufgeregte Stimme neben mir, ziehen vor meinem inneren Auge Bilder herauf, denen der Hintergrund fehlt.
Ich weiß nichts über das Land, aus dem sie kommt. Ich weiß nicht, was es heißt, die Frau unter dem Schleier zu sein, wenn man ihn nicht tragen möchte. Ich weiß nicht, wie es ist, sonntags die Vorhänge zuziehen zu müssen um beten zu können. Ich weiß nicht, wie es sich anfühlt, die eigenen Kinder zurückzulassen, um einen unsicheren Weg zu gehen, um zu überleben. Aber in dieser halben Stunde in meinem Auto kann ich die Gegenwart Jesu spüren, ja, ich kann ihn hören, wie er erzählt von seinen Schmerzen angesichts dieser tiefen Verletzungen, ich kann ihn fast weinen hören. Er gibt mir neu die Chance, meine glatte Fassade abzulegen und einfach da zu sein mit meinen eigenen Schrammen, Narben, Chaos in Kopf und Herz, der perfekt vorbereiteten Maske, die an meinem rechten Ohr baumelt, und den angesabberten Brotresten an meiner Schulter.
„Sister“ nennt sie mich. Sie wird mir in den nächsten Wochen Freundin, Gleichgesinnte, Schwester und bleibt mir doch fremd. Unsere Gespräche gewinnen an Tiefe, aber sie bleiben ein Ringen um gegenseitiges Verständnis, die unzählige Male mit dem Versprechen enden, alles zu erklären, wenn wir erst eine gemeinsame Sprache haben. Manchmal denke ich, wir sind doch schon jetzt einer gemeinsamen Sprache näher als zwei, die eine Muttersprache teilen. Oft kommen wir ohne viele Worte aus oder mit solchen, die in keinem Wörterbuch zu finden sind, die für uns aber ihre ganz eigene Bedeutung haben. Ihr gegenüber schaffe ich es immer wieder, meine allmächtige Helfermaske daheim zu lassen und zur gleichermaßen Hilflosen zu werden – hilflos angesichts ihrer Geschichte, aber auch angesichts meiner eigenen.
Immer wieder erweist sich die gut sortierte Sozialarbeiterin in mir als hilfreich, dann setze ich die Maske gern auf. Gemeinsam mit ihr finde ich Möglichkeiten, wie meine neue Freundin mit ihrem Trauma umgehen kann, finde Fachkräfte und Ansprechpartner. Gemeinsam finden wir einen Weg, auch dann, als plötzlich Abschiebung droht. An allen anderen Tagen stehe ich aber da als eine, die selbst auf dem Weg ist und noch lange nicht daheim. Im Zusammensein mit ihr erfahre ich, dass es möglich ist, die existenziell menschliche Erfahrung von Abhängigkeit, von Kontrollverlust, vom Leben auf einem Boden, der gerade noch trägt und sich dann plötzlich auftut, radikal zu akzeptieren. Dass es eine Art von Geduld und Weisheit gibt, die haarklein durchbuchstabiert hat, dass Gott auch in der Wüste noch gut ist und seine Schritte mit uns oft erst mit dem Blick über die Schulter ein Muster im Sand ergeben.
Ein Geschenk ist mir diese Freundschaft, die mich immer wieder daran erinnert, dass ich nicht im leeren Raum lebe, sondern existenziell abhängig bin von Gottes Hand. Wenn ich jetzt von Jesus lese, der sagt, wir sollen uns um nichts sorgen (Matthäus 6, 34), dann ist mir das mehr als ein freundlicher Hinweis. Es ist ein Gebot, das mich liebevoll daran erinnert, auf meine kostbare, verletzliche Seele zu achten, das mich an meine Bedürftigkeit erinnert und an einen Gott, der mich befähigt und stärkt, wenn ich vor ihm schwach werde. Wie kann ich einem Menschen in seiner Fassungslosigkeit sagen, dass es Einen gibt, der Verwundete trägt und Zerrüttete liebt, wenn ich Ihn nicht selbst erfahre an jedem neuen Tag?
Im Herbst entwickeln die Mitarbeiter des „Offenen Hauses“ gemeinsam ein Leitbild, und jetzt steht es schwarz auf weiß in immer neuen Worten auf einer Seite, dass sich hier Menschen begegnen, dass hier kommuniziert, gefragt, verstanden, vertraut wird. Und mitgefühlt. Zwangsläufig blicken wir hinter die alles überschattenden Fluchtgeschichten und die Hilf- und Sprachlosigkeit der Menschen, die unsere Gemeinde dienstags besuchen, wenn wir als Mitmenschen auf sie zugehen. Weil wir unsere eigenen Helfer-Masken fallen lassen, weil wir unser Vorgehen nicht bis ins Kleinste durchbuchstabieren und weil wir kein Konzept als pauschale Antwort auf die Flüchtlingsfrage unserer Stadt entwickeln, dürfen wir immer wieder auch hinter die Masken unserer Gegenüber blicken, den ganzen Menschen erhaschen mit seinem ganzen Lebenschaos.
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