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VARIATIONslinguistik trifft TEXTlinguistik

Kirsten Adamzik / Mateusz Maselko

Narr Francke Attempto Verlag Tübingen

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© 2019 • Narr Francke Attempto Verlag GmbH + Co. KG

Dischingerweg 5 • D-72070 Tübingen

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ePub-ISBN 978-3-8233-0092-2

Inhalt

 Kirsten Adamzik / Mateusz ...VorwortBericht zur Tagung Variationslinguistik trifft Textlinguistik (Ascona 2017)

 I Theoretische Perspektiven auf Variation(sforschung)Derselbe Text, aber anders1 Einleitung2 Variations- und Textlinguistik vs. Systemlinguistik?3 Die Notwendigkeit von Abstraktionen4 Virtuelle Einheiten auf der Textebene5 FazitLiteraturverzeichnisTextsortenspezifische sprachliche Variation ermitteln1 Einleitung2 Die Musterhaftigkeit von Textsorten korpuslinguistisch ermitteln3 Bezüge zur Textlinguistik4 Bezüge zur Stilistik5 Induktiv korpuslinguistisch ermittelte Muster als Grundlage der Text- und Stilanalyse6 ZusammenfassungLiteraturverzeichnis

 II Regionale VariationSüdmittelbairische Verbalflexion in alltagssprachlicher Verwendung im Stadt-Land-Vergleich1 Einleitung2 Der urbane Raum als Sprachlandschaft3 Untersuchungsgebiet und Korpus4 Ergebnisse – Konjunktiv II-Bildung5 Fazit6 ZusammenfassungLiteraturverzeichnisUnternehmenssprache: regional – national – global?1 Einleitung2 Unternehmenssprache3 Die Lufthansa Group und ihr (Sprach-)Konzept4 Austrian Airlines5 ConclusioQuellenverzeichnisLiteraturverzeichnis

 III Variation in Internet-AuftrittenDi Alemannischi Wikipedia – Di frei Enzyklopedi, wo alli chöi mitschaffe1 Einleitung2 Sprachliche Vielfalt und Variation im Social Web3 Datenstruktur, Textsortenüberlegungen und Korpuserstellung4 Theoretischer Rahmen: Kohärenz in Hypertexten5 Empirische Analyse6 Diskussion und FazitLiteraturverzeichnisBehördensprache im E-Government1 Einleitung2 E-Government3 Das E-Government in der Schweiz4 Die Verwaltungskommunikation in der Schweiz5 Fallstudie: Die Einbürgerung in der Schweiz6 FazitLiteraturverzeichnis

 IV Historische Variation in institutionellen KontextenZur Beschreibung und Analyse historischer Textsorten am Beispiel des Kommunikationsbereichs Medizin1 Einleitung2 Bisherige Ansätze3 Das Modell4 Schluss5 LiteraturverzeichnisSystemgebundene Rolleninszenierungen der Lehrenden des Höheren Schulwesens anhand der Textsorte ‚Schulprogramm‘1 Ausgangspunkt2 Zum beruflichen Selbstbild bzw. Rollenverständnis der Lehrenden im 19. Jahrhundert3 Theoretisch-methodische Grundlagen und Charakterisierung des vorliegenden Korpus4 Auswertung4.1.4 Inhaltsanalyse der wissenschaftssystemischen Abhandlungen5 SchlussbemerkungenLiteraturverzeichnis

 V Variation bei einzelnen sprachlichen KategorienZur Indexikalisierung der Rektionsvarianten bei Präpositionen1 Einleitung2 Variierende Kasusrektion bei Präpositionen im Deutschen3 Onlinebefragung zur Indexikalisierung der Rektionsvarianten4 Resümee und AusblickLiteraturverzeichnisLinguistische Grundlagen einer textsortenbasierten Grammatikdidaktik am Beispiel der Adverbialien1 Textsortenbasierte Grammatikdidaktik: Anmerkungen zum linguistischen und didaktischen Hintergrund2 Methodik3 Didaktisches Potenzial einer textsortenbasierten Betrachtung der Adverbialien4 Fazit und AusblickLiteraturverzeichnisAutorInnen der BeiträgeAbstracts und KeywordsDerselbe Text, aber andersBehördensprache im E-GovernmentSüdmittelbairische Verbalflexion in alltagssprachlicher Verwendung im Stadt-Land-VergleichTextsortenspezifische sprachliche Variation ermittelnDi Alemannischi Wikipedia – Di frei Enzyklopedi, wo alli chöi mitschaffeLinguistische Grundlagen einer textsortenbasierten Grammatikdidaktik am Beispiel der AdverbialienZur Beschreibung und Analyse historischer Textsorten am Beispiel des Kommunikationsbereichs MedizinSystemgebundene Rolleninszenierungen der Lehrenden des Höheren Schulwesens anhand der Textsorte ‚Schulprogramm‘Unternehmenssprache: regional – national – global?Zur Indexikalisierung der Rektionsvarianten bei Präpositionen

Vorwort

Kirsten Adamzik / Mateusz Maselko

Die Beiträge dieses Bandes sind im Zusammenhang einer Tagung für den wissenschaftlichen Nachwuchs entstanden (s. dazu den Tagungsbericht von S. M. Moog in diesem Band). Der Schwerpunkt liegt auf dem unweigerlich heterogenen Charakter natürlicher Sprache(n), und zwar aus den Perspektiven der Variations- und Textlinguistik. Es geht also um Textvariation bzw. Variation in und von Texten: Einbezogen werden einerseits das ganze Spektrum sprachlicher Realisierungs- und Umsetzungsmöglichkeiten, andererseits die verschiedensten sozio-kulturellen, pragmatisch-funktionalen und medialen Bedingungen der Textproduktion und -verwendung. Dies entspricht der Entwicklung der beiden Forschungsrichtungen, die sich seit der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts als Subdisziplinen der angewandten Linguistik etabliert, ihre Fragestellungen und Ausrichtungen im Laufe der Zeit aber nicht unerheblich weiterentwickelt und verändert haben.

Sowohl die Variations- als auch Textlinguistik sind als interdisziplinär ausgerichtete, weltweit betriebene Wissenschaftszweige zu betrachten, die programmatisch einerseits Anregungen der linguistischen Subdisziplinen (wie etwa Medienlinguistik, Korpuslinguistik, Politolinguistik, Fachsprachforschung) und Nachbardisziplinen (wie etwa Soziologie, Psychologie, Geographie, Kommunikationswissenschaft, Theologie, Literaturwissenschaft) aufgreifen und andererseits selbst befruchtend auf diese einwirken. Daher werden sie oft als sog. Bindestrich-Disziplinen wahrgenommen. Festzuhalten ist jedoch, dass sie zwar eng mit anderen Wissenschaftszweigen zusammenarbeiten bzw. großteils den gleichen Gegenstandsbereich behandeln, sich aber Fragestellungen widmen, die jeweils eine spezielle sprachwissenschaftliche Ausrichtung implizieren.

Neuere Entwicklungen innerhalb der Textlinguistik stellen sich häufig in den Kontext des sog. cultural turn. Diese kulturwissenschaftliche Orientierung impliziert meist einen handlungstheoretischen Ansatz (im Sinne der sog. pragmatischen Wende), hebt aber inzwischen die Bedeutung anderer Medien/Modalitäten als der Sprache hervor, insbes. von Layout und Typografie, sprich Textdesign, Bild, Film (iconic turn) sowie Materialität von Texten (material turn). Dies betrifft auch die konkrete Lokalisierung von Texten (spatial turn), was einen Berührungspunkt zur Variationslinguistik konstituiert. Zugleich drohen dabei die sog. sprachinternen Merkmale ganz in den Hintergrund zu geraten bzw. auf textgrammatische Elementaria (Pronomina und Konnektoren) reduziert zu werden. Ferner besteht die deutliche Tendenz, mündlichen Sprachgebrauch (wieder) auszuklammern. Schließlich wird der Geprägtheit makrostruktureller Muster (Textsorten, Gattungen) durch Kulturen/Sprachen und damit auch der Normorientiertheit ein besonderes Gewicht beigemessen – mit dem Ergebnis, die intrakulturelle/-linguale Heterogenität zu vernachlässigen.

Diese bildet nun gerade den Hauptgenstand der Variationslinguistik, wobei selbstverständlich mikrostrukturelle Phänomene im Vordergrund stehen. Lag der Fokus zunächst auf der lautlichen (phonetisch-phonologischen) Ebene, so richtet sich das Interesse längst auch auf höhere Ebenen, insbes. Morphologie und Syntax. Die Textebene in Gestalt von komplexeren Sprachformen wird allerdings noch immer nur wenig berücksichtigt. Dass man heute von Variationslinguistik als einer Subdisziplin sprechen kann, erklärt sich daraus, dass hier diverse Spezialdisziplinen gewissermaßen zusammengewachsen sind, v. a. die auf areale Variation bezogene Dialektologie mit einer sehr alten Tradition und die seit den 1960er Jahren entstandene Soziolinguistik, die sich zunächst schichtenspezifischem Sprachgebrauch, dann allgemeiner Substandardvarietäten zuwandte. Eine weitere Quelle stellen die ebenfalls seit den 1960er Jahren entwickelten Ansätze zur Untersuchung gesprochener (Standard-)Sprache dar. In der neueren Variationslinguistik geht es um die Variation in allen ihren Dimensionen, d. h. unter Einbeziehung des gesamten Varietätenspektrums, von kleinräumigen Dialekten über (regionale) Substandards bis hin zu ‚(supra-)nationalen‘ Standardvarietäten, wobei selbstverständlich auch Faktoren wie Alter, Geschlecht, Mobilität, politische Orientierung usw. systematisch Berücksichtigung finden.

Im Vordergrund der Variationslinguistik steht mündlicher Sprachgebrauch, während die Textlinguistik sich inzwischen wieder auf Schrifttexte konzentriert. Einen ‚natürlichen Treffpunkt‘ stellt die informelle Schriftlichkeit im Internet dar. Dieses Phänomen zieht derzeit so viel Forschungsenergie auf sich, dass bereits eine neue Subdisziplin, die Internetlinguistik, ausgerufen wurde, ebenso wie das spezielle Interesse an der Visualität sich in einer Bildlinguistik manifestieren soll. Gegenüber dieser Tendenz der Vermehrung von Subdisziplinen und einer damit notwendigerweise einhergehenden Überspezialisierung hatte die Tagung zum Ziel, Gemeinsamkeiten der Ansätze in den Vordergrund zu stellen und den gegenseitigen Austausch zu intensivieren.

Beide Disziplinen erfassen verschiedene Aspekte sprachlicher Vielfalt, für die mit spezifischen Schwerpunkten, Methoden und Zielsetzungen Korrelationen und Erklärungen gesucht werden. In der jüngeren Forschung lassen sich mehrere Schnittstellen zwischen beiden Bereichen finden. Dazu gehören die Fokussierung auf den tatsächlichen je nach Ort, Situation, Intention, Medium usw. variierenden Sprachgebrauch (auch aus sprachgeschichtlicher Sicht), die Erstellung und Auswertung von Korpora, situativ-funktionale und stilistisch-kontextuelle Fragestellungen, die Gegenüberstellung von Soll- und Ist-Normen sowie der Bezug auf die Prototypentheorie. Anwendungsbezüge sind vielfältig und betreffen Übersetzung(swissenschaft) inkl. innersprachlicher Adressatenorientierung (Fachsprachen und Popularisierung) und Textoptimierung, Sprachtechnologie, mutter- und fremdsprachlichen Unterricht, Sprachkultivierung usw.

Das Konzept der Tagung, zwei Forschungsrichtungen zusammenzubringen, die oft wenig Kenntnis voneinander nehmen, hat sich durchgängig bewährt, zumal es der Überwindung von Einseitigkeiten entgegenkommt, die, wie eingangs angedeutet, auch innerhalb der beiden Bereiche mitunter als solche erkannt wurden: Dazu gehört die scharfe Entgegenstellung von erstens quantitativem und qualitativem Ansatz sowie zweitens von Kommunikationsbereichen und -formen. Die verschiedenen Zugänge auf Variation(sforschung), die sich letzten Endes ohnehin nur analytisch klar unterscheiden lassen, sind im vorliegenden Band nach den jeweiligen Schwerpunkten geordnet.

Im ersten Block geht es um Theoretische Perspektiven (K. Adamzik, S. Brommer), wobei auch disziplingeschichtliche Aspekte und die Korpuslinguistik zur Sprache kommen. Die empirischen Beiträge setzen im Prinzip bei der Variationsdimension mit der längsten Forschungstradition an: Regionale Variation (N. Bercko, M. Maselko). Gleichwohl behandeln die Aufsätze Themenfelder, die nicht gerade zum Kerngebiet der (traditionellen) Dialektologie gehören, sondern sich der (modernen) (interdisziplinären) Regionalsprachenforschung zuordnen. Zugleich kommt hier neben der mündlichen Interaktion schon die (betriebliche) Internetkommunikation in den Blick, der der dritte Teil, Variation in Internet-Auftritten, gewidmet ist (E. Gredel, A. Alghisi). Der erste Beitrag dieses Themenbereichs weist auf die substandardliche Dimension zurück, während der zweite überleitet zu institutionellen Kontexten, die im Vordergrund der nächsten Sektion stehen. Hier kommt auch die diachrone Perspektive ins Spiel: Historische Variation in institutionellen Kontexten (B. Lindner, F. Markewitz). Dies führt wiederum auf theoretische Fragestellungen zurück. Der abschließende Block befasst sich mit sprachlichen Phänomenen im grammatischen Bereich: Variation bei einzelnen sprachlichen Kategorien (A. Vieregge, D. M. Helsper). Die beiden Beiträge erweitern das thematische Spektrum nochmals, und zwar um aktuellen Sprachwandel und Normativität sowie didaktische Potenzen der Variationsforschung.

Es hat sich ergeben, dass in diesem Band (anders als auf der Tagung) ausschließlich der deutsche Sprachraum thematisiert wird. Bei der Folgeveranstaltung VARIATIONist Linguistics meets CONTACT Linguistics (20.–23. Mai 2018) trafen Forscherinnen und Forscher sowie Forschungsprojekte zu unterschiedlichsten Sprach(varietät)en zusammen. Hierzu ist ein thematischer Band geplant, der 2019 erscheinen soll (hg. von M. Maselko und A. N. Lenz).

Sowohl Vorschläge für Präsentationen als auch die diese erweiternden Aufsätze unterlagen einem double-blind review und wurden jeweils von zwei einschlägigen Expertinnen und Experten begutachtet. Dem wissenschaftlichen Komitee gehörten außer den Veranstaltenden die folgenden Personen an:

 Noah Bubenhofer (Universität Zürich, Schweiz)

 Helen Christen (Universität Freiburg, Schweiz)

 Christian Efing (Bergische Universität Wuppertal, Deutschland)

 Nicole Eller-Wildfeuer (Universität Regensburg, Deutschland)

 Daniel Elmiger (Université de Genève, Schweiz)

 Stephan Elspaß (Universität Salzburg, Österreich)

 Jan Engberg (Aarhus Universitet, Dänemark)

 Ingeborg Geyer (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Österreich)

 Manfred Glauninger (Österreichische Akademie der Wissenschaften, Österreich)

 Eric Haeberli (Université de Genève, Schweiz)

 Stefan Hauser (Pädagogische Hochschule Zug, Schweiz)

 Michail L. Kotin (Uniwersytet Zielonogórski, Polen)

 Alexandra N. Lenz (Universität Wien, Österreich)

 Martin Luginbühl (Universität Basel, Schweiz)

 Stefan Michael Newerkla (Universität Wien, Österreich)

 Damaris Nübling (Johannes Gutenberg-Universität Mainz, Deutschland)

 Gertjan Postma (Meertens Instituut, Niederlande)

 Stefaniya Ptashnyk (Heidelberger Akademie der Wissenschaften, Deutschland)

 Christoph Purschke (Université du Luxembourg, Luxemburg)

 Regula Schmidlin (Universität Freiburg, Schweiz)

 Elena Smirnova (Université de Neuchâtel, Schweiz)

 Alfred Wildfeuer (Universität Augsburg, Deutschland)

Wir danken den Kolleginnen und Kollegen herzlichst für ihre wertvolle Mitarbeit und die hilfreichen Anregungen, die in die Bearbeitungen der publizierten Beiträge eingeflossen sind, und den Begutachteten dafür, die Änderungs­wünsche auch tatsächlich berücksichtigt bzw. generell an diesem Sammelband mitgewirkt zu haben. Selbstverständlich geht unser Dank auch an alle Vortragenden, die nicht in diesem Band vertreten sind, für die wirklich variantenreichen Präsentationen und die regen Diskussionen. Ein herzliches Dankeschön sagen wir zudem unseren Hilfskräften Simona Devito und Virginie Gremaud, die nicht nur selbst Poster präsentiert haben, sondern auch rundum für das gute Gelingen gesorgt haben.

Ferner sind wir zu großem Dank den Sponsoren verpflichtet, die uns die Austragung der Tagung ermöglicht haben:

 Eidgenössische Technische Hochschule (ETH) Zürich – Congressi Stefano Franscini (CSF)

 Gesellschaft für Angewandte Linguistik (GAL)

 Schweizerischer Nationalfonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (SNF)

 Vereinigung für Angewandte Linguistik in der Schweiz (VALS-ASLA)

 Conférence universitaire de Suisse occidentale (CUSO)

Die Veröffentlichung wurde von unserem Hauptsponsor ETH-CSF großzügig finanziell unterstützt, wofür wir einen besonders herzlichen Dank aussprechen möchten.

Infine, vorremmo ringraziare Chiara Cometta (CSF) e Liliana Cantoreggi (Fondazione Monte Verità) per la calorosa ospitalità e l’eccellente lavoro amministrativo.

Kirsten Adamzik & Mateusz Maselko Genf, im August 2018

Bericht zur Tagung Variationslinguistik trifft Textlinguistik (Ascona 2017)

Stefanie M. Moog

Vom 19. bis 22. März 2017 fand im Konferenzzentrum Monte Verità (Ascona, Schweiz) die Internationale Nachwuchstagung (CSF Workshop – GAL Research School) VARIATIONslinguistik trifft TEXTlinguistik statt (s. die Veranstaltungswebseite www.unige.ch/ascona2017). Dem Titel der Konferenz Rechnung tragend standen zwei linguistische Subdisziplinen im Fokus der Diskussion, deren Schnittstellen wie auch Gegensätze in der interdisziplinär angelegten Veranstaltung herausgearbeitet werden sollten und dank der Offenheit der TeilnehmerInnen auch offengelegt werden konnten. Organisiert wurde die Tagung von Mateusz Maselko und Kirsten Adamzik, beide von der Universität Genf und beide Experte bzw. Expertin der in Kontakt tretenden Subdisziplinen. Insgesamt nahmen 23 NachwuchwissenschaftlerInnen aus fünf verschiedenen Ländern teil. Die Qualität der Einreichungen wurde über ein mehrstufiges Begutachtungsverfahren gewährleistet, an dessen Durchführung ein zahlreiche ExpertInnen umfassendes internationales Komitee beteiligt war (s. Vorwort).

Vom Tagungshotel aus wurde bereits am Ankunftstag ein Stadtrundgang angeboten. Anschließend trafen sich die TeilnehmerInnen zum Beisammensein und Kennenlernen im Hoteleigenen Restaurant, wo ein gemeinsames, mehrgängiges Menü eingenommen wurde.

Das wissenschaftliche Tagungsprogramm verteilte sich auf drei Tage und wurde durch den Vortrag von Kirsten Adamzik eröffnet, in dessen Fokus ‚Allotexte‘ – Varianten von Texten/Texttypen – als Ausgangspunkt für potentielle Berührungspunkte zwischen Variations- und Textlinguistik diskutiert wurden. Der von ihr eingeleitete und vor allem textlinguistische Aspekte umfassende thematische Block beinhaltete Vorträge zu historischen Textsorten (Thomas Sebastian Bertram, Bettina Lindner). Den zweiten thematischen Block des Tages bildeten drei Vorträge zum Thema grammatische Variation und der Frage nach dem Einfluss kontextuell-medialer Steuerungsfaktoren auf den Sprachgebrauch bzw. die Akzeptabilität grammatischer Varianten. Während der Hauptvortrag von Christian Efing, Bergische Universität Wuppertal, dieser Frage mehr allgemein-theoretisch nachging, analysierten Annika Vieregge und Adam Tomas mit der Kasusvariation bei Sekundärpräpositionen im Deutschen bzw. mit dem am-Progressiv im Pennsylvaniadeutschen konkrete grammatische Phänomenbereiche.

Welche Texte, Daten, Materialien sich für welche variations- bzw. soziolinguistische Fragestellungen eignen, wurde im ersten Themenblock des zweiten Konferenztages diskutiert, zunächst im Hauptvortrag von Alexandra N. Lenz, Universität Wien, mit Bezug auf den von ihr geleiteten, aktuell laufenden Spezialforschungsbereich zur deutschen Sprache in Österreich (Variation, Kontakt, Perzeption). Es folgten – ebenfalls vor dem soziolinguistischen Hintergrund Österreichs – Vorträge zur Verbal- und Nominalflexion (Nina Bercko, Christina Schrödl). Im nächsten Block zu Fachsprachen an der Schnittstelle von variations- und textlinguistischer Forschung wurden jene der Verwaltungssprache (Alessandra Alghisi) und des Wintersports (Rinat Jafarov) behandelt. Im dritten Themenblock des Tages wurden text- und variationslinguistische Analysen der alemannischen Sprachversion der Wikipedia (Eva Gredel) sowie diskursiv verhandelte Varianten als Mittel zur Konstruktion sozial(räumlich)er Identität diskutiert (Alexandra Schiesser). Inwiefern auch dialektale Printtexte als Datenbasis für die Erforschung syntaktischer Variation in ‚Sprachinselvarietäten‘ dienen können, wurde abschließend in einer Art Werkstatteinheit durch die gemeinsame Analyse an einer hunsrückischen Textversion des Kleinen Prinzen erarbeitet (initiiert und moderiert durch Mateusz Maselko).

Der dritte Tag wurde durch den vierten und letzten Hauptvortrag der Konferenz von Noah Bubenhofer, Universität Zürich, eingeleitet, der sich mit korpuslinguistischen Zugängen zur Varietätenlinguistik beschäftigte. Ihm schloss sich ein ebenfalls korpuslinguistisch ausgerichteter Beitrag zu textsortenspezifischer Variation und ihrer Ermittlung auf Basis korpuslinguistischer Zugänge an (Sarah Brommer). Welche Bedeutung textlinguistische Zugänge im Bereich der Grammatikdidaktik haben können und sollten, ist eine Frage, mit der sich den letzten Vormittag abschließend Daniel Mischa Helsper befasste. Die Vielfalt und Komplexität der interdisziplinären Bezüge zwischen Variations- und Textlinguistik wurde auch in den beiden letzten Präsentationen der Konferenz deutlich, die sich mit Themen der Schriftsprachkompetenz bei Kindern (Pascale Schaller) bzw. textsemantischen Analysen mehrsprachiger Literatur (Jana-Katharina Mende) auseinandersetzten.

Ein besonderes Highlight der Konferenz bildete die Postersession am Nachmittag des ersten Tages, in deren Rahmen sechs Dissertations- und Postdoc- wie zwei Master-Projekte zu unterschiedlichen variations- und textlinguistischen Aspekten präsentiert wurden, jeweils eingeleitet durch eine kurze mündliche Präsentation (Beitragende: Gerda Baumgartner, Simona Devito, Fabian Fleißner, Virginie Gremaud, Stefan Hartmann, Nesrin Limani, Friedrich Markewitz, Nicolas Wiedmer). Dank des traumhaften Wetters fand die Postersession im Freien, vor der wunderbaren Kulisse des Lago Maggiore statt.

Wie das beste Poster wurde auch die beste Präsentation mit einem CSF Award gewürdigt:

 Preisträger für den besten Nachwuchsvortrag: Daniel Mischa Helsper von der Universität Trier (Thema: Textsortenbasierte Grammatikdidaktik am Beispiel der Adverbialien),

 Preisträgerin für das beste Poster: Gerda Baumgartner von der Universität Freiburg im Üechtland (Thema: Variabler Genusgebrauch bei Rufnamen in Dialekten der Deutschschweiz).

Die Tagung wich in vielen Aspekten erfolgreich von üblichen Veranstaltungsformaten der Linguistik ab. Besonders positiv wirkten die durch die Programmstruktur bewusst großzügig eingeräumten Spielräume für Diskussionen. Zusätzlich zu einer sich sofort an jeden individuellen Vortrag anschließenden kurzen Diskussion gab es nach einem Block von zwei Vorträgen noch einmal eine längere Diskussionseinheit, in der insbesondere interdiszi­plinäre Aspekte der gehörten Inhalte zur Sprache kamen. Neben dieser programmbezogenen Besonderheit trugen aber gerade das gemeinsame Wohnen in geschichtsträchtigem Ambiente, wie das gemeinsame Essen und Leben im Tagungszentrum auf dem Monte Verità zu einem persönlichen Kennenlernen und einer Intensivierung des interdisziplinären Austauschs bei, was gerade für eine Nachwuchskonferenz sicher eine einmalige und besonders wertvolle Erfahrung darstellt. So gab es auch Raum und Muße für vielfältige Gespräche zwischen den NachwuchswisenschaftlerInnen, aber auch zwischen ihnen und den eingeladenen und schon etablierten Hauptvortragenden.

Wunderbarerweise wird die in mehrfacher Hinsicht sehr erfolgreiche Veranstaltung fortgeführt: Die Konferenz stellte den Auftakt einer neuen, von Mateusz Maselko initiierten Reihe zu VARIATIONist Linguistics meets … dar (für weitere Informationen s. Homepage des Begründers www.unige.ch/lettres/alman/de/enseignants/linguistique/maselko/konferenzen). Schon in der ersten Hälfte 2018 fand, wiederum auf dem einzigartigen Monte Verità, eine Folgeveranstaltung statt, die diesmal internationale WissenschaftlerInnen auf den Gebieten der Variations- und Kontaktlinguistik versammelte (s. Webseite der Tagung www.unige.ch/ascona2018).


Tagungsplakat (© UNIGE) und ausgewählte Tagungsbilder (© S. M. M. und A. T.): (von links oben) Gruppenfoto (Veranstalterin K. Adamzik in der zweiten Reihe von unten links), Konferenzzentrum und Bauhaushotel Monte Verità, Konferenzraum Eranos, Postersession auf der Terrasse, Preisträgerin für das beste Poster G. Baumgartner und Preisträger für den besten Vortrag D. M. Helsper jeweils mit Ch. Cometta (Congressi Stefano Franscini) und M. Maselko (Veranstalter)

I Theoretische Perspektiven auf Variation(sforschung)
Derselbe Text, aber anders

Was können Variations- und Textlinguistik von- und miteinander lernen?

Kirsten Adamzik

Gliederung:

 1 Einleitung

 2 Variations- und Textlinguistik vs. Systemlinguistik?

 3 Die Notwendigkeit von Abstraktionen3.1 Abstraktionen auf verschiedenen Sprachebenen3.2 Wissenschaftshistorisches: Texteme und Allotexte, emische und etische Texte

 4 Virtuelle Einheiten auf der Textebene

 5 Fazit

1 Einleitung

Den folgenden Ausführungen sei ein sehr bekannter Text vorangestellt, allerdings in anderer als der gewohnten Variante. Es handelt sich um Goethes Erlkönig:

 [1] Kurzfassung1

  Wer reitet so spät durch Nacht und Wind?

  Is Papa mit Kind.

  Kommt böser Mann,

  Quatscht Papa an,

  Ob er den Bubi nicht haben kann.

  Papa verneint,

  Bubi weint.

  Am nächsten Morgen große Not:

  Papa lebendig, Bubi tot.

Solche Abwandlungen sind seit jeher übliche Arten des Umgangs mit vor allem literarischen Texten und unter Bezeichnungen wie Parodie, Travestie, Pastiche usw. bekannt. Diese Untertypen unterscheiden sich u. a. danach, ob der Inhalt des Ausgangstextes mehr oder weniger erhalten oder wenigstens wiedererkennbar ist oder aber wesentliche Merkmale der Form und eventuell sogar einzelne wörtliche Bestandteile mit dem Original übereinstimmen, der Inhalt aber gänzlich abweicht. Hierfür stehe das Beispiel [2], das eine Variation zum selben Originaltext darstellt.

 [2] Der Grünkohlverderber

  Wer hat denn so spät noch zur Mitternacht

  Den Kessel mit Grünkohl aufs Feuer gebracht?

  Es ist der Meister der Küchenkunst,

  Er werkelt geschäftig im Grünkohldunst!

 

  Er kocht ein gar köstliches Grünkohlgericht

  Und sieht wohl den Grünkohlverderber noch nicht.

  Der Grünkohlverderber, mit Paprika,

  Mit Curry und Minze, ist nämlich schon da!

 

  „Oh Meister, oh Meister, komm geh mit mir!

  Gar schöne Gewürze, die kauf ich dir.

  […]“ […]

 

  „Jetzt würz ich den Grünkohl, ihm fehlt noch Gehalt

  Und bist du nicht willig, so brauch ich Gewalt!“

  Dann geht er zum Kessel und fasst ihn an,

  Jetzt hat er dem Grünkohl was angetan!

 

  Dem Meister grauset‘s, er betet zu Gott,

  Und blickt ganz entsetzt auf den Grünkohlpott,

  Er rühret und rühret in seiner Not,

  Der Kohl war mal grün und jetzt ist er – rot!2

Sprachspiele wie die genannten stehen in textlinguistischen Arbeiten nicht gerade im Vordergrund und werden dann unter dem außerordentlich breiten Themenfeld der Intertextualität abgehandelt (vgl. als Übersicht Adamzik 2016: Kap. 8). Zugleich sind sie ein besonders prägnantes Beispiel für funktionale Variation auf der Textebene. Von solchen Phänomenen ist aber auch in der Variationslinguistik selten die Rede. Überhaupt sind die Beziehungen zwischen den auf dieser Tagung zusammengebrachten Forschungsrichtungen wenig entwickelt. Im vorliegenden Beitrag geht es darum auszuloten, wo Berührungspunkte und Divergenzen liegen. Dabei ist das Ziel keineswegs, Kooperation zu forcieren, darin liegt m. E. kein Wert an sich. Es scheint mir aber geraten, Teildisziplinen näher miteinander bekannt zu machen, die sich allzu oft gegenseitig als fremd bzw. abgelegen empfinden. Zugleich kann der Blick von einer anderen Warte auch zur Selbstreflexion beitragen, denn sowohl Variationslinguistik (oder Varietätenlinguistik?) als auch Textlinguistik treten selbst in sehr verschiedenen Spielarten auf.

2 Variations- und Textlinguistik vs. Systemlinguistik?

Auf den ersten Blick könnte man meinen, Variations- und Textlinguistik seien sozusagen natürliche Verbündete, die sich gleichermaßen die Untersuchung des Sprachgebrauchs zum Ziel setzen und sich damit gegen die sog. Systemlinguistik wenden; beide finden sich dieser auch regelmäßig entgegengestellt. Schon in den 1960er Jahren erschien die Textlinguistik allerdings den einen als Weiterentwicklung des Strukturalismus, den anderen dagegen als Gegenbewegung dazu (vgl. Adamzik 2016: 7). Und auch heute noch sind die Vorstellungen darüber, was aus der Sicht einer ‚Sprachwirklichkeitslinguistik‘ (vgl. Löffler 2016: 79) die Systemlinguistik eigentlich ausmacht, ziemlich vielfältig:

Eine erste besteht darin, dass die Systemlinguistik sich überhaupt nicht mit tatsächlichen Äußerungen, der Saussure‘schen Parole, beschäftige, sondern nur mit Regeln für den Gebrauch sprachlicher Einheiten. Bei gewissen Publikationen drängt sich dieser Eindruck auch tatsächlich auf. Allerdings ist so etwas natürlich grundsätzlich nur möglich, wenn wir es mit bereits beschriebenen Sprachen zu tun haben, der Forscher sich mit dem entsprechenden Datenmaterial begnügt und/oder sich selbst als kompetenten Sprecher betrachtet. Ansonsten kommt man um das ‚sprachliche Rohmaterial‘ natürlich nicht herum:

„[…] die aktuelle Ebene der Äußerung, des Diskurses/Texts, auf der die sinnlich wahrnehmbaren sprachlichen Materialien erscheinen, [ist] natürlich notwendig Ausgangspunkt für alle sprachwissenschaftlichen Fragen nach den sprachlichen Techniken von Einzelsprachen oder auch Dialekten, den Diskurstraditionen und der Sprechtätigkeit“ (Oesterreicher 2010: 29; Hervorhebungen im Orig.).

Zugleich wendet sich Oesterreicher aber sehr vehement gegen die „radikalen Korpuslinguisten und datenverliebten Variationslinguisten“, die „einem gravierenden wissenschaftstheoretischen Missverständnis“ (ebd.: 37) aufsäßen, wenn sie meinen, mit dem bloßen empirischen Material hätten sie schon irgendwelche linguistischen Fakten vor sich. Mit einem Motto unterstreicht Oesterreicher dieses ‚systemlinguistische‘ Credo, dass nämlich Einzeläußerungen nicht als solche interessieren, sondern nur als Grundlage für die Rekonstruktion sprachlicher Techniken: De singularibus non est scientia.

Im geraden Gegensatz zu dieser Auffassung, nach der Abstraktionen über Einzelfällen notwendige Aufgabe sprachwissenschaftlicher Forschung sind, steht die Annahme, dass nur das jeweils Realisierte in seiner Materialität wirklich sei, das Sprachsystem also einer Schimäre gleichkomme.1 Recht prominent ist eine solche Auffassung derzeit in diversen Ansätzen einer breit gefassten Textlinguistik, die neuen Formen der Multimedialität (oder Multimodalität) besonderes Interesse entgegenbringen und dabei die Bedeutung von Sprachlichem stark herabstufen oder gar die ,Existenz‘ abstrakter sprachlicher Einheiten bestreiten, die sich analytisch von ihrer Materialität trennen lassen:

„Sprache ist […] auf konkrete Realisierungsformen angewiesen […]: Sprachliche Kommunikation existiert nur in mündlicher oder schriftlicher Form, als Vokalisierung oder Visualisierung. Sprache muss materialisiert sein, um als Medium fungieren zu können.“ (Hagemann 2013: 41; vgl. dazu Adamzik 2016: 67 und insgesamt ebd.: Kap. 2.5.1.–2.5.3. und 4.4.1.).

Einer anderen Stoßrichtung entspricht das Argument, die Systemlinguistik beschränke sich auf Innersprachliches und lasse insbesondere die kommunikative Funktionalität von Äußerungen außer Betracht. Diese eng mit der sog. pragmatischen Wende verbundene Auffassung ist in textlinguistischen Ansätzen sehr verbreitet, da man sich hier (besonders im deutschsprachigen Raum) speziell an die Sprechakttheorie anlehnt (vgl. Adamzik 2016: Kap. 5.3. und 365ff.). Daraus ergibt sich eine Fragestellung, die selbst vor allem an Regeln und stark konventionalisiertem Sprachgebrauch interessiert ist. Es geht wesentlich um die Klassifikation von Textsorten als ‚konventionell geltenden Mustern für komplexe sprachliche Handlungen‘ (vgl. Brinker u. a. 2014: 139; zuerst Brinker 1985: 124), und zwar meist auf der Grundlage von Searles Sprechakttypologie. Textsorten ließen sich „als jeweils typische Verbindungen von kontextuellen (situativen), kommunikativ-funktionalen und strukturellen (grammatischen und thematischen) Merkmalen beschreiben“ (ebd.). Wenn man sich darauf konzentriert, geläufige Muster zu beschreiben, blendet man aber die Variation gerade aus:

„Die Texte und Gespräche, die aufgrund signifikanter Ähnlichkeiten als zusammengehörend wahrgenommen werden, zeichnen sich auf pragmatischer Ebene durch konsistente Routinen [!] der Aufgabenbewältigung in bestimmten Lebenssituationen aus, also durch die prototypische Abfolge von Sprachhandlungen (z. B. beim Wetterbericht darstellende Sprachhandlungen über Ist-Zustand und Prognose). Ausdrucksseitig sind diese Routinen durch wiederkehrende Muster auf der Sprachoberfläche und ihre moderate [!] Variation gekennzeichnet.“ (Felder 2016: 34)

Man darf sich fragen, welchen Stellenwert diese Behauptung von der moderaten Variation von Texten hat. Soll damit unterstellt werden, dass dies für Textsorten schlechthin gilt? Dafür spricht, dass neben Fahrplanauskunft und Strafzettel u. a. auch die Vernehmung von Zeugen vor Gericht und Fachaufsätze als Beispiele angeführt werden. Es gehört allerdings schon zum Alltagswissen, dass die Bewältigung dieser doch recht ungleichen Aufgaben unterschiedlich anspruchsvoll ist und dementsprechend die Variationsbreite – oder anders herum gesehen: der Standardisierungsgrad – ganz verschieden ausfallen.

Selbst für Wetterberichte bedarf es keiner groß angelegten empirischen Untersuchung, um Folgendes feststellen zu können: Wetterberichte sind Serientexte, die von bestimmten Institutionen periodisch produziert werden. Ihre Gestalt hängt zunächst wesentlich davon ab, welche medialen Ressourcen zur Verfügung stehen, ob sie nämlich in Zeitungen, im Radio, Fernsehen oder im Rahmen von Internetauftritten erscheinen. Auch bei gleichen Ressourcen konkurrieren jedoch verschiedene Anbieter miteinander und versuchen, eine Rezipientenbindung herzustellen. Deswegen ist ihnen daran gelegen, sich (nicht nur beim Wetterbericht, aber z. B. auch durch dessen Gestaltung und Platzierung) jeweils ein eigenes, wiedererkennbares Gesicht zu geben. Es gilt daher nur für die Wetterberichte eines Anbieters, dass sie lediglich moderate Variation aufweisen – eventuell sogar mit Subtypen, z. B. je nach der Person, die den Wetterbericht präsentiert. Außerdem weisen sie diese relative Stabilität auch nur über eine bestimmte Zeit hin auf; für Medientexte ist es charakteristisch, dass gewisse Neuerungen abrupt erfolgen, man nämlich in mehr oder weniger großen Abständen das ganze ‚Design‘ umstellt.

Verbindet man die textlinguistische mit einer variationslinguistischen Fragestellung, so ist anstelle des Musterhaften gerade relevant, worin sich die Wetterbericht-Schemata verschiedener Anbieter und/oder eines Anbieters zu verschiedenen Zeiten unterscheiden und welche Funktionen den Varianten zugeschrieben werden können. Eine besteht gerade in der ‚Individualisierung‘ von Mustern; die periodische Neugestaltung soll u. a. das Bemühen um Modernität signalisieren. Beide Funktionen sind im Set der sprechakttheoretischen ‚Grundfunktionen‘ nicht vorgesehen und lassen sich am besten der Bühler‘schen Ausdrucks-/Symptomfunktion zuordnen, die ja grundsätzlich für gezielte Variantenwahl eine große Rolle spielt. Für Strafzettel kommt eine solche Zusatzfunktion natürlich nicht in Frage. Sie werden zwar auch periodisch modernisiert, es existieren hier aber (innerhalb eines Hoheitsgebiets) keine Varianten, die verschiedene Institutionen als miteinander konkurrierende Produzenten anbieten.

Auch in anderer Hinsicht bleiben viele Textlinguisten Denkweisen verpflichtet, die sich mit systemlinguistischen Konzepten zumindest problemlos vereinbaren lassen. Das geschieht vor allem, wenn man annimmt, die Analyse der kommunikativen Funktion müsse zur Beschreibung der sprachlichen Gestalt von Texten zwar notwendig hinzutreten, ändere aber im Kern nichts an den Errungenschaften der transphrastischen Ausrichtung der Textlinguistik. Dieser Ansatz müsse weiterverfolgt bzw. in ein Gesamtkonzept ‚integriert‘ werden. Aus Sicht der Transphrastik, die besonders die 1960er und frühen 70er Jahre geprägt hat, wurde an der strukturalistischen Linguistik kritisiert, dass sie bei der Satzebene stehengeblieben sei. Übernimmt man diesen Topos, dann kann man – in konsequenter Fortführung der Tradition – Texte als (nach bestimmten Regeln verkettete) Folgen von Sätzen präsentieren. Damit geht allerdings eine fast vollkommene Beschränkung auf die sog. (grammatischen) Kohäsionsmittel einher: Im Wesentlichen handelt es sich um Wiederaufnahme-Relationen, die durch Artikelwörter und Pronomina angezeigt werden, und Konnektoren. Tatsächlich steht die Beschreibung der Kohäsionsmittel – als Merkmale, die für alle Texte gelten – oft ziemlich unvermittelt neben den Ausführungen zu Textsorten, die Untergruppen des gesamten Textuniversums betreffen. Texte schlechthin gehören nach dieser Argumentation einer besonderen Beschreibungsebene an, und zwar einer, die oberhalb des Satzes liegt und die zugleich als höchste deklariert wurde (mit Diskursen als Mengen von Texten sollte die neue Grenze dann später noch einmal überschritten werden). Auf der Grundlage dieser Ebenen-spezifischen Betrachtungsweise kann man so weit gehen anzunehmen, dass tiefere Ebenen, „Syntax (und erst recht: […] Morphologie und Phonologie)“, in der Textlinguistik „nicht in anderem Gewand noch einmal beschrieben werden [müssen]“ (Hausendorf / Kesselheim 2008: 15f.).

Eine wohlverstandene Pragmatik sollte jedoch Texte nicht als regelgemäße Folgen von Sätzen betrachten, sondern als Vorkommen des Sprachgebrauchs. Diese stellen in erster Linie in sich strukturierte Ganzheiten dar, und wenn sie als solche beschrieben werden sollen, sind auch alle getroffenen Wahlen relevant, auf allen Ebenen. Gegen Regeln kann man im Übrigen auch mehr oder weniger massiv verstoßen. Bei literarischen Texten gilt dies als selbstverständlich, und diese sind wohl auch der dankbarste Gegenstand für die Untersuchung der gezielten Auswahl sprachlicher Varianten. Dabei kommt es bekanntlich gerade nicht auf die möglichst konventionelle, effiziente oder gar klare Signalisierung der kommunikativen Funktion des Textes an. Der Umstand, dass weder die Charakterisierung des kommunikativen Handlungszwecks noch die Untersuchung der Kohäsionsmittel ausreichen, um anspruchsvollen Texten gerecht zu werden, hat allerdings selten zur Infragestellung oder Revision der Grundannahmen geführt, sondern zum (weitgehenden) Ausschluss literarischer Texte aus dem selbst gewählten Gegenstandsbereich. Privilegiert sind in der kommunikativ orientierten Textlinguistik jedenfalls eindeutig die Gebrauchstexte.

Festzuhalten ist, dass Spielarten der Textlinguistik, die nur an konventionalisierten oder gar routinisierten Formen des Sprachgebrauchs interessiert sind, selbst einer systemlinguistischen Ausrichtung zugeordnet werden müssen. Insofern trifft auch sie, um die Übersicht über Einwände gegen die Systemlinguistik abzuschließen, der zentrale Vorwurf, den Variationslinguisten vorbringen. Die Systemlinguistik werde nämlich der Heterogenität der Sprache nicht gerecht. Diese Ausblendung tritt wiederum in verschiedenen Arten auf, von denen die folgenden hervorgehoben seien:

Im Extremfall wird Heterogenität tatsächlich abgestritten. Das scheint mir das Charakteristische an dem generativistischen Topos zu sein, es sei erklärungsbedürftig, wieso alle Kinder einer Sprachgemeinschaft in relativ kurzer Zeit ‚dieselbe‘ Grammatik erwürben, obwohl sie ganz unterschiedlicher Spracherfahrung ausgesetzt seien. Dass alle Kinder zur selben Grammatik kommen, wird im Allgemeinen präsupponiert, und nicht etwa behauptet – denn in diesem Fall bestünde ja die Gefahr, dass jemand nachfragt, wie sich das überhaupt empirisch belegen lassen sollte.

Völlig legitim ist es gegenüber einer solchen sprachtheoretisch (bzw. ideologisch) fundierten Annahme, die Heterogenität als für die eigene Fragestellung irrelevant auszuklammern. Das dürfte die häufigste Strategie sein. Ihr ist de Saussure mit seiner Als-Ob-Idee gefolgt, wir hätten alle dasselbe Wörterbuch im Kopf, und auch das Konstrukt des idealen Sprechers/Hörers lässt sich auf diese Weise rechtfertigen. Aber auch wer z. B. Textmuster zu Unterrichtszwecken beschreiben will, tut wahrscheinlich (zumindest auf elementaren Stufen) gut daran, sich auf das Wesentliche zu konzentrieren und die reale Heterogenität zunächst zu vernachlässigen. Mit der Ausblendung der Heterogenität realen Sprachgebrauchs ist also nicht notwendig eine bestimmte sprachtheoretische Position verbunden, eine solche kann auch aus rein pragmatischen Gründen erfolgen.

Interessanter sind freilich Kontroversen, die mit grundlegend unterschiedlichen Vorstellungen vom Funktionieren der Sprachen verbunden sind. Wie es nun in der Textlinguistik auch systemlinguistische Ausrichtungen gibt, so finden sich in der Variationslinguistik Strömungen, die dem Homogenitätspostulat verpflichtet bleiben. Dazu gehört insbesondere die Auffassung, die Gesamtsprache sei heterogen, weil sie eine Menge von Varietäten (auch Subsprachen genannt) umfasse. Diese könne man allerdings als in sich (weitgehend) homogen konzipieren; in einer anderen Fassung: die Heterogenität sei (sehr) geordnet. Es kehren bei diesem Ansatz dann dieselben Strategien wieder wie bei der elementaren Homogenitätsunterstellung: Äußerungen, die dem rekonstruierten (Sub-)System widersprechen, können als Performanzfehler eingeordnet oder Individuen zugeschrieben werden, die die Varietät (noch) nicht voll beherrschen. Dies geht dann leicht mit einer mehr oder weniger ausgeprägt normativen Haltung einher, speziell in Bezug auf die Standardvarietät, die sich ja dadurch definiert, das Variantenspektrum präskriptiv zu beschneiden.

Sehr eindeutig zu einer am Homogenitätspostulat ausgerichteten Sicht bekennt sich Ekkehard Felder:

„Das Erkenntnisinteresse der Varietätenlinguistik […] richtet sich auf die Abgrenzung der Subsprachen als Ganzes oder ‚Sprachgebrauchssysteme‘ (Dittmar 1997: 175) aus sprachstruktureller Sicht unter Berücksichtigung außersprachlicher Faktoren. Die Varietätenlinguistik ist also erkenntnistheoretisch vorrangig auf die langue-Ebene fixiert und betrachtet die parole-Ebene [sic] vor allem zum Zwecke der exemplarischen ‚Fütterung‘ der kontextabstrahierten Subsprachen (mit dem Erkenntnisinteresse der nachvollziehbaren Systemgenerierung).“ (Felder 2016: 44f.; Hervorhebung im Orig.)

Sehr entschieden spricht sich demgegenüber Jürgen Erich Schmidt gegen die auf Varietäten übertragene Homogenitätsannahme aus:

„[…] das Konzept einer homogenen Varietät [erweist sich] als empirisch leer und theoretisch als falsch. […] Den Gegenstand heterogene Gesamtsprache als Komplex homogener Varietäten zu fassen, stellt theoretisch eine Vervielfältigung des Gegenstandsinadäquaten dar“ (Schmidt 2005: 62).

Felder rekonstruiert diese gegensätzlichen Positionen als

„unvermeidbare Diskrepanz zwischen theoretischem Erkenntnisinteresse und empirischen Befunden der sogenannten [!] Sprachwirklichkeit (Löffler 52016: 79). Auf der einen Seite befindet sich das wissenschaftliche Erkenntnisinteresse, nämlich eine plausible und Homogenität (Einheitlichkeit) implizierende Erklärungsfolie für Variantenvielfalt darzulegen. Auf der anderen Seite steht die empirische Feststellung, dass jegliche Klassifizierung und Zusammenfassung diverser Sprachvarianten doch nicht zur vollständigen und restlosen Einteilung aller empirisch feststellbaren Phänomene geeignet ist. Dieser Widerspruch ist insofern kein Problem (sondern im Gegenteil erkenntnisstiftend), als man sich die eigentliche Erklärungskraft von Kategorien vor Augen führt: Diese besteht nicht nur in dem wünschenswerten Ergebnis, möglichst viele Phänomene nach transparenten Kriterien in klar definierte ,Schubladen‘ (also Kategorien) einzuordnen, sondern auch darin, nicht kategorisierbare Phänomene möglichst genau zu beschreiben und ihre mangelnde Passfähigkeit in Bezug auf das bestehende Kategoriensystem präzise zu erfassen. Insofern lernen wir über die ‚widerspenstigen‘ (weil nicht 1:1 kategorisierbaren) Phänomene sehr viel – und zwar dank und trotz des unvollständigen Kategorienapparats, der unter Umständen eben nicht zur Einordnung eines bestimmten Phänomens in der Lage ist.“ (Felder 2016: 78f.)

Dieser Argumentation kann sich natürlich nicht anschließen, wer die Homogenität – sei es für Sprachen, Varietäten oder auch nur Idiolekte – als theoretisch falsch, als gegenstandsinadäquat, betrachtet. Das tun besonders diejenigen, die die Auswahl einer bestimmten Varietät oder auch einzelner Varianten nicht grundsätzlich als durch außersprachliche Faktoren bedingtes Sprachverhalten betrachten, sondern als teilweise gezielt eingesetzte Elemente. In dieser Sichtweise wird vor allem stilistische Variation (vgl. Fix 2009a), die oft aus der Varietätenproblematik ausgeschlossen wird, (wieder) zu einer zentralen Dimension (vgl. dazu u. a. die Beiträge von Dovalil und Androutsopoulos / Spreckels in Gilles u. a. 2010). Sie steht vor allem dialektalen Varietäten gegenüber, denen, wie Linke (2010: 256) es mit Peter Wunderli ausdrückt, Sprecher(gruppen) unterliegen; sie haben nämlich in der Regel nicht die Wahl, diesen oder jenen Dialekt zu benutzen. Ganz anders dagegen, wenn es der Sprecher ist, der mehrere (normalerweise nach der primären Sozialisation erworbene) Varietäten oder wenigstens Varianten beherrscht, diese also funktional heranziehen kann. Eine einfache Dichotomie wird sich daraus jedoch gewiss nicht ableiten lassen, da die Kompetenzen in Sprachen wie in Varietäten unterschiedlich ausgebaut sind und im Laufe des Lebens erweitert (oder auch abgebaut) werden können.

Bei ihrer Musterung verschiedener Disziplinen, die für die Variationslinguistik wichtig waren oder sind, nennen Lüdtke / Mattheier (2005: 20) die Stilistik den „Bereich der Sprachwissenschaft, in dem Sprachvariation am intensivsten und wohl auch am differenziertesten thematisiert worden ist.“ Von der Textlinguistik ist bezeichnenderweise nicht die Rede. Dazu passt, dass Ulla Fix (2009b: 13) in ihrer Bestandsaufnahme zur Textlinguistik Gestaltqualität bzw. Textstil als lange vernachlässigte Dimension ausgemacht hat. So ergibt sich als Fazit, dass Variations- und Textlinguistik allenfalls potenziell gemeinsamen Fragestellungen nachgehen. Zu vielfältig sind in beiden Disziplinen die theoretischen und methodischen Prämissen, als dass sich ein klarer Überschneidungsbereich hätte herauskristallisieren können. Das derzeit real existierende Gemeinsame liegt damit nur darin, dass in jedem Fall Texte das Objekt der Bemühungen darstellen: „Variation spielt sich auf der Diskursebene ab“ (Lüdtke / Mattheier 2005: 15).2 Und selbst das gilt nur dann, wenn die empirische Grundlage auch tatsächlich aus natürlichen Äußerungen als Ganzheiten besteht. Schon in Großkorpora erscheinen in der Regel nur Textfragmente. Greift man auf Befragungen oder elizitierte Äußerungen zurück, haben wir es nicht einmal mehr vordergründig mit demselben Gegenstand zu tun.

3 Die Notwendigkeit von Abstraktionen

Bislang wurde der Gegensatz zwischen sprachwissenschaftlichen Ansätzen betont, die sich auf die Untersuchung der Langue oder aber der Parole konzentrieren. Dabei kann leicht der Eindruck entstehen, beide stünden in geradezu unversöhnlichem Gegensatz zueinander. Davon kann insofern keine Rede sein, als es sicherlich zu den Aufgaben der Sprachwissenschaft gehört nachvollziehbar zu machen, welche Leistungen Interaktanten bei der Entschlüsselung sprachlicher Botschaften erbringen (müssen). Wenn wir uns auf die Rezeptionsseite beziehen, so sind konkret gegeben zunächst nur Sinneswahrnehmungen; das betrifft die Ebene der Parole. Die Verarbeitung besteht darin, sie diversen Kategorien zuzuweisen – diese entsprechen im Prinzip der Langue-Ebene. Die Frage ist allerdings, mit welchen Ebenen und Kategorien wir genau rechnen.

Zunächst geht es darum zu erkennen, ob es sich überhaupt um Sprache handelt. Das kommt sehr gut im Original der Eingangsbeispiele zum Ausdruck, wo die Protagonisten visuelle Wahrnehmungen unterschiedlich deuten und (in der mittleren Strophe) nur das Kind das Hörbare als sprachliche Äußerung auffasst:

 [3] Erlkönig

  […]

  Mein Sohn, was birgst du so bang dein Gesicht? –

  Siehst, Vater, du den Erlkönig nicht?

  Den Erlenkönig mit Kron und Schweif? –

  Mein Sohn, es ist ein Nebelstreif. –

  […]

  Mein Vater, mein Vater, und hörest du nicht,

  Was Erlenkönig mir leise verspricht? –

  Sei ruhig, bleibe ruhig, mein Kind;

  In dürren Blättern säuselt der Wind. –

  […]

  Mein Vater, mein Vater, und siehst du nicht dort

  Erlkönigs Töchter am düstern Ort? –

  Mein Sohn, mein Sohn ich seh es genau:

  Es scheinen die alten Weiden so grau. –

  […]

Wenn etwas als sprachliche Botschaft kategorisiert ist, muss weiter ‚entschieden‘ werden, zu welcher Sprache oder Varietät die Einheiten gehören, zumal es ja vorkommt, dass in einer Äußerung verschiedene davon gemischt sind. Eine möglichst differenzierte Erfassung der menschlichen Lautprodukte (also der materiellen Seite), wie sie das Internationale Phonetische Alphabet (IPA) erlaubt, ist dabei bekanntlich nicht einmal besonders nützlich – so genau will und muss man im Allgemeinen gar nicht wissen, wie sich eine Äußerung angehört hat, man muss nur erkennen, welches Element gemeint war. Deswegen sind gebräuchliche Schriftsysteme sehr viel undifferenzierter als das IPA. Die Einführung der abstrakten Kategorie Phonem, die Varianten, die Allophone, umfasst, stellte für die Systemlinguistik den entscheidenden Durchbruch dar. Ebenso effizient ist dieses Verfahren auf der morphologischen Ebene, wo auch Einheiten, die materiell nicht das Mindeste miteinander zu tun haben (wie die Suppletivformen sein, bin, war), als Repräsentanten derselben abstrakten Kategorie fungieren.

Obwohl nun, wie Abschnitt 2 gezeigt hat, systemlinguistisches Denken in der Textlinguistik durchaus verbreitet ist, spielt die konsequente Übertragung strukturalistischer Analyseverfahren auf Texte dort fast keine Rolle, genauer gesagt wurde damit nur in der Anfangsphase experimentiert. Das schlägt sich in Ausdrücken wie Textem und Allotext nieder, die sich aber nicht etabliert haben und nur sehr selten vorkommen. Stattdessen traten auf der Textebene bald sehr viel abstraktere Einheiten in den Vordergrund, vor allem Textsorten (oder auch ‑klassen, ‑typen etc.). Den frühen Versuchen soll in Kapitel 3.2 etwas genauer nachgegangen werden. Zunächst geht es jedoch darum, den unterschiedlichen Blickwinkel auf Texte gegenüber tieferen Rängen zu verdeutlichen.

3.1 Abstraktionen auf verschiedenen Sprachebenen

Als Ausgangspunkt drängt sich eine Formulierung von Brinker auf, die zu den meistzitierten in textlinguistischer Literatur gehört:

„Nun ist ein konkreter Text aber nicht nur eine Realisierung der allgemeinen Größe ‚Text‘; er repräsentiert vielmehr zugleich auch eine bestimmte Textsorte, d. h., er ist ein Fernsehkommentar, eine Zeitungsnachricht, ein Kochrezept oder eine Werbeanzeige – um nur einige alltagssprachliche Namen für Textsorten zu nennen. [...] Der konkrete Text erscheint immer als Exemplar einer bestimmten Textsorte“ (Brinker u. a. 2014: 133; zuerst Brinker 1985: 118; Hervorhebungen K. A.).

Bezogen auf unser Beispiel hieße das:

Nun ist [3] aber nicht nur eine Realisierung der allgemeinen Größe ‚Text‘; es repräsentiert vielmehr zugleich auch eine bestimmte Textsorte, d. h., es ist ein Gedicht, genauer gesagt eine Ballade.

Übertragen auf die Lautebene entspräche dem etwa die Aussage:

 Nun ist ein konkretes Phon aber nicht nur eine Realisierung der allgemeinen Größe ‚Sprachlaut‘; es repräsentiert vielmehr zugleich auch eine bestimmte Lautsorte, d. h., es ist ein Vokal oder Konsonant, ein Nasal oder Plosiv – um nur einige der üblicherweise unterschiedenen Arten von Lauten zu nennen.

Die Übertragung auf die Wortebene erlaubt diverse Varianten, weil man hier mit abstrakten Einheiten unterschiedlicher Kategorien rechnet, u. a.:

 Nun ist ein konkretes Wort aber nicht nur eine Realisierung der allgemeinen Größe ‚Sprachzeichen‘; es repräsentiert vielmehr zugleich auch eine bestimmte Wortart, d. h., es ist ein Substantiv, Verb, Adjektiv, ...

 Nun ist ein (komplexes) Wort aber nicht nur eine Realisierung der allgemeinen Größe ‚Wort‘; es repräsentiert vielmehr zugleich auch ein bestimmtes Wortbildungsmuster, d. h. es ist z. B. eine Ableitung aus einem Nomen, die Konversion eines Verbs, ...

 Nun ist ein konkretes Textwort aber nicht nur eine Realisierung der allgemeinen Größe ‚Wort‘; es repräsentiert vielmehr zugleich auch eine bestimmte Wortform, d. h. beispielsweise für Verben, es ist ein Infinitiv, Partizip, eine Vergangenheitsform, ...

All diese abstrakten Kategorien sind für das Verständnis einer Äußerung allerdings weniger wichtig, zentral ist die folgende Voraussetzung:

 Nun ist ein konkretes Wort oder Syntagma aber nicht nur eine Realisierung der allgemeinen Größe ‚Sprachzeichen‘; es repräsentiert vielmehr zugleich auch ein bestimmtes Lexem.

Ebenso möchte man auf der Textebene nicht in erster Linie wissen, welche Textsorte vorliegt, sondern welcher Text, jedenfalls wenn es um solche wie die hier zitierten geht, denn bei diesen handelt es sich um individuelle Größen, die als solche bekannt sind und überliefert werden.

Auch bei den Textwörtern muss man allerdings differenzieren: Wenn wir nämlich Lexem als ‚Wörterbuch-Wort‘ auffassen, ist die genannte Voraussetzung nicht für alle gegeben, z. B. nicht für Grünkohlverderber. Es gibt Textwörter, die nicht im Wörterbuch stehen, oder anders formuliert: die nicht ins kollektive Gedächtnis der Sprachgemeinschaft eingehen. Für Syntagmen und Sätze gilt das natürlich noch viel mehr. Sofern diese komplexen Gebilde den phonologischen, morphologischen, Wortbildungs- und syntaktischen Regeln der Sprache folgen, lassen sie sich selbstverständlich trotzdem problemlos interpretieren. Dazu greift man eben auf das Regelwissen und nicht auf bereits fertig gespeicherte komplexe Einheiten zurück. Interpretierbar sind allerdings auch Ausdrücke, die den vertrauten Regeln nicht (ganz) folgen, z. B. [4] oder [5]:

 [4] lichtung

  manche meinen

  lechts und rinks

  kann man nicht velwechsern

  werch ein illtum

  (Ernst Jandl)

 

 [5] Fallweise Liebe

  Ick liebe dir, ick liebe dich,

  Wie‘t richtig is, det weess ick nich

  Und is mich ooch Pomade.

  Ick lieb‘ dir nich im dritten Fall,

  Ick lieb‘ dir nich im vierten Fall,

  Ick liebe dir uff jeden Fall!

  (Autor unbekannt)

[4] und besonders [5] reichen in ihrer Bekanntheit sicher nicht an den Erlkönig heran; auch sie werden aber immer wieder als Ganzheiten reproduziert. Das gilt auch für die übrigen Beispiele, [2] verbreitet sich unter Grünkohlfreunden, [1] und [5] erscheinen mit leichten Variationen, z. B. den/das Bubi oder ohne Artikel bzw. uff jeden Fall oder uff alle Fälle usw. Sie gehören damit ebenso wie Lexeme zum kollektiven Sprachgedächtnis.

Bei der Größe ‚kollektives Gedächtnis‘ handelt es sich natürlich um ein Konstrukt, das sich nur schwer präzise fassen lässt, als Kategorie ist es aber unverzichtbar. Was die Lexemebene angeht, so liegen mit Wörterbüchern Versuche der Rekonstruktion der ‚Schätze‘ vor, die Sprachen und Varietäten ausmachen. Sie umfassen auch komplexe Ausdrücke bis hin zu Kurztexten (Sprichwörter, Redensarten), und es liegen seit langem auch spezialisierte Sammlungen wie etwa Büchmanns Geflügelte Worte (11864) vor.

Wörterbücher oder sonstige Nachschlagewerke können prinzipiell nicht vollständig sein, zumal sie versuchen, ein genuin dynamisches Etwas zu fixieren. In der heutigen Zeit mit den immensen Möglichkeiten der Aufbereitung von Datenmengen führt das dazu, dass in relativ kurzen Abständen, nämlich oft in weniger als zehn Jahren, immer wieder aktualisierte Versionen erscheinen. Sicher ist, dass die Auswahl, die sie jeweils treffen, nicht das Sprachwissen irgendwelcher Sprechergruppen oder gar das des Durchschnittsmenschen spiegelt. Individuelle Wissensbestände umfassen vielmehr grundsätzlich nur einen sehr kleinen Teil des aufbereiteten Materials. Andererseits gehen sie aber auch darüber hinaus, denn gesellschaftliche Gruppen organisieren sich ja gerade über Wissen, das (nur) die Mitglieder teilen und das sie gegenüber anderen Gruppen bzw. gegenüber der Mehrheit oder einem Durchschnittsmenschen auszeichnet. Dazu gehören auch Wissensbestände, die sprachliche Varietäten betreffen.

Von diesen gehen bestimmte Ausschnitte aber doch in umfassende Nachschlagewerke ein, sie werden also auch zu (potenziellen) Wissensbeständen von Nicht-Mitgliedern gerechnet. So einfach ist es tatsächlich nicht, Teile des Sprachwissens bestimmten Trägergruppen zuzuordnen. Selbst die Versuche, wenigstens so etwas wie einen allgemein bekannten Grundwortschatz zu bestimmen, führen zu recht unterschiedlichen Ergebnissen und letztlich zur Einsicht, dass auch ein solcher nicht klar bestimmbar ist. Ebenso gelingt es der Fachsprachenforschung höchstens theoretisch, Fachwortschätze und Gemeinsprache als klar abgrenzbare Konstrukte zu etablieren (vgl. Adamzik 2018b: Kap. 5.4.2.).

Sicher ist zunächst, dass (sprachliche) Wissensbestände nicht bei auch nur zwei Individuen genau übereinstimmen können (vgl. dazu aus wissenssoziologischer Perspektive Schütz / Luckmann 2017: Kap. IV C. und aus varietätenlinguistischer Sicht sehr nachdrücklich Schmidt / Herrgen 2011: Kap. 2). Das gilt besonders für eine hochdifferenzierte Gesellschaft wie die unsere. In ihr verfügen alle über Wissen in mehreren Sprachen und Varietäten. Oft beschränkt sich dieses allerdings auf wenige Elemente. So dürfte etwa für einen durchschnittlichen Sprecher des Deutschen [5] klar als berlinerisch identifizierbar sein; vielleicht gibt der Text auch Anlass, neu zu lernen, dass es ist mir/mich Pomade/pomade bedeutet ‚es ist mir gleichgültig‘. Auch Personen, die Berlinerisch als Erstsprache gelernt haben, wissen aber nicht unbedingt, dass dieser Ausdruck zurückgeht auf die Entlehnung des polnischen pomału (‚allmählich, gemächlich, nach und nach‘; erweitert im Sinne von ‚jemand hat es nicht eilig, es kommt ihm nicht darauf an‘). Daher bauen sie vielleicht Assoziationskomplexe zu dem aus romanischen Sprachen entlehnten Wort für Haarcreme auf, mit dem er tatsächlich vermischt wurde. Auch solche Assoziationskomplexe gehören zum individuellen Sprachwissen. Ideen dazu, warum etwas so heißt, wie es heißt, kann man aber auch weitergeben, was dann zu den sog. volksetymologischen Ableitungen oder Geschichten führt. Manche kennen diese, andere nicht.

Das geteilte Gruppenwissen überschreitet sowohl Varietäten- als auch Sprachgrenzen. An sprachspielerischen Aktivitäten sind gerade solche besonders beliebt, in denen ein bekannter Text (z. B. die Weihnachtsgeschichte oder vertraute Märchen) in Varietäten anderer (!) Sprechergruppen übertragen werden, und zwar nicht zuletzt, um sich über diese zu belustigen oder gar zu empören. Außerordentlich beliebt ist dies als Auseinandersetzung mit Jugendsprache. Für Fachsprachen zieht man gern Sprichwörter heran, weil bei längeren Texten der Lustgewinn in keinem adäquaten Verhältnis mehr zum Verarbeitungsaufwand stünde:

 [6] Die Struktur einer ambivalenten Beziehung beeinträchtigt das visuelle und kognitive Wahrnehmungsvermögen extrem – oder wie man früher sagte: Liebe macht blind.1

Schon hier, erst recht aber bei gewöhnlichen Übersetzungen, d. h. solchen in andere Sprachen, bleibt nur der Inhalt eines Textes – mindestens grosso modo – erhalten, nichts dagegen von seiner sprachlichen Gestalt, wenn man einmal von Namen absieht. Dennoch reden wir so, als hätten wir die Odyssee, Konfuzius, Dante, Don Quijote, Hamlet, Anna Karenina usw. gelesen, auch wenn es nur Übersetzungen waren. In einem ziemlich abstrakten Sinn handelt es sich eben immer noch um denselben Text. Um die Behauptung zu rechtfertigen, dass man ihn ‚kenne‘, reicht es sogar aus, von seiner Existenz zu wissen und elementare Kenngrößen (Autor, Entstehungszeit, Plot) sowie Fragmente des Wortlauts kognitiv gespeichert zu haben (und bist du nicht willig, …; Sein oder nicht sein, … usw.).

Zu diesen Wissensbeständen zu Texten kann man grob gesehen auf zweierlei Weisen kommen: Entweder man hat den Text tatsächlich ganz gelesen. Je länger dies zurückliegt, desto mehr hat man allerdings vergessen oder wie man heute lieber sagt: Es werden nur wenige Elemente im Langzeitgedächtnis gespeichert, und zwar sowohl zentrale Inhaltselemente als auch charakteristische Formulierungen. Bei intensiver Lektüre werden diese vielleicht exzerpiert oder durch Anstreichungen usw. markiert, so dass man sie bei erneuter Konsultation schnell wiederfinden kann. Die zweite Möglichkeit besteht darin, gleich auf entsprechende Bearbeitungen anderer Rezipienten zurückzugreifen: Man schlägt in einem Werklexikon oder einer Enzyklopädie nach. In Wikipedia ist tatsächlich eine große Menge von Einzeltexten diverser Textsorten entsprechend aufbereitet, allerdings gerade nicht solcher, die Brinker bei der Erläuterung dieser Kategorie erwähnt, denn reine Gebrauchstexte haben keinen Überlieferungswert. Das macht den Unterschied zwischen Wetterberichten und Bauernregeln aus. Auch die häufig behandelten Kochrezepte gibt es in überlieferungswürdigen Traditionen, und zwar einerseits solchen, die das Brauchtum bestimmter Regionen betreffen (vgl. dazu Gredel in diesem Band), andererseits solchen, die Familientraditionen entsprechen (bzw. dies vorgeben): Aus Großmutters Küche.

Für Texte mit hohem Überlieferungswert muss man nun feststellen, dass sie ‚sich‘ im Laufe der Zeit auch selbst verändern. Liest man einen Text (in der Originalsprache), etwa die Klassiker der deutschen Literatur- und Geistesgeschichte, sogar jene aus der neuhochdeutschen Periode, hat man es nämlich nicht unbedingt mit der Fassung zu tun, die dem ersten Druck oder gar dem Manuskript entspricht: Anpassungen an orthografische und teilweise auch morphologische Entwicklungen werden in modernen Ausgaben stillschweigend vorgenommen. Außerdem existiert mitunter schon ‚das‘ Original in verschiedenen Fassungen. Das gilt nicht nur prinzipiell etwa für die mittelalterlichen Handschriften, sondern z. B. auch für Die Leiden des jungen Werthers/Werther von Goethe oder Der grüne Heinrich von Gottfried Keller. Die Fassungen sind einander hinreichend ähnlich, um nicht als ganz verschiedene Texte, sondern als Versionen desselben Textes, aber auch hinreichend verschieden, um nicht als genau derselbe Text wahrgenommen zu werden.

Den entsprechenden Fragestellungen geht man in diversen Textwissenschaften in Unterzweigen wie der (Editions-)Philologie, Entstehungs-, Überlieferungs- und Wirkungsgeschichte etc. ausführlich nach. Auch für die Variationslinguistik, insbesondere die historisch ausgerichtete, sind sie zentral. In der Textlinguistik hat sich dieser Fragenkomplex dagegen (noch) nicht als relevantes Gebiet etabliert, obwohl es in der Anfangszeit durchaus Bemühungen in diese Richtung gab.

3.2 Wissenschaftshistorisches: Texteme und Allotexte, emische und etische Texte

An der Wende von den 1960er zu den 70er Jahren verortet man (in der Bundesrepublik Deutschland) einen sog. Linguistik-Boom. Seine wichtigste Wirkung bestand in der Reorganisation philologischer (zunächst vor allem germanistischer) Universitätsinstitute. Waren diese traditionell in eine Alte/Ältere und Neue(re) Abteilung untergliedert, so kam jetzt als drittes Untergebiet die Linguistik hinzu.

Im Rahmen solcher Prozesse sind nicht nur administrative, sondern auch bestimmte Fachtexte besonders wichtig. Dazu gehörten in der Bundesrepublik zwei 1973 erschienene Werke, nämlich einerseits das Funk-Kolleg Sprache, andererseits das Lexikon der germanistischen Linguistik (LGL) (Althaus u. a. 1973). Beide beanspruchten, den Stand der modernen Linguistik im Überblick darzustellen. Dabei war wichtig, dass sie nicht nur die strukturalistische, sondern auch die (frühe) generativistische Schule einbezogen sowie Kommunikationsmodelle, Pragma-, Sozio- und Textlinguistik.

Das Funk-Kolleg Sprache nimmt eine Sonderstellung ein. Es gehört zu einer Serie, in der Radiosender in Verbindung mit dem Deutschen Institut für Fernstudien an der Universität Tübingen (für Studien-Begleitbriefe) und Volkshochschulen (für Studien-Begleitzirkel) zusammengearbeitet haben, und zwar vor allem, um Menschen ohne Abitur den Zugang zum Studium zu ermöglichen. Entwickelt seit 1970, wurden die Sendungen ab September 1971 ausgestrahlt. Verbindlich eingeschrieben hatten sich dazu fast 17.000 Hörer, die Prüfungen ablegen konnten (organisiert durch die Kultusministerien von fünf Bundesländern). Diese Zahl ist noch relativ bescheiden, gemessen am Erfolg, den dann die (im Gegensatz zum LGL sehr preiswerte) Taschenbuchausgabe von 1973 erzielen konnte. Deren Vorwort orientiert ausführlich über die damaligen Bedingungen, zu denen insbesondere gehört, dass man noch auf kein vorliegendes Curriculum hatte zurückgreifen können, sondern dieses erst zu entwickeln war. Im Hintergrund standen folgende Voraussetzungen:

„In den nächsten Jahren ist eine grundlegende Neuordnung des Deutsch- und Fremdsprachenunterrichts zu erwarten. Damit Hand in Hand geht eine Neuorientierung des herkömmlichen Philologiestudiums. Grund ist die moderne Linguistik, die nicht mehr nach den historischen Wandlungen der Einzelsprachen fragt, sondern nach den allgemeinen Merkmalen und Strukturen des Zeichensystems Sprache.“ (Aus dem Paratext Über dieses Buch)

Das Funk-Kolleg Sprache vertritt in besonders ausgeprägter Weise die oben angesprochene Variante, nach der systemlinguistische Ansätze zwar die Grundlage der ‚modernen Linguistik‘ bilden (müssen), diese jedoch einzubetten sind in einen kommunikationswissenschaftlich orientierten Rahmen. Das erste Hauptkapitel (von insgesamt fünf) ist betitelt: Kommunikation und Sprache. Der Textlinguistik kommt in diesem Buch (besonders im Verhältnis zur Soziolinguistik) keine besonders große Bedeutung zu. Mit dem Ausdruck Textem erfolgt jedoch eine quasi konsequente Parallelisierung zur Phonem- und Morphemanalyse. Im LGL erscheint dieser Begriff dagegen nicht (auch nicht in der stark bearbeiteten 2. Auflage von 1980). Dieses Handbuch wendet sich auch viel eher an die etablierten Kreise in den Universitäten und bespricht sehr ausführlich verschiedene Ansätze und einzelne Arbeiten aus der frühen Textlinguistik. Auch hier werden jedoch von Anfang an eine auf die Langue gegenüber einer auf die Parole bezogene Sichtweise unterschieden. Während bei der zweiten übereinstimmend mit dem Funk-Kolleg die Kommunikativität thematisiert wird, soll es jedoch bei der ersten um (die Gesamtheit von) Textbildungsregeln gehen, so dass hier nicht Phonologie und Morphologie als Vorbild fungieren, sondern die Syntax.

Nun ist es relativ einfach, den Ausdruck Textem parallel zu Phonem und Morphem zu bilden, weniger klar ist allerdings, was man sich darunter vorzustellen hat. Im Glossar des Funk-Kollegs erscheinen die folgenden Erläuterungen:

Text: Sprachliche Äußerung; Ergebnis der → Realisierung eines → Textems.

Textem: Noch nicht realisierte sprachliche Struktur als Ergebnis der sprachlichen → Kodierung.

Textstruktur (= Textem): strukturierte Ketten von Sprachzeichen als Ergebnis der sprachlichen Kodierung.

Kodierung: vom Sprecher vorgenommene Umsetzung einer Vorstellung in eine sprachliche Äußerung.

Sie zeigen klar, dass Text wie Phon und Morph als konkrete/materielle Realisierung einer abstrakten (vorher nur kognitiv verfügbaren) Einheit konzipiert wird. Gewöhnlich bezeichnet man nicht materialisierte Ketten von Sprachzeichen als Wortlaut, und zwar – ebenso wie bei Morphemen und Lexemen – unabhängig von der medialen Verfasstheit: Die Frage, ob ein Morphem einer gesprochenen oder geschriebenen Einheit entspricht, stellt sich schlicht nicht; wir befinden uns auf einem Abstraktionsniveau, auf dem die Materialisierungsart keine Rolle spielt. Ein Schema (Abb. 1) zur Visualisierung wird als Versuchsanordnung bezeichnet, da alle Faktoren, die sich außerhalb des zentralen Kastens befinden, (und zusätzlich u. a. Intention, Wissens- und Sprachspeicher)

„vorübergehend außer acht gelassen werden. Wohlgemerkt vorübergehend: Wenn die kausalen Beziehungen zwischen einem ideal homogenen denotativen Kode, der von einem idealen Sprecher aktiviert wird, zum produzierten Text analysiert und beschrieben sind, werden nach und nach weitere Faktoren in die Analyse einbezogen; so wird Schritt für Schritt die Beschreibung der Komplexität des Sachverhalts angenähert. Genau wie die ideale Kompetenz kann man auch die soziale Rolle eines Sprechers isolieren und dadurch idealisieren und fragen: Welche Merkmale X, Y und Z hat ein Text, der auf der Grundlage eines bereits beschriebenen Kodes in einer bestimmten sozialen Rolle produziert wird?

Wir haben zu zeigen versucht, daß nur einschichtige homogene und also idealisierte Objekte einer präzisen Analyse zugänglich sind. Daraus folgt, daß die Komplexität realer Sachverhalte in einer wissenschaftlichen Beschreibung nur dann annähernd zu erreichen ist, wenn man schrittweise analysiert und eine Menge elementarer Ergebnisse zu einer Gesamtbeschreibung zusammenfügt. Da wir die Aktivierung des Kodes durch einen Sprecher oder Hörer für das grundlegende Ereignis sprachlicher Kommunikation halten, beginnen wir die Gesamtuntersuchung mit der Analyse der idealen Kompetenz des idealen Sprechers/Hörers.“ (Funk-Kolleg Sprache 1973: Bd. 1, 82f.):

Abb. 1:

Reduziertes Faktorenmodell für die Textbildung (nach Funk-Kolleg Sprache 1973: Bd. 1, 82)

Die Ausdrücke Lexem oder gar Lex kommen im Funk-Kolleg nicht vor, stattdessen spricht man dort von Formativen. Auch für Sätze fehlt eine entsprechende Parallele; sie werden als aus Konstituenten aufgebaut verstanden. Somit sind die Analogien auf den oberen Rängen doch nicht besonders konsequent durchgeführt. Auch kommt Textem außerhalb der zitierten Stelle nur noch einmal vor, und zwar in einem Sprachverhaltensmodell. Dieses sehr komplexe Schema setzt (im Rahmen der Studien zur gesprochenen Sprache in der Schule Hugo Stegers) Redekonstellationen und Textexemplare (statt wie früher Texte) in Beziehung (vgl. ebd.: Bd. 2, 196); weitere Erläuterungen zum Verhältnis von Text(exemplar) und Textem finden sich aber nicht.

So ist es eigentlich nicht erstaunlich, dass Textem nicht als gut etablierter Begriff gelten kann. Er erscheint zwar in manchen Fachwörterbüchern (vgl. dazu genauer Kolde 1999), u. a. bei Bußmann. Sogar Felder (2016: 34) benutzt ihn einmal; insgesamt bleibt er aber ebenso selten wie unklar.

Was die meisten davon abhält, ihn überhaupt einzusetzen, erklärt sich natürlich relativ einfach: Schon bei Sätzen rechnet man eigentlich nicht mit konkreten, d. h. im Wortlaut festgelegten Strukturen, die kognitiv gespeichert sind und in der Parole nur materialisiert werden, sondern mit viel abstrakteren Strukturen, nämlich allenfalls Satzschemata, die in Äußerungen gewissermaßen erst lexikalisch und grammatisch ‚gefüllt‘ werden. Erst recht ist es bei Texten die Ausnahme, dass sie bei der materiellen Realisierung direkt aus dem Gedächtnis abgerufen werden, dort also schon gespeichert sind. Für Morpheme gilt dagegen genau das. Diese sind mit ihrer Signifiant-Seite gewiss nicht angeboren (wie man es für syntaktische Kategorien ja teilweise unterstellt), sondern müssen einzeln gelernt werden. Sie können dann allerdings auch nach abstrakten Regeln in neue Konstruktionen eingehen, d. h. in solche, die nicht schon im Lexikon überliefert sind. So ergibt sich die ‚traditionelle Arbeitsteilung‘ zwischen Lexikon – mit Einheiten, die auch über ein Lautbild im Sinne de Saussures verfügen – und Syntax, für die das nicht gilt. Die Parallelisierung von Morphem und Textem, so könnte man den Einwand zusammenfassend formulieren, unterstellt eine Vergleichbarkeit, die schlichtweg nicht gegeben ist. Daher kann es auf der Text- genau wie auf der Satzebene nur darauf ankommen, nach abstrakteren Größen, nämlich nach Satz- bzw. Text-Bildungsregeln, zu suchen, statt zu unterstellen, dass bereits ‚kodierte‘ komplexe Einheiten im Gedächtnis gespeichert sind. Anders gesagt: Morpheme gelten als virtuelle Einheiten, die immer wieder neu realisiert werden, Sätze und Texte dagegen als erst im Äußerungsakt jeweils neu erzeugte.

Diese Vorstellung ist sehr verbreitet, entspricht aber m. E. einer Art denkstilbedingten Blindheit (vgl. Fleck 1980 und dazu Adamzik 2018b: Kap. 5.2.) gegenüber der sehr wohl möglichen Parallelisierung. Bevor dies in Kapitel 4 genauer ausgeführt wird, sollen noch einige frühe textlinguistische Ansätze vorgestellt werden, die der Vorstellung von Texten als virtuellen Einheiten am nächsten kommen (vgl. dazu ausführlicher Adamzik 2015: Kap. 2 und Adamzik 2016: Kap. 2.5.3.).

Besonders darum bemüht, die Parallelen wirklich konsequent durchzuführen, ist Walter A. Koch (1969, 1973), der zu diesem Zweck einen eigenen Begriffsapparat vorschlägt: Der Größe Wort entspricht darin ungefähr Logem, dem Satz ungefähr Syntaktem. Syntakteme sollen aus Subjekt und Prädikat bestehen, Texteme aus Topik, Thema und Komment – es handelt sich also nicht wie bei der ‚Kodierung‘ im Funk-Kolleg um eine spezifische Folge von Sprachzeichen, sondern um hochabstrakte Strukturen und eine Analyse von oben nach unten.

Roland Harweg geht dagegen umgekehrt vor und betrachtet die pronominale Verkettung aufeinanderfolgender Sätze. Er benutzt nicht den Ausdruck Textem, sondern unterscheidet etische von emischen Texten. Dies entspricht einer gewollten „Abkehr von der Performanz- und […] Hinwendung zur Kompetenzorientiertheit“ (Harweg 1968, 21979: V), und zwar in dem Sinne, dass etische Texte dem Sprachgebrauch, nämlich real vorkommenden Einheiten, gleichzusetzen sind, während es sich bei emischen Texten um wohlgeformte Satzfolgen handeln soll, die sich durch ununterbrochene pronominale Verkettung konstituieren. In diesen erkennt Harweg „ein textgrammatisches Ideal, ein Ideal, das die textuelle Wirklichkeit, die aktuell vorliegenden Texte, auch solche von sogenannten guten Autoren, nur in den seltensten Fällen erreicht“ (Harweg 1975: 377). Natürliche Texte erscheinen hier also nicht nur als Performanzphänomene, sondern als ‚schlechte‘, nämlich normalerweise (!) nicht regelkonforme Sprachwirklichkeit.

Harwegs Definition des emischen Textes und die damit verbundene Neudefinition der Kategorie Pronomen wurden bald zurückgewiesen.1 Dennoch haben seine Arbeiten einen bedeutenden Einfluss gehabt, da er in sehr systematischer Weise Nominalgruppen danach differenziert, in welche Wiederaufnahme-Relationen sie eingehen können. Solche Gliederungen bilden noch immer den Kern der Behandlung der Kohäsionsmittel (vgl. dazu weiter Adamzik 2016: Kap. 7.1.).

Noch weniger Einfluss als Harwegs terminologische Neologismen haben diejenigen von Koch gehabt. Die von ihm nur angedeutete Top-Down-Analyse stellt jedoch die zweite wesentliche Methode in der Textlinguistik dar. Besonders bekannt sind die Vorschläge von Teun A. van Dijk, der zwischen Makrostrukturen und Superstrukturen differenziert. Die ersten operieren auf Propositionen, von denen in einem rekursiven Prozess mehrere zu Makropropositionen zusammengefasst werden, bis sich auf der obersten Ebene eine Kurzfassung des Textes ergibt. Die Grundlage bilden also konkrete Texte und das Vorgehen entspricht dem Bottom-Up-Modell. Superstrukturen stellen dagegen Schemata für den Grobaufbau von Textsorten dar. Allerdings stehen dabei nicht hochstandardisierte Kleinformen (Wetterbericht usw.) im Vordergrund, sondern potenziell sehr komplexe Einheiten – besonders häufig zitiert findet sich van Dijks Schema zu Erzähltexten (vgl. van Dijk 1980: 142).

Die Superstrukturen van Dijks sind fast so abstrakt wie das Textem von Koch, der Inhalt ist nämlich überhaupt nicht spezifiziert. Makrostrukturen sind dagegen am Inhalt orientiert, sollen diesen zusammenfassen; daher umfassen sie auch die besonders wesentlichen lexikalischen Elemente bzw. Themenwörter. Bei van Dijk erscheinen Makrostrukturen als Ergebnis wissenschaftlicher Analyseverfahren. Er unterstellt allerdings, dass auch gewöhnliche Sprachteilhaber diese intuitiv anwenden, wenn sie Texte verarbeiten:

„Wir müssen uns Einsicht verschaffen in das sehr wesentliche Vermögen des Sprachgebrauchers, das ihm ermöglicht, auch bei sehr langen und komplizierten Texten Fragen zu beantworten wie ‚Wovon war die Rede?‘, ,Was war der Gegenstand des Gesprächs?‘ u. ä. Ein Sprachgebraucher kann das auch dann, wenn Thema oder Gegenstand selbst als ganzes nicht explizit im Text erwähnt werden. Er muß also das Thema aus dem Text ableiten.“ (van Dijk 1980: 45; Hervorhebung im Orig.)

Nun ist es allerdings gar nicht immer nötig, Themen ‚abzuleiten‘, weil bestimmte Themen, Motive, Stoffe, Topoi, … zum kollektiven Gedächtnis gehören und also immer wieder reproduziert werden, so dass man sie nur wiedererkennen muss. Das ist besonders an mündlich überlieferter (Volks-)Literatur, speziell Märchen, gezeigt worden. Solche Forschungen greift nun Koch (1971) in einem weiteren Aufsatz auf und erörtert an diversen Beispielen die Frage, wann es sinnvoll ist, hier von einem Textem und verschiedenen Allotexten zu sprechen und wann es angemessener erscheint, mit verschiedenen Textemen zu rechnen, die ja (im Sinne von Archetypen) auch unabhängig voneinander in verschiedenen Kulturen erscheinen können.

In vielen Fällen unterliegt es allerdings nicht dem geringsten Zweifel, dass es sich um Texte handelt, die überliefert werden, möglicherweise über Jahrhunderte oder gar Jahrtausende. Wenn sie über einen sehr langen Zeitraum überliefert werden, erscheint ‚derselbe‘ Text notwendigerweise in verschiedenen Sprachstufen. Ferner ist erwartbar, dass er in verschiedenen Varietäten vorliegt, in oral geprägten Kulturen insbesondere regionalen, aber z. B. auch in konfessionellen, wenn man etwa an die Bibel als besonders variantenreich überlieferten Text denkt. Angesichts dessen ist es schon erstaunlich, dass in der Textlinguistik das Interesse an Mustern, Textsorten-Schemata, Diskurstraditionen, kommunikativen Gattungen, …, kurz gesagt: an Einheiten sehr hoher Abstraktionsebene das an der Überlieferung konkreter Texte und Wortlaute fast vollständig überlagert.

4 Virtuelle Einheiten auf der Textebene

Mit mündlich tradierten Stoffen, insbesondere volkstümlichen, haben wir den Gegenstand vor uns, bei dem es unausweichlich ist, (bestimmte) Texte zu parallelisieren mit (bestimmten) Wörtern, sie nämlich als Einheiten zu begreifen, die zum kollektiven Gedächtnis gehören und immer wieder neu realisiert werden, mitunter also auch in mehr als milliardenfacher Materialisierung. Bei solcher Reproduktion kann man von Performanz in besonders positivem Sinn sprechen, es kann sich nämlich durchaus um ,Aufführungen‘ handeln, in denen es um Virtuosität geht – für diese ist Variation konstitutiv.

Solchen überlieferten, aber doch notwendigerweise immer wieder neu und jeweils mehr oder weniger anders realisierten Einheiten gilt die klassische Studie von André Jolles (1930) zu Einfachen Formen. Sie ist nicht nur in literaturwissenschaftlichen und volkskundlichen Arbeiten breit rezipiert, sondern – allerdings recht spät – auch in der Textlinguistik aufgegriffen worden (vgl. dazu Fix 1996). Auf Jolles (neben vielen anderen Arbeiten zur oral poetry) bezieht sich auch Thomas Luckmann (1927–2016) in seinem wissenssoziologischen Ansatz (vgl. besonders Luckmann 2002: 165f.; und Auer 1999: Kap. 16). Während das gemeinsam mit Peter L. Berger (1929–2017) schon 1966 verfasste Buch auf ein außerordentliches Echo stieß und bald zum Klassiker aufstieg, sind Luckmanns zahlreiche seit den 80er Jahren entstandene Arbeiten (am besten zugänglich über die Aufsatzsammlungen von 2002 und 2007) weniger verbreitet. Dabei geht es in ihnen um nichts weniger als Das kommunikative Paradigma der ‚neuen‘ Wissenssoziologie. Dazu hat Luckmann einen Vortrag auf dem Symposium New paradigms in contemporary sociology gehalten, kommentiert dies freilich folgendermaßen:

„Ich möchte hier kein neues theoretisches Paradigma vorstellen. Im Grunde bin ich sogar sehr skeptisch, was Positionen angeht, die beanspruchen, neue Paradigmen zu präsentieren. Vertreter von Neuigkeiten leiden herkömmlich sowohl unter historischer Kurzsichtigkeit als auch unter dem Drang, Marginalitäten überzubewerten – und großrednerische Prediger von Paradigmenwechseln haben in der Regel Kuhns Theorie […] völlig fehlinterpretiert.

Dennoch möchte ich nicht bezweifeln, daß in einigen Teilen der Gesellschaftstheorie ein Wandel vollzogen wurde, der zu einer vermehrten theoretischen Beachtung der Kommunikation als einer wesentlichen sozialen Tatsache führte [… Bourdieu, Luhmann, Habermas]. Ich möchte mich hier jedoch nicht mit diesen theoretischen Entwicklungen auseinandersetzen, sondern meine eigene Position vorstellen – eine Position, die eine empirische Ausweitung des Versuchs darstellt, den Berger und ich […] vor mehr als einem Vierteljahrhundert unternommen haben: einige Schlüsselbegriffe der allgemeinen Soziologie im Sinne dessen neu zu definieren, was man als ,neue‘ Wissenssoziologie bezeichnet hat. Neben meiner Arbeit in der Religionssoziologie habe ich mich zunehmend auf die Entwicklung einer soziologischen Sprachtheorie und anschließend auf die detaillierte Analyse kommunikativer Formen konzentriert, in denen Wissen oder, allgemeiner, Sinn und moralische Orientierungen erzeugt, vermittelt und reproduziert werden.“ (Luckmann 2002: 201; Hervorhebungen K. A.)

Im Mittelpunkt steht dabei das Konzept der kommunikativen Gattungen. Eingegangen ist dieses auch in diverse Unterprojekte des Konstanzer Sonderforschungsbereichs Literatur und Anthropologie (SFB 511; 1996–2002), insbesondere in das Projekt Anthropologische Funktionen nicht-schriftlicher kommunikativer Formen und Gattungen: Thematisierung des Menschlichen, sekundäre Ästhetisierung und Fiktionalisierung (1996–1998). An diesem Projekt haben auch Susanne Günthner und Helga Kotthoff mitgewirkt; dies erklärt, dass das Konzept der kommunikativen Gattungen in der Gesprächs-/Konversations- bzw. Interaktionsanalyse sehr prominent ist.

Unter diesen Voraussetzungen könnte man erwarten, dass die außerordentlich breit ausgerichtete – u. a. Literatur, Religion, Mythos, Wissenschaft und Alltagswelt zusammen denkende – Sichtweise Luckmanns auch zu einer besseren Verständigung einerseits zwischen Literatur- und Sprachwissenschaft, andererseits innerhalb der letzten zwischen Text- und Gesprächslinguistik geführt hat. Davon kann aber (noch) keine Rede sein. Vielmehr geht die Tendenz derzeit deutlich in Richtung auf immer spezialisiertere Subdisziplinen (bzw. ‚Paradigmen‘) und die Hervorhebung von Gegensätzen. Dazu gehört, dass viele TextlinguistInnen literarische Texte aus ihrem Objektbereich ausschließen (vgl. Adamzik 2017: bes. Kap. 4) und sich zunehmend auch wieder nur mit schriftlich Fixiertem auseinandersetzen wollen (für Nachweise vgl. Adamzik 2016: Kap. 2.5.2., Anm. 23). Dies führt zur Präsentation von Textsorten und kommunikativen Gattungen als konkurrierenden Konzepten (vgl. so auch Auer 1999: 176f.):

„Die Termini ‚kommunikative Gattungen‘ und ‚Textsorten‘ sind nicht gleichzusetzen. Das Konzept der kommunikativen Gattung basiert auf der Annahme, dass eine dialogische Kommunikation vorliegt, das Textsortenkonzept geht für den prototypischen Fall gerade nicht von dieser Annahme aus.“ (Dürscheid 2005)

„Gattungen werden […] nicht etwa als homogene, statische Gebilde mit festgelegten formalen Textstrukturen betrachtet, sondern als Orientierungsmuster für die Produktion und Rezeption von Diskursen.“ (Günthner 2000: 21)

In ihrer Rezension zu Günthner merkt Fix zu Recht an,

„dass die Charakterisierung der Textlinguistik dem jetzigen Forschungsstand der Textsortenforschung, für die die Annahme beweglicher, prototypischer Textsorten und deren Einbettung in kommunikative Zusammenhänge doch mittlerweile selbstverständlich ist, nicht ganz gerecht wird“ (Fix 2002: 292).

Es wird aber m. E. auch das Potenzial nicht ausgeschöpft, das Luckmanns Wissenssoziologie für die Textlinguistik bietet (vgl. im Ansatz so Heinemann / Heinemann 2002) – Textlinguistik hier verstanden in einem weiten Sinn, denn die Entgegensetzung von Schriftlichkeit und Mündlichkeit läuft dem Anliegen Luckmanns zuwider; sie passt ja auch nur schlecht zu den Titeln des Konstanzer SFB und des genannten Teilprojekts.

Wenn Luckmann sich ausdrücklich den mündlichen Gattungen, der Face-to-Face-Kommunikation, zuwendet, so geschieht dies nicht etwa, weil er die schriftlichen Formen der „Tradierung und Vermittlung bestimmter gesellschaftlich relevanter Wissensbestände“ – so bringt Auer (1999: 177) die Funktion von Gattungen auf den Punkt – für unwichtig hielte: Wenn eine Gesellschaft über Schrift verfügt, dann wird das Tradierenswerte auch schriftlich festgehalten. Er konstatiert jedoch ein Versäumnis der traditionellen Soziologie; diese habe nämlich „die Frage nach der kommunikativen ‚Urproduktion‘ von Sinn und Kultur im Gesellschaftszusammenhang entweder nur auf der abstrakten Ebene von ,Geist‘ und ,Gesellschaft‘ gestellt oder ganz ausgeklammert“ (Luckmann 2002: 158f.; Hervorhebungen K. A.). Kommunikative Urproduktion möchte ich dahingehend interpretieren, dass sich Gesellschaften (wie Sprachen) und gesellschaftliche Gruppen (wie sprachliche Varietäten) nur erhalten können, indem sie die relevanten Wissensbestände immer wieder neu aktualisieren, sie sich zu eigen machen und weiterbearbeiten. Dies geschieht am unmittelbarsten in mündlicher Interaktion, in der die Teilnehmer auch körperlich beieinander sind (vgl. Luckmann 2002: 187).

Die Einfachen Formen sind nun gewissermaßen der Inbegriff solcher mündlichen Traditionen, und Jolles (1930 / 1999: 262) meint sogar, dass sie der Schrift „zu widerstreben scheinen“. Davon kann in einer Zeit, in der die Publikation von gesammelten Märchen, Sagen, Witzen, Sprüchen … einem florierenden Geschäft entspricht, eigentlich keine Rede sein; auch von den mittelalterlichen Legenden wüssten wir allerdings nur wenig, wenn sie nicht auch aufgeschrieben worden wären. Die Bedeutung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit für die Tradierung gesellschaftlich relevanten Wissens scheint also doch verwickelter. Dem soll unter Rückgriff auf die Ausführungen von Luckmann und Fix (2009 / 2013) zu Jolles und der Frage nachgegangen werden, wie stark kommunikative Gattungen bzw. Textsorten verfestigt sind – oder: wie viel Variation sie aufweisen.

In der wohl frühesten Erwähnung kommunikativer Gattungen bei Luckmann1 erfolgt der Rückgriff auf Jolles‘ Einfache Formen noch nicht explizit, es ist aber offensichtlich, dass sie im Hintergrund stehen:

„In allen Gesellschaften werden Stileinheiten des Sinns als kommunikative Gattungen objektiviert und bilden Sinnsetzungstraditionen. In Schriftkulturen werden zusätzlich auch literarische Genres ‚bereitgestellt‘, die den einzelnen noch stärker von eigenständigen Sinnsetzungen und -findungen entlasten können. Kommunikative Gattungen reichen von alltäglichen Sprichwörtern bis zu Fabeln, von Fluch- und Schimpfkonventionen bis zu Heiligenlegenden.“ (Schütz / Luckmann 2017: 450)

Eine Entgegensetzung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, Alltags- und Hochkultur ist nicht zu erkennen; ferner geht es offensichtlich nicht in erster Linie um Muster für die Lösung alltäglicher Kommunikationsaufgaben – in diese Richtung verflachen die Vorstellungen von Textsorten / kommunikativen Gattungen besonders leicht –, sondern um anthropologische Grundaufgaben der Sinnfindung. Diese stehen auch bei Jolles im Mittelpunkt (vgl. bes. den Ausblick in Jolles 1930 / 1999: 262–268, wo er erwägt, ob sich die Einfachen Formen in allen Kulturen finden).

Zumindest aus heutiger Sicht etwas befremdlich wirken die beiden zentralen Termini, mit denen Jolles arbeitet, nämlich Geistesbeschäftigung und Sprachgebärde. Zum ersten hat Luckmann sich folgendermaßen geäußert:

„Nach Jolles entwickeln sich diese kleinen Gattungen gewissermaßen von selbst aus der Sprache, wenn der Mensch der Welt mit einer bestimmten ‚Geistesbeschäftigung‘ begegnet. Jeder einfachen Form ordnet Jolles die für sie spezifische und maßgebliche Geistesbeschäftigung zu: dem Memorabile etwa die ‚Geistesbeschäftigung mit dem Tatsächlichen‘, dem Märchen dagegen die der ‚naiven Moral‘. Statt von Geistesbeschäftigung zu reden, würden wir heute eher, wie es H. R. Jauss vorgeschlagen hat, den Schützschen Begriff der ‚Subsinnwelt‘ verwenden. Die kleinen (vorliterarischen) Gattungen können soziologisch als Organisationsformen des Alltagswissens verstanden werden, die darauf angelegt sind, die intersubjektive Erfahrung der Lebenswelt unter verschiedenen Sinnkriterien zu thematisieren, zu bewältigen und zu vermitteln.“ (Luckmann 2002: 166; Anm. 16; Hervorhebungen K. A.)

Für Schütz ist die Auffassung zentral, dass sich die Lebenswelt in verschiedene Wirklichkeitsbereiche mit jeweils eigener Sinnstruktur untergliedert: „alle Erfahrungen, die zu einem geschlossenen Sinngebiet gehören, weisen einen besonderen Erlebnis- bzw. Erkenntnisstil auf“ (Schütz / Luckmann 2017: 54; Hervorhebungen K. A.). Neben der alltäglichen Lebenswelt gehören dazu die Welt des Traums, der Literatur, der Religion und der Wissenschaft (vgl. dazu weiter Adamzik 2018b: Kap. 2.4.). Wo Jolles von verschiedenen Geistesbeschäftigungen spricht, unterscheidet Luckmann Gattungsfamilien, mit denen kollektive ‚kommunikative Probleme‘ bearbeitet werden.

„Die wichtigsten davon sind: Wie werden relevante Aspekte der Vergangenheit vor dem Vergessen bewahrt? Wie werden zukünftige Handlungen geplant und umgesetzt? Wie wird Allgemeinwissen oder Sonderwissen vermittelt? Wie werden Vorstellungen guten Lebens formuliert und gestützt? Offensichtlich sind Probleme dieser Art universell.“ (Luckmann 2002: 184)

Die dem zuerst genannten Problem geltenden rekonstruktiven Gattungen hält Luckmann (ebd.: 178) für „eine der wichtigsten sprachlich-kommunikativen Funktionen in menschlichen Gesellschaften“. Dabei bezieht er sich keineswegs jeweils auf Gesamtgesellschaften, sondern auf Formationen aller Art und auch auf Individuen.

„Zu verstehen, wie eine Gesellschaft, eine Gruppe, eine Organisation, eine Institution, eine Person Ausschnitte und Gesamtheiten ihrer Vergangenheiten aufbereiten und vermitteln, heißt, Wesentliches über eine Gesellschaft, Gruppe, Institution, Person zu verstehen. Ein wesentlicher Teil der historischen gesellschaftlichen Konstruktionen von Wirklichkeit besteht erstens aus vielschichtigen kommunikativen Bearbeitungen von Vergangenheit und zweitens aus der Vermittlung der Ergebnisse solcher Bearbeitungen über Generationen hinweg. Über kommunikative Vorgänge und Gattungen hinaus, deren Hauptfunktion Vergangenheitsvergegenwärtigung ist, dürften sich rekonstruktive Funktionselemente auch in vielen anderen, vor allem zukunftsplanenden, moralisch-pädagogischen und – auf personaler und Gruppenebene – identitätsstiftenden kommunikativen Vorgängen und Gattungen finden.“ (Luckmann 2002: 179; Hervorhebung K. A.)

Der Hinweis auf die identitätsstiftende Funktion solcher Gattungen stellt die Verbindung zur Varietätenproblematik her, auf die Luckmann auch explizit eingeht. Dies führt auf die Frage nach der Festigkeit von Gattungen und der Bedeutung verfestigter Formen überhaupt zurück. Auer (1999: 177) erkennt als Fortschritt von Luckmanns Gattungsbegriff gegenüber dem der Textsorten,2 er werde „nicht so weit, daß er sinnlos würde: nicht alles Sprechen findet in Gattungen statt“. Bei Luckmann heißt es dazu:

„Wenn man alltägliche kommunikative Interaktionen von Angesicht zu Angesicht betrachtet und anhört, wird offensichtlich, daß gattungsartig festgelegte Interaktionen wie Inseln im Fluß weniger streng strukturierter kommunikativer Prozesse auftreten. Zweifellos kann ein Individuum in einigen kommunikativen Handlungen einem selbstgewählten Ablauf kommunikativer Schritte folgen, um das Ziel zu erreichen, das es sich selbst gesetzt hat. Die Wahlen sind eingeschränkt von morpho-phonetischen, syntaktischen und lexikalischen Regeln und von klassen-, milieu-, geschlechts-, alters- und situationsabhängigen Regelungen des Sprachgebrauchs.“ (2002: 179; Hervorhebungen K. A.; vgl. auch ebd.: 198)

Der Hinweis auf eine Skala von Vorstrukturiertheit und die Auflistung der Variationsparameter zeigen, dass Luckmann einen denkbar weiten Phänomenbereich im Auge hat; angesichts des Anspruchs, eine soziologische Sprachtheorie zu entwickeln, kann das auch nicht erstaunen. Es fragt sich allerdings, welchen Stellenwert die Rückbesinnung auf die Einfachen Formen eigentlich hat. Halten wir vorerst nur – als wenig spektakulären Hinweis – fest, dass neben den in der Variationslinguistik im Vordergrund stehenden phonetischen, grammatischen und lexikalischen Variablen selbstverständlich auch die Kenntnis und der Gebrauch von Gattungen gruppen- bzw. varietätenspezifisch sein können. Luckmann (vgl. 2002: 167) spricht dabei von der Außenstruktur kommunikativer Gattungen, die insbesondere relevante soziale Milieus und Situationen betrifft. Auf die Binnenstruktur komme ich etwas später zu sprechen, weil sich hier m. E. der Vergleich zum Ansatz von Fix als interessant erweist.

Fix geht es aus textlinguistisch-rhetorisch-stilistischer Sicht darum, Textsorten danach zu gruppieren, inwiefern sie in ihrer Oberflächenstruktur festgelegt sind bzw. wie viel und welche Variation sie zulassen. Sie unterscheidet zentral drei Gruppen (Abb. 2): Zwischen den in der Rhetorik als Verbrauchsrede bezeichneten Gebrauchstexten und den für die Überlieferung ausgearbeiteten Texten (Wiedergebrauchsrede) siedelt sie als Reproduziertexte eben jene nicht absichtlich gestalteten kleinen Gattungen an, die Jolles mit Jacob Grimm auch als Naturpoesie bezeichnet. Sie weisen (schon aus mnemotechnischen Gründen) eine gewisse ästhetische Formung auf, sind aber für Variation relativ offen, während die echten Kunstwerke Änderungen nicht zuließen.


1 Zitiertexte in jeder Hinsicht festgelegte ästhetisierte Form; Wiedergebrauchsrede Choral; literarische Texte
2 Reproduziertexte durchgehaltener ästhetischer Gestus Märchen; Einfache Formen
3 Mustertexte mit signalhaften, die Textsorte indizierenden Merkmalen ohne grundsätzlichen Ästhetisierungsanspruch; Verbrauchsrede Gutachten; Gebrauchstexte
4 Abweichungstexte erkennbar intendierte Abweichung zu Texten vom Typ 1–3 Antisprichwörter

Tab. 1:

Textsortengruppen (nach Fix 2009 / 2013: 188, 201; vgl. auch Fix 2009b: 17f.)

„Im Fall der literarischen Texte sind Änderungen nicht möglich bzw. gar nicht angestrebt. Wo mehrere Fassungen eines Textes vorliegen, wird man immer bemüht sein, die ‚authentischste‘ (Erstfassung, Fassung letzter Hand) herauszufinden. Die ‚Wiederverwendung‘ literarischer Texte besteht darin, dass sie immer wieder neu rezipiert werden können, jeweils bezogen auf dieselbe Textoberfläche, aber durchaus in sehr verschiedenen Lesarten. Was die Sprach- und Kommunikationsgemeinschaft mit literarischen und rituellen Texten bleibend installiert hat, ist ja nicht (nur) das Textmuster (type), das hat sie mit der Herausbildung von Gattungen bereits geschaffen. Es ist vielmehr […] das Textexemplar (token) selbst: z. B. die Novelle ‚Immensee‘ von Storm, das Kunstmärchen ,Vom hässlichen jungen Entlein‘ von Christian Andersen, der Choral ,O dass ich tausend Zungen hätte‘ und die christlichen Losungs- und Segenssprüche.“ (Fix 2009 / 2013: 198f.)

Die Abweichungstexte kommen in der eigentlichen Gliederung nicht vor, sondern werden erst am Schluss erwähnt. Sie stehen quer zu den drei Hauptgruppen und können auf allen dreien operieren. In diese Gruppe gehören auch die Beispiele [1] und [2] vom Anfang dieses Beitrags, die ich als Sprachspiele bezeichnet habe, um ihren besonderen Stellenwert hervorzuheben: Es handelt sich um ein eigenes Sinngebiet bzw. eine ‚Subsinnwelt‘.

Es scheint mir nun sinnvoll, die Vorstellungen von Fix zusammenzubringen mit Luckmanns Rede von der kommunikativen Urproduktion, zumal Fix sich bei den strikt fixierten Textsorten (Gruppe 1) auf die Rezeption als Form der Tradierung und auf Lesarten als Varianten beschränkt. Für nicht ganz überzeugend halte ich es, rituelle und literarische Texte zusammenzugreifen und sie als Zitiertexte zu bezeichnen. Für beide Gruppen ist das Zitieren nämlich eine untypische oder jedenfalls sekundäre Form der Weiterbearbeitung. Charakteristisch ist das Zitieren vielmehr für Wissenschaftstexte,3 also die Gattungen, die die Aufgabe bearbeiten, Sonderwissen weiterzugeben. Sie sind – nach unserem Wissenschaftsverständnis – auf die auszugsweise Wiedergabe angelegt, an die sich dann Zustimmung, Kritik, Korrektur, Weiterentwicklung o. Ä. anschließt. Zitieren kann man natürlich auch alle anderen Arten von Texten. Für rituelle Texte, Choräle und von den literarischen mindestens für Dramen ist aber das Aufführen die charakteristischste Weiterbearbeitung. Insofern handelt es sich also auch um Texte, die zur Reproduktion gedacht sind, und zwar in eben jener kommunikativen Urproduktion, die den Sinn der Texte wieder neu lebendig macht: Ein Glaubensbekenntnis zu zitieren (Geistesbeschäftigung bzw. Sinngebiet: Wissensvermittlung), ist etwas ganz anderes, als es zu sprechen, um die Illokution für den Sprecher zu aktualisieren (Sinngebiet: Religionsausübung).

Auch der Ausdruck Mustertexte für die dritte Gruppe scheint mir insofern problematisch, als man unter Mustertexten gewöhnlich solche versteht, die als Muster bzw. Vorlagen für neue Texte fungieren (z. B. Musterbriefe oder -verträge). Wiederum würde man dies dem Sinngebiet Wissensvermittlung zuordnen, genauer: dem Vertrautmachen mit Konventionen mittels exemplarischer Realisierungen. Solche ‚Rezepte‘ samt Proben finden wir für Gebrauchs- wie auch für Kunstformen oder sonst anspruchsvollere Texte, sie sind keineswegs mit der Regelpoetik ausgestorben. Es gibt Kurse und Lehrbücher nicht nur für wissenschaftliches, sondern auch für literarisches Schreiben (vgl. z. B. text-manufaktur.de oder schreibszene.ch), für Verkaufsgespräche, Verhöre, Predigten, interkulturelle Begegnungen usw. Nur bei solchen Lehr- und Übungsformen scheint es mir überhaupt sinnvoll zu sein, von der Tradierung von Gattungen zu sprechen. Normalerweise werden Gattungen dagegen nur implizit tradiert, und zwar indem entsprechende Texte tradiert werden. Das kann man ganz analog zum elementaren Fremdsprachenerwerb sehen: Grammatische Regeln kann man zwar explizit formulieren, lehren und lernen, der rezeptive und produktive Gebrauch von Sprache ist aber bekanntlich erheblich bedeutsamer und vor allem wirksamer. Wenn es um ein hohes Niveau der Sprachbeherrschung geht, sagen wir die legendäre Stufe C2 des Referenzrahmens, die sich auch in der Muttersprache nicht von selbst einstellt, lässt sich eigentlich kaum vorstellen, wie man sich die entsprechenden Kompetenzen bzw. Wissensbestände anders aneignen könnte als durch die Rezeption entsprechender Texte. Dabei sollte man die Aufmerksamkeit auch auf die Form richten (vgl. in diesem Sinne das Lehrbuch von Graefen / Moll 2011 und Adamzik 2018b: 291f.).

Die klassifikatorische Herangehensweise, die Texte nur als Produkte in den Blick nimmt, stößt hier grundsätzlich an ihre Grenzen: Sie kann nicht erfassen, dass man mit Texten auch anders umgehen kann, als es der Produzent beabsichtigt hat (vgl. dazu auch Adamzik 2016: Kap. 5.4.). So kann sich jeder selbst Texte zum Vorbild nehmen und sie nachahmen. Dazu gibt es eine interessante Passage bei Luckmann, in der er die Gegensätze zwischen oralen Gesellschaften und den heutigen Verhältnissen unterstreicht:

„Sowohl strukturell als funktional als auch hinsichtlich der Trägerschaft, des Milieus etc., herrschen im allgemeinen bei mündlichen Genres in ‚mündlichen‘ Kulturen ziemlich klare Verhältnisse. Bei schriftlichen Genres in Schriftkulturen ist die Sache wegen ihrer Verfügbarkeit in Texten zwar einerseits einfacher, wegen des Nebeneinanders mündlicher und schriftlicher Genres aber zugleich auch unübersichtlicher. Bei mündlichen Gattungen haben wir es meist mit kommunikativen Formationen zu tun, die in literarischen Genres gar nicht oder nur in radikal verwandelten Entsprechungen auftreten. Sie werden aber von Menschen verwendet, die in einer massenhaft verschrifteten Kultur leben. So kommt es zu merkwürdigen Brechungen und Transformationen. Diese werden in modernen Gesellschaften durch die elektronischen Massenmedien noch vervielfacht. Nicht nur reden Leute nach der Schrift, manche führen Gespräche nach der Literatur, erzählen Witze nach Witzsammelbänden, führen Verkaufsgespräche nach Textbüchern, umwerben ihre Liebste nach filmischen Vorlagen, antworten in Interviews wie sie unzählige andere (Sportler, Schauspieler, Politiker, ‚repräsentative‘ Alltagsmenschen) in Fernseh-Interviews antworten gehört und gesehen haben.“ (Luckmann 2002: 173f.; Hervorhebungen im Orig.)

Texte, die einem Muster folgen (Fix‘ Gruppe 3), gehören der alltäglichen Lebenswelt an, in der ständig konkrete Einzelprobleme zu bearbeiten sind. Hier ist es besonders sinnvoll, von Routinisierung zu sprechen, die das Individuum entlastet, während rituelle Texte wie Glaubensbekenntnisse möglichst nicht routinehaft realisiert werden sollten – das nähme ihnen ihren spezifischen Sinn. Auch rituelle Texte sind allerdings vor Variation nicht geschützt. Das ist uns nicht zuletzt aus der christlichen Tradition vertraut und wird gerade im Lutherjahr anlässlich einer neuen Übersetzung viel diskutiert. Thomas Cramer berichtet in diesem Zusammenhang von einer regelmäßig misslingenden kommunikativen Urproduktion. Er geht aus von einem subjektiven

„Erlebnis, dass [sic] sich indessen, wie ein naturwissenschaftliches Experiment zu jeder beliebigen Zeit wiederholen lässt, indem man einem protestantischen Gottesdienst beiwohnt. Gegen dessen Ende fordert der Pfarrer die Gemeinde auf, gemeinsam das Vaterunser zu beten. Die Gemeinde erhebt sich und wartet darauf, ob der Vorbeter, wie angekündigt, das Vaterunser oder, wie meist, ein Unservater betet. Das gemeinsame Gebet setzt so wie ein schlecht dirigiertes Orchester mit einer kleinen Stolperkadenz ein. Das wäre abzufangen, stellten nicht die folgenden Worte völlig unterschiedliche Lesarten dar: ,im Himmel‘, ,in dem Himmel‘, oder, wie ich es als Konfirmand gelernt habe: ,der du bist im Himmel‘, – und so geht es Satz für Satz, bis endlich die Variante ,erlöse uns von dem Übel,‘ [sic] bzw. ,Erlöse uns von dem Bösen‘ dem kakophonischen Gemurmel ein Ende macht, denn merkwürdigerweise bleibt die doxologische Formel unangetastet.“ (Cramer 2013: 123)

Ähnliches kann man auch beobachten, wenn die (deutsche) Nationalhymne gesungen wird, während Mitglieder von Fußball-Fanclubs ihre Schlachtenlieder bestens beherrschen und vollster Überzeugung lautstark artikulieren. Der Vergleich dieser beiden Konstellationen, in denen die identitätsstiftende Kraft von Gruppentexten (vgl. Adamzik 2018a) ganz unterschiedlich gut funktioniert, verdeutlicht m. E. besonders gut den Nutzen des Rückgangs auf die Mündlichkeit als kommunikative Urproduktion. Man muss Gottesdiensten beiwohnen und an Interaktionen unter Jugendlichen teilnehmen, um über das Funktionieren der jeweiligen Varietäten Aufschluss zu gewinnen. Da wir aber in einer massenhaft verschrifteten und außerdem noch durch elektronische Medien geprägten Kultur leben, ist es ganz abwegig, mündliche Gattungen und schriftliche Textsorten einander entgegenzusetzen, statt sie aufeinander zu beziehen. So gesehen ist die Betonung der grundsätzlichen Flüchtigkeit mündlicher Interaktion (etwa im Sinne von Fiehler u. a. 2004) eigentlich kontraproduktiv und führt auch auf die Frage, wieso man denn eigentlich so viel Aufwand in die Untersuchung von Prozessen investieren sollte, die erklärtermaßen nur für den Moment gedacht sind und keinen darüber hinaus weisenden Sinn implizieren. Nach Luckmanns Ansatz sind die unzähligen Einzelinteraktionen ebenso wie fixierte Texte dagegen als Elemente eines Kreislaufs zu verstehen, ohne die kollektiver Sinn eben nicht ‚erzeugt, vermittelt und reproduziert‘ (s. o.) werden kann.

Wir müssen nun noch auf die Sprachgebärde kommen. Fix interpretiert diese als eine die Form betreffende Kategorie:

„Unter Sprachgebärde versteht Jolles den formulierenden, sprachlich gestaltenden Zugriff auf die Welt, die spezifische Gestalt/Gestaltetheit der Textoberfläche, […], die er für den spezifischen Fall der Einfachen Formen, für Typen mündlichen, aber sich in festen Bahnen bewegenden Erzählens und auch für schriftliche Texte beschreibt. Die Sprachgebärde, die Textlokution, meint alles das, was an einem Text sprachlich-formulativ nicht fehlen darf, damit der Text als bestimmte Einfache Form, z. B. als Märchen, erkannt wird. Das reicht von den sprachlichen Bildern bis hin zu allen lexikalisch-morphologisch-syntaktischen Mitteln, die am Ausdruck des Gestus beteiligt sind.“ (Fix 2009 / 2013: 193; Hervorhebungen im Orig.)

Bei Luckmann, der diesen Begriff nicht ausdrücklich kommentiert, ist die Sprachgebärde auf jeden Fall der Binnenstruktur von Gattungen zuzuweisen; diese besteht aus

„Gesamtmustern recht verschiedenartiger Elemente: aus Worten und Phrasen, Gesamtregistern, Formeln und formelhaften Blöcken, rhetorischen Figuren und Tropen, Stilmitteln wie Metrik, Reimschemata, Listen, Oppositionen, Lautmelodien, Handbewegungen, Körperhaltungen, Mienen.“ (Luckmann 2002: 167)

Diese beiden Bestimmungen sind einander recht ähnlich. Bei der Erwähnung von Worten und Phrasen bzw. lexikalischen Mitteln, Tropen und Bildern kann man sich allerdings fragen, ob damit die Stilschicht/der Typ gemeint ist oder aber konkrete Einheiten, anders gesagt: Geht es nur um die Mittel, an denen man z. B. erkennt, dass es sich um ein Märchen handelt, oder auch um die, die erkennen lassen, dass es Dornröschen ist? Wir kommen also wieder auf die am Ende von 3.2 erwähnten Makro- und Superstrukturen zurück.

Greift man auf Jolles‘ Erläuterung dieses Begriffs zurück, so wird klar, dass es jedenfalls auch um (Makro-)Propositionen geht. Genauer gesagt, soll Sprachgebärde offensichtlich den Ausdruck Motiv ersetzen. Das ergibt sich aus einer im historischen Abstand (zumindest für Sprachwissenschaftler) schwer nachvollziehbaren Kritik an „der sogenannten Motivforschung“ (Jolles 1930 / 1999: 268). Im Anschluss an Nietzsches Definition des musikalischen Motivs als ‚einzelner Gebärde des musikalischen Affekts‘ (vgl . ebd.: 45) wird einzelne Gebärde der Sprache oder kurz: Sprachgebärde als geeigneter Ersatzbegriff für Motiv bestimmt. So dunkel diese expliziten Hinweise bleiben, so dankbar ist man doch für die damit gegebene Orientierung. Sie bestätigt sich endgültig in der Beispieldiskussion, in der es um den Heiligen Georg geht:

„In unserem Beispiel sind die sprachlichen Einzelgebärden: Rad mit scharfen Klingen, himmlische Stimme, eine Erscheinung im weißen Kleide, die hilfreich die Hand ausstreckt, Götter, die angeredet werden, sich dem Zeichen des Kreuzes unterwerfen, Götterbilder, die zerspringen und so weiter.“ (Jolles 1930 / 1999: 46)

Das Bild vom Heiligen Georg entwickelt sich weiter und es kommen als Sprachgebärden/Motive später vor allem noch Drachentöter und Befreier der Jungfrau hinzu. Inwiefern nun nicht nur der Inhalt, sondern auch die sprachliche Fassung (die allerdings in diversen Sprachen notwendigerweise verschieden ist) relevant für die Identifizierung einer Sprachgebärde ist, kann dahingestellt bleiben. Jedenfalls lässt sich mit Jolles die irritierende Praxis überwinden, viel von der Überlieferung von Mustern, aber kaum von der von Inhalten zu sprechen. Nur wenn beides zusammenkommt, kann die Parallelisierung von Texten mit Wörtern greifen, wenn man also Gattungen auf einer Abstraktionsebene ansiedelt, die etwa der von Wortarten vergleichbar ist, während virtuelle Texte Lexemen entsprechen.

Die Gattung Märchen wird überliefert, indem man einzelne Märchen erzählt, neue erfindet oder überlieferte Märchen neu erzählt, bebildert, aufführt, verfilmt usw. Dabei geht es zunächst um Inhalte. Wenn man das Märchen vom Rotkäppchen aktualisiert, dann muss darin eine Gestalt vorkommen, die man als Rotkäppchen (oder als Wiedergängerin von ihr) identifizieren kann, ferner der Wolf. Varianten könnten sein: eine gelbe oder grüne Kappe, rote Haare, rote Socken, Mensch namens Wolf(gang) usw. Für Rotkäppchen existieren tatsächlich besonders viele „Abweichungstexte“, die das Märchen in diverse Varietäten transponieren und dabei teilweise dem Sprachgestus des Märchens vollständig zuwiderhandeln (vgl. Ritz 2013). Dann haben wir tatsächlich gar keine (echten) Märchen mehr vor uns, d. h. die Geistesbeschäftigung ist eine andere, z. B. das Spiel mit Tradiertem, mit dem man sich davon ironisch distanziert und es doch gleichzeitig ‚sich anverwandelt‘. Man könnte diese Versionen genauer untersuchen, um festzustellen, welche Varianten vorkommen, was nötig, aber auch ausreichend ist, um den virtuellen Text wiederzuerkennen und ihn so im kollektiven Gedächtnis zu befestigen.

Das Gleiche kann man nicht nur mit anderen Reproduziertexten, sondern auch Texten anderer Gruppen durchführen. Dabei ist immer zu beachten, dass Fragmente bzw. einzelne (Makro-)Propositionen, d. h. Bausteine aus der Gesamtstruktur, ausreichen, um Texte in Erinnerung zu halten. Aus dem Kunstmärchen von Andersen ist ein Motiv in das kollektive Gedächtnis eingegangen, das in allen möglichen Texten wiederaufgenommen werden kann, nämlich das hässliche Entlein, das zum schönen Schwan wird; es eignet sich hervorragend für die moralische Gattungsfamilie.

Damit können wir zur Gegenüberstellung des Ansatzes von Fix und Luckmann kommen. Fix ist näher bei den abstrakteren Ebenen: In aller wünschenswerten Deutlichkeit kennzeichnet sie sowohl Dornröschen als auch Vom hässlichen jungen Entlein als tokens einer Gattung, eines types. Die potenziell variante Realisierung des Märchens Dornröschen (z. B. von Perrault oder Grimm, aber auch diverse Vorleseakte der Fassung von Grimm) steht nicht im Fokus – in diesem Fall werden die einzelnen Märchen, Fix‘ ,Textexemplare‘, verstanden als type (dazu, dass types und tokens auf verschiedenen Ebenen angesiedelt werden können, vgl. Adamzik 2015: Kap. 2.1).

Luckmann äußert sich nach meinem Kenntnisstand zwar theoretisch nicht sehr klar zu der Frage, auf welcher Abstraktionsebene kommunikative Gattungen anzusiedeln sind. Es müssen aber sicherlich mehrere Niveaus unterschieden werden, die Bearbeitungen sind eben vielschichtig (s. o.). Ob sich diese Niveaus klar gegeneinander abgrenzen lassen, sei dahingestellt: Ich möchte nur einige Beispiele nennen:

Wenn man Klatsch als Gattung definiert, ist in erster Linie die Außenstruktur angesprochen. Inhaltlich können damit eigentlich nur allgemeiner bekannte, insbesondere moralische Topoi gemeint sein. Ein ‚Klatsch-Exemplar‘ im Sinne von Fix besteht dann aus (einer Serie von) Interaktionen, deren Inhalte (insbesondere die gemeinsam bekannten und besprochenen Personen und ihr bedenkliches Verhalten) identifikationsstiftend für ein relativ kleines Kollektiv sind.

Was die nach Luckmann so wichtigen rekonstruktiven Gattungen angeht, so konstituiert die gemeinsame Kenntnis etwa der Gattung biografische Erzählung wohl kaum ein relevantes Kollektiv. Eine Sonderform für das Minimalkollektiv, nämlich ein Paar (Wie haben wir uns kennengelernt?), ist allerdings insofern kulturspezifisch, als sie in vergleichbarer Form nicht vorkommen dürfte in Gesellschaften, in denen Eltern oder Verwandte Ehen vereinbaren. Stark identifikationsstiftend für die Paare ist aber auch bei uns nur die jeweilige Geschichte oder die ‚Sprachgebärde‘: der verpasste Zug, die verlorene Handtasche, der Autounfall usw. Das gemeinsame Erinnern an die Erstbegegnung oder auch an andere geteilte Erlebnisse (Weißt du noch …?) kann rituellen Charakter annehmen und an Jahrestagen zelebriert werden o. Ä. Außerdem werden diese und andere zentrale Episoden aus der Familiengeschichte wie die Geburt der Kinder, der Tod von nahen Angehörigen, Feiern usw. über die Generationen weitergegeben und bevorzugt beim gemeinsamen Betrachten von Fotoalben (demnächst vielleicht eher Videos) erzählt. Dazu gehören auch familienspezifische Wörter und Wendungen (Onkel Fritz sagte immer …), einschließlich der originellen Kreationen sprachlernender Kinder. Es ist aber nicht ausgeschlossen, dass Derartiges auch eine weitere Verbreitung erfährt. Es gibt sogar einen Verlag für Kindermund (kindermund.de).

Um auf die Erstbegegnung von Paaren zurückzukommen, so geht es auf einem mittleren Abstraktionsniveau etwa darum, ob es sich um einen Fall von Liebe auf den ersten Blick handelt oder gerade nicht, ob die Beziehung eigentlich als ,ausgemacht‘ galt, dann aber doch zu einer unerfüllten Jugendliebe wird (wie in Immensee) oder anders herum eine eigentlich undenkbare Beziehung doch noch zustande kommt (wie in einer anderen Novelle von Storm, Pole Poppenspäler). Schriftsteller verarbeiten Erlebtes oder auch Gehörtes/Gelesenes (wie Goethe im Erlkönig, Flaubert in Madame Bovary) in literarischen Texten, Interpreten spüren dann den diversen Bezügen nach, bestimmte Figuren werden zu Typen, die Haltungen, Leistungen oder sonst etwas repräsentieren (Robin Hood, Eulenspiegel, Obelix, Homer Simpson, Einstein, Cassius Clay, Marilyn Monroe, …) – kurz gesagt: Wenn Personen oder Ereignisse eine Bedeutung für eine Gemeinschaft haben, gehen sie in Texte ein, und wenn Texte für eine Gemeinschaft Bedeutung haben, werden diese in verschiedenster Weise bearbeitet, so dass Bestandteile des gesellschaftlichen Wissensvorrats auf vielerlei Art in Kollektiven zirkulieren. Sie gehen nur dann in deren Gedächtnis ein, wenn sie, um auf Luckmanns Ausdruck zurückzukommen, in kommunikativen Urproduktionen immer wieder aktualisiert werden bzw., um auch Dürscheids Redeweise aufzunehmen, wenn sie Bestandteil der dialogischen Prozesse bleiben, die allein Kollektive konstituieren können. Was Berühmtheiten aus verschiedenen Welten angeht, so geschieht dies nicht zuletzt auf Maskenfesten, in denen man in deren Gestalt schlüpft.

Zu dieser Sichtweise passt natürlich die Auffassung nicht, dass es sich bei Texten (oder gar Gattungen) um statische Gebilde handelt, die fixiert wären. Selbstverständlich gibt es solche Fixierungen, genauer gesagt: virtuelle Texte (und ihre Bestandteile) werden immer wieder neu fixiert, materialisiert, und es ist auch sinnvoll, diese verschiedenen Fixierungen zu studieren, aber der Sprachgebrauch besteht nicht in den Produkten, sondern den Prozessen ihrer Herstellung, Ver- und Weiterbearbeitung.

Zum Abschluss soll noch auf die Gattung der Texte eingegangen werden, die der Vermittlung von Allgemein- und Sonderwissen dienen, speziell auf wissenschaftliche Texte, also den Prototyp von ‚Zitiertexten‘ im engeren Sinn. Im Prinzip unterscheiden sie sich hinsichtlich der Überlieferung nicht von anderen Texten (mit Überlieferungswert). Eine Besonderheit besteht allerdings darin, dass die kritische Prüfung und Weiterentwicklung ihrer Inhalte (in unserer Gesellschaft) ausdrücklich vorgesehen sind, sie also immer nur bis auf Weiteres Geltung haben. Darüber, was zitierenswerte Texte sind, ‚entscheiden‘ Kollektive, sie bringen sie nämlich erst als solche hervor. Das geschieht wohl meist über die Unzahl unscheinbarer Akte, deren Ergebnis schließlich als Wirken einer unsichtbaren Hand erscheint, es kann aber auch formalisierte Verfahren umfassen.

Im elementaren Sinne ist es für die Umwandlung eines virtuellen Textes, sei es in ein anerkanntes Kunstwerk, sei es in einen wissenschaftlichen Klassiker, für die Kanonisierung also,4 notwendig, dass er veröffentlicht und immer wieder neu materialisiert wird. Ich beziehe mich auf die hier besprochenen Autoren und damit Verwandtes: Jolles (1930) und Berger / Luckmann (1966) sind kontinuierlich (übersetzt und) wieder neu aufgelegt worden, die Aufsatzsammlung von Luckmann (2002), in der auch ältere Texte erstmals (auf Deutsch) publiziert sind, ist dagegen derzeit nicht mehr im Handel. Manche publizierten Werke geraten in Vergessenheit, werden aber später wiederentdeckt. Dazu gehört z. B. die einzige Monografie von Alfred Schütz, die schon zu seinen Lebzeiten (nämlich 1932) erschienen ist und die heute als Klassiker gilt. Dasselbe lässt sich für Ludwik Fleck (1935) feststellen, dessen (höchst lesenswertes) Werk hier schon deshalb erwähnt werden muss, weil er selbst darin den Gedanken ausführt, dass auch (natur-)wissenschaftliche Tatsachen das Produkt von Denkkollektiven darstellen (vgl. dazu weiter Adamzik 2018b: Kap. 5.2.).

Die wiederholte Materialisierung des virtuellen Texts (im vollständigen und unangetasteten Wortlaut) und selbst die breite individuelle Rezeption dieses Textes sind aber nicht einmal notwendig, um ihn dem kollektiven Gedächtnis bzw. dem Gedächtnis bestimmter Kollektive einzuverleiben. Das hat besonders Kuhn für die Naturwissenschaften hervorgehoben, in denen Lehrbücher (statt die Originalwerke der Heroen dieser Wissenschaft) eine herausragende Rolle spielen (vgl. Kuhn 1976: 177). Für die Kanonisierung sind viel entscheidender als die Lektüre des Textes durch alle Mitglieder des Kollektivs andere Formen der Weiterbearbeitung, eben das Zitieren, Besprechen, Erwähnen, Zusammenfassen sowie alle Formen, in denen nur einzelne Bausteine aufgegriffen und wieder neu in den kommunikativen Haushalt eingespeist werden, seien es nun (Makro-)Propositionen, Begriffe (wie z. B. Geistesbeschäftigung, Denkstil, Subsinnwelt, Sprachgebärde, kommunikative Urproduktion usw.) oder charakteristische Formulierungen. Besonders wirksam ist es, wenn man das, was früher Sonderwissen war, zu Allgemeinwissen deklariert, indem man es auf (schulische) Lehrpläne setzt und entsprechend in Lehrmaterial aufbereitet. Das betrifft sowohl wissenschaftliche als auch literarische Texte und beide werden dabei, sofern sie einen bestimmten Umfang überschreiten, nicht nur massiv gekürzt, sie können auch bis zur Unkenntlichkeit entstellt werden (für Beispiele vgl. Adamzik 2018b: Kap. 5.2. und 5.5.). Man darf hoffen, dass das dann in kommunikativer Urproduktion, nämlich im Unterrichtsgespräch, wieder korrigiert wird.

5 Fazit

Anliegen des Beitrags war es, den mit der Tagung angestoßenen Austausch zwischen der Variationslinguistik und anderen Subdisziplinen näher zu begründen, und zwar in einer Zeit, in der Interdisziplinarität eigentlich groß geschrieben wird, zugleich aber der Druck zu innovativer Spitzenforschung so stark ist, dass selbst an den ,gleichen Gegenständen‘ arbeitende und traditionell kooperierende Forschungsrichtungen sich leicht zu einer Menge hochspezialisierter Sonderzweige auseinanderentwickeln, denen (verständlicherweise) mehr an der eigenen Profilierung als an gemeinsamen Grundlagen und Zielen gelegen ist. Ein gutes Beispiel dafür ist die getrennte Behandlung von Mündlichkeit und Schriftlichkeit, die in der frühen Textlinguistik ausdrücklich zurückgewiesen wurde.

Von weitem gesehen behandeln auch Variations- und Textlinguistik denselben Gegenstand, nämlich den Sprachgebrauch, ein ausgeprägtes Bewusstsein der (potenziellen) Gemeinsamkeiten hat sich aber nie entwickelt. Wenn man die Untersuchung von Variablen und Varianten als Kern der Variationslinguistik betrachtet, so sind Untersuchungsansätze, die sich auf Texte als fixierte Produkte konzentrieren, von diesem Interessenschwerpunkt allerdings auch relativ weit entfernt.

Hier wurde die Voraussetzung, beide Subdisziplinen wendeten sich gleichermaßen gegen die Systemlinguistik, als nur vordergründige Gemeinsamkeit betrachtet, die einer antagonistischen Betrachtung von Langue vs. Parole entspringt und zu wenig produktiven Extrempositionen verleitet. Die Rück­besinnung auf weitere Nachbardisziplinen und Forschungstraditionen ist hilfreich, wenn nicht notwendig, um allzu verengte methodische Ansätze zu vermeiden. Diesem Vorgehen entsprechen die Arbeiten von Ulla Fix und Thomas Luckmann, die beide mündlich tradierte Gattungen als Paradebeispiel für Texte mit relativ großem Variationsspielraum behandeln und dabei auf die klassische Studie von André Jolles zurückgreifen.

So erhellend die Ausführungen zu Reproduziertexten und kommunikativen Gattungen sind, so problematisch scheint es mir allerdings, sie anderen Arten von Texten scharf entgegenzustellen. Dies entspricht m. E. auch nicht der Absicht Luckmanns, zumal die angestrebte soziologische Sprachtheorie ja unmöglich die wichtigsten Werkzeuge hochentwickelter Gesellschaften außer Acht lassen könnte, mit denen Sinn produziert und tradiert wird, nämlich schriftliche Texte. Ein Desideratum der soziologischen Forschung hatte Luckmann darin gesehen, dass sie sich nicht mit der Frage befasst hat, wie sich diese Sinnerzeugung im Einzelnen vollzieht. Als Antwort auf diese Frage betrachte ich seine Metapher von der kommunikativen Urproduktion. Sie ist zugleich geeignet, der extremen Expansion des Kommunikationsbegriffs entgegenzutreten, die auch diesen sinnlos macht:

„Nicht alles an menschlichen Begegnungen, ja nicht einmal alles, was für den einen oder anderen Beteiligten als sinnvoll erscheint, ist Kommunikation. Gedanken und Gefühle des einen können vor dem anderen verborgen werden. Überdies ist auch nicht jede Kommunikation sogleich kommunikative Interaktion. Gedanken und Gefühle können manchmal nicht vor dem anderen verborgen werden – und manchmal sollen sie das auch nicht. Wann immer menschliche Wesen kopräsent sind, bilden ihre Körper (mögliche) Ausdrucksfelder, und diese Ausdrücke können in vergleichsweise systematischer, wenn auch nicht immer sehr verläßlicher Weise gedeutet werden, und zwar auch dann, wenn sie nicht Teile von mimetischen, gestischen, taktilen oder olfaktorischen Zeichensystemen sind. Die empirisch bedeutsamste Form der Kommunikation ist jedoch die soziale Interaktion.“ (Luckmann 2002: 187)

Zentrale These dieses Beitrags ist, dass zum kollektiven (Sprach-)Gedächtnis bestimmter Gruppen nicht nur Lexeme, feste Wendungen und Muster diverser Ebenen gehören, sondern auch Texte. Diese müssen immer wieder aktualisiert werden, um die Identität des Kollektivs zu bestätigen und fortzuschreiben; dabei treten sie unweigerlich in vielen Varianten auf.

Man könnte allerdings sagen, dass damit nur die Erkenntnis von Humboldt wiederholt wird: Sprache „selbst ist kein Werk (Ergon), sondern eine Tätigkeit (Energeia)“ (vgl. Luckmann 2002: 159).

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Textsortenspezifische sprachliche Variation ermitteln

Muster und Musterhaftigkeit aus korpuslinguistischer, textlinguistischer sowie stilistischer Perspektive

Sarah Brommer

Gliederung:

 1 Einleitung

 2 Die Musterhaftigkeit von Textsorten korpuslinguistisch ermitteln

 3 Bezüge zur Textlinguistik3.1 Musterhaftigkeit von Texten und Textsorten3.2 Textuelle Muster und ihr textsortentypologisches Potential

 4 Bezüge zur Stilistik4.1 Anmerkungen zum Stilbegriff4.2 Zusammenhang von Text, Stil und Situation4.3 Musterhaftigkeit von Stil und korpuslinguistische Operationalisierung

 5 Induktiv korpuslinguistisch ermittelte Muster als Grundlage der Text- und Stilanalyse5.1 Von den einzelnen Texten zu den textsortentypischen Mustern5.2 Von den einzelnen Mustern zum textsortenspezifischen Typikprofil

 6 Zusammenfassung

1 Einleitung

Der Titel des vorliegenden Aufsatzes verweist auf folgende zwei Annahmen: Zum einen gibt es sprachliche Variation, und der Sprachgebrauch variiert von Textsorte zu Textsorte. Zum anderen ist es möglich, diese textsortenspezifische sprachliche Variation induktiv korpuslinguistisch zu ermitteln. Auf beide Annahmen soll im Rahmen dieser Einleitung genauer eingegangen werden, bevor ein kurzer Überblick über die weiteren Kapitel gegeben wird.

Bei meinen Überlegungen zur textsortenspezifischen sprachlichen Variation gehe ich von einer Wechselbeziehung von Text, Stil und Situation aus: Unter Stil wird das situationsbedingte Wie einer sprachlichen Gestaltung verstanden. Stil manifestiert sich in Texten, und einzelne Texte, aber noch viel mehr Textsorten zeichnen sich durch einen typischen Stil aus (vgl. ausführlich Kap. 4.1). Texte wiederum sind immer in eine Kommunikationssituation eingebunden, entsprechend ist auch der Stil eines Textes und einer Textsorte situativ determiniert. Die oftmals als vage empfundene Kategorie Stil wird im Aufsatz präzisiert durch die Verknüpfung von Stil und Typizität bzw. Musterhaftigkeit: Der Grund für die Wirkung und Wahrnehmbarkeit von Stil liegt in der Typizität von Texten und Textsorten und dem Vorhandensein wiederkehrender Muster. Wie lässt sich nun diesen Mustern nachspüren? Welche Muster kennzeichnen den Stil einer jeweiligen Textsorte und weichen von den Mustern in einer anderen Textsorte ab? Denkt man an sprachlich stark konventionalisierte Textsorten wie das Märchen oder das Kochrezept, so fallen auf Anhieb typische sprachliche Muster ein wie Es war einmal … im Märchen oder der Infinitiv (z. B. Die Eier schaumig rühren) im Kochrezept.1 Solche Muster sind im expliziten Wissen über textsortenspezifischen Sprachgebrauch verankert. Doch nicht nur sie kennzeichnen den typischen Sprachgebrauch einer jeweiligen Textsorte. Vielmehr ist davon auszugehen, dass es neben diesen augenfälligen, uns bewussten sprachlichen Mustern weitere Muster gibt, deren Musterhaftigkeit uns nicht bewusst ist. Solche Muster werden intuitiv verwendet, und ihre Musterhaftigkeit lässt sich auch nicht durch ein Reflektieren über den Sprachgebrauch erschließen. Denn diese Muster sind gerade aufgrund ihrer Alltäglichkeit unscheinbar (vgl. Linke 2011: 39; Sinclair 1991: 4; Steyer 2013: 13). Sie kennzeichnen den Sprachstil in einer Textsorte, entziehen sich aber in ihrer Unauffälligkeit auch dem Blick von uns Forschenden und lassen sich mit einer deduktiven Herangehensweise nicht offenlegen.

Sprachgebrauchsmuster in diesem Sinne zeichnen sich durch wiederkehrenden Gebrauch aus (Rekurrenz), sie sind konventionalisiert und an einen spezifischen Verwendungskontext, in diesem Fall die Textsorte, gebunden und für diesen Kontext (die Textsorte) typisch (vgl. Bubenhofer 2009). Sie lassen sich mittels einer induktiven korpuslinguistischen Analyse aufdecken. Diese Methode hat doppelten Nutzen: Neben der Analyse des musterhaften Sprachgebrauchs einer einzelnen Textsorte lässt sich analysieren, worin sich der Sprachgebrauch einer Textsorte vom Sprachgebrauch einer anderen Textsorte unterscheidet. Damit leistet die induktive korpuslinguistische Analyse von musterhaftem Sprachgebrauch einen Beitrag zur Bestimmung der textsortenspezifischen sprachlichen Variation.

Im Folgenden wird nun zunächst die korpuslinguistische Perspektive auf Musterhaftigkeit dargelegt, um das methodische Vorgehen zu verdeutlichen (Kap. 2). Sodann werden Bezüge zur Textlinguistik (Kap. 3) und zur Stilistik (Kap. 4) aufgezeigt, welche die hier kurz angerissenen textlinguistischen und stilistischen Überlegungen vertiefen. Abschließend werden induktiv korpuslinguistisch ermittelte Muster als Grundlage der Text- und Stilanalyse beschrieben (Kap. 5). Eine kurze Zusammenfassung rundet den Beitrag ab.

2 Die Musterhaftigkeit von Textsorten korpuslinguistisch ermitteln

Die Musterhaftigkeit einer Textsorte kann sich in verschiedener Hinsicht zeigen, bspw. in der Wahl des Mediums, der Art der Textstrukturierung und graphischen Gestaltung, der Adressatenorientierung und nicht zuletzt auf der Textoberfläche, im musterhaften Gebrauch einzelner Wörter und Wortverbindungen. All diese verschiedenen Arten von Mustern sind aus pragmatischer, sprachgebrauchsanalytischer Sicht relevant, wenn es darum geht, die Musterhaftigkeit von Textsorten zu beschreiben. Auch die Korpuslinguistik verfolgt diese sprachgebrauchsanalytische Perspektive, indem sie davon ausgeht, dass erstens Muster als Sprachgebrauchsmuster an der sprachlichen Oberfläche zu verorten sind, dass sich zweitens musterhafter Sprachgebrauch in der für einen bestimmten Sprachausschnitt typischen Verwendung von einzelnen Wörtern und Wortverbindungen zeigt und dass sich drittens diese Ausdruckstypik „als statistisch messbare Kookkurrenz operationalisier[en]“ (Feilke 2012: 24) lässt (vgl. auch Bubenhofer 2009).1

Mittels des Korpusvergleichs soll die Ausdruckstypik offengelegt bzw. ermittelt werden, also der für den ausgewählten Sprachausschnitt im Vergleich zu einem anderen Sprachausschnitt musterhafte Sprachgebrauch. Das Vorgehen erfolgt weitestgehend automatisiert, indem der Computer möglichst viele vorstrukturierende Arbeitsschritte abnimmt. Musterhaftigkeit wird als statistische Signifikanz aufgefasst und mittels computerlinguistischer Methoden und Werkzeuge ermittelt (s. Kap. 5). Die computergestützte Analyse ermöglicht es, große Textmengen auszuwerten und die Ergebnisse empirisch breit abzustützen. So lässt sich die Frage, was für eine bestimmte Textsorte musterhaft ist, losgelöst von subjektiven Einschätzungen und einzelnen Textexemplaren beantworten. Doch nicht nur lässt sich – mit Blick auf die synchrone Variation – ermitteln, was für eine bestimmte Textsorte im Vergleich zu einer anderen Textsorte musterhaft ist. Durch den Vergleich von Textsortenexemplaren aus verschiedenen Zeiten lässt sich auch offenlegen, wie sich der musterhafte Sprachgebrauch innerhalb der entsprechenden Textsorte gestaltet und ggf. verändert (hat). Auf diese Weise lässt sich diachrone Variation analysieren.

Die Idee, musterhaften Sprachgebrauch korpuslinguistisch zu analysieren, lässt sich auch im Rahmen einer textlinguistischen und stilistischen Analyse fruchtbar machen. Denn das Konzept von Muster bzw. Musterhaftigkeit ist auch in der Textlinguistik und Stilistik verankert, wie die folgenden Ausführungen zeigen.

3 Bezüge zur Textlinguistik
3.1 Musterhaftigkeit von Texten und Textsorten

Die Musterhaftigkeit von einerseits Texten und andererseits Textsorten äußert sich in vielfacher Weise. Bezogen auf Texte ist es notwendig, auf den Textbegriff und den Zusammenhang von Musterhaftigkeit und Prototypizität einzugehen. Hinsichtlich der Musterhaftigkeit von Textsorten sind zum einen Textsorte – Textmuster, zum anderen Textmuster – textuelles Muster voneinander abzugrenzen. Relevant ist nicht zuletzt, dass die Musterhaftigkeit von Texten und von Textsorten Eingang in das individuelle und kollektive Sprachwissen findet und sich bspw. im Vorhandensein eines Textmusterwissens zeigt (s.u.).

Was den Textbegriff angeht, so finden sich „nahezu tausend Textdefinitionen“ (M. und W. Heinemann 2002: 64; s. a. W. Heinemann 2000a), die sich teilweise überschneiden, teilweise aber auch auseinandergehen. Vereinfacht betrachtet lassen sich ein sprachsystematisch ausgerichteter Ansatz und ein kommunikationsorientierter Ansatz unterscheiden (vgl. Brinker u. a. 2014: 13–17). Im ersten Verständnis wird Text als kohärente Folge von Sätzen definiert und der Satz somit als Struktureinheit von Texten angesehen. Dies hat zur Folge, dass sich die Textkohärenz auf die syntaktisch-semantischen Beziehungen zwischen Sätzen bzw. sprachlichen Elementen in aufeinanderfolgenden Sätzen beschränkt und rein grammatisch gefasst wird. Im zweiten, kommunikationsorientierten Verständnis wird Text als komplexe kommunikative Handlung begriffen, mit der sich der Produzent eines Textes an den Rezipienten richtet. Im Zentrum des Interesses steht nicht die grammatische Abfolge von Sätzen, sondern die kommunikative Funktion des Textganzen.

Um der Komplexität von Texten und ihrer Analyse gerecht zu werden, ist ein Textbegriff notwendig, der den sprachsystematisch ausgerichteten und den kommunikationsorientierten Ansatz verbindet und Texte gleichermaßen als sprachliche wie auch kommunikative Einheiten beschreibt. Dieser integrative Textbegriff versteht unter Text eine „begrenzte Folge von sprachlichen Zeichen, die in sich kohärent ist und die als Ganzes eine erkennbare kommunikative Funktion signalisiert“ (Brinker u. a. 2014: 17; ebenso Gansel / Jürgens 2007: 51). Jedoch entzieht sich die Kategorie Text einer merkmalsdefinitorischen Begriffsbestimmung, mittels derer sich alle potenziellen Textexemplare erfassen und Texte von Nicht-Texten klar abgrenzen ließen (vgl. bspw. Gansel / Jürgens 2007: 33). Der Ausweg liegt in der Übernahme des Prototypenkonzepts für den Textbegriff (vgl. Sandig 2000, 2006: 310; s. a. Adamzik 2016: 41; für einen ausführlichen Überblick über das Prototypenkonzept vgl. Löbner 2015: 318–356). Entgegen der Vorstellung einer Kategorisierung, die qualitativ erfolgt und kontradiktorisch angelegt ist (d. h. etwas ist einer Kategorie zugehörig oder nicht zugehörig), liegt der Prototypentheorie das Konzept einer graduellen Kategorienzugehörigkeit zugrunde (d. h. etwas ist einer Kategorie mehr oder weniger zugehörig). Es wird zwischen typischen und weniger typischen Vertretern einer Kategorie unterschieden, wobei Erstere durch das Erfüllen prototypischer Merkmale als Referenzfälle der Kategorisierung dienen. Bezieht man diese Vorstellung der graduellen Kategorisierung auf den Textbegriff, kommt der Aspekt der Musterhaftigkeit ins Spiel. Denn die Vorstellung von Text als prototypischem Konzept geht mit der Musterhaftigkeit von Texten einher. Im individuellen wie auch kollektiven Sprachwissen existiert eine Vorstellung, wie ein Text typischerweise beschaffen ist. So gibt es unter den Textualitätskriterien zentrale, typische Kriterien, die auf die Mehrzahl von Texten zutreffen und demzufolge einen musterhaften Text auszeichnen, und es gibt weniger typische, eher periphere Kriterien. Entsprechend gibt es unter konkreten Textexemplaren – je nach Vorhandensein einzelner Textualitätskriterien und gemessen an dem mental gespeicherten Muster eines typischen Textes – prototypische und weniger prototypische, in diesem Sinne musterhafte und weniger musterhafte Textexemplare (s. a. Sandig 2000: 108).

Nicht nur bei der Kategorie Text, auch bei Textsorte handelt es sich um ein prototypisches Konzept (s. a. Sandig 1997: 29). Die Kategorie Textsorte lässt sich als Basiskategorie der wissenschaftlichen und alltagssprachlichen Textklassifikation bezeichnen. Denn ein konkreter Text wird immer als Exemplar einer Textsorte wahrgenommen (vgl. Brinker u. a. 2014: 133; Thim-Mabrey 2005: 32f.; W. Heinemann 2000b: 517). Das Verfassen sowie das Rezipieren und Bewerten von Texten und auch ihre Analyse erfolgen auf Basis des zugrundeliegenden Textsortenwissens und durch ein (unbewusstes) Abgleichen mit konventionell verankerten Mustern (W. Heinemann 2000b: 517 spricht von Textsortenkompetenz).

An dieser Stelle ist es notwendig, die Begriffe Textsorte und Textmuster voneinander abzugrenzen, die beide den Sachverhalt erfassen, „dass wir aus unserer Alltagserfahrung heraus Wissen über Textkonventionen haben und Merkmale kennen, die Gruppen von Texten eigen sind“ (Fix 2008: 10; ebenso 1999: 16). Der Begriff Textsorte bezieht sich auf die Tatsache, dass sich konkrete Textexemplare aufgrund ihrer gemeinsamen Merkmale zusammenfassen lassen, der Begriff Textmuster bezeichnet die dahinterstehende mentale Größe, die als Referenz dient.1 Die Begriffe werden also nicht gleichgesetzt, sondern in Anlehnung an Fix (2008: 10) „für die unterscheidende Bezeichnung zweier Seiten ein und derselben Sache“ verwendet.

Textsorten lassen sich als „Ergebnis der Musterhaftigkeit allgemeiner Textualitätshinweise“ (Kesselheim 2011: 364, Hervorhebung im Orig.) beschreiben. Was Kesselheim unter musterhaften Textualitätshinweisen fasst, sind Muster auf Textebene (bspw. Gliederungshinweise und Formulierungsmuster), die im Folgenden zur Abgrenzung von Textmustern als textuelle Muster (s. u.) bezeichnet werden. Das Vorhandensein einzelner textueller Muster führt dazu, dass sich Textsorten herausbilden. Die Musterhaftigkeit von Textsorten äußert sich wiederum im Vorhandensein zugrundeliegender Text(sorten)muster. Die einer Textsorte zugehörigen Textexemplare repräsentieren das ihnen zugrundeliegende Textmuster oder anders gesagt: Die Textexemplare einer Textsorte folgen einem gemeinsamen Textmuster (vgl. auch W. Heinemann 2000b: 517). Das Typische, Musterhafte eines Textes als Vertreter einer Textsorte geht als Textmusterwissen in das Sprachwissen ein. Dieses mental gespeicherte Musterwissen ist sowohl individuell (als Teil des individuellen Sprachwissens eines jeden Sprachteilnehmers) als auch kollektiv (als gemeinsamer Wissensbestand einer Sprachgemeinschaft).

Das Textmuster wirkt als „Richtschnur“ (Fix 2008: 12), wie Texte einer bestimmten Textsorte prototypisch beschaffen sind. Es ist nicht als strikte Vorgabe zu verstehen, sondern als (gesellschaftlich akzeptierte) Orientierung, gewissermaßen als eine Idealvorstellung, die prototypische Elemente und Freiräume enthält (vgl. Fix 1999: 16; Sandig 2000: 103; Fix u. a. 2003: 26; W. Heinemann 2000b: 517).2 Damit handelt es sich sowohl bei Textsorte als auch bei Textmuster um ein prototypisches Konzept (vgl. Fix 2000: 56; Sandig 1997: 29). Textmuster vermitteln ein prototypisches Wissen über eine Textsorte. So haben Textsorten charakteristische und weniger charakteristische Eigenschaften. Dabei gibt es unter den einzelnen Textexemplaren prototypische Vertreter einer Textsorte mit hochgradiger Ausprägung der jeweils typischen Merkmale, und es gibt weniger typische Texte an der Peripherie.

3.2 Textuelle Muster und ihr textsortentypologisches Potential

Die Musterhaftigkeit eines Textes zeigt sich im Vorhandensein textueller Muster. Diese sind sowohl auf Ebene des Gesamttextes anzusiedeln (Struktur- und Gliederungsmuster, musterhaftes Layout, Textlänge usw.; s. z. B. Kesselheim 2011: 364) als auch auf Ebene der Sprache selbst (musterhafte Lexik, Formulierungsmuster usw.). Die Musterhaftigkeit eines Textes wird also nicht erst sichtbar, wenn man die Sprache im Detail betrachtet, sondern bereits vorher. Wendet man diesen Musterbegriff auf die Klassifikation von Texten an, ergibt sich die Möglichkeit, diese Klassifikation empirisch nach dem Bottom-up-Prinzip vorzunehmen und nicht nach dem Top-down-Prinzip (so z. B. Brinker u. a. 2014: 139–147). Denn textuelle Muster lassen auf bestimmte Textsorten schließen und können so als Ausgangspunkt für textsortentypologische Überlegungen dienen.

Die Idee, an das Alltagswissen anzuknüpfen und Textsortenbeschreibungen im Bottom-up-Verfahren zu erhalten, „indem man erfaßt, wie Sprachteilnehmer einzelne Texte (tokens) aufgrund jeweils dominierender Merkmale bestimmten Textsorten mit ihren Mustern (types) zuordnen“ (Fix 1999: 15), erscheint allerdings wenig praktikabel und zugleich problematisch.1 So ist es prinzipiell methodisch schwierig, authentisches Datenmaterial zum Alltagswissen über Sprache systematisch zu erheben: Vor allem die Validität, aber auch die Reliabilität von empirischen Datenerhebungen, die auf Sprecherurteile gründen, sind kritisch zu sehen (s. a. Adamzik 2008: 147). Methodisch zuverlässiger und zugleich ergiebiger ist es, das Bottom-up-Verfahren auf die Texte selbst anzuwenden, also die Textsortenbeschreibung auf Basis einer empirisch induktiven Auswertung entsprechender Textkorpora vorzunehmen (s. Kap. 5). Dabei ist es sinnvoll und beim Ziel einer umfassenden Analyse und Beschreibung von Textsorten auch notwendig, alle textuellen Muster gleichermaßen zu berücksichtigen. Denn es können nicht nur Formulierungen musterhaft sein, wie es Heinemann / Viehweger (vgl. 1991: 166f.) postulieren.2 Auch thematische, strukturelle und funktionale Muster prägen eine Textsorte (so auch Fix 1999: 13).3 Doch um textuelle Muster mit den Methoden der Korpuslinguistik erfassen zu können, ist es notwendig, den Musterbegriff auf kleinräumige sprachliche Einheiten zu beziehen. Nur diese nämlich können korpuslinguistisch analysiert werden. Auch wenn eine korpuslinguistische Analyse somit nur einen Teilbereich des Musterhaften erfassen kann, trägt sie gleichwohl zu einer (umfassenderen) Textsortenbeschreibung bei, bezogen auf die Musterhaftigkeit auf sprachlicher Ebene – Gleiches gilt für ihren Nutzen im Rahmen einer Stilanalyse.

4 Bezüge zur Stilistik
4.1 Anmerkungen zum Stilbegriff

Der Stilbegriff unterliegt mitunter dem Vorwurf der Vagheit (vgl. Dönninghaus 2005: 313; Fix 2015: 127f.; Ehlich 2002: 27), er werde als „Rest- und Papierkorbbegriff“ (Selting 2001: 3) verwendet. Die Ursache dieser Kritik liegt in der schwierigen Objektivierbarkeit von Stil. Entgegen dieser stilkritischen Perspektive ist Stil im alltäglichen Sprachgebrauch eine gängige Kategorie, wenn Einschätzungen, Bewertungen, Urteile zur Sprache kommen (vgl. guter Stil, schlechter Stil, kein Stil). In dieser selbstverständlichen alltagssprachlichen Verwendung korreliert Stil mit Musterhaftigkeit und Angemessenheit und ist an die allgemein verbreitete Vorstellung gebunden, wie etwas beschaffen sein sollte. Mit eben diesem Blick auf das Musterhafte lässt sich die Kategorie Stil auch für die Analyse und Beurteilung von Texten sinnvoll nutzbar machen. So wie musterhafter Sprachgebrauch ist auch Stil grundsätzlich kontextgebunden. Je nach Situation „stehen typische, erwartbare Mittel zur Verfügung, die man üblicherweise gebraucht, um bestimmten Redekonstellationen zu genügen“ (Fix 2004: 43). Stil äußert sich dann in einem für die jeweilige Kommunikationssituation musterhaften Sprachgebrauch und manifestiert sich in der Tatsache, dass etwas typischerweise so ausgedrückt wird, obwohl es auch anders ausgedrückt hätte werden können.

Die Frage, ob der musterhafte Sprachgebrauch bewusst oder unbewusst, intuitiv erfolgt, ist dabei aus Sicht der Stilistik irrelevant (vgl. z. B. Sandig 2006: 29).1 Entscheidend für Stil ist die rezipientenseitige Wahrnehmung: Stil wird als „Performanz-Ergebnis“ (Sandig 2006: 31; ähnlich auch Krieg-Holz / Bülow 2016: 87) begriffen. Gerade aus produktorientierter Perspektive, wenn es um die Analyse von Texten geht, sollte deshalb auf den Stilbegriff nicht verzichtet werden.

Denn für „die Stiluntersuchung von Texten ist nicht ausschlaggebend, ob Auswahl und Kombination der Stilelemente durch die jeweiligen Textverfasser bewußt erfolgte, d.h. bei Kenntnis unterschiedlicher sprachlicher Ausdrucksvarianten […] und wohlüberlegter Entscheidung für eine dieser Varianten […] oder spontan, routinemäßig, ohne zu überlegen und abzuwägen, welche Variante am angemessensten ist“ (Fleischer u. a. 1996: 74; ähnlich auch Sandig 2006: 29).

Entscheidend ist letztlich, was stilistisch vorhanden (identifizierbar) ist – unabhängig von der Art des Zustandekommens. So sind „alle Erscheinungen, die wir auf der Textoberfläche finden, […] von den Faktoren der Kommunikation bestimmt und an der Konstitution des Textstils beteiligt“ (Fix 2005: 48). Damit wird der Zusammenhang von Stil und Musterhaftigkeit ins Zentrum gerückt: Der Grund für die Wirkung und Wahrnehmbarkeit von Stil liegt im Vorhandensein wiederkehrender Muster (und nicht in ihrer bewussten Verwendung). In diesem Verständnis wird unter Stil die „Menge in mehreren Exemplaren […] der gleichen Textsorte gemeinsam auftretender Muster“ verstanden und „das einzelne […] Textexemplar als Grundeinheit der Stilrekonstruktion“ aufgefasst (Bubenhofer / Scharloth 2012: 231; ebenso Scharloth / Bubenhofer 2011: 203; bereits auch Fleischer u. a. 1996: 35). Stil ist genauer als Textsortenstil (vgl. ebd.: 33; Fix 2005: 43, 45) oder Textmusterstil (vgl. Sandig 2006: 530) zu bezeichnen. Denn je nach Textsorte setzen sich dominierende Stilelemente durch, bedingt durch die Kommunikationssituation bzw. den Kontext.

4.2 Zusammenhang von Text, Stil und Situation

Den kleinsten gemeinsamen Nenner der verschiedenen Stiltheorien haben bereits Riesel / Schendels (1975: 15) wie folgt formuliert: „Stil ist immer das Wie einer Ausführung.“ Bei der Bestimmung von Textsortenstilen geht es um das Wie einer Ausführung in Texten einer Textsorte. Die Frage nach dem Zusammenhang von Text und Stil ist dabei keineswegs banal: So werden die Stilgebundenheit von Text und das Kriterium der stilistischen Einheit von Texten in der Textlinguistik und der Stilistik kontrovers diskutiert. Es ist nach wie vor eine offene Frage, welche Rolle der Stil für einen Text spielt (vgl. Püschel 2000: 479). Dabei gehe ich nicht so weit wie U. Fix, die die stilistische Einheit eines Textes für seine Texthaftigkeit zwingend voraussetzt (vgl. Fix 2005: 36, 42f.).1 Vielmehr folge ich – analog zum Konzept der Musterhaftigkeit – einem prototypischen Stilkonzept (so auch Fleischer u. a. 1996: 35; Sandig 2006: 535–537). Wie oben bereits angesprochen, fasse ich Textsortenstile als die Gesamtheit der Muster, die in mehreren Exemplaren der gleichen Textsorte gemeinsam auftreten. Im Gegensatz zur Idealvorstellung der stilistischen Einheitlichkeit von Texten wird das prototypische Stilkonzept der Tatsache gerecht, dass ein Text mehr oder weniger musterhaften Sprachgebrauch aufweisen kann, dass es also prototypische und weniger prototypische Textexemplare gibt und Stil unterschiedlich ausgeprägt sein kann. Ein einheitlicher Stil innerhalb eines Textes trägt zur Textmusterbezogenheit bei und dient dazu, diesen als einer Textsorte zugehörig zu kontextualisieren. Gleichzeitig festigen viele einzelne Texte, die dem gleichen Stil folgen, aufgrund ihrer Prototypizität das zugrundeliegende Textmuster.

Während die Stilgebundenheit von Text im Wissenschaftsdiskurs im Detail unterschiedlich gewichtet wird, besteht innerhalb der verschiedenen Stilforschungen Konsens über die „Textgebundenheit von Stil“ (Fix 2009: 1313). Stil wird als „textkonstitutive[s] Mittel“ (ebd.) bezeichnet bzw. ihm wird eine textkonstitutive Funktion zugeschrieben. Unabhängig vom Inhalt macht demnach nicht zuletzt der Stil einen Text zu einem Vertreter der zugehörigen Textsorte.

Die Frage, warum sich verschiedene Textsorten durch unterschiedliche Stile auszeichnen und es stilistische Variation gibt, führt zum Zusammenhang von Stil und Situation. So wie Musterhaftigkeit ist auch Stil grundsätzlich kontextgebunden. Dies wird vor allem von der Funktionalen Stilistik explizit gemacht, wonach Stil „die funktionsgerechte, dem jeweiligen Sprachusus im schriftlichen und mündlichen Gesellschaftsverkehr angemessene Verwendungsweise des sprachlichen Potentials“ ist (Riesel / Schendels 1975: 16). Die Relevanz des situativen Anpassens ist der Tatsache geschuldet, dass Texte (wie auch Äußerungen) der Alltagskommunikation nie singulär stehen (für künstlerische Texte gilt dies nicht gleichermaßen), sondern immer „in eine fest umrissene Kommunikationssituation eingebettet [sind], eine Situation, die bei der Produktion des Textes wie bei seiner Rezeption im Blick sein muss. Man weiß und hat zu berücksichtigen, wer sich zu wem, zu welchem Gegenstand, mit welchem Ziel, in welcher Textsorte äußert.“ (Fix 2004: 41f.; s. a. Hoffmann 2009: 1320)

Daraus geht erstens hervor, dass Stil immer in Bezug zur Situation betrachtet werden muss, und zweitens, dass die Auswahl stilistischer Mittel nicht beliebig ist, sondern durch den Kontext bestimmt wird (vgl. Hoffmann 2009: 1326f.). Je nach Situation „stehen typische, erwartbare Mittel zur Verfügung, die man üblicherweise gebraucht, um bestimmten [mündlichen wie schriftlichen] Redekonstellationen zu genügen“ (Fix 2004: 43). Das situative Umfeld wirkt demnach stildeterminierend.2 Aus soziolinguistischer Sicht können Stile deshalb als „Anpassungen des Ausdrucks an die jeweiligen Redesituationen und -intentionen [betrachtet werden] und an die Rollen, die die Beteiligten in solchen kommunikativen Situationen üblicherweise auszufüllen haben“ (Fix 2004: 44; s. a. Hoffmann 2009: 1321, der von einem „Situationsrahmen mit gegenseitigen Einschätzungen, Erwartungshaltungen und Redeabsichten“ spricht). Die Tatsache, dass sich je nach Situation dominierende stilistische Mittel, bspw. typische Formulierungen, durchsetzen, führt zur Musterhaftigkeit von Stil, die sich wiederum korpuslinguistisch operationalisieren lässt (s. u.).

Doch der Zusammenhang von Stil und Situation ist kein einseitiges Abhängigkeitsverhältnis. Denn auch stilistisches Handeln wirkt auf die Situation ein (vgl. Hoffmann 2009: 1329). Die Situation ist nicht als etwas Statisches, bereits Vorhandenes anzusehen, sondern als etwas Dynamisches, das von den Kommunikationsteilnehmern gemeinsam hergestellt wird. Stil und Situation (bzw. Stilmerkmale und Situationsaspekte) stehen also in einem wechselseitigen Verhältnis zueinander, in einer Interdependenzbeziehung (vgl. Selting 1997: 12): Während einerseits die Situation bzw. der Kontext den Stil bestimmt und bspw. stilistische Entscheidungen beeinflusst oder bestimmte Stilmittel erwarten lässt, führt andererseits der Stil erst zur Situation und ist ein Mittel der Kontextherstellung und Kontextualisierung (vgl. Gansel 2009: 1913). Die Trias Text, Stil und Situation ist folglich durch ein wechselseitiges Abhängigkeitsverhältnis bestimmt.

4.3 Musterhaftigkeit von Stil und korpuslinguistische Operationalisierung

Wie oben skizziert, bildet sich in Abhängigkeit von der Situation (und damit einhergehend in Abhängigkeit von der Textsorte) ein musterhafter Sprachgebrauch heraus, der den Stil einer Textsorte kennzeichnet. Die Operationali­sierung der Kategorien Textsorte und Stil auf Grundlage der Musterhaftigkeit verknüpft die textlinguistische und die stilistische Perspektive auf Texte: Musterhaftigkeit im Stil und Musterhaftigkeit der Texte sind nicht zu trennen (vgl. Fix 2009: 1312, s. a. Fix 2005). Die Verknüpfung zeigt sich auch in der Begrifflichkeit: So wie sich Textsorten durch ihre Musterhaftigkeit auszeichnen und einem zugrundeliegenden Textmuster folgen, so ist auch der Textsortenstil musterhaft und liegt ihm ein Stilmuster zugrunde. Grundsätzlich zählt alles, was zur Musterhaftigkeit eines Textes beiträgt, zum Stil. In diesem weiten Verständnis von Stil, wie es auch die Pragmatische Stilistik vertritt, wird nicht nur Sprachliches relevant, sondern alles, was mit dem Musterhaften zu tun hat (vgl. Sandig 2006: 5). Das Wie der Ausführung eines Textes, der Textsortenstil, schließt „alle Erscheinungen […] auf der Textoberfläche“ (Fix 2005: 48) mit ein, auch typographische Aspekte, das Layout, die Medialität usw.1 Mit Bezug auf die Textlinguistik habe ich jedoch bereits dargelegt, dass eine korpuslinguistische Analyse nur Muster auf sprachlicher Ebene berücksichtigen kann. Ebenso verhält es sich mit der Beschreibung des Textstils. Die methodisch notwendige Eingrenzung schafft eine Verbindung zwischen dem Stilbegriff und korpuslinguistisch fassbaren Sprachgebrauchsmustern: Textsortenstile lassen sich als Summe wiederkehrender Muster in Texten einer Textsorte fassen. Der Stil zeigt sich dabei als Differenz zum musterhaften Sprachgebrauch in anderen Textsorten, also als Differenz zu anderen Stilmustern. Der Mustervergleich ist daher ein geeignetes Verfahren zur korpuslinguistischen Identifizierung von Stilen (vgl. Fix 2004: 44; Scharloth / Bubenhofer 2011: 203). Ist das Stilmuster erst einmal ermittelt, lässt sich der Grad der Musterhaftigkeit eines individuellen Textstils im Abgleich zum Stilmuster analysieren.

Im Folgenden wird nun der Weg beschrieben, wie sich ausgehend von einzelnen Texten textsortentypische Muster ermitteln lassen, die in ihrer Gesamtheit spezifisch für die entsprechende Textsorte sind und denen somit ein textsortentypologisches Potential zukommt.

5 Induktiv korpuslinguistisch ermittelte Muster als Grundlage der Text- und Stilanalyse
5.1 Von den einzelnen Texten zu den textsortentypischen Mustern

Das Anliegen der Korpuslinguistik besteht, wie bereits angesprochen, im automatisierten Auswerten umfangreicher Korpora. Nicht der Sprachgebrauch in Einzeltexten wird betrachtet, sondern Sprache wird hinsichtlich ihrer musterhaften Strukturen und Verwendungsweisen untersucht. Ein korpuslinguistisches Arbeiten im engeren Sinne ist dabei der Induktion verpflichtet. Das bedeutet, dass Sprache als Datensammlung aufgefasst und Sprachgebrauch, der statistisch auffällig ist, sichtbar gemacht wird. Diese Auffälligkeiten müssen nicht in absoluten Zahlen hochfrequent sein, sondern im untersuchten Sprachausschnitt (konkret: in den einer Textsorte zugehörigen Texten) nur überzufällig häufig auftreten. Das Vorgehen zeichnet sich dadurch aus, dass es weitgehend frei von Vorannahmen, datengeleitet erfolgt (vgl. Tognini-Bonelli 2001: 84). Auf diese Weise wird gewährleistet, dass auch unauffällige und unvermutete Muster gefunden werden können (vgl. Kap. 1), die weder den Sprachbenutzern noch den Forschenden bewusst auffallen, die aber trotzdem – da statistisch auffällig – signifikant sind (vgl. Bubenhofer 2009: 16).

Für die Berechnung der statistischen Signifikanz wird das beobachtete, tatsächliche Vorkommen eines Musters in Beziehung gesetzt zum erwarteten Vorkommen unter Berücksichtigung der jeweiligen Korpusgrößen.1 Die Signifikanz basiert also immer auf einem Vergleich zwischen Untersuchungskorpus und Referenzkorpus. Mit Blick auf den textsortenspezifischen Sprachgebrauch ist einerseits ein Untersuchungskorpus bestehend aus Texten einer Textsorte (= Textsorten-Korpus) im Vergleich zu einem möglichst breit angelegten, das Standarddeutsche repräsentierenden Referenzkorpus auszuwerten; andererseits sind das entsprechende Textsorten-Korpus und weitere Textsorten-Korpora vergleichend zu analysieren. Dieses doppelte Analyseverfahren ist sinnvoll, um verfälschenden Analyseergebnissen entgegenzuwirken. Denn hinsichtlich der Aussagekraft des Signifikanzwerts ist zu bedenken: Wenn ein Muster als signifikant für eine bestimmte Textsorte ermittelt wird, bedeutet dies nichts anderes, als dass es in diesem Textsorten-Korpus häufiger als erwartet vorkommt – bzw. dass es im Referenzkorpus oder einem anderen vergleichend analysierten Textsorten-Korpus seltener auftritt, als zu erwarten wäre. Umgekehrt wird nicht als Muster erkannt, was in den vergleichend analysierten Korpora vergleichbar häufig vorkommt. Unterschiedliche Vergleichskonstellationen bei der Analyse der einzelnen Textsorten-Korpora tragen dazu bei, die einzelnen für eine jeweilige Textsorte typischen Muster möglichst zuverlässig und umfassend aufdecken zu können.

In diesem Zusammenhang ist auch noch auf den Unterschied von Typizität und Spezifik hinzuweisen. Ein einzelnes Muster ist immer typisch für den untersuchten Sprachausschnitt, also typisch für eine bestimmte Textsorte. Das Muster kommt aber nicht ausschließlich dort vor, es ist also nicht spezifisch für die Textsorte. Spezifisch ist erst die Summe aller für die untersuchte Textsorte typischen Muster, das sog. Typikprofil (s. u.).

5.2 Von den einzelnen Mustern zum textsortenspezifischen Typikprofil

Wie oben beschrieben, kann die Musterhaftigkeit von Texten und Textsorten als Ausgangspunkt für textsortentypologische Überlegungen dienen.1 Das Inte­resse gilt dann nicht mehr dem einzelnen Muster, sondern allen Mustern, die in ihrer Gesamtheit spezifisch für die Textsorte sind und das sogenannte Typikprofil der entsprechenden Textsorte bilden (vgl. Bubenhofer 2009: 152; ebenso Bubenhofer / Scharloth 2010: 91). Das Typikprofil als spezifisches Bündel von Mustern beschreibt den für die jeweilige Textsorte musterhaften Sprachgebrauch. Es ist davon auszugehen, dass das Typikprofil Teil des Textsortenmusters ist und der Textoberfläche eine textsortenkonstitutive Bedeutung zukommt. Diese Auffassung fügt sich in die in der Textlinguistik beobachtbare Entwicklung hin zu einer „Rehabilitierung der Textoberfläche“ (Feilke 2000: 78): Die sprachliche Gestaltung – der „Sprachstil“ (Scharloth / Bubenhofer 2011: 202) oder auch „sprachliche Stil“ (Krieg-Holz / Bülow 2016: 236) – wird als eine (notwendige) Dimension der Textsortenbeschreibung angesehen (s. z. B. Fandrych / Thurmair 2011; Krieg-Holz / Bülow 2016).2 Den Sprachstil als Dimension der Textsortenbeschreibung anzusehen, wie es Krieg-Holz / Bülow (2016: 236) tun, impliziert dann aber auch, die Stilanalyse nicht auf die individuelle Analyse einzelner Texte zu beschränken (s. ebd.: 236–243), sondern das Erkenntnisinteresse auf Textsortenstile zu richten und Einzeltextanalysen als Ausgangspunkt für Überlegungen auf Textsorten-Ebene zu verwenden.

In diesem Zusammenhang ist auf den Doppelcharakter von Stil hinzuweisen: Stil bezieht sich nicht nur auf die sprachliche Gestaltung einer Gruppe von Texten (i. S. v. Textsortenstil), sondern auch auf die Gestaltung eines einzelnen Textes (i. S. v. Textstil). Mit dem hier beschriebenen Vorgehen einer induktiven korpuslinguistischen Analyse lassen sich beide Aspekte abdecken. Die Analyse gibt erstens Aufschluss über den Textsortenstil, den musterhaften Sprachgebrauch in der Textsorte. So lässt sich der Minimalkonsens zum Textsortenbegriff, Textsorten seien „Mengen von Texten mit bestimmten gemeinsamen Eigenschaften“ (W. Heinemann 2000a: 11 und 2000b: 509), folgendermaßen konkretisieren: Textsorten sind Mengen von Texten desselben Typikprofils. Zweitens lassen sich auf Basis der korpuslinguistischen Analyse Aussagen zum Textstil machen, zum Grad der Musterhaftigkeit eines einzelnen Textexemplars. Jeder einzelne Text einer Textsorte ist durch eine spezifische Zusammenstellung einzelner dem Typikprofil zugehöriger Muster gekennzeichnet, durch ein textindividuelles Musterbündel.3 Durch den Abgleich eines einzelnen Textes mit dem Typikprofil – dem Textsortenstil – lassen sich Übereinstimmungen und Abweichungen in der sprachlichen Gestaltung des einzelnen Textes aufdecken. Ein Typikprofil kann somit als Grundlage dafür dienen, die Textsortentypik eines einzelnen Textes zu bestimmen. Je mehr Muster eines Typikprofils in einem Text vorkommen, desto mehr entspricht der Text dem Typikprofil und desto prototypischer ist er für die entsprechende Textsorte (vgl. Bubenhofer 2009: 152; ebenso Bubenhofer / Scharloth 2010: 91f.).

Mit einem textsortentypologischen Anspruch lässt sich argumentieren, dass sich mit der beschriebenen Methode durch die Zusammenstellung entsprechender Textsorten-Korpora Typikprofile für beliebige Textsorten erstellen lassen. Ein rein induktives Herleiten einer vollständigen Textsortentypologie, die sämtliche Textsorten umfasst und trennscharf voneinander abgrenzt, ist dabei zwar nicht möglich. Solch eine starre Typologie, wie sie vor allem in früheren Arbeiten angeregt wurde (vgl. bspw. Heinemann / Viehweger 1991: 133; ähnlich auch Fleischer u. a. 1996: 30; Gansel / Jürgens 2007: 64), kann aber auch nicht das Ziel sein, da sie dem prototypischen Textsorten-Konzept und dem Aspekt der Musterhaftigkeit von Texten nicht gerecht würde (ähnlich argumentiert auch Adamzik in der neusten Auflage ihrer Textlinguistik, vgl. Adamzik 2016: 327). Sinnvoller und dem Gegenstand angemessen ist eine Klassifikation mit fließenden Übergängen.4 So ist anzunehmen, dass es Muster gibt, die für verschiedene Textsorten typisch bzw. signifikant sind, deren Signifikanz im Detail aber unterschiedlich stark ausfällt. Ein jedes Typikprofil setzt sich also aus typischeren, die Textsorte stark prägenden und weniger, aber immer noch typischen Mustern zusammen. Zwischen den einzelnen Typikprofilen kommt es dabei zu Überschneidungen, ein jedes Typikprofil ist aber in seiner Zusammensetzung einzigartig und textsortenspezifisch.

6 Zusammenfassung

Dem Beitrag liegt die Prämisse zugrunde, dass Textsorten durch einen jeweils spezifischen Sprachgebrauch gekennzeichnet sind. Zu diesem textsortenspezifischen Sprachgebrauch, dem Textsortenstil, gehören augenfällige, den Sprachverwendern bewusste sprachliche Muster und daneben weitere Muster, die intuitiv verwendet werden und deren Musterhaftigkeit weder den Textproduzenten noch den -rezipienten bewusst ist. Aufgrund ihrer Signifikanz für die jeweilige Textsorte lassen sich die Muster durch eine induktive korpuslinguistische Analyse offenlegen. Anhand von Vergleichsanalysen mit einem Referenzkorpus, das als repräsentativ für das Standarddeutsche gelten kann, und mit weiteren Korpora, die jeweils den Sprachgebrauch einer Textsorte repräsentieren, lassen sich die textsortentypischen musterhaften Wörter und Verbindungen von Wörtern ermitteln.

Das Konzept der Prototypizität zieht sich dabei als roter Faden durch die textlinguistischen und stilistischen Überlegungen. Text wird als prototypisches Konzept verstanden, d. h. die Definition von Text geschieht anhand typischerer und weniger typischer Merkmale. Ebenso handelt es sich bei Textsorte um ein prototypisches Konzept, indem sich Textsorten mittels typischerer und weniger typischer Merkmale beschreiben lassen. Gleiches gilt für den Sprachstil einer Textsorte: Den Textsortenstil (= das Typikprofil) bilden typischere und weniger typische Sprachgebrauchsmuster.1 Diese lassen sich mit dem beschriebenen Verfahren offenlegen. Auf diese Weise leistet die induktive korpuslinguistische Analyse einen Beitrag zur Bestimmung des textsortenspezifischen Sprachgebrauchs und – bezogen auf den Textsortenvergleich – einen Beitrag zur Bestimmung textsortenspezifischer sprachlicher Variation.

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