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Politik in Wissenschaft und Forschung
Krüger/Piegeler/Spars (Hrsg.)
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1. Auflage 2021
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-038308-1
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-038309-8
epub: ISBN 978-3-17-038310-4
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Inhalt
1 Eine Einführung
2 Thomas Krüger, Monika Piegeler und Guido Spars
3 Renaissance der Großstadt als Industriestandort?
4 Martin Gornig
5 Urbane Produktion – Konzept und Messung
6 Monika Piegeler und Guido Spars
7 Urbane Produktion: Ist da wirklich Speck dran?
8 Stefan Gärtner, Kerstin Meyer und Marcel Schonlau
9 Die Zukunftsstadt ist stets auch Ort Urbaner Produktion. Perspektiven für Forschung und Praxis
10 Jens Libbe und Sandra Wagner-Endres
11 Digitalisierung als Befähiger der Urbanen Produktion
12 Joachim Lentes und Michael Hertwig
13 Urbane Produktion und Handwerk 4.0 – Perspektiven der Innenstädte als Zukunftsstandorte für das Handwerk
14 Carsten Benke
15 Nachhaltigkeitspotenziale in urbanen Gewerbegebieten entfesseln und Nachhaltigkeit institutionalisieren – aus internationalen Erfahrungen lernen
16 Frank Betker
17 Nachhaltigkeitsmanagement im Gewerbegebiet Remscheid- Großhülsberg. Erfahrungen und Erkenntnisse aus dem Projekt »Grün statt Grau – Gewerbegebiete im Wandel«
18 Susanne Smolka
19 Die Nutzungsdynamik in Gewerbegebieten
20 Hanns Werner Bonny
21 Entwicklung der Urbanen Produktion in NRW-Städten und in Hamburg
22 Monika Piegeler und Guido Spars
23 Gebietstypen als Hilfen für die Planungspraxis
24 Birte Eckmann, Linn Holthey, Sonja Kluft, Thomas Krüger, Monika Piegeler und Guido Spars
25 Perspektiven für Urbane Produktion – zur Transformation städtischer Gewerbe- und Industriegebiete
26 Birte Eckmann, Linn Holthey, Thomas Krüger und Guido Spars
27 Urbane Produktion – Neue Perspektiven des produzierenden Gewerbes in der Stadt?
28 Thomas Krüger und Guido Spars
29 Autor:innenverzeichnis
Eine Einführung
Thomas Krüger, Monika Piegeler und Guido Spars
Die Stadt und ihr Gewerbe – eine bereits seit ewigen Zeiten währende Liaison. Das Gewerbe in der Stadt ist so alt wie die Stadt selbst, denn viele Siedlungen sind durch gewerbliche Aktivitäten und den Austausch von Waren, also Handel entstanden. Waren es zunächst die Knotenpunkte überregionaler Handelsrouten, an denen die Städte entstanden, so halfen später die Arbeitsteilung auf engstem Raum und die Spezialisierung dabei, dass sich größere und kleinere Städte fast überall in Europa entwickeln konnten. Erst mit einer Produktion der Güter in größerer Stückzahl wurden die Produkte günstiger, konnten besser getauscht und weiterverarbeitet werden, sodass sich die Arbeitsteilung immer weiter verfeinerte und im Ergebnis zu schnell wachsendem Wohlstand führte (Spars 2017). Also entstanden größere Manufakturen und die einzelnen Gewerbespezialisierungen und Produktionsarten, wie wir sie heute kennen, bildeten sich heraus. Eine wachsende Zahl an Arbeiter:innen ließ sich nun (aus Gründen der Zeit- und Transportkostenersparnis) ebenfalls in der Nähe der Manufakturen nieder. Ein Marktplatz wurde eingerichtet, um die verschiedenen Güter und Dienstleistungen zu tauschen, was wiederum Händler:innen anzog. Diese Wirtschaftsstrukturen und die darin tätigen Menschen bildeten fortan die Stadt. Diese Entwicklung wurde dann später im Zeitalter der Industrialisierung und der Massenproduktion immer stärker vorangetrieben und führte zu dem enormen Stadtwachstum, das uns aus fast allen (europäischen) Städten bekannt ist (ebd.).
Die angesprochene Dynamik der Stadtveränderung führte während der vielen Jahrhunderte zu einem permanenten räumlichen Anpassungsprozess des Gewerbes in der Stadt. Ein weiterer Treiber für die Standortveränderungen des Gewerbes war die Herausbildung neuer Technologien in den Bereichen Produktion, Transport und Kommunikation. So war das Gewerbe am Anfang – also beispielsweise das Handwerk – entweder sehr zentrums- und damit kundennah – z. B. direkt am Marktplatz – oder in Ermangelung alternativer Antriebstechnologien für die ersten Maschinen in der Nähe von Wasserläufen oder auf windigen Anhöhen angesiedelt (Wasser- und Windmühlen). Mit dem Aufkommen der Dampfmaschine und der Elektrizität war man dann nicht mehr auf das Wasser und den Wind als Antriebsmedien angewiesen; etliche dieser Standorte verfielen. Aber auch die sich verändernde Mobilität beeinflusste die Gewerbestandortwahl. So wurde der Auszug der Produktion aus den europäischen Städten durch die Verbreitung des Automobils seit den 1950er Jahren – sowohl für die Arbeitskräfte, die Kund:innen als auch die Logistik – enorm begünstigt. Fortan konnten hohe Bodenpreise und Standortkosten in der Stadt vermieden werden, freilich jedoch durch die Inkaufnahme entsprechender Mobilitätskosten. Auch ein verstärktes Umweltbewusstsein und die damit einhergehenden Umweltauflagen für die Produktionsstätten verstärkten die Suburbanisierung des produzierenden Gewerbes weiter.
Heute nun beschreiben und diskutieren wir Rahmenbedingungen und Prozesse, die die Ansiedlung oder den Verbleib der Produktion in urbanen Lagen begünstigen. Da sind zum einen die Chancen der digitalen Technologien zu nennen, die landläufig unter dem Schlagwort »Industrie 4.0« diskutiert werden. Hierunter werden die Erwartungen gefasst, die sich mit einer flächendeckenden und schnittstellenfreien Nutzung von echtzeitnahen Informationen auf der Produktions- und der Kundenseite verbinden. Es geht also um den Mehrwert, den internetfähige Produkte durch den Datenaustausch mit anderen Objekten generieren (Internet der Dinge). Auf der Seite der Produktion wird die Vernetzung von Maschinen, Anlagen und Produkten entsprechende Kosten- und Effizienzvorteile schaffen. Weitere Vorteile entstehen durch die Einbeziehung der Mitarbeiter:innen über mobile Kommunikationsmittel und die Nutzung von Social Media in der Produktion (Bauer et al. 2014).
Als die wesentlichen Technologiefelder dieser Entwicklung sehen Expert:innen die Embedded Systems, Smart Factory, Robuste Netze, Cloud Computing und IT-Security. Das mit diesen Technologien verbundene zusätzliche Wertschöpfungspotenzial bis 2025 wird allein in den sechs Branchen Automobilbau, Elektrotechnik, chemische Industrie, IuK-Technologie, Anlagenbau und Landwirtschaft auf 78 Mrd. Euro (jährliches Wachstum von 1,7 %) geschätzt (ebd.).
Welche räumlichen Auswirkungen mit den Technologien der Industrie 4.0 und ihrer Vernetzung verknüpft sein werden, ist bislang noch weitgehend unerforscht. Allerdings erscheint es übertrieben zu sein, davon auszugehen, dass die digitale Wirtschaft der Zukunft sich aus den Städten heraus bewegt und ihr Heil nur noch in den peripheren Lagen suchen wird.
Für Betriebe des produzierenden Gewerbes und des Handwerks, die über Jahrzehnte eher von einer Suburbanisierung geprägt waren, kann ein innerstädtischer Standort sogar vorteilhaft sein. Sie können hier von dem zumeist attraktiveren Umfeld und der besseren Erreichbarkeit für Beschäftigte bzw. dem besseren Zugang zu Arbeitskräften profitieren, was vor dem Hintergrund des Fachkräftemangels und des Urbanisierungstrends zunehmend wichtiger wird (Herrmann et al. 2014, 284). Aber auch das Ziel, an einem einzigen Standort forschen, entwickeln, produzieren und vermarkten zu können, und die zunehmende Bedeutung der räumlichen Nähe zu den Kund:innen, Kooperationspartner:innen und Forschungseinrichtungen können für einen innerstädtischen Standort sprechen. Für das meist lokal geprägte Handwerk stellt beispielsweise die Nähe zu den meist in der Stadt ansässigen Kund:innen einen wichtigen Wettbewerbs- und damit Standortfaktor dar.
Aufstrebende Wirtschaftsbereiche wie die Informations- und Kommunikationstechnologien, Medizintechnik und Biotechnologie sowie das »neue« Manufakturwesen (»Urban Manufacturing«), das als Weiterentwicklung des traditionellen Handwerks mit neuen Vertriebs- und Kommunikationswegen zu verstehen ist, sind durchaus stadtaffin und an integrierten, zentral gelegenen Standorten interessiert (Schössler et al. 2012). Durch neue Fertigungs- und Logistikkonzepte verlieren für etliche Betriebe des produzierenden Gewerbes räumliche Abstandsanforderungen aufgrund von Lärm- und Schadstoffemissionen zudem an Relevanz. »Der technologische Fortschritt lässt es in vielen Fällen zu, dass auch vermeintlich störende Nachbarschaften von Produktion, Dienstleistung und Wohnen heute wieder möglich sind« (BMVBS 2011, 26).
In vielen Städten stehen jedoch für stadtaffine »Urban Industries« und zunehmend auch für das Handwerk kaum noch geeignete Flächen zur Verfügung. In der Phase starken Wachstums seit den 1950er Jahren sind die Städte um die Industriestandorte aus dem 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts, die vormals am Rand der Städte lagen, herumgewachsen. Viele dieser Fabrik- oder Gewerbestandorte wurden aufgegeben bzw. in Wohn- oder Bürostandorte umgewandelt. Ebenso wurden viele Gewerbeflächen, die in die Wohnblöcke des gründerzeitlichen Städtebaus integriert waren, »saniert«, d. h. die Betriebe wurden verlagert oder aufgegeben. Demgegenüber sind auf Basis des 1960 eingeführten Baugesetzbuchs neue Gewerbe- und Industrieflächen nach dem Prinzip der Funktionstrennung, d. h. mit Abstand zu Wohnnutzungen, entstanden. Neben Produktion sind auf diesen Flächen zu erheblichen Anteilen allerdings auch Großhandel, Lager, Speditionen, KFZ-Betriebe und Dienstleistungen angesiedelt worden, zum Teil wurden auch Flächen für den Einzelhandel geschaffen bzw. von Eigentümer:innen oder Projektentwickler:innen durchgesetzt. Auf diese Weise wurden die eigentlich für »störende« Gewerbe- und Industriebetriebe vorgesehenen Flächen vielfach von Nutzungen belegt, die kaum »stören« – oft ist es hier allein der Lieferverkehr mit LKW –, die aber einen hohen Flächenbedarf aufweisen und für die Eigentümer:innen gute Renditen versprechen. Dies führt dazu, dass, zumindest in Städten mit einer günstigen wirtschaftlichen Entwicklung, Flächen für Urbane Produktion knapp sind. Im Hinblick auf den Vorrang der Innenentwicklung gilt hier umso mehr, den Wandel im Bestand zu gestalten.
Urbane Produktion ist sicher mehr als nur ein Modewort oder -trend, das oder der schnell von anderen abgelöst wird. Angesprochen ist die dringende Transformation der urbanen Produktionsstrukturen sowohl im Hinblick auf die städtebauliche Integration, die Nachhaltigkeit als auch auf die Wettbewerbsfähigkeit der Städte. Dabei stehen Wirtschaft und Kommunen im Zuge einer fortschreitenden Digitalisierung und Integration vieler Wertschöpfungsprozesse vor großen Herausforderungen, aber auch Chancen.
Urbane Produktion ist in der Praxis der Stadtentwicklung und Wirtschaftsförderung sowie auch in der Stadt- und Regionalforschung ein vergleichsweise junges Thema, für das praktische Erfahrungen wie auch systematische oder gar empirische Studien, die über vereinzelte »Best Practice«-Beispiele hinausgehen, weitgehend fehlen.1
In diesem Sammelband sollen die aktuelle Situation und die Perspektiven der Urbanen Produktion mithilfe von verschiedenen Analysen, Fallstudien und konzeptionellen Beiträgen beleuchtet werden. Eine Grundlage dieser Publikation ist hierbei das von 2017 bis 2020 vom BMBF im Förderbereich »Nachhaltige Transformation urbaner Räume« im Rahmen der Fördermaßnahme »SÖF – Sozial-ökologische Forschung« geförderte Forschungsprojekt »Gewerbe in der Stadt – Wandel im Bestand gestalten«. Daran waren das Fachgebiet von Prof. Dr. Guido Spars von der Bergischen Universität Wuppertal und das Arbeitsgebiet von Prof. Dr.-Ing. Thomas Krüger (HafenCity Universität Hamburg) beteiligt. Die beiden dort gewählten Untersuchungsregionen waren der Stadtstaat Hamburg und das Bundesland NRW, allerdings beschränkt auf vier Städte des Ruhrgebiets (Duisburg, Essen, Bochum und Dortmund) sowie auf die beiden industriell geprägten Städte Wuppertal und Krefeld.
Darüber hinaus ist es gelungen, weitere Expert:innen zum Thema Gewerbe in der Stadt als Autor:innen für diesen Sammelband zu gewinnen, die das Thema aus verschiedenen Perspektiven angehen. Sie bereichern die in diesem Buch zusammengeführten Erkenntnisse zu neuen räumlichen Entwicklungen der Produktion und der Gewerbegebiete im urbanen Raum wesentlich.
Nach dieser thematischen Einführung der Herausgeber:innen widmet sich Martin Gornig (DIW) der Frage, inwieweit es eine neue Industrialisierung in deutschen Städten gibt, und beleuchtet damit den Rahmen und die Besonderheiten der Industrieentwicklung in deutschen (Groß-)Städten.
Monika Piegeler und Guido Spars stellen die definitorische Grundlage dessen vor, was im Rahmen des Forschungsprojektes »Gewerbe in der Stadt« unter Urbaner Produktion verstanden wird, und erläutern zusätzlich ein mögliches Konzept ihrer volkswirtschaftlichen Messung.
Stefan Gärtner, Kerstin Meyer und Marcel Schonlau vom IAT formulieren alternative Gedanken zu Definition und Messung und fragen, inwieweit an dem Thema der Urbanen Produktion »wirklich Speck dran ist«, was dann auch mithilfe des Fallbeispiels Bochum illustriert wird.
Ähnlich grundsätzlich stellt sich der Beitrag von Jens Libbe und Sandra Wagner-Endres vom Deutschen Institut für Urbanistik (Difu) dar, die aus der Perspektive der Begleitforschung des BMBF Förderbereichs »Nachhaltige Transformation urbaner Räume« Perspektiven für Forschung und Praxis für die Urbane Produktion in der »Zukunftsstadt« zusammentragen.
Joachim Lentes und Michael Hertwig vom Fraunhofer IAO kümmern sich in ihrem Beitrag um die Rolle der vielbeschworenen »Digitalisierung als Befähiger der Urbanen Produktion«. Die Autoren stellen dar, wie das genau funktioniert und wie es die Digitalisierung der Urbanen Produktion erlaubt, kleinteiliger, nachhaltiger und emissionsärmer und somit stadtkompatibler zu produzieren.
Einen besonderen Blick auf das Handwerk als Teil der Urbanen Produktion wirft der Beitrag von Carsten Banke vom Zentralverband des Deutschen Handwerks. Er beantwortet die Frage, welche Perspektiven das Handwerk in den Innenstädten in Zukunft haben wird.
Es folgen zwei Beiträge zu Nachhaltigkeitspotenzialen in urbanen Gewerbegebieten, die sich sehr gut ergänzen. Zunächst erläutert Frank Betker vom DLR die grundsätzliche Sicht auf die Herausforderung, wie sich Nachhaltigkeit in bestehende Gewerbegebiete integrieren lässt. Danach schildert Susanne Smolka von der Stadt Remscheid am Beispiel eines Gewerbegebietes in Remscheid-Großhülsberg, was das vor Ort und im Einzelfall bedeutet.
Hanns Werner Bonny setzt sich in seinem Beitrag mit der Nutzungsdynamik in Gewerbegebieten auseinander. Er arbeitet die vielfältigen Aspekte heraus, die sie beeinflussen, und entwickelt Kennziffern für die Messung. Er plädiert für Verlaufsanalysen und ein Monitoring, um kommunale Strategien und Ansätze zur Weiterentwicklung bestehender Gewerbegebiete zu fundieren.
Monika Piegeler und Guido Spars stellen die quantitativen empirischen Ergebnisse zur Entwicklung der Urbanen Produktion in den Untersuchungsregionen des Forschungsprojektes »Gewerbe in der Stadt – Wandel im Bestand gestalten« vor. Zur kleinräumigen Analyse wurden in diesem Projekt Gebietstypen Urbaner Produktion entwickelt, für die vertiefende Fallstudien durchgeführt wurden. Das Konzept der Gebietstypen und die zusammengefassten Ergebnisse der Fallstudien werden in einem gemeinsamen Beitrag von den beteiligten Forschenden dargelegt. Auf Basis der quantitativen und qualitativen Zugänge zur Urbanen Produktion wurde schließlich ein Grundkonzept zur Transformation städtischer Gewerbe- und Industriegebiete entwickelt. Ausgehend von der jeweiligen Konstellation von Problemen und Chancen sowie der privaten Akteure, wird ein strategisches Vorgehen der Kommunen vorgeschlagen und seine Elemente skizziert.
Am Ende des Buches versuchen die Herausgeber:innen, einen Ausblick auf das Themen- und Forschungsfeld der Urbanen Produktion für die Zukunft zu geben und hierbei insbesondere Implikationen einerseits für Politik und Planung und andererseits auch für die Forschung zu benennen.
Quellen
Bauer, W.; Schlund, S.; Marrenbach, D.; Ganschar, O. (2014): Industrie 4.0 – Volkswirtschaftliches Potenzial für Deutschland. BITKOM und Frauenhofer-Institut für Arbeitswirtschaft. https://www.bitkom.org/sites/default/files/file/import/Studie-Industrie-40.pdf [Zugriff 9.3.2021]
BMVBS – Bundesministerium für Verkehr, Bau und Stadtentwicklung (Hrsg.) (2011): Weißbuch Innenstadt. Starke Zentren für unsere Städte und Gemeinden. Berlin/Bonn https://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/veroeffentlichungen/ministerien/bmvbs/sondervero effentlichungen/2011/DL_WeissbuchInnenstadt.pdf [Zugriff 9.3.2021]
Herrmann, C.; Schmidt, C.; Kurle, D.; Blume, S.; Thiede, S. (2014): Sustainability in Manufacturing and Factories of the Future, in: International Journal of Precision Engineering and Manufacturing – Green Technology 1 (4), 283–292. DOI: 10.1007/s40684-014-0034-z
Schössler, M. (2012): Future Urban Industries – Produktion, Industrie, Stadtzukunft, Wachstum, in: Policy Brief 11/12. https://www.stiftung-nv.de/sites/default/files/12_11_po licy_brief_fui_20121026_final.pdf [Zugriff 9.3.2021]
Spars, G. (2014) Ökonomie findet Stadt – Einige ökonomische und unökonomische Anmerkungen zur Stadtökonomie, in: Besecke, A.; Meier, J.; Pätzold, R.; Thomaier, S. (Hrsg.): Stadtökonomie – Blickwinkel und Perspektiven. Ein Gemischtwarenladen. Sonderpublikation des ISR der TU Berlin, Festschrift für Dietrich Henckel, 14–18. URI: 10.14279/depositonce-5910
1 Das Bundesinstitut für Stadt- und Raumforschung hat erst im November 2020 ein Forschungsprojekt »Neue Räume für die produktive Stadt« beauftragt, in dem verschiedene Facetten der Urbanen Produktion definitorisch geklärt, eine quantitative Abschätzung des Volumens und der regionalen Differenzierung vorgenommen und eine Erhebung der Relevanz in der kommunalen Praxis durchgeführt werden sollen. Das Projekt soll im August 2023 abgeschlossen werden.
Renaissance der Großstadt als Industriestandort?
Martin Gornig
Der vorliegende Beitrag widmet sich der Frage, ob sich Anzeichen einer neuen Industrialisierung der deutschen Großstädte finden lassen.1 Dazu werden zunächst Trends der Entwicklung der Industrie in Deutschland im internationalen Vergleich vorgestellt und es wird auf die derzeitigen regionalen Verteilungsmuster hierzulande eingegangen. Darauf aufbauend wird versucht, mögliche Änderungen der bisherigen Verteilungsmuster innerhalb Deutschlands anhand der Analyse des industriellen Gründungsgeschehens und der räumlichen Entwicklungspfade schnell wachsender Industrieunternehmen zu erkennen.
Der Wandel der globalen Industrieproduktion seit den 1990er Jahren ist vor allem durch den Aufstieg Chinas zur Industrienation gekennzeichnet. Die Marktanteilsgewinne Chinas führten insbesondere zu relativen Verlusten bei der Industrieproduktion in den USA und Westeuropa. In der Folge war in vielen westlichen Ländern ein ausgeprägter Deindustrialisierungsprozess zu beobachten. Es schien lange quasi ein Gesetz, dass der Anteil an der Weltindustrieproduktion der entwickelten Volkswirtschaften zu Gunsten aufstrebender Länder zurückgeht. In der Finanz- und Wirtschaftskrise 2008 und 2009 brach die Industrieproduktion in den etablierten Industrieländern nochmals ein (Gorning/Schiersch 2016). Der Absatzeinbruch markierte für viele das endgültige »Aus« der Industrie in den traditionellen Industrieländern. Andere entdeckten gerade in der Wirtschaftskrise die Industrie als Stabilitätsanker und sahen hier neuen wirtschaftspolitischen Handlungsbedarf (Aghion et al. 2011; Stieglitz et al. 2013). Anfang 2014 entwickelte die Europäische Kommission sogar ein wirtschaftspolitisches Programmpaket für eine industrielle Renaissance Europas.
1 Starke Performance der Industrie in Deutschland
Die industrielle Entwicklung in Deutschland lief zu den genannten Trends weitgehend konträr. Anfang der 1990er Jahre stieg die Industrieproduktion hierzulande stark an. Auch das Krisenjahr 2009 mit großen Produktionseinbrüchen änderte an dem positiven Trend wenig. Anders als in den meisten anderen OECD Staaten erholte sich die Industrie in Deutschland rasch. Die Industrieproduktion liegt heute wieder deutlich über dem Vorkrisenniveau (Blazejczak et al. 2018). Der Anteil des verarbeitenden Gewerbes an der Beschäftigung beträgt immerhin mehr als 20 %, der Wertschöpfungsanteil erreicht knapp ein Viertel.
Deutschland profitiert dabei auch von seiner zentralen Lage in Europa. Die großen Absatzmärkte der EU sind leicht zu erreichen. Aber auch wenn man solche Einflüsse wie wirtschaftsgeografische Lage und Agglomerationsgrad berücksichtigt, sind die nationalen Rahmenbedingungen wie die Forschungslandschaft oder das Kostenniveau für die Industrie in Deutschland offensichtlich günstig (Gornig/Werwatz 2019). Gegenüber dem Referenzwert für Deutschland weisen die anderen großen EU-Staaten wie Frankreich und Großbritannien deutlich niedrigere Länderwerte auf. Auch in den BENELUX-Ländern sind die institutionellen Bedingungen über die Regionen hinweg ungünstiger. Die niedrigen Industrieanteile von Spanien, Schweden oder Finnland sind dagegen auch auf die periphere Lage vieler ihrer Regionen innerhalb Europas zurückzuführen. Die osteuropäischen Länder weisen dagegen in der Regel höhere nationale Erwartungswerte für den Industrieanteil auf als deutsche Regionen.
2 Große regionale Unterschiede innerhalb Deutschlands
Die Industrie prägt aber schon immer nicht nur nationale Unterschiede, sondern sie bestimmt auch räumliche Differenzen innerhalb der Länder. So sind in historischer Perspektive Industrie und Stadt untrennbar miteinander verbunden (Croon 1963). Mit der Industrialisierung wurden viele neue Städte gegründet und traditionelle Zentren wuchsen schneller. In den Städten wurden die Technologien und Produkte entwickelt, die wiederum das Wachstum der Industrie vorantrieben. Nach dem Zweiten Weltkrieg allerdings waren in Deutschland wie in vielen anderen traditionellen Industrieländern die räumlichen Muster durch Suburbanisierungsprozesse geprägt. Flächenintensive ebenerdige Produktionsorganisation, flexible LKW-basierte Logistikstrukturen und Umweltschutzauflagen vertrieben die Industrie teilweise aus den Zentren (Siebel 2005).
Heute ist die Bedeutung der Industrie in den verschiedenen deutschen Großstadtregionen sehr unterschiedlich (
Abb. 1). In den Raumordnungsregionen2 Stuttgart und München arbeiten je Einwohner deutlich mehr Menschen im verarbeitenden Gewerbe als im Bundesdurchschnitt. In Berlin und Hamburg ist der Industriebesatz dagegen deutlich niedriger. Die Region Leipzig/Dresden liegt mittlerweile wieder gleichauf mit den Stadtregionen Rhein-Main und Rhein-Ruhr.

Abb. 1: Bedeutung des verarbeitenden Gewerbes in deutschen Großstadtregionen. Beschäftigte nach Technologiebereichen je 1000 Einwohner, Stand 2015 (Quellen: Eurostat, eigene Berechnungen).
Entscheidend für die Unterschiede zwischen den Stadtregionen sind die verschiedenen Spezialisierungen auf bestimmte Wirtschaftszweige. Deutlich wird dies, wenn man eine Differenzierung der Industriebranchen nach Technologiebereichen entsprechend der OECD-Klassifikation vornimmt.3 Stuttgart und München sind insbesondere stark bei hochwertigen Technologiebereichen wie Straßenfahrzeugbau, Maschinenbau, Elektrotechnik. In den Regionen Rhein-Ruhr und Leipzig/Dresden sind insbesondere Branchen der mittleren Technologie stark ausgeprägt. Wenig Differenzen bestehen hingegen bei den Bereichen der Spitzen- und Niedrigtechnologie. Selbst Hamburg und Berlin weisen hier durchschnittliche Werte auf.
3 Digitalisierung verändert industrielle Entwicklungsmuster
Angesichts der Digitalisierung verändern sich die Entwicklungsbedingungen und Wachstumsmuster der Industrie grundlegend. In Deutschland wird dieser Umbruch häufig als vierte industrielle Revolution unter der Bezeichnung »Industrie 4.0« analysiert. Neue digitale Kundenbeziehungen, neue datengetriebene Steuerungsprozesse, neue sensorgesteuerte Robotergenerationen oder neue additive Fertigungstechnologien schaffen ganz neue Möglichkeiten, industrielle Produktionsprozesse und Produkte zu denken und zu realisieren (Hüther 2016). Damit verbunden sind auf der einen Seite enorme Rationalisierungspotenziale, die ganze Produktionsschritte und Berufsgruppen überflüssig machen (Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung 2015; Dauth et al. 2017). Auf der anderen Seite ergeben sich völlig neue Absatzpotenziale, beispielsweise durch kleinstserielle Fertigung und ad hoc umsetzbare Produktionen (PricewaterhouseCoopers 2014; Koren 2010).
Die Bedeutung von räumlichen Kostenunterschieden oder von Raumüberwindungskosten verändert sich. Entsprechend lassen sich unterschiedlichste Szenarien denken, wie die Digitalisierung der Industrie auch die Raumstruktur der Industrie ändert. Das gilt für die internationale Arbeitsteilung, aber insbesondere auch für die Stadt-Land-Beziehungen in Deutschland. Gerade hinsichtlich räumlicher Muster in Deutschland werden sowohl Szenarien mit zunehmend polarisierenden Entwicklungsmustern zwischen digitalen Hochburgen und abgehängten Regionen als auch konvergente Prozesse mit abnehmenden regionalen Unterschieden formuliert (Bertelsmann Stiftung/Stiftung neue Verantwortung 2016). Mit Blick auf die Entwicklungspotenziale von Großstadtregionen werden ebenfalls sowohl industrielle Prozesse im Hightech-Sektor diskutiert, welche die Stadtgesellschaften weiter spalten können, als auch Potenziale für die Revitalisierung von bislang benachteiligten Stadtquartieren beschrieben (Läpple 2016).
Im Folgenden wird nun der Frage nachgegangen, ob sich erste empirische Hinweise finden lassen, in welche Richtung sich die industriellen Raummuster tatsächlich entwickeln. Als Arbeitshypothese wird davon ausgegangen, dass junge Betriebe am ehesten durch die neuen digitalen Rahmenbedingungen in ihrem Standortverhalten beeinflusst werden – sie uns also auf die Spur neuer räumlicher Entwicklungsmuster bringen können. Entsprechend wird ausgewertet, wo in Deutschland neue Industrieunternehmen entstehen. Als Gründungen werden hier die Errichtungen neuer rechtlich selbständiger Betriebe im verarbeitenden Gewerbe laut Gewerbeanmeldungen erfasst.
4 Hohe industrielle Gründungsintensität in den großen Städten
Abb. 2 weist die industriellen Gründungen im Durchschnitt der Jahre 2012 bis 2016 bezogen auf die Beschäftigten im verarbeitenden Gewerbe am Beginn des Beobachtungszeitraumes aus. Im Fokus stehen damit Unterschiede in der Gründungsintensität, um mögliche Veränderungsdynamiken in den Standortmustern zu identifizieren. Dabei lässt sich zunächst festhalten, dass diese Intensität im Durchschnitt der genannten Großstadtregionen mit 80 Gründungen je 100 000 Beschäftigten um fast 40 % höher liegt als in den übrigen Regionen der Bundesrepublik.

Abb. 2: Gründungen echter Betriebe in Deutschland im verarbeitenden Gewerbe nach Technologieklassen. Durchschnitt 2012–2016 je 100 000 Beschäftigte im verarbeitenden Gewerbe (Quellen: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Länder, Statistische Landesämter, eigene Berechnungen).
Gleichzeitig unterscheiden sich aber die Gründungsintensitäten auch stark zwischen den Großstadtregionen. Spitzenreiter sind dabei nicht unbedingt die bislang erfolgreichen Regionen. Dies gilt insbesondere für Berlin. In der Hauptstadt werden bezogen auf die bisherige Industriebeschäftigung fast viermal so viele Unternehmen im verarbeitenden Gewerbe gegründet wie in der übrigen Bundesrepublik. Ebenfalls überdurchschnittliche Gründungsintensitäten weisen die Regionen Leipzig/Dresden, das Rhein-Main-Gebiet und die Metropolen an Rhein und Ruhr auf. Von den bislang so wachstumsstarken süddeutschen Großstadtregionen besitzt nur München eine sehr starke industrielle Gründungsintensität. In der Region Stuttgart entstehen hingegen bezogen auf die bisherige Beschäftigung wenig neue Industrieunternehmen.
Insgesamt deutet das Gründungsgeschehen darauf hin, dass sich im Zuge der Digitalisierung die industriellen Wachstumsmuster nicht nur zugunsten der großen Städte verschieben, sondern sich auch zwischen den Großstadtregionen neue Wachstumshierarchien herausbilden könnten. Um abschätzen zu können, ob die neuen Wachstumsmuster wesentlich durch die Entstehung einer neuen digitalen Hightech-Industrie oder auch durch einfachere digitale konsumorientierte Industrien getragen werden, wurden hier die Gründungen den verschiedenen Technologiebereichen der OECD zugeordnet (Eurostat 2017). In Abb. 3 sind die Gründungsintensitäten der betrachteten Großstadtregionen jeweils in Bezug zur durchschnittlichen Entwicklung in der übrigen Bundesrepublik gesetzt worden.
Besondere Anziehungskraft auf industrielle Gründungen weisen dabei die Großstadtregionen im Bereich der Lowtech-Industrien auf. In Berlin ist die Gründungsintensität fünfmal und in München dreimal so hoch wie in den Nichtstadtregionen. In Hamburg und im Rhein-Main-Gebiet übersteigt die Gründungsintensität in den Lowtech-Industrien den Referenzwert immerhin um rund 70 %. Aber auch in Stuttgart, Leipzig, Dresden und den Metropolen an Rhein und Ruhr ist die Gründungsintensität überdurchschnittlich. Dieses Ergebnis deutet darauf hin, dass sich mit der Digitalisierung gerade im Bereich eher traditioneller Konsumgüterindustrien neue Entwicklungspotenziale in den Städten eröffnen.

Abb. 3: Gründungen echter Betriebe in Deutschland im verarbeitenden Gewerbe nach Technologieklassen. Durchschnitt 2012–2016 je 100 000 Beschäftigte in der jeweiligen Technologieklasse. Jeweils übriges Bundesgebiet = 100 (Quellen: Volkswirtschaftliche Gesamtrechnung der Länder, Statistische Landesämter, eigene Berechnungen).
Gleichzeitig weisen die Großstadtregionen insgesamt mit ihrer ausgebauten Forschungsinfrastruktur auch im Bereich der Hightech-Industrien eine deutlich höhere Gründungsintensität auf als die übrigen Regionen der Bundesrepublik. Spitzenreiter ist hier wiederum die Bundeshauptstadt. Bezogen auf die Ausgangsbeschäftigung werden in Berlin mehr als viermal so viele Hightech-Unternehmen gegründet wie in den Nichtstadtregionen. Im Vergleich dazu ist die Gründungsintensität im Mediumtech-Bereich in Berlin relativ gering. Eine ähnliche Polarisierung im Gründungsgeschehen weisen Hamburg, das Rhein-Main-Gebiet und die Region Rhein-Ruhr auf. In der Region Stuttgart fällt hingegen gerade bei den Hightech-Industrien, in denen die Region derzeit so erfolgreich ist, die Gründungsintensität unterdurchschnittlich aus.
5 Neue Industrie sucht Nähe zu Forschung und Konsumenten
Was aber macht die großen Städte nun so attraktiv für industrielle Gründungen? Hinweise darauf lassen sich generieren, wenn man genauer auf die Standorte der Gründungen innerhalb der Städte schaut. Hier konnte dies für die größte deutsche Stadt mit der absolut wie relativ höchsten Gründungsdynamik – nämlich Berlin – umgesetzt werden. Am Forschungsdatenzentrum des Statistischen Landesamtes Berlin-Brandenburg wurden dazu die Einzeldaten des Unternehmensregisters ausgewertet (Klare 2017). Zur Wahrung des Datenschutzes wurden die Unternehmensstandorte 60 sogenannten statistischen Planungsräumen in der Stadt zugeordnet.4 Für die Jahre 2013 und 2014 konnten auch die Gründungen diesen Räumen zugeordnet werden.
Die industriellen Gründungen in Berlin weisen dabei eine hohe räumliche Konzentration auf. Im Bereich der Hightech-Industrien entfallen rund ein Drittel der mehr als 150 Gründungen auf die sechs bevorzugten Standorte (
Abb. 4).
Die höchste Gründungszahl im Hightech-Bereich ist im westlichen Innenstadtbereich im Bezirk Charlottenburg zu verzeichnen. Dort befindet sich der Hauptcampus der Technischen Universität. Weiter östlich befindet sich u. a. die Beuth Hochschule für Technik. Zu den bevorzugten Gründungsstandorten zählt beispielsweise auch Adlershof im Südosten Berlins, in dem sich ein Campus der Humboldt-Universität und ein großes Technologiezentrum befindet (Handrich et al. 2008).
Ebenfalls stark auf wenige Standorte konzentriert ist das Gründungsgeschehen bei Lowtech-Industrien. Hier entfallen sogar deutlich mehr als ein Drittel der rund 450 neuen Betriebe auf die sechs beliebtesten Standorte (
Abb. 5).

Abb. 4: Betriebsgründungen in Berlin: Hotspots Hightech-Betriebe (Quellen: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, eigene Berechnungen).

Abb. 5: Betriebsgründungen in Berlin: Hotspots Lowtech-Betriebe (Quellen: Amt für Statistik Berlin-Brandenburg, eigene Berechnungen).
Diese bevorzugten Gründungsstandorte liegen allesamt im hochverdichteten Innenstadtbereich Berlins. Diese Konzentration spricht für eine hohe Bedeutung der räumlichen Kundennähe der im Bereich Lowtech dominierenden konsumnahe Produktionen.
6 Stabile Standortstrukturen im Wachstumsprozess
Inwieweit sich aus dem zweifelsohne vorhandenen Potenzial der Digitalisierung tatsächlich eine Renaissance des Industriestandorts Großstadt ableitet, hängt entscheidend davon ab, ob aus den Gründungen stabile Industrieunternehmen hervorgehen und diese Entwicklungsprozesse auch in den Städten stattfinden.
Die Frage, ob solche Wachstumsprozesse auch tatsächlich in der Stadt beobachtet werden können, war Gegenstand eines Studienprojekts an der Technischen Universität Berlin (2017). Die Studierenden nahmen dazu junge, schnell wachsende Industrieunternehmen – sogenannte »Gazellen« in den Blick (vgl. Ramboll 2012). In Anlehnung an die bei der OECD verwendete Definition wurden als industrielle Gazellen Unternehmen definiert, die nach 2000 gegründet wurden und im Jahr 2016 mindestens 15 Mitarbeiter beschäftigten. Die Identifikation der Gazellen erfolgte über einen kommerziellen Firmendatensatz,5 da amtliche Mikrodaten zu Unternehmensbiografien bislang nicht zur Verfügung stehen.
Für die 64 Gazellen, die in der Region Berlin/Brandenburg mit Firmennamen und Firmensitz identifiziert werden konnten, wurden anhand von Internetrecherchen ihre Standorte seit ihrer Gründung festgestellt. Dabei veränderten lediglich 12 Gazellen im Wachstumsprozess ihren Standort. 52 schnell wachsende Industrieunternehmen dagegen entfalteten ihren Wachstumsprozess am Gründungsstandort. Dies gilt auch für fast 80 % aller innerhalb der Stadtgrenzen Berlins gegründeten Gazellen.

Abb. 6: Standortwechsel von schnell wachsenden Industrieunternehmen in Berlin und Brandenburg. Beobachtungszeitraum 2000–2016 (Quelle: Technische Universität Berlin 2017; eigene Darstellung).
Die räumliche Distanz der Betriebsverlagerungen war zudem in der Regel gering (
Abb. 6). Dies gilt insbesondere für die Umzüge innerhalb Berlins. Lediglich ein schnell wachsendes Unternehmen verließ das Berliner Stadtgebiet und zog ins Umland. Die anderen umziehenden Berliner Gazellen blieben dagegen zumeist in ihrem innerstädtischen Quartier. Die Brandenburger Gazellen, die ihren Standort im Wachstumsprozess veränderten, weisen zwar eine höhere Umzugsdistanz auf, aber auch sie änderten ihr generelles Raumprofil nicht. Entweder blieben sie im Berliner Umland oder in der Brandenburger Peripherie.
7 Schlussfolgerungen
Die Digitalisierung besitzt das Potenzial, auch die räumlichen Standortmuster der Industrie neu zu justieren. Dies gilt zuallererst für die internationale Arbeitsteilung. Robotertechnik, vernetzte Fabriken und selbstlernende Maschinen werden zu einer enormen Kapitalintensivierung beitragen. Reine Lohnkostenunterschiede als Ursache für räumliche Verteilungsmuster werden unbedeutender. Gleichzeitig könnte die hier angedeutete Rückbesinnung auf Konsumentennähe als Standortfaktor gerade in traditionellen Hochlohnländern zu einer Reindustrialisierung von Verbrauchsgüterindustrien führen.
Die Digitalisierung könnte aber auch zu einem Wiedererstarken der Industrie in den großen Städten beitragen. Die Standorte der neuen (digitalen) Industrie liegen überdurchschnittlich in den Großstadtregionen. Spitzenreiter sind dabei nicht unbedingt die bislang erfolgreichen Industrieregionen. Dies gilt insbesondere für Berlin, aber auch für die Regionen Leipzig und Dresden sowie die Metropolen an Rhein und Ruhr.
Die Politik kann in vielfacher Weise die Gründung von Industrieunternehmen sowie die darauffolgenden Wachstumsprozesse unterstützen. Dies gilt generell für die verbesserte Bereitstellung von Risikokapital, die Intensivierung des Wissenstransfers oder die Verfügbarkeit von Fachkräften aus dem In- und Ausland (Kritikos 2016).
Als ein zentraler Engpass könnte sich darüber hinaus die zunehmende Flächenknappheit in den Großstädten erweisen. Die geringe Verfügbarkeit bezahlbaren Wohnraums in den Innenstädten setzt die Politik unter Druck, gerade in den Großstädten zusätzliche Wohnbauflächen zu aktivieren. Gleichzeitig bieten aber auch für die neue (digitale) Industrie die Innenstädte durch die Nähe zu exzellenter Forschung und zahlungskräftigen Kunden entscheidende Wachstumsvorteile. Eine zentrale Aufgabe der Politik wird es daher sein, die bestehenden Nutzungskonflikte zwischen Wohnen und Gewerbe aufzulösen. Einen wesentlichen Beitrag könnten dazu die offensive Anwendung von planungsrechtlichen Instrumenten der Nutzungsmischung wie im Fall des Baugebietstyps »Urbane Gebiete« leisten. Gleichzeitig müssten tradierte Formen fester Planungsvorgaben wie bei Gewerbeflächensicherungssatzungen flexibilisiert werden. In vielen Städten fehlt es derzeit zudem an einem leistungsfähigen Monitoring von Gewerbeflächen.
Quellen
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Technische Universität Berlin (2017): Aufgespürt: Raumprofile schnell wachsender Industrieunternehmen. Projektbericht am Institut für Stadt- und Regionalplanung. Berlin
1 Der Beitrag basiert auf Arbeiten im Rahmen des von der Hans-Böckler-Stiftung geförderten Forschungsprojektes »Industrie in der Stadt«. Ausgewählte Ergebnisse wurden im Wochenbericht 47/2018 des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung publiziert.
2 Raumordnungsregionen sind funktionalräumliche, bundesweit vergleichbare Analyseregionen für Zwecke der Raumbeobachtung und Politikberatung, die vom Bundesinstitut für Bau-, Stadt- und Raumforschung definiert werden. Siehe BBSR-Webseite (http://www.bbsr.bund.de/BBSR/DE/Raumbeobachtung/Raumabgrenzungen/Raumord nungsregionen/raumordnungsregionen_node.html [Zugriff 9.3.2021]).
3 Eurostat 2017. Die Bereichen Spitzentechnologie und hochwertige Technologie wurden dabei zum Bereich Hightech zusammengefasst.
4 Geoportal Berlin, Flächennutzung der Planungsräume 2010 (LOR), online verfügbar unter: http://fbinter.stadt-berlin.de/fb/index.jsp (FIS-Broker der Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen), zuletzt abgerufen am 10.11.2017.
5 Bisnode-Firmendatenbank, Campusfile 2016 und 2017.
Urbane Produktion – Konzept und Messung
Monika Piegeler und Guido Spars
Dieser Beitrag versucht eine Antwort auf die grundlegenden Fragen geben: Was genau ist Urbane Produktion und wie können wir sie messen? Dabei stützen wir uns auf die Diskussionen, die im Rahmen des Forschungsprojektes »Gewerbe in der Stadt – Wandel im Bestand gestalten« (GiS) geführt wurden und auf unseren früheren Beitrag (Piegeler/Spars 2019).
1 Definition und Messung Urbaner Produktion
1.1 Definition Urbane Produktion
Der Begriff der Urbanen Produktion ist schillernd und bei Planer:innen, Wissenschaftler:innen und auch Kommunalvertreter:innen in aller Munde. Erste Versuche einer Beschreibung und Definition für Deutschland finden sich u. a. bei Läpple (2013) oder Brandt, Gärtner, Meyer (2017). Im Rahmen des dieser Publikation zugrunde liegenden Forschungsprojektes wurde die Idee entwickelt, einen Definitionsansatz zur Diskussion zu stellen, der zwischen einer Urbanen Produktion im engeren und einer im weiteren Sinne differenziert (vgl. auch Piegeler/Spars 2019):
Als Urbane Produktion im engeren Sinne wird im Folgenden die Herstellung und Verarbeitung von materiellen Gütern im urbanen Raum bezeichnet. Der urbane Raum umfasst dabei die Lagetypen City, Cityrand und Innenstadtrand gemäß der Festlegung der Innerstädtischen Raumbeobachtung (IRB) des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung BBSR.1
Urbane Produktion im weiteren Sinne umfasst zusätzlich auch alle Dienstleistungen, aus denen ein im urbanen Raum seriell gefertigtes digitales Gut hervorgeht. Diese zweite, weitere Definition ermöglicht die Einbeziehung digitaler Güter, was im Hinblick auf die zunehmende Bedeutung einer digitalen Produktion aus unserer Sicht zielführend ist.

Abb. 1: Urbane Produktion als Schnittmenge von Produktion (im engeren und im weiteren Sinne) und urbanem Raum (eigene Darstellung).
1.2 Konzept der stadtaffinen Branchen – Der Humus der Urbanen Produktion
Das Konzept der stadtaffinen Branchen stellt den Versuch einer Näherung an das, was Urbane Produktion ist, dar und nähert sich aus einer systematischen und beschäftigungsorientierten Perspektive. Es beruht auf dem Gedanken, dass manche produzierenden Branchen c. p. stadtaffiner sind als andere. Die Gründe können vielfältig sein, wie z. B. eine stadtverträgliche Produktion, Kapitalstärke oder auch die notwendige Nähe zum Endkunden. Folglich können bei der Messung die Begriffe »Urbane Produktion« und »verarbeitendes Gewerbe« keine Synonyme bleiben, denn Urbane Produktion umfasst unserer Ansicht nach weder alle Branchen des Abschnitts C der WZ 2008, noch ist Urbane Produktion auf das verarbeitende Gewerbe allein beschränkt. Unsere Auswahl an produzierenden Wirtschaftsbereichen, die wir als stadtaffin erachten und zur Diskussion stellen, beruht dabei auf Plausibilitätsüberlegungen unter Berücksichtigung anderer Studien, die jene Wirtschaftsbereiche als stadtaffin benennen. Dies sind die Wirtschaftsbereiche der Informations- und Kommunikationstechnologie (IKT), der Spitzen- oder hochwertigen Technologie (Hightech), die Gesundheitswirtschaft, die Kreativwirtschaft, das Handwerk und das Urban Farming/Urban Gardening. Diese sind – um mit einem Bild zu sprechen – als Teile des Humus zu verstehen, der den Baum der Urbanen Produktion wachsen und gedeihen lässt (
Abb. 2).
Es ist klar, dass sich die einzelnen Wirtschaftsbereiche hierbei überlappen oder Untergruppen voneinander darstellen. Eine solche Überschneidung ist aber durchaus zulässig und auch gewünscht: Denn Urbane Produktion zeichnet sich durch ein hohes Maß an Heterogenität aus. Es ist eine Art Sammelbegriff für viele produzierende Bereiche und es gilt, dieses Konstrukt aus unterschiedlichen Perspektiven seiner eigenen Bestandteile zu analysieren. Von einer Gewichtung der Bestandteile Urbaner Produktion wird hierbei bewusst abgesehen. Stattdessen werden die Anteile an Urbaner Produktion zum einen über die Anzahl der

Abb. 2: Urbane Produktion visualisiert als Baum, der durch einen aus stadtaffinen Branchen bestehenden Humus gespeist wird (eigene Darstellung).
Unternehmen und zum anderen über die Anzahl der Beschäftigten in dem Wirtschaftsbereich gemessen. Dies gibt Hinweise auf Arbeitsplatzeffekte, nach denen – falls gewünscht – ausgewertet werden kann. Im Folgenden wird die Auswahl der einzelnen Wirtschaftsbereiche Urbaner Produktion detaillierter erläutert:
Ein Kriterium der Stadtaffinität kann z. B. das positive Wachstum einer Branche sein. Aufgrund der höheren Standortpreise in städtischen Lagen sind es vornehmlich kapitalstarke Branchen, die sich einen innerstädtischen Standort leisten können. Der grundsätzliche Zusammenhang von Kapitalstärke und freier Standortwahl ist unmittelbar plausibel. Zu den wachsenden Wirtschaftsbereichen gehören insbesondere die Gesundheitswirtschaft sowie forschungsintensive Technologien der IKT-Branche. Beide Branchen zeichnen sich durch einen hohen technischen Standard aus, welcher sich nicht nur auf die Produkte, sondern auch auf die Fertigungsprozesse bezieht. Da hier hoher technischer Standard dauerhaft nur durch Modernisierung zu erhalten ist, sind diese Branchen in der Stadt gut vorstellbar, da im Zuge der Modernisierung auch emissionsmindernde Maßnahmen getroffen werden können.
Die Gesundheitswirtschaft wird hier nach dem Schichtenmodell des IAT verstanden (
Abb. 3). Der Gesundheitssektor, in Abgrenzung zur Gesundheitswirtschaft, stellt den Kern des Modells dar. In unserer Interpretation ist insbesondere die dritte Schicht von Bedeutung, da hier Produktion vertreten wird durch die Pharmazeutische Industrie, Biotechnologie, Medizin- und Gerontotechnik sowie das Gesundheitshandwerk. Letzteres ist sehr gut in die innere Stadt integrierbar: zum einen aufgrund der hohen Nachfrage einer alternden Gesellschaft und zum anderen aufgrund einer für das Handwerk weitgehend typischen Verträglichkeit mit dem städtischen Umfeld, sodass bereits heute bspw. Orthopäd:innen und Hörgeräteakustiker:innen das innerstädtische Bild prägen. Neben dem Gesund-

Abb. 3: Schichtenmodell der Gesundheitswirtschaft (eigene Darstellung nach Fretschner/Hilbert 2002).
heitshandwerk empfiehlt sich die Pharma-Industrie als potenzieller urbaner Produzent. Diese Branche ist enorm kapitalstark sowie stark wachsend. Viele Unternehmen dieses Sektors haben die Städte als anregende Standorte erkannt und entwickeln z. B. Campus-Konzepte wie den Novartis-Campus, das Werkareal in St. Johann in Basel, wo Produktionsstätten verknüpft werden mit Forschungs- und Bürogebäuden, z. T. von Stararchitekt:innen (z. B. Frank O. Gehry, David Chipperfield, Tadao Ando) entwickelt. Das Image ist hierbei einer der wesentlichen Faktoren, der diesen Industriezweig in das Zentrum der Städte bewegen kann. Hier kann durch prestigeträchtige Lagen die beschriebene Finanzstärke demonstriert und die hochqualifizierten Wissensarbeiter:innen können angezogen werden.
Neben der Kapitalstärke und Wissensintensität einer Branche ist – insbesondere für kleinteiligere Produktionsbereiche – die hohe Kundenspezifikation der Produkte ein weiterer Aspekt, der einen urbanen Standort empfiehlt (Lentes 2017).
Ähnlich lässt sich über die Stadtaffinität für den IKT-Bereich und für die hochwertige bzw. Spitzentechnologie urteilen. Die IKT-Produktion umfasst in unserer Sichtweise die Bereiche IKT-Hardware und – entsprechend der Definition von Urbaner Produktion im weiteren Sinne – auch die IKT Software-Produktion (ZWE 2014). Hoch- und Spitzentechnologie können IKT beinhalten, decken inhaltlich aber eine größere Bandbreite ab. Diese Überschneidung ist hier zulässig und gewollt. Zur Spitzentechnologie gehören bspw. Produktionsunternehmen aus den Bereichen der pharmazeutischen Grundstoffe, der Datenverarbeitungsgeräte sowie der Mess- und Navigationsinstrumente; zu dem Bereich der hochwertigen Technik gehören z. B. die Herstellung von Maschinen, Motoren, Kraftfahrzeugen und verschiedenen chemischen Erzeugnissen (ZEW 2013, 2). Im Bereich der Spitzen- respektive hochwertigen Technologien wie auch im IKT-Bereich sind kleinere, dezentrale Produktionseinheiten und damit eine Integration in das Innenstadtgefüge denkbar. Eine positive Imagebildung kann hier ebenfalls eine wesentliche Motivation sein. Gleichzeitig können Kommunen mit der Ansiedlung von hochwertigen Technologien für sich werben. Innovation, Arbeitsplätze, das Gestalten von Zukunft sind mit Spitzentechnologie verbundene Begriffe. Darmstadt wirbt z. B. als Kommune – auch in seinem neuen Stadtentwicklungskonzept (Darmstadt 2030+) – mit dem Titel der Wissensstadt.
Einer völlig anderen Motivation folgt die Stadtaffinität für den Bereich der Kreativwirtschaft und des Urban Farming. »Kreativität braucht die Stadt, das urbane Milieu, um sich zu entfalten« (KuWi 2008). Die Kreativwirtschaft ist bereits historisch in der Stadt als Zentrum für Mode, Kunst und Kultur angesiedelt und auch heute ist die Kreativwirtschaft unbestritten stadtaffin (KuWi 2008; BMWi 2021). Künstler:innenwerkstätten und Manufakturen – zumeist betrieben durch Einzelpersonen – können aufgrund ihrer geringen Produktionsmenge und überschaubaren Produktionstechnologie verhältnismäßig leicht in das Stadtgefüge integriert werden. Die Kreativwirtschaft ist – nicht durchweg aber dennoch verstärkt – häufig in niedrigpreisigen Vierteln zu verorten, oftmals auch dort noch subventioniert. Immerhin können strukturschwache Quartiere durch die Ansiedlung von bspw. Kunsthandwerk und der dazugehörigen Szene revitalisiert werden. Praxisbeispiele sind das Samtweberviertel in Krefeld und auch der Wuppertaler Ölberg. Beim letztgenannten ging der Impuls von den ansässigen Unternehmern aus, die in Nachbarschaftsaktionen und Selbstverwaltung ein Image geschaffen und Leerstände beseitigt haben.
Urban Farming/Urban Gardening ist derzeit am ehesten als Trend zu beschreiben. Noch handelt es sich oftmals um engagierte Einzelpersonen/Personenkreise. Oftmals erfolgt Urban Farming/Gardening durch das Anlegen von privatwirtschaftlichen Stadtgärten bis hin zur Errichtung von Aquaponikanlagen. Eine innerstädtische landwirtschaftliche Nutzung im großen Stil zu denken, wird am ehesten über die Konzepte einer produktiven Landschaft im Rahmen der Freiraum- und Grünflächenplanung ermöglicht, wie sie derzeit von vielen Landschaftsplanern entwickelt und implementiert werden.
Eine weitere Facette Urbaner Produktion bildet das Handwerk (
Beitrag Carsten Benke), das bereits historisch in der Stadt angesiedelt war. Es braucht die Nähe zu den Kund:innen, findet seinen Absatz und seine Mitarbeiter:innen oft im Quartier und ist tendenziell wenig über die Stadtgrenze hinweg aktiv. Zu- und Ablieferung von Material sind hier überschaubar, solange nicht in Serie produziert wird. In seiner Verbindung von Produktion und Dienstleistung ist das Handwerk traditionsverbunden und zukunftsweisend zugleich. So gewinnt auch in anderen Bereichen aufgrund der Komplexität der Technik die Unterstützung in Form der Serviceleistung an Bedeutung und sogenannte hybride Produkte etablieren sich als Paket aus Ware plus Dienstleistung am Markt. Ursächlich sind die Kund:innen, die weder an einem Produkt noch an einer Dienstleistung interessiert sind, sondern an der Problemlösung (Böhmermann/Krcmar 2007).
Unternehmen aus den beschriebenen Segmenten einer stadtaffinen Produktion können jedoch nicht automatisch ihren Standort in der Stadt finden. Natürlich liegen etliche Hürden und Hemmnisse vor, die einer innerstädtischen Ansiedlung entgegenwirken können. Diese liegen neben Emissionen von Lärm und Schadstoffen insbesondere in den Flächenkosten und in logistischen Fragen. Dennoch ist es aus einer Potenzialsicht spannend, zu sehen, welche produzierenden Unternehmen und Sektoren grundsätzlich als stadtaffin gefunden werden können.
1.3 Messung der Urbanität – Die IRB-Lagen
Bevor im nächsten Abschnitt die Messung der aufgezählten Branchen und Sektoren erläutert wird, wenden wir uns hier noch kurz dem Urbanen und seiner Erfassung zu. Hierbei sollen die IRB-Lagen (Innerstädtische Raumbeobachtung des BBSR) eine vereinheitlichte Grundlage für räumliche Vergleichsbetrachtungen von Städten bilden. Für jede teilnehmende Stadt wird mithilfe der Städtestatistik und von Expert:innen eingeschätzt, wo die fünf Lagetypen (City, Cityrand, Innenstadtrand, Stadtrand und Nahbereich) in der jeweiligen Stadt liegen (
Tab. 1). Die IRB-Lagen des BBSR wurden folglich in enger Zusammenarbeit mit 40 (Groß-)Städten entwickelt und existieren heute für 45 deutsche (Groß-)Städte. Die IRB-Lagen unterscheiden Räume nach ihrer Zentralität und weisen jedem Stadtteil einen Lagetyp zu.
Tab. 1: Beschreibung der IRB-Lagen

IRB-LageBeschreibung
Quelle: Sturm 2007, 16
1.4 Messung stadtaffiner Branchen
Zur Messung der stadtaffinen produzierenden Branchen wird die WZ-Klassifikation 2008 der Wirtschaftszweige des Statistischen Bundesamtes zugrunde gelegt. Die Zuordnung erfolgt, wenn vorhanden, unter Bezug auf bestehende Zuordnungen der einschlägigen Fachliteratur, die für die Bereiche der IKT-Produktion, Spitzen- und hochwertige Technologie, Gesundheitswirtschaft und Kreativwirtschaft vorliegen (
Tab. 2 im Anhang) sowie durch eigene Einschätzung im Bereich des Handwerks (
Tab. 3 im Anhang).
Die Messung von hochwertiger und Spitzentechnologie erfolgt nach der Nomenklatur des ZEW (Legler/Frietsch 2006; ZEW 2013). Aus der Einteilung »Hightechbranchen« sind hier die Bereiche »Spitzentechnik im Verarbeitenden Gewerbe« und »hochwertige Technik im Verarbeitenden Gewerbe« (ZEW 2013, 3) berücksichtigt, da diese Bereiche mit der Produktion verbunden sind, in Abgrenzung zu den technologieintensiven Dienstleistern, die nicht in dieses Messkonzept eingehen. Hochwertige Technologie und Spitzentechnologie werden entsprechend ihrer Forschungsintensität zugeordnet: Hochwertige Technologie umfasst Wirtschaftszweige mit einer durchschnittlichen Forschungs- und Entwicklungsintensität von 2,5–7 %, bei der Spitzentechnologie liegt der Wert über 7 % (Legler/Frietsch 2006).2
Bei der Messung des IKT-Bereichs werden nur die produzierenden Wirtschaftszweige berücksichtigt, die als solche bereits vom ZEW (2013) als »IKT-Hardware« ausgewiesen werden. Entsprechend der unterschiedlichen Einzugsfelder der hier verwendeten Definitionen findet der IKT-Bereich »Software« in der weiten Definition Berücksichtigung und geht hier als (potenziell) seriell gefertigtes digitales Gut in die Messung ein. Dabei ist uns bewusst, dass nicht jede Software auch seriell gefertigt wird. Zu bemerken ist, dass der Bereich »Software« abgegrenzt ist von dem Bereich »IKT-Dienstleistung«, sodass hier keine reine Dienstleistung gemessen wird, sondern immer ein Produkt hervorgeht.
Eine Übersicht relevanter Bereiche in der Gesundheitswirtschaft findet sich beim IAT (Fretschner/Hilbert 2002). Die für unsere Betrachtung relevanten Bereiche der pharmazeutischen Industrie, Biotechnologie, Medizin- und Gerontotechnik und das Gesundheitshandwerk werden nach eigenem Ermessen den WZ-Klassen zugeordnet.
Die Messung der Kreativwirtschaft, die Gegenstand zahlreicher Untersuchungen ist, erfolgt in Anlehnung an die Studie des BMWi (2012). Auch hier wird für jede WZ-Kategorie entschieden, ob diese durch eine im Schwerpunkt produzierende Tätigkeit im Kreativbereich belegt ist. Eine detaillierte Zuordnung von Branchen und WZ-Kategorien findet sich im Anhang (
Tab. 2 und 3) und in Piegeler/Spars (2019).
2 Daten und Methode der empirischen Auswertung
Grundlage für die statistischen Auswertungen sind die Daten des Unternehmensregisters 2012 der Statistischen Ämter der Länder. Die Statistik ermöglicht eine detaillierte Betrachtung der Produktion nach WZ-Mehrstellern und damit eine Neusortierung der Klassen. Diese Neusortierung erfolgt anhand der im Anhang aufgeführten Wirtschaftszweige (
Tab. 2 und 3), die die Gesamtheit der stadtaffinen Branchen quantitativ misst.
Die Zahlen des Unternehmensregisters der Statistischen Ämter der Länder weisen für die aufgeführten Wirtschaftszweige die Anzahl der Unternehmen sowie die Anzahl der Beschäftigten aus. Um die ausgewiesene Anzahl bezogen auf eine Stadt in ihrer Höhe bewerten zu können, bietet sich das Bilden von Verhältniszahlen an, welche die absolute Anzahl auf einen bundesweiten oder landesweiten Vergleichswert beziehen. Da die Maßzahl eine Aussage über die relative Intensität – hier von Urbaner Produktion bzw. stadtaffiner Branchen – trifft, ist der Standortkoeffizient ein geeignetes Maß für die regionale Konzentration von Wirtschaftsbereichen. Formal lässt sich der Standortkoeffizient c wie folgt darstellen:

Hierbei steht N im Allgemeinen für die Anzahl (sowohl für die Anzahl der Unternehmen wie gleichermaßen für die Anzahl der Beschäftigten), mit der Branche i = 1 … n, der Region (hier: kreisfreie Stadt in NRW, Hamburg) j = 1 … m und mit G für die Gesamtheit, auf die die kommunalen Werte bezogen werden sollen (hier Deutschland und alternativ NRW).
Der Standortkoeffizient setzt den Anteil der Unternehmen (Beschäftigten) einer Branche in einer Stadt an deren Gesamtzahl an Unternehmen (Beschäftigten) ins Verhältnis zum bundes- respektive landesweiten Mittel an Unternehmen (Beschäftigten) der Branche, ebenfalls anteilig betrachtet. Folglich zeigt eine Maßzahl über (unter) 1 eine überdurchschnittliche (unterdurchschnittliche) Konzentration der betreffenden Wirtschaftsbereiche und ein Koeffizient von 1 zeigt an, dass die betrachtete Einheit (hier: kreisfreie Stadt in NRW, Hamburg) in Bezug auf ihre Branchenintensität dem bundes- respektive landesweiten Mittel exakt entspricht.
Nach hier vorliegender Definition visualisiert Abb. 1 genau dann die Urbane Produktion, wenn die Unternehmen, welche zu den aufgeführten Wirtschaftsbereichen zählen, auch im urbanen Raum ansässig sind. Ohne diese notwendige Bedingung des Standorts im urbanen Raum werden lediglich stadtaffine produzierende Branchen nach Wirtschaftsbereichen erfasst, aber keine Urbane Produktion als solche gemessen. Das Unternehmensregister der Statistischen Ämter der Länder gibt leider keine Information über den Standort des Unternehmens frei. So ist es aufgrund von Datenlimitation nicht möglich, die produzierenden Unternehmen zu verorten.
Die folgenden Auswertungen sind somit immer unter der Beschränkung zu lesen, dass nicht Urbane Produktion direkt gemessen, sondern vielmehr eine größere Menge an Unternehmen betrachtet wird, von denen ein verhältnismäßig großer Anteil mit erhöhter Wahrscheinlichkeit auch im urbanen Raum ansässig ist. Erhöht ist die Wahrscheinlichkeit deshalb – und damit ist letztlich eine solche Auswertung sinnvoll –, da die untersuchten Wirtschaftsbereiche nach vorangegangener Argumentation als stadtaffin detektiert wurden. Es wird somit ein Potenzial an stadtaffinen Unternehmen gemessen – und zwischen den Städten verglichen –, das dabei helfen kann, Strategien der Wiederbelebung leer gelaufener Gewerbestandorte oder der Entwicklung neuer gewerblicher Agglomerationen im urbanen Raum abzuleiten. Denn wenn das Potenzial einer stadtaffinen Produktion in einer Stadt nicht bekannt ist, kann man im Rahmen der Wirtschaftsförderungsstrategien und der Ansiedlungspolitik auch nicht damit arbeiten. Überdies liegt ein Vorteil dieser Betrachtungen in der systematischen Analyse dieser Daten der Statistischen Ämter der Länder, sodass hier eine Analyse stadtaffiner Branchen für alle kreisfreien Städte NRWs durchgeführt werden konnte.
3 Deskriptive Statistik: Ergebnisse der Analyse stadtaffiner Branchen
Abb. 4 zeigt die wirtschaftliche Relevanz stadtaffiner produzierender Branchen auf. Von den in Deutschland gut vier Millionen Unternehmen ist fast jedes sechste Unternehmen (17,2 %, n = 694 435) nach unserer Nomenklatur stadtaffin. Für NRW liegt der Anteil vergleichbar bei 16,58 %. Dies entspricht einer Zahl von 134 722 Unternehmen bei insgesamt 812 715 Unternehmen in NRW. Gleichzeitig ist auch jede:r sechste Mitarbeiter:in in einem Unternehmen einer stadtaffinen Branche beschäftigt.
Welche Städte in NRW weisen bei Unternehmen und Beschäftigten einen besonders hohen Anteil an stadtaffinen Branchen aus? Zur Beurteilung wird hier der Standortkoeffizient verwendet. Da das diesem Beitrag zugrunde liegende Forschungsprojekt »Gewerbe in der Stadt« neben dem Fallbeispiel Hamburg seinen Analyseschwerpunkt in NRW hat, wird zum einen das Niveau des Bundesgebiets und alternativ das Niveau NRWs als Durchschnittsmaß angesetzt. Abb. 5 zeigt die Standortkoeffizienten für alle kreisfreien Städte in NRW und Hamburg. Hierbei wird der Standortkoeffizient auf Basis der Anzahl der Unternehmen dargestellt, einmal bezogen auf den durchschnittlichen Anteil in Deutschland (blau) und in NRW (hellblau). Zusätzlich sind die Standortkoeffizienten nach der Anzahl der Beschäftigten ausgewiesen, analog im Verhältnis zum gesamtdeutschen Anteil der Beschäftigung in stadtaffinen Branchen (grau) sowie im Verhältnis zum Anteil in NRW (hellgrau).

Abb. 4: Stadtaffine produzierende Branchen in absoluten Zahlen und in Anteilen, gemessen an Unternehmen und Beschäftigten in Deutschland (außen) und NRW (innen) (eigene Darstellung; Daten: FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Unternehmensstatistik 2013, eigene Berechnungen).
Zunächst zeigt sich allgemein, dass die ausgewiesenen Koeffizienten hinsichtlich der Anzahl der Unternehmen bezogen auf die NRW-Gesamtheit größer sind als bezogen auf Deutschland. Dies bedeutet, dass der Anteil stadtaffiner Branchen an allen Unternehmen insgesamt für NRW (16,58 %) etwas geringer ausfällt als in der gesamtdeutschen Betrachtung (17,2 %). Dies gilt gleichermaßen für die Beschäftigung in stadtaffinen Branchen (Deutschland 17,49 %, NRW 16,54 %) (
Abb. 4).
Angeführt wird das Ranking in Abb. 5 durch die Städte des Bergischen Städtedreiecks, Solingen, Remscheid und Wuppertal. Diese und die anderen Städte wie Oberhausen, Mönchengladbach, Krefeld, Köln und Aachen, die einen Standortkoeffizienten größer 1 ausweisen, verfügen über einen überproportionalen Anteil von Unternehmen in stadtaffinen produzierenden Branchen. Im Einzelnen zeigt sich, dass der Standortkoeffizient (gebildet über die Anzahl der Unternehmen) von Wuppertal einen deutlich überproportionalen Anteil von Unternehmen in stadtaffinen Branchen ausweist, Krefeld etwa dem Durchschnitt entspricht, der für Deutschland und NRW recht eng beieinander liegt, und die das Ruhrgebiet vertretenden Städte Dortmund, Duisburg, Bochum und insbesondere Essen deutlich unterproportionale Anteilsverhältnisse der Unternehmen in stadtaffinen Branchen aufweisen.
Wird die Anzahl der Beschäftigten als alternatives Maß der Bestimmung des Standortkoeffizienten für stadtaffine Branchen zugrunde gelegt, verändert sich die Rangfolge deutlich. Dortmund und Krefeld weisen einen überproportionalen

Abb. 5: Standortkoeffizienten für stadtaffine produzierende Branchen nach Anzahl der Unternehmen und nach Beschäftigten der kreisfreien Städte NRWs sowie Hamburg. Die Darstellung ist geordnet nach dem Koeffizienten für die Anzahl der Unternehmen bei der Bezugsgröße Deutschland (eigene Darstellung; Datenquelle: FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Unternehmensstatistik, 2013, eigene Berechnungen).
Anteil aus, während absteigend Duisburg, Bochum, Essen und Wuppertal unterproportional vertreten sind. Die Information über die relative Anzahl der Unternehmen und der Beschäftigten lässt Schlüsse auf die Größenstruktur der Unternehmen in den Städten zu und unsere Ergebnisse lassen sich wie folgt interpretieren: Wuppertal verfügt – verglichen mit den anderen Städten – über eine kleinteiligere Unternehmensstruktur in den stadtaffinen produzierenden Branchen. Gleiches gilt für die Städte Solingen und Remscheid, in denen eine relativ hohe Unternehmensanzahl einer relativ niedrigen Beschäftigungsanzahl gegenüber steht. Die Unternehmen aus stadtaffinen Branchen haben also in diesen Städten einen eher geringen Arbeitsplatzeffekt. Demgegenüber verfügen die Städte Krefeld und Dortmund über einen hohen Beschäftigtenanteil in den stadtaffinen Branchen bei einem durchschnittlichen Anteil stadtaffiner Unternehmen. Hier verbinden sich mit den Unternehmen aus stadtaffinen Branchen besonders starke Arbeitsplatzeffekte. Die höchste Beschäftigungsintensität bei durchschnittlichem Unternehmensanteil in stadtaffinen produzierenden Branchen zeigt Aachen.
Es werden nun die Anteile der Unternehmen und der Beschäftigten gegenübergestellt. Diese vergleichende Betrachtung gibt Aufschluss über die Beschäftigungswirksamkeit der einzelnen stadtaffinen Branchen, die wir bislang in Summe betrachtet haben (
Abb. 5). So stellen sich insbesondere die Spitzentechnologie und die hochwertigen Technologien als beschäftigungsstark dar. Bei der Spitzentechnologie liegen die Anteile der Beschäftigten mit 5 % (NRW) respektive 8 % (Deutschland) deutlich über den Unternehmensanteilen von 1 % respektive 2 %. Im Bereich der hochwertigen Technologien stehen Unternehmensanteilen von 4 % (NRW) respektive 3 % (Deutschland) Beschäftigungsanteile von 14 % respektive 15 % gegenüber. Deutlich beschäftigungsschwach zeigt sich der Bereich der Kreativwirtschaft sowohl in NRW als auch im Bundesdurchschnitt mit einem fast viermal geringeren Anteil an Beschäftigung (4 %) im Vergleich zum Anteil der Unternehmenszahl (15 %), was die bekannte Kleinteiligkeit in diesem Wirtschaftssegment bestätigt. Das größte Segment der stadtaffinen Branchen stellt das Handwerk dar, was sich sowohl bei der Unternehmensanzahl (69 % in NRW und bezogen auf Deutschland) wie der Anzahl der Beschäftigten (NRW: 63 %, Deutschland: 57 %) zeigt. Bezüglich des Beschäftigungsanteils fällt auf, dass dieser in NRW um sechs Prozentpunkte höher liegt als im Bundesdurchschnitt. Dieser statistische Wert unterstreicht die Bedeutung des Handwerks in der Betrachtung stadtaffiner produzierender Branchen im Land NRW. Zudem bestätigen die Zahlen die Kleinteiligkeit der Unternehmensstruktur und eine geringe Arbeitsplatzwirksamkeit, wie es für das Handwerk typisch ist.
Wie stellen sich die kreisfreien Städte in NRW hinsichtlich der einzelnen stadtaffinen Branchen dar? Ein überproportionales (unterproportionales) Gesamtmaß über alle stadtaffinen Branchen, wie es in Abb. 5 analysiert wurde, bedeutet nicht zwangsläufig eine Überproportionalität (Unterproportionalität) in allen Branchen. Über die Anteilsverteilung der einzelnen stadtaffinen produzierenden Branchen aller kreisfreien Städte in NRW plus Hamburg gibt Abb. 6 Aufschluss. Sie zeigt die Anzahl der Unternehmen der Wirtschaftsbereiche IKT, Spitzentechnologie, hochwertige Technologie, Gesundheitswirtschaft und Kreativwirtschaft bezogen auf die Gesamtzahl aller Unternehmen in der jeweiligen Stadt.3 Die Abbildung dient primär dazu, eine Rangfolge der Städte untereinander hinsichtlich der Unternehmensanzahl innerhalb der einzelnen stadtaffinen Branchen aufzuzeigen. Herausragend ist hierbei die Stadt Aachen, in allen Bereichen. Sie weist die höchsten Anteile in den Technologiebereichen sowie in der Gesundheitswirtschaft auf und nimmt bei der Kreativwirtschaft den 4. Rang ein, der sich immer noch deutlich von der Masse abhebt. Die Abbildung zeigt weiter, wie unterschiedlich sich die Anteile in den einzelnen stadtaffinen Branchen über alle kreisfreien Städte in NRW und damit über die Rangfolgen der Städte darstellen.
Insgesamt zeigen die Ergebnisse, dass zwischen den Städten eine enorme Varianz in der Ausstattung und der anteiligen Zusammensetzung stadtaffiner Branchen existiert. Zudem weisen die Ergebnisse auf den wesentlichen Einfluss des Handwerks in unserer Messung hin. Dies unterstreicht die Notwendigkeit einer gesonderten Studie für den Wirtschaftsbereich des Handwerks. Weitere empirische Auswertungen finden sich in Piegeler/Spars (2019).

Abb. 6: Anzahl der Unternehmen einer einzelnen stadtaffinen Branche bezogen auf die Gesamtzahl der Unternehmen in der Stadt (eigene Darstellung; Datenquelle: FDZ der Statistischen Ämter des Bundes und der Länder, Unternehmensstatistik 2013, eigene Berechnungen).
4 Zusammenfassung und Diskussion der Ergebnisse
Dieser Beitrag schlägt zunächst eine Definition von Urbaner Produktion vor, die sich an einem engeren und einem weiteren Verständnis orientiert. Darüber hinaus wird ein Maß entwickelt, mit dessen Hilfe stadtaffine Branchen und deren Bedeutung gemessen und verglichen werden können. Damit können wiederum Hinweise auf das Potenzial von Urbaner Produktion in den Vergleichsräumen gegeben werden. Zur Messung der stadtaffinen Branchen werden spezifische WZ-Kategorien 2008 zur Einordnung der Produktion und die IRB-Lagen des BBSR zur Bestimmung der urbanen Lage verwendet. Das heterogene Konzept der stadtaffinen Branchen umfasst die produzierenden Bereiche der Branchen IKT, Spitzentechnologie, hochwertige Technologie, Gesundheitswirtschaft, Kreativwirtschaft und Handwerk. Das Konzept dient dazu, nicht nur die derzeit aus dem einen oder anderen Grund innerstädtisch gelegenen Produktionsbetriebe zu erfassen, sondern jene Unternehmen zu messen, die tatsächlich stadtaffin sind. Damit ermöglicht das Konzept, ein unternehmerisches Potenzial für die Urbane Produktion in den Vergleichsräumen zu erkennen, bei dem Wirtschafts- und Ansiedlungspolitik strategisch ansetzen können. Zudem ermöglicht das Konzept der stadtaffinen produzierenden Branchen empirische Analysen des sogenannten »Humus der Urbanen Produktion«, ein Behelf, quantitative Aussagen auch im Falle einer fehlenden Verortung der Produktionsstätten zunächst zuzulassen. Im Austausch bietet diese Analyse eine Empirie für eine große Beobachtungszahl, d. h. alle kreisfreien Städte in NRW plus den Stadtstaat Hamburg.
Die Ergebnisse dieser empirischen Analysen zu stadtaffinen produzierenden Branchen verdeutlichen deren hohe wirtschaftliche Relevanz. So entfallen etwa ein Sechstel aller Unternehmen und gleichzeitig ein Sechstel der Beschäftigung sowohl in Deutschland als auch in NRW auf die stadtaffinen Branchen. Aus ökonomischer Sicht ist es folglich sinnvoll, das Thema der Urbanen Produktion in dieser Form zu adressieren. Unser Beitrag zeigt ferner, dass es grundsätzlich nicht hinreichend ist, von »der« Urbanen Produktion zu sprechen: Entscheidungsträger sollten sich bewusst machen, dass Urbane Produktion ein sehr heterogenes Konstrukt ist, welches sich aus unterschiedlichen Bereichen der Wirtschaft speist. Die empirischen Analysen zu den stadtaffinen Branchen bestätigen diese Heterogenität. Im Vergleich ist bspw. die Spreizung in der Unternehmensgröße stadtaffiner Branchen mehr als doppelt so hoch wie die Spreizung der Unternehmensgröße aller Wirtschaftszeige.
Hieraus folgt, dass sich eine mögliche Förderung von Urbaner Produktion auf bestimmte Teilbereiche beziehen und unter Berücksichtigung der regionalen bzw. lokalen Spezifika erfolgen kann und vielleicht auch sollte. Unsere Arbeit trägt ganz erheblich zum Verständnis dieser Teilbereiche und dieser Spezifika bei. So zeigt diese Analyse bzgl. der Unternehmensstruktur und der Arbeitsplatzeffekte bspw. die hochwertige Technologie und Spitzentechnologie als besonders beschäftigungsstark auf. Dabei gibt die Studie Hinweise darauf, dass in dem Bereich der Spitzentechnologie wie auch der Gesundheitswirtschaft kleinteiligere Unternehmensstrukturen in NRW vorliegen als im Vergleich zu Gesamtdeutschland. Beschäftigungsschwach hingegen zeigt sich im Allgemeinen die produzierende Kreativwirtschaft.
In jedem Falle macht die intensive Untersuchung der empirischen Basis deutlich, wie differenziert und heterogen die Strukturen und das Niveau des Potenzials an stadtaffinen Branchen für die Urbane Produktion in den einzelnen Städten sind. Daher sollte die Wirtschaftspolitik auf kommunaler Ebene oder in den Ländern auf die Passgenauigkeit ihrer Ansätze und Instrumente achten.
Die Stadtaffinität der Wirtschaft stellt eine Grundvoraussetzung für die Urbane Produktion dar. Die vorhandenen »urbanen Lagen« bilden jedoch eine andere Voraussetzung. Städte, die in dieser Untersuchung der stadtaffinen Unternehmen gut abschneiden, können bei der planerischen Gestaltung von innerstädtischen Brachen und anderen urbanen Transformationsarealen sowie bei der Weiterentwicklung von Gewerbegebieten bewusst darauf achten, dass sie diese Potenziale berücksichtigen und deren räumliche und infrastrukturelle Bedürfnisse beachten.
Unser Messkonzept stellt ein nützliches Werkzeug für eine erste und vergleichende Betrachtung der Potenziale von Urbaner Produktion für Kommunen dar. Zur Vervollständigung des Bildes sollte diese als erster Schritt zu verstehende, eher »theoretische« Annäherung an die Vielfalt Urbaner Produktion durch eine »praktische« Ermittlung der Stadtaffinität der Branchen, bspw. durch Unternehmensbefragungen, ergänzt werden.
Quellen
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Anhang: Zuordnung der Wirtschaftszweige der WZ-Kategorien (2008) zu den Wirtschaftsbereichen einer Urbanen Produktion
Tab. 2: Zuordnung der Wirtschaftszweige der Klassifikation des Deutschen Statistischen Bundesamtes 2008 zu den Wirtschaftsbereichen Urbaner Produktion




Tab. 3: Zuordnung der WZ-Kategorien zu den Gewerken der Handwerksrolle





1 Diese räumliche Zuordnung wird im Abschnitt 3.1.3 genauer erläutert.
2 Als Intensität gemessen wird der prozentuale Anteil am Umsatz, der als Ausgabe für Forschung und Entwicklung aufgewendet wird. Betrachtet wird der Durchschnitt einer Branche.
3 Aus Gründen der Maßstäblichkeit wird das Handwerk in der Abbildung nicht berücksichtigt.
Urbane Produktion: Ist da wirklich Speck dran?
Stefan Gärtner, Kerstin Meyer und Marcel Schonlau
1 Einleitung
Urbane Produktion wird seit den 2010er-Jahren vermehrt in Deutschland diskutiert und durch Forschungsprojekte propagiert (Läpple 2013; Bauer/Lentes 2014; Brandt/Gärtner/Meyer 2017). Ursache dafür ist einerseits die Umsetzung der Leipzig Charta zur nachhaltigen europäischen Stadt, die eine funktionale Durchmischung von Gebieten im Sinne der Stadt der kurzen Wege fordert. Andererseits ist es die zunehmende Verdrängung produzierenden Gewerbes aus den deutschen Städten aufgrund der globalen Arbeitsteilung sowie den hohen Renditeerwartungen bei Wohnbebauung seit der Weltwirtschafts- und Finanzkrise 2007/08. Auch die Fokussierung auf Dienstleistungsbereiche hat Produktion in Vergessenheit geraten lassen, was als eine Art Rebound-Effekt nun dazu führt, den Fokus wieder auf Produktion zu legen.
Getrieben durch Debatten um Klima- und Arbeitsschutz, CO2-Reduktion, »Fridays for Future« oder »Extinction Rebellion« sowie zunehmende Digitalisierung (Industrie 4.0), gewinnen lokale Produktion sowie regionale Wertschöpfungsketten auch im Sinne von »Cradle-to-Cradle« an Bedeutung. Ferner wird die Verlagerung von Unternehmen in »Niedriglohnländer« aufgrund des Lohndumpings und der Umweltfolgen zunehmend kritisch betrachtet. Während durch die Tertiärisierung der urbanen Arbeitsmärkte Arbeitsplätze im Produktionsbereich fehlen, fehlen in bestimmten Bereichen u. a. des Handwerks Fachkräfte (Matt et al. 2018, 1). Ersteres gilt es vor dem Hintergrund zu betrachten, dass städtische Arbeitsmärkte eine soziale Integrationswirkung haben und aufgrund ihrer relativ guten Entlohnung Produktionsarbeitsplätze eine positive verteilungspolitische Wirkung aufweisen (Rehfeld 2019). Viele Städte setzten in ihren Stadtentwicklungsstrategien deshalb auf das Thema (Wien, Stuttgart, Berlin, aber auch Frankfurt, Köln und Düsseldorf), auch um einen Imagewandel im produzierenden Gewerbe und Handwerk zu erreichen. Verschiedene Trends und technologische Entwicklungen ermöglichen es, vermehrt stadtverträglich zu produzieren (Lentes 2015; Petschow et. al 2014; Brandt et al. 2017). Auch das Bundeswirtschaftsministerium setzt mit der neuen Industriestrategie 2030 (BMWi 2019) auf Produktion bzw. Industrie.
Allerdings basiert der Wissensstand zum Thema Urbane Produktion noch sehr auf der Auswertung einzelner Fallstudien und Umfragen. Eine systematische – gerade auch quantitative – Erfassung des Phänomens und eine dementsprechende Abschätzung der ökologischen, sozialen, städtebaulichen und ökonomischen Wirkungen konnte bisher noch nicht erfolgen, auch weil es noch kein einheitliches Verständnis oder eine gemeinsame Definition dazu gibt. In diesem Beitrag wollen wir daher die Herausforderung bei der Definition und quantitativen Fassbarkeit diskutieren. Neben der Debatte um Tertiärisierung im städtischen Raum (Kap. 2) schlagen wir daher eine Definition vor (Kap. 3), die eine territoriale und sektorale Abgrenzung vornimmt. Daraufhin diskutieren wir andere Messkonzepte und schlagen ein davon abgewandtes Messkonzept vor (Kap. 4). Gleichzeitig beschreiben wir in diesem Teil auch die Standortbedingungen der Branche. Der Aufsatz schließt mit einem Ausblick zur Messbarkeit Urbaner Produktion.
2 Tertiärisierung im städtischen Raum
Nicht nur eine veränderte globale Arbeitsteilung und Verlagerung von Produktion in Länder mit günstigeren Faktorkosten und geringeren Umweltauflagen haben zur Tertiärisierung von Städten beigetragen, sondern auch städtische Wirtschaftspolitiken haben weltweit seit den 1980er-Jahren im Zuge einer allgemeinen post-industriellen Diskussion (Bell 1976) auf die Entwicklung (wissensintensiver) Dienstleistungen gesetzt. Fourastié (1954) träumte in seinem Buch Die Große Hoffnung des 21. Jahrhunderts bereits in den 1950er-Jahren davon, dass die Menschen aufgrund großer Effizienzgewinne im industriellen Bereich kaum noch in Fabriken schuften müssen und es ihnen im Rahmen einer Dienstleistungsgesellschaft bald viel bessergehen wird. Allerdings konnte der sinkende Bedarf an Arbeit im Industriesektor nicht zu jedem Zeitpunkt und nicht in allen Regionen durch Arbeitsplatzangebote im Dienstleistungssektor kompensiert werden. Hinzu kommt, dass die Gehälter im Dienstleistungssektor nicht in gleichem Maße gestiegen sind wie im Industriebereich. Unter dem Stichwort Onshoring (Luttrel 2009) bzw. Reshoring (Ellram et al. 2013; Fine 2013) ist durch technische Innovationen und dabei sinkende Pro-Stück-Arbeitskosten zwar eine Rückverlagerung der dann sehr kapitalintensiven Produktion in die Länder des globalen Nordens zu beobachten, in denen die gut ausgebildeten Fachkräfte und das Kapital vorhanden sind. Allerdings sind die Effekte mengenmäßig (noch) gering und die damit verbundenen Arbeitsplatzeffekte aufgrund des geringen Arbeitseinsatzes und des hohen Rationalisierungsgrades eher unerheblich.
Beispielsweise fällt bei der strukturpolitischen Bewältigung der Strukturkrise im Ruhrgebiet aus heutiger Perspektive unter anderem auf, dass aufgrund des sozialverträglichen Beschäftigungsabbaus der »soziale Frieden« im Ruhrgebiet zwar weitgehend gewahrt werden konnte, es jedoch heute an Produktionsbetrieben mangelt, die auch Menschen ohne Hochschulabschluss hinreichend bezahlte Arbeitsplätze bieten. Ferner war zwar der Aufbau der akademischen Bildungs- und Forschungslandschaft im Ruhrgebiet ein strukturpolitischer Erfolg (Dahlbeck/Gärtner 2019), allerdings wurde damit stark auf (wissensbasierte) Dienstleistungen gesetzt und wiederum wurden nur wenige Arbeitsplätze für Nicht-Hochqualifizierte geschaffen. So liegt das Ruhrgebiet beim Bruttoinlandsprodukt pro Erwerbstätigten im Jahr 2017 (67 728 €) sowohl hinter dem NRW- (72 708 €) als auch dem Bundesdurchschnitt (74 032 €), was ebenfalls für einen schwachen produzierenden Sektor steht (Meinke 2019). Bei Betrachtung der Strukturdaten (v. a. SGB II-Quote, Anteil Nichtdeutscher) auf Stadtteilebene zeigt sich heute die ungleiche Entwicklung im Ruhrgebiet. Hier zeichnet sich ab, dass der Süden (südlich der A40), der bereits frühzeitiger vom Strukturwandel betroffen war, weshalb in den 1970ern dort, in Bochum und Dortmund, die ersten Universitäten angesiedelt wurden, im Vergleich zu den nördlichen Stadtteilen eine positivere Entwicklung erfahren hat (Bogumil et al. 2012, 25).
Bei einer Betrachtung der Beschäftigung im Produzierenden Gewerbe (
Abb. 1) zeigt sich, dass sich insgesamt in Deutschland die relative Beschäftigung in den Großstädten stärker reduziert als im übrigen Bundesgebiet (ohne Großstädte). Trotzdem verfügt Deutschland im europäischen Vergleich abgesehen von einigen osteuropäischen Ländern mit geringeren Arbeitskosten noch immer über den höchsten Anteil an Beschäftigten im Produzierenden Gewerbe an der Gesamtbeschäftigung (Rhodes 2018; Brandt/Gärtner/Meyer 2017). Dies könnte einerseits am erfolgreichen dualen Ausbildungsmodell liegen, sowie andererseits auch an einem anderen eher dezentralen Finanzkapitalismus in Deutschland mit vielen regionalen Banken und Sparkassen, die sich auf das Mittelstandsgeschäft spezialisiert haben und damit eine Unabhängigkeit von den Kapitalmärkten ermöglichen (Gärtner/Flögel 2017). Da kleine und mittlere Unternehmen (KMU) im Produktionssektor i. d. R. kaum einen Zugang zum Kapitalmarkt haben, jedoch i. d. R. deutlich mehr Kapital als Dienstleistungsunternehmen benötigen, ist dies von besonderer Bedeutung.

Abb. 1: Entwicklung des Anteils der Erwerbstätigen im produzierenden Gewerbe (ohne Baugewerbe) in Deutschland an den Gesamtbeschäftigten (2000 –2016). (Quelle: Eigene Darstellung auf der Grundlage der Regionaldatenbank Deutschland, abrufbar unter https://www.regionalstatistik.de/genesis/online/). * Zu den 12 Städten Aachen, Bergisch Gladbach, Göttingen, Heilbronn, Hildesheim, Moers, Neuss, Paderborn, Recklinghausen, Reutlingen, Saarbrücken und Siegen lagen keine Daten vor; sie wurden nicht berücksichtigt.
3 Urbane Produktion in unserem Verständnis
Im Rahmen mehrerer Forschungsprojekte (u. a. Produktion zurück ins Quartier? Neue Arbeitsorte in der gemischten Stadt; Pro Urban – Produktion zurück in die Stadt?) wurde Urbane Produktion in Anlehnung an Läpple (2013; 2016) von uns relativ strikt »als die Herstellung und Bearbeitung materieller Güter in dicht besiedelten Gebieten, die häufig lokale Ressourcen und lokal eingebettete Wertschöpfungsketten nutzt« (Brandt/Gärtner/Meyer 2017, 4), definiert. Eine reine Dienstleistungsproduktion zählt danach nicht dazu. Es ist selbstverständlich auch sinnvoll, Filme, Software oder sonstige digitale Produkte in der Stadt herzustellen. Da diese Produkte aber nicht materieller Art sind, fallen sie hier nicht explizit unter den Begriff Urbane Produktion (
Abb. 2). Die Ausschließlichkeit unserer Definition soll aufzeigen, dass der Produktionssektor in den letzten Jahren vernachlässigt wurde. Tätigkeiten wie Reparatur und Verleih, die die Nutzungsintensität von Produkten erhöhen, werden zudem als Bestandteil Urbaner Produktion betrachtet. Aber auch Zwischenformen wie Workshops, bei denen Kund:innen gemeinsam mit den Produzierenden Dinge herstellen (Prosumenten), werden bei der eingangs angeführten Definition dazu gerechnet. So verwischen beispielsweise beim Konzept der »Experience Economy« (Pine/Gilmore 1999) die Trennlinien zwischen Produktion, Produktionserwerb und Erlebnis. Es handelt sich zwar nicht um eine reine Produktherstellung, aber es findet ein haptischer Umgang statt; Dienstleistung und Produktion sind dabei verbunden.
Die Fokussierung auf den Produktionssektor soll keinen Ersatz der Förderung von Dienstleistungsentwicklung, sondern eine Ergänzung darstellen und darauf hinweisen, dass der Produktionssektor in den letzten Jahren vernachlässigt wurde. So benötigt beispielsweise die städtische industrielle Fertigung Unternehmen in der Wertschöpfungskette, die Maschinen einrichten und warten bzw. eventuell Spezialmaschinen verleihen. Ferner profitieren sie von einer Forschungs- und Beratungsdienstleistung (z. B. Universitäten, Anwälte, Werbeagenturen), die im urbanen Kontext eher zu finden sind als an peripheren Standorten. Umgekehrt fragen die Dienstleistungsunternehmen Produktionsarbeit nach: Theater beauftragen z. B. die Produktion von Bühnenbildern etc.
Urbane Produktion lässt sich als Oberbegriff für Urbane Industrie, Urbane Landwirtschaft und Urbane Manufaktur verstehen (Brandt et al. 2017): Bei Urbanen Manufakturen handelt es sich um Produktionsbetriebe, die in kleinen Skalen im urbanen Raum Güter herstellen, verarbeiten oder reparieren. Das Zukunftsinstitut (2015) spricht von Urbanen Manufakturen als Pionieren, die sich den städtischen Raum als Produktionsstandort zurückerobern. Das Deutsche Institut für Wirtschaft (DIW) hat festgestellt, dass Gründungen im Produktionsbereich in den letzten Jahren vor allem in den Agglomerationsräumen stattgefunden haben (Gornig/Werwatz 2018). Auf Trends können Urbane Manufakturen besonders schnell reagieren, insbesondere, wenn sie in lokalen Unternehmensnetzwerken zusammenarbeiten. Ihre Größe, ihre Agilität und ihre Standorte erlauben in der Regel einen schnellen Warenumschlag und Informationsaustausch. Zum Umfang und zur Verbreitung Urbaner Manufakturen enthält die amtliche Statistik keine

Abb. 2: Produktion als Basis für Service und Dienstleistungen (Quelle: Brandt/Gärtner/Meyer 2017).
Daten, die es ermöglichen würden, die kleinen Urbanen Manufakturen nach Größe, Branche und Standorten genauer zu analysieren (Mistry/Byron 2011). Einblicke in die jeweiligen Strukturen werden in der Regel durch Fallstudien und Veröffentlichungen weitergegeben.
Dass der Trend zur Urbaner Produktion nicht nur im Falle Urbaner Manufakturen und anderer kleiner und mittlerer Produktionsbetriebe eine Rolle spielt, sondern auch bei größeren Industrieunternehmen, wird durch Beiträge mit Titeln wie das Comeback der Stadtfabrik (Kieser 2012) deutlich gemacht. Beispiele für Urbane Industrie zeigen sich in einigen Städten im Bestand: bspw. zentrumsnahe Brauereien oder traditionelle Betriebe, wie Lindt in Aachen, Brose in Coburg oder Manner in Wien. Die Traditionssüßwarenfabrik Manner AG ist ein Beispiel für vertikale Urbane Industrie in einem Wiener Gründerzeitquartier, die eine platzsparende, emissionsarme und umfeldverträgliche Fertigungsweise ermöglicht. Die vertikale Produktionsstruktur, bei der jedes Stockwerk eine eigene Funktion innehat und der Fertigungsprozess von oben nach unten durchgeplant ist, bietet im Gegensatz zur horizontalen Produktionsweise Effizienzgewinne und die optimale Nutzung des mehrstöckigen, städtischen Fabrikgebäudes. Zudem ermöglicht der urbane Produktionsstandort eine effiziente Nutzung der überschüssigen Wärme. Die Umstellung der Produktion auf die vertikale Produktionsweise und Zentralisierung in Wien (so wurde ein Produktionsstandort auf der grünen Wiese aufgegeben) bedeuten nicht nur Effizienzgewinne und ökologische Vorteile, sondern auch Imagegewinne für das Unternehmen (Brandt et al. 2017). Für diesen Teilbereich gibt es keine Aussagen zur ökonomischen und beschäftigungspolitischen Bedeutung. Da dieser Bereich aber sowohl die neuen Stadtfabriken als auch die gewachsenen Strukturen im Bestand umfasst, wird deren beschäftigungspolitische Bedeutung nicht unerheblich sein.
Weiterhin wird unter Urbaner Produktion auch Urbane Landwirtschaft verstanden. Es handelt sich dabei um professionelle landwirtschaftliche und gartenbauliche Aktivitäten in städtischen (urbanen) Räumen. Geringere Transportwege ermöglichen es, Lebensmittel schneller, ohne lange Lagerungszeiten und Zusatzstoffe zum Endverbraucher zu bringen (Halweil 2002). Urbane Landwirtschaft kann gerade dann eine ökonomische (und damit auch beschäftigungspolitische) und ökologische Bedeutung haben, wenn es nicht nur um die primäre Produktion, sondern auch um die Weiterverarbeitung bzw. um Kreislaufwirtschaft geht.
4 Messkonzept für Urbane Produktion
Eine Reihe von Forschungsprojekten beschäftigten sich zwar zurzeit mit dem Thema Urbane Produktion (für einen sicherlich nicht vollständigen Überblick siehe Brandt/Gärtner/Meyer 2017, 11). Die Vorstellungen davon, was unter Urbaner Produktion zu verstehen ist – ob es eher um eine industriepolitische Entwicklung oder um Stadtentwicklungspolitik geht, ob dabei Technologien (z. B. additive Fertigung) im Vordergrund stehen oder auch Handwerk und Landwirtschaft eingeschlossen sind – sind aber vielfältig. Ihr verbindendes Element ist, dass es sich einerseits um (materielle) Produktion handelt und anderseits um eine territoriale Zuordnung, dergestalt, dass die Produktion nicht auf der grünen Wiese, sondern in einer gewissen räumlichen Nähe zum Wohnumfeld stattfindet.
Abgesehen von der definitorischen Unklarheit, war oder ist keines der uns bekannten Forschungsprojekte in der Lage, systematische Aussagen hinsichtlich der ökonomischen, sozialen und ökologischen Wirkungen zu treffen. Aber auch hinsichtlich der Beschreibung der Branche und den Standortanforderungen liegen noch keine wirklichen quantitativ empirischen Ergebnisse vor. Folgend wollen wir beschreiben, was bereits vorhanden ist bzw. welche methodischen Ideen diskutiert werden. Dabei beziehen wir uns einerseits auf die Erwerbstätigen im Bereich Urbaner Produktion und zweitens auf die Standortanforderung der Branche.
4.1 Bestehende Messversuche
Der Trend der Tertiärisierung und der relative Abbau von Produktionsarbeitsplätzen in den Ländern des globalen Nordens wird in vielen regionalökonomischen und wirtschaftsgeografischen Analysen empirisch festgestellt. Für das Thema Urbane Produktion ist dies aufgrund der Branchenbeschaffenheit nicht so ohne Weiteres möglich. Denn es müsste nicht nur eine sektorale Abgrenzung bzw. Neugruppierung aufgrund der Wirtschaftsklassifikation durchgeführt werden, sondern es müsste auch eine georeferenzierte Zuordnung unterhalb der Stadt-/Kreisebene erfolgen. Auch wenn im Rahmen der Definition von sogenannten Querschnittsbranchen, wie der Gesundheitswirtschaft (Fretschner/Hilbert 2002) und der Kultur- und Kreativwirtschaft (Behr/Gnad/Kunzmann 1990), Erfahrungen zu deren Abgrenzung vorliegen, ist dies für die Kombination aus territorialer (unterhalb der städtischen Ebene) und sektoraler Abgrenzung noch nicht systematisch erfolgt. Piegeler und Spars (2019) haben zwar – soweit unser Kenntnisstand reicht – als erste ein Messkonzept entwickelt, um das wirtschaftliche Potenzial und mögliche Arbeitsplatzeffekte zu bestimmen. Ihr Konzept bezieht sich auf die beiden Hauptmerkmale »Territorium« und »Produktion« (im weiteren Sinne), jedoch scheitern sie bisher an einer mangelnden Datenverfügbarkeit. Denn Branchenanalysen und Analysen von Querschnittsbranchen greifen zur Messung der ökonomischen Bedeutung i. d. R. auf städtischer und regionaler Ebene auf amtliche Statistiken zurück. Diese ermöglichen übergeordnete Aussagen zur Bedeutung einzelner Branchen, allerdings wird die räumliche Lage von Unternehmen i. d. R auch aufgrund mangelnder Datenverfügbarkeit ausgeklammert. D. h., eine Unterscheidung der räumlichen Lage von produzierenden Unternehmen bspw. in Stadtrandlagen, eine Lage im Gewerbegebiet oder integrierte Lagen in Mischgebieten ist nicht möglich. Um insbesondere die Produktion in gemischten Lagen in Nähe zu den Wohnsiedlungen erfassen zu können, wird ein Messkonzept benötigt, das sektorale Daten mit einer räumlichen Verortung der entsprechenden Produktionsstandorte überlagert.
Für die sektorale Abgrenzung haben Piegeler und Spars (2019) stadtaffine Branchen definiert und auf Grundlage der Klassifikation der Wirtschaftszweige (WZ) von 2008 IKT-Produktion, Spitzen- und hochwertige Technologie, Gesundheitswirtschaft und Kreativwirtschaft sowie Bereiche des Handwerks als stadtaffine Urbane Produktion aggregiert. Für eine rein innovationsorientierte Sichtweise ist dieses Vorgehen angebracht. Da es bei unserer Betrachtung zwar auch um Innovation – eher aber um soziale Innovationen – geht, spielt für uns die verteilungspolitischen Perspektive von Produktions- bzw. Industriearbeitsplätzen (Rehfeld 2019; Rehfeld/Terstriep 2019) eine größere Rolle. Wir plädieren daher dafür, alle Branchen, die sich mit der Produktion und Ver- und Bearbeitung materieller Güter beschäftigen – in Folge sprechen wir von Materiellem Gewerbe –, miteinzubeziehen. Sonst würden beispielsweise Unternehmen wie Manner in Wien als nicht der Kategorie »Spitzen- und hochwertige Technologie« zugehörig herausfallen. Auch hat das DIW festgestellt, dass die meisten Neugründungen im Produzierenden Gewerbe in den Metropolen im Low-Tech-Bereich stattfinden und gerade für dieses Segment Metropolen attraktiv zu sein scheinen (Gornig/Werwatz 2018, 1009–1011).
Zur territorialen Klassifikation bzw. Georeferenzierung schlagen Piegeler und Spars vor, die Innerstädtische Raumbeobachtung (IRB) des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung zu verwenden, bei der bundesweit 56 mitmachende Städte die Lage ihrer Stadtteile (Innenstadt, Innenstadtrand oder dem Stadtrand) zuordnen (vgl. Piegeler/Spars 2019). Die räumliche Untergliederung unterscheidet sich allerdings zwischen den Städten sehr stark und geht von einem geografischen Zentralitätskonzept aus (Sturm 2010). Ein solch axiales Modell entspricht für viele Städte nur bedingt den siedlungsstrukturellen Gegebenheiten. Gerade in der Industrialisierung sind Städte anders gewachsen. So stellt sich die Frage, ob für eine Georeferenzierung nicht eher die bestehenden Nutzungen (z. B. Gebietskategorien der Baunutzungsverordnung oder Realnutzungskartierung) als Bezugsraum herangezogen werden sollten.
4.2 Unser Messkonzept für Urbane Produktion
In Anlehnung an die oben beschriebene Definition Urbaner Produktion und aufbauend auf dem Messkonzept von Piegeler und Spars (2019) leiten wir nun unser Messkonzept ab. Dabei präsentieren wir auf Grundlage der WZ-Klassifikation 2008 zunächst Daten ohne territoriale Einordnung für Deutschland (Kap. 4.2.1). Nachfolgend wird am Beispiel der Stadt Bochum betrachtet, an welchen Standorten sich welche Teilsegmente Urbaner Produktion befinden (Kap. 4.2.2).
4.2.1 Branchenklassifizierung: Materielles Gewerbe
Tab. 1 enthält alle Wirtschaftszweige, die nach unserem Verständnis produzieren bzw. sich mit Materialität beschäftigen und damit sektoral zur Urbanen Produktion gehören sollten. Diese von uns konstruierten Branchen nennen wir, wie gesagt, das »Materielle Gewerbe«. Erst wenn das Materielle Gewerbe urban stattfindet, wird es zur Urbanen Produktion. Die Tabelle gibt ferner die Anzahl der Beschäftigten für Deutschland (D) für das Jahr 2017 sowie für Bochum (BO) im Jahr 2018 im jeweiligen Wirtschaftszweig an.1 Dies ist ein erster Versuch, anhand dieser Wirtschaftszweige Daten auszuwerten. Wir sind offen für weitere Anregungen von Kolleg:innen. Uns geht es vor allem darum, den wissenschaftlichen Diskurs zur Frage der Definition und Messung weiterzubringen.
Tab 1: Wirtschaftszweige (nach WZ 2008) für den Sektor Materielles Gewerbe

WZ 2008BeschreibungBegründungAnzahl Erwerbstätige D (2017)Anzahl Erwerbstätige BO (2017)
Quelle: Eigene Darstellung. Daten für Deutschland auf Grundlage des Arbeitskreises »Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder«, © Statistisches Bundesamt (Destatis) 2019. Daten für Bochum: *© IT.NRW, Düsseldorf, 2019; **Bureau van Dijk/Creditreform Markus + Markus G 2019.
Während sich das Produzierende Gewerbe üblicherweise aus den WZ-Klassifikationsbereichen B, C, D, E und in manchen Fällen auch F zusammensetzt, fassen wir in unserer Definition (Materielles Gewerbe) die o. g. Wirtschaftszweige zusammen, die sich wiederum Urbaner Landwirtschaft, Urbaner Manufaktur und Reparatur sowie Urbaner Industrie zuordnen lassen.
Dazu brechen wir bestehende Sektoren und Wirtschaftszweigmodelle auf und zählen, im Sinne der Stadt der kurzen Wege, auch die Landwirtschaft (WZ-A) dazu. Während Piegeler und Spars (2019, 18) nur bestimmte Zweige zu Urbaner Landwirtschaft zählen, nehmen wir den kompletten Bereich A auf. Zum einen geschieht dies aufgrund der Vereinfachung (Datenverfügbarkeit) und zum anderen ist nicht bekannt, ob es nicht doch auch andere landwirtschaftliche Betriebe in Städten gibt. Beispielgebend ist die City Farm in London-Hackney, in der es neben Schafen und Geflügel Pferde und Esel gibt. So können Innovationen im landwirtschaftlichen Bereich dazu führen, dass neue Wirtschaftsformen im urbanen Raum möglich werden. Wir wollen mit unserem Konzept nicht von vornherein Bereiche ausschließen, auch weil unsere Fallbeispiele zeigen, dass manchmal ungewöhnliche produzierende Betriebe im urbanen Raum vorhanden sind und weitestgehend konfliktfrei mit der Nachbarschaft im Einklang agieren (Brandt et al. 2017).
Die Gewinnung von Rohstoffen im Bergbau klammern wir aus, da dies in Siedlungsnähe unrealistisch erscheint bzw., wie u. a. beim Braunkohletagebau gesehen werden kann, die Siedlungen verdrängt bzw. abgebrochen werden, um die darunterliegenden Rohstoffe zu erhalten.
Der Wirtschaftszweig C gilt nach wie vor als Kern des Produzierenden Gewerbes, weshalb wir diesen vollumfänglich in die Definition aufnehmen, auch um zu erkennen, welche Arbeitsplatzeffekte der urbanen Betriebe in diesem Bereich vorliegen.
Die Wirtschaftszweige D und E werden weitestgehend nicht betrachtet, da es sich zum einen um leitungsgebundene Stofflichkeiten handelt, die zwar in der Stadt (z. B. Solarenergie) produziert werden können, jedoch keine Verkehre für Logistik etc. auslösen, und da zum anderen die Branchen nicht eindeutig klassifiziert werden und nicht zwischen den unterschiedlichen Arten der Energieerzeugung direkt unterschieden wird. Da im Sinne der Kreislaufwirtschaft Abfälle zunehmend eine hohe Bedeutung in städtischen Kontexten haben werden, zählen wir jedoch die Sammlung, Abfallbehandlung und Rückgewinnung von Stoffen (E38) zum Materiellen Gewerbe.
Des Weiteren zählt die Instandhaltung und Reparatur von Kraftwagen (G45.2) im Sinne Urbaner Manufakturen ebenfalls in unsere Definition, genauso wie die Reparatur von Datenverarbeitungsgeräten und Gebrauchsgütern (S95), worin z. B. die Reparaturen von Telekommunikationsgeräten sowie von Möbeln und Schuhen enthalten sind.
Im Baugewerbe (F) sind Arbeitnehmer:innen grundsätzlich zwar häufig nicht am Unternehmensstandort tätig, sondern bei den Auftraggeber:innen bzw. Bauherr:innen, weshalb dieser Wirtschaftszweig bei späterer Betrachtung des Standorts hinsichtlich der kurzen Arbeitswege für Arbeitnehmer:innen eine Ausnahme darstellt. Wir finden diesen Wirtschaftszweig jedoch dennoch relevant, da das Bauhandwerk bzw. die Bauindustrie einerseits mit materiellen Gütern arbeitet und somit Lagerflächen und Be- und Entladezonen an den jeweiligen Standorten benötigt und andererseits an unterschiedlichen Standorten innerhalb der Stadt tätig ist.
Bezugnehmend auf Piegeler und Spars (2019), nehmen wir Augenoptiker (G47.78.1) – aufgrund der Herstellung und Reparatur von Brillen und Kontaktlinsen – sowie selbstständige bildende Künstler:innen (R90.03.3) und selbstständige Restaurator:innen (R90.03.4) mit auf – da diese ebenfalls mit Materialien arbeiten und (neue) Gegenstände erstellen. Bei der Liste der Wirtschaftszweige sind wir aber weiterhin offen für Argumente von Kolleg:innen, die diesbezüglich zu anderen Ergebnissen kommen.
Zum besseren Verständnis des Materiellen Gewerbes in unserem Konzept wird Abb. 2 nun zu Abb. 3 anhand der Benennung der Wirtschaftszweige weiterentwickelt.

Abb. 3: Materielles Gewerbe nach Wirtschaftszweigen (WZ 2008) (Quelle: Eigene Darstellung nach Brandt/Gärtner/Meyer 2017).
Folgend wird die Entwicklung des Materiellen Gewerbes in den einzelnen Wirtschaftszweigen für Deutschland und Bochum dargestellt (
Abb. 4).

Abb. 4: Entwicklung der Erwerbstätigen in den WZ-Klassen des Materiellen Gewerbes in Deutschland (2008–2017) (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage des Arbeitskreises »Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder«, © Statistisches Bundesamt (Destatis) 2019).
In Deutschland ist in allen betrachteten Wirtschaftszweigen mit Ausnahme der Land- und Forstwirtschaft und Fischerei (WZ A, –8 %) von 2008 bis 2017 ein Zuwachs der absoluten Anzahl der Erwerbstätigen (2008 entspricht der absoluten Anzahl in 100 %) zu verzeichnen. Einen sehr starken Anstieg der Beschäftigten von deutlich über 50 % zeigen die Wirtschaftszweige Sammlung, Behandlung und Beseitigung von Abfällen sowie Rückgewinnung (WZ E38), Augenoptiker (G47-78-1) und Instandhaltung und Reparatur von Kraftwagen (G45-2). Immerhin ein Viertel mehr Erwerbstätige lassen sich im Wirtschaftszweig Reparatur von Datenverarbeitungsgeräten und Gebrauchsgütern (WZ S95) feststellen. Im Verarbeitenden Gewerbe (WZ C) zeigt sich eine relativ konstante Entwicklung. Im gleichen Zeitraum hat die absolute Zahl der insgesamt Erwerbstätigen in Deutschland allerdings so stark zugenommen (von 40,86 Mio. auf 44,27 Mio.), dass trotz der absoluten Zuwächse in fast allen von uns betrachteten WZ des Materiellen Gewerbes (10,80 Mio. auf 11,30 Mio.) der Anteil dieser WZ an den insgesamt Erwerbstätigen im Verhältnis abnimmt (
Abb. 5).
In der Stadt Bochum (
Abb. 6) zeigt sich ebenfalls eine Zunahme zwischen 2014 und 2017 (aufgrund der Datenverfügbarkeit bei Creditreform wurde ein kürzerer Zeitraum gewählt) in allen WZ exklusive der Land- und Forstwirtschaft und Fischerei sowie dem Verarbeitenden Gewerbe. Die Zunahmen der Erwerbstätigen fallen allerdings in den meisten WZ deutlich gemäßigter aus (zwischen +3 % und +39 %). Ausnahmen bilden die Erwerbstätigenzahl im WZ Reparatur

Abb. 5: Entwicklung der Summe der Erwerbstätigen in den WZ-Klassen des Materiellen Gewerbes im Verhältnis zu den Erwerbstätigen insgesamt in Deutschland (2008–2017) (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage des Arbeitskreises »Erwerbstätigenrechnung des Bundes und der Länder«, © Statistisches Bundesamt (Destatis) 2019).
von Datenverarbeitungsgeräten und Gebrauchsgütern, die im Vergleich zum Bundeswert beispielsweise um 14 % stärker zunimmt sowie die rückläufige Anzahl der Erwerbstätigen im Verarbeitenden Gewerbe (–24 %), was in Bochum maßgeblich auf die Schließung von Opel im Jahr 2014 sowie des Outokumpu-Edelstahlwerks im Jahr 2015 und damit verbundener Arbeitsplatzreduktion bei Zulieferbetrieben zurückzuführen ist. Absolut hat der Wirtschaftszweig Verarbeitendes Gewerbe (C) dadurch ca. 5 200 Erwerbstätige in Bochum verloren.

Abb. 6: Entwicklung der Erwerbstätigen in den WZ-Klassen des Materiellen Gewerbes in Bochum (2014–2017) (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von *© IT.NRW, Düsseldorf, 2019; **Bureau van Dijk/Creditreform Markus + Markus G 2019).
4.2.2 Territoriale Klassifikation: Urbane Produktion

Abb. 7: Standorte des Materiellen Gewerbes in Bochum 2017 und tatsächliche Nutzung (ATKIS Basis-DLM) (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von Bureau van Dijk/Creditreform Markus + Markus G 2019, Land NRW (2019), dl-de/by-2-0).
Gegenüber den bereits beschriebenen Ansätzen wäre für uns zur Quantifizierung Urbaner Produktion eine räumliche Überlagerung mit den Gebietskategorien der Baunutzungsverordnung wünschenswert. Die Baunutzungsverordnung differenziert zwischen reinen Wohngebieten, allgemeinen Wohngebieten, besonderen Wohngebieten, Dorfgebieten, Mischgebieten, Urbanen Gebieten, Kerngebieten, Gewerbegebieten, Industriegebieten und Sondergebieten. Wir schlagen für eine territoriale Abgrenzung Urbaner Produktion vor, die Gewerbegebiete, die Industriegebiete und die Sondergebiete auszuschließen. Hinsichtlich der territorialen Klassifikation bzw. Georeferenzierung legen wir u. a. aufgrund der planungsrechtlichen Realisierbarkeit einen stärkeren Fokus auf die Art der Nutzung. Da die Gebietskategorien der Baunutzungsverordnung sowie Gebiete gemäß § 34 BauGB, für die kein B-Plan vorliegt, nicht flächendeckend als Geodaten verfügbar sind, wird hinsichtlich einer übertragbaren Lösung auf die tatsächliche Nutzung des bundesweit einheitlich verfügbaren Digitalen Basis-Landschaftsmodells (ATKIS Basis-DLM) zurückgegriffen. Dies ermöglicht es, Unternehmensstandorte auf gemischt genutzten Flächen, Industrie- und Gewerbeflächen sowie Wohnbauflächen nach Lagen zu differenzieren. Die räumliche Verortung der Unternehmen kann entweder unmittelbar anhand von geografischen Koordinaten oder durch eine Geokodierung der Adressen erfolgen. Diese räumliche Verortung ermöglicht es, alle Unternehmen herauszufiltern, die per Definition zu den urban produzierenden Unternehmen zählen. Auch für diesen Ansatz sind Herausforderungen hinsichtlich der Datenverfügbarkeit zu bewältigen. Daher haben wir dies nicht flächendeckend mit Daten der amtlichen Statistik, sondern beispielhaft für die Stadt Bochum auf Grundlage der Datenbank von Creditreform durchgeführt (
Abb. 7).
In Bochum befindet sich mit 46 % der Großteil der produzierenden Betriebe in den Industrie- und Gewerbegebieten und dort arbeiten mit Abstand die meisten Beschäftigten im Materiellen Gewerbe (76 %). 37 % der urban produzierenden Betriebe liegen jedoch innerhalb von Wohnbauflächen, dort sind 13 % der Beschäftigten unserer Klassifikation tätig. 14 % der Unternehmen liegen in Flächen gemischter Nutzung (9 % der Beschäftigten) und 3 % auf sonstigen Flächen (1 % der Beschäftigten). Somit lassen sich in Bochum mindestens 50 % der Betriebe Urbaner Produktion zuordnen, welche 22 % der Erwerbstätigen in Bochum im Materiellen Gewerbe beschäftigen.
Bei einer Betrachtung der Beschäftigtenzahlen nach den unterschiedlichen Branchen in Abb. 8 wird klar, weshalb ein Großteil der Beschäftigten, in Industrie- und Gewerbegebieten arbeiten: Dort sind die größten Arbeitgeber im produzierenden Bereich angesiedelt. In WZ C gibt es 26 Betriebe in Bochum, die jeweils mehr als 100 Beschäftigte haben. Darunter fallen auch fünf Bäckereien inkl. ihrer Mitarbeitenden in den Filialen. Im WZ E38 befinden sich vor allem zwei große Betriebe mit je ca. 600 Mitarbeitenden. Im Bereich Baugewerbe sind es sechs Betriebe in Bochum, die mehr als 100 Mitarbeitende zählen. Größter Arbeitgeber ist hier eine GmbH, die sich um die Sanierung und Bestandspflege von Gebäuden kümmert.
Gewerbe- und Industriegebiete sind hinsichtlich der Produktion materieller Güter nach wie vor die wichtigsten Standorte innerhalb der Stadt Bochum. Bei Unternehmen, die außerhalb von Industrie- und Gewerbestandorten verortet sind, handelt es sich um kleine, mittelständische Unternehmen. Diese steuern jedoch immerhin knapp ein Viertel der Arbeitsplätze bei und machen etwa die Hälfte der Unternehmen aus. Folglich gilt es, insbesondere bei nicht-störenden Betrieben zu prüfen, ob diese zukünftig auch an wohnortnäheren Standorten angesiedelt werden könnten. Insbesondere in den Stadtteilzentren gewinnen derartige Überlegungen an Bedeutung, da diese zum Teil vermehrt durch gewerbliche Leerstände geprägt sind, die ehemals durch den Einzelhandel genutzt wurden.

Abb. 8: Beschäftigtenzahlen und Standorte des Materiellen Gewerbes in Bochum 2017 (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage von Bureau van Dijk/Creditreform Markus + Markus G 2019; Stadt Bochum, Raumbezugssystem der Stadt Bochum).
4.2.3 Standortanforderungen Urbaner Produktion am Beispiel von Manufakturen
Sowohl aktuelle Literatur zum Thema Standortanforderungen Urbaner Produktion (WiR 2016; Erbstößer 2016; Mühl et al. 2019) als auch eine im Rahmen des Projekts UrbaneProduktion.ruhr durchgeführte bundesweite Befragung Urbaner Manufakturen legen nahe, dass insbesondere geeignete Standorte für kleinteilige Urbane Produktion im Sinne von Manufakturen eine Reihe bestimmter Eigenschaften hinsichtlich der Immobilie, des Umfelds der Betriebsstätte sowie des Angebots von Infrastrukturen aufweisen müssen (
Abb. 9 und 10). Die befragten urbanen Manufakturen wurden mittels einer mehrstufigen WebGIS-gestützten Desktop-Recherche ermittelt. Die Stichprobe umfasst bundesweit insgesamt 1 200 Urbane Manufakturen, die sich auf die von der Ministerkonferenz für Raumordnung (MKRO) definierten Verdichtungsräume verteilen. Spezifiziert wurde der Untersuchungsraum durch den Fokus auf Siedlungsgebiete sowie Gewerbe- und Industriegebiete. Unternehmen in Gewerbe- und Industriegebieten sind dann Teil der Stichprobe, wenn sich diese in unmittelbarer Nähe zu Wohn- oder Mischgebieten befinden. Der Festlegung auf diese Gebietskulisse liegt die These zugrunde, dass produzierende Betriebe in dicht besiedelten Gebieten zwangsläufig häufiger in Siedlungsnähe liegen, sodass produktionsbezogene Nutzungskonflikte einerseits und die Vorteile von Nutzungsmischung und lokalen bzw. regionalen Wertschöpfungsketten anderseits im Rahmen der Befragung beleuchtet werden konnten.

Abb. 9: Einschätzung der Wichtigkeit ausgewählter Indikatoren durch Urbane Manufakturen (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage eigener Erhebung 2018/19).
Insgesamt weisen die Ergebnisse der Befragung auf Lagen in lebendigen Quartieren hin, die sich durch eine vielfältige Nutzungsmischung auszeichnen. Neben dem klassischen Aspekt Sicherheit (z. B. vor Einbrüchen) sind für deutlich mehr als drei Viertel der befragten Unternehmer:innen Aspekte wie das Image, eine urbane Lage und Urbanität wichtige Merkmale ihres Unternehmensstandortes. Für mehr als zwei Drittel zählen hierzu ebenso die Nähe zu gastronomischen Angeboten sowie zur Kreativwirtschaft. Knapp unter zwei Drittel bewerten die Nähe zu Absatzmärkten und die Möglichkeit, in der Nähe ihrer Betriebsstätte zu wohnen, als wichtige Standorteigenschaft. Die Lage in Gewerbegebieten hingegen empfinden mehr als zwei Drittel der Befragten als eher unwichtig bis unwichtig. Insbesondere Manufakturen sind auf die Nähe zu ihren privaten und gewerblichen Kund:innen angewiesen.
Eine für den potenziellen Konsumenten nach außen sichtbare und anziehend wirkende Produktion ist für diese Unternehmensform also ein Schlüsselaspekt. Daher ist die Bedeutung, die einer Erdgeschosslage (81 % eher wichtig bis wich-

Abb. 10: Einschätzung der Wichtigkeit der Immobilieneigenschaften durch Urbane Manufakturen (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage eigener Erhebung 2018/19).
tig) und der damit verbundenen Möglichkeit zur Schaufenstergestaltung (62 % eher wichtig bis wichtig) beigemessen wird, nicht weiter verwunderlich. Es handelt sich dabei vielfach um kleine Einzelunternehmer:innen, die über keine (ca. 50 %), eine:n Mitarbeiter:in (ca. 25 %) oder nur wenige Mitarbeiter:innen verfügen. Das private finanzielle Risiko ist dementsprechend hoch. Zudem zeichnen sich die Unternehmen durch hohe Anteile handwerklicher Produktionsweisen (80 %) und ein hohes Maß der Individualisierbarkeit der Produkte aus, sodass die Produktion vorwiegend auf Einzelfertigungen oder kleine Produktserien (75 %) ausgerichtet ist (
Abb. 11). Dies führt zu qualitativ hochwertigen Produkten, begrenzt jedoch auch die Skalierbarkeit und die erzielbaren Gewinne. Daher sind diese Unternehmer:innen auf geringe Immobilienkosten (92 % eher wichtig bis wichtig) angewiesen. In 58 % der Fälle wird außerdem die Verfügbarkeit von Expansionsflächen zur Unternehmenserweiterung als eher wichtig bis wichtig eingestuft. Der Wunsch nach einer Wohnung im gleichen Gebäude der Manufaktur ist mit 23 % eher gering.

Abb. 11: Produktionsart der befragten Manufakturen (Quelle: Eigene Darstellung auf Grundlage eigener Erhebung 2018/19).
Die genannten Standorteigenschaften sind, mit Ausnahme geringer Mietpreise, eher in Misch- als in Gewerbe- und Industriegebieten zu erwarten.
Vor dem Hintergrund der skizzierten Trends wie der Abnahme von Einfacharbeitsplätzen im produzierenden Bereich und einer Zunahme gewerblicher Leerstände könnte ein ökonomischer Entwicklungsimpuls durch den Ausbau nicht-störender Urbaner Manufakturen in Mischgebieten bewirkt werden. Ein enges Nebeneinander von Wohnen, Gewerbe und Industrie ist in Bochum, wie in Abb. 7 erkennbar, ohnehin bereits gelebte Realität. Insofern wäre eine Strategie zur Entwicklung von nicht-störendem Gewerbe in integrierten Lagen die konsequente Nutzung vorhandener Siedlungsstrukturen. Insbesondere in strukturschwachen Gebieten können derartige Bemühungen der Wirtschaftsförderung gezielt mit Maßnahmen der Stadterneuerung verknüpft werden. So können Aufwertungsprozesse initiiert und Standorte gezielt gemäß den beschriebenen Standortanforderungen potenzieller Gründer:innen ausgerichtet werden.
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