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Die Herausgeberin


Prof. Dr. Etta Wilken ist Sonderschullehrerin und Diplom-Sprachtherapeutin. Sie war bis zu ihrer Pensionierung an der Leibniz-Universität Hannover tätig im Lehrgebiet Allgemeine und integrative Behindertenpädagogik.

Etta Wilken hat bereits 1973 erstmalig zur Sprachförderung von Kindern mit Down-Syndrom publiziert. Sie besitzt langjährige Erfahrungen in der Ausbildung von Sonderpädagogen und Diplompädagogen sowie in der Elternarbeit und in der Therapie von Kindern mit Down-Syndrom. Die Gebärden-unterstütze Kommunikation (GuK) wurde von ihr entwickelt. Weitere Forschungsgebiete sind Unterstützte Kommunikation und Frühförderung.

Etta Wilken (Hrsg.)

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6. Auflage 2021

Alle Rechte vorbehalten

© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart

Print:

ISBN 978-3-17-040390-1

E-Book-Formate:

pdf: ISBN 978-3-17-040391-8

epub: ISBN 978-3-17-040392-5

mobi: ISBN 978-3-17-040393-2

Inhaltsverzeichnis

1  Kommunikation und Teilhabe

2 Etta Wilken

3  Diagnose der Verständigungsfähigkeit bei nicht sprechenden Kindern

4 Gudrun Kane

5  Entwicklungsorientierte Sprachdiagnostik und Förderplanung bei minimal verbalen Kindern mit Beeinträchtigung

6 Christina Müller, Sylvia Mira Wolf & Maren Aktas

7  Präverbale sprachliche Förderung und Gebärden-unterstützte Kommunikation in der Frühförderung

8 Etta Wilken

9  Spracherwerbsprobleme nichtsprechender Kinder

10 Horst Konrad

11  Vom Babytalk zum Talkerbrunch

12 Ursi Kristen

13  Objektsymbole – Ein »begreifbares« Kommunikationsmittel

14 Maria Rascher-Wolfring

15  Unterstützte Kommunikation in der Sonderschule

16 Ursula Braun & Martin Baunach

17  With a Little Help from Your Friends. Unterstützte Kommunikation im integrativen Unterricht

18 Nina Hömberg

19  TEACCH – ein kommunikationsorientierter Ansatz zur ganzheitlichen Förderung von Menschen mit Autismus

20 Anne Häußler

21  »eigentlich erinnert mich das schreiben an richtiges sprechen« Gestützte Kommunikation mit unserem Sohn Christoph

22 Christiane Nagy

23  Das Konzept der Gestützten Kommunikation – Beschreibung und kritische Bewertung

24 Susanne Nußbeck

25  Angebote Unterstützter Kommunikation in Wohnheimen für Menschen mit geistiger Behinderung

26 Almuth Bober

27  UK-Beratung – damit niemand sprachlos bleibt Entwicklung, Aufbau und Struktur einer Beratungsstelle für Unterstützte Kommunikation

28 Andrea Karus

29  Glossar

30  Autorenverzeichnis

Kommunikation und Teilhabe
Etta Wilken

In den verschiedenen vorschulischen und schulischen Einrichtungen für behinderte Kinder nehmen schwerere Formen von Beeinträchtigungen zu. Die Ursachen für diese Veränderung sind vielfältig. So gibt es mehr Kinder, die gravierende pränatale Schädigungen, schwere Unfälle bzw. Krankheiten oder extreme Frühgeburt mit erheblichen Beeinträchtigungen überleben, und zunehmend werden auch seltene Syndrome diagnostiziert, die zu umfangreichen Behinderungen führen und zum Teil einen progressiven Verlauf haben. Viele dieser schweren Schädigungen ermöglichten früher nicht, dass betroffene Kinder überlebten und im Kindergarten oder in der Schule gefördert werden konnten.

Die Zunahme der schwer und mehrfach beeinträchtigten Kindern in allen speziellen Behinderungsgruppen hat auch dazu geführt, dass der Anteil der Kinder deutlich gestiegen ist, die sich nicht oder nur sehr eingegrenzt verständlich machen können.

Bei Kindern und Erwachsenen mit geistiger Behinderung betrifft dieses Problem heute oftmals schon 20–40%. Auch bei Schülern mit Körperbehinderung und mit Autismus ist die Gruppe der nicht bzw. kaum sprechenden Kinder sehr hoch. Obwohl dieses Problem bisher überwiegend für den Sonderschulbereich erfasst wurde (vgl. Adam 1996, Fröhlich/Kölsch 1998, Theunissen/Ziemen 2000, Wilken 2000, Boenisch 2009), ist davon auszugehen, dass besonders im Vorschulschalter aufgrund der oftmals gravierenden Entwicklungsverzögerungen umfassende Beeinträchtigungen der Kommunikation noch erheblich häufiger vorkommen.

Auch bei Erwachsenen in Heimen und Werkstätten ist das Problem fehlender oder eingeschränkter Verständigungsfähigkeit aufgrund von nicht erworbenen kommunikativen Kompetenzen oder altersbedingtem Verlust eine Herausforderung, die nach angemessenen Lösungen verlangt.

Kommunikation ist ein menschliches Grundbedürfnis und subjektiv für Lebensqualität von entscheidender Bedeutung. Sie ist eine wesentliche Bedingung für soziale Partizipation und Selbstbestimmung und zudem eine wichtige Grundlage jeder Entwicklung. Es besteht deshalb die Notwendigkeit, beeinträchtigten Kindern sowohl frühe entwicklungsbegleitende Hilfen zum Verstehen und zum Verständigen anzubieten als auch Jugendlichen und Erwachsenen, die sich nicht hinreichend lautsprachlich verständigen können, Möglichkeiten ergänzender und ersetzender Kommunikationsformen zu vermitteln.

Darum ist es notwendig, dass in der Sonderpädagogik das Problembewusstsein für die sich ergebenden speziellen Erfordernisse der Kommunikationsunterstützung wächst, damit Kindern und Erwachsenen mit eingeschränkter Verständigungsfähigkeit entsprechende Hilfen rechtzeitig angeboten werden (vgl. Wetzel, 2000, Boenisch 2009). Auch in der pädagogischen und therapeutischen Ausbildung müssen entsprechende Kenntnisse vermittelt werden, damit in familiären und weiteren sozialen Alltagsbeziehungen, in vorschulischen und schulischen Einrichtungen, im Freizeit-, Berufs- und Wohnbereich angemessene Hilfen für diesen Personenkreis selbstverständlich werden.

Die vorliegenden Beiträge haben deshalb das Ziel, verschiedene Aspekte der unterstützten Kommunikation bei Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen darzustellen unter Berücksichtigung der individuellen Voraussetzungen und speziellen Bedürfnisse. Dabei ist auch auf behinderungsspezifische und altersabhängige Bedingungen sowie familiäre und institutionelle Kontextfaktoren differenziert einzugehen.

Eine wichtige Grundlage der Förderung ist eine entwicklungsbezogene Diagnose, die von den Kompetenzen ausgeht (siehe Kane; Müller, Wolf & Aktas).

In der Frühförderung hat unterstützte Kommunikation das Ziel, für Kinder mit besonderen Beeinträchtigungen im Spracherwerb angemessenen Hilfen zu gestalten, ohne dadurch natürliche Interaktionsformen zu gefährden – selbst wenn spezielle Angebote erfolgen (siehe Wilken). Die behinderungsspezifischen Besonderheiten der Sprachentwicklung und des Grammatikerwerbs sind dabei angemessen zu berücksichtigen (siehe Konrad). Gerade die ständig wachsende Zahl der verschiedensten Hilfsmittel zur Kommunikationsförderung verlangt eine differenzierte Auseinandersetzung mit den veränderten Bedingungen des Spracherwerbs bei nicht sprechenden Kindern und eine entsprechend kriteriengeleitete Auswahl und Beratung.

Personen, die aufgrund von Körperbehinderung, geistiger Behinderung oder multiplen Beeinträchtigungen nicht oder nicht hinreichende lautsprachliche Fähigkeiten entwickeln bzw. erlernen können, benötigen unterschiedliche Angebote, die sowohl die individuellen Bedürfnisse und Kompetenzen berücksichtigen als auch die behinderungsspezifischen Erfordernisse (siehe Baunach/Braun und Kristen). Die Möglichkeiten der Förderung von Menschen mit Autismus und die verschiedenen Angebote zur gestützten und unterstützten Kommunikation (siehe Nußbeck, Nagy, Häußler) werden zwar durchaus abweichend beurteilt, verlangen deshalb aber, kritisch zu reflektieren, welche Förderung und Begleitung für ein individuelles Kind sinnvoll sein kann.

Ein wichtiger ergänzender Gesichtspunkt bezieht sich auf den geeigneten Lernort und die notwendigen Rahmenbedingungen. Aufgezeigt wird deshalb, welche Möglichkeiten der kommunikativen Förderung im gemeinsamen Unterricht gestaltet werden können (siehe Hömberg). Gerade für die Weiterentwicklung der inklusiven Beschulung ist es wichtig, die dafür erforderlichen personellen und sächlichen Ressourcen kriteriengeleitet und den individuellen Bedürfnissen entsprechend zu gewährleisten.

Unterstützte Kommunikation ist auch Erwachsenen noch anzubieten, denen bisher kein Zugang zu angemessenen alternativen oder ergänzenden Kommunikationsformen ermöglicht wurde (siehe Bober). Zunehmend wichtig ist zudem, die Bedürfnisse von Personen zu berücksichtigen, die aufgrund krankheitsspezifischer oder allgemeiner altersbedingter Abbauprozesse immer weniger in der Lage sind, sich verbal zu verständigen. Dabei sind sowohl das Lebensalter als auch die individuellen Lebensbedingungen – ob zu Hause, in eigener Wohnung oder im Wohnheim – und die sich daraus ergebenden speziellen Bedürfnisse der Erwachsenen differenziert zu reflektieren.

Die Zunahme von Kindern und Erwachsenen, die alternative oder ergänzende Kommunikationshilfen benötigen und das anwachsende Bedürfnis nach Beratung und Information auch der Bezugspersonen in der Familie und in den verschiedenen Institutionen machen dringend erforderlich, nicht nur entsprechende regionale Angebote an Beratungsstellen aufzubauen (siehe Karus), sondern auch Fortbildung und Forschung weiter zu entwickeln.

Das vorliegende Buch will nicht nur Informationen über die verschiedenen Verfahren vermitteln und die aktuelle Diskussion der Ansätze darstellen, sondern auch dazu beitragen, dass eine Kooperation von Betroffenen, ihren Angehörigen und Professionellen zunehmend besser gelingt.

Alle Autoren fühlen sich einem Menschenbild verpflichtet, dass den grundsätzlichen Anspruch auf Selbstbestimmung und Autonomie betont und darum auch in Therapie und Förderung die Bedeutung von Eigenaktivität gegenüber normorientierten, direktiven Verfahren vertritt. In allen Beiträgen geht es deshalb um die günstige Gestaltung förderlicher Bedingungen, die das einzelne Kind bzw. den Erwachsenen unterstützen, seine Kompetenzen unter den gegebenen behinderungsspezifischen Beeinträchtigungen und den kontextbezogenen Aktivitäts- und Partizipationsmöglichkeiten zu entwickeln.

Unterstützte Kommunikation

Mit Unterstützter Kommunikation werden alle pädagogischen und therapeutischen Hilfen bezeichnet, die Personen ohne oder mit erheblich eingeschränkter Lautsprache zur Verständigung angeboten werden.

Die im internationalen Sprachgebrauch übliche Bezeichnung ergänzende und alternative Kommunikation ist zwar eindeutiger (AAC = Augmentative and Alternative Communication), aber im deutschsprachigen Bereich hat sich der Terminus Unterstützte Kommunikation (U.K.) überwiegend durchgesetzt (vgl. Braun, 1994).

Alternative Kommunikationsformen werden Menschen mit Behinderungen angeboten, die aufgrund fehlender oder erheblich eingeschränkter Sprechfähigkeit statt der gesprochenen Sprache ein anderes Kommunikationssystem benötigen. Dabei handelt es sich überwiegend um Gebärden, graphische Symbole oder Schrift sowie um sehr unterschiedliche technische Hilfen mit und ohne Sprachausgabe.

Unter ergänzender Kommunikation versteht man dagegen Verfahren, die unterstützend bzw. begleitend zur Lautsprache eingesetzt werden. Sie sollen einerseits bei Kindern mit erheblich verzögerter Sprachentwicklung die lange Zeit fehlende lautsprachlicher Verständigung überbrücken und den Spracherwerb fördern und andererseits bei Personen mit schwer verständlicher Sprache das Verstehen erleichtern sowie ergänzend zu nicht normsprachlichen Lauten (z. B. ai oder e-e für nein und mm für ja) eine effektivere Kommunikation ermöglichen.

Personenkreis

Es gibt sehr viele und unterschiedliche Ursachen, die zu vorübergehenden, lang anhaltenden oder dauerhaften Beeinträchtigungen der Sprechfähigkeit führen oder auch zum Abbau verbaler Fähigkeiten oder deren Verlust. Deshalb weist die Personengruppe, der Unterstützte Kommunikation angeboten wird, eine große Heterogenität auf, und es ist wichtig, sowohl altersbedingte Faktoren zu berücksichtigen als auch schädigungsspezifische Aspekte, soziale Bedingungen und subjektive Bedürfnisse. Eine zunehmende Bedeutung hat auch im Kontext von Unterstützter Kommunikation die Berücksichtigung der besonderen Bedingungen bei Zwei- oder Mehrsprachigkeit und der Lebenswelt bezogenen Relevanz der jeweiligen Sprache.

Von besonderer Bedeutung ist der Zeitpunkt, wann die sprachbeeinträchtigende Schädigung erfolgte. So ist es ein Unterschied, ob die Behinderung von Geburt an oder doch in sehr jungen Jahren und damit vor oder im Erwerb der Lautsprache sich auswirkte oder erst erfolgte, nachdem Sprechen und andere Sprachkompetenzen bereits erworben und gefestigt wurden – einschließlich schriftsprachlicher Fähigkeiten.

Die Ausführungen in diesem Buch beziehen sich auf Kinder, Jugendliche und Erwachsene, die aufgrund früh erfolgter Schädigungen eine erhebliche Behinderung erlitten haben, die sich als motorische, kognitive oder emotionale Beeinträchtigung in einem oder mehreren Entwicklungsbereichen auswirkte und bei denen dadurch sehr unterschiedlich ausgeprägte Einschränkungen im Erwerb kommunikativer und sprachlicher Kompetenzen verursacht wurden und bei denen insbesondere das Sprechen deshalb oft nicht oder nur erheblich eingeschränkt möglich ist oder sich erheblich verzögert entwickelt.

Angemessene Hilfen für Jugendliche und Erwachsene, bei denen zu einem späteren Zeitpunkt infolge von Krankheit (Schlaganfall, ALS) oder Unfall eine Einschränkung ihrer Verständigungsfähigkeit aufgetreten ist, müssen berücksichtigen, dass diese Personen aufgrund normaler Entwicklung und biographischer Erfahrung bereits entsprechende Kompetenzen erworben haben und deshalb oftmals auch andere Verfahren und Hilfsmittel benutzen können.

Kommunikation, Sprache und Sprechen

Obwohl im allgemeinen Sprachgebrauch die Begriffe Kommunikation, Sprache und Sprechen oft wenig differenziert werden, haben sie doch recht unterschiedliche Bedeutung und gerade für das Verständnis der vielfältigen Probleme, die Kinder, Jugendliche und Erwachsene mit speziellen Beeinträchtigungen haben, ist eine Unterscheidung sehr wichtig.

Mit Kommunikation bezeichnen wir alle Verhaltensweisen und Ausdrucksformen mit denen wir mit anderen Menschen bewusst oder unbewusst in Beziehung treten1. Kommunikation umfasst deshalb viel mehr als nur die verbale Sprache.

So können Nähe und Distanz Vertrautheit oder Befremden ausdrücken; mit Berührung, Anfassen und Anblicken können Interessen deutlich werden. Kummer, Schmerz, Freude oder Wut zeigt sich mit entsprechender Mimik. Auch Körperhaltung, Erblassen und Erröten oder verweinte Augen können etwas über unser Befinden aussagen, erfordern aber eine kontextbezogene Interpretation. Zustimmendes oder ablehnendes Kopfnicken bzw. -schütteln oder Achselzucken ist situationsabhängig zu verstehen. Wie wir uns anziehen – ob festlich oder sportlich, Trauerkleidung, typische Trend- oder Peergruppenmode – drückt Vorhaben, eine bestimmte Stimmung oder auch Einstellung aus. Mit Gestik betonen wir unsere Ansichten, lenken das Interesse, zeigen Emotionen und verdeutlichen Gesagtes. Schon das kleine Kind zeigt – wenn auch ohne entsprechende Intention – mit seinem Verhalten seine Bedürfnisse, Vorlieben, Schmerz und Abneigung.

Alle diese Formen der Kommunikation sind vorwiegend nur situationsgebunden zu verstehen und bedürfen der besonderen Interpretation. Dabei werden innerhalb enger personaler Beziehungen, in einem Kulturbereich oder in der gleichen Peer-Gruppe diese verschiedenen Zeichen noch relativ gut verstanden, aber bei größerer Distanz, stärkeren Normabweichungen oder speziellen Beeinträchtigungen wird die erforderliche Interpretation oft erschwert und kann leicht misslingen. Deshalb können sich durch abweichende mimische, gestische und körpersprachliche Kommunikationsformen nicht nur in internationalen Beziehungen Störungen ergeben, sondern es gilt zu bedenken, dass auch Kinder mit migrationsbedingten anderen Erfahrungen verunsichert auf scheinbar allgemein verständliche »Kommunikationskulturen« reagieren können.

Zu den wichtigen individuellen Grundlagen der Kommunikation gehören – mit unterschiedlicher Relevanz – die sensorischen Fähigkeiten Sehen, Hören, Fühlen, Schmecken, Riechen, aber auch kinästhetische, propiozeptive und vestibuläre Wahrnehmung. Gelernt werden muss dabei die spezielle erfahrungsgebundene Bedeutungsgebung dieser über die Sinne aufgenommenen Eindrücke und ihre Koordinierung sowie »Sensorische Integration«.

Auch die mögliche Einflussnahme durch Blickkontakt, mimischer und gestischer Ausdruck, das abwechselnde Handeln in Interaktionen (turn-taking) sowie das Einhalten von alters- und kulturtypischem Kommunikationsabstand (Proxemik) zählen zu den basalen Kompetenzen, die in sozialen Beziehungen erworben werden.

Sprache ist ein speziesspezifisches Kommunikationssystem, das auf festgelegten Symbolen beruht. Gleich ob es sich dabei um Gebärden, Wörter oder optische Zeichen handelt, repräsentieren diese Symbole die Dinge, Handlungen, Abfolgen und Beziehungen. Sprache ist eine wesentliche Grundlage für das bedeutungsbezogene Verarbeiten von Wahrnehmungen, damit flüchtige Sinneseindrücke gespeichert werden können. Sie ist wichtig für das Vergleichen und Bewerten, für das Erinnern sowie die Bildung von Kategorien und sie ist eine wesentliche Voraussetzung für vielfältige kognitive Leistungen.

Allerdings sind diese Funktionen nicht gebunden an die Lautsprache, sondern an das Vorhandensein eines differenzierten Symbolsystems. Deshalb können Menschen ohne Lautsprache auch mit anderen Sprachsystemen wie Gebärden, Symbolsysteme oder Sprechausgabegeräte entsprechende kognitive Fähigkeiten entwickeln. Deshalb sind ein gutes Sprachverständnis und eine normale Sprachkompetenz – wie zahlreiche Beispiele belegen – keineswegs abhängig von der Sprechfähigkeit (vgl. Nolan 1989, Lemler 2013).

Als eine wesentliche Voraussetzung für das Erlernen von Sprache gilt die Bereitschaft zur sozialen Interaktion, die Entwicklung von Objektpermanenz und ein gewisses Symbolverständnis. Mit dem differenzierten Aufbau des Vokabulars (Lexik) ist auch die genaue Bedeutung zu erwerben (Semantik). Dabei unterstützt die Betonung (Prosodie) ganz wesentlich das Verstehen, wie das Gesagte gemeint ist (Lob, Tadel, Zweifel, Ironie). Auch die verschiedenen grammatischen Strukturen (Fragen, Passivsätze) müssen verstanden werden. Unabhängig vom Kontext ist zu lernen, sprachliche Mitteilungen zu erfassen und angemessen darauf zu reagieren (Pragmatik).

Sprechen bezeichnet das Produzieren der hörbaren Sprache. Dazu ist erforderlich, dass die sprachtypischen Normlaute gebildet, zu Wörtern verbunden und bedeutungsbezogen benutzt werden. Sprechen ist ein besonders effektives und differenziertes Mittel der Kommunikation. Das Erlernen erfordert sowohl vielfältige basale Voraussetzungen als auch spezielle motorische und kognitive Fähigkeiten.

Für die normale Realisierung von Sprechen sind viele verschiedene Aspekte wichtig. So müssen die einzelnen Laute korrekt gebildet werden (Artikulation), bei der Wortfolge und Satzstruktur sind Regeln zu beachten (Syntax) und mit den geäußerten Wörtern werden Absichten verbunden (Pragmatik). Auch die Sprechfüssigkeit (Stottern, Poltern), die Lautstärke, Betonung (Prosodie) und Resonanz (Näseln) sind wichtig für eine ungestörte Kommunikation.

Ein besonderer Aspekt bezieht sich auf Regeln der Konversation. So ist zu beachten, wie und wann Nachfragen gestellt werden können und wann ein Sprecher unterbrochen werden darf, wie ein Gespräch begonnen, ein Thema bestimmt oder gewechselt werden kann. Missverständnisse müssen korrigiert und unterschiedliche Annahmen geklärt werden können. Die (Vor)Kenntnisse des Gesprächspartners bei einem Thema sind zu berücksichtigen. Auch gilt es angemessene Höflichkeitsformen zu beachten – das bezieht sich auch auf situationsgerechte Wortwahl und das Verwenden von typischen Peer-Gruppenausdrücken.

Bedeutung hat auch das Verhältnis von Gesprächsthema und aktueller Tätigkeit. Während beim kleinen Kind gemeinsame Gespräche überwiegend kontext- und handlungsgebunden sind, indem wir verbalisieren, wohin das Kind blickt oder womit es sich gerade beschäftigt oder indem wir eigene Tätigkeiten kommentieren, löst sich mit zunehmendem Alter des Kindes das Gespräch von der aktuellen Handlung und von der Situation (so kann beim gemeinsamen Kochen über einen Film gesprochen werden oder beim Essen über Erlebnisse in der Schule).

Auswirkung von Behinderung auf Verstehen und Verständigung

Behinderungen können bereits zu Veränderungen der basalen Grundlagen von Kommunikation und Sprache führen. Sie können die kognitiven Fähigkeiten beeinträchtigen, die Motivation und das Bedürfnis, sich mitzuteilen, oder sie beziehen sich nur auf den motorischen Bereich. Manchmal sind allerdings alle verschiedenen Aspekte betroffen.

Deshalb ist es notwendig, die individuellen Voraussetzungen und Möglichkeiten zu erfassen und die Bedürfnisse und Interessen des Kindes und seiner Bezugspersonen zu erkennen, um geeignete Hilfen anzubieten. Dabei ist wichtig, eine zu enge Zielsetzung bezüglich der verbalen Sprache zugunsten einer möglichst effektiven Kommunikationsfähigkeit zu überwinden.

Die Kompetenzen von Menschen mit unterschiedlichen Behinderungen der Lautsprache weisen eine große Streubreite auf, von eingeschränkter kontextgebundener präintentionaler Kommunikationsfähigkeit bis zu völlig normalem Sprachverständnis. Für alle Kinder gilt jedoch, dass die allgemeinen Fähigkeiten meistens deutlich weiter entwickelt sind als das Sprachverhalten vermuten lässt. Deshalb kommt es häufig zu einer erhebliche Unterbewertung der kognitiven Fähigkeiten, und nicht nur Erwartungen und Ansprüche der Bezugspersonen werden reduziert, sondern diese Fehleinschätzung und die dadurch bedingte Unterforderung kann auch die Motivation und Mitteilungsbereitschaft des behinderten Kindes einschränken.

Der Spracherwerb bei Kindern mit gravierenden Behinderungen der motorischen und/oder der geistigen Entwicklung ist fast immer mehr oder minder stark verzögert. Dadurch erfolgt jedoch nicht nur eine langsamere Entwicklung, sondern durch die dissoziierte Ausprägung von Fähigkeiten aufgrund von schädigungsbedingten und ätiologiespezifischen Veränderungen kann auch die normale wechselseitige Beeinflussung der verschiedenen Entwicklungsbereiche behindert bzw. nicht in gleicher Weise aktiviert werden. Zusätzlich zu diesen unmittelbaren Beeinträchtigungen haben viele behinderte Kinder auch Störungen des Sehens und Hörens sowie Wahrnehmungsschwächen in visuellen, auditiven, taktilen und kinästhetischen Bereichen, die eine bedeutungsbezogene Verarbeitung von Informationen erschweren und Erfahrung und Lernen in spezifischer Weise verändern können und dadurch zu erheblichen Auswirkungen auf den Spracherwerb führen.

Diese verschiedenen möglichen Störungen der unmittelbaren oder sekundären Grundlagen der sprachlichen Entwicklung bei Menschen mit Behinderungen können differenziert werden nach sensorischen, motorischen, emotionalen und kognitiven Voraussetzungen.

Sensorische Behinderungen wirken sich in sehr spezieller Weise auf den Spracherwerb aus. Es ist verständlich, dass vor allem Beeinträchtigungen des Hörens zu besonderen Schwierigkeiten führen beim Verstehen und Sprechen lernen. Aber auch Beeinträchtigungen des Sehens bewirken spezielle Probleme. So ist Blickkontakt, soziales Lächeln und deklaratives Zeigen kaum möglich, das Erkennen von Mundbewegungen der Bezugspersonen als Anregung für eigene Lautproduktion ist eingeschränkt und es ist für das Kind schwerer, über referentiellen Blickkontakt Beziehungen herzustellen sowie Bezeichnungen den Dingen bzw. Handlungen zuzuordnen. Unsichere kinästhetische Wahrnehmungen im Mundbereich erschweren dem Kind oftmals das Erkennen des Zusammenhangs von Zungenbewegungen und eigener Lautproduktion als Voraussetzung, um ihm vorgesprochene Laute nachahmen zu können.

Motorische und funktionelle Beeinträchtigungen von Zunge und Lippen, von Kopf- und Körperkontrolle, Veränderungen des Gaumens, der Kiefer und Zähne zeigen sich oft schon bei den Primärfunktionen der Sprechorgane, d. h. beim Saugen, Schlucken, Kauen und Trinken und wirken sich zumeist erheblich auf das Sprechen aus (vgl. Wilken 1974, 55; Wilken 2014). Auch die Atmung kann Probleme aufweisen mit manchmal gravierenden Problemen der Koordination beim Essen und Trinken.

Aufgrund solcher sensorischen und motorisch-funktionellen Beeinträchtigungen der grundlegenden Fähigkeiten kann das Sprechenlernen erheblich erschwert bis hin zu nicht möglich sein. Die Auswirkungen auf die Sprachentwicklung sind jedoch individuell und behinderungsspezifisch sehr verschieden.

Die kognitiven und emotionalen Grundlagen der sprachlichen Entwicklung werden in den Interaktionen von Kind und Bezugspersonen erworben. In sozialer und gegenständlicher Kooperation kann das Kind Sinn und Ziel von Eigenaktivität erleben. Aufgrund von motorischen Behinderungen sind jedoch besonders kooperative Handlungen und die Erkenntnis, selber etwas bewirken zu können, erheblich beeinträchtigt und oft müssen die Bezugspersonen erst lernen, das behinderte Kind zu verstehen, damit es sich zunehmend verständigen kann (vgl. Wilken 1982, 7). Das wird von einer Mutter anschaulich geschildert: »Wir lernen, Lotta zu lesen. Ein steifer Rücken, angewinkelte Arme, feste Fäuste – sie hat Schmerzen. Ein starrer Blick, Arme, die sich heben – es kommt ein Anfall. Ich füttere sie auf meinem Schoß, ihr Rücken drückt gegen meinen linken Arm, sie kann den Löffel nicht sehen und öffnet doch den Mund, bevor er ihre Lippen erreicht. Auch sie liest mich, sie interpretiert meine Körperbewegungen, so wie ich ihre« (Roth 2017, 17).

Sensomotorische Erfahrungen sind eine wichtige Bedingung, Vorstellungen zu erwerben und Rituale zu verstehen. Die Entwicklung von Objektpermanenz und Symbolverständnis als kognitive Grundvoraussetzungen für die Entwicklung von Sprache sind deshalb ganz wesentlich gebunden an eigene Handlungserfahrungen. Die ‹Erkenntnis des permanenten Objekts’ ermöglicht dem Kind, eine Geste oder ein Wort als Zeichen zu verstehen, das etwas Bestimmtes meint, und zu lernen, selbst Zeichen einzusetzen, um sich mitzuteilen. Dabei kommt insbesondere dem deklarativen Zeigen in der präverbalen Kommunikationsentwicklung eine wesentliche Bedeutung zu, weil das Kind unmittelbar erlebt, wie die Bezugsperson darauf eingeht und dass es dadurch etwas bewirken kann.

Motorische Behinderungen können somit über eingeschränkte Erfahrungsmöglichkeiten auch die kognitive und emotionale Entwicklung beeinträchtigen. Bei Menschen mit geistiger Behinderung und multiplen Beeinträchtigungen erfolgt nicht nur der Spracherwerb verzögert, sondern die Entwicklung der basalen Erkenntnisse ist bereits oft verlangsamt oder stagniert manchmal auf frühen Stufen. Bei Kindern mit Autismus-Spektrum-Störungen kann die Motivation zur Kommunikation verändert sein.

Die schädigungsspezifischen und sozialisationsabhängigen großen Unterschiede in der Entwicklung von Menschen mit Behinderungen bedingen, dass besonders im Bereich von Kommunikation, Sprache und Sprechen sehr verschiedene Kompetenzen erreicht werden können. Es ist deshalb erforderlich, die behinderungsspezifischen und individuell angemessenen Hilfen herauszufinden.

Die nachfolgende Tabelle zeigt, wie Verstehen und Mitteilen sich entwickeln. Dabei wird verdeutlicht, wie aufgrund von Behinderung spezielle Abweichungen entstehen können, die unterschiedliche Formen der Unterstützung notwendig machen.

Die einzelnen Aspekte von Verstehen und Mitteilen in der Tabelle sind nicht parallel zu lesen, da diese Entwicklung immer unterschiedlich verläuft. Zudem kann es aus sehr verschiedenen Gründen bei einigen Kindern zu einer erheblich dissoziierten Entwicklung der verschiedenen Kompetenzen kommen.



Entwicklung von

Durch Beobachtung in Alltagssituationen ist es oft möglich, auch ein nicht sprechendes Kind zu verstehen und sein Verhalten dann entsprechend zu beantworten. Aber für die Förderung ist wichtig, mit speziellen Verfahren zur Überprüfung der kommunikativen Kompetenzen differenziert zu ermitteln, was ein Kind wirklich verstehen kann und in welcher Weise es in der Lage ist, sich mitzuteilen und welche verschiedenen Verhaltensweisen es einsetzt, die wir lernen können, zu verstehen und kommunikativ zu interpretieren. So berichtet eine Mutter, dass sie das Verhalten ihrer Tochter interpretiert und entsprechend verbalisiert: »Wenn ich Lotta dusche und sie das Gesicht verzieht, schimpfe ich: ›Blöde Mama, ich wollte doch gar nicht duschen!‹ Ich lasse meine Stimme hell klingen, wenn ich für Lotta spreche … Wenn ich richtig liege mit meinem Dolmetschen, lächelt Lotta« (Roth 2017, 19).

Bei der Gestaltung der kommunikativen Förderung sind sowohl lebensweltorientierte als auch entwicklungs- und altersbezogene Bedürfnisse zu berücksichtigen. Zudem haben individuelle und soziale Fähigkeiten eine wesentliche Bedeutung und auch situationsabhängige und alltagsrelevante Aspekte sind zu beachten.

Das Ziel der verschiedenen Angebote der Unterstützten Kommunikation ist es, den Kindern mit unterschiedlichen Beeinträchtigungen von Sprache und Sprechen frühzeitig differenzierte Hilfen zur Verständigung zu vermitteln. Jugendlichen und Erwachsenen, die nicht oder nicht hinreichend in der Lage sind, sich zu verständigen, gilt es, individuell geeignete Angebote zu machen, die Teilhabe und Mitbestimmung in ihrem Lebensalltag fördern. Unterstützte Kommunikation ermöglicht, die Bedürfnisse und Interessen der behinderten Personen zu erkennen, ihren Anspruch auf Selbstbestimmung und Würde zu berücksichtigen und damit Lebensqualität und wesentliche Voraussetzungen für Teilhabe und individuell wichtige Aspekte der Lebensgestaltung zu gewährleisten.

Literatur

Adam, H. (1996): Mit Gebärden und Bildsymbolen kommunizieren. Würzburg

Braun, U. (1994): Unterstützte Kommunikation. Düsseldorf

Boenisch, J. (2009): Kinder ohne Lautsprache. Grundlagen, Entwicklungen und Forschungsergebnisse zur Unterstützten Kommunikation. Karlsruhe

Fröhlich, A./Kölsch, S. (1998): Alles, was wir sind, sind wir in Kommunikation. In: Geistige Behinderung, 37, 22–36

Lemler, K./Baunach, M. (2013): UK-Scouts am Start. In: Unterstützte Kommunikation, Nr.3, 28

Nolan, Ch. (1989): Unter dem Auge der Uhr. Köln

Theunissen, G./Ziemen, K. (2000): Unterstützte Kommunikation – (k)ein Thema für den Unterricht mit geistig behinderten Schülern? In: Zeitschrift für Heilpädagogik, 51, 361–367

Roth, S. (2017): Eine Welt voller Gründe, glücklich zu sein. In: ZEIT Magazin vom 22.6., 15–23

Wetzel, J. (2000): Erfassung der Kommunikationsfähigkeit von Schülerinnen und Schülern einer Heim-Sonderschule für Geistigbehinderte. In: ISAAC (Hrsg.): Unterstützte Kommunikation mit nichtsprechenden Menschen. Karlsruhe

Wilken, E. (2014): Sprachförderung bei Kindern mit Down-Syndrom. Stuttgart

Wilken, E. (2000): Statistische Erhebung zur Schülerpopulation an Sonderschulen und Tagesstätten für geistig Behinderte in Niedersachsen. Unv. Umfrage

Wilken, E. (1982): Verstehst du mich? In: Zusammen, 7, 6–9

Wilken, E. (1974): Das Fingeralphabet als Kommunikationshilfe bei einem zerebralparetischen und gehörlosen Jungen. In: Heese, G./Reinartz, A. (Hrsg.): Aktuelle Beiträge zur Körperbehindertenpädagogik. Berlin

1 Eine Überdehnung des Begriffes auf alle Formen von Aktivität ist jedoch problematisch. Kommunikation ist eingebunden in wechselseitige personale Beziehungen – auch wenn noch keine Intentionalität vorliegt. Es ist deshalb fraglich, ob z. B. von pränataler Kommunikation gesprochen werden kann.

Diagnose der Verständigungsfähigkeit bei nicht sprechenden Kindern
Gudrun Kane

Kinder entwickeln ihre Verständigungsfähigkeit im Kontakt mit ihren Bezugspersonen. Zwar spielt in der Sprachentwicklung die Veranlagung eines Kindes eine sehr wichtige Rolle, doch hat auch die Umwelt großen Einfluss (Chapman 2000). Die affektive Beziehung zum Kind, die Häufigkeit, mit der mit ihm gesprochen wird, die Abstimmung des Gesagten mit dem Aufmerksamkeitsfocus des Kindes und das Eingehen auf seine Äußerungen sind einige wichtige Faktoren. Und bei einer Diagnose sollte stets auch betrachtet werden, welche Anregungen und Lernmöglichkeiten ein Kind in seinem natürlichen Umfeld vorfindet. Bei dieser Arbeit aber steht das Kind selbst im Mittelpunkt, dieser Ansatz betrachtet seine Verständigungsmöglichkeiten vor dem Beginn der Sprache.

Die Entwicklung der Verständigungsfähigkeit hängt mit einer Vielzahl von anderen Fähigkeiten zusammen, die die meisten Kinder im Laufe der ersten beiden Lebensjahre erwerben (Kane 1992). An dieser Stelle sollen zwei Bereiche genauer betrachtet werden, die eng mit der Verständigungsfähigkeit zusammenhängen, Kommunikation und Kognition. Im Bereich der Kommunikation lernt ein Kind, dass es Wünsche und Interessen mitteilen kann, seine Mitteilungen verstanden und beantwortet werden, und dass es diese Mitteilungen durch Übernahme in seiner Kultur üblicher Formen effektiver gestalten kann. Im Bereich der Kognition erwirbt das Kind z. B. die Grundlage für den Umgang mit Symbolen, für die Nachahmung spezifischer Mitteilungsformen durch Gesten oder Worte und für die Verwendung von Kommunikation als Mittel zum Erreichen von Zielen. Man geht heute davon aus, dass die Entwicklung in den beiden Bereichen eng zusammenhängt und sich gegenseitig beeinflusst. Deshalb sollte eine Diagnose der Verständigungsfähigkeit bei nicht sprechenden Kindern stets beide Bereiche erfassen.

Diagnose der Kommunikationsentwicklung

Schon lange vor dem Beginn des eigentlichen Sprechens kommunizieren Kinder mit vielfältigen Mitteln. Vom ersten Lebenstag an »verstehen« Eltern ihre Kinder anhand ihrer Reaktionen auf ihre Befindlichkeit und auf Umwelteinflüsse. Eltern erkennen, wann Kinder hungrig oder müde sind und welche Formen der Ansprache sie mögen, lange bevor das Kind selbst um seine Bedürfnisse weiß. Typischerweise wird der Beginn der Verständigung im ersten Schrei eines Kindes gesehen, wie es Buchtitel wie »Vom ersten Schrei zum ersten Wort« (Kluge 1997; Papousek 1998) deutlich machen. Doch schon in den ersten Lebenstagen teilt sich ein Kind nicht nur stimmlich mit, sondern auch durch Körpersignale, wie Anspannung und Entspannung, Ruhe oder Unruhe, Hin- oder Wegschauen, und Eltern verstehen diese Signale. Die Entwicklung der Verständigung findet entsprechend nicht nur im Bereich der Laute statt, sondern ganz wesentlich auch im Bereich von Blick und Gestik, und es gibt eine Reihenfolge, in der Kinder kommunikative Fähigkeiten erlernen.

Kane (1992) beschreibt den Entwicklungsweg von den frühen Anzeichen für Befindlichkeit zur gezielten Kommunikation von Wünschen oder Interessen mit Worten oder Gebärden. Diesen Entwicklungsweg gehen auch Kinder mit erschwerter Entwicklung der Verständigungsfähigkeit, und das Erkennen des gegenwärtigen Entwicklungstandes und Niveaus hilft abzuklären, wo auf diesem Weg das Kind im Moment steht. Hieraus lässt sich z. B. erkennen, wo eine Kommunikationsförderung ansetzen könnte, bzw. ob ein Kind im Bereich der Kommunikation die Voraussetzungen für eine gezielte Sprach- bzw. Gebärdenförderung beherrscht. Denn es ist davon auszugehen, dass ein bestimmtes Kommunikationsniveau Voraussetzung für eine Verständigung mit sprachlichen oder nichtsprachlichen Symbolen ist. Die Diagnostik der Verständigungsfähigkeit ist möglich über eine gezielte Verhaltensbeobachtung. Hierzu wurde von Rotter, Kane und Gallé (1992) ein Beobachtungsverfahren entwickelt, das im Folgenden kurz beschrieben werden soll.

Ziel der Beobachtungen ist die Beschreibung des Verhaltens in kommunikativen Situationen. Hierzu werden Situationen vorgegeben, die das Kind zu kommunikativen Reaktionen anregen sollen. Reaktionen auf die kommunikationsauslösenden Situationen können Stufen der Kommunikationsentwicklung zugeordnet werden, um so den Entwicklungsstand eines Kindes zu beschreiben. Dabei geht es vor allem um die Beschreibung seines »typischen« Kommunikationsverhaltens, weniger um nur vereinzelt gezeigte »maximale« Leistungen.

Kommunikationsauslösende Situationen

Als Kommunikationsanlass werden relativ lebensnahe Situationen vorgegeben, die bei den meisten Kindern eine Reaktion mit Kommunikationscharakter hervorrufen. Dabei hängt die Art einer Mitteilung wesentlich mit dem Ziel zusammen, das erreicht werden soll, also mit ihrer Funktion. Allerdings ist die Funktion nicht immer eindeutig erkennbar, deshalb wird bei diesen Beobachtungen die Funktion über die auslösende Situation und nicht über ein spezifisches Verhalten definiert. In der frühen Kommunikation stehen vor allem drei Funktionen im Vordergrund:

• das Fordern von Gegenständen oder Handlungen

• das Kommentieren von Ereignissen

• Protest.

Fordern wird wahrscheinlich, wenn beim Kind ein Wunsch geweckt wird, den es sich nicht allein erfüllen kann. Liegt ein interessanter Gegenstand außer Reichweite, so liegt nahe, dass das Kind mit seinem Verhalten seinen Wunsch im Sinne eines »Gib ihn mir« signalisiert. Ein interessantes Spielzeug oder eine Flasche mit dem Lieblingsgetränk sind gut geeignet, diesen Wunsch auszulösen

Lässt sich der Gegenstand nur mit einer Handlung nutzen, die das Kind nicht alleine ausführen kann, so kann sein Verhalten diese Handlung vom Erwachsenen einfordern. Ein Luftballon muss aufgeblasen werden, Seifenblasen sollen fliegen oder die Flasche mit dem Lieblingsgetränk ist so fest verschlossen, dass nur die Erwachsene sie öffnen kann. Allerdings setzt das Fordern einer Handlung voraus, dass das Kind weiß, dass die entsprechende Handlung, z. B. Flasche öffnen, Mittel ist zum Zweck, den Saft aus der Flasche zu bekommen.

Kommentieren ist am ehesten zu beobachten, wenn ein Kind etwas Interessantes sieht oder hört und diese Erfahrung mit einer Erwachsenen teilen möchte. Erklingt plötzlich ein Glockenspiel, fällt ein Aufziehmotorrad vom Tisch oder leuchten bunte Lichter auf, so kann dies ein Kind dazu anregen, die Erwachsene auf diese Ereignisse hinzuweisen (z. B. durch Zeigen oder durch »oh«), oder sein Interesse durch das Pendeln des Blicks zwischen Ereignis und Erwachsener mitzuteilen.

Protest kann man auslösen, indem man einem Kind unbeliebte Aktivitäten oder Gegenstände anbietet, oder ihm etwas fortnimmt, an dem es Interesse zeigt. Vielleicht verwundert es, dass bei dieser Diagnostik Protest gezielt provoziert werden soll, da ja gerade in der Arbeit mit behinderten Kindern oft der Wunsch nach Kooperation im Vordergrund steht. Doch für ein selbstbestimmtes Leben ist das »Nein-Sagen« ebenso wichtig wie das Fordern oder die Äußerung von Zustimmung. Außerdem haben manchmal »störende« Verhaltensweisen wie Schreien, Aggressionen und auch Selbstverletzung die Funktion von Protest. Gerade deshalb ist es wichtig abzuklären, welche Verhaltensweisen ein Kind in Protest anregenden Situationen zeigt.

Durchführung der Untersuchung

Allgemeine Regeln für die Diagnostik durch Verhaltensbeobachtung: Für die Durchführung der Beobachtungen der Kommunikation gibt es einige Grundregeln, die hier zunächst dargestellt werden sollen. Da die meisten Regeln auch für die Beobachtung des kognitiven Verhaltens gelten, werden sie an dieser Stelle für beide Bereiche gemeinsam dargestellt. Wird die Untersuchung von einer dem Kind fremden Person durchgeführt, so sollte eine Bezugsperson anwesend sein. Dies gibt dem Kind wichtigen emotionalen Rückhalt und ermöglicht es darüber hinaus, das kindliche Verhalten während der Untersuchung mit seinem Alltagsverhalten zu vergleichen. Optimal ist, wenn die Untersuchung auf Video aufgezeichnet werden kann, da es während der Durchführung schwierig ist, subtile Verhaltensweisen eines Kindes zu erkennen. Dies gilt vor allem für die frühen Entwicklungsphasen.

Es hat sich bewährt, die Beobachtungen am Tisch sitzend durchzuführen, wobei nur die für die jeweilige Situation benötigten Gegenstände auf dem Tisch sein sollten. Dies erhöht die Wahrscheinlichkeit, dass das Kind die Vorgabe beachtet und seine Verhaltensweisen tatsächlich Reaktionen auf die vorgegebene Situation sind. Dadurch wird wahrscheinlicher, dass sie im Bereich der Kommunikation die erwartete Funktion haben, selbst wenn die Funktion nicht eindeutig am Verhalten zu erkennen ist. Dies ist besonders wichtig bei Kindern auf relativ niedrigem Entwicklungsstand und bei Kindern mit wenig ausgeprägten Reaktionen. Die Dauer der Beobachtung sollte auf die Ausdauer des Kindes abgestimmt werden. Bei schlechter Motivation, Ermüdung oder Irritation sollte man abbrechen. Erfahrungsgemäß können viele Kinder etwa 15 bis 20 Minuten mitarbeiten, wenn die Untersuchung locker und abwechslungsreich gestaltet wird.

Die Vorgabe der Situationen ist nicht standardisiert. Ziel ist es, möglichst vielfältige Reaktionen auszulösen. Für jede Situation muss die Motivation des Kindes geweckt werden. Dies geschieht zum einen durch intensiven positiven Kontakt zum Kind, durch Beachtung seiner Aufmerksamkeit und Ermüdung und durch Abstimmung der verwendeten Gegenstände auf die Interessen des Kindes, wobei (als Ausnahme) auch Leckereien angeboten werden können.

Die einzelnen Aufgaben können in beliebiger Reihenfolge gegeben werden, abgestimmt auf die Präferenzen des Kindes. Oft bieten sich inhaltlich sinnvolle Darbietungssequenzen an. Ein Beispiel aus dem Bereich der Kommunikation ist, dass man zunächst eine Seifenblasendose außer Reichweite stellt, nach einer Reaktion des Kindes ihm diese fest verschlossen gibt und abwartet, wie es fordert, dass die Erwachsene blasen soll. Wenn man dann geblasen hat, kann man beobachten, ob das Kind auf die fliegenden Blasen mit einem Kommentar reagiert. Jede der Situationen sollte mehrmals und mit unterschiedlichen Materialien gestaltet werden, damit man mehrere Verhaltensbeispiele erhält. Bei der Untersuchung der kognitiven Entwicklung ist es auch günstig, wenn man zwischen den Untertests wechselt, um durch neue Aufgabentypen das Interesse des Kindes wach zu halten. Löst ein Kind eine Aufgabe nicht, so ist es sinnvoll, diese nochmals zu einem späteren Zeitpunkt mit anderen Materialien anzubieten, um zu klären, ob eventuell fehlende Motivation oder Ermüdung die eigentliche Ursache hierfür sind.

Spezielle Regeln für die Kommunikationsbeobachtung: Grundsätzlich sollten stets die Erwartungen des Kindes erfüllt bzw. seine Botschaften erfolgreich sein, d. h. das, was es fordert, bekommt es auch, oder da, wo es protestiert, wird dies akzeptiert. Da die Untersucherin die Situationen vorgibt, kann sie meist auch bei unklaren Signalen angemessen reagieren. Allerdings fanden wir in einer Untersuchung (Hammer, Zürn, Kane 1998), dass Kinder oft zunächst als Reaktion auf die kommunikationsauslösenden Situationen sehr einfache Signale benutzen, um Interesse oder Wünsche mitzuteilen. Hier können gezielte »Missverständnisse« weitere Mitteilungen des Kindes anregen. Dabei reagiert die Untersucherin zunächst mit einem nicht der Mitteilung entsprechenden Verhalten (z. B. legt sie das Spielzeug, auf das das Kind blickt, an die andere Ecke des Tisches, statt es ihm zu geben), bleibt aber im Kontakt mit dem Kind und macht deutlich, dass sie an einer Auflösung des Missverständnisses interessiert ist. In unserer Untersuchung folgte fast immer auf eine falsche Reaktion der Erwachsenen eine erneute Botschaft. Mehr als die Hälfte dieser neuen Botschaften war auf einem höheren Niveau als die erste Mitteilung und äußerst selten auf niedrigerem. Missverständnisse schafften somit zusätzliche Gelegenheiten zur Kommunikation und forderten häufig eine Verdeutlichung der Äußerung heraus.

Allerdings zeigt eine Untersuchung von Wilcox und Webster (1980), dass Missverständnisse emotional belasten können. Sie fanden in der Interaktion von Eltern mit ihren nichtbehinderten Kindern im zweiten Lebensjahr häufig Missverständnisse und deutliche Hinweise auf Stresserleben, bis hin zu Kommunikationsabbrüchen. In der Untersuchung von Hammer et al. waren ebenfalls Frustrationssignale nach Missverständnissen zu beobachten; einige Kinder wandten sich nach Missverständnissen kurz ab, nestelten an ihrer Kleidung, lutschten am Daumen usw. Die Belastung blieb aber begrenzt und Kommunikationsabbruch wurde völlig vermieden, wenn die Untersucherin dem Kind signalisierte, dass sie sich um ein Verstehen bemühte und das Kind letztendlich die gewünschte Reaktion erfuhr.

Auswertung der Beobachtungen

Allgemeinverhalten bei der Beobachtung von Kognition und Kommunikation

1. Kontakt: Wie war der Kontakt zum Kind? Suchte es Blickkontakt? Mochte es Körperkontakt? Wirkte es zurückhaltend oder offen? War es eventuell durch Schüchternheit gehemmt?

2. Interesse und Motivation: Wie war die Mitarbeit des Kindes? Ermüdete es schnell? Interessierte es sich nur für wenige Dinge oder sprach es auf viele Situationen an? Galt sein Interesse eher Gegenständen, Ereignissen oder den Erwachsenen? Waren kommunikative Äußerungen auf die auslösenden Situationen beschränkt oder machte es auch spontane Mitteilungen, so als habe es ein großes Mitteilungsbedürfnis? Zeigte es Freude an gelungenen Problemlösungen und wiederholte es diese z. T. spontan?

3. Umgang mit Belastung: Zeigte es negative Emotionen, wenn Wünsche nicht sofort erfüllt wurden oder es eine Aufgabe nicht lösen konnte? Zeigte es Belastungssignale (z. B. Abwenden, Gähnen, Stereotypien, Schreien, Aggressionen) bei Missverständnissen oder bei Unter- oder Überforderung? Waren sie eher subtil, wie kurzes Abwenden, oder heftig, wie Schreien oder Versuche, aus der Situation zu kommen?

4. Generalisierbarkeit der Beobachtungen: Entsprach das Verhalten des Kindes nach Eindruck seiner Eltern oder Erzieher seinem Alltagsverhalten?

Entwicklungsstufen

In unseren Untersuchungen fanden wir fünf Stufen der vorsprachlichen Entwicklung, die die meisten Kinder in gleicher Reihenfolge erlernen. Allerdings ist es nicht so, dass ein Kind kontinuierlich eine Stufe nach der anderen erklimmt und die niedrigeren Stufen jeweils hinter sich lässt. Die Verhaltensweisen einer neuen Stufe erweitern das verfügbare Kommunikationsrepertoire, sie ersetzen nicht die früheren (Kane 1994). Im Folgenden werden die fünf Stufen kurz beschrieben, für eine ausführliche Darstellung der Stufen mit Besonderheiten der Entwicklung bei Kindern mit Behinderungen wird auf Kane (1992) und Rotter, Kane, Gallé (1992) verwiesen. Zur Bestimmung der Stufe werden vor allem die Modalitäten Blickrichtung, Gesten und Laute verwendet. Die gerade für die Befindlichkeit des Kindes ebenfalls sehr informative Mimik wurde für die Bestimmung des Niveaus nicht berücksichtigt, da sie schon in den ersten Lebenswochen sehr differenziert und ausgeprägt ist und sich keine so deutliche Entwicklungslinie zeigt wie in den anderen Modalitäten. Aber sicherlich spielt in der Verständigung auch der gezeigte Affekt eines Kindes eine sehr große Rolle für die Interpretation seiner Äußerungen.

Ungezieltes Verhalten gibt Eltern bereits in den frühesten Interaktionen mit dem Säugling wichtige Informationen. Nicht nur das Schreien wird als Signal für Hunger, Müdigkeit oder Bauchweh verstanden, sondern auch subtilere Verhaltensweisen wie Mimik und Körperspannung werden aufgegriffen, indem die Eltern z. B. auf ein Anschauen mit dem typischen Augengruß, einem Lächeln und zärtlichen Lauten reagieren oder ein Erschlaffen des Tonus als Müdigkeit deuten. Das Kind verfügt von Geburt an über Verhaltensweisen, auf die Eltern intuitiv reagieren (Papousek, Papousek 1989) und oft sogar eine Mitteilungsabsicht unterstellen (Wohlfahrt 1993). In den Untersuchungssituationen ist es vor allem bei ungezieltem Verhalten schwierig, es einer Funktion zuzuordnen. Sie wird aus der auslösenden Situation erschlossen, ohne hier eine Absicht zu unterstellen. Bei der Untersuchung wäre eine Veränderung im Körpertonus beim dem Ertönen eines Glockenspiels ein Beispiel für eine ungezielte Reaktion mit der Funktion eines Kommentares.

Gezieltes Verhalten setzt voraus, dass das Kind um seine Bedürfnisse und Interessen weiß und gezielt danach handelt. Es greift nach Dingen, die es haben möchte, schlägt damit auf den Tisch, um Krach zu produzieren, und lässt sie fallen, wenn es das Interesse verloren hat. Das Kind weiß, was es möchte bzw. was ihm fehlt. Seine Aufmerksamkeit ist dabei ausschließlich auf das Ziel gerichtet, sei dies ein Gegenstand oder eine Person, es kann seine Aufmerksamkeit noch nicht zwischen zwei Zielen (Spielzeug und Person) teilen. Greift es nach einem weit entfernt liegenden Spielzeug, so ist dies ein Versuch, es selbst zu erreichen und nicht ein Appell an die daneben sitzende Untersucherin, es ihm zu geben. Dies wird dadurch deutlich, dass es in dieser Situation keinen Blickkontakt mit ihr aufnimmt und sich auch nicht mit Lauten an sie wendet.

Partnerbezogene Äußerungen sehen viele Autoren als Beginn der eigentlichen intentionalen Kommunikation, da erst hier eine Mitteilungsabsicht des Kindes erkennbar wird (Bates 1979). Streckt ein Kind seine Hand zu einem entfernt liegenden Spielzeug aus und schaut dabei mit »pendelndem Blick« (auch referentieller Blick oder Triangulierung genannt) zwischen der Untersucherin und dem Spielzeug hin und her, möglicherweise noch mit begleitendem Laut, so wird hier ein Appell an die Partnerin im Sinne von »Gib es mir« deutlich. Hier kennt das Kind nicht nur sein Ziel, sondern es kann sich an andere wenden, damit sie ihm bei der Erreichung dieses Ziels helfen.

Konventionelle Äußerungen geschehen über in einer Kultur übliche Gesten oder Laute. Ein Kind zeigt mit ausgestrecktem Zeigefinger auf ein interessantes Ereignis oder auf etwas, das es haben möchte, nickt bei Zustimmung oder äußert »ee«, um zu protestieren. Wesentliches Merkmal dieser Gesten oder Laute ist, dass ihre Bedeutung durch die Konvention in einer bestimmten Kultur festgelegt ist. Dies wird deutlich, wenn man z. B. in Griechenland mit Kopfschütteln antwortet – es hat dort bejahende Bedeutung.

Symbolische Kommunikation geschieht meist durch die Verwendung von gesprochener Sprache. Hier stehen Worte symbolisch für Dinge, Handlungen oder Konzepte. Und die Begeisterung von Eltern über die ersten Worte ihrer Kinder macht deutlich, wie wichtig ihnen das Sprechen ist. Aber auch Bewegungen können Symbolcharakter haben, wie etwa das Victory Zeichen oder die Segensgeste. Heute wird die symbolische Qualität von Gebärdensprachen international anerkannt, und auch Zeichensysteme wie Schrift oder andere visuelle Symbolsysteme (z. B. BLISS, Becker, Gangkofer 1994) ermöglichen eine Verständigung mit Symbolen.

Einschätzung des Entwicklungsstandes

Häufig machen Kinder Mitteilungen auf unterschiedlichem Niveau (Hammer, Zürn, Kane 1998). Deshalb ist es sinnvoll, zunächst alle kindlichen Reaktionen zu beschreiben und zwar detailliert die Verwendung von Blicken, Lauten und Bewegungen und deren Kombination. Zusätzlich empfiehlt es sich festzuhalten, ob es einen Zusammenhang zwischen der Funktion und der Form bzw. dem Niveau einer Mitteilung gibt. Manche Kinder können zwar partnerbezogen Ereignisse kommentieren, fordern aber nur durch gezieltes Verhalten, indem sie z. B. versuchen, selbst ein außer Reichweite liegendes Objekt zu greifen. Tabelle 1 beschreibt für jede Funktion typische Verhaltensweisen, um eine Zuordnung der beobachteten Reaktionen zu den vier Stufen vor Beginn der symbolischen Kommunikation zu erleichtern. Ergänzend gibt die Tabelle zu jeder Stufe Angaben, von welchem Alter an diese Stufe bei nichtbehinderten Kindern zu beobachten ist. Diese Angaben sind nicht als Normwerte zu verstehen, sondern sollen z. B. bei einem Vergleich der Kommunikationsentwicklung mit anderen Entwicklungsbereichen einen Referenzwert geben. Sie sind der Literatur zur Kommunikationsentwicklung entnommen und basieren nicht auf systematischen Untersuchungen einer repräsentativen Kindergruppe. Sicherlich ist von einer sehr breiten Streuung im ersten Auftreten der entsprechenden Stufen auszugehen, und ihr Fortbestehen bis ins Erwachsenenalter gilt nicht nur für die Zeigegeste, sondern ebenso für die Kommunikation über Blicke oder Veränderungen der Körperspannung.

Tab. 1: Stufen und Funktionen kommunikativer Äußerungen


Stufe FunktionUngezieltes Verhalten (ab Geburt)Gezieltes Verhalten (ab ca. 5 Mon.)Partnerbezogene Äußerung (ab ca. 8 Mon.)Konventionelle Äußerung (ab ca.11 Mon.)

Interpretation

Die Entwicklungsstufen dienen der umfassenden Beschreibung der Vielfalt kindlicher Äußerungen, nicht der Zuordnung von Kindern zu bestimmten Stufen oder Niveaus. Die typische Kommunikation eines Kindes wird durch häufig gezeigte Reaktionen charakterisiert, weniger durch das höchste erreichte Niveau, wenn es dieses nur selten verwendet. Es ist auch relevant, welchen Kommunikationskanal ein Kind meist benutzt. Verständigt es sich eher über Blicke, Laute oder Gesten oder nutzt es alle drei Kanäle? Dies kann wichtige Hinweise dafür geben, welcher Kanal für eine Förderung am ehesten erfolgversprechend ist.

Mitteilungen bestehen häufig aus mehreren Komponenten, aus der Kombination verschiedener Mittel. In unseren Arbeiten fanden wir, dass die Kombination von Kommunikationsmitteln ein Hinweis auf die Sicherheit bei ihrer Verwendung ist. Während manche Kinder häufig nur einen Kommunikationskanal nutzten, kombinierten andere häufig Blicke, Laute und Gesten in ihren Mitteilungen. In der Phase des Neuerwerbs werden Mittel oft isoliert verwandt, mit zunehmender Sicherheit sind Kinder in der Lage, sie effektiv zu verbinden. Hammer, Zürn und Kane (1998) fanden bei einer längsschnittlichen Betrachtung der Kommunikation von Kindern mit Down Syndrom nach einem Jahr bei den meisten Kindern Fortschritt im Erreichen eines neuen Niveaus, bei anderen darin, dass im ersten Jahr selten gezeigte Kommunikationen mit Partnerbezug ein Jahr später häufiger verwendet und auch kombiniert wurden, während Mitteilungen ohne Partnerbezug zurückgingen. So lässt sich das Kommunikationsniveau zum einen durch das höchste Kompetenzniveau definieren, im Sinne der höchsten kommunikativen Fähigkeit, die es zeigt. Dieses Kompetenzniveau wird traditionell zur Charakterisierung eines Kindes verwandt. Differenzierter und für den Alltag relevanter ist nach Bretherton et al. (1979) die Beschreibung des sicher verfügbaren Repertoires, d. h. der am häufigsten gezeigten Reaktionen, die einem Gefühl von Kompetenz (sense of competence) entsprechen. Das »Gefühl von Kompetenz« umschreibt das Niveau, auf dem sich ein Kind im Alltag sicher bewegt. Eine Verbesserung in diesem Bereich ist für den kindlichen Alltag viel bedeutungsvoller als nur eine Steigerung eines selten gezeigten maximalen Kompetenzniveaus.

Für eine Förderung ist relevant, wie ein Kind auf Missverständnisse reagierte. Verdeutlichte es seine Mitteilungen auf höherem Niveau und wie belastet wirkte es? In der Untersuchung von Hammer, Zürn und Kane (1998) fand sich ein Zusammenhang zwischen der lebenspraktischen Selbständigkeit und Belastungssignalen nach Missverständnissen. Die selbständigeren Kinder zeigten deutlich weniger negative emotionale Äußerungen als die weniger selbständigen. Eine höhere Selbständigkeit scheint mit besseren Kompetenzen im Umgang mit Belastung einherzugehen. Die Nutzung gezielter Missverständnisse in der Kommunikationsförderung empfiehlt sich am ehesten für Kinder, die darauf mit einer Wiederholung und Steigerung ihrer Kommunikationsversuche reagieren ohne zu starke Belastungssignale.

Bei der Diagnostik der Verständigungsfähigkeit nicht sprechender Kinder steht häufig die Frage im Vordergrund, ob eine Kommunikationsanbahnung mit Symbolen sinnvoll ist. Bei einem Vergleich von nichtsprechenden und sprechenden Kindern mit Behinderung fanden Ritzenfeldt und Rotter (1989), dass sie sich deutlich in der Verwendung konventioneller Kommunikationsmittel unterschieden. Die sprechenden Kinder nutzten etwa dreimal so häufig konventionelle Mittel wie die nichtsprechenden. Eine besonders häufige konventionelle Geste war das Zeigen, und es gab bei den behinderten Kindern kein sprechendes Kind, das nicht das Zeigen sicher beherrschte. Auch für nicht-behinderte Kinder betonen Autoren die Bedeutung des Zeigens, da in ihren Untersuchungen Kinder immer zeigten, bevor sie erste Worte sprachen (z. B. Leung und Rheingold 1981). Nach einer Untersuchung von Müller (1987) ist die Beherrschung der Zeigegeste auch für das Erlernen von Gebärden ein wichtiger Vorläufer. Fehlen konventionelle Mittel oder sind sie nur selten im kindlichen Kommunikationsrepertoire zu sehen, so scheint es wenig sinnvoll, bei der Förderung symbolische Mittel zu verwenden. Eine Ausnahme ist natürlich, wenn ein Kind aufgrund organischer Probleme wie einer Körperbehinderung nicht in der Lage ist, konventionelle Mittel zu produzieren. Bei diesen Kindern bedarf es oftmals einer längeren intensiven Beobachtung, um festzustellen, ob ein Kind über ein Symbolverständnis verfügt. Nutzt dagegen ein Kind häufig das Zeigen und andere konventionelle Mittel, und erfindet es eventuell selbst ein eigenes beschreibendes Gestenrepertoire (z. B. Zeigefinger und Daumen am Auge als Bezeichnung für das Videoteam), so sind in der Kommunikation die Voraussetzungen für eine Verständigung über Symbole gegeben. Abzuklären ist allerdings noch, ob das Kind auch in seiner intellektuellen Entwicklung die Voraussetzungen für Sprache erworben hat.

Diagnose der intellektuellen Entwicklung

Der herausragende Entwicklungspsychologe Piaget beschreibt die intellektuelle Entwicklung als Prozess, bei dem ein Kind durch ein Zusammenspiel von Wahrnehmung und eigenem Handeln Fähigkeiten erwirbt, die einen zunehmend gezielteren, effektiveren und komplexeren Umgang mit der Umwelt ermöglichen.

Die frühe Entwicklung in den ersten beiden Lebensjahren nennt Piaget sensomotorische Phase. Zu Beginn dieser Phase reagiert das Kind reflexartig auf Umweltgeschehnisse, am Ende dieser Phase kann es gezielt und vorausplanend handeln, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Piaget unterscheidet sechs Entwicklungsbereiche, die eng zusammen hängen und sich gegenseitig beeinflussen (Piaget 1975). Piaget geht von einer großen Bedeutung der Sensomotorik für die Sprache aus, wenn er schreibt »language is a product of intelligence rather than intelligence being a produt of language« (Piaget 1980, 167). Für die Sprachentwicklung werden von verschiedenen Autoren unterschiedliche Entwicklungsbereiche als relevant angesehen, wobei Untersuchungen nahe legen, dass bestimmte kognitive Entwicklungsschritte dem Sprachbeginn vorausgehen, auch wenn der Zusammenhang noch nicht eindeutig aufgeklärt ist. Die Bedeutung der Bereiche dürfte auch davon abhängen, zu welchem Zeitpunkt der Zusammenhang untersucht wird (z. B. Beginn der Sprachentwicklung oder Mehrwortphase) und welcher Aspekt der Sprache betrachtet wird (z. B. Sprachverständnis, Wortschatz oder grammatische Struktur).

Geht man von einem engen Zusammenhang zwischen sensomotorischer und sprachlicher Entwicklung aus, so wird es wichtig, bei nicht sprechenden Kindern auch das Niveau ihrer kognitiven Entwicklung zu berücksichtigen. Dabei ist abzuklären, ob ein Kind die kognitiven Voraussetzungen für bestimmte Kommunikationsformen erworben hat. Zur Diagnostik der kognitiven Entwicklung eines Kindes eignen sich sehr gut die Ordinalskalen zur sensomotorischen Entwicklung von Uzgiris & Hunt (Sarimski 1987). Sie sind ein Instrument zur systematischen Verhaltensbeobachtung. Dem Kind werden Problemstellungen aus den sechs Entwicklungsbereichen dargeboten (z. B. Spielzeug wird versteckt) und der Umgang des Kindes mit diesen Situationen wird beobachtet (sucht an richtiger Stelle oder sucht an falscher Stelle oder verliert Interesse). Auch diese Skalen sind nicht in der Durchführung standardisiert, sondern die Situationen sollen auf die Interessen und Vorlieben des Kindes abgestimmt werden. Dadurch sind sie gut für Kinder mit Besonderheiten in ihrer Entwicklung wie geistiger Behinderung oder emotional-motivationalen Schwierigkeiten geeignet.

Ziel der Beobachtungen ist die Beschreibung des kognitiven Entwicklungsstandes in den sechs Bereichen. Als Beobachtungsinstrument haben die Skalen keine Normwerte, und es ist auch nicht sinnvoll, einen Gesamtwert im Sinne eines Intelligenz oder Entwicklungsquotienten zu berechnen (Hoppe-Graff 1998). Somit sind sie nicht für die Feststellung einer Behinderung bzw. deren Ausmaß geeignet. Doch geben Alters-Richtwerte und eine Zuordnung der Aufgaben zu den von Piaget beschriebenen Entwicklungsstufen einen Bezugsrahmen für die an Piagets Theorie orientierte Interpretation der Ergebnisse.

Beschreibung der Ordinalskalen

Bei den Ordinalskalen nimmt in jeder Unterskala der Schwierigkeitsgrad der Aufgaben vom ersten zum letzten Item hin zu. Von der Konstruktion her sollte die Beherrschung einer schwierigeren Aufgabe immer die Beherrschung aller darunter liegenden implizieren. Auch für behinderte Kinder wurde generell die gleiche ordinale Folge von Entwicklungsschritten berichtet, doch fanden Deckert und Verhoeven (1987), dass dies nicht immer der Fall ist. Sie beobachteten bei Kindern mit Behinderungen immer wieder, dass Aufgaben auf höherem Niveau gelöst wurden, obwohl von der Skala her einfachere nicht gelöst werden konnten. Deshalb ist es gerade bei Kindern mit Behinderungen sinnvoll, in jeder Unterskala mehrere Aufgaben zu geben, um individuelle Abweichungen der Entwicklungssequenz zu erfassen.

Im Folgenden sollen die Unterskalen kurz beschrieben und jeweils mit einer der ersten Aufgaben und einer weiteren, die mit etwa einem Jahr, d. h. am Beginn des Spracherwerbs, gelöst wird, verdeutlicht werden. Zusätzlich wird die Bedeutung der Bereiche für die Verständigungsentwicklung angesprochen. Dabei haben viele Untersuchungen Zusammenhänge zwischen sensomotorischer Entwicklung und der Sprachentwicklung gefunden, ohne dass sicher nachgewiesen wäre, welches Entwicklungsniveau in welchem Bereich Voraussetzung für welche sprachliche Kompetenz ist. Doch ist es gerade für eine gezielte Förderung bei Kindern mit Behinderungen sinnvoll, sich vor Beginn einer systematischen Förderung zu vergewissern, ob ein Kind in der Sensomotorik zumindest das Niveau erreicht hat, das bei nicht behinderten Kleinkindern bei dem entsprechenden Verständigungsniveau üblich ist. Unserer Erfahrung nach ist es sogar günstig, wenn Kinder mit Behinderungen in der Sensomotorik eher schon etwas weiter entwickelt sind als nicht behinderte Kinder in der entsprechenden Phase des Spracherwerbs.

Visuelles Verfolgen und Objektpermanenz

Diese Skala erfasst die Entwicklung des Verständnisses, dass Dinge unabhängig von der momentanen Wahrnehmung existieren. Schon mit etwa einem Monat können Kinder Personen und Objekte fixieren, und wenig später sind sie in der Lage, sie über einen Winkel von 180 Grad hinweg mit dem Blick zu verfolgen. Mit etwa einem Jahr haben Kinder eine so sichere innere Vorstellung von Dingen, dass sie einen Gegenstand, den eine Untersucherin vor den Augen des Kindes mit der Hand umschließt und dann aus der geschlossenen Hand unter ein Tuch legt, finden. Ihr inneres Bild des Gegenstandes ist so sicher, dass sie seine nicht direkt beobachtbare Ortsveränderung aus der Hand unter das Tuch erschließen können.

Wenn ein Kind versteht, dass Dinge und Personen in seiner Umwelt unabhängig von der momentanen Wahrnehmung existieren, kann es auch verstehen, dass ein Begriff nicht nur der Name einer gerade anwesenden Person oder eines Objektes ist, sondern auch dieses Objekt repräsentieren kann, wenn es abwesend ist. Und ein Kind kann nur dann etwas fordern oder kommentieren, was es in dem Moment nicht sieht, wenn es ein inneres Bild von den Dingen oder Ereignissen hat.

Entwicklung von Mittel-Zweck-Verbindungen

Diese Skala erfasst die zunehmende Fähigkeit des Kindes, eine Handlung zu planen und auszuführen, um ein bestimmtes Ziel zu erreichen. Schon mit etwa drei Monaten wiederholen Kinder Armbewegungen, um ein Spielzeug in Bewegung zu halten. Mit gut einem Jahr erkennen Kinder, dass sie einen auf dem Tisch liegenden Stab als Mittel benutzen können, um ein begehrtes Spielzeug heranzuholen.

Das Verständnis, dass ich Mittel nutzen kann, um einen Zweck zu erreichen, ist Grundlage für die Verwendung von Kommunikation als Mittel, um eigene Wünsche zu verdeutlichen oder um die Aufmerksamkeit anderer zu lenken. Wenn ein Kind zwar partnerbezogen kommentiert, aber nicht intentional (mit Partnerbezug) fordert, so kann dies an Schwierigkeiten im Mittel-Zweck Verständnis liegen.

Entwicklung der Gesten- und Lautimitation

Schon in den ersten Lebenswochen ist Nachahmung möglich (Zunge herausstrecken), sie scheint »reflexartig« vorprogrammiert. Beim Säugling beginnen Nachahmungsspiele zunächst oft, indem die Mutter Mimik und Laute des Kindes »nachahmt«, im Sinne eines biologischen Spiegels, z. B. öffnen die meisten Erwachsenen beim Füttern selbst den Mund. Mit etwa einem Jahr können Kinder neue Bewegungen nachahmen, wenn sie diese an sich selbst beobachten können (z. B. auf Tisch klopfen).

Anfänge der Lautimitation liegen darin, dass Kinder schon früh positiv auf die Stimme reagieren und mit etwa drei Monaten auf gurrende Laute mit eigenen Lauten antworten. Mit etwa einem Jahr imitieren Kinder vertraute Worte und bald darauf auch fremde Lautmuster zumindest in Annäherung.

Die Produktion von Worten setzt voraus, dass ein Kind Laute und Lautkombinationen nachahmen kann, und Gebärden kann ein Kind erst erlernen, wenn es Bewegungsabläufe imitieren kann. Auch das Lernen konventioneller Gesten (Zeigen) oder Laute (oh) erfordert die Fähigkeit, einfache Bewegungs- und Lautmodelle nachzuahmen.

Entwicklung der Wahrnehmung kausaler Zusammenhänge

Durch Exploration und Beobachtung entdeckt das Kind, dass Umweltgeschehnisse »Ursachen« haben, die in den eigenen Handlungen, Handlungen anderer oder mechanischen Vorgängen liegen können. Schon mit etwa drei Monaten wiederholen Kinder Armbewegungen, um ein Mobile in Gang zu halten, und mit etwa einem Jahr wiederholen sie Verhaltensweisen, die die Aufmerksamkeit der Erwachsenen auf sie ziehen, bzw. geben Erwachsenen ein Spielzeug, damit sie es wieder in Gang setzen.

Das Verständnis des Zusammenhangs zwischen Handlung und Effekt bzw. Konsequenz ist wichtig dafür, dass ein Kind versteht, dass Gesten oder Worte ein bestimmtes Ergebnis erreichen können. Außerdem kann ein Kind bestimmte Handlungen wie das Aufziehen eines Spielzeugs nur fordern, wenn es versteht, dass dieses Aufziehen Ursache für die Bewegungen oder Musik ist, die das Spielzeug dann produziert.

Entwicklung der Wahrnehmung von räumlichen Zusammenhängen

Das räumliche Verständnis beinhaltet das allmähliche Erkennen der Bedeutung von Nähe und Ferne, von oben und unten, von innen und außen. Die Entwicklung in diesem Bereich ist eng gekoppelt an Erfahrungen in grob- und feinmotorischer Bewegung. Schon mit etwa zwei Monaten suchen Kinder nach einer Geräuschquelle und können den Blick zwischen zwei Objekten hin- und her bewegen. Mit etwa einem Jahr kippen Kinder Gegenstände aus einem engen Behälter aus oder rühren mit einem Löffel in einer Tasse.

In der Literatur wird kein Zusammenhang zwischen dem räumlichen Verständnis und der Sprachentwicklung berichtet. Kinder mit geistiger Behinderung sind oft in diesem Bereich weiter als in den anderen sensomotorischen Bereichen entwickelt, wenn sie aufgrund einer altersgemäß entwickelten Motorik vielfältige Raumerfahrung machen konnten.

Entwicklung von Schemata im Umgang mit Objekten

Kinder entwickeln zunehmend komplexere Handlungsmöglichkeiten im Umgang mit Gegenständen. Sie berücksichtigen allmählich deren sozial übliche Verwendung (kämmen mit Kamm), lösen sich von ihrer realen Form (»Als ob Spiel« mit kleinen Autos) und nutzen sie schließlich auch in symbolischer Bedeutung (telefonieren mit einem Stock).

Erste Verhaltensmuster im Umgang mit Objekten sind das Greifen und Festhalten mit ein bis zwei Monaten und das Explorieren mit allen Sinnen. Mit etwa einem Jahr können Kinder sozial bedeutungsvolle Handlungen mit Spielgegenständen ausführen und dabei so tun, als ob es reale Dinge wären (vom leeren Spielgeschirr »essen«).

Das Erfassen der sozialen Bedeutung von Gegenständen hängt oft mit dem Gebrauch der ersten Namen (Mama, Papa) zusammen. Der Aufbau eines größeren Wortschatzes tritt in der Phase ein, wenn ein Kind Dinge spielerisch als Symbol für etwas anderes verwenden kann, und das Gestalten von zunehmend längeren Spielsequenzen geht mit der Verwendung von Mehrwortäußerungen einher.

Tab. 2: Beispiele aus den Ordinalskalen der sensomotorischen Entwicklung von Uzgiris und Hunt (Sarimski 1987)



MonateObjektpermanenzMittel-ZweckLaut ImitationGesten ImitationKausalRäumlichSchemata

Die Altersangaben sind Richtwerte, nicht repräsentative Normen.

Durchführung der Ordinalskalen

Die Grundregeln für die Durchführung entsprechen denen der Kommunikationsbeobachtung und wurden bereits dort ausgeführt.

Auswertung des Entwicklungsstandes

Nachdem das Allgemeinverhalten nach den bei der Kommunikationsbeobachtung angegebenen Kriterien beschrieben wurde, wird der Entwicklungsstand eingeschätzt. Welche Aufgaben löste das Kind mit Leichtigkeit, wo hatte es Schwierigkeiten, welche Aufgaben konnte es nicht lösen? Aufgaben, die nur mit maximaler Außenmotivation gelöst wurden (z. B. mit Leckereien), sind meist noch nicht sicher beherrscht. Gibt es Ausfälle bei Aufgaben, die Kontakt zum Erwachsenen voraussetzen (Imitation, Kausalitäten) und somit Hinweise auf Probleme in der Beziehung? Bei Aufgaben, die ein Kind nicht löste, ist immer zu überlegen, ob dies durch mangelnde Motivation, Ermüdung oder Ablenkung geschehen sein könnte.

Man schätzt den sensomotorischen Entwicklungsstand für jeden Entwicklungsbereich getrennt ein. Im Testbogen findet man hierzu für jede Aufgabe eine Zuordnung zu den sechs Stufen der sensomotorischen Entwicklung nach Piaget und zu einem Entwicklungsalter. Diese Altersangaben basieren allerdings nicht auf einer Normierung an einer großen Anzahl von Kindern, sondern auf Angaben aus unterschiedlichen Forschungsprojekten. Ähnlich wie bei den Angaben zu den Kommunikationsniveaus dienen sie als Einschätzungshilfe, nicht als Normreferenz. Das bedeutet, dass diese Skalen nur zur Beschreibung des Entwicklungsstandes geeignet sind, nicht aber für eine Diagnostik einer Behinderung bzw. deren Ausmaßes.

In unserer Arbeit hat es sich bewährt, ein Entwicklungsprofil nicht anhand der Stufen von Piaget, sondern anhand der Altersangaben zu erstellen, da die Altersangaben für die sechs Stufen in den verschiedenen Bereichen sehr unterschiedlich sind. So wird z. B. die Stufe V im Bereich der Objektpermanenz bereits mit 9 Monaten erreicht, im Bereich der Laut- und Gestenimitation dagegen erst mit 17 bzw. 18 Monaten. Daraus lässt sich schließen, dass im Hinblick auf die Entwicklungsstufen ein heterogenes Profil »normal« und somit kaum zu interpretieren ist. Dagegen geben die Alterswerte eine gute Vergleichsgrundlage für das Erkennen von Schwächen und Stärken im Vergleich zu anderen Kindern: Darüber hinaus erleichtern die Altersangaben auch den Vergleich mit der Kommunikationsentwicklung.

Interpretation der Beobachtungen

Für die Diagnostik der Verständigungsfähigkeit ist vor allem die Frage abzuklären, ob ein Kind in der Sensomotorik die oben beschriebenen Vorläufer von bzw. Voraussetzungen für Sprache sicher beherrscht. Kinder erwerben in der kognitiven Entwicklung wichtige Grundlagen für die Verständigung mit Symbolen, zu denen aber noch weitere Fertigkeiten hinzukommen müssen, damit ein Kind Sprache oder Gebärden lernen kann. Eine Untersuchung von Ritzenfeldt und Rotter (1989) verglich in einem Sonderkindergarten 10 sprechende und 10 nicht-sprechende Kinder mit geistiger Behinderung. Sie fanden bei allen sprechenden Kindern (mehr als drei Worte) im Bereich Objektpermanenz ein Entwicklungsalter von knapp zwei Jahren (Stufe VI nach Piaget) und in Bereich Mittel-Zweck ein Entwicklungsalter von mindestens einem, meist aber zwischen anderthalb und zwei Jahren (Stufe V bzw. VI nach Piaget). Bei den nicht-sprechenden Kindern war das Bild sehr viel heterogener. Einige erreichten ein ähnliches kognitives Entwicklungsniveau, andere lagen in beiden Bereichen deutlich niedriger. Diese Ergebnisse sprechen dafür, dass die kognitive Entwicklung eine notwendige, aber nicht hinreichende Voraussetzung für den Spracherwerb ist. Und auch für das Erlernen einfacherer Kommunikationsvoraussetzungen gibt es Voraussetzungen, z. B. im Mittelzweck-Verständnis für die intentionale Kommunikation und in der Imitation für die konventionelle Kommunikation.

Kommunikation, Kognition und Sprachanbahnung

Die systematische Kommunikationsbeobachtung bietet in Kombination mit der Erfassung der sensomotorischen Entwicklung eine optimale Grundlage für das Erkennen der augenblicklichen Kommunikationsmöglichkeiten, die Planung einer Kommunikationsförderung sowie die Verdeutlichung von kindlichen Fortschritten.

Die hier vorgestellten Beobachtungsinstrumente kommen durch die Flexibilität in den verwandten Materialien und in der Durchführung den Bedürfnissen von Kindern mit Besonderheiten in ihrer Entwicklung sehr entgegen. Darüber hinaus erfordern sie auch nicht die Anschaffung teurer Testkästen und sind somit allen Interessierten leicht zugänglich. Doch kann gerade die Nicht-Standardisierung in der Praxis auch ein Nachteil sein. Im Rahmen von Fortbildungsveranstaltungen hat sich gezeigt, dass die Durchführung der Beobachtungen sehr hohe Anforderungen an die Untersucherin stellt. Schon kleine Abweichungen in der Durchführung können die Aufgabenschwierigkeit wesentlich verändern, deshalb sollten die Beobachtungssituationen sicher beherrscht und in ihren wesentlichen Merkmalen vor dem theoretischen Hintergrund verstanden werden (Hoppe-Graff 1989). Noch schwieriger aber ist in der Praxis eine objektive Auswertung der Beobachtungen. Bei den Ordinalskalen geht es nicht einfach um die Entscheidung, ob ein Kind eine Problemstellung löst oder nicht, sondern gerade die Qualität der kindlichen Reaktion ist für die Einschätzung bedeutungsvoll. Die Ursachen für ein Nicht-Lösen können so vielfältig sein, dass oft erst in mehreren Versuchen abzuklären ist, über welche Kompetenzen ein Kind tatsächlich verfügt. Und bei der Beobachtung der Kommunikation sind oft sehr subtile Verhaltensweisen wie ein kurzer Blick zur Untersucherin entscheidend für die Einschätzung des Niveaus einer Mitteilung. Aus diesen Gründen erfordern diese so einfach erscheinenden Beobachtungen eine sehr intensive Einarbeitung in die zugrunde liegenden Modelle sowie in die Durchführung, Auswertung und Interpretation. Aber bei sicherem Beherrschen ist der Erkenntnisgewinn dann auch entsprechend groß, besonders bei einer Verknüpfung der beiden Beobachtungssysteme und ihrer integrierten Anwendung. Die Beschreibung an dieser Stelle möchte Neugier wecken, sie kann nicht die Auseinandersetzung mit den ausführlichen Darstellungen der Theorien und Durchführungsregeln (Sarimski 1987; Rotter, Kane, Gallé 1992) ersetzen.

Die Beobachtungsergebnisse können im Alltag die Verständigung mit dem Kind dadurch verbessern, dass die Bedeutung seiner Mitteilungen besser verstanden wird. Werden sie auch als Grundlage für eine Förderung genutzt, so sollte diese am bereits erreichten Kommunikationsniveau ansetzen und Gelegenheit zu dessen Festigung geben. Die Anbahnung eines neuen Niveaus ist am ehesten erfolgversprechend, wenn dafür die sensomotorischen Voraussetzungen gegeben sind (Kahn 1984). Zeigt ein Kind in der sensomotorischen Entwicklung Rückstände im Vergleich zur Kommunikation oder spezifische Defizite in sprachlich relevanten Bereichen, so ist es oft effektiver, hier mit der Förderung anzusetzen. Allerdings lernen Kinder auch im Rahmen der Kommunikation wichtige kognitive Zusammenhänge. Dies gilt nicht nur für die Imitation, die ja vor allem im Dialog zwischen Kind und Erwachsenen stattfindet. Auch das Verständnis für Mittel-Zweck Zusammenhänge kann ein Kind in der Interaktion mit seinen Bezugspersonen erweitern. So kann das zuverlässige Reagieren einer Mutter auf das Hungergeschrei ihres Kindes ihm verdeutlichen, dass sein Schreien ein Mittel sein kann, um die Mutter herbeizurufen. Kognitive Entwicklung findet demnach nicht nur im Umgang mit den Dingen statt, sondern Kommunikation und Interaktion bilden ein wichtiges Gerüst für kognitive Erfahrungen. Schließlich ist besonders bei Kindern mit schwerer Mehrfachbehinderung daran zu denken, dass sie auch beim Fehlen der kognitiven Voraussetzungen kommunikative Kompetenzen erlernen können. Hier kann das Paradigma des operanten Konditionierens den Weg zeigen, auf dem auch diese Kinder einfachste Signale erlernen können, um Interesse oder Ablehnung mitzuteilen.

Geht man davon aus, dass Kinder in der Kommunikation ähnlich wie in der Sensomotorik Fähigkeiten erwerben, die einen zunehmend gezielteren, effektiveren und komplexeren Umgang mit der Umwelt ermöglichen, so ist generell von einer hohen Lernmotivation auszugehen. Denn Mitteilungen mit Symbolen sind die effektivste und ökonomischste Form der Verständigung. Man versuche nur einmal die Botschaft »Meine Oma ist zu Besuch« ohne Worte zu vermitteln! »Faulheit« als Erklärung für die langanhaltende Verwendung direkter Führung oder konventioneller Gesten ist wenig überzeugend, wenn man bedenkt, wie viel einfacher und effektiver Botschaften über Sprache zu vermitteln sind. Hat ein Kind Mühe auf dem Weg zur symbolischen Kommunikation, so ist davon auszugehen, dass ihm besondere Hindernisse diesen Weg erschweren. Für einige können vielfältige Übungsmöglichkeiten ausreichen. Die Gestaltung kommunikationsauslösender Situationen im Alltag, der gezielte Einsatz von Missverständnissen und ein zuverlässiges Reagieren auf kindliche Mitteilungen dienen der Festigung bereits beherrschter Kommunikationsmöglichkeiten und stärken die Motivation eines Kindes, sich zu verständigen. Kommen dazu noch vom Erwachsenen Kommunikationsmodelle, die etwas über dem sicher beherrschten Niveau des Kindes liegen, so bekommt es zusätzlich Hilfen, zur nächsten Stufe zu gelangen, ohne hinderlichen Druck, ein bestimmtes Verhalten zeigen zu müssen.

Allerdings gibt es auch gravierende Hindernisse für einen Spracherwerb, die z. B. in der Wahrnehmung (Gehör), der Wahrnehmungsverarbeitung (Differenzierung von Lautsequenzen), dem Kurzzeitgedächtnis für Gehörtes, der Motorik (Lautproduktion) oder der Handlungsplanung (Bildung von Lautsequenzen) liegen können. Hier kann eine gezielte Diagnostik und Beobachtung manchmal helfen, Hemmnisse zu erkennen. Bei vielen Kindern aber ist nicht sicher feststellbar, was dem Kind den Spracherwerb erschwert. Hier kann ein alternativer Zugang durch Unterstützte Kommunikation die Möglichkeit symbolischer Kommunikation besser eröffnen. Für einige Kinder kann solch alternativer Zugang vorübergehend wichtig sein, wie die sprachunterstützenden Gebärden, die bei der Sprachanbahnung vieler Kinder mit Down Syndrom das Gehörte visuell unterstützen und dadurch das Erlernen des Sprechens erleichtern (Wilken 1999), oder die Schrift, die diese Kinder durch eine Verdeutlichung von Lautkombinationen bei der Verbesserung der Aussprache unterstützen kann (Oelwein 1998). Für andere Kinder sind alternative Symbolsysteme auch dauerhaft die einzige Möglichkeit, an symbolischer Kommunikation teilzuhaben. Erfolg ist am ehesten zu erwarten, wenn hierbei auf der Basis der Beobachtungen der Kommunikationskanal genutzt wird, den das Kind selbst bevorzugt (z. B. visuell vs. akustisch), ein System gewählt wird, das den kognitiven Möglichkeiten des Kindes entspricht (z. B. »trainierte« Signale vs. Symbole) und das in möglichst vielen Alltagssituationen mit den relevanten Kommunikationspartnern genutzt und geübt werden kann.

Literatur

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Entwicklungsorientierte Sprachdiagnostik und Förderplanung bei minimal verbalen Kindern mit Beeinträchtigung
Christina Müller, Sylvia Mira Wolf & Maren Aktas

Probleme beim Erwerb der Lautsprache gehören zu den zentralen Symptomen unterschiedlicher Entwicklungsstörungen und Behinderungen, wie z. B. spezifischen Sprachentwicklungsstörungen, geistigen Behinderungen oder frühkindlichem Autismus. Auch Kinder mit Körperbehinderungen können erhebliche Schwierigkeiten beim Aufbau lautsprachlicher Fähigkeiten haben. Bei manchen Kindern sind die sprachbezogenen Defizite so stark ausgeprägt, dass es ihnen über einen längeren Zeitraum hinweg oder sogar dauerhaft nicht gelingt, in den produktiven Spracherwerb »einzusteigen« und zumindest basale expressive Lautsprachfähigkeiten aufzubauen; diese Kinder werden auch als »minimal verbal« bezeichnet.

Die Hintergründe für eine (weitgehend) ausbleibende Entwicklung der lautlichen Sprache sind vielfältig. Es können behinderungstypische Beeinträchtigungen vorliegen, wie z. B. eine eingeschränkte soziale Bezugnahme bei Autismus oder (artikulations-)motorische Schwierigkeiten bei schweren Körperbehinderungen. Zudem können Defizite in basalen kognitiven Fähigkeiten (z. B. beim Symbolverständnis) oder schwerwiegende Auffälligkeiten in zentralen Planungs- und Steuerungsprozessen (z. B. in der Aufmerksamkeitssteuerung oder in der Planung von Sprechbewegungen) den Erwerb von lautsprachlicher Kommunikation erschweren.

Für die heilpädagogischen Fachkräfte, Lehrkräfte und (Sprach-)TherapeutInnen, die mit der Kommunikationsförderung und Sprachanbahnung minimal verbaler Kinder betraut sind, stellt die Vielfalt der möglichen Hintergründe eine große Herausforderung für die Planung einer wirksamen Intervention dar. Kenntnisse über die Art der Behinderung des Kindes sind für die Förderplanung hilfreich, reichen aber bei weitem nicht aus. Die Fachleute sind gefordert, differenzierte Informationen über den kommunikativ-sprachlichen Entwicklungsstand des jeweiligen Kindes sowie seine spezifischen Verarbeitungsprobleme zu erheben. Zudem müssen sie beurteilen, welche Beeinträchtigungen für die sprachlich-kommunikative Entwicklung besonders relevant sind und welche Förderziele Priorität haben sollten. Hierfür müssen Befunde aus unterschiedlichen diagnostischen Quellen berücksichtigt und zu einem individuellen Profil der kindlichen Stärken und Schwächen integriert werden.

Das Konzept der entwicklungsorientierten Sprachdiagnostik und -förderung (Aktas, Asbrock, Doil & Müller, 2012) bietet einen Handlungsrahmen für eine systematische Diagnostik und Planung von Sprachfördermaßnahmen bei Kindern mit Behinderungen. Es liefert ein theoretisches Modell, anhand dessen der kommunikativ-sprachliche Entwicklungsstand eingeordnet und Förderschwerpunkte abgeleitet werden können. Ferner wird ein diagnostisches Konzept vorgeschlagen, das das Vorgehen und die Auswertung der Befunde strukturiert. Das Vorgehen ist ursprünglich an einer Stichprobe von Kindern mit Down-Syndrom entwickelt worden (Aktas, 2004), aber mit wenigen Modifikationen auch auf andere Gruppen von Kindern mit Behinderungen übertragbar (vgl. Aktas, 2012a).

Die Grundannahmen und zentralen Eckpunkte des entwicklungsorientierten Diagnostik- und Förderkonzepts sind im folgenden Kasten zusammen gefasst.

Grundannahmen und Eckpunkte der entwicklungsorientierten Sprachdiagnostik und -förderung (Aktas et al., 2012)

• Der Spracherwerb von Kindern mit Behinderungen ist durch eine erhebliche Variabilität und Heterogenität gekennzeichnet – auch innerhalb einzelner Behinderungsgruppen. Interventionen müssen daher stark individualisiert erfolgen.

• Für die Förderplanung wird ein individuelles Profil der kommunikativ-sprachlichen Stärken und Schwächen erstellt. Ergänzend werden nicht-sprachliche, aber spracherwerbsrelevante Fähigkeiten (im kognitiven, sozialen und emotionalen Bereich) beachtet.

• Ein Ablaufschema strukturiert das Vorgehen vom Anamnesegespräch über die direkte Untersuchung des Kindes bis hin zur konkreten Umsetzung der Förderung ( Tab. 1).

• Für die Sprach- und Kommunikationsdiagnostik werden verschiedene diagnostische Methoden kombiniert.

• Die Diagnostik umfasst – sofern vom Kind her möglich – eine standardisierte Untersuchungssituation (z. B. einen Sprachentwicklungstest). Diese wird gleichzeitig als standardisierte Beobachtungssituation genutzt.

• Die direkte Untersuchung des Kindes mit standardisierten Verfahren wird über einen diagnostischen Leitfaden erleichtert ( Abb. 3). Dieser besteht aus einem Einstiegstest und Empfehlungen für die Wahl weiterer Aufgaben. So gelingt es, für jedes Kind das passende Anforderungsniveau zu finden und Über- sowie Unterforderung zu vermeiden.

• Die auf standardisierte – und damit eine gute Vergleichbarkeit sichernde – Weise erhobenen Ergebnisse werden zweifach ausgewertet: quantitativ-normorientiert und qualitativ-theoriegeleitet.

• Die normorientierte Auswertung ermöglicht die Angabe eines ungefähren sprachlichen Entwicklungsalters in verschiedenen Sprachkomponenten.

• Die qualitative Auswertung trägt zur Einordnung des Entwicklungsstandes im theoretischen Rahmenmodell ( Abb. 1 und 2) bei.

• Am Ende dieser standardisierten und zugleich maßgeschneiderten Diagnostik steht das individuelle (vor-)sprachlich-kommunikative Entwicklungsprofil des Kindes. Die Förderplanung setzt unmittelbar an diesem Profil an: Anhand des theoretischen Modells kann abgelesen werden, welche Entwicklungsschritte das Kind bis zu diesem Zeitpunkt bereits bewältigt hat und welche Entwicklungsaufgaben nun unmittelbar anstehen.

• Zur Feinplanung der Förderung werden die wesentlichen Förderschwerpunkte ausgewählt und mit Entwicklungszielen versehen.

• Die Umsetzung in konkrete therapeutische Interventionen inklusive Auswahl geeigneter Methoden ist der letzte Schritt. Das Konzept sieht vor, hier – zielgerichtet, theoretisch fundiert und möglichst empirisch begründet – aus einem breiten Methodenspektrum zu schöpfen, das sozial-interaktive und verhaltenstherapeutische Ansätze sowie Methoden der unterstützten Kommunikation umfasst (genauere Ausführungen bei Doil, 2012).

• In regelmäßigen Abständen wird die entwicklungsorientierte Diagnostik wiederholt, um Veränderungen feststellen zu können.

Der theoretische Rahmen: Entwicklungsaufgaben im frühen Spracherwerb

Kinder mit Entwicklungsproblemen müssen im Prinzip dieselben Entwicklungsaufgaben wie typisch entwickelte Kinder bewältigen. Auch folgen sie den entwicklungslogischen Meilensteinen im Wesentlichen in derselben Reihenfolge. Für die Förderplanung ist es daher wichtig zu wissen, welche Entwicklungsaufgaben das Kind bereits bewältigt und welche Aufgaben sich in der »Zone der nächsten Entwicklung« befinden. Diese »Zone« bezeichnet – in Anlehnung an Wygotski (1987) – den Entwicklungsbereich, der sich zwischen dem aktuellen Stand eines Kindes und der nächsthöheren Entwicklungsstufe befindet. Nach dem Konzept der entwicklungsorientierten Sprachdiagnostik und -förderung sind Interventionen dann am wirksamsten, wenn sie auf Kompetenzen ausgerichtet sind, die sich in dieser Zone befinden.

Das Konzept enthält daher ein theoretisches Rahmenmodell, das die Einordnung des kommunikativ-sprachlichen Entwicklungsstandes eines Kindes und eine Ableitung der relevanten Entwicklungsaufgaben ermöglicht. Die im Folgenden dargestellte Version des Modells ist eine Weiterentwicklung des von Aktas (2004, 2012c) entwickelten »Erweiterten Modells der sprachlichen Repräsentationsveränderungen« ( Abb. 1). Das Modell geht im Ursprung auf Arbeiten von Karmiloff-Smith (1992) zurück.

Das Modell beschreibt die kommunikativ-sprachlichen Repräsentationsveränderungen, die den beobachtbaren Fortschritten in der Sprachentwicklung zugrunde liegen. Es wird angenommen, dass der Spracherwerb nicht nur durch einen stetigen Zuwachs an sprachlichem Wissen voranschreitet, sondern dass dieses Wissen zu bestimmten Zeitpunkten in der Entwicklung immer wieder grundsätzlich reorganisiert wird (Repräsentationsveränderungen). Phasen der quantitativen Zunahme von Wissen (z. B. Wortschatzzuwachs) wechseln mit Phasen qualitativer Veränderungen ab. Ein solcher qualitativer Sprung in der


Abb. 1: Das erweiterte Modell der sprachlichen Repräsentationsveränderungen (verändert nach Aktas, 2004, 2012c)

Verarbeitung liegt z. B. vor, wenn das Kind beginnt zu verstehen, dass Symbole für einen Referenten stehen können.

Das Modell beschreibt vier Kompetenzniveaus oder Entwicklungsphasen im Spracherwerb, die vom vorsymbolischen Handeln (Phase 1) bis zum expliziten Sprachwissen (Phase 4) reichen. Im Verlauf der ersten beiden Entwicklungsphasen lernen Kinder, non-verbal zu kommunizieren, zunächst mit vorsymbolischen Mitteln und später mit symbolischen Mitteln. Mit dem Übergang in Phase 3 beginnen die Kinder dann üblicherweise, lautsprachliche Symbole (Wörter)kommunikativ einzusetzen. Im Verlauf dieser Phase des impliziten Sprachwis-


Abb. 2: Die vier zentralen Entwicklungsstränge für den Übergang in die produktive Sprachentwicklung (Phasen 1 bis 3)

sens wird der Wortschatz weiter ausgebaut, es werden erste Wortkombinationen eingesetzt und grammatische Regeln erworben. Dabei leiten die Kinder die Regeln ihrer Muttersprache intuitiv ab, sie bauen also implizites Wissen auf. Erst mit fünf bis sechs Jahren sind Kinder in der Lage, grammatische Regeln zu erklären und zu beurteilen, ob eine Äußerung grammatisch korrekt ist oder nicht. Sie haben dann die Phase des expliziten Sprachwissens (Phase 4) erreicht.

Für Kinder, die den Übergang in die Lautsprache für eine längere Zeit oder dauerhaft nicht bewältigen, sind Methoden der unterstützten Kommunikation eine wichtige Hilfe. Diese Mittel ermöglichen es den Kindern, einen parallelen Entwicklungsweg zu beschreiten, der ebenfalls in zunehmend kompetentere Kommunikation führt.

Im Folgenden legen wir eine Art »Lupe« auf die ersten drei Entwicklungsphasen, da diese für die Zielgruppe der minimal verbalen Kinder zentral sind:

Bevor Kinder die ersten Wörter äußern, lassen sich bereits eine Reihe von Kompetenzen beobachten, die als Vorausläuferfähigkeiten für den produktiven Spracherwerb gelten (Aktas, 2012c; Müller, 2013). Im Modell der erweiterten Repräsentationsveränderungen werden diese zentralen Vorausläuferfähigkeiten den folgenden vier Entwicklungssträngen zugeordnet: (1) sozial-kognitive Entwicklung, (2) produktive kommunikativ-sprachliche Entwicklung, (3) Entwicklung eines ersten Sprachverständnisses und (4) frühe Lautbildung. Für jeden dieser Entwicklungsstränge gilt es herauszufinden, an welcher Stelle im Entwicklungsverlauf das Kind gerade steht.

Sozial-kognitive Entwicklung

Kinder bauen ihre kommunikativ-sprachlichen Fähigkeiten nicht isoliert, sondern im Rahmen von Interaktionen mit ihren Bezugspersonen auf. Auf diesen sozialen Austausch sind sie von Geburt an ausgerichtet, denn der menschliche Säugling bringt eine ausgeprägte soziale Orientierung mit. Diese ermöglicht es den Kindern, sozialen und damit auch sprachlichen Stimuli besondere Aufmerksamkeit zu schenken (Valenza, Simion, Cassia & Umiltà, 1996; Vouloumanos & Werker, 2007) und aus dem sozialen Austausch zu lernen.

Auf der Grundlage der Erfahrungen, die die Kinder in der Interaktion mit ihrer sozialen Umwelt machen, entwickeln sie basale sozial-kognitive Fähigkeiten, die sie benötigen, um zu aktiven Kommunikationspartnern zu werden. Während die Eltern-Kind-Interaktionen zunächst primär darauf ausgerichtet sind, den Säugling zu versorgen und zu beruhigen, nehmen sie bald einen spielerischen Charakter an. Die Eltern versuchen, gemeinsame Freude mit ihrem Kind zu erleben und Interaktionsroutinen aufzubauen. Dies ermöglicht den Kindern, erste soziale Erwartungen über das Verhalten ihrer Bezugspersonen aufzubauen und die Effekte ihrer eigenen Handlungen auf ihr Gegenüber zu erkennen (Rochat & Striano, 1999).

Im Verlauf der nächsten Lebensmonate entwickeln sich zwischen Säuglingen und ihren Bezugspersonen zunehmend wechselseitig aufeinander bezogene Interaktionen, sog. dyadische Interaktionen. Die Kinder werden immer kompetenter darin, an das Verhalten des Interaktionspartners anzuknüpfen und sich in ihren Handlungen (Bewegungen, Vokalisationen o. ä.) mit ihm abzuwechseln (Tomasello, Carpenter, Call, Behne & Moll, 2005). Es findet ein zeitlich kontingentes Handeln beider Interaktionspartner statt (sog. turn-taking), und es lässt sich ein intensiver Austausch von Gefühlen beobachten (Tomasello et al., 2005). Vermutlich spielt die Fähigkeit zur Imitation eine ganz zentrale Rolle beim Aufbau von dyadischen Interaktionen (Nagy, 2006).

Gegen Ende des ersten Lebensjahres (mit ca. 9 bis 12 Monaten) erreicht das Interaktionsverhalten typisch entwickelter Kinder eine neue Qualität (Tomasello et al., 2005; Rochat & Striano, 1999). Die Kinder und ihre Bezugspersonen richten ihre Aufmerksamkeit und ihre Handlungen nun gemeinsam auf einen Gegenstand und bauen sog. triadische Interaktionen (Kind – Interaktionspartner – Objekt) auf: Die Kinder lernen, mit ihren Bezugspersonen gemeinsam mit einem Objekt zu spielen (Aufbauen eines Turmes, Hin- und Her-Rollen eines Balls o. ä.) und ahmen Handlungen mit Objekten nach, die sie bei ihren Bezugspersonen beobachten (Meltzoff, 1988). Die Kinder erleben dabei die zentrale Bedeutung gemeinsamer Aufmerksamkeitsbezüge und lernen, ihren Aufmerksamkeitsfokus mit dem des Interaktionspartners zu koordinieren (gemeinsame Aufmerksamkeit oder »joint attention«).

Die Kinder haben damit basale sozial-kognitive Fähigkeiten aufgebaut, die sie benötigen, um mit ihren Bezugspersonen kommunizieren zu können. Selbstverständlich erweitern sie diese Fähigkeiten noch im Verlauf der weiteren Entwicklung.

Produktive kommunikativ-sprachliche Entwicklung

Kinder reagieren schon früh auf die Interaktionsangebote ihrer Bezugspersonen, z. B. über Blicke, Körperbewegungen oder Laute. Es handelt sich dabei aber noch nicht um absichtsvoll eingesetzte Signale, das Verhalten ist daher noch präintentional. Im Rahmen dyadischer und triadischer Interaktionen lernen die Kinder allmählich, die Aufmerksamkeitsausrichtung und das Verhalten ihrer Interaktionspartner mit einfachen Kommunikationsmitteln gezielt zu beeinflussen. Anfangs lässt sich nicht immer eindeutig abgrenzen, ob ein kommunikatives Verhalten (z. B. Blickkontakt oder ein Laut) lediglich von den Bezugspersonen als solches interpretiert wird oder ob es bereits vom Kind absichtsvoll eingesetzt wird. Gegen Ende des ersten Lebensjahres sind die meisten typisch entwickelten Kinder aber recht eindeutig in der Lage, viele ihrer Wünsche und Bedürfnisse absichtsvoll mitzuteilen (Bruinsma, Koegel & Koegel, 2004). Sie haben damit eine entscheidende Entwicklungsaufgabe bewältigt: die Fähigkeit zur intentionalen Kommunikation (Liszkowski, 2011).

Die Kinder nutzen hierfür zunächst einfache vorsymbolische Kommunikationsmittel, wie das Anlächeln, den Blickkontakt und ritualisierte Gesten (z. B. Entgegenstrecken der Arme, um hochgehoben zu werden). Mit etwa 10 Monaten beginnen Kinder dann sog. deiktische Gesten einzusetzen: Sie zeigen Objekte vor (showing), reichen Objekte (giving) und verwenden kurz darauf die Zeigegeste (pointing).

Die intentionale Kommunikation mit non-verbalen Mitteln scheint Kindern den Weg in den Spracherwerb zu ebnen (vgl. Iverson & Goldin-Meadow, 2005). Vermutlich spielt die Entwicklung deiktischer Gesten hierbei eine ganz zentrale Rolle (z. B. Liszkowski, 2010, 2011).

Im weiteren Verlauf differenzieren die Kinder ihre non-verbalen Kommunikationsfähigkeiten weiter aus (Capone & McGregor 2004; Liszkowski 2010; Bruinsma et al. 2004): Sie nutzen ihre non-verbalen Mittel (insbesondere die deiktischen Gesten) immer häufiger und flexibler und setzen sie zunehmend koordiniert ein (z. B. Zeigegeste + Blickkontakt + Laut). Ferner wird das Spektrum der Fähigkeiten um symbolische Kommunikationsmittel wie repräsentationale Gesten oder Wörter erweitert (Heller & Rohlfing, 2017). Damit wird die Phase 2 des impliziten Symbolwissens erreicht. Auch Lautmalereien (z. B. »uuh« für »Hupe«) oder Protowörter (z. B. »lala« für Schokolade) stellen symbolische Mittel dar, wenn sie vom Kind zuverlässig für eine bestimmte Bedeutung genutzt werden.

Anders als ritualisierte oder deiktische Gesten stellen repräsentationale Gesten Referenten für eine ganz bestimmte Bedeutung dar (z. B. Flatterbewegung für »Vogel« oder Kopfschütteln für Ablehnung). Ihr semantischer Gehalt bleibt in unterschiedlichen Situationen derselbe, so dass sie unabhängig vom unmittelbaren Kontext zu verstehen sind. Die ersten repräsentationalen Gesten tauchen bei typisch entwickelten Kindern etwa zeitgleich mit der Produktion der ersten Wörter auf, also zu Beginn des 2. Lebensjahres (vgl. Doil, 2002). Es erfolgt in der typischen Entwicklung somit ein schneller Übergang in die Phase des impliziten Sprachwissens (Phase 3).

Entwicklung eines ersten Sprachverständnisses

Säuglinge bringen von Geburt an eine Reihe von Sprachverarbeitungsfähigkeiten mit, so z. B. eine besondere Sensibilität für Prosodie und Sprachrhythmus und die Fähigkeit, lautliche Kontraste zu differenzieren. Ab dem Alter von acht bis neun Monaten sind sie in der Lage, einzelne Wörter im Lautstrom, der sie in der Interaktion mit ihren Bezugspersonen umgibt, zu segmentieren. Parallel dazu beginnt das Kind, Zusammenhänge zwischen den identifizierten Lautmustern und deren Bedeutungen zu entdecken. Mit etwa neun Monaten gelingt es den Kindern, auf erste Signalwörter wie »nein-nein« und auf häufig wiederkehrende Sätze wie »Schau’ mal, da kommt Mama!« zu reagieren. Dieses frühe Sprachverständnis ist noch eng mit wiederkehrenden Situationen, in denen die Wörter in der Regel vorkommen, verknüpft. Den Kindern gelingt es im weiteren Verlauf immer besser, Referenzen zwischen Objekten, Ereignissen, Eigenschaften etc. und den entsprechenden lautlichen Symbolen (»mapping«) herzustellen (Kauschke, 2015). Dies gelingt besonders gut in Phasen gemeinsamer Aufmerksamkeit. Die Bezugspersonen unterstützen den Erwerbsprozess dabei, indem sie eine kindgerichtete Sprache verwenden und multimodale sowie redundante Hinweisreize geben, worauf sich eine Äußerung bezieht (Rohlfing, 2013).

Im weiteren Verlauf baut sich der rezeptive Wortschatz der Kinder weiter auf – deutlich schneller als der produktive Wortschatz. Mit einem Jahr verstehen typisch entwickelte Kinder bereits etwa 100 bis 150 Wörter und einfache Sätze (Grimm, 2012). Das erste Wortverständnis ist insgesamt aber noch stark kontextabhängig und unterscheidet sich vom Wortverständnis erwachsener Sprecher (Weinert, 2011).

Frühe Lautbildung

Sprache ist nicht nur ein Kommunikations- und ein Symbolsystem, sondern auch ein Lautsystem. Daher müssen Kinder ein basales Lautinventar entwickeln, um Wörter ihrer Muttersprache produzieren zu können. Hierfür bauen die Kinder zunächst rezeptiv grundlegendes Wissen über die phonologischen und rhythmisch-prosodischen Merkmale ihrer Muttersprache auf. Im Alter von etwa neun bis zehn Lebensmonaten sind typisch entwickelte Kinder in der Lage zu unterscheiden, welche Laute und Lautkombinationen in ihrer Muttersprache zulässig sind und welche nicht (Weinert, 2011).

Parallel zu dieser rezeptiven Entwicklung lernen die Kinder im Verlauf der ersten Lebensmonate, eine Vielzahl an Lauten und Silben zu bilden: Sie beginnen schon nach wenigen Lebenswochen damit, zu gurren und sprachliche Laute zu produzieren; dabei handelt es sich i. d. R. zunächst um gedehnte Vokale (Überblick bei Weinert & Grimm, 2008). Zwischen dem 6. und 9. Lebensmonat fangen Säuglinge an, Konsonanten-Vokal-Verbindungen zu produzieren. Zunächst werden mehrsilbige Lautketten mit gleichen Artikulationsstellen (z. B. dadada), die auch als kanonisches Lallen bezeichnet werden, und bald darauf Silbenverbindungen mit unterschiedlichen Artikulationsstellen (z. B. daba) produziert. Gegen Ende des ersten Lebensjahres werden diese Lautproduktionen immer variantenreicher und folgen dabei den phonologisch-prosodischen Regeln ihrer Muttersprache (Überblick bei Penner, 2000). Diese Lautproduktionen werden manchmal auch als »wortlose Sätze« bezeichnet, da sie sich wie Äußerungen der Umgebungssprache anhören, obwohl sie noch kein einziges konventionelles Wort enthalten.

Zusammenhänge zwischen den Entwicklungssträngen

Die Entwicklung in diesen vier, für die Lautsprachentwicklung zentralen Entwicklungsbereichen erfolgt in enger Wechselwirkung untereinander sowie eng verknüpft mit Fortschritten in anderen Bereichen. So ist z. B. die grundlegende, bereichsübergreifende Fähigkeit, Ursache-Wirkungs-Zusammenhänge zu erkennen, notwendig, um soziale Erwartungshaltungen aufbauen zu können. Fähigkeiten im Bereich der Kategorisierung und des Symbolverständnisses werden für den Aufbau des Sprachverständnisses benötigt. Auch Gedächtnis-, Aufmerksamkeit- und Steuerungsprozesse spielen eine wichtige Rolle (Aktas, 2012c).

Das diagnostische Vorgehen im Konzept der entwicklungsorientierten Sprachdiagnostik und -förderung

Um herauszufinden, an welchem Punkt in der Kommunikations- und Sprachentwicklung ein Kind steht und welche Entwicklungsschritte in seiner »Zone der nächsten Entwicklung« liegen, sind eine sorgfältige Diagnostik sowie die Integration vieler Einzelbefunde zu einem Gesamtbild notwendig. Hierfür müssen bei jedem Kind geeignete diagnostische Verfahren ausgewählt werden, die im Hinblick auf den Inhaltsbereich und auf den Schwierigkeitsgrad der Aufgaben für das Kind relevant sind. So ist es wenig sinnvoll, bei einem Kind, das bereits gut verständlich spricht, nach der Imitation von Lauten zu fragen, oder bei einem minimal verbalen Kind die Satzproduktion zu überprüfen.

Das Konzept der entwicklungsorientierten Sprachdiagnostik von Aktas (2012b) bietet einen Handlungsrahmen, der das diagnostische Vorgehen strukturiert und die Auswahl von geeigneten diagnostischen Verfahren erleichtert. Das diagnostische Vorgehen erfolgt bei jedem Kind – unabhängig von seinem Alter und Entwicklungsstand – in 6 Schritten, die in Tabelle 1 zusammengefasst sind.

Tab. 1: Ablaufschema zum diagnostischen Leitfaden nach Aktas (2012b)


Die Diagnostik beginnt mit einem Anamnesegespräch mit den Eltern (Schritt 1), bei dem diese zu demographischen Angaben, zur Familiensprache, zu bisherigen Fördermaßnahmen sowie zum vorsprachlichen und sprachlichen Kommunikationsverhalten befragt werden (s. auch Interviewleitfaden von Aktas, 2012a). Ferner werden in diesem Schritt Vorbefunde gesichtet (z. B. Intelligenztestergebnisse).

Zentraler Baustein des diagnostischen Vorgehens ist die (möglichst standardisierte) Untersuchung der kommunikativ-sprachlichen Fähigkeiten des Kindes (Schritt 2).

Für diese Untersuchung werden verschiedene Subtests aus standardisierten Elternfragebögen und Sprachentwicklungstests individuell zusammengestellt und durch systematische Beobachtungen ergänzt1. Aktas (2004, 2012b) hat für diese Auswahl einen Entscheidungsbaum entwickelt, der Empfehlungen für die Aufgabenwahl enthält ( Abb. 3).


Abb. 3: Der diagnostische Leitfaden (Aktas, 2004, 2012b)

Der Entscheidungsbaum sieht vor, dass das zu untersuchende Kind zunächst mit einem Wortschatztest untersucht wird (Subtest »Produktion I: Wörter« aus dem SETK-2, Sprachentwicklungstest für zweijährige Kinder, Grimm, 2000/2016). Ggf. werden die Eltern ergänzend zum produktiven Wortschatz des Kindes befragt (Elternfragebogen zur Früherkennung von Risikokindern – ELFRA, Grimm & Doil, 2006). In Abhängigkeit von diesen Ergebnissen wird das Kommunikationsniveau des Kindes einer der drei folgenden Gruppen zugeordnet:

• überwiegend vorsprachlich kommunizierende Kinder (minimal verbale Kinder)

• beginnend sprachlich kommunizierende Kinder

• verbal-sprachlich kommunizierende Kinder.

Für jede der drei Gruppen sieht der Leitfaden ein anderes diagnostisches Vorgehen für die weitere Untersuchung des Kindes vor (vgl. Aktas, 2012b).

Die Auswertung erfolgt dann zweistufig: Zunächst werden die Test- und Fragebogenergebnisse quantitativ-normorientiert ausgewertet (Schritt 3). Hierfür wird für jeden Subtest-Rohwert anhand der Normtabellen der Verfahren bestimmt, in welchem Alter ein solches Ergebnis dem »Durchschnittsbereich« entsprechen würde (ebd). So können ein ungefähres Entwicklungsalter in verschiedenen Sprachkomponenten und Asynchronien im Entwicklungsprofil festgestellt werden, z. B. erhebliche Diskrepanzen zwischen rezeptiven und produktiven Fähigkeiten.

Es folgt die qualitativ-theoriegeleitete Auswertung der Ergebnisse (Schritt 4). Dazu werden die wörtlichen Antworten der Kinder, ihre Antwortversuche und mögliche »Fehler« genauer betrachtet. Zusätzlich wird die Testsituation als standardisierte Beobachtungssituation genutzt oder (bei minimal verbalen Kindern) ergänzend eine strukturierte Beobachtung zum Kommunikationsverhalten vorgenommen. Betrachtet werden das Interaktionsverhalten der Kinder mit der Interaktionspartnerin/dem Interaktionspartner sowie spontane sprachliche und nicht-sprachliche Äußerungen.

In Schritt 5 werden alle Ergebnisse zusammengefasst und der Entwicklungsstand des Kindes im theoretischen Modell eingeordnet: »Das diagnostische Puzzle [muss] nun zusammengesetzt werden. Die unterschiedlichen Informationen aus den verschiedenen Quellen (Anamnese, Elternbefragung, normorientierte Testergebnisse und qualitative Analysen, Beobachtungen) müssen zusammengetragen und in der Zusammenschau theoriegeleitet interpretiert werden« (Aktas, 2012b, S. 80). Die Zuordnung des Kindes zu einer Phase des Modells lässt erkennen, welche Entwicklungsaufgaben das Kind als nächstes zu bewältigen hat (Schritt 6).

Auf der Grundlage der Ergebnisse dieses diagnostischen Prozesses kann schließlich der Förderplan erstellt werden: Bei den Entwicklungsaufgaben, die das Kind aktuell zu bewältigen hat, gilt es nun, einen oder mehrere Förderschwerpunkte zu setzen (Schritt 7). Für jeden Schwerpunkt werden Förderziele aus der Zone der nächsten Entwicklung abgeleitet (Schritt 8). Schließlich sind für jedes Ziel ganz praktische Förderangebote zu entwickeln, für die das Setting, die konkrete (Spiel-) Aktivität und die dabei gewählten Förderstrategien festgelegt werden (Schritt 9).

Diagnostisches Vorgehen bei minimal verbalen Kindern

Das von Aktas (2004, 2012b) beschriebene diagnostische Vorgehen ist von Müller (2013) für die Gruppe der überwiegend vorsprachlich kommunizierenden Kinder um differenziertere Fragestellungen, geeignete Untersuchungsinstrumente und weitere Beobachtungskriterien für die qualitativ-theoriegeleitete Auswertung erweitert worden.

Schritt 1: Anamnesegespräch und Sichten von Vorbefunden

Bei minimal verbalen Kindern sind ergänzend Fragen zu den sozial-kognitiven Fähigkeiten des Kindes zu stellen: Beteiligt es sich an Spielen? Ahmt es seine InteraktionspartnerInnen spontan nach? Kann es seinen Aufmerksamkeitsfokus mit dem einer anderen Person koordinieren u. v. m.? Hilfreich ist hier der Fragenkatalog »Ergänzende Fragen zur Erfassung basaler sozial-kognitiver Fähigkeiten« (in Aktas, 2012a). Ferner werden die Eltern zum spontanen (non-verbalen) Kommunikationsverhalten ihres Kindes befragt.

Schritt 2: Untersuchung der (vor-)sprachlich-kommunikativen Fähigkeiten des Kindes

Gemäß dem Leitfaden wird bei allen Kindern, die bereits bei einem Test kooperieren können, mit dem Einstiegstest, einem Wortschatztest, begonnen. (Wird dieser auf Video aufgezeichnet, kann er in Schritt 4 qualitativ ausgewertet werden.) Anschließend sind bei minimal verbalen Kindern nun solche Verfahren einzusetzen, die die Kompetenzen in den oben beschriebenen vier vorsprachlichen Entwicklungssträngen genauer erfassen. Idealerweise sollte ein Teil dieser Verfahren standardisiert sein, um auch eine quantitativ-normorientierte Auswertung zu ermöglichen. Das Sprachverständnis sollte – sofern mit dem Kind möglich – stets mit einem Sprachentwicklungstest untersucht werden, da sich rezeptive Fähigkeiten allein aus der Beobachtung heraus schwer beurteilen lassen und bei minimal verbalen Kindern erheblich besser entwickelt sein können als die produktiven Fähigkeiten vermuten lassen. In Abbildung 4 werden aus unserer Sicht geeignete Verfahren für die Gruppe der minimal verbalen Kinder genannt. (Eine Beschreibung der Instrumente sowie eine Übersichtstabelle (Tab. 3) findet sich am Ende des Kapitels.)

Schritte 3 und 4: Auswertung

Manche der Verfahren erlauben eine quantitativ-normorientierte Auswertung ( Tab. 3), an die sich die qualitativ-theoriegeleitete Auswertung aller Verfahren anschließt. Die analyseleitenden Fragestellungen bei minimal verbalen Kindern sind in Tabelle 2 zusammengefasst.


Abb. 4: Präzision der Durchführung für minimal verbale Kinder (Gruppe 1)

Tab. 2: Zentrale Fragestellungen bei der Auswertung der diagnostischen Erhebungen



EntwicklungsbereichFragestellungen

Schritte 5 und 6: Zusammenfassung, Einordnung im theoretischen Modell und Zuordnung der Entwicklungsaufgaben

Alle Untersuchungsergebnisse werden zu einem Gesamtbild integriert und die Kompetenzen des minimal verbalen Kindes auf den vier Entwicklungssträngen des theoretischen Modells eingeordnet. Es lässt sich ablesen, in welcher Phase und an welcher Stelle im Spracherwerbsverlauf sich das Kind aktuell befindet und welche Entwicklungsaufgaben nun im Zentrum stehen.

Schritte 7 – 9: Erstellung des Förderplans

Da minimal verbale Kinder oft in mehreren vorsprachlichen Bereichen noch am Anfang ihrer Entwicklung stehen, stellt sich die Frage, welchem Förderschwerpunkt Priorität eingeräumt werden soll. Wir empfehlen, den Aufbau basaler sozial-kognitiver Fähigkeiten und die Förderung des intentionalen Gebrauchs einfacher Kommunikationsmittel in den Vordergrund der Intervention zu stellen, wenn diese Entwicklungsaufgaben noch nicht zuverlässig bewältigt sind (vgl. Müller, 2016).

Diagnostische Verfahren bei minimal verbalen Kindern

Folgende Verfahren eignen sich aus unserer Sicht, um die zentralen Vorausläuferfähigkeiten für den Spracherwerb bei Kindern zu erfassen, die noch nicht oder kaum lautsprachlich kommunizieren können ( Tab. 3). Selbstverständlich können auch andere Verfahren gewinnbringend eingesetzt werden, sofern sie die relevanten Kompetenzbereiche abdecken und zumindest auch teilweise quantitativ-normorientiert ausgewertet werden können.

Tab. 2: Diagnostische Instrumente zur Erfassung von spracherwerbsrelevanten Fähigkeiten bei minimal verbalen Kindern mit Beeinträchtigung (Auswahl)


Elterninterview in Anlehnung an Sarimski (2001)

Sarimski (2001) schlägt vor, Eltern im Interview konkrete Kommunikationsanlässe vorzugeben und zu bitten, das typische Kommunikationsverhalten ihres Kindes für jeden dieser Anlässe zu beschreiben (z. B. Was tut Ihr Kind, wenn es Ihnen etwas Interessantes zeigen möchte?). Sarimski listet fünf verschiedene pragmatische Funktionen mit entsprechenden Beispielfragen auf: Kontaktaufnahme, Handlungswunsch, Wunsch nach Gegenständen oder Essen, Protest/Widerspruch und Erklärung/Kommentar.

Strukturierter Fragebogen zum kommunikativen Verhalten: »Komm!« (Komm!-Bogen) von Müller & Caroli (2008, 2017; s. auch Müller, 2013)

Dieser Elternfragebogen erfasst die Qualität des Kommunikationsverhaltens bei Kindern, die (noch) nicht oder kaum sprachlich kommunizieren. Die Eltern werden dazu befragt, wie häufig und mit welchen kommunikativen Mitteln ihr Kind Wünsche und Bedürfnisse im Familienalltag mitteilt. Hierfür werden 12 typische Kommunikationsanlässe vorgegeben, die sich auf unterschiedliche pragmatische Funktionen beziehen (etwas fordern, gemeinsame Aufmerksamkeit wünschen, eine soziale Interaktion wünschen, protestieren). Für jeden Situationstyp werden verschiedene kommunikative Verhaltensweisen (z. B. führt den Erwachsenen zum gewünschten Gegenstand, schaut den Erwachsenen an, zeigt auf den Gegenstand) vorgegeben, aus denen die Eltern auswählen können; Mehrfachnennungen sind möglich. Die 11 abgefragten Verhaltensmöglichkeiten sind unterschiedlich anspruchsvoll und werden vier Kommunikationsstufen zugeordnet (präintentionales Handeln/instrumenteller Gebrauch des Erwachsenen/vorsymbolische Stufe/symbolische Stufe). Es liegen Vergleichsdaten vor aus einer längsschnittlichen Pilotstudie mit 22 typisch entwickelten Kindern im Alter von 12, 16, 20 und 24 Monaten (Müller, 2013; Müller, Grimminger, Caroli & Rohlfing, 2017).

Elternfragebogen für die Früherkennung von Risikokindern – ELFRA-1 (Grimm & Doil, 2000/2006)

Der ELFRA-1 ist ursprünglich entwickelt worden, um Risikokinder für Entwicklungsstörungen im Rahmen der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchung U6 (12 Monate) identifizieren zu können. Er eignet sich jedoch auch, um kommunikative und sprachliche Kompetenzen bei älteren Kindern mit Sprachentwicklungsdefiziten einzuschätzen. Die Eltern werden zum Sprachverständnis, zur Sprachproduktion und zum Gebrauch von Gesten (sowie zu feinmotorischen Fähigkeiten) befragt. Dabei wird das Sprachverständnis des Kindes über eine Wortschatzliste erfasst, auf der die Eltern alle Wörter ankreuzen sollen, die ihr Kind versteht (rezeptiver Wortschatz). Ergänzend werden den Eltern noch einige häufige Aufforderungen vorgegeben, die die Eltern im Hinblick darauf beurteilen sollen, ob ihr Kind diese versteht. Die produktiven sprachlichen Fähigkeiten des Kindes werden ebenfalls mit der genannten Wortschatzliste erfasst (produktiver Wortschatz). Außerdem wird nach Fähigkeiten im Bereich der Lautbildung gefragt (verbales Imitationsverhalten, Sensitivität für Rhythmus und Reime, Experimentieren mit Lauten, spontanes Benennen). Die Subskala Gesten enthält Fragen nach frühen Interaktionsroutinen, dem Gebrauch von Gesten, Symbolspiel, dem funktionsgerechten Gebrauch von Objekten und dem Imitationsverhalten des Kindes. Altersnormen im engeren Sinne liegen nicht vor. Stattdessen sind im Handbuch kritische Werte für das Alter von 12 Monaten angegeben, mit deren Hilfe sich beurteilen lässt, ob die Leistungen eines Kindes zu den unteren 20% der Vergleichsgruppe gehören oder nicht. Es liegen ferner Vergleichsdaten einer Längsschnittstudie mit 108 typisch entwickelten Kindern vor, die im Alter von 12 und 18 Monaten mit dem ELFRA-1 untersucht worden sind (Doil, 2002).

Strukturierte Verhaltensbeobachtung des Kindes im Rahmen von kommunikationsauslösenden Situationen (z. B. anhand des Katalogs von Beobachtungssituationen nach Müller, 2012, oder anhand der Diagnostischen Beobachtungsskala für Autistische Störungen – 2 (ADOS-2 von Poustka, Rühl, Feineis-Matthews, Bölte, Poustka & Hartung, 2015)

Die Befragung der Eltern zum Kommunikationsverhalten des Kindes sollte durch eine direkte Beobachtung des Verhaltens – in Anwesenheit eines Elternteils – ergänzt werden, um das kommunikative Verhalten sowie die spontanen Lautproduktionen des Kindes beobachten zu können. Die sozialen Interaktionen, die dabei zwischen Kind und InteraktionspartnerIn entstehen, erlauben ggf. auch eine orientierende Beurteilung von sozial-kognitiven Fähigkeiten. Im Rahmen einer solchen strukturierten Verhaltensbeobachtung werden systematisch verschiedene Interaktions- und Kommunikationsanlässe hergestellt, die ein breites Spektrum an pragmatischen Funktionen abdecken. Müller (2012) listet eine Reihe von Situationen auf, die eine strukturierte Verhaltensbeobachtung zum Kommunikationsverhalten enthalten sollte; dabei unterscheidet sie zwischen »Reagieren« und »Initiieren« für die Bereiche »Geteilte Aufmerksamkeit«, »Interaktionsspiel/turn-taking« und »Mitteilen eines objektbezogenen Wunsches«. Auch Teile der »Diagnostischen Beobachtungsskala für Autistische Störungen – 2 (ADOS-2)« von Poustka et al. (2015) eignen sich gut, um kommunikatives und interaktives Verhalten auf Seiten des Kindes auszulösen.

Beobachtungsverfahren zur Diagnose der Verständigungsfähigkeit von Rotter, Kane & Gallé (1992; s. auch Kane, 2014)

Bei dieser strukturierten Verhaltensbeobachtung werden dem Kind ebenfalls gezielt Kommunikationsanlässe angeboten, die auf drei Funktionen von Kommunikation ausgerichtet sind: das Fordern von Gegenständen oder Handlungen, das Kommentieren von Ereignissen und Protest. Die hierfür verwendeten Materialien und Situationen sind nicht standardisiert. Die auf Video aufgezeichneten Reaktionen des Kindes werden anschließend einer vor fünf Entwicklungsstufen zugeordnet. Es wird zwischen ungezieltem Verhalten, gezieltem Verhalten (z. B. Ergreifen des Spielgegenstandes), partnerbezogenen Äußerungen (z. B. Blickkontakt und Lautieren), konventionellen Äußerungen (z. B. Zeigegeste, Kopfschütteln) und symbolischer Kommunikation (Wörter, symbolische Gesten) unterschieden. Abschließend wird das am häufigsten gezeigte Kommunikationsverhalten des Kindes identifiziert; dieses bildet – neben den Ergebnissen einer Diagnostik der intellektuellen Entwicklung des Kindes – die Grundlage für die weitere Förderplanung. Eine quantitative Auswertung der Beobachtungen und die Beschreibung eines kommunikativen Entwicklungsalters sind bei diesem Verfahren nicht vorgesehen.

Sprachentwicklungstest für zweijährige Kinder (SETK-2) von Grimm (2000/2016)

Der SETK-2 ist ein Einzeltest für Kinder im Alter von 2;0 bis 2;11 Jahren zur Erfassung der rezeptiven und produktiven Sprachverarbeitungsfähigkeiten eines Kindes. Es gibt zwei Verstehens- und zwei Produktionstests, von denen jeweils einer auf Wort- und einer auf Satzebene angesiedelt ist. Für die Untersuchung minimal verbaler Kinder kommen in erster Linie die beiden Subtests Verstehen I: Wörter und Verstehen II: Sätze in Frage. Dabei werden die Kinder aufgefordert, aus einer Auswahl von zwei oder vier Bildern auf dasjenige zu zeigen, welches die Bedeutung des vorgesprochenen Wortes oder Satzes am besten abbildet (z. B. »Zeig mir ›den Schrank’!« oder »Zeig mir ›Die Kinder sitzen unter dem Tisch.’!«). Der Subtest Produktion I: Wörter wird im Leitfaden als Einstiegstest verwendet. Hier sollen die Kinder Objekte und Abbildungen von Objekten benennen. Im Subtest Produktion II: Sätze werden dem Kind Bildkarten mit kleinen Szenen vorgelegt, die es beschreiben soll. Es liegen aktuelle Normen für die Gruppe 2;0–2;5jähriger Kinder und für die Gruppe 2;6–2;11jähriger Kinder vor.

Sprachentwicklungstest für drei- bis fünfjährige Kinder (SETK 3-5) von Grimm (2001/2015)

Der SETK 3-5 ist ein Einzeltest für Kinder im Alter von 3;0 bis 5;11 Jahren zur Erfassung der rezeptiven und produktiven Sprachverarbeitungsfähigkeiten eines Kindes sowie des Sprachgedächtnisses. Der Test enthält 6 Subtests: Verstehen von Sätzen, Enkodierung semantischer Relationen, Morphologische Regelbildung, Satzgedächtnis, Phonologisches Arbeitsgedächtnis für Nichtwörter, Gedächtnisspanne für Wortfolgen. Es liegen aktuelle Normwerte in Halbjahresschritten vor. Für minimal verbale Kinder sind die Testaufgaben – wie aus dem Leitfaden hervorgeht – bis auf die Verstehensaufgaben eindeutig zu schwer und bringen keinen diagnostischen Nutzen. Die Aufgabe Verstehen von Sätzen hingegen schließt sich unmittelbar an den Subtest Verstehen II: Sätze des SETK-2 an und kann genutzt werden, um das Verstehenspotential von minimal verbalen Kindern auszuloten, die die Aufgaben im SETK-2 problemlos gemeistert haben.

Kasuistik: Entwicklungsorientierte Sprachdiagnostik bei Luis (5 Jahre)

Das hier vorgeschlagene diagnostische Vorgehen soll im Folgenden anhand eines Fallbeispiels veranschaulicht werden:

Luis wird kurz nach seinem 5. Geburtstag auf Empfehlung des behandelnden Sozialpädiatrischen Zentrums (SPZ) in einem Autismusförderzentrum vorgestellt. Er lebt zusammen mit seiner jüngeren Schwester bei seinen Eltern und wächst einsprachig deutsch auf. Der Junge besucht seit 1½ Jahren einen Heilpädagogischen Kindergarten. Beim Erstkontakt äußern die Eltern, dass sie sich vor allem über die ausbleibende Sprachentwicklung ihres Sohnes Sorgen machen würden sowie über seine stereotypen Spielinteressen, seine Schwierigkeiten im gemeinsamen Spiel mit anderen Kindern und über Wutanfälle bei Frustrationen oder Abweichungen vom Gewohnten.

Im Förderzentrum wird eine autismusspezifische Therapie für Luis begonnen. Aufgrund der starken sprachlichen Defizite erfolgt am Anfang eine ausführliche diagnostische Abklärung des (vor)sprachlich-kommunikativen Entwicklungsstandes nach dem o. g. diagnostischen Leitfaden durch die begleitende Psychologin.

Schritt 1: Anamnesegespräch und Vorbefunde (Auszug)

Die Mutter berichtet im Anamnesegespräch, dass sich Luis von Geburt an langsamer entwickelt habe als gleichaltrige Kinder. Bei der kinderärztlichen Vorsorgeuntersuchung U7 mit 2 Jahren sei aufgefallen, dass Luis noch keine Wörter sprechen konnte. Daraufhin seien eine Frühfördermaßnahme sowie die Anbindung an ein SPZ eingeleitet worden. Bei der letzten Vorstellung im SPZ seien eine allgemeine Entwicklungsverzögerung mit einer schweren expressiven Sprachstörung und autistischen Zügen festgestellt worden. Organische Begleitprobleme würden nicht vorliegen. Eine testpsychologische Untersuchung mit einem sprachfreien Intelligenztest habe abgebrochen werden müssen, da Luis – nach anfänglich guter Kooperation – bald das Interesse verloren und nicht mehr kooperiert habe. Es werde aber eine geistige Behinderung vermutet.

Nach Einschätzung der Mutter mache Luis langsame, aber kontinuierliche Fortschritte in fast allen Entwicklungsbereichen, die sprachliche Entwicklung stagniere jedoch. Luis könne sich auch ohne Sprache recht gut mitteilen, indem er auffordernde Laute von sich gebe, Gegenstände bringe oder auf etwas zeige. Manchmal versuche er, bestimmte Laute für eine Bedeutung zu verwenden (z. B. »aua« für alle Fahrzeuge mit Sirenen). Luis verstehe nach Einschätzung der Mutter sehr viel.

Luis interessiere sich besonders für Fahrzeuge, spiele gerne mit Spielzeugautos oder schaue sich zusammen mit den Eltern Bücher oder youtube-Videos über Fahrzeuge an. Ansonsten sei es schwierig, gemeinsam mit ihm zu spielen.

Schritt 2: Untersuchung der (vor-)sprachlich-kommunikativen Fähigkeiten des Kindes

Luis wird gemeinsam mit seiner Mutter zu einem separaten Termin in das Förderzentrum eingeladen. Er lässt sich bereitwillig auf die Testsituation am Tisch ein und wird aufgefordert, Objekte und Bildkarten des Subtests »Produktion I: Wörter« aus dem SETK-2 zu benennen. Dabei wird deutlich, dass Luis lediglich ein Objekt (»Ba« für Ball) und eine Bildkarte (»Auda« für Auto) annähernd benennen kann. Im Elternfragebogen ELFRA-1 hat die Mutter einen produktiven Wortschatz von 3 Wörtern für Luis angegeben (»Mama«, »Papa«, »Ball«). Damit bestätigt sich, dass Luis zur Gruppe der minimal verbalen Kinder gehört, so dass das diagnostische Vorgehen für diese Gruppe für die weitere Untersuchung gewählt wird ( Abb. 3 und 4). Entsprechend werden die beiden Subtests »Verstehen I: Wörter« und »Verstehen II: Sätze« aus dem SETK-2 sofort in Anschluss durchgeführt.

Danach erfolgt eine strukturierte Verhaltensbeobachtung des Kindes in verschiedenen kommunikationsauslösenden Interaktionssituationen. Die bei Luis gewählten Situationen sind in folgendem Kasten aufgeführt.

Strukturierte Verhaltensbeobachtung anhand von kommunikationsauslösenden Situationen:

• Interaktionsspiel mit einem Gymnastikball: wechselseitiges Zurollen, Unterbrechen der Interaktion, abwechselndes Aufpumpen des Balles

• Guck-guck-Spiel

• Seifenblasen: Lenken der Aufmerksamkeit des Kindes auf eine Seifenblasen-Dose (verbal, mit Blickkontakt und mit der Zeigegeste), interaktives Seifenblasen-Pusten

• Imbiss mit Süßigkeiten und Getränken: Wahlmöglichkeit zwischen zwei Alternativen und Anbieten der gewählten Alternative in einer schwer zu öffnenden Dose

• Präsentation eines Aufziehautos auf dem Tisch, das plötzlich vom Tisch fällt

• Freies Spiel mit verschiedenen Spielobjekten (Effektspielzeug, Duplo-Steine, Autos, Rollenspielmaterial, Bilderbuch) und Versuche, dabei weitere Interaktionen und Kommunikationsanlässe zu schaffen

• verschiedene verbale Aufforderungen

Neben dem ELFRA-1 hat die Mutter bereits zuhause den Komm!-Bogen ausgefüllt.

Schritt 3: Quantitativ-vergleichende (normorientierte) Auswertung

Tabelle 4 zeigt die quantitativen Ergebnisse der Diagnostik. Es lässt sich erkennen, dass Luis produktive verbale Kompetenzen (SETK-2 und ELFRA-1) ungefähr mit dem Entwicklungsstand einjähriger typisch entwickelter Kinder vergleichbar sind. Auf der Subskala »Produktion von Lauten und Sprache« (ELFRA-1) kreuzt die Mutter sogar noch weniger Items an als Mütter von typisch entwickelten einjährigen Kindern. Luis Fähigkeiten im Bereich der (non-verbalen) intentionalen Kommunikation (Komm!-Bogen) sind in etwa mit dem Entwicklungsstand typisch entwickelter Kinder im Alter von 1 bis 1½ Jahren vergleichbar. Luis Sprachverständnis (SETK-2 und ELFRA-1) ist besser entwickelt und entspricht einem Entwicklungsalter von 1½ bis 2 Jahren.

Tab. 4: Quantitative Ergebnisse der (vor)sprachlich-kommunikativen Entwicklungsdiagnostik bei Luis (5;2 Jahre)



Untersuchungsergebnisse für LuisVergleichswerte typisch entwickelter Kinder im Alter von 1 bis 2 Jahren

Schritt 4: Qualitativ-theoriegeleitete Auswertung

Die standardisierte Untersuchungssituation mit dem SETK-2 wird auch als Beobachtungssituation genutzt und qualitativ ausgewertet: Luis bemüht sich beim Subtest »Produktion I: Wörter« intensiv, die Objekte und Bildkarten mit (Proto-)Wörtern zu benennen (»auf da« für Schlüssel, »Ba« für Ball etc.). Bei der Bildkarte »Schwein« versucht er, das Grunzen eines Schweines zu produzieren. Es wird deutlich, dass sein Lautrepertoire sehr begrenzt ist. Dieser Eindruck wird durch die Angaben der Mutter im ELFRA-1 zur Produktion von Lauten gestützt: Demnach würde Luis weder Sprachmelodien oder Wörter nachahmen noch wortlose Sätze produzieren. Ferner lässt sich beobachten, dass Luis wiederholt repräsentationale Gesten verwendet, wenn er ein Bild nicht verbal benennen kann (z. B. eine Schneidebewegung für »Messer«, ein angedeutetes Dach über dem Kopf für »Haus«, eine Essensgeste für »Apfel«, Streichen über den Kopf für »Bürste«, Zeigen auf das Handgelenk für »Uhr«).

Während der strukturierten Verhaltensbeobachtung zeigt sich, dass Luis großes Interesse am Kontakt hat, die ungeteilte Aufmerksamkeit der Psychologin sichtlich genießt und sich gerne mitteilt. Hierfür nutzt er ein breites Repertoire an non-verbalen kommunikativen Mitteln. So verdeutlicht er der Psychologin z. B., dass sie die Luftpumpe wieder aus dem Schrank holen soll, indem er auf den Schrank zeigt, Blickkontakt sucht und die Pumpbewegung mit den Händen demonstriert. Er teilt nicht nur den Wunsch nach Hilfe mit, sondern nutzt seine Mittel auch, um soziale Bedürfnisse (z. B. gemeinsame Betrachtung eines Wimmelbildes oder Teilen von Überraschung, als er einen interessanten Effekt bemerkt) zu äußern. Trotz dieser vergleichsweise guten kommunikativen Fähigkeiten sind bei Luis noch Schwächen im sozialen Bereich zu erkennen, wenn es darum geht, sich an wechselseitigen Interaktionen (z. B. Zuspielen des Balles, abwechselndes Handeln, kooperatives Spiel mit Autos) zu beteiligen (turn-taking-Verhalten).

Die Angaben der Mutter zum Kommunikationsverhalten im familiären Alltag im Komm!-Bogen stimmen weitgehend mit den Befunden aus der Beobachtungssituation überein. Die Mutter gibt an, dass es im Alltag viele Kommunikationsanlässe gibt (11 von 12); lediglich an Interaktionsspielen habe Luis wenig Interesse. Nach Angaben der Mutter versuche Luis häufig, seine Bedürfnisse selbstständig umzusetzen. Ebenso häufig teile er seine Wünsche aber auch intentional mit. Hierfür nutze er überwiegend vorsymbolische Mittel, manchmal auch symbolische Gesten (offenbar aber weniger intensiv als in der Testsituation).

Schritt 5: Zusammenfassung der Ergebnisse und Einordnung des Entwicklungsstandes im Meilensteinmodell

In der Zusammenschau ergibt sich aus der quantitativ-normorientierten und der qualitativ-theoriegeleitete Auswertung folgendes Bild: Trotz (autismustypischer) Schwächen in der sozialen Interaktion hat Luis ausreichende basale sozial-kognitive Fähigkeiten aufgebaut, um seinen Bezugspersonen Wünsche und Bedürfnisse mitteilen zu können (intentionale Kommunikation). Er nutzt hierfür ein breites Repertoire an non-verbalen Kommunikationsmitteln, schwerpunktmäßig vorsymbolische Mittel. Luis ist jedoch auch schon in der Lage, spontan symbolische Kommunikationsmittel (repräsentationale Gesten und erste Protowörter) zu verwenden, wenn die Situation dies erfordert. Luis hat ein erstes Sprachverständnis entwickelt und versteht Wörter und einfache Sätze auch außerhalb eines situativen Kontextes (Testsituation). Seine rezeptiven Fähigkeiten sind im Vergleich zu gleichaltrigen Kindern stark beeinträchtigt, aber deutlich besser entwickelt als seine produktiven kommunikativ-sprachlichen Fähigkeiten. Luis hat massive Probleme in der Lautbildung und verfügt nur über ein sehr kleines Lautinventar, das für die Bildung von Wörtern nicht ausreichend ist.

Schritt 6: Zuordnung der relevanten Entwicklungsaufgaben

Für Luis besteht eine zentrale Entwicklungsaufgabe darin, sein Lautrepertoire zu erweitern. Ferner ist der Ausbau der symbolischen Kommunikationsmöglichkeiten von zentraler Bedeutung, damit der Junge seine massiven verbalen Einschränkungen ausgleichen und sich zunehmend komplexer mitteilen kann. Obwohl diese beiden Entwicklungsaufgaben im Vordergrund stehen sollten, zeigt die Diagnostik außerdem, dass auch die sozialen Kompetenzen bei Luis noch gestärkt und das Sprachverständnis weiter aufgebaut werden sollten.

Ausblick auf die Intervention

Angesichts der massiven Probleme, die Luis in der Lautbildung zeigt, besteht der Verdacht, dass der Junge von einer verbalen Entwicklungsdyspraxie betroffen ist. Da vor diesem Hintergrund nicht mit schnellen Fortschritten zu rechnen ist, verständigen sich die Eltern, die Fachkräfte im Kindergarten und die Autismustherapeutin darauf, mit Luis primär am Ausbau symbolischer Kommunikationsmittel zu arbeiten. Hierfür werden zunächst weitere lautsprachbegleitende Gebärden und ein Kommunikationsbuch mit Symbolkarten eingeführt. Im weiteren Verlauf wird Luis ergänzend mit einer elektronischen Kommunikationshilfe (Talker) versorgt. In der spontanen Kommunikation greift er jedoch weiterhin lieber auf vorsymbolische Mittel und symbolische Gebärden zurück. Den Talker nutzt er vor allem bei Verständnisschwierigkeiten. In der Autismustherapie wird Luis darüber hinaus intensiv im sozialen Spiel und im Ausbau des Sprachverständnisses gefördert. Die Logopädin arbeitet weiter an der Anbahnung von Lauten und Lautverbindungen, unterstützt den Jungen jedoch auch intensiv darin, visuelle Kommunikationsmittel einzusetzen.

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Wygotski, L. (1987): Ausgewählte Schriften. Band 2: Arbeiten zur psychischen Entwicklung der Persönlichkeit. Köln: Pahl-Rugenstein.

1 Aktas (2004) arbeitete bei der Erstellung des Leitfadens mit den diagnostischen Verfahren aus der Arbeitsgruppe von Grimm (ELFRA, SETK-2, SETK 3-5). Der Vorteil besteht darin, dass diese Verfahren – theoretisch und die Operationalisierung betreffend – aufeinander abgestimmt sind. So können die Aufgaben beider Sprachtests in eine gemeinsame Schwierigkeitsabfolge gebracht werden. Das ist zeitökonomisch und ermöglicht es, einen Bereich von 12 Monaten bis 5;11 Jahren (Entwicklungsalter) abzudecken. Prinzipiell ist das Vorgehen jedoch auch mit anderen Verfahren möglich (z. B. mit der PDSS, Kauschke & Siegmüller, 2010).

Präverbale sprachliche Förderung und Gebärden-unterstützte Kommunikation in der Frühförderung
Etta Wilken

Frühe Hilfen lassen sich differenzieren in Früherkennung und Diagnostik als auslösende und begleitende ärztliche Aufgabe, in Frühbehandlung als Bezeichnung für alle ärztlich verordneten therapeutischen Maßnahmen und in pädagogische Frühförderung als entwicklungsbegleitende ganzheitliche Förderung des Kindes in Kooperation mit Eltern und Therapeuten in einem Zentrum oder im Elternhaus.

Die Diagnose einer bestimmten Behinderung oder die Feststellung spezieller Probleme in den Bereichen Motorik, Kognition, Sprache oder Verhalten sind meistens der Grund für die Einleitung von Frühfördermaßnahmen, aber auch Kinder, die entwicklungsgefährdende Schwierigkeiten haben, die zu Behinderungen führen können (von »Behinderung bedroht«), erhalten Frühförderung.

Da beim kleinen Kind Interaktion, Motorik und Wahrnehmung, Kognition, Gedächtnis und Sprache verschiedene Komponenten seiner Möglichkeiten sind, in personellen und sächlichen Austausch mit seiner Umwelt zu treten, zeigen die meisten Kinder aufgrund der Interdependenz dieser verschiedenen Kompetenzbereiche zumeist nicht nur im beeinträchtigten Teilbereich, sondern in ihrer gesamten Entwicklung deutliche Abweichungen. Es ist deshalb verständlich, dass Auswirkungen von speziellen Schädigungen und behinderungsspezifische Abweichungen auch nicht allein durch isolierte Maßnahmen bezogen auf einzelne beeinträchtigte Bereiche behandelt werden sollten. Vielmehr sind die speziellen Hilfen bei besonderen Problemen als erlebbare Sinn- und Handlungserfahrungen in den Alltag des Kindes zu integrieren. Dazu sind Bedingungen zu gestalten, die eine entwicklungsfördernde Eigenaktivität des Kindes ermöglichen und Wiederholung und Veränderung zulassen.

Das gilt besonders für die Förderung kommunikativer Fähigkeiten. Menschliche Entwicklung ist von Anfang an in besonderer Weise auf Interaktion und Kommunikation angewiesen und kooperative Beziehungen sind als fundamentale Lebensbedingung anzusehen. Deshalb kommt einer ganzheitlichen entwicklungsbegleitenden Förderung unterstützender Bedingungen zur optimalen Entfaltung der kommunikativen Kompetenzen des Kindes eine wesentliche Bedeutung zu.

Unter Berücksichtigung der spezifischen Probleme des Kindes müssen dabei die individuell angemessenen Hilfen zusammen mit seinen Bezugspersonen in Alltagssituationen gestaltet werden – ohne jedoch durch besondere oder störende Anweisungen die natürlichen, spontanen Interaktionen zu belasten.

Indem es um die optimale Gestaltung der Bedingungen für entwicklungsspezifische Kommunikationsformen geht, entfällt auch die Sorge, durch frühzeitigen Einsatz von ergänzenden oder alternativen Kommunikationsformen den Spracherwerb ungünstig zu beeinflussen. Dass »lautsprachersetzende Kommunikationssysteme … nur dann eingesetzt werden (sollten), wenn über einen längeren Zeitraum hinweg erfolglos versucht wurde, den Lautspracherwerb anzubahnen« (Mühl 1996, 114), macht durch die Verwendung des Begriffs »lautsprachersetzend« ein Missverständnis deutlich. Dadurch kann es zu einer problematischen Verzögerung nötiger Hilfen kommen. Auch die Annahme, dass es »ein pädagogischer Kunstfehler (wäre), würde man schon bei zwei- oder dreijährigen Kindern mit einer erheblichen Entwicklungsverzögerung den Einsatz von lautsprachersetzenden Kommunikationssystemen in Erwägung ziehen, ohne vorher versucht zu haben, den Erwerb der Lautsprache anzubahnen« (ebd.), verkennt, dass ergänzende und alternative Kommunikationsangebote sprachrelevante präverbale Fähigkeiten fördern und immer lautsprachbegleitend und nicht isoliert erfolgen und sich deshalb keineswegs ungünstig auf die Lautsprache auswirken. Im Gegenteil! Eine entwicklungsorientierte Förderung aller Kommunikationsformen in natürlichen Interaktionen – wie Blickkontakt, Mimik, Gestik, deklaratives Zeigen und Gebärden – wirkt sich nach allen vorliegenden Erfahrungen eindeutig günstig auf den Spracherwerb aus (vgl. Wagner/Sarimski 2013, 21).

Es ist deshalb wichtig, zur Förderung der präverbalen Verständigung und des Spracherwerbs in der frühen Entwicklung vielfältige sprachanregende und sprachfördernde Verhaltensweisen in Interaktion mit den Bezugspersonen bewusst zu gestalten, um behinderungsbedingte Einschränkungen zu vermindern und gemeinsame Lernsituationen zu optimieren.

Eine Orientierung an der normalen Entwicklung vermag dabei zu erhellen, in welcher Weise Behinderungen zu Veränderungen führen können und damit entsprechende Hilfen erforderlich machen.

Prä-intentionales Verhalten

Von Geburt an bildet die Aktivität des kleinen Kindes und die dadurch ausgelösten Reaktionen seiner Bezugspersonen eine entwicklungsrelevante Kommunikationsgrundlage. Die gemeinsamen Erfahrungen bei der Nahrungsaufnahme, in Pflegehandlungen und in weiteren Alltagsroutinen ermöglichen durch eine gleiche wiederholende Gestaltung die Entwicklung von aufeinander bezogenem Verhalten. So vermag das Kind sich zunehmend den Handlungsroutinen anzupassen und Vorstellungen über typische Abfolgen zu entwickeln. Dabei kommt der elterlichen Aufmerksamkeit und der Fähigkeiten, die Angebote des Kindes zu erkennen und verlässlich zu beantworten, eine entscheidende Bedeutung zu.

Behinderungen des Kindes können sowohl die Fähigkeit zu eigener Aktivität einschränken als auch den Eltern erschweren, das Verhalten des Kindes zu interpretieren. Da jedoch das noch nicht intentionales Verhalten des Kindes erst durch die konstant gleiche Interpretation intentionalisiert wird, kann durch verunsicherte Reaktionen der Bezugspersonen eine zusätzliche Erschwernis gegeben sein.

In der Frühförderung behinderter Kinder ist deshalb notwendig, den Eltern Hilfen zu geben, um entsprechende kommunikative Strukturen in der Interaktion mit ihrem Kind aufbauen zu können.

So zeigte sich in Untersuchungen, dass durch ein entwicklungsorientiertes Vorgehen unter aktiver Einbeziehung der Eltern bzw. der Mütter dann positive Ergebnisse erreichbar waren, wenn die Eltern befähigt wurden, die wenig ausgeprägten Handlungssignale ihres Kindes besser wahrzunehmen und angemessen zu unterstützen. Dabei war wichtig, nicht nur die Bedeutung von Blickkontakt, Imitation und unmittelbarer Verstärkung zu kennen, sondern auch Klarheit über den aktuellen Entwicklungsstand und die nächsten Förderziele zu erhalten.

Entscheidend ist vor allem, den Eltern die generelle Bedeutung der kindlichen Aktivität für die Entwicklung bewusst zu machen, da gerade bei vorliegenden Beeinträchtigungen fälschlicher Weise häufig angenommen wird, dass die eingeschränkte kindliche Aktivität durch vermehrte und hoch strukturierte Aktivität der Bezugspersonen ausgeglichen werden muss. Solche direktiven Formen der Einflussnahme haben sich jedoch als wenig förderlich erwiesen. Hilfreich ist es dagegen, Alltagsroutinen so zu gestalten, dass das Kind Abläufe erkennt und genügend Zeit und Hilfe erhält, um sein Verhalten seinen Möglichkeiten entsprechend darauf einstellen zu können und sich zu beteiligen. Dadurch kann es Sinn und Bedeutung von eigenem Handeln in regelmäßig wiederkehrenden Situationen erleben. Förderliche Bedingungen können auch sein, dem Kind z. B. Lagerungshilfen zu geben, die es ihm ermöglichen, seine Hände zu sehen, zu bewegen und zum Mund zu führen, oder unterstützende Haltungen, die Kopfbewegungen ermöglichen und damit erlauben, Blickkontakt aufzunehmen und zu unterbrechen, oder auch eine solche Gestaltung der Essenssituation, die dem Kind lustvolle Erfahrung mit allen Sinnen ermöglicht – auch wenn gerade die Nahrungsaufnahme bei Kindern mit gravierenden Beeinträchtigungen sich oft sehr schwierig gestaltet.

Förderung der Kommunikation auf dieser Entwicklungsstufe bedeutet demnach, Möglichkeiten aufzudecken, wie das Kind in gemeinsamen Aktivitäten solche Erfahrungen machen kann, die zu Wiederholung und Variation anregen, sowie Alltagshandlungen so zu gestalten, dass das Kind sich beteiligen kann und es den Eltern möglich wird, darin »Mitteilungen« und »Absichten« des Kindes zu erkennen.

Intentionales Verhalten

Wenn Kinder beginnen, intentionales Verhalten zu zeigen, haben sie aus unterschiedlichen Erfahrungen gelernt, dass sie selber etwas bewirken können. Voraussetzung für diese Entwicklung ist die Eigenaktivität und ein soziales Eingebundensein in Interaktion mit ihrer sozialen und dinglichen Umwelt. Diese dialektische Verknüpfung von Abhängigkeit und Autonomie begründet das kindliche Angewiesensein auf eine liebevolle Begleitung und Kooperation. Im Eingehen auf alters- und behinderungsbedingte physische und psychische Erfordernisse in einem gemeinsam gestalteten Alltag werden somit nicht nur Grundbedürfnisse befriedigt, sondern wir ermöglichen auch, Bedeutung und Wert eigener Aktivität zu erfahren. Aus diesem kooperativen Entwicklungsverständnis ergibt sich Förderung dann als Ausdruck verantwortlichen gemeinsamen Handelns und ist damit keine isolierte Maßnahme. Im Gegenteil – natürliche Interaktionsformen (z. B. bestätigendes Kopfnicken, eine höhere Stimmlage, betonte Mimik) können erheblich gestört werden, wenn Eltern solches Verhalten bewusst zur Förderung einsetzen sollen. Durch alltagsbezogene Hilfen in der Familie dagegen kann das Kind die Bedeutung eigenen Handelns und Mitverantwortung erfahren und seine Kompetenzen erleben, die es seinen Möglichkeiten entsprechend einzubringen vermag. Diese Erfahrung eigener Fähigkeiten ist für die Entwicklung aller Kinder wichtig, aber besonders für Kinder mit Behinderung gilt, dass gerade bei eingeschränkter Aktivität die Kompetenzen um so mehr gestärkt werden müssen, da ein Fokussieren auf die ›noch nicht‹ erreichten Entwicklungsschritte ihr Selbstwerterleben und die Bereitschaft zur Kooperation nachhaltig ungünstig beeinflussen kann.

Damit das Kind intentionales Verhalten entwickelt, müssen therapeutische Maßnahmen deshalb in ein ganzheitliches Förderkonzept integriert werden, und es ist zu reflektieren, wie das Kind den Wert und die Bedeutung eigenen Handelns erleben kann.

Für die Entstehung von Bedeutung sind die durch die Sinne erhaltenen Informationen zwar eine wichtige Voraussetzung, aber nicht als passive Aufnahme von Eindrücken, sondern immer als individuelle Aktivität, bei der die in der Interaktion erlebte Bedeutung verarbeitet wird. Das Baby erkennt seine Welt über sinnliche Wahrnehmung und motorisches Handeln und deshalb werden Lernen und Gedächtnisleistungen als autopoietische Prozesse verstanden. Es sind somit günstige Bedingungen für eine entsprechende Entwicklung des Kindes zu gestalten, wobei aber zu bedenken ist, dass Lernen ein aktiver Prozess bleibt, den das Kind selbst leisten muss.

Eine große Bedeutung kommt auch dem subjektiven Befinden des Kindes zu und welche Wertschätzung ihm vermittelt wird. Ein Kind erlebt sich nicht als defizitär, erlebt aber, wie mit ihm und seinen Kontaktangeboten umgegangen wird. Für die Bewertung von Therapie- und Fördermaßnahmen ist deshalb nötig, die impliziten anthropologischen Grundannahmen, das methodisches Vorgehen und die angestrebten Ziele in Bezug auf die Auswirkungen für Kind und die Eltern zu reflektieren. Besonders entwicklungsnormbezogene Übungen und Funktionstraining können dazu führen, dass das Kind diese Behandlungen »subjektiv ganz anders erlebt, als es der wohlmeinende Fachmann glaubt« (Schlack, 1983, 106). Manche Kinder versuchen auch, um Misserfolge zu vermeiden, Anforderungen zu umgehen, davon abzulenken oder verweigern die Mitarbeit. Aber auch die Erfahrung von mangelhaften Wirkungen eigenen Verhaltens kann behinderungsbedingte Passivität verstärken. Deshalb ist gerade für die Anbahnung kommunikativer Kompetenzen erforderlich, dass die Eltern sensibilisiert werden, die kindlichen Fähigkeiten wahrzunehmen, damit das Kind in kooperativen Handlungen seine Möglichkeiten der aktiven Einflussnahme erlebt.

Dazu gehören auch Anregungen zur Produktion von Lauten. Bei der Nahrungsaufnahme, bei der Pflege und im gemeinsamen Spiel können zufällig entstehende Saug- und Schmatzlaute des Kindes gespiegelt werden und es kann vielleicht dadurch zu einer unmittelbaren Wiederholung motiviert werden. Auch Vibrationen, orofaziale Anregungen und verschiedene Mundspiele unterstützen die Verknüpfung von Bewegungs- und Lautwahrnehmung und fördern die Möglichkeiten des Kindes, verschiedene Laute zu bilden und in unterschiedlicher Lautstärke auszuprobieren. Das zuverlässige Beantworten solcher Lautproduktionen ermöglicht dem behinderten Kind, trotz bestehender Einschränkungen und Veränderungen sein Schreien, Rufen und Lautieren als wirksame Möglichkeiten der Einflußnahme zu erfahren. Gerade wenn ergänzende oder alternative Kommunikationsangebote aufgrund der diagnostizierten Behinderung vermutlicht notwendig werden könnten, ist es wichtig, dass in der frühen Entwicklung eine intensive lautsprachliche Orientierung unterstützt wird. Allerdings ist eine oft dominierende Ausrichtung an verbalen Äußerungen zu überwinden zu Gunsten eines umfassenden Förderkonzeptes, das auch alle nonverbalen Kommunikationsformen als bedeutsam einbezieht.

Für die Gestaltung förderlicher Bedingungen in dieser Phase der Entwicklung ist darauf zu achten, dass nicht Reize zur Auslösung von festgelegten Reaktionen erfolgen sollten, sondern Anregungen und Angebote, die dem Kind einen Spielraum bieten, seine Handlungen zu differenzieren und zu koordinieren. Dazu ist es sinnvoll, responsives Verhalten bei den Bezugspersonen zu fördern und eine Überstimulierung des Kindes zu vermeiden. Wenn es zudem gelingt, das gemeinsame Handeln als bedeutsam zu erleben und so das emotionale Interesse des Kindes zu wecken, können entwicklungsfördernde Interaktionen gelingen. Damit ermöglichen wir dem Kind, sich kompetent und angenommen zu fühlen und auf der Grundlage eines guten Selbstwertgefühls sein individuelles Entwicklungspotential zu entfalten und intentionales Verhalten und Lautieren als Ausdruck eigener Wünsche und Absichten einzusetzen.

Gezielte Kommunikation

Für die Entwicklung von Fähigkeiten ist wichtig, dass das Kind ihre Bedeutung erlebt und den Gebrauch als sinnvoll erfährt. Das gilt auch für das Hören. In unterschiedlichen Situationen, bei gemeinsamen Handlungen und im Spiel sollte deshalb die Aufmerksamkeit des Kindes auch auf das Sprechen gelenkt werden, um die »Weckfunktion« der Lautsprache für die auditive Wahrnehmung und lautsprachliche Orientierung zu fördern. Dadurch wird das Kind zu eigenem Lautieren und zu einer zunehmend differenzierteren Übernahme der typischen Laute seiner Umgebungssprache angeregt (babbling-drift) und lernt, auditive Wahrnehmungen und kinästhetische Empfindungen bei der eigenen Produktion von Lauten zu koppeln. Indem das Kind die eigenen Laute über die Knochenleitung hört und gleichzeitig die eigenen Bewegungen im Mundraum spürt, kann es die verschiedenen sensorischen Eindrücke verbinden. Wenn dann diese Lautäußerungen von den Bezugspersonen gespiegelt werden, vermag das Kind zunehmend die jetzt über die Luftleitung gehörten Laute mit den eigenen Lautproduktionen und den entsprechenden »Sprechbewegungen« zu koppeln. Auch dieser Lernprozess ist somit ganz wesentlich an die eigene Aktivität des Kindes gebunden. Allerdings benötigen Kinder mit Behinderungen oft angemessene Formen der physischen und psychischen Unterstützung, die ihnen ermöglichen, solche Angebote bewusst aufzunehmen.

Ein kleiner fast zweijähriger Junge mit Down-Syndrom benötigte auf dieser Entwicklungsstufe sowohl körperliche Unterstützung, um eine nicht ablenkende, motorisch ruhige Haltung einzunehmen, als auch einen geringen Gesichtsabstand, um seine Aufmerksamkeit auf die Bezugsperson richten zu können. Erst in dieser gehaltenen Situation begann er einen einzelnen e-Laut zu äußern. Durch Spiegeln konnte er veranlasst werden, diesen Laut immer wieder zu bilden, wobei die zeitlichen Abstände zwischen den Wiederholungen geringer wurden und die Aufmerksamkeit und Aktivität des Jungen sich erkennbar steigerte. Nach 20 fast gleichförmigen Wiederholungen trat eine erste Lautverdoppellung auf und dann konnten durch Dehnungen beim Nachahmen und mimische Verstärkungen verschiedene Variationen erreicht werden.

In der weiteren Förderung wurde dann versucht, den e-Laut mit der Zeigegeste zu koppeln, um gezielte Kommunikation effektiver zu gestalten.

In der frühen Entwicklung ist den Kindern ein doppelter Fokus nicht möglich, weil ihre Aufmerksamkeit noch eindimensional ausgerichtet ist, ergänzende Kommunikationsformen würden dann eher irritieren. Auf dieser Entwicklungstufe wird jedoch wichtig, den referentiellen Blickkontakt direkt zu fördern. In gemeinsamen Aktivitäten lenken wir das Interesse des Kindes auf Dinge und auf Personen, unterstützen Zeigen und zielbezogenes Verhalten, kommentieren Handlungen, machen vor und helfen dem Kind, nachzumachen. So können wir, wenn ein Kind sein Spielzeug weggeworfen hat, betont fragen, bis es uns anblickt. Erst dann beugen wir uns zum Spielzeug und machen jetzt das Kind darauf aufmerksam, evt. sogar verstärkend indem wir zusätzlich darauf klopfen.

Allerdings verursachen die unterschiedlichen Behinderungen spezielle Probleme, die motorisch-funktionell, aber auch kognitiv oder emotional bedingt sein können und deshalb entsprechende Hilfen erforderlich machen. Erhebliche Beeinträchtigungen der motorischen Entwicklung zeigen sich meistens auch in deutlichen Einschränkungen der Sprechmotorik, und mentale Behinderungen erschweren das Erinnern und Wiederholen, während emotionale Störungen oft Irritationen und fehlendes Interesse bewirken. Oft ist aus solchen unterschiedlichen Gründen die bedeutungsbezogene Verarbeitung von sensorischen Informationen erschwert und Lernen dadurch in spezifischer Weise beeinträchtigt. Die Wahrnehmung wird durch das Interesse gelenkt, indem unwichtige Reize ausgeblendet werden. Bei Störung dieser aktiven Aufmerksamkeit erfolgt eine Reaktion auf den jeweils dominanten Reiz und bedingt dadurch eine nur ungenügende interessengeleitete Wahrnehmung und Interpretation. Vor allem zielgerichtetes Handeln und referentieller Blickkontakt können dann deutlich erschwert sein.

Oft werden deshalb große Diskrepanzen zwischen den verschiedenen Entwicklungsbereichen erkennbar und besonders die sprachliche Retardierung weicht meistens erheblich von den anderen Fähigkeiten ab. Es ist deshalb notwendig, die individuellen Kompetenzen des Kindes sorgfältig zu erfassen, um die unterschiedlichen Angebote zur Förderung der Entwicklung und der kommunikativen und sprachlichen Fähigkeiten entsprechend zu strukturieren und bei der Gestaltung der individuellen und familienbezogenen Hilfen zu berücksichten.

Konventionelle Kommunikation

In einem Entwicklungsalter von etwa 8–10 Monaten können kleine Kinder einfache Bewegungen nachmachen und kontextabhängig mit Bedeutung verbinden. Deshalb werden in diesem Alter allen Kindern einfache Gesten und Zeichen angeboten, die sie dann zunehmend in kommunikativer Funktion einsetzen. Sie können mit einzelnen Lauten, aufforderndem Zeigen und Anblicken der Bezugsperson, die sie zum Handel veranlassen möchten, ihre Wünsche verdeutlichen (referentieller Blickkontakt). Zudem sind die Kinder jetzt in der Lage, z. B. auf Fragen »Wie groß bist du?« oder »Wie gut hat es geschmeckt?« mit einer entsprechenden gelernten Geste zu antworten, sie können »winke – winke« machen, nach Aufforderung auf einzelne Körperteile (Nase) zeigen und benutzen Kopfschütteln als Zeichen für Verneinung und evt. auch Kopfnicken als Zeichen für Bejahen.

Ein kleines 19 Monate altes Mädchen hatte gelernt, auf die Frage »Wie gut schmeckt das Essen?« die Hand auf den Bauch zu legen und »m« zu sagen. Die häufige Wiederholung dieses Handzeichens führte schließlich dazu, dass das Mädchen auf etwas zeigte und die Hand auf den Bauch legte um so mitzuteilen, was es essen wollte.

Wenn eine solche Entwicklungsstufe erreicht ist, wird auch möglich, spezielle ergänzende Kommunikationshilfen anzubieten ohne damit die für die Entwicklung relevante auditive Wahrnehmungsfähigkeit und die wichtige lautsprachliche Orientierung zu gefährden. In Alltagshandlungen, bei »Kitzel«-, »Kniereiter«- und Singspielen, beim Erzählen und beim Ansehen von Bilderbüchern kann die Kommunikation mit ausgewählten einzelnen Gebärden unterstützt werden. Mit diesen so integriert angebotenen Gebärden werden die üblicherweise verwendeten Gesten und Fingerspiele lediglich erweitert und das Kind kann dabei leicht motiviert werden, eine Gebärde mit- bzw. nachzumachen. Die Gebärden sind damit für das Kind – aber auch für die Bezugsperson – nicht etwas Ungewöhnliches, sondern ein Spiel, das begleitend zum Sprechen eingesetzt wird. Auch können konkrete Dinge in Alltagsituationen zur Mitteilung eingesetzt werden, indem man z. B. dem Kind seinen Becher zeigt und die Frage »Möchtest du trinken?« zusätzlich mit der entsprechenden Gebärde begleitet oder es wird die Jacke hochgehalten, verbunden mit der Mitteilung, dass man nach draußen gehen möchte und mit dem Zeigen der entsprechenden Gebärde für Anziehen verbunden.

Da das Kind so unterstützt wird, konventionelle Kommunikationsformen zu lernen, kann es zunehmend auch diese ergänzenden Zeichen einsetzen, um sich verständlich zu machen, Einfluss zu nehmen auf das Wiederholen einer Spielsituation oder auch auf das Beenden. Gleichzeitig wird den Bezugpersonen auf diese Weise deutlich, welche Kompetenzen das noch nicht sprechende Kind hat, welche Interessen und Vorlieben. Dadurch können sie dann entwicklungsangemessene Angebote besser gestalten und gemeinsame Handlungen entsprechend strukturieren. Für das Kind ergeben sich aus diesen verschiedenen Erfahrungen Möglichkeiten, Vorstellungen zu erwerben über Handlungsfolgen sowie Wirkung und Bedeutung von Zeichen und es kann so zunehmend ein Symbolverständnis entwickeln und verstehen, dass die gelernten Zeichen etwas repräsentieren.

Symbolische Kommunikation

Aufgrund von Behinderung ist bei vielen Kindern die sprachliche Entwicklung erheblich verzögert und oftmals sind sie deshalb etliche Jahre nicht – bzw. nicht hinreichend – in der Lage, sich zu verständigen. Dann ist aber nicht nur dringend erforderlich, diesen Kindern in ihrer Entwicklung frühe ergänzende Hilfen zur Verständigung anzubieten, sondern auch ein Symbolsystem, das differenzierte kognitiv-sprachliche Aufgaben übernehmen kann. Wenn beim Kind keine gravierenden motorischen Probleme vorliegen, können in der frühen Entwicklung des Kindes besonders Gebärden solche komplexen sprachlichen Funktionen übernehmen, nicht jedoch individuelle und kontextabhängige mimische und gestische Ausdruckszeichen des Kindes, die keinen klaren Symbolwert haben. Insofern können wir auch zwischen Gesten und Gebärden unterscheiden, weil Gesten überwiegend einfache Handbewegungen sind, denen kulturabhängige Bedeutung zugewiesen wird, während Gebärden Zeichen darstellen, die zu einem differenzierten besonderen Sprachsystem gehören. Aber auch andere alternative oder ergänzende Verfahren können Symbolwert erhalten, wenn das Kind unterstützt wird, die nötigen kognitiven Erkenntnisse zu erwerben, die Voraussetzung sind, das z. B. ein Bild oder ein anderes optisches oder taktiles Zeichen etwas Bestimmtes repräsentiert. Erst wenn das Kind versteht, dass die Abbildung einer Tasse nicht nur einfach eine Darstellung eines Gegenstandes bedeutet, sondern ein Symbol sein kann für Trinken, ist es ihm möglich, mit hinweisendem Blick oder mit Zeigen einen entsprechenden Wunsch deutlich zu machen und damit in erweitertem Sinne sprachlich zu kommunizieren.

Der Gebrauch von Sprache ermöglicht jedoch nicht nur Kommunikation, sondern Sprache eröffnet vielfältige differenzierte Leistungen, um flüchtige Sinneseindrücke zu repräsentieren. Sprache ist eine Grundlage für das kognitive Verarbeiten und Speichern von Wahrnehmungen und für die Bildung von Kategorien, für das Vergleichen und bedeutungsbezogene Bewerten.

Ein kleiner Junge hatte die Gebärde für Katze gelernt. Als er den Dackel des Nachbarn sieht, gebärdet er begeistert »Katze«. Die Mutter erklärt ihm, dass das ein Hund sei und zeigt ihm die entsprechende Gebärde. In der Folgezeit machte der Junge – wenn er einen Hund oder eine Katze sah – jeweils die Gebärde, die er für richtig hielt und entwickelte so zunehmend eine sichere Zuordnung.

Wesentliche Funktionen von Sprache sind somit nicht gebunden an die verbale Sprache, aber an differenzierte Kommunikationssysteme. Deshalb ist es wichtig für Kinder mit Behinderung, geeignete Verfahren zu finden, die Verständigung ermöglichen und die Entwicklung basaler kognitiver Strukturen der symbolischen Kommunikation fördern.

Sprachliche Kommunikation

Mit Sprache bezeichnen wir Kommunikationssysteme, die auf festgelegten Symbolen beruhen. Gleich ob es sich dabei um Gebärden, gesprochene bzw. geschriebene Wörter oder andere optische Zeichen handelt, repräsentieren diese Symbole nicht nur Dinge oder Handlungen, sondern ermöglichen auch Beziehungen, zeitliche Ordnungen und Abfolgen darzustellen, kontextunabhängige Mitteilungen zu machen und Fragen zu stellen sowie eigene und fremde Handlungen zu reflektieren. Dazu ist es nötig, die besonderen Regeln des spezifischen Sprachsystems zu lernen. Wörter oder Gebärden werden ja nicht einfach aneinander gereiht, sondern es sind syntaktische und grammatische Strukturen zu erwerben, deren Einhaltung für die Kommunikation wichtig ist. Bei fehlender oder erheblich eingeschränkter Lautsprache sind jedoch die natürlichen, interaktiven Formen für das Erlernen dieser grammatischen Regeln erheblich erschwert. Meistens bestehen auch große Diskrepanzen zwischen Sprachverständnis und Möglichkeiten, sich mitzuteilen. Das bedeutet dann für die betroffenen Personen eine erhebliche Frustration, wenn sie etwas differenziert denken und äußern wollen, aber aufgrund ihrer Behinderung nicht dazu in der Lage sind und die angebotenen alternativen oder ergänzenden Kommunikationshilfen nur stark eingeschränkte Mitteilung ermöglichen. Oftmals werden dadurch auch die tatsächlichen kognitiven Fähigkeiten des Kindes falsch eingeschätzt und deutlich unterbewertet und bedingen reduzierte Erwartungen und Ansprüche der Bezugpersonen und verändern damit auch die Motivation und Beteiligung des Kindes. Es ist häufig festzustellen, wie unsere bewussten und unbewussten Erwartungen an unsere Kommunikationspartner als Ergebnis eigener Erfahrung die Einstellungen und Reaktionen bei erwartungsabweichendem Verhalten der behinderten Kinder prägen. Aber auch für die Kinder selbst gilt, dass nicht nur behinderungsspezifische Auswirkungen ihre Kommunikation beeinflussen, sondern gleichermaßen ihre Alltagserfahrungen und Erlebnisse. Häufiges Missverstehen und Fehl- oder Nichtinterpretation von Verhalten kann ihre Kommunikationsfähigkeit und Mitteilungsbereitschaft erheblich beeinträchtigen.

Ein dreijähriger Junge, der aufgrund einer körperlichen und mentalen Behinderung (noch) nicht sprach, hatte im Kindergarten auf seinem Platzdeckchen verschiedene Bilder von Nahrungsmitteln, die er durch Deuten auswählen konnte. Nachdem er so auf seinen Wunsch hin eine Banane erhalten hatte, wollte er unbedingt etwas mitteilen. Alle Versuche, sein Anliegen zu verstehen, scheiterten. Schließlich warf er den Teller mit der Banane wütend auf den Boden – was natürlich entsprechende Reaktionen auslöste.

Die Bilder auf dem Patzdeckchen ermöglichten nur das Auswählen, aber keine weiteren Aussagen; aber selbst wenn wichtige Zeichen wie »mehr«, »fertig« oder auch »schmeckt nicht« darauf enthalten gewesen wären, bleibt das Problem, das eine kontextunabhängige Mitteilung kaum möglich ist (z. B. Mama hat gestern viele Bananen gekauft, ich trinke gerne Bananenmilch, in meinem Bilderbuch gibt es einen Affen, der eine Banane isst.).

Für die Förderung der sprachlichen Kompetenzen bei jüngeren Kindern, die alternative oder ergänzende Kommunikationshilfen benutzen, ist wichtig zu reflektieren, welche Unterstützung möglich ist, damit die verschiedenen Funktionen von Sprache erlebt und erlernt werden können. Dazu sind – in Abhängigkeit vom jeweiligen Kommunikationssystem – die entsprechenden Strategien auszuwählen und entwicklungsorientiert zu vermitteln. Ein Begrenzen von Sprache auf kontextbezogene Mitteilungen führt sonst zu erheblichen Beeinträchtigungen in allen Entwicklungsbereichen. Besonders die zunehmende Diskrepanz zwischen Sprachverständnis, Mitteilungsbedürfnis und Verständigungsfähigkeit kann häufig zu frustrierenden Situationen führen, die sich nachhaltig negativ auf die Kommunikationsbereitschaft auswirken.

Die differenzierte entwicklungsbegleitende Förderung von Interaktion und Kooperation, von Ausdrucksverhalten und präverbaler Verständigung ermöglicht Kindern mit diagnostizierten oder sich erst ausprägenden Behinderungen, basale kommunikative Fähigkeiten zu entwickeln. Es wird somit nicht erst abgewartet, bis deutliche Unterschiede zu einer normalen Entwicklung auftreten, sondern die speziellen Hilfen werden frühzeitig alltagsbezogen angeboten.

Mit einer tabellarischen Übersicht können die entwicklungsbezogenen Aspekte zusammenfassend verdeutlicht werden.



Die Gebärden-unterstützte Kommunikation in der Frühförderung

Um kleinen Kindern, die nicht oder noch nicht sprechen können, Hilfen zum Verstehen und zur Verständigung zu geben, sind – wenn hinreichende motorische Voraussetzungen bestehen – besonders Gebärden gut geeignet.

Früher wurde der Hinweis gegeben, Gebärden könnten den Spracherwerb beeinträchtigen (Rett 1977, 72). Mittlerweile wissen wir jedoch, dass im Gegenteil Gebärden die lautsprachliche Entwicklung fördern und sowohl das Verstehen von Wörtern als auch das Erlernen lautsprachlicher Äußerungen erleichtern (Kumin 1994, 58). Zudem unterstützen Gebärden durch ihre visuo-motorische Repräsentation kognitiv beeinträchtigten Kindern das Lernen und Erinnern (Le- Prevost 1993, 29).

Ein Verfahren, das sich vor allem in der Frühförderung und im Kindergartenalter bewährt hat, ist die Gebärden-unterstützte Kommuniation. Es ist allerdings wichtig, die Unterschiede zur Gebärdensprache der Gehörlosen aufzuzeigen.

Als besondere Sprache der Gehörlosen ermöglichen Gebärden differenzierte Mitteilungen und Erkenntnisse, versprachlichen aber auch eine spezifische Welterfahrung. Das führt zu eigenen Begriffsbildungen und besonderen syntaktischen und grammatischen Regeln, weil beim Gebärden verschiedene Informationen motorisch verknüpft und zeitgleich vermittelt werden. Gebärdensprachen entsprechen in der Wortfolge nicht der jeweiligen Lautsprache und es ist somit nicht möglich, gleichzeitig zu gebärden und zu sprechen.

Oft wird angenommen, dass Gebärden international gleich sind; das ist jedoch nicht der Fall. Es gibt viele verschiedene Gebärdensprachen und sogar gleiche Lautsprachen z.B in England, Amerika oder Australien haben verschiedene Gebärdensprachen. Gebärden sind kulturabhängig und weisen deshalb große Unterschiede auf. Nur bei einigen Gebärden, die wir als »natürlich« bezeichnen (→ z. B. trinken oder essen), gibt es größere Übereinstimmung. Allerdings zeigen selbst solche Gebärden noch internationale oder regionale Abweichungen, bedingt durch die Unterschiede, wie und was man trinkt bzw. isst. Bei den formbeschreibenden oder tätigkeitsnachahmenden Gebärden kommt noch hinzu, welcher Aspekt des Begriffes besonders betont wird (z. B. bei Ball die Form oder das Spiel). Da Gebärden oft »bildhaft« sind, gibt es für manche Wörter kontextabhängig unterschiedliche Gebärden, z. B. für »dick« bezogen auf ein Buch, einen Baum oder eine Person oder ebenfalls drei verschiedene Gebärden für »Erde«. Zudem ermöglicht eine bedeutungstragende Mundgestik eine Differenzierung.

Mit dem Gebärdenlexikon (Maisch/Wisch, Hamburg 1996) liegt eine umfangreiche Begriffssammlung der deutschen Gebärdensprache (DGS) vor, d. h. eine Sammlung von »Vokabeln« ohne Hinweise auf Syntax und Grammatik. Allerdings gibt es in Deutschland viele regional geprägte Gebärden (Dialekte). Diese unterschiedlichen Gebärden werden in dieser Sammlung nebeneinander abgebildet, z. B. die nord- und die süddeutsche Gebärde für Frau und Mann oder für Dorf, faul, feiern etc.

Die Lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) sind aus der deutschen Gebärdensprache abgeleitet, entsprechen in der Abfolge jedoch der normalen gesprochenen Sprache, weil sie begleitend zum Sprechen gebärdet werden. Spezielle Zeichen visualisieren die grammatischen Strukturen der Lautsprache in vereinfachter Form. So kann besonders hörgeschädigten Kindern die Lautsprache sichtbar gemacht werden, um ihnen die Verständigung zu erleichtern. Aber lautsprachbegleitende Gebärden sind eine »Kunstsprache«, die zudem langsamer als die Gebärdensprache und auch langsamer als das normale Sprechen ist. Außerdem sind einige Regeln bei der Satzbildung zu beachten (z. B. »ich ziehe meine Jacke aus« wird zu »ich will meine Jacke ausziehen«, um dadurch die Trennung des Verbs zu vermeiden).

In Abgrenzung zur Gebärdensprache (DGS) und zu den lautsprachbegleitenden Gebärden (LBG) bezeichne ich mit Gebärden-unterstützter Kommunikation (GuK) ein Verfahren, das sich überwiegend an kleine Kinder wendet, die hören, aber nicht oder noch nicht sprechen können. Mit dieser eigenen Bezeichnung soll aber nicht nur eine Unterscheidung zu den vorhandenen Gebärdensystemen hervorgehoben werden, um ein Verwechseln zu vermeiden, sondern es soll auch das andere methodische Vorgehen und die spezielle Zielsetzung verdeutlicht werden.

GuK will durch den begleitenden Einsatz von Gebärden die Kommunikation mit kleinen nicht sprechenden Kindern erleichtern. GuK-Gebärden sind deshalb zwar überwiegend der DGS entnommen, aber so ausgewählt, dass sie motorisch einfach und möglichst transparent sind. Dadurch können sie von kleinen Kindern und schwerer beeintächtigten Personen leichter gelernt und behalten werden (vergleichbar der »Leichten Sprache« für geistig Behinderte). Aufgrund der zwischen beiden Symbolssystemen – Sprache und Gebärde – gegebenen ähnlichen kognitiven Voraussetzungen haben Gebärden sprachanbahnende Funktion und fördern die wechselseitige Aufmerksamkeit von Kind und Bezugsperson.

Diese Gebärden werden jedoch nicht in der frühen präverbalen Kommunikation mit dem Kind eingesetzt, um die »Weckfunktion« der Lautsprache für die normale auditive Wahrnehmungsentwicklung nicht zu gefährden. GuK wird erst angeboten, wenn das Kind durch sein Verhalten deutlich macht, dass es seine Aufmerksamkeit abwechselnd auf Personen und Sachen richten kann, d. h. den referentiellen Blickkontakt erworben hat und gezielt auf Körperteile, Dinge oder Personen zeigen kann.

Aber auch dann werden in der Kommunikation mit dem Kind nicht alle Wörter gebärdet, sondern nur einzelne Wörter, die bedeutungstragend und für das Kind besonders wichtig sind, weil es damit etwas bewirken kann. Da somit in allen gemeinsamen Tätigkeiten wie üblich mit dem Kind gesprochen wird, ist dieses nur unterstützende Gebärden ausgewählter Wörter für die Bezugspersonen leichter zu realisieren und in Alltagshandlungen sowie spielerischen Interaktionen ohne störende Unterbrechungen zu integrieren. Außerdem muss nicht erst ein Grundwortschatz erlernt werden, bevor man die erste Gebärde einsetzen kann. Dadurch ist die emotionale Hürde bei den verschiedenen Bezugspersonen geringer (Geschwister, Großeltern, aber auch Tagesmütter oder Erzieherinnen in Kindertagesstätten oder Kindergarten), sich einzelne Zeichen zu merken. Und für das Kind ist es so möglich zu erfahren, dass Gebärden eine natürliche und nicht negativ bewertete Form der Verständigung sind.

Da in den verschiedenen Situationen nur die Wörter gebärdet werden, die für die Kommunikation wichtig sind, wird die Lautsprache lediglich unterstützt und den Kindern wird durch die Betonung einzelner Wörter und die Visualisierung des Gesprochenen mit Gebärden das aufmerksame Hinsehen und das Sprachverständnis erleichtert. Zudem wird dadurch die Aufmerksamkeit auf die bedeutungstragenden Wörter gelenkt und die Nachahmung angeregt. So wird bei der Frage »Möchtest du Milch haben?« nur Milch gebärdet. Das Kind kann unterstützt werden, diese Gebärde nachzuahmen, und es kann so lernen, bei einem entsprechenden Wunsch selber »Milch« zu gebärden.

Bei Kindern mit normaler Entwicklung, die Babyzeichen lernen, nehmen im Alter von 12–24 Monaten diese Zeichen schneller zu als gesprochene Wörter, aber es ließ sich bei entsprechenden Untersuchungen kein positiver Langzeiteffekt feststellen (Johnston et al 2005, 235 f.). Zwar hatten sie noch ein größeres Vokabular (Gebärden und Wörter) mit 24 Monaten, aber nicht mehr mit 36 Monaten. Durchschnittlich lernten sie nur etwa 20 Gebärden, weil sie sich dann zunehmend verbal verständigen konnten. Während die Kinder im Ein-Wort-Stadium oft das Wort oder die Gebärde (12–24 Monate) benutzten, kombinierten sie im Zwei-Wort-Stadium dagegen das Wort und die Gebärde, indem z. B. auf die Tasse gezeigt und Mama gesagt wurde (ebd.). Langfristige positive Auswirkungen von Babyzeichen auf die normale Sprachentwicklung scheint es nach diesen Untersuchungen nicht zu geben, aber Gebärden können die Kommunikation mit dem kleinen Kind unterstützen und frustrierendes Nicht-Verstehen verringern – jedoch nur, wenn die Bezugspersonen dadurch nicht zu direktivem und fordernden Verhalten verleitet werden.

Interessant ist der Vergleich dieser Ergebnisse mit den Erfahrungen bei behinderten Kindern. So benutzen z. B. Kinder mit Down-Syndrom natürliche hinweisende, sog. deiktische Zeichen wie andere Kinder im gleichen Entwicklungsalter, aber sie setzen weniger fordernde Gesten ein und initiieren seltener Kommunikation (Clibbens 2001, 102). Deshalb benötigen sie spezielle Unterstützung, mehr Zeit und verlängertes ermutigendes Antwortverhalten der Bezugspersonen. Gebärden können – wie bei anderen Kindern – bei behinderten Kindern im Entwicklungs-Alter von 12–26 Monaten (Lebensalter etwa 2–4 J.) das produktive Vokabular deutlich fördern und die Kommunikation erleichtern. Den größten Zuwachs an gesprochenen Wörtern haben Kinder mit kognitiver Behinderung mit etwa 4–5 Jahren, und mit Zunahme der gesprochenen Sprache lassen sie dann die Gebärden weg (Kumin 1994, 59). Verschiedene Untersuchungen ergaben, dass das produktive Vokabular (Wörter und Gebärden) im Alter von 36–47 Monaten (Entwicklungsalter von 21–24 Mon.) einen Vorteil darstellt und dass die Kinder mit zunehmender Sprechfähigkeit mit dem Gebärden aufhören (Wagner & Sarimski 2010, 50). Deutlich zeigte sich auch, dass für Kinder mit großen Diskrepanzen zwischen Mitteilungsbedürfnis und Sprechen die Gebärden nicht nur die Kommunikation erleichtern, sondern frustrierende Erfahrungen und daraus folgende Verhaltensprobleme vermindern können.

Deshalb hat GuK eine besondere Bedeutung für den Spracherwerb von Kindern mit erheblicher Entwicklungsverzögerung. Während die motorische Steuerung der Sprechbewegungen über differenzierte auditiv-kinästhetisch Programme abgerufen wird – die primäre Funktion der beteiligten Organe ist Nahrungsaufnahme und Atmung, da es keine eigentlichen »Sprechwerkzeuge« gibt –, sind die motorischen Voraussetzungen für das Gebärden einfacher, weil dabei keine anders gesteuerten motorischen Leistungen erforderlich sind. Es ist deshalb leichter zu gebärden als zu sprechen. Darum können Gebärden auch früher gelernt werden, und die Kinder sind eher in der Lage, sich damit verständlich mitzuteilen.

Förderung der Kommunikation mit GuK

In einem Entwicklungsalter von 8–10 Monaten beginnen Kinder mit Gesten, Mimik und bestimmten handlungsbezogenen Verhaltensweisen intentional zu kommunizieren. Dann können die Kinder auch nach entsprechender Aufforderung z. B. auf Körperteile oder auf Personen zeigen, sie können einfache Handlungen, z. B. auf den Tisch klopfen, nachahmen und in Spielen und Alltagsroutinen durch Verhalten Absichten wie Aufhören oder Wiederholen deutlich machen.

Es ist deshalb in diesem Entwicklungsalter möglich, dem Kind einzelne ausgewählte Gebärden anzubieten. Die Erfahrung zeigte, dass durch die lautsprachliche Orientierung im ersten Lebensjahr und durch die Gebärden-unterstützte Kommunikation ein »Verstummen«, wie es bei frühem Einsatz von Gebärdensprache noch oft befürchtet wird, eindeutig vermieden werden kann (Wagner/Sarimski 2013, 21). Vielmehr unterstützt GuK das Verstehen und das Verständigen, und die erlebten besseren kommunikativen Kompetenzen fördern die Motivation und Aktivität des Kindes.

Gerade für Kinder mit mentalen Beeinträchtigungen ist zudem günstig, dass viele Gebärden deutliche Merkmale des Bezeichneten enthalten, z. B. bezogen auf die Form, die Tätigkeit oder auf eine wesentliche Eigenschaft. Diese teilweise Ähnlichkeit von Zeichen und Bezeichnetem erleichtert oftmals das Verständnis, das Behalten und das Erinnern. Das entspricht den Lautmalereien, wie z. B. »Wau-wau« für Hund oder »Tick-tack« für Uhr. Einzelne Gebärden können oft auch in konkreten Situationen eingeführt werden, die dadurch die inhaltliche Verbindung von Zeichen und Wort verdeutlichen (z. B. die Gebärde für Banane, wenn eine Banane gepellt wird, von Buch, wenn ein Buch aufgeschlagen wird). Auch bestimmte Dinge können vom Kind als Anzeichen für bevorstehende Handlungen verstanden werden (z. B. eine gelbe Badeente als Hinweis auf bevorstehendes Baden) und dann durch Zeigen oder Holen benutzt werden, um entsprechende Wünsche deutlich zu machen. Der Einsatz von konkreten Gegenständen zur symbolischen Kommunikation (wenn das Kind uns ein Buch gibt, weil wir ihm vorlesen sollen) und der Gebrauch von Gesten ist eine natürliche frühe Kommunikationsform, die wir nutzen können, um erste Gebärden handlungsbezogen zu vermitteln.

Die Auswahl der gebärdeten Wörter nach den Interessen des Kindes und die Einführung in konkreten Situationen erleichtern den Kindern, sich die Gebärden in Verbindung mit den Wörter besser zu merken. Zudem ist, im Gegensatz zu nur gesprochenen Wörtern, ein längeres Betrachten des Zeichens möglich oder eine langsamere Ausführung der Gebärde.

Auch spezielle Schwierigkeiten beim Hören und in der Wahrnehmung können durch die Verknüpfung von auditiver und visueller Information verringert werden und das Verstehen unterstützen, weil ähnlich klingende Wörter (Hose – Dose) nicht so leicht verwechselt werden. Obwohl GuK überwiegend eingesetzt wird bei Kindern, die hören können, aber große Probleme beim Sprechenlernen haben, ist das Verfahren auch geeignet für hörbeeinträchtigte Kinder, die sich lautsprachlich orientieren sollen, aber Hilfen zum Verstehen und zur Verständigung benötigen.

Ein weiterer wichtiger Aspekt bezieht sich auf das Lernen der Gebärden als einer konventionellen Kommunikationsform, die vom Kind zunehmend verstanden und eingesetzt werden kann. Erste Dialoge werden so möglich und der rezeptive und produktive Wortschatz wird – obwohl das Kind noch nicht spricht – kontinuierlich erweitert. Gleichzeitig wird den Bezugpersonen deutlich, welche Kompetenzen, Interessen und Vorlieben das noch nicht sprechende Kind hat (»Gebärden als Fenster zum Denken des Kindes«). Auch unterstützen Gebärden vielfältige differenzierte sprachgebundene Leistungen und ermöglichen das kognitive Verarbeiten und Speichern von Erfahrungen, die Bildung von Kategorien und bieten für das Vergleichen und bedeutungsbezogene Bewerten sprachliche Symbole. Gebärden können sowohl eine quantitative Zunahme von Wissen (Vergrößerung des Wortschatzes) als auch eine qualitative Reorganisation des Wissens (Oberbegriffe, Vergleiche, Relationen) fördern, da solche wesentlichen Funktionen von Sprache nicht an die verbale Sprache, wohl aber an ein differenziertes Kommunikationssystem gebunden ist.

Hinzu kommt, dass ein Kind mit dem Erwerb von Gebärden nicht nur lernt, sich auszudrücken, sondern sich dazu eines vorgegebenen Zeichensystems zu bedienen. Deshalb kann ein Kind, das gelernt hat, sich mit Gebärden zu verständigen, die erworbenen Prinzipien bei zunehmender verbaler Kompetenz auf die gesprochene Sprache übertragen. Kinder, die mit Gebärden kommunizieren lernen, erwerben somit auch grundlegende sprachliche Kompetenzen und müssen dann einen relativ geringen Transfer leisten, wenn sie von der Gebärdensprache umschalten zur Lautsprache und mit dem Sprechen beginnen (Clibbens 2001, 102). Deshalb verzögern Gebärden den Spracherwerb nicht, sondern können ihn eher beschleunigen. Mittlerweile liegen gesicherte wissenschaftliche Untersuchungen vor sowie zahlreiche Einzelberichte von Eltern und Therapeuten, die diesen positiven Effekt von GuK eindrücklich belegen (Wolken 2004, Ostad 2006, Wagner & Sarimski 2010). Es zeigte sich, dass Kinder zunehmend mit dem Gebärden aufhören, wenn sie sich hinreichend lautsprachlich verständlich machen können.

Nach den bisherigen Erfahrungen ist GuK besonders hilfreich für kleine Kinder, die noch nicht sprechen, aber schon deutlich mehr verstehen können und mitteilen wollen. Mit dem begleitenden Einsatz von Gebärden haben sie die Möglichkeit, sich besser verständlich machen zu können, und die sonst häufigen frustrierenden Kommunikationserfahrungen werden verringert. Gebärden können deshalb Kindern mit gravierenden Beeinträchtigungen im Spracherwerb und beim Sprechen eine Hilfe zur Überbrückung der Diskrepanz von Mitteilungsbedürfnis und Verständigungsfähigkeit bieten. Besonders günstige Erfahrungen liegen vor zur sprachlichen Förderung bei Kindern mit Down-Syndrom, aber auch bei anderen Kindern mit kognitiven Beeinträchtigungen, die eine stark verlangsamte Sprachentwicklung zeigen, aber keine wesentlichen motorischen Probleme haben.

Für die Bezugspersonen ist oft ein wichtiger Aspekt, dass nicht erst viele Gebärden gelernt werden müssen, bevor sie mit dem Kind anfangen können, sondern dass anfangs nur eine einzige Gebärde ausgewählt wird, die für das Kind in einer bestimmten Situation interessant ist. Den Bedürfnissen des Kindes entsprechend werden dann weitere neue Gebärden eingeführt und können so auch von den verschiedenen Bezugspersonen nach und nach gelernt werden. Nachdrücklich betont werden muss zudem, dass sich an der natürlichen verbalen Kommunikation – beim Essen, bei der Pflege, beim Spielen – nichts ändert! Die in den verschiedenen Situationen benutzten Gebärden unterstützen, aber ersetzen die lautsprachliche Kommunikation nicht, sondern bieten dem Kind ein visuelles Zeichen zusätzlich zum gesprochenen Wort an.

Es ist sehr unterschiedlich, wann die Kinder selber beginnen, Gebärden zur Verständigung einzusetzen. Einige Kinder machen eine Gebärde spontan nach. Wenn wir z. B. mit ihnen ein Bilderbuch anschauen und ihnen zeigen, wie Katze gebärdet wird, versuchen sie vielleicht sofort die Gebärde nachzuahmen. Oder wir zeigen ihnen in einer konkreten Situation die Gebärde für Keks und sie imitieren spontan. Trotzdem kann es dann noch recht lange dauern, bis sie die Gebärde zur Mitteilung einsetzen. Aber machen wir uns deutlich, wie lange ein Kind Wörter hört, bevor es zu sprechen anfängt! Wir dürfen deshalb nicht zu schnell ungeduldig werden und aufgeben.

Einem Mädchen mit Down-Syndrom wurde im Alter von 16 Monaten als erste Gebärde ein Zeichen für Salzstange angeboten, weil sie die besonders gern aß. Nach fünf Tagen wurde diese Gebärde erstmalig als Bitte eingesetzt. Die nächsten drei Gebärden – Puppe, baden, Wurst – wurden in der folgenden Woche gelernt. Nach vier Monaten kannte dieses Mädchen dann 31 Gebärden, von denen es 12 spontan zu Mitteilungen einsetzte (vgl. Wilken 1999,161 f).

Oft können wir bei der Ausführung einer Gebärde in einer entsprechenden Situation das Kind auch direkt unterstützen. Meistens wird das Kind Gebärden motorisch vereinfachen und seinen Bewegungsmöglichkeiten anpassen. Typisch ist z. B. wie alle Kinder anfangs allein mit einem Öffnen und Schließen der Hand winken. Wie beim Sprechen, wenn Kinder z. B. »lade« statt »Schokolade« sagen, werden diese Vereinfachungen mit zunehmenden Fähigkeiten überwunden. Wir sollten jedoch diese motorischen Vereinfachungen des Kindes ebenso wenig übernehmen wie die »Kleinkindssprache«.

Um den spontanen Gebrauch von Gebärden zu unterstützen, kann es hilfreich sein, Situationen zu nutzen oder bewusst zu gestalten, die dem Kind ermöglichen, eine Auswahl zu treffen, etwas zu erbitten, was nicht erreichbar ist, nach etwas zu fragen, was nicht zu sehen ist. Manchmal können auch besondere Situationen hilfreich sein, die dem Kind die Mitteilungsmöglichkeiten durch Gebärden verdeutlichen.

Mit 2 ½ Jahren lernt Jonas seine ersten Gebärden (Auto, Teddy, Wurst, Nudeln, Saft, Vogel, fertig …). Seine vierjährige Schwester nimmt das zwar zur Kenntnis, zeigt aber sonst kaum Interesse. Auf einer Geburtstagsfeier bei der Großmutter gibt es Kuchen und Kakao für die Enkelkinder. Jonas protestiert mit Geschrei – aber dann gebärdet er auch! Plötzlich ruft seine Schwester begeistert: »Ich weiß, was er will! Er will Limo (Saft) haben!«

Für die Auswahl der Wörter, die mit Gebärden unterstützt werden, ist die individuelle Bedeutung und das Interesse des Kindes zu berücksichtigen. Es möchte sich mitteilen können und mit den gebärdeten Wörtern etwas erreichen, was ihm wichtig ist. Sinnvoll ist deshalb nicht eine bestimmte Reihenfolge in der Vermittlung der Wörter, sondern eine Orientierung an den Bedürfnissen des Kindes. So wie auch Wörter in natürlichem Kontext in ihrer Bedeutsamkeit erlebt werden, sollten auch Gebärden im normalen Zusammenhang mit Handlungen gelernt werden. Der Umgang mit den konkreten Dingen, das Erfahren von Ähnlichkeiten zwischen Zeichen und Bezeichnetem erleichtert dem Kind das Erlernen und Behalten. Dabei ist wichtig – wie in der verbalen Kommunikation –, die vom Kind benutzten Gebärden aufzunehmen, zu verstärken und kontextbezogen zu erweitern, um zunehmend differenziertere Mitteilungen zu ermöglichen.

Nach den bisherigen Erfahrungen mit der Gebärden-unterstützten Kommunikation sprachen die Kinder meistens die Wörter zuerst, die sie auch gelernt hatten zu gebärden. Offenbar bedeutet die motorische Ausführung der Gebärde eine wichtige Hilfe, sich zu erinnern, wie ein Wort gesprochen wird. Gerade bei


Kindern mit Down-Syndrom war oft zu beobachten, wie sie eine Gebärde ausführten – manchmal mehrere Male nacheinander – und dann erst das zugehörige Wort lautsprachlich äußern konnten. Bei Kindern mit Down-Syndrom ließ sich zudem feststellen, dass Gebärden einen positiven Effekt nicht nur für die sprachliche Entwicklung hatten, sondern auch durch Verbessern der Kommunikation sich auch günstig auf das Verhalten auswirkten.

Über das Verhalten ihres 3-jährigen Sohnes berichteten Eltern, dass er, wenn die Familie beim Essen zusammen saß und sich unterhielt, zunehmend aggressiver wurde. Er warf Essen vom Tisch und räumte alles Erreichbare ab. Die Eltern interpretierten sein Verhalten als seine Möglichkeit, Aufmerksamkeit zu erhalten. Dann lernte er einzelne Gebärden. Für die ersten fünf Begriffe benötigte er fast vier Wochen, lernte danach jedoch sehr schnell weitere 40 neue Gebärden! Mit Lauten und Gebärden konnte er sich jetzt verständlich machen und Zuwendung erhalten. Sein schwieriges Verhalten hat sich dadurch erheblich gebessert.

Anfangs gebärdet das Kind nur einzelne wichtige Wörter, so wie jedes Kind anfangs nur Ein-Wort-Sätze bildet. Mit wachsenden Fähigkeiten und dem Bedürfnis nach genaueren und umfangreicheren Mitteilungen werden auch Gebärden zu Zwei-»Wort«-Sätzen verbunden (z. B. Auto und haben, Fliege und weg). Diese Entwicklung kann man auch ganz bewusst fördern. So können in Spielen und beim Betrachten von Bilderbüchern typische Wort-Kombinationen unterstützt werden, um differenzierte sprachliche Mitteilungen anzuregen und die basalen kognitiven Voraussetzungen für die Bildung von Zwei- und Mehrwortsätzen zu fördern.

In ähnlicher Weise können durch Verbinden von gesprochenen ersten Wörtern mit Gebärden Sätze in der gesprochenen Sprache vorbereitet werden, z. B. Mama (gesprochen) kocht (gebärdet).

Es zeigte sich, dass die meisten Kinder mit Gebärden dann aufhören, wenn sie das Wort hinreichend verständlich sprechen können, benutzten allerdings in Situationen, in denen sie nicht verstanden wurden, oft noch Gebärden zur Unterstützung.

Gründe für die positiven Auswirkungen von GuK (Gebärden–unterstützte Kommunikation)

• Gebärden sind früher und leichter zu lernen als Lautsprache. Basale kognitive Strukturen können damit früher erworben werden.

• Nur die wichtigen Wörter werden gebärdet. Die Auswahl erfolgt nach dem Entwicklungsstand des Kindes und nach der Bedeutung, die sie für das Kind haben.

• Die Aufmerksamkeit des Kindes wird unterstützt. Die Bezugsperson achtet genauer auf das Hinsehen des Kindes.

• Die visuelle Verdeutlichung der Schlüsselwörter erleichtert das Verstehen der wichtigen Informationen. Die simultane visuomotorische Darbietung ist besser zu erfassen als die auditiv sequentielle Kodierung.

• Viele Gebärden enthalten deutliche Merkmale des Bezeichneten, z. B. bezogen auf die Form, die Tätigkeit oder auf eine wesentliche Eigenschaft. Gebärden sind deshalb oft bildhaft, und die Nähe von Zeichen und Bezeichnetem erleichtert das Verständnis.

• Gebärden sind nicht so schnell wie gesprochene Sprache. Zudem ermöglicht eine langsamere Ausführung der Gebärde ein längeres Betrachten. Das Wort dagegen ist kann nicht ohne Bedeutungsverlust verlangsamt gesprochen werden.

• Die Verbindung von Wort und Gebärde unterstützt die Fähigkeit, sich an die Wörter zu erinnern, und bei ähnlich klingenden Wörtern wird ein Verwechseln vermieden.

• Bei Zweisprachigkeit können Gebärden eine »Brücke« für das Verstehen und zum Verständigen sein.

Die Gebärden-unterstützte Kommunikation fördert den Spracherwerb. Es gibt keine nachteiligen Auswirkungen auf die lautsprachliche Entwicklung.

Da Gebärden bei GuK die Aufgabe haben, nur so lange die Kommunikation zu unterstützen, bis das Kind hinreichend sprechen kann, wird nur ein Grundwortschatz angeboten. Für Kinder, die länger oder dauerhaft auf Gebärden als besondere Kommunikationshilfe angewiesen sind, können ergänzende Begriffe den umfangreicheren Gebärdensammlungen entnommen werden.

Die Auswahl der Gebärden für die Frühförderung mit GuK erfolgte nach der Bedeutung, die sie für kleine Kinder beim Spracherwerb und in der Unterstützung von Verstehen und Mitteilen haben.

Wichtig ist auch zu betonen, dass Gebärden nicht wie Vokabeln angesehen werden dürfen, wo es für jedes Wort eine Übersetzung gibt. Gebärden stehen oft für ein größeres Begriffsfeld. Das gilt auch für GuK, z. B. für fertig, aufhören, Schluss gibt es nur eine Gebärde. Für die meisten Kinder, die Gebärden in der frühen Kommunikation benutzen, haben diese nur eine vorübergehende Bedeutung, weil sie mit zunehmenden Fähigkeiten im Sprechen nicht mehr nötig sind. Bei Kindern mit Down-Syndrom z. B. haben sie vor allem zwischen dem 2. und 5. Lebensjahr eine überbrückende Funktion für die Verständigung.

Es ist allerdings sinnvoll, die Kinder auch zu ermutigen, ihren Möglichkeiten entsprechend begleitend zu lautieren. Manchmal gelingt dem Kind dann, die für das jeweilige Wort typische Prosodie und die korrekte Silbenzahl zu äußern. Als ergänzende Unterstützung können wir einzelne Laute auch direkt anbilden, z. B. f als begleitenden Laut zur Gebärde Fisch. Möglich ist auch, in diese Übungen Ansätze aus dem TAKTKIN-Konzept zu integrieren, bei dem taktil-kinästhetische Hinweisreize das Kind bei der Lautbildung direkt unterstützen (Birner-Janusch 2007, 118). Manchmal hilft es, dem Kind im Spiel etwas in die Hand zu geben und zum Benennen aufzufordern. So kann es motiviert werden, sich lautsprachlich zu verständigen – oder es legt den Gegenstand aus der Hand, um zu gebärden.

Das Kind muss in möglichst vielen alltäglichen Situationen die Erfahrung machen, dass sein Kommunikationssystem auch von anderen benutzt und geschätzt wird. Wenn es häufig negative Bewertungen über sein Gebärden erfährt oder zu wenig natürliche Anregungen und Verstärkungen erhält, werden seine kreativen Fähigkeiten, damit wirklich sprachlich zu kommunizieren, erheblich eingeschränkt. Dagegen ist interessant, wie Kinder sich aktiv die speziellen Möglichkeiten eines anderen Kommunikationssysstems erschließen und wie daran generalisierende Aspekte des Spracherwerbs erkennbar sind. So prägte ein kleiner Junge für »Bordstein« als gebärdete Bezeichnung »Laufen fertig«. Ein kleines Mädchen zeigte mit einer selbst ausgedachten Gebärde für »Elch«, dass es zum Spielen zu Ikea wollte. Die hier deutlich werdenden kognitiven Fähigkeiten lassen erkennen, warum der frühzeitige, aber nicht verfrühte Einsatz von Gebärden für viele Kinder mit Behinderung eine positive Unterstützung des Spracherwerbs bedeutet.

Unterstützte Kommunikation in der Frühförderung

Für Kinder, die von Behinderung betroffen sind oder bei denen in der Entwicklung erhebliche Abweichungen deutlich werden, kann es wichtig sein, eine unterstützende Begleitung und Förderung der kommunikativen Entwicklung zu gestalten. Es ist deshalb nicht sinnvoll abzuwarten, bis ein erhebliches Defizit erkennbar wird. Indem die förderlichen Bedingungen für die verschiedenen Entwicklungstufen beschrieben und den Eltern verdeutlicht werden, sind unter Berücksichtigung der individuellen Beeinträchtigungen konkrete Hilfen anzubieten. Das Kind hat damit die Möglichkeit, seine Kompetenzen in normalen Interaktionen zu entwickeln. Jedoch sollte beim Einsatz der verschiedenen Kommunikationshilfen (konkrete Dinge, Gebärden, Bilder, Sprachausgabegeräte) in der Frühförderung differenziert berücksichtigt werden, nicht nur welche jeweiligen Vorausetzungen erforderlich sind, sondern auch wie die notwendigen basalen Kompetenzen gefördert werden können. Auch wenn die Gebärden-unterstützte Kommunikation ausführlich dargestellt wurde, soll doch nachdrücklich betont werden, dass in der frühen Förderung alle ergänzenden und alternativen Kommunikationsformen, wenn sie entwicklungsorientiert eingesetzt werden, die Möglichkeit bieten, den Spracherwerb zu unterstützen. Deshalb ist es so wichtig zu betonen, dass Unterstützte Kommunikation zunehmend auch als Aufgabe der Frühförderung gesehen wird.

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19 декабря 2025
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