Читать книгу: «Sportpädagogik»

Die Herausgebenden
Prof. Dr. Eckart Balz ist Hochschullehrer für Sportpädagogik am Institut für Sportwissenschaft der Bergischen Universität Wuppertal; seine Arbeitsschwerpunkte sind Planungsdidaktik (z. B. Mehrperspektivität), Schulsportforschung (in Differenzstudien) und Sportentwicklung (u. a. informeller Sport).
Prof. Dr. Sabine Reuker ist Hochschullehrerin für Sportpädagogik und Sportdidaktik am Institut für Schulsport und Sportdidaktik der Deutschen Sporthochschule Köln. Ihre Arbeitsschwerpunkte sind Professionalisierung von Sportlehrkräften (z. B. Entwicklung des Professionellen Blicks), Inklusion und Umgang mit Heterogenität (Konzepte und Lehrkompetenzen) sowie sozialerzieherische Lehr- und Lernprozesse (u. a. erlebnispädagogische Maßnahmen).
Prof. Dr. Volker Scheid ist Hochschullehrer am Institut für Sport und Sportwissenschaft der Universität Kassel. Seine Arbeitsschwerpunkte sind Programmevaluation (u. a. Kooperation Schule und Verein), Entwicklung und Förderung (u. a. Ballsport im Grundschulalter) sowie Lehrer*innenbildung (u. a. Lehr-Lern-Labor Sportpädagogik).
Prof. Dr. Ralf Sygusch ist Leiter des Arbeitsbereiches Bildung im Sport an der Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg. Seine Schwerpunkte sind Kompetenzorientierung (insbesondere Schüler- und Trainer*innenbildung), psychosoziale Ressourcen (Kinder- und Jugendsport im Verein) sowie Gesundheit (Sportunterricht).
Eckart Balz, Sabine Reuker, Volker Scheid, Ralf Sygusch (Hrsg.)
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1. Auflage 2022
Alle Rechte vorbehalten
© W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Gesamtherstellung: W. Kohlhammer GmbH, Stuttgart
Print:
ISBN 978-3-17-037591-8
E-Book-Formate:
pdf: ISBN 978-3-17-037592-5
epub: ISBN 978-3-17-037593-2
Inhalt
1 Einführung
2 Eckart Balz, Sabine Reuker, Volker Scheid & Ralf Sygusch
3 I Sportpädagogische Ausgangspunkte
4 1 Grundbegriffe der Sportpädagogik
5 Volker Scheid & Verena Oesterhelt
6 1.1 Definitionsansätze und Merkmale der Sportpädagogik
7 1.2 Erziehung und Bildung als zentrale Grundbegriffe
8 1.3 Entwicklung, Lernen und Sozialisation als Grundbegriffe
9 1.4 Sportpädagogik und Sportdidaktik
10 2 Genese der Sportpädagogik
11 Michael Krüger
12 2.1 Einführung
13 2.2 Die Anfänge der Sportpädagogik bei den Philanthropen
14 2.3 Turnen als Mittel der Volks- und Nationalerziehung
15 2.4 Die Reform der Turnpädagogik durch Gymnastik, Leibeserziehung, Spiel und Sport
16 2.5 Körperliche Erziehung im Nationalsozialismus und in der DDR
17 2.6 Sportpädagogik und Sportwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland
18 2.7 Sport, Sportwissenschaft und Sportpädagogik im vereinten Deutschland
19 2.8 Resümee
20 3 Systematik der Sportpädagogik
21 Detlef Kuhlmann & Günter Stibbe
22 3.1 Einleitung: Zur Begründung einer Systematik der Sportpädagogik
23 3.2 Zur Systematik des Aufgabenspektrums
24 3.3 Zur Systematik der Arbeitsgebiete
25 3.4 Zur Systematik der Betrachtungs- und Zugangsweisen
26 3.5 Zur Systematik der Erkenntnisgewinnung
27 3.6 Ausblick: Sportpädagogik – Grenzen und Herausforderungen
28 II Sportpädagogische Grundlagen
29 4 Bildungstheoretische und anthropologische Grundlagen
30 Christian Gaum, Alexander Ratzmann & Sebastian Ruin
31 4.1 Einführung
32 4.2 Anthropologische Grundannahmen
33 4.3 Bildungstheoretische Grundlagen
34 4.4 Fazit
35 5 Entwicklungstheoretische Ansätze
36 Nils Neuber & Volker Scheid
37 5.1 Entwicklungsbegriff
38 5.2 Theoretisch-konzeptionelle Perspektive
39 5.3 Empirische Perspektive
40 5.4 Ausblick – Entwicklungsaufgabe als sportpädagogisches Konzept
41 6 Sport- und bewegungskulturelle Grundlagen
42 Eckart Balz & Jürgen Schwier
43 6.1 Sport- und Bewegungskultur – Versuch einer theoretischen Einordnung
44 6.2 Typisierte Bewegungskulturen in einer Theorie der Leibeserziehung
45 6.3 Bewegungskultur und Schulsport – ein phänomenologischer Ansatz
46 6.4 Elementarisierung des Sports: ein Vier-Felder-Modell
47 6.5 Exkurs zu jugendlichen Trendsportkulturen
48 6.6 Ausblick
49 III Sportpädagogische Orientierungen
50 7 Orientierung an der Sache
51 Norbert Gissel & Stefan König
52 7.1 Einleitung
53 7.2 Die Frage nach der Sache in der aktuellen sportpädagogischen und fachdidaktischen Diskussion
54 7.3 »Der Lehrer sei […] Sachwalter der kulturellen Ausdrucksform und ihrer Gehalte.«
55 7.4 Orientierung an der Sache – diskutiert am Beispiel Fußball
56 7.5 Schlussbetrachtung
57 8 Orientierung am Individuum – formale Bildung
58 Tim Bindel & Jan Erhorn
59 8.1 Einleitung
60 8.2 Das Individuum und sein Leib als Bezugspunkte einer formalen Bildung
61 8.3 Individuumszentrierte didaktische Konzeptionen
62 8.4 Formale Bildung und empirische Bildungsforschung
63 8.5 Zusammenfassung und Ausblick
64 9 Orientierung an der Synthese von Sache und Individuum
65 Sebastian Ruin, Alexander Ratzmann & Christian Gaum
66 9.1 Einführung
67 9.2 Zur Idee einer Synthese
68 9.3 Synthetische Positionen des Schulsports
69 9.4 Über den Schulsport hinausweisende Konzepte und Ansätze
70 9.5 Fazit
71 IV Sportpädagogische Forschung
72 Zur Einführung in Kapitel 10 und 11
73 Hans Peter Brandl-Bredenbeck, Erin Gerlach, Elke Grimminger-Seidensticker & Claus Krieger
74 10 Forschungsmethodische Zugänge
75 Elke Grimminger-Seidensticker & Claus Krieger
76 10.1 Entwicklungsetappen in der Sportpädagogik
77 10.2 Zentrale forschungsmethodische Zugänge
78 10.3 Fazit
79 11 Systematik zentraler Forschungsansätze
80 Erin Gerlach & Hans Peter Brandl-Bredenbeck
81 11.1 Einleitung – was umfasst sportpädagogische Forschung?
82 11.2 Forschung zu fachlich relevanten Rahmenbedingungen
83 11.3 Forschung zu Geschichte und Theorie
84 11.4 Inhaltsforschung
85 11.5 Programm- und Entwicklungsforschung
86 11.6 Akteur*innenforschung
87 11.7 Lehr-Lernforschung
88 11.8 Ausblick
89 V Sportpädagogische Anwendungsbezüge
90 12 Bildungssettings
91 Tim Bindel, Erin Gerlach & Ina Hunger
92 12.1 Sportunterricht
93 12.2 Kindertagesstätten
94 12.3 Vereinssport
95 12.4 Informeller Sport
96 12.5 Fazit
97 13 Professionalisierung in sportpädagogischen Settings
98 Ilka Lüsebrink & Sabine Reuker
99 13.1 Tätigkeitsfelder in sportpädagogischen Settings
100 13.2 Theoretische Positionen
101 13.3 Pädagogische Professionalität in sportpädagogisch relevanten Tätigkeitsfeldern
102 13.4 Konsequenzen für die Aus- und Fortbildung
103 13.5 Zukünftige Herausforderungen
104 14 Diversität und Differenzkategorien
105 Judith Frohn & Heike Tiemann
106 14.1 Diversität in der Sportpädagogik
107 14.2 Zentrale Differenzkategorien
108 14.3 Dekategorisierungsdiskurs
109 14.4 Fazit und Ausblick
110 15 Bildungsthemen
111 Ralf Sygusch, Petra Guardiera & Anne Kerstin Reimers
112 15.1 Leistung und Leisten
113 15.2 Gesundheit
114 15.3 Soziales Handeln
115 15.4 Fazit
116 16 Herausforderungen der Sportpädagogik
117 Eckart Balz, Lena Gabriel & Jonas Wibowo
118 16.1 Bisherige Herausforderungen
119 16.2 Aktuelle Herausforderungen
120 16.3 Zukünftige Herausforderungen
121 16.4 Schlussbetrachtung
Einführung
Eckart Balz, Sabine Reuker, Volker Scheid & Ralf Sygusch
Vorbemerkungen
Mit dieser Einführung möchten wir unseren Band zur Sportpädagogik vorstellen. Das Kapitel hat die Funktion, in den Band überblicksartig einzuführen, ohne eine thematisch umfassende Einleitung leisten zu wollen und vorwegzunehmen, was die Kapitel 1 bis 17 jeweils noch besteuern. Wir beschränken uns daher zur Einordnung des Bandes nach diesen Vorbemerkungen auf drei weitere Abschnitte: über bisherige Grundlagenwerke zur Sportpädagogik (Vorläufer des Bandes), über den aufwändigen Prozess der Entstehung (Genese des Bandes) und über strukturierende Schwerpunkte (Inhalt des Bandes).
Was macht den vorliegenden Band zur Sportpädagogik aus? Seine Charakteristik besteht darin, als ein Grundlagenwerk den State of the Art der Sportpädagogik darzulegen, um sie damit nach innen wie außen sichtbar zu machen – und zwar nicht im Sinne einer bestimmten Lesart, Position oder Theorie, sondern übergreifend für die gesamte wissenschaftliche Teildisziplin der Sportpädagogik mit vereinten Kräften von vier unterschiedlich ausgerichteten Herausgeber*innen und 25 verschiedenen einschlägigen Mitautor*innen. Wir bieten sozusagen im zeitgemäßen Querschnitt ein möglichst differenziertes und tragfähiges Bild der Sportpädagogik.
Der Sammelband soll zeigen, was die Sportpädagogik ist und tut, was sie weiß und diskutiert. Mit dieser Intention richten wir uns an sportpädagogisch interessierte Personen, die als Studierende und Lehrende an Hochschulen sowie als Akteure in zahlreichen sportpädagogisch relevanten Tätigkeitsfeldern – von der Schule über den Sportverein bis zum informellen und kommerziellen Sport – verantwortungsvoll und reflektiert handeln möchten. Sämtliche Kapitel sind in Umfang und Darstellungsweise, trotz oft komplexer Zusammenhänge, möglichst zugänglich gehalten.
Bedanken möchten wir uns an dieser Stelle ausdrücklich bei allen Mitwirkenden, insbesondere bei den beteiligten Autor*innen für ihre ambitionierte Erarbeitung der qualitätsbewussten Beiträge. Deren Begleitung hat uns als Herausgebenden einige Arbeit und zugleich Freude gemacht. Wir sind nun überzeugt, dass sich das Produkt sehen lassen kann. Dem Verlag sei für seine Bemühungen und den passenden Publikationsort gedankt.
Vorläufer des Bandes
Wie oben bereits beschrieben, versteht sich der vorliegende Band als Grundlagenwerk, das übergreifend für die Sportpädagogik einen zeitgemäßen Querschnitt, geordnet in fünf große Themenfelder, bieten möchte. Dabei stellt sich die Frage, welche anderen Kompendien zur Sportpädagogik diesem Band vorausgehen und worin Gemeinsamkeiten und Unterschiede bestehen.
Über die nachfolgend benannten Einführungen in die Sportpädagogik hinaus, sei an dieser Stelle auch an ältere Einführungswerke erinnert (etwa von Bernett, Mester, Schmitz, Widmer und Röhrs), die rückblickend zugleich die Entwicklung unseres Faches markieren. Prohl (1991, S. 47–85) zeichnet diesen Weg der 1960er- bis 1980er-Jahre von der Theorie der Leibeserziehung zur Sportpädagogik differenziert nach.
Seit Mitte der 1980er-Jahre lassen sich in chronologischer Abfolge sechs Werke hervorheben, die sich um eine Einführung und Grundlegung der Sportpädagogik als Teildisziplin der Sportwissenschaft bemüht haben. Dabei ist nur eines der Werke auch als Herausgeberband gestaltet, die anderen sind entweder als Monografie oder von zwei Autoren verfasst:
• Einen wesentlichen Ausgangspunkt stellt die Monografie Hauptprobleme der Sportpädagogik von Eckhard Meinberg (1984; 3., unveränderte Auflage 1996) dar. Er entdeckt früh in der durchaus begrüßenswerten »thematischen Horizonterweiterung der Sportpädagogik« auch die Gefahr eines »ausufernden Vielerlei«, die den Blick auf das »Ganze« verstellt (Vorwort). Seine Einführung soll für sportpädagogische Problemstellungen sensibilisieren, Orientierung geben und verschiedenartige Erkenntnisse systematisieren und überblickhaft darstellen. Inhaltlich geschieht dies in sieben Hauptkapiteln, wobei im Anschluss an eine Standortbestimmung die sechs Problemfelder Bildung, Erziehung, Sozialisation, Lernen, Hochleistungssport sowie Spiel und Spielen aufgearbeitet werden.
• Zu Beginn der 1990er-Jahre erscheint das Grundlagenwerk Sportpädagogik der beiden Verfasser Knut Dietrich und Gerhard Landau (1990; 2., unveränderte Neuauflage 1999). Sie schreiben ausdrücklich nicht in systematischer Absicht, sondern mit Blick auf die Veränderungen im Sport aus einer problemorientierten Perspektive. Anliegen ihres Buches ist es, »Anleitungen zur praxisorientieren sportpädagogischen Analyse von Handlungsfeldern des Sports zu geben« (Vorwort). Als wichtigste Bezugspunkte der sportpädagogischen Gegenstandsbetrachtung werden Bewegung und Entwicklung gesehen. In sechs Hauptkapiteln werden historische Quellen, Grundpositionen und Betrachtungsweisen sowie der Gegenstand der Sportpädagogik behandelt, gefolgt von bewegungstheoretischen und erziehungstheoretischen Grundlagen sowie Ansatzpunkten sportpädagogischer Untersuchungen.
• Ein bis in die Gegenwart beachtetes Standardwerk stellt die Einführung in die Sportpädagogik von Ommo Grupe und Michael Krüger dar, das erstmals 1997 erschienen ist. Seit 2019 liegt das Buch in einer vierten, von Michael Krüger in Gedenken an den Nestor der Sportpädagogik Ommo Grupe (1930–2015) gestalteten Neubearbeitung vor. Das Anliegen war es von Anfang an, mit der Einführung einen Kompromiss zu finden, »der eine Brücke zwischen Sport und Pädagogik schaffen« und verdeutlichen soll, dass es um mehr als die Vermittlung von Sportarten und die Durchführung von Sportstunden geht (Vorwort zur ersten Auflage). In fünf Hauptkapiteln werden zunächst Gegenstand und Grundbegriffe der Sportpädagogik geklärt, ehe die Geschichte, die Institutionen und Handlungsfelder sowie die anthropologischen Grundlagen behandelt werden.
• Eine nachhaltige Wirkung auf den gegenwärtigen sportpädagogischen Diskurs kann der von Robert Prohl verfassten Monografie Grundriss der Sportpädagogik (1999; 3., korrigierte Auflage 2010) zugesprochen werden. Er verfolgt mit seiner Einführung in die Theorie der Sportpädagogik eine doppelte Zielstellung, indem sie als »Kompaktlehrbuch Orientierungshilfen« geben und zugleich mit ihrer Argumentationsfolge »eine Grundlegung der Sportpädagogik und ihres Ortes innerhalb der Sportwissenschaft« entfalten soll (Einführung). Der Grundriss umfasst drei große Teile (mit insgesamt 18 Kapiteln), wobei in Teil A die problemgeschichtliche (vom 18. Jh. bis in die Gegenwart), in Teil B die bildungstheoretische (kritische und konstruktive Funktion der Bildungstheorie) und in Teil C die erziehungswissenschaftliche Perspektive der Sportpädagogik (Forschungsprofil) eingenommen wird.
• Das 2001 erschienene Handbuch Sportpädagogik (2., erweitere Auflage 2009) wurde von Herbert Haag und Albrecht Hummel herausgegeben und zielt darauf ab, »den aktuellen Erkenntnis- und Wissensstand« der Teildisziplin darzustellen und zusammenzufassen (Vorwort). Die von 57 Autor*innen verfassten 51 Überblicksartikel sind in vier große Themenfelder geordnet, in welche jeweils recht kurz eingeführt wird: Grundlagen der Sportpädagogik, Struktur sportpädagogischer Prozesse, Orientierungen von Bildungs- und Erziehungsprozessen sowie Lebenslauf- und Zielgruppenperspektive.
• Ein ebenfalls erfolgreiches Einführungswerk Sportpädagogik wurde 2003 (5., unveränderte Auflage 2015) von Eckart Balz und Detlef Kuhlmann als Lehrbuch in 14 Lektionen verfasst. Sie bieten weder »ein umfassendes Grundlagenwerk« noch »einen enzyklopädischen Überblick«, sondern vielmehr ein Lehrbuch, dass denjenigen Einblicke in die Teildisziplin geben soll, »die im Rahmen ihres Studiums gerade damit beginnen, sich mit sportpädagogischen Fragestellungen zu beschäftigen« (Einführung). Die Kapitel sind in syntaktischer Frageform formuliert und suchen den referierenden Dialog mit den Leser*innen. Die Themenauswahl des Lehrbuches kommt in den Fragestellungen der drei Hauptkapitel, denen 14 Lektionen zugeordnet sind, zum Ausdruck: »Was zeichnet die Sportpädagogik aus?« (Selbstverständnis), »Worauf kann die Sportpädagogik bauen?«(Grundlagen) und »Was soll die Sportpädagogik empfehlen?« (Handlungsorientierungen).
In der Zusammenschau der vorliegenden Einführungswerke scheint es durchaus an der Zeit, im Jahr 2021 eine aktuelle sportpädagogische Grundlegung und Orientierung auf den Weg zu bringen. Die Komplexität dieser Aufgabenstellung lässt es zudem geboten erscheinen, in deren Umsetzung erfahrene, ausgewiesene Kolleg*innen miteinzubeziehen.
Genese des Bandes
Von damaligen Sprecherräten der dvs-Sektion Sportpädagogik und der DGfE-Kommission Sportpädagogik wurde 2016 das sog. Forum Sportpädagogik initiiert. Unter aktiver Beteiligung zahlreicher interessierter Kolleg*innen wurden 2016 und 2017 weitere Foren realisiert, auf denen Stärken und Schwächen, Potenziale und Perspektiven der Sportpädagogik diskutiert wurden. Übergeordnetes Ziel war es, die Sichtbarkeit und Anschlussfähigkeit der Sportpädagogik in wissenschaftlichen und sportpraktischen Feldern zu stärken. Als Kernthemen wurden u. a. die empirische Sportpädagogik, Internationalisierung und Publikationskultur, Sportlehrerbildung sowie das Selbstverständnis der Sportpädagogik identifiziert. Konkrete Aktivitäten wurden diskutiert, angestoßen und begleitet. Aus dem 3. Forum Sportpädagogik, einem offenen Arbeitskreis auf der dvs-Jahrestagung 2017 (Hannover), ist schließlich der endgültige Impuls zum vorliegenden Buch hervorgegangen.
So entstand aus den gemeinsamen Diskussionen die anspruchsvolle Grundidee und Richtung: Es sollte eine in der Community kompromissfähige Grundlegung auf den Weg gebracht werden, die das Selbstverständnis der Sportpädagogik mit ihren ausdifferenzierten Positionen und damit verbundenen Widersprüchlichkeiten transparent darlegt. Daraus haben sich zwei Aufgaben für die Gestaltung des Bandes herausgebildet, denen wir uns als Herausgebende angenommen haben: Erstens sollte der Band nach dem Impuls aus dem Forum Sportpädagogik auch weiterhin in Kontakt mit der sportpädagogischen Community erarbeitet werden und diese sowohl inhaltlich als auch personell abbilden. Bspw. sollten sich der Herausgeberkreis und die Autorenteams aus Vertreter*innen unterschiedlicher sportpädagogischer Positionen und Ausrichtungen zusammensetzen. Zweitens wurde anvisiert, die Beiträge in Form von Reviews anzulegen, in denen unterschiedliche Zugänge und Befunde transparent werden, ohne eine dominierende Darstellung einzelner Positionen vorzunehmen.
Der Herausgeberkreis hat sich zu Beginn 2019 aus Kolleg*innen konstituiert, die alle in dvs-Funktionen tätig waren, als dvs-Vizepräsidenten Bildung Volker Scheid (2009–2013) und Eckart Balz (2017–2021), als Sprecherräte der Sektion Sportpädagogik Sabine Reuker (2016–2020) und Ralf Sygusch (2013–2020). Die o. g. Grundidee und Richtung haben die Herausgebenden in einem Exposé samt Gliederungsentwurf gebündelt, beim Kohlhammer Verlag eingereicht und im Mai 2019 das Go des Verlages für einen Herausgeberband Sportpädagogik erhalten. Im selben Monat erfolgte auf der dvs-Jahrestagung (Heidelberg) der nächste Schritt des Buchprojekts. In einem offenen Arbeitskreis wurde zunächst der Gliederungsentwurf mit interessierten Mitgliedern der Sektion diskutiert. Mit dem Ziel, ausgewiesene Kolleg*innen aus unterschiedlichen sportpädagogischen Schulen einzubeziehen und in zum Teil bunten Autorenteams zusammenzubringen, wurde anschließend zur Mitwirkung als Autor*in aufgerufen.
Nach der Zusammenstellung der Autor*innenteams erfolgte ein schrittweises Vorgehen, mit dem die o. g. Ansprüche abgestimmt und gesichert werden sollten. Zunächst haben die Autorenteams ein Exposé zu ihren vorgesehenen Beiträgen erstellt, die im Herausgebendenkreis u. a. im Hinblick auf die Ansprüche (u. a. Reviewcharakter) besprochen und rückgemeldet wurden. Auf dieser Basis wurden die Entwürfe der Beiträge erstellt. Im Herausgebendenkreis wurden alle Beiträge doppelt betreut, in zahlreichen Telefonkonferenzen diskutiert und mit Hinweisen, Empfehlungen und Wünschen an die Autor*innen versehen. Die finale Einreichung der Beiträge erfolgte bis zum Beginn des Jahres 2021.
Der vorliegende Herausgeberband zur Sportpädagogik ist in seiner Entstehung mit der dvs-Sektion bzw. DGfE-Kommission Sportpädagogik verbunden. Selbstverständlich ist dies kein Buch der Sektion bzw. der Kommission, sondern eines, das von den vier Herausgebenden verantwortet und vertreten wird. Wohl aber ist es ein Band, der aus einer Initiative der dvs-Sektion und der DGfE-Kommission Sportpädagogik hervorgegangen ist, über den auf unterschiedlichen Kanälen informiert und diskutiert wurde und der über das Mitwirken einer großen Anzahl an Autor*innen aus der sportpädagogischen Community realisiert werden konnte.
Inhalt des Bandes
Der vorliegende Band ist in fünf große Teile strukturiert. Als Ausgangspunkte der Sportpädagogik liefern die ersten drei Kapitel grundlegende Orientierungen für die folgenden Ausführungen. Die Klärung von Begriffen ist dabei unumgänglich. Darüber hinaus sensibilisieren die differenzierten Ausführungen in Kapitel 1 aber auch für die Notwendigkeit, sich der Begriffsbestimmungen im kritischen Diskurs immer wieder neu zu vergewissern. Für das Verständnis aktueller sportpädagogischer Positionen sind zudem Entwicklungsverläufe von zentraler Bedeutung, die über die Darstellung der Genese der Sportpädagogik in Kapitel 2 dargestellt werden. Das dritte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit einem Kernanliegen der Sportpädagogik, indem es verschiedene Systematiken bezüglich ihrer Aufgaben, Arbeitsgebiete sowie Betrachtungs- und Zugangsweisen skizziert und damit Grenzen und Herausforderungen der Sportpädagogik aufzeigt.
Kapitel 4 bis 6 thematisieren bildungs- und entwicklungstheoretische sowie bewegungskulturelle Zugänge als Grundlagen der Sportpädagogik. Auch hier werden verschiedene Perspektiven heraus- bzw. gegenübergestellt. In Kapitel 4 stehen dabei bildungstheoretische Überlegungen in einem engen Implikationszusammenhang zu anthropologischen Grundlagen, die hier in ihren unterschiedlichen Auslegungen und Schwerpunktsetzungen dargestellt werden. Kapitel 5 erörtert verschiedene theoretische Ansätze im Kontext eines vielschichtigen Entwicklungsbegriffs und zeigt darauf aufbauend empirische und konzeptionelle Perspektiven auf. Die Verbindung zum Gegenstand erfolgt in Kapitel 6, in dem unterschiedliche sport- und bewegungskulturelle Zugänge vorgestellt werden. Dabei werden jugendliche Trendsportkulturen beispielhaft etwas näher beleuchtet.
Daran anschließend lassen sich sportpädagogische Orientierungen ableiten, die in Kapitel 7 bis 9 als Orientierung an der Sache, am Individuum sowie deren Synthese unterschieden werden. Kapitel 7 zeigt dabei unter Darstellung verschiedener fachdidaktischer Konzepte das kontroverse Ringen um einen Minimalkonsens zum Gegenstandsverständnis auf. Demgegenüber werden in Kapitel 8 individuumbezogene Orientierungen hervorgehoben, die sowohl konzeptionell als auch empirisch Entfaltungsmöglichkeiten der Subjekte fokussieren. In der Überzeugung, dass eine einseitige Fokussierung auf eine dieser beiden Positionen zu problematischen Verkürzungen führt, werden in Kapitel 9 schließlich Konzeptionen betrachtet, die von der Idee einer Synthese materialer und formaler Bildungsauffassungen ausgehen.
Nach einer kurzen gemeinsamen Einführung wird in den beiden folgenden Kapiteln die Breite und Vielfalt sportpädagogischer Forschung und deren Erkenntnisgewinnung thematisiert. Dabei gibt Kapitel 10 einen Überblick über grundlegende Entwicklungslinien und zeigt anhand von exemplarischen Studien die Vielfalt methodischer Zugänge auf. In Kapitel 11 wird der Versuch unternommen, diese Vielfalt zu systematisieren, indem die sportpädagogischen Forschungsansätze anhand prototypischer Studien verschiedenen Gegenstandsbereichen zugeordnet werden. Der Überblick zeigt Stärken, aber auch Desiderate sportpädagogischer Forschung auf, die es in zukünftigen Forschungsaktivitäten aufzugreifen gilt.
Der letzte große Teilbereich widmet sich in Kapitel 12 bis 15 sportpädagogischen Anwendungsbezügen, die vielfältig sind und im Rahmen dieses Grundlagenwerks lediglich exemplarisch behandelt werden können. In Kapitel 12 werden formale, non-formale und informelle Settings aufgezeigt, in denen Menschen Sport- und Bewegungsaktivitäten nachgehen. Anhand ausgewählter Merkmale werden diese Settings mit Blick auf dort stattfindende Bildungsprozesse einander gegenübergestellt. Kapitel 13 fragt nach der Professionalisierung der Personen, die in diesen Settings vermittelnd tätig sind. Dabei werden verschiedene Professionalisierungsansätze anhand sportpädagogischer Forschungserkenntnisse und konzeptioneller Überlegungen exemplarisch veranschaulicht. Kapitel 14 nimmt dann die Akteur*innen in den Blick und fokussiert sich dabei auf deren Differenzen. Mit den Differenzkategorien Behinderung, Geschlecht und Migration werden drei dominierende Bereiche zunächst dargestellt, bevor die Frage nach der Notwendigkeit von Kategorisierungen kritisch hinterfragt wird. Schließlich liefert Kapitel 15 einen exemplarischen Überblick über Bildungsthemen und stellt zu den Themen Leistung, Gesundheit und Soziales sportpädagogische Ansprüche und Wirklichkeiten dar. Dabei wird auch hier, unter Berücksichtigung der verschiedenen Settings, die Breite und Vielfalt der Perspektiven aufgezeigt.
Die Sportpädagogik sieht sich mit vielfältigen Herausforderungen konfrontiert, die im letzten Kapitel aus einer retrospektiven, introspektiven und prospektiven Sicht exemplarisch vertiefend bilanziert werden. In einer Schlussbetrachtung sind zudem die in den fünfzehn Kapiteln thematisierten Herausforderungen noch einmal prägnant zusammengefasst, um den in diesem Buch aufgezeigten konstruktiven Diskurs vielschichtiger Perspektiven weiter anzuregen.
Literatur
Balz, E. & Kuhlmann, E. (2015). Sportpädagogik. Ein Lehrbuch in 14 Lektionen (Sportwissenschaft Studieren, Band 1) (5. Aufl.). Meyer & Meyer (1. Aufl. 2003).
Dietrich, K. & Landau, G. (1999). Sport-Pädagogik (2., unver. Neuaufl.). Afra-Verlag (1. Aufl. 1990, Rowohlt).
Grupe, O. & Krüger, M. (1997). Einführung in die Sportpädagogik (Sport und Sportwissenschat, Band 6). Hofmann.
Haag, H. & Hummel, A. (Hrsg.) (2009). Handbuch Sportpädagogik (Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport, Band 133) (2., erw. Aufl.). Hofmann (1. Aufl. 2001).
Krüger, M. (2019). Einführung in die Sportpädagogik (Sport und Sportwissenschat, Band 6) (4., überarb. und aktual. Aufl.). Hofmann.
Meinberg, E. (1996). Hauptprobleme der Sportpädagogik. Eine Einführung (3., unveränd. Aufl.). Wiss. Buchgesellschaft (1. Aufl. 1984).
Prohl. R. (1991). Sportwissenschaft und Sportpädagogik. Ein anthropologischer Aufriss (Beiträge zur Lehre und Forschung im Sport, Band 101). Hofmann.
Prohl, R. (2010). Grundriss der Sportpädagogik (3., korr. Aufl.). Limpert (1. Aufl. 1999).
I Sportpädagogische Ausgangspunkte
1 Grundbegriffe der Sportpädagogik
Volker Scheid & Verena Oesterhelt
Begriffe und ihre jeweilige Bestimmung dienen als Anker für den Aufbau eines fundierten Verständnisses eines Fachgebiets. Mit der Klärung von Kerngedanken lassen sich hinzukommendes Wissen ebenso wie kontextbezogene Erfahrungen einordnen. Damit trägt die Auseinandersetzung mit Begriffen zum weiteren Auf- bzw. Ausbau von Denkstrukturen bei. Auch für den fachlichen Austausch ist die Klärung von gemeinsam geteilten Begrifflichkeiten bedeutsam. Dies gilt insbesondere mit Blick auf komplexe Zusammenhänge sozialer Realitäten, wie im hier vorliegenden Fall: dem (sport-)pädagogischen Handlungsfeld. Begriffe sind, anders als naturwissenschaftliche Gesetzmäßigkeiten, immer angewiesen auf eine kontinuierliche Vergewisserung ihres Bedeutungsgehalts, da dieser – im Sinne einer sozial-kulturellen Vereinbarung – einer normativen Setzung entspricht. Ein Begriff kann im Zeitverlauf durchaus auch anders gedeutet werden. Damit bildet eine Auseinandersetzung auch die Chance auf eine Selbstvergewisserung innerhalb eines Fachgebiets. In diesem ersten Kapitel des Buches werden entsprechend grundlegende Begriffe der Sportpädagogik anhand exemplarischer Deutungen geklärt.
1.1 Definitionsansätze und Merkmale der Sportpädagogik
Meinberg (1996) beginnt sein Einführungswerk Hauptprobleme der Sportpädagogik mit einer Standortbestimmung. Er beschreibt die Sportpädagogik als
»diejenige Teildisziplin der Erziehungs- und Sportwissenschaft, die das sportliche und spielerische Bewegungshandeln in seinen institutionalisierten und nichtinstitutionalisierten Formen vorrangig unter den Motiven Bildung, Erziehung, Sozialisation und Lernen mit Hilfe verschiedenartiger Forschungsmethoden untersucht« (ebd., S. 17).
Im Sportwissenschaftlichen Lexikon (Röthig et al., 2003), das erstmals 1972 den Versuch unternahm, die wissenschaftliche Fachsprache zu klären, verweisen Grupe und Kurz (2003) bei ihrer Definition der Sportpädagogik auf unterschiedliche Auffassungen zu inhaltlichen Bezügen.
»Sportpädagogik ist seit 1970 die übliche Bezeichnung für jenes Teilgebiet der Sportwissenschaft, in dem Sport im Zusammenhang von Bildung und Erziehung untersucht wird. Sportpädagogik ist wissenschaftssystematisch zugleich als Teilgebiet der Allgemeinen Pädagogik bzw. Erziehungswissenschaft anzusehen. In der Praxis kann pädagogische Verantwortung als eine Haltung beschrieben werden, die darauf gerichtet ist, insbes. heranwachsenden Menschen eine optimale Entwicklung und ein gutes Leben zu ermöglichen. In welcher Weise Sport dazu beitragen kann, ist daher die zentrale Frage der Sportpädagogik« (ebd., S. 527).
Auch Prohl (2010) eröffnet seinen Grundriss der Sportpädagogik mit der Frage Was ist Sportpädagogik? und orientiert sich dabei an der Definition aus dem Sportwissenschaftlichen Lexikon. Er betont ebenso den historischen Kontext der Disziplin plädiert aber für den Begriff der Bewegungskultur an Stelle des enger gefassten Begriffs Sport, um die zunehmende Vielfalt der Bewegungs-, Spiel- und Sportaktivitäten als Ausdruck der gesellschaftlichen Entwicklungen angemessener abzubilden.
»Als historisch geprägter Begriff wird unter Sportpädagogik […] die Wissenschaft der Bildung und Erziehung im Rahmen der Bewegungskultur verstanden, in der sich problemgeschichtliche und gesellschaftliche Entwicklungen widerspiegeln« (ebd., S. 10).
Der Begriff der Bewegungskultur verweist auf die inhaltsbezogene Offenheit des Gegenstandsfeldes der Sportpädagogik. Der Sport, als festgelegter Bestand, existiert nicht. Maßgeblich sind neben objektiven Beschreibungen von Aktivitäten immer auch subjektive Sichtweisen was unter Sport verstanden wird. Zudem wird der gesellschaftlich-kulturelle Bezug deutlich: Bewegungskultur, d. h. gesellschaftliche Ausprägungsformen von Bewegung, Spiel und Sport, entsteht in konjunktiven (gemeinschaftlich erlebten und gestalteten) Erfahrungsräumen, die einem Kulturkreis eigen sind. Die Betrachtung kann sich dabei sowohl auf Bewegung als anthropologisches Phänomen (unter Berücksichtigung der Subjekt-Perspektive des Sich-Bewegenden), als auch auf die gesellschaftlichen Erscheinungsformen von Bewegung, Spiel und Sport (u. a. regelgeleiteter Sport, Sportarten) richten (Oesterhelt et al., 2020; Scheid & Prohl, 2017).
Hinsichtlich der Einbettung in benachbarte Bezugsdisziplinen entfaltet Prohl (2010, S. 13–19) die Sportpädagogik als eine Integrationswissenschaft, die sich im philosophischen Denken begründet und an pädagogischen Theorien orientiert, empirisch mit Hilfe sozialwissenschaftlicher Methoden Tatsachen prüft und gegenüber der Sportdidaktik Beratungsleistungen erbringt.
In der Zusammenschau der berücksichtigten Definitionsansätze ergeben sich Kerngedanken zur Beschreibung der Sportpädagogik als sportwissenschaftliche Disziplin. Zentral sind
• die Zielsetzungen bzw. Prozesse der Erziehung und Bildung,
• die mit Prozessen der Entwicklung, des Lernens und der Sozialisation in Bezug stehen und
• als Gegenstand nicht nur eng auf den Sport, sondern umfassend auf Bewegung, Spiel und Sport im Rahmen der Bewegungskultur gerichtet sind.
Vor diesem Hintergrund fokussieren die weiteren Ausführungen des Beitrags zunächst die beiden zentralen Grundbegriffe Erziehung und Bildung (
Kap. 1.2), gefolgt von einer näheren Bestimmung der weiteren Grundbegriffe Entwicklung, Lernen und Sozialisation (
Kap. 1.3), ehe abschließend die Bezüge der Sportpädagogik zum Teilgebiet der Sportdidaktik geklärt werden (
Kap. 1.4).
1.2 Erziehung und Bildung als zentrale Grundbegriffe
Erziehung und Bildung gelten als klassische Begriffe der Pädagogik wie auch der Sportpädagogik (Grupe & Krüger, 2007; Prohl, 2010; Neuber et al., 2013). Ihr zentraler Stellenwert lässt sich zurückführen auf anthropologische Voraussetzungen sowie die Bildsamkeit des Menschen (Scheid & Prohl, 2017).
Der Begriff der Bildsamkeit ist eng mit darauf basierenden Fragen der Erziehung und Bildung verknüpft und findet sich im historischen Bezug bereits seit der Antike in der Diskussion. Nach Franke (2018, S. 259) bezeichnet Bildsamkeit
»[…] ein Prinzip, das nicht einen genetischen Zustand, sondern einen möglichen Prozess des Menschen als Gattungswesen sichtbar macht, bei dem es erfährt, welche Bedeutung Lernen, Wissen und ein sich dessen Bewusstwerden haben können.«
Mit Blick auf den Bildungswert körperlicher Erfahrungen stellt Franke (2015, S. 225) dabei zwei Fragen:
»1. Was berechtigt uns zu der Vorstellung, dass der Mensch auf die körperlichen Herausforderungen seiner Umwelt nicht nur reagiert, nicht nur durch sie lernt, sondern sich dadurch auch bildet? D. h. ist es berechtigt, von einer allgemeinen Bildsamkeit des Körpers zu sprechen?
2. Was berechtigt uns zu der Vorstellung, dass aus dem Verhältnis von Wahrnehmung, Erfahrung und Erkenntnis von Bewegungsbedingungen eine nicht-verbale Bildungskompetenz entwickelt werden kann? […]«.
Franke weist damit auf die Notwendigkeit hin, Erziehungsziele nicht nur rein normativ auszuweisen, sondern die unterstellten pädagogischen Annahmen immer auch kulturanthropologisch zu begründen, im Sinne der »Nichthintergehbarkeit der kulturellen Existenz des Menschen« (Bietz, 2005, S. 89). Damit kommt zum Ausdruck, dass alles Tun und Sein eingebettet ist in den sozialen Kontext des Kulturkreises, in dem wir leben. Erziehung und Bildung im Kontext von Bewegung, Spiel und Sport sind damit verwiesen auf zugrundeliegende Fragen der Bildsamkeit im Wechselspiel der subjektiv-anthropologischen und gesellschaftlich-institutionellen Dimension.
Ihren Status als zentrale Begriffe erhalten Erziehung und Bildung zudem durch den gesetzlich verankerten Kernauftrag der Institution Schule bzw. des Schulsports. Und auch in den außerschulischen Feldern des Sports wird der Blick zunehmend auf Bildungspotenziale gerichtet (Neuber, 2011). Beide Begriffe bilden somit einen grundlegenden Dreh- und Angelpunkt in Überlegungen zu sportpädagogischen Handlungsfeldern.
1.2.1 Erziehung
Erziehung beschreibt in der Regel eine zielgerichtete Einflussnahme auf einen anderen Menschen, der als Educand, d. h. als Zu-Erziehender gilt. Dies richtet sich auf Heranwachsende auf ihrem Weg als Teil der Gesellschaft. Als Erziehung werden nach Grupe und Krüger (2007, S. 90)
»diejenigen Maßnahmen und Prozesse bezeichnet, die den Menschen befähigen, seine Kräfte und Möglichkeiten zu entfalten mit Hilfe derer er selbständig und mündig werden kann.«
Dies geschieht im jeweiligen sozialen Kontext, womit der Begriff, bedingt durch den gegebenen gesellschaftlich-kulturellen Rahmen, eine klare normative Komponente besitzt. Erziehung als intentionales Handeln
»[…] kann man – in Anlehnung an Brezinkas Definition – beschreiben als einen ›Prozess der zielgerichteten Beeinflussung zu einem als wertvoll erachteten Verhalten‹ (1974, 95 ff.)« (Beckers, 2001a, S. 28).
Gängige Begriffsdefinitionen unterscheiden zwischen, oben dargestellter, intentionaler Erziehung im Sinne eines engen Begriffsverständnisses und stellen dem eine funktionale Erziehung in einem weiten Verständnis von Erziehung, als nicht-intentional, gegenüber. Neuber et al. (2013) formulieren dazu:
»Erziehung im engeren Sinne zielt auf die absichtliche Strukturierung des Denkens, Fühlens und Handelns im Sinne der Kulturtechniken und Werte, die in einer Gesellschaft anerkannt sind« (ebd., S. 400).
»Zur funktionalen Erziehung werden auch Einflüsse gezählt, die nicht absichtsvoll inszeniert werden, z. B. durch die Gleichaltrigengruppe oder die Medien. Letztere werden auch zu den Sozialisationsinstanzen gezählt und spielen in informellen Lernprozessen eine wichtige Rolle« (ebd., S. 399–400).
Gleichwohl verschwimmt bei dieser Unterscheidung von intentionaler und funktionaler Sichtweise die definitorische Grenze zum Begriff der Sozialisation (Koller, 2014). Mit dem Versuch einer Bestimmung und damit auch der Abgrenzung zentraler Begriffe zeigt sich hier eine begriffliche Überschneidung, aufgrund derer einiges für die Begrenzung des Erziehungsbegriffs auf das intentionale Handeln spricht – wenngleich sich die per se eng verflochtenen Begriffe Erziehung, Bildung und Sozialisation ohne eine wechselseitige Bezugnahme kaum klären lassen (zum Begriff der Sozialisation
Kap. 1.3).
Die Definition von Hurrelmann (1994) nimmt Bezug auf eine dieser Schnittstellen, in dem sie Erziehung als einen Teilbereich der Sozialisation bestimmt. Dabei orientiert sich die Aussage an dem engen, intentionalen Verständnis von Erziehung:
»Erziehung ist ein Bestandteil des umfassenden Sozialisationsprozesses; der Bestandteil nämlich, bei dem von Erwachsenen versucht wird, bewusst in den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung von Kindern einzugreifen – mit dem Ziel, sie zu selbstständigen, leistungsfähigen und verantwortungsvollen Menschen zu bilden« (ebd., S. 13).
Deutlich wird bei dieser Definition auch, dass das asymmetrisch-hierarchische Verhältnis von Erzieher und Educand, welches in den oben dargestellten Definitionsansätzen zum Ausdruck kommt und im Grunde eine »Subjekt-Objekt-Relation« (Koller, 2014, S. 55) abbildet, hier im Sinne eines verstärkten Subjektbezugs erweitert wird. Damit wird hier bereits der Bezug von Erziehungsprozessen in ihrer Bedeutung als Basis bzw. Unterstützung für weiterführende selbstbestimmte und selbstreflexive Bildungsprozesse deutlich.
Hinsichtlich einer intentionalen Erziehung wird entsprechend die Frage nach Erziehungszielen bedeutsam (Neuber et al., 2013). Erziehung ist immer normativ gebunden. Und nicht jedes bewusste Einwirken auf Heranwachsende, das vom Erziehenden selbst als wertvoll erachtet wird, ist dies auch tatsächlich (Koller, 2014). Eine Reflexion und Begründung von Erziehungszielen sind somit notwendig. Diese erfolgt mit Blick auf normative Bezugspunkte, d. h. im Kontext des zugrundeliegenden Bildungsverständnisses, sowie hinsichtlich der Ausrichtung angesichts gesellschaftlich-kultureller Ausprägungsformen der Bewegungskultur (
Kap. 4;
Kap. 6).
Zusammenfassend lassen sich folgende zentrale Merkmale des Erziehungsbegriffs festhalten:
• Erziehung lässt sich als intentionale oder funktionale Erziehung in einem engen bzw. weiten Verständnis fassen. Dabei führt der weite Begriff der funktionalen Erziehung zu Unschärfen hinsichtlich der Abgrenzung zum Begriff der Sozialisation.
• Erziehung in einem engen Verständnis bezieht sich auf ein intentionales, werteorientiertes Einwirken einer erziehenden Person auf einen Heranwachsenden.
• Dabei lässt sich das Verhältnis von Erzieher und Educand nicht rein asymmetrisch-hierarchisch charakterisieren, sondern die Subjektperspektive des zu Erziehenden findet Berücksichtigung.
• Mit Blick auf den normativen Gehalt, der ein werteorientiertes Handeln konstituiert, ist die begründbare Bestimmung gesellschaftlich relevanter Erziehungsziele im Kontext übergeordneter Bildungsziele sowie im Gegenstandsbezug bedeutsam.
1.2.2 Bildung
Die Vielzahl an Ansätzen in der Auseinandersetzung mit dem Bildungsbegriff, auch mit Blick auf den historischen Verlauf einer teils kontroversen Diskussion (Beckers, 2001b), ist kaum in einem kurzen Überblick zu fassen. Im Folgenden werden daher anhand ausgewählter Begriffsbestimmungen zentrale Gedanken in den Vordergrund gerückt, die einem grundlegenden Verständnis dienlich sind und in der Sportpädagogik vornehmlich rezipiert werden. Peukert (2000) zufolge gehört
»Bildung […] – als deutsche Sonderprägung – neben Kultur, Zivilisation, Gesellschaft, Aufklärung, Vernunft zu den großen Leitbegriffen, unter denen die beschleunigt sich entwickelnden modernen Gesellschaften seit der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts Verständigung über sich selbst suchten« (ebd., S. 507).
Diese Verständigung über sich selbst nimmt Ausgangspunkt beim einzelnen Menschen als Subjekt und Teil der Gesellschaft. Neuber et al. (2013, S. 400) stellen diesen Ausgangspunkt im Rückgriff auf Meinbergs Klärung des Bildungsbegriffs prägnant heraus:
»Zunächst muss festgestellt werden, dass Bildung reflexiv im Sinne von Sich-Bilden gebraucht wird, da sich ›der eigentliche Bildungsvollzug, das Sich-Aneignen von Welt […] ins Subjekt selbst‹ verlagert« (Meinberg, 1996, S. 56).
Mit der Verlagerung des Sich-Aneignens von Welt in das Subjekt sind auch die beiden zentralen Referenzpunkte angesprochen, die in einer Vielzahl von Begriffsbestimmungen die maßgeblichen Bezüge charakterisieren: Bildung entsteht im Zusammenspiel zum einen umweltbezogener bzw. gesellschaftlich-kultureller sowie zum anderen personaler Bezüge. In der Erziehungswissenschaft werden diese beiden Referenzpunkte häufig mit dem Begriffspaar Welt- und Selbstverhältnis gefasst.
Bildung als Prozess, aber auch als das Resultat des Prozesses, richtet sich Peukert (2000) zufolge auf die Entwicklung eines individuellen Bewusstseins einschließlich der Befähigung zu einer reflektierten Umgestaltung desselben. Damit verknüpft sieht er auch die Befähigung zur Umgestaltung gesellschaftlicher Strukturen, die durch das Bewusstsein jedes Einzelnen mitgeprägt werden.
Deutlich wird hier das (selbst-)reflexive Moment, das sich als zentral für den Bildungsbegriff erweist:
»Bildung bedeutet zuallererst Reflexivität: sich krisenhafter Ungewissheiten bewusst zu werden und sich dazu zu verhalten« (Bonnet & Hericks, 2013, S. 37).
In der Auseinandersetzung mit Welt- und Selbstverhältnissen erfolgt über die Reflexion eine Distanznahme im Ereignis- und Erfahrungsfluss. Nach Dörpinghaus (2013, S. 119) ist Bildung entsprechend eine »Verstehens- und Distanzleistung«. Und auch Bietz zufolge (2005, S. 107) können nur bei reflexiver Distanz eigene Handlungsspielräume gewonnen werden und so individuelle Erlebnisse nachhaltige Wirkungen auf die Person und ihren Zugang zur Welt haben.
Als maßgeblich für das Auslösen reflexiver Momente wird das Moment der Irritation betrachtet. Bildungsprozesse finden nach Kokemohr (2007) dort statt, wo auftretende Erfahrungen nicht in die biographisch aufgebauten Ordnungen eingebettet werden können, welche die täglichen Interpretationen lenken. Widerständige Erfahrungen führen zu einem Fraglich-Werden bisheriger und zu einem probeweisen Entwurf neuer Ordnungsfiguren, im Sinne von »Bildungsvorhalten« (ebd., S. 19), deren tatsächliche Bildungsrelevanz bzw. Bildungswirksamkeit sich erst längerfristig erweisen muss.
Im Kontext von Bewegung, Spiel und Sport findet sich der Gedanke der bildungsrelevanten widerständigen, ›krisenhaften‹ Erfahrungen in der Sportpädagogik im Sinne der »Wechselwirkung des Spürens und Bewirkens« wieder (Prohl, 2010, S. 166). Konkret entstehen Irritationen z. B. bei bewegungs- und sportbezogenen Aktivitäten in der gelingenden (oder eben noch nicht gelingenden) Auseinandersetzung beim Versuch ein turnerisches Bewegungsproblem zu lösen (Bietz, 2015).
Der dargestellte Zugang zum Verständnis von Bildung bezieht sich auf den Ansatz transformatorischer Bildung im Sinne einer Bildungsprozesstheorie (Kokemohr, 2007). Hinsichtlich weiterer ausgewählter bildungstheoretischer Ansätze wurde in der Sportpädagogik insbesondere auch der Ansatz von Klafki, mit seiner Unterscheidung einer materialen, formalen und kategorialen Bildung, rezipiert (Laging & Kuhn, 2018). Allen Ansätzen gemeinsam ist das In-Bezug setzen von Subjekt- und Objektbezügen, wobei der Fokus bei Klafki weniger auf dem Prozess als auf der Frage nach dem Verhältnis von Subjekt und Objekt liegt (vertiefend
Kap. 4):
• Materiale Bildung richtet sich auf den Sach- bzw. Objektbezug und damit auf die Aneignung von sach- bzw. objektbezogenen Kenntnisse oder das Erlebt-haben bestimmter Ereignisse. Ziel ist also die Aneignung eines Wissens- oder Erlebniskanons, der im gegebenen gesellschaftlich-kulturellen Kontext als bildungsrelevant erachtet wird (u. a. Strübig & Strübig, 2018; Gruschka, 2018). Für das Feld des Sports ruht der Fokus demnach auf der Aneignung sport-(art-)spezifischer Kenntnisse, Fähigkeiten und Fertigkeiten mit Blick auf die Teilhabe an der gesellschaftlich etablierten Bewegungs-, Spiel- und Sportkultur.
• Formale Bildung stellt hingegen das Subjekt in den Mittelpunkt. Der Blick richtet sich auf die individuelle Entwicklung, und damit die ›Formung‹ der individuellen körperlichen, geistigen und seelischen Kräfte in Auseinandersetzung mit gesellschaftlich-kulturellen Phänomen (u. a. Strübig & Strübig, 2018; Gruschka, 2018). Der Fokus ruht also auf der Frage, welche persönlichkeitsbildenden Erfahrungen das Subjekt in der Auseinandersetzung mit der sozialen und materialen Umwelt im Kontext seines Bewegungshandelns machen kann und welche Bildungsimpulse dadurch entstehen (Prohl, 2010).
• In der kategorialen Bildung verschmelzen materiale und formale Bezüge dialektisch miteinander. Im Blick steht die Auseinandersetzung mit einem bewegungs- und sportbezogenen Wissens- und Erfahrungskanon, verbunden mit der Frage, welche Bedeutsamkeit dieser Kanon für die individuelle Entwicklung des Subjekts hat. Ziel der Auseinandersetzung ist es, allgemeine Einsichten in »kategorial Erhellendes« (Klafki, 1963, S. 42–43) zu ermöglichen. Also in der handelnden Auseinandersetzung des Subjekts mit den Gegebenheiten des Felds Bewegung und Sport ein grundlegendes Verständnis zentraler (kategorialer) Aspekte zu schaffen.
• Dabei handelt es sich um einen Ansatz relationaler Bildung (Bietz, 2018). Der Begriff relational betont, dass die dialektischen Bezüge der kategorialen Bildung sich grundsätzlich bedingen und nicht unabhängig voneinander gedacht werden können (Scherer, 2005). Eine Trennung ist nur rein analytisch möglich. Aus dieser Sicht kann Bildung immer nur als ein Zugleich materialer und formaler Aspekte und deren wechselseitigem Bezug gedacht werden. Bildung ist demnach also immer relational.
Kontroverse Diskussionen um den Bildungsbegriff entzünden sich u. a. an seiner Vielschichtigkeit und damit vermeintlichen Unklarheit (Neuber et al., 2013; Koller, 2014). Gleichzeitig wird der Bildungsbegriff, respektive die Teildisziplin der Bildungstheorie, für im Grunde unverzichtbar gehalten, da sich damit eine Verortung bietet, an der »[…] über Legitimation, Zielsetzung und Kritik pädagogischen Handelns […] gestritten werden kann und soll« (Koller, 2012, S. 10). Die Bedeutung von Bewegung, Spiel und Sport für Bildungsprozesse gilt Krüger und Neuber (2011) zufolge als im Grunde unbestreitbar. Bildungsprozesse wären in Gefahr unvollständig zu bleiben, sollte die körperlich-leibliche Dimension des Lernens außer Betracht geraten.
Zur Einordnung der Vielfalt an Bildungsorten und -modalitäten im Feld Bewegung, Spiel und Sport hat Heim (2008) im Zweiten Kinder- und Jugendsportbericht eine anschauliche Systematik vorgelegt (siehe hierzu auch Neuber & Golenia, 2019). Unterscheiden lassen sich die Dimensionen formale – non-formale Bildungsgelegenheiten bzw. -settings sowie formelle – informelle Bildungsprozesse. Formelle Bildungsprozesse werden bspw. im Sportunterricht, beim Training im Sportverein oder in einem Tanzkurs angebahnt, also in angeleiteten Lehr-Lern-Settings im Kontext von Institutionen als formalen Bildungsgelegenheiten. Informelle Bildungsprozesse können sich im Rahmen nicht-angeleiteter sportbezogener Aktivitäten ergeben, z. B. bei familiären Sportaktivitäten, beim Inline-Skaten im Skatepark oder auch bei der Teilnahme an Schulsportfesten.
Betrachtet man das Verhältnis der beiden zentralen Grundbegriffe Erziehung und Bildung lässt sich dieses in zweifacher Weise charakterisieren: Zum einen als ein angeleiteter gegenüber einem selbstreferentiellen Prozess. D. h. die Beeinflussung eines Zu-Erziehenden durch einen Erzieher versus einem Sich-Bildens als einem selbstbezüglichen und selbstreflexiven Vorgang. Zum anderen mit Blick auf die Relation der beiden Begriffe: Erziehung bezeichnet eine Einflussnahme auf eine Person, um Bildung zu ermöglichen, im Sinne einer »Erziehung mit dem Ziel der Bildung« (Prohl, 2010). Wenngleich Bildung nicht notwendigerweise an erzieherische Prozesse gebunden ist, sondern fraglos auch außerhalb pädagogischer Kontexte stattfindet (Scherer, 2005).
Zusammenfassend lassen sich folgende zentrale Aspekte zum Bildungsbegriff festhalten:
• Kern der verschiedenen Definitionen des Bildungsbegriffs ist die individuelle Auseinandersetzung mit dem untrennbar verknüpften Selbst- bzw. Weltverhältnis, verbunden mit dem zentralen Moment der Reflexion.
• Hinsichtlich Bildungsorten und -modalitäten lassen sich die Dimensionen formale – non-formale Bildungsgelegenheiten bzw. -settings sowie formelle – informelle Bildungsprozesse heranziehen.
• Mit Blick auf die Abgrenzung der Begriffe Erziehung und Bildung wird insbesondere die Unterscheidung zwischen einem angeleiteten gegenüber einem selbstreferentiellen Prozess deutlich (erzogen werden vs. sich bilden).
• Zur Relation der beiden Begriffe lässt sich festhalten, dass Erziehungsprozesse zu Bildungsprozessen beitragen sollen.
1.3 Entwicklung, Lernen und Sozialisation als Grundbegriffe
Neben den pädagogischen Grundbegriffen Erziehung und Bildung sind Entwicklung, Lernen und Sozialisation weitere zentrale, zunächst wertfreie Begriffe der (Sport-)Pädagogik, die grundlegende pädagogische Sachverhalte betreffen. Nämlich die Tatsache, dass Menschen im Verlauf ihrer lebenslangen Entwicklung vieles erst erlernen (müssen) und in einem gesellschaftlichen Kontext sozialisiert werden. Die Bewertung der Prozesse und des Gelingens von Entwicklung, Lernen und Sozialisation ist wiederum an normative Kategorien gebunden. Einfluss nehmen dabei nicht nur die Menschen selbst durch ihr aktives Handeln, sondern ebenso auch Bedingungen, die von außen, also durch die Umwelt, auf die Prozesse einwirken (Grupe & Krüger, 2007).
1.3.1 Entwicklung
Die menschliche Entwicklung ist ein ganzheitlicher Veränderungsprozess, der sich auf motorische, kognitive und psycho-soziale Merkmale bezieht. Im Unterschied zu einem engen, auf traditionellen Phasen- und Stufenmodellen beruhenden Entwicklungsverständnis, das von einer universellen und nicht umkehrbaren Entwicklungsabfolge ausgeht, hat sich spätestens mit dem Aufkommen der Entwicklungspsychologie der Lebensspanne ein weiter Entwicklungsbegriff durchgesetzt. Nach Trautner (2006) erweisen sich als kleinster gemeinsamer Nenner verschiedener Begriffsbestimmungen die Veränderung und die Zeitachse.
Zu den wesentlichen Bestimmungsmerkmalen eines weiten Entwicklungsbegriffs zählt Trautner (ebd., S. 67–68; auch Willimczik & Singer, 2009) folgende Aspekte:
• Veränderungen über die Zeit, die in einem systematischen Zusammenhang mit dem Lebensalter (Lebenslauf) stehen.
• Überdauernde, langfristige Veränderungen, im Unterschied zu kurzfristigen oder vorübergehenden Veränderungen.
• Regelhafte Veränderungen, die in qualitativen und quantitativen Veränderungen zum Ausdruck kommen (z. B. typische altersbezogene Veränderungen).
• Aber auch nicht regelhafte Veränderungen im Sinne von interindividuellen Unterschieden (zwischen verschiedenen Personen) in intraindividuellen Veränderungen (bezogen auf einzelne Personen).
Bedeutsam ist außerdem die Unterscheidung von Entwicklung als Prozess und als dessen Produkt:
»Der Begriff Entwicklung bezeichnet sowohl den Prozess fortschreitender Veränderungen, einschließlich der ihm zu Grunde liegenden Bedingungen, als auch das jeweilige Produkt dieses Prozesses zu einem bestimmten Zeitpunkt der Entwicklung. Direkt beobachtbar sind immer nur die jeweiligen Produkte des Entwicklungsprozesses. Die zu Grunde liegenden Bedingungen können nur erschlossen werden (z. B. wenn ein systematischer Zusammenhang zwischen vermuteten Entwicklungsbedingungen und Entwicklungsergebnissen besteht)« (ebd., S. 60).
Als lebenslanger Prozess bezieht sich die Entwicklung auf alle Lebensphasen vom Säuglings- bis zum späten Erwachsenenalter. Die motorische Entwicklung steht in einer engen Beziehung zu den Prozessen des Wachstums, der Reifung, des Lernens und der Sozialisation. Von Anfang an haben wir es dabei nicht mit bloßen Reifungs- und Wachstumsprozessen zu tun, sondern mit Anlagen und Potentialen, die sich in der Auseinandersetzung mit den materialen und sozio-kulturellen Gegebenheiten (Entwicklungskontexte) individuell ausbilden und zu erheblichen Unterschieden und Variationen im Entwicklungsverlauf führen.
Die verschiedenen Ansätze zur Beschreibung und Erklärung von Entwicklungsprozessen beziehen sich auf die drei Grundfragen nach dem Gegenstand (motorische, kognitive und psycho-soziale Entwicklung), dem Verlauf und der Steuerung (Person-Umwelt-Bezug) der Entwicklung. Ausgehend von dem Kriterium der Entwicklungssteuerung (Wodurch kommen Veränderungen zustande?) werden vier theoretische Grundpositionen unterschieden: reifungstheoretische, sozialisationstheoretische, konstruktivistische und interaktionale Ansätze (Baur, 1989; Montada, Lindenberger & Schneider, 2012).
Der Zusammenhang von Bewegung und Entwicklung ist für die Sportpädagogik von Bedeutung, weil die menschliche Entwicklung einen wesentlichen Anlass und Bezugspunkt für seine Erziehung darstellt (Dietrich, 1987). Bereits in den 1920er-Jahren stellte Bernfeld (1967) fest, dass Erziehung als Summe der Maßnahmen einer Gesellschaft auf die Tatsache der menschlichen Entwicklung aufzufassen ist. Die zentrale sportpädagogische Frage lautet demnach, wie sich der Mensch im Medium der Bewegung, in der aktiven Auseinandersetzung mit seiner Umwelt allgemein und in den speziellen bewegungskulturellen Ausformungen von Bewegung, Spiel und Sport entwickelt und welchen Einfluss Maßnahmen der Bewegungserziehung und -förderung dabei haben.
1.3.2 Lernen
Das Feld des Lernens ist ein in der Psychologie sehr intensiv erforschtes Gebiet, das auch ganz wesentlich in die Pädagogik Eingang gefunden hat. Im Unterschied zum Entwicklungsbegriff, der sich sowohl auf die Zu- als auch die Abnahme von Merkmalen bezieht, richtet sich Lernen immer auf einen Zuwachs. Lernen betrifft zudem, im Unterschied zu kurzfristigen Verhaltensänderungen etwa durch Ermüdung und Erschöpfung, überdauernde Verhaltensänderungen, die an die Aktivitäten der Person gebunden sind. Grupe und Krüger (2007, S. 104) definieren den Lernbegriff wie folgt:
»Lernen bezeichnet eine dauerhafte und relativ stabile Änderung der Verhaltensmöglichkeiten, des Wissens und Könnens, der Einstellungen und Gewohnheiten aufgrund von Erlebnissen und Erfahrungen oder auch durch Einsicht. Lernen ist ein aktiver Prozess, der von genetisch weitgehend festgelegten Vorgängen wie Reifung oder Altern zu unterscheiden ist.«
Mit Bezug auf den Begriff Entwicklung stellen Hannover, Zander und Wolter (2014, S. 140) fest:
»Auch Lernen ist als eine relativ überdauernde Veränderung des Organismus definiert, diese muss jedoch ausdrücklich auf Erfahrungen zurückgehen. Erfahrungen bezeichnen selbst Erlebtes oder Wahrgenommenes.«
Lernen kann also als ein Teil von Entwicklung betrachtet werden, der zu ihr beiträgt. Wenngleich im Sport das motorische Lernen eine zentrale Rolle spielt, so sind stets auch kognitive, emotionale und soziale Lernprozesse von grundlegender Bedeutung. Etwa bei der Auseinandersetzung mit Regeln und taktischem Verhalten, beim Umgang mit Gefühlen oder der Interaktion in Gruppen.
Wie in der Definition auch zum Ausdruck gebracht, ist Lernen im Sport eng mit Erfahrung, also dem unmittelbaren Wahrnehmen und Erleben von Körper und Bewegung verbunden. Dabei werden vier Typen von Erfahrungen unterschieden: leibliche, materiale, soziale und personale Erfahrungen (Grupe, 2000; Scheid & Prohl, 2017). Mit dem Lernen verbunden und dennoch abzugrenzen sind das Üben und Trainieren: Durch Übung soll bereits Gelerntes gefestigt und verbessert werden, häufig durch Wiederholung unter verschiedenen, auch erschwerten Bedingungen. Der Begriff des Trainierens bezeichnet darüber hinaus einen planmäßigen, längerfristigen Handlungsprozess zur (gezielten und kontrollierten) Einwirkung auf den Leistungszustand.
Aus der Begriffsdefinition geht ebenfalls hervor, dass sich Lernen nicht nur auf Veränderungen tatsächlich gezeigten Verhaltens, sondern stets auch perspektivisch auf Handlungsmöglichkeiten bezieht. In diesem Zusammenhang kann Lernen, verstanden als aktiver Prozess der Veränderung, von der Leistung als Ergebnis der Veränderung unterschieden werden (Eberspächer, 1987). Lernen ist zudem nicht direkt beobachtbar. Dass Lernen stattfindet bzw. stattgefunden hat, kann nur indirekt, d. h. nur über das gezeigte Verhalten bzw. konkreten Leistungen erschlossen werden.
Zur Erklärung von Lernprozessen wurden in der Psychologie eine Vielzahl von Lerntheorien entwickelt, die allerdings jeweils für sich nur einen eingeschränkten Geltungsbereich beanspruchen können. Mit Grupe und Krüger (2007) und Conzelmann, Hänsel und Höner (2013), die auch Anwendungsformen im Sport thematisieren, lassen sich drei Richtungen unterteilen:
• Reiz-Reaktions-Theorien, wobei Lernprozesse auf die Verknüpfung von äußeren Reizgebungen mit bestimmten Reaktionsweisen zurückgeführt werden. Etwa im Sinne des Signallernens (Pawlow) oder als Verstärkungslernen nach Versuch und Irrtum oder als »Lernen am Erfolg« (Thorndike, Skinner).
• Kognitive Lerntheorien, welche Lernprozesse auf komplexe kognitive Leistungen und aktive Informationsverarbeitung zurückführen. Dies betrifft bspw. das Lernen am Modell, das auf Beobachtung und Nachahmung beruht (Bandura) sowie das Lernen durch Einsicht, welches zu Neu-Organisation und Umstrukturierung führt (Köhler, Wertheimer).
• Handlungstheoretische oder interaktionale Lernmodelle (u. a. Reich). Diese Ansätze gehen von einem menschlichen Verhalten aus, das absichtsvoll, zielgerichtet und regelgeleitet erfolgt, sich in Handlungen vollzieht und durch unterschiedliche Einflussgrößen und Rückmeldungen regulierbar ist.
Viele Aspekte dieser grundlegenden Lerntheorien sind auch für das motorische Lernen von Bedeutung. Motorisches Lernen lässt sich nach Hossner, Müller und Voelcker-Rehage (2013, S. 244–254) als ein Prozess relativ überdauernder Veränderungen motorischer Kompetenzen verstehen, die auf Bewegungserfahrungen und Übungsprozessen beruhen. Lernerfolge können dabei aus der Verstärkung gelingender Bewegungsausführungen, der Verarbeitung von Informationen und Rückmeldungen sowie aus einem Transfer bereits bestehender Bewegungserfahrungen hervorgehen.
Im Kontext der Sportpädagogik ist das Lernen als Aufgabe zu verstehen, der sich Lehrende wie Lernende gleichsam stellen. Die menschliche Entwicklung und selbständige Lebensführung sind auf gezieltes Lernen angewiesen. Aufgabe von Erziehung ist es demzufolge, individuelles Lernen im Handlungsfeld Bewegung, Spiel und Sport zu ermöglichen, zum Lernen anzuregen und die Lernumgebungen didaktisch-methodisch angemessen zu gestalten.
1.3.3 Sozialisation
Der auch in der Sportpädagogik grundlegende Begriff Sozialisation bezeichnet übergreifend die sozialen Prozesse, die auf die Entwicklung des Menschen einwirken und ihn zu einer sozial handlungsfähigen Person werden lassen. Hurrelmann (2006) hebt in seinem bekannten Begriffsverständnis das Wechselspiel von gesellschaftlichen Umweltfaktoren und angebotenen Individualfaktoren hervor:
»Sozialisation bezeichnet […] den Prozess, in dessen Verlauf sich der mit einer biologischen Ausstattung versehene menschliche Organismus zu einer sozial handlungsfähigen Persönlichkeit bildet, die sich über den Lebenslauf hinweg in Auseinandersetzung mit den Lebensbedingungen weiterentwickelt. Sozialisation ist eine lebenslange Aneignung von und Auseinandersetzung mit den natürlichen Anlagen, insbesondere den körperlichen und psychischen Grundlagen, die für den Menschen die ›innere‹ Realität bilden, und der sozialen und physikalischen Umwelt, die für den Menschen die ›äußere‹ Realität bilden« (ebd., S. 15).
Die lebenslange Auseinandersetzung mit inneren und äußeren Anforderungen wird als aktiver, produktiver Prozess gesehen, weil die Verarbeitung jeweils als individuelle Anpassung vollzogen wird. In der Sozialisationsforschung wird u. a. zwischen unterschiedlichen Phasen des Sozialisationsprozesses unterschieden (Sozialisation im Kindes-, Jugend- und Erwachsenenalter).
In Anlehnung an Hurrelmanns Ansatz der produktiven Realitätsverarbeitung (Hurrelmann, 2006) sieht Heinemann (2007) das Ziel der Sozialisation in der Herstellung einer Balance zwischen vier Dimensionen:
• Normative Konformität: Die Kenntnis und Anerkennung von vorherrschenden Moralauffassungen, Werten, Normen und Symbolen.
• Ich-Identität: Die Fähigkeit, Rollenerwartungen und Anforderungen der sozialen Umwelt und die eigene Persönlichkeit mit ihren Wünschen, Vorstellungen und Erwartungen in Einklang zu bringen.
• Ich-Stärke: Die Entwicklung der Fähigkeit zu autonomem Handeln, zu reflektierter Anwendung sozialer Normen und Bewältigung sozialer Konflikte.
• Solidarität: Die Fähigkeit zur Verbindung und Integration von eigener Identität und Ich-Stärke mit sozialer Verpflichtung gegenüber den Erwartungen und Ansprüchen anderer Personen.
Für die vielschichtigen Zusammenhänge von Sport und Sozialisation lassen sich unterschiedliche Phasen unterscheiden (Heinemann, 2007; Burrmann, 2018):
Unter Vorsozialisation versteht man die positiven sozialen Einflüsse, etwa durch bewegungs- und sportinteressierte Eltern oder Geschwister, die einen Zugang zum Sport begünstigen.
Sozialisation in den Sport betrifft die konkreten sportbezogenen Aktivitäten, also die Umsetzung der in der Vorsozialisation geprägten Handlungspotenziale im Sport. Im Mittelpunkt steht die Frage, welche Impulse und Einflüsse von anderen Personen zum eigenen Sportreiben geführt haben. Neben der Familie sind weitere Sozialisationsinstanzen wie etwa die Peer-Gruppe, der Sportverein und die Schule für die aktive Zuwendung von Bedeutung und nehmen u. a. Einfluss auf die Wahl der sportlichen Aktivtäten und den Grad der Einbindung.
Sozialisation im und durch Sport ist abhängig von den konkreten Bedingungen, unter denen eine soziale Einbindung erfolgt, was wiederum von Aspekten wie der ausgeführten Sportaktivität, der organisatorischen Gestaltung und der Art der Inszenierung abhängt. Sportlichen Aktivitäten wird damit ein Sozialisationspotenzial zugeschrieben, wobei sie als sozial vorstrukturiert gelten. Die vorliegenden empirischen Befunde zu erwarteten Sozialisationseffekten sind nach Baur und Burrmann (2008) widersprüchlich: einige Studien belegen positive Zusammenhänge zwischen Sportbeteiligung und verschiedenen Persönlichkeitsmerkmalen (wie Selbst- und Körperkonzept, Kontrollüberzeugungen), sozialer Integration sowie Gesundheitsstatus und -verhalten, andere Studien hingegen berichten von keinen nennenswerten Sozialisationseffekten.
Zusammenfassend sind die drei grundlegenden Begriffe Entwicklung, Lernen und Sozialisation auf das Verhalten gerichtet und betreffen die Tatsache, dass Menschen während ihres Entwicklungsverlaufs vieles erst erlernen müssen und im gesellschaftlichen Kontext sozialisiert werden:
• Entwicklung bezeichnet sowohl den Prozess als auch das Produkt fortschreitender, lebenslanger Veränderungen, als Zu- oder Abnahme motorischer, kognitiver und psycho-sozialer Merkmale.
• Lernen trägt zur Entwicklung bei und bezeichnet einen aktiven und erfahrungsbasierten Prozess. Lernen selbst ist nicht beobachtbar. Gezeigtes Verhalten (z. B. erbrachte Leistungen) machen das Ergebnis von Lernen sichtbar.
• Sozialisation bezeichnet soziale Prozesse, die lebenslang auf die Entwicklung des Menschen einwirken, Entwicklungs- und Lernprozesse auslösen und damit die soziale Handlungsfähigkeit beeinflussen.
1.4 Sportpädagogik und Sportdidaktik
Sportpädagogik und Sportdidaktik stehen in großer Nähe zu einander. Während sich die Sportpädagogik (gr. pais agogein, das Kind/den Knaben/eine Person führen, begleiten) mit den Sinn- und Begründungsfragen bewegungs- und sportbezogenen Handelns im Kontext der Bewegungskultur befasst, beschäftigt sich die Sportdidaktik (gr. didaskein, lehren/vermitteln) mit konkreten Situationen, Phänomenen und Prozessen des Lehrens und Lernens und deren Zusammenhang. Daraus lassen sich unterschiedliche Leitfragen ableiten. So fragt die Sportpädagogik vorwiegend nach dem Wozu? und Warum? auf Ebene übergeordneter bewegungs- und sportbezogener Erziehungs- und Bildungsziele. Die Sportdidaktik befasst sich ebenfalls mit Zielsetzungen, allerdings auf Ebene konkreter Lehr-Lernprozesse mit Blick auf Unterrichts- bzw. Vermittlungsziele. Ergänzend stellt die Sportdidaktik, davon ausgehend, Fragen nach dem Was? und Wie? mit Blick auf die Auswahl von Inhalten und methodische Zugänge (Oesterhelt, et al., 2020).
Sportpädagogik und Sportdidaktik stellen entsprechend unterschiedliche Fragen im gleichen Handlungskontext, die zugleich aufeinander angewiesen sind.
»Sportpädagogische und sportdidaktische Überlegungen sind […] untrennbar miteinander verbunden, d. h. die vorgeordnete sportpädagogische Sinnfrage bildet den Ausgangspunkt didaktischer Überlegungen« (ebd., S. 393).
Diese enge Wechselbeziehung führt im fachspezifischen Sprachgebrauch auch häufig zu einer Verknüpfung beider Begriffe (z. B. »pädagogisch-didaktische Implikationen«). Sportpädagogische wie sportdidaktische Überlegungen erweisen sich dabei als relevant für alle Handlungsfelder im Kontext der Bewegungskultur bzw. der zugehörigen Institutionen in denen Vermittlungssituationen auftreten – d. h. für den Schulsport ebenso wie z. B. den Gesundheits- oder Vereinssport, den Leistungs- oder auch den Alterssport (
Kap. 12;
Kap. 15).
Das Verhältnis der beiden Fachgebiete Sportpädagogik und Sportdidaktik wird vor diesem Hintergrund in unterschiedlicher Weise konzipiert: Im Sinne Prohls (2010, S. 13–19) kann die Sportpädagogik als eine Integrationswissenschaft verstanden werden, die u. a. gegenüber der Sportdidaktik eine Beratungsleistung erbringt (
Kap. 1.1). Aus dieser Sichtweise heraus, lässt sich die Sportdidaktik als ein Teilgebiet der Sportpädagogik deuten. Die Sportpädagogik ist damit die sinngebende und beratende Instanz während die Sportdidaktik sich um die Umsetzung in der Praxis bemüht. Allerdings entwickelt sich die Sportdidaktik in den vergangenen Jahren zunehmend zu einer eigenen wissenschaftlichen bzw. empirisch forschenden Disziplin mit engen Bezügen u. a. zur empirischen Bildungsforschung oder zur Lehr-Lernforschung (Leuders, 2015; Oesterhelt et al., 2020). Angesichts dessen lassen sich Sportpädagogik und Sportdidaktik als zwei eng verknüpfte, in ihren Fragestellungen zunehmend eigenständige Schwesterdisziplinen beschreiben.
Literatur
Baur, J. (1989). Körper- und Bewegungskarrieren. Hofmann.
Baur, J. & Burrmann, U. (2008). Sozialisation zum und durch Sport. In K. Weis & R. Gugutzer (Hrsg.), Handbuch Sportsoziologie (S. 230–238). Hofmann.
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2 Genese der Sportpädagogik
Michael Krüger
2.1 Einführung
Unter Sportpädagogik wird »pädagogisches Handeln im Sport und gleichzeitig das Nachdenken über diese sportpädagogische Handlungspraxis, ihre mehr oder weniger systematische wissenschaftliche Erforschung« verstanden (Krüger, 2019, S. 20). Von diesem Verständnis von Sportpädagogik wird im Folgenden ausgegangen. Der Beitrag stützt sich auf Krüger (2019 und 2020). Dort wird im Detail auf die einzelnen hier charakterisierten Etappen (Milestones) der Entwicklung des Fachgebiets eingegangen. Der Begriff Genese bedeutet mehr, als die Geschichte der Sportpädagogik zu erzählen, sondern beinhaltet darüber hinaus das Bemühen, die Entwicklungsbedingungen und Prozesse der Herausbildung dieses Fachgebiets zu beschreiben, zu analysieren und zu erklären. Pädagogisches Handeln beinhaltet Handlungen, die sich auf die Bildung und Erziehung von Menschen, insbesondere von Kindern und Jugendlichen, beziehen, aber auch deren Unterlassung. Bildung und Erziehung ereignen sich in sozialen und kulturellen Kontexten, sei es eher unbewusst und informell, oder aber bewusst und gezielt mit der Absicht, ein bestimmtes Verhalten, Wissen, Wollen und Können zu verfolgen. Mit Sport wiederum ist in diesen pädagogischen Kontexten gemeint, dass Leibesübungen, körperlich-motorische Bewegungen, Gymnastik, Turnen, Spiel und Sport implizit oder explizit dazu verwendet werden, einen Beitrag zur Bildung und Erziehung zu leisten – sei es von Einzelpersonen oder auch von Institutionen.
Das Wort Sportpädagogik ist erst seit Ende der 1960er Jahre in Deutschland gebräuchlich, aber die Sache, für die dieser Begriff steht, das Verhältnis von Sport – in einem weiten Sinn von Leibesübungen – und Erziehung, ist im Grunde universell. Sport und Erziehung sind grundlegende Elemente menschlichen Lebens und menschlicher Kultur, insofern also anthropologische Kategorien, weil sie überall vorkommen, wo Menschen leben, obwohl sie jedoch stets auf unterschiedliche und spezifische Weise sozial, kulturell und historisch ausgeprägt sind. In verschiedenen Ländern und zu verschiedenen Zeiten gab es unterschiedliche Bezeichnungen für diesen Sachverhalt: Gymnastik, Athletik, Spiel, Leibesübungen, körperliche Erziehung oder Körpererziehung, Leibeserziehung, Bewegungserziehung. Heute ist in vielen Ländern auf der Welt der aus Deutschland und Österreich stammende Begriff der Leibeserziehung – als physical education – verbreitet, auch als Übersetzung in viele Sprachen, aber ebenso – bezogen auf den angelsächsischen Sprachraum – physical recreation and exercise, kinesiology, health education, human movement sciences, movement education. Immer ging und geht es dabei um die Frage, ob und wie Menschen in ihrer Entwicklung durch sportlich-körperliche Betätigungen und Spiele auf mehr oder weniger geplante, aber auch eher unbeabsichtigte, informelle Weise beeinflusst, gefördert oder behindert werden; und zwar sowohl in praktischer als auch theoretischer Hinsicht (
Kap. 1).
Die moderne, wissenschaftlich begründete Sportpädagogik griff zwar auf die Antike und auf andere historische Beispiele zurück, z. B. auf das mittelalterliche Ritter- und Turnierwesen, aber man kann erst seit dem 19. Jahrhundert davon sprechen, dass sich ein eigenes Wissens- und Wissenschaftsgebiet herausbildete, im Rahmen dessen nicht nur eine praktisch-methodische Ausbildung sowie Konzepte des Übens und Trainierens in einzelnen Zweigen der Leibesübungen, der Spiele und des Sports erfolgen konnten, sondern zu dem auch die Entwicklung und Diskussion von Theorien und Modellen der sportlich-körperlichen Bildung und Erziehung im Rahmen der Gesamterziehung gehört.
Der entscheidende Impuls für die Entwicklung der Sportpädagogik in Deutschland als einer wissenschaftlichen Fachdisziplin mit breitem praktischem, gesellschaftlich erwachsenem Hintergrund erfolgte im 19. Jahrhundert, und zwar im Zusammenhang mit der Ausbreitung und Entwicklung des Turnens und der Turnbewegung als einem Element nationaler Körper- und Bewegungskultur (Krüger, 1996). Was im 19. Jahrhundert in Deutschland Turnen genannt wurde, konnte in Ziel, Form und Inhalt auf vieles zurückgreifen, was bereits an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert entstanden war und in der Regel mit dem Begriff Gymnastik bezeichnet wurde – auch in Anlehnung an Formen der körperlichen Bildung und Erziehung, die von der griechischen Antike her bekannt waren und als Vorbild für eine neue, aufgeklärte Form der Erziehung angesehen wurden, in der ebenfalls Körperlichkeit und Bewegung eine wesentliche Rolle spielen sollten. Die Pädagogik der Aufklärung und namentlich die philanthropische Bewegung in Deutschland, auf die im nächsten Abschnitt eingegangen wird, stehen am Anfang dieses Prozesses in der modernen Welt.
Inhalte und Strukturen von Theorie und Praxis körperbezogener Bildung und Erziehung änderten sich im Übergang vom 19. zum 20. Jahrhundert, als mit dem Aufkommen des Sports und pädagogischer Reformbewegungen, insbesondere seit den 1920er Jahren, die Turnpädagogik und Turntheorie (die Zeitgenossen sagten auch Turnphilologie und Turnwissenschaft) modernisiert und hinsichtlich ihrer Inhalte und Formen transformiert wurden. Ein Paradigmenwechsel hin zur Sportpädagogik und Sportwissenschaft unserer Zeit erfolgte jedoch erst nach dem Zweiten Weltkrieg, ab den späten 1960er und zu Beginn der 1970er Jahre, als sich der in den 1920er Jahren begonnene Transformationsprozess fortsetzte und sich schließlich Sport als neuer Leitbegriff der Disziplin durchsetzte. Diese Phase des Übergangs von der Theorie der Leibeserziehung und Sportpädagogik zur Sportwissenschaft ist besonders dadurch gekennzeichnet, dass nun Sport als eigenständiges wissenschaftliches Fach an den Universitäten verankert werden konnte. Dieser Prozess ist in eine allgemeine gesellschaftliche Entwicklung der Verwissenschaftlichung und Pädagogisierung eingebunden (Krüger, 2018).
2.2 Die Anfänge der Sportpädagogik bei den Philanthropen
Ein weiter Begriff von Sportpädagogik beinhaltet prinzipiell alle Formen und Inhalte körperlich-motorischer Ausbildung und Erziehung zu allen Zeiten und in allen Kulturen. In der sporthistorischen und sportpädagogischen Literatur geht man jedoch in der Regel davon aus, dass mit der europäischen Aufklärung und den Philanthropen an der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert Theorien zur Gesamterziehung und Bildung des Menschen ersonnen und diskutiert wurden, zu der auch die körperliche Erziehung ihren Teil neben der geistigen und moralischen Erziehung beitragen sollte. Die Pädagogik ist so gesehen eine moderne, handlungsorientierte (Sozial-)Wissenschaft, die erst mit der Rezeption philosophischer Grundschriften der Aufklärung und des Neuhumanismus, etwa von John Locke (1632–1704), Jean-Jacques Rousseau (1712–1778) oder auch von Immanuel Kant (1724–1804), Georg Wilhelm Friedrich Hegel (1770–1831) oder Friedrich Schleiermacher (1768–1834), beginnt. Das Wirken des großen Schweizer Pädagogen Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) in Theorie und Praxis von Erziehung und Bildung und dessen Bedeutung für die Pädagogik und auch die Sportpädagogik bis in die Gegenwart ist Bestandteil dieser geistesgeschichtlichen Tradition.
Vor diesem Hintergrund werden in der wissenschaftlich-pädagogischen Literatur zur Geschichte der Leibeserziehung und des Sports die Philanthropen als Begründer und Wegbereiter einer modernen Theorie der Leibeserziehung angesehen. Sie nahmen erstmals und im Unterschied zu älteren Konzepten der Vermittlung spezieller körperlicher Fähigkeiten und Fertigkeiten die Bildung und Erziehung des Menschen insgesamt in den Blick und gingen dabei – in Anlehnung an Rousseau und auch an die Alten, wie GutsMuths formulierte, also die alten Griechen – von der Körperlichkeit und den Erfahrungen des Menschen über Körper und Bewegung aus. Die Bedeutung der Aufklärungspädagogik für die Herausbildung einer wissenschaftlichen Theorie der Gesamterziehung ist in jüngeren Arbeiten von Schmitt und Böning (2014) und Overhoff (2020) aufgegriffen und hervorgehoben worden. Aus sportpädagogischer Sicht ist die Rolle des Schnepfenthaler Pädagogen Johann Christoph Friedrich GutsMuths (1752–1839) besonders zu betonen, weil er die körperliche Erziehung, die Gymnastik, in den Mittelpunkt seiner Pädagogik stellte.
Dieser für die Geschichte der Pädagogik einschneidende Abschnitt der europäischen Geistesgeschichte wurde jedoch bereits zur Zeit des Humanismus und der Renaissance, als grundlegende Einsichten in die Notwendigkeit und Möglichkeit von Erziehung formuliert wurden, vorbereitet. Diese wiederum knüpften an die klassische, antike Philosophie an, insbesondere an die aus dem 3. Jahrhundert n. Chr. stammende Schrift von Philostrat Über Gymnastik, die als erste und einzige vollständig überlieferte trainings- oder sportpädagogische Abhandlung angesehen wird und die von dem Altertumswissenschaftler Julius Jüthner 1909 wiederentdeckt wurde. Eine Neuübersetzung legte Kai Brodersen 2015 vor (Philostratos, 2015).
Aber auch Philosophen der Renaissance wie Erasmus von Rotterdam (1469–1536), Michel de Montaigne (1533–1592) oder auch der bedeutende tschechische Pädagoge und Didaktiker Johann Amos Comenius (1592–1670) sind Beispiele für die Vorgeschichte einer modernen Pädagogik, in der die körperliche Bildung und Erziehung Berücksichtigung finden. Dieser – körperlich-motorische – Aspekt der Gesamterziehung, der in der Praxis der Erziehung seit jeher seinen Platz hatte, wurde seit dem frühen 19. Jahrhundert nun auch theoretisch reflektiert und diskutiert; unabhängig davon, dass ihm – häufig – eine geringere Wertigkeit als etwa der geistigen oder moralischen Erziehung zugeschrieben wurde.
In der pädagogischen Reformbewegung der Philanthropen um die Wende von 18. zum 19. Jahrhundert standen zum ersten Mal körperlich-motorische Aspekte der Erziehung im Vordergrund. Körperliche Bildung und Erziehung – und dazu gehörten auch und vor allem körperliche Gesundheit und das Wissen um sie – stellen aus der Sicht Christian Gotthilf Salzmanns (1744–1811), Johann Christoph Friedrich GutsMuths’ (1759–1839), des »letzten der Philanthropen« (Diesterweg), oder auch anderer philanthropischer Pädagogen die Grundlage und den Ausgangspunkt jeder Erziehung dar.
Dieses an der Körperlichkeit des Menschen und seiner Bewegungsfähigkeit ansetzende Erziehungskonzept wurde nicht nur abstrakt und theoretisch formuliert, sondern auch in der Praxis einiger Reformschulen, der sog. Philanthropine – die berühmtesten standen in Dessau und Schnepfenthal –, erprobt und von dieser Praxis ausgehend theoretisch weiterentwickelt. Das Ergebnis war eine bis dahin nicht gekannte quantitative und qualitative Ausdehnung und Differenzierung der Produktion an (sport-)pädagogischer Literatur, von Werbeschriften, Ratgebern, Handbüchern, Katechismen, Methodiken, aber auch allgemeiner philosophisch-pädagogischer Reflexionen. Die Erziehungsphilosophie der Philanthropen bezog sich, in Anknüpfung an die Ideen der Aufklärung, nicht mehr nur auf einen kleinen, elitären Personenkreis, wie dies etwa in der ritterlichen Erziehung und Ausbildung oder in der Erziehung der Höflinge, aber auch in den Meisterlehren des Mittelalters und der frühen Neuzeit der Fall gewesen war, sondern sie ging von der prinzipiellen Gleichheit und Bildsamkeit aller Menschen aus. Omnes omnia omnino – allen ist alles zu lehren – lautet der auf Comenius zurückgehende Lehrsatz der Erziehung im Sinne der Aufklärung und der Philanthropen.
2.3 Turnen als Mittel der Volks- und Nationalerziehung
Dieses theoretisch breit angelegte und auf das ganze Volk anzuwendende Erziehungskonzept wurde jedoch erst im Laufe des 19. Jahrhunderts verwirklicht. In Deutschland geschah dies letztlich durch eine nationale Wendung oder Transformation philanthropischer Erziehungsgrundsätze. GutsMuths’ wegweisendes Buch Gymnastik für die Jugend erschien im Jahr 1793. Sein Konzept einer allgemeinen Menschenerziehung durch und über Gymnastik wurde unter Friedrich Ludwig Jahn (1778–1852) und seinen Nachfolgern zum Turnen als einer Form der Nationalerziehung. Turnen sei eine Volkssache, wie Jahn in seinen beiden Hauptwerken Das Deutsche Volksthum (1810) und Die Deutsche Turnkunst (1816) ausbreitete und die Turner und Turnlehrer des 19. Jahrhunderts – getreu ihrem Turnvater – weiterverbreiteten. Körperliche Erziehung, Gymnastik und Turnen wurden nach und nach als reguläres Unterrichtsfach an den Schulen aufgenommen. Zunächst nur für Jungen an Gymnasien in den Städten, auf freiwilliger Basis und mit Zustimmung der Eltern; dann aber auch an Mädchenschulen, an Realschulen und schließlich an Volksschulen und in den Dörfern auf dem Land. Mit der Einführung der allgemeinen Schulpflicht wurde nach und nach auch ein Unterrichtsfach an den Schulen verankert; nicht in allen Ländern und Regionen in Deutschland gleichermaßen und zur selben Zeit, aber die Weichen für den Aufbau dieser für die Leibeserziehung und Sportpädagogik grundlegenden Struktur wurden bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts gestellt.
Zwei Entwicklungsprozesse gingen dabei ineinander über: Erstens die Erarbeitung einer didaktischen Theorie des Schulturnens, und zweitens der Prozess der Nationsbildung in Deutschland, in deren Verlauf Turnen zum typisch deutschen Körpererziehungsmodell in Schule und Verein gestaltet wurde (Krüger, 1996). Das Schulturnmodell von Adolf Spieß kann als struktur- und stilbildend für die Entwicklung des Schulturnens in Deutschland in Theorie und Praxis angesehen werden. Es entstand bereits in den 1840er Jahren und fand praktisch an allen Schulen Verbreitung. Zahlreiche Turnsystematiker des 19. Jahrhunderts bewegten sich in den Bahnen, die Spieß gelegt hatte, angefangen von Karl Wassmannsdorff und Carl Euler bis hin zu Konrad Koch aus Braunschweig, der das Fußballspiel in den Schulen etablierte, und Alfred Maul aus Karlsruhe, der als letzter der großen Turnsystematiker des 19. Jahrhunderts angesehen wird und der vor allem einen wesentlichen Beitrag zur Systematisierung und Verbesserung des Mädchenturnens leistete. Den Turnsystematikern kommt das Verdienst zu, das Turnen schul- und unterrichtsfähig gemacht zu haben. Dafür wurden eigens Turnlehrer in Turnlehrerbildungsanstalten ausgebildet.
Die Legitimation für Theorie und Praxis des Turnens an den Schulen lieferte jedoch die sich außerhalb der Schulen und damit staatlicher Verantwortung entwickelnde Turnbewegung, die in Vereinen organisiert war und deren Dachverband die Deutsche Turnerschaft (DT) bildete. Die DT wurde 1860 bzw. formell 1868 gegründet und war im 19. Jahrhundert die größte Organisation für Leibesübungen. Ihre Vertreter setzten sich seit den 1860er Jahren erfolgreich dafür ein, Turnen in den Schulen als reguläres Unterrichtsfach zu verankern.
Die umfangreiche Literatur, die im 19. Jahrhundert in den Turnzeitungen und dann auch in den Fachzeitschriften der Turnlehrer sowie in Form zahlreicher Bücher zur Pädagogik, Didaktik und Methodik des Schulturnens erschien, bildet den Grundstock für die Sportpädagogik in der Gegenwart. Sie wird bis heute als eine Disziplin angesehen, in der es in besonderer Weise um Theorie und Praxis der körperlichen Bildung und Erziehung an Schulen geht. Eine explizite Theorie des – systematischen – Schulturnens bildete sich schließlich in Auseinandersetzung mit anderen Körpererziehungsmodellen heraus. Dies waren in der Mitte des 19. Jahrhunderts die schwedische Gymnastik und gegen dessen Ende der englische Sport.
Die Theoretiker des Turnens, die Turnphilologen, stritten sich nicht minder heftig über diesen Gegenstandsbereich, wie es Sportwissenschaftler*innen heute tun. In diesen Diskursen ging es stets um die richtigen Wege und Methoden, um das geeignete Wissen über und für die Praxis zu erwerben. Die Turnexperten und Turntheoretiker des 19. Jahrhunderts bemühten sich auch um eine Gesamtsicht des neuen Fachgebiets sowie um theoretische, geistig-ideelle, pädagogische, politisch-gesellschaftliche, kulturelle sowie nicht zuletzt ethisch-moralische Begründungen der Leibesübungen. Das Turnen und die Turnpädagogik im 19. Jahrhundert stellten so gesehen einen qualitativen Sprung in der Verwissenschaftlichung des Gegenstandsbereichs dar.
Die zahlreichen didaktisch-methodischen Schriften und Anleitungen zum Turnen in Schule und Verein konnten nur geschrieben werden, weil auch ein öffentlicher Bedarf an Wissen und Information vorhanden war und weil sich eine Bürgerbewegung in Form der Turnvereine und der Deutschen Turnerschaft für die Verbreitung und Vertiefung dieses Wissens und seine politische Verwertung einsetzte. Unter den Schriften ist August Ravensteins Volksturnbuch (1863) besonders hervorzuheben. Es handelt sich um eine Didaktik des Vereinsturnens, wie sie später nie mehr erreicht wurde.
Gesundheit war seit jeher ein zentrales Motiv von Leibesübungen, Turnen und Gymnastik. Die Medizin, einschließlich der – medizinisch fundierten – Trainings- und Bewegungslehre, wurde später neben der Pädagogik zur zweiten Säule der modernen Sportpädagogik und Sportwissenschaft. Es ist deshalb kein Wunder, dass seit dem 19. Jahrhundert Ärzte und Mediziner neben den Pädagogen und Turnlehrern zu den wichtigsten Förderern und Repräsentanten der Turn- und Sportbewegung, der Sportpädagogik und Sportwissenschaft gehörten. Den Anfang machten so berühmte Persönlichkeiten wie Rudolf Virchow und Emile du Bois-Reymond, dann Eduard Angerstein und Ferdinand August Schmidt, Ferdinand Hueppe sowie August Bier, Chirurg und Rektor der Hochschule für Leibesübungen 1920 in Berlin.
Der Zusammenhang zwischen einer wissenschaftlichen Turnlehre oder Turnpädagogik und der Ausbildung qualifizierter, gebildeter Lehrkräfte wurde auch von den Experten für körperliche Erziehung in anderen Ländern gesehen, die sich für einen verpflichtenden Unterricht in Leibesübungen an den Schulen einsetzten. »Nun weiß jedermann, daß die Turnerei eine Wissenschaft ist, die studiert werden muß, wie jede andere Wissenschaft auch«, heißt es in einem Bericht von der Turnlehrerversammlung in Cincinnati/Ohio (USA) (Stecher, 1887, S. 17). Deshalb forderte die vor allem aus emigrierten deutschen Turnern bestehende Versammlung auch eine wissenschaftliche Ausbildung der Turnlehrkräfte an den amerikanischen Schulen. Deutsches Turnen spielte deshalb auch eine nicht unwesentliche Rolle beim Aufbau von Instituten zur Ausbildung von Turn- und Sportlehrern in den USA.
2.4 Die Reform der Turnpädagogik durch Gymnastik, Leibeserziehung, Spiel und Sport
Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert zogen alternative Modelle der Leibesübungen, insbesondere Spiel und Sport, in die Schul- und Vereinsturnhallen ein. Die historische Niederlage des Turnens gegenüber Spiel und Sport bahnte sich bereits mit den ersten Olympischen Spielen 1896 in Athen an, wo der englische Sport das präferierte Mittel olympischer Erziehung darstellte, aber nicht die systematischen Körperübungen des deutschen Turnens oder der schwedischen Gymnastik.
Der aus England stammende Sport wurde zunächst keineswegs als Erziehungsmittel verstanden und genutzt. Als Sport wurden die auf mittelalterliche, regionale Spiele und Feste zurückgehenden Vergnügungen, Wettkämpfe, Spiele und Übungen der englischen Gentleman-Klasse bezeichnet, von Ball-Games oder frühen Formen des Crickets bis hin zu verschiedenen Box-, Ring- und Prügelspielen, Wettläufen und Wettkämpfen oder auch Tierspielen und Tierjagden wie der bis heute veranstalteten Fuchsjagd. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts fanden einige Sports and Games Eingang in die Erziehung an den Public Schools. Von diesen aus verbreitete sich der Sport in alle Kreise und Schichten der Bevölkerung Großbritanniens und des ganzen Commonwealth. Sport wurde zu einem Bestandteil des britischen Lebensstils und gehörte zu einem selbstverständlichen, unentbehrlichen Element der Erziehung. Kritiker des Sports sprachen sogar von einem cult of athleticism, der an den englischen Schulen, besonders den Public Schools, betrieben worden sei. Die national orientierten und argumentierenden englischen Pädagogen und Politiker behaupteten dagegen, dass im Sport die Tugenden gelernt würden, die nötig seien, um ein Weltreich zu regieren (Holt, 1993).
Der Aufstieg Englands zur Weltmacht ließ den Sport schließlich zu einem universellen Modell von Leibesübungen werden. Er bildet den Kern der Wettkämpfe und Disziplinen bei Olympischen Spielen. Umgekehrt bekam aber auch der englische Sport erst durch die Olympischen Spiele und den Olympismus eine pädagogische Legitimation. Der internationale Sport wurde mit einer universellen pädagogischen Idee verknüpft.
Der von Pierre de Coubertin (1863–1937) begründete Olympismus war in erster Linie eine pädagogische Idee oder Philosophie (Grupe, 1997). Mit Hilfe des Sports, Coubertin sagte allerdings Athletik und meinte damit einen fair und ritterlich betriebenen Sport, sollte ein Beitrag zum Frieden und zur Solidarität unter den Menschen geleistet werden. Die Olympischen Spiele stellen bis heute das Symbol, aber auch das Bemühen um die Verwirklichung dieser pädagogischen Idee des Sports dar. Die Olympische Charta betont in ihrer Präambel ausdrücklich die pädagogischen Ziele des Olympismus.
In Deutschland erfuhr die Ablösung des turnerischen und gymnastischen Modells der Körpererziehung durch das sportliche und spielerische Modell, durch Sport und olympische Erziehung, eine Ergänzung. Die sog. Jugendbewegung sowie reformpädagogische Ideen und Bestrebungen seit der Jahrhundertwende und besonders in den 1920er Jahren erweiterten das Spektrum der Leibeserziehung (Wedemeyer-Kolwe, 2017). Spielerische Formen von Leibesübungen an der frischen Luft, Turn-, Sport- und Sommerspiele, erfahrungs- und erlebnisorientierte Initiativen und Ansätze in der Pädagogik wie die Arbeitsschul-, Kunsterziehungs- und Landschulbewegung veränderten Inhalte, Formen, Ziele und Konzepte des traditionellen systematischen Turnens. Dafür steht insbesondere der Begriff des natürlichen Turnens, der von den Österreichern Karl Gaulhofer und Margarete Streicher entwickelt, begründet und inhaltlich gefüllt wurde. Der Name war insofern Programm, als die Reform des alten Turnens freiere und natürlichere Formen und Inhalte der körperlichen Erziehung vorsah, die dem Wesen oder der Natur des Kindes eher entsprächen wie das steife Turnen.
In den 1920er Jahren setzte sich im deutschen Sprachraum zunehmend der Begriff Leibeserziehung als Bezeichnung für eine am Körper ansetzende ganzheitliche Erziehung durch. Leibesübungen und Leibeserziehung stellten auf pädagogischem Gebiet sowohl im Ausdruck als auch in ihrer Bedeutung den historischen Kompromiss zwischen Turnen und Sport in den deutschsprachigen Ländern dar. Als Leibeserziehung wurde insbesondere die körperliche und gesundheitliche Erziehung an den Schulen bezeichnet. Sie grenzte sich gegenüber außerschulischen Formen und Inhalten des Turnens und des Sports in Vereinen und in anderen Organisationen ab.
Allerdings darf nicht vergessen werden, dass in den Vereinen und Verbänden schon immer, beginnend in der Deutschen Turnerschaft, aber auch im Arbeiter-Turn- und Sportbund und schließlich auch in den Sportverbänden, die Nachwuchsarbeit systematisch und in ihrer Intensität zunehmend betrieben wurde. Dafür wurde die Ausbildung für Vorturner, Übungsleiter und Trainer nach und nach ausgebaut und verbessert. Mit diesen in den Vereinen und Verbänden seit dem 19. Jahrhundert entwickelten spezifischen Lehr- und Ausbildungskonzepten wurden pädagogische Ziele und Ansprüche verfolgt, wenn auch nicht wissenschaftlicher Art. Heute stellt das Trainings- und Ausbildungswesen der Verbände die zweite große Säule der modernen, angewandten Sportpädagogik, neben der an den Universitäten verankerten, wissenschaftlichen Sportpädagogik und Sportwissenschaft dar, die aus der Theorie der Leibeserziehung hervorging.
Eine explizite Theorie der Leibeserziehung wurde, aufbauend auf den reformpädagogischen Arbeiten der 1920er Jahre, nach dem Zweiten Weltkrieg in Österreich und der Bundesrepublik Deutschland in den 1950er und 1960er Jahren entworfen und auf breiter Grundlage diskutiert. Name und Inhalte dieser Debatte um Aufgaben, Ziele, Inhalte, Methoden und nicht zuletzt um den kulturellen Stellenwert der Leibeserziehung verbreiteten sich seitdem in aller Welt. Die 1956 in der Bundesrepublik von Sportverbänden, Bund, Ländern und Gemeinden verabschiedeten »Empfehlungen zur Förderung der Leibeserziehung an den Schulen« stehen für den in den ersten Nachkriegsjahrzehnten wieder erreichten gesellschaftlichen Konsens über Leibesübungen und Leibeserziehung an den Schulen. Leibeserziehung sollte mehr sein als ein Unterrichtsfach, sondern ein Prinzip der Erziehung im Ganzen darstellen.
2.5 Körperliche Erziehung im Nationalsozialismus und in der DDR
Ein Grund für den Paradigmenwechsel in den späten 1960er Jahren in der Bundesrepublik Deutschland sowie – mit Abstrichen – ebenso in der Schweiz und in Österreich von der Leibeserziehung zur Sportpädagogik und zum Sportunterricht lag auch darin, dass der Begriff Leibeserziehung durch seine politische Instrumentalisierung im Dritten Reich kaum noch tragbar war. Da eine grundlegende öffentliche und schließlich auch wissenschaftliche Auseinandersetzung mit dem Nationalsozialismus in der Bundesrepublik erst seit den 1960er Jahren einsetzte, erfolgte erst vergleichsweise spät, um das Jahr 1970, eine Distanzierung von dem nun in Deutschland als historisch belastet empfundenen Begriff Leibeserziehung. Grundlegend für diese Aufarbeitung der Geschichte des Sports und der körperlichen Erziehung im Nationalsozialismus wurde die 1966 von Hajo Bernett zusammengestellte und kommentierte Dokumentation der Nationalsozialistischen Leibeserziehung (Bernett, 1966; Neuauflage 2008). Von diesem Buch ausgehend entwickelte sich eine intensive Diskussion über den Umgang mit der nationalsozialistischen Vergangenheit in Turnen und Sport.
Die Nationalsozialisten übernahmen jedoch nicht nur den Begriff Leibeserziehung, sondern ergänzten ihn durch das Konzept der politischen Leibeserziehung. Mit dieser auf Alfred Baeumler und Heinz Wetzel zurückgehenden Formulierung wurde einerseits an die reformpädagogischen Impulse der Zwanzigerjahre angeknüpft, aber andererseits wurde zum Ausdruck gebracht, dass Erziehung insgesamt und besonders die körperliche Erziehung im Sinne und gemäß den Vorstellungen der nationalsozialistischen Weltanschauung erfolgen sollte. Dazu gehörte zunächst eine Aufwertung der körperlichen gegenüber der geistigen Erziehung, darüber hinaus eine Orientierung an nationalsozialistischen und rassischen, insbesondere antisemitischen Zielen sowie an der militärischen Erziehung. Dies traf für Jungen und Mädchen prinzipiell auf gleiche Weise zu, wurde aber entsprechend dem nationalsozialistischen Frauenbild differenziert und fand seinen Ausdruck in unterschiedlichen Lehrplänen für die Leibeserziehung für Jungen und Mädchen.
Die Bedeutung, die im Dritten Reich der körperlichen Erziehung und Ertüchtigung, dem Heranzüchten kerngesunder Körper, wie sich Hitler ausgedrückt hatte, beigemessen wurde, zeigt sich zum einen darin, dass die Zahl der verpflichtenden Unterrichtsstunden für Sport an den Schulen zunächst auf drei und dann auf fünf erhöht sowie an den Universitäten Pflichtsport eingeführt wurde. Zum anderen wurde eigens ein Amt K – für körperliche Erziehung – unter Leitung des Leichtathleten und SA-Funktionärs Karl Krümmel geschaffen, in dem alle Angelegenheiten in Sachen körperlicher Erziehung zentralistisch gebündelt und verordnet werden sollten.
Nach dem Ende des Dritten Reichs wurden in Ost- und Westdeutschland unterschiedliche Wege eingeschlagen. Sie wurden von der Politik der alliierten Besatzungsmächte in Deutschland vorgezeichnet. Im Jahr 1949 wurde in der Sowjetischen Besatzungszone (SBZ) die DDR gegründet und in den Westzonen die Bundesrepublik Deutschland.
Die Sportentwicklung in der DDR nahm einen ganz anderen Verlauf als in der Bundesrepublik. In der DDR wurde bewusst nicht auf bürgerliche Begriffe wie Leibeserziehung und Leibesübungen zurückgegriffen. Stattdessen verwendete man unter Bezug auf die – kommunistische – Arbeitersportbewegung sowie die Körperziehung in der Sowjetunion die Begriffe Körperkultur und Körpererziehung, als deren Ziel und Aufgabe es angesehen wurde, sozialistische Persönlichkeiten heranzubilden. Aber auch der Begriff des Turnens wurde weiterhin verwendet, insbesondere in den Schulen. Die schulische Körpererziehung war nur ein Teil eines komplexen, von Staat und Partei bestimmten und kontrollierten Systems der Körpererziehung und des Sports. Im Mittelpunkt standen der Leistungssport und die Förderung internationaler sportlicher Erfolge von DDR-Athleten, um einen Beitrag zur Anerkennung und Aufwertung der DDR als zweiter deutscher Staat zu leisten.
Grundlegend für den Aufbau und die Entwicklung der Forschung und Ausbildung auf dem Gebiet von Körperkultur und Sport in der und für die DDR war die Errichtung der Deutschen Hochschule für Körperkultur (DHfK) in Leipzig im Jahr 1950; drei Jahre, nachdem auf westdeutscher Seite in Köln die Deutsche Sporthochschule gegründet worden war. Letztere wurde von Carl Diem geleitet. Sowohl die DSHS Köln als auch die DHfK Leipzig standen in der Tradition der 1920 gegründeten Berliner Hochschule für Leibesübungen.
Von der DHfK in Leipzig aus wurde eine systematische, staatlich gelenkte wissenschaftliche Forschung in praktisch allen Zweigen des Sports, insbesondere des Leistungs- und Hochschulsports, betrieben. Tausende von Trainern und Lehrern wurden dort ausgebildet, auch aus dem Ausland bzw. aus befreundeten sozialistischen Ländern. Die DHfK und das Forschungsinstitut für Körperkultur und Sport (FKS) waren mit ein Schlüssel zum Geheimnis des Sportwunders DDR, wie seit den 1970er Jahren gesagt wurde, als die DDR mit knapp 17 Millionen Einwohnern zu einem der erfolgreichsten Sportländer der Erde aufstieg, zumindest gemessen am Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen. Außer an der DHfK erfolgte auch an den Sportinstituten der Hochschulen und Universitäten in der DDR eine Lehrer*innenausbildung im Fach Turnen, körperliche Erziehung und Sport (Spitzer, 1998).
Die Schattenseiten dieses am äußerlichen Erfolg gemessenen vorbildlichen Sport- und Sporterziehungssystems in der DDR, das auch von vielen Ländern auf der Welt nachzuahmen versucht wurde, zeigten sich jedoch erst nach dem Zusammenbruch des Sozialismus und der DDR, als bewiesen werden konnte, was viele schon früher vermutet hatten. Im DDR-Leistungssport wurde mit Hilfe von Sportwissenschaft und Medizin flächendeckend und systematisch gedopt (Berendonk, 1991).
2.6 Sportpädagogik und Sportwissenschaft in der Bundesrepublik Deutschland
Entscheidende Veränderungen in der Geschichte der Sportpädagogik und Sportwissenschaft in Westdeutschland erfolgten in der Bundesrepublik Deutschland nach 1950 und schließlich in den späten 1960er Jahren. In dieser Zeit begann in den alten Bundesländern die akademische Institutionalisierung sportpädagogischer Aktivitäten auf breiterer Basis. Die Leibeserziehung und ihre Theorie wurden zur Sportpädagogik und Sportwissenschaft. Sie war der Ursprung der Sportwissenschaft und entwickelte sich zu einem Teil der Sportwissenschaft neben anderen wissenschaftlichen Teildisziplinen.
Die nach 1945 eher skeptische Einstellung der Universitäten gegenüber der Einrichtung eigener wissenschaftlicher Fächer des Gegenstandsbereichs Leibesübungen und Sport änderte sich zu der Zeit, als sich in einigen akademischen Fachdisziplinen die Einsicht verbreitete, dass es angebracht und nützlich sein könnte, einem wachsenden gesellschaftlichen und alltagskulturellen Phänomen wie dem Sport mehr Aufmerksamkeit zu schenken. Es handelte sich dabei meistens um die erziehungswissenschaftlichen, pädagogischen oder auch philosophischen Fakultäten, wie bspw. in Tübingen, wo 1969 in der Philosophischen Fakultät und auf Initiative des Faches Pädagogik einer der ersten Lehrstühle für die Theorie der Leibeserziehung eingerichtet wurde. Umgekehrt setzte sich auf Seiten des Sports die Auffassung durch, dass wissenschaftliche Disziplinen bei der Lösung mancher Probleme des Sports hilfreich sein können. Dazu gehörten auch Fragen des systematisch angeleiteten Trainings von Athlet*innen.
Man kann die daraus resultierenden Änderungen als Verwissenschaftlichung des Sports bezeichnen, der sich mittlerweile zu einem Massenphänomen und zu einem unübersehbaren Teil kulturellen und gesellschaftlichen Lebens und damit der Alltagspraxis vieler Menschen entwickelte. Zudem standen zu der Zeit die Olympischen Spiele 1972 in München vor der Tür. Die politische Instrumentalisierung des Sports in Verbindung mit den Ost-West-Auseinandersetzungen führte dazu, dass dabei auch die Ressourcen der Sportwissenschaft genutzt werden sollten. Neben dem Leistungssport gewann der Breitensport an Bedeutung, wobei vor allem die gesundheitlichen Möglichkeiten des Sports umgesetzt werden sollten. Der Sport, seine Akteure und seine Settings wurden zunehmend als Untersuchungsgegenstand auch von zuvor eher zurückhaltenden Wissenschaften akzeptiert.
Die Vertreter*innen von Turnen und Sport in den Vereinen und Verbänden forderten den Ratschlag und die Ergebnisse der Wissenschaft oder Wissenschaften an. Sie hatten verstanden, dass eine Organisation von der Größe des Deutschen Sportbundes, in dessen Mitgliedsorganisationen rund ein Drittel der Bevölkerung organisiert sind, bei der Lösung seiner Aufgaben und Probleme der wissenschaftlichen Beratung und Unterstützung bedürfe. Sie erkannten, dass die Entwicklung im Bereich des Hochleistungssports zunehmend von der Umsetzung trainingspädagogischer und trainingswissenschaftlicher Erkenntnisse bestimmt wurde und dass wissenschaftliche Einsichten für den Breitensport und für die Prophylaxe und Rehabilitation im Gesundheitsbereich ebenso wichtig seien wie für Leibeserziehung und Sport in der Schule.
Hinzu kamen zwei Gesichtspunkte, die mit dem Sport auf den ersten Blick nichts zu tun hatten: Erstens die Veränderung der Rolle der Wissenschaft in einer verwissenschaftlichten Welt, in der Gewicht und Rolle von Alltagserfahrungen abnehmen, weil viele der zu lösenden Probleme mit ihnen nicht mehr zu bewältigen sind. Wir leben in einer Welt, so eine verbreitete Einschätzung, die mit Hilfe wissenschaftlicher Methoden planbar, oft auch voraussagbar, erklärbar und berechenbar zu sein scheint. Diese Welle der Verwissenschaftlichung erfasste auch den Sport.
Zweitens erfolgte seit den 1960er Jahren in allen Bereichen, die mit Lehre, Unterricht, Ausbildung oder Training zu tun hatten, ein Prozess der Qualifizierung und Professionalisierung. Das heißt, Erziehung und Bildung, Lehre und Unterricht auf dem Gebiet des Sports sollten möglichst von eigens dafür ausgebildeten Fachleuten getragen und mit Hilfe von Expertenwissen gestützt werden. Eine solche Professionalisierung bedeutete zugleich Verwissenschaftlichung. Das galt nicht nur für die traditionellen Ausbildungsgänge der Turn- und Sportlehrer*innen, sondern auch für die Ausbildung von Trainer*innen sowie neben- und ehrenamtlich tätige Übungsleiter*innen in den Vereinen und Verbänden des Sports.
Der 1950 gegründete Deutsche Sportbund verstand sich als Förderer von Wissenschaft, Bildung und Erziehung auf dem Gebiet der Leibesübungen und des Sports. Er forderte nicht nur die Einrichtung von Sportprofessuren an den Universitäten, sondern leitete auch eigene Initiativen zur Förderung der Sportwissenschaft ein, so bspw. den Carl-Diem-Wettbewerb 1952 zur Förderung des sportwissenschaftlichen und sportmedizinischen Nachwuchses, die Gründung des Zentralkomitees für Forschung auf dem Gebiete des Sports 1955 und seiner Kuratorien für die sportmedizinische und sportpädagogische Forschung, die Gründung einer sportwissenschaftlichen Schriftenreihe und einer eigenen sportwissenschaftlichen Zeitschrift mit dem Namen Sportwissenschaft – zusammen mit dem Ausschuss Deutscher Leibeserzieher (ADL).
Die Etablierung von Sportwissenschaft und Sportpädagogik an Universitäten in Deutschland war ein Zeichen dafür, dass die wissenschaftliche Behandlung des Sports ein gesellschaftliches Interesse und eine öffentliche Nachfrage insgesamt widerspiegelte. Nur dies rechtfertigte es letztendlich und lieferte die Gründe, dass mit erheblichem finanziellem und personellem Aufwand der Aufbau und die Entwicklung der Sportwissenschaft zu einem öffentlichen Anliegen gemacht wurden. Inzwischen war es mehr oder weniger selbstverständlich geworden, dass ein solches gesellschaftliches, politisches und kulturelles Ereignis wie der Sport – nun nicht mehr nur als Schulsport – in seinen verschiedenen Formen als Breiten- und Freizeitsport, Wettkampf- und Spitzensport, als Gesundheitssport und als besonderes Mittel der Prävention und Rehabilitation der wissenschaftlichen Bearbeitung bedarf. Mit der Bereitstellung von Mitteln für Sportförderung waren nun die sachlichen Voraussetzungen für die Entwicklung der Sportwissenschaft an den Universitäten und Hochschulen in Deutschland gegeben.
2.7 Sport, Sportwissenschaft und Sportpädagogik im vereinten Deutschland
Die massive Förderung des Sports und der Sportwissenschaft zurzeit des Kalten Krieges kennzeichnete die Entwicklung des Fachgebiets sowohl in West- als auch in Ostdeutschland. Unter den autoritären und totalitären Bedingungen des SED-Regimes erfolgten massive Investitionen, insbesondere in die Entwicklung des Hochleistungssports sowie der Trainer*innenausbildung. Das Fördermodell des Spitzensports der DDR, einschließlich seines systematischen Konzepts der Nachwuchsförderung, wurde zum Vorbild für viele Sportnationen der Welt, einschließlich der Bundesrepublik Deutschland.
Nach dem Zusammenbruch der DDR als Staat mussten (und wollten) sich die Menschen dem westlich-bundesrepublikanischen Modell von Staat, Gesellschaft und auch Sport anpassen. Die Sportstrukturen der Bundesrepublik wurden auf die neuen Bundesländer übertragen. Dies gilt für den privat betriebenen Sport, insbesondere in Vereinen und Verbänden, aber auch für den Schulsport. Im Leistungs- und Spitzensport konnte sich allerdings das DDR-Modell der massiven staatlichen Förderung im vereinten Deutschland durchsetzen.
Die großen Unterschiede der politischen Systeme zwischen der Bundesrepublik und der DDR führten im vereinten Deutschland erwartungsgemäß in allen Bereichen, auch im Sport und Schulsport, zu erheblichen Anpassungsproblemen. Lehrer*innen, Schüler*innen, Sportler*innen sowie Eltern und Kinder in den neuen Bundesländern mussten sich in ein pluralistisches, föderalistisches und nicht selten verwirrendes System der Erziehung und des Sports einfügen. Die Bildungs- und Erziehungsziele, die Lehrpläne, die Unterrichtsinhalte, die Formen und Methoden des Sports in der Schule mussten geändert werden. Die Sportlehrkräfte mussten sich nicht nur auf neue Vorgaben in den Lehrplänen einstellen, sondern auch ihren gesamten Unterrichtsstil umstellen. Nicht zuletzt ging es in der ehemaligen DDR um eine schwierige und langwierige Vergangenheitsbewältigung von 40 Jahren SED-Diktatur, zu der auch der Sport und der Schulsport und die dafür Verantwortlichen ihren Teil beigetragen haben. Dabei ist jedoch zwischen den Sportlehrkräften an den Schulen einerseits und den fachlich hochqualifizierten, an der DHfK in Leipzig ausgebildeten Trainer*innen andererseits zu unterscheiden. Diese Expert*innen und ihr Fachwissen im Leistungs- und Wettkampfsport waren nach der Wende nicht nur in Deutschland, sondern in aller Welt gefragt.
Aus fachlicher und fachdidaktischer Sicht hat die Sportmethodik in der DDR wesentliche Beiträge zur Entwicklung der Didaktik und Methodik der Sportarten und des Sportunterrichts geleistet, die nach der Wende jedoch nicht ausreichend anerkannt und für die Zukunft der Sportpädagogik und Sportdidaktik im vereinten Deutschland genutzt wurden. In der alten Bundesrepublik wurde dagegen eher die theoretische Diskussion um Sinn und Zweck der Leibeserziehung und des Sports, dessen kulturelle und gesellschaftliche Legitimation sowie empirische Analyse und Kritik gepflegt.
2.8 Resümee
Die Genese der Sportpädagogik zeigt zunächst, dass die sportlich-körperliche Erziehung immer, wenn auch jeweils in unterschiedlicher Weise, im Zusammenhang mit der geistigen und moralischen Bildung und Erziehung des Menschen stand. Darüber hinaus waren Leibesübungen und Sport stets in ihren konkreten Zielen, Formen und Inhalten von den jeweiligen politischen, sozialen und kulturellen Bedingungen mitgeprägt.
Den Sport an sich gibt es nicht, sondern ihn gibt es immer nur in Form »kultureller Objektivationen« (Bernett, 1975) oder sozialer Konstruktionen von Leibesübungen. Dasselbe gilt für Bildung und Erziehung im und durch Bewegung, Spiel und Sport. Was Sport ist und was Sporterziehung bedeutet, ist Ergebnis sozialer Prozesse und Kommunikation. Es hat sowohl Zeiten gegeben wie die frühe Turnbewegung, in denen Leibesübungen, Gymnastik und Spiele offener und weniger formalisiert erschienen, als auch Phasen wie das Wilhelminische Kaiserreich, den Nationalsozialismus und die DDR, in denen definierte Systeme von Turnen und körperlicher Erziehung die Theorie und Praxis der Leibesübungen beherrschten. Allzu starre Formen riefen jedoch in der sportpädagogischen Praxis und Theorie auch Gegenbewegungen hervor, wie dies in den 1920er Jahren der Fall war, als neue Themen, Inhalte und Formen von Gymnastik, Turnen, Spiel und Sport entstanden.
Gymnastik, Turnen, Spiel und Sport stehen in spezifischen kulturellen Kontexten und waren stets von dem beeinflusst, was Politik und Gesellschaft von ihnen forderten. Als entscheidend hat sich dabei nicht die Tatsache ihrer pädagogischen Funktionalisierung und Instrumentalisierung erwiesen, sondern deren Ausmaß und Richtung. Hinter diesem Problem der Instrumentalisierung steht die theoretische Frage, ob es eine Eigenständigkeit des Sports, also einen eigenen Sinn des Sports geben könne (Güldenpfennig, 1996), der nicht notwendigerweise ein pädagogischer Sinn ist oder sein muss.
Die Geschichte des Sports und der Leibeserziehung im Nationalsozialismus und in der DDR hat sich in Bezug auf dieses Problem der Instrumentalisierung als besonders aufschlussreich erwiesen. Leibeserziehung und Sport standen Im Dienst von Diktaturen. Ihr Sinn und ihre konkreten Formen und Inhalte entsprachen den politischen und ideologischen Zwecken der politischen Machthaber. Der NS-Staat und das totalitäre Regime in der DDR haben sich jedoch auf unterschiedliche Weise des Sports für ihre Zwecke bedient: Die Nationalsozialisten wollten mit Hilfe des Sports und der Leibeserziehung einen neuen Menschentyp, eine neue Rasse heranzüchten, mittels derer sich die Welt beherrschen lassen sollte. In der DDR wurden Körperkultur und Sport gezielt eingesetzt, um sozialistische Persönlichkeiten zu formen. Schließlich sollten internationale Erfolge im Leistungssport dazu dienen, der DDR als Staat Ansehen und Legitimität zu verleihen. Beides hat auch dazu geführt, dass der Sport weniger zum Wohl und zur Bereicherung des Lebens der Menschen dienen konnte, sondern letztlich zum Gegenteil. Dies kann im Übrigen auch in einem extrem kommerzialisierten und professionalisierten Sport der Fall sein, wenn Sport zur Last und zum Zwang wird, und nicht freiwillig und aus Freude betrieben wird.
Die bürgerliche Tradition der Leibesübungen und Leibeserziehung seit der europäischen Aufklärung und den Philanthropen in Deutschland beruht dagegen auf der Idee, durch geeignete Leibesübungen (Gymnastik, Turnen, Spiel und Sport) einen Beitrag zur Bildung und Erziehung der Menschen zu leisten. Sportpädagogik als eine Form der »Leibesemanzipation«, wie dies Hermann Lübbe (2008) nannte, reicht jedoch über die Grenzen der eigenen Leiblichkeit hinaus und zielt auf einen besseren Sport in einer besseren Welt.
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Empfehlungen zur Förderung der Leibeserziehung in den Schulen (1956), herausgegeben vom Deutschen Sportbund (12 Seiten); auch abgedruckt in Norbert Wolf (Red.) (1974). Dokumente zum Schulsport. Bemühungen des Deutschen Sportbunds 1950–1975. Hofmann.
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3 Systematik der Sportpädagogik
Detlef Kuhlmann & Günter Stibbe
3.1 Einleitung: Zur Begründung einer Systematik der Sportpädagogik
Wie lässt sich die Sportpädagogik gliedern? Wie ist die Sportpädagogik aufgebaut? Wer solche Fragen stellt, erwartet zuallererst Antworten zu einer Systematik der Sportpädagogik, die als sportwissenschaftliches Teilgebiet allgemein den Zusammenhang von Bildung und Erziehung mit der Bewegungs- und Sportkultur erforscht. Eine solche Systematik muss nach bestimmten Ordnungskriterien geformt sein, die in der Summe der Sportpädagogik ein Gesicht geben. Insofern bildet eine Systematik der Sportpädagogik einen wichtigen Teil für einen identitätsstiftenden Kern der Sportpädagogik. Dieser Aufgabe will der vorliegende Beitrag nachgehen. Eine solche Systematik gehört zweifelsfrei zu den Ausgangspunkten der Sportpädagogik. Unser Beitrag kann somit einerseits Grundlagen für das vertiefte Verständnis der Beiträge in den Folgekapiteln des Sammelbandes schaffen. Er soll aber andererseits und unabhängig davon zur Selbstvergewisserung innerhalb der Sportpädagogik beitragen sowie Anschlüsse zum Diskurs und damit zur Weiterentwicklung einer Systematik der Sportpädagogik herstellen.
Entwicklungs- und Differenzierungsprozesse des gesellschaftlichen Phänomens Sport haben spätestens seit den 1980er-Jahren auch in der Sportpädagogik zu einer Diskussion um den Gegenstandsbereich geführt, bei dem der Alleinvertretungsanspruch des Sports als disziplinärer Kern zunehmend infrage gestellt wurde (Thiele, 2018, S. 3–4). Aus diesem Grund versuchen einige Autoren mit der Bezeichnung Bewegungs- und Sportpädagogik das Gegenstandsfeld vom engen Bezug auf den institutionalisierten Sport zu lösen und umfassender im Blick auf eine sich ausdifferenzierende Bewegungspraxis darzustellen (u. a. Funke-Wieneke, 2004). Aus pragmatischen Gründen halten die Autoren dieses Beitrags am Begriff Sportpädagogik fest, weil er sich als Bezeichnung für die wissenschaftliche Teildisziplin im Gefüge der Sportwissenschaft und in Denominationen entsprechender Professuren in Deutschland mehr oder weniger fest etabliert hat. Derartigen Entwicklungsprozessen soll nachfolgend mit Bezeichnungen wie Bewegungs- und Sportkultur oder Bewegung, Spiel und Sport Rechnung getragen werden. Wenn vereinfachend von »Sport« bzw. Sportentwicklung die Rede ist, ist damit die Bewegungs- und Sportkultur im weitesten Sinne gemeint.
Der Titel unseres Beitrags lässt darauf schließen, dass (nur) eine Systematik der Sportpädagogik zur Darstellung gelangt. Dieses Ansinnen wird von den beiden Autoren jedenfalls insofern verfolgt, als wir einem pluralistischen Wissenschaftsverständnis anhängen und unterschiedliche Anhaltspunkte für eine Systematik der Sportpädagogik vergleichend zusammentragen, zumal es die Systematik ohnehin nicht gibt: Ein erster flüchtiger Blick in neuere (z. B. Güllich & Krüger, 2013; Prohl, 2010), aber auch in ältere Referenzwerke der Sportpädagogik (z. B. Grupe, 1975; Dietrich & Landau, 1990), die Hinweise zu einer Systematik vermuten lassen, legt sogar den Schluss nahe, dass die Beschäftigung mit einer ausgefeilten Systematik in der bzw. für die Sportpädagogik bislang eher zu den vernachlässigten Themenfeldern innerhalb unseres Faches gehört (hat).
Insofern erwächst daraus für unseren Beitrag das Anliegen, ein möglichst tragfähiges Fundament für eine Systematik der Sportpädagogik zu bilden. Unser Beitrag gliedert sich vor diesem Hintergrund wie folgt: Nach dieser kurzen Einleitung (3.1) folgt ein grundlegender Abschnitt, in dem es darum geht, das Aufgabenspektrum der Sportpädagogik systematisch zu erfassen (3.2). Auf dieser Grundlage werden danach systematisch Arbeitsgebiete bzw. Themenfelder der Sportpädagogik skizziert (3.3). Über die Möglichkeiten, Zugangs- und Erkenntnisweisen der Sportpädagogik systematisch zu erfassen, informieren schließlich 3.4 und 3.5. Der Beitrag schließt mit einem Ausblick auf Herausforderungen für die Sportpädagogik als Wissenschaftsdisziplin (3.6).
3.2 Zur Systematik des Aufgabenspektrums
Wozu gibt es die Sportpädagogik? Welche Aufgaben verfolgt die Sportpädagogik? Wodurch verdient sie ihre Originalität gegenüber den anderen Teildisziplinen innerhalb der Sportwissenschaft, aber auch mit Blick auf die Erziehungswissenschaft? Solche Fragen lassen erkennen, dass es hierbei auch um die Darstellung von wissenschaftlichen Leistungen geht, mit denen sich die Sportpädagogik in das Ensemble der Teildisziplinen der Sportwissenschaft einbringt und ihr besonderes Profil schärft. Eine tragfähige Arbeitsbasis für die Darstellung des Spektrums der Sportpädagogik bildet z. B. das Aufgabengerüst aus dem Lehrbuch zur Sportpädagogik von Balz und Kuhlmann (2003, S. 24). Solche Aufgaben beziehen sich prinzipiell auf die Zusammenhänge von Sport und Erziehung, und zwar in (mindestens) vierfacher Hinsicht:
• Deskription: Diese Aufgabe der Sportpädagogik soll verdeutlichen, das jeweilige Sportengagement von Menschen sowie Entwicklungen im Sport differenziert in Art und Ausmaß zu beobachten und zu beschreiben. So gesehen umfasst Deskription die Grundlage für Aufklärung in pädagogischer Perspektive.
• Reflexion: Diese Aufgabe der Sportpädagogik soll verdeutlichen, das jeweilige Sportengagement von Menschen und Entwicklungen im Sport differenzierter zu hinterfragen und zu ergründen. So gesehen können sich aus einer Reflexion neue Deutungs- und Handlungsmöglichkeiten in pädagogischer Perspektive ergeben.
• Legitimation: Diese Aufgabe der Sportpädagogik soll verdeutlichen, das jeweilige Sportengagement von Menschen und Entwicklungen im Sport differenzierter auf ihren Wert zu betrachten und zu begründen. So gesehen kann Legitimation belastbare Argumente für Initiierung, Erhalt, Pflege und Ausbau von Sportengagement und Sportförderung in pädagogischer Perspektive bieten.
• Orientierung: Diese Aufgabe der Sportpädagogik soll verdeutlichen, das jeweilige Sportengagement von Menschen und Entwicklungen im Sport differenzierter dahingehend auszulegen, in welcher Richtung und mit welchem Ansinnen Beratungs- und Unterstützungsleistungen in pädagogischer Perspektive zu empfehlen sind.
Dieses vierteilige Aufgabenspektrum ließe sich mit weiteren Überlegungen (z. B. von Grupe und Krüger, 2007; zuletzt Krüger, 2019) erweitern, wonach die Aufgabe der Sportpädagogik generell darin besteht, »Analyse und Reflexion des Sports unter pädagogischen Gesichtspunkten« (S. 76) zu betreiben.1 Solchen analytischen Zuschreibungen unterliegt ferner das Interesse, den Sport besser zu gestalten. Diese Aufgabe der Sportpädagogik lässt sich prinzipiell daran festmachen, wie mit den Mitteln des Sports die Entwicklung insbesondere junger Menschen (weiter) gefördert und wie mit Sport das Leben der Menschen insgesamt bereichert werden kann. Damit wird nicht zuletzt das humane Interesse am Sport in pädagogischer Absicht untermauert, zumal sich das humane Interesse vom technischen insofern abgrenzen lässt, als dieses primär nach den (technischen) Möglichkeiten fragt, Leistungen im Sport zu steigern.
Diese Absicht darf aber nicht darüber hinwegsehen, dass dem Sport prinzipiell die Ambivalenz-Hypothese innewohnt – am Beispiel: Regelmäßiges Sporttreiben kann die Gesundheit fördern; der Sport kann aber auch auf ganz unterschiedliche Weise (z. B. durch Dopingmissbrauch) der Gesundheit schaden. Mit Hilfe dieser Ambivalenz-Hypothese lässt sich aber das pädagogische Anliegen klarer herausstellen: Es muss im Sinne der vier o. a. Kriterien Aufgabe der Sportpädagogik sein, die förderlichen Absichten zu stärken und die hinderlichen zu schwächen.
Die Sportwissenschaft und insbesondere die Sportpädagogik darf die Erfüllung ihrer Aufgaben aber auch nicht überschätzen. Darauf hat u. a. Ommo Grupe (zuletzt 2000, S. 287–294) aufmerksam gemacht. Die (systematische) Aufgabe besteht lediglich darin, »Wissen sozusagen als Angebot zur Erklärung, zum besseren Verständnis und zur Bearbeitung von praktischen Fragen und Problemen« (ebd., S. 293) bereitzustellen. Daraus folgt auf der anderen Seite, dass es nicht darum gehen kann, explizite »Handlungsanweisungen für den Sport, also z. B. für Trainer und Sportlehrer« (ebd.) zu formulieren. Die Erkenntnisse aus der Sportpädagogik sind lediglich Angebote: »Wieweit diese dann aber wirklich umgesetzt werden, liegt außerhalb ihrer Reichweite« (ebd.). Insofern bleibt die Erfüllung der Aufgaben der Sportpädagogik immer fragil.
Bisher war in diesem Abschnitt nur von den Aufgaben der Sportpädagogik die Rede. Dabei muss immer mitgedacht werden, dass diese Aufgaben von Menschen, also in diesem Fall von Sportpädagog*innen an den Hochschulen und Universitäten wahrgenommen werden. Würde man sie danach fragen, was denn ihre beruflichen Aufgaben sind und inwiefern sie diese systematisch verfolgen, dann käme als eine Antwortmöglichkeit sicher in Frage, das alltägliche Aufgabenprofil der Profession mit dem Lehren, Forschen, Verwalten oder ähnlich grundlegend zu beschreiben. Ist das auch eine Systematik der Sportpädagogik, respektive ihrer dort handelnden Personen? Ja, weil damit die wesentlichen Tätigkeiten umfassend beschrieben sind, und nein, weil sich das Tätigkeitsspektrum auf dieser dreiteiligen Basis sicher noch viel differenzierter beschreiben ließe.
Zum Lehren gehört z. B. auch das Prüfen, zum Verwalten gehört das (Selbst-) Management. In dieser Hinsicht haben Balz und Kuhlmann (2019) vermutlich erstmals innerhalb unseres Faches versucht, die hervorstechenden beruflichen Tätigkeiten in einer feingliedrigen Systematik als Siebenkampf darzustellen. Demnach gehören dazu diese sieben Bereiche: (1.) das Lehren (z. B. Medieneinsatz in Lehrveranstaltungen), (2.) das Prüfen (z. B. Betreuung von Abschlussarbeiten), (3.) das Forschen (z. B. Formate der Antragsstellung), (4.) das Publizieren (z. B. Grundsätze guten wissenschaftlichen Arbeitens), (5.) das Beraten (z. B. Mitwirkung in außeruniversitären Gremien), (6.) das Selbstverwalten (z. B. Wahrnehmung von Leitungsfunktionen) und (7.) das Selbstmanagen (z. B. Zeitbudgetierung). Man könnte an dieser Stelle einwenden, dass solche Tätigkeiten z. B. von Sportsoziolog*innen, aber auch von Wirtschaftswissenschaftler*innen genauso wahrgenommen werden müssen, also eine systematische Äquivalenz innerhalb (und vielleicht sogar außerhalb) der Sportwissenschaft besteht. Aber es kommt hinzu: Wir als Sportpädagog*innen müssen uns dabei fragen bzw. reflektieren, wie wir in unserem beruflichen Handeln mit Sport von anderen wahrgenommen werden (wollen).
3.3 Zur Systematik der Arbeitsgebiete
Womit beschäftigt sich die Sportpädagogik? Wie lassen sich die Arbeitsgebiete der Sportpädagogik kennzeichnen? Mit solchen Fragen wird angedeutet, dass sich die Sportpädagogik auch als eine Teildisziplin innerhalb der Sportwissenschaft mit einem Anwendungsbezug versteht. Forschungsinteressen in humaner Absicht verfolgen das Ziel, neue Erkenntnisse über das jeweilige Sportengagement von Menschen und über Prozesse im Sport bereitzustellen, um damit die oben ausgewiesenen Aufgaben noch besser erfüllen zu können. Versuche, solche Aufgabengebiete nicht nur einigermaßen übersichtlich, sondern auch noch möglichst stringent und flächendeckend zu beschreiben, sind in der jüngeren Vergangenheit schon mehrfach vorgelegt worden – zuletzt und vermutlich auf den größten gemeinsamen Nenner gebracht wurden sie von Prohl (2013) und hier sogar mit ausdrücklichem Verweis auf die sich neu formierende Sportwissenschaft, die Ende der 1960er- bis Anfang der 1970er-Jahre die bis dahin bestehende Theorie der Leibeserziehung als zeithistorische Vorläuferin der Sportpädagogik abgelöst hat: »Die neu-etablierte Sportwissenschaft sollte sich einerseits gegenüber gesellschaftlichen und politischen Aspekten des Sports in Schule, Freizeit und im Leistungsbereich öffnen und dabei andererseits ein Theorie-Praxis-Verhältnis auf empirischer Grundlage entwickeln, das sich an den forschungsmethodischen Standards des kritisch-rationalistischen Wissenschaftsmodell zu orientieren hatte« (Prohl, 2013, S. 10).
Schule, Freizeit und Leistungsbereich werden hier als die drei zentralen Arbeitsgebiete ausgewiesen. Abgesehen davon, dass in diesem Begriffstrio dem Wortlaut nach von Sport nicht die Rede ist, fehlt es den Termini an semantischer Stringenz. Dennoch lassen sie sich als geeignete Basis verwenden, die Arbeitsgebiete der bzw. für die Sportpädagogik systematisch abzuleiten. Schule ist jene Institution, in der Sport als reguläres Schulfach von professionell ausgebildeten Sportlehrkräften durchgängig während der Schullaufbahn unterrichtet wird bzw. unterrichtet werden soll. Dem Schulsport verdankt die Sportwissenschaft bzw. die Sportpädagogik so gesehen wesentlich ihre akademische Legitimierung als Studienfach, und im Zuge der sich neu-etablierenden Sportwissenschaft erlangte die Sportpädagogik vor allem dadurch ihre Berechtigung. Dabei ist wesentlich in Anschlag zu bringen, dass sie »ihren Gegenstand als angewandte Wissenschaft im Spannungsfeld zwischen Werten und Tatsachen findet, also zwischen Sollens- und Seins-Aussagen vermittelt und ihre Forschungsergebnisse didaktisch anschlussfähig sind, sie also über ein reflektiertes Theorie-Praxis-Verhältnis verfügt« (Prohl 2013, S. 12). In dieser Hinsicht lassen sich nach bzw. neben dem Schulsport die beiden weiteren Bereiche Freizeit und Leistungsbereich hier ganz gut anschließen, zumal mit Freizeit all das gemeint sein kann, was im nicht-institutionellen Raum an Sport stattfindet, während im Leistungsbereich all das zur Aufführung gelangt, was mit dem Moment des Messens, Vergleichens, Wettkämpfens etc. verbunden ist.
Diese systematische Dreiteilung mit den Domänen Schule, Freizeit und Leistungsbereich lässt jedoch mit Blick auf das Phänomen Sport eine notwendige Trennschärfe vermissen. Insofern stellt sich die weitere Frage, inwieweit kleinformatige Systematiken weiterhelfen und eine Annäherung an den Sport herstellen können. Dieses Ansinnen wiederum unterliegt der Gefahr, am Ende einer systematisch konzipierten Aufzählung einen Teilbereich entweder gar nicht berücksichtigt oder wiederum Überschneidungen zugelassen zu haben. In dieser Hinsicht kann die Frage nach dem völligen Verzicht auf eine systematische Darstellung von Arbeitsgebieten in den Raum gestellt werden – anders: Das (einzig) systematische Arbeitsgebiet der Sportpädagogik bestünde dann darin, sich dem (noch nicht) bewegenden und sporttreibenden Menschen in seiner Lebensspanne (zwischen beginnendem Leben und drohendem Tod) zu widmen.
Schaut man sich (neuere) vorliegende Systematiken mit möglichen Arbeitsgebieten der Sportpädagogik unterhalb der Prohlschen Trias an, dann gehen diese in aller Regel selbst systemisch vor, in dem sie Domänen benennen, die als mögliche Arbeitsgebiete (synonym Handlungsfelder) der Sportpädagogik gelten können. Um der Gefahr der Verletzung der Vollständigkeit an Arbeitsgebieten in systematischer Absicht zu begegnen, bedient man sich oftmals insofern einer Hilfskonstruktion, als selbst in grafischen Darstellungen mit Hinweisen wie »etc.« oder »…« grundsätzlich Ergänzungen von (fehlenden und/oder zukünftig neuen) Arbeitsfeldern vorgenommen werden können (z. B. Balz & Kuhlmann, 2003, S. 27). Während z. B. Haag und Hummel (2001, S. 366–460) in ihrem Handbuch zur Sportpädagogik noch eine personalisierte Systematik nach Zielgruppen im Lebenslauf bevorzugen, identifiziert z. B. König (2013, S. 66–68) Schulsport, Breitensport und Spitzensport als wesentliche Themenfelder und Forschungsschwerpunkte. Diese drei Arbeitsgebiete bilden demnach semantisch das sportbezogene Äquivalent zu dem sport-neutralen Begriffstrio von Prohl oben.
Eine ganz andere (systematische) Betrachtungsweise ergibt sich, wenn man nicht den Sport als Ausgangspunkt nimmt, um daraus systematisch Arbeitsgebiete zu erfassen, sondern selbstreferenziell in Anschlag bringt, was denn den Arbeitsbereich Sportpädagogik ausmacht, wie er sich als etablierte universitäre Arbeitseinheit systematisch beschreiben lässt. Welches besondere Profil kann die Sportpädagogik innerhalb der Fakultäten und Institute für Sportwissenschaft an den Hochschulen für sich in Anspruch nehmen? Wo liegen Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede zu anderen Arbeitsbereichen bzw. Teildisziplinen der Sportwissenschaft? Der Frage nach dem »Kern« des Arbeitsbereichs Sportpädagogik widmet sich z. B. der neuere Band von Balz (2019), bezogen auf den speziellen Arbeitsbereich in Wuppertal, den er (gemäß Gliederung des Inhaltsverzeichnisses) mit vier (typischen?) Arbeitsgebieten profiliert: in (1.) Normative Sportpädagogik (im Sinne von Planungsdidaktik), in (2.) Empirische Sportpädagogik (im Sinne von Bildungsforschung), in (3.) (Kommunal-) Politische Sportpädagogik (im Sinne von Sportentwicklung) und in (4.) Vermittelnde Sportpädagogik (z. B. im Sinne von Lehrerbildung).
Diese Systematik korrespondiert einerseits mit den Aufgaben von Forschen und Lehren, macht aber andererseits deutlich, dass die Sportpädagogik im Gegensatz zu anderen Teildisziplinen der Sportwissenschaft zu einer »gesellschaftlich engagierten Sportpädagogik« (ebd., S. 7) reifen kann, sobald sie (eben: sportpädagogisch imprägniert) die Aufgabe wahrnimmt, »sich an konkreten Projekten zur Sportentwicklung kooperativ zu beteiligen bzw. solche selbst (vor Ort) zu initiieren« (Balz & Kuhlmann, 2015, S. 91). Das können Vorhaben »etwa zur innovativen Vereinsentwicklung, zu informellen Sportszenen, zur Dopingbekämpfung im Spitzensport oder zur inklusiven Schulsportentwicklung« (ebd., S. 91) sein (vgl. dazu auch die »Projekte aus deutschen Quartieren« von Balz & Kuhlmann, 2015). Die Beispiele aus den Arbeitsgebieten der Sportpädagogik erweisen sich als anschlussfähig sowohl für die Dreigliederung von Prohl (2013) mit Schule, Freizeit und Leistungsbereich als auch von König (2013) mit Schulsport, Breitensport und Spitzensport.
3.4 Zur Systematik der Betrachtungs- und Zugangsweisen
Wie lassen sich wissenschaftliche Betrachtungs- und Zugangsweisen in der Sportpädagogik ordnen? Welche grundlegenden Forschungsansätze können in der Sportpädagogik ausgemacht werden? Beim Blick auf vorliegende Systematisierungen zu Forschungszugängen und Betrachtungsweisen innerhalb der Sportpädagogik, fällt auf, dass es keine nach einheitlichen Systematisierungskriterien geordnete Vorstellung darüber gibt, sondern eher pragmatische Aufzählungen wissenschaftlich-disziplinorientierter Herangehensweisen im Vordergrund stehen (Meinberg 1996, S. 45). Während z. B. Meinberg (1996) zwischen einer »Histeriographie der Sportpädagogik«, »pädagogischen Theorien« des schulischen und außerschulischen Sports inklusive des Spiels und der »vergleichenden Sportpädagogik« unterscheidet (ebd., S. 45–47), greifen Grupe und Krüger (2007) auf eine Systematisierung von Schmitz (1979, S. 65) zurück, in der die Sportpädagogik nach »anwendungsorientierten« Zugängen wie Schulsport, Vereinssport, Seniorensport, Gesundheitssport usf. und »disziplinorientierten« Ausrichtungen wie historisch, systematisch, anthropologisch usf. gegliedert wird. Demgegenüber wird in neueren Überblicksbeiträgen zwischen grundlegenden wissenschaftlichen Betrachtungsweisen und Subdisziplinen der Sportpädagogik differenziert (König, 2020, S. 55–58).
So geht Prohl (2010) von drei wissenschaftlichen Zugangsweisen in der Sportpädagogik aus, die er als problemgeschichtlich, bildungstheoretisch und erziehungswissenschaftlich bezeichnet (ebd., S. 344). In der problemgeschichtlichen Betrachtungsweise der Sportpädagogik geht es darum, Ideen und Konzepte der Leibeserziehung und des Sports in der historischen Entwicklung von Gymnastik, Turnen, Spiel und Sport nachzuzeichnen, indem insbesondere die Bedeutung von Leiblichkeit und Bewegung zwischen individuellen und gesellschaftlichen Anforderungen in der Erziehung diskutiert werden (ebd.; Neuber et al., 2013, S. 407–416; ausführlich Krüger, 2019). Die bildungswissenschaftliche Perspektive der Sportpädagogik beschäftigt sich mit Fragen von Bildung und Erziehung in der Bewegungs- und Sportkultur. Sie steht in enger Verbindung mit der geisteswissenschaftlich-hermeneutischen Pädagogik und entwickelt auf einer normativen Basis Sollensvorstellungen für sportpädagogisches Handeln in verschiedenen Settings der Lebensspanne, die idealtypisch auch für Beratungsleistungen genutzt werden (Prohl, 2010, S. 18; z. B. Ruin & Stibbe, 2020). Die erziehungswissenschaftliche Sichtweise setzt sich schließlich mit empirischen Tatsachen »über die Mittel, Wege und Hindernisse« zur Realisierung von Bildungszielen in der Erziehungswirklichkeit der Bewegungs- und Sportkultur auseinander (Prohl, 2010, S. 18; Hervorhebungen i. Orig.). Diese erfahrungswissenschaftliche Forschung steht allerdings immer in einem bildungstheoretischen Kontext. Damit erweist sich die Sportpädagogik als ein sportwissenschaftliches Teilgebiet zwischen Sollen und Sein (ebd.), das sich einerseits als bildungstheoretisch-normative bzw. theoretisch-systematische Sportpädagogik und andererseits als empirisch-analytische Sportpädagogik versteht (Balz, 2009; Neuber et al., 2013, S. 428; Krüger, 2019, S. 31–33).
Die besondere Verbindung von normativen und empirisch-analytischen Zugangsweisen, die in den Horizont bildungstheoretischer Fragen nach dem Wozu und Warum eingebettet sind, kann gewiss als wesentliches Merkmal der Sportpädagogik im Vergleich zu anderen sportwissenschaftlichen Disziplinen angesehen werden. Sie zeichnet sich durch ein pädagogisch-humanes Interesse oder eine pädagogische Orientierung aus (Kurz, 2017). In diesem Zusammenhang ist es eine wichtige Aufgabe der Sportpädagogik, Erkenntnisse und praktische Implikationen kritisch im Blick auf das pädagogische Interesse zu prüfen (ebd., S. 213). Dies bedeutet, dass das Aufspüren und die Reflexion des zugrunde gelegten, meist impliziten Menschenbildes von besonderer Bedeutung ist, weil die »beiden für die Erziehungspraxis […] zentralen Kategorien der Bildungsziele und der Erziehungsmaßnahmen […] unweigerlich davon beeinflusst [werden]« (Prohl, 2010, S. 14; ähnlich Prohl, 2013, S. 13–14). So gilt es, eine »reflexive Verknüpfung« von Normativem und Empirischem zu leisten, weil sich aus empirischen Fakten keine »wünschenswerte[n] Normen« ableiten wie sich auch umgekehrt aus normativen Orientierungen keine empirischen Tatsachen folgern lassen (Balz, 2009, S. 7).
Jenseits dieser grundlegenden Forschungsparadigmen lassen sich in Anlehnung an König (2020, S. 56–58) folgende Subdisziplinen bzw. disziplinorientierte Zugangsweisen der Sportpädagogik erkennen (u. a. auch Scherler, 1992):
• Die Historische Sportpädagogik beschäftigt sich mit der Geschichte von Leibesübungen und Sport, die im Wesentlichen mit der oben dargestellten problemgeschichtlichen Perspektive der Sportpädagogik korreliert, d. h., sie unterscheidet sich von der Sportgeschichte durch ihre spezifische pädagogische Sichtweise (z. B. Krüger, 2019).
• Im Unterschied dazu geht es in der Systematischen Sportpädagogik um einen gegenwartsbezogenen Erkenntnisgewinn. Im Mittelpunkt des Interesses stehen Fragen zur wissenschafts- und erkenntnistheoretischen Ausrichtung sowie zur methodologischen Orientierung der Sportpädagogik (Scherler, 1992, S. 164).
• Ziel der Vergleichenden Sportpädagogik ist es, den Stellenwert der Bewegungs- und Sportkultur in der Erziehung über Deutschland hinaus in international vergleichender Absicht zu betrachten (z. B. Haag, 2010).
• In der Anthropologischen Sportpädagogik werden anthropologische Grundannahmen und Themen wie Körper, Bewegung, Gesundheit, Spiel und Leistung im Zusammenhang mit Bewegung, Spiel und Sport behandelt (Grupe, 1984). Hierbei geht es primär um den Menschen in seinen Bezügen zu und Entwicklungsmöglichkeiten durch Bewegung, Spiel und Sport, die immer auch gesellschaftlichen, kulturellen und sozialen Gegebenheiten und Wandlungen unterliegen (König, 2020, S. 57).
• Die Schulsport-Pädagogik befasst sich mit Bildungs- und Erziehungsfragen von Bewegung, Spiel und Sport in der Schule. Sie weist damit eine besondere Nähe zur Schulpädagogik und Sportdidaktik auf (ebd.). Während es für Lange (2014, S. 6–7) im Blick auf den Schulsport keinen Unterschied zwischen Sportpädagogik (oder Schulsport-Pädagogik) und Sportdidaktik gibt, sehen Prohl und Scheid (2017, S. 11) Sportdidaktik als »angewandte Sportpädagogik«, in der vornehmlich die Was- und Wie-Fragen, d. h. Inhalts- und Vermittlungsfragen, diskutiert werden. Demgegenüber werden Warum- und Wozu-Fragen, also Sinn- und Begründungsfragen, in analytischer Trennung primär von der Sportpädagogik geklärt (ebd.). Ungeachtet der jeweiligen Standortbestimmung stehen Sportpädagogik und Sportdidaktik in enger Beziehung zueinander, weil Ziel-, Inhalts- und Methodenfragen in einem Interdependenzzusammenhang stehen und nicht unabhängig voneinander diskutiert werden können. In diesem Sinne bezeichnen Balz und Kuhlmann (2003, S. 26) Sportdidaktik auch als »schulbezogene Sportpädagogik«. Insbesondere im Blick auf die Sportlehrer*innenbildung in Lehramtsstudiengängen wird die Sportdidaktik traditionell als zentrales Teilgebiet der Sportpädagogik bestimmt (u. a. Größing, 2003, S. 509; Prohl & Scheid, 2017, S. 11).
• Bereits die Bezeichnung Außerschulische Sportpädagogik weist darauf hin, dass die wissenschaftliche Betrachtung von Bildung und Erziehung im Handlungsfeld der Bewegungs- und Sportkultur an Orten außerhalb der Schule erfolgt. Wenngleich »die pädagogische Dimension nicht die Hauptursache des außerschulischen Sports ausmacht, öffnet sich trotz alledem dieses Handlungsfeld pädagogischen Interpretationen und Untersuchungen […]« (Meinberg, 1996, S. 47). Im Sinne eines »Sports für alle« gewinnt sie angesichts gesellschaftlicher Differenzierungen zunehmend an Bedeutung, wie z. B. Überlegungen und Studien zum Kinder- und Jugend-, Behinderten- oder Alterssport zeigen (dazu König, 2020, S. 57–58; Thiele, 2018, S. 4–6).
3.5 Zur Systematik der Erkenntnisgewinnung
Welche Formen der Erkenntnisgewinnung gibt es in der Sportpädagogik? Welche Entwicklungen lassen sich im Umgang mit Forschungsmethoden feststellen? Beschreibungen zu Formen der Erkenntnisgewinnung und zum grundlegenden Erkenntnisinteresse gehören zum Selbstverständnis einer jeden Wissenschaft. Dies ist auch deshalb von besonderer Bedeutung, weil Methoden den Untersuchungsgegenstand in bestimmter Weise vorformatieren und damit zugleich für ein spezifisches Welt- und Menschenbild stehen (u. a. Meinberg, 1993a, S. 14).
So hat die Sportpädagogik – wie auch andere Teilgebiete der Sportwissenschaft – keine eigenständigen Forschungsmethoden und -ansätze entwickelt. Sie greift vielmehr auf das vorhandene Instrumentarium wissenschaftlicher Methoden und Verfahrensweisen zurück, die in den Geistes- und Sozialwissenschaften insgesamt üblich und verbreitet sind (u. a. Balz & Kuhlmann, 2003, S. 51; Stibbe, 2017, S. 22). Gemäß der jeweiligen Denktradition lassen sich hierbei vereinfachend zwei unterschiedliche Forschungsparadigmen erkennen (König, 2020, S. 65). Im Vordergrund der theoretisch-systematischen Ausrichtung der Sportpädagogik, die an Denk- und Verfahrensweisen in der Tradition der geisteswissenschaftlich orientierten Pädagogik anknüpft, stehen hermeneutische Verfahren der Erkenntnisgewinnung. Damit werden im Sinne der Kunst des Verstehens idealtypisch Texte ausgelegt, Lehrer-Schüler-Interaktionen interpretiert oder institutionelle Strukturen offengelegt (Meinberg, 1993b; Scheid & Wegner, 2001, S. 110). Demgegenüber wird in der empirisch-analytischen Sportpädagogik, in der es um die erfahrungswissenschaftliche Beschreibung der Erziehungswirklichkeit in sportlichen Settings geht, auf das methodische Repertoire der Sozial- und Verhaltenswissenschaften rekurriert und mit quantitativen, qualitativen oder verknüpfenden Mixed-Methods-Forschungsansätzen gearbeitet (König, 2020, S. 67–68; u. a. Ansätze und Methoden in Aschebrock & Stibbe, 2017; Kuhlmann & Balz, 2005).
3.6 Ausblick: Sportpädagogik – Grenzen und Herausforderungen
Wo liegen die Grenzen der Sportpädagogik? Welche Herausforderungen ergeben sich für die Sportpädagogik als Wissenschaftsdisziplin? Kennzeichen der Sportpädagogik ist es, sich mit der pädagogischen Handlungspraxis in verschiedenen sportlichen Settings wie auch – als Wissenschaft – mit der normativen Grundlegung, Erforschung und Reflexion dieses Handelns zu beschäftigen (Krüger, 2019, S. 20; König, 2020, S. 70–72). Vor diesem Hintergrund lassen sich abschließend einige Grenzen und Herausforderungen aufzeigen, die das Selbstverständnis der Sportpädagogik im Blick auf ihr Verhältnis zur sportlichen Handlungspraxis einerseits und auf die wissenschaftliche Profilierung als Teilgebiet der Sportwissenschaft andererseits betreffen.
Wenn sich Sportpädagogik auch als Beratungswissenschaft für die sportliche Praxis versteht, ist ihre Leistung auch danach zu beurteilen, inwieweit es bislang gelungen ist, diese anspruchsvolle Aufgabe zu erfüllen (Prohl, 2010, S. 355). Blickt man in diesem Zusammenhang z. B. auf Transferleistungen der Sportpädagogik für die Schulsportpraxis, ist das Ergebnis eher ernüchternd. So hält Stibbe (2017) für die Entwicklung und Implementation von Lehrplänen fest, dass die Sportpädagogik nur selten von den dafür zuständigen Ministerien als wissenschaftliche Beratungsinstanz für curriculare Fragen herangezogen wird. Lehrplanevaluationen und wissenschaftlich fundierte Strategien zur Lehrplanentwicklung erfolgen offenbar nur in wenigen Ländern (ebd., S. 23). Ähnliches gilt auch für den Bereich des Leistungssports: Obgleich sportpädagogische Inhalte inzwischen in der Übungsleiter- und Trainerausbildung angekommen sind, bleibt zu resümieren, dass Forschungserkenntnisse und Empfehlungen meist nur dann aufgenommen werden, wenn sie »für das Erringen von Siegen« im Leistungssport hilfreich erscheinen (König, 2020, S. 72). Eine »Pädagogik des Leistungssports« (Prohl & Lange, 2004) und kritische(re-)empirische Befunde zur Nachwuchsförderung (Creutzburg & Scheid, 2014; Pallesen, 2014) erweisen sich für die Praxis wohl eher als irritierend. Allgemein bleibt es eine wesentliche Aufgabe der Sportpädagogik, sich für eine Sportentwicklung in pädagogischer Absicht einzusetzen, zumal »das humane Interesse zunehmend von sportiven, medialen und ökonomischen Interessen überlagert wird« (Balz & Kuhlmann, 2003, S. 42).
Angesichts des demographischen Wandels und daraus resultierender Implikationen für die Ausdifferenzierung der Bewegungs- und Sportkultur erweist sich die bisherige Fokussierung sportpädagogischer Forschung auf traditionelle Bereiche des Schul- und Vereinssports als revisionsbedürftig (Thiele, 2018, S. 10; ähnlich Balz & Kuhlmann, 2003, S. 43). Thiele setzt sich daher für eine »Öffnung« der Sportpädagogik ein, in der auch aktuelle Themen wie E-Sport oder Bewegungsaktivitäten im Alter behandelt werden (ebd., S. 9–10).
Trotz des hier vorgetragenen Plädoyers für eine Sportpädagogik, die sich mit Bildungs- und Erziehungsfragen beschäftigt und dabei problemgeschichtliche, theoretisch-systematische und empirisch-analytische Zugänge (sowie entsprechende reflexive Verknüpfungen) verfolgt, ist zu vermuten, dass sich der nationale und internationale Trend zur rein empirisch orientierten Bildungsforschung zunächst weiter fortsetzen wird. Dabei ist positiv zu vermerken, dass sich die Forschungsverfahren in der Sportpädagogik in Bezug auf komplexe Mixed-Methods-Designs und interpretativ-rekonstruktive Ansätze vermutlich weiter ausdifferenzieren werden. Vor allem aber sollten die Anschlüsse der deutschsprachigen Sportpädagogik an die internationale Forschung deutlich ausgebaut werden.
Sofern es der Sportpädagogik in Zukunft gelingt, sich im Rahmen der Möglichkeiten für weitere Themen, Altersgruppen und Settings zu öffnen, das Forschungsprofil weiter zu schärfen, Anschlüsse an die internationale Diskussion herzustellen und die Bedeutung sportpädagogischer Erkenntnisse für die Sportpraxis im Sinne einer gesellschaftlich notwendigen Sportentwicklung aufzuzeigen, bestehen gute Chancen, auch die Reputation als Teildisziplin innerhalb der Sportwissenschaft zu erhöhen.
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1 An dieser Stelle sei darauf hingewiesen, dass Prohl (2010) die Aufgaben der Sportpädagogik in anderer Weise ordnet. Für ihn widmet sich die Sportpädagogik der »Begründung, Orientierung, Erforschung und Beratung des Handelns« im Bereich der Bewegungs- und Sportkultur (ebd., S. 344). Diese Systematik greift allerdings keine Aspekte auf, die über die hier genannten Aufgabenbereiche hinausweisen.
II Sportpädagogische Grundlagen
4 Bildungstheoretische und anthropologische Grundlagen
Christian Gaum, Alexander Ratzmann & Sebastian Ruin
4.1 Einführung
Ausgangspunkt einer sportpädagogischen Praxis sind implizite und explizite Verständnisse vom Menschen, unterschiedliche Bildungs- und Erziehungsvorstellungen sowie Vorstellungen über Ziele dieser Praxis. Während sich das im pädagogischen Handeln aufscheinende Menschenbild oftmals implizit darin zeigt, wie Menschen in pädagogischen Kontexten miteinander interagieren, sind die Ziele zumeist explizierbar über Normvorstellungen von Sportarten, sportlichen Techniken, Gesundheitssport oder Sportunterricht. Im wissenschaftlichen Diskurs sind seit der Entstehung der Leibeserziehung, als Startpunkt sportpädagogischen und sportdidaktischen Denkens, vor allem Bildungs- und Erziehungstheorien maßgeblich daran beteiligt, wie Mensch und Sport zusammen gedacht werden können. Grundlegend basieren diese Bildungs- und Erziehungsvorstellungen auf anthropologischen Überlegungen (u. a. Grupe, 1984; Meinberg, 1984; Prohl, 2010). Um diese vielfältigen, oftmals historisch gewachsenen Implikationszusammenhänge aufzuzeigen, widmet sich dieses Kapitel den anthropologischen und bildungstheoretischen Grundlagen des Sports. Um den theoretischen Erwägungen Kontur zu verleihen, werden bei der Darstellung sportpädagogische Deutungsmuster, Implikationen und Anwendungsfelder exemplarisch eingeflochten.
4.2 Anthropologische Grundannahmen
Anthropologische Grundannahmen richten ihre Aufmerksamkeit auf die Frage nach der conditio humana, den Bedingungen des Menschseins, die als Kernfrage anthropologischer Zugänge bezeichnet werden kann. Da für die Pädagogik der Mensch als elementarer Untersuchungsgegenstand gilt (Tamboer, 2005), ist diese Frage pädagogisch bedeutsam. Pädagogischen Disziplinen ist daran gelegen, grundlegend zu bestimmen, was den Menschen in seinem Menschsein und mit Blick auf seine Entwicklung charakterisiert (ebd.). Für die Sportpädagogik ergibt sich daraus das Anliegen, »[…] Orientierungen, Begründungen und Normen zur Bestimmung und Bewertung von Zielen und Inhalten des Sporttreibens aus einem anthropologisch begründeten Verständnis des Menschen zu gewinnen« (Grupe & Krüger, 2007, S. 215).
In der deutschsprachigen Sportpädagogik ist weitgehend konsensfähig, im obigen Sinne von anthropologischen Überlegungen auszugehen und auf dieser Basis Ziele und Inhalte sportpädagogischer Angebote zu bestimmen. Schließlich könnte sie kaum auf anthropologische Einsichten verzichten, drücken sich in den für sie elementaren Begriffen wie Körper, Bewegung, Kindheit und Entwicklung doch stets Auslegungen des Menschen aus (Meinberg, 1981, S. 41). Allerdings unterscheiden sich die jeweiligen Begründungslinien in diversen sportpädagogischen Zugängen durchaus und anthropologischen Überlegungen kommt keinesfalls immer dasselbe Gewicht zu. Zudem haben sich im Zuge wissenschaftlicher Ausdifferenzierungen verschiedene Ausprägungen der Anthropologie entwickelt (u. a. Süssmuth, 1984; Tanner, 2017), womit sich auch die jeweiligen Perspektiven auf das, was den Menschen ausmacht, erheblich unterscheiden (Habermas, 1977). Entsprechend spielen auch in der Sportpädagogik unterschiedliche anthropologische Zugänge eine Rolle. Drei relevante Zugänge werden im Folgenden skizziert.
4.2.1 Leibanthropologie
Prominent verknüpft ist eine leibanthropologische Orientierung mit den Arbeiten Grupes (u. a. 1984), der eine anthropologische Begründung für die Sportpädagogik entwickelt und dabei die »Frage nach der Bedeutung der Leiblichkeit und Bewegung in der Erziehung« (Prohl, 2010, S. 73) in den Mittelpunkt seiner Studien stellt. Er entwirft in diesem Anliegen eine Theorie der Leiblichkeit, die maßgeblich auf die Phänomenologie Merleau-Pontys (u. a. 1974) und die philosophische Anthropologie Plessners (u. a. 1975) rekurriert. Dabei stellt Grupe (1984, S. 108) zunächst heraus, dass der Leib stets »Träger von Bildung und Erziehung« und damit Medium jeglicher Bildungsprozesse sei. Schließlich sei der Mensch durch seinen Leib in der Welt verankert (Merleau-Ponty, 1974) und könne somit nur mittels seines Leibes Welt erfahren. Andererseits setze erzieherisches Handeln in sportpädagogischen Zusammenhängen aber auch am Leib selbst an (Grupe, 1984, S. 108). Hier greift Grupe auf Plessners (1970; 1975) Theorie der Positionalität zurück. Diese besagt, dass der Mensch zwar zentrisch positioniert (1975, S. 237 ff.), also über seine Leiblichkeit räumlich und zeitlich an das Hier und Jetzt gebunden, aber zugleich auch exzentrisch positioniert sei (ebd., S. 288 ff.), was bedeutet, dass er seine räumlich-zeitliche Gebundenheit überwinden und in Distanz zum eigenen Körper gehen könne. Folgt man diesem Gedanken, so kommt der Mensch nie umhin, sein Leib zu sein, ihm wird aber durch die »Aneignung kulturspezifischer Techniken« (Gugutzer, 2004, S. 148) bewusst, dass er einen Körper hat und er über diesen verfügen kann:
»Mit dieser Doppelrolle muss sich jeder vom Tage seiner Geburt an abfinden. Jedes Lernen: zu greifen und die Sehdistanzen den Greifleistungen anzupassen, zu stehen, zu laufen usw. vollzieht sich auf Grund und im Rahmen dieser Doppelrolle. Der Rahmen selbst wird nie gesprengt« (Plessner, 1970, S. 43).
Von diesen Überlegungen ausgehend ergibt sich für Grupe (1984, S. 108) eine doppelte pädagogische Bedeutung des Leibes, die in der gleichzeitigen Beschäftigung mit dem Verhältnis zwischen Leib und Welt sowie dem Verhältnis zwischen Ich und Leib liegt. Ausdrücklich sind für ihn diese Verhältnisse (Ich-Leib-Welt) durch eine permanente Dynamik gekennzeichnet. In dieser unablässigen Veränderlichkeit der Beziehungen zwischen Ich, Leib und Welt schreibt Grupe (1982) nun dem Leib eine vermittelnde Rolle zu, die in der menschlichen Bewegung besonders deutlich werde. Diese »›Ordnung‹ des Leibverhältnisses« (ebd., S. 111) dürfe die Pädagogik nicht auslassen, was für ihn ein wesentliches Argument für die Existenz einer Sportpädagogik ist.
Die hier skizzierten Arbeiten Grupes sind grundlegend für die Werke zahlreicher Sportpädagog*innen (z. B. Ehni, 1977; Kurz, 1990; Grupe & Krüger, 2007; Funke-Wieneke, 2010; Prohl, 2010). Darüber hinaus finden sich ähnliche anthropologische Argumentationsmuster, die von den Bezügen zwischen Ich, Leib und Welt ausgehen – wenngleich in mitunter etwas anderen Nuancierungen – etwa in den Arbeiten von Meinberg (u. a. 1984), Thiele (u. a. 1990), Bietz (2005) und Giese (2008).
4.2.2 Kultur- und Sozialanthropologie
Die Kultur- und Sozialanthropologie versteht den Menschen als ein auf Gemeinschaft ausgelegtes, durch Kultur hervorgebrachtes und auf Kultur verwiesenes Wesen. Dies hat vor allem in Ansätzen ästhetischer Erziehung bzw. Bildung (u. a. Beckers, 1985; Franke, 2003; Klinge, 2014) erhebliche Relevanz. In einem solchen Verständnis ist bspw. Beckers (1985) in seiner Konzeption ästhetischer Erziehung daran gelegen, kulturell tradierte Dichotomien, wie jene von Sinnlichkeit und Verstand oder von Individuum und Gemeinschaft, zu überwinden. Anstelle von Gegensätzen (wie z. B. Fühlen versus Denken) sollen die sich hier offenbarenden Spannungsfelder produktiv als anthropologische Einheit begriffen werden, denn »[…] eine antagonistische Entgegenstellung von Seele und Geist, Körper und Verstand bedeutet bereits die Entfremdung des Menschen von seinem anthropologisch begründeten Vermögen« (ebd., S. 40). Ausgehend von kulturkritischen Überlegungen Rousseaus macht Beckers (1985) deutlich, dass der Mensch zwar in das jeweils bestehende soziale Leben – das sich zumeist in Gestalt von Kultur äußert – eingeführt werden müsse, aber ebenso die subjektiven Perspektiven zum Tragen kommen müssen. Es geht also gleichsam um ein Erziehen »zum sozialen und zum individuellen Menschen« (ebd., S. 26). Daher betont er u. a. mit Blick auf die Sportpädagogik das Anliegen, erfahrbar zu machen, wie kulturelle Produktion von gesellschaftlichen Strukturen abhängt. Nur so könne die »utopische Funktion der Erziehung« zum Tragen kommen (ebd., S. 30) und damit gesellschaftliche Veränderung – was auch eine Veränderung des Kulturguts Sport bedeutet – ermöglicht werden. Schulischer Sportunterricht solle Schüler*innen unter diesen Voraussetzungen die »Vergesellschaftung des Körpers« verdeutlichen, seien sie doch auf Gemeinschaft ausgelegte Wesen, deren individuelle Körperlichkeit mit den gegebenen sozialen Strukturen verflochten ist und diese zugleich erzeugt (ebd. S. 32 ff.).
Ähnlich verfolgt u. a. auch Franke (2003) aus einer kulturanthropologischen Perspektive das Anliegen, die traditionelle Differenzierung zwischen objektivem Denken und subjektivem Fühlen zu überwinden. Dies wird in Abschnitt 4.3 noch weiter ausgeführt.
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